Read: 1985 Apr16, Gleichwertigekeit von Mann und Frau


Gleichwertigkeit von Mann und Frau*
Erklärung der Internationalen Bahá’í-Gemeinde bei der 1985-Sitzungsperiode des Verwaltungsrates des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen
Die Rückschaustudie auf die Grundsatzpolitik zur UNICEF-Reaktion auf Frauenfragen (E/ICEF/1985/L.1), die vom UNICEF-Verwaltungsrat während seiner Sitzungsperiode von 1985 eingehend beraten wurde, legt großen Nachdruck auf ein von der Internationalen Bahá’í-Gemeinde als sehr wichtig erachtetes Thema, und zwar die Erziehung und allgemeine Förderung der Frauen. Die Bahá’í glauben an das Prinzip der Gleichberechtigung von Mann und Frau und praktizieren es seit über hundert Jahren, was weltweit in den Bahá’í-Gemeinden deutlich erkennbar ist. Diese Überzeugung legt besonderes Gewicht auf die so lange vernachlässigte Bildung für Frauen.
Obwohl die Bahá’í die allgemeine Schulpflicht und den gleichen Bildungslehrplan für beide Geschlechter befürworten, setzen sie sich dafür ein, daß die Mädchenbildung Vorrang bekommt, eine Schwerpunktverlagerung, die bereits weitreichende Ergebnisse aufweist. Der Umfang der sowohl von einzelnen Bahá’í wie von örtlichen und nationalen Bahá’í-Gemeinden angegangenen Frauenprobleme ist beträchtlich. Landschulen, Alphabetisierungsprogramme, Konferenzen und Seminare waren z.B. durchweg auf die unmittelbare Notlage der Frauen sowie auf weitreichende Umgestaltungsmethoden konzentriert, um die Frauen in das Fahrwasser gesellschaftsbezogener Arbeit hineinzubringen.
Zwar unterstützt die Internationale Bahá’í-Gemeinde Sozialprogramme zur Förderung der Frauen, aber unsere Erfahrung hat gezeigt, daß für den Fortschritt der Frauen die Erziehung beider Geschlechter wichtig ist. Programme, die versäumen, die Männer in der Gleichberechtigung der Geschlechter zu erziehen, so daß sie dieses gerechte Prinzip annehmen, müssen scheitern, weil die Familie die Grundeinheit der Gesellschaft ist und ein gesundes Familienverhältnis den verantwortungsbewußten Beitrag von Männern und Frauen gleichermaßen verlangt. In allen Fällen, in denen Familienstruktur und -einfluß schwach sind, vervielfachen sich die Probleme der Familienmitglieder, insbesondere der Kinder. Bei den Bemühungen um die Stärkung der Familie nehmen die Bahá’í neue Verpflichtungen auf sich, und zwar die Treue beider Partner in der Ehe und ein höheres Maß an Verantwortung sowohl beider Partner als auch der gesamten Gemeinschaft für die Erziehung und das Wohlergehen der Kinder. Diese sich in den Bahá’í-Gemeinden ändernden Strukturen können auch bei Menschen und Völkern festgestellt werden, bei denen traditionelle Einstellung und Volksverhalten solchen Werten besonders feindlich gegenüberstehen. Bahá’í-Männer unterstützen die Bildung und Förderung der Frauen und übernehmen immer mehr Verantwortung in ihrem Verhältnis zur Familie. Frauen übernehmen ihrerseits zunehmend Tätigkeiten außerhalb des Hauses und beginnen, sich durch intellektuelle und wissenschaftliche Leistungen auszuzeichnen. Sie nehmen sowohl in Familienangelegenheiten als auch bei örtlichen, nationalen und internationalen Gemeindeaktivitäten an Beratung und Entscheidung teil.
Die in der Rückschaustudie auf die Grundsatzpolitik erwähnte wichtige Aufgabe, bei der die Einstellung zum Mitmachen zu entwickeln ist, geht zurück »auf die Grunddienstestrategie, die besonderen Wert darauf legt, daß die Gemeinden sich am Definieren und Lösen ihrer lokalen Probleme beteiligen.« Die Internationale Bahá’í-Gemeinde stimmt diesem »kieloben«-Versuch, der den Akzent auf Selbst- und Kollektivvertrauen legt, voll und ganz zu. Die erfolgreichste Entwicklung erwächst unserer Meinung nach daraus, daß die materiellen, intellektuellen und geistigen Möglichkeiten des Menschen erkannt und die einzigartigen Begabungen und Fertigkeiten jedes einzelnen genutzt werden.
Das administrative System, das die Bahá’í für recht erfolgreich halten und das jetzt in über 140 Ländern und in vielerlei Kulturbereichen bei über 2 000 ethnischen Gruppen funktioniert, schafft die Bedingungen für das stetig zunehmende Verstehen und Anwenden dieser Entwicklungsgrundsätze. Es ermutigt von den kleinsten Gemeinden an aufwärts zur universellen Teilnahme an Beratung und Entscheidung. Ein wichtiger Faktor dieses Systems ist das Wahlverfahren mit geheimen Stimmzetteln ohne die übliche Kandidatenaufstellung und Wahlpropaganda. Die Mitglieder der örtlichen Gemeinden wählen in freier Wahl die Männer und Frauen, die nach ihrer Meinung am ehesten fähig nach ihrer Meinung am ehesten fähig sind, zu einer ganzen Reihe menschlicher Belange Entscheidungen zu treffen. Der gewählte administrative Rat berät regelmäßig mit allen Mitgliedern der ganzen Gemeinde und profitiert dabei von der Mannigfaltigkeit unterschiedlicher Meinungen, die zwangsläufig in jedem Falle vorhanden sind. Sobald die Beschlüsse des Rates einstimmig oder mit Stimmenmehrheit gefaßt sind, ist jedes Gemeindemitglied verpflichtet, sie zu billigen. Auf diese Weise wird die vereinte Unterstützung durch die Gemeinde als ganzes sichergestellt. Dieser ineinandermündende Beschlußfassungsprozeß beseitigt das Übel politischer Vetternwirtschaft, die Aktionspläne zu untergraben sucht, und verhindert den Einfluß politischer Interessengruppen, die bestimmte Ziele verfolgen. Die Internationale Bahá’í-Gemeinde ist überzeugt, daß ein solches System sehr geeignet ist, die Erziehung und Entfaltung aller Teilnehmer zu fördern, da es Einfluß nimmt auf das Verhalten des Einzelnen, dessen Beitrag wiederum das Blickfeld der Gruppe erweitert. Dieser »kieloben«-Versuch sorgt vor allem für Entwicklungswachstum, wobei auf jeder Entwicklungsstufe die Eintracht bewahrt bleibt.
Es ist unserer Meinung nach auch dringend erforderlich, daß die Erziehung zur Entwicklung die Ermutigung zu kooperativen Schritten enthält und nicht zu einem Wettbewerbsverhalten, das den einzelnen oft dazu verleitet, über andere herrschen zu wollen oder sie für seinen eigenen Vorteil auszunützen. Wir Bahá’í glauben, daß Verhaltensweisen, die den hemmungslosen Materialismus fördern, zu einem Wettkampf um materiellen Gewinn geführt haben, der die wirtschaftlichen und sozialen Probleme verbitterter werden ließ. Kooperatives Verhalten und Achtung vor den anderen Familienmitgliedern werden als Ermutigung zur Verwirklichung der Rechte jedes einzelnen betrachtet. Die Achtung vor Kindern und Frauen wird in den Familien steigen, in denen die Sorge um das materielle Wohlergehen an sittliche und geistige Werte gebunden ist. Wir möchten die Vermutung riskieren, daß, wenn erste kooperative Schritte, aus denen die Wertschätzung für die potentielle Verwirklichung der in jedem Menschen ruhenden besten Fähigkeiten resultiert, von der Familie auf den Staat und die Welt erweitert werden, diese sich auf den Abbau und das schließliche Ausmerzen der auf Rasse, Klasse, Nationalität und Geschlecht bezogenen Vorurteile, die Wachstum und Entwicklung ernstlich behindern, vielversprechend auswirken werden.
Die sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Menschheit können nur überüberwunden werden, wenn die Menschen lernen, die Rechte anderer zu achten, die Verantwortung für gute Charakterbildung zu übernehmen und sich im Geiste des Dienens den Interessen der gesamten Menschheit zu widmen. Das Verständnis für die Entwicklung wird unserer Meinung nach wachsen, wenn wir alle die gegenseitige Abhängigkeit und organische Einheit der Menschheit immer mehr erkennen.
Die Internationale Bahá’í-Gemeinde schätzt ihre wachsende Zusammenarbeit mit UNICEF in deren Geschäftsstellen wie im Außendienst sehr und hofft auf weitere Gelegenheiten zur Mithilfe beim Aufbau einer besseren Welt für alle Völker.
* BIC-Dokument 85-0416: Women's Concerns



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