Read: Integration als Chance


Eine Erklärung zum 75-jährigen Jubiläum der Gründung des Nationalen Geis-
tigen Rates der Bahá'í in Deutschland

Alle Welt spricht von der Globalisierung. Manchmal mag es scheinen, als gehe dieser
Prozeß nicht uns alle an, sondern nur einige wenige Politiker, Geschäftsleute und Wis-
senschaftler. Aber hier und da spürt jeder von uns in seinem täglichen Leben, daß die
Erde allmählich auf die Dimensionen eines "globalen Dorfes" zusammengeschrumpft ist.
Telefon und Internet ermöglichen eine sekundenschnelle Kommunikation über tausende
von Kilometern hinweg, die entlegensten Winkel der Erde sind mit modernen Verkehrs-
mitteln innerhalb weniger Stunden zu erreichen, und immer häufiger kommt es zu Be-
gegnungen zwischen Völkern, Religionen und Kulturen, die sich bisher völlig fremd wa-
ren.

Durch Kriege und Bürgerkriege, wegen unerträglicher Verletzungen von Menschenrech-
ten, und vor allem aufgrund immer größer werdender Armut sehen sich viele Menschen
gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und in anderen Ländern eine neue Existenz zu
suchen. Solche Wanderungsbewegungen hat es auch früher gegeben, aber sie haben in
den letzten Jahren weltweite Ausmaße erreicht. Da hilft es nichts, sich abschotten zu
wollen: so lange die bestehenden Ungleichgewichte nicht in einer gerechten Weltwirt-
schaftsordnung überwunden werden, wird der Zustrom von Flüchtlingen und Notleiden-
den in die verhältnismäßig reichen Länder anhalten.
Dieses Problemfeld ist eines unter vielen anderen, denen sich die Menschheit auf dem
Weg ins 21. Jahrhundert gegenübersieht. Wir haben es hier herausgegriffen, da an ihm
deutlich wird, daß jeder Einzelne etwas tun kann, um gesellschaftliche Prozesse mitzu-
gestalten. Dabei verkennen wir nicht, daß in manchen Bereichen zunächst lang etablierte
Strukturen verändert werden müssen, bevor wirkliche Problemlösungen möglich werden.
Im vorliegenden Zusammenhang scheint es uns jedoch vor allem darauf anzukommen,
die geistigen Prinzipien herauszuarbeiten, die Leitlinie eines veränderten Umgangs mit
der gegenwärtigen Situation sein können.

Die Bahá'í sind eine weltweite Gemeinschaft von 5 - 6 Millionen Menschen in über 190
Ländern dieser Erde; sie entstammen über 2000 verschiedenen ethnischen Gruppen und
ihre Literatur ist in mehr als 802 Sprachen übersetzt. Sie bilden in vieler Hinsicht einen
Querschnitt der ganzen Menschheit. Auch in der deutschen Bahá'í-Gemeinde, die seit
1904 besteht und deren Leitungsgremium, der Nationale Geistige Rat, vor 75 Jahren ge-
gründet wurde, sind rund 70 Nationalitäten vertreten. Wenn unsere Erfahrungen, die wir
im Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft inzwischen gemacht ha-
ben, für die Allgemeinheit von Nutzen sein sollten, so bieten wir sie gerne zur näheren
Analyse an.

Grundlage dessen, was wir im Folgenden zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskus-
sion um das Thema Integration beitragen möchten, sind die Aussagen Bahá'u'lláhs, des
Stifters der Bahá'í-Religion. Die Bahá'í sind der Überzeugung, daß Gott sich durch Ihn
erneut der Menschheit offenbart hat, wie er es zuvor durch Moses, Zarathustra, Buddha,
Christus und Muhammad tat. Dennoch glauben wir, daß jeder Mensch, unabhängig von
seiner sonstigen religiösen oder weltanschaulichen Orientierung, sich von diesen Ge-
danken angesprochen fühlen kann.

"Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bür-
ger."1

So wie wir in Deutschland nur noch scherzhaft Gegensätze zwischen Bayern und Preu-
ßen benennen, wie wir allmählich die Teilung von Ost und West überwinden, wie wir im-
mer mehr auch in eine europäische Identität hineinfinden, so werden wir durch die welt-
weite Vernetzung bald dazu kommen, uns als Weltbürger zu fühlen. Das Beharren auf
nationalstaatlicher Souveränität ist ein gefährlicher Anachronismus, denn nicht nur die
oben angesprochenen weltweiten Wanderungsbewegungen, sondern viele andere Prob-
leme im Bereich Umweltschutz, Friedenssicherung, Verbrechensbekämpfung und Ge-
sundheitsfürsorge haben inzwischen globale Ausmaße angenommen. Wir sind allerdings
überzeugt, daß sich die Vision einer geeinten Menschheit nicht lediglich aus Sachzwän-
gen ergibt; für uns ist eine friedliche, gerechte und zukunftsoffene Weltgesellschaft der
gottgewollte nächste Schritt in der Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten.

"Wenn du auf Gerechtigkeit siehst, dann wähle für deinen Nächs-
ten, was du für dich selbst wählst."2

Diese Leitlinie für den täglichen Umgang mit den Mitmenschen findet sich in allen Kultu-
ren und Religionen der Welt. In Deutschland wird sie meist so ausgedrückt: "Was du
nicht willst, daß man dir tu', das füg' auch keinem andren zu." Das Problem ihrer Anwen-
dung besteht darin, daß wir nicht ohne weiteres bereit sind, jeden Menschen unabhängig
von seiner Herkunft als Nächsten zu akzeptieren. Das gilt nicht nur für die Deutschen, die
im eigenen Land immer häufiger Ghanaern, Vietnamesen, Tamilen, Bolivianern, Türken
und Polen begegnen, sondern auch für diese Letzteren, deren Erfahrungshorizont ja
meist genau so auf ihre jeweilige Heimat beschränkt ist. Wir alle müssen lernen, daß je-
der Bürger dieser einen Erde unser Nächster ist, dem wir nicht zumuten sollten, was wir
selbst nicht zugemutet haben möchten.

"Mit Hilfe der Gerechtigkeit wirst Du mit eigenen Augen sehen,
nicht mit denen anderer."3

Eine der ersten Erwartungen, die wir (meist unbewußt) an andere stellen, ist die der Vor-
urteilslosigkeit. Jeder von uns möchte als Mensch wahrgenommen werden, nicht ledig-
lich als Mitglied irgendeiner bestimmten Gruppe, eines Volkes oder einer Religionsge-
meinschaft. Wenn uns aber jemand beurteilt, ohne uns wirklich kennengelernt zu haben,
empfinden wir das als ungerecht. Das dürfte für denjenigen, der aus einer anderen Welt-
gegend nach Deutschland kommt, nicht anders sein als für den Einheimischen. Es gilt
also, vorgefaßte Meinungen beiseite zu legen, sich nicht auf das Hörensagen zu verlas-
sen, selbst Kontakt zu suchen, das persönliche Schicksal des anderen in Erfahrung zu
bringen, seine Lebensweise aus dem ihm eigenen Blickwinkel zu sehen.

"Betrachtet einander nicht als Fremde. Ihr seid die Früchte eines
Baumes und die Blätter eines Zweiges."4

Wer sich mit anderen Ländern, anderen Völkern, Religionen und Kulturen vertraut macht,
wird bald feststellen, daß es trotz aller Verschiedenheit auch eine Menge Gemeinsamkei-
ten gibt. Was gut und böse ist, definiert der Christ nicht sehr viel anders als der Hindu,
der Jude nicht wesentlich anders als der Muslim, der Bahá'í nicht wesentlich anders als
der Buddhist. Auch die "Goldene Regel", von der bereits die Rede war, gehört ja eben
zum gemeinsamen Erbe der Menschheit. Es sind also wohl die weniger wichtigen Dinge,
in denen wir uns unterscheiden: Traditionen, Rituale, Konventionen. Wir dürfen uns von
ihnen nicht den Blick auf das Wesentliche verstellen lassen.

"Die Verschiedenheit der menschlichen Familie sollte die Ursa-
che für Liebe und Eintracht sein, wie in der Musik, wo viele No-
ten zusammenklingen, um einen vollendeten Akkord hervorzu-
bringen."5

Natürlich spielt die je eigene Lebensweise der Menschen im Alltag eine große Rolle. Ist
man sich aber bewußt, daß in den grundlegenden Fragen weitgehende Übereinstim-
mung besteht, so kann man die Vielfalt als etwas sehr Erfreuliches und Bereicherndes
akzeptieren. Einheit zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft hat deshalb nichts
mit Identitätsverlust zu tun. Jeder soll, solange die Rechte anderer nicht verletzt werden,
seinen Traditionen und Konventionen entsprechend leben können. Daraus ein harmoni-
sches Miteinander werden zu lassen, erfordert gegenseitige Achtung und Lernbereit-
schaft. Auch hier sind wieder beide Seiten angesprochen, die Deutschen ebenso wie
diejenigen, die in diesem Land zunächst fremd sind.

"Seid freundlich zu den Fremden, helft ihnen, sich daheim zu füh-
len, fragt, ob ihr ihnen nicht irgendeinen Dienst erweisen könnt,
und versucht, ihr Leben ein wenig glücklicher zu gestalten."6

Selbst dort, wo die sprachliche Kommunikation nicht recht funktionieren mag, sollte man
Höflichkeit und Gastfreundschaft nicht außer Acht lassen. Ein Blick, eine Geste, ein Lä-
cheln können dem anderen zeigen, daß man ihn vor allem als Menschen sieht, nicht als
Problemfall. Ein Tourist erwartet in fernen Ländern ganz selbstverständlich, freundlich
behandelt zu werden. Warum sollte gleiches nicht für jemanden gelten, der aufgrund von
Krieg, Verfolgung oder Armut seine Heimat verlassen mußte? Hier mit zweierlei Maß zu
messen wäre zynisch und menschenunwürdig. Der friedliche Austausch der Menschen
über Grenzen hinweg ist einer der wichtigsten Antriebe jeglicher Kulturentwicklung. Auch
auf der persönlichen Ebene ist es für immer mehr Menschen eine bereichernde Erfah-
rung, die Wahrnehmungsweise anderer Kulturen kennenzulernen zu haben. Uns an ihrer
Gastfreundschaft ein Beispiel zu nehmen, wird einer der erfolgreichen Wege sein, das
soziale Klima in unserer Gesellschaft nachhaltig zu verbessern.

"Der ist wirklich ein Mensch, der sich heute in den Dienst der
ganzen Menschheit stellt."7

Den rechten Umgang mit dem Nächsten zu erlernen und zu pflegen, ist eine Herausfor-
derung, der sich viele Menschen stellen. An der Verbesserung der Verhältnisse in der
Welt mitzuwirken, sehen nur wenige als ihre Lebensaufgabe an. Dabei gibt es viele Mög-
lichkeiten, sich zu engagieren. Bürgerinitiativen, Eine-Welt-Läden, Interreligiöse Arbeits-
kreise, Runde Tische bieten Gelegenheit, je nach Interesse und verfügbaren Kräften ei-
nen kleinen Beitrag dazu zu leisten, daß die Menschheit aus ihrer gegenwärtigen Lage
herausfindet. Die Gestaltung der Zukunft ist eine zu wichtige Angelegenheit, als daß man
sie den politischen Instanzen allein überlassen sollte. Erst durch einen breiten gesell-
schaftlichen Dialog, durch gemeinsame Beratung werden wir zukunftsfähige Lösungen
finden. Jeder einzelne von uns ist aufgerufen, sich zu beteiligen und an der Gestaltung
einer menschenwürdigen Zukunft mitzuwirken.

Quellenangaben:
1 Bahá'u'lláh: Ährenlese 117
2 Bahá'u'lláh: Botschaften aus 'Akká 6:20
3 Bahá'u'lláh: Verborgene Worte, arabisch 2
4 Bahá'u'lláh: Ährenlese 112
5 'Abdu'l-Bahá, in: Das Kommen göttlicher Gerechtigkeit, S. 63
6 'Abdu'l-Bahá: Ansprachen in Paris, S. 7
7 Bahá'u'lláh: Ährenlese 117


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