Read: Der Herr der Herrlichkeit



BAHA'U'LLAH

Der Herr der Herrlichkeit

von H.M.Balyuzi

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Ins Deutsche übertragen aus dem englischen Original
»Bahá'u'lláh The King of Glory«, 1980
(c) Bahá'í-Verlag GmbH 1991



Ganzseitiges Farbbild: Erste Seite einer Abschrift des Kitáb-i-Iqán von 1871 in der Handschrift
von Aqá Mírzá Aqáy-i-Rikáb-Sáz, dem erstem Bahá'í-Märtyrer von Shíráz




Abkürzungen:

AKKA Bahá'u'lláh: Botschaften aus Akká
ÄL Bahá'u'lláh: Ährenlese
BF Abdu'l-Bahá: Beantwortete Fragen
TREUE Abdu'l-Bahá: Vorbilder der Treue
GGV Shoghi Effendi: Gott Geht Vorüber








»Die humanitären und geistigen Grundsätze, die Bahá'u'lláh bereits vor Jahrzehnten im dunkelsten Orient verkündet und zu einem einheitlichen System geformt hat, werden jetzt einer nach dem anderen von einer Welt, die deren Ursprung noch nicht kennt, als Merkmale einer fortschrittlichen Zivilisation übernommen. Die Ahnung, daß die Menschheit mit der Vergangenheit gebrochen hat und nicht von den althergebrachten Richtwerten durch die Nöte der Gegenwart hindurchgesteuert werden kann, erfüllt alle nachdenklichen Menschen mit Ungewißheit und Bestürzung, außer jenen, die begriffen haben, daß in der Geschichte Bahá'u'lláhs die Bedeutung aller Wunder und düsteren Vorzeichen unserer Zeit verborgen liegt.« (Shoghi Effendi)


Dies ist die Geschichte von Bahá'u'lláh, gewidmet dem unvergänglichen Andenken Seines Urenkels, des Autors der obigen Zeilen, des Hüters des Bahá'í-Glaubens.






Inhalt

Vorwort

Einleitung

Vorrede

1. Bahá'u'lláhs Abstammung

2. Die Familie Bahá'u'lláhs

3. Kindheit und frühe Jahre

4. Der neue Morgen

5. Nach der Hauptstadt des Irán

6. In der Heimat Seiner Vorfahren

7. Erste Gefängnishaft

8. Die Konferenz von Badasht

9. Von Badasht nach Shaykh Tabarsí

10. Der Sturz von Hájí Mírzá Aqásí

11. Zweite Gefängnishaft

12. Ein bedeutsames Jahr

13. Ein Jahr in Karbilá

14. Der Sturz des Amír Kabír

15. Der wahnsinnige Mordanschlag auf Násiri'd-Dín Sháh

16. Die Geburt der Bahá'í-Offenbarung

17. Die Bábí-Märtyrer des Jahres 1852

18. Ein Jüngling aus Shíráz

19. Freilassung und Beginn der Verbannung

20. Baghdád - das erste Jahr

21. Sulaymáníyyih

22. Baghdád - Freund und Feind

23. Baghdád - die letzten Jahre

24. Aus der Erhabensten Feder geflossen

25. Der Zug des Königs der Herrlichkeit

26. In der Stadt Konstantins

27. Adrianopel - der entlegene Kerker

28. Adrianopel - die letzten Jahre

29. Verbannung nach Akká

30. Ankunft in Akká

31. Der Herr der Heerscharen

32. In der Festung

33. Die Geschichte von Badí'

34. Das Große Opfer

35. Die Tore tun sich auf

36. Das Blatt wendet sich

37. Die Heirat des Größten Zweiges

38. Die letzten Jahre in den Mauern der Stadt

39. Jahre in Bahjí

40. Die Umtriebe der Azalí in Konstantinopel

41. Blätter einer Autobiographie

42. Das Hinscheiden Bahá'u'lláhs


Anhänge:

I. Die verhängnisvolle Regierungszeit von Násiri'd-Dín Sháh

II. Bittschriften an Konsuln zum Zeitpunkt der Verbannung Bahá'u'lláhs nach Akká

III.Nachspiel der Belagerung von Plevna

IV. General Gordon in Haifa und Akká

V. Biographische Anmerkungen

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#9

Vorwort

Als allererstes muß ich in diesem Vorwort dem Universalen Haus der Gerechtigkeit, der höchsten Körperschaft der Bahá'í-Weltgemeinde, meinen tiefen, immerwährenden Dank aussprechen für die wohlwollende Ermutigung, die es mir zu jedem Zeitpunkt hat angedeihen lassen und ohne die dieses Buch niemals hätte geschrieben werden können. Ich bin ebenfalls überaus dankbar, daß meine Übersetzungen aus den Bahá'í-Schriften gutgeheißen und genehmigt wurden.

Als nächstes möchte ich den im Heiligen Land lebenden Händen der Sache Gottes meinen ehrlichen, aufrichtigen Dank übermitteln. Sie haben einen großen Teil ihrer Zeit geopfert, um das Buch zu lesen und es für die Veröffentlichung durchzusehen.

Außer einer Vielzahl von Dokumenten und anderen Darstellungen sind meine Hauptquellen der nicht veröffentlichte Teil des unsterblichen Geschichtswerks von Mullá Muhammad-i-Zarandí Nabíl-i-A`zam, die Lebenserinnerungen von Aqá Husayn-i-Ashchí und der Bericht von Aqá Muhammad-Ridáy-i-Qannád-i-Shírází.

Aqá Husayn war der Sohn des Aqá Muhammad-Javád-i-Káshání, eines Bábí der ersten Stunde. Da er als kleiner Junge seine Eltern verlor, nahm man ihn mit nach Baghdád, wo er im Haushalt Bahá'u'lláhs heranwuchs und schließlich Bahá'u'lláhs Koch wurde. So kam es, daß er unter dem Namen Ashchí (Suppenkoch) bekannt wurde.

Im Dezember 1924, als Aqá Husayn-i-Ashchí im vorgerückten Alter auf dem Sterbebett lag, beauftragte Shoghi Effendi, der Hüter der Bahá'í-Religion, Aqá `Abdu'r-Rasúl-i-Mansúr-i-Káshání damit, an dessen Krankenlager alle Ereignisse aus sieben Jahrzehnten aufzuzeichnen, an die sich der Sterbende erinnern konnte. Es ist eine faszinierende Geschichte, die Ashchí zu erzählen hatte; und was besonders ins Auge fällt, ist die erstaunliche Übereinstimmung zwischen den Erinnerungen eines alten Mannes, der sehr bald sterben sollte, und dem Bericht von Aqá Ridáy-i-Qannád.

Aqá Ridá, aus Shíráz gebürtig und von Beruf Zuckerbäcker (Qannád), war ein ergebener Anhänger Bahá'u'lláhs und seit den Tagen in Baghdád bis zu Seinem Hinscheiden stets in Seiner Nähe. Später diente er Abdu'l-Bahá mit gleicher Hingabe, bis er im Jahr 1912 verstarb, als Abdu'l-Bahá sich in Amerika aufhielt.

Wie Aqá Ridá erklärt, hat er seinen Bericht auf Veranlassung von Nabíl-i-A`zam verfaßt; in den frühen achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begann er zu schreiben. Der genaue Zeitpunkt ist nicht bekannt, da in der Abschrift, die mir zugänglich war, leider die letzten Seiten dieser höchst anregenden Schilderung fehlen. Man darf hoffen, daß es irgendwo ein vollständiges Exemplar gibt und daß es ans Tageslicht kommen wird; doch ist es auch denkbar, daß Aqá Ridá seinen unschätzbaren Bericht nicht zu Ende geschrieben hat.

Der große Wert des Berichtes von Aqá Ridá und der Lebensbeschreibung von Aqá Husayn liegt in der Tatsache, daß es sich um Augenzeugenberichte handelt, nicht um Erinnerungen und Anekdoten, die ihnen von anderen erzählt wurden. Beide Männer waren persönlich betroffen und an den Ereignissen, die sie beschrieben haben, beteiligt.

Der Bericht von Nabíl-i-A`zam bedarf kaum einer Einführung. Durch den großartigen Band der Dawn-Breakers ist er bereits bekannt. In dem unveröffentlichten Teil seiner Chronik erzählt Nabíl, ebenso wie Aqá Ridá und Aqá Husayn, größtenteils Erlebnisse und Begebenheiten, an denen er selbst beteiligt war, die er mit eigenen Augen gesehen hat.

Die Selbstbiographie des Hájí Mírzá Habíbu'lláh Afnán, in welcher er die Monate beschreibt, die er in unmittelbarer Nähe des Wohnsitzes von Bahá'u'lláh verbracht hat, ist von einzigartiger Wichtigkeit. Ich bin meinem Vetter Abu'l-Qásim Afnán zutiefst dankbar, daß er mir dieses unschätzbare Dokument aus der Feder seines Vaters ausgeliehen und mir auch anderes Material von großer historischer Bedeutung zugänglich gemacht hat.

Man sollte sich immer klarmachen, daß die gesprochenen Worte Bahá'u'lláhs, wie sie in diesem Buch des öfteren wiedergegeben werden, nicht mit Seinen Schriften gleichgesetzt werden können. Niemand konnte zum gleichen Zeitpunkt, als die Worte gesprochen wurden, Notizen machen, was andererseits natürlich nicht ausschließt, daß manchmal der genaue Wortlaut wiedergegeben wurde. Die Berichterstattung Nabíls gehört jedoch in eine andere Kategorie, da er Bahá'u'lláh für gewöhnlich vorgelesen hat, was er Ihn hatte sagen hören. Trotzdem besitzt keines dieser überlieferten Worte Bahá'u'lláhs Schriftwert.

Die Zitate werden in ihrer Originalfassung wiedergegeben, auch wenn sie von der in diesem Buch übernommenen Schreibweise und Transkription der persischen Wörter abweichen. Die Übersetzungen aus dem Arabischen und Persischen ins Englische stammen von mir, soweit sie nicht anderweitig belegt sind. Anstelle von Konstantinopel, Adrianopel und Smyrna habe ich gelegentlich die türkischen Namen Istanbul, Edirne (Adirnih) und Izmir verwendet, die heute die allgemein üblichen Bezeichnungen dieser Städte sind.

Es ist klar, daß die vielen persischen Namen in diesem Buch dem westlichen Leser Schwierigkeiten bereiten; doch können die zahllosen Menschen, die auf die eine oder andere Weise zu Bahá'u'lláh in Beziehung traten, aus Seiner Biographie nicht weggelassen werden. Sie sind nur an den Namen zu erkennen, die sie benutzten, wie schwierig diese auch sein mögen. Wenn der Leser für die Bildung der persischen Namen Hilfestellung braucht, sei er auf mein früheres Buch Der Báb verwiesen, wo sich eine Vorbemerkung mit diesem Thema befaßt.

Wie schon in der Vergangenheit, ist auch diesmal meine Dankesschuld an Marion Hofman unermeßlich. Ohne ihre umfassende herausgeberische Arbeit wäre der Inhalt dieses Buches ungegliedert und ungeordnet geblieben.

Ich bin Moojan Momen sehr zu Dank verpflichtet; seine Hilfe und Unterstützung waren von unschätzbarem Wert. Überall in diesem Buch und im Anhang finden sich seine biographischen Hinweise und historischen Beschreibungen der Städte und Orte, in denen sich Bahá'u'lláh aufgehalten hat, sowie weitere, aufgrund sorgfältiger und solider Nachforschungen von ihm beigesteuerte Unterlagen.

Herrn Horst Kolo danke ich für die ausgezeichnete Reproduktion des Titelbildes und für eine Reihe weiterer Fotografien. Den Beitrag der audiovisuellen Abteilung des Bahá'í-Weltzentrums in Haifa/ Israel, die den Hauptanteil der Illustrationen zur Verfügung gestellt hat, weiß ich sehr zu würdigen. Ferner möchte ich mich für einige Fotografien bedanken, die ich vom Nationalen Geistigen Rat der Bahá'í im Irán sowie von anderer Seite erhalten habe. Ich werde auf sie entsprechend verweisen. Einige alte Stiche und Fotografien aus Büchern sind reproduziert worden und werden belegt (s. Literaturverzeichnis im Anhang).

Für die Erlaubnis, aus unveröffentlichten Werken zu zitieren, bin ich dem Universalen Haus der Gerechtigkeit, Bahá'í-Weltzentrum, Haifa, den Bahá'í-Verlagen der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreiches, ferner Dorothy Anderson, Hutchinson & Co., Jonathan Cape Ltd., Macmillan (London und Basingstoke) und der Oxford University Press sehr zu Dank verpflichtet. Die Zitate aus den Akten des Public Record Office¹ werden mit Erlaubnis des Leiters von Her Majesty's Stationery Office, London, verwendet. Der Text der King James-Bibel unterliegt dem Urheberrecht durch die britische Krone, und die in diesem Buch verwendeten Zitate werden mit deren freundlicher Genehmigung abgedruckt. Eine Anzahl von Werken, die nicht mehr urheberrechtlich geschützt sind, wurden ebenfalls zitiert. Die vollständigen Quellenangaben gebe ich im Literaturverzeichnis und in den Anmerkungen.

Neben den bereits erwähnten Personen möchte ich noch Herrn Stratford Caldecott für sein überaus genaues Manuskript danken, ebenso Herrn Rustom Sabit, der die Korrekturfahnen mit großer Sorgfalt gelesen hat. Zu guter Letzt möchte ich dem Beitrag meiner Frau meine Anerkennung aussprechen. Sie hat beim Schreiben und bei der endgültigen Fassung dieses Buches mitgewirkt. Ihre Hilfe hat mir unaufhörlich den Pfad geebnet.

London, im Juni 1979, H. M. Balyuzi


¹ Das staatliche Archiv in London





#15

Einleitung

Das alte Land Irán, von dem aus vor etwa dreitausend Jahren die Stimme Zarathustras erscholl, um die Menschen zu rechtem Denken, rechtem Sprechen und rechtem Handeln aufzurufen, ist die Wiege der Bábí-Bahá'í-Religion. Es ist ein gewaltiges Land, 1,6 Millionen Quadratkilometer groß, mit Marktflecken und Städten, die 1500 Meter über dem Meeresspiegel liegen. Im Iránischen Hochland erheben sich die Berge bis zu einer Höhe von 5604 Meter; dies ist die Höhe des im Norden liegenden Demavend. Seine schneebedeckte Spitze ist von der Hauptstadt Tihrán aus zu sehen. Jenseits des Elburs-Gebirges, zu dem der Demavend gehört, liegen die kaspischen Provinzen Gílán und Mázindarán unter einer üppigen Vegetationsdecke und dichten Wäldern. Das Zagros-Gebirge im Westen fällt zur Tiefebene des `Iráq ab, dem historischen Zweistromland von Euphrat und Tigris. Es hat eine Zeit gegeben, da war der `Iráq Teil des Iránischen Reiches. Die íránischen Herrscher besaßen eine Winterhauptstadt an den Ufern des Tigris, die berühmte Stadt Ktesiphon, wo noch heute der weltberühmte Bogen des Khusraw steht. In der Mitte und im Osten des Iránischen Hochlandes erstrecken sich ausgedehnte Wüstenflächen, Dasht-i-Kavír und Dasht-i-Lút, und an den Rändern dieser unwirtlichen Wüsten liegen viele Oasenstädte wie Yazd und Kirmán, die im Laufe der Jahrhunderte dem gewaltigen Ansturm durch Mensch und Natur mutig standgehalten haben. Im Nordosten, nahe der Grenze zur Sowjetunion, liegt die heilige Stadt Mashhad, die das Grabmal des achten Imám, `Alí Ibn Músá ar-Ridá, beherbergt. Die Moschee Gawhar-Shád mit ihrem Schrein von Imám Ridá ist ein Juwel der Architektur und Formgebung, eines der schönsten Bauwerke der Welt. Ein Engländer, der als Perser verkleidet ihren heiligen Bezirk zu betreten wagte, sah und beschrieb sie so:

#16

Ich ging eilig den dunklen Basar hinunter, fand die Kuppel, bei der ich mich nach links wandte, und wurde beim Eintritt in den Hof von einer Fanfare von Farben und Licht begrüßt, so daß ich einen Augenblick lang halb geblendet innehielt. Mir war, als ob jemand eine zweite Sonne angezündet hätte.

Das ganze Geviert war ein Garten von Türkis, Rosa, Dunkelrot und Dunkelblau, mit einem Schimmer Purpur, Grün und Gelb, ein Garten, der zwischen lederfarbenen Ziegelwegen angelegt ist. Weiße Arabesken ungeheurer Größe drehen sich oberhalb der Säulengänge im Kreise. Hinter diesen Säulengängen versteckt liegen weitere Gärten, dunkler in der Schattierung und von der Buntheit des Perlmuttfalters. Die großen Minarette, die neben dem Heiligtum von ihrem mit kufischen Inschriften von der Höhe eines Knaben umkränzten Sockel emporstreben, sind mit einem Gitterwerk juwelenbesetzter Rauten verziert. Zwischen den Minaretten erscheint die gewölbte meergrüne Kuppel mit einer Verzierung von gelben Ranken. Auf der gegenüberliegenden Seite blinkt die Spitze eines goldenen Minaretts. Doch bei all dieser Buntheit entzündet sich das Prinzip der Harmonie, der Lebensfunke dieser ganzen unwirklichen Erscheinung, an zwei großen Schriftbändern. Das eine ist ein Fries mit weißer Thulth-Schrift¹, die über enzianblauen Grund gepudert scheint und der Silhouette des ganzen Bauwerks folgt. Das andere, eine in der gleichen Schrift gehaltene Umrandung in zartem Weiß und Gelb auf saphirblauem Grund, ist ihrem Innenrand entlang mit türkisfarbenem Kufíh verflochten und schließt in Form eines dreiseitigen Rechtecks den Bogen der Hauptkolonnade zwischen den Minaretten ab. Dieses Schriftband soll übrigens von "Baisanghor, dem Sohn von Shah Rukh, der der Sohn des Timur Gurkani (Tamerlan) war, in der Hoffnung auf Gott im Jahre 821 (A.D. 1418)" entworfen worden sein. Baisanghor (Báysunqur) war ein berühmter Kalligraph, und da er auch der Sohn von Gohar Shad war, pries er die Freigebigkeit seiner Mutter mit einer Inschrift, deren Pracht für immer die Freude erklärt, welche der Islam fühlt, wenn er die Außenflächen der Gebäude mit Schriftzügen überzieht.²

¹ Ein kalligraphischer Stil. (H.M.B.) ² Byron: The Road to Oxiana, S.243f


#17

Geradewegs südlich der Hauptstadt liegt Qum, Iráns zweite heilige Stadt, wo wir ein weiteres berühmtes Grabmal finden, das Grab der Ma`súmih, einer Schwester des achten Imám. Hier in Qum befinden sich rings um den Schrein der Ma`súmih die Gräber einiger Safawiden- und Kadscharenherrscher. Weiter südlich liegen zwei der berühmtesten Städte Iráns: Isfahán, die geliebte Stadt Abbás des Großen - von der man sich sagt: "Isfahán - Nisf-i-Jahán" (Isfahán - die Hälfte der Welt) -, mitten im Herzen von Irán, 414 Kilometer von Tihrán entfernt. Noch weiter südlich in einer Entfernung von 895 Kilometer zur Hauptstadt liegt die Stadt Shíráz, wo 1844 der Neue Tag anbrach, die Stadt von Sa`dí und Háfiz, die von Karím Khán-i-Zand, jenem vorbildlichen, mildtätigen Herrscher innig geliebt und reich ausgestattet wurde, die Stadt, zu deren Lobpreis Sa`dí schrieb und sang (nach der engl. Übersetzung von H.M.Balyuzi):


O gesegnet und glückselig der Morgen,
Wann ich noch einmal stehen werde
Am Alláh'u'Akbar-Paß vor Shíráz.
O noch einmal dieses Paradies auf Erden erblicken,
Wo Sicherheit weilet, nicht Bedrängnis durch Armut und Not.


Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts haben es diese einst berühmten Städte unter der Herrschaft der Kadscharen hinnehmen müssen, daß sie vernachlässigt und entweiht wurden. Aghá Muhammad Khán, der Begründer der Dynastie, legte Hand an die Bauwerke, die Karím Khán in Shíráz so herrlich errichtet hatte. Und in Isfahán begann Sultán-Mas`úd Mírzá, der Zillu's-Sultán, der älteste Sohn von Násiri'd-Dín Sháh, die baulichen Schönheiten zu verunstalten, mit denen `Abbás der Große seine Stadt so verschwenderisch ausgestattet hatte. In der Nähe von Shíráz stehen die monumentalen Ruinen von Persepolis: der herrliche, von Darius und Xerxes erbaute Apádáná-Palast, der von Alexander dem Mazedonier in Brand gesetzt wurde, und Naqsh-i-Rustam, wo die Achämenidenkönige begraben liegen.

#18

Zwischen Shíráz und dem Küstenland am Persischen Golf liegen Gebirge mit hohen Gipfeln und schwierigen Pässen, ehe das Hochland dann auf Meereshöhe abfällt. Im Südwesten befinden sich neben den Ölquellen auch die Überreste der historischen Stadt Susa (Shúsh), die die Gegenwart großer Könige und die Daniels, des Propheten der Israeliten, erlebt hat. Über Khúzistán, der Provinz der Ölquellen, liegen die Provinzen Lúristán und Kurdistán, die Schlupfwinkel von Luren und Kurden, Erben großartiger Traditionen und Nachfahren tapferer Krieger. Das Zagros-Gebirge mit dem Elwend als höchster Erhebung trennt das Gebiet der Luren von dem der Kurden, umschließt die Felsen, in die die mächtigen Könige früherer Zeiten (wie der Achämenide Darius) ihre Lebensgeschichte hauen ließen, und birgt in seinem Schoß zwei weitere namhafte Städte: Kirmánsháh und Hamadán. Nahe dem heutigen Hamadán lag einst Ekbatana, die Stadt der Meder. Im Nordwesten schließlich, nahe der türkischen und sowjetischen Grenze, liegt die in der Vergangenheit berühmte Stadt Tabríz, die Hauptstadt Sháh Ismá`íls, des Begründers der Safawidendynastie, in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts geweiht durch das heilige Blut, das auf ihre Erde vergossen wurde. Hier wurde im Jahr 1850 der Báb hingerichtet.

Einst bildeten die Gebiete nördlich des Flusses Aras einen Teil des Iránischen Reiches, bis sie unter Fath-Alí Sháh dem Irán entrissen wurden. Unweit des Aras (des Araxes der Griechen) hat der Báb viele Monate in Gefangenschaft zugebracht. Und es war Háfiz aus Shíráz - jener Stadt, wo der ruhmreiche Báb zuerst das Tageslicht erblickte -, der schrieb (nach der engl. Übersetzung von H.M.Balyuzi):


Solltest du, o Zephir, über des Aras Ufer streichen,
So küß dieses Tales Erde und mach dir den Atem frisch.


Dies ist der Irán der Gegenwart, den die Anhänger Bahá'u'lláhs, wo immer sie leben, als "das heilige Land von Irán" kennen, als die Wiege ihres Glaubens. Über seine Zukunft schreibt `Abdu'l-Bahá, der Sohn Bahá'u'lláhs und Mittelpunkt Seines Bündnisses: »Die Regierung des Geburtslandes der Gesegneten Vollkommenheit wird zur geachtetsten Regierung dieser Welt werden ..., und Irán wird von allen Ländern das blühendste sein.«¹

¹ Nach einer Textzusammenstellung, die der Nationale Geistige Rat der Bahá'í im Irán vor vielen Jahren erstellt hat.


#19

Doch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war der Irán auf dem besten Wege, zum dunkelsten Land der Erde zu werden. Die Kadscharen hatten ihr monströses Joch soeben einer Nation auf den Nacken gelegt, die von unaufhörlichen Schicksalsschlägen betäubt war. Das persische Volk versank in Stumpfheit; denn es wurde regiert von unwissenden, habgierigen Königen und beherrscht von korrupten Beamten und geldgierigen Grundbesitzern, die sich an der Roheit ihrer Monarchen ein Beispiel nahmen. Die schlimmsten Seiten der menschlichen Natur, die abscheulichsten Eigenschaften des Menschen gewannen die Oberhand. Rohe Gewalt, Gier und Grausamkeit herrschten überall. Der Irán verkümmerte geistig und verdarb moralisch. Eigenwillige Geistliche, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht waren, machten mit ihren gefühllosen Rivalitäten, ihrer hinterlistigen Rechtsprechung und ihren widersprüchlichen Verlautbarungen ein leichtgläubiges Volk vollends kopflos. Der Irán war, geistig gesehen, dem Tode geweiht. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts setzte der Gouverneur einer íránischen Küstenstadt, in der viele ausländische Staatsangehörige lebten und Handel trieben, ein Zivilgericht ein, aus dem Gespür heraus, daß ein solcher Gerichtshof dringend erforderlich war. An seine Spitze stellte er einen Gelehrten, der einen Turban trug und in islámischer Rechtswissenschaft bewandert war. Sofort erhoben die Geistlichen jener Stadt ein Geschrei und prangerten dieses Zivilgericht öffentlich als Tághút an, als Idol des vorislámischen Arabiens. Daraufhin sagte ihnen der Gouverneur, sie sollten einen aus ihrer Mitte als Richter und Schiedsmann auswählen, und alle anderen sollten sich verpflichten, seinen Urteilssprüchen zu gehorchen und sie zu vollstrecken; sobald diese Bedingung erfüllt sei, werde er, der Gouverneur, das Zivilgericht unverzüglich schließen. Doch sie wollten und konnten den Schritt nicht tun, der einem unter ihnen Oberhoheit eingeräumt hätte. Das Zivilgericht blieb also bestehen und arbeitete mit Erfolg, sehr zum Leidwesen der Geistlichen. Natürlich gab es gegenüber solchen Verfallserscheinungen auch herausragende Ausnahmen; doch diese Ausnahmen bestätigten nur die Regel.

Der Sendbote Gottes erschien und erscheint immer bei dem verderbtesten, dem zutiefst erniedrigten Volk im dunkelsten, unterdrücktesten Land Seiner Zeit. Moses kam zu einem Volk, das unterjocht war, alle Selbstachtung verloren hatte und seinen eitlen Einbildungen zum Opfer gefallen war. Er forderte die Macht des Tyrannen heraus und sagte dem Eigensinn Seines Volkes den Kampf an, und in beidem war Er siegreich. Jesus stand aus der untersten Schicht des gleichen Volkes auf: Erneut hatten die Kinder Israel ihr Geburtsrecht verwirkt, waren in Knechtschaft gefallen und hatten die Warnungen und Ratschläge ihrer Propheten vergessen. Er litt schmerzlich unter ihnen und unter der Gewalt ihrer Unterdrücker; doch am Ende gehörte Ihm der Triumph. Muhammad, der Prophet Arabiens, erhob sich inmitten der ungeschlachten, zügellosen Götzendiener, die ihre eigenen Töchter lebendig begruben und gesetzlose Räuber waren. Aus einem Volk, das völlig uneins war und von niemandem beachtet wurde, machte Er eine Nation mit einem einzigen Ziel; Er gab ihr Gesetze, verlieh ihr Weitblick und Einsicht und lehrte sie, den einen wahren Gott anzubeten. Und im neunzehnten Jahrhundert traten in dem alten Land Irán, unter einem Volk, das in die Tiefen der Schmach gestürzt war, zwei Manifestationen Gottes auf: der eine von reiner Abstammung, ein Nachkomme des arabischen Propheten; der andere ein Sproß jenes íránischen Königshauses, welches das Reich vor der Periode des Islám regiert hatte. Sie beide hatten die Macht, das Leben zu erneuern und den Menschen die Gabe der Wiedergeburt zu verleihen. In der fast undurchdringlichen Finsternis, in dem Dunkel des Fanatismus, der Ignoranz und der Raubgier, die das Volk Iráns umfangen hatte, strahlte der Stern Ihrer Religion hell wie Millionen Sonnen und erleuchtete den Weg ungezählter Männer und Frauen, die er zu heldenhaften Taten führte. Ihr Ruf richtete sich nicht nur an die Bewohner Iráns, sondern an die gesamte Menschheit. Wie Jesus von Nazareth und Muhammad von Mekka hatten auch sie furchtbar zu leiden; doch am Ende hatten ihre Verfolger, genauso wie die Verfolger von Jesus und Muhammad, hundertfältige Strafe zu leiden. Die Geschichte kennt keinen einzigen Fall, in dem jemand seine Hand zu erheben wagte, um dem Báb, Bahá'u'lláh oder ihren Anhängern zu schaden oder sie zu verletzen, und in dem es diesem Menschen dann gelang, den Folgen seiner Tat zu entrinnen.

Die folgenden Seiten erzählen die Geschichte Bahá'u'lláhs, aber auch die Geschichte der Erniedrigung einer Nation unter dem Joch der Kadscharen.





#21

Vorrede

Die überwältigende Größe, die bezwingende Majestät, die zarte Schönheit des Lebens einer Manifestation Gottes lassen sich nicht mit Begebenheiten begreiflich machen, die man gewöhnlich mit einem heiligmäßigen Leben verbindet. Die Unermeßlichkeit eines solchen Lebens zeigt sich in jenem geheimnisvollen Einfluß, den es auf unzählige Menschen ausübt, einem Einfluß, der nicht auf gesellschaftlichem Rang, Prestige, Reichtum, weltlicher Macht oder irdischer Herrschaft, ja nicht einmal auf überlegenem Wissen und der Überzeugungskraft einer geistigen Großtat beruht.

Die Manifestation Gottes ist der Archetyp, Sein Leben ist höchstes Vorbild. Seine Schau, die nicht von Zeit und Raum eingegrenzt ist, umfaßt die Zukunft ebenso wie die Vergangenheit. Er ist das einzige, das notwendige Bindeglied zwischen einem Zyklus gesellschaftlicher Evolution und dem nächsten. Ohne Ihn ist die Geschichte sinnlos, eine Zuordnung der Vorgänge unmöglich. Auch setzt die Manifestation Gottes tiefliegende, gewaltige geistige Energien frei und weckt die Kräfte, die im Menschen schlummern. Durch Ihn, nur durch Ihn, kann der Mensch "wiedergeboren" werden. Durch Ihn, nur durch Ihn, kann der Mensch Gott erkennen.

Mírzá Husayn `Alí Núrí, den die Geschichte als Bahá'u'lláh - die Herrlichkeit Gottes - kennt, wurde am 2. Muharram A.H. 1233 (12. November 1817) in Tihrán, der Hauptstadt Persiens, geboren.





+1 #23

Kapitel 1

Die Abstammung Bahá'u'lláhs

Bahá'u'lláh entstammt der Linie der vorislámischen Herrscher des Irán. Er kam aus jenem Landesteil, der an das Kaspische Meer angrenzt, geschützt durch die hohen Berge des Elburs-Gebirges. Die Bewohner dieses Gebietes hatten nach dem Sieg des arabischen Heeres noch jahrzehntelang den Eindringlingen Widerstand geleistet und sich geweigert, die neue Ordnung und den neuen Glauben anzunehmen. Als sie sich dann schließlich in das Unvermeidliche fügten, unterwarfen sie sich nicht dem System, das von der Mehrheit der Muslime angenommen und vom Kalifat in Baghdád vertreten wurde, sondern beugten sich dem Schiismus der Zaydí-Richtung. In den folgenden Jahrhunderten gab es eine Anzahl von Dynastien und Zwergkönigreichen, die in den Schlupfwinkeln der Berge und in den undurchdringlichen Wäldern am Kaspischen Meer das Zepter der Macht aufrecht hielten und ihre Selbständigkeit wahrten. Und als Sháh Ismá`íl ganz Irán unter der Gefolgschaft der apostolischen Imáme aus dem Hause des Propheten vereint hatte, geschah etwas Seltsames: Aqá Rustam-i-Rúzafzún, der letzte aus der Reihe jener stolzen Herrscher, weigerte sich, Ismá`íls Herrschaft anzuerkennen, und zog es vor, sein Vertrauen auf Muhammad Kháni-Shaybání (auch als Shaybak Khán bekannt) zu setzen, den sunnitischen Usbekenherrscher Transoxaniens, um an dessen Seite den Emporkömmling aus dem Hause der Safawiden zu stürzen. Doch das Schicksal bestimmte es anders: Die Niederlage traf Shaybak Khán, der sein Leben verlor. Es wird erzählt, Aqá Rustam sei vor Entsetzen gestorben, als ein ergebener Anhänger Sháh Ismá`íls ihm die abgeschlagene Hand des Usbekenherrschers in den Schoß warf.


#24 Bildlegende: Mírzá Buzurg, der Vater Bahá'u'lláhs


#25

Die Ahnenreihe Bahá'u'lláhs läßt sich bis auf Yazdigird III. zurückverfolgen, den letzten Sassanidenherrscher, der den Thron Iráns innehatte. Ustád Javánmard, der Rektor der zoroastrischen Schule in Yazd, legte Bahá'u'lláh sieben Fragen vor, von denen die letzte Seine Abstammung betraf. Als Antwort erhielt er das Sendschreiben Shír-Mard (Löwe von einem Menschen).¹ Bahá'u'lláh beantwortete die Fragen der Reihe nach, und bei der siebenten verwies Er den Fragesteller auf den Stammbaum, den Mírzá Abu'l-Fadl-i-Gulpáygání erkundet und zusammengestellt hatte. Viele Jahre später, im Jahr 1320 A.H. (10. April 1902 - 30. März 1903), besuchte Aqá Khusraw Bimán, der ebenfalls zoroastrischer Abstammung war, das Heilige Land. Er bat einige ortsansässige Bahá'í², ihm Auskunft über Bahá'u'lláhs Abstammung zu geben. Sie legten seine Bitte `Abdu'l-Bahá vor, der sie ebenfalls auf Mírzá Abu'l-Fadl-i-Gulpáygání verwies, welcher damals gerade die Vereinigten Staaten besuchte. Die Antwort von Mírzá Abu'l-Fadl auf Aqá Khusraw Bimáns Brief wurde zu einem späteren Zeitpunkt in Bombay als Druckschrift veröffentlicht.

¹ es heißt so, weil Bahá'u'lláh den Empfänger mit diesem Namen anredete. Dieses Sendschreiben ist ebenfalls als Lawh-i-Haft-Pursish bekannt.

² In einer in Bombay erschienenen Druckschrift nennt er ihre Namen: Zaynu'l-Muqarrabín, Aqá Muhammad-Ridáy-i-Qannad und Mírzá Mahmúd-i-Káshání.


Mírzá Abu'l-Fadl, den der Hüter der Bahá'í-Religion als einen der neunzehn "Apostel Bahá'u'lláhs" bezeichnete, war ein Mann von hervorragender Gelehrsamkeit. Seine Bildung hatte eine Stufe, die bis heute unter den Anhängern Bahá'u'lláhs im Osten wie im Westen unerreicht ist. In seinem Antwortschreiben an Aqá Khusraw Bimán schildert er, wie sein Interesse an der Abstammung Bahá'u'lláhs geweckt wurde und wie seine Nachforschungen ihn zu Yazdigird III. geführt hätten, dem letzten Sassanidenherrscher des Irán. Er erklärt jedoch weiter, seine Arbeit, die Bahá'u'lláh in dem Sendschreiben an den Rektor in Yazd angeführt hatte, sei verlorengegangen, als er zusammen mit anderen Bahá'í in den ersten Monaten des Jahres 1883 auf Befehl von Kámrán Mírzá Náyibus's-Saltanih, dem Sohn Násiri'd-Dín Sháhs, in Tihrán festgenommen worden sei.

Mírzá Abu'l-Fadl schreibt, er sei im Verlauf seiner Nachforschungen besonders von der Tatsache beeindruckt worden, daß ein so scharfer und übelwollender Kritiker der Bahá'í-Religion (und ein so feindlich gesinnter Beobachter) wie Ridá-Qulí Khán-i-Hidá-yat¹ - sein Ehrentitel war Amíru'sh-Shu`ara', der Emir der Dichter - im Nizhád-Námih (Buch der Vorfahren) zugegeben hatte, daß die Núrí aus Mázindarán von dem berühmten Sassanidenherrscher KhusrawÿI. abstammten, der als `Adil (der Gerechte) bekannt ist. Und die endgültige Bestätigung kam von Hájí Mírzá Ridá-Qulí, einem Halbbruder Bahá'u'lláhs, der auf Mírzá Abu'l-Fadls Frage mit Entschiedenheit erklärte, die Núrí besäßen eine Ahnentafel, mit der sich ihr Geschlecht bis auf Yazdigird den Sassaniden zurückverfolgen lasse.

¹ Dichter und Historiker des neunzehnten Jahrhunderts, Verfasser des Ergänzungsbandes zu Rawdatu's-Safá von Mirkhund. Siehe E.G.Browne: A Literary History of Persia, Bd.IV; ebenso H.M.Balyuzi: The Báb, S. 141f.


#26

Bahá'u'lláhs Vater war Mírzá Abbás-i-Núrí, Sohn des Mírzá Ri-dá-Qulí Big¹, aus dem Dorf Tákur im Bezirk Núr der Provinz Mázindarán. Mírzá `Abbás wurde als Mírzá Buzurg-i-Vazír (Mírzá Buzurg, der Wesir) bekannt, und das kam so: Eines Tages zeigte man Fath-Alí Sháh (regierte 1797-1834) ein Meisterwerk der Schreibkunst von Mír `Imád, dem berühmten Kalligraphen. Dieses Schriftstück war ein Wunder an Schönheit, und Fath-`Alí Sháh stellte die Frage, ob es unter den Lebenden jemanden gäbe, der etwas Vergleichbares hervorbringen könne. Hasan-Alí Mírzá Shujá'u`s-Saltanih - der sechste Sohn des Sháhs - nannte den Namen des Mírzá Abbás-i-Núrí. Man ließ ihn kommen, legte ihm die Arbeit von Mír `Imád vor und forderte ihn auf, etwas Ebenbürtiges hervorzubringen. Mírzá `Abbás nahm Mír `Imáds Meisterwerk zur Hand und schrieb es ab, und nach dieser Vorübung schrieb er seine eigenen Zeilen, ließ sie in geeigneter Weise illuminieren und überreichte sie Fath-Alí Sháh. Die Bewunderung des Sháh kannte keine Grenzen. Durch königlichen Erlaß erhielt Mírzá `Abbás den Namen Mírzá Buzurg und wurde mit einem Ehrenmantel bekleidet, einem Gewand, das der Herrscher selbst getragen hatte. Zur gleichen Zeit befreite der Sháh die Leute des Dorfes Tákur von der Steuerzahlung. Einige Jahre später wurde Mírzá Buzurg zum Wesir von Imám-Virdí Mírzá ernannt, dem zwölften Sohn von Fath-Alí Sháh und Ilkhání (Oberhaupt der Clans) des Stammes der Kadscharen, dem die königliche Familie selbst angehörte.

¹ Mírzá Ridá-Qulí Bigs Vater hieß ebenfalls Mírzá Abbás, Sohn des Hájí Muhammad-Ridá Big, Sohn des Aqá Muhammad-Alí, Sohn des Aqá Fakhr, Sohn des Sháhríyár-Hasan.


Mírzá Buzurg gelangte im Dienst des Staates zu Ansehen und Wohlstand, bis er unter Muhammad Sháh (regierte 1834-48) die Ungunst von Hájí Mírzá Aqásí, dem berüchtigten Großwesir dieses Herrschers, auf sich zog und seine Position sowie große Teile seines beträchtlichen Vermögens verlor.





+2 #27

Kapitel 2

Die Familie Bahá'u'lláhs

Mírzá Buzurg Vazír-i-Núrí, der Vater Bahá'u'lláhs, hatte sieben Frauen, von denen drei Nebenfrauen waren. Noch bevor Mírzá Buzurg den Bezirk Núr in Mázindarán verließ, um in Tihrán sein Glück zu machen, verheiratete ihn sein Vater Ridá-Qulí Big in erster Ehe mit einer Verwandten namens Khán-Nanih. Aus dieser Verbindung entstammten zwei Söhne: Mírzá Aqá (der ältere) und Mírzá Muhammad-Hasan. Bahá'u'lláh erwähnt in dem persischen Lawh-i-Ra'ís - einem an den Großwesir des Osmanischen Reiches, Alí Páshá, gerichteten Sendschreiben - eine Begebenheit aus Seiner Kindheit, als Er während der Hochzeitsfestlichkeiten für Seinen Bruder Mírzá Aqá, der nicht lange zu leben hatte, sehr aufmerksam einem Puppentheater zuschaute. Später gab Mírzá Buzurg die Witwe seinem zweiten Sohn Mírzá Muhammad-Hasan zur Frau. Diese Frau war eine Kusine des Mírzá Aqá Khán-i-Núrí, des zweiten Großwesirs von Násiri'd-Dín Sháh.

Mírzá Buzurgs zweite Frau war Khadíjih Khánum, die zuvor schon einmal verheiratet und dann verwitwet war. Aus ihrer ersten Ehe brachte sie einen Sohn und zwei Töchter mit: Mírzá Muhammad-Alí, Sakínih Khánum und Sughrá Khánum. Mírzá Buzurg nahm Khadíjih Khánum zur Frau und vermählte deren Tochter Sakínih Khánum mit seinem jüngeren Bruder Mírzá Muhammad. Khadíjih Khánum wurde die Mutter Bahá'u'lláhs (Mírzá Husayn-Alí). Das erste Kind aus dieser Ehe war eine Tochter, Sárih Khánum. Sie ist im allgemeinen als `Ukht` (arab. Schwester) bekannt, da Bahá'u'lláh sich mit diesem Namen auf sie bezieht. Das zweite Kind war ein Sohn, Mírzá Mihdí, der noch zu Lebzeiten des Vaters verstarb. Mírzá Husayn Alí (Bahá'u'lláh) war das dritte Kind. Danach kam noch ein Sohn, Mírzá Músá, der später den Namen Aqáy-i-Kalím trug. Das fünfte Kind war wieder eine Tochter, Nisá' Khánum, die schließlich mit Mírzá Majíd-i-Ahí, einem Sekretär der russischen Gesandtschaft, vermählt wurde.


#28

(Bildlegende: 2 kleine Ovalfotos: 2 Söhne Mírzá Buzurg-i-Núrís - links Mírzá Músá, Aqáy-i-Kalím, Bahá'u'lláhs leiblicher Bruder; rechts Mírzá Ridá-Qulí.)


Die dritte Frau Mírzá Buzurgs hieß Kulthúm Khánum-i-Núrí. Mit ihr hatte er fünf Kinder. Das älteste war eine Tochter, Sháh-Sultán Khánum (auch Izzíyih Khánum genannt), die zur entschiedenen Parteigängerin Mírzá Yahyás (Subh-i-Azals) wurde. Danach kamen drei Söhne: Mírzá Taqí, ein Dichter mit dem Künstlernamen Paríshán, der Shaykhí wurde und Bahá'u'lláh gegenüber sehr feindselig gesinnt war; ferner Mírzá Ridá-Qulí, der durch eine Pilgerfahrt nach Mekka den Titel "Hájí" erwarb und sich im übrigen von Bahá'u'lláh fernhielt, ja sogar die Tatsache seiner Verwandtschaft mit Ihm zu verhehlen suchte¹ , wohingegen seine Frau Maryam Ihm sehr ergeben war; als dritter Sohn schließlich Mírzá Ibráhím, der noch zu Lebzeiten seines Vaters verstarb. Das fünfte Kind aus dieser Ehe von Mírzá Buzurg war wieder eine Tochter, Fátimih-Sultán Khánum, die es ebenfalls vorzog, mit Mírzá Yahyá in die Irre zu gehen.

¹ siehe Anhang S.510 - engl.p.443


Die nächsten drei Frauen von Mírzá Buzurg waren Nebenfrauen. Da war zuerst Kúchik Khánum aus Kirmánsháh, die Mutter von Mírzá Yahyá. An zweiter Stelle folgte Nabát Khánum, eine Frau aus Georgien; mit ihr hatte Mírzá Buzurg auch eine Tochter, Husníyyih Khánum, von der aber wenig bekannt ist. Die letzte Nebenfrau, Turkamáníyyih, war die Mutter Mírzá Muhammad-Qulís, der Bahá'u'lláh sehr ergeben war.


#29

(Bildlegende: 2 kleine Ovalfotos: 2 Söhne Mírzá Buzurg-i-Núrís: links Mírzá Muhammad-Qulí, Bahá'u'lláhs Halbbruder der mit Ihm die Verbannung teilte - rechts Mírzá Yahyá, Subh-i-Azal)


Und dann kam es zu Mírzá Buzurgs Vermählung mit einer Tochter von Fath-`Alí Sháh. Diese Dame, mit dem Ehrennamen Díyá'u's-Saltanih¹ und wie ihr Ehemann eine bekannte Kalligraphin, war herrisch, hochmütig und habgierig. Ihre Heirat sollte dem Vazír-i-Núrí nur Unglück bringen und sich schließlich als sein Verderben erweisen.

¹ Nach I'timádu's-Saltanihs Muntazim-i-Násirí (Tihrán 1300 A.H., S.161) war ihr eigentlicher Name Sháh Bigum.


Hájí Mírzá Aqásí, der Premierminister, war eitel und rachsüchtig und, wie im vorangegangenen Kapitel erwähnt, der Gegenspieler Mírzá Buzurgs. Einer der Gründe für diese Feindschaft waren Mírzá Buzurgs enge Freundesbande zu dem berühmten Qá'im-Maqám Mírzá Abu'l-Qásim von Faráhán. Diese beiden hatten eine sehr hohe Meinung voneinander, wie die Briefe bezeugen, die in das "Kompendium der Briefe" des großen Ministers aufgenommen worden sind.¹

¹ Dieses Kompendium wurde in späteren Jahren auf Betreiben Hájí Farhád Mírzá Mu`tamidu'd-Dawlihs, eines Bruders von Muhammad Sháh, zusammengestellt und herausgegeben. Es ist wiederholt unter dem Titel Munshí'át-i-Qá'im-Maqám gedruckt worden, als Richtschnur und Beispiel für hervorragenden Stil und sprachlichen Ausdruck.


#30

Im Juni 1835 ließ Muhammad Sháh den Qá'im-Maqám auf hinterhältige Weise hinrichten. Allein die Art, wie er gestürzt und hingerichtet wurde und wie dann sogleich Hájí Mírzá Aqásís Aufstieg zu hohen Regierungsstellen folgte, ließ für Mírzá Buzurg keinen Zweifel, daß das traurige Schicksal seines teuren Freundes der niederen Verschlagenheit des Ungeheuers zuzuschreiben war, das jetzt fest im Sattel saß; er konnte seine Gefühle von Entsetzen und Abscheu nicht verbergen. Einer seiner Briefe, worin er Hájí Mírzá Aqásí verurteilte, fiel dem Großwesir in die Hände, der alsbald gewaltsam Vergeltung übte. Sobald sich ihm eine günstige Gelegenheit bot, holte er gegen Mírzá Buzurg aus. Zuerst ließ er ihn seines Amtes als Gouverneur von Burújird und Luristán entheben. Mit diesem Posten - zu dem die Kontrolle über einen beträchtlichen Teil des Bakhtíyárí-Gebietes, einer unruhigen und aufrührerischen Gegend, gehörte - war Mírzá Buzurg von seinem großen Freund Mírzá Abu'l-Qásim, dem Qá'im-Ma-qám, kurz nach der Thronbesteigung Muhammad Sháhs betraut worden. Wir besitzen ein Dokument in der persönlichen Handschrift von Muhammad Sháh, welches die Dienste Mírzá Buzurgs in dieser Stellung lobend hervorhebt.¹

¹ Offenbar war Mírzá Buzurg eine Zeitlang auch Wesir dieser Provinz und somit für die Eintreibung der Steuern von Amts wegen verantwortlich. Mírzá Buzurg hatte mit der Einrichtung und Erhebung von Steuern bei den aufsässigen, fernab lebenden Luren anscheinend großen Erfolg, wie ihn die meisten seiner Amtsvorgänger und Nachfolger nicht für sich verbuchen konnten. Sir Henry Rawlinson bemerkt in seinen "Notes on a March from Zohab to Khuzistan": "Die Taxierung des kátir [der Steuersatz, in der Regel etwa 100 túmán] richtet sich ... nach dem Zustand der jeweiligen Provinz; aber unter dem verstorbenen Wesir Mírzá Buzurg, der die Staatseinkünfte etwa zehn Jahre lang mit außergewöhnlichem Erfolg verwaltet hat, wurde sie auf den Satz von 200 alten t¢mán oder 333-1/3 der gegenwärtigen Währung angehoben; die 120 kátir [die Steuerabgabe der Písh-Kúh-Stämme] entsprachen daher 40ÿ000 t¢mán, und der Betrag, der jährlich allein von den Písh-Kúh aufgebracht wurde, überschritt eher diese Summe, als sie zu unterbieten. [Rawlinson gibt dann die Einteilung der Stämme und das von Mírzá Buzurg verwendete Steuersystem an.] ... Das Steuersystem der Písh-Kúh ist sehr einfach: Wenn die 120 kátir unter den Stämmen ordnungsgemäß verteilt sind ..., setzt jede Unterabteilung den Teilbetrag fest, der von den verschiedenen Lagern, aus denen sie sich zusammensetzt, gezahlt werden soll ... Aber in einem Land, das so wild ist wie dieses, wo viele Stämme in offenem Aufstand leben ..., würde der Gouverneur mit Sicherheit seinem Vertrag mit der Krone nicht nachkommen, hätte er nicht indirekte Handhaben, eine Sondersteuer zu erheben, um die vielen Unterschlagungen wettzumachen. Deshalb führte Mírzá Buzurg ein umfassendes System von Gebühren und Geldstrafen ein, und auch da, wo Raubüberfälle und Mord fast an der Tagesordnung waren, fehlte es ihm nicht an Mitteln, die Forderungen einzutreiben. Er soll auf diese Art jährlich etwa 20ÿ000 t¢mán eingetrieben haben, und dies ohne Grausamkeit oder Ungerechtigkeit." (Ferrier: Caravan Journeys, S.503ff.)


#31

Als nächstes sperrte Hájí Mírzá Aqásí die jährlichen Sonderbezüge von Mírzá Buzurg. Auch tat er alles, was in seiner Macht stand, um die Beziehung zwischen Mírzá Buzurg und seiner letzten Frau Díyá'u's-Saltanih, der Tochter von Fath-`Alí Sháh, zu beeinträchtigen. Durch ihren Neffen Firaydún Mírzá Farmán-Farmá, der sein Günstling für die Stelle des Gouverneurs der Provinz Fárs war, überredete er Díyá'u's-Saltanih, die Scheidung von ihrem Gatten zu beantragen und durchzusetzen. Mírzá Buzurg befand sich bereits in höchster finanzieller Not, denn er hatte eine sehr große Familie, und das jährliche Sonderhonorar, das ihm rechtmäßig zustand, war wegen der Böswilligkeit von Hájí Mírzá Aqásí nicht mehr zu bekommen. Er hatte einen Teil seines Besitzes verkaufen, anderes beleihen müssen, darunter auch den Gebäudekomplex in Tihrán, den er und seine Familie bewohnten. Eine Zeitlang waren diese Häuser nicht in seinem Besitz, bis er sie durch seinen Sohn Mírzá Husayn-Alí (Bahá'u'lláh) zurückkaufen ließ. Ein weiteres Mißgeschick war, daß Mírzá Buzurg den größeren Teil seiner Residenz, die er in Tákur erbaut und kostbar eingerichtet hatte, bei sintflutartigen Regenfällen verlor, die auf die Stadt niedergingen.

Díyá'u's-Saltanih erzwang sich mit Hilfe des Großwesirs und ihres einflußreichen Neffen Firaydún Mírzá die Scheidung. Aber der Ehevertrag hatte einen solchen Umfang, daß der Vazír-i-Núrí, ohnehin in finanzielle Schwierigkeiten verstrickt, ihn nicht sofort einlösen konnte. Díyá'u's-Saltanih ließ daraufhin Mírzá Buzurg in seinem eigenen Haus einsperren und dingte Männer, welche ihn täglich schlugen und quälten, um so das Geld von ihm zu erzwingen. Schließlich sah sich Mírzá Buzurg erneut genötigt, seine Häuser in Tihrán zu verkaufen und sich von den wertvollen Teppichen und anderen dazugehörenden Einrichtungsgegenständen zu trennen. Im Brief an den Sohn des Wolfes erwähnt Bahá'u'lláh den Verkauf dieser Häuser:

»In früheren Tagen hatten wir alle zusammen in einem Haus gelebt, das später durch Versteigerung gegen eine geringfügige Summe verkauft wurde. Die beiden Brüder Farmán-Farmá (Firaydún Mírzá) und Hisámu's-Saltanih (Sultán-Murád Mírzá) kauften es und teilten es unter sich. Danach trennten Wir uns von Unserem Bruder.¹ Er nahm Wohnung in der Nähe des Eingangs zur Masjid-i-Sháh (die Moschee des Sháhs), während Wir beim Shimírán-Tor wohnten.²«

¹ Dieser von Bahá'u'lláh erwähnte Bruder war Mírzá Ridá-Qulí. (H.M.B.)
² Bahá'u'lláh: Brief an den Sohn des Wolfes [245] S.146


#32

Kulthúm Khánum, die dritte Frau Mírzá Buzurgs und Mutter von Hájí Mírzá Ridá-Qulí, hatte das Haus "in der Nähe des Eingangs zur Masjid-i-Sháh" von ihrem Vater geerbt. In dieses Haus zog Mírzá Buzurg ein. Mírzá Husayn Alí (Bahá'u'lláh) mietete das Haus "beim Shimrán-Tor" und nahm Seine Mutter, Seine Ehefrau, Seine anderen Stiefmütter und Seine übrigen Brüder und Schwestern zu sich. Dieses angemietete Haus blieb für die restlichen Jahre, die Er im Irán zubrachte, Sein Wohnsitz. Es lag in der Nähe der Madrisiy-i-Mírzá Sálih, des theologischen Seminars, in dem Mullá Husayn-i-Bushrú'í abstieg, als er die Botschaft des Báb nach Tihrán brachte. Die Kinder Bahá'u'lláhs - `Abdu'l-Bahá (der Größte Zweig), Bahá'íyyih Khánum (das Größte Heilige Blatt) und Mírzá Mihdí (der Reinste Zweig) - wurden alle in diesem angemieteten Haus geboren; ihre Mutter war Seine erste Frau Asíyih Khánum.

Nachdem sich der Sturm gelegt hatte, bemühte sich Mírzá Buzurg, die Häuser, die er unter Zwang "gegen eine geringfügige Summe" verkaufen mußte, zurückzubekommen. Wir sind im Besitz eines Dokumentes in der Handschrift Bahá'u'lláhs, das zu dem Zweck aufgesetzt war, denen, die Bescheid wußten, die Zeugenaussage zu entlocken, daß der Verkauf der Häuser unter widerrechtlichem Druck stattgefunden habe. Das Dokument erzielte jedoch nicht die gewünschte Wirkung, und es kam nicht zur Rückgabe der Häuser.¹

¹ Es sind noch zwei weitere Dokumente vorhanden, ausgestellt von zwei bekannten Geistlichen der Hauptstadt - der eine ein Bruder des Imám-Jum`ih -, welche die Versteigerung der Häuser von Mírzá Buzurg-i-Núrí für illegal erklären.


Mírzá Buzurg beschloß dann, sich im `Iráq zur Ruhe zu setzen, doch kam ihm der Tod zuvor. Er starb 1839; sein Leichnam wurde nach dem `Iráq gebracht und in Najaf beigesetzt, wo sich das Grabmal `Alís, des Vetters des Propheten Muhammad, des ersten eingesetzten Imám und vierten Kalifen, befindet. Sieben Söhne und fünf Töchter haben Mírzá Buzurg überlebt. Abgesehen von der Hauptperson dieser Lebensgeschichte werden wir in deren Verlauf immer wieder auch anderen Söhnen dieses bemerkenswerten, hochangesehenen Ministers aus Núr begegnen. Handschriften in seiner herrlichen, viel bewunderten Schrift sind in verschiedenen Sammlungen im Irán wie auch im Ausland erhalten. Eine dieser Schriftrollen befindet sich im Internationalen Archiv der Bahá'í-Religion auf dem Berge Karmel.

Nachdem Díyá'u's-Saltanih die Scheidung erlangt und ihre Abfindung erhalten hatte, heiratete sie Hájí Mas`úd-i-Garmrúdí, der längere Zeit íránischer Außenminister war. Mit ihm hatte sie eine Tochter, Sháhansháh Bigum, die den Glauben Bahá'u'lláhs annahm und zeit ihres Lebens beklagte, was ihre Mutter Mírzá Buzurg angetan hatte. Von den beiden Töchtern dieser Sháhansháh Bigum wurde eine mit Ibn-i-Asdaq vermählt, einer der vier Hände der Sache Gottes, die von Bahá'u'lláh ernannt wurden. Die andere wurde die Frau des Intizámu's-Saltanih, der `Abdu'l-Bahá sehr ergeben war und dessen Söhne zu hohen Ämtern im Staatsdienst aufstiegen.





+3 #34

Kapitel 3

Kindheit und frühe Jahre

Bahá'u'lláhs Geburtsort war Tihrán. Hier wuchs Er auf, in einem Haus in dem Bezirk, der als Darvázih Shimrán (Shimrán-Tor) bekannt ist. Damals lag der Bezirk am Stadtrand in der Nähe des Stadtgrabens, der in der Regierungszeit Násiri'd-Dín Sháhs zugeschüttet wurde. Noch weiter draußen verlief ein zweiter Stadtgraben; auch dieser ist mittlerweile verschwunden.

Bahá'u'lláhs Kindheit war für Seine Mutter Anlaß zur Verwunderung, wie Abdu'l-Bahá sich einmal erinnert hat. Er weinte nie und zeigte niemals Unruhe. Mírzá Buzurg erkannte, daß unter all seinen Söhnen und Töchtern dieser Sohn, Mírzá Husayn-Alí, etwas Besonderes war. Der Leser wird sich erinnern, daß Tákur im Distrikt Núr die Heimatstadt Mírzá Buzurgs und seiner Vorfahren war. Dort hatte er ein palastartiges Wohnhaus errichtet, und Bahá'u'lláh verbrachte immer einen Teil des Jahres in Tákur, in der Regel die Sommermonate. Mírzá Buzurg hatte an gut sichtbarer Stelle des Hauses mit eigener Hand in meisterlichen Schriftzügen folgende Zeilen geschrieben:

Wenn du an die Schwelle des Geliebten kommst, sag "Ja",
Denn weder "salám" noch "`alayk" genügen hier.¹
Dies ist das Tal der Liebe, halt an deinen Schritt!
Dies ist heiliger Boden: Zieh' die Schuhe aus!²
Diese Zeilen von Mírzá Buzurg sind bis auf den heutigen Tag erhalten.


¹ Salám bedeutet "Frieden", `alayk bedeutet "mit dir"
² Diese Worte hörte Moses auf dem Berge Sinai, als Er sich dem Brennenden Busch näherte.


#35

(Bildlegende: Ein Muster der kunstvollen Schrift von Mírzá Buzurg-i-Núrí)


Als Bahá'u'lláh ein Kind von fünf oder sechs Jahren war, sah Er sich im Traum in einem Garten, wo riesige Vögel über Seinem Haupt flogen und Ihn angriffen; doch sie konnten Ihm nichts anhaben. Danach ging Er ans Meer, um zu baden, und wurde dort von Fischen angegriffen; aber auch sie konnten Ihm keine Wunde zufügen. Bahá'u'lláh erzählte diesen merkwürdigen Traum Seinem Vater, und Mírzá Buzurg ließ einen Traumdeuter kommen. Nachdem dieser seine Berechnungen angestellt hatte, sagte er zu Mírzá Buzurg, das Meer in seiner Unermeßlichkeit sei die Welt in ihrer Gesamtheit, und die Vögel und Fische seien die Völker der Welt, die seinen Sohn angriffen, weil Er etwas Lebenswichtiges verkünden werde, das die Herzen der Menschen beträfe. Sie hätten aber keine Macht, Ihm etwas anzutun, denn Er werde über sie alle triumphieren und eine hochbedeutsame Sache verwirklichen.

Es wird berichtet, daß eines Tages, als Mírzá Husayn-`Alí sieben Jahre alt war, Seine Eltern Ihm zuschauten, wie Er so einherging, wobei Seine Mutter die Bemerkung machte, Er sei ein wenig klein an Gestalt. Der Vater antwortete: "Das macht nichts. Weißt du denn nicht, wie klug Er ist und welchen wunderbaren Geist Er hat!"

Ausbildung und Unterricht, die Mírzá Husayn-`Alí erhielt, waren nach Art und Umfang geringfügig, wie Er selbst in dem Sendschreiben an Násiri'd-Dín Sháh erklärt hat: »Die Gelehrsamkeit der Menschen studierte Ich nicht; ihre Schulen betrat Ich nicht. Frage nach in der Stadt, wo Ich wohnte, und sei dessen wohl versichert, daß Ich nicht zu denen gehöre, die falsch reden.«


#36

Damals wurden die Söhne aus vornehmen Familien in Dingen unterwiesen, die ihrer Lebensstufe angemessen waren, wie zum Beispiel Reiten, ein Gewehr handhaben, das Schwert führen, die Kunst der Kalligraphie, Bekanntschaft mit den Werken der großen klassischen Dichter des Landes und eine durch Lektüre erworbene Kenntnis des Heiligen Buches, des Qur'án; darüber hinaus gab es kaum noch etwas. Sie erhielten diesen Unterricht von Hauslehrern, die von den Eltern zu diesem Zweck angestellt wurden und die ihnen ebenfalls gutes Benehmen beizubringen hatten.

Als jedoch Mírzá Husayn-Alí, der Sohn des Vazír-i-Núrí, heranwuchs, verbreitete sich alsbald der Ruf Seines scharfen Verstandes und wachen Geistes, Seines aufrechten Charakters und Seiner gütigen, mitleidvollen, wohlwollenden Art.

Menschen aus allen Kreisen bemerkten an dem vierzehnjährigen Mírzá Husayn-`Alí Seinen ungewöhnlichen Verstand, Seine vollendete Überlegenheit in der Beweisführung und Seine beispiellose Wortgewalt in der Erklärung und Darlegung. Doch war Er niemals anmaßend oder streitlustig, vielmehr höflich und nachsichtig. Nur eines gab es, was Seinen Zorn erregte: wenn man irgendwo in unehrerbietiger Weise von den Boten Gottes und Seinen Erwählten sprach. Aber auch dann ermahnte Er den Missetäter in Güte und Ruhe.

In einem Sendschreiben an einen Bahá'í aus Shíráz erzählt Bahá'u'lláh eine Begebenheit aus Seiner Kindheit, als zwei Geistliche, die riesige Turbane trugen, mit Frauen in deren Gemächern theologische Fragen erörterten. Eine der Fragen war, ob der Engel Gabriel eine höhere Stufe innehabe als Qanbar, der Sklave Alís (des ersten Imám), der seinem Herrn sehr ergeben war. Eine weitere Frage betraf die Stufe von Abbás, dem Bruder Husayns (des dritten Imám), der mit dem Imám in Karbilá den Märtyrertod erlitt; war sein Rang höher als der von Salmán dem Perser (Salmán-i-Fársí), einem der Gefährten des Propheten Muhammad? Bahá'u'lláh erinnert sich in dem Sendschreiben, daß Er über Form und Geist dieser Erörterung verwundert war; denn wenn Gabriel, wie in dem heiligen Buch zu lesen ist, der Eine war, durch den der Heilige Geist auf das Herz des Apostels Gottes herniederstieg, dann konnte nicht einmal Qanbars Meister Zugang zu dieser Sphäre haben.


#37

In Yálrúd lebte ein Mujtahid (Rechtsgelehrter) namens Shaykh Muhammad-Taqí (s. Anhang V), der im ganzen Land hoch angesehen war. Er hatte einen Kreis von eintausend Theologiestudenten um sich geschart, denen er Unterricht gab und auch von Zeit zu Zeit eine knifflige Frage vorlegte, die sie zu lösen hatten. Wenn Bahá'u'lláh zu Seinem Haus in Tákur zurückkehrte, machte Er für gewöhnlich eine Zeitlang in Yálrúd halt und besuchte den Mujtahid, der mit Seiner eigenen Familie weitläufig verwandt war.¹ `Abdu'l-Bahá hat beschrieben, wie Seine Großmutter, die in Yálrúd² wohnte, eines Tages zur Morgendämmerung zum Haus des Mujtahid ging, um zu beten. Nach dem Morgengebet erzählte ihr Shaykh Muhammad-Taqí, er habe für sie eine ausgezeichnete Nachricht. Im Traume habe er selbst sich außerhalb eines Hauses befunden, das niemand betreten durfte, weil nach Auskunft des Torwächters drinnen der Qá'im aus dem Hause Muhammads mit Mírzá Husayn-`Alí aus Núr eine vertrauliche Unterredung führe. Der Mujtahid hatte zuerst sein Erstaunen geäußert, daß der Sohn eines Wesirs ein derartiges Vorrecht genießen sollte; doch als ihm ihre entfernte Verwandtschaft einfiel, führte er das Vorrecht auf diese Tatsache zurück.

¹ siehe Anhang V S.549
² Yálrúd war der Geburtsort von Asíyih Khánum, der späteren Frau Bahá'u'lláhs.


Als Mírzá Husayn-Alí während eines Besuches in Yálrúd mit Shaykh Muhammad-Taqí und anderen Gelehrten und Geistlichen zusammensaß, baten Ihn die Anwesenden, eine Frage zu lösen, die sie nicht zur Zufriedenheit des Mujtahid hatten beantworten können. Es ging um folgendes: Eine islamische Überlieferung besagt, daß "Fátimih die beste der Frauen dieser Welt ist, außer der einen, die aus Maria geboren ist". Da aber Maria keine Tochter hatte - was bedeutete dieses Rätsel? Bahá'u'lláh gab zur Antwort, daß die Ausgangsbehauptung nachdrücklich die Unmöglichkeit einer Alternative betone, weil es keine Frau geben könne, die mit Fátimih vergleichbar sei. Es sei genauso, als ob man sagen wolle, ein bestimmter Herrscher sei der größte aller Könige der Welt, mit Ausnahme dessen, der vom Himmel herabkomme. Da noch nie ein König vom Himmel herabgekommen sei oder jemals herabkommen werde, würde die Einzigartigkeit dieses einen Herrschers nur noch unterstrichen. Bahá'u'lláhs Erklärung ließ den großen Mujtahid verstummen; doch am nächsten Tag machte er seinen Schülern Vorhaltungen, weil sie ihn so schändlich im Stich gelassen hätten. "Ich unterrichte und bilde euch jahrelang aus," klagte er, "aber wenn es wirklich darauf ankommt, treffe ich euch ohne Verständnis an, während ein Jüngling ohne Turban das Problem, das ich euch vorlege, ausgezeichnet löst."


#38

Ein andermal hatte Shaykh Muhammad-Taqí einen Traum: Er kam in ein Zimmer, voll mit Truhen, die - wie man ihm sagte - Bahá'u'lláh gehörten. Er öffnete eine der Truhen und fand sie ganz mit Büchern angefüllt, und alle Zeilen dieser Bücher waren mit Edelsteinen besetzt, von deren Funkeln er nach eigenen Angaben erwachte.

Mírzá Abu'l-Fadl-i-Gulpáygání erzählt in einem seiner Bücher, was er selbst von einem Geistlichen gehört hat. In einer Versammlung, in der Bahá'u'lláh zugegen war, ließ sich Mírzá Nazar-`Alí aus Qazvín¹ , ein gefeierter geistlicher Führer der Súfí, der bei Muhammad Sháh in hohem Ansehen stand, des längeren über die Stufe aus, die ein Mensch erreichen könne. Auf sich selbst bezogen, sprach er: "Sollte mein Diener zu mir kommen und sagen, Jesus Christus stünde vor der Tür und verlange nach mir, so wäre meine Loslösung derart, daß ich kein Verlangen bekunden würde, Ihn zu sehen." Einige der Anwesenden sagten nichts, andere pflichteten aus Schmeichelei leise murmelnd bei. Nur Mírzá Husayn-Alí sprach Seine Meinung deutlich aus. Er wandte sich an den Prahler aus Qazvín, der einer Manifestation Gottes solche Mißachtung bekundet hatte, und sagte: »Sie stehen der Person des Herrschers sehr nahe, und er ist Ihnen sehr ergeben; aber angenommen, der Hauptscharfrichter kommt mit zehn Männern an diese Tür und sagt zu Ihnen, der Herrscher wünsche Sie zu sehen: Würden Sie es gelassen aufnehmen, oder wären Sie beunruhigt?«² Mírzá Nazar-`Alí zögerte etwas, dann antwortete er: "Um die Wahrheit zu sagen, ich hätte Angst." »Wenn das so ist,« sagte Bahá'u'lláh, »sollten Sie keine solche Behauptung aufstellen.«² Wie Mírzá Abu'l-Fadl angibt, machte Bahá'u'lláhs gebieterische Erklärung alle sprachlos.

¹ siehe Anhang V S.551
² Die Worte, die Bahá'u'lláh in dieser Anekdote spricht, sind keine wörtliche Wiedergabe dessen, was Er tatsächlich sagte.


Als Bahá'u'lláh ungefähr fünfzehn Jahre alt war, heirateten Seine ältere Schwester Sárih Khánum und Mírzá Mahmúd, der Sohn des Mírzá Ismá`íl-i-Vazír aus Yálrúd. Dieser Mírzá Mahmúd, der den neuen Glauben nie angenommen hat, hatte eine jüngere Schwester mit Namen Asíyih Khánum, die reizend, lebhaft und überaus schön war. Als sie volljährig wurde und Bahá'u'lláh fast achtzehn war, ersuchte Sárih Khánum ihren Vater Mírzá Buzurg, er möchte für ihren Bruder Mírzá Husayn-`Alí um die Hand ihrer Schwägerin bitten. Die Hochzeit fand im Jamádíyu'l-Ukhrá (Jamádíyu'th-Thání) des Jahres 1251 A.H. (etwa Oktober 1835) statt. Asíyih Khánum wurde die Mutter `Abdu'l-Bahás.


#39

(Bildlegende: Mírzá Abu'l-Qásim-i-Faráhání, Qá'im-Maqám)

Selbst wer Seinem Vater feindlich gegenüberstand, hatte große Hochachtung vor Bahá'u'lláh. Zu dieser Kategorie gehörte der Großwesir Hájí Mírzá Aqásí. Zu Recht hatte Mírzá Buzurg den Verdacht gehegt, daß Hájí Mírzá Aqásí in hohem Maße für die Entlassung und Ermordung des großen Staatsmannes Mírzá Abu'l-Qásim Qá'im-Maqám, seines guten Freundes, verantwortlich war. Einmal ging das Gerücht um, Muhammad Sháh habe anstelle des Hájí einen anderen Großwesir eingesetzt, den Amír-Nizám aus Kirmánsháh. Mírzá Buzurg, der damals Gouverneur von Burújird und Luristán war, brachte in einem Brief an Prinz Bahman Mírzá - einen Sturmvogel der persischen Politik, der später nach Rußland flüchtete - seine Freude zum Ausdruck und fügte noch diese Zeile hinzu: "Möge man diesen Dämon vom Sháh fernhalten." Bahman Mírzá, der alles andere als freundlich auf Mírzá Buzurg zu sprechen war, legte den Brief Hájí Mírzá Aqásí vor. Dieser ließ wutentbrannt Mírzá Husayn-Alí kommen, gab Ihm den Brief, den Sein Vater an Bahman Mírzá geschrieben hatte, und sagte: "Schauen Sie sich das an. Ich weiß nicht, was ich Ihrem Vater getan habe, um so etwas zu verdienen." Mírzá Husayn-Alí sagte nichts. Da nahm Mírzá Shafí` Khán Sáhib-Díván, der ebenfalls anwesend war, den Brief zur Hand, besah ihn sich genau und warf ein, um die Wogen zu glätten: "Das hat nicht Mírzá Buzurg geschrieben. Jemand hat seine Schrift nachgeahmt." "Unmöglich!" rief Hájí Mírzá Aqásí aus. "Es gibt keinen, der solch schöne Kalligraphie machen kann, solch ein herrliches Schriftstück, und solche Prosa!" Mírzá Husayn-Alí sagte immer noch nichts. Der Hájí wandte sich wieder an Ihn: "Was soll ich, was kann ich tun? Er ist Ihr Vater. Um Ihretwillen werde ich es zu vergessen suchen und das Vergangene ruhen lassen; aber schreiben Sie Ihrem Vater und geben Sie ihm den Rat, das nicht noch einmal zu tun."


#40

(Bildlegende: Bahá'u'lláhs Heiratsurkunde)





+4 #42

Kapitel 4

Der neue Morgen

Während der Regierungszeit von Muhammad Sháh geschah es im Jahr 1844, daß der von allen Heiligen Schriften der Menschheit vorhergesagte, seit langem ersehnte Tag Gottes strahlend über der berühmten, herrlichen Stadt Shíráz anbrach, der Heimatstadt und letzten Ruhestätte von zwei der größten Gestalten in der íránischen Literatur, Sa`dí und Háfiz. Beide Dichter haben, jeder auf seine Weise, den zukünftigen Ruhm ihrer Stadt und den Aufstieg dieses wundersamen Gestirns, der Sonne der Wahrheit in der Person des Báb, prophetisch vorausgeschaut.

Háfiz schrieb (nach der engl. Übersetzung von H.M.Balyuzi):

Shíráz wird in Aufruhr sein;
ein Mann mit süßen Lippen wird dort weilen,
Und von den Wunderdingen Seiner Lippen
wird das ferne Baghdád auch erzittern.


Und Sa`dí (nach der engl. Übersetzung von H.M.Balyuzi):

Bei Gott! Dies Reich verdient nicht Finsternis und Dunkel -
Dies ist der Thron des Salomo, des Geheimnisses von Gott.


Zur Jahrhundertfeier jenes strahlenden Sonnenaufgangs schrieb der Hüter der Bahá'í-Religion:


#43

»Der 23. Mai 1844 bezeichnet den Beginn des bewegtesten Abschnitts im Heroischen Zeitalter der Bahá'í-Ära, einem Zeitalter, das die ruhmreichste Epoche in dem größten Zyklus einleitet, den die Geistesgeschichte der Menschheit bisher kennt. Nur neun kurze Jahre währte dieser überaus eindrucksvolle, tragische, an Ereignissen so reiche Zeitabschnitt des ersten Bahá'í-Jahrhunderts. Er wurde eingeleitet durch die Geburt einer Offenbarung, deren Träger die Nachwelt als den "Punkt, um den die Wirklichkeiten der Propheten und Sendboten kreisen", verherrlichen wird, und er wurde beendet durch die ersten Regungen einer noch machtvolleren Offenbarung, "deren Tag," wie Bahá'u'lláh selbst bezeugt, "durch alle Propheten angekündigt ist", nach der "die Seele jedes göttlichen Sendboten lechzte" und durch die "Gott die Herzen aller Seiner Boten und Propheten geprüft hat." ... An dramatischer Wucht, in der Geschwindigkeit, mit der hier Ereignisse von folgenschwerer Bedeutsamkeit einander jagten, in den Strömen von Blut, mit denen er bei seiner Geburt getauft wurde, in den seltsamen Begleitumständen des Märtyrertodes Dessen, Der ihn eingeleitet hat, sowie in den ihm von Anbeginn an innewohnenden Möglichkeiten und den Kräften, die er schließlich auslöste, kann dieser Zeitabschnitt von neun Jahren mit Recht als einzigartig im gesamten religiösen Geschehen der Menschheit betrachtet werden. Wenn wir zurückblickend die Ereignisse dieses ersten Aktes des erhabenen Dramas überschauen, so sehen wir die Gestalt seines Haupthelden, des Báb, wie sie gleich einem Meteor über den Horizont von Shíráz hinfährt, den düsteren Himmel Persiens von Süd nach Nord überquert, wie sich ihre Bahn mit tragischer Schnelle neigt, um in einem Ausbruch strahlenden Glanzes zu vergehen. Wir sehen Seine Trabanten, eine Sternenwolke gotterfüllter Helden, wie sie sich am nämlichen Horizont erheben, die gleiche lichte Glut verbreiten, sich mit ebensolcher Schnelligkeit verzehren und so auch ihrerseits die stetig wachsende Triebkraft des werdenden Gottesglaubens stärken ...« (GGV S.3)

»Der Auftakt zum ersten Akt dieses großen Dramas spielte sich im oberen Gelaß der bescheidenen Wohnung eines Kaufmannssohnes in Shíráz ab, die in einem dunklen Winkel dieser Stadt lag, und fällt in die Stunde vor Sonnenuntergang am 22. Mai 1844. Die beiden Hauptpersonen waren der Báb, ein fünfundzwanzig Jahre alter Siyyid von reiner und heiliger Abkunft, und der junge Mullá Husayn, der erste, der an Ihn glauben sollte. Ihr Zusammentreffen unmittelbar vor dieser Unterredung hatte den Anschein des rein Zufälligen. Die Unterredung selbst erstreckte sich bis zur Stunde der Morgendämmerung. Der Gastgeber blieb mit Seinem Gaste ganz allein, und die schlafende Stadt ahnte nicht im geringsten, welche Bedeutung dem Gespräch zukam, das sie dort miteinander führten. Außer dem bruchstückhaften, aber höchst aufschlußreichen Bericht aus dem Munde Mullá Husayns ist der Nachwelt keine Schilderung dieser einzigartigen Nacht überliefert.« (GGV S.3)


#44

»"Ich saß bei Seinen Worten ganz gebannt und hatte die Zeit und die, die auf mich warteten¹, vergessen", so berichtet er selbst im Anschluß an eine Wiedergabe seiner an den Gastgeber gerichteten Fragen und der schlüssigen Antworten, die er von Ihm darauf erhalten hatte - Antworten, die auch nicht den leisesten Zweifel übrig ließen, daß Sein Anspruch, der verheißene Qá'im zu sein, zu Recht bestand. "Plötzlich ließ der Ruf des Mu'adhdhin <Muezzin>, der die Gläubigen zum Morgengebet rief, mich aus dem Zustand der Verzückung, in den ich offenbar verfallen war, erwachen. Mir war, als hätte ich alle Wonnen, alle unaussprechlichen, dem Volk des Paradieses vom Allmächtigen in Seinem Buch <dem Qur'án> als unschätzbarer Besitz verheißenen Herrlichkeiten in jener Nacht gekostet und mich an einem Ort befunden, von dem mit Recht gesagt wird: `Dort wird uns keine Plage erreichen und keine Müdigkeit überkommen', `kein eitles Geschwätz wird da zu hören und keine Falschheit zu vernehmen sein, nichts als nur der Ruf: "Friede! Friede!"'; `der Ruf, der dort erschallt, wird "Ruhm sei Dir, o Gott" sein, und ihr Gruß wird "Friede!" lauten und mit "Preis sei Gott, dem Herrn aller Geschöpfe!" enden.` Der Schlaf floh mich in jener Nacht. Ich war im Banne der Melodie jener Stimme, die sich im Gesange hob und senkte - jetzt, da Er die Verse des Qayyúmu'l-Asmá offenbarte, mächtig anschwellend, dann wieder, beim Singen der von Ihm geoffenbarten Gebete, in ätherischen, zarten Harmonien erklingend. Am Schluß jeder Anrufung wiederholte Er den Vers: `Weit entfernt von der Herrlichkeit deines Herrn, des Allherrlichen, sind die Dinge, die Seine Geschöpfe über Ihn aussagen! Friede sei auf Seinen Sendboten! Und Preis sei Gott, dem Herrn über alles Sein!`"« ... (GGV S.4)

¹ Es waren dies sein Bruder, sein Neffe und andere Weggefährten, die gemeinsam - wie von einem Magneten bei ihrer Suche hierher gezogen - von Karbilá nach Shíráz gekommen waren. Ihr Lehrer und Führer Siyyid Kázim-i-Rashtí (der einige Monate zuvor gestorben war) hatte ihnen befohlen, wachsam zu sein, da die Ankunft des Sáhibu'z-Zamán (des Herrn des Zeitalters), des Qá'im aus dem Hause Muhammads, unmittelbar bevorstehe. (H.M.B.)


#45

»Das Studium des "ersten, bedeutendsten und machtvollsten" aller Bücher des Bábí-Schrifttums, des berühmten Kommentars zur Súrih Joseph, dessen erstes Kapitel, wie wir mit Bestimmtheit wissen, in seiner Gesamtheit während jener Nacht der Nächte aus der Feder Seines göttlichen Offenbarers strömte, wirft ein noch bezeichnenderes Licht auf diese Episode, welche die Erklärung der Sendung des Báb kennzeichnet. Wie schon die Schilderung der Ereignisse durch Mullá Husayn, so künden auch die ersten Seiten jenes Buches von der Macht und Kraft dieser schwerwiegenden Erklärung. Der Anspruch, tatsächlich das von den Propheten vergangener Zeitalter verheißene Sprachrohr Gottes selbst zu sein; die gleichzeitige Versicherung, daß Er dabei auch der Herold eines unermeßlich Größeren als Er selbst sei; ferner der schallende Aufruf, den Er an die Könige und Fürsten der Erde richtete, und Seine düsteren Warnungen an die höchste Obrigkeit des Reiches, Muhammad Sháh; Sein Rat an Hájí Mírzá Aqásí, Gott zu fürchten, und der bestimmte Befehl an ihn, seiner Würde als Großwesir des Sháh zu entsagen und sich ganz dem "Erben der Erde und all dessen, was darinnen ist", zu unterwerfen; der Aufruf an die Herrscher der Welt, in welchem Er die Unabhängigkeit Seiner Sache verkündet, auf die Vergänglichkeit ihrer nur kurze Zeit währenden Machtfülle verweist und sie auffordert, "allesamt ihre Herrschaft niederzulegen" und Seine Botschaft in "alle Lande im Osten und im Westen" zu tragen - dies alles macht die hervorstechenden Merkmale jener ersten Mitteilung aus, die die Geburt und den Beginn des ruhmreichsten Zeitalters im Geistesleben der Menschheit darstellt und deren Datum für immer festgelegt hat.« (GGV S.4)

Der Báb (das Tor) gab Mullá Husayn-i-Bushrú'í - der bald als Bábu'l-Báb (das Tor zum Tor) bekannt werden sollte - den ausdrücklichen Befehl, Seinen Namen (Siyyid `Alí-Muhammad) niemandem zu enthüllen. Er sollte auch keine Andeutung machen, daß er das Ziel seiner Suche erreicht habe, zum Qá'im aus dem Hause Muhammads, dem Sáhibu'z-Zamán, geführt worden sei, Ihn erkannt, an Ihn geglaubt und Ihm rückhaltlose Treue geschworen habe. Das Geheimnis dieser glückverheißenden Nacht sollte im Augenblick noch nicht gelüftet werden. Siebzehn weitere Sucher, sagte der Báb, müßten Ihn noch finden und erkennen, jeder ganz auf sich selbst gestellt.

Der Hüter der Bahá'í-Religion fährt fort: »Doch erst nach vierzig Tagen nahm die Aufnahme der übrigen siebzehn Buchstaben des Lebendigen¹ ihren Anfang. Einer nach dem anderen fanden sie aus sich selbst heraus zum Gegenstand ihres Sehnens, der eine im Schlaf, die anderen wachend, einige durch Gebet und Fasten, andere in Träumen und Visionen, und alle wurden unter das Banner des neugeborenen Glaubens eingereiht.« (GGV S.7f)

¹ Bezeichnung für die ersten achtzehn Jünger des Báb, die Ihn von selbst erkannten.


#46

Der letzte, der auf diese Weise hinzukam, der aber dem Range nach sie alle übertreffen sollte, war ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, Mullá Muhammad-Alí aus Bárfurúsh (heute Bábul) in der Provinz Mázindarán. Sofort bei seiner Ankunft in Shíráz stand er dem Báb in einer Hauptstraße von Angesicht zu Angesicht gegenüber und erkannte Ihn, ohne eine einzige Frage zu stellen, an Seiner Körperhaltung und Seinem Gang als den Qá'im aus dem Hause Muhammad. Ihm verlieh der Báb den Namen Quddús, was soviel bedeutet wie "überaus heilig und rein".

Der Kreis der Hurúf-i-Hayy¹, der achtzehn Buchstaben des Lebendigen, war jetzt geschlossen. Sie waren alle in Shíráz - alle außer einem. Diese alleinstehende Gestalt war eine Frau von ungefähr dreißig Jahren, gelehrt, redegewandt, Verfasserin zahlreicher Verse, die Tochter, Nichte und Ehefrau hochangesehener und einflußreicher Theologen aus Qazvín. Sie war sich so sicher und gewiß, daß der Herr des Zeitalters gekommen war und daß demjenigen, der diese erhabene Stufe jetzt für sich beanspruchte, unbedingt zu glauben sei, daß sie ihrem Schwager Mírzá Muhammad-Alíy-i-Qaz-víní, dem Ehemann ihrer jüngeren Schwester und treuen Schüler des Siyyid Kázim-i-Rashtí, bei seiner Abreise aus Karbilá auf der Suche nach dem Qá'im, Dem er seine Treue geloben wollte, einen versiegelten Brief mitgab, welchen er diesem Herrn des Zeitalters mit folgenden Worten überbringen sollte:²

Auf blitzte Deines Angesichtes Strahl, und am Himmel
Erhob sich leuchtend Dein Antlitz wie Sonnenschein.
Da tönt das Wort: "Bin Ich nicht euer Herr?" - "Ja, wahrlich,
Du bist's, Du bist's!" wird unser aller Antwort sein.


¹ Hurúf ist die Mehrzahl von Harf, einem Buchstaben des Alphabets. Hayy, das soviel wie "Lebendig" bedeutet, hat den Zahlenwert achtzehn.

² Ross (Hrsg.): A Persian Anthology, S.72. Nach der englischen Übersetzung von E. G. Browne.


Sie hieß Umm-Salamih. Siyyid Kázim hatte ihr den Namen Qurra-tu'l-`Ayn - Trost meiner Augen - gegeben. Die Bahá'í-Geschichte kennt sie am besten unter dem Namen Táhirih - die Reine -, den ihr Bahá'u'lláh verliehen hat. Obgleich sie niemals in die Gegenwart des Báb gelangt ist, hat sie sich dennoch mit glühendem Eifer, voller Begeisterung, mit Standhaftigkeit und unvergleichlicher Entschlossenheit erhoben, Seinen Glauben zu verkünden und zu verbreiten; auf Seinem Pfad gab sie Familien- und Freundesbande, ja schließlich ihr Leben dahin.


#47

Jetzt rief der Báb Seine Buchstaben des Lebendigen zu Sich und sprach zu ihnen:

»O Meine geliebten Freunde! Ihr seid die Träger des Namens Gottes an diesem Tag. Ihr seid auserwählt worden als die Schatzkammern Seines Geheimnisses. Es geziemt jedem von euch, die Eigenschaften Gottes zu offenbaren und durch eure Taten und eure Worte ein Beispiel zu sein für die Zeichen Seiner Gerechtigkeit, Seiner Macht und Herrlichkeit. Jedes Glied eures Körpers muß Zeugnis ablegen für die Erhabenheit eurer Absicht, die Reinheit eures Lebens, die Wahrheit eures Glaubens und die hohe Stufe eurer Hingabe ... Denkt an die Worte Jesu, die Er an Seine Jünger richtete, als Er sie aussandte, die Sache Gottes zu verkünden. Er hieß sie, sich zu erheben und ihre Aufgabe zu erfüllen, und sprach zu ihnen: `Ihr seid wie das Feuer, das im Dunkel der Nacht auf dem Gipfel des Berges entzündet worden ist. Laßt euer Licht leuchten vor den Augen der Menschen! Euer Wesen muß so rein, eure Entsagung so vollkommen sein, daß die Menschen auf Erden durch euch den himmlischen Vater, der die Quelle der Reinheit und der Gnade ist, erkennen und Ihm näherkommen können... Ihr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz dumm wird, womit soll man salzen? ...` O Meine Buchstaben! Wahrlich, Ich sage euch, unendlich erhaben ist dieser Tag über die Tage der früheren Apostel. Unermeßlich ist der Unterschied! Ihr seid die Zeugen der Morgendämmerung des verheißenen Tages Gottes ... Ihr seid die ersten Buchstaben, die aus dem Ersten Punkt (BÁB) hervorgegangen sind ... Ich bereite euch auf das Kommen eines machtvollen Tages vor ... Das Geheimnis des heraufdämmernden Tages ist jetzt noch verhüllt; es kann noch nicht offenbart oder in seiner Bedeutung gewürdigt werden. Ein neugeborenes Kind jenes Tages wird die weisesten und geachtetsten Männer dieser Zeit übertreffen ... Verbreitet euch über das ganze Land und bereitet sicheren Fußes und geheiligten Herzens den Weg für Sein Kommen. Achtet nicht eurer Schwachheit oder Furcht; heftet euren Blick auf die unüberwindliche Macht des Herrn, eures Gottes, des Allmächtigen. Hat Er nicht in vergangenen Tagen bewirkt, daß Abraham, der dem Anschein nach ohne Hilfe war, über die Streitmacht Nimrods obsiegte? Hat Er nicht Moses, der nur einen Stab zum Gefährten hatte, in den Stand gesetzt, Pharao und seine Heerscharen zu überwinden? Hat Er nicht Jesus, der in den Augen der Menschen klein und niedrig war, über die vereinigte Macht des jüdischen Volkes emporsteigen lassen? Hat Er nicht die barbarischen, kriegerischen Stämme Arabiens der heiligenden, verwandelnden Zucht Muhammads, Seines Propheten, unterworfen? So erhebt euch denn in Seinem Namen, setzt euer Vertrauen ganz auf Ihn und seid gewiß, daß ihr letztlich siegen werdet.¹

¹ Nabíl I S.125ff


#48

Der Báb schickte Mullá `Alíy-i-Bastámí in besonderer Mission nach dem `Iráq, der Hochburg der schiitischen Theologen.¹ Quddús erwählte Er dazu, Ihn auf Seiner Pilgerreise nach Mekka und Medina zu begleiten. Dem Bábu'l-Báb gab Er einen heiligen, erhabenen Auftrag von unermeßlicher Bedeutung, den er in der Hauptstadt Iráns ausführen sollte.

¹ Mullá Alí wurde schon bald von einem Taumel der Hetze und der Gewalt ergriffen, festgenommen, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Man hat bisher immer geglaubt, er sei als Gefangener auf dem Weg nach Istanbul irgendwo im `Iráq (entweder in Mosul oder jenseits dieser Stadt) hingerichtet worden, da man nach seiner Ankunft in Mosul nie mehr etwas von ihm gehört hat. Aber neuere Forschungen in den Staatsarchiven haben den Nachweis erbracht, daß er die Hauptstadt des Osmanischen Reiches erreicht hat und dort erneut vor Gericht gestellt und zu Zwangsarbeit in den Werften verurteilt wurde. Danach fehlt wieder jede Spur von ihm. (Für diese Information ist der Autor Herrn Sami Doktoroglu sehr zu Dank verpflichtet.)





+5 #49

Kapitel 5

Nach dear Hauptstadt des Irán



Nach Saba send' ich dich, o Zephir du, Kiebitz des Morgens,
Beachte wohl, woher du kommst und wohin ich dich schicke.
(Háfiz)


Mullá Husayn war mit einer beneidenswert ruhmreichen Mission betraut worden. Den Charakter dieser Mission hatte der Báb ihm in Worten voller Zuversicht mitgeteilt: »Für die Pilgerfahrt, die Wir nun antreten, haben Wir Quddús zu Unserem Gefährten erwählt. Wir lassen dich zurück, damit du den Anschlägen eines bösartigen, erbarmungslosen Feindes ins Auge schauest. Doch sei dessen gewiß, daß eine unaussprechlich herrliche Gnade deiner harrt. Richte deinen Weg nach Norden und besuche auf dieser Reise Isfahán, Káshán, Qum und Tihrán. Flehe zur allmächtigen Vorsehung, sie möge dir gnädiglich beistehen, in jener Hauptstadt zum Sitz der wahren Herrschaft zu gelangen und in die Wohnstatt des Geliebten einzutreten. Ein Geheimnis liegt in dieser Stadt verborgen. Wenn es offenbart sein wird, dann wird es die Erde in ein Paradies verwandeln. Ich habe die Hoffnung, daß du an seiner Gnade teilhaben und seine Herrlichkeit erkennen mögest. Von Tihrán begib dich nach Khurásán¹ und erhebe dort von neuem den Ruf! Kehre dann zurück nach Najaf und Karbilá und erwarte dort den Ruf deines Herrn! Sei gewiß, daß du die hohe Aufgabe, für die du erschaffen worden bist, voll und ganz erfüllen wirst ...« (Nabíl I S.120f)

¹ Bushrúyih, die Heimatstadt Mullá Husayns, liegt in dieser Provinz. (H.M.B.)


#50

»Und als für Mullá Husayn die Stunde der Abreise gekommen war, machte der Báb ihm in höchst hoffnungsvollen Worten Mut: "Gräme dich nicht, daß du nicht auserwählt worden bist, Mich auf Meiner Pilgerfahrt nach Hijáz zu begleiten. Ich werde dafür deine Schritte nach jener Stadt lenken, die ein Geheimnis von so unbeschreiblicher Heiligkeit birgt, daß weder Hijáz noch Shíráz je hoffen können, ihr gleichzukommen. Ich hoffe, daß es dir mit Gottes Hilfe gelingen möge, die Schleier von den Augen der Eigensinnigen zu lüften und die Herzen der Böswilligen zu reinigen... Sei gewiß, daß die Heerscharen des unsichtbaren Königreichs dir helfen und deine Kräfte mehren werden. Der Inbegriff der Macht wohnt jetzt in dir, und die Scharen Seiner auserwählten Engel umgeben dich. Seine allmächtigen Heerscharen werden um dich sein, und Sein nie versagender Geist wird nicht aufhören, deine Schritte zu lenken. Wer dich liebt, liebt Gott, und wer sich dir widersetzt, hat sich Gott widersetzt. Wer dir Gutes tut, dem wird Gott Gutes tun, und wer dich ablehnt, den wird Gott ablehnen.« (Nabíl I S.128f)

Mullá Husayn war in Isfahán wohlbekannt. Als Siyyid Kázim-i-Rashtí noch lebte, hatte er die berühmte Stadt in dessen Auftrag besucht, um die Anerkennung des gefeierten Mujtahid Hájí Siyyid Muhammad-Báqir-i-Shaftí zu erreichen, der nun aber verstorben war. Jetzt zeigte sich sein Sohn Hájí Siyyid Asadu'lláh genauso freundlich wie ehedem der Vater; freundlich war auch Hájí Muhammad-Ibráhím-i-Kalbásí, ein anderer führender Geistlicher aus Isfahán. Noch entscheidender war die Haltung keines geringeren als Manúchihr Khán Mu`tamidu'd-Dawlihs, des georgischen Gouverneurs von Isfahán, der den Leuten, die sich Mullá Husayn bereits entgegenstellten, keinerlei Aufmerksamkeit schenkte. Da Mullá Husayn den Báb noch nicht mit Namen erwähnen durfte, konnte er nur behutsam eine Anzahl von Personen dahin führen, den neugeborenen Glauben anzuerkennen und ihm anzuhangen. Der erste, der den Glauben annahm, war ein einfacher, begeisterter junger Mann namens Mullá Ja`far, den der Báb in Seinem Buch, dem Bayán, unsterblich gemacht hat. Besser bekannt ist er unter seiner Berufsbezeichnung Gandum-Pák-Kun, der Weizensieber; bei Shaykh Tabarsí ist er gefallen. Der hervorragendste unter diesen neuen Gläubigen war Mullá Sádiq-i-Muqaddas-i-Khurásání, ein angesehener Schüler Siyyid Kazims, der später einer der ganz wenigen war, die das Blutbad in Tabarsí unversehrt überstanden. Er erreichte die Gegenwart Bahá'u'lláhs innerhalb der Stadtmauern von `Akká, wurde als Bahá'í ebenso treu, wie er als Bábí gewesen war, erhielt von Bahá'u'lláh den Ehrennamen Ismu'lláhu'l-Asdaq (der Name Gottes, der Wahrhaftige) und blieb treu und zuverlässig bis an sein Lebensende.¹ Sein Sohn Ibn-i-Asdaq wurde eine der vier von Bahá'u'lláh ernannten Hände der Sache Gottes; Mullá Sádiq selbst wurde nach seinem Tod von Abdu'l-Bahá in den Vorbildern der Treue (S.19) als Hand der Sache bezeichnet.

¹ Einige, die die Bezeichnung Ismu'lláh erhielten, brachen später das Bündnis Bahá'u'lláhs - Männer wie Siyyid Mihdíy-i-Dahijí (Ismu'lláhu'l-Mihdí), Aqá Muhammad-Javád-i-Qazvíní (Ismu'lláhu'l-Javád) und Aqá Jamál-i-Burújirdí (Ismu'lláhu'l-Jamál). Andere blieben treu: Mullá Sádiq (Ismu'lláhu'l-Asdaq), Zaynu'l-Muqarrabín (Ismu'lláhu'l-Zayn), Siyyid `Abdu'r-Rahím-i-Isfahání (Ismu'lláhi'r-Rahim), ebenso Jináb-i-Munír (Ismu'lláhu'l-Muníb), der 1868 in Smyrna starb. Es gab noch andere, die aber bis jetzt noch nicht alle bekannt sind.


#51

In Káshán hielt sich Mullá Husayn nur kurze Zeit auf, doch überbrachte er die Botschaft vom Anbruch des Tages Gottes Hájí Mírzá Jání, einem führenden Kaufmann der Stadt. Er ging weiter nach Qum, wo er jedoch niemanden fand, der ihn anhören wollte, und setzte seinen Weg nach der Hauptstadt Tihrán fort. Hier wohnte das "Geheimnis", von dem der Báb gesprochen hatte, Er, den die Botschaft und die Bitte des Báb erreichen mußten. Mullá Husayn wußte nicht, in welcher Richtung oder auf welchem Wege er dieses Geheimnis suchen sollte. Aber Gott hatte ihn zu dem Qá'im geführt, und er war zuversichtlich, daß er auch diesmal zum Ziel seines Suchens geleitet würde. Er stieg in einem theologischen Seminar ab, der Madrisih (Schule) von Mírzá Sálih, auch Madrisih von Páminár (Páy-i-Minár) genannt nach dem Bezirk Tihráns, in dem sie gelegen war. Hájí Mírzá Muhammad-i-Khurásání, das Oberhaupt der Shaykhí in der Hauptstadt, war zugleich der Direktor dieser Madrisiy-i-Mírzá Sálih. Vergeblich versuchte Mullá Husayn, ihn für die Wahrheit wachzurütteln, daß der Tag Gottes jetzt anbrach. Stattdessen hielt Hájí Mírzá Muhammad dem Mullá Husayn vor, er sei vom Weg Siyyid Kázims abgewichen. Ja noch mehr, er betrachtete Mullá Husayns Anwesenheit in Tihrán als äußerst unerwünscht und als Bedrohung für die Sicherheit und Unversehrtheit der Shaykhí-Gemeinde. Mullá Husayn versicherte ihm, er werde nicht lange in Tihrán bleiben; im übrigen sei er der Meinung, nichts gesagt oder getan zu haben, was die Stufe und den Rang von Shaykh Ahmad-i-Ahsá'í oder Siyyid Kázím-i-Rashtí herabsetzen könnte.


#52

(Bildlegende: Einige Persönlichkeiten am Hofe von Muhammad Sháh: Der Knabe in der Bildmitte ist der Kronprinz Násiri'd-Dín, der spätere Násiri'd-Dín Sháh. Hinter ihm steht Mírzá Abu'l-Qásim, der Qá'im-Maqám; rechts von ihm Hájí Mírzá Aqásí. Ganz links im Bild ist Manúchihr Khán Mu`tamidu'd-Dawlih zu erkennen, der Gouverneur von Isfahán. Zwischen diesem und dem Qá'im-Maqám steht Mírzá Abu'l-Hasan Khán-i-Ilchí, der persische Botschafter in Großbritannien und das Urbild des "Mirza Firouz" in Moriers Hajji Baba of Ispahan. (Auf einem anderen Exemplar dieses gleichen Bildes wird die zentrale Gestalt als Násiri'd-Díns Halbbruder Abbás Mírzá bezeichnet.)


Um sich Hájí Mírzá Muhammad-i-Khurásání nicht noch mehr zum Feind zu machen, hielt sich Mullá Husayn von der Madrisih von Mírzá Sálih fern, soviel er irgend konnte. Schließlich hatte ihn ja eine unendlich höhere Absicht nach Tihrán geführt, als sich mit diesem Geistlichen der Shaykhí einzulassen. Früh am Morgen verließ er die Schule, und erst nach Sonnenuntergang kehrte er in sein Zimmer zurück. Von Mullá Muhammad-i-Mu`allim (Lehrer oder Repetitor), der aus dem Bezirk Núr in Mázindarán stammte, haben wir den folgenden Bericht, wie Mullá Husayn ans Ziel seiner Suche gelangte und den hohen Auftrag erfüllte, mit dem ihn der Báb betraut hatte:



#53

»... Ich galt damals als einer der Lieblingsschüler des Hájí Mírzá Muhammad und wohnte in derselben Schule, an der er lehrte. Mein Zimmer lag neben dem seinen, und wir hatten enge Verbindung miteinander. An dem Tag, als seine Unterredung mit Mullá Husayn stattfand, konnte ich das ganze Gespräch von Anfang bis Ende verfolgen und war von der Begeisterung, der Redegewandtheit und dem Wissen dieses unbekannten jungen Mannes tief beeindruckt. Die ausweichenden Antworten und das anmaßende, geringschätzige Verhalten Hájí Mírzá Muhammads setzten mich in Erstaunen. Ich fühlte mich an diesem Tag von dem gewinnenden Wesen des jungen Mannes sehr angezogen und ärgerte mich über das völlig unpassende Benehmen meines Lehrers ihm gegenüber. Doch verbarg ich meine Gefühle und tat so, als ob ich von seinem Gespräch mit Mullá Husayn nichts wüßte. Der brennende Wunsch erfaßte mich, diesen näher kennenzulernen, und so entschloß ich mich, ihn zu mitternächtlicher Stunde aufzusuchen. Er war auf meinen Besuch nicht vorbereitet; doch klopfte ich an seine Tür und fand ihn wachend neben seiner Lampe sitzen. Er empfing mich sehr liebevoll und sprach überaus höflich und freundlich mit mir. Ich schüttete ihm mein Herz aus, und als ich ihn ansprach, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. "Jetzt erkenne ich den Grund," sagte er, "warum ich mich für diese Wohnung hier entschieden habe. Dein Lehrer hat diese Botschaft verächtlich zurückgewiesen und ihren Urheber geschmäht; sein Schüler wird hoffentlich, anders als sein Lehrer, ihre Wahrheit anerkennen. Wie heißt du, und in welcher Stadt bist du zu Hause?" "Ich bin Mullá Muhammad," erwiderte ich, "und mein Beiname ist Mu`allim. Ich komme aus Núr in der Provinz Mázindarán." "Sag mir," forschte Mullá Husayn weiter, "gibt es in der Familie des verstorbenen Mírzá Buzurg-i-Núrí, der für seinen vornehmen Charakter, seine Liebenswürdigkeit und seine künstlerischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten so hoch angesehen war, heute noch jemanden, der die Voraussetzungen mitbringt, die hohe Tradition dieses berühmten Hauses weiterzuführen?" "Ja," erwiderte ich, "unter seinen jetzt lebenden Söhnen zeichnet sich einer durch dieselben vornehmen Charakterzüge aus, die sein Vater besaß. Er hat sich durch Sein rechtschaffenes Leben, Seine Vollkommenheiten, Seine liebevolle Güte und Großzügigkeit als würdiger Sohn eines edlen Vaters erwiesen." "Was ist Sein Beruf?" "Er tröstet die Verzweifelten und nährt die Hungrigen," antwortete ich. "Wie ist Sein Rang, Seine Stellung?" "Er hat nichts dergleichen, Er tut nur den Armen und Fremden Gutes." "Wie heißt Er?" "Husayn `Alí." "In welchen Schriftarten Seines Vaters zeichnet Er sich aus?" "Seine Lieblingsschrift ist Shikastih-nasta`líq." "Womit verbringt Er Seine Zeit?" "Er streift durch die Wälder und freut sich an den Schönheiten des Landes." "Wie alt ist Er?" "Achtundzwanzig Jahre." Der Eifer, mit dem Mullá Husayn mich ausfragte, und die sichtliche Beglückung, mit der er jede neue Einzelheit aufnahm, die ich ihm mitteilte, setzte mich sehr in Erstaunen. Noch einmal wandte er mir sein vor Zufriedenheit und Freude strahlendes Angesicht zu und forschte weiter: "Ich nehme an, du triffst Ihn öfter?" "Ich komme oft in Sein Haus," sagte ich. "Willst du Ihm," sagte er, "etwas eigenhändig überbringen, was ich dir anvertrauen werde?" "Ganz sicher," antwortete ich. Da händigte er mir eine in ein Tuch eingewickelte Schriftrolle aus und bat mich, sie Ihm am nächsten Tag in der Morgendämmerung zu übergeben. "Sollte Er geneigt sein mir zu antworten," fügte er hinzu, "würdest du dann so freundlich sein, mir Seine Antwort zu übermitteln?" Ich nahm die Schriftrolle entgegen und machte mich bei Tagesanbruch auf, seinen Wunsch zu erfüllen.« (Nabíl I S.137ff)


#54

»Als ich zu dem Haus von Bahá'u'lláh kam, sah ich Seinen Bruder Mírzá Músá vor der Tür stehen und teilte diesem den Grund meines Besuches mit. Er ging ins Haus und erschien bald wieder mit einem Willkommensgruß. Ich wurde in Seine Gegenwart geführt und übergab die Rolle Mírzá Músá, der sie vor Bahá'u'lláh niederlegte. Dieser bot uns beiden Platz an. Er entfaltete die Rolle, warf einen Blick auf ihren Inhalt und begann, uns einige Stellen daraus laut vorzulesen. Ich saß verzückt da und lauschte dem Klang Seiner Stimme und ihrem melodischen Wohllaut. Als Er eine Seite gelesen hatte, wandte Er sich zu Seinem Bruder und sprach: "Músá, was hast du dazu zu sagen? Wahrlich, Ich sage, wer an den Qur'án glaubt und seinen göttlichen Ursprung anerkennt und dann auch nur für einen Augenblick zögert zuzugeben, daß diese herzbewegenden Worte von derselben schöpferischen Kraft getragen sind, der hat gewißlich in seinem Urteil geirrt und ist vom Pfad der Gerechtigkeit weit abgewichen." Dann sprach Er nichts mehr. Als Er mich verabschiedete, beauftragte Er mich, Mullá Husayn als eine Gabe von Ihm ein Stück russischen Zucker und ein Päckchen Tee mitzubringen und ihm den Ausdruck Seiner Wertschätzung und Liebe zu übermitteln.« (Nabíl I S.138)

»Ich erhob mich und eilte voll Freude zurück zu Mullá Husayn, um ihm das Geschenk und die Botschaft von Bahá'u'lláh zu überbringen. Mit welcher Freude und Begeisterung nahm er sie von mir entgegen! Mir fehlen die Worte, den Überschwang seiner Gefühle zu beschreiben. Er sprang auf, nahm mit geneigtem Haupt das Geschenk aus meiner Hand entgegen und küßte es inbrünstig. Dann schloß er mich in die Arme, küßte mir die Augen und sagte: "Mein innig geliebter Freund! Ich bete darum, daß, wie du jetzt mein Herz erquickt hast, Gott dir ewige Glückseligkeit schenke und dein Herz mit unvergänglicher Freude erfülle." Ich war über Mullá Husayns Verhalten erstaunt. Von welcher Art, so dachte ich bei mir, konnte wohl das Band sein, das diese beiden Seelen vereinte? Was mochte wohl in ihren Herzen eine so innige Gemeinschaft begründet haben? Wie konnte Mullá Husayn, in dessen Augen Pracht und Glanz des Königtums nichts bedeuteten, beim Anblick einer so bescheidenen Gabe aus der Hand Bahá'u'lláhs in solche Freude geraten? Ich zerbrach mir den Kopf darüber und konnte das Geheimnis nicht ergründen.« (Nabíl I S.139)

»Wenige Tage später reiste Mullá Husayn nach Khurásán ab. Als er sich von mir verabschiedete, sagte er: "Sprich zu niemandem über das, was du gehört und erlebt hast. Laß dies ein Geheimnis in deiner Brust bleiben. Gib Seinen Namen nicht preis; denn Leute, die Ihm Seine Stellung neiden, werden sich erheben, Ihm zu schaden. Wenn du meditierst, so bete darum, daß der Allmächtige Ihn beschütze, daß Er durch Ihn die Niedergetretenen erhöhe, die Armen reich mache und die Gestürzten erlöse. Das Geheimnis der Zusammenhänge ist vor unseren Augen verborgen. Uns bleibt die Pflicht, den Ruf des Neuen Tages erschallen zu lassen und allen Menschen diese göttliche Botschaft zu verkünden. In dieser Stadt wird so mancher sein Blut auf diesem Pfade vergießen. Dieses Blut wird den Baum Gottes tränken und ihn erblühen lassen, damit er der ganzen Menschheit Schatten spende.« (Nabíl I S.139f)


#55

Ein zweites Mal hatte die göttliche Vorsehung Mullá Husayn-i-Bushrú'í an sein Ziel geführt - das wichtigste Ziel in der Geschichte der ganzen Menschheit.

Und was geschah mit Mullá Muhammad-i-Mu`allim-i-Núrí, dem unbekannten Shaykhí und Studenten der Theologie, den diese gleiche Vorsehung dahin geführt hatte, Mullá Husayn aufzusuchen und mit ihm in Verbindung zu treten, so daß er ihm den Weg zum Ziel weisen und damit einen unvergleichlichen, heiligen, höchst wichtigen Dienst leisten konnte? Er hat später sein Blut auf demselben Schlachtfeld wie Mullá Husayn vergossen. Ein unversöhnlicher Feind riß dort seinen zarten Körper in Fetzen.


#56

(Bildlegende: Karte des nördlichen Irán mit Mázindarán, Tihrán und einigen Orten, die Bahá'u'lláh in Seinen frühen Jahren besuchte. Kaspisches Meer - Elburs-Gebirge - Bezirk Núr - Demawend - Straße nach Mashhad - Straße nach Qazvín und Tabríz - Straße nach Qum, Káshán, Isfahán und Shíráz sowie nach Kirmánsháh und Baghdád)












+6 #57

Kapitel 6

In der Heimat Seiner Vorfahren

Von dem Tag an, als Mírzá Husayn-Alí, der Sohn des Vazír-i-Núrí, die Sache des Báb angenommen hatte, erhob Er sich mit ganzer Kraft, um diese Sache zu fördern. Es war eine bekannte Tatsache, daß Er nie ein theologisches Seminar besucht hatte, nie einem der berühmten Theologen, Lehrer, Philosophen oder geistigen Führer zu Füßen gesessen war. Bekannt war Er auch als Meister der Beweisführung, als Quell des Wissens und als Muster der Beredsamkeit. Jetzt, da Er zum Verfechter des Glaubens des Báb geworden war, traten diese hohen Eigenschaften noch ausgeprägter, schärfer und deutlicher hervor.

Seine erste Reise zur Verbreitung der Sache des Báb führte Ihn nach Mázindarán, in die Heimat Seiner Vorfahren. Shaykh Muhammad-Taqí, der einflußreiche Geistliche aus Núr, dem wir oben begegnet sind, war schon tot, und jetzt hatte sein Sohn, Shaykh Muhammad, den angesehenen Platz inne. Dieser wußte, daß er Bahá'u'lláhs Sprachgewalt und Kunst der Darlegung niemals erreichen, geschweige denn übertreffen konnte und in Wahrheit weit dahinter zurückbleiben mußte. Als daher Bahá'u'lláh mit unablässigem Bemühen die Kunde vom Erscheinen des Báb im ganzen Bezirk Núr verbreitet hatte und sich eine große Zahl angesehener Bürger, darunter Sein Bruder Mírzá Muhammad-Hasan und ein naher Verwandter, der heldenhafte Muhammad-Taqí Khán, unter dem Banner des neuen Glaubens versammelte, was gleichzeitig bei anderen Leuten - ihr Wortführer war Mírzá `Azízu'lláh, ein Onkel Bahá'u'lláhs - heftigen Widerstand und Feindschaft hervorrief, da sagte Shaykh Muhammad zu alledem gar nichts und verhielt sich ruhig. Seine Schüler ließen jedoch nicht locker und bestanden darauf, er solle sich bemühen, dem Vorgehen Bahá'u'lláhs entgegenzuwirken. Sie bedrängten ihn so sehr, daß er zuletzt nachgab und zwei seiner gelehrtesten, am weitesten fortgeschrittenen Schüler - seine Schwager Mullá `Abbás und Mullá Abu'l-Qásim - damit beauftragte, sich mit Bahá'u'lláh zu treffen und Ihn herauszufordern. Bahá'u'lláh hielt sich gerade in Dárkalá auf.

#58

Als die beiden dort ankamen, gingen sie sogleich zu einer Versammlung, bei der viele Menschen zusammengekommen waren, um Bahá'u'lláh zuzuhören. Er erklärte gerade die innere Bedeutung der allerersten Súrih des Qur'án. Die beiden Abgesandten setzten sich, lauschten in gespannter Aufmerksamkeit und wurden völlig ergriffen. Mullá `Abbás erhob sich als erster; zitternd und mit tränenüberströmten Wangen sprach er zu seinen Landsleuten: "Ihr könnt tun, was ihr wollt; was aber mich betrifft: ich bin sprachlos. Keine Erinnerung und keine Rede sind mir geblieben. Geht und sagt Mullá Muhammad, daß es von jetzt an meine Pflicht ist, an der Schwelle Mírzá Husayn Alís Dienst zu tun." Mullá Abu'l-Qásim war ebenfalls überwältigt; er sprach zu Mullá Abbás: "Gleich dir werde auch ich Ihn niemals verlassen, um einem anderen zu dienen. Auch mein Platz ist an Seiner Tür."

Danach ging Bahá'u'lláh selbst zu dem Dorfe Sa`ádat-Abád, um Mullá Muhammad aufzusuchen. Dieser war sich der eigenen Unfähigkeit bewußt; er ließ sich auf keine Diskussion ein und erfand jeden erdenklichen Vorwand, Ihm auszuweichen. Endlich entschloß er sich, den Qur'án zu befragen. Er nahm das heilige Buch zur Hand und schlug es an beliebiger Stelle auf, machte es aber bald wieder zu, indem er stockend sagte, die Verse auf dieser Seite hätten keine gute Vorbedeutung.

Auf der Reise durch die Heimatprovinz Seiner Vorfahren traf Bahá'u'lláh eines Tages einen jungen Derwisch, der an einem Wasserlauf saß und gerade sein Essen kochte. Als Bahá'u'lláh ihn fragte, was er da mache, erwiderte der junge Mann: "O, ich koche gerade Gott, um Ihn zu verspeisen." Bahá'u'lláh freute sich über die Einfalt seiner Antwort und erwies ihm große Freundlichkeit.

Dieser Derwisch hieß Mustafá Big und stammte aus Sanandij in Kurdistán; er war ein Dichter und benutzte den Künstlernamen Majzúb (`der Hingezogene`). Er wurde so sehr zu Bahá'u'lláh hingezogen und war Ihm so zugetan, daß er Ihm nachfolgte, zu Seinem Lobpreis sang und Bahá'u'lláh zurief: "Zerreiße die Schleier, ... zerreiße die Schleier!" Viele Augenzeugen wurden ihrerseits hingezogen und weihten sich Bahá'u'lláh.





+7 #59

Kapitel 7

Erste Gefängnishaft

Bahá'u'lláhs erste Gefängnishaft stand im Zusammenhang mit der Ermordung von Hájí Mullá Taqíy-i-Baraghání, dem Onkel und Schwiegervater von Qurratu'l-`Ayn. Hájí Mullá Taqí, der auch als Sha-híd-i-Thálith - der Dritte Märtyrer - bekannt geworden ist, war ein engstirniger Geistlicher, ein eingeschworener Gegner alles Neuen, ein Widersacher von Shaykh Ahmad-i-Ahsá'í und Siyyid Kázim-i-Rashtí wie auch ihrer Lehren. Von der Kanzel herab wetterte er gegen sie in verunglimpfender Sprache. Und dies war auch der Grund, warum er eines Tages im Morgengrauen in seiner Moschee ermordet wurde. Den Mord beging ein leidenschaftlicher Bewunderer der Shaykhí-Lehren, der auch öffentlich gestand, er habe Hájí Mullá Taqí wegen seiner zügellosen Sprache den Dolch in den Mund gestoßen; er war aus Shíráz gebürtig und hörte auf die verschiedenen Namen Mírzá Sálih, Mullá Abdu'lláh und Mírzá Táhir der Bäcker. Nach eigenem Zeugnis bei der Vernehmung in Tihrán war er noch nie ein überzeugter Bábí gewesen, vielmehr befand er sich auf dem Weg nach Máh-Kú, um den Báb aufzusuchen und Seine Sache zu erforschen. Doch Mullá Muhammad, der Gatte von Qurratu'l-Ayn, war ebenso fanatisch und rachsüchtig wie sein Vater; so warf er sein Netz weit aus, um sicherzustellen, daß eine Anzahl unschuldiger Bábí verhaftet und nach Tihrán geschafft wurde.

Eines Tages im August 1919 sprach `Abdu'l-Bahá zu einer Anzahl von Bahá'í, die sich im Empfangszimmer Seines Wohnhauses in Haifa versammelt hatten, und erzählte ihnen die Geschichte dieser ersten Gefängnishaft Bahá'u'lláhs. Er sagte, daß vier Männer - unter ihnen der tatsächliche Mörder - nach Tihrán verbracht und im Hause von Khusraw Khán in Gewahrsam genommen wurden. Bahá'u'lláh ersuchte Mírzá Shafí` Khán Sáhib-Díván, er möge Hájí Mírzá Aqásí über den wahren Sachverhalt ins Bild setzen. Der Sáhib-Díván war ein vorurteilsfreier Mann, der großen Einfluß auf den Großwesir hatte; er überbrachte ihm Bahá'u'lláhs Botschaft, die ihn anscheinend auch zufriedenstellte. Darauf ging Bahá'u'lláh mit Seinem Anhang, um den Verhafteten einen Besuch abzustatten, wobei Er ihnen soviel Geld gab, wie sie verlangten. In kurzer Zeit erfuhr ganz Tihrán davon.

#60

Der Mann, der den Mujtahid von Qazvín ermordet hatte und sich auch offen dazu bekannte, merkte jetzt, daß sein Geständnis umsonst gewesen war, und entschloß sich zur Flucht. Eines Nachts brach er (mit seinen Fesseln) bei Schneetreiben aus dem Gefängnis aus und machte sich auf den Weg zum Hause Ridá Kháns, des Turkmenen, eines Offiziers im Dienste von Muhammad Sháh. Statt zum Tor des Hauses zu laufen, schleuderte er listigerweise seinen Wanderstock dagegen. Man öffnete das Tor und legte ein Brett auf den Schnee, über welches der Ausbrecher in das Haus gelangte. Als man am Morgen eine Suchaktion in die Wege leitete, fanden sich von dem Flüchtigen keine Fußspuren. Da Bahá'u'lláh die Häftlinge besucht und ihnen Geld gegeben hatte, kamen die Verwandten des ermordeten Mujtahid aus Qazvín und beschuldigten Bahá'u'lláh, Er habe dem geständigen Meuchelmörder zur Flucht verholfen. Unerschrocken ritt Bahá'u'lláh, begleitet von Farraschen und Reitern, zu dem Ort, wo die Gefangenen in Gewahrsam gehalten wurden. Dort wurde Er verhaftet und ebenfalls gefangengesetzt. Es stellte sich jedoch bald heraus, daß die Anschuldigungen grundlos waren, und so wurde Bahá'u'lláh nach kurzer Haft wieder freigelassen. Was die Verwandten des Hájí Mullá Taqíy-i-Baraghání jedoch nicht wußten, war dies: Bahá'u'lláh selbst hatte angeordnet und auch die Vorkehrungen getroffen, daß Qurratu'l-Ayn aus ihren Klauen befreit wurde.¹

Den Mörder des Mujtahid aber brachte Ridá Khán aus Tihrán hinaus. Abdu'l-Bahá sagte, als man entdeckt habe, was geschehen war, seien eintausend Reiter ausgeschickt worden, um Ridá Khán zu verfolgen, doch sei er nie ergriffen worden. Schließlich hätten alle beide die Festung Shaykh Tabarsí erreicht, wo sie den Märtyrertod starben.

¹ siehe balyuzí: The Báb p.166f





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Kapitel 8

Die Konferenz von Badasht

Die Konferenz von Badasht steht in der Religionsgeschichte der Menschheit einzigartig und einmalig da. Niemals zuvor hatten sich zu Lebzeiten eines Sendboten Gottes Seine Nachfolger versammelt, um als eine Körperschaft über das Wesen ihres Glaubens und über ihren künftig einzuschlagenden Weg zu beraten. Die treibende Kraft hinter dieser Konferenz ohnegleichen, derjenige auch, welcher sie einberufen hatte, war kein geringerer als Mírzá Husayn Alíy-i-Núrí, welcher daraufhin innerhalb der Bábí-Gemeinde als Jináb-i-Bahá¹ bekannt wurde. Der Hüter des Bahá'í-Glaubens hebt folgendes hervor: »Hauptzweck dieser Versammlung war es, die Offenbarung des Bayán durch einen raschen, völligen, dramatischen Bruch mit der Vergangenheit - deren Ordnung, Kirchenwesen, Überlieferungen und Bräuchen - zur Geltung zu bringen. Außerdem sollte die Konferenz darüber beraten, wie der Báb aus Seiner grausamen Festungshaft in Chihríq befreit werden könnte. Der erste Zweck wurde in höchstem Maße erfüllt, während der zweite von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.« (GGV S.35)

¹ Es ist festzuhalten, daß der Name "Bahá'u'lláh" erstmals vom Báb in Seinem Buch, dem Persischen Bayán, erwähnt wird und Mírzá Husayn-Alíy-i-Núrí nach der Konferenz von Badasht unter dem Namen "Jináb-i-Bahá" in der Bábí-Gemeinde bekannt wurde.


Badasht war eine kleine Ortschaft an der Grenze von Mázindarán. Als Bahá'u'lláh in diesem Ort eintraf, mietete Er drei Gärten. Einen davon bestimmte Er für Quddús, Hájí Mullá Muhammad-Alíy-i-Bárfurúshí, den achtzehnten und letzten der Buchstaben des Lebendigen, welcher dem Range nach der erste war. Ein zweiter Garten wurde zum Aufenthalt für Qurratu'l-Ayn bestimmt, die Bahá'u'lláh aus den Gefahren, von denen sie in ihrer Geburtsstadt Qazvín umgeben war, errettet hatte. Bahá'u'lláh selbst hielt sich in dem dritten Garten auf. Nabíl-i-A`zam schreibt:


#62

»... Die in Badasht Versammelten waren einundachtzig an der Zahl, und vom Zeitpunkt ihres Eintreffens an bis zum Tag ihres Auseinandergehens waren sie alle Bahá'u'lláhs Gäste. Jeden Tag offenbarte Er ein Sendschreiben, welches Mírzá Sulaymán-i-Núrí den versammelten Gläubigen vortrug. Jedem einzelnen verlieh Er einen neuen Namen. Er selbst wurde von nun an mit dem Namen Bahá bezeichnet; der Letzte der Buchstaben des Lebendigen erhielt die Bezeichnung Quddús, und Qurratu'l-`Ayn empfing den Titel Táhirih [die Reine]. Für jeden einzelnen der in Badasht Versammelten offenbarte der Báb später ein besonderes Sendschreiben, wobei Er sie jeweils mit dem Namen anredete, der ihnen bei dieser Gelegenheit verliehen worden war. Als später eine Anzahl der weniger flexiblen, konservativeren unter ihren Mitjüngern glaubte, Táhirih beschuldigen zu müssen, sie habe ehrwürdige Traditionen der Vergangenheit in unbesonnener Weise über Bord geworfen, antwortete der Báb, an den man diese Beschuldigungen gerichtet hatte, mit folgenden Worten: "Was soll ich sagen über die, welcher die Zunge der Macht und Herrlichkeit den Namen Táhirih verliehen hat ...?« (Nabíl II S.323)

Tatsächlich war es Qurratu'l-`Ayn, die Reine, die an jenem unvergeßlichen Tag des Frühsommers 1848 zum Entsetzen und zur Bestürzung einer großen Zahl ihrer Mitgläubigen als erste den weithin hallenden Ruf erschallen ließ, sich von den menschengemachten Fesseln der Vergangenheit zu befreien. Den Schleier abgeworfen, das Angesicht geschmückt und entblößt, trat sie vor sie hin, so daß alle es sehen konnten. Vielen war es, als seien sie vom Tag der Auferstehung überrascht worden - was ja in Wahrheit der Fall war. Einer von ihnen, `Abdu'l-Kháliq-i-Isfahání, schnitt sich vor Entsetzen und Empörung die Kehle durch und stürzte schreiend und blutüberströmt aus der Versammlung seiner Glaubensgenossen. Einige andere schlossen sich ihm an und verließen die Versammlung und den Glauben des Báb. Quddús war rasend. Er hielt das blanke Schwert in der Hand, und es sah so aus, als ob er es jeden Augenblick gegen Táhirih gebrauchen wolle. Nabíl schreibt, indem er Shaykh Abú-Turáb zitiert:

#63

»Seine Drohgebärde vermochte sie jedoch nicht zu erschüttern. Ihr Gesichtsausdruck zeigte die gleiche Würde, das gleiche Vertrauen, welches sie vom ersten Augenblick an vor den versammelten Gläubigen an den Tag gelegt hatte. Ein Gefühl freudigen Triumphes erhellte jetzt ihr Antlitz. Sie erhob sich, und unbeirrt durch den Aufruhr in den Herzen ihrer Gefährten richtete sie das Wort an alle, die geblieben waren. Ohne vorheriges Konzept brachte sie ihren Aufruf mit unvergleichlicher Beredsamkeit und tiefster Leidenschaft in einer Sprache vor, die derjenigen des Qur'án in verblüffender Weise ähnelte. Sie beendete ihre Ansprache mit diesem Qur'án-Vers: "Wahrlich, unter Gärten und Strömen sollen die Gottesfürchtigen in der Gegenwart des machtvollen Königs auf dem Sitz der Wahrheit wohnen." Indem sie diese Worte aussprach, warf sie einen verstohlenen Blick in Richtung auf Bahá'u'lláh und Quddús, in solcher Weise, daß es für die Beobachter unmöglich war zu entscheiden, auf welchen der beiden sie anspielte.« (Nabíl II S.325f)
Qurratu'l-`Ayns kühner Aufruf zur Emanzipation kam an einem Tag, an dem Bahá'u'lláh unpäßlich war. Quddús hatte Ihn in Seinem Garten aufgesucht; auch andere Gefährten hatten sich dort um Ihn versammelt. Dann trat Táhirih ein, und wie wir gesehen haben, kam ihr Auftritt einem Donnerschlag gleich. »Ich bin das Wort,« erklärte sie, »welches der Qá'im aussprechen wird, das Wort, welches die Führer und die Großen der Erde zu Flüchtlingen machen wird!« Und ganz zum Schluß sagte sie: »Dies ist der Tag der Fröhlichkeit, des weltweiten Frohlockens, der Tag, an dem die Fesseln des Vergangenen zerrissen sind. Laßt alle, die an dieser gewaltigen Errungenschaft teilhaben, sich erheben und einander umarmen.« (Nabíl II S.326)

Nachdem sich das Spektakel gelegt hatte, nahm Bahá'u'lláh ganz ruhig die Zügel in die Hand. Nabíl-i-A`zam schreibt:

»Dieser denkwürdige Tag und die folgenden Tage brachten die einschneidendsten Veränderungen im Leben und den Gepflogenheiten der versammelten Anhänger des Báb. Die Art ihres Gottesdienstes änderte sich plötzlich und grundlegend. Die Gebetsübungen und feierlichen Handlungen, welche diese ergebenen Gottesanbeter in Zucht gehalten hatten, wurden für immer abgeschafft. Doch kam es unter denen, die sich mit soviel Eifer für die Durchsetzung dieser Reformen erhoben hatten, zu einer großen Verwirrung. Einige verurteilten einen derart radikalen Wandel als Gipfel der Ketzerei und weigerten sich, etwas aufzugeben, was sie als die unverletzlichen Gebote des Islám betrachteten. Manche sahen in Táhirih die einzige Autorität in diesen Fragen und die einzige Person, die von den Gläubigen mit Recht bedingungslosen Gehorsam verlangen konnte. Andere verurteilten Táhirihs Verhalten und hielten sich an Quddús, den sie als den einzigen Stellvertreter des Báb und als denjenigen betrachteten, der allein das Recht habe, in so gewichtigen Fragen zu entscheiden. Wieder andere, die die Autorität sowohl der Tahirih wie auch des Quddús anerkannten, erblickten in dem ganzen Vorfall eine gottgesandte Prüfung, dazu bestimmt, die Aufrichtigen von den Falschen zu trennen und die treu Ergebenen von den Ungetreuen zu unterscheiden.« (Nabíl II S.326)

»... Dieser Spannungszustand hielt einige Tage an, bis Bahá'u'lláh eingriff und in Seiner meisterlichen Art eine völlige Versöhnung zwischen den Gläubigen herbeiführte. Er heilte die Wunden, die dieser scharfe Streit geschlagen hatte, und lenkte den Einsatz der Beteiligten auf den Pfad konstruktiven Dienstes.« (Nabíl II S.64)


#64


¹ nach der englischen Übersetzung in Arberry: The Koran Interpreted,
² Nabíls Bericht, Bd.2, S. 328 f.


Bahá'u'lláh ließ den Versammelten die sechsundfünfzigste Súrih¹ des Qur'án, vortragen, und als sie die Bedeutung, die Anspielungen und die Tragweite dieser Qur'án-Verse im Herzen erfaßt hatten, begriffen sie, daß wirklich der Tag der Auferstehung sie ereilt hatte:

¹ al-Váqi`ah - `Das Ereignis`, oder `Der Schrecken` nach der englischen Übersetzung von A.J.Arberry und nach der Fassung von der Ahmadiyya-Bewegung des Islam 1980, oder in der Übersetzung von Tilman Nagel `die hereinbrechende Katastrophe`.


Wenn das Ereignis eintrifft -
Es gibt nichts, das sein Eintreffen verhindern könnte -,
Dann wird er die einen erniedrigen, die anderen erhöhen.
Wenn die Erde heftig erschüttert wird
Und die Berge zertrümmert werden,
Dann sollen sie zu Staub werden, weithin verstreutem,
Und ihr sollt in drei Ränge gestellt werden:
Gefährten zur Rechten (O ihr Gefährten zur Rechten!)
Gefährten zur Linken (O ihr Gefährten zur Linken!)
Die Vordersten werden die Vordersten sein;
Sie sind es, die dem Throne nahestehen
In den Gärten der Wonne
(Eine große Schar der Früheren Und einige wenige der Späteren),
Auf dicht gewebten Polstern
Lehnend, einander gegenüber.
Ihnen warten Jünglinge auf, die nicht altern,
Mit Bechern und Krügen und Trinkschalen (gefüllt) aus einem fließenden Born -
Keinen Kopfschmerz werden sie davon haben, noch werden sie berauscht sein -,
Und mit den Früchten, die sie auswählen,
Und Fleisch vom Geflügel, das sie begehren mögen,
Und holdselige Mädchen mit großen, herrlichen Augen
Gleich verborgenen Perlen,
Als Belohnung für das, womit sie sich mühten.
Sie werden dort kein eitles Geschwätz noch sündige Rede hören,
Nur das Wort: "Friede, Friede!"¹

¹ Ahmadiyya Bewegung: Der Heilige Qur'án Sure 56:1-26 - Man vgl. auch die anderen Übertragungsversuche in der Übersetzung von Tilman Nagel München 1983 (s. Balyuzi `Der Herr der Herrlichkeit S.64f) sowie von Friedrich Rückert im Ergon Verlag 1996 p.401ff


#65

Bahá'u'lláh hielt sich zweiundzwanzig Tage in Badasht auf. Dann machten sich die Bábí - soweit sie fest und standhaft geblieben waren - mit gestärktem Glauben vom Ort dieser epochemachenden Konferenz auf. Bei dem Dorf Níyálá wurden sie jedoch von allen Seiten angegriffen. Bahá'u'lláh selbst hat Nabíl darüber berichtet:

»Wir waren alle im Dorf Níyálá versammelt und lagerten am Fuß eines Berges, als wir zur Stunde der Morgendämmerung plötzlich von Steinen geweckt wurden, welche die Leute der Umgebung vom Berg herunter auf uns schleuderten. Die Heftigkeit ihres Angriffs ließ unsere Gefährten voll Schrecken und Bestürzung auseinanderlaufen. Ich kleidete Quddús in mein eigenes Gewand und schickte ihn an einen sicheren Ort, wo ich ihn wieder treffen wollte. Als ich dort ankam, stellte ich fest, daß er schon fort war. Keiner unserer Gefährten war in Níyálá zurückgeblieben, außer Táhirih und einem jungen Mann aus Shíráz, der Mírzá `Abdu'lláh hieß. Die Heftigkeit des Angriffs hatte unser Lager gänzlich veröden lassen. Ich fand niemanden, in dessen Obhut ich Táhirih hätte geben können, außer diesem jungen Mann, der bei dieser Gelegenheit einen Mut und eine Entschlossenheit zeigte, die wahrhaft erstaunlich waren. Mit dem Schwert in der Hand und ohne Furcht vor den wilden Angriffen der Dorfbewohner, die herbeieilten, um unser Eigentum zu plündern, sprang er vor, um der Hand der Angreifer Einhalt zu gebieten. Obwohl selbst an mehreren Stellen seines Körpers verwundet, setzte er sein Leben aufs Spiel, um unser Eigentum zu schützen. Ich sagte ihm, er solle von dieser Handlungsweise ablassen. Als sich der Aufruhr gelegt hatte, sprach ich mit einigen der Dorfbewohner und konnte sie von der Grausamkeit und Schändlichkeit ihres Auftretens überzeugen. Später gelang es mir, einen Teil unseres geplünderten Eigentums zurückzubekommen.« (Nabíl II S.328f)





+9 #66

Kapitel 9

Von Badasht nach Shaykh Tabarsí

Von Badasht begab sich Bahá'u'lláh nach Núr, in den Bezirk, aus dem Er stammte. Táhirih übergab Er der Obhut von Shaykh Abú-Turáb-i-Ishtahárdí, der sie an einen sicheren Ort bringen sollte. Unterdessen waren die Gegner in der Hauptstadt - unter ihnen zweifellos Hájí Mírzá Aqásí, der Antichrist der Bábí-Offenbarung - eifrig dabei, ihr Gift zu verbreiten und Muhammad Sháh gegen Bahá'u'lláh einzunehmen, indem sie es so hinstellten, als habe Er einen Aufstand angezettelt. Dann war es nach den Angaben von Nabíl eines Tages so weit, daß Muhammad Sháh erklärte: »Bisher habe ich es abgelehnt, die Dinge in Betracht zu ziehen, die gegen ihn vorgebracht wurden. Meine Nachsicht gründete sich auf meine Anerkennung der Dienste, die sein Vater meinem Lande geleistet hat. Diesmal jedoch bin ich entschlossen, ihn hinrichten zu lassen.«¹ Hájí Mírzá Aqásí verschaffte sich einen entsprechenden Erlaß von Muhammad Sháh und wies einen der hohen Beamten von Mázindarán an, Bahá'u'lláh festzunehmen.

¹ Nabíl II S.329

#67

(Bildlegende: Muhammad Sháh)

#68

In einem Seiner Sendschreiben führt Bahá'u'lláh aus, Er habe den Weg von Badasht nach Núr in gemächlichen Etappen zurückgelegt. Er habe Sháhrúd, den Bezirk von Hizárjaríb, Jaz (Gaz) - südlich von Bandar-Jaz (Bandar-Gaz) am Kaspischen Meer gelegen - und Ashraf besucht, »Dorf für Dorf, Stadt für Stadt«, bis Er Núr erreicht habe. Es war auf dieser Reise, vermutlich während Bahá'u'lláhs Aufenthalt in Bandar-Jaz, daß sich der folgende Vorfall ereignete. `Abdu'l-Bahá erzählt, Bahá'u'lláh sei bei Seiner Ankunft in Bandar-Jaz erkrankt. In dieser Hafenstadt lebte ein Bábí namens Mírzá Masíh, ein Mann mit hervorragenden Eigenschaften. Abdu'l-Bahá beschreibt ihn als eine »Verkörperung des Geistes«, als jemanden, der »nach der Lektüre eines einzigen Verses aus der Feder des Ersten Punktes bemerkte: `Laßt mir diesen Báb; ihr könnt alle anderen haben!`« Nun trat gerade damals, während Bahá'u'lláh sich in Bandar-Jaz aufhielt, der Tod des Mírzá Masíh ein. Bahá'u'lláh hielt eine Gedenkversammlung für ihn ab und schrieb ein Besuchstablet für diesen wunderbaren Menschen.

Während Bahá'u'lláhs Aufenthalt in Bandar-Jaz kam der Erlaß von Muhammad Sháh, der Seine Verhaftung anordnete. Bahá'u'lláh war zu diesem Zeitpunkt Gast einiger hochstehender Persönlichkeiten in der Stadt; diese kamen mit dem russischen Konsul in Bandar-Jaz, einem Perser, zu Bahá'u'lláh und boten Ihm an, mit einem russischen Schiff abzureisen, das dort vor Anker lag. Bahá'u'lláh nahm das Angebot jedoch nicht an, Er ergriff nicht die Flucht. Am folgenden Tag war Bahá'u'lláh bei einer anderen Persönlichkeit jener Gegend zu Gast. Zu dem Festessen war auch der russische Konsul eingeladen. Viele führende Persönlichkeiten aus jenem Bezirk von Mázindarán waren anwesend, um mit Bahá'u'lláh zusammenzukommen. Da traf ein Bote ein und überbrachte die Nachricht vom Ableben Muhammad Sháhs. Der Erlaß von Muhammad Sháh, der Bahá'u'lláhs Festnahme angeordnet hatte, war außer Kraft.

Inmitten dieser Ereignisse hatte man Quddús verhaftet und in der Stadt Sárí im Hause von Mírzá Muhammad-Taqí, einem der führenden Geistlichen in der Provinz Mázindarán, eingesperrt. Táhirih war ebenfalls in Haft. Sie wurde nach Tihrán gebracht und im Amtsgebäude von Mahmúd Khán, dem Kalántar (Bürgermeister) der Hauptstadt, unter Hausarrest gestellt. Dort blieb sie bis zu ihrem Märtyrertod während des Blutbades vom August 1852.

In Badasht hatte Mullá Husayn, der Bábu'l-Báb, als wichtige Persönlichkeit gefehlt. Er war damals gerade zu Gast bei Hamzih Mírzá Hishmatu'd-Dawlih, einem Bruder von Muhammad Sháh (s. Anhang V S.542) und Generalgouverneur von Khurásán, und erfuhr dort höfliche Aufmerksamkeit. Nachdem er das Lager des Generalgouverneurs verlassen hatte, wollte er nach Karbilá gehen; doch nun erreichte ihn ein Sendschreiben vom Báb, das seine Pläne völlig umstieß. Der Báb verlieh ihm darin einen neuen Namen, Siyyid `Alí, schickte ihm Seinen grünen Turban, den er tragen sollte, und wies ihn an, mit einer schwarzen Fahne, die er entfaltet vor sich hertragen sollte, nach Mázindarán zu gehen, um Quddús zu helfen. Dies sei die Schwarze Fahne, von der der Prophet Muhammad gekündet hatte: »Sehen deine Augen die Schwarzen Fahnen aus Khurásán kommen, dann geh eilends hin, selbst wenn du über den Schnee kriechen mußt; denn sie verkünden die Ankunft des verheißenen Mihdí, des Statthalters Gottes.« (Nabíl II S.379)


#69

Auf seinem langen Marsch von Khurásán nach Mázindarán schlossen sich dem Bábu'l-Báb viele Bábí an, die in Badasht gewesen waren. Und indem sie weitermarschierten, kamen immer neue hinzu und reihten sich unter die Schwarze Fahne ein. So wurden es schließlich 300 Gefährten und mehr. In Bárfurúsh (Bábul) - der Heimatstadt von Quddús, der immer noch in Sárí gefangen gehalten wurde - mußten die Bábí wegen der großen Feindseligkeit des Sa`ídu'l-`Ulamá, des rachsüchtigen führenden Geistlichen jenes Bezirks, zu den Waffen greifen, um sich zu verteidigen; und da man Verrat übte und sich an keine Versprechen hielt, mußten sie in aller Eile um das Grabmal des Shaykh Tabarsí, das mitten in den Wäldern von Mázindarán gelegen war, einen Wall aufwerfen und es als Festung ausbauen, in der sie dann belagert wurden.

Als Bahá'u'lláh in Núr von diesen Ereignissen hörte, entschloß Er sich, Shaykh Tabarsí zu besuchen. Nachdem Er Seine Vorkehrungen getroffen hatte, zog Er nach dem Dorf Afrá, das einem gewissen Nazar-`Alí Khán gehörte. Hier unterbrach Er Seine Reise, um für die Insassen der Festung ein reichhaltiges Essen zu bestellen, und schickte Shaykh Abú-Turáb-i-Ishtahárdí voraus, Seine Ankunft anzukündigen. Dann begab Er sich in Begleitung von Nazar-Alí Khán zur Festung, wo Er vom Bábu'l-Báb sehr herzlich empfangen wurde. Man sollte sich vielleicht ins Gedächtnis zurückrufen, daß es Mullá Husayn, der Bábu'l-Báb, gewesen war, der ungefähr vier Jahre zuvor Bahá'u'lláh die Botschaft des Báb überbracht hatte und der daher wußte, wie erhaben die Stufe von Mírzá Husayn-`Alíy-i-Núrí war, den man jetzt als Jináb-i-Bahá kannte. Mullá Husayn war in Staunen versunken, als er Bahá'u'lláh sah und Ihn zum ersten Male sprechen hörte. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf Ihn gerichtet. Bahá'u'lláh billigte alle Vorkehrungen, die man in Shaykh Tabarsí getroffen hatte; was jedoch sehr hier fehle, bemerkte Er, sei die Person des Quddús. Hier ist zu betonen, daß die Bábí sich nicht am Grabmal von Shaykh Tabarsí zusammenfanden, um einen Aufstand gegen die Regierung ihres Landes zu inszenieren, vielmehr um Schutz zu suchen.

#70

Bahá'u'lláh beauftragte Mullá Mihdíy-i-Khu'í, mit sechs Männern nach Sárí zu gehen und die Freilassung des Quddús zu fordern. Dies geschah, und Mírzá Muhammad-Taqí, der führende Mujtahid jener Stadt, hatte Angst, der Forderung nicht nachzukommen. So wurde Quddús nach fünfundneunzig Tagen Haft frei und gesellte sich zu den Gefährten in Shaykh Tabarsí. Bahá'u'lláh selbst verließ mit Nazar-`Alí Khán und Shaykh Abú-Turáb die Festung und begab sich auf dem Weg über Núr nach der Hauptstadt. Er hatte vor, zu der Festung zurückzukehren, um den Gefährten Lebensmittelvorräte und anderen Bedarf zu bringen. Dieses Versprechen hatte Er dem Bábu'l-Báb gegeben.











+10 #71

Kapitel 10

Der Sturz des Hájí Mírzá Aqásí

Der hinterlistige Hájí Mírzá Aqásí, der Antichrist der Bábí-Offenbarung, wußte sehr wohl, daß mit dem Tode von Muhammad Sháh im September 1848 sein Machteinfluß abnehmen und die Zügel des Staates seinen unfähigen Händen entgleiten würden. Daher blieb der Großwesir, sobald es feststand, daß der Sháh ernsthaft erkrankt war, dem königlichen Palast fern. Und als Muhammad Sháh seinen letzten Atemzug tat, war der Großwesir nirgends zu sehen. Er hatte sich viele Feinde gemacht - an wen konnte er sich in der Stunde der Not wenden?

Wie üblich beim Ableben eines Monarchen, geriet die ganze Nation - oder doch der größte Teil von ihr - in einen Zustand der Unsicherheit und Unruhe. In Shíráz zum Beispiel sah sich Husayn Khán Ajúdán-Báshí, mit den Ehrentiteln Nizámu'd-Dawlih und Sáhib-Ikhtíyár, der mit eiserner Faust regiert und nicht nur der Stadt Shíráz, sondern der ganzen Provinz Fárs Respekt vor der öffentlichen Ordnung beigebracht hatte, einem Komplott von zwei der mächtigsten und einflußreichsten Granden der Provinz gegenüber, die fest entschlossen waren, ihn zu verdrängen: dem Oberhaupt des Stammes Qashqá'í und dem stets diplomatischen und vorsichtigen Hájí Mírzá Alí-Akbar Qavámu'l-Mulk. Das gemeine Volk hatte sich diesen beiden zugewandt. Jener Husayn Khán hatte dem Báb Demütigungen zugefügt und über Seine Anhänger und die Mitglieder Seiner Familie Strafen verhängt. Nun konnte selbst er, der ein aufmüpfiges Volk unterworfen und in der Vergangenheit zwei Gouverneure verjagt hatte - darunter Firaydún Mírzá, einen Bruder muhammad Sháhs -, dem Pöbel und den Granden seinen Willen nicht mehr aufzwingen, sondern mußte sich zurückziehen. Man hat nach diesem Zusammenbruch nichts mehr von ihm gehört; seine stürmische Karriere fand ein jähes Ende.


#72

(Bildlegende: Hájí Mírzá Aqásí, Großwesir Muhammad Sháhs, der Antichrist der Bábí-Offenbarung)


Über die Umstände, die zum Sturz des Premierministers selbst führten, berichtet Jahángír Mírzá, ein Bruder von Muhammad Sháh, Verfasser von Táríkh-i-Naw (Neue Geschichte) und Augenzeuge. Hájí Mírzá Aqásí befand sich bereits im Besitz des Briefes, den der Báb an ihn gerichtet und durch Mullá Muhammad `Alíy-i-Zanjání (Hujjat) diesem Antichrist Seines Glaubens hatte überbringen lassen. Dieser Brief muß sein feiges Herz mit Schrecken erfüllt haben.

Es folgt eine Wiedergabe - wenn auch keine wörtliche Übersetzung - dessen, was Jahángír Mírzá schreibt:


#73

Nach dem Ableben des Herrschers rief Hájí Mírzá Aqásí den russischen und den britischen Gesandten zu sich; gemeinsam setzten sie den Brief auf, der die Nachricht dem Thronfolger in Tabríz übermittelte. Dann bekam es Hájí Mírzá Aqásí mit der Angst zu tun und wollte aus persönlichen Gründen [welcher Art auch immer] `Abbás Mírzá, einen jüngeren Sohn des verstorbenen Herrschers, nach `Abbásábád mitnehmen, das sich im Besitz des Hájí selbst befand. Er schickte Mahmúd Pásháy-i-Mákú'í nach Tajrísh - dem Sommersitz im Bezirk Shimrán, wo der Herrscher gestorben war -, um `Abbás Mírzá von dort zu holen; doch konnte dies nicht in die Tat umgesetzt werden. Daraufhin verbrachte Hájí Mírzá Aqásí die Nacht in `Abbásábád, scharte etwa fünfzehnhundert Mákú'í und Iravání um sich und brach nach der königlichen Zitadelle in der Hauptstadt auf. Er nahm die Zitadelle ein und wartete ab. In Tajrísh sammelte Mírzá Nasru'lláh Sadru'l-Mamálik die dort anwesenden Kháns und Höflinge um sich, und man beschloß, alle Granden und Prinzen kommen zu lassen, die sich in der Hauptstadt aufhielten. Die `Ulamá und Mujtahids sollten den Leichnam des verstorbenen Herrschers waschen und in ein Leichentuch hüllen, und danach wollten alle nach Tihrán gehen, den Leichnam im Garten Lálihzár zur Ruhe legen und sich dann zur königlichen Zitadelle begeben. Als jedoch der Leichnam für die Bestattung vorbereitet war, schob man die Überführung auf, denn man befürchtete, es werde in der von Hájí Mírzá Aqásí besetzten Zitadelle zu einer unliebsamen Überraschung kommen. Die Granden und Prinzen kehrten in die Hauptstadt zurück. Jetzt nahm die Mutter des Thronanwärters, Mahd-i-`Ulyá, die Dinge selbst in die Hand. Sie ließ den ausländischen Gesandten mitteilen, daß die Anwesenheit Hájí Mírzá Aqásís und seiner ganzen Gefolgschaft in der königlichen Zitadelle höchst unerwünscht sei. Prinz Bahrám Mírzá Mu`izzu'd-Dawlih, der Bruder von Muhammad Sháh, ging zur Zitadelle und riet dem Hájí zum Abzug. Auch der Artillerieoffizier, der die Wachen in der Zitadelle befehligte, wurde von der Mutter des Thronanwärters angewiesen, den Hájí zum Aufbruch zu zwingen; er richtete seine Kanone auf das nahegelegene Haus von Hájí Mírzá Aqásí. Dieser hatte überdies von der Zusammenkunft aller Prinzen und Granden in Tajrísh erfahren, was seine Angst und Besorgnis noch vermehrte.

Endlich ritt der Hájí aus der Zitadelle aus, nachdem er sich vierundzwanzig Stunden dort aufgehalten hatte. Mit ihm ritten seine Mákú'í und Iravání; doch verließen ihn die meisten und suchten den Garten Khán-Bábá Khán-i-Sardár auf. Der Großwesir war jetzt fast ganz allein; jedesmal, wenn er zu einem Dorf kam, ließen ihn die Bewohner nicht hinein. So machte er sich hilflos mit nur fünfzig oder sechzig Reitern auf den Weg nach Karaj. Am Fluß wurde er von Núru'lláh Khán-i-Sháhsavan eingeholt, der zu seiner Verfolgung aufgebrochen war. Der Hájí hatte sich mit Gewehren und Pistolen voll bewaffnet; einige trug er auf dem Leib, andere waren an seinen Sattel gebunden. Auch führte er Dolche, eine Keule und ein Schwert mit sich. Er feuerte auf Núru'lláh Khán und galoppierte in Richtung auf den Schrein von Sháh `Abdu'l-`Azím. Núru'lláh Khán verfolgte ihn bis an den Vorhof des Schreins, doch der Hájí entschwand in seinem Bezirk. Daraufhin nahm Núru'lláh Khán das Pferd des Hájí, seinen mitgeführten Besitz und auch die Sachen, die den Männern des Hájí gehörten, an sich und ließ sie fast nackt zurück.


#74

Sobald Mírzá Nasru'lláh Sadru'l-Mamálik erfuhr, was dem Hájí zugestoßen war, vermittelte er noch einmal, berichtete der Mutter des Thronanwärters über das Vorgefallene und brachte dann in Begleitung aller Prinzen, Höflinge und Granden sowie der ausländischen Botschafter den Leichnam des verstorbenen Herrschers mit allen militärischen Ehren in die Hauptstadt, wo er im Garten Lálihzár sicher aufgebahrt wurde. Dann schrieb er nach Tabríz, um den neuen Herrscher von allen Vorgängen zu unterrichten.

Nachdem Hájí Mírzá Aqásí aus dem Wege war und nun verlassen und verrufen als Bastí <einer, der in einem Bast oder Heiligtum Zuflucht sucht> im Schrein von Sháh `Abdu'l-`Azím lebte, geschah - wenn wir dem Bericht des Jahángír Mírzá folgen - etwas Unerhörtes: Gewisse Leute sammelten sich um Mírzá Nasru'lláh, der offenbar auch eigene Ziele verfolgte, um über etwas zu reden, was auf eine Republik oder zumindest auf eine konstitutionelle Regierung hinauslief. Der neue Sháh war noch nicht aus Tabríz eingetroffen, als - wie Jahángír Mírzá es ausdrückt - seine entschlossene, tatkräftige Mutter bereits Herrin der Lage war und keinen solchen Unsinn zuließ. Sie unternahm sogleich Schritte, um den Königsschatz zu sichern, und brachte dann mit versteckter Diplomatie fast alle, die sich um den Sadru'l-Mamálik geschart hatten, auf ihre Seite. Sie machte auch einer Reihe von Geistlichen hübsche Geldgeschenke, so etwa dem Aqá Muhammad-Sálih aus Kirmánsháh (der hierauf nach seiner Heimatstadt entsandt wurde, um die Königstreue der Bevölkerung sicherzustellen) und Mírzá `Askarí, dem Imám-Jum`ih von Mashhad, der zu dem gleichen Zweck in diese heilige Stadt geschickt wurde. Dennoch kam es zu Unruhen unterschiedlichster Art, von denen einige im Keim erstickt wurden, wie zum Beispiel die Umtriebe des Muhib-`Alí Khán, des Gouverneurs von Kirmánsháh, und die des Sayfu'l-Mulúk Mírzá, eines Sohnes von Fath-`Alí Sháh, ferner im `Iráq die Unternehmungen des Alláhyár Khán Asafu'd-Dawlih sowie die des `Alí-Sháh Zillu's-Sultán (welche dort rechtzeitig vom britischen Gesandten in Baghdád und vom osmanischen Válí verhindert wurden).


#75

Endlich erreichten Násiri'd-Dín und sein Minister Mírzá Taqí Khán - der Vazír-Nizám, der unterwegs in den Rang des Amír-Nizám erhoben wurde und bald mit dem Titel Amír Kabír noch weiter geehrt werden sollte - die Hauptstadt. Auf königlichen Erlaß hin bezog der neue Großwesir die Häuser des Bastí-Antichristen. Hájí Mírzá Aqásí selbst, der in diesen Wochen beträchtlich gealtert war, wurde seines Reichtums beraubt und erhielt sicheres Geleit nach dem `Iráq, wo er neun Monate später in der heiligen Stadt Karbilá starb.





+11 #76

Kapitel 11

Zweite Gefängnishaft

Im Dezember 1848 machte sich Bahá'u'lláh mit einer Gruppe von Bábí auf den Weg, um Sein Versprechen einzulösen und die belagerte Festung Shaykh Tabarsí ein zweites Mal zu besuchen. In Seiner Begleitung befanden sich Hájí Mírzá Jáníy-i-Káshání¹, Mullá Bá-qir-i-Tabrízí (einer der Buchstaben des Lebendigen), Shaykh Abú-Turáb-i-Ishtahárdí, Aqá Siyyid Hasan-i-Khu'í, Aqá Siyyid Husayn-i-Turshízí (einer der Sieben Märtyrer von Tihrán), Abdu'l-Vahháb Big, Muhammad-Taqí Khán-i-Núrí und Mírzá Yahyá Subh-i-Azal.

¹ Der Kaufmann, der dem Báb in Káshán als Gastgeber gedient hatte; zugleich der erste Chronist Seines Glaubens. Er starb im August 1852 den Märtyrertod.


Aber Bahá'u'lláh konnte Sein Vorhaben nicht ausführen; denn als sie in ein Dorf ungefähr neun Meilen vor Shaykh Tabarsí kamen, wurden sie verhaftet und eingesperrt. Das Dorf war von seinen Bewohnern verlassen, und die Nacht war hereingebrochen, als Bahá'u'lláh und Seine Begleitung dort eintrafen. Die Waffen, die sich mit sich führten, legten sie in einem Raum ab, wo sie vor Feuer geschützt waren, und ließen sich dann zur Nacht nieder. Am nächsten Tag wollten sie die Festung erreichen. Doch im Laufe der Nacht wurde das verlassene Dorf von einem Offizier, der durch Wachtposten und Späher des um Shaykh Tabarsí stationierten königlichen Heeres unterrichtet war, mit einer größeren Zahl von Schützen umstellt. Bahá'u'lláh wurde festgenommen und mit Seinen Gefährten in die Stadt Amul verbracht. General `Abbás-Qulí Khán, der auch Gouverneur von Amul war, hatte sich ins Feldlager des Prinzen Mihdí Qulí Mírzá begeben, und da der Vizegouverneur Muhammad-Taqí Khán-i-Láríjání Bahá'u'lláh erkannte, nahm er Ihn und die Gefährten in sein eigenes Haus auf. Doch als es bekannt wurde, daß man eine Anzahl Bábí verhaftet hatte und der Vizegouverneur sie, statt sie in Fesseln und Ketten zu legen, respektvoll in sein Haus aufgenommen hatte, geriet Amul in hellen Aufruhr. Wie gewöhnlich standen Geistliche dahinter, die immer darauf aus waren, Unheil anzurichten. Die Geistlichen von Amul waren (nach der Beschreibung `Abdu'l-Bahás) besonders für ihre Habgier bekannt. Sie verlangten von Muhammad-Taqí Khán, daß er Bahá'u'lláh zur Moschee bringe. Ihr Gezeter war so schrill, daß dem Vizegouverneur - wenn auch unwillig und mit Bedenken - nichts übrig blieb, als ihrer Forderung nachzukommen. Dann verkündeten die Geistlichen, das Volk solle mit allen seinen Waffen zur Moschee kommen. Am nächsten Tag kamen sie dann: der Metzger mit seinem Beil, der Zimmermann mit seiner Axt. Sie hatten die Absicht, auf Bahá'u'lláh loszugehen und Ihn zu ermorden. Von der Menschenmenge umringt, wurde Bahá'u'lláh zur Moschee geführt, wo Er unter einem der Bögen Platz nahm. Zwei Kaufleute aus Shíráz, Gäste des Gouverneurs, kamen ebenfalls herein und ließen sich nieder. Die Geistlichen waren natürlich in voller Zahl versammelt.


#77

(Bildlegende: Die Moschee in Amul, wo Bahá'u'lláh verhört wurde und die Bastonade erduldete)


#78

Im August 1919 hat `Abdu'lBahá eines Abends im Empfangszimmer Seines Hauses in Haifa die Begebnisse dieses Tages wie folgt erzählt. Einer der Kaufleute aus Shíráz sprach davon, er habe in der Nacht zuvor einen Traum gehabt, dessen Deutung er sich nun wünsche. Als er von Bahá'u'lláh gebeten wurde, seinen Traum zu erzählen, antwortete der Kaufmann: "Ich träumte, der Qá'im aus dem Hause Muhammads sei in dieser Moschee und halte sich einen Finger zwischen die Zähne." "Das ist doch Gotteslästerung!" schrie einer der Geistlichen. Bahá'u'lláh gebot dem hitzigen Priester Einhalt, weil es nichts dergleichen sei; der Finger zwischen den Zähnen sei ein Zeichen des Erstaunens. Die beiden Kaufleute fühlten sich sehr von Bahá'u'lláh beeindruckt. In den Taschen von Hájí Mírzá Jání hatte man bei der Durchsuchung einen Brief in der Handschrift von Siyyid Husayn-i-Kátib, dem Sekretär des Báb, gefunden; dieser Brief war in großer Eile niedergeschrieben, und man konnte ihn nicht lesen. Jemand sagte, nur Mullá `Alí-Ján könne diese Art von Handschrift lesen. Man ließ diesen kommen - einen Mann, den Bahá'u'lláh in der Vergangenheit stets großmütig behandelt hatte. Jetzt zog er es vor, Bahá'u'lláhs Freundlichkeit zu vergessen. Er nahm den Brief zur Hand; doch als er feststellte, daß er ihn nicht lesen konnte, richtete sich sein Augenmerk auf ein Wort, das nach seinem Dafürhalten falsch geschrieben war. Er rief aus, dies sei ein Schriftstück des Báb und verriete Seine Unwissenheit und Seine schlechte Bildung. Bahá'u'lláh führte eine Begebenheit im Leben Muhammads an und einen Ausspruch, den der Prophet damals getan hatte, und bewies damit, daß das von Mullá `Alí-Ján gemeinte Wort überhaupt nicht das war, wofür er es gehalten hatte, daß es vielmehr das richtige Wort und richtig geschrieben war. Mullá `Alí-Ján war beschämt.

Mittlerweile war den Geistlichen etwas Wind aus den Segeln genommen, aber sie gaben nicht auf. Sie bestanden darauf, Bahá'u'lláh solle die Bastonade erhalten. Muhammad-Taqí Khán war bestürzt und sagte ihnen, er könne ihren Urteilsspruch ohne Erlaubnis des Sardár nicht ausführen. Er wolle ihm in dieser Angelegenheit schreiben, aber ein Reiter würde ungefähr vier Stunden benötigen, um nach Shaykh Tabarsí zu gelangen und den Brief auszuhändigen; sie müßten sich so lange gedulden. Seine Fürsprache hatte auf die Geistlichen keine Wirkung. Wütend verlangten sie, daß man ihren Schuldspruch hier und jetzt auszuführen habe. Muhammad-Taqí Khán fand jedoch einen Weg, um ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Wie bereits erwähnt, saß Bahá'u'lláh in der Moschee unter einem Bogen gleich neben der Lehmziegelmauer. Der Vizegouverneur wies seine Männer an, von außen einen Lehmziegel nach dem anderen herauszunehmen, bis sie auf die letzte Lage stießen. Dann brachten sie plötzlich die Mauer zum Einsturz, und durch den nun entstandenen Durchlaß wurde Bahá'u'lláh an einen sicheren Ort geführt. Als bewaffnete Männer das Haus von Muhammad-Taqí Khán umstellten, ging dieser auf das Dach und rief ihnen zu, Mírzá Husayn-`Alí befände sich in seinem Gewahrsam und er werde Ihn erst dann ausliefern, wenn er Nachricht vom Sardár habe. Seine Männer nahmen mit ihren Waffen Verteidigungsstellungen ein und richteten ihre Gewehre auf den aufgebrachten Pöbel, der von der Geistlichkeit angestachelt war. Als die Volksmenge sah, wie die Dinge für sie standen, zerstreute sie sich.


#79

Am nächsten Tag erhielt Muhammad-Taqí Khán einen Brief von `Abbás-Qulí Khán, dem Gouverneur, der ihn dafür maßregelte, daß er Bahá'u'lláh überhaupt verhaftet hatte. Sollte Mírzá Husayn Alí ein Leid zustoßen, erklärte er, würde er die Stadt Amul niederbrennen. Er wünschte sich keine endlose Blutfehde zwischen seiner Familie und der Familie von Mírzá Buzurg-i-Núrí. Muhammad-Taqí Khán zeigte den Geistlichen diesen Brief, doch die wollten sich nicht beschwichtigen lassen und erklärten, Glaubenssachen gingen nur sie etwas an und nicht den Khán. Muhammad-Taqí Khán hatte einen Bruder mit Namen Mírzá Hasan, den `Abdu'l-Bahá als einen "Mann von wilder Natur" beschrieb. Dieser kam in der nächsten Nacht um Mitternacht an und ging sofort zu seines Bruders Haus. Sobald er es betreten hatte, erkundigte er sich, wo Bahá'u'lláh sei und ob man den Brief von `Abbás-Qulí Khán erhalten habe. Als man ihm sagte, Bahá'u'lláh befinde sich hier im Hause und der Brief des Sardár sei tatsächlich angekommen, beruhigte er sich. Gefragt, warum er sich vom königlichen Feldlager entfernt habe, gab er eine einfache Antwort: Er war geflohen. Prinz Mihdí-Qulí Mírzá und `Abbás-Qulí Khán seien ebenfalls geflohen, und keiner wisse, wo sie sich aufhielten. Er sagte, die Bábí hätten einen Ausfall gemacht, hätten alle Befestigungen durchbrochen, das ganze Heer in die Flucht geschlagen und das Holzhaus niedergebrannt, in welchem die Prinzen wohnten. Dann begann Mírzá Hasan die Geistlichen zu beschimpfen, und er fuhr damit am nächsten Morgen fort, als sie kamen, um von Muhammad-Taqí Khán eine endgültige Antwort zu fordern. Er gebrauchte solch auserlesene Worte wie "pidar-súkhtih" (verbrannter Vater), die sie völlig vor den Kopf stießen. "Wenn ihr Männer von Ehrenwort seid," sagte er ihnen, "und einen Jihád wollt, warum kommt ihr dann nicht hinaus nach Shaykh Tabarsí?" Doch sie waren Feiglinge, und auf diese Art herausgefordert, gaben sie auf und verzogen sich.

Jetzt brachten Muhammad-Taqí Khán und Mírzá Hasan alle erdenklichen Entschuldigungen vor und wollten für das gesamte gestohlene Gut Ersatz leisten, doch Bahá'u'lláh nahm nichts an. "Es wurde alles auf dem Pfade Gottes hingegeben," sagte Er.¹

¹ Nach der wortgetreuen Niederschrift von `Abdu'l-Bahás Ansprache vor Pilgern im August 1919, aufgezeichnet von Dr. Lutfu'lláh Hakím.


#80

Nabíl-i-A`zam hat ebenfalls einen Bericht über diese Episode gegeben, der im großen und ganzen den obigen, auf `Abdu'l-Bahás Worten fußenden Absätzen entspricht. Die bedeutsame Ergänzung ist jedoch, daß der Vizegouverneur, sehr in Verlegenheit gebracht durch die hartnäckige Forderung der Geistlichen, welche Bahá'u'lláh in der Moschee verhörten, Er und Seine Gefährten seien als Bábí hinzurichten, den Versuch machte, "die Gemütswallungen unter Kontrolle zu bringen," indem er anordnete, "seine Diener sollten die Ruten fertigmachen und den Gefangenen unverzüglich eine angemessene Strafe erteilen," und daß er außerdem versprach, sie bis zur Rückkehr des Gouverneurs gefangenzuhalten. Hier schritt aber Bahá'u'lláh ein, um zu verhindern, daß Seine Gefährten die Bastonade erhielten; Er bat darum, man möge Ihm an ihrer Stelle die Strafe zumessen. »So sah sich der Vizegouverneur widerstrebend genötigt, Befehl zu geben, daß Bahá'u'lláh allein die unwürdige Behandlung erleiden sollte, die ursprünglich Seinen Gefährten zugedacht war.«¹ Der Hüter des Bahá'í-Glaubens hat in einem Brief vom Januar 1929 an die Gläubigen im Osten erklärt, Bahá'u'lláh habe in Mázindarán die Bastonade erhalten.

¹ Nabíl II S.399

Nabíl gibt auch Bahá'u'lláhs eigene Schilderung von diesem Vorfall wieder, indem er berichtet, was Er darüber gesagt hat:

»Mírzá Taqí war es trotz des Aufruhrs, den Unsere Ankunft hervorgerufen hatte, und trotz des Widerstandes der Ulamá gelungen, Uns aus ihrer Gewalt zu befreien und Uns zu seinem Haus zu führen. Er erwies Uns die herzlichste Gastfreundschaft. Hin und wieder gab er dem Druck nach, den die `Ulamá ständig auf ihn ausübten, und fühlte sich machtlos, ihren Versuchen zu wehren, Uns Schaden zuzufügen. Wir befanden Uns noch in seinem Hause, als der Sardár, der zu dem Heer in Mázindarán gestoßen war, nach Amul zurückkehrte. Kaum war er von den Demütigungen unterrichtet, die Wir erduldet hatten, als er Mírzá Taqí in scharfer Form für seine Schwäche tadelte, die er bewiesen hatte, als er Uns vor Unseren Feinden schützen sollte ... "Du hättest dich damit begnügen sollen, die Leute daran zu hindern, ihren Zielort zu erreichen, und statt sie in diesem Haus in Haft zu halten, hättest du Vorkehrungen für ihre sichere und unverzügliche Rückkehr nach Tihrán treffen sollen."« (Nabíl III S.592f)

#81

Im Brief an den Sohn des Wolfes spricht Bahá'u'lláh wie folgt über Seine zweite Inhaftierung: »Während Wir im Gefängnis des Landes Mím (Mázindarán) eingekerkert waren, wurden Wir eines Tages den Geistlichen ausgeliefert. Du kannst dir gewiß vorstellen, was Uns zustieß.« (WOLF [126] S.77)

Da die Gefahr nun abgewendet war, ging Bahá'u'lláh zurück nach Núr und von dort aus weiter nach Tihrán.





+12 #82

Kapitel 12

Ein bedeutsames Jahr

Das nun folgende Jahr, vom Sommer 1849 bis zum Sommer 1850, war Zeuge einer Reihe von hochbedeutsamen Ereignissen in der Sendung des Báb. Der Mai 1849 hatte den Abschluß der elf Monate währenden Erhebung in Mázindarán bei Shaykh Tabarsí und den Märtyrertod des Quddús gebracht, des letzten Buchstaben des Lebendigen und führenden Jüngers des Báb. In den ersten Monaten des Jahres 1850 wurden die Bábí plötzlich mit beispielloser Grausamkeit verfolgt. In Tihrán ereignete sich die Geschichte der Sieben Märtyrer. In Yazd wurde Siyyid Yahyáy-i-Dárábí (Vahíd) in eine Hetzkampagne gegen den Glauben des Báb hineingezogen und mußte auf und davon gehen. In Nayríz (in der Provinz Fárs im Süden Persiens) wurden er und seine Begleiter jedoch umstellt; schließlich unterlag er dem Verrat seiner Gegner. In Zanján im Norden des Landes hetzten die schiitischen `Ulamá das Volk gegen den gewaltigen Mullá Muhammad-`Alí (Hujjat) auf, ein Konflikt, der bis zum Jahresende fortdauern sollte und ein gleichermaßen tragisches Ende nahm. Schließlich starb der Báb selbst im Juli 1850 in Tabríz den Märtyrertod. Mit den Worten von Nabíl-i-A`zam:

»Dieses Jahr, das sich als bedeutsam erwiesen hat durch den großartigen Heldenmut, den jene standhaften Anhänger Seines Glaubens an den Tag legten - ganz zu schweigen von den erstaunlichen Umständen, die Seinen eigenen Märtyrertod begleitet haben -, dieses Jahr muß immer als eines der ruhmvollsten Kapitel bestehen bleiben, die in der blutbefleckten Geschichte dieses Glaubens je geschrieben worden sind. Das ganze Antlitz des Landes war von den Greueltaten geschwärzt, denen sich ein grausamer, raubgieriger Feind unverhohlen und mit Ausdauer hingab. Von Khurásán im Osten Persiens bis in das westlich gelegene Tabríz, den Schauplatz des Märtyrertodes des Báb, und von den Städten Zanján und Tihrán im Norden bis nach Nayríz in der südlichen Provinz Fárs war das ganze Land in Dunkel gehüllt - eine Dunkelheit, welche das Dämmerlicht der Offenbarung ankündigte, die der ersehnte Husayn bald verkünden sollte, einer Offenbarung, mächtiger und herrlicher noch als die, welche der Báb selbst gebracht hatte.« (Nabíl III S.484)


#83

Bahá'u'lláh spielte auch bei diesen Ereignissen eine bedeutende Rolle. Sein Haus in Tihrán wurde zum Sammelpunkt der Bábí in der Hauptstadt, und auch jene Bábí, die auf ihrem Weg durch Tihrán kamen, erfuhren Seine Gastfreundschaft. Unter denen, die zu dieser Zeit häufig in Bahá'u'lláhs Haus einkehrten, war Vahíd, der nach seiner Abreise von hier ewigen Ruhm und den glorreichen Märtyrertod in Nayríz erringen sollte. Ein weiterer Besucher war Mírzá `Alíy-i-Sayyáh (Mullá Adí Guzal aus Marághih - siehe seine kurze Lebensbeschreibung in Anhang V S.537), der dem Báb als Bote diente und von diesem den Auftrag erhalten hatte, eine Pilgerreise nach Shaykh Tabarsí zu unternehmen und an den Gräbern jener berühmten Märtyrer zu beten¹. Wieder ein anderer, der Bahá'u'lláh aufsuchte, war Mullá `Abdu'l-Karím-i-Qazvíní (Mírzá Ahmad), der den Federkasten, die Siegel und die Ringe des Báb mitbrachte. Ein häufiger Besucher in jenen Tagen war Mullá muhammad-i-Zarandí (Nabíl-i-A`zam), der einige mit Bahá'u'lláh verknüpfte Ereignisse jenes denkwürdigen Jahres aufgezeichnet hat, so zum Beispiel die Ankunft und Begrüßung von Sayyáh:

»Ich habe Aqáy-i-Kalím, der Sayyáh an der Eingangspforte zu Bahá'u'lláhs Haus in Tihrán begrüßte, folgendes erzählen hören: "Es war mitten im Winter, als Sayyáh auf dem Rückweg von seiner Pilgerreise Bahá'u'lláh besuchte. Ungeachtet der Kälte und des Schnees eines strengen Winters erschien er im Gewand eines Derwischs, dürftig gekleidet, barfüßig und zerzaust. Sein Herz war vom Feuer entflammt, das die Pilgerfahrt entzündet hatte. Kaum hatte man Siyyid Yahyáy-i-Dárábí mit dem Beinamen Vahíd, der damals im Hause Bahá'u'lláhs zu Gast war, von Sayyáhs Rückkehr aus der Feste Shaykh Tabarsí unterrichtet, als dieser die Etikette und Förmlichkeit vergaß, die ein Mann in seiner Stellung gewohnt war, zu ihm hin eilte und sich dem Pilger zu Füßen warf. Er hielt seine Beine, die bis zu den Knien mit Schmutz bedeckt waren, umfaßt und küßte sie innig. Ich war an diesem Tag erstaunt über die mannigfachen Beweise liebender Fürsorglichkeit, die Bahá'u'lláh Vahíd erzeigte. Er erwies ihm solche Gunstbezeigungen, wie ich es bei Ihm noch niemals zuvor gesehen hatte. Die Art Seines Umgangs ließ in mir keinen Zweifel, daß Vahíd sich schon bald durch Taten auszeichnen würde, die nicht weniger beachtlich wären als jene, welche die Verteidiger der Feste Tabarsí unsterblich gemacht hatten.« (Nabíl III S.457)

#84

»Sayyáh blieb einige Tage im Haus. Er war jedoch im Gegensatz zu Vahíd nicht in der Lage, das Wesen jener Macht zu erkennen, die in seinem Gastgeber verborgen lag. Obgleich er selbst von Bahá'u'lláh das größte Wohlwollen empfing, vermochte er die Bedeutung der Wohltaten nicht zu erfassen, mit denen er überhäuft wurde. Ich habe ihn während seines Aufenthaltes in Famagusta über seine Erfahrungen berichten hören: "Bahá'u'lláh überschüttete mich mit Seiner Freundlichkeit. Was Vahíd betrifft, so gab er mir ungeachtet seiner hohen Stellung ständig den Vorzug vor sich selbst, sooft er sich in der Gegenwart seines Gastgebers befand. Am Tage meiner Ankunft aus Mázindarán ging er so weit, mir die Füße zu küssen. Ich war über den Empfang verwundert, der mir in diesem Hause gewährt wurde. Obgleich ich in ein Meer der Freigebigkeit versunken war, versäumte ich in jenen Tagen, den Rang, den Bahá'u'lláh damals bekleidete, richtig einzuschätzen, noch war ich auch nur andeutungsweise in der Lage, das Wesen Seiner Sendung, die Er erfüllen sollte, zu erahnen.« (Nabíl III S.457)


Abdu'l-Bahá hat diese Geschichte ebenfalls erzählt, wenn auch in etwas anderer Form. Als Er auf Seiner historischen Reise in die Vereinigten Staaten und nach Kanada, die Er noch an Seinem Lebensabend unternahm, eines Tages im Zug von Salt Lake City nach San Francisco unterwegs war, erinnerte Er sich jenes fernen Tages, der mehr als sechs Jahrzehnte zurücklag. Als kleines Kind hatte Er damals in Tihrán im Hause Seines Vaters neben Vahíd gesessen. Plötzlich trat ein Derwisch ins Zimmer, wild, mit ungekämmten Haaren, die Füße mit Schmutz bedeckt. Es war Mírzá `Alíy-i-Sayyáh. Als Vahíd hörte, daß er gerade aus Máh-Kú zurückgekehrt sei, wo der Báb in Gefangenschaft war, kniete er nieder, um ihm die staubigen Füße zu küssen; denn diese Füße hatten den Boden betreten, auf dem der Báb gestanden hatte.

Sayyáh hat auch dem Báb eine Botschaft von Bahá'u'lláh überbracht. Diese Botschaft wurde Mírzá Yahyá Subh-i-Azal diktiert und in dessen Namen abgeschickt. Nabíl berichtet über die bedeutungsvolle Erwiderung:


#85

»Bald danach traf eine vom Báb eigenhändig geschriebene Antwort ein, in der Er Mírzá Yahyá der Sorge Bahá'u'lláhs empfahl und Ihn eindringlich bat, seiner Erziehung und Bildung Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Mitteilung hat das Volk des Bayán als Beweisstück für die übertriebenen Ansprüche mißdeutet, die es zugunsten seines Führers geltend gemacht hat. Obgleich der Text dieser Erwiderung solche Ansprüche überhaupt nicht zuläßt und, abgesehen von der Lobpreisung Bahá'u'lláhs und der Bitte, Mírzá Yahyá zu erziehen, keinerlei Anspielung auf seine vermeintliche Stufe enthält, hatten seine Anhänger dennoch die nichtige Vorstellung, der Brief bilde die Grundlage für die Autorität, mit der sie ihn ausgestattet haben.« (Nabíl III S.458)

Wahrscheinlich hat sich auch die folgende Episode, die `Abdu'l-Bahá Jahre später im Haus von Lady Blomfield in London erzählte, im Laufe jenes Jahres zugetragen, zu der Zeit, als Qurratu'l-`Ayn (Táhirih) im Hause des Mahmúd Khán-i-Kalántar gefangengehalten wurde. (Die Tatsache, daß sie im Hause Bahá'u'lláhs verkehrte, braucht nicht besonders zu überraschen; denn ein Mann von Bahá'u'lláhs Ansehen und Einfluß konnte ohne Schwierigkeit als Bürge für Hafturlaub auftreten.) Lady Blomfield schreibt:

"Als kleiner Junge saß Er (Abdu'l-Bahá) damals auf dem Schoß von Qurratu'l-`Ayn im Privatgemach Seiner Mutter Asíyih Khánum. Da die Zimmertür aufstand, konnten sie hinter dem Vorhang die Stimme von Siyyid Yahyáy-i-Dárábí (Vahíd) hören, der `mit meinem Vater` sprach und `argumentierte`". (Blomfield: The Chosen Highway p.22)

"Qurratu'l-`Ayn, diese schöne, furchtlose Dichterin, wandte sich an den Siyyid und sprach mit ihrer melodischen aber eindringlichen Stimme: »O Siyyid! Jetzt ist nicht die Zeit für Streitgespräche und Diskussionen, für unnützes Wiederholen von Prophezeiungen und Überlieferungen! Jetzt ist es Zeit zum Handeln! Die Tage der Worte sind vorüber! Wenn du Mut besitzest: Jetzt ist die festgesetzte Stunde, ihn zu beweisen. Wenn du ein Mann der Tat bist, so erbringe einen Beweis deiner Mannhaftigkeit und verkünde Tag und Nacht: `Der verheißene Vorbote ist gekommen! Er ist gekommen, der Qá'im, der Imám, der Ersehnte ist ge-kommen! Er ist gekommen!`«". (Blomfiels: The Chosen Highway p.22)

"`Abbás Effendi (`Abdu'l-Bahá) erzählte, Er erinnere sich sehr deutlich an diese Episode. Der Ausdruck der Begeisterung auf ihrem lieblichen, strahlenden Gesicht, als sie diese anfeuernden Worte hinter dem Türvorhang sprach, war wunderbar und eindrucksvoll. `Abbás Effendi fügte hinzu: »Bei ihrem kurzen Besuch nahm sie mich oft auf den Schoß, liebkoste mich und sprach zu mir. Ich empfand für sie die tiefste Bewunderung.«" (Blomfield: The Chosen Highway p.22)


#86

Die bedeutsame Übergabe der Siegel und anderen persönlichen Besitzstücke des Báb an Bahá'u'lláh ist ebenfalls von Nabíl beschrieben worden:

»Vierzig Tage, bevor dieser Offizier¹ in Chihríq eintraf, sammelte der Báb alle in Seinem Besitz befindlichen Dokumente und Sendschreiben, legte sie mit Seinem Federkasten, Seinen Siegeln und Achatringen in eine Kiste und übergab sie Mullá Báqir, einem der Buchstaben des Lebendigen, zu treuen Händen. Ihm händigte Er auch einen Brief aus, der an Seinen Sekretär Mírzá Ahmad gerichtet war und dem der Schlüssel zu dieser Kiste beigefügt war. Er bat ihn dringend, auf dieses anvertraute Pfand mit äußerster Gewissenhaftigkeit aufzupassen, unterstrich dessen Heiligkeit und gebot ihm, den Inhalt vor jedem außer Mírzá Ahmad geheimzuhalten.« (Nabíl III S.521f)

¹ Dies war der Offizier, der gemäß dem Befehl des Amír-Nizám den Báb von der Festung Chihríq, wo Er eingekerkert war, nach Tabríz zu bringen hatte. (H.M.B.)


»Mullá Báqir begab sich unverzüglich auf die Reise nach Qazvín. Er erreichte diese Stadt binnen achtzehn Tagen und erfuhr dort, daß Mírzá Ahmad nach Qum weitergereist sei. Sofort brach er zu diesem neuen Reiseziel auf und kam dort gegen Mitte des Monats Shá`bán (12.Juni - 11.Juli 1850) an. Ich war zu dieser Zeit gerade in Qum, zusammen mit einem gewissen Sádiq-i-Tabrízí, den Mírzá Ahmad entsandt hatte, um mich aus Zarand zu holen. Ich wohnte im selben Haus wie Mírzá Ahmad, einem Haus, das er im Stadtviertel Bágh-Panbih angemietet hatte. Damals wohnten auch Shaykh `Azím, Siyyid Ismá`íl und einige andere Gefährten bei uns. Mullá Báqir überbrachte das anvertraute Pfand Mírzá Ahmad persönlich zu treuen Händen, und dieser öffnete es auf Drängen von Shaykh `Azím vor unseren Augen. Wir staunten, als wir zwischen den Dingen, die diese Kiste enthielt, eine Schriftrolle aus allerfeinstem blauem Papier erblickten, auf die der Báb in Seiner eigenen erlesenen Handschrift - einer zierlichen Shikastih-Schrift - in Form eines Pentagramms etwa fünfhundert Verse geschrieben hatte, die alle aus Ableitungen des Wortes "Bahá" bestanden. Diese Schriftrolle befand sich im Zustand völliger Unversehrtheit, sie war fleckenlos rein und verlieh auf den ersten Blick den Eindruck, als sei es eine gedruckte und keine geschriebene Seite. So makellos und kunstvoll verflochten war diese Schrift, daß es aus der Entfernung aussah, als hätte man das Papier durchgehend mit Tinte überzogen. Wir waren überwältigt von Bewunderung, als wir dieses Meisterwerk betrachteten, das nach unserer Meinung kein Kalligraph hätte erreichen können. Wir legten die Rolle in die Kiste zurück und händigten sie Mírzá Ahmad aus, der sich noch am gleichen Tag nach Tihrán aufmachte. Bevor er ging, teilte er uns noch mit, alles, was er von diesem Brief enthüllen könne, sei der ausdrückliche Befehl, das anvertraute Pfand Jináb-i-Bahá (Bahá'u'lláh) in Tihrán persönlich zu übergeben.« (Nabíl III S.522)

In diesem gleichen Monat Sha`bán, am 9.Juli 1850, starb der Báb den Märtrertod. Hájí Sulaymán Khán hatte Tihrán in Richtung Tabríz verlassen, sobald er von der Gefahr hörte, die dem Báb drohte. Er traf dort zu spät ein, um die Freilassung des Báb noch zu erwirken; doch konnte er Seine sterblichen Überreste und die Seines Jüngers bergen. Unter Bahá'u'lláhs Oberaufsicht brachte man sie nach Tihrán, wo sie verborgen gehalten wurden.





+13 #88

Kapitel 13

Ein Jahr in Karbilá

Bald nach dem Märtyrertod des Báb wünschte Mírzá Taqí Khán, der Sadr-i-A`zam (Großwesir), der für den Tod des Báb verantwortlich war und ihn angeordnet hatte, mit Bahá'u'lláh zusammenzutreffen. Bei dieser Begegnung erklärte er höflich aber bestimmt, daß es den Bábí ohne Bahá'u'lláhs Unterstützung und Führung niemals möglich gewesen wäre, den kampferprobten, gut ausgerüsteten Regierungstruppen in Shaykh Tabarsí und anderswo so lange Widerstand zu leisten; dennoch habe er nie einen Nachweis erbringen können, der Bahá'u'lláhs Beteiligung und Mittäterschaft zweifelsfrei belegt hätte. Dann brachte Mírzá Taqí Khán sein Bedauern darüber zum Ausdruck, daß solch außerordentliche Fähigkeiten, wie Bahá'u'lláh sie zweifellos besäße, nie in den Dienst des Staates gestellt worden seien. Dennoch beabsichtige er zu empfehlen, der Sháh möge Ihn in das Amt des Amír-i-Díván (oberster Beamter bei Hofe) berufen. Im Augenblick sei der Sháh allerdings gerade im Begriff, nach Isfahán abzureisen, und während seiner Abwesenheit sei es für Bahá'u'lláh ratsam, die Hauptstadt ebenfalls vorübergehend zu verlassen. Obwohl der Sadr-i-A`zam sich höflich ausdrückte, kam dies einem Befehl gleich. Bahá'u'lláh wies das Angebot, in den Staatsdienst zu treten, ebenso höflich ab und teilte Mírzá Taqí Khán Seinen Wunsch mit, nach den heiligen Stätten des `Iráq zu pilgern. Mírzá Taqí Khán war hoch erfreut und erleichtert. So machte sich einige Tage nach der Zusammenkunft mit dem Großwesir Bahá'u'lláh auf den Weg nach Karbilá. Er selbst erzählte Nabíl-i-A`zam: »Wäre sich der Amír-Nizám über Meine wirkliche Stellung im klaren gewesen, hätte Er Mich sicher festgehalten. Er hat sich die größte Mühe gegeben, den wahren Sachverhalt zu ermitteln, aber ohne Erfolg. Gott wünschte, daß er nichts darüber erfahren sollte.«¹

¹ aus dem unveröffentlichten Teil von Nabíls Bericht


#89

Gerade zu dem Zeitpunkt, als Bahá'u'lláh im Begriff war, Tihrán zu verlassen, traf das Gefäß, das die sterblichen Überreste des Báb und Seines treuen Jüngers enthielt, in der Hauptstadt ein. Auf Bahá'u'lláhs Anweisung hin verbargen Sein Bruder Mírzá Músá (Aqáy-i-Kalím) und Mírzá Ahmad-i-Kátib (Mullá `Abdu'l-Karím-i-Qazvíní) das Gefäß an sicherer Stelle beim Schrein von Imám-Zádih Hasan.

Begleitet wurde Bahá'u'lláh auf Seiner Reise in den Iráq von Aqá Shukru'lláh-i-Núrí und Mírzá Muhammad-i-Mázindarání; der letztere war einer der Überlebenden von Shaykh Tabarsí. Bahá'u'lláh verbrachte den größten Teil des August 1851, den Monat Ramadán (den muslimischen Fastenmonat) in Kirmánsháh. Dort gelangten Nabíl-i-A`zam und Mullá Abdu'l-Karím-i-Qazvíní in Seine Gegenwart. Er gab Mullá Abdu'l-Karím den Auftrag, nach Tihrán zu gehen, und Nabíl wies Er an, Mírzá Yahyá mitzunehmen und in der Nähe von Sháhrúd zu bleiben.

Bahá'u'lláh unterbrach Seine Reise für einige Tage in Baghdád und traf am 28. August 1851 in Karbilá ein. Hájí Siyyid Javád-i-Karbilá'í und Shaykh Sultán, ein arabischer Bábí, der durch Táhirih den Glauben angenommen hatte, wohnten beide in Karbilá und waren von einem gewissen Siyyid-i-Uluvv in die Irre geleitet worden, welcher den Anspruch erhob, eine Verkörperung des Heiligen Geistes zu sein. Bahá'u'lláh behandelte diesen Siyyid freundlich, aber mit Bestimmtheit, und brachte Ihn dazu, einen derart grotesken Anspruch aufzugeben und zu versprechen, nicht noch einmal darauf zu verfallen. Shaykh Sultán und Hájí Siyyid Javád-i-Kar-bilá'í erkannten, wie sehr sie sich geirrt hatten, und kehrten zu ihrem wahren Glauben zurück, an dem sie bis zur Todesstunde festhielten.

Shaykh Hasan-i-Zunúzí, der dem Báb während Seiner Gefangenschaft in Adharbáyján gedient hatte, lebte jetzt in Karbilá. Der Báb selbst hatte ihn geheißen, nach Karbilá zu gehen und sich dort niederzulassen. Shaykh Hasan war als Schüler von Siyyid Kázim-i-Rashtí zum erstenmal in die Gegenwart des Báb gelangt, als dieser - noch zu Siyyid Kázims Lebzeiten - Seine Pilgerreise nach den heiligen Städten des `Iráq machte. Später diente Shaykh Hasan Ihm als Sekretär in Máh-Kú und danach in Chihríq. Als der Báb erfuhr, daß Quddús und der Bábu'l-Báb in Mázindarán durch Belagerung bedrängt wurden, forderte Er die Bábí auf, ihnen zu Hilfe zu eilen. Zu Shaykh Hasan sprach Er: »Wäre Ich nicht ein Gefangener in dieser Bergfeste, so hätte Ich es als Meine Pflicht und Schuldigkeit empfunden, Meinem geliebten Quddús zu Hilfe zu eilen. Doch dies gilt nicht für dich. Du sollst nach Karbilá gehen und dort den Tag erwarten, an dem du mit eigenen Augen die Schönheit des Verheißenen Husayn schauen wirst. Gedenke auch Meiner an diesem Tag und bringe Ihm Meine Liebe und Ergebenheit dar. Dies ist ein sehr wichtiger Auftrag. Gib acht, daß dein Herz nicht wanke und du nicht den Ruhm vergißt, den Ich dir verliehen habe.« (Nabíl I S.65)


#90

Shaykh Hasan tat, wie ihm befohlen, und lebte von nun an in Karbilá, bis er eines Tages im Oktober 1851 im Schrein des Imám Husayn Bahá'u'lláh zum erstenmal von Angesicht sah. Er erkannte in Bahá'u'lláh jenen Husayn, von dem der Báb gesprochen hatte. Laut wollte er es von den Dächern rufen, doch Bahá'u'lláh hielt ihn zurück.

Viele andere gelangten während jener Monate bei den heiligen Städten des `Iráq in Bahá'u'lláhs Gegenwart und wurden Ihm ergeben. Unter ihnen waren Mírzá `Abdu'l-Vahháb, jener ruhmreiche Jüngling aus Shíráz (s. Kapitel 18), Shaykh-`Alí Mírzá, ebenfalls aus Shíráz - ein Neffe von Shaykh Abú-Turáb, dem Imám-Jum`ih dieser Stadt, welcher aufgestanden war, um den Báb zu schützen -, und Mírzá Muhammad-`Alí, ein bekannter Arzt aus Zanján, der viele Jahre später den Märtyrertod sterben sollte.

In dieser Zeit, während Bahá'u'lláh sich außerhalb Iráns aufhielt, hatten dort dramatische Veränderungen stattgefunden. Völlig überraschend hatte Násiri'dDín Sháh, von Argwohn und Furcht getrieben, den Amír Kabír seines Amtes enthoben und nach Káshán geschickt. Hájí `Alí Khán Hájibu'd-Dawlih - der schon bald die Anhänger des Báb grausam verfolgen und abschlachten sollte -, wurde beauftragt, in diese Stadt zu gehen und den gestürzten Minister hinrichten zu lassen. Mírzá Nasru'lláh-i-Núrí, der als Mírzá Aqá Khán bekannt wurde, war zum Großwesir ernannt worden und schrieb jetzt an Bahá'u'lláh, um Ihn in den Irán zurückzurufen.





+14 #91

Kapitel 14

Der Sturz des Amír Kabír

Násiri'd-Dín Sháh, der vierte König der Kadscharen, der kulturfeindliche Monarch, der den Beinamen `Tyrann des Irán` mit vollem Recht verdient, hatte im September 1848 seine Herrschaft angetreten, die fünf Jahrzehnte dauern sollte (s. Anhang I). Die staatsmännische Tüchtigkeit und der eiserne Wille von Mírzá Taqí Khán-i-Faráhání Amír-Nizám - der bald den Titel Amír Kabír (Großer Emir) erhalten sollte, unter dem man ihn kennt -, hatten dem achtzehnjährigen Násiri'd-Dín den Thron gesichert. Doch schon drei Jahre nach seiner Thronbesteigung ließ Násiri'd-Dín Sháh diesen Großwesir hinrichten.

Mírzá Taqí Khán, dessen Vater als Koch in den Diensten des großen Mírzá Abu'l-Qásim-i-Qá'im-Maqám gestanden hatte, war ohne Zweifel ein sehr fähiger Mann, der sich dem Dienst an seinem Lande ganz und gar verschrieben hatte. Aber er war auch unbesonnen, unbarmherzig und eigenwillig. In neuerer Zeit ist er im Irán - wie ein moderner persischer Autor es ausdrückt - fast vergöttert worden. Seine Tugenden waren zahlreich und lagen klar auf der Hand, aber genauso verhielt es sich mit seinen Schwächen und Unzulänglichkeiten. Er war es, der seine gesamte Machtfülle aufgeboten hatte, um den Glauben des Báb zu zerschmettern und Seine Anhänger auszulöschen. Er war es, der den Befehl zur Hinrichtung des Báb zu verantworten hatte. Er war es, der `Abbás Mírzá Náyibu's-Saltanih (später Mulk-Ará), den Halbbruder Násiri'd-Dín Sháhs, auf den die Mutter des Herrschers übertrieben eifersüchtig war, fast vernichtet hätte: wäre nicht Colonel Farrant, der britische Geschäftsträger, eingeschritten, hätte `Abbás Mírzá durch die Intrigen der Schahmutter sicherlich das Leben verloren. Mírzá Taqí Khán war herrisch und unbeugsam; doch selbst er vermochte nicht den ruhelosen, unfähigen Feigling Asafu'd-Dawlih und dessen überaus ehrgeizigen, waghalsigen, rücksichtslosen und doch bestrickenden Sohn Hasan Khán (genannt Sálár) davon abzuhalten, in Khurásán zum zweiten Mal einen Aufstand zu inszenieren. Sultán Murád Mírzá Hisámu's-Saltanih, dem Onkel des jungen Násiri'd-Dín, fiel die Aufgabe zu, den Sálár in die Knie zu zwingen und in der ganzen Provinz Khurásán die Ruhe wiederherzustellen, und er führte diese Aufgabe - als echter Kadscharenprinz der ersten Garnitur - rasch und ohne Erbarmen aus. Er belagerte Mashhad; Sálár und sein bedauernswerter Vater wurden beseitigt.


#92

(Bildlegende: Mírzá Taqí Khán-i-Faráhání Amír Kabír, Großwesir Násiri'd-Dín Sháhs)


#93

Doch jetzt brauchte man heldenhafte Anstrengungen nicht mehr in Khurásán zu suchen - jener Provinz, wo vor noch gar nicht langer Zeit die historische, schicksalsträchtige Konferenz von Badasht und der Auszug des furchtlosen Bábu'l-Báb stattgefunden hatte. Jetzt spitzten sich große, tragische Ereignisse in den Wäldern Mázindaráns, in den Städten Nayríz (Provinz Fárs) und Zanján zu neuen Höhepunkten zu. An allen drei Orten wurden einige hundert Bábí verfolgt, gejagt und belagert; sie sahen sich gezwungen, die Waffen zu ergreifen und zu kämpfen, wobei sie ganze Heere in die Flucht schlugen, und am Ende wurden sie nur durch Verrat und falsche Versprechungen überwältigt. Der unbezwingliche Mullá Husayn, der furchtlose Quddús und sieben weitere Buchstaben des Lebendigen fielen mit einer großen Zahl anderer Helden in Shaykh Tabarsí in Mázindarán. Der unerschrockene Hujjat (der freimütige Mullá Muhammad-`Alí von Zanján) und seine getreuen Helfer - unter ihnen Zaynab, ein junges Mädchen, das sich Jungenkleider anzog, den Jungennamen Rustam-`Alí annahm und so die Schutzwälle bewachte - kämpften in Zanján um jeden Zentimeter Boden, bevor sie mit beispielloser Tapferkeit fielen. In Nayríz starb der gelehrte Siyyid Yahyáy-i-Dárábí, genannt Vahíd, den Märtyrertod - jener Vahíd, den Muhammad Sháh persönlich beauftragt hatte, nach Shíráz zu gehen und den Anspruch und die Sache des Báb zu erforschen, und der sich Ihm in rückhaltloser Treue verschrieben hatte -; die Umstände dieses Märtyrertodes riefen Erinnerungen an das Martyrium des dritten Imám, des Fürsten der Märtyrer wach, und gemeinsam mit ihm fiel noch manche tapfere Seele, genauso zum Opfer bereit, zur vollkommenen Hingabe an den Herrn des Zeitalters, den Qá'im aus dem Hause Muhammads.

In der Hauptstadt wurden sieben Männer - darunter der ehrwürdige Hájí Mírzá Siyyid `Alí, jener Onkel des Báb von Mutterseite, der Ihn aufzog, als Er verwaist war - öffentlich enthauptet. Als diese Sieben Märtyrer von Tihrán entschlossenen und sicheren Schrittes durch die Straßen zogen, um dem Scharfrichter ihr Haupt darzubieten, wurden sie geschmäht, mit Verwünschungen überhäuft und von einem rohen Pöbel verhöhnt, der anschließend sogar noch ihre Leichen schändete und in Brand setzte.

Dann wurde an einem Mittsommertag des Jahres 1850 auf einem großen Platz in der Stadt Tabríz der ruhmreiche Báb selbst zusammen mit einem Jünger, den keine irdische Bindung, ja nicht einmal der Anblick seines kleinen Kindes dazu bewegen konnte, vom Pfade seines Herrn zu weichen und seinem Glauben abzuschwören, von Kugeln durchsiebt.

Das Heldentum dieser `gotttrunkenen` Seelen war in der Tat unvergleichlich.


#94

Doch jetzt schlug die Stunde für Mírzá Taqí Khán selbst, in dessen Amtszeit als Großwesir der Báb und Seine Jünger solche Leiden durchgemacht hatten; er mußte den gleichen Weg gehen wie sein Vorgänger, der unwissende, intrigierende Antichrist der Bábí-Sendung. Er wurde von seinem launischen, undankbaren Herrscher, dessen Schwester `Izzatu'd-Dawlih er sogar geheiratet hatte, fristlos aus dem Amt entlassen und nach Káshán geschickt. Man sagt, das Eintreten des russischen Regierungsvertreters für ihn habe den jungen, labilen Násiri'd-Dín besonders erzürnt; er wies einen seiner Höflinge, Hájibu'd-Dawlih, an, heimlich nach Káshán zu reisen und Mírzá Taqí Khán zu ermorden. Hájibu'd-Dawlih wartete den rechten Augenblick ab, bis er eines Tages, als der gestürzte Großwesir sein Bad nahm, ins Badehaus schlich und ihm seinen Auftrag kundtat. Mírzá Taqí Khán trat dem Tod tapfer entgegen. Er zog es vor, sich seine Adern öffnen zu lassen und zu sterben, indem sein Lebensblut langsam entströmte. Als `Izzatu'd-Dawlih erfuhr, wie es ihrem Mann ergangen war, kam jede Rettung bereits zu spät. Kurz nach diesem Mord zwang Násiri'd-Dín Sháh seine verwitwete Schwester zur Heirat mit Nizámu'l-Mulk, einem Sohn seines neuen Großwesirs Mírzá Aqá Khán-i-Núrí. Als jedoch Mírzá Aqá Khán ebenfalls entlassen (wenn auch nicht getötet) wurde, erwirkte `Izzatu'd-Dawlih die Scheidung.

Mírzá Taqí Khán hinterließ zwei Töchter, die in späteren Jahren mit zwei Söhnen Násiri'd-Dín Sháhs vermählt wurden: Táju'l-Mulúk (die später den Titel Ummu'l-Khaqán - "Königinmutter" - erhielt) wurde die Frau des Muzaffari'd-Din Mírzá, der schließlich den Thron bestieg; Hamdamu'l-Mulúk (später mit dem Titel Hamdamu's-Saltanih) wurde die Frau des Sultán-Mas`úd Mírzá, des Zillu's-Sultán.

Über die Amtszeit, die Entlassung und Ermordung des Mírzá Taqí Khán schreibt Sir Percy Sykes:

Man sagt, die Völker hätten die Herrscher, die sie verdienen. Wenn das stimmt, dann ist Persien aufrichtig zu bedauern, denn es wird wie Europa im Mittelalter von Amtsleuten regiert, deren Hauptanliegen es ist, Reichtümer per fas aut nefas¹ anzuhäufen. Wie dem auch immer sein mag - das Bedauern, welches der Reisende empfindet, wenn er die entzückenden Gärten und Pavillons von Fin [Fín, in der Umgebung von Káshán, wo Mírzá Taqí Khán ermordet wurde] besucht, verstärkt sich noch bei der Betrachtung, daß dieser Minister, wenn er zwanzig Jahre länger regiert hätte, vielleicht ein paar ehrliche, fähige Männer für seine Nachfolge herangezogen haben könnte. Die Hinrichtung des Amir-i-Nizam war wirklich ein Unglück für Persien, denn sie ließ den Fortschritt stocken, der unter solchen Schmerzen zustandegekommen war, und wie die nahe Zukunft erweisen sollte, war die Auswirkung auf die auswärtigen Beziehungen gleichermaßen verheerend.²

¹ rechtmäßig oder unrechtmäßig ² Sykes: History of Persia II p.346


#95

Man muß Mírzá Taqí Khán gerechterweise zugestehen, daß er bei allem entsetzlichen Unrecht, das er dem neugeborenen Glauben bereits in seiner Wiege zugefügt hat, ein eifriger, aufrichtiger, ernster, hart arbeitender Reformer war. Die Spuren seiner zahlreichen guten Taten erinnerten seine Nation noch Jahrzehnte später an die Wohltaten, die sie der kurzen, ereignisreichen Amtszeit dieses rätselhaften Mannes verdankte. Er war es, der im Irán die Grundlage für eine moderne Erziehung legte, indem er die Akademie "Dáru'l-Funún" ("Der Wohnsitz der Künste und Wissenschaften") gründete und europäische Ausbilder - Österreicher und Franzosen - als Lehrer einstellte. Er war es auch, der die ersten Schritte unternahm, um im Irán ein Pressewesen nach westlichem Muster samt der dazu erforderlichen Druckerpresse einzuführen. Doch alle seine Reformen und Neuerungen machen ihn noch nicht zu einem Vorkämpfer der Demokratie und einer demokratischen, verfassungsmäßigen Regierung, wie seine übereifrigen Bewunderer es ihm neuerdings zugeschrieben haben. Nach Temperament und Verwaltungspraxis war er ein Gewaltherrscher vom gleichen Schlag wie sein launenhafter königlicher Gebieter.





+15 #96

Kapitel 15

Der wahnwitzige Mordanschlag auf Násiri'd-Dín Sháh

Bahá'u'lláh war soeben von Seiner Pilgerreise nach den heiligen Städten des `Iráq zurückgekehrt und war noch Ehrengast des Großwesirs, als ein Sturm von ungeheurer Wucht und gewaltigem Ausmaß über die Bábí von Tihrán hereinbrach. Er lichtete ihre Reihen, erschütterte die dahinschwindende Gemeinde in den Grundfesten und fegte sie beinahe völlig hinweg. Dieses entsetzliche Unglück hatten die Bábí einzig und allein der Unbesonnenheit und Heißblütigkeit einiger Mitglieder zuzuschreiben. Bahá'u'lláh hatte ihnen geraten, auf den Wegen der Weisheit und Mäßigung zu wandeln. Doch diese Hitzköpfe zogen es vor, Seine Warnungen in den Wind zu schlagen.

Mullá Shaykh-`Alí aus Turshíz (jetzt Káshmar) in Khurásán, der den Titel Azím (der Große) führte, war einer der frühen Gläubigen. Er lebte in Tihrán und hatte eine Gruppe von Bábí um sich geschart. Man traf sich in verschiedenen Wohnungen, so auch in dem Heim von Hájí Sulaymán Khán, einem anderen alten Gläubigen - demselben tapferen und ergebenen Mann, der auf Bahá'u'lláhs Geheiß nach Tabríz gegangen war, um die sterblichen Überreste des Báb nach dessen Märtyrertod in Sicherheit zu bringen und nach Tihrán zu überführen. Zu dem Kreis der Bábí um Shaykh-Alí gehörten drei junge Männer: Sádiq von Tabríz (ein Zuckerbäcker), Fathu'lláh, ein Graveur aus Qum, und Hájí Qásim aus Nayríz, der durch die Feinde des Glaubens sehr viel hatte leiden müssen. In den Augen dieser jungen Leute war der junge Sháh die Quelle allen Unheils, das ihnen widerfahren war, und so schmiedeten sie den Plan, ihn zu ermorden. Es ist nicht bekannt, wieviele Personen in diese verbrecherische Torheit verwickelt waren, doch einer von ihnen war mit Sicherheit Mullá Shaykh-`Alí. Nach dem Zeugnis von Bahá'u'lláh, das von Nabíl festgehalten wurde, legte Mullá Shaykh-`Alí ein volles Geständnis ab, und sein offenes, unumwundenes Bekenntnis überzeugte auch die Behörden davon, daß Bahá'u'lláh an dem bösen Anschlag niemals beteiligt war.


#97

(Bildlegende: Násiri'd-Dín Sháh)


#98

Am Sonntag, dem 15. August 1852, lauerten Sádiq, Fathu'lláh und Hájí Qásim dem Sháh in einer seiner Sommerresidenzen im Bezirk Shimrán auf. Heute grenzen diese Sommerresidenzen von Shimrán unmittelbar an die Hauptstadt an und sind ein Teil von ihr geworden, aber damals lagen sie noch ziemlich weit von Tihrán entfernt. Der Sháh hatte mit seinem Gefolge soeben den Sommerpalast von Níyávarán zu einem Jagdausflug verlassen, als die drei jungen Männer in der Rolle von Bittstellern an ihn herantraten. Da sie vom Geschäft des Mordens nichts verstanden, gingen sie bei ihrer heimtückischen Tat recht unbeholfen zu Werke. Sie führten unzulängliche Waffen mit sich - kurze Dolche und Pistolen mit Schrotkugeln. Sie versuchten, den Sháh vom Pferd zu zerren, und brachten ihm Schrotwunden bei, die nicht weiter gefährlich waren. Inzwischen waren die Reiter aus dem Gefolge des Sháhs zur Stelle und fielen den Angreifern in den Arm. Sádiq wurde auf der Stelle getötet; sein Leichnam wurde zweigeteilt, und jede Hälfte wurde an einem der zahlreichen Stadttore aufgehängt und dort baumeln lassen - es handelte sich um das Darvázih Shimrán, das Tor zur Straße nach den Sommerresidenzen, und das Darváziy-i-Sháh `Abdu'l-`Azím¹, das Tor zur Straße nach Süden zum Grab des Heiligen dieses Namens. Fathu'lláh, der unter der Folter kein Wort von sich gab, wurde für taubstumm gehalten, und man goß ihm geschmolzenes Blei in den Schlund. Auch Hájí Qásim wurde bald umgebracht.

¹ Das Grab von Sháh Abdu'l-`Azím oder Hadrat-i-Abdu'l-`Azím, einem Nachfahren des Propheten, lag damals mehrere Meilen von Tihrán entfernt; heute jedoch ist das Dorf, das den Namen dieses Heiligen trug, in Sháhr-i-Ray umbenannt und ein Vorort der Hauptstadt.

(Bildlegende: Mírzá Aqá Khán-i-Núrí I`timádu'd-Dawlih, der zweite Großwesir von Násiri'd-Dín Sháh, ein entfernter Verwandter Bahá'u'lláhs)


#99

Nun brach in Tihrán die Hölle los. Unter lautem Geschrei wurden die Bábí gesucht. Besonders lautstark verlangte die Mutter des jungen Sháh nach Rache. Hájí `Alí Khán Hájibu'd-Dawlih aus Marághih¹, der Farrásh-Báshí des Königshofes, startete eine rasende Verfolgungsjagd; er faßte und verhaftete soviele Bábí, wie er nur konnte. In diesem kritischen Augenblick fiel `Abbás, der Diener von Hájí Sulaymán Khán, der den Glauben des Báb angenommen hatte, vom Glauben ab und verriet seinen Herrn und seine Mitgläubigen. Er kannte viele führende Bábí aus Tihrán persönlich und setzte den Hájibu'd-Dawlih über die Zusammenkünfte seiner Glaubensgenossen im Hause seines Herrn in Kenntnis. Daraufhin wurde Hájí Sulaymán Kháns Haus umstellt, man drang ein und nahm alle Bábí fest, die man dort fand. Insgesamt wurden einundachtzig Bábí verhaftet, unter ihnen achtunddreißig führende Mitglieder der Gemeinde. Man warf sie in den Síyáh-Chál - das Schwarze Loch.

¹ s. Anhang V S.537f


Bahá'u'lláh hielt sich zu dieser Zeit in einem Sommerhaus in Afjih (Afchih) bei Tihrán auf. Ja`far-Qulí Khán, der Bruder von Mírzá Aqá Khán, dem Sadr-i-A`zam (Großwesir), war noch immer Sein Gastgeber. Der Großwesir sandte persönlich eine Nachricht, um Bahá'u'lláh vor der hereinbrechenden Flut zu warnen, und stellte besonders den giftigen Haß und die Wut der Schahmutter gegen Seine Person heraus. Freunde erboten sich, Ihn vor dem Zorn der Feinde zu verbergen, bis die Gefahr vorüber sei. Doch Bahá'u'lláh blieb ruhig und gelassen. Er hatte nichts zu fürchten, und am folgenden Tag ritt Er zur königlichen Residenz. Unterwegs machte Er im Haus von Mírzá Majíd Khán-i-Ahí im Dorf Zargandih halt. Mírzá Majíd Khán, Sekretär der russischen Botschaft, war der Ehemann von Bahá'u'lláhs Schwester Nisá' Khánum. Die Nachricht von Seinem Kommen erreichte den Hájibu'd-Dawlih, der unverzüglich den Sháh informierte. Der Herrscher ordnete sofort Seine Verhaftung an. Doch Seine Feinde wurden verwirrt; denn während sie noch nach Ihm suchten, um Ihn zu verhaften, kam Er ihnen aus freien Stücken entgegen. Aber wann hätte Bahá'u'lláh je Angst oder Bestürzung gezeigt?


#100

Sie legten gewaltsam Hand an Ihn. Auf der Straße zu dem Verlies in Tihrán lief eine große Menschenmenge zusammen, um Ihn zu verhöhnen und mit Schmähungen zu überschütten. Er, der stets ihr Freund und Fürsprecher, ihr Schutz und Beistand in der Not gewesen war, wurde jetzt das Opfer ihres glühenden Hasses.

Genauso wurde Jesus vom Volk behandelt. Am Palmsonntag zog es hinaus, um Ihm zuzujubeln: Es bereitete Ihm einen königlichen Empfang. Jerusalem hallte wider vom "Hosianna dem Sohne Davids." "Gesegnet ist," riefen sie aus, "der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe." Ein paar Tage später wurden sie im Hof des Pontius Pilatus vor die Wahl gestellt: Wer sollte sterben - Barrabas, der überführte und verurteilte Mörder, oder Jesus, das Licht der Welt? Sie forderten den Tod Jesu. Sie wiesen Christus zurück. "Kreuzige Ihn," riefen sie.

So ist die Welt seit jeher mit ihrem wahren Freund verfahren.

In der Menge, die Bahá'u'lláh Beleidigungen ins Antlitz schleuderte und Ihn mit Steinen bewarf, befand sich eine alte Frau. Sie trat nach vorne, einen Stein in der Hand, mit dem sie Ihn treffen wollte. Obgleich sie vor Wut schäumte, waren ihre Beine zu schwach, um mit dem Zug mithalten zu können. "Gebt mir eine Chance, daß ich Ihm meinen Stein ins Gesicht schleudere," bat sie die Wachen. Bahá'u'lláh wandte sich zu ihnen und sprach: »Laßt diese Frau nicht enttäuscht zurück. Versagt ihr nicht, was sie als verdienstvolle Tat in den Augen Gottes ansieht.« So groß war Sein Erbarmen mit den Menschen.

Im Brief an den Sohn des Wolfes schreibt Bahá'u'lláh über das Attentat auf den Sháh:

»Bei der Gerechtigkeit Gottes! Wir standen in keinerlei Beziehung zu dieser Missetat, und Unsere Unschuld wurde von den Gerichten einwandfrei festgestellt. Dennoch ergriff man Uns und führte Uns von Níyávarán, dem damaligen Wohnsitz Seiner Majestät, zu Fuß und in Ketten, barhäuptig und mit bloßen Füßen, in den Kerker von Tihrán. Ein roher Kerl, der neben Uns herritt, riß Uns den Hut vom Haupte, während Wir von einem Trupp Henkersknechte und Amtspersonen dahingetrieben wurden. Vier Monate lang mußten Wir in einem unbeschreiblich schmutzigen Loch verbringen. Eine enge, finstere Grube wäre dem Kerker vorzuziehen, in den dieser Unterdrückte und andere ähnlich Mißhandelte gesperrt wurden. Bei Unserer Einlieferung wurden Wir zuerst einen pechschwarzen Gang entlanggeführt, von dort stiegen Wir drei steile Treppen zu dem Verlies hinab, das Uns bestimmt war. Dieser Kerker war in dichtes Dunkel gehüllt; Unsere Mitgefangenen zählten nahezu einhundertfünfzig Menschen: Diebe, Mörder und Straßenräuber. Trotz seiner Überfüllung hatte das Verlies keinen anderen Auslaß als den Gang, durch den Wir gekommen waren. Keine Feder kann diesen Ort beschreiben, keine Zunge seinen widerlichen Gestank schildern. Die meisten dieser Menschen hatten weder Kleider noch Stroh, darauf zu liegen. Nur Gott weiß, was Wir in diesem übelriechenden, finsteren Raum zu leiden hatten!« (WOLF S. 33)







+16 #102

Kapitel 16

Die Geburt der Bahá'í-Offenbarung

Der Síyáh-Chál - das Schwarze Loch - in der Hauptstadt des Irán war ein finsteres, feuchtes, trostloses unterirdisches Verlies, in das noch nie ein Sonnenstrahl gedrungen war. Früher hatte es als Wasserspeicher für ein öffentliches Bad gedient. Nur wenige, die dort längere Zeit gefangen gehalten wurden, haben überlebt. Jetzt, im Sommer 1852, trieb man alle Bábí zusammen, derer man in Tihán habhaft werden konnte, warf sie in diesen Kerker und legte sie in Ketten und Fesseln. Es handelte sich dabei um Menschen aus alen Schichten der Bevölkerung: vom vornehmen Höfling bis zum becheidenen Handwerker, vom wohlhabenden Kaufmann bis hin zum Studenten der Theologie.

Unter ihnen war Bahá'u'lláh. Man legte Ihm immer eine der beiden gefürchtetsten Ketten um den Hals, die es im ganzen Land gab. Unter ihrer furchtbaren Last beugte sich Seine ganze Gestalt. Im Brief an den Sohn des Wolfes spricht Bahá'u'lláh über diese schrecklichen Ketten:

»Falls du einmal das Verlies Seiner Majestät des Sháhs besuchst, bitte den Leiter und ersten Aufseher, dir die beiden Ketten zu zeigen, die Qará-Guhar und Salásil heißen. Bei der Sonne der Gerechtigkeit schwöre Ich, daß dieser Unterdrückte vier Monate lang mit der einen oder anderen dieser beiden Ketten gefoltert und gefesselt wurde. "Mein Leid übertraf alle Leiden, denen Jakob ausgesetzt war, und alle Not Hiobs war nur ein Teil Meines Kummers!"« (WOLF [126] s.77)


#103

Bahá'u'lláh und der ruhmreiche `Abdu'l-Vahháb, ein junger Mann aus Shíráz (s. Kapitel 18), waren aneinander gekettet. Obgleich Bahá'u'lláh nach außen hin in den Augen der Menschen erniedrigt und wie ein gefährlicher Verbrecher in Ketten gelegt war, besuchten Ihn im Síyáh-Chál dennoch Persönlichkeiten von so hohem Rang wie Dúst-`Alí Khán Mu`ayyiru'l-Mamálik¹, Nizámu'd-Dawlih und Hájí Mírzá Mahmúd Nizámu'l-`Ulamá, der ehemalige Erzieher des jungen Násiri'd-Dín, der auch an dem Verhör des Báb in Tabríz teilgenommen hatte. Sie suchten Bahá'u'lláh in diesem von Ungeziefer verpesteten Kerker auf, nahmen höflich neben Ihm Platz und sprachen zu Ihm mit großer Ehrerbietung.

¹ Ungefähr sechzig Jahre später traf der dritte Mu`ayyiru'l-Mamálik, Dúst-Muhammad Khán - der Sohn Dúst-Alí Kháns und ein Schwiegersohn von Násiri'd-Dín Sháh - in London mit Abdu'l-Bahá zusammen und wurde Ihm so ergeben, daß er fast täglich Seine Gegenwart aufsuchte und Ihn überallhin begleitete. Einmal kam Abdu'l-Bahás Sekretär Mírzá Mahmúd-i-Zarqání, der Chronist Seiner Reisen, dazu, wie Dúst-Muhammad Khán unverwandt auf `Abdu'l-Bahá schaute und ihm dabei die Tränen über die Wangen liefen.


Nabíl, der unsterbliche Chronist des Bahá'í-Glaubens, gibt in seinem Werk die Worte wieder, in denen Bahá'u'lláh ihm selbst die Qualen jener Tage geschildert hat:

»Wir wurden alle in einer Zelle zusammengedrängt, unsere Füße wurden in den Stock gelegt, und die Nacken wand man uns die schmerzhaftesten Ketten. Die Luft, die wir atmeten, stank nach ekelerregendem Schmutz, und der Boden, auf dem wir saßen, war mit Unrat bedeckt und von Ungeziefer verseucht. Kein Lichtstrahl vermochte in dieses Verlies einzudringen oder seine eisige Kälte zu erwärmen. Man setzte uns in zwei Reihen einander gegenüber. Wir hatten ihnen beigebracht, bestimmte Verse zu wiederholen, die sie jede Nacht mit größter Inbrunst anstimmten. Die eine Reihe sang: "Gott gibt mir Genüge; Er, wahrlich, ist der Allgenügende!"; und die andere Reihe antwortete: " Ihm sollen die Vertrauenden vertrauen!" Der Gesang dieser freudigen Stimmen war ohne Unterlaß bis in die frühen Morgenstunden zu hören. Sein Widerhall erfüllte das Verlies, drang durch die massiven Wände und erreichte das Ohr Násiri'd-Dín Sháhs, dessen Palast nicht weit von unserem Kerker lag "Was bedeutet dieser Gesang?" soll er ausgerufen haben. "Es ist der Lobgesang, den die Bábí in ihrem Gefängnis anstimmen," gab man zur Antwort. Der Sháh sagte weiter nichts und machte auch keinen Versuch, die Begeisterung zu dämpfen, die seine Gefangenen trotz ihrer grauenvollen Kerkerhaft unaufhörlich an den Tag legten.« (Nabíl III s.638f)


#104

»Eines Tages wurde ein Tablett mit Lammbraten in Unser Gefängnis getragen. Wie Wir erfuhren, ließ der Sháh dieses Fleisch unter die Gefangenen verteilen. "Der Sháh," so wurde Uns gesagt, "hat ein Gelübde getan und den heutigen Tag ausersehen, euch allen dieses Lamm darzureichen in Erfüllung seines Versprechens." Eine tiefe Stille überkam Unsere Gefährten, die von Uns erwarteten, daß Wir für sie antworteten. "Wir geben euch dieses Geschenk zurück," antworteten Wir. "Wir können gut auf diese Gabe verzichten." Diese Unsere Antwort hätte die Wachen sehr erzürnt, wären sie nicht selbst heißhungrig über das Essen, das Wir nicht anrühren wollten, hergefallen. Trotz des Hungers, der Unsere Gefährten quälte, ließ nur ein einziger, ein gewisser Mírzá Husayn-i-Mutivallíy-i-Qumí, ein Verlangen nach der Speise erkennen, die der Herrscher vor uns ausgebreitet hatte. Mit einer wahrlich heldenhaften Tapferkeit fügten sich Unsere Mitgefangenen ohne Murren in die erbärmliche Lage, in der sie sich befanden. Statt einer Klage über die Behandlung, die sie vom Sháh erfahren mußten, strömte unablässig der Lobpreis Gottes von ihren Lippen - ein Lobpreis, mit dem sie die Not ihrer grausamen Gefangenschaft zu überspielen suchten.« (Nabíl III S.639)

»Jeden Tag riefen Unsere Kerkermeister, wenn sie in unsere Zelle traten, den Namen eines Unserer Gefährten auf, geboten ihm, sich zu erheben und ihnen zum Fuß des Galgens zu folgen. Mit welchem Eifer ist dann der Aufgerufene diesem feierlichen Ruf gefolgt! Von seinen Ketten befreit, sprang er auf die Füße, näherte sich Uns in einem Zustand unsagbaren Entzückens und umarmte Uns. Wir versuchten dann, ihn mit der Zusicherung immerwährenden Lebens in der jenseitigen Welt zu trösten, und nachdem Wir so sein Herz mit Hoffnung und Freude erfüllt hatten, ließen Wir ihn ziehen, die Krone der Herrlichkeit zu erringen. Der Reihe nach umarmte er seine übrigen Mitgefangenen, dann machte er sich auf, um so furchtlos zu sterben, wie er gelebt hatte. Bald nach dem Märtyrertod eines jeden dieser Gefährten berichtete Uns der Scharfrichter, der Uns gegenüber im Laufe der Zeit eine gewisse Freundlichkeit an den Tag legte, über die näheren Begleitumstände dieses Todes und über die Seelenfreude, mit welcher das Opfer seine Leiden bis zuletzt ertragen hatte.« (Nabíl III S.639)


#105

In der düsteren, finsteren Schattenwelt des Síyáh-Chál von Tih-rán wurde die Bahá'í-Offenbarung geboren - in der gleichen Stadt, wo der Träger dieser Offenbarung selbst das Licht der Welt erblickt hatte. Ein schreckliches Gefängnis, ein Ort für Schwerstverbrecher, war dazu ausersehen die gebrochenen, zerschlagenen Überreste einer einst stolzen und blühenden Gemeinde aufzunehmen. Rings um Bahá'u'lláh lagen in Ketten und Banden die Bábí, die einmal den Kopf hoch getragen hatten, jetzt aber mit dem Schandmal und der Schmach des versuchten Königsmordes gezeichnet waren. Der Feind, nun in Harnisch gebracht, kannte keine Gnade. Sie waren dem Tode geweiht und erlitten die entsetzlichsten Qualen, ehe man ihrem Leben ein Ende machte.

Die Gemeinde des Báb, zur hirtenlosen, ziellosen Herde geworden, stand vor dem Zusammenbruch. War denn - so durfte man sich fragen - diese Sinnlosigkeit, diese fragwürdige, trostlose Endstation, diese augenscheinliche Schande das Ziel, für das der ruhmreiche Báb Sein Leben mit Freuden hingegeben hatte, für das der tapfere, unbezwingliche Bábu'l-Báb, der edle, unerschütterliche Quddús, der furchtlose, mutige Hujjat, der gelehrte, standhafte Vahíd und Hunderte von anderen heldenmütigen Seelen auf dem Schlachtfeld gefallen waren?

Die Antwort konnte nur ein entschiedenes, tausendfältiges "Nein!" sein. Tief in den Herzen der Bábí - mochten sie noch so fehlgeleitet, noch so abhängig sein von Einflüssen, die der Wahrheit ihres Glaubens ferne lagen, mochten sie noch so sehr von den gerechten Zielen des Báb abgeirrt sein - tief keimte eine glühende Hoffnung, geboren aus der Verheißung eines baldigen Kommens "Dessen, den Gott offenbaren wird".

Auf dem Pfade dieser Höchsten Manifestation Gottes hatte der Báb Sein Blut vergossen. Um den Weg für Sein Kommen zu bereiten, waren die Märtyrer in Shaykh Tabarsí, Zanján und Nayríz gefallen. Der ganze Daseinszweck der Bábí war es ja,um "Ihn, den Gott offenbaren wird," zu wissen und von Ihm zu zeugen. "Ich bereite euch für das Kommen eines machtvollen Tages", hatte der ruhmreiche Báb zu den Buchstaben des Lebendigen gesprochen, Seinen ersten Jüngern, als Er ihnen den Befehl gab auszuziehen, sich "über das ganze Land zu verbreiten" und "festen Fußes und geheiligten Herzens den Weg für Sein Kommen zu bereiten". Der Báb hatte Seinem Volk versichert, daß es "letztendlich siegen" werde; doch dieser "Endsieg" hatte sie völlig überraschend auf grausame Weise im Stich gelassen. Folglich mußte ihnen dieser "Endsieg" mit absoluter Gewißheit zuteil werden unter dem Banner der Höchsten Manifestation Gottes, deren Kommen ihnen ja verheißen war und die sie mit Ungeduld erwarteten.

Bahá'u'lláh selbst hat uns einen lebendigen, überwältigenden Bericht über die Stunden gegeben, in denen Er sich Seiner göttlichen Sendung bewußt wurde:


#106

»In den Tagen, da Ich im Kerker in Tihrán lag, vergönnten Mir die schweren Ketten, die Mich wundrieben, und die üble Luft nur wenig Schlaf; dennoch hatte Ich in den seltenen Augenblicken des Schlummers ein Gefühl, wie wenn etwas vom Scheitel Meines Hauptes über Meine Brust strömte, einem mächtigen Sturzbach gleich, der sich vom Gipfel eines hohen Berges zu Tal ergießt. Jedes Glied Meines Körpers wurde so in Flammen gesetzt, und Meine Zunge sprach in solchen Augenblicken Worte, die zu hören kein Mensch hätte ertragen können.« (WOLF [37] S.35)

»Eines Nachts im Traum waren von allen Seiten diese erhabenen Worte zu hören: "Wahrlich, Wir werden Dich durch Dich selbst und durch Deine Feder siegreich machen. Sei nicht traurig über das, was Dir widerfahren ist, und fürchte Dich nicht, denn Du bist in Sicherheit. Binnen kurzem wird Gott die Schätze der Erde offenkundig machen - Menschen, die Dir beistehen werden durch Dich selbst und durch Deinen Namen, durch welchen Gott die Herzen derer belebt, die Ihn erkannt haben.« (WOLF [35] S.34)

»Während Ich von Trübsalen rings umgeben war, hörte Ich eine unsäglich wunderbare, süße Stimme, die über Meinem Haupte rief. Und da Ich Mein Angesicht wandte, sah Ich eine Jungfrau - die Verkörperung des Gedenkens an den Namen Meines Herrn - in der Luft vor Mir schweben. Ihre innerste Seele war von solcher Freude durchströmt, daß ihr Antlitz im Schmucke des Wohlgefallens Gottes leuchtete und ihre Wangen in der Klarheit des Allbarmherzigen erglühten. Zwischen Erde und Himmel ließ sie ihren Ruf erschallen, der Herz und Geist der Menschen gefangennahm. Meinem inneren wie auch äußeren Sein übermittelte sie Botschaften, welche Meine Seele und die Seelen der geehrten Diener Gottes zum Jubeln brachten. Auf Mein Haupt deutend, wandte sie sich an alle im Himmel und auf Erden und sprach: "Bei Gott! Hier ist der Meistgeliebte der Welten, und doch versteht ihr es nicht. Hier ist die Schönheit Gottes unter euch und die Macht Seiner Souveränität in euch - wolltet ihr es doch verstehen! Hier ist das Geheimnis Gottes und Sein Schatz, die Sache Gottes und Seine Herrlichkeit für alle, die in den Reichen der Offenbarung und der Schöpfung wohnen - gehörtet ihr doch zu denen, die dies begreifen!« (GGV S.114f)

Diese Worte haben in den heiligen Schriften der Menschheit nicht ihresgleichen.





+17 #107

Kapitel 17

Die Bábí-Märtyrer des Jahres 1852

Die Grausamkeiten, die im Sommer 1852 an den Bábí-Märtyrern begangen wurden, und die Mißhandlungen, die man ihnen zufügte, waren empörend - so empörend, daß ein österreichischer Offizier, Hauptmann von Goumoens, der in den Diensten von Násiri'd-Dín Sháh stand, seine Demission einreichte und unter dem Datum des 29. August 1852 den folgenden bitteren Brief an einen Freund schrieb:

"Lieber Freund! In meinem letzten Brief vom 20. d.M. habe ich das versuchte Attentat auf den König erwähnt. Ich werde Ihnen jetzt das Ergebnis des Verhörs mitteilen, dem sich die beiden Verbrecher unterziehen mußten. Trotz schrecklicher Folterungen konnte die Vernehmung kein umfassendes Geständnis erzwingen. Die Lippen der Fanatiker blieben fest verschlossen, auch als man mittels rotglühender Zangen und gliederspaltender Schrauben den Hauptverschwörer herauszufinden suchte. Alles, was sich herausstellte, war, daß sie der Bábí-Sekte angehörten. Diese Bábí sind Ketzer ... Diese Sekte wurde ... von einem gewissen Báb gegründet, den man auf Befehl des Königs erschossen hat. Seine treuesten Anhänger flüchteten nach Zanján, wo sie vor zwei Jahren von den königlichen Truppen dezimiert und - wie man allgemein annahm - ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht ausgerottet wurden. Wie jede religiöse Intoleranz, so erreichte auch diese maßlose Verfolgung das genaue Gegenteil der beabsichtigten Wirkung. Die Lehre des Báb gewann immer mehr an Boden und ist gegenwärtig im ganzen Land verbreitet. Da die Regierung hartnäckig an der Politik der Verfolgung festhielt, wurden die Schismatiker nur in ihrer Entschlossenheit bestärkt und konnten Eigenschaften entwickeln, die im Vergleich zu dem weichlichen Wohlleben der Staatsreligion respektgebietend sind. Sehr geschickt hatte der Prophet [der Báb] seinen Jüngern aus seinen Lehren dargelegt, daß der Weg zum Paradies durch die Folterkammer führe. Wenn er die Wahrheit gesprochen hat, dann kommt dem jetzigen Sháh großes Verdienst zu, denn er bemüht sich angestrengt, das ganze Himmelreich mit Bábí zu bevölkern! Sein letzter Erlaß geht noch weiter und macht den königlichen Beamten die totale Vernichtung dieser Sekte zur Aufgabe. Wenn diese den königlichen Befehl nun einfach befolgten und alle in Haft befindlichen Fanatiker unschädlich machen würden, indem sie ihnen einen raschen, rechtmäßigen Tod bereiteten, so müßte man dies vom Standpunkt des Orientalen aus unbedingt gutheißen. Aber die Art und Weise, wie man die Strafe verhängt, die Umstände, unter denen dann das Ende naht, die Todesqualen, welche die Leiber der Opfer auffressen, bis ihr Leben mit einer letzten Zuckung erlischt - all dies ist so entsetzlich, daß mir das Blut in den Adern gerinnt, wenn ich jetzt versuche, Ihnen den Schauplatz in groben Zügen zu schildern. Die ungezählten Stockschläge, die mit Wucht auf Rücken und Fußsohlen niederprasseln, das Einbrennen von rotglühenden Eisenteilen in verschiedene Körpergegenden - das sind schon derart alltägliche Mißhandlungen, daß das Opfer, welches nur solchen Liebkosungen ausgesetzt ist, sich glücklich schätzen darf. Doch folgen Sie mir, mein Freund, der Sie ein Herz und die ethische Gesinnung eines Europäers ihr eigen nennen - folgen Sie mir zu jenen Unglücklichen, die am Tatort mit durchbohrten Augen ihre eigenen abgeschnittenen Ohren ohne Soße essen müssen, oder denen der Scharfrichter mit unmenschlicher Gewalt die Zähne herausbricht, oder deren unbedeckter Schädel kurzerhand mit dem Hammer zerschmettert wird; oder auch dorthin, wo der Bázár von unglücklichen Opfern beleuchtet wird, weil ihnen die Leute rechts und links tiefe Löcher in Brust und Schultern bohren und brennende Dochte in die Wunden stecken. Einige sah ich, die in Ketten durch den Bázár gezerrt wurden, während eine Militärkapelle ihnen vorauszog, und bei denen sich die Dochte schon so tief ins Fleisch hineingebrannt hatten, daß nun der Talg in den Wunden wie bei einer eben gelöschten Lampe aufflackerte." (Quelle s.FN nächster Absatz)

#108

"Nicht selten geschieht es, daß die nie ermüdende Findigkeit des Orientalen neue Folterqualen ersinnt. Man zieht den Bábí die Haut von den Fußsohlen ab, tränkt die Wunden mit kochendem Öl, beschlägt ihnen den Fuß wie den Huf eines Pferdes und zwingt das Opfer zu laufen. Kein Schrei entrang sich der Brust des Opfers; in dunklem Schweigen wird die Folterqual mit dem betäubten Empfinden des Fanatikers ertragen. Jetzt soll das Opfer laufen; der Körper vermag aber nicht zu ertragen, was die Seele ertragen hat: er fällt. So gebt ihm doch den Gnadenstoß! Erlöst ihn von seiner Pein! Aber nein! Der Henker schwingt die Peitsche, und - ich selbst bin Zeuge gewesen - das unglückliche Opfer hundertfacher Qualen, es läuft! Das ist der Anfang vom Ende. Schließlich hängen sie die versengten und durchsiebten Leiber an Händen und Füßen kopfunter an einen Baum, und nun mag jeder Perser nach Herzenslust aus einer bestimmten, aber nicht zu geringen Entfernung seine Schießkunst an der edlen Beute üben, die für ihn bereitsteht. Ich habe Leichen gesehen, die von nahezu hundertfünfzig Kugeln zerfetzt waren! Wer mehr Glück hatte, wurde erdrosselt, gesteinigt oder erstickt, vor Geschützmündungen gebunden, mit dem Schwert niedergestreckt oder mit Dolchstößen, Hammer- und Stockschlägen umgebracht. Nicht nur Scharfrichter und der Pöbel nahmen an dem Gemetzel teil; manchmal machten die Gerichtsbehörden einige der unglücklichen Bábí veschiedenen Würdenträgern zum Geschenk, und der persische Empfänger war sehr glücklich darüber und sah es als eine Ehre an, seine Hände im Blut des gefesselten, wehrlosen Opfers zu baden. Infanterie, Kavallerie, Artillerie, die Ghulám oder Wachen des Königs, die Zünfte der Metzger, Bäcker u.a. - alle haben sich an diesen Bluttaten beteiligt. Ein Bábí wurde dem großartigen Offizierscorps der Garnison übergeben. Der befehlshabende General versetzte ihm den ersten Schlag; dann kamen alle anderen dran, in der Reihenfolge der Dienstgrade. Die persischen Truppen sind Schlächter, keine Soldaten ... Wollte Gott, daß ich es nicht erlebt hätte! Aber durch die Pflichten meines Berufes wurde ich unglücklicherweise oft, nur allzuoft, Zeuge dieser Greuel."¹

¹ `Österreichischer Soldatenfreund`, Wien, 12.Oktober 1852 Jahrgang V Nr.123 S.513ff (engl. in E.G.Browne: Materials for the Study of the Bábí Religion, p.268ff)


#109

Mit solcher Abscheu und Empörung reagierte ein aufrechter, zivilisierter österreichischer Offizier. Aber diejenigen, die solche Grausamkeiten anordneten, billigten und verübten, haben sie nicht einfach ausgeführt, sondern rühmten sich noch ihrer schändlichen Taten und fanden daran Gefallen, wie aus der Berichterstattung des damaligen Staatsanzeigers, Rúznámiy-i-Vaqáyi`-i-Ittifáqíyyih, mit hinreichender Deutlichkeit hervorgeht.

Zu dieser Schar tapferer, unbeugsamer Seelen, die in dem Blutbad von 1852 den Tod fanden, gehörte Sulaymán Khán, derselbe furchtlose Geist, der auf Bahá'u'lláhs Geheiß die zerfetzten, nicht mehr voneinander zu trennenden Überreste des ruhmreichen Báb und Seines treuen Jüngers in Sicherheit gebracht hatte. Man bohrte ihm neun Löcher in den Körper (er half sogar noch mit) und steckte neun brennende Kerzen hinein. Dann wurde er durch die Straßen und Basare getrieben, den brüllenden, johlenden, rasenden Pöbel dicht auf den Fersen. Sulaymán Khán war ein junger Höfling in der Vollkraft seiner Jahre, an Macht und Pomp gewöhnt. Jetzt, am Tage seines Märtyrertodes, wurde er inmitten seiner Folterqualen ganz ruhig und rief aus: "Gibt es noch mehr Prunk und Gepränge als dieses, welches heute meine Schritte begleitet, die Krone der Herrlichkeit zu erlangen! Ruhm sei dem Báb, der in den Herzen Seiner Geliebten solche Hingabe entzünden kann und sie mit einer Macht ausstattet, welche größer ist als die Macht von Königen!" Als die Kerzen in seinen Wunden aufflackerten, sprach er: "Ihr habt schon lange euren Stachel verloren, o Flammen, und findet euch der Macht beraubt, mir Schmerzen zuzufügen. Sputet euch, denn eure Feuerzungen sind es, aus denen ich die Stimme hören kann, die mich zum Geliebten ruft!"¹ (Nabíl III S.626f) Und als einer der brutalen Folterknechte ihn verhöhnte, antwortete er mit den Versen (Browne: A Travellers Narrative II p.334):

Mit einer Hand den Becher Wein umschlossen,
des Geliebten Haupthaar in der andern Hand,
Dreh' ich mich tanzend auf dem Marktplatz,
den Blick aufs süße Ende unverwandt.

So starb Sulaymán Khán.


#110

Eine andere herausragende Gestalt, die diesem Wirbelsturm zum Opfer fiel, war Táhirih, die schöne, hochbegabte Dichterin aus Qazvín, dieselbe heldenmütige Seele, die auf der Konferenz von Badasht den Ruf nach der Emanzipation ihres unterdrückten Geschlechts erhoben hatte. Jetzt wurde sie im Dunkel der Nacht erdrosselt, ihre Leiche wurde in eine Grube geworfen, von der sich keine Spur erhalten hat. Aber das Gedächtnis ihrer überragenden Standhaftigkeit, ihres Mutes und ihrer Hingabe wird für immer fortbestehen. Wie sehr sie auch von jenen, die gegenüber der Wahrheit blind waren, aus Eifersucht und Fanatismus verleumdet und verunglimpft wird (oder wurde), wird doch der helle Stern dieser begnadeten Dichterin aus Qazvín strahlend bis zum Ende aller Zeiten leuchten. Táhirih wußte um ihren bevorstehenden Tod; sie war bereit. Am Vortag ihres Martyriums sagte sie zur ihrer Gastgeberin, der Gattin des Magistratsbeamten, unter dessen Aufsicht sie gestellt war: »Ich mache mich fertig, meinem Geliebten gegenüberzutreten, und wünsche Sie von den Sorgen und Beängstigungen meiner Gefangenschaft zu befreien.«¹ Sie hatte ihr Brautkleid angelegt.

So standhaft waren die Bábí, und so groß war das Ausmaß ihrer Opferbereitschaft.

¹ Nabíl III S.629


#111

Siyyid Husayn-i-Kátib aus Yazd, mit dem Beinamen `Azíz, einer der Buchstaben des Lebendigen des Báb und Sein Sekretär und Gefährte in den Bergfesten von Adharbáyján, gehörte ebenfalls zu den herausragenden Bábí, die in diesem Sommer 1852 den Kelch des Märtyrertums leerten. Er wurde dem Ajúdán-Báshí und einigen höchsten Offizieren des Heeres übergeben, die ihn mit ihren Schwertern in Stücke hieben.

Mullá `Abdu'l-Karím-i-Qazvíní (als Mullá Ahmad-i-Kátib bekannt) wurde von Artilleristen mit Dolchen in Stücke gerissen. Auch sein Bruder Aqá `Abdu'l-Hamíd starb den Märtyrertod.

Der Märtyrer, von dem der Hauptmann von Goumoens erwähnte, man habe ihn wie ein Pferd beschlagen und dann zum Laufen gezwungen, war nach dem Bericht des Staatsanzeigers Aqá Muhammad-Taqí aus Shíráz; verübt wurde diese unmenschliche Tat von Asadu'lláh Khán, dem Stallmeister Násiri'd-Dín Sháhs, und seinen Männern aus den königlichen Reitställen.

Sogar die jungen Studenten des Dáru'l-Funún, der gerade erst vom Amír Kabír gegründeten Akademie, wurden gezwungen, sich an diesen Grausamkeiten zu beteiligen. Ihr Opfer war Mírzá Nabí von Damávand, ein Gelehrter, der in Tihrán wohnte. Er wurde mit Schwertern und Lanzen niedergemacht.

Hájí Mírzá Jání, der getreue Kaufmann aus Káshán, der den Báb dort in seinem Hause beherbergt hatte und der erste Chronist Seines Glaubens¹ war, wurde das Opfer des Aqá Mihdí Maliku't-Tujjár (des Königs der Kaufleute) und der führenden Kaufleute aus der Hauptstadt, die mit den verschiedensten Waffen über ihn herfielen.

¹ Seine kurze Chronik ist bis zur Unkenntlichkeit verfälscht und unter dem Titel Nuqtatu'l-Káf zu einer Sammlung von wahnwitzigen Vorstellungen umfunktioniert worden. Siehe Balyuzi: Edward Granville Browne and the Bahá'í Faith. Es heißt, der Großwesir Mírzá Aqá Khán habe Hájí Mírzá Jání retten wollen.


Eine weitere bedeutende Märtyrergestalt war Lutf-`Alí Mírzá aus Shíráz, der das Blutbad von Shaykh Tabarsí überlebt hatte. Lutf-`Alí Mírzá war ein Sproß aus dem Hause der Afsháriden-Könige. Er schrieb eine Geschichte der Ereignisse von Shaykh Tabarsí in Mázindarán, die jedoch unvollendet blieb. Der Shátir-Báshí (der Erste Bote oder Kurier) und die Shátir (Kuriere), die unter ihm dienten, brachten Lutf-`Alí Mírzá zu Tode, indem sie ihn zur Zielscheibe ihrer Steine, Messer, Dolche und Stöcke machten.


#112

Über all diese Unmenschlichkeiten berichtete der Staatsanzeiger mit Wohlgefallen und Stolz. Der Shátir-Báshí hatte dem Sháh an dem Tag, als das Attentat auf ihn verübt wurde, in hervorragender Weise gedient; daher wünschte Násiri'd-Dín Sháh, daß Mírzá Sulaymán-Qulí, der als Khátibu'r-Rahmán (Sprecher des Barmherzigen) bekannt und ein Bruder des Shátir-Báshí war, verschont bliebe. Doch der Shátir-Báshí brachte Mírzá Sulaymán-Qulí selbst zu Tode, denn er sagte, er wolle keinen Bábí zum Bruder haben.

Husayn-i-Mílání, bekannt als Husayn-Ján (der geliebte Husayn), der einen Führungsanspruch erhoben und Anhängerschaft gewonnen hatte, war ebenfalls unter den Märtyrern jenes Schreckensmonats August. Soldaten aus verschiedenen Regimentern töteten ihn auf teuflische Art mit ihren Speeren.

Nach dem Bericht von Nabíl-i-A`zam haben achtunddreißig Bábí durch Angehörige verschiedener Bevölkerungsgruppen auf diese Weise den Märtyrertod erlitten. Genug ist gesagt, um die Unmenschlichkeiten eines rachsüchtigen Feindes aufzuzeigen. Im folgenden werden wir nur die im Staatsanzeiger aufgeführten Namen der anderen Märtyrer wiedergeben. Kein Grab, kein Grabstein erinnert in der Hauptstadt des Irán an ihre völlige Selbstaufopferung. Aber die Blätter der Geschichtsschreibung werden ihre Ruhmestaten bewahren und auch in künftigen Jahrhunderten Zeugnis ablegen von ihrem offenkundigen Heldenmut wie auch von der Niedertracht und ewigen Schande ihrer Verfolger.

Die Namen der anderen Märtyrer sind wie folgt angegeben: Siyyid Hasan-i-Khurásání (Hájí Mírzá Hasan-i-Radaví, einer der Überlebenden von Shaykh Tabarsí); Mullá Husayn-i-Khurásání; Mullá Zaynu'l-`Abidín-i-Yazdí; Mullá Fathu'lláh-i-Qumí (nach Angabe des Staatsanzeigers einer der Attentäter des Sháh); Shaykh `Abbás-i-Tihrání; Aqá Muhammad-Báqir-i-Najafábádí; Mullá Mírzá Muhammad-i-Nayrízí (laut Staatsanzeiger hatte er in Mázindarán, Zanján und Nayríz gekämpft, und sein Körper trug viele Narben von Verletzungen, die er bei diesen Kämpfen erhalten hatte); Aqá Muhammad-`Alíy-i-Najafábádí; Aqá Mihdíy-i-Káshání; Sádiq-i-Zanjání (er soll aus Tabríz stammen und war einer der Attentäter auf Násiri'd-Dín Sháh; er starb noch am gleichen Tag durch die Leute im Gefolge des Sháh); Hájí Qásim-i-Nayrízí (er starb zusammen mit Sulaymán Khán und auf die gleiche Art: ihre Körper wurden zweigeteilt und die Hälften an verschiedenen Stadttoren aufgehängt); Mírzá Rafí`-i-Núrí; Mírzá Mahmúd-i-Qazvíní; Najaf-i-Khamsi'í; Hasan-i-Khamsi'í; Muhammad-Báqir-i-Quhpáy'í.


#113

Dasselbe offizielle Blatt berichtet, Násiri'd-Dín Sháh habe die nun folgenden Personen zu lebenslanger Haft verurteilt, da ihre Schuld nicht nachgewiesen werden konnte: Mírzá Husayn-`Alíy-i-Núrí (Bahá'u'lláh); Mírzá Sulaymán-Qulí (der, wie wir gesehen haben, dann auf Betreiben des eigenen Bruders den Tod erlitt); Mírzá Mahmúd; Aqá `Abdu'lláh (ein Sohn von Aqá Muhammad-Ja`far); Mírzá Javád-i-Khurásání; Mírzá Husayn-i-Qumí, bei welchem der Staatsanzeiger noch hinzufügt: "Nicht ganz unschuldig; wurde zur Vernehmung einbehalten" (wahrscheinlich sollte er `Abbás Mírzá, den Halbbruder Násiri'd-Dín Sháhs, belasten, dessen Hauslehrer er in Qum gewesen war; schließlich wurde er ebenso wie `Abbás Mírzá in den `Iráq verbannt).

Außer den im Staatsanzeiger Genannten haben, wie man weiß, auch die folgenden Personen in jenem Sommer des Jahres 1852 den Märtyrertod erlitten: Hájí Muhammad-Ridáy-i-Isfahání; Ib-ráhím Big-i-Khurásání; Mírzá `Alí-Muhammad-i-Núrí (ein Vetter Bahá'u'lláhs, Sohn einer Tante väterlicherseits); Mullá `Abdu'l-Fattáh (ein Greis von achtzig Jahren, der aus Tákur herbeigeschafft wurde und, in den Síyáh-Chál geworfen, unmittelbar darauf starb);Mullá `Alí Bábá und Aqá Muhammad-Taqí (beide aus Tákur gebürtig, beide von dort nach Tihrán verbracht, wo sie im Kerker starben).

Mit Sicherheit läßt sich sagen, daß es in Tihrán noch weitere Märtyrer gab, deren Namen weder Freund noch Feind verzeichnet hat.


#114

In Tákur im Bezirk Núr, der Heimatstadt von Bahá'u'lláhs Vater, kam es zu einem Zwischenfall, der ganz auf das Konto von Mírzá Yahyá geht. Vor dem Attentat auf Násiri'd-Dín Sháh verließ Mírzá Yahyá - der über die Pläne Bescheid wußte, welche `Azím, Husayn-Ján-i-Mílání und andere ausgebrütet hatten - die Hauptstadt in Richtung Tákur. Er war sich so sicher, daß das Vorhaben seiner irregeleiteten Glaubensbrüder in Tihrán Erfolg haben würde, daß er insgeheim Schritte unternahm, um seine eigene Stellung in Tákur und darüber hinaus im ganzen Bezirk Núr zu festigen. In Tákur lebte Mullá `Alí Bábá, ein Gottesgelehrter in vorgerücktem Alter. Mírzá Yahyá überredete ihn, das Gewand des geistlich Gelehrten mit dem Waffenrock des Kämpfers zu vertauschen und sich eine Jagdmütze aufzusetzen. Muhammad-Taqí Khán, der noch jung und leicht zu beeinflussen war, folgte zusammen mit ein paar anderen seinem Beispiel, und so verbreitete sich schnell das Gerücht, die Bábí bereiteten einen Aufstand vor. Kurz darauf ging die Nachricht ein, es sei ein Mordanschlag auf Násiri'd-Dín Sháh versucht worden, dieser sei aber gründlich fehlgeschlagen. Mírzá Yahyá war aufs äußerste erschreckt. Er ließ verlauten, er wolle nach Tihrán abreisen, und ritt eilig von Tákur fort, nur um in derselben Nacht wiederzukommen und unterzutauchen. Aus seinem Schlupfwinkel tauchte er als Derwisch wieder auf, und in dieser Verkleidung durchstreifte er zusammen mit seinem Onkel Mírzá (oder Mullá) Zaynu'l-`Abidín und einem anderen Mann namens Mullá Ramadán die Wälder von Mázindarán, bis sie zuletzt in die Hafenstadt Mashhad-Sar (heute Bábulsar) kamen. Dort bestiegen Mírzá Yahyá und sein Onkel ein Schiff nach Anzalí in der kaspischen Provinz Gílán. Von Anzalí aus gingen sie nach Baghdád. Die Leute in Tákur waren jedoch aufs äußerste beunruhigt. Auf Veranlassung des Shaykh `Azízu'lláh (jenes Onkels, der Bahá'u'lláh feindlich gesinnt war) schickten sie ständig übertriebene Berichte nach Tihrán, die Násiri'd-Dín Sháh sehr erzürnten. Er befahl Mírzá Aqá Khán Sadr-i-A`zam, den Bábí von Tákur eine heilsame Lektion zu erteilen. Mírzá Aqá Khán stammte selbst aus Núr und wußte, wie verdreht die Berichte aus Tákur waren; aber er mußte etwas unternehmen, um den Sháh zufriedenzustellen. Daher wählte er ein Kavallerieregiment aus, unterstellte es dem Befehl von Hasan-`Alí Khán-i-Qájár und machte seinen eigenen Neffen Mírzá Abú-Tálib Khán zu Hasan-`Alí Kháns Berater. Die Schwester dieses Mírzá Abú-Tálib Khán war die Frau von Aqá muhammad-Hasan, einem Bruder Bahá'u'lláhs. Ungeachtet dieser verwandtschaftlichen Bande, ungeachtet der Warnungen und ausdrücklichen Befehle des Großwesirs und der Einwände von Hasan-`Alí Khán handelte Mírzá Abú-Tálib Khán völlig eigenmächtig. Er lehnte es ab, mit seinem eigenen Schwager zusammenzutreffen, terrorisierte den ganzen Landstrich und ließ seine Soldaten auf die Bevölkerung von Tákur los, von denen viele auf die umliegenden Berge flüchteten. Auch Bábá Khán, Muhammad-Taqí Khán und `Abdu'l-Vahháb Big, drei der führenden Bábí, nahmen im Gebirge ihre Zuflucht. Bábá Khán gelang es, sich davonzumachen. Muhammad-Taqí Khán konnte von seinem Beobachtungspunkt aus auf das ungebärdige, zügellose Verhalten der Soldaten und auf die erbärmliche Lage seiner Glaubensbrüder herabschauen und sagte zu seinem Begleiter, er werde umkehren, um den notleidenden Bewohnern von Tákur jede in seiner Macht stehende Unterstützung zu gewähren. `Abdu'l-Vahháb Big erkannte, wie aussichtslos die Situation war, und versuchte ihn aufzuhalten. Doch Muhammad-Taqí Khán blieb hart, und so begleitete ihn `Abdu'l-Vahháb Big mit seinem Diener. Als sie talwärts in Richtung auf Tákur gingen, eröffnete man das Feuer auf sie. `Abdu'l-Vahháb Big und Muhammad-Taqí Khán wurden beide getötet; der Diener warf sich in den Fluß und wurde von der reißenden Strömung fortgetragen.


#115

Im Empfangszimmer Seines Hauses in Haifa sprach `Abdu'l-Bahá an einem Augustabend des Jahres 1919 über Muhammad-Taqí Khán von Tákur, seine Tugenden und seine Tapferkeit. Er sagte, Muhammad-Taqí Khán sei im Luxus aufgewachsen und sei überlebt worden von seiner alten achtzigjährigen Mutter welche die Standhaftigkeit selbst gewesen sei. Man habe ihr nichts gelassen außer einem baufälligen Haus, dessen gesamte Einrichtung man geplündert habe. Die ganze Nacht hindurch, so erzählte `Abdu'l-Bahá, habe sie Gott gepriesen und Ihm gedankt: "Mein Herr, ich hatte nur einen Sohn, und den habe ich auf Deinem Pfade dahingegeben. Aller Lobpreis sei Dir!"

Einen Monat später, so erzählte `Abdu'l-Bahá weiter, kam ein gewisser Hájí Hasan-i-Kujúrí, der ein ehrlicher Mann war, zu Muhammad-Taqí Kháns Mutter, um ihr etwas zurückzuzahlen, was er ihrem toten Sohn noch geschuldet hatte. Doch obschon die alte Frau große Not litt, nahm sie nichts an, so eindringlich Hájí Hasan sie auch bat, das Geld zurückzahlen zu dürfen. Sie sagte: "Mein Sohn hat eine Frau und Kinder in Tihrán; bring es ihnen."

Mírzá Abú-Tálib Khán verhaftete ungefähr zwanzig führende Bábí, darunter den betagten Mullá `Abdu'l-Fattáh sowie Mullá `Alí Bábáy-i-Buzurg (den Älteren) und Mullá `Alí Bábáy-i-Kúchik (den Jüngeren); sie alle ließ er zusammen mit einer Anzahl Frauen gewaltsam nach Tihrán bringen. Die Männer kamen in den Síyáh-Chál. Die schon genannten Männer und noch drei andere, unter ihnen ein Muhammad-Taqí Big, starben in diesem Verlies unter den Augen Bahá'u'lláhs. Als Mullá `Alí Bábáy-i-Buzurg der Tod ereilte, schloß ihm Bahá'u'lláh die Augen. `Abdu'l-Bahá hat erzählt, daß der Mann, dem Mírzá Abú-Tálib Khán befohlen hatte, Mullá `Ab-du'l-Fattáh den Bart abzuschneiden, so grausam war, ihm gleich einen Teil des Kinns mit wegzuschneiden. Dieser greise Bábí war mehr tot als lebendig und starb bei der Ankunft im Síyáh-Chál. Der anmaßende, eigensinnige Mírzá Abú-Tálib Khán zwang sogar seinen eigenen Schwager, Tákur für immer zu verlassen. Aqá Muhammad-Hasan, der dort den Familienbesitz verwaltete, ließ sich durch seinen Sohn Mírzá Ghulám-Alí vertreten und begab sich nach Tihrán. Als Mírzá Abú-Tálib Khán von Násiri'd-Dín Sháh empfangen wurde, brüstete er sich mit all seinen Taten; doch der Sháh wandte sich an Hasan-Alí Khán und erkundigte sich auf türkisch, was denn nun wirklich vorgefallen sei. Der Kadscharenführer sagte die Wahrheit und berichtete Násiri'd-Dín Sháh, er habe in Tákur keinerlei Anzeichen einer Rebellion bemerkt. Das Eingreifen der Truppen dort habe lediglich zur Folge gehabt, daß einige unschuldige Menschen gestorben, ein großer Landstrich verwüstet und das Haus von Mírzá Buzurg zerstört worden seien und daß man die wertvolle Einrichtung dieses Hauses geplündert habe. Es wird berichtet, daß Násiri'd-Dín Sháh beschämt und verlegen war. Mírzá Aqá Khán rügte seinen Neffen, trotzdem bekam dieser junge Senkrechtstarter einen Offiziersposten im Heer und erhielt ein eigenes Regiment.


#116

(Bildlegende: Aqá Muhammad-Hasan, ein älterer Halbbruder Bahá'u'lláhs)


Die Quellen berichten aber auch, wie es denen ergangen ist, die sich der Übergriffe in Tákur schuldig gemacht hatten. Schon binnen eines Monats bekam Mírzá Abú-Tálib Khán die Cholera. In seiner Todesstunde ruhte sein Kopf im Schoß seines Schwagers Aqá Muhammad-Hasan, den er gekränkt und verachtet hatte. Jetzt erwies ihm dieser Ehemann seiner Schwester jeden Freundesdienst und große Barmherzigkeit, sehr zum Erstaunen des Mírzá Aqá Khán. Mírzá Khalíl-i-Yálrúdí, der im gleichen Jahr Greueltaten begangen hatte, stürzte mit seinem Pferd von einer Brücke und erlag seinen Verletzungen. Tahmásb-Qulí Khán-i-Kujúrí, der an den Greueltaten beteiligt war, wurde von seinem eigenen Gefolge in Stücke gerissen. Nabí, der Mann, der nach eigenem Geständnis Muhammad-Taqí Khán erschossen hatte, als sich die Armee auf dem Rückmarsch von Tákur befand, fiel vom Pferd und erlitt den Tod.





+18 #118

Kapitel 18

Ein Jüngling aus Shíráz

Dies ist die Geschichte eines jungen Mannes aus Shíráz - eines ruhmreichen Jünglings, der sich selbst opferte, weil sein reines Herz von Liebe zu Bahá'u'lláh überfloß. Seine Geschichte geht zurück bis in die ersten Monate der neuen Sendung. Bahá'u'lláh hat sie erzählt, auch `Abdu'l-Bahá hat sie erzählt, und Nabíl hat sie aufgezeichnet.

Mullá-Alíy-i-Bastámí, einer der Buchstaben des Lebendigen, erhielt vom Báb den Auftrag, sich in den `Iráq zu begeben. Auf dem Weg dorthin, noch nicht weit von Shíráz entfernt, wurde er von einem jungen Mann eingeholt. Sein Name, sagte der, sei Abdu'l-Vahháb. Seine Absicht sei sehr einfach: Er wolle immer bei Mullá `Alí sein, wohin dieser auch gehe. Er wußte eine seltsame Geschichte zu erzählen. Doch folgen wir dem Bericht von Nabíl-i-A`zam:

»"Ich flehe dich an," bat er Mullá `Alí unter Tränen, "erlaube mir, dich auf deiner Reise zu begleiten. Verwirrung bedrängt mein Herz; ich bitte dich, leite du meine Schritte auf den Pfad der Wahrheit. Letzte Nacht hörte ich im Traum den Ausrufer in der Basarstraße von Shíráz das Erscheinen des Imám `Alí, des Oberhauptes der Gläubigen, ankündigen. Er rief der Menge zu: `Macht euch auf und sucht ihn! Siehe, er holt aus dem brennenden Feuer Freibriefe und verteilt sie unter die Menschen! Eilt zu ihm, denn wer immer sie aus seinen Händen empfängt, wird den Qualen der Strafe entgehen, und wer es versäumt, einen von ihm zu erhalten, wird keinen Anteil an den Segnungen des Paradieses haben.' Als ich die Stimme des Ausrufers hörte, stand ich sofort auf, ließ meinen Laden im Stich und rannte über die Basarstraße von Vakíl bis zu einem Platz, wo meine Augen dich stehen und gerade jene Freibriefe unter die Leute verteilen sahen. Jedem, der zu dir kam, um sie aus deiner Hand zu empfangen, flüstertest du etwas ins Ohr, worauf er voll Bestürzung floh und ausrief: `Weh mir, denn ich bin von den Segnungen `Alís und seines Geschlechts ausgeschlossen! Ach, ich Elender, daß ich zu den Verworfenen und Gefallenen gehöre!' Da erwachte ich aus meinem Traum und begab mich wieder zu meinem Laden, versunken in ein Meer von Gedanken. Plötzlich sah ich dich vorübergehen in Begleitung eines Mannes, der einen Turban trug und mit dir sprach. Ich sprang auf, und wie von einer unwiderstehlichen Macht getrieben lief ich los, um dich einzuholen. Zu meinem größten Erstaunen fand ich dich genau auf dem Platz, den ich in meinem Traum gesehen hatte, wo du Sprüche und Verse hersagtest. Ich blieb in einiger Entfernung stehen und hörte dir zu, völlig unbemerkt von dir und deinem Freund. Ich hörte, wie der Mann, mit dem du sprachst, heftig protestierte: `Es ist leichter für mich, von den Flammen der Hölle verschlungen zu werden, als an die Wahrheit deiner Worte zu glauben, deren Gewicht zu ertragen selbst Berge außerstande sind!' Auf diese verächtliche Ablehnung gabst du ihm die Antwort: `Und wenn das ganze Weltall Seine Wahrheit zurückwiese, so könnte das nie die strahlende Reinheit Seines Gewandes der Größe trüben.' Dann ließest du ihn stehen und lenktest deine Schritte zum Kázirán-Tor. Ich folgte dir weiter, bis ich diesen Platz erreichte."« (Nabíl I S.121ff)

#119

»Mullá `Alí versuchte sein verstörtes Gemüt zu beruhigen und ihn zur Rückkehr in sein Geschäft zu bewegen, damit er sein Tagewerk wieder aufnähme. "Wenn du dich mir anschließen würdest," hielt er ihm vor, "so brächte mich das in Schwierigkeiten. Kehre nach Shíráz zurück und sei versichert, daß du zu denen gehörst, die gerettet werden. Ferne sei es von Gott, daß Er in Seiner Gerechtigkeit einem so entflammten, ergebenen Sucher den Kelch Seiner Gnade vorenthalte oder daß Er einer so durstigen Seele das wogende Meer Seiner Offenbarung verweigere." Diese Worte Mullá `Alís fruchteten nichts. Je mehr er auf der Rückehr von `Abdu'l-Vahháb bestand, umso lauter wurde dessen Jammern und Klagen. Zuletzt sah sich Mullá `Alí genötigt, seinem Wunsch zu willfahren und sich in den Willen Gottes zu fügen.« (Nabíl I S.122f)

»Von Hájí `Abdu'l-Majíd, dem Vater des `Abdu'l-Vahháb, hat man oft folgende Geschichte gehört, die ihm jedesmal wieder die Tränen in die Augen trieb: "Wie tief," sagte er, "bedaure ich die Tat, die ich begangen habe. Betet, daß Gott mir meine Sünde vergebe! Ich war ein Günstling am Hof der Söhne des Farmán-Farmá¹, des Gouverneurs der Provinz Fárs. Meine Stellung dort war so, daß niemand gewagt hätte, mir zu widersprechen oder mich zu beleidigen. Niemand stellte meine Autorität in Frage, niemand hätte sich unterfangen, in meine Rechte einzugreifen. Kaum hatte ich gehört, daß mein Sohn `Abdu'l-Vahháb seinen Laden aufgegeben und die Stadt verlassen habe, lief ich hinaus zum Kázirán-Tor, um ihn einzuholen. Einen Knüppel in der Hand, mit dem ich ihn verprügeln wollte, fragte ich die Leute nach dem Weg, den er gegangen sei. Man sagte mir, daß vor kurzem ein Mann mit Turban die Straße überquert habe, und es sei beobachtet worden, wie mein Sohn ihm gefolgt sei. Es habe so ausgesehen, als wollten die beiden zusammen die Stadt verlassen. Dies erregte in mir Zorn und Unwillen. Kann ich mir ein derart unverschämtes Verhalten meines Sohnes gefallen lassen, dachte ich mir, wo ich doch eine so bevorzugte Stellung am Hof der Söhne des Farmán-Farmá innehabe? Nur strengste Züchtigung, meinte ich, könnte die Folgen des schändlichen Betragens meines Sohnes wieder tilgen.« (Nabil I S.122f)

¹ Aller Wahrscheinlichkeit nach Husayn-Alí Mírzá, der Sohn von Fath-`Alí Sháh. Der nächste Farmán-Farmá, der auch für kurze Zeit Gouverneur von Fárs war, war Firaydún Mírzá, der Bruder von Muhammad Sháh. (H.M.B.)



#120

»"Ich suchte so lange, bis ich die beiden fand. Von wilder Wut gepackt, überhäufte ich Mullá `Alí mit unaussprechlichen Beschimpfungen. Die Hiebe, die schwer auf ihn niederfielen, beantwortete er jedoch mit außerordentlicher Gelassenheit: `Halte deine Hand zurück, o `Abdu'l-Majíd, denn das Auge Gottes sieht dich! Ich rufe Ihn zum Zeugen, daß ich in keiner Weise für das Verhalten deines Sohnes verantwortlich bin. Mich kümmern nicht die Schmerzen, die du mir zufügst; denn ich bin auf die bittersten Leiden gefaßt auf dem Weg, den ich auf mich genommen habe. Angesichts dessen, was in Zukunft noch über mich kommt, sind deine Kränkungen wie ein Tropfen im Vergleich zum Meer. Wahrlich, ich sage dir, du wirst mich überleben und wirst dahin kommen, meine Unschuld zu erkennen. Dann wird deine Reue groß, dein Kummer tief sein.` Ich verlachte seine Einwände, und ungeachtet seiner Warnung schlug ich weiter auf ihn ein, bis ich erschöpft war. Er ließ diese höchst unverdiente Züchtigung von meiner Hand still und heldenmütig über sich ergehen. Schließlich befahl ich meinem Sohn, mit mir zu kommen, und überließ Mullá `Alí seinem Schicksal.« (Nabíl I S.123)

»"Auf dem Rückweg nach Shíráz erzählte mir mein Sohn den Traum, den er gehabt hatte. Nach und nach überkam mich ein Gefühl tiefen Bedauerns. Die Schuldlosigkeit von Mullá `Alí war in meinen Augen erwiesen, und die Erinnerung an meine Grausamkeit gegen ihn lag mir noch lange schwer auf der Seele. Diese Bitterkeit blieb in meinem Herzen zurück bis zu der Zeit, als ich meinen Wohnsitz von Shíráz nach Baghdád verlegen mußte."« Nabíl I S.123)


#121

Danach begegnen wir diesem gotttrunkenen jungen Mann in Kázimayn¹ wieder, der heiligen Stadt unweit Baghdáds, wo er ein Geschäft eröffnet hatte. Wir schreiben das Jahr 1851. Bahá'u'lláh hält sich auf Anraten von Mírzá Taqí Khán Amír Kabír, vorübergehend im Iráq auf.

¹ Nach anderen Angaben hatte der junge Mann sein Geschäft in Karbilá und traf in dieser Stadt mit Bahá'u'lláh zusammen.


Häufige Besuche machte Bahá'u'lláh damals in Kázimayn, der Stadt mit den zwei heiligen Schreinen. Dabei mußte der junge Mann aus Shíráz zwangsläufig mit Bahá'u'lláh zusammentreffen und, nachdem er Ihm einmal begegnet war, Ihm leidenschaftlich zugetan sein. Nun kannte er keinen Frieden mehr außer in der Gegenwart Bahá'u'lláhs, der bei den Bábí noch immer nur als Jináb-i-Bahá und in der Öffentlichkeit als Mírzá Husayn-Alí bekannt war. Es war Mírzá Abdu'l-Vahhábs sehnlichster Wunsch, Bahá'u'lláh in den Irán zurückzubegleiten. Doch Bahá'u'lláh überredete ihn, an Ort und Stelle bei seinem Vater zu bleiben, und gab ihm einen Geldbetrag, damit er sein Geschäft vergrößern und ausweiten konnte.

»Wohin kann ein Liebender gehen, außer ins Land seiner Geliebten? Welcher Suchende fände Ruhe fern von der Ersehnten seines Herzens? Für den aufrichtig Liebenden bedeutet Vereinigung Leben und Getrenntsein Tod. Seine Brust kennt keine Geduld, und sein Herz findet keinen Frieden. Hunderttausendmal würde er sein Leben einsetzen, um zur Stätte seiner Geliebten zu eilen.« (Bahá'u'lláh: VW pers.4)

Diese Worte schrieb die Erhabenste Feder Jahre später in Baghdád nieder.

Abdu'l-Vahháb konnte nicht anders, er mußte Bahá'u'lláh nach Tihrán folgen. Er erreichte die Hauptstadt kurz nach dem wahnwitzigen Attentat auf den Sháh, als Tihrán sich im Aufruhr befand. In einem Sendschreiben erzählt `Abdu'l-Bahá die Geschichte dieses ruhmreichen jungen Mannes und erwähnt die Beamten, die überall nach den Bábí suchten, während Abdu'l-Vahháb unerschrocken auf dem Marktplatz das Lob seines Herrn sang. Er wurde ergriffen und in den Síyáh-Chál geworfen. Endlich hatte Mírzá `Abdu'l-Vahháb-i-Shírází die Ruhe und den Seelenfrieden gefunden, nach denen er sich im Innersten gesehnt hatte; denn er befand sich jetzt ständig in der Gegenwart seines Herrn. Er wurde mit Bahá'u'lláh zusammengekettet.


#122

Bahá'u'lláh erzählte Nabíl eines Tages folgendes:

»Eines Nachts wurden Wir vor Morgengrauen von Mírzá `Abdu'l-Vah-háb-i-Shírází geweckt, der durch die gleichen Ketten mit Uns verbunden war. Er war von Kázimayn fortgegangen und Uns nach Tihrán gefolgt, wo man ihn ergriff und in den Kerker warf. Er fragte Uns, ob Wir wach seien, und begann Uns seinen Traum zu erzählen. "Ich bin heute nacht in einen Bereich von unendlicher Weite und Schönheit aufgestiegen," sagte er. "Ich schien auf Schwingen emporgehoben; sie trugen mich, wohin ich wünschte. Ein Gefühl freudiger Verzückung erfüllte meine Seele. Ich flog durch diesen grenzenlosen Raum mit einer Leichtigkeit und Schnelligkeit, die ich nicht beschreiben kann." Wir erwiderten: "Heute wird die Reihe an dir sein, dich für diese Sache zu opfern. Mögest du fest und standhaft bleiben bis zum Ende! Dann wirst du dich in diesen grenzenlosen Raum aufsteigen sehen, von dem du geträumt hast, wirst mit derselben Leichtigkeit und Schnelligkeit das Reich der unvergänglichen Herrschaft durcheilen und mit derselben Verzückung auf den Unendlichen Horizont schauen.« (Nabíl III S.639)

»Der Morgen sah den Kerkermeister wieder in Unsere Zelle eintreten und den Namen von `Abdu'l-Vahháb laut ausrufen. Dieser warf die Ketten von sich, sprang auf die Füße, umarmte jeden einzelnen seiner Mitgefangenen und drückte Uns, indem er Uns in die Arme schloß, liebevoll ans Herz. In diesem Augenblick wurden wir gewahr, daß er keine Schuhe trug. Wir gaben ihm die Unseren, und indem Wir ein letztes Wort des Zuspruchs und des Ansporns sprachen, schickten Wir ihn fort zum Schauplatz seines Martyriums. Später kam der Scharfrichter zu Uns und pries in glühenden Worten den Opfergeist, den dieser Jüngling bewiesen habe. Wie dankbar waren Wir Gott für dieses Zeugnis, das der Scharfrichter selbst gegeben hatte!« (Nabíl III S.639)

`Abdu'l-Vahháb küßte Bahá'u'lláh die Knie, dann ging er singend und tanzend voran bis in die Umarmung des Todes. All die teuflischen Grausamkeiten, die unaussprechlichen Qualen, die ein raubgieriger Feind diesem jungen Mann aus Shíráz zur Todesstunde antat, brachten seiner Standfestigkeit auch nicht die kleinste Schramme bei, denn seine gesegneten Augen waren "auf den Unendlichen Horizont" gerichtet. Sein reines Herz floß über von Liebe und Freude.

So starb Abdu'l-Vahháb, ein einfacher Jüngling aus Shíráz.


#123

Wir versetzen uns jetzt in eine spätere Zeit: sechzig Jahre nach Abdu'l-Vahhábs Märtyrertod. `Abdu'l-Bahá, der Mittelpunkt des Bündnisses Bahá'u'lláhs, durchreist die Vereinigten Staaten von Amerika; Er ist unterwegs vom Atlantik zum Pazifik. Eines Tages erzählt Er einigen amerikanischen Bahá'í die Geschichte dieses jungen Mannes aus Shíráz. Unter denen, die das Vorrecht hatten, diese ergreifende Geschichte aus `Abdu'l-Bahás Mund zu hören, befand sich Lua Getsinger (die der Hüter der Bahá'í-Religion mit dem Namen "Lehrerinmutter des Westens" geehrt hat). Als Er an die entscheidende Stelle kommt, wo Abdu'l-Vahháb von Bahá'u'lláh Abschied nimmt, um zur Stätte seines Martyriums zu gehen, - doch lassen wir Juliet Thompson das Bild zu Ende zeichnen:

"Plötzlich veränderte sich `Abdu'l-Bahás ganzer Ausdruck. Es war, als sei der Geist des Märtyrers in Ihn eingetreten ... Das Haupt angespannt hochgereckt, mit den Fingern hoch in der Luft schnippend, mit dem Fuß auf die Veranda trommelnd, bis wir das Vibrieren kaum noch ertragen konnten - eine solche elektrifizierende Macht ging von Ihm aus - sang Er das Lied des Märtyrers, ekstatisch und tragisch über alles hinaus, was ich je gehört hatte. Dies also war es, was die Sache Gottes bedeutete! Dies hieß, in Seiner Nähe leben! Ein neues Reich tat sich vor mir auf - das Reich der Göttlichen Tragödie."¹

"»Und so,« schloß `Abdu'l-Bahá, »ging er singend und tanzend in den Tod - und hundert Henkersknechte stürzten sich auf ihn! Später kamen seine alten Eltern zu Bahá'u'lláh und lobten Gott, weil ihr Sohn sein Leben auf dem Pfade Gottes dahingegeben hatte!«"¹

"Er sank in Seinen Stuhl zurück. Tränen traten mir in die Augen und verschleierten alles. Als sich mein Blick wieder klärte, sah ich einen noch fremdartigeren Ausdruck auf Seinem Gesicht. Seine Augen waren unverkennbar auf das Unsichtbare gerichtet. Sie strahlten wie Juwelen und waren so voller Entzücken, daß sich Seine Vision uns fast wie Wirklichkeit mitteilte. Ein Lächeln des Frohlockens spielte um Seinen Mund. Ganz leise, so daß es wie ein Echo klang, summte Er das Lied des Märtyrers. »Seht!« rief Er, »solche Wirkung hat der Tod eines Märtyrers in der Welt! Er hat meinen Zustand verändert.« Einen Augenblick herrschte Stille, dann sagte Er: »Was ist, Juliet? Worüber denkst du so tief nach?« `Ich dachte über deinen Gesichtsausdruck nach, als du sagtest, daß dein Zustand verändert sei. Ich dachte, ich hätte da einen Schimmer erhascht von der Freude Gottes über diejenigen, die voller Glückseligkeit für die Menschheit sterben.`"¹

¹ Juliet Thomson: Abdu'l-Bahas First Days in America p.34


Auch Hájí Abdu'l-Majíd - Abdu'l-Vahhábs Vater, der Mullá Alíy-i-Bastámí eine so strenge Strafe zugemessen hatte - und seine Frau gingen ohne Zögern denselben Pfad wie ihr ruhmreicher Sohn, sobald sie Bahá'u'lláh von Angesicht zu Angesicht begegnet waren.








+19 #125

Kapitel 19

Freilassung und Verbannung

Die Mutter von Násiri'd-Dín Sháh rief lautstark nach Bahá'u'lláhs Blut, und Hájibu'd-Dawlih hätte Ihn ganz ohne Zweifel hinrichten lassen, hätte er dazu nur eine Möglichkeit gefunden. Aber jedesmal, wenn der kleine Diener `Abbás, der im Haus des Märtyrers Hájí Sulaymán Khán gearbeitet hatte, zum Síyáh-Chál gebracht wurde, um Bahá'u'lláh zu identifizieren, blieb er fest dabei, er habe Ihn nie in der Gesellschaft der Bábí im Haus seines Herrn gesehen. Unterdessen versuchten Bahá'u'lláhs Brüder und Schwestern alles, um Seine Freilassung zu erreichen; doch Nási-ri'd-Dín Sháh blieb hart. Er hatte entschieden, Bahá'u'lláh solle lebenslang gefangen bleiben.

Mírzá Aqá Khán-i-Núrí, der Sadr-i-A`zam und Amtsnachfolger von Mírzá Taqí Khán, hatte Bahá'u'lláh viel zu verdanken. Als er während der Regierungszeit des Hájí Mírzá Aqásí einmal in Ungnade gefallen war, die Bastonade erhielt und mit einer Geldstrafe belegt wurde, bezahlte Bahá'u'lláh ihm einen großen Teil der Geldstrafe. Später, als sich Mírzá Aqá Khán während seiner Verbannung nach Káshán in höchster finanzieller Not befand, kam ihm Bahá'u'lláh wieder zu Hilfe und besorgte ihm durch Vermittlung von Mírzá Shafí`Sáhib-Díván eine Jahresrente von neunzehnhundert Túmán. Noch etwas später war Bahá'u'lláh dem Sohn des Mírzá Aqá Khán - er hieß Kázim Khán - und seiner Frau behilflich, dem Vater nach Káshán zu folgen. Jetzt, im Jahre 1852, schickten Bahá'u'lláhs Verwandte dem Mírzá Aqá Khán schöne, wertvolle Geschenke und sogar einen größeren Geldbetrag.


#126

(Bildlegende: Mírzá Majíd-i-Ahí, Sekretär der Russischen Botschaft und Schwager Bahá'u'lláhs)


Auf Drängen von Mírzá Majíd-i-Ahí, des Sekretärs der russischen Botschaft - der, wie bereits erwähnt, mit einer Schwester Bahá'u'lláhs verheiratet war -, übte auch Fürst Dolgoruki, der russische Botschafter, Druck auf die Regierung aus, damit man dort zu einer Entscheidung komme und Bahá'u'lláh auf freien Fuß setze. Andererseits versuchten Seine Feinde ihr Äußerstes, um Seinen Tod zu erwirken, - besonders diejenigen, die es auf die Protektion der rachsüchtigen Mutter von Násiri'd-Dín Sháh abgesehen hatten. Als der Versuch fehlgeschlagen war, dem jungen Diener von Hájí Sulaymán Khán eine belastende Aussage zu entlocken, versuchte man Bahá'u'lláh zu vergiften. Dem Essen, das Ihm von zu Hause gebracht wurde, mischte man einen schädlichen Stoff bei; aber dieses Gift war so deutlich wahrzunehmen, daß Bahá'u'lláh nichts mehr von dem Essen zu sich nahm.


#127

Mullá Shaykh-`Alíy-i-Turshízí mit dem Beinamen `Azím schmachtete ebenfalls im Síyáh-Chál. Fürst Dolgoruki bestand darauf, sein Stellvertreter solle zusammen mit Hájibu'd-Dawlih und einem Beauftragten des Sadr-i-Azam den Síyáh-Chál besuchen und Mullá Shaykh-`Alí vernehmen. `Azím entlastete Bahá'u'lláh voll und ganz. Er gab zu Protokoll, Bahá'u'lláh sei zu keiner Zeit an irgendeiner gegen den Sháh gerichteten Verschwörung beteiligt gewesen, und übernahm selbst jede Verantwortung für das Attentat auf den Sháh. Bahá'u'lláh lobte den Mut und die Wahrheitsliebe des Mullá Shaykh-`Alí von Turshíz und sagte, er sei in der Tat`Azím - ein Großer. Dann aber versuchte Mírzá Husayn-i-Mutavallí Bahá'u'lláh zu belasten, um sich selbst einzuschmeicheln. Diese Unverfrorenheit war sogar Hájibu'd-Dawlih zuviel, er gab Mírzá Husayn eine schallende Ohrfeige. Dieser wankelmütige Mann hatte seit der Zeit, als er bei Shaykh Tabarsí zum Feind übergelaufen war und es gewagt hatte, Quddús ins Gesicht zu speien, immer wieder aufs neue den Glauben verraten, dem er sich einst so begeistert angeschlossen hatte. Jetzt hatte er in Qum eine Zeit als Hauslehrer des `Abbás Mírzá, des glücklosen Halbbruders Násiri-'d-Dín Sháhs, hinter sich und geriet dadurch in schweren Verdacht. Um seine Unschuld zu demonstrieren, griff er zu einem Federmesser und schnitt Mullá Shaykh-Alí ein Ohr ab. Aber diese verächtliche Tat ersparte ihm die Folter nicht. Er bekam das Brandeisen, und sein Geschrei hallte durch den ganzen Kerker.

Trotz des Umstandes, daß Mullá Shaykh-`Alí sich deutlich zu seinem entscheidenden Anteil an dem Attentat auf den Sháh bekannt hatte, wollte Mírzá Abu'l-Qásim, der Imám-Jum`ih von Tihrán, seiner Hinrichtung nicht zustimmen. Daraufhin überlistete der tollwütige Hájibu'd-Dawlih den Imám-Jum`ih, entlockte ihm unter einem Vorwand einen Schuldspruch und ließ Mullá Shaykh-`Alí unverzüglich hinrichten - eine schändliche Handlung, die den Imám-Jum`ih sehr erzürnte. `Azím war der letzte Märtyrer in dem Blutbad vom Sommer 1852.

Endlich stimmte Násiri'd-Dín Sháh doch *noch der Freilassung Bahá'u'lláhs zu und verfügte, daß Er aus dem Irán zu verbannen sei. Bahá'u'lláh hatte vier qualvolle Monate in Ketten gelegen. Mírzá Aqá Khán schickte eine Vertrauensperson, einen gewissen Hájí Alí, zum Síyáh-Chál, um Bahá'u'lláh abzuholen. Als Hájí `Alí die entsetzlichen Zustände in dem Kerker und Bahá'u'lláhs schlechten Gesundheitszustand sah, war er zutiefst erschüttert und versicherte Bahá'u'lláh, man habe keine Vorstellung von den schrecklichen Verhältnissen gehabt, unter denen Er die ganzen Monate ausgeharrt habe. Dann bot Hájí `Alí Bahá'u'lláh seinen eigenen Mantel an; dieser lehnte jedoch ab. Er wollte vor Mírzá Aqá Khán und den anderen Regierungsmitgliedern lieber in den Lumpen erscheinen, die Er am Leibe trug.


#128

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

»Kaum hatte Er sich vor ihnen gezeigt, als der Großwesir Ihn folgendermaßen anredete: "Hätten Sie vorgezogen, meinem Rat zu folgen, und sich vom Glauben des Siyyid-i-Báb losgesagt, so hätten Sie nie die Qualen und die unwürdige Behandlung zu erdulden brauchen, die auf Sie gehäuft worden sind." "Hätten Sie Ihrerseits," erwiderte Bahá'u'lláh, "Meine Ratschläge befolgt, dann wären die Angelegenheiten der Regierung nicht in ein so kritisches Stadium geraten." Mírzá Aqá Khán wurde durch diese Worte an das Gespräch erinnert, das er mit Ihm über das Martyrium des Báb geführt hatte und das die Warnung enthielt, daß "die Flamme, die nun entzündet worden ist, in Zukunft strahlender denn je zuvor leuchten" werde. "Und was raten Sie mir jetzt?" wollte er von Bahá'u'lláh wissen. "Befehlen Sie den Gouverneuren Ihres Reiches," war die augenblickliche Erwiderung, "damit aufzuhören, unschuldiges Blut zu vergießen, damit aufzuhören, das Eigentum jener Unschuldigen zu plündern, damit aufzuhören, ihre Frauen zu entehren und ihre Kinder zu mißhandeln." Noch am selben Tag entsprach der Großwesir dem Rat, der ihm also erteilt worden war; doch wie der weitere Verlauf der Ereignisse nur allzu deutlich zeigte, war dies nur von geringer, kurzer Wirkung.«¹

¹ GGV S.118f - vgl. Nabíl III S.653f


Bahá'u'lláh bekam einen Monat Zeit, das Land zu verlassen. Bei Seiner Entlassung aus dem Síyáh-Chál war Er zu krank, um eine lange Reise anzutreten. Er hatte jetzt kein eigenes Zuhause mehr. Sein Haus war verwüstet und geplündert, Seine beiden Frauen und Seine Kinder hatten eine Behelfsunterkunft in einem zweifelhaften Viertel der Hauptstadt gefunden. Er zog in das Haus Seines Bruders Mírzá Ridá-Qulí, dessen Frau Maryam - die Schwester der zweiten Frau Bahá'u'lláhs, sie war Ihm sehr ergeben - die nötigen Vorkehrungen traf, damit Er ruhen und Kräfte sammeln konnte.


#129

(Bildlegende: Mírzá Ridá-Qulí, Halbbruder Bahá'u'lláhs und Ehemann der Maryam


#130

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

»Diese erzwungene, beschleunigte Abreise Bahá'u'lláhs aus Seinem Geburtsland in Begleitung von einigen Verwandten erinnert in mancher Hinsicht an die überstürzte Flucht der heiligen Familie nach Ägypten, die plötzliche Flucht Muhammads ... von Mekka nach Medina, den Auszug Mose, Seines Bruders und Seiner Anhänger aus dem Land ihrer Geburt als Antwort auf den göttlichen Ruf, vor allem aber an die Verbannung Abrahams aus Ur in Chaldäa in das verheißene Land. Es war eine Verbannung, die mit ihren vielfachen Wohltaten für so viele verschiedene Völker, Glaubensrichtungen und Nationen die direkteste historische Annäherung darstellt an die unermeßlichen Segnungen, die an diesem Tag und in künftigen Zeitaltern über die ganze Menschheit ausgegossen werden sollen, als unmittelbare Folge des Exils, welches Er erlitt, dessen Sache die Blüte und die Frucht aller vorausgegangenen Offenbarungen darstellt.« (GGV S.121)

In Begleitung eines Vertreters der kaiserlichen Regierung des Irán und eines Beamten der russischen Gesandtschaft verließen am 12. Januar 1853 Bahá'u'lláh und Seine Familie, zusammen mit zweien Seiner Brüder - Mírzá Músá, der in späteren Jahren als Aqáy-i-Kalím bekannt wurde, und Mírzá Muhammad-Qulí - die Stadt Tihrán. Bahá'u'lláhs jüngster Sohn Mírzá Mihdí, der Reinste Zweig, damals noch ein kleines Kind, mußte bei Verwandten zurückgelassen werden, und es sollte einige Jahre dauern, bis er wieder mit seinen Eltern vereint wurde. Die russische Regierung hatte Bahá'u'lláh auf ihrem eigenen Territorium Asyl angeboten, doch Er zog es vor, in den `Iráq zu gehen. Die zugestandene Vorbereitungszeit war zu kurz, zumal Er eine längere Ruhepause benötigte, bevor Er mitten im Winter diese Reise über die *hohen Gipfel und Bergpässe des westlichen Irán antreten konnte. Er selbst, Seine Familie und Seine Brüder hatten sich nicht mit allem Nötigen versorgen können, um sich gegen die bittere Kälte in diesen Höhenlagen hinreichend zu schützen.

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt weiter:

»In einem Gebet, das Bahá'u'lláh zu jener Zeit offenbarte, geht Er ausführlich auf die Schmerzen und Prüfungen ein, die Er im Síyáh-Chál erduldet hatte, und legt wie folgt Zeugnis ab von den Strapazen und Mühen dieser "schrecklichen Reise": "Mein Gott, Mein Meister, Mein Verlangen! ... Du hast dieses Staubatom durch die vollendete Kraft Deiner Macht erschaffen und hast Ihn ernährt mit Deinen Händen, die keiner in Ketten zu legen vermag ... Du hast für Ihn Prüfungen und Trübsale bestimmt, die keine Zunge beschreiben und keine Deiner Tafeln gebührend schildern kann. Der Hals, den Du nur an die Berührung mit Seide gewöhnt hattest, wurde schließlich von schweren Ketten umschlossen, und den Leib, dem Du mit Brokat und Samt wohlgetan hattest, hast Du am Ende noch der Erniedrigung einer Kerkerhaft unterworfen. Dein Gebot hat Mich in ungezählte Fesseln gelegt und hat um Meinen Hals Ketten geworfen, die Mir niemand abnehmen kann. Jahre sind dahingegangen, in deren Verlauf Trübsale wie Regenschauer der Gnade auf Mich herabgeströmt sind ... In wievielen Nächten hat Mir die Last der Ketten und Fesseln keine Ruhe erlaubt, und wie zahllos waren die Tage, da Ruhe und Friede Mir versagt waren um dessentwillen, was die Hände und Zungen der Menschen Mir angetan haben! Selbst Brot und Wasser, das Du aus Deiner allumfassenden Gnade heraus doch auch den Tieren auf dem Felde gewährst, haben sie diesem Diener eine Zeitlang verweigert, und alles, womit sie die verschonten, die sich von Deiner Sache lossagten, das haben sie Mich erdulden lassen, bis endlich Dein Gebot unwiderruflich feststand und Dein Befehl diesen Diener aufforderte, Persien zu verlassen, begleitet von einer Anzahl gebrechlicher Männer und *von Kindern im zatrtesten Alter, zu einer Jahreszeit, da die Kälte so unerträglich ist, daß man nicht einmal sprechen kann, und so viel Eis und Schnee liegt, daß ein Vorwärtskommen unmöglich ist.« (GGV S.122f)


#131

Mit Bahá'u'lláhs Grenzübertritt ging ein Zeitabschnitt zu Ende. Waren sich die Menschen im Irán des Verlustes bewußt, den sie erlitten? Erfüllt von Unwissenheit, versunken in blindem Fanatismus, geblendet von Vorurteilen, angeführt von selbstsüchtigen Männern und getäuscht von Unwahrheiten, waren sie nicht in der Lage, zu sehen und zu verstehen. So ging der Erlöser der Welt aus ihrer Mitte hinweg. Er, den zuvor reich und arm, hoch und niedrig, Prinz und Bauer gleichermaßen geliebt und geachtet hatten, wurde jetzt von demselben Volk, das Er allezeit mit Barmherzigkeit, Liebe, Gerechtigkeit und Güte überhäuft hatte, im Stich gelassen. Irán verlor Bahá'u'lláhs Gegenwart; aber konnte Sein Geist diesem Land oder überhaupt einem Land jemals ferne sein?

Die lange Reise war sehr hart, aber dessenungeachtet erfuhr Bahá'u'lláh auf dem ganzen Weg jede erdenkliche Aufmerksamkeit. Er verhinderte, daß man der Landbevölkerung ihre Lebensmittel beschlagnahmte, und nahm keine Geschenke an, die Ihm Grundherren und Dorfbesitzer überbringen wollten. Einige Tage hielt Er sich in Kirmánsháh auf. Eine Reihe von dort wohnender Bábí erlangte Seine Gegenwart, unter ihnen Mírzá `Abdu'lláh, ein Schuhhändler aus Qazvín, und Aqá Ghulám-Husayn, ein Kaufmann aus Shúshtar. Nabíl erzählt, er habe diesen Kaufmann später als treu ergebenen Anhänger Bahá'u'lláhs angetroffen. Pilger, die nach den heiligen Städten des `Iráq unterwegs waren, kamen in Kirmánsháh zusammen und schlossen sich dem Zug Bahá'u'lláhs an, um ihre Abreise zu erleichtern und zu beschleunigen.


#132

In Karand, einem Zentrum der `Alíyu'lláhí¹, begrüßte der Gouverneur Hayát-Qulí Khán, ein Anhänger dieser Sekte, Bahá'u'lláh mit betonter Ehrerbietung. »Ihm widerfuhr seinerseits,« schreibt der Hüter der Bahá'í-Religion, »von Bahá'u'lláh so viel Güte, daß die Bewohner des ganzen Dorfes darüber gerührt waren und noch lange danach Seinen Anhängern auf der Durchreise nach Baghdád große Gastfreundschaft erwiesen, daß sie in den Ruf kamen, Bábí zu sein.« (GGV S.122)

¹ Sie setzen den Imám Alí mit Gott gleich und sind bekannt für ihre Toleranz, Wohltätigkeit und Menschenliebe.


Als die Grenze erreicht war, ging Mírzá Músá auf Anweisung Bahá'u'lláhs nach Khániqayn voraus und mietete einen Obstgarten, der vom Blütenduft erfüllt war; denn der Frühling war gekommen, es waren die Tage um Naw-Rúz. In den Bächen murmelte das Wasser, die Vögel sangen. Auf einer Seite war ein Orangengarten, auf der anderen standen Palmen. Hier machte Bahá'u'lláh halt und rastete. Er sagte zu Seiner Begleitung, daß alles, was Seine Feinde ersonnen hätten, zunichte geworden sei.





+20 #133

Kapitel 20

Baghdád - das erste Jahr

Bahá'u'lláh traf am 8. April 1853¹ in Baghdád ein. Drei Monate lang war Er mitten im Winter über die rauhen, schneebedeckten Berge des westiranischen Hochlandes gezogen. Nach den Qualen, die Er im Verlies in Tihrán durchgemacht hatte, wäre eine Reise von solcher Länge, in einem derartigen Gelände und unter diesen klimatischen Bedingungen für jede körperliche Verfassung zur äußersten Zerreißprobe geworden. Er ging aber stark und ungebeugt aus dieser harten Prüfung hervor.

¹ 28.Jamádíyu'th-Thání A.H.1269


Nach ein paar Tagen in Baghdád zog Er in die nur drei Meilen entfernte Stadt Kázimayn um, in der die Schreine des siebten und des neunten Imám liegen. Mírzá Ibráhím Khán von Tabríz, der von 1846 bis zu seinem Tod im Dezember 1858 persischer Generalkonsul in Baghdád war, machte einen Höflichkeitsbesuch und schlug Bahá'u'lláh bei dieser Gelegenheit vor, es sei für Ihn wegen des Fanatismus der Bevölkerung und der Pilger günstiger, nach Baghdád zurückzukehren und dort in der Altstadt zu wohnen, die ja in der Richtung auf Kázimayn liege. Bahá'u'lláh stimmte zu, und so begann die Suche nach einem geeigneten Haus. Nach etwa einem Monat kehrte Er mit Seiner Familie nach Baghdád zurück und bezog das Haus des Hájí `Alí Madad, das man für Ihn gemietet hatte.


#134

(Bildlegende: Blick auf Baghdád und den Tigris)


Baghdád war damals eine Provinzhauptstadt im Osmanischen Reich und hatte ungefähr 60ÿ000 Einwohner. Es gab nur noch wenig, was auf die ruhmreiche Geschichte dieser Stadt hindeutete, die der Abassidenkalif al-Mansúr zwischen 762 und 766 A.D. erbaut und der er den Namen Madínatu's-Salám - Stadt des Friedens - gegeben hatte. Al-Mansúr hatte seine Stadt zur Hauptstadt eines gewaltigen Reiches gemacht, das sich von Ägypten bis an die Grenzen Chinas erstreckte. Unter seinen Nachfolgern wurde sie noch erweitert und verschönert, bis sie im zehnten Jahrhundert eine Länge von ungefähr 8 1/2 Kilometern und eine Breite von etwa 7 1/4 Kilometern erreicht hatte, angefüllt mit den schönsten Palästen, den prächtigsten Moscheen und den weitläufigsten Basaren der damaligen Welt. Die Einwohnerzahl in jener Zeit wird auf etwa 1 1/2 Millionen geschätzt. Von da an ging Baghdáds Bedeutung unaufhaltsam zurück, bis es nach zwei Plünderungen durch die Mongolen in den Jahren 1258 und 1401 seinen früheren Glanz ganz und gar verlor. 1534 nahm der osmanische Sultán Sulaymán der Prächtige Baghdád ein, und im darauffolgenden Jahrhundert wurde die Stadt abwechselnd von osmanischen und safawidischen Herrschern regiert, bis sie 1638 ihre Rolle als osmanische Provinzhauptstadt annahm, die sie bis zum Ersten Weltkrieg beibehielt.

Als Bahá'u'lláh sich in Baghdád niederließ - und Er sollte für die nächsten zehn Jahre dort bleiben -, lernten die verbliebenen Reste der zerschlagenen, verstörten, stark geschrumpften Bábí-Gemeinde, sich um Rat, Führung und Schutz an Ihn zu wenden; denn Mírzá Yahyá, den sie als den vom Báb "Ernannten" ansahen, war nirgends zu finden. Wie wir schon gesehen haben, war es diesem gelungen, in Begleitung seines Onkels Mírzá Zaynu'l-`Abidín aus Tákur zu fliehen, und nun lebte er unter dem Decknamen Hájí `Alíy-i-Lás Furúsh in Baghdád, in der Straße der Holzkohlenverkäufer (Dhughál-Furúshán). Bahá'u'lláhs Wunsch war es, er solle nach Persien zurückkehren, um dort dem Glauben des Báb zu dienen, wie aus Seinen eigenen Worten hervorgeht:


#135

»... Etwa zwei Monate, nachdem Wir - getreu dem Befehl Seiner Majestät des Sháhs von Persien, möge Gott ihm beistehen - im `Iráq eintrafen, stieß Mírzá Yahyá zu Uns. Wir sprachen zu Ihm: "Dem königlichen Gebot zufolge sind Wir hierher geschickt worden. Für dich ist es ratsam, in Persien zu bleiben. Wir werden auch Unseren Bruder Mírzá Músá an einen anderen Ort senden. Da eure Namen in dem königlichen Erlaß nicht erwähnt sind, könnt ihr euch aufmachen und anderswo Dienst tun." Später verließ dieser Unterdrückte Baghdád und zog sich für zwei Jahre von der Welt zurück. Nach Unserer Rückkehr fanden Wir, daß er nicht gegangen war und seine Abreise hinausgeschoben hatte. Dieser Unterdrückte war hierüber sehr betrübt.« (WOLF [242] S.143

Einer der allerersten, die in Bahá'u'lláh den wahren Lehrmeister und Ratgeber und die Leitfigur erkannten, deren die Gemeinde des Báb so dringend bedurfte, war Hájí Háshim-i-`Attár, ein wohlhabender persischer Kaufmann, der im neuen Teil von Baghdád wohnte. Nachdem er einmal in Bahá'u'lláhs Gegenwart gelangt war, wurde er Ihm ergeben und leistete Ihm schließlich Gefolgschaft. Wir werden ihm im Verlauf dieses Berichts in späteren Jahren wieder begegnen. Des weiteren scharten sich um Bahá'u'lláh: Aqá Muhammad-Hasan, ein Kaufmann aus Isfahán; Siyyid Muhammad-Ridá und Siyyid Muhammad-Taqí, zwei Brüder, die Söhne des Siyyid-i-Buká'; Hájí `Abdu'l-Majíd-i-Shírází - der Vater des ruhmvollen Märtyrers Mírzá `Abdu'l-Vahháb - und sein Bruder Mírzá Hasan, der als "Gul-i-Guláb" (Rote Rose; eigentlich: "Blume des Rosenwassers") bekannt war. Sie alle waren Perser, die in Kázimayn lebten. Auch die arabischen Bábí aus Baghdád stießen zu Bahá'u'lláhs Kreis, allen voran Shaykh Sultán und Aqá Muhammad-Mustafá. Ein anderer langjähriger Anhänger der Religion des Báb, der schon sehr bald herausfand, daß sich alle Hoffnungen der Bábí jetzt auf die Person Bahá'u'lláhs richten mußten, war Hájí Siyyid Javád-i-Karbilá'í.


#136

(Bildlegende: Mírzá Aqá Ján aus Káshán, genannt Khádimu'lláh)


Shaykh-Alí Mírzá aus Shíráz, eine hervorragende Persönlichkeit, ein Verwandter des Imámjum`ih¹ dieser Stadt, ferner Siyyid `Abdu'r-Rahím aus Isfahán (der später mit dem Namen Ismu'lláhi'r-Rahím - der Name Gottes, des Barmherzigen - geehrt wurde) und Mírzá Muhammad-`Alí, der Arzt aus Zanján, der als Märtyrer sterben sollte, waren die bedeutendsten Bábí im Irán, die schon von dieser frühen Zeit an überzeugt waren, daß nur in der Hinwendung zu Jináb-i-Bahá jener sichere Anker zu finden war, der dem sturmgeschüttelten Schiff ihres Glaubens wieder festen Grund geben konnte.

¹ Zwei Imámjum`ih von Shíráz, Shaykh Abú-Turáb und dessen Sohn Hájí Shaykh Yahyá, der über neunzig Jahre alt werden sollte - waren schon von den Tagen des Báb an immer bestrebt, den Anhängern der Bábí-Bahá'í-Religion Hilfe und Schutz zu gewähren. Der Erfolg, den sie dabei hatten, übertraf alle Erwartungen.


Aber schon wehten die Winde der Zwietracht, es zeigten sich Risse und Spalten. Bahá'u'lláh hatte gelobt, während Er im Síyáh-Chál von Tihrán in Ketten lag und gleichzeitig Mírzá Yahyá sich ständig in Sicherheit brachte, sich zu erheben, um die zerbrochene Gemeinde des Báb wiederaufzubauen. Jetzt war Mírzá Yahyá aus der selbst gewählten Deckung heraus heimlich damit beschäftigt, den Widerstand gegen Bahá'u'lláh zu organisieren. Dabei half ihm Siyyid Muhammad-i-Isfahání, der sich in Karbilá niedergelassen hatte.


#137

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

»So ist es kein Wunder, daß aus der Feder Bahá'u'lláhs, dem es bis jetzt noch nicht möglich war, das Sein Innerstes bewegende Geheimnis zu enthüllen, zu einer Zeit, da die Schatten um Ihn her sich zu vertiefen begannen, folgende Worte der Warnung, des Rates und der Bestätigung flossen: "Die Tage der Prüfungen sind nun gekommen. Meere von Zwistigkeiten und Trübsal wogen, und von allen Ecken und Enden sind die Banner des Zweifels dabei, Unheil heraufzubeschwören und Verderben über die Menschen zu bringen ... Laßt es nicht zu, daß die Stimme der Söldner der Verneinung Zweifel in eure Mitte schleudert, und gestattet euch nicht, Denjenigen zu übersehen, der die Wahrheit ist, zumal sich noch in jeder Sendung derartige Streitigkeiten erhoben haben. Gott aber wird Seinen Glauben aufrichten und Sein Licht offenbaren, wenngleich die Urheber des Aufruhrs es verabscheuen ... Wachet alle Tage über die Sache Gottes ... Alle liegen gefangen in Seinem Griff. Es gibt keinen Ort, Ihm zu entfliehen. Glaubt nicht, die Sache Gottes sei etwas, was man auf die leichte Schulter nehmen und worin man seinen Launen nachgehen könnte. Eine Anzahl von Seelen haben an verschiedenen Orten in der gegenwärtigen Zeit den gleichen Anspruch erhoben. Es naht die Zeit, da ... jeder von diesen umgekommen und verloren sein wird - nein, sie werden ganz zunichte werden, und keiner wird mehr ihrer gedenken, so wenig wie man des Staubes gedenkt.« (GGV S.130)

Es gab jedoch eine Person, welcher Bahá'u'lláh einen Blick auf dieses "Sein Innerstes bewegende Geheimnis" gewährt hat. Dies war ein junger Bábí aus Káshán namens Mírzá Aqá Ján. Dieser junge Mann hatte einen Traum, in welchem ihm der Báb erschien, und danach stieß er auf einige Schriften Bahá'u'lláhs. Er bekam heraus, daß Jináb-i-Bahá in Baghdád war, begab sich in den `Iráq und erlangte in Karbilá Seine Gegenwart. Wie bedauerlich Mírzá Aqá Jáns Eigensinn später auch werden sollte - denn er zog es am Ende vor, Bahá'u'lláhs Bündnis zu brechen und in die Wildnis zu irren -, ihm bleibt die Auszeichnung, der erste gewesen zu sein, der in Bahá'u'lláhs Person den Verheißenen des Bayán, den Verheißenen aller Zeiten erkannt hat. In späteren Jahren ehrte Bahá'u'lláh ihn mit dem Titel Khádimu'lláh - Diener Gottes.


#138

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

»Mírzá Aqá Ján berichtete Nabíl über seine Erlebnisse in jener ersten, unvergeßlichen Nacht, die er in Karbilá in der Gegenwart seines neu entdeckten Geliebten verbrachte - der damals Gast von Hájí Mírzá Hasan-i-Hakím-Báshí war -, und legte folgendes Zeugnis ab: "Es war Sommerzeit, Bahá'u'lláh verbrachte gewöhnlich Seine Abende auf dem Dach des Hauses und schlief auch dort. [Aqá Mírzá Muhammad-Qulí und ich bespritzten das Dach mit Wasser, kehrten es und legten es mit Teppichen aus, bis Er kam. Er sprach zu uns, nahm Sein Abendessen ein und zog sich zur Ruhe zurück.]¹ In dieser Nacht legte ich mich, als Er schlafen gegangen war, Seinen Weisungen entsprechend nur wenige Fuß von Ihm entfernt zu einer kurzen Ruhe nieder. Kaum war ich aufgestanden und ... zu einer Ecke auf dem Dach, wo es an eine Mauer stieß, hinübergegangen, um meine Gebete zu verrichten, als ich sah, wie der Gesegnete sich erhob und auf mich zuschritt. Bei mir angelangt, sprach Er: "Auch du bist wach." Hierauf begann Er einen Gesang anzustimmen, während Er auf und ab schritt. Wie kann ich jemals diese Stimme beschreiben, die Verse, die sie sang, oder Seinen Gang, wie Er so vor mir hin- und herschritt! Mir war, als ob mit jedem Seiner Schritte und mit jedem Seiner Worte Tausende von Lichtermeeren vor meinem Angesicht wogten, Tausende von Welten sich vor meinen Augen in unvergleichlichem Glanz auftaten und Tausende von Sonnen ihr Licht über mich ausgossen. So fuhr Er fort, in dem Mondenschein, der auf Ihn herabströmte, einherzuschreiten und zu singen. Sooft Er in meine Nähe kam, hielt Er inne und sprach in einem Ton, so wundersam, daß keine Zunge ihn beschreiben kann: "Höre Mich, Mein Sohn! Bei Gott, dem Wahrhaftigen! Diese Sache wird mit Gewißheit kundgemacht werden! Achte nicht der eitlen Rede des Volkes des Bayán, das den Sinn jedes Wortes verdreht." In dieser Weise fuhr Er fort, auf und ab zu gehen, zu singen und solche Worte an mich zu richten, bis die ersten Streifen der Morgendämmerung sich zeigten... Da brachte ich Sein Bett wieder in Sein Zimmer und wurde, nachdem ich Ihm den Tee bereitet hatte, aus Seiner Gegenwart entlassen.«¹²

¹² (GGV S.130f - Die beiden Sätze in eckigen Klammern sind eine Hinzufügung des Verfassers aus Nabíls unveröffentlichtem Bericht)


#139

Nabíl schreibt, Mírzá Aqá Ján habe ihm außerdem erzählt, daß die Schönheit Abhá (Bahá'u'lláh) ihm gesagt habe: »`Wenn du Mich auf dem Marktplatz erblickst, so zeige nicht, daß du Mich kennst, ehe Ich dich gerufen habe.` Als ich an jenem Tag zum Basar ging, begegnete ich Seiner gesegneten Person. Er rief mit lauter Stimme nach mir, und ich eilte in Seine Gegenwart. Eine ganze Weile, eine Stunde oder länger, sprach Er dort auf dem Marktplatz mit mir. Später ging Er nach Najaf. Er wies mich an: `Bleibe in Karbilá. Wenn Ich [von Najaf] zurückkehre und hier vorbeikomme, werde Ich dich selbst mit nach Baghdád nehmen, und sollte Ich über Hillih [nach Baghdád] gehen, so werde Ich nach dir schicken.` Ich blieb drei Monate in Karbilá. Ich pflegte Gerten zu sammeln und an die Badehausbesitzer zu verkaufen. Eines Tages sagte Shaykh Abú-Tu-ráb[-i-Ishtahárdí] zu mir: `Wenn ich ein Exemplar des Persischen Bayán bekommen könnte, würde ich dir etwas daraus vorlesen.` Ich sagte: `Wir werden schon eins bekommen.` `Wo?`, erkundigte sich Shaykh Abú-Turáb. Ich erwiderte, daß Hájí `Abdu'l-Majíd-i-Shí-rází in Kázimayn ein Exemplar habe, und reiste sofort nach Kázimayn ab, um es zu beschaffen. Als ich in die Nähe von Baghdád kam, traf ich `Abdu'l-Qásim-i-Káshání und fragte ihn nach Hájí `Abdu'l-Majíd. Er dachte zuerst, ich wolle mit Azal zusammentreffen, aber als ihm klar wurde, daß mein Herz von jemand anderem gefesselt war, fragte er mich nach dem Grund hierfür. Ich erwähnte, wie die Schönheit Abhá vor mir auf und ab geschritten sei und zu mir gesprochen habe. Da überreichte er mir ein für mich offenbartes lichtvolles Sendschreiben, das vom Volke Bahá und von den Eigenschaften der Schönheit Abhá spricht. Als die Nachricht von meinem Kommen Seiner gesegneten Person übermittelt wurde, ließ Er mich zu sich rufen und sagte, Er habe nach mir schicken wollen.«¹

¹ aus Nabíls unveröffentlichtem Bericht


So begann Mírzá Aqá Jáns vierzigjähriger Dienst bei Bahá'u'lláh als Begleiter, Sekretär und Weggefährte.

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

»Das Vertrauen, das dieser unerwartete, plötzliche Kontakt mit dem Geist und dem führenden Genius einer neugeborenen Offenbarung Mírzá Aqá Ján eingeflößt hatte, rührte seine Seele bis in die tiefsten Tiefen auf - eine Seele, die ohnedies schon von einer verzehrenden Liebe entflammt war, erwachsen aus der Erkenntnis des achtunggebietenden Einflusses seines neugefundenen Meisters auf Seine Glaubensbrüder im `Iráq wie auch in Persien. Diese tiefe Verehrung, die sein ganzes Wesen durchdrang und sich weder unterdrücken noch verbergen ließ, wurde auch von Mírzá Yahyá und seinem Mitverschworenem Siyyid Muhammad sofort entdeckt.« (GGV S.131)


#140

Damals kam Hájí Mírzá Kamálu'd-Dín-i-Naráqí nach Baghdád. Er war ein Enkel des Hájí Mullá Ahmad-i-Naráqí, eines hervorragenden früheren Geistlichen, und war auch selbst ein Mann von Gelehrsamkeit. Durch Aqáy-i-Kalím erbat er sich von Mírzá Yahyá einen Kommentar über den Qur'án-Vers: "Jede Speise wurde den Kindern Israel erlaubt." Natürlich bekam es Mírzá Yahyá mit der Angst zu tun, da er erkannte, daß die Bábí von Naráq von seinem Aufenthaltsort erfahren hatten. Dennoch schrieb er seinen Kommentar; doch dieser war eine Beleidigung für den Verstand eines Mannes wie Hájí Mírzá Kamálu'd-Dín, der Mírzá Yahyás Unfähigkeit mit aller Deutlichkeit erkannte. Er wandte sich stattdessen an Bahá'u'lláh um Führung und Erleuchtung, und als Antwort auf seine Frage offenbarte Bahá'u'lláh ein Sendschreiben, das als Lawh-i-Kullu't-Ta`ám (`Jede Speise`) bekannt geworden ist. In diesem Sendschreiben wurden, wie der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

»... Israel und seine Kinder mit dem Báb und Seinen Jüngern identifiziert. Das Sendschreiben setzte durch seine Anspielungen, durch die Schönheit seiner Sprache und die zwingende Kraft seiner Beweise die Seele seines Empfängers so in Verzückung, daß er, hätte Bahá'u'lláh ihn nicht davon abgehalten, unverzüglich seine Entdeckung von Gottes verborgenem Geheimnis in der Person des Offenbarers dieses Sendschreibens in die Welt hinausgerufen hätte.« (GGV S.132)

Der Ruhm des Lawh-i-Kullu't-Ta`ám entfachte in Mírzá Yahyás Herz neue Eifersucht; seine eigene Unfähigkeit vermochte er nicht zu erkennen. Siyyid Muhammad-i-Isfahání, der Antichrist der Bahá'í-Offenbarung, drängte Mírzá Yahyá immer mehr dazu, sich Bahá'u'lláh zu widersetzen, gegen Ihn zu arbeiten. Um Bahá'u'lláh scharten sich Freunde von allen Seiten, nicht nur aus den Reihen der Bábí, welche gerade dabei waren, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen, sondern auch aus ganz anderen Kreisen. Der Válí von Baghdád hatte entdeckt, daß dieser kürzlich aus dem Irán angekommene Verbannte von ganz anderer Art war als die vielen persischen Prinzen und Statthalter, die sonst in den `Iráq verbannt wurden oder dorthin flohen. Bahá'u'lláh stand hoch im öffentlichen Ansehen. Er hatte eine monatelange unmenschliche Kerkerhaft im Verlies von Tihrán hinter sich, während Mírzá Yahyá aufgrund seiner Feigheit dazu verurteilt war, sich ständig unsicher zu fühlen, stets fluchtbereit zu sein und aus Angst vor der Verwendung seines eigenen Namens eine Dämmerexistenz in einem heruntergekommenen Viertel von Baghdád zu führen.


#141

Mírzá Zaynu'l-`Abidín, der Onkel, mit dem Mírzá Yahyá aus Tákur geflüchtet war, dem Bahá'u'lláh soeben den Namen Ahmad gegeben hatte und der von den Bábí Jináb-i-Bábá¹ genannt wurde, war um diese Zeit Bahá'u'lláhs Gast in Baghdád. Mírzá Aqá Ján hat Nabíl geschildert, was sich nach der Offenbarung des Lawh-i-Kullu't-Ta`ám zutrug; Nabíl hat es wie folgt festgehalten: »Jináb-i-Bábá kam zu mir [Mírzá Aqá Ján] und sagte, Er [Bahá'u'lláh] sei nach Kázimayn gegangen. Ohne zu überlegen eilte ich dorthin, und da ich nicht wußte, wohin ich mich wenden sollte, stand ich an einer Straßenecke. Da sah ich, wie ein Siyyid auf mich zukam. Er fragte mich: `Sind Sie der junge Mann aus Káshán?` und fügte dann hinzu: `Kommen Sie mit mir, Er [Bahá'u'lláh] hat nach Ihnen gefragt.` Später fand ich heraus, daß es sich bei diesem Siyyid um Siyyid Muhammad-Taqí handelte, den Sohn des Siyyid-i-Buká', welcher in Kázimayn lebte. Als ich an diesem Tag in Seine gesegnete Gegenwart gelangte, sagte Er gerade zu Aqá muhammad-Hasan, dem Kaufmann aus Isfahán: `Bevor Sie kamen, war Hájí Mírzá Kamálu'd-Dín-i-Naráqí hier. Er hatte dort [bei Azal] eine Frage bezüglich des Verses Kullu't-Ta`ám gestellt; doch da er nichts von dessen Antwort verstanden hatte, stellte er Mir die gleiche Frage. Ich schrieb ihm eine Antwort auf, las sie vor, händigte sie ihm aber nicht aus. Ich möchte sie euch jetzt vorlesen.` Er begann singend zu lesen. Wie kann ich beschreiben, was ich empfand, als ich alle die Worte hörte, die diese gesegnete Stimme hervorbrachte? Zwischendurch las Er eine Anzahl von Versen im gleichen Tonfall wie in jener ersten Nacht in Karbilá, auf dem Dach des Dáru'sh-shafá [Haus der Betreuung]. Als Er fertig war, sagte Er: `Was sagt ihr?` Ich äußerte die Bemerkung: `Wenn es gerecht zuginge, müßten alle gelehrten Männer [die `Ulamá] ihr Haupt verneigen.` Seine gesegnete Person entgegnete: `Wie du schon sagst: wenn es gerecht zuginge.`«²

¹ Bábá heißt Vater ² aus Nabíls unveröffentlichtem Bericht


#142

Mírzá Aqá Ján zufolge hat dieser Onkel Bahá'u'lláhs, Jináb-i-Bábá, wiederholt geschworen, er hätte seinen Glauben völlig verloren, wäre er nicht in die Gegenwart seines Neffen gelangt.

Mírzá Aqá Ján erzählte Nabíl außerdem, daß eines Tages, als er sich mit Aqá Muhammad-Hasan-i-Isfahání im Hause des Hájí `Abdu'l-Majíd-i-Shírází zu Kázimayn in der Gegenwart Bahá'u'lláhs befand, Bahá'u'lláh den Gastgeber gefragt habe, ob dieser die Badí`- (`Einzigartige`) Sprache zu hören wünsche, die Sprache, welche - wie Er sagte - von den Bewohnern einer der Welten Gottes benutzt werde. Daraufhin stimmte Er einen Gesang in dieser Sprache an. Mírzá Aqá Ján sagte, diese Sprache habe eine wunderbare Wirkung auf den Zuhörer gehabt. An einem anderen Tag, so erzählt Mírzá Aqá Ján, habe Bahá'u'lláh zu Hájí `Abdu'l-Majíd gesagt: "Hájí, du hast die Badí`-Sprache gehört und warst Zeuge von Gottes Oberhoheit über Seine Welten. Sei Ihm dankbar für diese Gnade und wisse ihren Wert zu würdigen."

Mírzá Yahyá hatte nie einen Finger gekrümmt, um den Glauben zu schützen, für dessen nominelles Oberhaupt er galt. Jetzt begann er, aufgehetzt und unterstützt von Siyyid Muhammad sowie ganz wenigen anderen von der gleichen Sorte, einen geheimen Feldzug einzuleiten, um Bahá'u'lláh in schlechten Ruf zu bringen. Er schrieb Bahá'u'lláh üble Taten, Meinungen, Ansichten und Absichten zu und brachte wilde Gerüchte in Umlauf, die völlig im Widerspruch zur Wahrheit standen. Diese verborgenen Strömungen und boshaften Anspielungen gefährdeten den makellosen Ruf des Glaubens des Báb so sehr und bedrohten ihn mit so harten Auseinandersetzungen und sogar tödlichen Spaltungen, daß Bahá'u'lláh den Entschluß faßte, sich aus Baghdád, aus der Gesellschaft der Menschen, die Er kannte und die Ihn kannten, hinwegzubegeben. Eine solche Zurückgezogenheit von der Versammlung der Menschen hat es im Leben der Sendboten Gottes immer gegeben. Moses ging hinaus in die Wüste Sinai; Buddha suchte die Einöden Indiens auf; Christus durchwanderte die Wüste Judäa, und Muhammad schritt über die von der Sonne ausgedörrten Hügel Arabiens.

Mírzá Aqá Ján hat selbst bezeugt: "Die Gesegnete Schönheit bekundete solche Traurigkeit, daß meine Glieder darob erzitterten." Wie in Nabíls Bericht festgehalten, hat er auch geschildert, wie er Bahá'u'lláh, kurz bevor Er sich in die Einsamkeit begab, in der Morgendämmerung einmal plötzlich aus dem Haus stürzen sah, die Nachtmütze noch auf dem Kopf; dabei habe Er so verstört ausgesehen, daß es ihm, Mírzá Aqá Ján, unmöglich gewesen sei, in Sein Antlitz zu blicken. Im Gehen habe Er zornig bemerkt: »Diese Geschöpfe sind noch dieselben wie vor dreitausend Jahren, da sie Götzen anbeteten und sich vor dem goldenen Kalb verneigten. Auch jetzt sind sie zu nichts anderem bereit. Was kann es da noch für eine Verbindung geben zwischen diesem Volk und Ihm, dem Antlitz der Herrlichkeit? Welche Bande können sie noch mit dem Einen verknüpfen, der höchsten Verkörperung von allem Liebenswerten?« "Ich stand wie angewurzelt," erklärte Mírzá Aqá Ján, "leblos wie ein abgestorbener Baum, und beinahe wäre ich niedergestürzt unter der betäubenden Wucht Seiner Worte. Schließlich sagte Er: »Laß sie also sprechen: "Gibt es einen Befreier von Schwierigkeiten außer Gott? Sprich: Gelobt sei Gott! Er ist Gott! Alle sind Seine Diener und alle stehen unter Seinem Befehl!" Sage ihnen, daß sie diese Worte fünfhundertmal wiederholen sollen, nein, tausendmal, Tag und Nacht, ob wachend oder schlafend, damit vielleicht doch das Antlitz der Herrlichkeit vor ihren Augen enthüllt werde und Ströme von Licht sich auf sie ergießen.« Er selbst hat, wie man mir später sagte, diesen gleichen Vers gesprochen, und auf Seinem Antlitz stand dabei abgrundtiefe Traurigkeit ... Mehrere Male hörte man Ihn in jenen Tagen sagen: »Wir haben eine Zeitlang unter diesem Volk verweilt und dabei nicht den geringsten Widerhall von seiner Seite vernommen.« Oft spielte Er auf Sein Verschwinden aus unserer Mitte an, aber keiner von uns verstand die Bedeutung Seiner Worte.¹

¹ GGV S.134f







+21 #144

Kapitel 21

Sulaymáníyyih

Eines Morgens wachte Bahá'u'lláhs Familie auf und stellte fest, daß Er fortgegangen war. Niemand wußte, wo man nach Ihm suchen sollte. Das war am 10. April 1854.

Bahá'u'lláh war nach Sulaymáníyyih, ins Hochland des kurdischen `Iráq gegangen, um dort in Abgeschiedenheit zu leben. Ungefähr acht Jahre später beschrieb Er im Kitáb-i-Iqán - dem Buch der Gewißheit, offenbart für Hájí Mírzá Siyyid Muhammad, einen Onkel des Báb mütterlicherseits - diesen Zeitabschnitt wie folgt:

»Wir hoffen sehr, daß das Volk des Bayán erleuchtet werde, sich in das Reich des Geistes aufschwinge und dort wohne, daß es die Wahrheit erkenne und sie mit dem Auge der Einsicht von heuchlerischer Falschheit unterscheide. In diesen Tagen jedoch sind solche Gerüche der Eifersucht verbreitet, daß - Ich schwöre bei dem Erzieher aller Wesen, der sichtbaren und unsichtbaren - seit Anfang und Gründung der Welt - wenngleich sie keinen Anfang hat - bis auf den heutigen Tag solche Bosheit, solcher Haß und Neid noch nie erschienen sind und auch in Zukunft nie mehr bezeugt werden. Denn Menschen, die nie den Duft der Gerechtigkeit einatmeten, haben das Banner des Aufruhrs gehißt und sich gegen Uns verbündet. Auf allen Seiten erkennen Wir ihre drohenden Speere, und nach allen Richtungen sehen Wir ihre Pfeile fliegen. Und dies, obwohl Wir Uns nie vor jemand über irgend etwas rühmten oder danach trachteten, vor irgendeiner Seele bevorzugt zu werden. Zu jedem sind Wir ein gütiger Kamerad gewesen, ein verzeihender, liebevoller Freund. Bei den Armen suchten Wir Kameradschaft, unter den Gelehrten und Hochgestellten waren Wir ergeben und gelassen. Ich schwöre bei Gott, dem Wahren! So schmerzlich die Pein und die Leiden waren, welche die Hand des Feindes und das Volk des Buches Uns angetan haben, so schwinden sie doch zu äußerstem Nichts dahin, verglichen mit dem, was Uns aus der Hand der angeblichen Freunde widerfahren ist.« (Iqán [278] S.164)


#145

»Was sollen Wir noch weiter sagen? Das Weltall, könnte es mit dem Auge der Gerechtigkeit schauen, wäre unfähig, das Gewicht dieser Erklärung zu tragen! Als Wir in den ersten Tagen Unserer Ankunft in diesem Lande die Zeichen kommender Dinge erkannten, beschlossen Wir, Uns zurückzuziehen, ehe sie geschehen würden. Wir begaben Uns in die Wildnis und führten dort abgeschlossen und allein zwei Jahre lang ein Leben völliger Einsamkeit. Aus Unseren Augen rannen Tränen der Qual, und in Unserem blutenden Herzen wogte ein Meer von Marter und Pein. Wie oft hatten Wir abends nichts zu essen, und wie viele Tage fand Unser Körper keine Ruhe! Bei Ihm, der Mein Dasein in Händen hält! Ungeachtet dieser Regenschauer von Leiden und anhaltender Trübsal ward Unsere Seele von wonnevoller Freude erfaßt, und Unser ganzes Wesen strahlte unaussprechliche Fröhlichkeit aus. Denn in Unserer Einsamkeit nahmen Wir den Schaden oder Nutzen, das Heil oder Leid irgendeiner Seele nicht zur Kenntnis. Ganz allein verkehrten Wir mit Unserem Geist und vergaßen die Welt und alles, was darinnen ist. Wir wußten jedoch nicht, daß das Netzwerk der göttlichen Vorsehung die weitestreichenden Vorstellungen der Sterblichen übertrifft und der Pfeil Seines Ratschlusses über die kühnsten menschlichen Pläne hinausreicht. Kein Haupt kann Seinen Schlingen entrinnen, keine Seele kann Erlösung finden außer durch Unterwerfung unter Seinen Willen. Bei der Gerechtigkeit Gottes! In Unserer Zurückgezogenheit dachten Wir an keine Rückkehr, Unsere Trennung hoffte auf keine Wiedervereinigung. Der einzige Zweck Unserer Abgeschiedenheit war, nicht zum Gegenstand der Zwietracht unter den Gläubigen zu werden, noch zur Quelle der Empörung für die Gefährten, zum Mittel der Kränkung einer Seele oder zur Ursache des Kummers eines Herzens. Darüber hinaus hegten Wir keine Absicht, und außer diesem hatten Wir kein Ziel vor Augen. Und doch macht jeder Mensch Pläne nach seinem eigenen Wunsch und folgt seinen eigenen eitlen Einbildungen - bis zu der Stunde, da aus der mystischen Quelle der Ruf an Uns erging, der Uns die Rückkehr befahl, dorthin, woher Wir gekommen waren. Wir ergaben Unseren Willen dem Seinigen und unterwarfen Uns Seinem Geheiß.« (Iqán [279] S.165)


#146

Bahá'u'lláh hatte nur einen Begleiter mitgenommen: Aqá Abu'l-Qásim-i-Hamadání. Letzten Endes war es - wie wir noch sehen werden - einem Unglücksfall zu verdanken, der in den Gebieten von West-Irán zum Tode von Aqá Abu'l-Qásim führte, daß Bahá'u'lláhs Familie den Hinweis erhielt, wo sie nach Ihm suchen sollte. Aber in Sulaymáníyyih hatte Bahá'u'lláh völlig geheimgehalten, wer Er sei oder woher Er komme. Er war als Derwisch (darvísh) verkleidet, hatte den Namen Darvísh Muhammad-i-Irání angenommen und führte in den Höhlen oberhalb von Sulaymáníyyih das Leben eines Eremiten. (Die Kashkúl, die Er in den Bergen Kurdistáns bei sich hatte, ist erhalten und liegt im Internationalen Bahá'í-Archiv auf dem Berg Karmel.) Viele Jahre später schilderte Bahá'u'lláh Seine Lage so: »Wir suchten Zuflucht auf einem entlegenen Bergesgipfel, ungefähr drei Tagesmärsche von der nächsten menschlichen Behausung entfernt. Die Bequemlichkeiten des Lebens fehlten völlig. Wir blieben von Unseren Mitmenschen gänzlich abgeschieden ...« (Nabíl III S.593)

Von Zeit zu Zeit verließ Bahá'u'lláh die Höhlen und ging auf der Suche nach den Bedürfnissen des Lebens nach Sulaymáníyyih. Aqá Abu'l-Qásim besuchte Ihn auch und brachte Ihm Nahrungsmittel. Dann kam der Zeitpunkt, an dem Aqá Abu'l-Qásim Bahá'u'lláh verlassen und nach dem Irán gehen mußte, um Geld und bestimmte Waren zu beschaffen. Auf der Rückreise fielen an der Grenze Straßenräuber oder Grenzposten über ihn her und brachten ihm tödliche Verwundungen bei. Als man ihn fand, war er dem Tode nahe, konnte aber noch sagen, daß er Abu'l-Qásim sei, aus Hamadán stamme und daß alles, was er an Geld und Gütern mit sich führe, dem Darvísh Muhammad-i-Irání gehöre, der sich im Hochland des kurdischen `Iráq aufhalte.

Kurz nach Seiner Rückkehr aus Sulaymáníyyih schrieb Bahá'u'lláh in einem Tablet an Maryam (Maria), die Frau Seines Bruders Hájí Mírzá Ridá-Qulí:

»Das Unrecht, das Ich leide, hat das Unrecht, welches Mein Erster Name [der Báb] erlitt, von der Tafel der Schöpfung getilgt ... Auf Befehl des Tyrannen von Persien sind Wir nach unzähligen Trübsalen nach dem `Iráq gekommen, wo Wir, soeben den Fesseln Unserer Feinde entronnen, nun dem Kummer über die Treulosigkeit Unserer Freunde anheimfielen. Gott weiß, was hernach über Mich kam! Endlich gab Ich Mein Haus auf und alles, was darinnen war, entsagte dem Leben und allem, was dazu gehört, und beschloß, allein und ohne Freunde in die Einsamkeit zu gehen. Ich durchwanderte die Wildnis der Entsagung und zog auf solche Art dahin, daß in Meinem Exil jedes Auge kummervolle Tränen über Mich weinte und alle erschaffenen Dinge ob Meiner Qual blutige Zähren vergossen. Die Vögel in der Luft waren Meine Gefährten, die Tiere des Feldes Meine Genossen ... Bei der Gerechtigkeit Gottes! Ich habe ertragen, was weder die Meere noch die Wellen, weder die Früchte noch irgendein erschaffenes Ding - vergangen oder zukünftig - ertragen haben oder zu tragen in der Lage sein werden.« (GGV S.136 - zusätzliche Abschnitte nach der Übersetzung von H.M.Balyuzi)


#147

Heute ist Sulaymáníyyih eine sehr freundliche kleine Stadt, ungefähr 320 Kilometer von Baghdád entfernt, am Fuße dreier Berge erbaut, von Bäumen und anderem Grün umgeben. Doch zu Bahá'u'lláhs Zeit muß es anders gewesen sein; denn Kommandant James F. Jones von der Indischen Marine, der im Jahr 1844 Sir Henry Rawlinson auf einer Reise durch Kurdistán begleitet hat, gibt folgende Beschreibung von Sulaymáníyyih, wie er es vorfand:

"Die Bezirkshauptstadt Sulaymáníyyih ist eine Ansammlung kleiner verfallener Häuser und gibt nach meinem Dafürhalten ein schäbigeres Erscheinungsbild ab als das elendeste Dörfchen in England. Dies ist jedoch nicht allein der Armut der Kurden zuzuschreiben, sondern auch den nomadischen Gewohnheiten ihrer Bewohner, die im Frühling, Sommer und Herbst die Stadt verlassen und sich über das Land verteilen ... Nach ihrer zweiten Gründung durch Ibrahim Pascha (vor zweiundsechzig Jahren) machte sie langsam Fortschritte, und in der Zeit von Rich konnte sie sich eines Bestands von ungefähr tausend Häusern rühmen. Gegenwärtig hat sie - so glaube ich - kaum halb soviel bewohnbare Häuser; außerdem gilt ihre Lage als ungesund im Vergleich zu dem zuträglicheren, weniger beengten Gebiet der angrenzenden Ebene. Da sie entlang einer niedrigen, kahlen Hügelkette erbaut ist, die sich unmittelbar hinter der Stadt erhebt, ist sie entweder von den kühleren Winden, die über die Ebene streichen, gänzlich ausgeschlossen, oder sie wird von steten heißen Winden heimgesucht, die während der Sommermonate von Osten und Nordosten über die erhitzte Hügelkette fegen."¹

¹ Thomas (Hrsg.): Memoirs by Commander James Felix Jones, S. 207 f


#148

Viele führende Bürger der Stadt bewahren den Aufenthalt Bahá'u'lláhs unter ihren Vorfahren in zärtlich liebevoller Erinnerung. Wenn die Menschen auch von Anfang an sehr von Ihm beeindruckt waren, sahen sie Ihn zunächst doch so, wie Er sich Ihnen darbot: als nomadisierenden Derwisch aus dem Irán, - bis einem Schüler Shaykh Ismá`íls, eines sufistischen Murshid jener Gegend, ein Stück Papier mit Seiner Schrift in die Hände fiel. Dieser Mann brachte es seinem Lehrmeister, welcher es überwältigend fand. Shaykh Ismá`íl und einige seiner Schüler eilten daraufhin in die Gegenwart Bahá'u'lláhs und lernten viel von Ihm. Eines Tages baten sie Ihn, er möge ihnen die verwickelten Probleme des Buches al-Futúhát al-Makkíyyah des großen andalusischen Mystikers Shaykh Muhyí'd-Dín Ibnu'l-`Arabí erläutern. Bahá'u'lláh antwortete, Er habe es nie gelesen und kenne seinen Inhalt nicht, doch wolle Er ihnen den Wunsch erfüllen. So wurde jeden Tag eine Seite in Seiner Gegenwart gelesen; Er legte dabei die Ansichten dieses berühmten mystischen Sehers aus und erklärte sie. Dann baten sie Ihn, Er möge eine Ode im Stil der bekannten Tá'íyyih-Ode eines anderen gefeierten Mystikers, des Ägypters Ibnu'l-Fárid, dichten. Er sagte ihnen zu, auch diese Bitte zu erfüllen. Das Ergebnis war ein Gedicht von größter Ausdruckskraft, welches unter dem Namen Qasídiy-i-`Izz-i-Varqá'íyyih weithin Ruhm und Anerkennung erlangte. Ursprünglich bestand es aus 2000 Reimpaaren, doch hat Bahá'u'lláh 127 daraus ausgewählt, die man abschreiben durfte und die erhalten sind. Niemand hatte es bis dahin gewagt, eine derartige Ode im Stil von Ibnu'l-Fárid zu dichten.

So begann der Ruhm des Darvísh Muhammad-i-Irání in Gebiete außerhalb des Bereichs dieser kleinen Kurdenstadt vorzudringen.

Jedesmal, wenn Bahá'u'lláh nach Sulaymáníyyih kam, um das öffentliche Bad zu benutzen oder um etwas einzukaufen, wohnte Er in der Takyih, der Theologenschule des Mawláná Khálid. Die ehemalige Moschee, deren Kustos früher Mawláná Khálid war, war später zerstört, dann aber im ursprünglichen Zustand wiederaufgebaut worden. Zu der Zeit, als Bahá'u'lláh hier wohnte, war Mawláná Khálid ein alter Mann, der bei den Kurden hohe Verehrung genoß. Er ersuchte Darvísh Muhammad, ein Schriftstück aufzusetzen, welches bestimmte, daß die Aufsicht über seine Einrichtung für immer auf seine Nachkommen übergehen solle. Diese und andere Arbeiten aus Bahá'u'lláhs Feder befinden sich heute im Besitz von Familien in Sulaymáníyyih, die sie um keinen Preis veräußern möchten. Vor etwa drei Jahrzehnten hat der Besitzer einer solchen wertvollen Hinterlassenschaft erklärt, er wolle das unschätzbare Schriftstück selbst bei einem Angebot von einer Million Dínáre nicht aus der Hand geben, da er sicher sei, daß er und seine Familie von allem Segen abgeschnitten würden, wenn sie es nicht mehr im Besitz hätten. Bei den Kurden von Sulaymáníyyih genießt Káká Ahmad, ein Heiliger aus vergangenen Tagen, höchste Verehrung. Aber wenn sie diesen Mann mit Ishán¹ verglichen - so nannten sie ehrfürchtig Darvísh Muhammad-i-Irání -, so stand der Letztgenannte zweifellos auf einer höheren Stufe. Sogar der Berg Sar-Galú, den Bahá'u'lláh zu Seiner besonderen Wohnstatt gemacht hatte, gilt heute als heiliger Ort.²

¹ Ishán bedeutet "sie" (3. Person Mehrzahl, die Höflichkeitsform von "er"), und unter dieser Bezeichnung war Bahá'u'lláh bereits vor Seinem Weggang nach Sulaymáníyyih bekannt.

² Der Verfasser ist Herrn Mas`ud Berdjis für neuere Einzelheiten über Sulaymáníyyih und seine Bewohner sehr zu Dank verpflichtet.


#149

(Bildlegende: Die Takyih von Mawláná Khálid in Sulaymáníyyih, in der Bahá'u'lláh wohnte)


#150

(Bildlegende: Sar-Galú. Hier befinden sich die Höhlen, in denen Bahá'u'lláh lebte.)


In diesen Jahren, während Bahá'u'lláh von Baghdád abwesend war, hatte das Schicksal der Bábí eine schlimme Wendung genommen. Mírzá Yahyá, unfähig, von schrecklicher Furcht ergriffen und hilflos, konnte und wollte nichts tun, um den Niedergang und das drohende Unheil einer völligen, nicht wiedergutzumachenden Auflösung aufzuhalten. Ernsthafte, hingebungsvolle Seelen im Irán, die das Leben dort nicht mehr erträglich fanden - nicht nur wegen des herrschenden Despotismus und wegen des Giftes, das selbstsüchtige Geistliche der Gesellschaft einimpften, sondern auch wegen des gesetzlosen Zustandes, der die arg geschrumpfte Gemeinde des Báb noch immer peinigte -, machten sich unter allergrößten Schwierigkeiten auf den Weg nach Baghdád, nur um dort zu erfahren, daß Mírzá Yahyá, der Sachwalter des Báb, nicht zu erreichen war. Er hatte sogar verboten, den Namen der Straße zu nennen, in der er wohnte. Einer dieser hervorragenden Verteidiger des Glaubens, der nach Baghdád gereist war, um der wachsenden Feindseligkeit der Menschen zu entgehen und bei Mírzá Yahyá Trost und Zuspruch zu suchen, war Mullá Zaynu'l-Abidín aus Najaf-Abád (in der Gegend von Isfahán), ein Mann, dem es in späteren Jahren beschieden war, in der glänzenden Versammlung der Apostel Bahá'u'lláhs als heller Stern zu leuchten, und den die Erhabenste Feder mit dem Namen Jináb-i-Zaynu'l-Muqarrabín ehrte. Weil er nicht mit Mírzá Yahyá zusammentreffen konnte, machte er sich verzweifelt wieder auf die Heimreise; doch da er an der Grenze von neuen Ausbrüchen fanatischer Überfälle hörte, ging er nochmals den beschwerlichen Weg nach Baghdád zurück. Er wurde reichlich belohnt, denn kurz darauf kehrte Bahá'u'lláh aus Sulaymáníyyih zurück, und Mullá Zaynu'l-Abidín fand alles, was sein Herz ersehnte.

Der Hüter der Bahá'í-Religion hat jene Tage und die schändlichen Taten von Mírzá Yahyá und seinen Konsorten wie folgt geschildert:


#151

»Während so die Grundlagen für Bahá'u'lláhs spätere Größe in einem fremden Land und unter einem fremden Volk gelegt wurden, verschlimmerte sich die Lage der Bábí-Gemeinschaft weiterhin sehr schnell ... Mírzá Yahyá, der sich die meiste Zeit in seinem Hause aufhielt, führte insgeheim durch seine Korrespondenz mit den Bábí, deren er gewiß sein konnte, einen Feldzug gegen Bahá'u'lláh, durch den er Ihn völlig in schlechten Ruf zu bringen hoffte. Aus Furcht vor einem möglichen Gegenspieler hatte er Mírzá Muhammad-i-Mázindarání, einen seiner Anhänger, nach Adhirbáyján entsandt mit der ausdrücklichen Weisung, Dayyán [Mírzá Asadu'lláh von Khuy] zu ermorden - Dayyán, den "Verwahrungsort der Erkenntnis Gottes" [wie der Báb ihn genannt hatte], dem er jedoch den Beinamen "Vater aller Schlechtigkeiten" [Abu'sh-Shurúr] gab und den er als "Tághút" [ein Götzenbild des vorislamischen Arabiens] brandmarkte, während der Báb ihn ausgezeichnet hatte als den "Dritten Buchstaben, der an Ihn, den Gott offenbaren wird, glaubt". In seiner Tollheit hatte Mírzá Yahyá überdies Mírzá Aqá Ján veranlaßt, nach Núr zu gehen, um dort einen günstigen Augenblick für einen erfolgreichen Anschlag auf das Leben des Herrschers abzuwarten ... Ein weiterer Beweis für die Ungeheuerlichkeit seiner verbrecherischen Natur: Er ordnete an, daß Mírzá `Alí-Akbar¹, der Vetter des Báb, ein glühender Verehrer Dayyáns, heimlich getötet werden solle - ein Befehl, der auch in all seiner Schändlichkeit zur Ausführung kam. Was nun Siyyid Muhammad betrifft, dem jetzt sein Meister, Mírzá Yahyá, völlig freie Hand ließ, so umgab sich dieser - wie Nabíl, der zu jener Zeit in Karbilá mit ihm zusammen war, kategorisch bekräftigt - mit einer Bande von Schlägern, denen er nicht nur erlaubte, sondern die er geradezu ermunterte, nachts den vermögenden Pilgern, die in Karbilá zusammengekommen waren, den Turban vom Kopf zu reißen und ihre Schuhe zu stehlen, vom Schrein des Imám Husayn die Polsterliegen und Kerzen zu rauben und von den öffentlichen Brunnen die Trinkbecher wegzunehmen ...« (GGV S.141)

¹ Siehe den Stammbaum in Kapitel 41 auf Seite 468


Wenn die Bábí dem völligen Untergang entrinnen wollten, bedurften sie dringend einer führenden Hand; dies konnte aber nicht die zitternde, kraftlose Hand Mírzá Yahyás sein. Wie Abdu'l-Bahá erklärt, hatten sich fünfundzwanzig Männer angemaßt, die Stufe des Verheißenen des Bayán für sich zu beanspruchen. Einige von ihnen waren überaus listig und doppelzüngig, andere waren einfältige, irregeleitete Seelen, wieder andere betrachteten sich Mírzá Yahyá haushoch überlegen. Ein Teil war unrettbar verloren, doch andere kamen zur Tür Bahá'u'lláhs und bereuten ihre Tat.


#152

In Baghdád traf die Nachricht vom Tode Aqá Abu'l-Qásim-i-Hamadánís ein, den man vermißt hatte, seit Bahá'u'lláh aus Seinem Haus entschwunden war. Jetzt wurde allen klar, daß der Darvísh muhammad-i-Irání, der sich in den Bergen des kurdischen Nordens aufhielt und dessen Ruhm auch nach Baghdád gedrungen war, niemand anders sein konnte als Bahá'u'lláh selbst. Auf Veranlassung des Größten Zweiges, der damals erst zwölf Jahre alt war, und Aqáy-i-Kalíms, des getreuen Bruders Bahá'u'lláhs, machte sich Shaykh Sultán - der Schwiegervater von Aqáy-i-Kalím, ein Bábí arabischer Abstammung, der durch Táhirih zum Glauben gefunden hatte - in Begleitung von Javád-i-Hattáb (Holzfäller), welcher ebenfalls arabischer Abstammung war, von Baghdád auf, um Bahá'u'lláh in Sulaymáníyyih aufzusuchen und Ihn flehentlich um Seine Rückkehr zu bitten. Auch Mírzá Yahyá, der sich nun in äußerster Verlegenheit befand - denn er wurde von standhaften Anhängern des Glaubens wie Mírzá Asadu'lláh-i-Dayyán und Hájí Mírzá Músáy-i-Qumí abgelehnt und verworfen -, schrieb an Bahá'u'lláh und bat Ihn zurückzukehren.

Zu Shaykh Sultán sprach Bahá'u'lláh: »Wenn Ich nicht erkannt hätte, daß die gesegnete Sache des Ersten Punktes nahe daran war, völlig zu erlöschen, und somit all das heilige Blut, das auf dem Pfade Gottes verströmt worden war, vergeblich vergossen wäre, hätte Ich mich nie und nimmer bereit gefunden, wieder zum Volke des Bayán zurückzukehren, und hätte sie der Anbetung der von ihnen selbst geschaffenen Götzen überlassen.« (GGV S.142f)

Und als sie sich Baghdád »an den Ufern des Flusses der Kümmernisse«¹ näherten, sagte Er zu Shaykh Sultán, die wenigen Tage, die jetzt noch vor ihnen lägen, würden für Ihn die letzten Tage des Friedens und der Ruhe auf dieser Erde sein - »Tage«, die »Mir nie wieder beschieden sein werden.« (GGV S.143)

¹ So hat Bahá'u'lláh die Stadt der Abbásiden und ihren Fluß, den Tigris, bezeichnet.


Am 19. März 1856¹ trafen sie in Baghdád ein. Genau zwei Mondjahre waren seit Bahá'u'lláhs Entschwinden vergangen. Er selbst hat die Situation beschrieben, der Er sich jetzt gegenüber sah: »Wir fanden kaum mehr als eine Handvoll Seelen vor, völlig mutlos und in ohnmächtiger Verfassung, ja, sie waren ganz verloren und wie tot. Kein Mensch führte mehr die Sache Gottes im Munde, und kein Herz war mehr bereit, ihre Botschaft aufzunehmen.« (GGV S.142)

¹ 12.Rajab A.H.1272 - Shaykh Sultán hat ein Buch verfaßt, in dem er seine Suche, die Reise und seine Rückkehr in der Begleitung Bahá'u'lláhs schildert.







+22 #154

Kapitel 22

Baghdád - Freunde und Feinde

Bei Seiner Rückkehr fand Bahá'u'lláh in Baghdád eine völlig entmutigte, erniedrigte Bábí-Gemeinde vor. Der Hüter der Bahá'í-Religion hat beschrieben, welche Wirkung dieser Zustand auf Ihn hatte: »So sehr überwältigte Ihn bei Seiner Ankunft die Trauer, daß Er sich eine Zeitlang weigerte, Sein Haus zu verlassen, abgesehen von Seinen Besuchen in Kázimayn und Seinen gelegentlichen Zusammenkünften mit ganz wenigen Freunden, die in dieser Stadt und in Baghdád wohnten.« (GGV S.142)

Bahá'u'lláhs eigene Worte im Kitáb-i-Iqán sind Beweis genug für die damalige Verfassung der Bábí-Gemeinde und für den Geist, in dem Er sich erhob, um die Sache des Báb zu erneuern:

»Welche Feder kann die Dinge schildern, die Wir bei Unserer Rückkehr sahen! Zwei Jahre waren vorüber, in denen Unsere Feinde unaufhörlich und hartnäckig darauf sannen, Uns zu vernichten. Dies wird von allen bezeugt. Dessenungeachtet ist keiner unter den Gläubigen aufgestanden, Uns beizustehen; auch fühlte sich niemand angetrieben, Uns zu Unserer Befreiung zu verhelfen. Nein fürwahr - anstatt Uns zur Seite zu stehen -, welche Schauer fortwährender Betrübnisse haben ihre Worte und Taten auf Unsere Seele regnen lassen! Mitten in alledem stehen Wir, dem Leben entsagend, Seinem Willen völlig ergeben. Möge durch Gottes Güte und Gnade dieser offenbarte, kundgemachte Buchstabe Sein Leben als Opfer auf dem Pfade des Ersten Punktes, des Erhabensten Wortes, darbringen. Bei Ihm, auf dessen Geheiß der Geist gesprochen hat: Wäre es nicht aus diesem Sehnsuchtsgedanken heraus gewesen, wir hätten keinen Augenblick länger in dieser Stadt verweilt. "Gott genügt Uns als Zeuge." Wir schließen Unsere Ausführungen mit den Worten: "Es gibt keine Macht noch Kraft als in Gott allein." "Wir sind Gottes, und zu Ihm werden Wir zurückkehren."« (Iqán [280] S.165f)


#155

Schon bald nach Bahá'u'lláhs Rückkehr aus Sulaymáníyyih ereignete sich ein Vorfall, der Ihm großen Kummer bereitete. Wir haben bereits gesehen, daß Mírzá Yahyá (in seinem Buch Mustayqiz) Mírzá Asadu'lláh-i-Dayyán öffentlich in den Schmutz zog, weil dieser einen Anspruch erhoben hatte, und daß er in Bahá'u'lláhs Abwesenheit Mírzá Muhammad-i-Mázindarání eiligst nach Adharbáyján geschickt hatte mit dem erklärten Ziel, diesen hervorragenden Gläubigen umzubringen. Nun hatte es sich so gefügt, daß Dayyán zur gleichen Zeit nach Baghdád abreiste, so daß Mírzá Muhammad ihn nicht antraf. Um diese Zeit kehrte Bahá'u'lláh aus Sulaymáníyyih zurück. Dayyán gelangte in Seine Gegenwart und gab alle Ansprüche auf, die er für sich geltend gemacht hatte. Doch Mírzá Yahyá war von seinem Vorhaben nicht abzubringen. Eines Tages erreichte Mírzá Muhammad durch eine List, daß Dayyán ihn von Kázimayn nach Baghdád begleitete; dabei fiel er über ihn her und gab ihm den Tod.

Nach und nach begann Bahá'u'lláh, die Bábí-Gemeinde neu aufzubauen und ihr die Selbstachtung, die moralische Stärke sowie ihr Ansehen zurückzugeben, bis Er die Bábí (die wenigen, die noch übrig waren) aus den Tiefen der Schmach emporgehoben hatte, in die sie während Seiner Abwesenheit in den Bergen Kurdistáns abgeglitten waren. Sie konnten nun wieder mutig geradeaus schauen und waren nicht länger die Zielscheibe für alle möglichen gemeinen Beschimpfungen.

Einmal riefen ein paar Bedienstete von Alí-Sháh, Zillu's-Sultán (s. Anhang V S.539) einem Bábí, der gerade an der Tür dieses im Exil lebenden Prinzen vorüberging, Verwünschungen nach. Bahá'u'lláh sandte dem Zillu's-Sultán eine Mitteilung, er solle dafür sorgen, daß seine Männer den Mund hielten. Der Prinz gehorchte. Nicht lange danach gehörten seine Söhne Shujá`u'd-Dawlih und Sayfu'd-Dawlih zu den ständigen Besuchern des Bírúní in Bahá'u'lláhs Haus. Ein anderer Adeliger aus dem Irán, Zaynu'l-`Abi-dín Khán Fakhru'd-Dawlih, soll damals oft gesagt haben: "Ich kann es mir nicht erklären, ich weiß gar nicht, wie es kommt - aber wenn ich mich verdrießlich und niedergeschlagen fühle, brauche ich nur zum Hause Bahá'u'lláhs zu gehen, und schon hebt sich meine Stimmung."


#156

Mit den Stadtoberen verhielt es sich so, daß jeder, der mit Bahá'u'lláh zusammentraf oder in Seine Gegenwart kam, in Seinen Bann gezogen wurde und Ihm zugetan war. Shaykh Abdu'l-Qádir (möglicherweise handelt es sich um al-Gílání, einen `Ulamá, der wegen seiner Kalligraphie berühmt war; er starb 1897), ferner Abdu's-Salám Effendi (den Bahá'u'lláh im Kitáb-i-Badí` erwähnt), Ibn-Alúsí, Siyyid Dawúdí (alles Gelehrte), Abdu'lláh Páshá von Sulaymáníyyih und sein Wesir Mahmúd Aqá sowie Mullá `Alí-Mardán (der Leiter der Zollstelle), alles Männer in öffentlichen Ämtern, waren Ihm gleichermaßen zugetan.¹ Auch gab es eine Unzahl persischer Prinzen, die in Baghdád im Exil lebten. Einige von ihnen haben wir bereits erwähnt, ein weiterer sei hier noch genannt: Ridá-Qulí Mírzá Náyibu'l-Iyálih, der älteste Sohn des Thronanwärters Husayn-Alí Mírzá Farmán-Farmá. Sie alle konnte man im Bírúní von Bahá'u'lláhs Haus treffen, wo sie Ihm ihre ergebene Aufwartung machten.

¹ Abdu's-Salám Effendi - wahrscheinlich Shaykh Abdu's-Salám ash-Shawwáf - wurde um 1819 geboren und besuchte die Klassen von Shaykh Mahmúd al-Alúsí. Später wurde er Lehrer an der theologischen Schule al-Qádiríya. Er starb im Jahr 1900. - Ibn-Alúsí: einer der fünf Söhne des berühmten Shaykh Mahmúd al-Alúsí, welcher 1854 verstarb. Unklar ist, von welchem Sohn hier die Rede ist; doch handelt es sich sehr wahrscheinlich um einen der drei ältesten: `Abdu'lláh Bahá'u'd-Dín, Abdu'l-Baqí oder Siyyid Na`mán Khayru'd-Dín. - Siyyid Dawúdí ist wahrscheinlich Siyyid Dawúdí an-Naqshbandí al-Khálídí, der ein `Ulamá und Shaykh im Súfí-Orden der Naqshbandí (Khálídíya-Richtung) war. Er starb 1882. - Abdu'lláh Páshá gehörte der Familie Bábán an, die durch Erbfolge die Páshás von Sulaymáníyyih stellte.


Bahá'u'lláh hatte in allen Bevölkerungsschichten, besonders aber in der herrschenden Klasse, so viele Bewunderer, daß jeder, der ein abfälliges Wort über Ihn zu äußern wagte, im Nu zum Schweigen gebracht wurde.


#157

Aqá Muhammad, ein Kurde aus dem Irán, hatte sich in Baghdád niedergelassen und ein Geschäft eröffnet, in dem er Kabáb verkaufte. Er war den Bábí nicht wohlgesinnt. Unter seinem Einfluß hatten sich die Leute im Basar - besonders die Perser - erdreistet, die Bábí zu beschimpfen. Eines Tages gebrauchte ein Konditor namens Hasan ein übles Schimpfwort für einige Bábí, die sich in Bahá'u'lláhs Begleitung befanden, als Er vorüberging. Einer dieser Bábí machte kehrt und verprügelte Hasan. Am nächsten Tag nahm sich Aqá Muhammad diesen Bábí vor und sagte zu ihm: "Du hättest Hasan nicht persönlich bestrafen dürfen, sondern hättest mit deiner Beschwerde zu mir, dem führenden Mann in diesem Basar, kommen sollen." Der Bábí wußte nur zu gut, daß Aqá Muhammad selbst die Quelle des ganzen Ärgers in diesem Basar war; dies sagte er ihm auch ins Gesicht und gab ihm ebenfalls Prügel. Der aufgebrachte Kurde stellte sich in seinem Geschäft auf ein Podest und rief mit lauter Stimme, die verruchten Bábí seien nun schon so aggressiv geworden, daß sie ihn verprügelten. "Ich gehe jetzt zu ihrem Führer," drohte er, "und fordere Gerechtigkeit. Wenn er sich meiner nicht annimmt, weiß ich, was ich zu tun habe: Ich nehme die Angelegenheit dann selbst in die Hand." Am folgenden Tag hielt er Bahá'u'lláh an, als dieser unterwegs zu einem Kaffeehaus war, und beklagte sich bitter über das Verhalten des jungen Bábí. Bahá'u'lláh versicherte ihm, Er werde alle Personen, die den Vorfall gesehen hätten, zu sich kommen lassen und sie befragen. Wer sich ungebührlich verhalten habe, der werde bestraft. Aqá Muhammad ging zu seinem Geschäft zurück, höchst verwundert, daß Bahá'u'lláh gesagt hatte, Er werde den Schuldigen bestrafen, anstatt den Fall vor den Konsul zu bringen. Der damalige persische Konsul, Mírzá Ibráhím Khán, war gerade nach Karbilá unterwegs. Als Aqá muhammad mit seiner Beschwerde zum Konsulat lief, schickte der Vizekonsul einen Beamten zu Bahá'u'lláhs Haus, um herauszufinden, was vorgefallen war. Ihm wurde klipp und klar gesagt, daß die Ladenbesitzer im Basar alle noch ihren Teil abbekommen würden, wenn sie nicht mit ihren unflätigen Beschimpfungen aufhörten. Der Beamte entgegnete nichts und wandte sich auch nicht direkt an Bahá'u'lláh; aber der Vizepräsident unternahm Schritte, um diesen Ungebührlichkeiten ein Ende zu setzen. Er ließ auch Aqá Muhammad und Hasan vorführen, schalt sie heftig aus und nahm sie in Gewahrsam. Als nach ein paar Tagen ihre Familienangehörigen zu Bahá'u'lláh kamen und laut jammerten, sie hätten niemand mehr, der sie versorgte, ließ Bahá'u'lláh dem Vizekonsul eine Nachricht zukommen, und die beiden wurden auf freien Fuß gesetzt. Nun kam der Konsul aus Karbilá zurück und erfuhr, was in seiner Abwesenheit vorgefallen war. Er war über das beleidigende Verhalten der Ladenbesitzer erzürnt und ordnete die erneute Verhaftung der beiden Rädelsführer an. Da der Fluß Hochwasser hatte und keine Brücke hinüberführte, wurden sie in eine Quffih (geschlossenes Boot) gestoßen und zum Konsulat gebracht, wo Mírzá Ibráhím Khán sie züchtigte und in Gewahrsam nahm. Wiederum kamen nach ein paar Tagen ihre Familien zu Bahá'u'lláh, um Seine Fürsprache zu erbitten, und auf Sein Wort hin wurden die beiden Männer verwarnt und nach Hause geschickt.


#158

(Bildlegende: Plan von Baghdád, angefertigt 1853-54 von Kommandant James F. Jones und Mr W.Collingwood von der Indian Navy. Der Bezirk Karkh, in dem Bahá'u'lláh wohnte, ist der Stadtteil auf dem Westufer (dem linken Ufer) des Tigris. (Aus Thomas: Memoirs by Commander James Felix Jones, I.N.)


#159

Doch nun fühlten die Kurden aus dem Irán (es gab ihrer etwa 2000 in Baghdád) sich gekränkt, weil man einen ihrer Anführer zweimal bestraft und ins Gefängnis gesteckt hatte. Sie verschworen sich, die Bábí gänzlich auszurotten; nach Angaben von Aqá Ridá gab es damals in Baghdád nicht mehr als dreißig oder vierzig Bábí, Perser und Araber zusammengenommen. Diese sammelten sich im Umkreis von Bahá'u'lláhs Haus¹, um es zu schützen. Als Bahá'u'lláh, wie es Seine Gewohnheit war, kurz vor Sonnenuntergang herauskam, um sich in ein Kaffeehaus zu begeben, sagte man Ihm, was die Kurden für diese Nacht vorhatten. Er setzte seinen Weg fort und ging wie gewöhnlich zuerst zu Sálihs Kaffeehaus, das an der Ostseite der Brücke lag. Nach einer Weile erhob Er sich, um das Kaffeehaus von `Abdu'lláh an der Westseite zu besuchen, in dem vornehmlich Perser und Kurden verkehrten. Begleitet wurde Er von Mírzá Javád-i-Khurásání, mit dem Er sich unterhielt, während einige Bábí hinter ihnen gingen. Zu Mírzá Javád gewandt, sprach Er: "Man hat Uns mit dem Tod gedroht. Wir haben keine Angst, Wir sind bereit. Hier ist Unser Haupt." Er sprach mit solcher Heftigkeit und Autorität, daß alle, die es hörten, sprachlos waren. Darauf betrat Er das Kaffeehaus und hielt sich dort bis drei Stunden nach Sonnenuntergang auf. Danach ging Er nach Hause, und niemand wagte Ihm nahezutreten. Nach diesem Zwischenfall gab es, wie Aqá Ridá schreibt, auf dem Markt kein unflätiges Verhalten und keine Beschimpfungen mehr, und alles blieb ruhig.

¹ Dieses Haus gehörte Sulaymán-i-Ghannám und lag im Stadtviertel Karkh von Baghdád, nahe dem Westufer des Tigris.


Nun wurde `Umar Páshá, ein hoher Militär (s. Anhang V S.553), zum Gouverneur von Baghdád ernannt. Er war ein Mann von eisernem Willen, der mit eiserner Faust regierte. Er ließ Perser, die in Karbilá lebten, scharenweise verhaften, nach Baghdád schleppen und in osmanische Militäruniformen stecken. Den Bitten und Protesten des iránischen Gesandten schenkte dieser hochmütige Gouverneur nicht die geringste Aufmerksamkeit. Viele jener bedauernswerten Menschen waren gezwungen, für ihre Freilassung ein hohes Lösegeld zu zahlen.


#160

In der Amtszeit von `Umar Páshá schmiedeten Mírzá Ridá, ein Verwandter des Siyyid Muhammad-i-Isfahání, und Mírzá `Alíy-i-Nayrízí einen Anschlag gegen Bahá'u'lláh. Ohne Sein Wissen und Seine Zustimmung fielen ein oder mehrere Bábí im Basar über die Verschwörer her. Mírzá Ridá starb auf der Stelle, Mírzá `Alí konnte schwer verwundet die Seraye (den Gouverneurssitz) erreichen. `Umar Páshá sah seinen schlimmen Zustand und erkundigte sich wütend, wer für diese Gewalttat verantwortlich sei. Als er erfuhr, daß der Täter dieses brutalen Überfalls einer der Anhänger Bahá'u'lláhs war, befahl er wutentbrannt, die Kanonen auf Bahá'u'lláhs Haus zu richten. Man wies ihn darauf hin, daß dies ein unmögliches Unterfangen sei. Daraufhin befahl er, daß Bahá'u'lláh persönlich vor ihm zu erscheinen habe. Siyyid Dáwúdí, der zugegen war, schaltete sich ein, um zu sagen: "Euer Ehren müssen wissen, daß es nicht zulässig ist, auch nur einem Seiner Diener zu befehlen, hierher zu kommen, geschweige denn zu verfügen, daß Er in eigener Person in dieser Versammlung erscheine." Als `Umar Páshá diese Worte hörte, offen und unverblümt von einem führenden Mitglied des sunnitischen Klerus geäußert, verstummte er und schickte Mírzá `Alí zum Hause Bahá'u'lláhs, um von Seiner Hand Gerechtigkeit zu fordern.

Wie bereits bemerkt, hatte Bahá'u'lláh in Seinem Gefolge nicht mehr als einige Dutzend Bábí, aber Seine geistige Autorität und Sein Einfluß wuchsen so unermeßlich, daß alle Niedergeschlagenen und Unterdrückten zu Seiner Tür drängten und Ihn um Hilfe und Fürsprache baten. Aqá Ridá erwähnt einen gewissen Yúsuf Khán, der von Bahá'u'lláh aus einer ungerechten Lage befreit wurde und daraufhin mehrfach behauptete, er sei bereits seit dem Jahr 1250 (A.H.) ein Gläubiger - das war zehn Jahre vor der Erklärung des Báb!

Mullá Muhammad-i-Zarandí - der später den Beinamen Nabíl-i-A`zam erhielt und der bedeutendste Chronist und Geschichtsschreiber des Bábí-Bahá'í-Glaubens werden sollte, damals aber selbst gewisse Ansprüche erhoben hatte - traf in Baghdád ein, während Bahá'u'lláh sich in Sulaymáníyyih aufhielt. Wie er selbst zugibt, glaubte er damals noch, daß Mírzá Yahyá ein bedeutender Mann sei, und suchte eine Zusammenkunft mit ihm. Mírzá Músá (Aqáy-i-Kalím), dem Nabíl auf der Brücke begegnete, nahm ihn mit nach Hause (in das Haus des `Alí Madad), damit er den Größten Zweig (`Abdu'l-Bahá) kennenlerne, der damals gerade zehn Jahre alt war. Mírzá Músá setzte Nabíl darüber ins Bild, daß Mírzá Yahyá niemanden empfing. Dies erwies sich als richtig; denn nicht nur ließ sich Mírzá Yahyá nicht blicken, sondern er übersandte Nabíl obendrein eine Nachricht, in der er ihn dringend aufforderte, Baghdád zu verlassen und in Karbilá Sicherheit zu suchen, wo Siyyid Muhammad-i-Isfahání Posten bezogen hatte.


#161

In Karbilá beobachtete Nabíl aufmerksam das aufrührerische Gebaren des Siyyid Muhammad und dessen kindische Kapriolen, schließlich zeichnete er sie auf. Er fühlte sich unglücklich. Er hatte es gewagt, Führerschaft zu beanspruchen, und er hatte in Mírzá Yahyá nicht den "Hirten" einer zerschlagenen, verstümmelten Herde gefunden. Er gibt eine bewegende Schilderung seiner geistigen Odyssee: wie Bahá'u'lláh aus Sulaymáníyyih zurückkehrte, wie er Seine Gegenwart erreichte und in Ihm alles fand, wonach ihn verlangt hatte; wie er an Seiner Tür Buße tat; wie er auf Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Amír-i-Nayrízí (s. Anhang V S.134) stieß, als dieser die Straße fegte, und ihm den Besen aus der Hand nahm, um es ihm gleichzutun (ein Akt demütiger Bußfertigkeit); wie er im Tigris eine rituelle Waschung vornahm (ein Symbol für die Läuterung von allen Befleckungen der Vergangenheit) und sich der Gewänder eines angehenden Priesters entledigte. Bei seiner geistigen Wiedergeburt verfaßte Nabíl ein Gedicht von großer Transparenz, welches Bahá'u'lláh liebevoll und gütig annahm, wobei Er Nabíl versicherte, dieses Gedicht habe die Vergangenheit besiegelt und vollständig gesühnt. Jetzt endlich hatte Mullá Muhammad-i-Zarandí den Frieden mit sich selbst und der Welt gefunden. Als man Bahá'u'lláh berichtete, daß Mullá Muhammad, den Er schließlich mit dem Namen Nabíl-i-A`zam ehrte, vor Seinem Haus die Straße gekehrt habe, erteilte Er Seinem Diener einen milden Verweis, daß er dies zugelassen habe. Er sagte: "Dies beschämt Mich." Als Nabíl wiederum davon hörte, erinnerte er sich an die berühmten Verse des Dichters Sa`dí, die eine Betrachtung über einen Qur'án-Vers darstellen:¹

Bedenke den Großmut und die Güte des Herrn!
Gesündigt hat der Diener - doch beschämt ist Er.


¹ Wir beziehen uns in diesem Kapitel auf den unveröffentlichten Teil von Nabíls Bericht.




Aqá Muhammad-Karím, einer der frühen Gläubigen aus Shíráz, der die Gegenwart des ruhmreichen Báb erlebt und Seine geistigen Kräfte kennengelernt hatte, war gleichfalls als verwirrte Seele im `Iráq gestrandet. Nabíl traf auf ihn und führte ihn in die Gegenwart Bahá'u'lláhs. Auch er empfing, wonach er sich aus ganzem Wesen gesehnt hatte: die Gewißheit, daß die Sache Gottes nicht verloren war, sondern in sicheren Händen ruhte.


#162

Ein weiterer erprobter Veteran des Glaubens, der in den `Iráq kam, um dort Trost und Zuflucht zu suchen, und dem beides in der Gegenwart Bahá'u'lláhs zuteil wurde, war Hájí Muhammad-Taqí aus Nayríz, der heldenmütig und voll Stolz an der Seite des gelehrten, einzigartigen Vahíd gestanden und grenzenloses Leid durchgemacht hatte. Die Geschichte von Hájí Muhammad-Taqí, den Bahá'u'lláh später mit dem Ehrennamen Ayyúb (Hiob) ausgezeichnet hat, ist ebenso ergreifend wie ehrfurchtgebietend. Er überlebte das Blutbad von Nayríz und fiel Zaynu'l-`Abidín Khán in die Hände, dem sadistischen, habgierigen Gouverneur jener Stadt, der sich aus dem umfangreichen Besitz des wohlhabenden Hájí nach Herzenslust bedient hatte. Tag für Tag saß der Gouverneur dabei und schaute mit hämischem Spott zu, wie Hájí Muhammad in einen eiskalten Teich geworfen, bei jedem Auftauchen kräftig auf den Kopf geschlagen, dann herausgezerrt und gnadenlos ausgepeitscht wurde (zum offensichtlichen Vergnügen des Gouverneurs, der dabei aus vollem Halse lachte), bis ihm das Blut aus den Wunden floß. Als Antwort auf Zaynu'l-`Abidín Kháns Spott und Hohn sang Hájí Muhammad-Taqí den Lobpreis Gottes für die Gnade, auf Seinem Pfade leiden zu dürfen. Am Ende wurde der Gouverneur seiner teuflischen Freuden überdrüssig und wollte sich den Hájí vom Halse schaffen. Aber die Männer des Gouverneurs zeigten mehr Gottesfurcht als ihr Herr. Sie ließen Hájí Muhammad-Taqí laufen und sagten ihm, er solle sich aus dem Staub machen, so schnell und so weit wie er könne, damit ihr Herr ihn nicht mehr lebend vorfinde.

Von Wunden übersät, wurde Hájí Muhammad-Taqí in der Wildnis zurückgelassen. Mit jener himmlischen Geduld, die ihm von der Erhabensten Feder den Ehrennamen Ayyúb eintrug, gelang es ihm, ein Dorf in der Umgebung zu erreichen, zu dessen Dorfältestem er in der Vergangenheit gute Beziehungen unterhalten hatte. Dieser treffliche Mann gewährte dem Hájí einen Monat lang Unterschlupf, hielt ihn vor allen Leuten versteckt und pflegte ihn liebevoll. Doch Hájí Muhammad-Taqí wußte, daß er den Sicherheitsabstand zur Stadt Nayríz bald vergrößern mußte. Sobald er wieder gehen konnte, sagte er dem freundlichen Dorfältesten Lebewohl und schloß sich einer Karawane an, die nach den heiligen Städten des `Iráq unterwegs war. Mit dieser Karawane zogen viele Pilger zu Fuß dahin, und Hájí Muhammad-Taqí leistete ihnen Gesellschaft, obgleich er nach allem, was er durchgemacht hatte, noch sehr schwach war. Da trat jedoch aus seinem Zelt ein Mann hervor, der für die lange Reise offensichtlich gut ausgerüstet war; dieser sah sich Hájí Muhammad-Taqí genau an und lud ihn dann ein, bis Karbilá sein Gast zu sein. "Letzte Nacht," sagte der Mann, "hat mir im Traum der Fürst der Märtyrer (Imám Husayn) persönlich geboten, dich als Gast aufzunehmen." Auf so wunderbare Weise gelangte Hájí Muhammad-Taqí in den `Iráq und erreichte die Gegenwart Bahá'u'lláhs. Das Lawh-i-Ayyúb (Sendschreiben von Hiob), welches Bahá'u'lláh offenbarte, hat den Namen des Hájí Muhammad-Taqí aus Nayríz unsterblich gemacht.


#163

Auch Hájí Mírzá Músá aus Qum war ein Anwärter auf geistige Führerschaft, der reumütig an Bahá'u'lláhs Tür einkehrte. Er war gleichfalls seit langem ein Anhänger des Báb gewesen und hatte sich von Mírzá Yahyá abgewandt, weil dieser in keiner Weise die Erwartungen erfüllte. Da er sich selbst in jeder Hinsicht für fähiger, gebildeter, mutiger und selbstsicherer als Mírzá Yahyá hielt und über das schlimme Schicksal der einst so angesehenen Gemeinde des Báb verzweifelt war, unternahm er einen kühnen Versuch, für sich selbst Autorität zu erringen; doch als er vom Ruhme Bahá'u'lláhs hörte, sah er sehr bald seinen schweren Irrtum ein, begab sich eilends nach Baghdád und legte sein Haupt an der Schwelle des wahren Erlösers nieder. Er war so reinen Herzens und so frei von jeder Eigenliebe, daß Bahá'u'lláh bemerkte: Hätte der Hájí auf seinem Anspruch bestanden, "dann hätten Wir ihn gutgeheißen." Als Buße entschloß sich Hájí Mírzá Músá, bis an sein Lebensende zu fasten. Dies jedoch verhinderte Bahá'u'lláh. Hájí Mírzá Músá blieb dann in Baghdád, bis er drei Tage nach Bahá'u'lláhs Aufbruch in Richtung Istanbul aus dieser Welt schied.

Der letzte (wenn auch keineswegs der unbedeutendste), der einen eigenen Anspruch erhob und den wir hier noch erwähnen wollen - es gab noch andere -, ist Hájí Mullá Háshim, ein ehemaliger schiitischer Geistlicher, der erheblichen Einfluß besaß. Aber auch er wandte sich, nachdem er seinen Irrtum erkannt hatte, um Vergebung und Wiedergutmachung zu Bahá'u'lláh, und es wurde ihm im vollen Maße vergolten.

Nach all diesen Berichten und Geschichten über die ergebenen Anhänger und getreuen Freunde erzählt uns Nabíl-i-A`zam in seiner hinreißenden Chronik, daß er nach dreimonatigem Aufenthalt in Baghdád von Bahá'u'lláh den Auftrag erhielt, nach Qazvín zu reisen und dort den Glauben zu lehren. "Draußen vor den Toren von Baghdád," schreibt Nabíl, "holte mich Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Amír ein und brachte mir Geld, das die Gesegnete Vollkommenheit für die Auslagen meiner Reise bewilligt hatte, damit ich ein gutes Pferd mieten und mich einer Karawane anschließen könne. Ich sagte zu Amír, als ich das erstemal Seine gesegnete Gegenwart erlangt hätte, habe Er mir gnädiglich die Mittel zum Leben gewährt, auf daß ich nie mehr Mangel leiden müsse. Und ich bat Amír, er wolle doch an der Schwelle Seiner freigebigen Gnade darum flehen, daß jenes Allerwichtigste, was Er mir gewährt habe, sicher bewahrt bleiben möge... Da jedoch Amír nicht lockerließ, nahm ich etwas von dem Geld, das er mitgebracht hatte, und wir sagten uns Lebewohl. Jeden Augenblick wurde eine neue Tür vor mir aufgestoßen. Mir war, als hätte ich Schwingen, um mich zum Himmel des Geliebten zu erheben. Ich spürte kein Verlangen nach einem Weggefährten und hatte keine Furcht vor Straßenräubern." So beschreibt er anschaulich die Begeisterung und freudige Erregung, die ihn erfüllte, als er über die Pässe und Hochflächen des westlichen Irán seinen Weg nach Qazvín nahm. Tagsüber machte er Rast, so schreibt er, und ungefähr zwei Stunden nach Sonnenuntergang setzte er seinen Weg fort. In Kirmansháh traf er auf Mírzá `Abdu'lláh-i-Ghawghá, der offensichtlich auch irgendwelche Ansprüche erhoben hatte, denn Nabíl berichtet, daß Darvísh Sidq-`Alí (s. Anhang V S.553) ihn als Diener begleitete. (Allerdings bestreitet Siyyid Mihdíy-i-Dahijí in seinem Risálih, daß Mírzá `Abdu'lláh-i-Ghawghá jemals irgendwelche Ansprüche erhoben hätte.)


#164

Nabíl war nun wieder in Baghdád. Bahá'u'lláh sagte ihm, er solle ein von Aqá Siyyid Ismá`íl-i-Zavári'í abgeschriebenes Manuskript des Qayyúmu'l-Asmá' durchsehen, um sich zu vergewissern, daß alles richtig war. Dieser Siyyid Ismá`íl war mit großen Hoffnungen aus dem Irán gekommen und hatte die Gegenwart Bahá'u'lláhs erlangt. Hier fand er alles, was er sich erhofft und sehnlichst erwünscht hatte. Er war von adeliger Abkunft, ein Gelehrter und ein Meister der Schönschreibkunst. Er ist auch als Dhabíh bekannt, darf jedoch nicht verwechselt werden mit Hájí muhammad-Ismá`íl-i-Dhabíh-i-Káshání, dem Bruder des Hájí Mírzá Jání. Nabíl berichtet, daß sie für die Aufgabe achtzehn Tage benötigten. Als die Arbeit beendet war, bat er Siyyid Ismá`íl, ihm von seinen Erlebnissen zu berichten. Nabíl wußte, daß Siyyid Ismá`íl regelmäßig um Mitternacht hinausging und mit seinem Turban die Straße vor Bahá'u'lláhs Haus fegte, dann den Kehricht in seine `Abá sammelte und in den Tigris warf. Diese Erde und dieser Staub, pflegte er zu sagen, seien durch Seine gesegneten Füße geheiligt und dürften mit nichts Unreinem in Berührung kommen. Auf Nabíls Fragen antwortete Siyyid Ismá`íl präzise und wohlüberlegt, wobei ihm die Tränen aus den Augen traten: "Was ich gesehen habe, läßt sich nicht beschreiben. Nachdem ich Ihn um geistigen Beistand gebeten und Er mir gesagt hatte, dieser sei mir gewährt, tat sich in meinem Herzen eine Tür um die andere auf, und meine Seele wurde mit Gedanken vertraut, die nicht von dieser Welt waren. Eines Nachts bat mich Seine gesegnete Person in Seinem Bírúní um eine Kerze, um ein Schriftstück durchzulesen, und plötzlich - ich war wie gewöhnlich in Staunen über meinen eigenen Zustand versunken - kam mir der Gedanke: `Ist es wohl möglich, daß dieses Antlitz, nach dessen Anblick sich die Erwählten und die Gottesboten gesehnt haben, in einem menschlichen Tempel entschleiert werden könnte?' Kaum war mir dieser Gedanke durch den Sinn gefahren, da rief mir Seine gesegnete Stimme zu: `Aqá Siyyid Ismá`íl, schau her!' Und als ich auf Sein gesegnetes Antlitz blickte, sah ich, was kein Wort je beschreiben kann. Ich kann nur soviel sagen: Mir schien, als ob hunderttausend endlose, sonnenbeschienene Meere auf diesem Gesegneten Antlitz wogten. Was danach geschah, weiß ich nicht mehr. Mein letztes Wort an dich ist dies: Bitte niemals um dergleichen, sei zufrieden mit dem, was dir gegeben ist, sprich allezeit: `O Gott! Gewähre, daß es mit uns gut zu Ende geht!' - und bete du für mich, auf daß mein eigenes Ende gut werden möge."


#165

Dieser Vorfall, den Siyyid Ismá`íl dem Nabíl schilderte, hat sich so zugetragen. Bahá'u'lláh war eines Tages im Hause des Aqá Muhammad-Ridáy-i-`Aríd zu Gast. Vor Ihm standen Schalen mit Früchten und Süßigkeiten. Siyyid Ismá`íl war ebenfalls zugegen. Als Bahá'u'lláh dem Siyyid einige Süßigkeiten reichte, brachte dieser seinen Wunsch nach geistiger Nahrung zum Ausdruck, worauf Bahá'u'lláh erwiderte: »Dies wurde dir soeben gewährt.«

Nun war Siyyid Ismá`íl von der Liebe zu Bahá'u'lláh entflammt. Die Gedichte, die er hinterlassen hat, zeugen von dieser alles verzehrenden Liebe.¹

Hört dies von mir:
Noch einmal sage ich - und dabei brenne ich -:
"Hat je man Blumen schon gesehen, die im Feuer knospen?"
Dies sage ich - und dabei brenne ich.

"Zerreißt die Schleier!
Die Mittel bringt hervor!
Atmet der Liebe Hauch!"
Dies sage ich - und dabei brenne ich.

"Seht den Garten eures Herrn,
Das Land, das göttliche.
Vor Ihm wird alles wie ein Nichts."
Dies sage ich - und dabei brenne ich.

Genüge dir mein Wort zum Schluß:
"Die Seele hat Er mir entflammt,
Mein Leben geb' ich hin auf Seinem Pfad."
Dies sage ich - und dabei brenne ich.

¹ aus einem unveröffentlichtem Tagebuch von Aqá Ridá


#166

Danach konnte man morgens vor Sonnenaufgang Siyyid Ismá`íl sehen, wie er den Zugang zu Bahá'u'lláhs Haus fegte. Eines Tages wurde beobachtet, wie er noch früh am Morgen die Stadt Baghdád in Richtung Kázimayn verließ. Unterwegs ließ er sich am Straßenrand nieder, blickte in die Richtung von Bahá'u'lláhs Haus sowie der heiligen Schreine des siebten und neunten Imáms und schnitt sich die Kehle durch, und so starb er. Durch diese Handlung wurde er als "Dhabíh" - das Opfer - bekannt. Die Feder Bahá'u'lláhs hat ihn als »der Geliebte und der Stolz der Märtyrer« verherrlicht.

Zollbeamte, die den Siyyid hatten die Stadt verlassen sehen, stellten Ermittlungen an, als von ihm nichts mehr zu sehen war. Sie fanden ihn tot auf, eine Rasierklinge in der Hand. Sie unterrichteten den persischen Konsul und brachten die Leiche des Siyyids zur Seraye, von wo aus man sie nach Kázimayn trug und dort im Tall-i-Ahmar (Roter Hügel) beisetzte.¹

¹ Das Selbstopfer Siyyid Ismá`íls ereignete sich in der Amtszeit von Dabíru'l-Mulk als persischer Konsul (8.Juni 1859 bis ca. ein Jahr später). Dieser war der Nachfolger von Mírzá Ibráhím Khán, der am 28. Dezember 1858 starb. (Die Daten stammen aus britischen Konsulatsurkunden, Aktenzeichen FO 195.577 und .624.) Beide Männer standen Bahá'u'lláh und Seinen Gefährten freundlich gegenüber.


#167

Schließlich war da noch Hájí Hasan-i-Turk. Er hatte die Gegenwart Bahá'u'lláhs zuerst in Kirmansháh erreicht und war mehrmals nach Baghdád gekommen. Ihm wurde wirklich neues Leben eingehaucht. Obgleich er ohne Bildung war, begann er mit der Abfassung eines Kommentars über den Qayyúmu'l-Asmá' des Báb. Aber die meiste Zeit sagte er kein Wort. Als seine Schweigsamkeit einmal in der Gegenwart Bahá'u'lláhs zur Sprache kam, bemerkte Er, die Zeit werde bald kommen, wo der Hájí sprechen werde. Dann kam Hájí Hasan eines Tages zu Bahá'u'lláh, einen Dolch in der Hand, und bat um Seine Erlaubnis, sich mit gezogenem Dolch auf die Brücke zu stellen und jedermann die Sache Gottes zu verkünden. Bahá'u'lláh sagte ihm liebevoll, aber nachdrücklich: »Hájí, lege deinen Dolch weg. Der Glaube Gottes muß in Freundschaft und Liebe den aufnahmebereiten Seelen überbracht werden. Er braucht keine Schwerter und Dolche.«





+23 #168

Kapitel 23

Baghdád - die letzten Jahre

Das Verhalten eines jungen Theologiestudenten, der sich zur Religion des Báb bekehrt hatte, rief in den Geschicken der Bábí-Gemeinde eine neue Krise hervor.

Der junge Mann hieß Mullá Báqir. Er war der Sohn des Imám-Jum`ih von Qumshih, einer Kleinstadt bei Isfahán. Sein Vater hatte ihn zum Theologiestudium nach Najaf geschickt. Dort, im Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit, kam ihm zum Bewußtsein, daß der Báb gekommen war; er traf dort den berühmten Nabíl-i-Akbar, Mullá Muhammad (oder Aqá Muhammad) von Qá'in. Dieser Nabíl war einer der fähigsten, gelehrtesten Studenten des gefeierten Shaykh Murtidáy-i-Ansárí gewesen, des bedeutendsten schiitischen Rechtsgelehrten seiner Zeit (s. Anhang V S.550), und hatte aus seiner Hand ein Zertifikat über Ijtihád erhalten. Die Bekanntschaft mit Aqá Muhammad-i-Qá'iní brachte Mullá Báqir dazu, sich dem Glauben des Báb zu verschreiben, was er mit Leidenschaft und Hingabe tat. Dann erreichte er in Baghdád die Gegenwart Bahá'u'lláhs und wurde sehr gefestigt. Zu seinem Unglück lernte er jedoch einen jungen Shaykhí kennen, einen Schüler und Anhänger von Hájí Muhammad-Karím Khán-i-Kirmání. Dieser Shaykhí war ein unversöhnlicher Gegner des Bábí-Glaubens und stieß im Beisein von Mullá Báqir ständig Schmähungen gegen den Báb und die Bábí aus. Mullá Báqir versuchte alles, um den jungen Shaykhí von seiner schändlichen Gewohnheit abzubringen; doch gelang ihm dies nicht: Der Shaykhí setzte seine Schmähungen fort. Schließlich kam es soweit, daß Mullá Báqir seine üblen Reden nicht länger ertragen konnte. Er vertraute seinen Glaubensbrüdern an, daß er immer heftiger dazu neigte, seinem Peiniger etwas zuzufügen. Sie suchten ihn davon abzuhalten, jedoch ohne Erfolg.


#169

Eines Tages griff Mullá Báqir den jungen Shaykhí auf dem Marktplatz mit einem Krummsäbel an. Andere traten dazwischen, hielten Mullá Báqir zurück und brachten ihn vor den persischen Konsul, der ihm nahelegte, Baghdád zu verlassen. Noch in der gleichen Nacht machte er sich auf den Weg nach dem Irán. Aber das Pech blieb ihm auf den Fersen. In Hamadán stieß er wieder auf denselben dickköpfigen jungen Mann mit seinem losen Mundwerk, der sich von seinen Verletzungen erholt hatte und ihn unverzüglich beim Gouverneur anzeigte. Mullá Báqir wurde verhaftet und durchsucht. Er trug ein Sendschreiben Bahá'u'lláhs bei sich, in dem Dieser ihn für seine vorschnelle Handlung rügte.

Der Gouverneur von Hamadán befand, daß Mullá Báqir sich des Ungehorsams gegen seinen Herrn schuldig gemacht hatte und Gefängnisstrafe verdiente. Er wurde ins Gefängnis geworfen, und als man ihn wieder entließ, ging er nach Baghdád zurück. Bahá'u'lláh gab ihm jedoch nicht den gleichen Empfang wie zuvor. Sein Angriff auf den jungen Shaykhí hatte für die Bábí-Gemeinde sehr schädliche Auswirkungen gehabt, und die Verhaftung von Aqá `Abdu'r-Rasúl und seinem Bruder war auf Báqirs unüberlegte und törichte Handlung zurückzuführen. Bahá'u'lláh wies die meisten Bábí an, Baghdád zu verlassen.

Nun betrat im Juli 1860 Mírzá Buzurg Khán-i-Qazvíní als persischer Konsul den Schauplatz. Er war ein Mann von großem Einfluß, der zuvor den Posten des Konsuls in Erzerum bekleidet hatte. Schon vor seiner Ankunft hatte sich herumgesprochen, er komme, um mit diesen störenden Bábí endlich Schluß zu machen. Um zu demonstrieren, was für ein wichtiger, angesehener Mann er war, ritt oder stolzierte Mírzá Buzurg Khán in den Straßen umher und putzte sich in der Öffentlichkeit heraus, umgeben von einem großen Schlägertrupp, den er mitgebracht hatte.

Mírzá Buzurg Khán verbündete sich mit Shaykh `Abdu'l-Husayn-i-Tihrání, der sich schon seit etwa zwei Jahren im `Iráq befand und ein unversöhnlicher Gegner Bahá'u'lláhs war. Shaykh `Abdu'l-Husayn, mit dem Beinamen Shaykhu'l-`Iráqayn (s. Anhang V S.537), war von Násiri'd-Dín Sháh nach Karbilá entsandt worden mit dem Auftrag, die dringend notwendigen Reparaturarbeiten an den heiligen Schreinen zu beaufsichtigen.


#170

Der neue persische Konsul machte gegenüber den osmanischen Behörden eine seltsame Aussage: Er sagte, er beabsichtige einige schurkische Männer, Flüchtlinge aus dem Irán, festzunehmen. Mustafá Núrí Páshá, der Válí (s. Anhang V S.550), war nur ein paar Monate vor dem Konsul (im März 1860) eingetroffen; er war ein gerechter Mann, der von `Abdu'lláh Páshá von Sulaymáníyyih sehr rühmende Worte über Bahá'u'lláh gehört hatte. Auch war ihm Mírzá Buzurg Kháns Absicht sehr wohl bewußt. Doch täuschte er Unwissenheit vor und sagte dem Konsul, er könne seine Verhaftungen ruhig vornehmen. Mírzá Buzurg Khán erwiderte, dazu brauche er aber die Hilfe der Regierung. Der Válí gab seinem Erstaunen Ausdruck, daß der persische Konsul soviel Hilfe benötigte, nur um ein paar Männer festzunehmen. Jetzt war Mírzá Buzurg Khán gezwungen zu sagen, um wen es sich bei den Persern handelte, die er verhaften wolle. Mustafá Núrí Páshá zeigte nun noch größeres Erstaunen, daß der Konsul in solch grober Weise von Personen sprach, die in ganz Baghdád bei hoch und niedrig in großem Ansehen standen. Er lehnte es ab, mit Mírzá Buzurg Kháns ruchlosen Anschlägen etwas zu tun zu haben. Die lahme Erwiderung des Konsuls war: "Sie sind aber Feinde unseres Glaubens und des Ihrigen", worauf er vom Válí die vernichtende Antwort erhielt: "Haben wir denn verschiedene Glauben?"

Nabíl schreibt, daß Bahá'u'lláh von Zeit zu Zeit Aqáy-i-Kalím zu einem Besuch zu Mírzá Buzurg Khán schickte. Eines Tages sagte der törichte Konsul voller Hochmut zu Aqáy-i-Kalím, er könne mit Bahá'u'lláh machen, was er wolle. Aqáy-i-Kalím antwortete ihm: "Warum komme ich manchmal zu einem Besuch hierher? Glauben Sie, mir ist es um einen Posten, ein Amt oder eine Pfründe zu tun? Wir möchten Ihnen nur unsere gute Absicht zeigen. Bei Gott! Sollte Er Ihnen Seine Gunst entziehen, würden dieselben Männer, mit denen Sie sich umgeben, Sie ganz gewiß beseitigen." Dann zählte Aqáy-i-Kalím alle Intrigen und bösen Anschläge des Konsuls Punkt für Punkt mit solcher Genauigkeit auf, daß dieser nur noch erwidern konnte: "Lassen wir die Vergangenheit ruhen. Sollte Er [Bahá'u'lláh] mir in Zukunft gewogen sein, werde ich Ihm meine Dienste erweisen." Doch wie Nabíl weiter ausführt, war Mírzá Buzurg Khán unverbesserlich und hörte niemals auf, gemeinsam mit Shaykh `Abdu'l-Husayn Pläne zu schmieden.


#171

Die Gegnerschaft des Konsuls ging so weit, daß er einem Haudegen namens Ridá Turk eine hohe Belohnung anbot, wenn dieser Bahá'u'lláh auflauere und Ihn umbringe. Dieser skrupellose Mann, der keine Furcht kannte und um des Gewinnes willen zu jeder Schandtat bereit war, erzählte selber in späteren Jahren, daß er nach einer günstigen Gelegenheit Ausschau hielt, um dem Wunsch des persischen Konsuls zu entsprechen. Eines Tages bot sich eine Gelegenheit. Wie er wußte, besuchte Bahá'u'lláh das Bad, und Aqá Muhammad-Ib-ráhím-i-Amír, Bahá'u'lláhs Diener, war für kurze Zeit weggegangen, um etwas zu erledigen. Ridá Turk betrat das Bad; doch wie er selbst gestand, überkamen ihn, als er sich plötzlich in der Gegenwart Bahá'u'lláhs befand, solche Ehrfurcht und Reue, daß er sich augenblicklich umwandte und die Flucht ergriff.

Jetzt startete Mírzá Buzurg Khán eine regelrechte Kampagne, um Bahá'u'lláh aus Baghdád zu entfernen. Der mit allen Wassern gewaschene persische Botschafter in Istanbul, Hájí Mírzá Husayn Khán Mushíru'd-Dawlih, schrieb an Mírzá Sa`íd Khán, den Außenminister in Tihrán (über beide Männer s. Anhang V S.542f S.552f), daß der Konsul sich nicht etwa aus dem glühenden Wunsch, seinem Lande zu dienen, hierfür so stark mache, sondern daß tieferliegende Beweggründe dahintersteckten. Er wünsche die Tochter des Hájí Mírzá Hádíy-i-Javáhirí wegen ihres Geldes zu heiraten und glaube, daß Bahá'u'lláh ihm im Wege stehe. Mírzá Sa`íd Khán erwiderte, das sei ihm wohl klar; dennoch sei es dringend erforderlich, die Verbannung Bahá'u'lláhs aus der Nachbarschaft zur íránischen Grenze zu betreiben.

Fragen wir bei Shaykh Abdu'l-Husayn nach den Beweggründen, die ihn bestimmten, den von ihm eingeschlagenen Weg weiterzugehen und gegen Bahá'u'lláh zu eifern, so war es reiner Fanatismus in Verbindung mit dem angeborenen Ehrgeiz, mehr Ruhm und Anerkennung zu erlangen. Jahrzehnte später wurde Fádil-i-Tihrání, der Enkel dieses geschworenen Gegners von Bahá'u'lláh, zum glühenden Anhänger des Glaubens, den sein eigensinniger Großvater so sehr verachtet hatte; er erlangte verdienten Ruhm als Verkünder und Lehrer der Sache Bahá'u'lláhs.


#172

Der Válí von Baghdád, Mustafá Núrí Páshá, hatte vor seiner Ernennung zum Gouverneur des Iráq dem Sultán Abdu'l-Majíd persönlich sehr nahegestanden. Aus diesem Grund konnte er die Entlassung eines gewissen Ridá Páshá vom Hof des Sultáns mit Erfolg betreiben. Später jedoch erlangte Ridá Páshá wieder die Gunst des Herrschers und eine neue Stellung. Nachdem er wieder in Amt und Würden war, begann Ridá Páshá seinen Racheplan zu schmieden. Er erreichte, daß ein Militärberater namens Ahmad Tawfíq Páshá nach Baghdád entsandt wurde; diesen wies er an, gegen Mustafá Núrí Páshá solche Beschuldigungen zu erheben, daß er entlassen würde. Auch gab Ridá Páshá dem Ahmad Páshá zu verstehen, daß er im Falle des Erfolgs selbst Gouverneur von `Iráq würde. Mit diesem Anreiz ging Ahmad Páshá systematisch daran, das Vertrauen einiger Honoratioren von Baghdád zu gewinnen. Diese wußten um seine enge Freundschaft zu Ridá Páshá und um dessen enormen Einfluß in den inneren Kreisen um Sultán `Abdu'l-Majíd, und so gaben sie sich für seine Pläne her; im geheimen wurde eine Liste mit Anschuldigungen wegen Unterschlagungen und Bestechlichkeit erstellt, von einigen der Honoratioren unterzeichnet und nach Istanbul geschickt. Sobald Ridá Páshá dieses Dokument in Händen hatte, telegrafierte er nach Baghdád, daß Mustafá Núrí Páshá entlassen sei und bis zu einer förmlichen Untersuchung unter Hausarrest zu stellen sei.

Der Militär Ahmad Páshá erhielt seine Gouverneursstelle (die allerdings später noch bestätigt werden mußte) im März 1861; er ließ nun den Wohnsitz des gedemütigten Mustafá Núrí Páshá mit Wachen umstellen und dadurch von jeglicher Außenverbindung abriegeln. `Abdu'lláh Páshá von Sulaymáníyyih, ein persönlicher Freund des entlassenen Válí, wurde daran gehindert, mit ihm zusammenzutreffen. Er sah sich selbst bedroht und in großer Gefahr. Er hatte niemanden, an den er sich wenden konnte, außer Bahá'u'lláh, der ihn huldvoll und freundlich empfing und ihm riet, er solle sich nicht betrüben. »Gehe hin und sage dem Válí von Uns,« so sprach Er zu `Abdu'lláh Páshá, »er solle sein ganzes Vertrauen auf Gott setzen und jeden Tag neunzehnmal diese beiden Verse sprechen: `Wer sein Vertrauen auf Gott setzt, dem wird Gott genügen` und: `Wer Gott fürchtet, dem wird Gott Hilfe senden.`« Als `Abdu'lláh Páshá erwähnte, daß niemand den Válí besuchen dürfe, riet Bahá'u'lláh ihm, direkt bei Ahmad Páshá eine Eingabe zu machen. »Wenn er sieht, daß du dein Gesuch in der richtigen Form vorbringst,« sagte Bahá'u'lláh, »dann wird er dir die Genehmigung erteilen, deinen Freund zu besuchen.« `Abdu'lláh Páshá folgte diesem Rat. Ahmad Páshá war von seiner Treue beeindruckt und erlaubte ihm, den entlassenen Válí sooft zu besuchen, wie er es wünschte. So hatte `Abdu'lláh Páshá die Möglichkeit, Mustafá Núrí Páshá zu besuchen und ihm die Botschaft Bahá'u'lláhs zu überbringen. Wenige Tage später traf die Nachricht vom Tode des Sultán `Abdu'l-Majíd und von der Thronbesteigung des Sultán `Abdu'l-`Aziz am 14. August 1861 ein; es folgte unmittelbar die neuerliche Vertreibung Ridá Páshás vom Hofe, und es ging ein Telegramm ein, in dem Mustafá Núrí Páshá wieder in sein Amt eingesetzt wurde. Jetzt war die Reihe an Ahmad Páshá, um Hilfe zu bitten; er erinnerte `Abdu'lláh Páshá daran, daß er seiner Bitte stattgegeben habe, und bat ihn, sich einzuschalten, um ihn vor dem Zorn des Válí zu bewahren. Der Páshá von Sulaymáníyyih entsprach diesem Wunsch bereitwillig und führte Ahmad Páshá vor den Válí; bei dieser Begegnung wurde eine Versöhnung erreicht. Nach einiger Zeit traf der Schwiegersohn des Válí aus Istanbul ein mit der Vollmacht, eine förmliche Untersuchung vorzunehmen. Zu jedermanns Erstaunen wurde die völlige Unschuld Mustafá Núrí Páshás erwiesen. Abdu'lláh Páshá ließ jetzt alle Leute wissen, wem der Gouverneur für seine Befreiung zu Dank verpflichtet war.


#173

Mustafá Núrí Páshá, der seine Rettung aus der Schmach Bahá'u'lláh zu verdanken hatte, blieb diesem bis an sein Lebensende in unerschütterlicher Treue ergeben, obwohl es ihm in Baghdád nicht möglich gewesen war, Seine Gegenwart zu erreichen. Als Bahá'u'lláh 1863 in Konstantinopel eintraf, war Mustafá Núrí Páshá ebenfalls dort. Er ließ alle Zurückhaltung außer acht und ließ Bahá'u'lláh seine Ehrerbietung übermitteln. Dieser entsandte den Größten Zweig [`Abdu'l-Bahá] und Aqáy-i-Kalím, um den Páshá zu treffen; danach kam Mustafá Páshá selbst mehrere Male, und so wurde sein Herzenswunsch erfüllt.

`Abdu'lláh Páshá von Sulaymáníyyih, schon immer ein ergebener Freund Bahá'u'lláhs, wurde noch mehr bestärkt, nachdem er Die Sieben Täler gelesen hatte. Er erhielt den Gouverneursposten in Ván, ging jedoch äußerst ungern, weil dies die Trennung von Bahá'u'lláh bedeutete. Später versuchte er nach Adrianopel zu kommen, um dort zu Ihm zu gelangen; doch es sollte nicht sein. Im Jahr A.H. 1304 (1886/87) reiste er zwecks ärztlicher Behandlung nach Beirut, und in dieser Stadt verstarb er.

Zwei angesehene und begüterte Perser, die in Baghdád wohnten, waren so stark in den Bann Bahá'u'lláhs geraten, daß sie den Glauben des Báb annahmen und darüber hinaus die Nachlaßverwaltung ihres umfangreichen Besitzes testamentarisch den Wünschen Bahá'u'lláhs anheimstellten. Der eine hieß Hájí Mírzá Hádíy-i-Javáhirí, der andere Hájí Háshim-i-`Attár. Hájí Mírzá Hádí hatte seit Jahren großen Kummer mit seinem Sohn Mírzá Músá und berechtigte Sorgen um dessen Zukunft. Der Wandel, der nun in Mírzá Músá durch dessen Hinwendung zu Bahá'u'lláh eingetreten war, wurde zur Ursache dafür, daß der Vater dem Weg seines Sohnes folgte und sein Testament in der besagten Weise ausfertigte. Nabíl berichtet, wie die Nachricht von der Handlungsweise der beiden angesehenen Perser Shaykh `Abdu'l-Husayn und Mírzá Buzurg Khán dermaßen in Rage brachte, daß sie aufs neue gegen Bahá'u'lláh zu intrigieren begannen. Aber wie schon erwähnt, war der Mushírud'd-Dawlih klug genug, um die Ränke des Konsuls zu durchschauen.


#174

Bald danach richtete Hájí Háshim-i-Attar ein Festessen aus, und es war sein Wunsch, daß es durch die Anwesenheit Bahá'u'lláhs geehrt würde. Wie uns Nabíl berichtet, wurde es ein so glänzendes Ereignis, daß die Leute in Baghdád versicherten, so etwas hätten sie noch nie gesehen, und eigens Berichte an Násiri'd-Dín Sháh und den Sultán der Türkei geschickt wurden. Am Tage des Festessens war Hájí Háshim selbst, trotz seiner fortgeschrittenen Jahre, ständig auf den Beinen, um seine Gäste zu bedienen. Nachdem alles vorüber war und Bahá'u'lláh dem Empfang die Ehre Seiner Anwesenheit gegeben hatte, fühlte Hájí Háshim, daß ihm nun nichts mehr blieb, wofür er noch leben sollte, und bald danach starb er. Trotz der Bestimmungen seines Testaments begannen seine Schwiegersöhne, die mit den Unheilstiftern unter einer Decke steckten, sich skrupellos aus seinem Nachlaß zu bereichern. Einige aufrechte Männer von Baghdád kamen zu Bahá'u'lláh und baten Ihn einzugreifen, da jedermann über die Bestimmungen in Hájí Háshims Testament informiert war. Doch Bahá'u'lláh antwortete: "Was uns gehört hat, war die gesegnete Person des Hájí, der nun aus dieser Welt geschieden ist. Was sein Vermögen anbetrifft, so sollen die, die den Reichtümern dieser Welt Gewicht beimessen, sich damit versorgen." Als jedoch die Schwiegersöhne anfingen, die Witwe und die jüngeren Kinder des Hájí zu berauben, schritt Bahá'u'lláh ein; Er ließ einige von denen, die sich so ungerecht verhielten, zu sich kommen und trug ihnen auf, ihre Handlungsweise zu ändern. Sie beugten sich Seiner Autorität. Der Anteil der Kinder wurde abgetrennt und der Mutter gegeben, und Bahá'u'lláh setzte eine vertrauenswürdige Person zur Verwaltung ihres Erbes und ihres Geschäftes ein.

Auch im Falle des Nachlasses von Hájí Mírzá Hádíy-i-Javáhirí unternahm Bahá'u'lláh etwas, um sicherzustellen, daß niemand ungerecht behandelt wurde. Er beauftragte den Größten Zweig und Aqáy-i-Kalím, sich um diese Sache zu kümmern. Nabíl gibt an, daß 30000 Túmán (in der damaligen Zeit eine erhebliche Summe) ein Zehntel¹ von Hájí Mírzá Hádís Hinterlassenschaft ausmachten und daß Bahá'u'lláh Seine Absicht mit folgenden Worten bekanntgab: »Diese 30000 Túmán gebe Ich dem Mírzá Músá [dem Sohn des Hájí Mírzá Hádí], damit er mit seinen Schwestern Frieden hat.«

¹ Ein Zehntel (ushr) war der übliche Anteil für den Testamentsvollstrecker


#175

Nabíl betont, daß diese sich mehrenden Anzeichen von Bahá'u'lláhs Autorität den Shaykh Abdu'l-Husayn wurmten, der, obgleich Mujtahid, von Nasiri'd-Dín Sháh geehrt und mit Sondervollmachten ausgestattet, noch nicht einmal einen Teil dieser Autorität für sich aufbringen konnte. Stattdessen wich er auf große Sprüche aus. "Ich hatte einen Traum," sagte er, "daß ich mit dem Sháh unter einer Kuppel stand, und über dem Kopf des Sháhs schwang eine Tafel hin und her, auf der Qur'án-Verse in lateinischen Lettern standen. Dies hatten anscheinend die Bábí angestiftet, und der Sháh teilte mir beim Anblick der Tafel mit, daß die Bábí für diesen Frevel Verantwortung trügen; `aber warten Sie nur,` fuhr der Sháh fort, `bald werde ich mit diesem Schwert an meiner Seite diese Leute vernichten.`" Bei anderer Gelegenheit erlog der Shaykh einen zweiten Traum. "Mir träumte," sagte er, "daß ich mit einer Anzahl von Gefährten zu Pferde nach Tihrán unterwegs war. Bei Khániqayn holte mich ein Bábí aus Baghdád ein. Er trug eine mit Blut gefüllte Flasche in der Hand und verspritzte etwas von dem Blut über mich. Das bedeutet," so legte er seinen Traum aus, "daß meine Bemühungen, diese Leute niederzuschlagen, königliches Lob ernten und ich nach Tihrán gerufen werde. Aber die Bábí werden mich ermorden, und mein Tod wird die Regierung und das Volk des Irán so empören, daß sie sie mit vereinter Kraft auslöschen werden."

Ein Vertrauter des Shaykh `Abdu'l-Husayn, der auch häufig das Haus Bahá'u'lláhs aufsuchte - in der vergeblichen Hoffnung, er könne das Geheimnis des Elixirs finden, nach dem die Alchemisten so begierig geforscht hatten -, berichtete Bahá'u'lláh von diesen Träumen. Bahá'u'lláh erwiderte lächelnd, der erste Traum des Shaykh sei ein Hinweis darauf, daß die Offenbarung des Báb aus der gleichen Quelle wie der Qur'án gekommen sei, jedoch erneuert und neu dargelegt. Was nun den zweiten Traum betreffe, so könne Shaykh `Abdu'l-Husayn beruhigt sein, daß kein Bábí ihn töten werde, daß er aber auch nicht zum Empfang neuer Ehren vorgeladen werde. Der Mann hinterbrachte dem Shaykh alles, was er von Bahá'u'lláh gehört hatte; er riet ihm, seine Sprache zu mäßigen und eine Begegnung mit Bahá'u'lláh zu suchen, um selbst zu erfahren, welch authentische Macht das Oberhaupt der Bábí-Gemeinde ausstrahle und wie herrlich sein Ausdruck und seine Sprache seien. Dem Shaykh `Abdu'l-Husayn schien dieser Vorschlag zu gefallen; Bahá'u'lláh war bereit, ihn zu empfangen, doch im letzten Augenblick machte der Shaykh einen Rückzieher und setzte seine Machenschaften und Ränke fort.


#176

Mírzá Buzurg Khán hatte die Enttäuschung über den Fehlschlag seiner Bemühungen, den Válí zum Helfershelfer gegen die Bábí zu gewinnen, kaum verwunden. Er suchte jetzt nach schwachen Stellen in dem Schutzschild vollkommener Rechtlichkeit, der Bahá'u'lláh umgab, um Ihm eine schmerzliche Wunde beibringen zu können; doch auch hier wurde er bitter enttäuscht, denn er fand nichts. Bahá'u'lláh wurde von Leuten, die Ihm wohlgesonnen waren und denen die haßerfüllte, feindselige Haltung des persischen Konsuls nicht verborgen blieb, ständig gedrängt, Maßnahmen für Seinen eigenen Schutz zu ergreifen. Auf alle ihre Vorstellungen erhielten sie immer die gleiche Antwort: Er hatte Sein Vertrauen in Gott gesetzt, und "Gott ist der beste Beschützer". Mullá `Alí-Mardán aus Karkúk bot Ihm die Benutzung eines gepflegten Hauses an, das er in dieser Stadt besaß; er hoffte, Bahá'u'lláh würde sich für einige Zeit aus dem Umkreis des haßerfüllten Konsuls und seines Anhangs entfernen.

Den Konsul muß es auch besonders geärgert haben, daß der Gangster Ridá Turk ihn bei dem Auftrag, Bahá'u'lláh zu töten, im Stich gelassen hatte. Wie Aqá Ridá schreibt, waren die Bábí allmählich dahintergekommen, welch böse Absichten Mírzá Buzurg Khán verfolgte und wie er mit Shaykh `Abdu'l-Husayn gemeinsame Sache machte; einige Bábí beschatteten insgeheim das Haus Bahá'u'lláhs.

Jahrzehnte später, im August 1919, erzählte `Abdu'l-Bahá den in seinem Empfangszimmer in Haifa versammelten Bahá'í von den vergangenen Begebenheiten. An einem Abend sprach Er von den Ränken des Shaykh `Abdu'l-Husayn und des Mírzá Buzurg Khán. Dr. Lutfu'lláh Hakím schrieb mit, was der Meister sagte, und obwohl seine Aufzeichnungen nicht wortgetreu sein konnten, geben sie doch die Erinnerungen des Meisters an längst vergangene Tage ziemlich genau wieder:


#177

»Als die Mujtahids und Násiri'd-Dín Sháh den Shaykh `Abdu'l-Husayn in den `Iráq schickten und dieser mit seiner Hetze gegen die Gesegnete Vollkommenheit [Bahá'u'lláh] begann, versammelten sich die Mujtahids in Kázimayn, um über einen heiligen Krieg zu beraten, und wandten sich an den Válí um Hilfe. Auf die Antwort des Válí, daß er nichts unternehmen könne, sandten sie Briefe nach Baghdád, woraufhin sich dort eine große Zahl von Persern und schiitischen Arabern zusammenfand. Die Erregung in Baghdád erreichte den Siedepunkt, und man rief sogar Shaykh Murtidá aus Karbilá herbei mit der Begründung, daß das Wohl des Glaubens bedroht sei. Auf dem Weg nach Baghdád erlitt Shaykh Murtidá einen Unfall; daraufhin hielt er sich zurück und bat, man möge ihn verschonen. Weil er die Angelegenheit nicht persönlich untersucht hatte, lehnte er es ab, einzugreifen. Durch Zaynu'l-`Abidín Khán Fakhru'd-Dawlih sandte der Shaykh die folgende Botschaft an die Gesegnete Vollkommenheit: "Ich wußte nicht Bescheid; hätte ich etwas gewußt, dann wäre ich nicht gekommen. Jetzt will ich für Sie beten.« (Aufzeichnung Dr.L.Hakím)

»Zwei Tage später wollten die Leute, die sich in Kázimayn versammelt hatten, kommen und uns angreifen. Wir waren alles in allem nur sechsundvierzig, und unser starker Mann war Aqá Asadu'lláh-i-Káshí (Káshání), dessen Degen bis auf den Boden herunterhing, auch wenn er ihn über dem Shál [dem als Gürtel benutzten Tuch] trug. Nun war da ein gewisser Siyyid Hasan aus Shíráz. Er war kein Gläubiger, aber ein sehr guter Mann. Eines Morgens hatte die Gesegnete Vollkommenheit in der Frühe das Haus verlassen, als dieser Aqá Siyyid Hasan an unsere Tür klopfte. Unsere schwarze Magd öffnete, Aqá Siyyid Hasan kam herein und fragte ganz aufgeregt: "Wo ist der Aqá [Bahá'u'lláh]?" Ich sagte: "Er ist zum Fluß gegangen." "Was sagen Sie da?" erwiderte er. Ich bot ihm Tee an und sagte: "Er kommt wieder." Er antwortete: "Aqá! Die Welt steht auf dem Kopf ... Es geht alles drunter und drüber ... Wissen Sie, daß heute nacht bei Shaykh `Abdu'l-Husayn und dem Konsul eine Beratung stattgefunden hat? Man ist sich auch mit dem Válí irgendwie einig geworden. Wie kommt es, daß die Gesegnete Vollkommenheit zum Fluß gegangen ist? Sie haben beschlossen, morgen anzugreifen." Während er mir noch erzählte, was vorgefallen war, trat die Gesegnete Vollkommenheit herein. Aqá Siyyid Hasan wollte gleich seine Besorgnis zum Ausdruck bringen; aber die Gesegnete Vollkommenheit sagte: "Laß uns von etwas anderem sprechen" und sprach weiter. Etwas später bestand Aqá Siyyid Hasan darauf, seinen Kummer loszuwerden; doch von der Gesegneten Vollkommenheit bekam er zu hören: "Es ist ohne Bedeutung." So blieb Aqá Siyyid Hasan zum Mittagessen und ging dann nach Hause.« (Aufzeichnung Dr.L.Hakím)

»Am Spätnachmittag ging die Gesegnete Vollkommenheit nach draußen. Die Freunde scharten sich um Ihn. Zwei von ihnen waren heuchlerisch: Hájí `Abdu'l-Hamíd und Aqá Muhammad-Javád-i-Isfahání. Die Gesegnete Vollkommenheit ging auf und ab. Dann wandte Er sich an die Freunde und sagte: "Habt ihr das Neueste gehört? Die Mujtahids und der Konsul sind zusammengekommen, sie haben zehn- bis zwanzigtausend Leute um sich versammelt und wollen den heiligen Krieg gegen Uns führen." Darauf sprach Er die zwei Heuchler an: "Geht und sagt ihnen, bei dem Einen Gott, dem Herrn aller Dinge: Ich will zwei Männer ausschicken, die sie den ganzen Weg bis Kázimayn zurücktreiben sollen. Wenn sie eine Herausforderung annehmen können, dann sollen sie ruhig kommen." Die beiden gingen schnell weg und erzählten, was sie gehört hatten. Und wißt ihr, was geschah? Sie gingen auseinander!« (Aufzeichnung Dr.L.Hakím)


#178

Aqá Ridá schreibt, daß in all dieser Zeit Bahá'u'lláh niemals Seine täglichen Besuche in den Kaffeehäusern unterließ. Er ging allein aus, abgesehen von Seinen zwei Begleitern, Aqá Na-jaf-`Alí und Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Amír-i-Nayrízí, und es gab sogar Tage, berichtet Aqá Ridá, an denen Bahá'u'lláh das Haus verließ, ohne sie um ihre Begleitung zu bitten. Niemals zeigte Er Furcht oder Besorgnis. In deutlichem Gegensatz dazu ging Mírzá Yahyá verkleidet nach draußen und verbarg immer sein Gesicht. Einmal war er der Hájí `Alíy-i-Lás-Furúsh (ein Seidenhändler), ein andermal ein Schuh- und Pantoffelhändler aus Basrah, immer ängstlich, immer auf der Hut.

Dann erhielt Bahá'u'lláh Besuch von Mullá Hasan-i-Amú. Hören wir seine Geschichte von `Abdu'l-Bahá (Beantwortete Fragen Kapitel 9):


#179

»In Baghdád kam es oft vor, daß gewisse `islamische Ulamá, jüdische Rabbiner und Christen sich mit europäischen Gelehrten ein gesegnetes Stelldichein (ein Zusammentreffen mit Bahá'u'lláh) gaben: jeder brachte irgendeine Frage vor, und obgleich sie ganz unterschiedlichen Kulturstufen angehörten, erhielt jeder eine ausreichende, überzeugende Antwort und ging zufrieden wieder weg. Auch die persischen `Ulamá in Karbilá und Najaf erwählten einen weisen Mann, den sie mit einer Botschaft zu Ihm schickten; er hieß Mullá Hasan-i-`Amú. Er trat in die Heilige Gegenwart und stellte namens der `Ulamá einige Fragen, die ihm Bahá'u'lláh beantwortete. Dann sagte Hasan-i-Amú: "Die `Ulamá anerkennen ohne Zögern das Wissen Bahá'u'lláhs und bezeugen seine Tugenden; sie sind einmütig der Überzeugung, daß er in aller Gelehrsamkeit unübertroffen ist, und es ist auch klar zu erkennen, daß er sein Wissen nicht durch Studium oder anderweitig erworben hat; doch dann fuhren die `Ulamá fort: `Wir sind damit nicht zufrieden, wir akzeptieren nicht die Wahrheit seiner Sendung aufgrund seiner Weisheit und Rechtlichkeit. Deshalb fordern wir ihn auf, uns ein Wunder zu zeigen, um unser Herz zufriedenzustellen und zu beruhigen.`"« (BF Kap.9)

»Bahá'u'lláh erwiderte: "Ihr habt zwar kein Recht, hierum zu bitten - denn es ist an Gott, Seine Geschöpfe zu prüfen, nicht aber steht es ihnen zu, Gott zu prüfen -; dennoch gestatte Ich dieses Verlangen und stimme ihm zu. Aber die Sache Gottes ist kein Schauspiel, das zu jeder Stunde aufgeführt wird und von dem jeden Tag eine neue Attraktion erwartet werden kann. Wäre es so, dann würde die Sache Gottes zu einer Belustigung für Kinder. Deshalb müssen die `Ulamá zusammenkommen und einstimmig ein Wunder auswählen und zu Protokoll geben, daß sie nach Vollbringung des Wunders keinen Zweifel mehr über Mich hegen und allesamt die Wahrheit Meiner Sache anerkennen und bezeugen werden. Dieses Papier sollen sie siegeln und Mir überbringen. Dies muß die einvernehmliche Bedingung sein: Wird das Wunder vollbracht, geben sie jeden Zweifel auf; im anderen Fall sind Wir der Betrügerei überführt."« (BF Kap.9)

»Der gelehrte Hasan-i-`Amú erhob sich und sagte: "Es gibt nichts mehr hinzuzufügen"; darauf küßte er das Knie des Gesegneten, obwohl er kein Gläubiger war, und ging. Er versammelte die `Ulamá und überbrachte ihnen die heilige Botschaft. Sie berieten zusammen und sagten: "Dieser Mann ist ein Zauberer; vielleicht wird er eine Zauberei vollführen, und dann beibt uns nichts mehr zu sagen." Aus dieser Einstellung heraus wagten sie es nicht, die Sache weiterzuverfolgen.« (BF Kap.9)

»Dieser Hasan-i-`Amú hat diese Tatsache bei vielen Gelegenheiten berichtet. Von Karbilá ging er nach Kirmánsháh und Tihrán und erzählte überall ausführlich darüber, wobei er die Angst und den Rückzieher der `Ulamá besonders hervorhob.« (BF Kap.9)

»Kurz, alle Seine Gegner im Osten anerkannten Seine Größe, Seine Hoheit, Sein Wissen und Seine Rechtschaffenheit; obwohl sie Seine Feinde waren, sprachen sie gleichwohl von Ihm als "dem ruhmreichen Bahá'u'lláh".« (BF Kap.9)


#180

(Bildlegende: Shaykh Murtidáy-i-Ansárí, der führende Mujtahid der Schiiten bis zu seinem Tod 1864)


#181

Mullá Hasan war so beschämt, daß er das Gefühl hatte, er könne Bahá'u'lláh nie wieder unter die Augen treten; stattdessen sandte er durch Zaynu'l-Abidín Khán Fakhru'd-Dawlih eine Botschaft: "Ich schäme mich für das Verhalten meiner Kollegen."

Unter diesen Mujtahids war einer, der sie all haushoch überragte: der gottesfürchtigste, gelehrteste und größte von allen, Shaykh Murtidáy-i-Ansárí. Er war für seine Zeit wirklich einzigartig und ohnegleichen; er lehnte es kategorisch ab, denen seine gewichtige Unterstützung zu leihen, die sich zum Widerstand gegen Bahá'u'lláh erhoben hatten. Jedesmal, wenn ihn jemand fragte, was von Bahá'u'lláh und den Bábí zu halten sei, antwortete er: "Gehen Sie und prüfen Sie selbst."

Den Gegenpol bildete der boshafte Shaykh `Abdu'l-Husayn-i-Tihrání, über den der Hüter des Bahá'í-Glaubens schrieb:

»Nachdem er seine wiederholten Anläufe, seinen feindseligen Zweck zu erreichen, durchkreuzt sah, lenkte Shaykh `Abdu'l-Husayn seine Energien jetzt in einen neuen Kanal. Er versprach seinem Komplicen [Mírzá Buzurg Khán], er werde ihn in den Rang eines Ministers der Krone erheben, wenn er die Regierung dazu bringen könne, Bahá'u'lláh nach Tihrán zurückzurufen und erneut ins Gefängnis zu werfen. Fast täglich sandte er langatmige Berichte an die unmittelbare Umgebung des Sháhs. Er malte überspannte Bilder vom Aufstieg Bahá'u'lláhs und stellte es so dar, als habe dieser die Nomadenstämme des `Iráq zu treuen Anhängern gewonnen. Er behauptete, Bahá'u'lláh sei in der Lage, an einem einzigen Tag einhunderttausend Mann aufzustellen, die jederzeit auf Seinen Befehl die Waffen ergriffen. Er beschuldigte Ihn, in Gemeinschaft mit verschiedenen Meinungsführern in Persien eine Erhebung gegen den Herrscher zu planen.« (GGV S.162f)

Wie wir schon aus Abdu'l-Bahás Bericht wissen, hatte Shaykh Abdu'l-Husayn eine Gesellschaft von Turbanträgern um sich versammelt, um den Bábí den heiligen Krieg zu erklären und einen Angriff gegen sie zu führen; jedoch - wie der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

»Zu ihrer Verblüffung und Enttäuschung mußten sie erfahren, daß der führende Rechtsgelehrte unter ihnen, der berühmte Shaykh Murtidáy-i-Ansárí - ein Mann, der wegen seiner Toleranz, seiner Weisheit, seines unbeirrbaren Gerechtskeitssinnes, seiner Frömmigkeit und seines edlen Charakters weithin geachtet war -, nachdem er von ihren Absichten erfahren hatte, es ablehnte, den benötigten Urteilsspruch gegen die Bábí zu verkünden. Er war es, den Bahá'u'lláh später im `Lawh-i-Sultán` [dem Sendschreiben an Násiri'd-Dín Sháh] rühmte und unter "diejenigen Gelehrten" rechnete, "die in der Tat aus dem Becher der Entsagung getrunken" und "Ihn niemals belästigt haben", und von dem `Abdu'l-Bahá als "dem hochangesehenen und belesenen Doktor, dem edlen und gefeierten Gelehrten, dem Siegel der Wahrheitssucher" sprach. Indem er sich darauf berief, die Glaubenssätze dieser Gemeinschaft nicht genügend zu kennen und seitens ihrer Mitglieder von keiner Handlung zu wissen, die nicht in Übereinstimmung mit dem Qur'án sei, verließ er ohne Rücksicht auf die Vorhaltungen seiner Kollegen kurzerhand die Versammlung und kehrte nach Najaf zurück, nicht ohne zuvor Bahá'u'lláh durch einen Boten sein Bedauern über das Vorgefallene übermittelt und Ihn seines innigen Wunsches für Seinen Schutz versichert zu haben. (GGV S.163)


#182

Shaykh Murtidá fand offenbar den von Shaykh `Abdu'l-Husayn und seinen Komplicen verfolgten Kurs so abstoßend, daß er sich gedrängt fühlte, sein Bedauern und seine Gebete um Befreiung Bahá'u'lláhs von den bösen Anschlägen und der Gehässigkeit dieser Männer gleich durch zwei Boten übermitteln zu lassen: der eine war, wie schon gesagt, Zaynu'l-`Abidín Khán Fakhru'd-Dawlih, der andere war Mírzá Hasan-i-Gul-i-Guláb.

Als Bahá'u'lláh zwei Jahre später gerade im Begriff war, Baghdád zu verlassen, kam einer aus der gleichen Gruppe von Turbanträgern auf Ihn zu und sagte: "Wir wissen immer noch nicht, was wir von Ihnen halten oder wie wir Sie einordnen sollen." Bahá'u'lláh berichtete Nabíl von der Unverschämtheit dieses Mannes und fügte hinzu: "Wir haben ihm gesagt: Seit Jahren schon antwortet Shaykh Murtidá jedem, der sich über Uns erkundigt, daß dies eine Sache des eigenen Suchens, nicht der Nachahmung¹ ist und daß er selbst die Wahrheit herausfinden soll. Du bist seinem Rat nicht gefolgt, aber jetzt, zu diesem späten Zeitpunkt, wo Wir uns zur Abreise rüsten, kommst du mit deiner Frage daher. Was sollen wir machen, fragst du! Geh weg und lies deine Kommentare." Und zu Nabíl sagte Bahá'u'lláh noch: "Wir haben niemals zu einem Menschen in dieser Weise gesprochen, aber dieser Mann war eindeutig ein Heuchler."

¹ Die Nachahmung eines voll anerkannten Rechtsgelehrten ist einer der Hauptpunkte in der shiitischen Doktrin


Während der ganzen Zeit Seiner Verbannung in Baghdád war Bahá'u'lláh immer bereit, die Religionsführer zu empfangen; dies hat Er selbst bezeugt:

»Zwölf Jahre lang verweilten Wir in Baghdád. So sehr es auch Unser Wunsch war, es möge eine große Versammlung von Gottesgelehrten und rechtlich gesinnten Männern einberufen werden, um Wahrheit von Falschheit zu unterscheiden und völlig zu erweisen, geschah doch nichts... Wir wünschten mit den Gottesgelehrten von Persien zusammenzutreffen. Sobald sie aber davon hörten, machten sie Ausflüchte und sagten: "Er ist offensichtlich ein Zauberer!" Dies ist das Wort, das auch früher schon aus dem Mund derer hervorkam, die ihresgleichen waren. Diese (Gottesgelehrten) widersprachen dem, was jene sagten, und dennoch wiederholen sie selbst an diesem Tage, was vor ihnen gesagt wurde, und haben kein Verständnis. Bei Meinem Leben! Vor dem Angesicht deines Herrn sind sie nichts als Asche.«¹

¹ zit. bei Shoghi Effendi: Der Verheißene Tag ist gekommen S.133


#183

Die rühmliche Haltung des Shaykh Murtidáy-i-Ansárí rief in dem Kreis um Shaykh `Abdu'l-Husayn Bestürzung und Niedergeschlagenheit hervor. Daß diese Gruppe den Botschafterdiensten des Mullá Hasan-i-`Amú auch nichts entgegenzusetzen hatte, war ein deutliches Zeichen für die Nichtigkeit ihrer Behauptungen. Aber Unheil war weiter im Verzug, und die Rädelsführer gaben keine Ruhe. Bahá'u'lláh verhielt sich wie bisher und schenkte den Gefahren, die Ihn umlauerten, keinerlei Beachtung. So manchen Abend ging Er allein und ohne Begleitung aus, hinunter zum Ufer des Tigris und zu den Kaffeehäusern, die Er in all den Jahren in Baghdád regelmäßig besucht hatte. Nabíl merkt an, daß manchmal nur der Größte Zweig und Aqáy-i-Kalím wußten, wohin Er gegangen war. Völlig ruhig und ohne Furcht ging Er gerade dorthin, wo Feinde lauerten, um Ihm etwas zuzufügen. Wenn Er mit ihnen zusammentraf, unterhielt Er sich mit ihnen und machte sogar Scherze, wobei Er zu erkennen gab, daß Er um ihre Absicht wußte. So behauptete Bahá'u'lláh in vollkommener Ruhe und Sicherheit das Feld, während sich Mírzá Yahyá in der Verkleidung eines Schuh- und Pantoffelverkäufers in Basrah aufhielt. Auch Ridá Turk, der Mann, der in das Bad eingedrungen war, um Bahá'u'lláh zu ermorden, dann aber entsetzt die Flucht ergriffen hatte, erzählte später, daß er eines Tages an einem günstigen Punkt auf Lauer stand, die Pistole in der Hand. In einiger Entfernung tauchte Bahá'u'lláh auf in Begleitung von Aqáy-i-Kalím. Wie Ridá Turk selbst bekennt, wurde er beim Anblick Bahá'u'lláhs von solcher Verwirrung ergriffen, daß er die Pistole fallenließ und sich nicht mehr rühren konnte. Als Bahá'u'lláh auf gleiche Höhe herangekommen war, sagte Er zu Aqáy-i-Kalím: "Heb die Pistole auf und gib sie ihm, und dann zeig ihm den Weg nach Hause. Er scheint sich nicht mehr zurechtzufinden."


#184

Nabíl berichtet, daß die Gefährten Nacht für Nacht auf dem Sprunge waren und Bahá'u'lláhs Haus bewachten, um den Feind abzuwehren, sollte er einen Angriff wagen. Aus Tihrán war ein gewisser Siyyid Husayn-i-Rawdih-Khán - ein berufsmäßiger Erzähler der Verfolgungen, unter denen das Haus des Propheten hatte leiden müssen - als Pilger in den `Iráq gekommen. Dieser Mann war Bahá'u'lláh sehr ergeben und begab sich eines späten Abends in Verkleidung zu Dessen Haus. Er wußte zu berichten, daß auf Anstiften der Gegner über hundert Kurden in der nächsten Nacht, als Trauernde¹ verkleidet, zu Seinem Haus kommen und es angreifen würden. Arabische Bábí, die von dem Anschlag hörten, versammelten sich in voller Stärke, bereit zur Verteidigung. Bahá'u'lláh versicherte ihnen, es bestehe nicht der geringste Anlaß, etwas zu unternehmen. Als in der nächsten Nacht, etwa vier Stunden nach Sonnenuntergang, die Trauernden auf der Straße erschienen und sich auf die Brust schlugen, befahl Bahá'u'lláh Seinen Begleitern, die Tür aufzumachen und sie hereinzubitten. »Sie sind heute unsere Gäste,« sagte Er und ließ ihnen geeistes Rosenwasser und dann Tee reichen. Sie waren als Feinde gekommen und gingen als Freunde wieder weg, und sie gaben bereitwillig zu, daß sie Böses im Schilde geführt hatten; doch unter dem Eindruck der Hoheit und der Güte, die Bahá'u'lláh ausstrahlte, war ihr Herz verwandelt worden. Beim Abschied riefen sie: "Gott verfluche Ihre Feinde!"

¹ um den Märtyrertod des Imám Husayn


Nabíl erzählt auch, daß sogar Mírzá Husayn-i-Mutavallí aus Qum Bahá'u'lláh schriftlich ersucht hatte, Sein Haus für einige Zeit nicht zu verlassen. Bahá'u'lláh antwortete mit einem Sendschreiben, das mit zwei Zeilen aus einer Ode des Háfiz beginnt:

Zu lieblichtönenden Vögelchen werden Indiens Papageien,
weil dieser parsische Zuckerhut jetzt nach Bengalen geht.¹


¹ Man hat lange angenommen, daß dieses Sendschreiben, das den Namen Shikkar-Shikan-Shavand trägt, an Mírzá Sa`íd Khán, den Außenminister von Násiri'd-Dín Sháh, gerichtet war; Nabíls Aussage belegt jedoch, daß der wetterwendische Mutavallí von Qum die Ehre hatte, der Empfänger zu sein.


#185

In diesem Sendschreiben erklärt Bahá'u'lláh furchtlos, Er werde nie schwanken, sich nie vor Drohungen beugen, nie vor dem Aufruhr dieser Welt den Mut verlieren. »Wir leuchten wie eine Kerze ... Wir haben alle Schleier verbrannt, Wir haben das Feuer der Liebe entzündet ... Wir werden nicht fortlaufen, Wir unternehmen nichts, um den Fremdling abzuwehren, Wir beten um Prüfungen ... Was kümmert es eine himmlische Seele, wenn das leibliche Gefäß zerstört wird, ist doch dieser Körper nur ein Gefängnis für sie ... Bis die vorbestimmte Stunde kommt, hat niemand Macht über Uns; und wenn die vorbestimmte Stunde kommt, wird sie Unser ganzes Sein in sehnlicher Erwartung finden ...« Als die Rechtsgelehrten von Karbilá und Najaf diese Botschaft lasen, schreibt Nabíl, waren sie aufs höchste verwundert.

Später erinnerte sich Aqáy-i-Kalím im Gespräch mit Nabíl an diese Zeit und an seine feste Gewißheit, daß sie bald alle verhaftet und in Handschellen den persischen Behörden übergeben würden, denn die Motive des gemeinen Volks von Baghdád und ihrer Honoratioren waren ihm nur zu gut bekannt. Er hatte aber mit Bahá'u'lláh nicht über solche Dinge sprechen wollen, um Ihm keine Sorgen zu bereiten. "Eines Nachts", so berichtete er, "floh mich der Schlaf. Ich ging ständig auf dem Hof auf und ab und überlegte, was aus unseren Frauen und Kindern würde, wenn wir verhaftet werden sollten. Da klopfte es; ich ging zur Tür und erfuhr, daß eine bestimmte Anzahl von Männern dazu eingeteilt worden sei, draußen auf der Straße Wache zu halten... Als ich das hörte, wußte ich, daß alles in Ordnung war ..., und legte mich schlafen."

Danach beschloß Bahá'u'lláh, daß die Gefährten die osmanische Staatsbürgerschaft beantragen sollten, um in den Schutz der osmanischen Behörden zu gelangen. Als Námiq Páshá, der Gouverneur von Baghdád, davon erfuhr, war er hoch erfreut. Nabíl erzählt, daß Aqá Muhammad-Ridáy-i-Kurd, der in Gesetzesangelegenheiten bewandert war, jeden Tag eine Anzahl der Gefährten, immer zwei und zwei, zum Haus des Gouverneurs brachte und für sie türkische Pässe erhielt. Auch Nabíl selbst war einer der Empfänger, zusammen mit Aqá Muhammad-Ismá`íl-i-Káshání. Diese Besuche zogen sich fast drei Wochen lang hin, bis alle Perser die türkische Staatsangehörigkeit hatten. Die Bestürzung von Shaykh `Abdu'l-Husayn und Mírzá Buzurg Khán war groß, als sie erfuhren, daß die Gefährten jetzt osmanische Staatsbürger waren.


#186

Nabíl schreibt, daß Bahá'u'lláh damals oft die Mazra`iy-i-Vashshásh, ein Hofgut in der Umgebung von Baghdád, aufsuchte. An den meisten Abenden wartete Nabíl selbst auf Ihn, wenn Er bei Sonnenuntergang zurückkehrte, bis Er nahe an die Haustür herangekommen war. Wie Nabíl berichtet, besuchte Bahá'u'lláh gelegentlich auch das Haus von Nabúkí, das in der gleichen Straße lag wie Sein eigenes Haus, aber auf der anderen Seite. In diesem Haus wohnten einige der Gefährten, darunter Nabíl. Auch Aqá Muhammad-Zamán, ein Kaufmann aus Shíráz, und der Zimmermann Ustád `Alí-Akbar-i-Najjár wohnten dort. Shátir-Ridá (s. Anhang V S.552) und dessen Bruder hatten ebenfalls ein Haus in dieser Straße und betrieben dort eine Mühle und eine Bäckerei. Bahá'u'lláh war der Eigentümer dieser Bäckerei, die alle Gefährten unentgeltlich mit dem täglichen Brot belieferte. Aqá Muhammad-Sádiq, der Vater der beiden Bäcker, kam, bereits neunzig Jahre alt, aus Ardakán bei Yazd nach Baghdád. Er konnte über das Verhalten der Geistlichen und über seine eigene Bekehrung zum Glauben des Báb viele Geschichten erzählen, die, wie Nabíl sagt, Bahá'u'lláh zum Lächeln brachten. Der alte Mann war darüber sehr glücklich. Er erhob die Hände zum Dank für das Vorrecht, Bahá'u'lláh zum Lächeln gebracht zu haben, und zitierte die Worte des Propheten: "Wer immer einen Gläubigen zum Lachen bringt, der macht Mich glücklich, und wer immer Mich glücklich macht, mit dem ist Gott zufrieden."

Nabíl erzählt, daß einer dieser persischen Geistlichen, ein wohlgenährter, untersetzter Mann, eines Tages in die Gegenwart Bahá'u'lláhs kam und verkündete, sein Titel sei "Khátamu'l-Mujtahidín" (das Siegel der Mujtahids), worauf Bahá'u'lláh erwiderte: "Inshá'alláh" - wenn es Gottes Wille ist.

Dieses "Siegel der Mujtahids" war ein humorvoller Mann, der Bahá'u'lláh mit seinen Geschichten belustigte. Bahá'u'lláh war sehr gütig zu ihm. Alle empfingen wirklich ihren reichen Anteil an Seiner Großmut - Freunde, Besucher, Nachbarn und Passanten gleichermaßen. Nabíl erzählt, daß in dem Stadtteil, wo Bahá'u'lláh wohnte, alle Leute in der weiteren Umgebung Geschenke von Ihm überbracht bekamen, vor allem die Armen, Behinderten und Waisen. Wenn Er selbst ausging und einem Bedürftigen begegnete, überhäufte Er ihn mit den Zeichen Seiner Güte. In einem verfallenen Haus wohnte eine achtzigjährige alte Frau. Jeden Tag stand sie um die Stunde, wenn Bahá'u'lláh zum Kaffeehaus an der Brücke ging, am Straßenrand und erwartete Ihn. Bahá'u'lláh blieb dann stehen, fragte nach ihrem Ergehen und gab ihr etwas Geld. Sie küßte Ihm die Hände, wollte Ihm manchmal auch das Gesicht küssen, konnte Ihn aber wegen ihrer geringen Körpergröße nicht erreichen, bis Er das Gesicht zu ihr niederbeugte. »Sie weiß, daß Ich sie liebe,« pflegte Er zu sagen, »und deshalb liebt sie Mich auch.« Als Er Baghdád verließ, sorgte Er dafür, daß ihr bis zu ihrem Lebensende täglich eine kleine Geldsumme gegeben wurde. Nabíl berichtet auch, daß in jedem Kaffeehaus, das Bahá'u'lláh besuchte, sich bald die vornehme Gesellschaft der Stadt derart drängte, daß der Inhaber ein reicher Mann wurde. Ein Kaffeehaus, das Er häufig besuchte, gehörte einem Mann von imponierendem Aussehen mit weißem Bart, der Siyyid Habíb hieß und Vorsteher des Stadtviertels war. Bahá'u'lláh schickte jeden Tag nach ihm und gab ihm Tee. Siyyid Habíb hatte, wenn er an einem Tag einmal nicht in die Gegenwart Bahá'u'lláhs gekommen war, jedesmal das Gefühl der Entbehrung, und er meinte, daß dies ein verlorener Tag war. Nach Bahá'u'lláhs Abreise aus Baghdád sah man ihn nie wieder in seinem Kaffeehaus, er gab auch das Teetrinken auf. Das gleiche traf auf Hamd zu, einen anderen Kaffeehausbesitzer: Auch er gab seinen Beruf auf.


#187

Ende 1861 traf Mírzá Malkam Khán (ein späterer Fürst, der den Titel Názimu'd-Dawlih erhielt) in großer Sorge um seine Sicherheit in Baghdád ein. Seine Tätigkeit in Tihrán und ganz besonders die Tatsache, daß er dort eine Freimaurerloge mit Namen Farámúsh-Khánih (Haus des Vergessens) gegründet hatte, waren Nási-ri'd-Dín Sháh ein Dorn im Auge, und er wurde des Landes verwiesen. Mírzá Buzurg Khán gab jedoch aus, er habe von seinen Vorgesetzten den Befehl erhalten, Malkam Khán festnehmen und in den Irán zurückbringen zu lassen. Voller Angst kam Malkam Khán zu Bahá'u'lláh. Nabíl sagt, Bahá'u'lláh habe es für klüger gehalten, daß Malkam Khán anderswo Unterkunft fände. Er schickte ihn in die Seraye und übergab ihn der Obhut des Válí, der ihn sicher nach Istanbul bringen ließ.

Noch einer suchte damals die Gegenwart Bahá'u'lláhs: Mírzá Muhammad-Husayn-i-Kirmání, auch als Mírzá Muhít bekannt - der Mann, der einst nach dem Tode Siyyid Kázims das Oberhaupt der Shaykhí-Bewegung hatte sein wollen. Ihn hatte der Báb an der Ka`bah in Mekka mit einer Erklärung Seiner Sendung herausgefordert und völlig aus der Fassung gebracht; seine Fragen hatte der Báb mit der Offenbarung der Sahífiy-i-Baynu'l-Haramayn beantwortet. Trotzdem hatte sich Mírzá Muhít damals vom Báb abgewandt und sein Leben in Karbilá weitergeführt, bis er jetzt, rund zwei Jahrzehnte später, um ein geheimes Zusammentreffen mit Bahá'u'lláh nachsuchte. Nabíl schreibt hierüber:


#188

»Gegen Ende seiner Tage und noch immer im `Iráq wohnhaft, ließ er, Ergebenheit für Bahá'u'lláh vortäuschend, durch einen der Prinzen, die in Baghdád wohnten, seinen Wunsch übermitteln, mit Ihm zusammenzutreffen. Er ersuchte darum, daß diese Unterredung als streng vertraulich zu behandeln sei. "Sagt ihm," war Bahá'u'lláhs Antwort, "daß Ich in den Tagen Meiner Zurückgezogenheit in den Bergen von Sulaymáníyyih in einer bestimmten Ode die notwendigen Voraussetzungen dargelegt habe, die jeder Wanderer erfüllen muß, der den Pfad des Suchens nach der Wahrheit betritt. Teilt ihm aus dieser Ode den folgenden Vers mit: `Wenn es dein Ziel ist, dein Leben zu bewahren, dann nähere dich nicht unserem Hofe; sollte jedoch das Opfer dein Herzenswunsch sein, so komm und laß andere mit dir kommen. Denn dies ist der Weg des Glaubens, wenn dich in deinem Herzen nach der Vereinigung mit Bahá verlangt. Weigerst du dich, diesen Pfad zu gehen, was belästigst du uns? Hinweg mit dir!' Wenn er bereit ist, wird er offen und rückhaltlos alles daran setzen, Mir zu begegnen; wenn nicht, dann will Ich ihn nicht sehen." Bahá'u'lláhs unzweideutige Antwort verwirrte Mírzá Muhít. Unfähig, sich zu widersetzen, und nicht gewillt zu folgen, reiste er noch am selben Tag, da er diese Botschaft erhielt, nach seinem Wohnsitz in Karbilá ab. Sofort nach seiner Ankunft erkrankte er und starb drei Tage später.« (Nabíl I S.170f)

Endlich war es so weit, daß Mírzá Buzurg Khán unverrichteter Dinge in den Irán zurückbeordert wurde, von wo aus er seine grimmigen Rachepläne gegen Bahá'u'lláh weiterverfolgte. Zur gleichen Zeit erhielt der `Iráq einen neuen Gouverneur: An die Stelle des Mustafá Núrí Páshá trat Námiq Páshá (s. Anhang V S.551). Dieser Wechsel erfolgte im Jahr 1862. Námiq, der den `Iráq schon einmal regiert hatte, war wie sein Vorgänger ein gerechter, uneigennütziger Mann.

Der Hüter des Bahá'í-Glaubens schreibt über diese letzten Jahre in Baghdád:


#189

»Exilperser von höchstem Rang ließen bei dem ständig wachsenden Ansehen Bahá'u'lláhs alle Gebote der Mäßigung und der Klugheit außer acht; sie vergaßen ihren Stolz, saßen Ihm zu Füßen und nahmen begierig etwas von Seinem Geist und Seiner Weisheit auf, jeder nach dem Maße seiner Fähigkeit. Die ehrgeizigeren unter ihnen, so zum Beispiel `Abbás Mírzá, ein Sohn des Muhammad Sháh, der Vazír-Nizám¹ und Mírzá Malkam Khán, aber auch einige Funktionäre auswärtiger Regierungen versuchten in ihrer Kurzsichtigkeit, Seine Unterstützung und Mithilfe für die Verfolgung ihrer Pläne zu gewinnen - Pläne, die Er ohne Zögern und aufs schärfste verurteilte. Der Vertreter der britischen Regierung, Colonel Sir Arnold Burrows Kemball, damals Generalkonsul in Baghdád, war sich ebenfalls des Ranges bewußt, den Bahá'u'lláh nun einnahm. Er trat mit Ihm in freundschaftlichen Briefverkehr und bot Ihm sogar, wie Bahá'u'lláh selbst bezeugt, den Schutz der britischen Staatsbürgerschaft an; auch suchte er Ihn persönlich auf und erbot sich, Königin Viktoria jede Mitteilung zu hinterbringen, die Er ihr zu übersenden wünschte. Ja, er brachte sogar seine Bereitschaft zum Ausdruck, Seine Übersiedelung nach Indien oder an irgendeinen anderen Ihm zusagenden Ort in die Wege zu leiten. Bahá'u'lláh lehnte dieses Anerbieten ab und entschied sich, weiterhin im Herrschaftsbereich des türkischen Sultáns zu verbleiben. Im letzten Jahr Seines Aufenthalts in Baghdád schließlich stattete der Gouverneur Námiq-Páshá, beeindruckt von den vielen Zeichen der Hochschätzung und Verehrung für Bahá'u'lláh Diesem einen Besuch ab, um Einem, der schon so blendende Siege über die Herzen und Seelen aller, die Ihm begegnet waren, errungen hatte, seinen persönlichen Tribut zu zollen ...« (GGV S.149)

¹ Hier handelte es sich um Mírzá Fadlu'lláh-i-Núrí, den älteren Bruder des Ministerpräsidenten Mírzá Aqá Khán-i-Núrí. Als dieser 1858 entmachtet wurde, verlor auch Mírzá Fadlu'lláh seine Ämter. Damals kam er nach Baghdád und begegnete Bahá'u'lláh. Er starb in Tihrán A.H. 1279 (A.D. 1862-63)

»Als `Abdu'l-Bahá und Aqáy-i-Kalím einmal von Bahá'u'lláh beauftragt wurden, Námiq-Páshá zu besuchen, empfing sie dieser mit solch ausgesuchtem Zeremoniell, daß der Vizegouverneur erklärte, seines Wissens sei noch niemals einem der Honoratioren der Stadt von irgendeinem Gouverneur ein so warmer, herzlicher Empfang bereitet worden. In der Tat hatten die günstigen Berichte mehrerer aufeinanderfolgender Gouverneure von Baghdád über Bahá'u'lláh in Istanbul (nach dem persönlichen Zeugnis des Vizegouverneurs gegenüber Bahá'u'lláh selbst) den Sultán `Abdu'l-Majíd so stark beeindruckt, daß er es beharrlich ablehnte, die Bitten der persischen Regierung um Seine Auslieferung an ihren Vertreter oder um Seine Verbannung von türkischem Boden auch nur in Erwägung zu ziehen.« (GGV S.149f)

»Niemals zuvor seit dem Entstehen des Glaubens, nicht einmal in den Tagen, als dem Báb in Isfahán, in Tabríz und in Chihríq die Ovationen eines begeisterten Volkes entgegenschlugen, war einer seiner Vertreter zu so hohem Ansehen in der Öffentlichkeit aufgestiegen oder hatte auf einen so unterschiedlichen Kreis von Bewunderern einen so weitreichenden, so machtvollen Einfluß ausgeübt.« (GGV S.150)


#190

Nun begann die Regierung Násiri'd-Dín Sháhs alle Hebel in Bewegung zu setzen, um Bahá'u'lláhs Entfernung aus der Nachbarschaft ihrer Grenzen zu erreichen. Mírzá Husayn Khán Mushíru'd-Dawlih, der Botschafter des Sháhs in Istanbul, setzte zusammen mit anderen auswärtigen Botschaftern, besonders dem französischen, jedes Mittel ein, um Bahá'u'lláhs Verbannung zu erwirken. Endlich gaben der Großwesir der Türkei, `Alí Páshá, und der Außenminister Fu'ád Páshá (über beide Männer vgl. Anhang V S.538f S.541), die bei der Kontrolle des Osmanischen Reiches eng zusammenarbeiteten und für ihre radikalreformerischen Ansätze bekannt waren, dem ständig wachsenden Druck des Mushíru'd-Dawlih nach und erteilten Námiq Páshá Weisung, Bahá'u'lláh zu einem Besuch Istanbuls einzuladen.

Námiq Páshá war sich über die hier mitspielenden Intrigen und Verschwörungen, Agitationen und Machenschaften, Heimlichkeiten, Lügen, Befürchtungen und fanatischen Hetzkampagnen völlig im klaren; er wußte nicht, wie er Bahá'u'lláh die Einladung übermitteln sollte.

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

»Der Gouverneur empfand so große Verehrung für Ihn, den er für eine der Leuchten des Zeitalters hielt, daß er es erst nach Ablauf von drei Monaten und nach fünf Aufforderungen von `Alí Páshá über sich brachte, Bahá'u'lláh den Wunsch der türkischen Regierung mitzuteilen, Er solle in die Hauptstadt kommen.« (GGV S.149)


#191

Bahá'u'lláh feierte das Naw-Rúz-Fest (1863) in der Mazra`iy-i-Vashshásh. Es war ein frohes Fest, bis aus Seiner Feder - der Erhabensten Feder - das Sendschreiben vom Heiligen Seefahrer floß, "dessen düstere Voraussagen" nach den Worten Shoghi Effendis "die trübsten Vorahnungen Seiner Gefährten weckten." Am fünften Tag nach NawRúz erhielt Bahá'u'lláh vom Válí eine Botschaft in ausgesucht höflichen Worten, in der Ihn dieser zu einem Besuch der Seraye einlud. Bahá'u'lláh erwiderte, daß Er die Seraye noch nie betreten habe; aber wenn der Válí es wünsche, werde Er ihn gerne in der Moschee gegenüber dem Regierungsgebäude treffen. Námiq Páshá war damit einverstanden, doch nun öffneten sich - so wird es von Aqá Ridá beschrieben - die Schleusentore des Getuschels, der (falschen und wahren) Gerüchte und der Anschuldigungen. Einige Feinde streuten aus, Bahá'u'lláh werde nicht zu Seinem Wort stehen und nicht in die Moschee gehen; andere gaben aus, die Bábí würden alle zusammen an die Grenze gebracht und dort den persischen Behörden übergeben; wieder andere hielten dafür, jetzt würden sie alle im Tigris ertränkt.

Eines Tages verließ Bahá'u'lláh verabredungsgemäß am Spätnachmittag Sein Haus in Begleitung von Aqá Muhammad-Ridá, einem jungen Kurden mit guten Türkischkenntnissen, um den Válí in der Moschee aufzusuchen. Er erlaubte es sonst niemandem, Ihn zu begleiten. Die Nachricht wurde Námiq Páshá hinterbracht, der sehr erfreut war, jedoch in letzter Minute sich eines anderen besann und seinen Stellvertreter mit allen Nachrichten, die er aus Istanbul erhalten hatte, zu Bahá'u'lláh schickte.

Was Bahá'u'lláh vorgelegt wurde, war ganz eindeutig eine Einladung und kein Befehl, nach Istanbul zu kommen, und Er nahm die Einladung in dem Geist und in der Form an, in der sie Ihm überbracht wurde.

Als Er nach Hause kam, ließ er alle wissen, Er werde allein gehen. Nicht nur Seine Familie, sondern alle Bábí in Baghdád nahmen Seine Absicht mit großer Bestürzung auf. Aber die Behörden äußerten die Hoffnung, daß Seine Familienangehörigen, Seine Brüder und eine Anzahl von Begleitpersonen mit Ihm gehen würden.

In jeder Weise trat nun das genaue Gegenteil von dem ein, was die Widersacher sich erhofft hatten. Die Beamten erwiesen Bahá'u'lláh eine wirklich beispielhafte Ehrerbietung. Man bot Ihm einen Geldbetrag zur Finanzierung der Reise; aber noch am gleichen Tag gab Er die ganze Summe an die Armen weiter. Als der Größte Zweig und Aqáy-i-Kalím auf Weisung Bahá'u'lláhs in die Seraye kamen, um Námiq Páshá aufzusuchen, wurde ihnen ein wahrhaft königlicher Empfang zuteil. Der Größte Zweig schrieb damals: »Von solcher Art war das Eingreifen Gottes, daß ihre [der Widersacher] Freude sich in Kummer und Verdruß verwandelt hat, und das in solchem Maße, daß der persische Generalkonsul in Baghdád die von den Anstiftern geschmiedeten Pläne und Ränke jetzt zutiefst bedauert. Námiq Páshá selbst erklärte am Tage, als er Ihn [Bahá'u'lláh] besuchte: `Früher bestanden sie auf Ihrer Abreise. Jetzt aber ist es ihnen noch mehr darum zu tun, daß Sie hierbleiben.`« (GGV S.171) Sie planten, auch Gott plante, und Gott ist der beste Plänemacher.¹

¹ siehe Qur'án 8:30


#192

Wie Aqá Ridá schreibt, waren die Bábí von Baghdád an diesem Abend nach Bahá'u'lláhs Rückkehr von der Begegnung mit dem Vizegouverneur in der Moschee, als die Nachricht von der Abreise nach Istanbul sich wie ein Lauffeuer verbreitete, beim Gedanken an die bevorstehende Trennung von Bahá'u'lláh so niedergeschlagen, daß sie keinen Schlaf fanden. Viele faßten den Entschluß, so Aqá Ridá, lieber zu sterben als das Unglück der Trennung zu ertragen. Nach und nach konnte Bahá'u'lláh mit Seinem Rat und Seiner liebevollen Fürsorge ihre Furcht in Ruhe verwandeln, Er besänftigte den Kummer ihrer verletzten Herzen und flößte ihnen die Kraft ein, der unbekannten Zukunft voller Hoffnung und Entschlossenheit entgegenzusehen. Aqá Ridá berichtet, daß während all der Wochen bis zur Abreise in den Wohnungen der Gefährten Zusammenkünfte stattfanden, an denen Bahá'u'lláh teilnahm und bei denen Er liebreich, mitfühlend und hoheitsvoll zu ihnen sprach. Aber nicht nur die Bábí fühlten sich traurig, furchtsam und alleingelassen, sondern nach Aussage Aqá Ridás spürte die gesamte Einwohnerschaft von Baghdád Trennungsschmerz.

Endlich wurden die Reisevorbereitungen getroffen. Ustád Báqir und Ustád Ahmad, zwei Brüder und Zimmerleute aus Kashán, machten sich daran, kajávihs (Howdahs) zu bauen; zwei andere Brüder, die Schneider Ustád Báqir und Ustád Muhammad-Ismá`íl, ebenfalls aus Kashán, fertigten geeignete Reisekleidung an.

Nabíl-i-A`zam nennt in seiner Chronik eine Liste von zwanzig Männern, die Bahá'u'lláh außer Seinen Familienangehörigen und Seinen Brüdern als Reisegefährten ausersehen hatte. Es waren dies:

- Ustád Báqir und Ustád Muhammad-Ismá`íl-i-Khayyat aus Káshán, die beiden Schneider
- Ustád Muhammad-`Alíy-i-Salmání, der Bademeister und Barbier
- Mírzá Aqá Ján, der persönliche Gehilfe und Sekretär Bahá'u'lláhs, der später den Namen Khádimu'lláh - Diener Gottes - erhielt

- Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Amír-i-Nayrízí
- Aqá Ridáy-i-Qannád-i-Shírází, der Zuckerbäcker aus Shíráz
- Mírzá Mahmúd-i-Káshání
- Darvísh Sidq-`Alíy-i-Qazvíní
- Aqá Najaf-`Alíy-i-Zanjání
- Aqá Muhammad-Báqir, Qahvih-chíy-i-Mahallátí, der Kaffeehändler aus Mahallát
- Aqá Muhammad-Sádiq-i-Isfahání
- Aqá Muhammad-`Alí Jilawdár-i-Yazdí, der Pferdeknecht aus Yazd, der auch als Sabbágh-i-Yazdí, der Färber aus Yazd, bekannt war

- Aqá Muhammad-`Alíy-i-Isfahání
- Aqá Mírzá Ja`far-i-Yazdí
- Aqá Siyyid Husayn-i-Káshání
- Khayyát-i-Káshání, der Schneider aus Káshán
- Aqá Muhammad-Báqir-i-Káshání
- Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Názir-i-Káshání
- Hájí Ibráhím-i-Káshání
- Mírzá Aqá Munír-i-Káshání, mit dem Titel Ismu'lláhu'l-Muníb - Name Gottes, Schutzherr -


#193

Die folgenden Namen stehen nicht in Nabíls Liste der Reisegefährten Bahá'u'lláhs, doch haben sie die Reise tatsächlich mitgemacht; die zweitgenannte Person hat sich der Karawane wahrscheinlich auf der zweiten Etappe der Reise angeschlossen:

- Aqá Abdu'l-Ghaffár-i-Isfahání
- Aqá Husayn-i-Ashchí
- Aqá Muhammad-Hasan

Zwei weitere Personen, Siyyid Muhammad-i-Isfahání und Hájí Mírzá Ahmad-i-Káshání, wurden aus unterschiedlichen Gründen ebenfalls in Bahá'u'lláhs Reisegesellschaft aufgenommen, obwohl sie als wankelmütig bekannt waren. Hájí Mírzá Ahmad war nicht nur unbeständig in seinem Glauben, sondern auch sehr hitzig und leicht erregbar. Einmal hatte er im Basar von Baghdád, wo er ein Geschäft betrieb, eine Dame hohen Standes beschimpft, die ihn in herrischem Ton angesprochen hatte. Nabíl-i-`Azam gibt an, es habe sich um eine Dame aus der Königsfamilie gehandelt, die Mutter von `Aynu'l-Mulk (dem späteren I`tidádi'd-Dawlih).¹ Der Vorfall führte dazu, daß Mírzá Buzurg Khán, der persische Gesandte, Hájí Mírzá Ahmad festnehmen ließ, doch wurde er von Bahá'u'lláh aus der Haft befreit. Nach Angabe Nabíls war dieser Vorfall auch die Ursache für Mírzá Buzurg Kháns Entlassung, denn der wehleidige Brief, den er an seine Vorgesetzten in Tihrán schrieb, war ein deutliches Indiz für seine Unfähigkeit. Bahá'u'lláh entschied sich nun dafür, Hájí Mírzá Ahmad in Seine Reisegesellschaft nach Istanbul aufzunehmen, damit sich ähnliche Vorfälle in Seiner Abwesenheit nicht wiederholten. Doch dieser Kaufmann aus Káshán war nicht aus gleichem Holz geschnitzt wie sein vortrefflicher Bruder, der Märtyrer Hájí Mírzá Jání, oder wie sein anderer Bruder Hájí Muhammad-Ismá'íl-i-Dhabíh, von dem wir noch hören werden. Obwohl er später in Adrianopel mit einem Tablet aus der Feder Bahá'u'lláhs geehrt wurde - dem persischen Sendschreiben an Ahmad (Lawh-i-Ahmad-i-Fársí), einem Tablet von erhebender Macht und unübertroffener Beredsamkeit -, blieb er weiterhin unberechenbar, tat sich mit Mírzá Yahyá zusammen und kehrte schließlich nach Baghdád zurück, wo er einen unnatürlichen Tod fand.

¹ Es handelte sich um Shir Khán, den Sohn des Sulaymán Khán-i-Qájár (eines Onkels mütterlicherseits von Násiri'd-Dín Sháh) und dritten Ehemann der Izzatu'd-Dawlih, der Schwester des Sháhs. Shir Khán wurde der Ilkhání der Kadscharen und hatte die Hofküche unter sich.


#194

Siyyid Muhammad-i-Isfahání andererseits mußte nach seinen unsinnigen Machenschaften in Karbílá stets unter Aufsicht bleiben, und schon das allein hatte dem Ruf der Religion des Báb genug geschadet; trotzdem wollte Bahá'u'lláh ihn in Baghdád zurücklassen. (Nach Angaben von Aqá Ridá wandte er sich an `Abdu'l-Bahá um die Erlaubnis, sich der Karawane anschließen zu dürfen.) Er wurde in Bahá'u'lláhs Begleitung aufgenommen und sollte später als der Antichrist der Bahá'í-Offenbarung berüchtigt werden. Mírzá Yahyá hatte ihm wie auch Mullá Muhammad-Ja`far-i-Naráqí, einem Mann gleichen Schlages, den Titel "Zeugen des Bayán" verliehen; doch glaubten sie sich beide Mírzá Yahyá an Talenten, Wissen und Intelligenz überlegen. Nabíl-i-A`zam, der sie gut kannte, merkt an, daß jeder der beiden der "König des Bayán" werden wollte und daß sie sich in der Phantasie damit beschäftigten, die Adelspaläste Tihráns unter sich aufzuteilen. Tatsächlich deutete Mullá Muhammad-Ja`far manchmal mit dem Finger auf sich selbst, wenn er vom Kommen Dessen sprach, "den Gott offenbaren werde".

In dieser Stunde der Krise, als Bahá'u'lláh ruhig und vertrauensvoll den Aufbruch zur langen Reise nach Istanbul vorbereitete, verließ Mírzá Yahyá Baghdád fluchtartig und in Panik, ohne seinem "Zeugen" seinen Verbleib mitzuteilen (Gewährsmann hierfür ist Siyyid Mihdíy-i-Dahijí). Als Mullá Muhammad-Ja`far aus dem Irán eintraf, mußte er im ganzen `Iráq nach Mírzá Yahyá suchen.

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:


#195

»Sieben Jahre ununterbrochener, geduldiger und überaus erfolgreicher Festigungsarbeit gingen nun zu Ende. Eine hirtenlose Gemeinde, die einer langen, schrecklichen Anfechtung von innen und außen ausgesetzt und von der gänzlichen Vernichtung bedroht war, war wiederbelebt und zu einem Aufstieg geführt worden, der in ihrer zwanzigjährigen Geschichte nicht seinesgleichen hatte. Ihre Grundmauern waren jetzt neu befestigt, ihr Geist erhoben, ihr Ausblick verwandelt, ihre Führerschaft gesichert, ihre Lehraussagen neu formuliert, ihr Ansehen erhöht, ihre Feinde abgeschlagen, und die Hand der Vorsehung traf nach und nach Vorkehrungen, um sie in einen neuen Abschnitt ihres wechselvollen Schicksalsweges zu führen, von Wohl und Wehe auf eine weitere Stufe ihrer Entwicklung getragen. Der Erlöser, die einzige Hoffnung und der faktisch anerkannte Führer dieser Gemeinde, der die Anstifter so vieler Pläne, Ihn zu ermorden, durchweg eingeschüchtert hatte; der alle furchtsamen Ratschläge, Er solle vom Ort der Gefahr fliehen, verächtlich von sich gewiesen hatte; der die wiederholten großzügigen Angebote von Freunden und Wohlgesinnten, Seine persönliche Sicherheit zu verbürgen, mit Bestimmtheit abgelehnt hatte; der über Seine Widersacher einen so weithin sichtbaren Sieg errungen hatte - Er wurde in dieser günstigen Stunde durch die unwiderstehlichen Wirkkräfte Seiner sich entfaltenden Sendung dazu getrieben, Seinen Wohnsitz in ein Zentrum von noch größerer Bedeutung zu verlegen: in die Hauptstadt des Osmanischen Reiches, an den Sitz des Kalifates, das Verwaltungszentrum des sunnitischen Isláms, zum Thron des mächtigsten Herrschers der islámischen Welt.« (GGV S.165)





+24 #196

Kapitel 24

Was aus der Erhabensten Feder floß

Während Seines Aufenthaltes in Baghdád offenbarte Bahá'u'lláh drei Seiner bekanntesten Schriften: Die Verborgenen Worte (um 1858), Die Sieben Täler und den Kitáb-i-Iqán oder Das Buch der Gewißheit (1862). Die Vier Täler wurden ebenfalls in dieser Periode offenbart.

Am Ufer des Tigris wandelnd, sann Bahá'u'lláh nach über die Nähe Gottes ("Wir sind ihm [dem Menschen] näher als seine Halsader [Qur'án 50:15]) und das Fernsein des Menschen, über die Ausgießungen göttlicher Gnade und Liebe und über des Menschen eigensinnige, hartnäckige Weigerung, aus dieser endlos fließenden, nie versiegenden Quelle zu trinken. Aus Seinen Meditationen entstanden Die Verborgenen Worte (Kalimát-i-Maknúnih), die auch als Sahífiy-i-Fátimíyyih, das Buch der Fátimih, bekannt sind. In lichtvoller, ergreifender Prosa auf arabisch und persisch geschrieben, stellen sie die unwandelbaren, ewigen Wahrheiten vor, den Kern jeder offenbarten Religion. Die großartige Spannweite, die erlesene Zartheit der Bildsprache und der Beschreibungen, die überwältigende Erhabenheit ihres Gesamtentwurfes erheben die Seele und enthüllen dem inneren Auge unendliche Bildfolgen von Gottes Liebe und Barmherzigkeit, Seiner Gerechtigkeit und Seiner Macht - einer Alldurchdringenden, Allumfassenden, Allbezwingenden Macht. Die Verborgenen Worte zeigen in ihrer kristallenen Klarheit auf, was das Grundgerüst von Glaube und Religion ausmacht:


#197

(Bildlegende: Kalligraphie von Mishkín-Qalam. Gezeigt wird der Schlußteil der arabischen Verborgenen Worte, in dem drei Stile von Mishkín-Qalams Schönschrift erkennbar sind. Die oberste Zeile zeigt den Nasta`líq-Stil und enthält die Schlußworte von Nr. 70: "... was Ich Mir selbst wünschte. Sei Mir nun dankbar und zufrieden mit Meinem Wohlgefallen"; außerdem "O Sohn des Menschen!", den Beginn des letzten Verborgenen Wortes, im Naskh-Stil. Die mittlere Zeile ist im Shikastih-Stil geschrieben und enthält das ganze letzte Verborgene Wort (Nr.71). Die letzte Zeile, wieder im Naskh-Stil, zeigt die berühmte Signatur des Kalligraphen: "Der Diener am Tor der Herrlichkeit, Mishkín-Qalam", sowie das Datum '99 (A.H. 1299, A.D. 1881-82)


»Dies ist aus dem Reiche der Herrlichkeit herabgekommen, geäußert mit der Zunge der Kraft und Macht und einstens den Propheten offenbart. Als Zeichen der Gnade für die Gerechten haben Wir daraus den Wesenskern entnommen und in das Gewand der Kürze gekleidet, damit sie dem Bunde Gottes die Treue halten, Gottes Pfand durch ihr Leben einlösen und im Reiche des Geistes den Edelstein der göttlichen Tugend erlangen.« (VW Intro)

»O Sohn des Menschen! Verhüllt in Meinem unvordenklichen Sein und in der Urewigkeit Meines Wesens, wußte Ich um Meine Liebe zu dir. Darum erschuf Ich dich, prägte dir Mein Ebenbild ein und offenbarte dir Meine Schönheit.« (ar.3)

»O Sohn des Menschen! Wenn du Mich liebst, wende dich ab von dir, und wenn du Mein Wohlgefallen suchst, achte nicht auf deines, damit du in Mir vergehest und Ich ewig lebe in dir.« (ar.7)

»O Sohn des Seins! Mit den Händen der Macht erschuf Ich dich, mit den Fingern der Kraft formte Ich dich, und Ich barg in dich das Wesen Meines Lichtes. Sei damit zufrieden und suche nichts anderes, denn Mein Werk ist vollkommen und Mein Gebot bindend. Sei dessen gewiß und zweifle nicht.« (ar.12)

»O Sohn des Menschen! Du bist Mein Besitz, und Mein Besitz vergeht nicht. Warum fürchtest du deine Vergänglichkeit? Du bist Mein Licht, und Mein Licht verlöscht nie. Warum fürchtest du dein Verlöschen? Du bist Meine Herrlichkeit, und Meine Herrlichkeit schwindet nicht. Du bist Mein Gewand, und Mein Gewand veraltet nicht. So bleibe in deiner Liebe zu Mir, damit du Mich im Reiche der Herrlichkeit findest.« (ar.14)

»O Sohn des Geistes! Edel erschuf Ich dich, doch du erniedrigst dich. So erhebe dich zu dem, wozu du erschaffen bist.« (ar.22)


#198

»O Gefährte Meines Thrones! Höre nichts Schlechtes und sieh nichts Schlechtes, erniedrige dich nicht, seufze und weine nicht! Sprich nichts Schlechtes, auf daß du nichts Schlechtes hörest, und vergrößere die Fehler anderer nicht, damit deine eigenen Fehler nicht groß erscheinen. Wünsche keines Menschen Erniedrigung, damit deine eigene Niedrigkeit nicht offenkundig werde. Alsdann verbringe deine Lebenstage, die weniger sind als ein flüchtiger Augenblick, mit makellosem Gemüt, unbeflecktem Herzen, reinen Gedanken und geheiligtem Wesen, damit du die irdische Hülle frei und zufrieden ablegen, zum mystischen Paradiese Zuflucht nehmen und im ewigen Königreiche wohnen kannst für immerdar.« (pers.44)

»O Sohn der Gerechtigkeit! Wohin kann ein Liebender gehen außer ins Land seines Geliebten? Und welcher Sucher fände Ruhe fern der Sehnsucht seines Herzens? Für den aufrichtig Liebenden ist Vereinigung Leben und Trennung Tod. Seine Brust kennt keine Geduld, sein Herz keinen Frieden. Tausend Leben gäbe er hin, um zur Wohnstatt seines Geliebten zu eilen.« (pers.4)

»O Kinder der Leidenschaft! Legt ab der Hoffart Gewand und befreit euch aus dem Kleide des Hochmuts.« (pers.47)

»O Brüder! Habt Nachsicht miteinander und hängt euer Herz nicht an die Welt. Rühmt euch nicht eurer Herrlichkeit und schämt euch nicht eurer Erniedrigung. Bei Meiner Schönheit! Aus Staub habe Ich alle Dinge erschaffen, und dem Staube werde Ich sie wieder zurückgeben.« (pers.48)

»O Kinder des Staubes! Erzählt den Reichen von der Armen Seufzer um Mitternacht, daß nicht Achtlosigkeit sie auf den Pfad des Verderbens leite und sie sich nicht den Baum wahren Reichtums verscherzen. Freigebigkeit und Großmut sind Meine Zeichen. Wohl dem, der den Schmuck Meiner Tugenden anlegt!« (pers.49)

»O ihr Unterdrücker auf Erden! Hütet euch wohl vor Tyrannei, denn Ich habe gelobt, keines Menschen Unrecht zu vergeben. Dies ist Mein Bund, den Ich auf der verwahrten Tafel unwiderruflich beschlossen und mit Meinem Siegel der Heiligkeit besiegelt habe.« (pers.64)

So weit ist das Feld, das die Ratschläge der Verborgenen Worte abstecken.


#199

Die Sieben Täler wurden als Antwort auf die Fragen Shaykh Muhyi'd-Díns, des Richters (Qádí) von Khániqayn¹ niedergeschrieben. Sie sind ein Schmuckstück mystischer Prosa von unvergleichlicher Schönheit, Einfachheit und Tiefe. In diesem Büchlein schildert Bahá'u'lláh die Stufen (Täler), die der Sucher auf seinem geistigen Pfad der Erkenntnis durchwandern muß. Ziel allen Suchens ist die Erkenntnis Gottes, und diese kann nur durch Seinen Offenbarer erlangt werden. Die sieben Täler oder Stufen sind das Tal des Suchens, das Tal der Liebe, das Tal der Erkenntnis, das Tal der Einheit, das Tal des Genügens, das Tal des Staunens und das Tal der wahren Armut und des völligen Vergehens.

¹ Stadt im Iráq unweit der iranischen Grenze



»Das Tal des Suchens - ist das erste Tal, und Geduld ist das Fahrzeug, mit dem man hindurchgelangt. Ohne Geduld findet der Wanderer zu keinem Ende noch Ziel. Nie darf der Mut ihm entsinken, und müßte er hunderttausend Jahre lang sich bemühen, ohne die Schönheit des Freundes zu schauen, so dürfte er doch nicht verzagen... Auf dieser Wanderung wird der Suchende eine Stufe erreichen, auf der er alle Geschöpfe in verwirrter Suche nach dem Freunde sieht ...« (aus 7 Täler)

»Das Tal der Liebe - Schmerz ist in diesem Tal das Fahrzeug, ohne das der Wanderer niemals die Reise vollendet... Auf dem Pfad zum Geliebten würde er jeden Augenblick hundertmal willig das Leben opfern und bei jedem Schritt tausendmal das Haupt zu Füßen des Freundes legen... Liebe trägt keine Sehnsucht nach Dasein und hängt nicht am Leben. Sie sieht Leben im Tod und sucht Ruhm in der Schande ...« (aus 7 Täler)

»Das Tal der Erkenntnis - In diesem Tal sieht der Wanderer in Gottes Werk nichts als deutliche Schickung ... Er wird ... manche Erkenntnis sehen, die in der Unwissenheit schlummert, und in der Erkenntnis hunderttausendfache Weisheit erblicken ...« (aus 7 Täler)


#200

»Das Tal der Einheit - Wenn der Wanderer das Tal der Erkenntnis, das letzte begrenzte Land, durchmessen hat, so gelangt er zum Tal der Einheit. Er wird aus dem Kelch des Unumschränkten trinken und auf die Offenbarungen der Einheit schauen ... Er wird mit göttlichen Ohren hören und mit göttlichen Augen die Geheimnisse der ewigen Schöpfung schauen ... Alles erblickt er mit dem Auge der Einheit und erkennt, daß die schimmernden Strahlen der Göttlichen Sonne alles, was ist, vom Aufgangsort der Wirklichkeit her gleicherweise bescheinen und daß das Licht der Einzigkeit alle Geschöpfe erleuchtet ...«

»Das Tal des Genügens - In diesem Tal empfindet er den Windhauch Göttlichen Genügens, der von der Ebene des Geistes her weht. Er verbrennt die Schleier des Mangels und schaut mit dem inneren und dem äußeren Auge das Verborgene und die Erscheinung aller Dinge und das Zeugnis des Tages, an dem "Gott aus Seiner Fülle heraus jedem vergelten wird".4) Seine Trübsal schlägt um in Entzücken, sein Kummer in Freude, seine Bedrückung und Schwermut wird Frohsinn und Wonne ...« (aus 7 Täler)

»Das Tal des Staunens - Bald scheint ihm der Tempel des Reichtums reine Armut und das Wesen der Freiheit völlige Ohnmacht, bald wieder vergeht er vor der Schönheit des allherrlichen Gottes oder wird seines eigenen Daseins müde ... Denn in diesem Tal wird der Wanderer in Verwirrung gestürzt ... Jeder Augenblick zeigt ihm Welten des Wunders und eine neue Schöpfung. Er wandert von Verwunderung zu Verwunderung und vergeht aus Ehrfurcht vor den Werken des Herrn der Einheit ...« (aus 7 Täler)

»Das Tal der wahren Armut und des völligen Vergehens - Dies ist die Stufe, auf der das Ich stirbt und in Gott lebt, arm in sich selbst und reich durch den Ersehnten ... Wenn du einmal diese höchste Stufe erreicht hast und zu dieser mächtigen Ebene gelangt bist, wirst du auf den Geliebten schauen und alles andere vergessen ... In dieser Stadt zerreißen und vergehen selbst die Schleier des Lichtes ... Verzückung allein kann das Gesagte begreifen, nicht Erörterung oder Wortstreit ... Obwohl diese Reisen im Zeitlichen ohne erkennbares Ende scheinen, kann der gelöste Wanderer, wenn ihm nach dem Willen Gottes unsichtbare Bestätigung zufließt ..., diese sieben Stufen mit sieben Schritten, oder mit sieben Atemzügen, ja gar in einem Atem durchmessen ...« (aus 7 Täler)


#201

Auch Die Vier Täler, ein weiteres Schmuckstück mystischer Prosa, wurden in Baghdád offenbart, und zwar in Form eines Briefes an Shaykh Abdu'r-Rahmán-i-Karkútí, einen gelehrten und einsichtsvollen Mann. Das Werk ist viel kürzer als Die Sieben Täler, weist aber die gleichen hervorragenden Eigenschaften auf.

Das Kitáb-i-Iqán oder Das Buch der Gewißheit entstand als Antwort auf Fragen des Hájí Mírzá Siyyid Muhammad, eines Onkels mütterlicherseits des Báb, der auch den Titel Khál-i-Akbar (der Größte Onkel) erhielt. Zusammen mit seinem Bruder Hájí Mírzá Hasan-Alí, dem der Titel Khál-i-Asghar (der Jüngere Onkel) beigelegt wurde, besuchte er 1862 die heiligen Schreine im Iráq. Beide hatten ihren Neffen in den sechs ereignisreichen Jahren Seiner irdischen Sendung treu und standhaft unterstützt und verteidigt, doch hatte keiner von ihnen Seinen Glauben angenommen. Bahá'u'lláh berichtet Selbst in einem Sendschreiben, Hájí Siyyid Javád-i-Karbilá'í habe Ihm die Ankunft der beiden Onkel des Báb im `Iráq mitgeteilt. Bahá'u'lláh fragte Hájí Siyyid Javád, ob er mit ihnen über den Glauben des Báb gesprochen habe. Das war nicht der Fall, und Bahá'u'lláh berichtet in dem Sendschreiben weiter, daß Er zwei so nahe Verwandte des Ersten Punktes nicht von den Segnungen ausgeschlossen sehen wollte, die der Glaube ihres ruhmreichen Neffen barg. Er beauftragte Hájí Siyyid Javád, dafür zu sorgen, daß einer von ihnen oder alle beide mit Ihm zusammentrafen. Hájí Mírzá Siyyid Muhammad hatte schon in Shíráz auf Anregung eines Verwandten, Aqá Mírzá Aqá Núri'd-Dín, den Entschluß gefaßt, nur nach außen hin zu einem Besuch der heiligen Stätten in den `Iráq zu fahren, in Wirklichkeit aber, um in die Gegenwart Bahá'u'lláhs zu gelangen. (Dieser Aqá Mírzá Aqá war als junger Mann durch seine Tante Khadíjih Bigum, die Frau des Báb, zum Bábí-Glauben bekehrt worden.) Als nun Hájí Mírzá Siyyid Muhammad von Hájí Siyyid Javád-i-Karbilá'í, den er seit Jahren gut kannte, diese Einladung Bahá'u'lláhs erhielt, nahm er sofort mit Freuden an. Bahá'u'lláh erwähnt in dem gleichen Sendschreiben, daß Hájí Mírzá Siyyid Muhammad auf die Frage, was ihn denn bisher abgehalten habe, von einigen Fragen sprach, die ihm sehr zu schaffen gemacht hätten. Bahá'u'lláh sagte ihm, er solle diese Fragen aufschreiben, damit er eine Antwort erhalte. Erst vor wenigen Jahren sind unter den von Hájí Mírzá Siyyid Muhammad hinterlassenen Papieren auch die Fragen ans Licht gekommen, die er Bahá'u'lláh gestellt hat. Diese Fragen, die uns in Hájí Mírzá Siyyid Muhammads eigener Handschrift vorliegen, betreffen die Erwartungen der Schiiten in bezug auf das Kommen des Qá'im aus dem Hause Muhammads.


#202

Hájí Mírzá Siyyid Muhammad faßte seine Fragen unter vier Überschriften zusammen:

1. Der Tag der Auferstehung. Wird es eine leibliche Auferstehung geben? Die Welt ist voller Ungerechtigkeit. Wie können die Gerechten belohnt und die Ungerechten bestraft werden?

2. Der zwölfte Imám wurde in einer ganz bestimmten Zeit geboren, lebt aber weiter. Es gibt Überlieferungen, die diesen Glauben bestätigen. Wie läßt sich dies erklären?

3. Auslegungen heiliger Texte. Dieser Glaube ist offenbar nicht in Übereinstimmung mit jahrhundertealten Überzeugungen. Die buchstabengetreue Auslegung der heiligen Texte läßt sich nicht übergehen. Welche Erklärung gibt es?

4. Nach den Überlieferungen, welche auf die Imáme zurückgehen, muß das Kommen des Qá'im mit bestimmten Ereignissen verbunden sein. Einige dieser Ereignisse werden erwähnt; doch ist keines von ihnen eingetroffen. Wie läßt sich dies erklären?

So lassen sich die Fragen zusammenfassen, die der Onkel des Báb Bahá'u'lláh stellte.

Als Antwort auf diese Fragen offenbarte Bahá'u'lláh das Kitáb-i-Iqán innerhalb von achtundvierzig Stunden. Das Originalmanuskript in der Handschrift `Abdu'l-Bahás mit Randnotizen von Bahá'u'lláh selbst wird im Internationalen Bahá'í-Archiv auf dem Berg Karmel aufbewahrt.

Fátimih Khánum Afnán, eine Urenkelin von Hájí Mírzá Siyyid Muhammad, hatte das Manuskript geerbt und schenkte es dem Hüter der Bahá'í-Religion. Es gibt noch eine Kopie, die ein Datum nur ein Jahr nach der Offenbarung des Buches trägt; sie muß für Hájí Mírzá Hasan-Alí, den jüngeren Onkel des Báb, angefertigt worden sein (dieser hatte seinen Bruder zwar nicht in die Gegenwart Bahá'u'lláhs begleitet, nahm aber bald darauf Seinen Glauben an). Diese Kopie befindet sich jetzt im Besitz eines der Ururenkel von Hájí Mírzá Hasan-Alí. Der Verfasser dieser Aufzeichnungen besitzt selbst eine schöne Abschrift mit dem Datum 1871, die von Aqá Mírzá Aqáy-i-Rikáb-Sáz, dem ersten Märtyrer von Shíráz, gefertigt wurde (siehe Farbblatt auf Seite 2).


#203

Das Buch der Gewißheit war vermutlich die erste der Schriften Bahá'u'lláhs, die im Druck erschien. Eine schöne, undatierte Lithographie, die wohl in Bombay gedruckt wurde, war erwiesenermaßen Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts im Umlauf. In diesem Buch, von dem der Hüter der Bahá'í-Religion sagte, daß es "unter den Schriften des Urhebers der Bahá'í-Offenbarung einen unübertroffenen Rang einnimmt", bietet Bahá'u'lláh eine logische, erhellende, unwiderlegbare Erläuterung der symbolhaften, verschlüsselten Texte der früheren heiligen Schriften, erhärtet die Tatsache der fortschreitenden Gottesoffenbarung und führt Beweise für die göttliche Sendung des Báb an. Shoghi Effendi sagt des weiteren über `Das Buch der Gewißheit`: »Es darf mit Fug und Recht behauptet werden, daß unter allen Büchern des Urhebers der Bahá'í-Offenbarung schon allein dieses Buch eine breite, unangreifbare Grundlage für die völlige und dauerhafte Versöhnung der Anhänger der großen Weltreligionen gelegt hat, indem es die jahrhundertealten unüberwindlichen Schranken zwischen diesen Religionen hinweggefegt hat.« (GGV S.159) Es ist unmöglich, in einem einzelnen Zitat ein angemessenes Bild von der Spannweite dieses bedeutungsvollen Buches zu vermitteln. Über die Machtbeweise und Zeichen Gottes, die in der ganzen Schöpfung zutage treten, sagt Bahá'u'lláh:

»Alles in den Himmeln und auf Erden ist unmittelbar Beweis dafür, daß sich darin Gottes Eigenschaften und Namen offenbaren, da jedes Atom die Zeichen verwahrt, welche für die Offenbarung des Größten Lichtes beredtes Zeugnis ablegen. Mich dünkt, ohne die Macht dieser Offenbarung könnte kein Wesen je bestehen. Wie hell strahlen die Leuchten der Erkenntnis in einem Atom, wie weit hin wogen die Meere der Weisheit in einem Tropfen! In höchstem Grade gilt dies für den Menschen, der unter allem Erschaffenen mit dem Gewande solcher Gaben bekleidet und für die Herrlichkeit einer solchen Auszeichnung auserkoren wurde. Denn in ihm sind alle Namen und Eigenschaften Gottes der Anlage nach in einem Maß offenbart, das nichts Erschaffenes sonst überragt oder übertrifft. Alle diese Namen und Eigenschaften treffen auf ihn zu. So hat Er gesagt: "Der Mensch ist Mein Geheimnis, und Ich bin sein Geheimnis."¹«²

¹ Heilige Tradition Muhammads ² Iqán [108] S.73


#204

»... Der Mensch, das edelste und vollkommenste aller erschaffenen Dinge, überragt sie alle an Stärke dieser Offenbarung und ist ein umfassender Ausdruck ihrer Herrlichkeit. Unter allen Menschen sind die vollendetsten, die ausgezeichnetsten und überragendsten die Manifestationen der Sonne der Wahrheit. Ja, alle außer diesen leben durch das Wirken ihres Willens; sie bewegen sich und bestehen durch das Ausströmen ihrer Gnade ... Diese Horte der Heiligkeit, diese Ersten Spiegel, die das Licht unvergänglicher Herrlichkeit widerstrahlen, sind nur ein Ausdruck von Ihm, dem Unsichtbaren der Unsichtbaren. Durch die Offenbarung dieser Edelsteine göttlicher Tugend sind alle Namen und Eigenschaften Gottes wie Erkenntnis und Kraft, Oberhoheit und Herrschaft, Barmherzigkeit und Weisheit, Herrlichkeit, Freigebigkeit und Gnade, enthüllt.«¹

¹ Iqán [110] S.74f zit.ÄL 19:2


Die Manifestationen Gottes, die Stifter der Weltreligionen, sind die Überbringer von Gottes Willen und Plan für die Menschheit. Sie sind der Logos, das Wort Gottes. In ihnen kann nichts anderes erblickt werden als die Wirklichkeit Gottes und das Licht Gottes.

»Das Tor der Erkenntnis des Altehrwürdigen der Tage ist so vor dem Antlitz aller Wesen verschlossen. Darum hat der Quell unendlicher Gnade ... jene leuchtenden Edelsteine der Heiligkeit aus dem Reiche des Geistes in der edlen Gestalt des menschlichen Tempels erscheinen und allen Menschen offenbar werden lassen, auf daß sie der Welt die Mysterien des unveränderlichen Seins schenken und ihr von Seinem reinen, unsterblichen Wesen künden. Diese geheiligten Spiegel, diese Aufgangsorte altehrwürdiger Herrlichkeit sind allesamt auf Erden die Vertreter Dessen, der innerster Kern, reinstes Wesen und letztes Ziel des Weltalls ist. Von Ihm gehen ihre Erkenntnis und Macht aus, von Ihm leitet sich ihre Souveränität ab. Die Schönheit ihres Antlitzes ist nur eine Widerspiegelung Seines Bildes, ihre Offenbarung ein Zeichen Seiner unsterblichen Herrlichkeit. Sie sind die Schatzkammern göttlicher Erkenntnis, die Verwahrungsorte himmlischer Weisheit. Durch sie wird eine Gnade vermittelt, die unendlich ist, und durch sie wird das Licht enthüllt, das nimmer verlöschen kann.«¹

¹ Iqán [107] S.72f zit.ÄL 19:3


#205

Dies ist nur ein Aspekt des großen Themas, das Das Buch der Gewißheit entfaltet.

Während Seines Aufenthalts in Baghdád gab Bahá'u'lláh einmal Mírzá Aqá Ján den Auftrag, die Offenbarungen Seiner Feder den Fluten des Tigris zu übergeben. Bahá'u'lláh erwähnt diese Tatsache in einem sehr viel später in `Akká offenbarten Sendschreiben. Nabíl erinnert sich, daß auf inständiges Bitten von Mírzá Aqá Ján einige dieser Schriften gerettet wurden, darunter das Munáját-i-Húríyyih (das Gebet der Himmelsmaid).





+25 #206

Kapitel 25

Der Zug des Königs der Herrlichkeit

Die Sonne neigte sich schon nach Westen, als Bahá'u'lláh am 22. April 1863 (zweiunddreißig Tage nach dem NawRúz-Fest) zum letzten Male aus dem Hause trat, das Er viele Jahre lang in der Stadt der `Abbásiden bewohnt hatte. Er begab sich zum Ufer des Tigris. Dort erwartete Ihn eine Quffih, um Ihn ans andere Ufer zu setzen, wo Najíb Páshás Garten, genannt Najíbíyyih, lag. Der Durchgang zum Flußufer wimmelte von Menschen aus allen Schichten, Männern und Frauen, jung und alt, die Seine Abfahrt verfolgten und Seinen Weggang beklagten.

Auf dem Weg zum Tigrisufer gab Bahá'u'lláh milde Gaben an die Armen und Entrechteten, und Er tröstete und stärkte die Menschen, die Ihn nie wiedersehen sollten. Doch der schmerzliche Verlust, den sie augenscheinlich erlitten, kam ihnen jetzt mit solcher Schärfe zum Bewußtsein, daß Worte sie nicht trösten konnten. Man muß sich dabei vor Augen halten, daß es zum allergrößten Teil Männer und Frauen waren, die keinerlei Verbindung zum Glauben des Báb hatten. Ibn-Alúsí, ein führender sunnitischer Geistlicher, weinte über das Leid dieser Menschen, und man konnte hören, wie er Verwünschungen gegen Násiri'd-Dín Sháh ausstieß, der allgemein als der Verantwortliche für Bahá'u'lláhs Weiterverbannung aus Baghdád galt. "Dieser Mann ist nicht Násiri'd-Dín - der Helfer der Religion; es ist Mukhdhili'd-Dín, der Entweiher der Religion." Wenn sich selbst Männer in hoher Stellung, die dem Glauben des Báb fernstanden, so äußerten, lassen sich die Gefühle jener Bábí erahnen, die notgedrungen in Baghdád zurückbleiben mußten. Wie Aqá Ridá schreibt, waren sie so untröstlich, daß diejenigen, die Bahá'u'lláh begleiten durften, in ihren Jammer mit einstimmten. "Gott allein weiß," schreibt er, "wie es den zurückbleibenden Gläubigen an diesem Tage erging."


#207

Es war Frühling. Der Garten des Najíb Páshá, der den Bahá'í künftig als Garten Ridván (Paradiesgarten) geläufig sein sollte, war wie entflammt von den leuchtenden Farben der Rosen, die an diesem Tage in verschwenderischer Fülle blühten. Alle Aufzeichnungen über diesen 22. April 1863 im Garten Ridván verweilen besonders bei der Schönheit der Rosen und überhaupt bei der Gabenfülle und den Segnungen der Natur. Für einen solchen Tag, an dem die Natur so freudevoll und die Herzen der Menschen so von Traurigkeit niedergedrückt waren, ziemte es sich in der Tat, daß er auch die frohe Botschaft vom Anbruch der göttlichen Frühlingszeit bringen sollte. Bahá'u'lláh schrieb über diesen Tag:

»Die göttliche Frühlingszeit ist angebrochen, o Erhabenste Feder, denn das Fest des Allbarmherzigen naht mit Eile. Rühre dich und verherrliche vor der ganzen Schöpfung den Namen Gottes und preise Seinen Ruhm solchermaßen, daß alles Erschaffene wiederbelebt und erneuert werde. Sprich und schweige nicht! Die Sonne der Seligkeit leuchtet über dem Horizont Unseres Namens, der Selige, da das Reich des Namens Gottes geschmückt wurde mit der Zier des Namens Deines Herrn, der Schöpfer der Himmel. Erhebe dich vor den Völkern der Erde, wappne dich mit der Macht dieses Größten Namens und gehöre nicht zu den Zaudernden.« (ÄL 14:1)

»Mich dünkt, du zögerst und bewegst dich nicht auf Meiner Tafel. Hat dich das göttliche Antlitz mit seinem Glanz verwirrt, oder hat dich das leere Gerede der Eigensinnigen mit Kummer erfüllt und deine Bewegung gelähmt? Sei achtsam, daß nichts dich davon ablenke, die Größe dieses Tages zu preisen, des Tages, da der Finger der Erhabenheit und Macht den Wein der Wiedervereinigung entsiegelt und alle gerufen hat, die in den Himmeln, und alle, die auf Erden sind. Willst du zögern, wenn der Windhauch, der den Tag Gottes ankündigt, schon über dich geweht ist, oder gehörst du zu denen, die wie durch einen Schleier von Ihm getrennt sind?« (ÄL 14:2)

»Keinem Schleier, o Herr aller Namen und Schöpfer der Himmel, habe ich gestattet, mich von der Anerkennung der Herrlichkeit Deines Tages auszuschließen - des Tages, der die Lampe der Führung ist für die ganze Welt und das Zeichen des Altehrwürdigen der Tage für alle, die darin wohnen. Ich schweige wegen der Schleier, welche die Augen Deiner Geschöpfe blind gemacht haben gegen Dich, und mein Stummsein rührt von den Hemmnissen, die Dein Volk gehindert haben, Deine Wahrheit anzuerkennen. Du weißt, was in mir ist, ich jedoch weiß nicht, was in Dir ist. Du bist der Allwissende, der Allunterrichtete. Bei Deinem Namen, der alle anderen Namen überragt! Sollte Dein übermächtiger, allbezwingender Befehl mich erreichen, er würde mir Macht verleihen, die Seelen aller Menschen neu zu beleben durch Dein erhabenes Wort, das ich Deine Zunge der Macht in Deinem Reiche der Herrlichkeit äußern hörte. Er würde mich befähigen, die Enthüllung Deines strahlenden Antlitzes zu verkünden, durch die alles, was vor den Augen der Menschen verborgen war, kundgetan ist in Deinem Namen, der Deutliche, der höchste Beschirmer, der Selbstbestehende.« (ÄL 14:3)


#208

»Kannst du, o Feder, an diesem Tage einen anderen außer Mir entdecken? Was ist aus der Schöpfung und ihren Offenbarungen geworden? Was aus den Namen und ihrem Reich? Wohin ist alles Erschaffene - Sichtbares oder Unsichtbares - entschwunden? Was ist mit den verborgenen Geheimnissen des Alls und seinen Offenbarungen geschehen? Siehe, die ganze Schöpfung ist vergangen! Nichts ist geblieben außer Meinem Antlitz, dem Ewigbleibenden, dem Strahlenden, dem Allherrlichen.« (ÄL 14:4)

»Dies ist der Tag, an dem nichts außer dem Glanz des Lichtes wahrgenommen werden kann, das vom Angesicht Deines Herrn ausstrahlt, des Gnädigen, des Gütigen. Wahrlich, Wir haben kraft Unserer unwiderstehlichen, allunterwerfenden Herrschaft jede Seele verhauchen lassen. Dann haben Wir eine neue Schöpfung ins Leben gerufen als Zeichen Unserer Gnade für die Menschen. Ich bin wahrlich der Allgütige, der Altehrwürdige der Tage.« (ÄL 14:5)

»Dies ist der Tag, da die Welt des Unsichtbaren ausruft: "Groß ist deine Seligkeit, o Erde, denn du wurdest zum Schemel deines Gottes gemacht und zum Sitz Seines mächtigen Thrones auserkoren." Das Reich der Herrlichkeit verkündet: "Könnte doch mein Leben ein Opfer für dich sein, denn Er, der Geliebte des Allerbarmers, hat auf dir Seine Herrschaft errichtet durch die Macht Seines Namens, der allem Vergangenen und Künftigen verheißen ist." Dies ist der Tag, da jeder liebliche Duft seinen Wohlgeruch aus dem Duft Meines Gewandes zieht, eines Gewandes, das seinen Duft über die ganze Schöpfung verbreitet. Dies ist der Tag, da sich die rauschenden Wasser ewigen Lebens aus dem Willen des Allbarmherzigen ergießen. Eilt euch mit Herz und Seele und trinkt euch satt, o Scharen der Höhe!« (ÄL 14:6)

»Sprich: Er ist es, der die Manifestation des Unerkennbaren, des Unsichtbarsten alles Unsichtbaren ist, könntet ihr es doch begreifen. Er ist es, der den verborgenen und verwahrten Edelstein offen vor euch hingelegt hat, wolltet ihr ihn doch suchen. Er ist es, der Einziggeliebte von allem, was vergangen und zukünftig ist, würdet ihr doch Herz und Hoffnung auf Ihn richten!« (ÄL 14:7)


#209

»Wir haben die Stimme deiner Verteidigung gehört, o Feder, und verzeihen dein Schweigen. Was ist es, das dich so sehr verwirrt hat?« (ÄL 14:8)

»Vom Rausch Deiner Gegenwart, o Vielgeliebter aller Welten, bin ich ergriffen und besessen.« (ÄL 14:9)

»Erhebe dich und verkünde der ganzen Schöpfung die Botschaft, daß Er, der Allbarmherzige, Seine Schritte zum Ridván gelenkt und ihn betreten hat. Führe dann das Volk zum Garten des Entzückens, den Gott zum Thron Seines Paradieses gemacht hat. Wir haben dich zu Unserer mächtigsten Posaune erkoren, auf daß ihr schallender Ruf die Auferstehung der ganzen Menschheit verkünde.« (ÄL 14:9)

»Sprich: Dies ist das Paradies, auf dessen Blattwerk der Wein der Äußerung das Zeugnis ätzte: "Er, der den Augen der Menschen verborgen war, ist enthüllt, gegürtet mit souveräner Macht!" Dies ist das Paradies, dessen rauschende Blätter künden: "O ihr, die ihr die Himmel und die Erde bewohnt! Erschienen ist, was nie zuvor erschien. Er, der Sein Antlitz seit Ewigkeit vor den Blicken der Schöpfung verborgen hielt, ist nun da!" Aus dem raunenden Wind, der durch des Paradieses Zweige weht, dringt der Ruf: "Er, der höchste Herr aller, ist offenbart. Das Reich ist Gottes", während aus seinen strömenden Wassern das Murmeln klingt: "Alle Augen sind erfreut, denn Er, den keiner schaute, dessen Geheimnis niemand entdeckte, hat den Schleier der Herrlichkeit gelüftet und das Antlitz der Schönheit enthüllt."« (ÄL 14:10)

»In diesem Paradies und aus den Höhen seiner erhabensten Gemächer rufen die Himmelsdienerinnen jubelnd: "Freut euch, ihr Bewohner der Reiche der Höhe, denn die Finger Dessen, der der Altehrwürdige der Tage ist, läuten im Namen des Allherrlichen die Größte Glocke mitten im Herzen der Himmel. Die Hände der Güte reichen den Becher des ewigen Lebens dar. Kommt näher und trinkt euch satt! Trinkt mit gesundem Behagen, o ihr, die ihr die fleischgewordene Sehnsucht seid, die ihr das leidenschaftliche Verlangen verkörpert!"« (ÄL 14:11)

»Dies ist der Tag, da Er, der Offenbarer der Namen Gottes, aus dem Heiligtum der Herrlichkeit hervortrat und allen, die in den Himmeln und auf Erden sind, verkündete: "Stellt die Becher des Paradieses und alles lebenspendende Wasser darin beiseite, denn sehet, das Volk Bahás ist in die selige Wohnstatt der göttlichen Gegenwart eingetreten und trinkt den Wein der Wiedervereinigung aus dem Kelch der Schönheit seines Herrn, des Allbesitzenden, des Höchsten."« (ÄL 14:12)


#210

»Vergiß die Welt der Schöpfung, o Feder, und wende dich dem Antlitz deines Herrn zu, des Herrn aller Namen. Schmücke dann die Welt mit dem Schmuck der Gunstbezeigungen deines Herrn, des Königs ewiger Tage. Denn Wir spüren den Duft des Tages, da Er, die Sehnsucht aller Völker, die Lichtfülle Seiner höchst erhabenen Namen auf die Reiche des Sichtbaren und Unsichtbaren ergoß und sie mit dem Strahlenglanz der Leuchten Seiner gnädigsten Gunst umgab - einer Gunst, die keiner außer Ihm, dem allmächtigen Beschirmer der ganzen Schöpfung, zu ermessen vermag.« (ÄL 14:13)

»Schaue auf Gottes Geschöpfe nur mit dem Auge der Güte und Barmherzigkeit, denn Unsere liebende Vorsehung hat alles Erschaffene durchdrungen, und Unsere Gunst hat die Erde und die Himmel umfangen. Dies ist der Tag, da die wahren Diener Gottes an den lebenspendenden Wassern der Wiedervereinigung teilhaben, der Tag, da alle, die Ihm nahe sind, vom sanft fließenden Strom der Unsterblichkeit, und alle, die an Seine Einheit glauben, vom Wein Seiner Gegenwart zu trinken vermögen, indem sie Ihn anerkennen als Den, der das höchste und letzte Ziel aller ist, aus dem die Zunge der Majestät und Herrlichkeit den Ruf erhebt: "Das Reich ist Mein, Ich bin aus Meinem eigenen Recht sein Herrscher."« (ÄL 14:14)

»Ziehe die Herzen der Menschen an durch Seinen, des einzig Geliebten Ruf. Sprich: Dies ist die Stimme Gottes, so ihr doch auf sie hörtet! Dies ist der Tagesanbruch der Offenbarung Gottes, so ihr es doch wüßtet! Dies ist der Aufgangsort der Sache Gottes, so ihr es doch erkenntet! Dies ist die Quelle des Gebotes Gottes, so ihr sie doch gerecht beurteiltet! Dies ist das offenbare und verborgene Geheimnis, so ihr es doch erfaßtet! O ihr Völker der Welt! In Meinem Namen, der alle anderen Namen überragt, werft weg, was ihr besitzt, und versenkt euch in dieses Meer, dessen Tiefen die Perlen der Weisheit und der Äußerung bergen, ein Meer, das wogt in Meinem Namen, der Allbarmherzige. So belehrt euch Er, bei dem das Mutterbuch ist.« (ÄL 14:15)

»Der Meistgeliebte ist erschienen. In Seiner Rechten hält Er den versiegelten Wein Seines Namens. Glücklich der Mensch, der sich Ihm zukehrt, sich satt trinkt und ausruft: "Preis sei Dir, o Offenbarer der Zeichen Gottes!" Bei der Gerechtigkeit des Allmächtigen! Alles Verborgene ist durch die Macht der Wahrheit offenbart. Alle Gunstbeweise Gottes sind als Zeichen Seiner Gnade herabgesandt. Die Wasser ewigen Lebens sind in ihrer ganzen Fülle den Menschen dargeboten. Jeden einzelnen Becher hat die Hand des Vielgeliebten dargereicht. Kommt herbei und zögert nicht, und wäre es auch nur für einen kurzen Augenblick.« (ÄL 14:16)


#211

»Selig, wer sich mit den Flügeln der Loslösung aufschwingt und die Stufe erreicht, die nach Gottes Befehl die ganze Schöpfung überschattet, wen weder die eitlen Einbildungen der Gelehrten noch die Menge der Erdenscharen von Seiner Sache ablenken können. Wer unter euch, o Volk, ist bereit, der Welt zu entsagen und sich Gott, dem Herrn aller Namen, zu nähern? Wo findet sich der, der durch die Macht Meines Namens, der alles Erschaffene überragt, wegwirft, was Menschen besitzen, und sich mit all seiner Kraft an das hält, was Gott, der Kenner des Unsichtbaren und des Sichtbaren, ihm zu beachten gebot? So ist Seine Güte den Menschen herniedergesandt, Sein Zeugnis erfüllt, und so erstrahlt Sein Beweis über dem Horizont der Gnade. Kostbar ist der Preis, der dem zufallen wird, der glaubt und ausruft: "Gepriesen seist Du, o Geliebter aller Welten! Verherrlicht sei Dein Name, o Du Sehnsucht jedes verstehenden Herzens!"« (ÄL 14:17)

»Frohlocke in höchster Freude, o Volk Bahás, wenn du dich des Tages höchsten Glücks erinnerst, des Tages, da die Stimme des Altehrwürdigen der Tage sprach, da Er aus Seinem Hause fort zu jenem Orte ging, wo Er den Glanz Seines Namens, der Allbarmherzige, über die ganze Schöpfung ergoß. Gott ist Unser Zeuge. Wollten Wir die verborgenen Geheimnisse dieses Tages enthüllen, so würden alle, die auf Erden und in den Himmeln wohnen, bewußtlos werden und sterben, außer jenen, die von Gott, dem Allmächtigen, dem Allwissenden, dem Allweisen behütet werden.« (ÄL 14:18)

»So stark ist die berauschende Wirkung der Worte Gottes auf Ihn, den Offenbarer Seiner unzweifelhaften Beweise, daß Seine Feder nicht länger schreiben kann. Er schließt Sein Tablet mit den Worten: "Kein Gott ist außer Mir, dem Höchsterhabenen, dem Machtvollsten, dem Unübertrefflichen, dem Allwissenden."« (ÄL 14:19)


Chronisten und andere Schriftsteller haben lange Berichte geschrieben über den Andrang der Menschen, über den Ausdruck ihres Kummers und die hervorragende Arbeit der Gärtner im Garten Ridván; aber niemand sagt etwas darüber aus, wie Bahá'u'lláh Seine lange erwartete Erklärung abgab. Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt dazu:


#212

»Über die genauen Begleitumstände dieser epochemachenden Erklärung sind wir leider nur äußerst dürftig unterrichtet. Die von Bahá'u'lláh bei diesem Anlaß tatsächlich geäußerten Worte, die Art und Weise Seiner Erklärung, der Widerhall, den sie auslöste, ihre Wirkung auf Mírzá Yahyá sowie Angaben darüber, wer das Vorrecht hatte, Ihm zuzuhören: alles dies ist in ein Dunkel gehüllt, das künftige Geschichtsschreiber nur mit Mühe werden durchdringen können. Die bruchstückhafte Beschreibung, die Sein Chronist Nabíl der Nachwelt hinterließ, ist einer der ganz wenigen authentischen Berichte, die wir über die denkwürdigen Tage Seines Aufenthaltes in diesem Garten besitzen. `Jeden Tag', so erzählt Nabíl, `schnitten die Gärtner vor Anbruch der Morgendämmerung die Rosen, die die vier Hauptwege des Gartens säumten, und häuften sie in der Mitte Seines gesegneten Zeltes auf. So groß war der Berg, daß, wenn die Gefährten Bahá'u'lláhs sich zum Morgentee bei Ihm versammelten, sie sich gegenseitig über ihn hinweg nicht erblicken konnten. Alle diese Rosen gab Bahá'u'lláh jeden Morgen eigenhändig denen, die Er aus Seiner Gegenwart entließ, damit sie sie in Seinem Namen Seinen arabischen und persischen Freunden in der Stadt brächten.' `Eines Nachts', so fährt er fort, `es war die neunte Nacht des zunehmenden Mondes, befand ich mich zufällig unter denen, die neben Seinem gesegneten Zelt Wache hielten. Als die Stunde der Mitternacht nahte, sah ich, wie Er aus Seinem Zelt heraustrat, an den Plätzen vorüberging, wo einige Seiner Gefährten schliefen, und sodann die vom Mond beschienenen blumenumkränzten Hauptwege des Gartens auf und ab zu wandeln begann. So laut ertönte der Gesang der Nachtigallen von allen Seiten, daß nur die, die Ihm ganz nahe waren, Seine Stimme deutlich vernehmen konnten. Er ging immer noch weiter auf und ab; schließlich hielt Er inmitten eines dieser Wege inne und sprach: `Seht diese Nachtigallen! So groß ist ihre Liebe zu den Rosen, daß sie unermüdlich, ohne zu schlafen, von der Abenddämmerung bis zum frühen Morgen ihre Melodien trällern und sich voll brennender Leidenschaft dem Gegenstand ihrer Anbetung zuwenden. Wie können dann die schlafen, die behaupten, von der rosengleichen Schönheit des Geliebten entflammt zu sein?` Drei Nächte hintereinander wachte ich so und umkreiste Sein gesegnetes Zelt. Sooft ich an dem Ruhebett vorüberkam, auf dem Er lag, fand ich Ihn wachend; und alle Tage sah ich Ihn doch vom Morgen bis zum Abend pausenlos damit beschäftigt, sich mit dem Strom der Besucher, die von Baghdád hereinfluteten, zu unterhalten. Und nicht ein einziges Mal konnte ich in den Worten, die Er sprach, auch nur eine Spur von Heuchelei entdecken."« (GGV S.174f)


#213

Aqá Ridá beschreibt den ständigen Zustrom von Menschen, die jeden Tag von Baghdád herüberkamen, um Bahá'u'lláh zu besuchen, und die die Trennung von Ihm nicht ertragen konnten. Die Verpflegung wurde, so schreibt Aqá Ridá, von Bahá'u'lláhs Haus in Baghdád herbeigeschafft, wo Seine Familie immer noch wohnte, außerdem vom Haus des Mírzá Músáy-i-Javáhirí.

Einmal kam Námiq Páshá selbst und erbot sich, Bahá'u'lláh alles zur Verfügung zu stellen, was dieser für die Reise brauchte; auch bat er um Vergebung für das, was vorgefallen war. Bahá'u'lláh versicherte ihm, sie hätten alles Nötige. Als jedoch Námiq Páshá darauf bestand, in irgendeiner Weise zu Diensten sein zu können, sagte Bahá'u'lláh: "Sei rücksichtsvoll zu Meinen Freunden und behandle sie mit Güte." Der Válí verbürgte sich hierfür, er verfaßte auch ein Empfehlungsschreiben an die Verwaltungen und Behörden, mit denen die Reisegesellschaft auf dem Weg bis Istanbul in Berührung kommen würde, worin er Anweisung gab, die Reisenden mit allem Notwendigen zu versorgen. Dieses Dokument übergab er dem Offizier, der die Reisegesellschaft begleiten sollte. Wie Aqá Ridá schreibt, ließ es Bahá'u'lláh jedoch auf der ganzen Reise niemals zu, daß diese Abgaben von der Bevölkerung angenommen wurden; stets wurden die Vorräte eingekauft und bezahlt. Námiq Páshá hatte noch eine andere Bitte: Er besaß ein sehr schönes Pferd, das er nach Konstantinopel schicken wollte, und bat um die Erlaubnis, dieses Pferd der Obhut von Bahá'u'lláhs Gefährten zu übergeben. Seiner Bitte wurde stattgegeben. Aqá Husayn-i-Ashchí erzählt, daß dieses Pferd, für den Sohn Námiq Páshás in Istanbul bestimmt, dem Siyyid Husayn-i-Káshí (Káshání) anvertraut wurde. Es muß ihm besonders eingeschärft worden sein, das Tier gut zu behandeln. Siyyid Husayn war ein einfaches Gemüt und immer zu Späßen aufgelegt. Er hatte stets das Bedürfnis, etwas zu tun oder zu sagen, was Bahá'u'lláh zum Lächeln brachte. Ashchí erzählt, daß er gerne vor Bahá'u'lláhs eigenem Pferd - "einem Rotschimmelhengst edelster Zucht" namens Sa`údí - tanzte und herumkasperte. Während der Reise kam er eines Tages in Bahá'u'lláhs Zelt und wollte sich darüber beklagen, daß der Größte Zweig genug Gerste und Futter für alle anderen Tiere ausgegeben habe, nur nicht für seines; da er aber `Abdu'l-Bahá gerade ins Zelt kommen sah, nahm er Reißaus und rannte in die Wüste hinaus. Nach Angabe von Ashchí gehörte Siyyid Husayn zu Bahá'u'lláhs Begleitung bis zur Abreise nach Adirnih (Adrianopel). Dort sagte Bahá'u'lláh ihm und einigen anderen, die unterwegs zu der Gruppe gestoßen waren, sie sollten nach Hause zurückkehren. Da er weiterhin danach verlangte, Bahá'u'lláh zu erheitern, beschwor er die Bahá'í, die mit Ihm weiterreisten, sie sollten nicht vergessen, immer wieder von seinen lustigen Einfällen zu erzählen, damit Bahá'u'lláh etwas zu lachen habe, wenn einmal die Rede auf ihn kommen sollte.


#214

Am neunten Tag zog auch Bahá'u'lláhs Familie in den Najíbíyyih, und für den zwölften Tag war die Abreise vorgesehen. Somit umfaßt das Ridván-Fest zwölf Tage. Den ganzen zwölften Tag lang strömten die Menschen in den Garten, um ein letztes Lebewohl zu sagen. Endlich wurden die Maultiere beladen, die Kajávihs (Howdahs) wurden auf ihnen befestigt, die Frauen und Kinder nahmen ihre Plätze in den Kajávihs ein, und kurz vor Sonnenuntergang wurde Bahá'u'lláh der Rotschimmelhengst vorgeführt. Alle Berichte, die uns erhalten sind, stimmen darin überein, daß beim Anblick Bahá'u'lláhs, der sich, im Sattel sitzend, zur Abreise anschickte, die ganze Menschenmenge in herzzerreißende, nicht zu ertragende Schmerzensschreie ausbrach. Immer und immer wieder ertönte der Ruf: "`Alláh-u-Akbar" - "Gott ist der Größte". Die Menschen warfen sich vor Sein Pferd, und es schien - wie Aqá Ridá es ausdrückt -, "als ob dieses Himmelsroß über geheiligte Körper und reine Herzen schritte". An diesem Tag nahm man zum erstenmal Bahá'u'lláhs hervorragende Reitkunst wahr. Während all der Jahre in Baghdád hatte es Bahá'u'lláh nach den Angaben von Aqá Ridá stets vorgezogen, auf einem Esel zu reiten, obwohl Pferde immer zur Hand waren. Ein weiteres äußeres Zeichen der göttlichen Autorität, die Er jetzt sichtbar innehatte, war die geänderte Kopfbedeckung, die Er am ersten Tag des Ridván-Festes trug - an dem Tag, als Er zum letztenmal aus Seinem Haus in Baghdád trat und vor der Abreise in die Hauptstadt des Türkischen Reiches Sein Zelt im Najíbíyyih aufschlug. Man bemerkte an diesem Tag, daß Er einen fein bestickten Táj (Krone) trug. Einige dieser hohen FilzKopfbedeckungen sind erhalten: rot, grün, gelb und weiß, mit sehr schönen Stickereien höchster Qualität und meisterhafter Verarbeitung.


#215

(Bildlegende: Zeichnung einer Kajávih (Howdah)

Mit Sonnenuntergang erreichten sie Firayját am Ufer des Tigris, etwa drei Meilen entfernt. Auch hier gab es einen üppigen Garten mit einem herrschaftlichen Haus, und hier machte die Karawane noch einmal sieben Tage Halt. Während Bahá'u'lláhs Bruder Mírzá Músá noch in Baghdád nach dem Rechten sah, alles erledigte, was noch zu erledigen war, und das Einpacken und Einladen ihrer restlichen Sachen überwachte, wohnte Bahá'u'lláh in diesem Haus. In Firayját veranstaltete man ein Pferderennen, um die Pferde zu testen, und wiederum erwies sich Bahá'u'lláhs hohe Reitkunst. Außer dem Hengst Sa`údí hatte er zwei weitere Pferde, die Farangí und Sa`íd hießen. Es waren auch zwei Esel da, die Bahá'u'lláhs jüngere Söhne von Zeit zu Zeit reiten konnten. Auch in Firayját trafen immer noch täglich Menschen aus Baghdád ein, die es nicht aushielten, daß ihnen Bahá'u'lláh entrissen wurde.

Auf der Reise nahm Bahá'u'lláh gewöhnlich einen Platz in einer Kajávih ein; aber wenn sie sich einem Dorf oder einer Stadt näherten, bestieg Er Sein Pferd, um mit den Gemeindeoberen und Würdenträgern zusammenzutreffen, die Ihm jedesmal zur Begrüßung entgegenkamen. Vorne ging ein Mann namens Hájí Mahmúd, der die Zügel des Maultiers führte, das Seine Kajávih trug, und auf der anderen Seite gingen Mírzá Aqá Ján, Mírzá Aqáy-i-Munír (mit dem Beinamen Ismu'lláhu'l-Muníb) und Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Amír-i-Nayrízí.


`Abdu'l-Bahá hat in Seinen Erinnerungen an Mírzá Aqáy-i-Munír (Jináb-i-Muníb; s. Anhang V S.549f) eine lebendige und köstliche Schilderung von dem Geist dieser Reise gegeben: «Als Bahá'u'lláh und Sein Gefolge mit großem Gepränge von Baghdád abreisten, war Jináb-i-Muníb zu Fuß dabei. In Persien war dieser junge Mann für sein unbeschwertes, angenehmes Leben und seine Neigung zum Vergnügen bekannt gewesen; auch galt er als weich, kränklich und eigensinnig. Man kann sich vorstellen, was ein solcher Mensch ertrug, als er zu Fuß von Baghdád nach Konstantinopel ging. Trotzdem maß er froh die öden Meilen, Tag und Nacht sang er Gebete und hielt vertraute Zwiesprache mit Gott.« (Vorbilder der Treue S.182)


#216

»Auf dieser Reise war er mein vertrauter Gefährte. Manche Nacht gingen wir an den beiden Seiten von Bahá'u'lláhs Howdah; die Freude, die wir dabei empfanden, ist unbeschreiblich. Manchmal sang er Gedichte, auch Oden von Háfiz, wie die mit dem Anfang: `Kommt, laßt uns verstreuen diese Rosen, und vergießen diesen Wein`; oder diese:«




Vor unserem Kaiser beugen wir das Knie,
Könige sind wir des Morgensterns.
Wir wechseln unsere Farben nicht -
Hochrote Löwen, schwarze Drachen sind wir!¹

¹ Abdu'l-Bahá: Vorbilder der Treue S.182


Am siebten Tag brach die Karawane dann wirklich nach Konstantinopel auf. Man folgte dem Ufer des Tigris und erreichte Judaydah am Spätnachmittag. Dort gab es keinen Garten, und die Zelte wurden aufgeschlagen. Hier wurde nochmals drei Tage Rast gemacht.

In Judaydah stieß Shátir-Ridá zu der Karawane und brachte einen Jungen mit, Aqá Muhammad-Hasan, dessen Vater Aqá `Abdu'r-Rasúl-i-Qumí in Tihrán gefangen saß und später in Baghdád den Märtyrertod sterben sollte. Dieser Aqá Muhammad-Hasan wuchs in Bahá'u'lláhs Haushalt auf und diente Ihm getreulich. Später sollte er die Aufsicht über das Pilgerhaus in Akká übernehmen. Der Verfasser dieser Aufzeichnungen erinnert sich noch an den greisen Aqá Muhammad-Hasan, den er Mitte der zwanziger Jahre in Akká traf. Als Aqá Muhammad-Hasan nicht mehr im Pilgerhaus Dienst tun konnte, wohnte er im Bayt-i-Abbúd (Bahá'u'lláhs Haus in Akká) und hielt es in Ordnung. Der alte Mann besaß einen wahren Schatz - viele handschriftliche Notizen Bahá'u'lláhs, die er in einer Truhe aufbewahrte und sehr gerne Besuchern zeigte. Auch Hájí Muhammad-Taqí Náyibu'l-Iyálih kam von Baghdád nach Judaydah. Als aber die Karawane die Zelte abbrach, um die Reise fortzusetzen, sagte Bahá'u'lláh ihm wie auch Shátir-Ridá, Shaykh Sádiq-i-Yazdí und Ustád `Abdu'l-Karím, sie sollten nach Baghdád zurückkehren. Shaykh Sádiq war ein alter Mann, der Bahá'u'lláh sehr ergeben war. Er fühlte den Trennungsschmerz so stark, daß er nicht ruhte und sich bald darauf erneut auf den Weg machte, um ganz allein nach Istanbul zu wandern. Er kam jedoch nie ans Ziel seiner Reise und starb unterwegs in Ma`dan-i-Nuqrih.¹

¹ Siehe Seite 233


#217

Aqá Ridá, der selbst in Gemeinschaft mit Mírzá Mahmúd-i-Káshání (s. Anhang V S.545) für die Verpflegung, das Vorbereiten und Ausgeben der Mahlzeiten verantwortlich war, gibt uns eine ausführliche und interessante Liste der anderen anfallenden Arbeiten und all derer, die dafür eingeteilt waren: Aqá Muhammad-Báqir-i-Mahallátí kümmerte sich um Kaffee und um die Wasserpfeifen; Ustád Báqir und Ustád Muhammad-Ismá`íl, die beiden Brüder aus Káshán, besorgten den Tee und betreuten den Samowar; Aqá muhammad-Ibráhím-i-Amír und Aqá Najaf-`Alí waren für das Aufbauen der Zelte und für die Sicherheit des Lagers verantwortlich; Mírzá Aqá Ján und Aqáy-i-Munír waren die persönlichen Betreuer Bahá'u'lláhs; Darvísh Sidq-`Alí, Siyyid Husayn-i-Káshání und Hájí Ibráhím versorgten die Pferde; Aqá Muhammad-`Alíy-i-Jilawdár (s. Anhang V S.547) kümmerte sich um Futter und Gerste für die Tiere; Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Názir und Mírzá Ja`far kauften unterwegs das Notwendige ein; Ustád Muhammad-`Alíy-i-Salmání (s. Anhang V S.554) war nicht nur Barbier und Bademeister, sondern betreute auch die Zelte und die bewegliche Habe auf der Reise; Aqá `Abdu'l-Ghaffár (Aqá `Abdu'lláh; s. Anhang V S.536), der türkisch sprach, pflegte den Kontakt mit den Leuten, denen die Karawane unterwegs begegnete; die beiden Jungen, Aqá Muhammad-Hasan und Aqá Husayn (später Ashchí genannt), bedienten die Damen. Außerdem gehörten nach den Angaben von Aqá Ridá noch Aqá Muhammad-`Alíy-i-Isfahání, Aqá muhammad-Sádiq, Siyyid Muhammad-i-Isfahání und Hájí Mírzá Ahmad-i-Káshání zu Bahá'u'lláhs Reisegesellschaft.

Die Dienste, die Aqá Ridá selbst zusammen mit Mírzá Mahmúd-i-Káshání leistete, beschrieb `Abdu'l-Bahá seinem Sekretär wie folgt:

»... (sie) ruhten nicht einen Augenblick. Sofort nach unserer Ankunft kochten sie das Essen für diese Reisegruppe von fast zweiundsiebzig Personen - und das, nachdem sie den ganzen Tag oder die ganze Nacht die Pferde geführt hatten, welche die Kajávih der Gesegneten Schönheit trugen. Wenn das Essen fertig war, wachten alle auf, die ein Schläfchen eingelegt hatten, aßen und legten sich dann wieder schlafen. Danach spülten diese beiden Männer das ganze Geschirr und verstauten es wieder. Inzwischen waren sie so müde geworden, daß sie auch auf einem harten Stein eingeschlafen wären.« (Star of West XIII p.277)


#218

»Wenn sie unterwegs von der Müdigkeit übermannt wurden, schliefen sie im Gehen. Gelegentlich konnte ich beobachten, wie einer von ihnen einen großen Sprung machte. Dies zeigte, daß er schlief und gerade geträumt hatte, er sei an ein breites Bachbett gekommen - daher der Sprung.« (Star of West XIII p.277f)

»Kurz, von Baghdád bis nach Sámsún dienten sie mit einer Treue, wie man sie selten findet. Tatsächlich ging es über Menschenkraft, all die schwere Arbeit fröhlich zu tragen. Aber weil sie vom Geist Gottes entflammt waren, versahen sie diesen ganzen Dienst im größten Glücksgefühl. Ich erinnere mich, wie wir oft in den frühen Morgenstunden, wenn wir zur nächsten Karawanserei aufbrechen wollten, diese beiden im Tiefschlaf vorfanden. Wir rüttelten sie auf, und sie erwachten nur mit Mühe. Im Weitergehen sangen sie immer Gebete und Anrufungen.« (Star of West XIII p.277f)

Im gleichen Bericht schildert `Abdu'l-Bahá in kurzen, klaren Worten, wie die Reise beschaffen war, die nun vor ihnen lag. »Oft legten wir bei Tag oder bei Nacht fünfundzwanzig bis dreißig Meilen zurück. Kaum hatten wir eine Karawanserei erreicht, legte sich auch schon jeder vor Erschöpfung hin und schlief ein; so ausgelaugt waren alle, daß sie sich nicht mehr rühren konnten.«¹ Er selbst fand aber während dieser Zwischenpausen nur wenig oder gar keine Ruhe; denn Er hatte dafür zu sorgen, daß für die ganze Reisegesellschaft einschließlich der Tiere jeden Tag die Verpflegung und alles Notwendige vorhanden war.

¹ Star of West XIII p.277f


#219

(Bildlegende: Der Zug des Königs der Herrlichkeit)
Bahá'u'lláhs Reiseweg von Baghdád nach Konstantinopel) :


1 Judaydah 9 Zákhú 17 Dilík-Tásh
2 Dilí-Abbás 10 Jazírih 18 Sívás
3 Qarih-Tapih 11 Nisíbín 19 Túqát
4 Saláhíyyih 12 Márdín 20 Amásíyá
5 Dúst-Khurmátú 13 Diyárbakr 21 Iláhíyyih
6 Karkúk 14 Ma`dan-i-Mis 22 Sámsún
7 Irbíl 15 Khárpút 23 Sinope
8 Mosul 16 Ma`dan-i-Nuqrih 24 Anyábulí



#220

Von Judaydah setzte die Karawane ihre Reise nach Dilí-Abbás fort, das in einer pflanzenbewachsenen Ebene am Fluß gelegen war. Hier wurden wieder die Zelte aufgeschlagen; doch war es wegen der Tageshitze üblich, bei Nacht zu reisen. So zog die Karawane um Mitternacht weiter und erreichte am nächsten Tag Qarih-Tapih. Die folgende Station war Saláhíyyih, eine kleine Stadt an einem Berg, an einem Nebenfluß des Diyáláh-Flusses gelegen, wo ein Ortsgouverneur (Qá'im-Maqám) residierte. Der Qá'im-Maqám und die Gemeindeoberen kamen der Karawane zur Begrüßung entgegen; doch gingen sie über die üblichen Begrüßungsformalitäten weit hinaus und veranstalteten zu Ehren ihrer Gäste ein Fest. Die Karawane blieb zwei Nächte in Saláhíyyih, und die Gemeindeverwaltung stellte Nachtwachen zum Schutz gegen Straßenräuber. In der dritten Nacht war die Karawane trotz großer Dunkelheit und bei Winden in Orkanstärke wieder auf dem Marsch. In dieser Nacht hatte Aqá Ridá selbst ein erschreckendes Erlebnis: Im Weitergehen schlief er mit Unterbrechungen; doch sah er plötzlich, daß Aqá muhammad-Ibráhím-i-Amír sich niedergesetzt hatte, weil an der Kajávih, die Bahá'u'lláh trug, etwas repariert werden mußte. Er setzte sich also ebenfalls hin und schlief sofort wieder ein. Als er nach fünf Stunden aufwachte, war von der Karawane nichts mehr zu sehen. In der stockdunklen Nacht war sein Fehlen nicht bemerkt worden. Das Geräusch, das ihn geweckt hatte, kam von einer Gruppe von Männern, die mit Eseln unterwegs waren. Er dachte, es sei seine eigene Karawane, und lief eilig in dieser Richtung; doch sie waren ihm zu schnell. Unruhig und voller Angst ging er weiter, bis er plötzlich in der Ferne einen Feuerschein erblickte. Das muß Aqá Muhammad-Báqir mit seiner Kohlenpfanne sein, sagte er sich, und so war es auch. Es war die Stunde der Morgendämmerung und des Frühgebetes. Bahá'u'lláhs Kajávih hatte Halt gemacht. Als Aqá Ridá zur Karawane zurückkam, traf er als ersten Mírzá Músá Aqáy-i-Kalím. Dieser sagte ihm, daß sein Fehlen soeben bemerkt worden sei und man gerade einige Männer ausschicken wollte, um ihn zu suchen.

Ähnliche Vorkommnisse berichtet auch Aqá Husayn-i-Ashchí. Es muß damals ziemlich häufig gewesen sein, daß Reisende in der Nacht vom Weg abkamen.

An diesem Morgen erreichte die Karawane Dúst-Khurmátú (auf Landkarten als Tuz-Khurmátú eingetragen) und lagerte in buschigem Gehölz. Der nächste Nachtmarsch führte bis Táwuq, das an einem Flüßchen an einem Berghang lag. Von dort reisten sie weiter nach Karkúk und blieben dort zwei Tage in einem Obstgarten außerhalb der Stadt. Sie waren jetzt im Land der Kurden; hier lebte ein Derwisch, der in Mesopotamien verstreut etwa 50ÿ000 Anhänger hatte. Wie üblich kamen die Stadtoberen heraus und machten ihre Aufwartung. Es kam aber auch ein Mann in einem Zustand höchster Erregung, der laute Rufe ausstieß. Einige von Bahá'u'lláhs Reisegefährten wollten ihn zum Schweigen bringen, doch Bahá'u'lláh, der zwei Jahre unter diesen Menschen gelebt hatte, sagte ihnen, sie sollten ihn gewähren lassen. Karkúk war die größte Stadt in Unter-Kurdistan; es liegt am Fluß Khazáchai an einer Stelle, wo eine hohe Brücke über die Schlucht führt. Das Wasser war kalt, die Strömung stark, aber ein Einheimischer wollte seine Geschicklichkeit zeigen und sprang von der Brücke in den Fluß. Bahá'u'lláh hatte daran Gefallen, und als der Taucher zu Ihm kam, gab Er ihm Geld. Hier sprachen auch einige hohe Beamte vor. Sie waren auf dem Weg nach Mosul, wo sie ihren Aufgaben nachgingen, und wollten Bahá'u'lláh einen Besuch abstatten. Bei ihrem Anblick wurden Siyyid Muhammad-i-Isfahání und einige andere nervös und verwirrt.


#221

Weiter ging es nach Irbíl (Arbil), einer historischen Stadt, beim Schauplatz einer großen Schlacht zwischen Alexander dem Großen und den Persern (Oktober 331 v.Chr.) gelegen. Die Stadt liegt an der Volksgrenze zwischen Arabern und Kurden; doch außer einer Ruine erinnerte nicht mehr viel an ihre einstige Größe. Die Ebene, in der sie liegt, öffnet sich nach Westen zum Großen Záb, einem Nebenfluß des Tigris, und nach Süden zum Tal des Kleinen Záb. Die Stadt, über der eine Burg auf einem Hügel lag, war Marktplatz für die Kurden dieser Gegend und Sitz eines Qá'im-Maqám.

Die Karawane traf hier an einem der zwei hohen muslimischen Feiertage ein, dem al-`Id al-`Adhá, an dem Abrahams Bereitschaft zur Opferung seines Sohnes gefeiert wird und die Gläubigen in Mekka zu den Pilgerriten zusammenströmen. Die Würdenträger der Stadt, die zur Begrüßung Bahá'u'lláhs herauskamen, brachten als Opfergabe eine Speise, die mit dem Fleisch von Opfertieren zubereitet war. Klar und unverkennbar zeigte sich ihre wundersame Zuneigung zur Person Bahá'u'lláhs.

Nach der Abreise aus Irbíl erreichte die Karawane die reißenden Wasser des Záb. Mit Booten wurde die starke Strömung des Flusses überquert, an dessen Ufern in der Vergangenheit berühmte Schlachten stattgefunden haben.¹ Zwei Maultiere wurden abgetrieben und konnten nicht gerettet werden. Am anderen Ufer schlug die Karawane für den ersten Teil der Nacht ihr Lager auf. Als man um Mitternacht in Richtung Mosul weiterreisen wollte, kamen starke Winde auf. Ein kurzer Halt wurde bei dem Dorf Baratallih eingelegt, das von Christen bewohnt wurde, und eine oder zwei Stunden nach Sonnenaufgang traf die Karawane in Mosul ein. Dort lagerte sie am Ostufer des Tigris, wo auch Nabíyu'lláh-Yúnis liegt. Muslime wie Christen glauben, daß der Prophet Jonas in dem Grabhügel dieser Ansiedlung begraben liegt; daher auch ihr Name. Auf diesem Ostufer lag der größte Teil des alten Ninive, auf dem gegenüberliegenden Ufer war Mosul auf der Stätte eines westlichen Vorortes erbaut. Mosul war schon stark verfallen, aber immer noch eine schöne Stadt am Abhang des Jabal-Jubilah; die Häuser bildeten ein Amphitheater, das sechs Meilen Umfang maß.

¹ Hier entschied sich im Januar 750 n.Chr. das Schicksal der Omajjaden. (s. Balyuzi: Muhammad and the Course of Islam, S. 218)


#222

(Bildlegende: Blick auf Mosul über den Tigris (aus Geary, Through Asiatic Turkey)


Mírzá Yahyá war verkleidet in Mosul eingetroffen; ein Araber namens Záhir begleitete ihn. Aqá Ridá merkt an, daß sein Verhalten ihn in den Augen dieses Gefährten, der sein Diener sein sollte, schon herabgesetzt hatte. Als sich Mírzá Yahyá zu erkennen gab, beklagte er sich bitter über die Art, wie sich Záhir ihm gegenüber aufführte: "Er lümmelt herum, und obwohl er genau weiß, wie sehr ich den Tabakgeruch verabscheue, stopft er ständig seine Pfeife und qualmt." Nach Angabe von Aqá Ridá sagte Mírzá Yahyá auch folgendes: "Ich bin von Baghdád aus nicht mit euch gekommen, denn ich hatte Angst, man würde euch den persischen Behörden ausliefern. Um einem solchen Fall auszuweichen, habe ich mich verkleidet und bin weggegangen." Weiter berichtet Aqá Ridá, daß Bahá'u'lláh in Baghdád zu Mírzá Yahyá gesagt hatte: "Wenn du mitkommen willst, werde ich Námiq Páshá entsprechend informieren; aber komm unverkleidet." Doch Mírzá Yahyá hatte diese Einladung abgelehnt. In Mosul aber, ein gutes Stück von der íránischen Grenze entfernt, wurde Mírzá Yahyá kühn genug, sich zu erkennen zu geben, wenn auch immer noch in Verkleidung. Außer Mírzá Aqá Ján und Siyyid Muhammad-i-Isfahání, die ihn kannten, wußte niemand, wer er war. Manche hielten ihn für einen reisenden Juden, der sich aus Sicherheitsgründen ihrer Karawane angeschlossen habe, und behandelten ihn daher freundlich. Aqá Ridá gibt an, daß er manchmal in das gemeinsame Zelt der Männer kam, ohne sich jedoch zu erkennen zu geben.


#223

In einem Sendschreiben an die Bahá'í von Shíráz gibt `Abdu'l-Bahá eine ausführliche Schilderung von Mírzá Yahyás Leben: seine feige Ängstlichkeit, seine Unfähigkeit und Unterwürfigkeit, sein ständiges Weglaufen vor einer wirklichen oder eingebildeten Gefahr, sein Versagen bei der Verbreitung der Religion des Báb. Er schreibt: »Wir erreichten Mosul und schlugen unser Lager am Ufer des Tigris auf; die Stadtoberen kamen scharenweise, eine Gruppe nach der anderen, um in Seine (Bahá'u'lláhs) gesegnete Gegenwart zu gelangen. Zur Mitternacht erschien der schon erwähnte Araber namens Záhir und sagte, Seine Gnaden [Mírzá Yahyá] wohnten in einem Gasthaus vor der Stadt und wünschten jemanden von der Karawane zu sprechen. Mein Onkel Mírzá Músá ging zur Mitternacht dorthin und traf mit ihm zusammen. Mírzá Yahyá erkundigte sich nach seiner Familie und erfuhr, daß diese ihr eigenes Zelt habe und daß er sie besuchen könne. Er sagte, dies halte er auf keinen Fall für angebracht, doch wolle er die Karawane begleiten, in der auch seine Familie reise. So kam er mit bis Diyárbakr, einen schwarzen Strick um den Kopf und eine Bettelschale in der Hand, immer nur in Gesellschaft der Araber und Türken in der Karawane. In Diyárbakr ließ er wissen, er wolle in der Nacht seine Familie besuchen und sich am Morgen dem Hauptteil der Karawane anschließen. So geschah es auch. Da Hájí Siyyid Muhammad ihn kannte, gab er ihn für einen persischen Derwisch aus, mit dem er Bekanntschaft hatte und der ihn besuchte; aber weil die anderen Freunde ihn [Mírzá Yahyá] nie gesehen hatten, wußten sie nicht, wer er war.«¹ `Abdu'l-Bahá erzählt dann, wie Mírzá Yahyá mit Siyyid Muhammad - dem Mann, der später sein wichtigster Fürsprecher und sein böser Geist werden sollte - in Streit geriet und zu Bahá'u'lláh lief, um sich zu beschweren. Nachdem Bahá'u'lláh Siyyid Muhammads Erklärung angehört hatte, tadelte Er ihn als Unruhestifter.

¹ Aus einem unveröffentlichten Sendschreiben, nach der englischen Übersetzung von H.M.Balyuzi


#224

Die Karawane blieb drei Tage in Mosul, wo Bahá'u'lláh und Sein Gefolge auch das öffentliche Bad besuchten. Am dritten Tag brachen sie gegen Sonnenuntergang das Lager ab und machten sich auf den Weg nach Zákhú, das drei Wegstrecken entfernt lag. Auf der letzten Wegstrecke zeigten die Bewohner der Gegend, die Yazídí-Kurden, Anzeichen von Feindseligkeit. Die Karawane hatte am Fuß eines Berges Halt gemacht; aber die Kurden stellten ihr keine Wachtposten zur Verfügung, verkauften keine Lebensmittel, gebrauchten Beschimpfungen und warfen sogar mit Steinen. Daraufhin stellten die Reisenden selbst die Wachen; eine Gruppe sang laut: "Wessen ist die Herrschaft?", und eine andere Gruppe entgegnete: "Gottes - des Allgewaltigen, des Allmächtigen." Bei der ersten Morgendämmerung machte sich die Karawane, nach den Erlebnissen dieser Nacht sicher ermüdet, auf die Weiterreise. Die Straße führte jetzt über steinige Bergpässe und durch enge Hohlwege, die von zahlreichen Laubbäumen beschattet waren. Aqá Ridá schreibt, daß sie nur langsam vorwärts kamen, da es große Schwierigkeiten bereitete, die Kajávihs hindurchzumanövrieren. In der Gegend von Zákhú schickte ihnen der Qá'im-Maqám dieses Ortes eine Gruppe von Männern entgegen, die ihnen bei der Weiterreise behilflich sein sollten, besonders beim Befördern der Kajávihs. Jede Kajávih wurde von vier Männern geradegehalten und weitergeführt. Als die Reisenden endlich vor Zákhú ankamen, fanden sie an der Straße bereits den Qá'im-Maqám und die Stadtoberen vor, die darauf warteten, sie zu begrüßen und Bahá'u'lláh ihre Ehrerbietung zu erweisen. Hier wurde den Reisenden ein wirklich warmer und freudiger Empfang zuteil; man hatte schon ein Festessen vorbereitet, das Bahá'u'lláh freundlich annahm. Besonders der Muftí brachte die Freude zum Ausdruck, die die Menschen über die Ehre dieses Besuches empfanden. Bahá'u'lláh sagte zu dem Qá'im-Maqám: "Sooft man uns unterwegs als Gäste aufnehmen und mit einem Festessen bewirten wollte, haben Wir dies nicht angenommen, so wie Noahs Arche nirgends Ruhe fand außer auf dem Berg Ararat." Aqá Ridá merkt dazu an, daß Zákhú nicht weit vom Berg Ararat entfernt lag. Jetzt überquerte die Karawane den Fluß, den Aqá Ridá besonders wegen seines kalten, erfrischenden Wassers in der Erinnerung behielt. Gegenüber der Stadt wurden die Zelte aufgeschlagen. Aqá Ridá hat den Ausspruch des Muftí festgehalten, alle Einwohner der Stadt wären ergebene Anhänger Bahá'u'lláhs geworden, wenn Er einige Tage dort verweilt hätte. Aber der Tag war schnell vorbei, und bei Einbruch der Nacht machte sich die Karawane auf den Weg nach Jazírih. Der Qá'im-Maqám hatte verschiedene Geschenke, darunter auch Schnee geschickt, und die aufmüpfigen, wilden Kurden der vorigen Nacht hatte er zur Bestrafung vorführen lassen. Unterwegs vereinigte sich der Fluß von Zákhú mit einem anderen Fluß, und der Qá'im-Maqám stellte nochmals Geleit, um die Karawane hinüberzubringen und den Kajávihs noch mehr Schutz zu geben.


#225

Jazírih wurde am nächsten Tag erreicht. Dort war ein altes Schloß, in dessen Nähe die Karawane am Flußufer ihr Lager aufschlug. Das von Kurden bevölkerte Jazírih war in früheren Jahrhunderten, in den Tagen der kurdischen Ayyúbidendynastie, die der berühmte Saláhi'd-Dín (Saladin) begründet hatte, eine blühende Stadt gewesen, doch jetzt zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Im vierzehnten Jahrhundert hatte es eine große jüdische Kolonie, und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war es eine Feste der Yazídís, bis diese bei einem türkischen Angriff niedergemacht wurden. Danach blieb die Bevölkerung von Jazírih überwiegend kurdisch.

Nach Sonnenuntergang reiste die Karawane weiter in Richtung Nisíbín, einst ebenfalls eine Stadt von historischer Bedeutung - Residenz des Tigranes von Armenien, römische Grenzfeste gegen die Parther, zeitweise mit mehreren tausend Einwohnern -, doch jetzt ohne Einfluß und lediglich Sitz eines Mudír (Ortsgouverneurs). Hier wurden die Zelte an einem sehr angenehmen Platz bei dem reißenden Flüßchen Jakhjakh aufgeschlagen, das sich schäumend in den Fluß Khabur ergoß.

Von Nisíbín setzte die Karawane ihre Reise nach Márdín fort, das zwei oder drei Wegstrecken entfernt lag. Unterwegs kamen sie durch Hasan-Aghá in einer unfruchtbaren Ebene, in der es kein Grün und keine Weidemöglichkeit gab. Uthmán, der Maultiertreiber, führte Klage, daß seine Tiere nicht genug Futter bekämen. In dieser Nacht, schreibt Aqá Ridá, kam Bahá'u'lláh aus Seinem Zelt, um Seine Gefährten zu besuchen und für ihr Wohlergehen zu sorgen.

`Abdu'l-Bahá schreibt über diese Zeit:

»Damals herrschte auf der ganzen Strecke Hungersnot. Wenn wir eine Station erreicht hatten, ritten Mírzá Jaf`ar und ich von Dorf zu Dorf, von einem Araber- oder Kurdenzelt zum anderen, um für Menschen und Tiere Verpflegung, Stroh, Gerste usw. zu bekommen. Oft waren wir bis Mitternacht unterwegs.« (Star of West XIII S.278)

»Eines Tages kamen wir zu einem Türken, der gerade seine Ernte einbrachte. Als wir bei ihm den großen Berg Stroh erblickten, glaubten wir, daß wir ans Ziel unserer Suche gekommen wären. Ich wandte mich höflich an den Türken und sagte: "Wir sind Ihre Gäste, und es gehört zu den Zeichen des (religiösen) Glaubens, daß man neu angekommene Gäste ehrt. Ich habe sagen hören, daß Sie ein sehr freigebiges Volk und sehr großzügig sind, und wenn Sie einen Gast aufnehmen, schlachten und kochen Sie ein ganzes Schaf für ihn. Wir brauchen jetzt dies und das und bezahlen Ihnen gerne jeden Preis, den Sie verlangen. Wir hoffen, daß das ein faires Angebot ist."« (Star of West XIII S.278)

»Er überlegte einen Augenblick, dann sagte er: "Macht euren Sack auf." Mírzá Jaf`ar machte ihn auf, und der Mann gab ein paar Handvoll Stroh hinein. Darüber mußte ich lachen. Ich sagte: "Mein Freund, was können wir mit dem bißchen Stroh anfangen? Wir haben sechsunddreißig Tiere, und jedes braucht Futter!" Kurz, wir bekamen überall viele Schwierigkeiten, bis wir nach Khárpút kamen. Dort bemerkten wir, daß unsere Tiere ganz mager geworden waren und nur mühsam weitergehen konnten. Aber wir bekamen für sie weder Stroh noch Gerste.« (Star of West XIII S.278)


#226

Von Hasan-Aghá gelangte die Karawane in ein Dorf am Fuß des Berges Márdín, eines Kalksteinmassivs, beherrscht von einer als uneinnehmbar geltenden Feste. Dort wurden einem Araber, der mit der Karawane reiste, bei Nacht zwei Maultiere gestohlen. Der Eigentümer war außer sich vor Kummer. Bahá'u'lláh bat den offiziellen Begleiter der Karawane, alles zu versuchen, um die fehlenden Tiere wieder aufzutreiben. Dann wurden noch weitere Amtspersonen hinzugezogen, aber die Tiere fanden sich nicht. Als die Karawane gerade wieder aufbrechen wollte, wandte sich der arme Araber weinend an Bahá'u'lláh: "Jetzt reisen Sie ab, und ich bekomme meine Tiere nie wieder." Sofort ließ Bahá'u'lláh die Weiterreise absagen. "Wir gehen nach Firdaws," sagte Er, "und bleiben dort so lange, bis die Maultiere dieses Mannes gefunden sind und er sie zurückerhalten hat." Aqá Ridá merkt dazu an, daß Firdaws (Paradies) ein prächtiges Herrenhaus war, das in der Nähe der 1ÿ300 m hoch gelegenen Stadt Márdín inmitten eines Obstgartens auf dem Berge stand. Firdaws war wirklich ein schöner Ort, in dem Bäche flossen. Die Kajávihs wurden hinaufgeführt, und der Teil der Karawane, der schon aufgebrochen war, kehrte wieder um. Der Mutasariff (Gouverneur) von Márdín kam mit anderen Würdenträgern und Oberen eilends herbei, um Bahá'u'lláh zu begrüßen. Einige Männer wurden beauftragt, das Herrenhaus zu reinigen und in Ordnung zu bringen und die Bäche und Sprühanlagen mit Wasser zu füllen. Jetzt gingen in Firdaws ständig hochgestellte Bürger der Stadt aus und ein, um Bahá'u'lláh ihre Aufwartung zu machen. Die Bevölkerung bestand fast zur Hälfte aus Christen - Armenier, Chaldäer, Jakobiten und Syrer -, die sich vor den Angriffen orthodoxer Christen und Muslime in die Berge geflüchtet hatten.


#227

(Bildlegende: Márdín (aus Geary, Through Asiatic Turkey)


Der Mutasarrif drohte dem Dorfältesten des Ortes, wo man die Maultiere gestohlen hatte, er werde ihn einsperren lassen, wenn die Tiere nicht zum Vorschein kämen. Der Dorfälteste bot statt der Tiere eine Geldzahlung an; Bahá'u'lláh bestand jedoch darauf, daß der Araber ein Recht auf Rückgabe seiner Tiere habe. Am zweiten Tag kam der Dorfälteste mit einem von hohen Beamten verbürgten Schuldschein über 60 Pfund, die innerhalb eines Monats zahlbar waren und dem Wert der zwei Maultiere entsprachen. Bahá'u'lláh lehnte jedoch auch dieses Angebot ab. Da begriff der Dorfälteste, daß sein Spiel verloren war; er ließ die Tiere holen und übergab sie ihrem Eigentümer, der völlig außer sich war. Die Leute waren fassungslos, denn so etwas hatten sie noch nie erlebt. Gestohlenes Gut hatte sich noch nie wiedergefunden, und noch kein rechtmäßiger Eigentümer hatte je Entschädigung erhalten. Aqá Husayn-i-Ashchí schrieb etwa vier Jahrzehnte später in seinen Erinnerungen, daß mehrere Beamte zu Bahá'u'lláh gingen und Ihm berichteten, welche Rolle sie selbst bei der Wiederfindung der Tiere gespielt hatten, und daß sie eine entsprechende Belohnung erhielten. Der Mutasarrif erhielt einen kostbaren Kaschmir-Schal, der Muftí eine kolorierte Ausgabe des Qur'án und der Anführer der Reiter ein Schwert in juwelenbesetzter Scheide.


#228

Der Zweck der Unterbrechung in Firdaws war erreicht, und Bahá'u'lláh ließ am dritten Tag die Reise fortsetzen. Es wurde ein glanzvoller Abschied. Der Weg führte durch die Hauptstraße der Stadt Márdín. Vorne ritt die Kavallerie der Regierung mit Trommeln und wehenden Fahnen, dann kam die Karawane, vom Mutasarrif und anderen hohen Würdenträgern eskortiert. Die ganze Stadt war auf den Beinen, alles drängte sich auf den Straßen, um der Karawane zuzujubeln und den Durchzug zu verfolgen. Der Abstieg von der Bergspitze ging langsam vor sich, dann sagte Bahá'u'lláh dem Geleit Lebewohl und gebot den Männern, sie sollten in ihre Stadt zurückgehen. Die Karawane zog nun weiter; die Reise führte den ganzen Tag durch Buschwerk und über saftige Wiesen, bis zum Abend, als man an einem grünen Platz neben einem Wasserlauf Rast machte. Die Zelte wurden für die Nacht aufgeschlagen. Nach zwei weiteren Zwischenstationen gelangte man in drei Tagen zur nächsten historischen Stadt: Diyárbakr im Herzen von Kurdistán.

Diyárbakr liegt am Nordende von Mesopotamien auf der Stätte des antiken Amid an der strategischen Gabelung der zwei Hauptstraßen zwischen den Becken des Euphrat und des Tigris, an einer Stelle, wo türkisches, armenisches, kurdisches und arabisches Volksgebiet zusammenstoßen. Fast 700 m hoch gelegen, überblickt die Stadt eine ausgedehnte, fruchtbare Ebene, seit Menschengedenken die Kornkammer Westasiens. Obwohl das Klima mild ist, war die Stadt doch wegen ihrer Mauern aus schwarzem Basalt ungesund und naßkalt und hatte enge, schlammige Straßen. Dies war vielleicht Grund genug für den unfreundlichen Empfang, der den Reisenden zuteil wurde.

Was auch immer die Ursache war - der Válí von Diyárbakr, Hájí Kíyámilí Páshá, war im Gegensatz zu seinen Kollegen im Dienst der Regierung jedenfalls nicht freundlich. Er weigerte sich, bei der Suche nach einem Lagerplatz für die Karawane behilflich zu sein. Schon lange vor deren Ankunft in der Stadt war der offizielle Begleiter der Karawane vorausgeeilt, um sich zu erkundigen, wo sie lagern könne. Als die Karawane dann vor den Stadttoren ankam, mußte sie lange auf die Rückkehr ihres Reisebegleiters warten. Man hatte ihn zwei Stunden warten lassen, bevor man ihm sagte, die Karawane solle nach `Alí-Páríb im Süden der Stadt gehen. Nun befand sich die Karawane aber auf der falschen Seite. Sie mußte daher wenden, was mit einigen Schwierigkeiten verbunden war, und um die Stadt herum nach Alí-Páríb ziehen, einem weiten Obstfeld mit einem schönen Haus. Dort wurde ihr nun der Zutritt verweigert mit der Begründung, durch die Essensgerüche würden die Seidenraupenlarven beeinträchtigt. Es hatte keinen Zweck, weiter zu verhandeln oder zu dem querköpfigen Válí zurückzukehren, und so sagte Bahá'u'lláh Seinen Begleitern, sie sollten die Zelte außerhalb des Obstgartens aufschlagen. Über diesem Hin und Her war der ganze Tag verstrichen, und die Sonne ging fast unter, ehe die Karawane rasten konnte.


#229

Dieser Válí, der sich so bewußt unhöflich gezeigt hatte, sollte schon nach kurzer Zeit seinen Lohn erhalten. In Diyárbakr wurde das Brot knapp, die Preise stiegen extrem an. Die Leute suchten nach einem Schuldigen und kamen - zu Recht oder zu Unrecht - zu dem Schluß, daß der Válí selbst für ihr Unglück verantwortlich sei. Sie machten einen Aufstand und fügten ihm solche Demütigungen zu, daß der Regierung nichts übrig blieb, als ihn seines Postens zu entheben.¹

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¹ In einem Telegramm vom 1. Juli 1863 gab der britische Konsul in Diyárbakr, I.G.Taylor, dem britischen Gesandten in Istanbul folgenden Bericht: "Leider kann ich über die Zustände in diesem Pashalik in den letzten sechs Monaten keinen günstigen Bericht geben. Überall herrscht Unordnung ..., und die Regierung hat anscheinend die Kontrolle und allen Einfluß auf das Volk verloren, innerhalb wie auch außerhalb der Städte ..."

Weniger als zwei Monate zuvor, am 11. Mai 1863, hatte Taylor die chaotischen Zustände wie folgt geschildert: "Die Stadtverwaltung und die Rechtsprechung in der Stadt decken sich mit der Verwirrung und Willkürherrschaft draußen. Gerechtfertigte wie auch vorgeschobene Beschwerden und Ansprüche werden unterdrückt oder aber durch geheime Nötigung oder unverfrorenen Meineid durchgebracht." In der gleichen Mitteilung werden etwa zwanzig Morde erwähnt, die sich in der Provinz unlängst ereignet hätten. "In keinem einzigen Fall wurden die Mörder gefaßt, und anscheinend besteht auch gar kein Interesse daran, ob sie gefaßt werden oder nicht ..." (FO 195. 752)

Über die Unruhen wegen der Lebensmittelknappheit berichtete er am 1. Juli: "In Diarbekr [sic] selbst hat der miserable, korrupte Verwaltungsstil der letzten achtzehn Monate zu schimpflichen Aufständen geführt, angeblich wegen des hohen Getreidepreises. Ich sage angeblich; denn der aktuelle Preis sowie die Lagerbestände und der Zustand der Ernte rechtfertigen keine so übermäßige Protestaktion, für die es noch andere Ursachen geben muß. Der Pasha sieht das selbst und hat daher mehrere einflußreiche Vertreter der Gruppe, die gegen ihn arbeiten soll, ins Gefängnis geworfen, obwohl er sich mehrmals nichts daraus gemacht hat, von den gleichen Leuten große Geldsummen zu leihen. Auch die finanzielle Lage der Provinz ist schlecht. Die Salz- und Tabaksteuern haben sich, gemessen an den großen Erwartungen, die man in sie gesetzt hatte, als finanzieller Fehlschlag erwiesen, und bei dem jetzigen Zustand des Landes kann auch kein Wandel zum Besseren erwartet werden." (FO 195.752)

Hintergrundinformationen zu den Aufständen gibt er in seinem halbjährlichen Wirtschaftsbericht, der auch das Datum des 1. Juli 1863 trägt und aus dem die folgenden Auszüge entnommen sind: "Der Zustand der Feldfrucht ist wegen des strengen Winters und verspäteten Frühlings schlecht im Vergleich zu den letzten drei Jahren - wenn auch nicht unterdurchschnittlich - und weckt Befürchtungen bei den ärmeren Klassen. Von einer ernsthaften Lebensmittelkrise kann man nicht sprechen, und bei den großen Beständen an altem Weizen ist eine solche auch keineswegs zu erwarten; - da diese sich aber in den Händen von Kapitalisten befinden, die wegen der derzeitigen Ernteverhältnisse alles verfügbare Getreide aufgekauft und gehortet haben, hängt das ganze Land vom Wohlwollen dieser Leute ab, und sie haben das auch schon zu erkennen gegeben, indem sie ihre Lagerhäuser zeitweilig aus Profitgründen geschlossen haben. All dies in Verbindung mit den Verwüstungen, die die Heuschrecken angerichtet haben - diese wurden ihrerseits durch prinzipienlose Männer, die den Regierungszehnten auf Getreide viel billiger als im letzten Jahr zu erhalten hoffen, allerdings bei weitem übertrieben -, dazu die umfangreichen Getreidelieferungen nach Kharput: dies zusammen hat zu einer bedenklichen Preissteigerung geführt, so daß Weizen, dessen Preis ich im Dezember mit neunzig Piaster pro Kilo angab..., jetzt einhundertfünfzig Piaster kostet ... Folglich kam es zu schweren Unruhen, an denen sich auch Frauen im Alleingang beteiligten. Geschäfte wurden aufgebrochen, Wagenladungen gewaltsam entladen und geplündert, bekannte Getreidehändler wie auch der Pasha und andere Regierungsbeamte beschimpft. Um die Unruhestifter - gegen die man kaum physische Gewalt einsetzen konnte - zu beschwichtigen, verbot Seine Exzellenz die Getreideausfuhr und bestimmte einen Festpreis. Diese Maßnahmen haben die Preise zeitweilig sinken lassen - obwohl sie immer noch sehr hoch sind -, und es wird wohl keine große Preissenkung mehr geben, solange sie in Kraft sind."

Nachdem Sir Henry Bulwer, der britische Gesandte in Istanbul, das Telegramm des Konsuls vom 11. Mai 1863 erhalten hatte, ordnete er an, es zu übersetzen und der Hohen Pforte zu übermitteln, und in einer Begleitnotiz empfahl er, die Mörder hart und exemplarisch zu bestrafen und den Válí abzulösen. Im Dezember 1863 wurde Hájí Kiyámilí Páshá entlassen, und Anfang Januar 1864 traf sein Nachfolger ein. (FO 195.752 und 799)

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#230

Die Karawane blieb drei Tage vor Diyárbakr. Man war jetzt weit von der íránischen Grenze entfernt, und nun gab sich Mírzá Yahyá allen zu erkennen. Nach Angaben von Aqá Ridá beteiligte er sich jetzt sogar am Leben der Karawane und ging mit einigen Gefährten in die Stadt, um Einkäufe zu tätigen. Es muß hier angemerkt werden, daß einige Männer mit der Karawane zogen, die keinerlei Beziehung zu den Bábí hatten, sondern lediglich der größeren Sicherheit wegen, und weil sie gastfreundlich aufgenommen wurden, diese Art des Reisens bevorzugten. Zu diesen Leuten gehörten ein Derwisch und auch ein Kurde namens Shaykh Mahmúd. Aus diesem Grund war es auch nicht besonders aufgefallen, als Mírzá Yahyá in Mosul zur Karawane stieß. Wie schon erwähnt, hielten manche ihn für einen Juden, der Schutz suchte.

Von Diyárbakr zog die Karawane weiter nach Ma`dan-i-Mis (Kupfermine). Am ersten Reisetag machte sie am Fuß eines Berges halt. Auf dem Berg konnten sie eine Stadt und ein Schloß erkennen; aber die Gebirgsstraße, die nach oben führte, war schwierig, und so machte niemand den Aufstieg. An diesem Halteplatz schlossen sich gegen Sonnenuntergang Nabíl-i-A`zam, Aqá Husayn-i-Naráqí und noch eine Person der Karawane an.


#231

In Ma`dan-i-Mis befand sich ein Perser in Gefangenschaft. Diesem gelang, an die Kajávih heranzukommen, in der Bahá'u'lláh saß, und Ihn zu bitten, sich für seine Freilassung zu verwenden. Bahá'u'lláh versprach, Er werde in Istanbul den persischen Gesandten Mírzá Husayn Khán Mushíru'd-Dawlih seinetwegen ansprechen, und dies tat Er auch nach Ankunft in der Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Er übermittelte dem Mushíru'-Dawlih die Bitte, sich für die Freilassung des armen Mannes zu verwenden, was dann auch geschah.

Aus Mitteilungen des britischen Konsuls in Diyárbakr an den britischen Regierungsvertreter in Istanbul kann man schließen, daß der Qá'im-Maqám von Ma`dan-i-Mis gerne solche Vorfälle provozierte; denn kurz vor Bahá'u'lláhs Ankunft dort hatte sich ein Volkshaufen unter Anführung der Männer des Qá'im-Maqám über einen ionischen Christen hergemacht, der unter britischem Schutz stand; man hatte ihn aus seinem Haus geworfen und sein Hab und Gut geplündert. Es sollte fast ein Jahr dauern, bis der britische Konsul die Sache zur Zufriedenheit regeln konnte. Die Bewohner von Ma`dan waren fast zu gleichen Teilen Muslime und Christen; doch lag die Macht bei den Muslimen, die - wie der Konsul schrieb - "in unverschämter Weise über die letzteren dominieren und sie völlig ihrer Willkür unterwerfen". Ein religiöser Aufruf hatte das Volk zu seinem Angriff auf den ionischen Christen aufgehetzt.¹

¹ Bericht (FO 195.752) des britischen Konsul in Diyarbakr vom 1.Juli 1863


Hier, in Ma`dan-i-Mis, geschah ein Unglück, das beinahe sehr ernste Folgen gehabt hätte. Aqá Ridá gibt eine plastische Schilderung davon, wie Bahá'u'lláhs Leben in Gefahr geriet und wie dieses Unglück abgewendet wurde. An einem Bergpaß entglitt Hájí Mahmúd auf der engen Straße der Zügel des Maultieres, das Bahá'u'lláhs Kajávih trug. Das Tier glitt aus, verlor den Halt und rutschte ein Stück den Abhang hinunter. Das geschah blitzschnell, und alle konnten nur noch voll Grauen auf das schier Unvermeidliche warten: daß das Tier in den Abgrund stürzen würde. Doch auf wunderbare Weise gewann das Maultier wieder Halt und kam langsam zum Stehen. Aqá Ridá schreibt, daß das Ausmaß der Gefahr gar nicht zu beschreiben war und daß nur ein Augenzeuge abschätzen könne, wie wundersam die Rettung war. Vor Freude darüber, daß sich die Gesegnete Vollkommenheit in Sicherheit befand, traten den Gefährten Tränen in die Augen.


#232

Nachdem diese Katastrophe abgewendet war, zerbrach eine Korbflasche mit Rosenwasser, so daß die ganze Ebene danach duftete. Kurz vor Sonnenuntergang befand sich die Karawane wieder auf einem Bergpaß mit vielen Pappeln und einem Flüßchen, dessen Wasser Aqá Ridá "köstlich" nennt. Hier wurde das Nachtlager aufgeschlagen, obwohl es weit und breit keine menschliche Ansiedlung gab. Die nächste Tagesreise führte zu einem Dorf, das von Christen bewohnt wurde. Auch hier waren viele Bäume, und unter diesen wurden die Zelte aufgebaut.

Am folgenden Tag erreichte man die befestigte Stadt Khárpút, die eine fruchtbare, bewirtschaftete Ebene überblickt und nach Angaben von Aqá Ridá damals Ma`múrati'l-`Azízah (die herrliche Stadt) genannt wurde. Schon fast drei Meilen vor der Stadt erwarteten Würdenträger und Beamte die Karawane, um sie willkommen zu heißen. Als dann die Zelte errichtet waren, kam der Válí selbst in Begleitung einer Anzahl von Stadtoberen, um Bahá'u'lláh seine Aufwartung zu machen, und nach seiner Rückkehr in die Stadt sandte er ein Schaf, Fleisch, Reis, Küchenfett, Kirschen und andere Lebensmittel als Geschenk. `Abdu'l-Bahá gab seinem Sekretär folgenden Bericht über dieses hochwillkommene Ereignis und über die nächsten Tage:

»In Khárpút stattete uns der amtierende Generalgouverneur einen Besuch ab - und er brachte zehn Wagenladungen Reis, zehn Sack Gerste, zehn Schafe, einige Körbe Reis, einige Beutel mit Zucker, viel Butter usw. mit. Es waren Geschenke des Generalgouverneurs `Izzat Páshá an die Gesegnete Vollkommenheit. Als ich nach allem, was wir erlebt hatten, und nach all den Schwierigkeiten, unterwegs etwas von den Bauern zu bekommen, jetzt diese Sachen ansah, wußte ich, daß sie von Gott gesandt waren - und sie wurden freudig angenommen.« (Star of West III S.278)

»Aqá Husayn Ashchí war damals unser Hilfskoch. Er arbeitete Tag und Nacht und fand keine Zeit zum Schlafen. Wir blieben eine Woche in Khárpút und ruhten uns aus. Ich schlief zwei Tage und Nächte hindurch. Der Generalgouverneur `Izzat Páshá suchte die Gesegnete Vollkommenheit auf. Er war ein sehr guter Mann, der uns viel Liebe und gute Dienste erwies.« (Star of West S.278)


#233

Mírzá Muhammad-`Alí, genannt Ghusn-i-Akbar (der Größere Zweig), ein jüngerer Sohn Bahá'u'lláhs, erkrankte hier, und die Karawane blieb so lange, bis er wieder gesund war. Unterdessen besuchten Bahá'u'lláh und einige Seiner Angehörigen das öffentliche Bad. Die alte Stadt Khárpút, die ein befestigtes Schloß besitzt, liegt auf der Spitze eines Berges. Einige aus der Karawane, darunter Mírzá Ja`far, erstiegen den Berg, um sich die Altstadt anzusehen; nach Angabe von Aqá Ridá berichteten sie, sie sei nicht einladend.

Nach ein paar Tagen zog die Karawane weiter nach Ma`dan-i-Nuqrih (Silbermine). Hier starb Shaykh Sádiq-i-Yazdí, der Mann, den Bahá'u'lláh nach Baghdád zurückgeschickt hatte, der aber nach zwei Monaten die Trennung von Ihm nicht länger aushalten konnte und sich allein auf den Fußmarsch nach Istanbul begeben hatte. Sie hatten jetzt den Oberlauf des Euphrat erreicht, überquerten diesen und schlugen am anderen Ufer die Zelte auf.

Hier erregte das Verhalten einiger Angehöriger Bahá'u'lláhs Zorn. Sie hatten sich über die vielen Maulbeerbäume hergemacht und sich an den Früchten sattgegessen. Er tadelte Seinen Bruder Mírzá muhammad-Qulí und ging dann in Sein Zelt. Am Spätnachmittag, als man damit rechnete, daß Er wieder aus dem Zelt kommen würde, wartete Sein ganzes Gefolge einschließlich Mírzá Yahyá vor dem Zelt, und als Bahá'u'lláh erschien, verbeugten sich alle vor Ihm. Bahá'u'lláh sagte lächelnd: "Heute hat göttlicher Zorn fast alle erfaßt, wie ihr bemerkt habt." Alle waren ganz still. Dann setzte sich Bahá'u'lláh und ließ ihnen Tee reichen.

Von Ma`dan-i-Nuqrih waren es vier Wegstrecken bis Sívás, der nächsten großen Stadt. Aqá Ridá berichtet über die Kälte auf dem anatolischen Hochland. An allen Zwischenstationen kamen regelmäßig die Gemeindeoberen heraus, um die Reisenden zu begrüßen. Eine dieser Zwischenstationen hieß Dilík-Tásh; eine weitere wurde an einem Fluß eingelegt, wo Bahá'u'lláh zur Ader gelassen wurde. Aqá Ridá schreibt, daß Bahá'u'lláhs Blut in diesen Fluß tropfte.

Danach erreichten sie Sívás, das etwa 1300 m über dem Meeresspiegel am Fluß Kizil-Irmak liegt, und lagerten auf der Nordseite. Als Knotenpunkt der Karawanenstraßen vom Schwarzen Meer, dem Euphrat und dem Mittelmeer war Sívás eine große, blühende Stadt. Aber wie Aqá Ridá berichtet, hatte es keine Obstgärten, die Bäume trugen nicht gut, und das Gemüse wurde von Túqát herangefahren. Kurz vor Sonnenuntergang kam der Válí in Begleitung einiger Würdenträger und Notabeln, um Seine Aufwartung zu machen. In Sívás besuchte Bahá'u'lláh das öffentliche Bad.


#234

(Bildlegende: Amásíyá (aus Reclus, Universal Geography)


Jetzt begab sich die Karawane in drei Wegstrecken auf die Reise nach Túqát. Aqá Ridá schreibt, daß es sehr kalt war. An einem der Haltepunkte fanden sie, daß die Häuser alle unter die Erde gebaut waren. Die Leute, die dort wohnten, erzählten ihnen, daß sie in den Wintermonaten gezwungen waren, unter der Erde zu wohnen. An einem anderen Tag kamen sie an einen sehr großen Obstgarten, neben dem sie ihr Lager aufschlugen. Mírzá Yahyá half auch beim Aufbauen eines Zeltes mit und hielt ein Seil; als er ihn so beschäftigt sah, verfaßte Nabíl-i-A`zam einen Zweizeiler, in dem er seinen Zustand beschrieb.

In Túqát, wo sie Äpfel und Birnen von ausgezeichnetem Geschmack im Übermaß vorfanden, lagerten sie am Ufer des Yeshil Irmak (oder Iris), der in Richtung Amásíyá fließt. Túqát war eine wichtige Stadt an der Straße vom oberen Mesopotamien nach Konstantinopel; aber trotz Marmor- und Steinbrüchen in der Umgebung und trotz einer Kupfergießerei, die nach Persien, Turkistán und Ägypten lieferte, wohnten hier die meisten Leute in Lehmziegelhütten. Die Vororte von Túqát zogen sich jedoch mit fruchtbaren Gärten und Feldern weit in die angrenzenden Täler hinein.


#235

Vor Amásíyá angekommen, machte die Karawane für zwei Tage außerhalb der Stadt halt, die wegen ihrer achtzehn theologischen Seminare mit 2ÿ000 muslimischen Studenten einmal das "Oxford Anatoliens" genannt wurde. Obgleich ein Zentrum muslimischer Orthodoxie, bestand die Bevölkerung doch zu ungefähr einem Viertel aus Griechen und Armeniern. Die Stadt lag an einer engen Stelle des Iristales, im Westen überragt von steilen Felsgipfeln, im Osten von weniger steilen Hängen mit Weinbergen und Häusern. Amásíyá war die Geburtsstadt Strabos, und die von ihm beschriebene Zitadelle krönte noch immer einen der Gipfel im Westen. Mit ihrer hübschen Moschee, den Springbrunnen, den alten Häusern und ihrem relativ sauberen Zustand konnte sich die Stadt durchaus sehen lassen. Wie üblich, kamen der Gouverneur und seine Honoratioren, um die Gäste zu begrüßen. Bahá'u'lláh besuchte das öffentliche Bad, und die Reisenden fanden ausgiebige Obstvorräte vor. Aber jetzt waren ihre Mittel erschöpft, und Aqá Ridá erzählt, daß einige ihre Pferde verkaufen mußten, wobei das Pferd von Aqá Muhammad-`Alíy-i-Yazdí einen hervorragenden Preis erzielte.

Von Amásíyá ging es weiter nach Iláhíyyih, einer kleinen, freundlichen Stadt mit Sitz eines Qá'im-Maqám. Er kam mit seinen Honoratioren viel zu früh heraus, um die Reisenden zu begrüßen. Als man bemerkte, daß zwar die Zelte schon angekommen waren, nicht aber die Männer, richtete man die Zelte für sie auf; später kamen alle in die Gegenwart Bahá'u'lláhs und hießen Ihn willkommen. Hier regnete es etwas. Aqá Ridá berichtet, daß es in Iláhíyyih sehr schön war, denn die Leute waren die Freundlichkeit selbst.

Dann brach die Karawane zum letzten Teil ihrer Landwanderung auf und zog in Richtung Sámsún, der Küstenstadt am Schwarzen Meer. Der Weg führte durch Gebirge und dichte Wälder. Ein Maultier mit Koffern und Kisten ging in diesen Wäldern verloren. `Abdu'l-Bahá machte sich in Begleitung von Aqá Muhammad `Alíy-i-Jilawdár und einem anderen auf die Suche; sie fanden das Maultier und kehrten am nächsten Tag kurz vor dem Schwarzmeerhafen zur Karawane zurück. In dieser Nacht machte die Reisegesellschaft bei einem großen Kaffeehaus halt, das an der Straße lag. Nun war es nur noch eine Wegstrecke bis Sámsún, und endlich erblickten sie das Meer.¹

¹ Für die Schilderung dieses Reiseweges konnten viele geographische und historische Informationen (soweit sie nicht die Bahá'í betrafen) aus Reclus: The Universal Geography (s. Bibliographie) entnommen werden.


#236

Da wandte sich Mírzá Aqá Ján an Bahá'u'lláh mit der Bitte, zu Ehren dieses Augenblickes ein Sendschreiben zu offenbaren.

Mírzá Aqá Ján brachte Schreibmaterial herbei. Bahá'u'lláh saß in Seiner Kajávih, Seine Hand bewegte sich über das Papier, und Er sang mit lauter Stimme, was aus Seiner überströmenden Feder floß. So wurden die ergreifenden Verse der Súriy-i-Hawdaj (Sendschreiben von der Howdah) im Angesicht des Schwarzen Meeres offenbart, kurz bevor man dessen Küste erreichte. Dies war das Ende einer Reise, die einhundertzehn Tage gedauert hatte - sie hatte durch die nördliche Ebene des `Iráq, durch die Heimat der Kurden und zuletzt durch das anatolische Hochland mit seinen Gebirgen und Tälern geführt. Als Bahá'u'lláh zum letztenmal aus Seinem Haus in Baghdád getreten war und damit den ersten Tag des erinnerungswürdigsten, größten aller Feste - des Ridván-Festes - verkündet hatte, war die Súrih-i-Sabr (das Sendschreiben von der Geduld) aus der Erhabensten Feder geflossen - so wie diese jetzt, am letzten Tag einer mühsamen, aber triumphalen Reise von vier Monaten weniger zehn Tagen, die Súrih-i-Hawdaj offenbarte. Aqá Ridá hat in seinem Bericht den vollen Wortlaut der Súrih-i-Hawdaj aufgezeichnet und schildert in bewegten Worten die Macht und Herrlichkeit dieser wundersamen Stunde. Es war der würdige Abschluß eines Auszugs, den seine Anstifter als Zug der Demütigungen geplant hatten, der sich aber zum Triumphzug eines Königs gestaltete.

Die Reise über Land war zu Ende, doch stand noch eine kurze Seereise bevor. Bahá'u'lláh und Seine Gefährten blieben eine Woche in Sámsún und erwarteten die Ankunft eines osmanischen Dampfers. Aus Istanbul war auch ein Aufsichtsbeamter für Straßen und Wege eingetroffen. Kaum gelangte er in die Gegenwart Bahá'u'lláhs, war er von dessen bezaubernder Güte völlig eingenommen. Er ließ verschiedene türkische Gerichte zubereiten und Ihm darreichen; auch ließ er Pferde vorführen, um Ihm Straßenbauarbeiten zu zeigen, die unter seiner Oberleitung im Gange waren. Endlich traf der Dampfer ein. Zuerst wurden die Kisten, das Gepäck und die Pferde verfrachtet, dann brachten zwei Boote die Reisegesellschaft an Bord; im einen Boot saßen Bahá'u'lláh und Seine Familienangehörigen, im anderen die Reisegefährten. Bei Sonnenuntergang lichtete der Dampfer die Anker; am nächsten Tag traf er um die Mittagszeit vor Sinope ein, von wo er die Reise nach wenigen Stunden fortsetzte und tags darauf Anyábulí erreichte. Am dritten Tag - am Sonntag, dem 16. August 1863 (1. Rabí`u'l-Avval A.H.1280) - ging der Dampfer in Istanbul vor Anker. Damit endete die bemerkenswerte Reise des Herrn der Herrlichkeit, die Ihn aus der altehrwürdigen, berühmten Stadt der `Abbásiden in eine andere, nicht minder berühmte brachte: die Stadt Konstantins des Großen.







+26 #238

Kapitel 26

In der Stadt Konstantins

Als der Dampfer die Anker geworfen hatte, ging der offizielle Reisebegleiter an Land, um sich nach den Vorkehrungen für die Aufnahme der Reisenden zu erkundigen. Man sagte ihm, als Unterkunft der Gruppe sei das Haus Shamsí Big ausersehen, und Shamsí Big werde selbst ihr Gastgeber sein. Es standen auch Wagen bereit, um sie dorthin zu fahren. Das in der Nähe der Moschee Khirqiy-i-Sharíf¹ gelegene Haus hatte zwei Stockwerke und bot viel Platz, reichte aber dennoch nicht aus. Es stellte sich sehr schnell heraus, daß ein größeres Anwesen gebraucht wurde. Einen Monat lang wohnte die Gruppe zusammengepfercht im Haus Shamsí Big, der seine Aufgabe als Gastgeber gewissenhaft und nach besten Kräften erfüllte. Er hatte zwei Köche eingestellt, und wie Aqá Ridá schreibt, beteiligten sich auch die Reisenden selbst an der Zubereitung der Mahlzeiten.

¹ Die Moschee des Erhabenen Mantels, so benannt, weil in ihr der Mantel Muhammads aufbewahrt sein soll. Einer islámischen Überlieferung zufolge schenkte der Prophet Muhammad dem Dichter Ka`b Ibn Zuhayr den Mantel (burda), den Er trug, nachdem Er dessen Gedicht angehört hatte. Der Kalif Mu`áwíyah kaufte dem Sohn des Dichters den Mantel ab, der danach in der Schatzkammer der `Abbásiden aufbewahrt wurde. Man sagt, bei der Einnahme Baghdáds sei der Mantel von Húlágú Khán verbrannt worden; doch nach anderen Angaben wurde er gerettet und nach Ägypten überführt, wo er dazu diente, die Ansprüche des abbásidischen Marionettenkalifats im mameluckischen Ägypten abzusichern. Als Selim I. im Jahr 1517 Ägypten eroberte, brachte er den Mantel nach Istanbul, wo er noch jetzt in dieser Moschee aufbewahrt wird. So wurde dieser burda oder khirqiy-i-sharíf zum Symbol für die Autorität des Kalifen.


#239

(Bildlegende: Istanbul - Konstantinopel - im neunzehnten Jahrhundert (aus Pardoe, Beauties of the Bosporus)


Am Tag nach Bahá'u'lláhs Ankunft in Konstantinopel erschien bei Ihm ein Vertreter des persischen Botschafters, Hájí Mírzá Husayn Khán Mushíru'd-Dawlih, um dessen Grüße zu überbringen und gleichzeitig mitzuteilen, daß der Botschafter umständehalber nicht persönlich habe kommen können und auf das Vergnügen eines Besuches verzichten müsse. Um die Mittagszeit dieses Tages besuchte Bahá'u'lláh die Moschee. Dies tat Er jetzt regelmäßig, wie Er es auch in Baghdád getan hatte; Moscheen und öffentliche Bäder waren die einzigen Plätze, die Bahá'u'lláh in Istanbul aufsuchte. Er hatte viele Besucher, die Ihm ihre Aufwartung machten; doch Er selbst ging in niemandes Haus außer dem Haus Seines Bruders. Seine Besucher - Männer in hoher Stellung - sagten Ihm, wenn eine Persönlichkeit von hohem Rang in die Hauptstadt komme, sei es üblich, daß sie nach drei Tagen den Außenminister aufsuche, durch dessen Vermittlung mit dem Großwesir zusammentreffe und durch diesen um einen Empfang beim Sultán nachsuche, und sie rieten Ihm, ebenso zu verfahren. Er entgegnete, Er habe keine Pläne oder Projekte, die gefördert werden müßten, auch habe Er um keine Gunst zu bitten; Er sei auf Einladung der Osmanischen Regierung und aus keinem anderen Grund nach Istanbul gekommen. Wenn man Ihm daher etwas mitzuteilen hätte, bäte Er darum, daß man Ihn aufsuche.


Aqá Ridá erzählt die schöne Geschichte von einem Traum, den er in diesen ersten Tagen in Istanbul hatte. Ihm träumte, Bahá'u'lláh habe ein Buch geschrieben, das jemand auf einem öffentlichen Platz in den Händen hielt. Außerdem kam eine Mühle vor, die die Leute in Betrieb setzen wollten - aber die Mühle arbeitete nur ruckweise: halt - weiter - dann wieder halt. Aqá Ridás Traum wurde Bahá'u'lláh weitererzählt. Als Bahá'u'lláh an diesem Tag kurz vor Sonnenuntergang ausgehen wollte, um die Moschee zu besuchen, traf Er auf Aqá Ridá. Bahá'u'lláh sagte lächelnd zu ihm, er solle alles versuchen, um die Mühle in Gang zu setzen. Aqá Ridá erzählt, daß Bahá'u'lláh noch eine ganze Zeitlang - sogar noch in Adrianopel - hin und wieder zu ihm sagte: "Die Mühle arbeitet noch nicht."


#240

Ein häufiger Besucher war Hájí Mírzá Safá (s. Anhang V S.552), der gerne Murshid (Führer) bei einer Gruppe der Súfí werden wollte und ein enger Vertrauter des persischen Gesandten Hájí Mírzá Husayn Khán war. Aqá Ridá schreibt, daß Bahá'u'lláh manchmal mit solcher Autorität zu Safá sprach, daß dieser keine Worte zu einer Erwiderung fand. Eines Tages sprach ihn Bahá'u'lláh mit so machtvoller Stimme an, daß man im Erdgeschoß den Widerhall hörte. Wir werden diesem Mann, der nicht immer offen und aufrichtig war, im weiteren Verlauf dieses Berichtes immer wieder begegnen.

Wie schon erwähnt, bot das Haus von Shamsí Big zu wenig Platz für so viele Menschen. Shamsí Big versah seine Pflichten als offizieller Gastgeber und war stets höflich und aufmerksam; doch wurde eine Umquartierung in eine größere Unterkunft dringend notwendig. Nach einmonatigem Aufenthalt wurde das Haus des Vísí Páshá reserviert, das bei der Moschee des Sultán Muhammad-i-Fátih (des Eroberers von Konstantinopel) lag. Es war eine herrschaftliche Residenz, ausgestattet mit einem bírúní (äußere Gemächer, für Männer) und einem andarúní (innere Gemächer, für Frauen); beide Gebäude waren dreigeschossig und mit allem Notwendigen versehen. Das Haus besaß ein eigenes türkisches Bad, und der bírúní hatte einen ausgedehnten Garten; auch gab es Einrichtungen zur Speicherung des Regenwassers.

Es wurde schon gesagt, daß Bahá'u'lláh außer Moscheen und öffentlichen Bädern nur noch das Haus von Mírzá Músá, Aqáy-i-Kalím, gelegentlich aufsuchte; Er traf dort mit verschiedenen Beamten zusammen, die Mitteilungen der Regierung überbrachten. Bei diesen Anlässen begleitete Ihn Aqá `Abdu'l-Ghaffár, der türkisch sprach, als Dolmetscher.


#241

(Bildlegende: Gruppenfoto, entstanden in Konstantinopel. Sitzend von links nach rechts: Hájí Mírzá Ahmád-i-Kashání, Mírzá Músá (Aqáy-i-Kalím), Siyyid Muhammad-i-Isfahání. Stehend von links nach rechts: Aqá Muhammad-Sadíq-i-Isfahání, Nabíl-i-A`zam)


Als Mírzá Músá eines Tages zum Basar Big-Ughlí ging, trat ein Fotograf auf ihn zu. Er sagte, er wolle ihn kostenlos fotografieren und werde ihm auch einige Abzüge schenken. Von Nabíl, der diesen Vorfall niederschrieb, erfahren wir auch Mírzá Músás Reaktion auf die Bitte des Fotografen: "Er will etwas verdienen, wenn er uns fotografiert; davon lebt er. Wir wollen ihm das nicht vorenthalten." Nabíl berichtet, daß sie alle fotografiert wurden. (s. Bild S. 241)


#242

Dann brachte eines Tages Shamsí Big die Neuigkeit, es sei wohl möglich, daß sie nach Adrianopel überführt würden. Dies lief ganz offensichtlich auf eine Verbannung hinaus, die Sultán Abdu'l-Azíz und seine höchsten Minister¹ auf Drängen des Mushíru'd-Dawlih veranlaßten. Bahá'u'lláh erzürnte und weigerte sich, dem nachzukommen. Er hatte nichts getan, was eine so schroffe Behandlung verdiente. Seit Seiner Ankunft in Istanbul hatte Er sich stets aus den Händeln der Hauptstadt herausgehalten. Eine ganze Reihe von Würdenträgern der Stadt hatten Ihn aufgesucht, aber keiner hatte je von Ihm ein Wort der Klage oder der Anschuldigung gehört.

¹ der Großwesir Alí Páshá und der Außenminister Fu'ad Páshá


Ein orientalischer Fürstenhof war im vorigen Jahrhundert ein Tummelplatz für Intriganten und Mißvergnügte, die eigennützige Zwecke verfolgten. In Baghdád hatten sich solche Personen wiederholt an Bahá'u'lláh gewandt in der Hoffnung, dadurch die Gunst und Unterstützung der Bábí im Irán zu erhalten. Manche hatte Er gar nicht empfangen; diejenigen, die die Ehre hatten, in Seine Gegenwart zu treten, erhielten keinerlei Ermutigung oder Aussicht auf Unterstützung. In der Hauptstadt des Osmanischen Reiches verfuhr Bahá'u'lláh strikt nach der gleichen Regel und tat nichts, was einer Billigung oder Bekräftigung ihrer ruchlosen Absichten gleichgekommen wäre. Seine Sache hatte nicht im entferntesten etwas mit Verrat oder Aufruhr zu tun. Dies war genau die Linie, die auch Christus achtzehnhundert Jahre zuvor eingehalten hatte.


#243

(Bildlegende: Hájí Mírzá Safá)


Einer der Verschwörer, die alles versuchten, um die Bábí aus Konstantinopel herauszutreiben und ihre Verbannung in eine entlegene Ecke des europäischen Kontinents zu erreichen, war Hájí Mírzá Safá, der jetzt die Kühnheit hatte, mit offenen Karten zu spielen. Aqá Ridá bezeugt, daß Bahá'u'lláh streng und mißbilligend zu ihm sprach und erklärte: "Wir sind nur wenige, aber wir werden nicht weichen, bis ein jeder von uns den Märtyrertod gestorben ist." Hájí Mírzá Safás Antwort war offensichtlich doppelsinnig: "Aber es ist nicht möglich, sich einer Regierung entgegenzustellen." Wie Aqá Ridá berichtet, antwortete ihm Bahá'u'lláh: »Wollen Sie mir mit der Macht der Regierung Furcht einjagen? Sollte die ganze Welt Mich mit gezogenem Schwert angreifen, und sollte Ich auch allein sein und völlig versinken, so sehe Ich Mich doch auf dem Throne der Macht und Herrschaft sitzen. Seit jeher ist es das Schicksal der Sendboten Gottes, solcher Ungerechtigkeit und Vergewaltigung zu begegnen; doch kann sie kein Akt der Unterdrückung je daran hindern, alles auszurichten, was Gott ihnen anvertraut hat, noch kann er ihren Zweck vereiteln.« Dann erwähnte Er jenen Gläubigen am Hof des Pharaoh, dessen Geschichte im Qur'án erzählt wird; Er sprach von den Wortgefechten, die dieser Mann mit dem ägyptischen Herrscher führte, und trug Hájí Mírzá Safá auf, den persischen Botschafter auf diesen Text hinzuweisen. Aqá Ridá schreibt, Hájí Mírzá Safá sei wie vom Donner gerührt gewesen und habe sich eiligst empfohlen. Dann wandte sich Bahá'u'lláh an Seine Anhänger: »Was meint ihr dazu? Wollt ihr, daß Ich jetzt zum Anlaß eures Todes werde? Wollt ihr den Kelch des Martyriums leeren? Jetzt ist der beste Zeitpunkt, euer Leben auf dem Pfade eures Herrn darzubringen. Unsere Unschuld liegt offen zutage, und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihre eigene Ungerechtigkeit zu bezeugen.« Nach Aqá Ridás Bericht äußerte sich Bahá'u'lláh in diesem Sinne. Aqá Ridá fügt hinzu: "Wahrlich, zu diesem Zeitpunkt trugen wir alle in äußerster Freude, Treue, Einigkeit und Loslösung das Verlangen, diese hohe Stufe zu erreichen. Gott ist mein Zeuge, daß wir überglücklich das Martyrium erwarteten."


#244

Doch dann wurden Mírzá Yahyá - Feigling, der er immer war - und einige andere vom gleichen Kaliber schwankend und zeigten Anzeichen der Unruhe und der Bestürzung. Sie machten Mírzá Yahyá zum Sprecher; er sollte zu Bahá'u'lláh gehen und Ihn bitten, diese Verbannung anzunehmen. Ihr Argument: "Unsere Frauen und Kinder sind mit uns und werden ebenfalls untergehen." Bahá'u'lláh versicherte ihnen: "Es ist höchst verdienstvoll, alles, was wir haben, auf dem Pfade Gottes zu opfern." Die Frauen und Kinder, so sagte Er weiter, könnten zu den auswärtigen Botschaftern geschickt werden, die sich um sie kümmern würden. Aqá Ridá führt den Bericht von Ustád Muhammad-`Alíy-i-Salmání an, der selbst beobachtet habe, wie Mírzá Yahyá, Siyyid Muhammad-i-Isfahání und Hájí Mírzá Ahmad-i-Káshání die Köpfe zusammensteckten, um über Mittel und Wege zu beraten, wie sie ihr Leben retten könnten. Bahá'u'lláh erkannte die Möglichkeit einer Spaltung in den Reihen der Bábí, die der Sache Gottes großen Schaden zugefügt hätte, und erklärte sich widerstrebend bereit, Istanbul zu verlassen. Aber Er bemerkte dazu, daß eine einmalige Gelegenheit vertan worden sei, die der Sache Gottes großen Ruhm eingebracht hätte. »Sie haben uns als ihre Gäste hierhergerufen,« soll Er gesagt haben. »Wir haben uns nicht das Geringste zuschulden kommen lassen, und doch wenden sie sich mit aller Macht gegen uns. Wären wir, eine Handvoll Leute, fest geblieben und hätten mitten im Herzen der Welt den Märtyrertod gefunden, dann wäre die Wirkung dieses Martyriums in allen Welten Gottes bemerkt worden. Und vielleicht wäre uns noch nicht einmal etwas zugestoßen.«

Mírzá Yahyá, der Mann, der der Gefahr immer aus dem Wege gegangen war, der seine Tage unerkannt dahinbrachte und über die Jahre hinweg niemals ein Risiko einging, war mit seiner Feigheit Bahá'u'lláh in den Arm gefallen.

Man glaube nicht, daß Bahá'u'lláh sich jetzt vollkommen zurückzog und keine Kontakte zur äußeren Welt mehr suchte. Im Gegenteil: Das Kommen und Gehen der Menschen hielt unvermindert an. Nach wie vor kamen die Würdenträger der Stadt zu Bahá'u'lláh und machten Ihm ihre Aufwartung, darunter sogar die Minister (einige von ihnen anonym, schreibt Aqá Ridá). Ein häufiger Besucher war zum Beispiel Shujá`u'd-Dawlih.¹ Auch Hájí Mírzá Safá kam wie zuvor. Bahá'u'lláh empfing sie alle ruhig und unvoreingenommen; er ließ sich nicht beugen und wurde nicht zum Bittsteller. Aqá Ridá deutet an, daß Mírzá Yahyá und seine Genossen es gern gesehen hätten, wenn Bahá'u'lláh um Vergünstigungen gebeten und vor dem Unterdrücker das Knie gebeugt hätte. Doch in späteren Jahren, schreibt er weiter, bezeugten dieselben Leute, die bei Bahá'u'lláhs Weiterverbannung die Hand im Spiel gehabt hatten, wie stolz sie gewesen seien, als sie Seine unabhängige Haltung gespürt hätten, der jede Verlogenheit und Kriecherei völlig fern lag. Mushíru'd-Dawlih soll in Tihrán gesagt haben, Bahá'u'lláhs Miene und Haltung habe seinen Landsleuten Ehre gemacht und ihr Ansehen gerettet zu einer Zeit, da die kadscharischen Prinzen und Duodezfürsten sich lautstark an der Hohen Pforte drängten und nach Geldern und Pfründen riefen. Er versicherte, die osmanischen Regierungsstellen hätten damals erkannt, daß der Irán noch Männer habe, die sich nicht erniedrigten.

¹ Prinz Shujá`u'd-Dawlih war der Sohn von Alí-Sháh Zillu's-Sultán und Enkel von Fath-Alí Sháh. Sein Vater, der Zillu's-Sultán, machte einen Aufstand gegen Muhammad Sháh, der sein Neffe war; doch konnte er die Macht nur für kurze Zeit an sich reißen.



#245

Etwa um diese Zeit starb eine Tochter Bahá'u'lláhs mit Namen Sádhijíyyih im Alter von achtzehn Monaten. Sie wurde auf einem Grundstück vor dem Adirnih-Tor in Istanbul beigesetzt.

Jetzt trafen weitere Bábí in Konstantinopel ein, unter ihnen Darvísh Muhammad, der durch Siyyid Ismá`íl-i-Zavári'í zum Glauben gefunden hatte. Sie kamen jedoch gegen den Willen Bahá'u'lláhs, der die Zahl der Bábí in Istanbul nicht vergrößert sehen wollte. Zu den Neuangekommenen gehörte auch der Metzger Aqá Husayn-i-Qassáb. Eines Tages ging er zusammen mit Darvísh Muhammad zu Bahá'u'lláh, als dieser gerade zu einem Besuch der Moschee das Haus verlassen wollte. Er empfing sie, aber es war kein freudiger Empfang. Aqá Ridá berichtet, daß beide Männer ein paar Jahre später im Heiligen Land in großer Freude die Gegenwart Bahá'u'lláhs erreichten.

Als alle Vorbereitungen für die Reise nach Adrianopel getroffen waren, schickte Bahá'u'lláh eine Anzahl Seiner Anhänger fort, darunter Mírzá Aqáy-i-Muníb (der den ganzen Weg von Baghdád neben Seiner kajávih gegangen war), Nabíl-i-A`zam, Aqá `Abdu'r-Rahím-i-Misgar (der Kupferschmied), Siyyid Husayn-i-Káshí (der auf der Reise von Baghdád die Pferde versorgt hatte), Khayyát-Báshí und Hájí Báqir-i-Káshání (Makhmal-Báf, der Samtweber, der auch erst später nach Istanbul gekommen war). Ihnen allen wurden die Reisespesen bezahlt. Aqá Muhammad-`Alíy-i-Jilawdár erhielt Anweisung, in Istanbul zurückzubleiben; doch später gesellte er sich zu den anderen in Adrianopel. Alle gingen ihre verschiedenen Wege, nur Khayyát-Báshí gehorchte nicht und reiste allein nach Adrianopel, wo er einen oder zwei Tage später als die übrigen eintraf.


#246

(Bildlegende: Brücke bei Búyúk-Chakmachih, die von Bahá'u'lláh und Seiner Reisegesellschaft überquert wurde )


Inzwischen war der Winter voll hereingebrochen, und dieser kann in Osteuropa sehr streng sein. Obwohl Reisewagen und Lasttiere gestellt wurden und Ochsenkarren für das Gepäck zur Verfügung standen, wurde es eine äußerst strapaziöse Reise, die an den Kräften aller zehrte und zwölf Tage dauerte. Bei Schneefall brach die Gruppe von Istanbul auf, jedoch ohne angemessene Kleidung für Frostwetter. Auf diese Leiden zurückblickend, hat Bahá'u'lláh erklärt: »Die Augen Unserer Feinde weinten über Uns, und darüber hinaus die aller einsichtigen Menschen.« (GGV S.184) »Sie verstießen uns ... auf so demütigende Weise, daß keine Demütigung auf Erden dem gleichzusetzen ist.« (GGV S.183)


#247

Mírzá Mustafáy-i-Naráqí traf gerade in dem Augenblick ein, als Bahá'u'lláhs Wagen anfahren wollte. Er hatte von Bahá'u'lláhs bevorstehender Abreise gehört, hatte daraufhin seine Familie an der Schiffslände zurückgelassen und war zu Bahá'u'lláhs Wohnsitz geeilt; doch konnte er Ihn nur für wenige kurze Augenblicke sehen. Da Mírzá Mustafá wußte, daß Mírzá Yahyá bei der Reisegruppe war, ging er eilends zu ihm, um ihn auch zu sprechen; aber Siyyid Muhammad-i-Isfahání und Hájí Mírzá Ahmad-i-Kásháni verbargen ihn im Wagen und deckten ihn mit ihren Körpern. Es ist nicht zu ersehen, welche Gefahr Mírzá Yahyá durch ein Gespräch mit Mírzá Mustafáy-i-Naráqí hätte entstehen können, aber der feige Yahyá mußte immer in Deckung gehen. Aqáy-i-Kalím, der wie gewohnt am Schluß des Zuges ging und sich um alles für die Reise Notwendige kümmerte, sprach dann noch mit Mírzá Mustafá, einer wahrhaft tapferen, heldenhaften Seele, die in der Stadt Tabríz den Märtyrertod sterben sollte.

Am Spätnachmittag des ersten Tages kamen die Reisenden in Kúchik-Chakmachih an, etwa drei Reisestunden von Istanbul entfernt. Ihr offizieller Reisebegleiter, ein Mann namens `Alí Big, der den Rang eines Yúz-Báshí (Zenturio, Befehlshaber einer Hundertschaft) innehatte, besorgte eine Unterkunft für Bahá'u'lláh. In der Morgendämmerung des nächsten Tages brachen sie auf und erreichten gegen Mittag Búyúk-Chakmachih, wo sie im Haus eines Christen untergebracht wurden. Zur Nachtzeit setzten sie die Reise fort und gelangten nach Salvarí, wo ihnen wiederum das Haus eines Christen als Quartier diente; doch gibt Aqá Ridá an, daß eine Gruppe mit dem gesamten Kochgerät anderswo untergebracht werden mußte. Zur Mitternacht brachen sie bei strömendem Regen und grimmiger Kälte von Salvarí auf und trafen am nächsten Tag in Birkás ein. Der letzte Haltepunkt vor der Ankunft in Adrianopel hieß Bábá-Iskí. Abgesehen von den Strapazen, die durch die strenge Kälte bedingt waren, hat Aqá Ridá keine besonderen Ereignisse dieser Reise festgehalten. Er gibt noch an, daß an jedem Ort die Eigentümer der Unterkünfte zu ihrer Zufriedenheit entschädigt wurden.


Am Samstag, dem 12. Dezember 1863 (1. Rajab A.H.1280) erreichte die Gruppe Adrianopel, jene Stadt, die Bahá'u'lláh als den »Ort« kennzeichnet, »der nur von solchen betreten wird, die sich gegen die Amtsgewalt des Herrschers aufgelehnt haben« (GGV S.183). Bahá'u'lláh war jetzt in der Tat ein Gefangener der Osmanischen Regierung.


#248

(Bildlegende: `Alí Páshá, Großwesir von Sultán `Abdu'l-`Azíz. An ihn war die Súriy-i-Ra'is gerichtet.)


Während Seines viermonatigen Aufenthalts in der Stadt Konstantins des Großen offenbarte Bahá'u'lláh außer dem Sendschreiben Subhánika-Yá-Hú noch das Lawh-i-`Abdu'l-`Azíz-Va-Vukalá, das an den Sultán gerichtet war. Dies geschah am selben Tag, an dem der Schwager des Großwesirs Bahá'u'lláh aufsuchte, um Ihn von der gegen Ihn erlassenen Verfügung in Kenntnis zu setzen. Bahá'u'lláh lehnte es ab, diesen Überbringer zu empfangen. Er beauftragte `Abdu'l-Bahá und Aqáy-i-Kalím mit der Entgegennahme und versprach, in drei Tagen Antwort zu geben. Am nächsten Morgen wurde das Sendschreiben durch Shamsí Big direkt `Alí Páshá übergeben, zusammen mit der Mitteilung des Verfassers, daß es »von Gott herabgesandt« worden sei. Der Hüter der Bahá'í-Religion gibt eine lebendige Beschreibung dieser Szene und faßt den Inhalt des Sendschreibens zusammen:

»"Ich weiß nicht, was jener Brief enthielt," vertraute Shamsí Big später Aqáy-i-Kalím an, "denn kaum hatte der Großwesir ihn überlesen, als er leichenblaß wurde und bemerkte: `Es klingt, als ob der König aller Könige dem niedersten seiner Vasallenkönige Befehle erteilte und sein Verhalten rügte.` Sein Zustand war so schlimm, daß ich mich sogleich zurückzog." Es wird berichtet, daß sich Bahá'u'lláh zu der Wirkung, die jenes Sendschreiben hervorrief, wie folgt geäußert hat: "Jede Maßnahme, die die Minister des Sultáns gegen Uns ergreifen, nachdem sie um den Inhalt dieses Schreibens wissen, kann nicht als ungerechtfertigt angesehen werden. Für die Taten jedoch, die sie vor der Kenntnisnahme begangen haben, kann es keine Rechtfertigung geben."« (GGV S.182)

»Nach den Angaben Nabíls war das Sendschreiben von beträchtlicher Länge, richtete sich in seinen Eingangsworten unmittelbar an den Herrscher, rügte seine Minister streng und deckte ihre Unreife und Unfähigkeit auf. Es enthielt Abschnitte, in denen die Minister selbst angesprochen waren, in denen sie kühn herausgefordert und strengstens ermahnt wurden, sich nicht mit ihrem irdischen Besitz zu brüsten oder törichterweise nach Reichtümern zu trachten, die ihnen mit der Zeit doch unweigerlich wieder entglitten.« (GGV S.182f)


Leider ist der Wortlaut dieses Sendschreibens nicht erhalten; doch können wir seinen Tonfall vielleicht aus der Súriy-i-Mulúk, dem Sendschreiben an die Gesamtheit der Könige, erschließen, in der Bahá'u'lláh später von Adrianopel aus folgende Abschnitte an Sultán `Abdu'l-`Azíz richtete:

»Höre, o König, auf die Rede Dessen, der die Wahrheit spricht, der nicht von dir verlangt, daß du Ihn mit den Dingen belohnest, die Gott dir zu verleihen beliebte, Ihn, der unbeirrbar auf dem geraden Pfade wandelt. Er lädt dich vor Gott, deinen Herrn, Er weist dir die rechte Bahn, den Weg, der zur wahren Glückseligkeit führt, auf daß du zu denen gehörest, um die es gut steht.« (ÄL 114:1)

»Hüte dich, o König, daß du nicht solche Minister um dich sammelst, die den Wünschen einer verderbten Neigung folgen, die fortwerfen, was ihren Händen anvertraut ist, und offenkundig das ihnen geschenkte Vertrauen mißbrauchen. Sei freigebig gegen andere, wie Gott freigebig war gegen dich, und überlasse das Wohl deines Volkes nicht der Willkür von Ministern wie diesen. Vergiß nicht die Gottesfurcht und gehöre zu denen, die rechtschaffen handeln. Sammle Minister um dich, von denen du den Duft des Glaubens und der Gerechtigkeit verspüren kannst, hole dir Rat bei ihnen, wähle, was in deinen Augen das Beste ist, und gehöre zu denen, die großmütig handeln.« (ÄL 114:2)


#250

»Wisse und sei dir gewiß: Wer nicht an Gott glaubt, ist nicht vertrauenswürdig und nicht wahrhaftig. Dies ist in der Tat die Wahrheit, die unbezweifelbare Wahrheit. Wer treulos gegen Gott handelt, wird auch treulos gegen seinen König handeln. Nichts kann einen solchen Menschen vom Bösen abhalten, nichts kann ihn hindern, seinen Nächsten zu verraten, nichts kann ihn dazu bringen, aufrecht seinen Weg zu gehen.« (ÄL 114:3)

»Hab acht, daß du in den Angelegenheiten deines Staates die Zügel nicht den Händen anderer überlässest, setze dein Vertrauen nicht auf Minister, die deines Vertrauens unwürdig sind, und gehöre nicht zu denen, die in Achtlosigkeit dahinleben... Hüte dich, dem Wolf zu erlauben, Hirte der Herde Gottes zu werden, und überlasse das Schicksal Seiner Geliebten nicht der Willkür der Bösen... Gott wird gewißlich mit dem sein, der sich ganz Ihm hingibt, und Er wird wahrlich den, der sein ganzes Vertrauen in Ihn setzt, vor allem behüten, was ihm schaden könnte, und ihn vor der Schlechtigkeit jedes bösen Verschwörers beschirmen.« (ÄL 114:4)

»Würdest du dein Ohr Meiner Rede neigen und Meinen Rat befolgen, so würde Gott dich zu einer so hohen Stellung erheben, daß auf der ganzen Erde keines Menschen Anschlag dich jemals erreichen oder dir schaden könnte... Ergreife die Angelegenheiten deines Volkes bei den Zügeln, halte sie fest im Griff deiner Macht und prüfe persönlich alle seine Belange. Lasse dir nichts entgehen, denn darin liegt das höchste Wohl.« (ÄL 114:5)

»Danke Gott, daß Er dich vor der ganzen Welt auserwählt und dich zum König über die gemacht hat, die deinen Glauben bekennen... Du kannst Ihn am besten preisen, wenn du Seine Geliebten liebst und Seine Diener vor dem Unheil der Treulosen schirmst und schützest, damit niemand sie länger unterdrücke...« (ÄL 114:6)

»Solltest du bewirken, daß Ströme der Gerechtigkeit ihre Wasserfluten über deine Untertanen ergießen, so wird Gott dir sicherlich mit den Scharen des Unsichtbaren und des Sichtbaren helfen und dich in deinen Angelegenheiten stärken...« (ÄL 114:7)

»Verlasse dich nicht auf deine Schätze. Setze dein ganzes Vertrauen in die Gnade Gottes, deines Herrn. Laß Ihn deine Zuversicht sein in allem, was du tust, und gehöre zu denen, die Seinem Willen ergeben sind...« (ÄL 114:8)

»Überschreite nicht die Grenzen der Mäßigung und verfahre gerecht mit denen, die dir dienen. Gib ihnen nach ihren Bedürfnissen, aber nicht in einem Maße, das ihnen erlaubt, Reichtümer für sich zu sammeln, ihr Äußeres zu zieren, ihr Heim auszuschmücken, Dinge zu erwerben, die ihnen nichts nützen, und zu den Verschwendern zu zählen. Handle an ihnen mit unbeirrbarer Gerechtigkeit, so daß keiner unter ihnen Mangel leide oder durch Überfluß verwöhnt werde. Das ist offenbare Gerechtigkeit.« (ÄL 114:9)


#251

(Bildlegende: Sultán Abdu'l-Azíz (Bettmann-Archiv)


#252

»Erlaube den Verworfenen nicht, über die Edlen und Ehrenwerten zu bestimmen und sie zu beherrschen, und lasse nicht zu, daß die Hochgesinnten der Willkür der Unwürdigen und Wertlosen ausgeliefert werden - denn dies haben Wir bei Unserer Ankunft in der Stadt (Konstantinopel) wahrgenommen, und dafür legen Wir Zeugnis ab. Wir fanden unter ihren Einwohnern einige, die Vermögen im Überfluß hatten und in übermäßigem Reichtum lebten, während andere sich in bitterer Not und tiefster Armut befanden. Dies steht deiner Souveränität übel an und ist deines Ranges unwürdig...« (ÄL 114:10)

»Hüte dich, deine Minister auf Kosten deiner Untertanen zu erhöhen. Fürchte die Seufzer der Armen und der Aufrechten im Herzen, die bei jedem Tagesanbruch ihre traurige Lage beklagen, und sei ihnen ein gütiger Souverän. Wahrlich, sie sind deine Schätze auf Erden. Deshalb ziemt es dir, deine Schätze vor den Angriffen derer zu bewahren, die sie dir rauben wollen...« (ÄL 114:11)

»Halte dir Gottes unfehlbare Waage vor Augen und wäge, als stündest du in Seiner Gegenwart, deine Taten auf dieser Waage jeden Tag, jeden Augenblick deines Lebens. Ziehe dich selbst zur Rechenschaft, ehe du zur Abrechnung gerufen wirst an dem Tage, da aus Furcht vor Gott kein Mensch die Kraft haben wird, aufrecht zu stehen, dem Tage, an dem die Herzen der Achtlosen erzittern werden.« (ÄL 114:12)

»Es geziemt jedem König, freigebig zu sein wie die Sonne, die das Wachstum aller Geschöpfe fördert und jedem seinen Anteil gibt, - deren Wohltaten nicht in ihr selbst liegen, sondern von Ihm verordnet sind, dem Machtvollsten, dem Allmächtigen. Der König sollte so freimütig, so großzügig sein in seiner Barmherzigkeit wie die Wolken, die ihre überströmende Freigebigkeit über jedes Land ergießen auf Geheiß Dessen, der der Höchste Verordner ist, der Allwissende.« (ÄL 114:13)

»Hüte dich, daß du deine Staatsangelegenheiten nicht ganz den Händen anderer anvertraust. Keiner kann deine Aufgaben besser erfüllen als du selbst. So erklären Wir dir Unsere Worte der Weisheit und senden auf dich hernieder, was dich befähigen kann, von der linken Hand der Unterdrückung zur rechten Hand der Gerechtigkeit überzugehen und dem strahlenden Meere Seiner Gunst zu nahen. Das ist der Pfad, den die Könige, die vor dir waren, gegangen sind, jene, die gerecht gegen ihre Untertanen handelten und die Wege unbeirrbarer Gerechtigkeit beschritten.« (ÄL 114:14)


#253

»Du bist Gottes Schatten auf Erden. Darum strebe danach, so zu handeln, wie es einer so hervorragenden, einer so erhabenen Stufe entspricht. Wenn du nicht befolgst, was Wir auf dich herabkommen ließen und dich lehrten, wirst du dich sicherlich dieser großen, unschätzbaren Ehre unwürdig erweisen. Darum kehre um, halte dich allein an Gott, mache dein Herz frei von der Welt und allen ihren Nichtigkeiten, und dulde nicht, daß die Liebe zu einem Fremdling hineinkomme und darin wohne. Erst wenn du dein Herz von jeder Spur solcher Liebe läuterst, kann das Licht Gottes seinen Strahlenglanz über dein Herz ausbreiten, denn niemandem hat Gott mehr als ein Herz gegeben. Dies wahrlich, wurde verordnet und niedergeschrieben in Seinem altehrwürdigen Buche. Und weil das menschliche Herz, wie es von Gott gebildet wurde, eins und ungeteilt ist, geziemt es dir, darauf zu achten, daß seine Zuneigung auch eins und ungeteilt sei... Gott ist Mein Zeuge: Ich offenbare dir diese Worte in der alleinigen Absicht, dich von den vergänglichen Dingen der Erde zu heiligen und dir zu helfen, in das Reich ewigwährender Herrlichkeit einzutreten, damit du, so Gott will, unter denen seiest, die darin wohnen und herrschen...« (ÄL 114:15)

»Höre aufmerksam auf die Worte, o König, die Wir an dich richten. Gebiete dem Unterdrücker, von seiner Willkür abzulassen, und sondere die, welche Unrecht begehen, von denen ab, die deinen Glauben bekennen. Bei der Gerechtigkeit Gottes! Die Heimsuchungen, die Wir erlitten, sind so groß, daß jede Feder, die sie schildert, unvermeidlich von Schmerz überwältigt wird. Keiner von denen, die wirklich glauben und an der Einheit Gottes festhalten, kann die Last ihres Berichtes ertragen. So groß waren Unsere Leiden, daß selbst die Augen Unserer Feinde und darüber hinaus die eines jeden einsichtsvollen Menschen über Uns geweint haben...« (ÄL 114:19)

»War Ich dir, o König, jemals ungehorsam? Habe Ich jemals eines deiner Gesetze übertreten? Kann irgendeiner der Amtsträger, die dich im `Iráq vertraten, einen Beweis erbringen, der Meine Untreue gegen dich belegen könnte? Nein, bei Ihm, dem Herrn aller Welten! Keinen Augenblick lang lehnten Wir Uns gegen dich oder einen deiner Amtsträger auf. Niemals, so Gott will, werden Wir Uns gegen dich empören, sollten Wir auch noch schwereren Prüfungen ausgesetzt werden, als Wir sie jemals in der Vergangenheit erlitten haben.« (ÄL 114:20)

»Am Tage und zur Nachtzeit, am Abend und am Morgen beten Wir zu Gott um deinetwillen, daß Er dir gnädig helfe, Ihm zu gehorchen und Seine Gebote zu halten, und daß Er dich vor den Scharen der Bösen beschütze. Darum tue, wie es dir gefällt, und behandle Uns, wie es deiner Stufe entspricht und deiner Souveränität geziemt. Vergiß nicht das Gesetz Gottes bei allem, was du jetzt oder in kommenden Tagen zu erreichen strebst. Sprich: Preis sei Gott, dem Herrn aller Welten!« (ÄL 114:21)


#254

Doch Sultán Abdu'l-Azíz antwortete nicht auf den zweimal an ihn ergangenen Ruf Bahá'u'lláhs; damit zog er Untergang und Zerstörung auf sich.

Hájí Mírzá Husayn Khán Mushíru'd-Dawlih, der persische Botschafter - über Jahre hinweg Sammelpunkt des Widerstandes gegen Bahá'u'lláh in der Hauptstadt des Osmanischen Reiches -, hatte von Ihm vor Seiner Abreise aus Konstantinopel die folgenden aufrüttelnden Worte der Ermahnung und Weissagung erhalten:

»Was hat es dir und deinesgleichen genützt, daß ihr Jahr um Jahr so viele Unterdrückte geschlagen habt und ungezählte Trübsale über sie brachtet, da sie sich nun doch hundertfältig vermehrt haben, ihr euch aber in völliger Verwirrung befindet und nicht wißt, wie ihr euch dieser drückenden Gedankenlast entledigen könnt? ... Seine Sache steht jenseits aller Pläne, die ihr schmiedet. Sei gewiß: Würden alle Regierungen der Erde sich vereinigen und Mir und allen, die Meinen Namen tragen, das Leben nehmen, so könnten sie doch nie und nimmer dieses göttliche Feuer auslöschen.« (GGV S.183)


Von Adrianopel aus erteilte Bahá'u'lláh ihm später noch diesen weiteren Verweis, der in der Súriy-i-Mulúk (Sendschreiben an die Könige) enthalten ist:

»Bildest du dir ein, o Gesandter des Sháh in der Stadt (Konstantinopel), Ich hätte das endgültige Schicksal der Sache Gottes in der Hand? Denkst du, Meine Gefangenschaft oder die Schmach, die Ich erdulde, oder selbst Mein Tod und Meine völlige Vernichtung könnten ihren Lauf ändern? Erbärmlich ist, was du dir in deinem Herzen einbildest! Du gehörst wahrlich zu denen, die dem leeren Wahn ihres Herzens folgen. Es ist kein Gott außer Ihm. Mächtig ist Er, Seine Sache zu offenbaren, Sein Zeugnis zu erhöhen, aufzurichten, was immer Sein Wille ist, und es zu einem so erhabenen Rang emporzuheben, daß weder deine Hände noch die Hände derer, die sich von Ihm abgewandt haben, es je berühren oder schädigen können.« (ÄL 113)

»Glaubst du, du hättest die Macht, Seinen Willen zu durchkreuzen, Ihn zu hindern, Sein Gericht zu vollziehen, oder Ihn davon abzuhalten, Seine Herrschaft auszuüben? Meinst du, irgend etwas in den Himmeln und auf Erden könne Seinem Glauben widerstehen? Nein, bei Ihm, der die Ewige Wahrheit ist! Nichts in der ganzen Schöpfung kann Seine Absicht vereiteln. Wirf darum den leeren Trug, dem du folgst, hinweg, denn leerer Trug kann niemals die Wahrheit ersetzen. Gehöre zu denen, die wahrhaft bereuen und zu Gott zurückkehren, dem Gott, der dich erschaffen, dich ernährt und dich zum Amtsträger gemacht hat unter denen, die deinen Glauben bekennen.« (ÄL 113)


#255

(Bildlegende: Hájí Mírzá Husayn Khán-i-Qazvíní Mushíru'd-Dawlih, später Sipahsálár-i-A`zam; persischer Botschafter in Istanbul und später Großwesir des Násiri'd-Dín Sháh)


Aber zum Glück für Mushíru'd-Dawlih ist seine Geschichte hier nicht zu Ende. Im Lawh-i-Ibn-i-Dhi'b (Brief an den Sohn des Wolfes), das Bahá'u'lláh gegen Ende Seines Lebens offenbarte, sprach ein immervergebender Herr die folgenden Worte über ihn:


#256

»Seine Exzellenz, der verstorbene Mírzá Husayn Khán Mushíru'd-Dawlih - möge Gott ihm vergeben -, hatte diesen Unterdrückten gekannt. Zweifelsohne muß er den Behörden einen eingehenden Bericht über die Ankunft dieses Unterdrückten an der Hohen Pforte und von allem, was Er sagte und tat, gegeben haben. Am Tage Unserer Ankunft besuchte Uns der Regierungsbeamte, dessen Amt es war, offizielle Besucher zu empfangen und zu bewirten, und er geleitete Uns an den Ort, an den er Uns befehlsgemäß zu bringen hatte. In der Tat hat die Regierung uns Unterdrückten freundliche Beachtung geschenkt. Am nächsten Tag kam Prinz Shujá`u'd-Dawlih, um Uns zu besuchen, wobei er von Mírzá Safá begleitet wurde; er kam als Vertreter des inzwischen verstorbenen Mushíru'd-Dawlih, des ... Gesandten. Andere, darunter mehrere Minister der kaiserlichen Regierung und der inzwischen verstorbene Kamál Páshá (s. Anhang V S.555), sprachen ebenfalls bei Uns vor. Ganz im Vertrauen auf Gott und ohne Hinweis auf irgendein Bedürfnis, das Er hätte haben können, oder auf irgend etwas anderes weilte dieser Unterdrückte vier Monate lang in jener Stadt. Seine Handlungen waren allen bekannt und offenkundig, und niemand kann sie leugnen, ausgenommen jene, die Ihn hassen und nicht die Wahrheit sprechen. Wer Gott anerkannt hat, anerkennt keinen anderen außer Ihm. Wir haben nie gern von solchen Dingen gesprochen und möchten es auch jetzt nicht.« (WOLF [112] S.70f)

»Sooft hohe Würdenträger aus Persien in jene Stadt (Konstantinopel) kamen, bemühten sie sich bis zum äußersten und indem sie an jeder Tür vorsprachen, Gelder und Geschenke zu bekommen, so viele sie nur erhalten konnten. Selbst wenn dieser Unterdrückte nichts tat, was Persien zum Ruhm gereichte, hat Er doch in einer Weise gehandelt, die Seinem Land keine Schande brachte. Was die verstorbene Exzellenz (Mushíru'd-Dawlih) tat - möge Gott seine Stufe erhöhen -, entsprang nicht seiner Freundschaft zu diesem Unterdrückten; es hatte seinen Grund vielmehr in seinem eigenen klugen Urteil und in seinem Wunsch, den Dienst zu Ende zu führen, den er insgeheim seiner Regierung zu leisten gedachte. Ich bezeuge, daß er im Dienst für seine Regierung so gewissenhaft war, daß in seinem Amtsbereich Unehrlichkeit keine Rolle spielte und mit Verachtung gestraft wurde. Er war für die Ankunft dieses Unterdrückten im Größten Gefängnis (`Akká) verantwortlich. Weil er aber in der Erfüllung seiner Pflicht gewissenhaft war, verdient er Unser Lob. Dieser Unterdrückte war zu allen Zeiten bestrebt und bemüht, die Interessen sowohl der Regierung wie auch des Volkes zu veredeln und zu fördern, nicht aber Seine eigene Stufe zu erhöhen.« (WOLF [113] S.70)

Und im Sendschreiben an einen gewissen Mihdí erwähnt Bahá'u'lláh ausdrücklich, daß Hájí Mírzá Husayn Khán in späteren Jahren nichts sagte oder tat, was zu Kummer Anlaß gegeben hätte; er habe sogar lobenswerte Worte gesprochen. Außerdem sei er ein naher Verwandter eines Gläubigen, und schon deswegen dürfe nichts Abfälliges über ihn gesagt werden; vielleicht werde aufgrund dieser Verwandtschaft das Vergangene vergeben.¹

Solche Worte schreibt der Immervergebende Herr.

¹ Mullá Kázim-i-Samandar aus Qazvín, einer der - vom Hüter der Bahá'í-Religion so bezeichneten - neunzehn Apostel Bahá'u'lláhs, erwähnt in seiner Geschichte, dieser nahe Verwandte Hájí Mírzá Husayn Kháns, des Mushíru'd-Dawlih, habe Mírzá Muham-mad-`Alí geheißen und sei als Kadkhudá (Häuptling) bekannt gewesen. Weitere Einzelheiten über Mushíru'd-Dawlih im Anhang I S.507ff.


#257


Der viermonatige Aufenthalt Bahá'u'lláhs in Konstantinopel ist vom Hüter der Bahá'í-Religion als "Auftakt zu einer der dramatischsten Episoden in der Amtszeit Bahá'u'lláhs" bezeichnet worden. Seine Bedeutung im Rahmen dieser fast vierzigjährigen Amtszeit ist vom Hüter so meisterhaft zusammengefaßt worden, daß wir es an diesem entscheidenden Punkt in unserem Bericht nur wiederholen können:

»Man darf wohl sagen, daß mit der Ankunft Bahá'u'lláhs in Konstantinopel, der Hauptstadt des Osmanischen Reiches und dem Sitz des Kalifates ..., das grausamste, unheilvollste und dennoch ruhmreichste Kapitel in der Geschichte des ersten Bahá'í-Jahrhunderts aufgeschlagen wurde. Es begann ein Zeitabschnitt, in dem unsägliche Entbehrungen und beispiellose Prüfungen mit den herrlichsten geistigen Siegen einhergingen. Das Tagesgestirn der Sendung Bahá'u'lláhs näherte sich mehr und mehr seinem Zenit. Die bedeutungsschwersten Jahre des Heroischen Zeitalters Seiner Sendung standen unmittelbar bevor. Das verhängnisvolle Geschehen, das Sein Vorläufer bereits im Jahr sechzig <A.H. 1260> im Qayyúmu'l-Asmá' vorausgeschaut hatte, begann jetzt seinen Lauf zu nehmen.« (GGV S.179)

»Genau zwei Jahrzehnte zuvor war die Bábí-Offenbarung im dunkelsten Persien, in Shíráz, erstanden. Trotz der grausamen Gefangenschaft, der ihr Urheber unterworfen wurde, hatte Dieser den von Ihm erhobenen bestürzenden Anspruch in Tabríz, der Hauptstadt Adhirbáyjáns, vor einer erlauchten Versammlung verkündet. In der Ortschaft Badasht war die von Seinem Glauben eingeleitete Sendung von den Vorkämpfern Seiner Sache furchtlos enthüllt worden. Inmitten der Hoffnungslosigkeit und Todesqual im Síyáh-Chál von Tihrán hatte diese Offenbarung neun Jahre später auf rasche, geheimnisvolle Weise ihre plötzliche Erfüllung gefunden. Der Vorgang eines fortschreitenden Niedergangs in den Geschicken dieses Glaubens, der zunächst langsam eingesetzt und in den Jahren von Bahá'u'lláhs Zurückgezogenheit in Kurdistán eine erschreckende Beschleunigung erfahren hatte, war nach Seiner Rückkehr aus Sulaymáníyyih in meisterhafter Weise zum Stillstand gebracht und umgekehrt worden. Die ethischen, moralischen und Lehrgrundlagen einer aufkeimenden Gemeinde waren in der Folgezeit, während Seines Aufenthaltes in Baghdád, auf ein unangreifbares Fundament gestellt worden. Und schließlich war am Vorabend Seiner Verbannung nach Konstantinopel die durch eine unerforschliche Vorsehung bestimmte zehnjährige Wartezeit durch die Erklärung Seiner Sendung im Garten Ridván und durch das sichtbare Hervortreten des ersten Kernes einer weltumspannenden Gemeinde beendet worden. Was noch zu leisten blieb, war die Verkündigung dieser gleichen Sendung von Adrianopel aus an die weltlichen und geistlichen Führer der Welt sowie - in den folgenden Jahrzehnten - eine weitere Entfaltung der Grundsätze und Verordnungen, die das Kernstück dieses Glaubens bilden, von der Gefängnisstadt und Festung `Akká aus durch die Formulierung der Gesetze und Vorschriften, die die Unversehrtheit dieses Glaubens sichern, und durch die unmittelbar nach dem Hinscheiden Bahá'u'lláhs erfolgte Errichtung Seines Bündnisses, das die Einheit dieses Glaubens bewahren und seinen Einfluß erhalten sollte.« (GGV S.179f)


#258

»Es darf gesagt werden, daß der erste Abschnitt dieser Verkündigung in Konstantinopel eröffnet wurde, als Bahá'u'lláh eine direkte Botschaft (deren Text wir leider nicht besitzen) an Sultán `Abdu'l-`Azíz richtete, jenen Statthalter des islamischen Propheten von eigenen Gnaden und unumschränkten Herrscher eines mächtigen Reiches. Eine so machtvolle, erlauchte Persönlichkeit war der erste unter den regierenden Herrschern der Welt, der die göttliche Vorladung erhielt, und der erste der orientalischen Monarchen, der die Wirkung der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes auszuhalten hatte. Den Anstoß zu dieser Botschaft bildete der schändliche Erlaß, den der Sultán weniger als vier Monate nach Ankunft der Verbannten in seiner Hauptstadt bekanntgegeben hatte, ... ein Erlaß, der klar bewies, daß sich die Regierungen des türkischen und des persischen Reiches zu einer wirksamen Koalition gegen einen gemeinsamen Feind zusammengeschlossen hatten, und der letzten Endes für das Sultanat, das Kalifat und die kadscharische Dynastie so tragische Folgen zeitigte ... (GGV S.181f)

»So endet der Auftakt zu einem der dramatischsten Abschnitte im Wirken Bahá'u'lláhs. Der Vorhang hebt sich zu dem anerkanntermaßen bewegtesten, gefährlichsten Abschnitt des ersten Bahá'í-Jahrhunderts - einem Abschnitt, der doch zugleich die ruhmreichste Phase des Wirkens von Bahá'u'lláh eröffnen sollte: die Verkündigung Seiner Botschaft an die Welt und ihre Herrscher.« (GGV S.184)





+27 #260

Kapitel 27

Adrianopel - der entlegene Kerker

»O Ahmad! Vergiß Meine Gnadengaben nicht, während Ich fern bin. Gedenke Meiner Tage in deinen Tagen und Meiner Not und Verbannung in diesem entlegenen Kerker.« (Bahá'u'lláh)

In dem bekannten arabischen Sendschreiben an Ahmad, einen Gläubigen aus Yazd, spricht Bahá'u'lláh von Adrianopel als dem »entlegenen Kerker«. Diese historische Stadt in einer abgelegenen Ecke Europas war der von Seinem Geburtsland Irán am weitesten entfernte Punkt, den Bahá'u'lláh während Seiner Sendung je erreichte. Und es geschah zum erstenmal in der uns bekannten Geschichte der Religionen, daß ein Sendbote Gottes den europäischen Kontinent betrat und auf ihm wohnte.

Adrianopel, das jetzt Edirne heißt, liegt an einer Innenbiegung des Flusses Tundscha kurz vor dessen Mündung in die Maritza. Durch seine strategische Lage an der Hauptverbindungsstraße zwischen Kleinasien und dem Balkan war es schon seit ältester Zeit eine wichtige Stadt. Die Makedonier entrissen es den thrakischen Stämmen und gaben ihm den Namen Orestias. Im zweiten Jahrhundert n. Chr. wurde es von Kaiser Hadrian wiedererbaut und erhielt nach ihm den Namen Hadrianopolis oder Adrianopel. Danach hatte es eine bewegte Geschichte und war Schauplatz vieler Kämpfe zwischen den Byzantinern und anderen Völkern, bis es 1362 von den osmanischen Türken erobert wurde. Von 1413 bis 1458 war Adrianopel die Hauptstadt des schnell wachsenden Osmanischen Reiches; auch nach der Verlegung der Hauptstadt nach Istanbul blieb es eine bedeutende Verwaltungs- und Handelszentrale, die von Sultanen und Fürsten häufig besucht wurde. Im Laufe des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts trat durch eine Serie von Unglücksfällen - Feuersbrunst im Jahr 1745, Erdbeben 1751; 1828-29 und 1878-79 Besetzung durch die Russen, dazu mehrere Meutereien - ein gewisser Niedergang ein. Als Bahá'u'lláh in Adrianopel weilte, hatte es etwa 100.000 Einwohner und war die Hauptstadt einer wichtigen Provinz des türkischen Reiches.


#261

(Bildlegende: Ansicht Adrianopels aus dem Jahr 1835 (Radio Times Hulton Picture Library)


Auf den ersten Blick bot sich Adrianopel für Aqá Ridá als reizender Ort dar; doch war es sehr kalt. Er schreibt, daß für die an das warme Klima des `Iráq gewöhnten Verbannten die Kälte Rumeliens sehr unangenehm war, ganz besonders in diesem ersten Jahr, da der Winter besonders streng war und sie keine angemessene Kleidung besaßen.

Bei der Ankunft wurden die Reisenden in einer schlechten Unterkunft, der Karawanserei Khán-i-`Arab zusammengepfercht. Bahá'u'lláh blieb drei Nächte dort. Dann besorgte man für Ihn und Seine Familie ein Haus in dem nordöstlichen Stadtviertel Murádíyyih. Ashchí erinnert sich, daß dieses Haus auf einer kleinen Anhöhe stand und einen guten Blick auf ganz Adrianopel bot. (Dieses Stadtviertel liegt um die von Sultán Murád II. erbaute Murádíyyih-Moschee.) Andere blieben in der Karawanserei, wohin ihnen aus dem Haus Bahá'u'lláhs die Mahlzeiten gebracht wurden. Auch Ashchí weiß über diesen ungewöhnlich strengen Winter zu berichten. Auf der Straße von Konstantinopel nach Adrianopel hatte er eine Anzahl Erfrorener gesehen, und in Adrianopel sagten die Leute, man habe seit vierzig Jahren keinen so strengen Winter mehr erlebt. Die häufigen Schneefälle dauerten bis weit in den Frühling hinein. Die öffentlichen Bäder mußten tagelang geschlossen bleiben, und die Wasserquellen waren vereist, so daß man große Feuer entfachen und lange warten mußte, bis das Wasser wieder zu fließen begann. In Bahá'u'lláhs Zimmer fror eines Nachts trotz des Ofens das Wasser in einer Karaffe ein. Es läßt sich denken, was Bahá'u'lláh und Seine Gefährten bei ihrer unzureichenden Ausrüstung durchmachten.


#262

Das Haus im Murádíyyih-Viertel war zu klein; nach kurzem Aufenthalt konnte für Bahá'u'lláh ein geräumigeres Haus in dem gleichen Stadtviertel besorgt werden, das bei der Takyih der Mawlavís¹ lag. Diejenigen, die noch in der Karawanserei gewohnt hatten, zogen in das von Bahá'u'lláh geräumte Haus um. Gleich neben dem zweiten Haus in Murádíyyih wurde für Aqáy-i-Kalím, Mírzá Yahyá und deren Familien noch ein drittes Haus angemietet. Aqá Ridá beschreibt alle diese Häuser als alt, zugig und schlecht gebaut; es war ein ständiges Problem, sie warm zu bekommen.

¹ Treffpunkt der Mitglieder eines mystischen Ordens, der sich auf den großen Súfí-Dichter Jaláli'd-Dín-i-Rúmí zurückführt. Die Takyih in Adrianopel liegt unmittelbar neben der Moschee von Murádíyyih.


Aqá Ridá erzählt die Geschichte von `Alí Big, dem Zenturio, der Bahá'u'lláh und Seine Gruppe von Konstantinopel hierher begleitet hatte. Als er sich verabschiedete, bat er Bahá'u'lláh um eine Beförderung. Er war zu lange Zenturio gewesen und nicht mehr jung; es war sein großer Wunsch, den Rang eines Big-Báshí zu erlangen und in Adrianopel stationiert zu werden. Bahá'u'lláh versicherte ihm, alles werde sich gut für ihn entwickeln, und tatsächlich tauchte er schon nach kurzer Zeit in Adrianopel als Big-Báshí auf. Er suchte Bahá'u'lláhs Gegenwart, um seinen Dank zu bekunden, und erzählte jedem, daß er seine erstaunliche Beförderung der Güte Bahá'u'lláhs zu verdanken habe. Nach einiger Zeit wollte er aber auf der Leiter noch eine Stufe weiter hinauf. Wieder bat er Bahá'u'lláh, sein Wunsch möge ihm erfüllt werden, und wieder erhielt er die Zusicherung, daß er den höheren Rang erhalten werde. So erschien er eines Tages mit den Rangabzeichen eines Mír-Aláy. Er konnte sein Glück, einen so hohen militärischen Rang erreicht zu haben, selbst kaum fassen und wurde nicht müde, offen zu erklären, dies alles verdanke er Bahá'u'lláh. Mit Dessen Anhängern kam er zusammen, wann und wo immer er konnte. Da er nun aber schon so weit oben stand - war es wohl unvernünftig, auch noch den Rang eines Páshá anzustreben und zu erreichen? "Wie lange willst du noch leben?" fragte ihn Bahá'u'lláh. Und es dauerte nicht mehr lange, da war er tot - Mír-Aláy Alí Big.


#263

Es war ein hartes Leben in diesem ersten Winter in Adrianopel. Schon bald machten sich Geldsorgen bemerkbar. Zu dieser Zeit arbeitete Aqá Husayn selbst in der Küche; daher sein Name Ashchí (Suppenmacher, mit anderen Worten: Koch). Er erinnert sich, daß es an manchen Tagen zum Mittagessen nichts als Brot und Käse gab; aber er arbeitete so wirtschaftlich, daß er von Zeit zu Zeit ein Festessen für Bahá'u'lláh ausrichten konnte, und es gelang ihm, zwei Kühe und eine Ziege zu kaufen, so daß der Haushalt mit Milch und Joghurt versorgt war.

Aqá Ridá schreibt über die Enthüllung der Geheimnisse des "Jahres 80" (1280 A.H.) in diesem Haus im Stadtteil Murádíyyih. Jetzt entströmten der schöpferischen Feder Bahá'u'lláhs in ununterbrochener Folge Sendschreiben voller Macht und Autorität, die frei vor aller Öffentlichkeit Seine Sendung verkündeten - darunter die Tablets Lawh-i-Sayyáh und Lawh-i-Nuqtih. Und überall sammelten sich die Bábí - mit Ausnahme ganz weniger Abweichler - um Seine Sache und unterwarfen sich Seinem gottgegebenen Befehl. Doch Mírzá Yahyá schmiedete - wenn auch nach außen hin in Reih und Glied gebracht - zusammen mit einigen selbstsüchtigen Männern seiner Umgebung, wie Siyyid Muhammad-i-Isfahání und Hájí Mírzá Ahmad-i-Káshání, insgeheim Umsturz- und Aufstandspläne. Die Chronik seiner gemeinen Intrigen, der wir uns bald zuwenden werden, bildet eine traurige Lektüre.

Doch zunächst zu der überwältigenden Freude und Glückseligkeit der getreuen Gefährten Bahá'u'lláhs, wie sie von Aqá Ridá und Ashchí berichtet wird. Der Winter war hart, die Lage angespannt, Kleidung und Unterkunft waren schlecht und der Ausblick in eine ungewisse Zukunft trübe - doch für sie hatte sich ihr Herzenswunsch erfüllt, sie waren überglücklich. Sie lebten in nächster Nähe ihres Herrn und dienten Ihm mit äußerster Hingabe. Bei Tag und bei Nacht vernahmen sie von Seinen eigenen Lippen Verse - erhabene, gebieterische, barmherzige Verse -, die den Sonnenaufgang des Tages aller Tage bezeugten, und unaufhörlich badeten sie in den lebenspendenden Strahlen dieser Sonne. Aqá Ridá erzählt, daß Bahá'u'lláh sie oft in jenem ersten Haus in Murádíyyih besuchte; Er suchte ebenfalls das Haus Seines Bruders Aqáy-i-Kalím auf, das unmittelbar neben Seinem eigenen Haus lag und wo die wenigen Anhänger, die Er damals in Adrianopel hatte, zusammenkamen.


#264

Als Er sich eines Tages bei Sonnenuntergang im Freien erging, wandte Er sich Seinen Gefährten zu und sagte: "Ein Vogel, der auf einem Zweig dieses Baumes (Er deutete auf einen Baum) saß, sprach dreimal die folgenden Worte aus: `Muhammad ist gekommen, und mit ihm kam das Unheil'." Aqá Ridá schreibt dazu, daß einige Gefährten glaubten, Bahá'u'lláh spreche von Mullá Muhammad-i-Zarandí, Nabíl-i-A`zam, da es von ihm hieß, er sei nach Konstantinopel zurückgegangen. Andere legten die Worte Bahá'u'lláhs in unterschiedlicher Weise aus. Doch schon bald sollte sich zeigen, daß er von Hájí Siyyid Muhammad-i-Isfahání gesprochen hatte, dem Antichrist der Bahá'í-Offenbarung.

Bahá'u'lláh wohnte nach Angaben von Aqá Ridá etwa zehn Monate in dem zweiten Haus im Stadtteil Murádíyyih. Da aber die Unterkunft unzureichend und das Haus wegen seiner einsamen Lage nur schlecht erreichbar war, wünschte Er eine andere, zweckentsprechendere, besser gelegene Wohnung. Aqá Ridá erzählt, daß Bahá'u'lláh eines Tages zu Mírzá Mahmúd-i-Káshání sagte: "Du bist ein großer Mann und Gott näher. Bete zu Ihm, daß Er Uns ein besseres Haus gibt.' Nach wenigen Tagen wurde im Zentrum der Stadt ein Haus nördlich der Sultán-Salím-Moschee und ganz in deren Nähe gefunden. Diese Moschee, das Prunkstück von Adrianopel, wurde im sechzehnten Jahrhundert von dem Architekten Sinán erbaut und besitzt eine große Kuppel, die etwa dreieinhalb Meter höher ist als die der Hagia Sophia in Istanbul. Das Haus war ein sehr geräumiges und prächtiges Wohnhaus und trug den Namen "Haus Amru'lláh", was "Haus der Sache Gottes"¹ bedeutet. Aqá Ridá berichtet, daß Bahá'u'lláh es persönlich besichtigte und daß es Seine Zustimmung fand. Mírzá Yahyá war ebenfalls anwesend. Bahá'u'lláh bemerkte: "Gott erhört die Gebete von Aqá Mírzá Mahmúd. Er hat darum gebetet, daß Gott uns ein Haus gebe; sein Gebet wurde erhört, und dieses Haus hat sich gefunden." Das andarúní (Innenbereich) hatte drei Stockwerke und dreißig Räume. Bahá'u'lláh und Seine Familie bezogen das oberste Stockwerk, Mírzá Muhammad-Qulí und seine Familie das mittlere, und einige der Gefährten kamen im Erdgeschoß unter. Dieses riesige Haus hatte ein eigenes türkisches Bad, eine Küche mit fließendem Wasser und einen Platz für Wassertanks. Aqá Ridá schreibt: "An dem Haus gab es nichts auszusetzen." Das bírúní (Außenbereich) hatte im Obergeschoß vier oder fünf schöne Zimmer für Empfänge und eine Art Teeküche für die Zubereitung von Imbissen. Im mittleren Stockwerk des bírúní kamen die restlichen Gefährten unter. Im gleichen Bezirk wurden noch zwei weitere Häuser angemietet, eines für Aqáy-i-Kalím und seine Familie, das andere für Mírzá Yahyá und dessen Familie. Alle Mahlzeiten wurden im Haus Amru'lláh zubereitet und von dort aus verteilt.

¹ Shoghi Effendi übersetzt "Haus Amru'lláh" in Gott geht vorüber (S.184) mit "Haus des Befehles Gottes".


#265

Bahá'u'lláh riet Seinen Gefährten, jetzt die günstige Zeit zu nutzen und einem Gewerbe oder Beruf nachzugehen. Aqá Ridá sagt, daß er selbst nur den einen Wunsch hatte, Bahá'u'lláh persönlich zu Diensten zu sein, und er meinte, das Ausüben eines Berufes könnte der Erfüllung dieses Wunsches im Wege stehen. Es zeigte sich aber, daß dies nicht so war. Als eines Tages alle sich in Seiner Gegenwart versammelt hatten, sagte Bahá'u'lláh zu ihnen: »Wir haben euch befohlen, einem Gewerbe nachzugehen, damit ihr eine nützliche Beschäftigung habt und euch nicht langweilt, und damit ihr Geld verdient und Uns zu Festen einladen könnt.«

Aqá Ridá berichtet, daß alle bei Nacht im Haus Amru'lláh beisammen waren und bei Tage einige draußen ihrem Beruf nachgingen, während andere im Haus Dienst taten. Aqá Muhammad-Báqir-i-Qahvihchí und Ustád Muhammad-Alíy-i-Salmání kümmerten sich darum, den Tee, Kaffee und andere kleine Zwischenmahlzeiten zuzubereiten und zu servieren. Aqá Husayn-i-Ashchí (der inzwischen herangewachsen war) hatte die Küche unter sich und besorgte das Kochen. Aqá Muhammad-Hasan, noch immer ein Junge, leistete Dienste im andarúní. Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Amír (Nayrízí) und Aqá Najaf-Qulí waren für den Einkauf der Vorräte und anderer Lebensnotwendigkeiten im Basar zuständig. Mírzá Aqá Ján war der persönliche Bedienstete Bahá'u'lláhs. Hájí Siyyid Muhammad-i-Isfahání und Hájí Mírzá Ahmad-i-Káshání hatten keine besondere Beschäftigung im Haus und gingen auch keinem Beruf oder Geschäft nach. Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Názir (s. Anhang V S.548) betrieb eine Seidenweberei. Aqá Ridá selbst unterhielt gemeinsam mit Mírzá Mahmúd-i-Káshání eine Konditorei. Aqá Muhammad-`Alí und Aqá `Abdu'l-Ghaffár machten eine Tabakhandlung auf. Ustád Báqir, Aqá Muhammad-Ismá`íl und Khayyát-Báshí arbeiteten als Schneider; und auch Mírzá Ja`far und Aqá Muhammad-Sádiq (s. Anhang V S.548) eröffneten Ladengeschäfte.


#266

Aqá Ridá berichtet, daß im Haus Amru'lláh in der Nacht des 12. Rabí`u'l-Avval A.H.1281 (15. August 1864) ein Sohn Bahá'u'lláhs, Mírzá Díyá'u'lláh, zur Welt kam. Er schreibt: »Wir waren in diesem Haus Amru'lláh alle sehr glücklich zusammen, und niemand dachte jemals an Trennung.« Dieser Zustand dauerte ungefähr ein Jahr an.

Während des zweiten Jahres in diesem Haus, so berichtet Aqá Ridá, begannen Siyyid Muhammad-i-Isfahání und Hájí Mírzá Ahmad-i-Káshání offen ihren wahren Charakter zu zeigen: eine Mischung aus Treulosigkeit und Ungehorsam. Der Leser wird sich erinnern, daß Bahá'u'lláh Hájí Mírzá Ahmad-i-Káshání von Baghdád mitgenommen hatte, um zu verhindern, daß er noch einmal mit dem persischen Generalkonsul wegen seinem unbeherrschten Gerede zusammenstieß, das ihn schon einmal ins Gefängnis gebracht hatte. Das persische Sendschreiben an Ahmad, das Macht und Autorität ausstrahlt, ist an diesen Hájí Mírzá Ahmad gerichtet:¹

¹ Näheres über ihn bei Balyuzi: Edward Granville Browne and the Bahá'í Faith, S. 64f. - Siehe auch TAHEZ II S.173ff


»Dein Auge ist Mein Pfand, laß den Staub eitler Lüste seine Klarheit nicht umwölken. Dein Ohr ist Zeichen Meiner Großmut, laß den Lärm unziemlicher Beweggründe es nicht von Meinem Worte, das die ganze Schöpfung umfaßt, abkehren. Dein Herz ist Meine Schatzkammer, laß die betrügerische Hand des Selbstes dir nicht die Perlen rauben, die Ich darin verwahre. Deine Hand ist Sinnbild Meiner Güte, hindere sie nicht, sich an Meine verwahrten, verborgenen Tafeln zu halten... Unverlangt habe Ich Meine Gnade auf dich herabströmen lassen, ungebeten habe Ich deinen Wunsch erfüllt. Obwohl du es nicht verdienst, habe Ich dich für Meine reichsten, Meine unschätzbaren Gunstbeweise ausersehen... O Meine Diener! Seid so ergeben und fügsam wie die Erde, damit aus dem Boden eueres Seins die duftenden, heiligen, vielfarbenen Hyazinthen Meiner Erkenntnis aufblühen. Seid lodernd wie das Feuer, damit ihr die Schleier der Nachlässigkeit verbrennet und durch die belebende Kraft der Liebe Gottes die erstarrten, widerspenstigen Herzen zum Glühen bringt. Seid leicht und ungehindert wie der Wind, damit ihr Zutritt zu den Bereichen Meines Hofes, Meines unverletzlichen Heiligtums, erlangt.« (ÄL Kap.152)


#267

In jener Zeit, so schreibt Aqá Ridá, versammelten sich die Gefährten jede Nacht in dem großen Raum im Außenbereich des Hauses Amru'lláh, um Gebete des Báb zu sprechen, denn es zeigten sich schon Anzeichen von Mírzá Yahyás Abfall. Aber noch war alles verdeckt. Manchmal schlossen sich Mírzá Yahyá und Siyyid muhammad zusammen ein, um ihre Pläne zu besprechen. Eine Weile blieb es so, bis sich urplötzlich eine Kluft auftat, weit und unüberbrückbar. Sie entstand durch den offenen Aufstand Mírzá Yahyás und den gewaltigen Aufruhr, der daraus entsprang.

Der Hüter der Bahá'í-Religion gibt folgende Beschreibung des von Seinem Halbbruder angezettelten Aufstandes gegen Bahá'u'lláh, in der er auf den Ursprung und Charakter dieses Aufstandes und auf die Gefahr für den neugeborenen Glauben eingeht:

»Der nun seit zwanzig Jahren bestehende Glaube hatte gerade begonnen, sich von einer Reihe von Schlägen zu erholen, als ihn eine Krise allergrößten Ausmaßes ereilte und bis in die Wurzeln erschütterte. Weder der tragische Märtyrertod des Báb noch der schändliche Anschlag auf das Leben des Monarchen und sein blutiges Nachspiel, auch nicht Bahá'u'lláhs demütigende Verbannung aus dem Land Seiner Geburt, ja, nicht einmal Seine zweijährige Zurückgezogenheit in Kurdistán - so verheerende Auswirkungen alle diese Ereignisse auch hatten - erreichten die tiefe Bedrohlichkeit dieser ersten großen inneren Erschütterung, die eine soeben wiedererstandene Gemeinschaft erfaßte und die Reihen ihrer Mitglieder auf unheilbare Weise zu spalten drohte ... Das ungeheuerliche Vorgehen Mírzá Yahyás - eines Halbbruders Bahá'u'lláhs, des vom Báb benannten Sachwalters und anerkannten Oberhauptes der Bábí-Gemeinde - brachte eine Zeit der Geburtswehen mit sich, ein Vorgang, der nicht weniger als ein halbes Jahrhundert lang die Geschicke des Glaubens beeinträchtigen sollte ... Bahá'u'lláh selbst bezeichnete diese höchste Krise als die Ayyám-i-Shidád (Tage der Heimsuchung), in deren Verlauf "der schmerzlichste Schleier" zerrissen und "die größte Trennung" unwiderruflich herbeigeführt wurde. Die äußeren Feinde des Glaubens, ob weltlich oder geistlich, wurden durch sie unendlich befriedigt und ermutigt, sie empfanden sie als Wasser auf ihre Mühle und zeigten offenen Hohn. Freunde und Befürworter Bahá'u'lláhs reagierten bestürzt und verwirrt, das Ansehen des Glaubens bei seinen Bewunderern im Westen¹ nahm Schaden. Seit den frühesten Tagen von Bahá'u'lláhs Aufenthalt in Baghdád hatte diese Krise im Verborgenen geschwelt; sie wurde eine Zeitlang durch die schöpferischen Kräfte gebannt, die unter Seiner noch nicht verkündeten Führerschaft eine zerfallende Gemeinde wiederbelebten, bis sie schließlich in den Jahren unmittelbar vor der Verkündigung Seiner Botschaft in voller Heftigkeit zum Ausbruch kam. Für Bahá'u'lláh brachte diese Krise unermeßliches Leid, sie ließ Ihn sichtlich altern und fügte Ihm den schwersten Schlag Seines ganzen Lebens zu. Ausgeheckt wurde die Krise von Anfang bis Ende durch die krummen Intrigen und endlosen Machenschaften jenes selben teuflischen Siyyid Muhammad, des bösen Einflüsterers, der ohne Rücksicht auf Bahá'u'lláhs Rat darauf bestanden hatte, Ihn nach Konstantinopel und Adrianopel zu begleiten, und der jetzt mit ruheloser Wachsamkeit seine Anstrengungen verdoppelte, um die Krise zur Entscheidung zu bringen.« (GGV S.185ff)

¹ z.B. Nicolas und Edward Granville Browne (H.M.B.)


#268

»Mírzá Yahyá hatte sich seit der Rückkehr Bahá'u'lláhs aus Sulaymáníyyih stets in unrühmlicher Weise in sein eigenes Haus zurückgezogen oder war bei drohender Gefahr an sichere Plätze wie Hillih oder Basra ausgewichen. In die letztgenannte Stadt war er in der Verkleidung eines Baghdáder Juden geflüchtet und hatte sich dort als Schuhhändler betätigt. Er war so verschreckt, daß er einmal gesagt haben soll: "Ich erkläre jeden zum Ungläubigen, der behauptet, mich gesehen oder meine Stimme gehört zu haben." Als er von Bahá'u'lláhs bevorstehender Abreise nach Konstantinopel Kenntnis erhielt, verbarg er sich zuerst im Garten von Huvaydar bei Baghdád und stellte Überlegungen an, ob es ratsam wäre, nach Abessinien, Indien oder in ein anderes Land zu flüchten. Er mißachtete Bahá'u'lláhs Empfehlung, nach Persien zu gehen und dort die Schriften des Báb zu verbreiten; stattdessen schickte er einen gewissen Hájí Muhammad Kázim, der ihm ähnlich sah, zu den Regierungsbehörden, ließ für sich einen Paß auf den Namen Mírzá `Alíy-i-Kirmánsháhí ausstellen, verließ Baghdád unter Zurücklassung der Schriften und zog in Gesellschaft eines arabischen Bábí namens Záhir verkleidet nach Mosul, wo er sich den Verbannten anschloß, die nach Konstantinopel unterwegs waren.« (GGV S.186)

»... Bereit, sich durch die verlockenden Aussichten auf unbeschränkte Führerschaft blenden zu lassen, die ihm Siyyid Muhammad, der Antichrist der Bahá'í-Offenbarung, unterbreitete - so wie Muhammad Sháh durch den Antichrist der Bábí-Offenbarung, Hájí Mírzá Aqásí, irregeleitet worden war -; nicht willens, den Mahnungen hervorragender Gläubiger innerhalb der Gemeinde Gehör zu schenken, die ihm schriftlich zu Weisheit und Selbstbeschränkung geraten hatten; ohne Gedanken an die Güte und den Rat Bahá'u'lláhs, der - dreizehn Jahre älter als er - ihn in seiner Kindheit, in seiner Jugend und in seinen frühen Mannesjahren behütet hatte; erkühnt durch das sündenbedeckende Auge seines Bruders, der bei so vielen Gelegenheiten einen Schleier über seine vielen Vergehen und Torheiten gezogen hatte - so wurde dieser ErzBündnisbrecher der Bábí-Offenbarung, angespornt durch seine wachsende Eifersucht, gedrängt durch seine Leidenschaft für das Führertum, zu Handlungen getrieben, die jeder Verschleierung oder Duldung trotzten ...« (GGV S.186)


#269

»Verzweifelte Anschläge, Bahá'u'lláh und Seine Gefährten zu vergiften und seine eigene erloschene Führerschaft dadurch neu zu beleben, trieben ihn etwa ein Jahr nach der Ankunft in Adrianopel zunehmend um. Er schätzte die Sachkenntnis seines Halbbruders Aqáy-i-Kalím in allen Fragen der Medizin richtig ein und suchte unter mancherlei Vorwänden Aufklärung über die Wirkung verschiedener Kräuter und Gifte; dann begann er, ganz gegen seine Gewohnheit, Bahá'u'lláh in sein Haus einzuladen, wo er eines Tages Seine Teetasse mit einer selbstgebrauten Substanz bestrich und Ihn damit so stark vergiftete, daß Bahá'u'lláh einen vollen Monat lang an einer ernsthaften Erkrankung litt, die mit starken Schmerzen und hohem Fieber verbunden war und zur Folge hatte, daß Bahá'u'lláh bis zu Seinem Lebensende eine zittrige Hand behielt.¹ Sein Zustand war sehr ernst; ein ausländischer Arzt namens Shíshmán wurde zu Seiner Behandlung hinzugezogen. Der Arzt war über Bahá'u'lláhs blaugraue Gesichtsfarbe so entsetzt, daß er den Fall für hoffnungslos hielt, Bahá'u'lláh zu Füßen fiel und sich dann verabschiedete, ohne ein Mittel verschrieben zu haben. Ein paar Tage später erkrankte dieser Arzt mit tödlichem Ausgang. Noch vor seinem Tod hatte Bahá'u'lláh angedeutet, daß Doktor Shíshmán sein Leben für Ihn geopfert habe. Gegenüber Mírzá Aqá Ján, den Bahá'u'lláh zu dem Arzt geschickt hatte, um ihn zu besuchen, hatte dieser erklärt, Gott habe sein Gebet erhört; man solle nach seinem Tode bei Bedarf einen gewissen Dr. Chúpán zuziehen, den er als zuverlässig kannte.« (GGV S.186f)

¹ Im Internationalen Bahá'í-Archiv auf dem Berg Karmel wird ein blutbeflecktes Taschentuch aufbewahrt, mit dem sich Bahá'u'lláh in der Nacht nach Seiner Vergiftung den Mund abwischte.


Ein andermal vergiftete Mírzá Yahyá nach dem Zeugnis einer seiner Frauen, die ihm vorübergehend weggelaufen war und Einzelheiten der oben genannten Tat enthüllte, den Brunnen, der Bahá'u'lláhs Familie und Gefährten mit Wasser versorgte. In der Folge traten bei den Verbannten seltsame Krankheitssymptome auf.¹

¹ Aqá Ridá gibt an, daß Dr. Shíshmán Christ war. Die Ehefrau Mírzá Yahyás, die die Vergiftung des Brunnens enthüllte, war nach Aqá Ridás Zeugnis Badrí-Ján aus Tafrish, die Schwester von Mírzá Nasru'lláh und Mírzá Ridá-Qulí (vgl. Balyuzi: Edward Granville Browne and the Bahá'í Faith p.36f)


#270

Bahá'u'lláh hatte Sein Äußerstes getan, um Seinen Bruder vor den Folgen seiner "Vergehen" und "Torheiten" zu bewahren; doch hatten Seine Güte und Großmut nur noch mehr Feindseligkeit und Haß hervorgerufen. Die Zeit, dieser unbeirrbare Prüfstein für Wahres oder Falsches, brachte am Ende das wahre Bild des Mírzá Yahyá, seine haltlosen Behauptungen und seine erbärmlichen Absichten zutage. Nachdem sein heimtückischer Versuch, Bahá'u'lláh zu vergiften, gescheitert war, kehrte Mírzá Yahyá den Spieß um und beschuldigte Bahá'u'lláh. Sein Bruder habe die Speisen vergiftet, behauptete er, und dann unabsichtlich selbst davon gegessen. Wir Heutigen können aus dem Abstand eines Jahrhunderts den Bösewicht nur bedauern und aus angemessenem Blickwinkel erkennen, wie erbärmlich und unbedeutend er war im Vergleich zu der überwältigenden Majestät Bahá'u'lláhs. Die Verleumdungen und die Überheblichkeit eines Mírzá Yahyá können uns heute sogar erheitern; aber damals bedeutete sein niederträchtiges Verhalten für Bahá'u'lláh eine erhebliche Verschlimmerung Seiner Lage.

Aqá Ridá berichtet über Bahá'u'lláhs lange Krankheit und sagt, daß die Gefährten über Wochen hinweg die Gegenwart Bahá'u'lláhs entbehren mußten. Sie waren untröstlich, hätten sich aber auf keinen Fall erkühnt zu fragen, ob sie Ihn besuchen dürften. Eines Abends während Seiner Wiedergenesung waren die meisten - unter ihnen `Abdu'l-Bahá und Sein Halbbruder Mírzá Muhammad-`Alí - zum Abendessen in das Haus von Aqáy-i-Kalím geladen, und nur Aqá Ridá und zwei andere waren zurückgeblieben, um Brennholz zu holen, als Bahá'u'lláh sich im Bett aufsetzte, sie hereinrief und Platz nehmen ließ. Er sprach mit ihnen und teilte ihnen mit, wie schwach er sich fühle. Sobald Er wieder ohne Hilfe gehen konnte, besuchte Er die Gefährten. In der Nachbarschaft des Murádíyyih-Viertels gab es ein baumbestandenes Grundstück; dieses pachtete Mírzá Muhammad-Qulí, und Mírzá Mahmúd-i-Káshání pflanzte Blumen darauf an. Spätnachmittags begab sich Bahá'u'lláh an diesen schattigen Ort, und wenn die Gefährten von der Arbeit zurückkehrten, wußten sie, wo sie Ihn finden und in Seine Gegenwart gelangen konnten. Bei einer solchen Gelegenheit erkundigte sich Bahá'u'lláh nach dem Befinden des Khayyát-Báshí, der erkrankt war. Als Aqá Ridá sagte, er habe nichts Neues über dessen Genesung gehört, erwiderte Bahá'u'lláh, er hätte zuerst Khayyát-Báshí besuchen sollen, ehe er in den Garten kam. "Ich sage euch das," fuhr Er fort, "damit ihr alle lernt, stets umeinander besorgt zu sein und euch gegenseitig zu dienen." Das Haus des Aqáy-i-Kalím lag in der Nähe dieses Obstgartens, und manchmal besuchte Bahá'u'lláh Seinen Bruder dort, bevor Er nach Hause zurückkehrte.


#271

Aqá Ridá berichtet des näheren über eine für Mírzá Yahyá sehr peinliche Szene in dem Haus von Aqáy-i-Kalím. Shaykh Salmán, der bekannte Bote, der Briefe und Bittschriften aus Persien brachte und mit Sendschreiben und Briefen wieder dorthin zurückging, hatte Mírzá Yahyá gebeten, ihm die Bedeutung der folgenden berühmten Zeilen aus einem Gedicht des Sa`dí zu erklären:

Der Freund ist mir näher, als ich mir selbst bin.
Wie erstaunlich dann, daß ich Ihm so fern bin.

Mírzá Yahyá gab eine unsinnige Antwort. Siyyid Muhammad-i-Isfahání und Hájí Mírzá Ahmad-i-Káshání (die gleichen Männer, die seine Statthalter wurden, als er sich gegen seinen Bruder erhob) versuchten ihm gemeinsam seinen Irrtum klarzumachen; Sa`dí - so sagten sie - gebe hier in poetischer Sprache der Empfindung Ausdruck, die der folgende Qur'án-Vers vermittle: "Wir sind ihm näher als seine Halsschlagader." (50:15) Als seine Ahnungslosigkeit an den Tag kam, versuchte Mírzá Yahyá die Sache zu vertuschen. Der Leser wird sich erinnern, daß Siyyid Muhammad auf der Reise nach Istanbul einmal bei einem Streitgespräch den Mírzá Yahyá so fertigmachte, daß dieser zu Bahá'u'lláh lief und sich bitter beklagte. Aqá Ridá merkt an, daß Siyyid muhammad ständig Mírzá Yahyá hänselte und sich über ihn lustig machte. Eines Tages aber gab Siyyid Muhammad vor, er sei beleidigt, und zog in die Mawlaví-Khánih um. Aqáy-i-Kalím suchte ihn dort auf, nahm ihn mit nach Hause und stellte ihn zur Rede; aber der Mann war - wie Aqá Ridá sagt - dem Unheil verschrieben, und so wiederholte sich der Vorfall: Er riß ein zweites Mal in die Mawlaví Khánih aus.

Aqá Ridá bezeugt, daß Mírzá Yahyá seit langem eine Feindschaft gegen Bahá'u'lláh gehegt und Pläne für Dessen Tod geschmiedet hatte. Eine Episode dieser Art beschreibt Ustád Muhammad-`Alíy-i-Salmání, der Barbier, in seiner Autobiografie, aus der der folgende Auszug stammt:



#272

(Bildlegende: Ustád Muhammad-Alí-i-Salmání)


"Eines Tages wartete ich im Bad auf das Eintreffen Bahá'u'lláhs. Azal kam früher, wusch sich und begann, Henna ins Haar zu tun. Ich setzte mich, um ihn zu bedienen, und er fing an, mit mir zu reden. Er sagte: `Ein gewisser Mírzá Na`ím, der frühere Gouverneur von Nayríz, tötete viele Gläubige und verübte zahlreiche Verbrechen gegen die Sache Gottes.` Als nächstes pries er Mut und Tapferkeit in glühenden Farben. Er sagte, manche seien von Natur aus tapfer und offenbaren diese Eigenschaft zur rechten Zeit durch ihre Taten. Dann setzte er die Geschichte von Nayríz fort: `Aus der verfolgten Bábí-Familie blieb ein Junge von zehn oder elf Jahren übrig. Eines Tages, als der Gouverneur ins Bad ging, folgte ihm dieser Junge mit einem Messer. Wie der Gouverneur aus dem Wasser stieg, stach der Junge auf ihn ein und schlitzte ihm den Bauch auf. Der Gouverneur schrie laut, seine Diener stürzten aus dem Vorraum herein. Sie fielen über den Knaben her und schlugen ihn. Dann sahen sie nach ihrem Herrn. Obwohl verwundet, raffte sich der Junge auf und stach erneut auf ihn ein.' Azal pries noch einmal die Tapferkeit und sagte: `Wie wunderbar ist es für einen Mann, tapfer zu sein. Schau dir an, was man der Sache Gottes antut. Jeder schadet ihr, jeder erhebt sich gegen mich, selbst mein Bruder. Ich habe keine ruhige Stunde mehr und bin in einem erbärmlichen Zustand.` Er wollte sagen, daß er als Nachfolger des Báb Unrecht leiden müsse und sein Bruder - Gott bewahre! - der Angreifer und Thronräuber sei. Noch einmal pries er den Mut als Tugend und sagte, die Sache Gottes brauche Hilfe. Mit diesem ganzen Gerede, dem Unterton seiner Bemerkungen, der Geschichte von dem Gouverneur von Nayríz, dem Lobpreis der Tapferkeit und seiner Ermutigung für mich wollte er mir in Wirklichkeit bedeuten, ich solle Bahá'u'lláh töten."


#273

"Die Wirkung all dessen auf mich war so verwirrend, daß ich in meinem ganzen Leben kein zweites Mal so erschüttert wurde. Mir war, als bräche das ganze Haus über meinem Kopf zusammen. Zutiefst erschrocken und ohne ein Wort zu sagen, ging ich in den Vorraum hinaus und setzte mich auf eine Bank. Ich überlegte, ob ich nicht sogleich hineingehen und ihm den Kopf abschneiden solle, ohne Rücksicht auf die Folgen. Dann dachte ich mir, es wäre keine leichte Sache, ihn zu töten, und möglicherweise würde dies Bahá'u'lláh verletzen. Was mich davon abhielt, diese ursprüngliche Absicht auszuführen, war die Überlegung, welche Antwort ich geben könnte, wenn ich ihn tötete und dann in die Gegenwart der Gesegneten Vollkommenheit träte und Er mich fragte, warum ich ihn getötet hätte. Ich ging zurück ins Bad und schrie rasend vor Wut: `Mach, daß du hier wegkommst!` (Das persische "Gum Shaw" ist eine grobe Beleidigung) Azal zuckte zusammen und wimmerte, ich solle Wasser über ihn gießen, um das Henna abzuwaschen. Ich tat es. Gewaschen oder ungewaschen ging er hinaus, am ganzen Leibe schlotternd, und ich habe ihn seitdem nie mehr gesehen."

"Mein Seelenzustand war jedoch so, daß nichts mich beruhigen konnte. Wie es sich traf, kam die Gesegnete Vollkommenheit an diesem Tag nicht ins Bad, nur Mírzá Músá kam. Ich erzählte ihm, Azal habe mich mit seinen finsteren Vorschlägen wütend gemacht. `Daran denkt er seit Jahren,' sagte Mírzá Músá. `Dieser Mensch hat immer so gedacht. Kümmere dich nicht um ihn!' Danach kam niemand mehr ins Bad, also machte ich zu. Ich ging zum Meister (Abdu'l-Bahá, der Größte Zweig) und berichtete Ihm, was mir Mírzá Yahyá gesagt hatte, wie ich wütend geworden war und ihn hatte töten wollen... Der Meister sprach: `Das ist etwas, das du allein weißt. Sag es keinem. Es bleibt besser verborgen.' Ich aber ging zu Mírzá Aqá Ján, berichtete den Vorfall in allen Einzelheiten und bat ihn, Bahá'u'lláh zu verständigen. Mírzá Aqá Ján kam zurück und sagte: `Bahá'u'lláh sagt, ich möchte Ustád Muhammad-Alí ausrichten, er solle dies keinem Menschen gegenüber erwähnen.`"

"Am Abend raffte ich alle Schriften Azals zusammen, ging in den Teesalon von Bahá'u'lláhs Haus und verbrannte sie alle in der Kohlenpfanne. Zuvor zeigte ich sie sieben oder acht anwesenden Gläubigen. Sie alle sahen, daß es Azals Schriften waren. Sie protestierten und fragten mich, warum ich das täte. Ich sagte: `Bis heute habe ich Azal hoch geschätzt, aber jetzt ist er in meinen Augen weniger als ein Hund.`"


#274

Mírzá Yahyás Versuch, den Barbier auf seine Seite zu ziehen und zur Tat anzustacheln, ging nach Aussage Aqá Ridás schon eine Weile zurück und erstreckte sich über mindestens drei Monate, bis er den Mut fand, so offen mit dem Barbier zu sprechen. Wie wir gesehen haben, brachte dies Ustád Muhammad-`Alí so in Wut, daß er Mírzá Yahyá beinahe auf der Stelle umgebracht hätte.

Der Hüter des Bahá'í-Glaubens schreibt über diese Episode: »Obwohl von Bahá'u'lláh anschließend aufgefordert, mit niemandem über diese Begebenheit zu sprechen, konnte der Barbier keine Ruhe geben, plauderte das Geheimnis aus und brachte damit große Bestürzung über die ganze Gemeinde. `Als das Geheimnis, das er (Mírzá Yahyá) im Herzen trug, von Gott offenbart wurde,` bezeugt Bahá'u'lláh selbst, `leugnete er eine solche Absicht und schrieb sie diesem gleichen Diener (Ustád Muhammad-`Alí) zu.`« (GGV S.189)

Dieser Ustád Muhammad-Alí berichtet, Mírzá Yahyá habe sich in seiner feigen Angst, erkannt zu werden, gegenüber Shamsí Big, ihrem offiziellen Gastgeber in Istanbul, als Diener Bahá'u'lláhs ausgegeben. Und mit der gleichen Absicht, sich zu verbergen, hielt er sich auch oft in den Kammern der Bediensteten auf, obwohl er eine eigene Wohnung hatte.

Mírzá Yahyás Vorgehen bei seinem erfolglosen Versuch, "seine erloschene Führerschaft neu zu beleben," hatte bedeutungsschwere Geschehnisse zur Folge, mit denen Shoghi Effendi seinen Bericht über diese "erste große innere Erschütterung" fortsetzt:

»Für Ihn, der erst vor so kurzer Zeit durch mündliche Mitteilung wie auch in zahlreichen Sendschreiben die Folgerungen des von Ihm erhobenen Anspruchs enthüllt hatte, war nun der Zeitpunkt gekommen, den ernannten Sachwalter des Báb mit der Natur Seiner Sendung bekanntzumachen. Mírzá Aqá Ján wurde beauftragt, die neu offenbarte Súriy-i-Amr, die diesen Anspruch unmißverständlich bekräftigte, Mírzá Yahyá zu überbringen, sie ihm vorzulesen und eine unzweideutige, schlüssige Antwort zu verlangen. Mírzá Yahyá erbat eine Frist von einem Tag, um seine Antwort zu überlegen, und diese wurde ihm gewährt. Was dann aber als Antwort kam, war nur eine Gegenerklärung, in der er die Stunde und die Minute angab, da er zum Empfänger einer unabhängigen Offenbarung geworden sei, für die er die bedingungslose Unterwerfung der Völker der Erde in Ost und West beanspruche.« (GGV S.189)


#275

»Eine so anmaßende Erklärung, abgegeben von einem so heimtückischen Gegner gegenüber dem Abgesandten des Trägers einer so weitreichenden Offenbarung, war das Signal für den offenen, endgültigen Bruch zwischen Bahá'u'lláh und Mírzá Yahyá - eines der dunkelsten Kapitel in der Bahá'í-Geschichte. In dem Wunsch, den grimmigen Haß zu mildern, der Seinen Feinden im Herzen loderte, und jedem einzelnen Verbannten die volle Freiheit zu lassen, zwischen Ihm und den Feinden zu wählen, zog sich Bahá'u'lláh mit Seiner Familie am 22. Shavvál 1282 A.H. in das Haus Ridá Big¹ zurück, das Er hatte anmieten lassen. Zwei Monate lang weigerte Er sich, mit Freund oder Feind zu verkehren, auch nicht mit den eigenen Gefährten. Er beauftragte Aqáy-i-Kalím, alles Mobiliar und Bettzeug sowie alle Kleider und Geräte, die es in Seinem Hause gab, aufzuteilen und die Hälfte davon in das Haus Mírzá Yahyás zu schicken, ihm außerdem bestimmte heißbegehrte Erinnerungsstücke auszuliefern wie die Siegel, Ringe und Manuskripte in der Handschrift des Báb, sowie sicherzustellen, daß er seinen vollen Anteil an der von der Regierung festgesetzten Unterhaltszahlung für die Verbannten und ihre Familien erhielt. Auch wies Er Aqáy-i-Kalím an, einen Gefährten seiner Wahl damit zu beauftragen, täglich einige Stunden lang für Mírzá Yahyá Besorgungen zu machen und ihm zu versichern, daß alles, was in Zukunft in seinem Namen aus Persien entgegengenommen werde, in seine eigenen Hände gelangen werde.« (GGV S.189f)

¹ 10.März 1866 - Das Haus lag in einem anderen Stadtteil (H.M.B.)


Aqá Ridá berichtet davon, wie schmerzlich Bahá'u'lláhs Zurückgezogenheit die Gefährten traf. Hájí Mírzá Ahmad-i-Káshání blieb nicht länger in Adrianopel, obwohl er mit Mírzá Yahyá verbündet war; er besorgte sich einen Paß und reiste ab. Er ging wieder nach Baghdád, wo er von einem Araber, angeblich einem Bahá'í, ermordet wurde. Bahá'u'lláh war noch in Adrianopel, als die Nachricht von dem abscheulichen Mord an Hájí Mírzá Ahmad eintraf, und sie betrübte Ihn sehr. Auch Aqá Muhammad-Sádiq und Mírzá Ja`far zogen es vor, Adrianopel zu verlassen. Mírzá Muhammad-Qulí, ein anderer Halbbruder Bahá'u'lláhs, und Bahá'u'lláhs persönlicher Gehilfe Mírzá Aqá Ján zogen mit Ihm in das Haus Ridá Big, auch Aqá Husayn kam dorthin, um für den Haushalt zu kochen. Alle übrigen Gefährten hatten keinen Zugang zum Haus Ridá Big und waren untröstlich vor Schmerz und Kummer. Nur an einem Tag, nicht lange nach Bahá'u'lláhs Auszug aus dem Haus Amru'lláh, wurden sie am frühen Nachmittag in Bahá'u'lláhs Gegenwart gerufen. Er servierte ihnen Tee, dann sagte Er: "Für die gegenwärtige Einschränkung gibt es eine festgesetzte Frist. Ihr sollt euch alle Gott zuwenden. Euer Verhalten muß so sein, daß ihr alle unter eurem Schatten stehen seht. Laßt euch durch nichts von eurer Zuwendung zu Gott abbringen. Vertraut auf Ihn, schaut auf Ihn. Seid geduldig und langmütig. Sucht mit niemandem Streit." Aqá Ridá erinnert sich deutlich an die Ratschläge Bahá'u'lláhs und sagt, Seine Rede habe eine solche Macht ausgestrahlt, daß die Anwesenden sie bis ins innerste Mark spürten und ihnen die Tränen aus den Augen traten. Dann gebot ihnen Bahá'u'lláh zu gehen. Darvísh Sidq-`Alí gab Er den Auftrag, jeden Tag in Mírzá Yahyás Haus zu gehen und für ihn und seine Familie einzukaufen. Dem Darvísh Sidq-`Alí war dieser Auftrag verhaßt, aber da Bahá'u'lláh es ihm befohlen hatte, gehorchte er, bis Mírzá Yahyá eines Tages ins Murádíyyih-Viertel umzog und dem Darvísh sagte, daß er seine Dienste nicht mehr benötige.


#276

Als Bahá'u'lláh bestimmte, daß für Mírzá Yahyá und seine Familie ein reichlicher Anteil an der Monatszahlung der osmanischen Regierung für die Verbannten abgezweigt werde, erhielten auch alle Gefährten ihren Anteil an dem Geld und an den Gebrauchsgegenständen, dem Kupfer und so weiter.

Aqá Ridá schreibt, daß alle bestürzt waren über das schreckliche Ausmaß der Gehässigkeit, die Mírzá Yahyá und seine Verbündeten an den Tag legten. Zu denen, die Mírzá Yahyá für sich gewonnen hatte, gehörte auch ein gewisser Hájí Ibráhím-i-Káshí. Er wurde mit größter Freundlichkeit behandelt, erhielt Briefe, die er nach Persien bringen sollte, und genaue Anweisungen, was er zu sagen habe, wo immer er hinkam. Doch Hájí Ibráhím erkannte, wie schäbig die Argumente waren, bereute und kehrte zu den Gefährten zurück. "Ich dachte zuerst," so soll er gesagt haben, "Ziel der Briefe sei es, eine Reform und Versöhnung herbeizuführen. Doch bei näherem Hinsehen fand ich, daß sie nur Haß und Verleumdung übermittelten." Aqá Ridá schreibt, er und noch andere hätten sich einige der Schreiben angesehen, die man Hájí Ibráhím gegeben hatte, und sie seien entsetzt gewesen über die schrecklichen Lügen darin.


#277

Nachdem der Versuch gescheitert war, durch Verführung des Hájí Ibráhím-i-Káshí ans Ziel zu kommen, verfielen Mírzá Yahyá und sein schändlicher Anhang auf eine andere Untat. Eine von Mírzá Yahyás Frauen, die Mutter seines Sohnes Mírzá Ahmad¹, wurde jammernd und wehklagend zum Haus des Gouverneurs geschickt. Den Behörden erzählte sie, daß sie Hunger litten und nichts zu essen hätten, weil Bahá'u'lláh ihnen das Geld nicht auszahle. Und dies zu einem Zeitpunkt, so Aqá Ridá, wo der volle Betrag von zweitausend túmán, den man kurz zuvor aus Qazvín erhalten hatte, an Mírzá Yahyá weitergegeben worden war. Zu keiner Zeit, wiederholt er, seien die Bedürfnisse Mírzá Yahyás und derer, die mit ihm waren, vernachlässigt worden. Selbst als Siyyid Muhammad-i-Isfahání in die Mawlaví-Khánih ausgezogen war, wurde er mit Tee, Zucker und anderem Notwendigen versorgt. An dieser Stelle seines Tagebuches fügt Aqá Ridá, nachdem er über die abscheulichen Taten Mírzá Yahyás und seines Stellvertreters berichtet hat, ein eigenes Gebet ein:

¹ Dieser Mírzá Ahmad wandte sich Jahrzehnte später reumütig und hilfsbedürftig an `Abdu'l-Bahá. Der Verfasser erinnert sich noch gut an ihn, wie er in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts als alter Mann zurückgezogen im Pilgerhaus auf dem Berg Karmel lebte. Als eine Gruppe von Studenten der Amerikanischen Universität in Beirut (zu der der Verfasser gehörte) bei einem Besuch Haifas im Pilgerhaus wohnte, legte ihnen der Hüter der Bahá'í-Religion besonders ans Herz, sie sollten den ruhigen alten Mann nicht verletzen, indem sie in seiner Gegenwart auf die Verirrungen und Untaten seines berüchtigten Vaters anspielten.


"O Gott! Du weißt, daß die Erwähnung dieser Vorfälle nur einem Zwecke dient: die Wahrheit zu bezeugen und die Situation zu erhellen. Was geschehen ist und was wir miterlebt haben, wird hier dargelegt, damit es für alle klar und offenkundig werde. Wir haben niemals gegen irgend jemanden Haß genährt. Wir legen unser Vertrauen in Deine Gnade und Barmherzigkeit, daß Du uns vor Falschheit bewahrst, damit wir niemals vom Pfad der Gerechtigkeit, Redlichkeit, Vertrauenswürdigkeit und Treue abweichen und niemals etwas anderes als die Wahrheit sprechen. Du bestätigst alle, Du bist der Allwissende, der Allmächtige."

Dann erzählt Aqá Ridá eine noch merkwürdigere Geschichte. Die Parteigänger Mírzá Yahyás wurden im `Iráq gefragt, warum er seine Frau zum Betteln ins Haus des Gouverneurs geschickt habe, obwohl sie doch alle wußten, daß es ihnen an nichts fehlte. Sie antworteten, das sei das Werk Siyyid Muhammads, und es sei ohne Wissen Mírzá Yahyás geschehen. Die Entschuldigung, die man vorbrachte, war noch schlimmer als die Tat selbst!


#278

In jenen unruhigen Tagen war Khurshíd Páshá (s. Anhang V S.546) soeben zum Gouverneur von Adrianopel ernannt worden und hatte gemäß den britischen Konsularunterlagen (Akte FO 195.794) sein Amt im März 1866 angetreten. Sein Stellvertreter war `Azíz Páshá. Beide waren fähige Verwaltungsbeamte, deren Integrität außer Frage stand. Eines Tages stattete `Azíz Páshá Bahá'u'lláh einen Besuch ab und bezeigte große Demut und Ehrerbietung. Eine besondere Zuneigung faßte er zu `Abdu'l-Bahá, aus dessen Brunnen des Wissens er tief zu trinken wünschte, obwohl Ghusn-i-A`zam (der Größte Zweig) noch ein junger Mann Anfang zwanzig war. Viele Jahre später, als Bahá'u'lláh in `Akká in der Verbannung lebte, wurde Azíz Páshá der Válí von Beirut. Er besuchte `Akká zweimal, um Bahá'u'lláh seine Aufwartung zu machen und seine Freundschaft mit Bahá'u'lláhs ältestem Sohn, den er sehr bewunderte, zu erneuern.

Mírzá Yahyá wandte sich jetzt unterwürfig an Khurshíd Páshá und auch an Azíz Páshá. Khurshíd Páshá und sein Vertreter legten die Briefe Mírzá Yahyás, die von Schmeicheleien trieften, Ghusn-i-A`zam vor. Wie Aqá Ridá schreibt, wußte Bahá'u'lláh, nachdem Er von Mírzá Yahyás Vorgehen erfahren hatte, daß es Zeit war, Seine Abgeschlossenheit aufzugeben; die »festgesetzte Frist« war abgelaufen. »Wir haben uns zurückgezogen,« sagte Er, »damit vielleicht das Feuer der Feindschaft gelöscht und solche schändlichen Taten abgewendet würden; doch hat man zu noch radikaleren Maßnahmen gegriffen als zuvor.«

Inzwischen war es Frühling. "Wir hatten ein Haus in einem anderen Stadtteil gemietet," schreibt Aqá Ridá. "Dort versammelten wir uns alle und beteten bei Tag und bei Nacht. Wir lasen in den Heiligen Schriften und flehten zu Gott, daß diese Nacht der Trennung enden und der Morgen der Nähe anbrechen möge, daß die Tür zu Seiner Gegenwart wieder aufgetan werde. Als unsere Gebete schließlich erhört und die Tore der Gnade aufgestoßen wurden, mieteten wir ein anderes Haus in der Nähe des Hauses Ridá Big und wohnten dort. Das Haus hatte einen Brunnen mit gutem Wasser, der geräumige Innenhof hatte viele Blumenbeete, die gut bepflanzt waren. Wir lösten uns jeden Tag bei der Hausarbeit ab; einer blieb im Haus und erledigte alles: Wasser holen, kehren, kochen, Tee machen, die Blumen versorgen - als ob er an diesem Tag der Gastgeber und alle anderen seine Gäste wären. Nach dem Abendessen spülte er ab und übergab dann Geschirr und Geräte an den, der am nächsten Tag die Rolle des Gastgebers hatte. An den meisten Tagen besuchten die Zweige [Bahá'u'lláhs Söhne] dieses Haus, und manchmal kam auch die Gesegnete Schönheit. Es war ein gutes, angenehmes Haus."


#279

(Bildlegende: Abdu'l-Bahá in Adrianopel)


#380

(Bildlegende: Haus Ridá Big in Adrianopel (Aufnahme: Ted Cardell)


#280

Jetzt waren auch Besucher da, die die Reise nach Adrianopel gemacht hatten, um in Bahá'u'lláhs Gegenwart zu gelangen; unter ihnen Aqá `Alí-Akbar-i-Khurásání und Shaykh Salmán, der Bote. Sie alle wohnten ausgesprochen gern in dem von Aqá Ridá beschriebenen Haus. Hier wurden einige Sendschreiben offenbart, und Verse flossen von der Zunge Bahá'u'lláhs, wenn Er bei den Gefährten saß. Eines Tages - so berichtet Aqá Ridá - sagte Er folgendes: »Dies ist ein schöner Ort und eine schöne Provinz. Aber Ich wünsche nicht, daß wir hier bleiben. Binnen kurzem wird sich alles ändern.« Aqá Ridá fügt hinzu, daß Bahá'u'lláh von diesem Tag an häufig von der bevorstehenden Veränderung sprach, für die es, äußerlich gesehen, noch keine Anzeichen gab. Aqáy-i-Kalím hatte ebenfalls ein Haus in der Nachbarschaft bezogen.

Das Haus Ridá Big hatte ein bírúní und ein andarúní (äußere und innere Wohnbereiche). Das bírúní, welches kleiner war, hatte einen geräumigen Hof mit vielfältigen Bäumen, Sträuchern und Blumen, und Bahá'u'lláh kam gelegentlich am späten Nachmittag in den Außenbereich, um in diesem Garten auf- und abzugehen und mit den Gefährten zu sprechen. Aqá Ridá hebt besonders einen Tag hervor, an dem Bahá'u'lláh von all jenen sprach, die der Sache Gottes Widerstand entgegengesetzt hatten, die ihr Schaden zugefügt und die Gläubigen verfolgt hatten; Er nannte sie alle mit Namen und sprach davon, wie sie zuschanden gekommen waren. Binnen kurzem, sagte Er (und Aqá Ridá hat es festgehalten), "werdet ihr sehen, daß alle Tyrannen und alle Widersacher und Feinde der Sache Gottes besiegt sind und das Wort Gottes triumphiert." Dann fügte Er hinzu: "Allen muß klar sein, daß Wir das Ungemach und die Gefangenschaft nur zu dem einen Zweck auf Uns genommen haben, daß die Sache Gottes verherrlicht und die Wahrheit Seines Wortes bezeugt werde." Mächtig und überreich war die Offenbarung von Sendschreiben und Versen in diesen Tagen in Adrianopel. Aqá Ridá berichtet, die Ausgießungen seien so gewaltig gewesen, daß die Aghsán (die Söhne Bahá'u'lláhs) und Mírzá Aqá Ján, Sein persönlicher Gehilfe und Sekretär, viele Tage und Nächte mit Aufzeichnungen und Abschriften verbrachten.


#281

Bahá'u'lláh wohnte noch im Haus Ridá Big; manchmal ging Er zu dem Obstgarten und der Wiese beim Stadtteil Murádíyyih und hielt sich dort eine oder zwei Stunden lang auf. Dann wurde das Haus Amru'lláh - das `Azíz Páshá in der Zwischenzeit angemietet hatte - wieder frei, und Bahá'u'lláh bezog es ein zweites Mal. Gleichzeitig zogen die Gefährten in ein Haus in unmittelbarer Nähe, in dem zuvor Mírzá Yahyá und dessen Familie gewohnt hatten. Auch Aqáy-i-Kalím zog um diese Zeit wieder um.

Unter den neu Angekommenen waren jetzt Hájí `Alí-`Askar-i-Tabrízí sowie die Brüder Hájí Ja`far und Hájí Taqí (s. Anhang V S.544), die in einem Gasthaus wohnten. Ferner trafen Siyyid Ashraf von Zanján (der später den Märtyrertod starb; (s. Anhang V S.539f) und seine Schwester sowie Hájí Mírzá Haydar-`Alí in Begleitung von Hájí Mírzá Husayn-i-Shírází (die beide bald in Ägypten festgenommen und in den Sudan verbannt werden sollten) in Adrianopel ein und wohnten in dem gleichen Haus, das die Gefährten bewohnten. Aus Tihrán kamen etwa um diese Zeit Mírzá Ridá-Qulí und Mírzá Nasru'lláh, zwei Brüder aus Tafrish, deren Schwester Badrí-Ján mit Mírzá Yahyá verheiratet war, sich ihm aber entfremdet hatte¹; sie bezogen ein eigenes Haus. Zusammenkünfte fanden regelmäßig im Haus Amru'lláh, dem Wohnsitz Bahá'u'lláhs, und in dem von den Gefährten gemieteten Haus statt. Bei diesen Zusammenkünften sprach Bahá'u'lláh; die Gefährten, dadurch hoch geehrt, hatten das Vorrecht, miterleben zu dürfen, wie die Offenbarung kam und wie öttliche Verse von Seiner Zunge strömten. Im Haus Amru'lláh wurde die Antwort an Alí-Muhammad-i-Sarráj (den Gerber, einen Parteigänger Mírzá Yahyás) offenbart. Sie hat den Umfang eines Buches.

¹ Vgl. Balyuzi: Edward Granville Browne and the Bahá'í Faith p.83f


#282

Shaykh Salmán, der Bote, Ustád Abdu'l-Karím, Aqá Alí-Akbar sowie Aqá Muhammad-Hasan und seine Schwester erhielten jetzt den Rat, in den `Iráq abzureisen. Sie waren tief betrübt, von ihrem Geliebten weggerissen zu werden, doch sie gehorchten. Aqá Ridá hält fest, daß ihre Abreise an einem einzigartigen Tag stattfand, denn als sie sich verabschiedet hatten, empfing Bahá'u'lláh ihn selbst im andarúní, wo man soeben die Lampe entzündet hatte, und fragte ihn, ob er irgend jemandem etwas geschrieben habe. Dann sagte Bahá'u'lláh: "Jetzt schreib dies" - Er sprach mit gewaltiger Macht und Autorität - "schreib dies." Und Er fuhr fort: "Beim wahrhaftigen Gott! Vom Horizont Meines Antlitzes ist eine Sonne aufgegangen, auf die die Erhabenste Feder Gottes folgende Worte geschrieben hat: `An diesem Tag ist die Souveränität bei Gott, dem Allmächtigen, dem Allumfassenden, dem Erhabensten, dem Allherrlichen.' Wie von einem Schwert, das Satan in den Rücken trifft, sind er und seine Heerscharen in die Flucht geschlagen, sie fliehen zu den tiefsten Tiefen der Hölle. So ist der Befehl Gottes ergangen." Der Größte Zweig (`Abdu'l-Bahá), der zugegen war, bemerkte, dieser Vers müsse sofort aufgezeichnet werden. Feder und Papier waren schnell zur Stelle, und die genannte Ermahnung wurde aufgeschrieben. Sie bildete die Eröffnung zu einem Sendschreiben an Siyyid `Alíy-i-`Arab, der in Tabríz lebte.

Die Anhänger Mírzá Yahyás, die Azalí, haben behauptet, dieser Mann sei von Shaykh Ahmad-i-Khurásání ermordet worden. Der Bericht des britischen Konsulatsbeamten in Tabríz bestätigt diese Feststellung, eine weitere Bestätigung liefert die unveröffentlichte Geschichte des Bahá'í-Glaubens in der Provinz Adharbáyján von Mírzá Haydar-`Alí Uskú'í mit einer Ergänzung von Aqá Muhammad-Husayn-i-Mílání. Dort heißt es, daß in den Tagen, als Bahá'u'lláh noch in Adrianopel war, Shaykh Ahmad-i-Khurásání, Mírzá Mustafáy-i-Naráqí und ein Derwisch namens `Alí Naqí auf ihrem Weg ins Osmanische Reich zu Bahá'u'lláh auch nach Tabríz kamen. Eines Abends trafen sie zufällig auf Siyyid `Alíy-i-`Arab. Im Lauf der Unterredung wurde Siyyid `Alí ausfällig und sprach in schamloser Weise über Bahá'u'lláh. Dies brachte seine Besucher so auf und stellte ihre Geduld auf eine so harte Probe, daß sie sich schließlich auf ihn stürzten und ihm das Tuch, das er um die Taille geschlungen hatte, um den Hals banden, wodurch sie ihn erwürgten. Als am nächsten Tag Siyyid `Alís Leiche gefunden wurde, nahm man die drei fest und enthauptete sie später öffentlich.¹ Nach dem britischen Konsularbericht machte Shaykh Ahmad-i-Khurásání keinen Versuch, die Tat abzuleugnen, sondern gab bereitwillig zu, daß Siyyid `Alí durch seine Hand gestorben sei. Hájí Mu`ínu's-Saltanih aus Tabríz, der Verfasser einer ausführlichen Chronik der Bábí-Religion, beobachtete persönlich die Hinrichtung der drei Bahá'í. Es bleibt jedoch anzumerken, daß diese drei nicht wegen des Mordes an Siyyid Alíy-i-`Arab enthauptet wurden - dieser war in den Augen der Fahndungsbehörden nur ein zusätzliches Delikt -, sondern weil sie Bahá'í waren.

¹ Nach Berichten des russischen Konsuls in Tabríz wurden sie im Dezember 1866 verhaftet und im Januar 1867 hingerichtet.


#283

Dieser beklagenswerte, tragische Vorfall hatte ein noch tragischeres Nachspiel. In den Taschen der Märtyrer von Tabríz fand sich das an Bahá'u'lláh gerichtete Gesuch eines bekannten Arztes aus Zanján, der Mírzá Muhammad-`Alí hieß. Die Behörden von Tabríz sandten diesen Brief nach Tihrán. Als Násiri'd-Dín Sháh davon Kenntnis erhielt, schrieb er dem Gouverneur von Zanján und befahl ihm, Mírzá Muhammad-`Alí zu Tode zu bringen. Eines Nachts wurde der Arzt in das Haus des Gouverneurs gerufen, um nach den Kranken zu sehen. Bei seiner Ankunft erwartete ihn schon der Scharfrichter. Eine Wanne wurde hereingebracht, der unschuldige Arzt wurde gnadenlos enthauptet. Aber als sich die drei Märtyrer in Tabríz ohne Todesfurcht und freudig hinrichten ließen, führte dies auch dazu, daß ein anwesender hoher Beamter, Shírzád Khán-i-Sartíp, den Glauben annahm. Die Vorsehung geht wahrhaft seltsame Wege.

Aqá Ridá erzählt, wie eines Abends um diese Zeit alle Besucher und die meisten Gefährten im andarúní in der Gegenwart Bahá'u'lláhs waren. Er sprach zu ihnen über Geschehnisse im Iráq (wo die Anhänger Mírzá Yahyás aktiv waren), über das Verhalten des Mullá Muhammad-Ja`far-i-Naráqí sowie über Wunder und übernatürliche Begebenheiten. Er sagte, mit der natürlichen Ordnung der Dinge dürfe kein Spiel getrieben werden; wenn aber einige Leute ein ganz bestimmtes Ereignis zum Prüfstein ihres Glaubens machen wollen und geloben, ihre Haltung vom Eintreffen des Ereignisses abhängig zu machen, werde Gott durch Seine Gnade dieses Ereignis für sie eintreten lassen. Mullá Muhammad-Ja`far zum Beispiel - sagte Bahá'u'lláh - ist gelähmt und ein Krüppel; soll er doch seine Heilung zum Prüfstein seines Glaubens machen. Er hat selbst die Wahl: Er kann es ruhig zuerst mit Mírzá Yahyá versuchen; aber wenn er dort keine Befriedigung findet, dann möge er sich doch zu dieser erhabenen Schwelle hinwenden.


#284

Bahá'u'lláhs Herausforderung wurde dem Mullá Muhammad-Ja`far überbracht, doch der war nicht zu retten. Genauso waren ein paar Jahre zuvor die schiitischen Geistlichen im `Iráq davongelaufen; sie hatten es nicht gewagt, Bahá'u'lláhs Herausforderung beim Wort zu nehmen.

Bahá'u'lláh wohnte noch im Haus Amru'lláh, als Mírzá Aqá Ján und Aqá `Abdu'l-Ghaffár nach Istanbul geschickt wurden, damit sie dem Unheil des Siyyid Muhammad-i-Isfahání entgegensteuerten. Aber Sein zweiter Aufenthalt in diesem Haus war nur von kurzer Dauer: der Eigentümer verkaufte das Haus schon nach sechs Monaten, worauf Bahá'u'lláh das Haus `Izzat Aqá anmietete, das in einem anderen Stadtteil lag und Seine letzte Wohnung in Adrianopel sein sollte. Der Hüter der Bahá'í-Religion hat ein entscheidendes Ereignis beschrieben, das um diese Zeit stattfand:

"In diesem Haus trat im Monat Jamádíyu'l-Avval 1284 A.H. (September 1867) ein Ereignis von höchster Bedeutung ein, das Mírzá Yahyá und seine Anhänger völlig verstörte und Freund wie Feind gleichermaßen Bahá'u'lláhs Triumph kundtat. Ein gewisser Mír Muhammad¹, ein Bábí aus Shíráz, der Mírzá Yahyá die hohen Ansprüche und die feige Zurückgezogenheit gleichermaßen übel nahm, konnte Siyyid Muhammad zwingen, Mírzá Yahyá zu veranlassen, Bahá'u'lláh von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten. Dadurch sollte es zu einer klaren Entscheidung zwischen wahr und falsch kommen. Mírzá Yahyá ging törichterweise davon aus, sein erlauchter Bruder werde auf einen derartigen Vorschlag niemals eingehen. So bestimmte er als Ort der Begegnung die Sultán-Salím-Moschee. Kaum hatte Bahá'u'lláh von dieser Verinbarung Kenntnis erlangt, als Er sich auch schon zu Fuß trotz der herrschenden Mittagshitze, begleitet von dem erwähnten Mír Muhammad,² zu dieser Moschee, die in einem weit entfernten Stadtviertel lag, aufmachte. Während Er durch die Straßen und Basare schritt, sagte Er Verse auf in einer Weise, welche die Zuhörer und Zuschauer in höchstes Erstaunen versetzte." (GGV S.191)

¹ Dieser Mann reiste mit seinen Packtieren in der Karawane der Verbannten von Baghdád nach Sámsún mit. (H.M.B.)
² Mírzá Aqá Ján und Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Amír begleiteten Ihn ebenfalls. (H.M.B.)


#285

"»O Muhammad!«, so lauteten einige der Worte, die Er aus diesem denkwürdigen Anlaß nach Seinen eigenen Angaben in einem Sendschreiben sprach, »Er, der Geist, ist wahrlich aus Seiner Wohnstatt hervorgetreten, und mit Ihm die Seelen der Erwählten Gottes und die Wirklichkeiten der Gottesboten. So siehe über Meinem Haupte die Bewohner des Reiches der Höhe und in Meinem Griff all die Zeugnisse der Propheten! Sprich: Und kämen alle Geistlichen und Weisen, alle Könige und Herrscher auf Erden an einem Platz zusammen, Ich träte ihnen in aller Wahrheit entgegen und verkündete die Verse Gottes, des Allbeherrschers, des Allmächtigen, des Allweisen. Ich fürchte keinen, selbst wenn sich alle im Himmel und auf Erden gegen Mich erheben ... Hier ist Meine Hand, die Gott weiß gemacht hat,¹ daß alle Welt sie schaue. Hier ist Mein Stab; würfen Wir ihn von uns, er würde wahrlich alles Erschaffene verschlingen.« Bahá'u'lláh sandte Mír Muhammad voraus, Sein Kommen anzukündigen. Dieser kam jedoch bald zurück und berichtete, der, welcher Bahá'u'lláhs Amtsgewalt herausgefordert habe, wünsche wegen unvorhergesehener Umstände das Treffen um einen oder zwei Tage zu verschieben. Sofort nach der Rückkehr in Sein Haus offenbarte Bahá'u'lláh ein Sendschreiben, in dem Er das Vorgefallene aufzeichnete und den Zeitpunkt für die verschobene Unterredung festsetzte. Er verschloß diesen Sendbrief mit Seinem Siegel und übergab ihn Nabíl² mit dem Auftrag, ihn einem der neuen Gläubigen, Mullá Muhammad-i-Tabrízí, einem der neuen Gläubigen, zwecks Benachrichtigung von Siyyid Muhammad, der häufig in seinen Laden kam, auszuhändigen. Es wurde festgelegt, daß von Siyyid Muhammad vor der Übergabe dieses Sendschreibens eine mit Siegel versehene Erklärung zu verlangen sei, in der sich Mírzá Yahyá für den Fall, daß er nicht am Treffpunkt erscheine, zu der schriftlichen Bestätigung verpflichte, daß seine Ansprüche falsch gewesen seien. Siyyid Muhammad versprach, am nächsten Tag das verlangte Dokument beizubringen; doch obwohl Nabíl an diesem und den beiden folgenden Tagen in dem Laden auf Antwort wartete, erschien weder der Siyyid selbst, noch sandte er ein derartiges Schriftstück. Wie Nabíl dreiundzwanzig Jahre später in seiner Chronik über diese historische Episode berichtete, war der nicht ausgehändigte Sendbrief damals nach wie vor in seinem Besitz, "so frisch wie an dem Tag, da der Größte Zweig ihn niedergeschrieben und die Altehrwürdige Schönheit ihn versiegelt und geschmückt hatte", ein handgreifliches, unwiderlegliches Zeugnis für den Sieg Bahá'u'lláhs über einen in die Flucht geschlagenen Gegner." (GGV S.192)

¹ Anspielung auf Moses im Sinai

² Nabíl, Muhammad-Javád-i-Qazvíní und der gefeierte Kalligraph Mishkín-Qalam waren kurz zuvor in Adrianopel angekommen und wohnten bei den Gefährten. Aqá Muhammad-Javád-i-Qazvíní war in Tabríz gleichzeitig mit den drei Märtyrern festgenommen worden, doch hatte er seine Freilassung erreicht. (H.M.B.)


#286

"Wie schon gesagt, reagierte Bahá'u'lláh auf diese leidvollste Begebenheit Seiner Amtszeit mit äußerstem Schmerz. »Der, den Ich monate- und jahrelang mit der Hand Meiner Güte aufgezogen habe,« so klagt Er, »hat sich erhoben, um Mir das Leben zu nehmen.« »Die Grausamkeiten Meiner Unterdrücker,« so schrieb Er in Anspielung auf diese heimtückischen Feinde, »haben Mich niedergebeugt, und Mein Haar ist darüber weiß geworden. Erschienest du vor Meinem Thron, du erkenntest die Altehrwürdige Schönheit nicht mehr, denn die Frische Ihres Antlitzes ist gewichen und sein Glanz verblaßt ob der Unterdrückung dieser Treulosen.« »Bei Gott!«, so ruft Er aus, »keine Stelle gibt es an Meinem Leib, die nicht von den Speeren deiner Ränke getroffen worden wäre.« Und wiederum: »Du hast deinem Bruder angetan, was noch kein Mensch einem anderen angetan hat.« »Was deiner Feder entströmt ist,« bestätigt Er weiterhin, »hat die Angesichter der Herrlichkeit in den Staub gestreckt, den Schleier der Größe im Erhabenen Paradiese zerrissen und die Herzen der Begünstigten auf den höchsten Thronsitzen zerfleischt.« Und dennoch versichert im Kitáb-i-Aqdas ein vergebender Herr diesem Bruder, diesem »Quell der Verderbtheit,« »diesem Menschen, aus dessen Seele sich die Stürme der Leidenschaft erhoben hatten, ihn selbst umbrausend:« »Fürchte dich nicht um deiner Taten willen.« Er gebietet ihm: »Kehre demütig, ergeben und bescheiden zu Gott zurück,« und Er sichert ihm zu: »Er wird deine Sünden von dir nehmen«; denn »dein Herr ist der Vergebende, der Mächtige, der Allbarmherzige.« ..." (GGV S.193)

"Wohl war in den Reihen seiner <des Glaubens Gottes> Anhänger vorübergehend ein Bruch entstanden; wohl war sein Ruhm verdunkelt, waren seine Annalen für immer befleckt worden. Sein Name aber konnte nicht ausgelöscht werden, sein Geist war ungebrochen, und dieses sogenannte Schisma konnte sein Gefüge nicht zerstören. Das bereits erwähnte Bündnis des Báb wachte mit seiner unwandelbaren Wahrheit, seinen unanfechtbaren Weissagungen, seinen wiederholten Warnungen über diesem Glauben, sicherte seine Unversehrtheit, bewies seine Unverderblichkeit und ließ seinen Einfluß über alle Zeiten fortbestehen." (GGV S.193)


#287

Aqá Ridá erwähnt in seinem Bericht über diese Begebenheit einen persischen Tabakhändler namens Hasan Aqáy-i-Salmásí. Dieser Mann war kein Gläubiger; doch verfolgte er den Gang der Ereignisse recht genau. Er beobachtete alles, was passierte, als Bahá'u'lláh an seinem Geschäft vorbeiging. Und doch hatte Mírzá Yahyá später die Dreistigkeit, seinen Anhängern zu schreiben, Bahá'u'lláh sei es gewesen, der nicht erschienen sei, um sich ihm Auge in Auge zu stellen; er selbst aber habe die Verabredung eingehalten. Um das Maß voll zu machen, setzte er seiner Falschaussage gleich noch die Unwahrheit hinzu, es habe ihn keiner auf dem ganzen Weg von Baghdád bis Adrianopel gesehen - während er doch von Mosul ab im Gefolge Bahá'u'lláhs mitgereist war.

Das Haus `Izzat Aqá war ein Neubau und gewährte einen schönen Blick über den Fluß und die Obstgärten im Süden der Stadt. Es hatte geräumige Zimmer, und obwohl das bírúní kleiner war als das andarúní, boten beide reichlich Platz und hatten große, mit den verschiedenartigsten Bäumen bestandene Innenhöfe. Mírzá Mahmúd-i-Káshání machte die Gartenarbeit und sorgte dafür, daß es in den Blumenbeeten immer blühte. Die Gefährten bezogen ein anderes Haus in der Nachbarschaft, das groß genug für alle war und ein türkisches Bad besaß. Hier wohnten auch die Besucher, unter ihnen Mírzá Báqir-i-Shírází (s.Anhang V S.540), dessen Schwester mit Mírzá Yahyá verheiratet war. Er war in Begleitung des Aqá `Abdu'lláh-i-`Arab eingetroffen. Mírzá Báqir beklagte die Widersetzlichkeit und den Abfall des Mírzá Yahyá und hatte eine Abhandlung verfaßt, in der er dessen Ansprüche und eitlen Vorstellungen widerlegte. Er war ein ausgezeichneter Kalligraph und blieb eine Zeitlang in Adrianopel, wo er Sendschreiben abschrieb und in Schönschrift umschrieb.

Wir haben schon von der Hochschätzung gesprochen, die Khurshíd Páshá, der Válí von Adrianopel, Bahá'u'lláh entgegenbrachte. Aqá Husayn-i-Ashchí erzählt, daß er sehr darauf bedacht war, Bahá'u'lláh im Regierungsgebäude zu empfangen; doch Dieser ging zunächst nicht darauf ein, Khurshíd Páshá zu besuchen. Aber eines Tages im Monat Ramadán hatte der Gouverneur die Geistlichen und führenden Persönlichkeiten der Stadt eingeladen, gemeinsam in seinem Haus das Fasten zu brechen, und er ersuchte `Abdu'l-Bahá eindringlich, Er möge Bahá'u'lláh bitten, dieses große Festmahl und glanzvolle Ereignis mit Seiner Gegenwart zu beehren. Diese Einladung nahm Bahá'u'lláh an. Ashchí erzählt, wie die Gäste - hochvermögende und sehr gelehrte Männer - gebannt dasaßen und von Bahá'u'lláhs Äußerungen gefesselt und angeregt wurden. Bescheiden und höflich stellten sie Ihm Fragen, die Er mit überwältigender Macht und Autorität beantwortete, so daß sie nur staunen konnten und vollkommen zufriedengestellt waren. Ashchí merkt an, daß, als vom Sultán der Befehl zu Bahá'u'lláhs Weiterverbannung aus Adrianopel kam, diese Männer großen Kummer hatten und ihren Verlust deutlich empfanden. Khurshíd Páshá, den Bahá'u'lláh so augenscheinlich geehrt hatte, bat nun `Abdu'l-Bahá, Er möge doch während dieses Monats Ramadan so viele Abende im Gouverneursgebäude verbringen, wie es Ihm möglich sei; und dies gewährte ihm der Größte Zweig, wie Ashchí schreibt.

#288

(Bildlegende: `Abdu'l-Bahá in Adrianopel mit Seinen Brüdern und einigen Gefährten Bahá'u'lláhs. Stehend (von l. nach r.): Aqá Muhammad-Qulíy-i-Isfahání, Mírzá Nasru'lláh-i-Tafrishí, Nabíl-i-A`zam, Mírzá Aqá Ján (Khádimu'lláh), Mishkín-Qalam, Mírzá `Alíy-i-Sayyáh, Aqá Husayn-i-Ashchí und Aqá `Abdu'l-Ghaffár-i-Isfahání. - Sitzend (von l. nach r.): Mírzá Muhammad-Javád-i-Qazvíní, Mírzá Mihdí (der Reinste Zweig), `Abdu'l-Bahá, Mírzá Muhammad-Qulí (vermutlich mit einem seiner Kinder) und Siyyid Mihdíy-i-Dahijí. - Auf dem Boden sitzend (von l. nach r.): Majdi'd-Dín (Sohn von Mírzá Músá, Aqáy-i-Kalím) und Mírzá Muhammad-`Alí (Halbbruder `Abdu'l-Bahás).


#289

Jetzt kamen noch mehr Besucher nach Adrianopel. Zwei Brüder, Aqá Muhammad-Ismá`íl und Aqá Nasru'lláh, trafen ein und blieben eine Zeitlang. Es folgten Siyyid Mihdíy-i-Dahijí, Aqá Jamshíd-i-Gurjí (s.Anhang V S.544), Mírzá Alíy-i-Sayyáh-i-Marághi'í und Husayn-i-Baghdádí. Sie wohnten im bírúní des Hauses Izzat Aqá. Die Ankunft von Nabíl-i-A`zam, Muhammad-Javád-i-Qazvíní und dem berühmten Kalligraphen Mishkín-Qalam wurde schon erwähnt. Ein weiterer Besucher war Hájí Abu'l-Qásim-i-Shírází, der aus Ägypten anlangte. Wegen seines Reichtums sollte er bald in die Intrigen des persischen Konsuls in Kairo, Hájí Mírzá Hasan Khán, verstrickt werden. Wie schon vorher, fanden auch jetzt regelmäßig Zusammenkünfte im Haus der Gefährten statt, bei denen Sendschreiben und Verse gelesen wurden und an denen Bahá'u'lláh oft teilnahm. Dann wurde für Mishkín-Qalam ein eigenes Haus gemietet, damit er seiner Arbeit ungestört nachgehen konnte. Später gesellten sich noch Nabíl und Aqá Jamshíd zu ihm. Auch dieses Haus erhielt mehrmals die Ehre eines Besuches von Bahá'u'lláh. Aqáy-i-Kalím zog ebenfalls in ein nahegelegenes Haus.

Die folgenden Monate im Haus Izzat Aqá stellten den fruchtbarsten Abschnitt in der gesamten Amtszeit Bahá'u'lláhs dar: Unablässig strömten Sendschreiben und Verse von Seiner Zunge. Eines Tages - so berichtet Aqá Ridá - sagte Bahá'u'lláh zu den Gefährten und Besuchern, während Er im Innenhof des bírúní auf- und abging: "Heute haben Wir im Bad etwas an Násiri'd-Dín Sháh geschrieben. Es ist noch nicht ins Reine geschrieben; doch wer hängt der Katze die Schelle um?" Aqá Ridá sagt, daß viele diese Auszeichnung begehrten. Aber diese große Aufgabe, die so viel Heldentum und Opfer erfordern sollte, war für einen jungen Mann bestimmt, der zu dieser Stunde für die von Bahá'u'lláh ausstrahlende Macht noch nicht empfänglich war - wie wir noch sehen werden.


#290

In den Jahren Seiner Prüfungen in Adrianopel verkündigte Bahá'u'lláh die Offenbarung, mit der Ihn Gott betraut hatte. Diese fruchtbaren Jahre können nicht besser beschrieben werden, als es die Feder des Hüters der Bahá'í-Religion in Gott geht vorüber getan hat:

»Obwohl Er vom Kummer gebeugt war und noch immer an den Nachwirkungen des Anschlags auf Sein Leben litt, obwohl Er sich bewußt war, daß eine neue Verbannung höchstwahrscheinlich bevorstand, erhob sich Bahá'u'lláh dennoch mit beispielloser Macht - ungeachtet des Schlages, den Seine Sache empfangen hatte, ohne Rücksicht auf die Gefahren, von denen sie umringt war, und noch bevor die Feuerprobe völlig überstanden war -, um die Ihm aufgetragene Sendung denen zu verkünden, die in Ost und West die Zügel höchster irdischer Macht in Händen hatten. Durch diese Verkündigung sollte die Sonne Seiner Offenbarung in ihrem Mittagsglanz erstrahlen, sollte Sein Glaube die ganze Fülle seiner göttlichen Macht offenbaren.« (GGV S.194)

»Es setzte eine Phase ungeheurer Produktivität ein, die in ihren Auswirkungen die Frühlingsjahre von Bahá'u'lláhs Amtszeit übertraf. "Tag und Nacht," schreibt ein Augenzeuge, "regneten die göttlichen Verse in solcher Zahl hernieder, daß es unmöglich war, sie aufzuzeichnen. Mírzá Aqá Ján schrieb sie mit, wie sie diktiert wurden, und der Größte Zweig war ständig damit beschäftigt, sie abzuschreiben. Es gab keinen Augenblick der Pause." ... Bahá'u'lláh selbst schrieb über die von Ihm offenbarten Verse: "So groß sind die den Wolken göttlicher Güte entströmenden Fluten, daß innerhalb einer einzigen Stunde tausend Verse offenbart wurden." "So groß ist die an diesem Tag gewährte Gnade, daß, wenn ein Schreiber es bewältigen könnte, innerhalb von vierundzwanzig Stunden vom Himmel göttlicher Heiligkeit so viele Verse herabgesandt würden, daß sie ihrem Umfang nach dem Persischen Bayán gleichkämen." "Ich schwöre bei Gott!" - so hat Er in anderem Zusammenhang bekräftigt - "In jenen Tagen wurde das gesamte Ausmaß dessen offenbart, was jemals auf alle früheren Propheten herabgesandt ward." "Was in diesem Land (Adrianopel) schon offenbart wurde," erklärt Er weiter zu dieser Überfülle Seiner Schriften, "kann kein Sekretär mitschreiben. Daher ist es zum größten Teil ungeschrieben geblieben."« (GGV S.194f)


#291

»Bereits mitten in jener schmerzlichen Krise, noch bevor sie ihren Höhepunkt erreicht hatte, entströmten der Feder Bahá'u'lláhs unzählige Sendschreiben, in denen die Folgerungen aus Seinen neuerlich erhobenen Ansprüchen klar herausgestellt sind. Zu den Sendschreiben, die Seine Feder schon aufgezeichnet hatte, noch ehe Er Seinen Wohnsitz in das Haus `Izzat Aqá verlegte, gehören die Súriy-i-Amr (Befehl), das Lawh-i-Nuqtih (Sendschreiben vom Punkt), das Lawh-i-Ahmad (Sendschreiben an Ahmad), die Súriy-i-Asháb (das Sendschreiben von den Gefährten), das Lawh-i-Sayyáh, die Súriy-i-Damm (Sendschreiben vom Blut), die Súriy-i-Hajj (Sendschreiben von der Pilgerschaft), das Lawhu'r-Rúh (das Sendschreiben vom Geist), das Lawhu'r-Ridván (Sendschreiben von Ridván) und das Lawhu't-Tuqá (Sendschreiben von der Ehrfurcht oder Gottesfurcht). Fast unmittelbar nach der "größten Trennung" wurden die gewichtigsten mit Seinem Aufenthalt in Adrianopel verbundenen Sendschreiben offenbart: In der Súriy-i-Mulúk [Sendschreiben an die Könige], dem bedeutendsten Sendschreiben, richtet Bahá'u'lláh erstmals das Wort an die Gesamtheit der Herrscher in Ost und West, wendet sich im einzelnen direkt an den Sultán der Türkei und seine Minister, an die Könige der Christenheit, an die französischen und persischen Gesandten bei der Hohen Pforte, an die muslimischen geistlichen Führer in Konstantinopel, an die Gelehrten und an alle Bewohner dieser Stadt, an das persische Volk und an die Philosophen der Welt. Ferner gehören dazu: das Kitáb-i-Badí`, Seine Apologie zur Widerlegung der von Mírzá Mihdíy-i-Rashtí¹ gegen Ihn erhobenen Anschuldigungen, ein Gegenstück zum Kitáb-i-Iqán, das zur Verteidigung der Bábí-Offenbarung geschrieben wurde; weiter die Munájátháy-i-Síyám [Fastengebete], ein Vorgriff auf das Buch Seiner Gesetze; das erste Sendschreiben an Napoleon III., in dem der Kaiser der Franzosen angesprochen und auf die Aufrichtigkeit seiner Erklärungen geprüft wird; das Lawh-i-Sultán, Sein ausführliches Schreiben an Násiri'd-Dín Sháh, in dem die Ziele, Zwecke und Grundsätze Seines Glaubens dargelegt und die Gültigkeit Seiner Sendung erwiesen sind; die Súriy-i-Ra'ís (Häuptling), die auf dem Weg nach Gallipoli in dem Dorf Káshánih begonnen und kurz darauf in Gyáwur-Kyuy beendet wurde. Diese Sendbriefe sind nicht nur als die bedeutendsten der zahllosen in Adrianopel offenbarten Texte zu betrachten; sie gehören überhaupt in die vorderste Reihe aller Schriften des Urhebers der Bahá'í-Offenbarung.« (GGV S.195)

¹ Dieser Mann war Richter in Konstantinopel. Das Kitáb-i-Badí` ist so abgefaßt, als wäre es eine Antwort des Aqá Muhammad-Alí Tambákú-Furúsh-i-Isfahání an Mírzá Mihdíy-i-Rashtí. Badí` bedeutet "einzigartig".





+28 #292

Kapitel 28

Adrianopel - die letzten Jahre

Als Mírzá Yahyá unter Mißachtung seines gegebenen Wortes nicht in der Moschee erschien, um Bahá'u'lláh von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, hielt sich Bahá'u'lláhs getreuer Bruder Aqáy-i-Kalím gerade in Anatolien auf, wie wir von Aqá Ridá erfahren. Er war über Saloniki nach Smyrna gereist, und in diese Stadt kam später auch Mír Muhammad und berichtete ihm ausführlich über Mírzá Yahyás feigen Bruch der getroffenen Vereinbarung. Nach einiger Zeit schickte Bahá'u'lláh auch Nabíl-i-A`zam dorthin, um Aqáy-i-Kalím nach Adrianopel zurückzurufen. Dieser gehorchte unverzüglich.

Um diese Zeit (1867) wurde für einen in Baghdád lebenden Bábí namens Siyyid Husayn-Alí ein machtvolles Sendschreiben offenbart, in dem ein Traumgesicht erwähnt wird, und in der selben Nacht sagte sich dieser Siyyid völlig von Mírzá Yahyás Gefolgschaft los. Als das Sendschreiben in Baghdád eintraf und die näheren Umstände bekannt wurden, taten einige andere Bábí den gleichen Schritt. Dieses Sendschreiben ist nicht identisch mit dem Lawh-i-Ru'yá (Sendschreiben vom Traumgesicht), das erst später im Heiligen Land offenbart wurde.

Jetzt wünschten die in Baghdád lebenden Azalí eine Gegenüberstellung und ein Streitgespräch mit den Bahá'í vor jüdischen, christlichen und muslimischen Geistlichen, die als Schiedsrichter fungieren sollten. Die Bahá'í hielten diesen Vorschlag für lächerlich, doch kam man schließlich überein, daß einige Vertreter von jeder Seite mit zwei bestimmten Männern zusammentreffen sollten. Dies waren Hájí Muhammad-Husayn Hakím-i-Qazvíní (ein Arzt aus Qazvín; s.Anhang V S.547), und Aqá Mírzá Ahmad-i-Hindí (der Inder); beide hatten weder den Anspruch Bahá'u'lláhs noch die Position des Subh-i-Azal anerkannt. Gerade um diese Zeit war das Lawh-i-Qamís (Sendschreiben vom Hemd oder Gewand) aus Adrianopel eingetroffen, und Mírzá Mihdíy-i-Káshání las Teile daraus bei dieser Zusammenkunft vor. Die Anhänger Mírzá Yahyás schenkten ihm nicht die geringste Beachtung. Stattdessen legten sie das Dalá'íl-i-Sab`ih (Die Sieben Beweise) vor, gaben aber dem, was sie vorlasen, eine völlig falsche Deutung, und das Treffen wurde ohne Ergebnis abgebrochen. Aber die beiden Schiedsrichter, der Arzt aus Qazvín und der indische Bábí, die sich bisher abseits gehalten hatten, überzeugten sich vom Wahrheitsgehalt des Anspruchs Bahá'u'lláhs und wurden Seine bedingungslosen Anhänger. Als es dann später in Baghdád zu Unruhen kam, nahm Hájí muhammad-Husayn die Bahá'í in Schutz. Ein persischer Konsulatsbeamter brüllte ihn in anmaßendem Ton an: "Wer sind denn Sie?" worauf die Antwort kam: "Wer sind Sie denn?" "Ich bin der Dragoman der Regierung," sagte der Beamte. Der Arzt gab unerschrocken zurück: "Und ich bin der Dragoman der Nation."


#293

Ebenfalls im Jahr 1867 wurde Mírzá Badí`u'lláh, Bahá'u'lláhs jüngster Sohn, geboren.

Mírzá `Alíy-i-Sayyáh (Mullá Adí Guzal), einst der Bote des Báb und zeitweise Sein persönlicher Begleiter, verließ jetzt zusammen mit Mishkín-Qalam und Aqá Jamshíd-i-Gurjí (oder Bukhárá'í) Adrianopel, um nach Istanbul zu gehen. Warum sie diesen Schritt taten, ist nicht genau bekannt. Ustád Muhammad-`Alíy-i-Salmání deutet an, daß Mishkín-Qalam mit seiner hervorragenden und (zur damaligen Zeit) fast unerreichten Kalligraphie Geld machen wollte und daß dies Bahá'u'lláh nicht gefiel. Wie dem auch sei, diese Reise hatte für die drei Männer unabsehbare Folgen. Um die gleiche Zeit bezog Hájí `Alí-`Askar (s.Anhang V S.539), der in Tabríz die Gegenwart des Báb erreicht hatte, mit seiner Familie das von Mishkín Qalam und seinen zwei Gefährten geräumte Haus; außerdem trafen unter anderen Aqá Mírzá Zaynu'l-`Abidín, Mírzá `Alí-Akbar-i-Bujnurdí und Abu'l-Qásim Khán ein (letzterer mit einer Dame, die Aqá Ridá "die Prinzessin" nennt). Es stellte sich heraus, daß sie zuvor die Pilgerreise nach Mekka gemacht hatten. Danach kam die Witwe des Mírzá Mustafáy-i-Naráqí (den man kurz vorher in Tabríz getötet hatte) mit ihrem kleinen Jungen, der auch Mustafá hieß, außerdem Aqá Lutfu'lláh mit seinem kleinen Sohn, wodurch die Zahl der Bahá'í in Adrianopel weiter anwuchs. Andererseits reiste Siyyid Mihdíy-i-Dahijí, der von Bahá'u'lláh mit dem Namen "Ismu'lláhu'l-Mihdí"¹ geehrt wurde (einige Jahre danach sollte er das Bündnis Bahá'u'lláhs brechen), nach Baghdád ab; unterwegs begegnete er den Bahá'í, die man in Baghdád zusammengetrieben hatte und jetzt nach Mosul brachte. Bahá'u'lláh erwähnt diese Gewalttat gegen Seine Anhänger in Seinem Brief an Násiri'd-Dín Sháh. Vorausgegangen war der Verhaftung und dem Abtransport dieser Bahá'í die brutale Ermordung des Aqá `Abdu'r-Rasúl-i-Qumí in Baghdád. Die Aufgabe dieses Mannes war es, Wasser in Schläuchen aus Schafsfellen vom Fluß ins Haus Bahá'u'lláhs zu tragen. Eines Morgens lauerten ihm Feinde am Flußufer auf. Sie stürzten sich auf ihn und rissen ihm mit Dolchen die Gedärme heraus. Er taumelte weiter, indem er mit der einen Hand den Schlauch mit Wasser ergriff und mit der anderen seine Eingeweide zurückhielt, bis er das Haus erreichte. Dann brach er tot zusammen. Aqá Husayn-i-Ashchí gibt einen bildhaften, bewegenden Bericht von dem Tag, als Bahá'u'lláh den Brief mit der Nachricht vom Märtyrertod des Aqá `Abdu'r-Rasúl erhielt. Als Bahá'u'lláh den Bericht vorlas, brachen alle Anwesenden in Tränen aus, die sie nicht zurückhielten. Bahá'u'lláh versicherte ihnen, daß sie zwar den grausamen Tod des Aqá `Abdu'r-Rasúl beklagten - er aber habe erreicht, was er sich schon immer gewünscht hatte: die Stufe des Märtyrers.

¹ `Der Name Gottes der recht leitet


#294

Die wachsende Zahl von Bahá'í in Adrianopel machte den Behörden des Osmanischen Reiches offenbar Kopfzerbrechen, zumal Siyyid Muhammad-i-Isfahání - der auch nach Istanbul gegangen war - und Aqá Ján Bigi-Kaj-Kuláh, ein weiterer Parteigänger Mírzá Yahyás und ehemaliger osmanischer Artillerieoffizier, den Behörden ständig falsche Informationen zuspielten. Mishkím-Qalam war erwartungsgemäß als Kalligraph weithin bekannt geworden und stand der Person des persischen Botschafters Hájí Mírzá Husayn Khán nahe; doch hatte auch Mírzá `Alíy-i-Sayyáh die Wertschätzung des Hájí Mírzá Husayn Khán erlangt. Nach den Berichten des Aqá Ridá (und auch des Ustád Muhammad-`Alí) waren sie jedoch beide nicht umsichtig genug; sie redeten unklug in Kreisen, zu denen sie jetzt Zugang gefunden hatten, vor allem aber in der Gegenwart des persischen Botschafters. Der Hüter der Bahá'í-Religion findet folgende Worte für die Art, wie sie die Grenzen der Weisheit mißachteten: »Die Indiskretionen einiger seiner [des Glaubens Bahá'u'lláhs] übereifrigen Anhänger, die in Konstantinopel eingetroffen waren, trugen ohne Zweifel zur Verschärfung der ohnehin schon angespannten Situation bei.« (GGV S.204)


#295

(Bildlegende: Aqá Husayn-i-Isfahání Mishkín-Qalam)


#296

Dann kam die Nachricht von Hájí Mírzá Haydar-`Alís Festnahme und Verbannung in den Súdán, nachdem er auf Geheiß Bahá'u'lláhs nach Ägypten gegangen war. Doch waren die in Adrianopel eintreffenden Berichte alles andere als klar, und Bahá'u'lláh schickte Nabíl nach Ägypten, um genauere Nachforschungen anzustellen. Nabíl verfaßte ein Gedicht im Stil der mathnaví, das an den Khediven von Ägypten, Ismá`íl Páshá, gerichtet war, und schickte eine Abschrift davon nach Adrianopel; aber auch er wurde verhaftet und in Alexandria ins Gefängnis gesteckt. Wir kommen im nächsten Kapitel zu der Geschichte seiner Gefängnishaft in Alexandria.

Die Greueltaten in Baghdád, die Märtyrer im Irán, die Erpressungen des persischen Generalkonsuls in Kairo, die zu Hájí Mírzá Haydar-Alís Verhaftung geführt hatten, die unmenschliche Behandlung des Hájí und seiner Gefährten und ihre Verbannung nach Khartúm, die völlig unerwartete Festnahme Nabíl-i-A`zams in Alexandria, die Verhaftungen und Gefangennahmen in der Hauptstadt des sterbenden Osmanischen Reiches (deren wir gleich Zeuge sein werden) - all dies war das Vorspiel zu einer noch weit größeren Katharsis, die die Episode von Adrianopel zum Abschluß bringen sollte. Auf dieses Ereignis spielte Bahá'u'lláh jetzt immer häufiger an, denn es stand nahe bevor.

Die letzten Jahre in Adrianopel waren auch durch bedeutsame innere Entwicklungen geprägt. An die Stelle der Bezeichnungen "Bábí" und "Volk des Bayán" traten jetzt "Bahá'í" und "Volk Bahás", und der Gruß "Alláh-u-Akbar" (Gott ist der Größte) wurde ersetzt durch "Alláh-u-Abhá" (Gott ist der Allherrliche); doch bleibt festzuhalten, daß beide Grußformeln und noch eine dritte, "Alláh-u-Ajmal" (Gott ist der Schönste) bereits vom Báb gutgeheißen worden waren. Die für Mírzá `Alí-Ridá, einen hervorragenden Bahá'í aus Khurásán, offenbarte Súriy-i-Ghusn (Das Tablet vom Zweig)¹ sprach von der Stufe des ältesten Sohnes Bahá'u'lláhs, Ghusnu'lláhu'l-A`zam (der Größte oder Mächtigste Zweig), der später, als `Abdu'l-Bahá bekannt, der Mittelpunkt von Bahá'u'lláhs unvergleichlichem Bündnis werden sollte. Die bedeutsame Reise Nabíl-i-A`zams nach Shíráz und dann nach Baghdád, die er vor seiner Entsendung nach Ägypten unternahm und bei der er die beiden kurz zuvor offenbarten Sendschreiben über die Pilgerreise (Súriy-i-Hajj I und II) mit sich führte, um sie während seines Besuches in diesen geheiligten Städten vorzutragen, verdient besonders hervorgehoben zu werden. Nabíl hatte auch Geschenke für die Frau des Báb dabei. Mullá Báqir-i-Tabrízí, einer der Buchstaben des Lebendigen des Báb, der bis in die siebente Dekade des neunzehnten Jahrhunderts überlebt hatte, und Mullá Sádiq-i-Muqaddas-i-Khurásání,² dem Bahá'u'lláh später den Ehrentitel Ismu'lláhu'l-Asdaq (der Name Gottes, der Vertrauenswürdigste) gab - einer der ganz wenigen Überlebenden der heldenhaften Schar von Shaykh Tabarsí -, reihten sich freudig unter Bahá'u'lláhs treue Anhänger ein. Einer der Märtyrer aus dieser Zeit, Aqá Najaf-Alí, hatte ebenfalls ein früheres Blutbad unbeschadet überlebt: den Zwischenfall von Zanján³; in der Todesstunde gab er dem Scharfrichter sein Gold, und er starb mit dem Namen Bahá'u'lláhs auf den Lippen.

¹ vgl.Balyuzi: Abdu'l-Bahá I S.47 ²³ vgl.Balyuzi: The Báb p.51f p.185ff



#297

(Bildlegende: Einleitungsabschnitt der Verborgenen Worte in der Schönschrift Mishkín-Qalams. Die Seite enthält die gesamte Vorrede zu den Verborgenen Worten, beginnend mit: »Er ist der Allherrlichste! Dies ist aus dem Reich der Herrlichkeit herabgekommen ...« Das erste Verborgene Wort »O Sohn des Geistes! ...« beginnt auf der vorletzten Zeile.


#298

Aus Baghdád hatte Mírzá Músáy-i-Javáhirí Bahá'u'lláh drei Pferde als Geschenk geschickt. Bahá'u'lláh meinte, das Einrichten eines Pferdestalles würde zu kostspielig, und ließ die Pferde daher zum Verkauf nach Istanbul bringen. Darvísh Sidq-`Alí, Aqá Muhammad-Báqir-i-Qahvihchí und Ustád Muhammad-`Alíy-i-Salmání machten sich mit den Pferden nach der osmanischen Hauptstadt auf. Auch Aqá `Abdu'l-Ghaffár war in Geschäften nach Istanbul gegangen (wie Aqá Ridá schreibt, wollte er Waren verkaufen). Kaum waren sie in der Hauptstadt eingetroffen, wurden sie auch schon festgenommen. Vorausgegangen war die Verhaftung Mishkín-Qalams und seiner Gefährten, deren freimütiges Reden zusammen mit den Intrigen der Feinde nun zu Konsequenzen führte. Aber auch die Unheilstifter selbst gingen in die Falle. Siyyid Muhammad-i-Isfahání und Aqá Ján Big-i-Kaj-Kuláh wurden beide gefaßt, dem letzteren wurden sein Rang und die osmanischen Ehrenzeichen aberkannt. Aqá Ridá berichtet davon, daß unsignierte Briefe, die vorgeblich von Bahá'í stammten und großsprecherische Angaben über deren Zahl und ihre Entschlossenheit enthielten, in Istanbul in die Häuser der Honoratioren gespielt wurden. Diese List (oder was immer es war), die auf ihre Urheber zurückfallen sollte, wurde übrigens Jahrzehnte später in Tihrán noch einmal angewendet, mit genau dem selben Ergebnis. Ustád `Alí schreibt von den Verhören, denen sie nun ausgesetzt wurden. Die Beamten wollten wissen, ob Bahá'u'lláh den Anspruch erhoben habe, der Mahdí zu sein. Die Bahá'í verneinten dies - natürlich zu Recht, da dieser Anspruch dem Báb gehörte; aber offensichtlich hat diese Antwort die Vernehmungsbeamten sehr bestürzt. Aqá Ridá und Ustád Muhammad-`Alí berichten übereinstimmend, daß die Beamten alles beschlagnahmten, was sie an Büchern und Papieren bei den Bahá'í finden konnten, daß sie aber nichts entdeckten, was nach Unruhestiftung aussah. Der Polizeipräsident war von den Gebeten, die Aqá Muhammad-Báqir bei sich trug, sehr beeindruckt und ließ sie sich vorsingen.


#299

(Bildlegende: Familienangehörige und Gefährten Bahá'u'lláhs; die Aufnahme entstand wahrscheinlich gegen Ende von Bahá'u'lláhs Verbannung in Adrianopel. - Sitzend (von l. nach r.): vermutlich Diyá'u'lláh (Halbbruder `Abdu'l-Bahás), Mírzá Muhammad-Qulí (Halbbruder Bahá'u'lláhs), Mírzá Muhammad-Alí (Halbbruder `Abdu'l-Bahás), Mírzá Músá (Aqáy-i-Kalím). - Stehend: Mírzá Aqá Ján (Khádimu'lláh) hinter Mírzá Muhammad-`Alí.


Zuerst saß Mishkín-Qalam mit seinen Gefährten und Ustád Muhammad-`Alí mit den seinen in getrennten Gefängnissen ein, ohne daß die eine Gruppe um die Verhaftung der anderen wußte; aber schon nach kurzer Zeit wurden sie alle zusammengebracht. Ustád Muhammad-`Alí erzählt, daß Mishkín-Qalam sich besonders quälte, denn er hatte weder Feder noch Papier, um seine Kunst zu üben. Aber letztendlich gaben die Beamten seinen lauten Protesten nach. Um ihre Ruhe zu haben, stellten sie ihm alles Schreibmaterial zur Verfügung, das er brauchte, was ihn sehr besänftigte. (Heute werden für die hervorragenden Stücke seiner Kalligraphie, die damals entstanden, auf Auktionen Hunderte, wenn nicht Tausende gezahlt.)


#300

Inzwischen spitzte sich die Lage in Adrianopel dramatisch zu. Die Bahá'í wurden dort mehrmals vor die Verwaltungsbehörden der Regierung zitiert. Sie wurden Mann für Mann gezählt, und zu ihrer großen Verwunderung wurden ihre Namen registriert. Aqá Ridá schreibt, daß sie jedesmal, wenn sie vorgeladen wurden, keine Hoffnung hatten, je wieder in ihre Häuser zurückzukehren. Sie hatten keine Ahnung, was vor sich ging oder was noch bevorstand. Aber Bahá'u'lláh wußte es. Er forderte einige Gefährten auf, Adrianopel zu verlassen. "Warum sollen alle gefangengenommen werden," sagte Er, "und keiner übrigbleiben, um die Sache Gottes zu lehren?" Hájí Muhammad-Ismá`íl-i-Dhabíh, der Bruder des Hájí Mírzá Ahmad-i-Káshání, Mírzá `Alí-Akbar-i-Naráqí und ein Siyyid aus Shíráz trafen in Adrianopel gerade in dem Augenblick ein, als das Unwetter losbrach. Bahá'u'lláh ließ es nicht zu, daß sie blieben, und sagte ihnen, sie sollten sofort nach Gallipoli gehen.

Als die Minister des Sultáns `Abdu'l-`Azíz den Entschluß faßten, Bahá'u'lláh nach `Akká und Mírzá Yahyá nach Zypern zu verbannen, weigerte sich der Válí von Adrianopel, Khurshíd Páshá - der Bahá'u'lláh als Persönlichkeit zutiefst bewunderte - irgend etwas mit der Durchführung des kaiserlichen Erlasses zu tun zu haben. Er teilte dies Bahá'u'lláh mit, gab seinem Bedauern und Abscheu Ausdruck und packte seine Koffer, angeblich wegen einer dringenden Dienstreise, die ihn weit wegführte; doch zog er stillschweigend an einen nahegelegenen Ort, um von dort aus den Gang der Ereignisse zu verfolgen. Jetzt war es an seinem Stellvertreter, die verhaßte Aufgabe auszuführen, und dies geschah mit äußerster Härte und Gefühllosigkeit. Es verdient festgehalten zu werden, daß die Vorgänger des Khurshíd Páshá, Muhammad Pásháy-i-Qibrisí (Zypriote, einstmals Großwesir des Osmanischen Reiches) und Sulaymán Páshá (ein Súfí des Qádiríyyih-Ordens) nicht weniger Bewunderung und Wertschätzung für Bahá'u'lláh gezeigt hatten.¹

¹ Nach britischen Konsularunterlagen (FO 195.794) war Muhammad Pásháy-i-Qibrisí bis April 1864 Gouverneur von Adrianopel. Ihm folgte Sulaymán Páshá, der im Dezember 1864 starb; dessen Nachfolger war `Arif Páshá (gest. Dezember 1865).


#301

(Bildlegende: Fu'ád Páshá (aus Farley: Turkey)


Ashchí behauptet, daß `Izzat Aqá Páshá, der Eigentümer des von Bahá'u'lláh bewohnten Hauses, sich in einen Spitzel der Regierung verwandelt hatte; zu den ausgefallensten Zeiten kam er herein, um festzustellen, wer da sei und wie groß die Zahl der Hausbewohner und der Besucher sei. Wie schon erwähnt, hatte die Ankunft einiger neuer Bahá'í (deren Zahl von den Unheilstiftern allerdings stark übertrieben wurde) an hoher Stelle Besorgnis ausgelöst. Diese Unheilstifter hatten die Minister des Sultáns aufgestört und Zweifel in ihnen geweckt. Der Außenminister, Fu'ád Páshá, war besonders beunruhigt durch den Verdacht, Bahá'u'lláh könne mit bulgarischen Revolutionären unter einer Decke stecken. Aus dem heutigen Zeitabstand betrachtet, klingt es lächerlich; doch zur damaligen Zeit war es dem erschreckten, schon von Vorurteilen beherrschten Minister ernst.

Dann brach der Sturm los.





+29 #302

Kapitel 29

Die Verbannung nach Akká

Eines frühen Morgens wurde das Haus Bahá'u'lláhs von Soldaten umstellt; niemand durfte das Haus betreten oder verlassen. Alle Bahá'í mit Geschäften oder Handelsniederlassungen wurden verhaftet und in die Seraye abgeführt.

Aqá Ridá berichtet, daß man sie bis Sonnenuntergang einzeln vor die osmanischen Beamten zitierte und verhörte, um ihnen das Geständnis abzunötigen, daß sie Bahá'í seien. Man sagte ihnen, ihr Besitz werde verkauft oder versteigert, und damit begannen die Beamten schon am nächsten Tag. Unter der Bevölkerung entstand große Unruhe. Ganz verwirrt und entsetzt fragte man: "Was ist passiert, daß diese Leute so behandelt werden? Wir kennen sie nur als aufrichtige, vertrauenswürdige und fromme Menschen... Warum werden sie solch ungerechten, ungeheuerlichen Maßnahmen ausgesetzt?" Manche versuchten die Bahá'í zu trösten und ihnen ihr Mitgefühl zu zeigen - schreibt Aqá Ridá -, manche weinten ungeniert.

Dann kamen, wie Aqá Ridá schreibt, "mehrere Konsuln ausländischer Mächte. Sie gelangten in die Gegenwart [Bahá'u'lláhs] und bestürmten Ihn, Er solle sie auffordern, Ihm alle Hilfe zu gewähren. `Wir werden dies dann unseren Regierungen mitteilen und diesem Vorgehen ein Ende setzen.'" Doch Bahá'u'lláhs Antwort fiel so aus: "`In solchen Fragen haben Wir noch nie jemanden um Hilfe gebeten, und Wir werden dies auch niemals tun.'" "Er war freundlich zu ihnen", schreibt Aqá Ridá, "und sie verabschiedeten sich."


#303

Aqá Husayn-i-Ashchí sagt in seinem Rückblick viele Jahrzehnte später genau das gleiche: Bahá'u'lláh nahm die Hilfsangebote und das Eingreifen der Konsuln fremder Mächte nicht an. Sein Bericht ist ausführlicher, denn als Koch im Haushalt konnte er nach Belieben kommen und gehen und alles, was sich in Bahá'u'lláhs Umgebung abspielte, aus nächster Nähe beobachten. Er schildert die näheren Umstände der Belagerung von Bahá'u'lláhs Haus durch das Militär, die eindringlichen Vorhaltungen der Abgesandten Khurshíd Páshás, Bahá'u'lláh solle Adrianopel schnellstmöglich verlassen, sowie Seine Weigerung, dies zu tun und noch einmal in eine neue Verbannung zu gehen, mit der Begründung, der Verwalter Seines Haushalts schulde in den Basaren noch eine erhebliche Geldsumme und könne diese Schulden nicht eher bezahlen, als bis Seine Leute in Istanbul auf freien Fuß gesetzt würden und ihre Pferde verkaufen könnten.

Ashchí fährt in seinem Bericht fort: "... plötzlich wurde den Konsuln der ausländischen Mächte bewußt, was vor sich ging, und sie suchten alle gemeinsam die Gegenwart Bahá'u'lláhs. Die um das Haus postierten Soldaten, die jedermann den Weg verstellten, konnten die Konsuln nicht daran hindern, das Haus zu betreten. Nachdem sie ihre Ehrfurcht bezeigt hatten, sagten sie, sie seien als konsularisches Corps gekommen; Bahá'u'lláh brauche nur einem von ihnen den Befehl zu erteilen, dann würde dieser die Angelegenheit mit den Türken erörtern und das Übel abwenden." Wie Ashchí schreibt, lehnte Bahá'u'lláh ihr mehrfach wiederholtes Angebot, sich einzuschalten und zu helfen, kategorisch ab. »Sie wünschen,« sagte Er, »daß Ich Ihnen den Wink gebe, Mir Hilfe zu gewähren. Aber Meine Hilfe liegt in Gottes Hand. Mein Blickpunkt ist Gott, und nur Ihm wende Ich Mich zu.« Ashchí schreibt weiter, daß die Konsuln immer wieder kamen und daß niemand sie daran hindern konnte. Er selbst führte sie in die Gegenwart des Größten Zweiges. Und er fügt hinzu, daß einige hohe türkische Beamte empört und aufgebracht waren über die bevorzugte Behandlung, die diese auswärtigen Vertreter genossen. Daß sie so leichten Zugang zum ältesten Sohn Bahá'u'lláhs hatten, ärgerte sie maßlos, zumal die osmanischen Würdenträger gewöhnlich unter einem Vorwand abgewiesen wurden. Aqá Husayn schreibt, daß er hörte, wie der Big-Báshí seinen Truppen für den nächsten Tag Strafe androhte, wenn sie die Konsuln wieder nicht am Betreten des Hauses hinderten. Er teilte dies Bahá'u'lláh mit, der sich lächelnd an Seinen ältesten Sohn wandte: »Hast du gehört, was Husayn erzählt?« Aber das war noch nicht alles, schreibt Ashchí. Am nächsten Tag kamen die Konsuln wie gewöhnlich, und die Wachen hielten sie nicht zurück: Sie konnten es nicht. Der Größte Zweig erzählte ihnen von den Drohungen des osmanischen Beamten, was bei ihnen Heiterkeit hervorrief. Einer machte den scherzhaften Vorschlag, sie könnten das nächste Mal den britischen Konsul bitten voranzugehen, damit er die Prügel vom Big-Báshí beziehe. Über diesen Beamten selbst weiß Aqá Husayn noch zu berichten, daß es seinen Vorgesetzten mißfiel, von seinen vorschnellen Drohungen zu hören; sie maßregelten ihn, denn sie wußten sehr wohl, daß sie die Besuche der auswärtigen Vertreter nicht verhindern konnten, die auch weiterhin kamen und gingen, wann es ihnen gefiel.


#304

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt über die letzte Phase von Bahá'u'lláhs Aufenthalt in Adrianopel:

"Eines Morgens wurde das Haus Bahá'u'lláhs plötzlich von Soldaten umstellt, an den Toren zogen Wachen auf, Seine Anhänger wurden wieder einmal vor die Behörden zitiert und verhört und erhielten die Weisung, sich für ihre Abreise fertigzumachen. »Die Geliebten Gottes und Seine Verwandten,« so bezeugt Bahá'u'lláh in der Súriy-i-Ra'ís, »wurden in der ersten Nacht ohne Verpflegung gelassen ... Das Volk sammelte sich um das Haus, und Muslime wie Christen weinten über Uns ... Wir gewahrten, daß das Volk des Sohnes (die Christen) noch schmerzlicher weinte als die anderen - ein Zeichen für die Nachdenklichen.« `Eine gewaltige Erregung ergriff die Menschen,` schreibt Aqá Ridá, einer der standhaftesten Anhänger Bahá'u'lláhs, der alle Stationen der Verbannung von Baghdád bis `Akká mit Ihm teilte. `Alle waren bestürzt und voll Trauer ... Die einen bekundeten ihre Teilnahme, andere versuchten uns zu trösten und weinten über uns ... Das meiste von unserem Hab und Gut wurde zum halben Wert versteigert.` Einige Konsuln der auswärtigen Mächte besuchten Bahá'u'lláh und erklärten sich bereit, mit ihren verschiedenen Regierungen Seinetwegen zu unterhandeln. Bahá'u'lláh erklärte jedoch, daß er ihr liebenswürdiges Anerbieten zwar sehr schätze, es aber dennoch entschieden ablehnen müsse. Er schrieb darüber: »Die Konsuln jener Stadt (Adrianopel) versammelten sich zur Stunde Seines Abschieds bei diesem Jüngling und brachten ihren Wunsch vor, Ihm zu helfen. Sie erwiesen Uns wirklich große Liebe.« Der persische Botschafter teilte den persischen Konsuln im `Iráq und in Ägypten umgehend mit, daß die türkische Regierung den Bábí ihren Schutz entzogen habe und daß es ihnen somit frei stünde, mit diesen nach Gutdünken zu verfahren." (GGV S.204f)


#305

Dem Verfasser ist bekannt, daß sich in Regierungsarchiven gewisse Dokumente befinden, die scheinbar darauf hindeuten, daß sich Bahá'u'lláh selbst mit der Bitte um Schutz und Hilfe an ausländische Konsuln gewandt habe (s.Anhang II). Er kann dieses Problem zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht hinreichend aufklären und behandeln, muß jedoch in diesem Zusammenhang auf einige unbestrittene Tatsachen hinweisen. Wie wir gesehen haben, erklären Bahá'u'lláh selbst und auch die Personen - Aqá Ridá und Aqá Husayn-i-Ashchí -, die damals mit dabei waren und dann, Jahrzehnte voneinander getrennt, Niederschriften über die Ereignisse in Adrianopel angefertigt haben, einhellig mit großem Nachdruck, daß die Konsuln von sich aus kamen und Schutz und Hilfe anboten und daß diese Angebote höflich und freundlich abgelehnt wurden. In den osmanischen Archiven gibt es einen Brief in persischer Sprache, der angeblich von Bahá'u'lláh stammt; aber das Dokument im französischen Archiv ist auf türkisch, und zwar in schlechtem Türkisch geschrieben. Wie käme Bahá'u'lláh dazu, so könnte man fragen, an die Türken auf persisch und an die Franzosen in einer Sprache zu schreiben, die nicht seine eigene ist? Nach Aussagen von Fachleuten sind die türkischen Dokumente "von Nicht-Türken geschrieben und enthalten zahlreiche Fehler in Grammatik und Rechtschreibung. Zu den fehlerhaft geschriebenen Wörtern gehören auch arabische Wörter, was darauf hindeutet, daß die Schreiber keine Muslime waren, sondern möglicherweise Armenier." Können solche Fehler aus der gleichen Feder hervorgehen, aus der das Kitáb-i-Iqán, Die Verborgenen Worte, Die Sieben Täler, das Kitáb-i-Badí` und unzählige arabische Sendschreiben geflossen sind? Es ist undenkbar. Auch ist die Handschrift der türkischen Dokumente mit Sicherheit nicht diejenige Bahá'u'lláhs oder irgendeines Seiner Sekretäre, von denen zahllose Schriftproben vorliegen.

Aqá Ridá schreibt: "Kurz, es gab ungeheure Aufregung. Die meisten unserer Besitztümer wurden zum halben Wert verkauft. Der Tabakbestand des Hájí `Ali-`Askar wurde zu einem Spottpreis erstanden. Ein Schuldschein wurde ausgestellt mit der Verpflichtung, das Geld binnen weniger Monate zu zahlen, aber letzten Endes wurde nichts gezahlt. Aqá Muhammad-`Alíy-i-Jilawdár und Aqá Muhammad-`Alíy-i-Isfahání (s.Anhang V S.547 S.546), die verheiratet waren, wurden gezwungen, sich von ihren Frauen scheiden zu lassen, weil diese von ihren Verwandten nicht die Erlaubnis bekamen, ihre Männer zu begleiten... Das Gerücht ging damals um, daß jeder, dessen Name urkundlich eingetragen war, gehen durfte, daß aber alle, die nicht auf der Liste standen, keine Ausreiseerlaubnis erhielten."


#306

"Die beiden Brüder Hájí Ja`far und Hájí Taqí wohnten im Gasthaus. Sie wurden nicht belästigt oder gefangengenommen, und so nahm man an, daß sie zurückbleiben würden. Aber meistens waren sie im bírúní zu finden, wo sie ungehindert kommen und gehen konnten. Eines Abends waren wir nach Sonnenuntergang alle im bírúní, auch Hájí Ja`far und sein Bruder waren da. Hájí Ja`far stand auf und trat ans Fenster, das nach der Straße hinaus ging. Kurz darauf hörten wir ein zischendes Geräusch. Wir sahen nach und entdeckten, daß der Hájí sich die Kehle durchgeschnitten hatte und das Blut herausfloß. Wir waren aufs äußerste bestürzt. Was ist, wenn er jetzt stirbt? fragten wir uns. Wie können wir beweisen, daß er Selbstmord begangen hat? Eilends setzten wir den Größten Zweig in Kenntnis. Er kam in das bírúní, und da das Haus des Kadi (Qádí) nicht weit war, ließ Er ihn rufen und auch einen Wundarzt namens Muhammad Effendi, der in der Nachbarschaft wohnte. Menschen strömten zusammen. Der Wundarzt faßte den Hájí an der Kehle, obwohl sie angeschnitten war. Das belebte den Hájí, und er begann zu sprechen. Der Kadi fragte ihn: `Hast du dir das selbst angetan?` `Ja, ich selbst,` war die Antwort. `Aber warum?` fragte der Kadi. `Weil ich sehe,` sagte er, `daß ich nicht mit meinem Herrn gehen kann und der Gnade Seiner Gegenwart beraubt werde. Deshalb wollte ich nicht mehr leben.` `Mit was für einem Instrument hast du dir in die Kehle geschnitten?` fragte der Kadi. `Mit einem Rasiermesser, wie die Barbiere es verwenden. Ich habe es im Basar gekauft,` antwortete der Hájí. Man suchte überall nach der Mordwaffe, fand das Rasiermesser [auf der Straße] und brachte es herbei. Der Hájí wurde mehrmals verhört und blieb unbeirrt bei seiner Antwort, daß er das Leben im Zustand der Trennung unerträglich finde und sich den Tod wünsche. Alle Fragen und Antworten wurden schriftlich festgehalten."

Der Arzt behandelte die Wunde, die sich Hájí Ja`far beigebracht hatte, mit größter Sachkenntnis, so daß er schließlich wieder genas. Aqá Ridá weiß über die Verwunderung der Schaulustigen zu berichten: "Diese Leute wissen," so sagten sie, "daß Verbannung Gefangenschaft und großes Leid bedeutet, und trotzdem ist ihnen das lieber, als zurückbleiben zu müssen, und lieber sterben sie, als daß sie von Ihm getrennt werden. Was ist das für eine Anziehung, von der sie ganz offensichtlich erfaßt sind?" Manche Leute brachen über Hájí Ja`fars Notlage in Tränen aus, manche versuchten ihn zu trösten. Wie der Hüter der Bahá'í-Religion ausführt, war dieser Selbstmordversuch des Hájí Ja`far-i-Tabrízí "eine Tat, die Bahá'u'lláh in der Súriy-i-Ra'ís als `in vergangenen Jahrhunderten unvorstellbar' kennzeichnete, als etwas, was `Gott für diese Offenbarung als Beweis Seiner Kraft und Macht aufgespart hat.`" (GGV S.205) Die Súriy-i-Ra'ís wurde auf dem Weg nach Gallipoli in Káshánih offenbart.


#307

(Bildlegende: Ansicht von Gallipoli, wo sich Bahá'u'lláh, Seine Familie und Seine Gefährten im August 1868 einige Tage aufhielten, bevor sie nach Akká aufbrachen.)


Hájí Ja`far mußte im bírúní von Bahá'u'lláhs Haus zu Bett gebracht werden. Dort besuchte ihn Bahá'u'lláh. Er saß an seinem Bett, sprach ihm Trost zu und gab ihm den Rat: »Schau zu Gott auf und sei zufrieden mit Seinem Willen.«"

Aqá Ridá schreibt: "Dann machten sich alle zur Ausreise fertig. Zuerst wurden einige Wagen für die Beförderung der Gepäckstücke bereitgestellt, und einige Gefährten reisten mit diesen Wagen ab. Am gleichen Tag wurden Mírzá Yahyá und dessen Familie zusammen mit Siyyid Muhammad auf den Weg geschickt. Nach einer Woche waren die Vorbereitungen für die Reise der Gesegneten Vollkommenheit abgeschlossen. Am Morgen fuhren Pferdegespanne vor, und bis das restliche Gepäck herangeschafft und verstaut war und die Familienangehörigen ihre Plätze eingenommen hatten, war es etwa Mittag geworden. Dann kam die Gesegnete Vollkommenheit aus dem Haus. Zuerst überschüttete Er den Hájí und seinen Bruder mit den Zeichen Seiner Gunst und empfahl sie der Fürsorge des Hausherrn und des Arztes Muhammad Effendi. Dann wandte Er sich den Nachbarn und den Leuten aus dem Stadtviertel zu, die sich versammelt hatten, um Ihm Lebewohl zu sagen. Einer nach dem andern traten sie voll Kummer heran, um Seine Hände und den Saum Seines Gewandes zu küssen und ihrem Schmerz über Seine Abreise und über ihren Verlust Ausdruck zu verleihen. Das war wirklich ein eigenartiger Tag. Mir scheint, die ganze Stadt, selbst ihre Mauern und Tore, beweinten die Trennung von Ihm. Gegen Mittag brachen wir dann auf. Als es Abend wurde, schlugen wir etwa drei Stunden von Adrianopel entfernt unsere Zelte auf. Die Strecke von Adrianopel bis Gallipoli legten wir in fünf Etappen zurück. Die zweite Etappe war ein Ort mit Namen Uzún-Kúprí, und danach kam Káshánih."


#308

Der 12. August 1868 (22. Rabí`u'th-Thání A.H.1285) war der Tag, an dem Bahá'u'lláh und Seine Gefährten die Stadt verließen, die Er »den entlegenen Kerker« und »das Land der Geheimnisse« genannt hatte. Sie wurden von dem türkischen Hauptmann Hasan Effendi und einer Anzahl Soldaten begleitet. Am fünften Tag erreichten sie Gallipoli, wo ein Haus war für ihre Aufnahme bereitstand. Bahá'u'lláh mit Seiner Familie und die Frauen bezogen das obere Stockwerk. Einige Gefährten kamen im Untergeschoß unter, andere wurden in ein khán einquartiert. Mírzá `Alíy-i-Sayyáh, Mishkín-Qalam und andere Bahá'í, die man aus Istanbul hergebracht hatte und die am Vortag eingetroffen waren, hatten in dem gleichen Gasthaus Unterkunft gefunden; aber Mírzá Yahyá und seine Angehörigen wohnten zusammen mit Siyyid Muhammad und Aqá Ján-i-Kaj-Kuláh in einem anderen khán. Ustád Muhammad-`Alíy-i-Salmání und Aqá Jamshíd-i-Gurjí wurden von den Behörden ausgesondert und in den Irán ausgewiesen. Man brachte sie an die Grenze und übergab sie den Kurden, die sie sofort freiließen. Auf verschiedenen Wegen gelangten beide schließlich auch nach Akká.

Ustád Muhammad-Alí erzählt ihre Geschichte in seiner kurzen Selbstbiographie. Im Irán begegnete er dem Hájí Muhammad-Ismá`íl-i-Dhabíh, dem Bahá'u'lláh in der Súriy-i-Ra'ís die Bezeichnung Anís gab und der in Gallipoli Seine Gegenwart erreicht hatte. Auch zwei weitere Gläubige, Mírzá `Alí-Akbar-i-Naráqí und dessen Freund (ein Siyyid aus Shíráz), wurden der Gnade teilhaftig, im öffentlichen Bad in die Gegenwart Bahá'u'lláhs zu gelangen. Ustád Muhammad-Alí hat aufgezeichnet, wie verletzt und empört Hájí Muhammad-Ismá`íl war, als er von dem Abfall seines Bruders, des wankelmütigen Hájí Mírzá Ahmad-i-Káshání hörte, der in Baghdád ermordet worden war; weder Ustád Muhammad-Alí noch Hájí Muhammad-Ismá`íl hatten bis dahin etwas davon erfahren. Mírzá Fath-Alí von Ardistán (s.Anhang V S.540f), dem Bahá'u'lláh den Ehrennamen Fath-i-A`zam (der Größte Sieg) verliehen hatte, gehörte ebenfalls zu den herausragenden Bahá'í, die Ustád Muhammad-Alí auf seinen Wanderungen im Irán antraf, bevor er das Heilige Land erreichte. Mírzá Fath-Alí hieß Ustád Muhammad-Alí mit großer Freundlichkeit willkommen und nahm ihn in seinem Haus auf. Bahá'u'lláh hat von Fath-i-A`zam gesagt, er sei auf dem ganzen Weg von Baghdád bis Konstantinopel zwar nicht körperlich, aber doch im Geiste bei Ihm gewesen.


#309

Über Gallipoli schreibt Aqá Ridá: "Wir waren einige Tage dort. Gott allein weiß, wie wir diese Zeit überlebten. Einmal hörte man munkeln, die Gesegnete Vollkommenheit und Seine Brüder würden an einen Ort geschickt, und die anderen würden verstreut und an verschiedene Plätze verbannt. Dann wieder hieß es, alle Gefährten sollten in den Irán geschickt werden. Auch von Ausrottung wurde gesprochen. Der Gedanke an Trennung und Zerstreuung war es, der uns am meisten ängstigte. An einem Abend kam der Hauptmann, der uns von Adrianopel hierher begleitet hatte, um sich zu verabschieden. Als er bescheiden dastand und seinem Bedauern Ausdruck gab, sprach die Gesegnete Vollkommenheit zu ihm: »Sage dem König, daß dieses Land seinen Händen entgleiten wird und daß seine Angelegenheiten in Unordnung geraten werden. Nicht Ich spreche diese Worte, sondern Gott spricht sie.« In diesen Augenblicken sprach Er Verse, die wir im unteren Geschoß mit anhören konnten. Er sprach sie mit solcher Kraft und solchem Nachdruck, daß mir war, als ob selbst die Grundmauern des Hauses darob erzitterten.¹ Der Mann stand still und unterwürfig da. Dann sagte die Gesegnete Vollkommenheit zu ihm: »Seiner Majestät, dem Sultán, hätte es wohl angestanden, eine Versammlung einzuberufen und Uns vorzuladen, um die Angelegenheit zu erforschen; hätte er dann ein Anzeichen von Aufruhr oder einen Hinweis auf irgend etwas gefunden, was dem Willen Gottes entgegensteht, dann hätte er Uns die Behandlung zukommen lassen können, auf die er jetzt verfallen ist. Er hätte Uns auffordern sollen, ihm Beweise vorzulegen für das, was Wir bekennen. Wären Wir ihm dann die Antwort schuldig geblieben, dann hätte er über Uns verhängen können, was er wollte. Er hätte solches Unrecht, solche Feindschaft, solche Verletzungen, ohne jeden Grund und nur auf den Wink von Unheilstiftern, niemals zulassen dürfen.« Der Hauptmann, der mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört hatte, versprach, das Gehörte zu berichten."

¹ s.a. GGV S.206


#310

In der Tat sollte, wie Aqá Ridá bemerkt, alles, was Bahá'u'lláh in der Súriy-i-Ra'ís ankündigte, genauso eintreffen, wie Er es gesagt hatte: »Der Tag ist nahe, an dem das Land der Geheimnisse [Adrianopel] und seine Umgebung verwandelt und den Händen des Königs entgleiten werden, Aufruhr wird entstehen, die Stimme des Wehklagens erschallen, die untrüglichen Zeichen des Unheils werden nach allen Richtungen offenbar, und Verwirrung wird sich ausbreiten um dessentwillen, was diese Gefangenen durch die Hand der Unterdrücker erleiden mußten. Der Lauf der Dinge wird sich ändern, und die Zustände werden so drückend werden, daß selbst die Sandkörner auf den verlassenen Hügeln stöhnen und die Bäume auf den Bergen weinen werden, und Blut wird überall fließen. Dann wirst du das Volk in schmerzlichem Elend schauen.«¹

¹ Shoghi Effendi: Der Verheißene Tag ist gekommen S.99


Es sollte genau ein Jahrzehnt dauern, bis sich das alles erfüllte. Alí Páshá, an den die Súriy-i-Ra'ís gerichtet war, wurde noch während dieser zehn Jahre hinweggefegt und versank in Vergessenheit. Abdu'l-`Azíz wurde im Jahr 1876 gestürzt und verlor nicht nur seinen Thron, sondern auch das Leben. Es folgte der verheerende Krieg mit Rußland von 1877-78, der die Russen und ihre Verbündeten, die Bulgaren, bis vor die Tore der Stadt Konstantins des Großen führte. Adrianopel wurde von einem gnadenlosen Feind besetzt, und die Leiden des Volkes waren unermeßlich. Aqá Ridá, der seine Erinnerungen in späteren Jahren zu Papier brachte, führt die Worte eines türkischen Hauptmanns an, der in dem Gebiet war, wo die Kämpfe getobt hatten, und der sehr lebhaft das große Unheil schilderte, von dem das Osmanische Reich heimgesucht wurde. "Möge Gott es nie wieder einem Volke bestimmen," hatte der türkische Hauptmann geklagt, "solche Zeiten, solche Tage zu erleben. Allen Ernstes, das Blut floß unter den Bäumen und unter den Steinen. Die ganze Ebene war in Blut gebadet, und es herrschte ein solches Entsetzen, wie es noch niemand erlebt hat." 5)

¹ s.Anhang III über den grauenvollen Rückzug der türkischen Truppen nach der Belagerung von Plewen

(Bildlegende: Sultán Abdu'l-Azíz)


#311

Weit hinten im Irán gab es einen Mann, der darum rang, Gewißheit zu bekommen, der unruhig wartete, ob Bahá'u'lláhs Vorausschau in die Zukunft sich erfüllen würde. Und als es dann soweit war und ein rächendes Schicksal Abdu'l-Azíz und sein wackliges Reich ereilte, vergewisserte er sich zweimal, daß die Berichte über den Sturz des Sultáns auch wirklich zutrafen. Danach weihte er sein Leben, seine wortgewaltige Feder und seine umfassende, unübertroffene Gelehrsamkeit dem Dienste Bahá'u'lláhs. Der Mann hieß Mírzá Abu'l-Fadl aus Gulpáygán.


Die Belagerung von Plewen, der heldenhafte Widerstand des türkischen Kommandeurs Osman Páshá angesichts schrecklicher Übermacht und der Fall dieser Festung, der das Tor zur Hölle aufstieß, erregten die Begeisterung und Sympathie eines Schülers in einer englischen Public School, des Sohnes eines reichen Schiffsbauers in Newcastle-on-Tyne, in solchem Maße, daß er sich ganz dem Orient verschrieb und später als einer der größten Orientalisten aller Zeiten gefeiert wurde. Dieser Zögling von Eton war Edward Granville Browne, der durch seine orientalistischen Forschungen später in enge Berührung mit dem Glauben Bahá'u'lláhs kommen sollte.


#312

Nach drei nervenaufreibenden Tagen völliger Ungewißheit in Gallipoli kam die Ankündigung von `Umar Effendi, dem Big-Báshí, der von Konstantinopel zur Begleitung der Verbannten abgestellt war, daß sie zusammenbleiben sollten und daß alle zum gleichen Bestimmungsort geschickt würden. Aber nur diejenigen, die auf der Liste stünden, erhielten die Seereise auf Kosten der Regierung, fügte er hinzu; alle anderen würden als freiwillige Verbannte geführt und müßten die Reise selbst bezahlen. Zur völligen Verblüffung `Umar Effendis und der anderen Beamten lösten Hájí `Alí-Askar, ein Veteran aus den Tagen des Báb, und einige andere, die nicht auf der Liste standen, freudig ihre Karten für den Dampfer - ein Linienschiff des Österreichischen Lloyd. Was für Leute waren das, fragten sich die Beamten, daß sie sogar noch ihre Karten lösten für die Reise an einen unbekannten Gefängnisort in einem unbekannten Land?

Endlich lief der Dampfer ein und ging vor Anker. Aqá Ridá schreibt: "Abends wurde unser Gepäck aufs Schiff befördert, und am nächsten Morgen brachten uns kleine Boote an Bord. Wir hatten eine sehr rauhe See. Zusammen mit einem anderen Gefährten hatte ich die Gnade, im gleichen Boot wie die Gesegnete Vollkommenheit zu sitzen und in Seiner Gegenwart zu sein. Am Ufer standen Jináb-i-Anís und seine Freunde; Tränen des Herzeleids traten ihnen aus den Augen. Die Gesegnete Vollkommenheit sagte ihnen mit großer Güte Lebewohl, dann nahm Er Seinen Platz im Boot ein und gebot uns, ebenfalls Platz zu nehmen. Verse strömten von Seinen Lippen, ... und Er richtete an uns Worte des Trostes. Dann sagte Er scherzend: "Wäre das nicht eine tolle Sache, wenn der Liniendampfer unterginge?" - doch mit größter Macht und Autorität fügte Er hinzu: "Aber er wird nicht untergehen, und wenn er auch von allen Wogen geschüttelt wird." So sprach Er mit uns, bis wir den überfüllten Dampfer erreichten. Unter den Passagieren befand sich der neu ernannte persische Konsul für Izmír (Smyrna) mit seiner Begleitung. Aber die Gesegnete Vollkommenheit sprach mit niemandem. Er ging auf das obere Deck, das abgeteilt und sehr geräumig war. Es war der zweite Tag des Jamádíyu'l-Avval A.H. 1285 - der 21. August 1868.

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

"Die Gefahren und Prüfungen, denen sich Bahá'u'lláh zur Stunde der Abreise von Gallipoli gegenüber sah, waren so schmerzlich, daß Er warnend zu Seinen Gefährten sagte, daß »diese Reise mit keiner der früheren Reisen zu vergleichen« sein werde und daß, wer sich nicht »Manns genug [fühle], der Zukunft ins Auge zu blicken, besser daran täte, an einen beliebigen anderen Platz zu gehen, um vor Prüfungen bewahrt zu bleiben; denn von jetzt an [werde] es keine Möglichkeit zum Abspringen mehr geben«. Seine Gefährten achteten jedoch einmütig dieser Warnung nicht." (GGV S.207)


#313

Gegen Sonnenuntergang am ersten Reisetag befand sich das Schiff vor Madellí, wo es ein paar Stunden anhielt, ehe es in der gleichen Nacht bis Smyrna weiterfuhr, das es nach Sonnenaufgang erreichte. In Smyrna lag es zwei Tage vor Anker. Perser, die in dieser Stadt lebten, kamen aufs Schiff, um ihren Konsul von Bord zu geleiten, und schienen die Gruppe der Verbannten nicht zu beachten. Hier machte es die schwere Erkrankung von Mírzá Aqáy-i-Káshání (Jináb-i-Munír) - den Bahá'u'lláh mit dem Beinamen Ismu'lláhu'l-Muníb (der Name Gottes, der höchste Lehnsherr) geehrt hatte - notwendig, daß er ins städtische Krankenhaus eingeliefert wurde, zu seinem und jedermanns großem Schmerz. Der Größte Zweig brachte ihn an Land und blieb bei ihm, solange es möglich war. Jináb-i-Munír verstarb sehr bald und liegt in Izmír begraben. Er war es gewesen, der den ganzen Weg von Baghdád bis zum Schwarzen Meer mit einer Laterne vor Bahá'u'lláhs kajávih oder Roß hergegangen war, ein schöner junger Mann, der besonders stattlich aussah und eine süße, bezaubernde Stimme hatte; beim Gehen sang und deklamierte er. Als er Bábí wurde, schleppte ihn sein fanatischer Vater aufs Feld hinaus, warf ihn zu Boden und setzte sich ihm auf die Brust, bereit, ihm den Hals abzuschneiden. Doch sein Leben sollte gerettet werden, so daß er die Gegenwart Bahá'u'lláhs erreichen konnte, um Ihm mit äußerster Hingabe zu dienen. Aqá Ridá schreibt: "Im gleichen Augenblick, in dem er sich der Gesegneten Vollkommenheit zu Füßen warf und seine Trennung beweinte, hatte er in Wahrheit schon sein Leben hingegeben und schaute auf den Horizont der Loslösung."

Am zweiten Abend lichtete der Dampfer die Anker und setzte die Reise nach Alexandria fort, wo er zwei Tage später zur Morgenzeit ankam. Hier stiegen die Verbannten auf ein anderes Schiff um. Dieser Dampfer, der nach Haifa ging, gehörte ebenfalls dem Österreichischen Lloyd. Einige Perser kamen in Alexandria an Bord, um Bahá'u'lláh ihre Aufwartung zu machen, unter ihnen Hájí Muhammad-`Alí Pírzádih (meist als Hájí Pírzádih bekannt), ein gefeierter súfistischer Wahrsager. Hier in Alexandria befand sich Nabíl-i-A`zam im Gefängnis, ohne daß die Verbannten es wußten. Bahá'u'lláh hatte ihn nach Ägypten geschickt, um zugunsten von Mírzá Haydar-`Alí und sechs anderen Gläubigen beim Khedive vorstellig zu werden. Die Verbannten wußten zwar, daß Nabíl in Ägypten einsaß, aber sie kannten das Gefängnis nicht. Einige gingen in Alexandria an Land, um Einkäufe zu tätigen; einer von ihnen, Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Názir (der Proviantmeister), kam an dem Gefängnis vorüber, Nabíl-i-A`zam sah gerade aus dem Fenster, erkannte ihn und rief ihn an. Doch lassen wir Nabíl, diesen hervorragenden Erzähler, die Umstände seiner Verhaftung und Gefangensetzung und seines unerwarteten Wiedersehens mit Bahá'u'lláh und den Gefährten in Alexandria selbst berichten:


#314

"Ich fuhr [nach der Ankunft von Adrianopel] mit der Eisenbahn nach Mansúríyyah, suchte nach Aqá Siyyid Husayn [von Káshán], fand ihn und sagte ihm, warum ich hier sei. Er sagte, daß Mírzá Hasan Khán, der [persische] Konsul, seit dem Tag, an dem es ihm gelungen war, die sieben Häftlinge in den Súdán zu schicken, um sein Leben fürchtete und überall Wachen postiert hatte, damit sie ihm berichteten, wenn sich ein Fremder in Ägypten zeige. "Am besten läßt du dein Mathnaví bei mir, trägst nichts von den Heiligen Schriften bei dir und gehst nach Kairo. Nimm dort in der Takyiy-i-Mawlaví bei Shaykh Ibráhím-i-Hamadání Wohnung, der ein Stipendium von Ismá`íl Páshá erhält, und warte, bis der Khedive zurückkommt. Wir werden dann einen Weg finden, wie wir ihm dein Mathnaví zustellen." Ich ging nach Kairo und wohnte bei Shaykh Ibráhím, aber ich wußte nicht, daß auch er ein Spion war. Eines Nachts erblickte ich in den frühen Morgenstunden im Traum die Gesegnete Vollkommenheit. Er sprach: »Es sind einige Leute gekommen und haben um Erlaubnis gebeten, Mírzá Hasan Khán etwas zuleide zu tun. Was sagst du dazu?« Als ich erwachte, wußte ich, daß an diesem Tag etwas passieren würde. Ich ging zum Platz Sayyidná Husayn und spazierte eine oder zwei Stunden lang umher; dann fand ich mich von einigen Leuten umringt, die sagten: `Man hat bei der Seraye nach Ihnen verlangt.` Doch stattdessen brachten sie mich zum Haus des Mírzá Hasan Khán. Da merkte ich, daß sie mich mit ihrem Gerede von der Seraye hereingelegt hatten, damit ich mich ihnen ausliefere und nicht etwa sage, ich sei kein persischer Staatsbürger. Nach einer langen Unterredung mit dem Konsul wurde ich einem Beamten übergeben, der mich in Ketten legte. Mehrere Male wurde ich herausgerufen. Einmal war eine Anzahl persischer Kaufleute da, unter ihnen Mírzá Siyyid Javád-i-Shírází, der britischer Staatsbürger war, aber der persischen Kolonie vorstand, ferner Hájí muhammad-Taqíy-i-Namází und Hájí Muhammad-Hasan-i-Kázirúní. Sie saßen auf Stühlen und ließen mich bei sich Platz nehmen; ich hatte aber Fieber und fühlte mich schwach. Sie brachten ein Foto des Größten Zweiges und fragten mich, ob ich wisse, wer das sei. Ich sagte: `Ja. Das ist der älteste Sohn Bahá'u'lláhs, bekannt als `Abbás Effendi. Ich bin ihm oft im Salon von Khurshíd Páshá, dem Válí von Adrianopel, begegnet.` Dann holten sie den Kitáb-i-Iqán hervor und sagten, ich solle ihnen daraus vorlesen. Ich sagte: `Ich habe Fieber und kann nicht lesen.` Der Konsul sagte: `Er hat Angst, er wird ausgelacht, wenn er liest.` Ich antwortete: `Vielleicht kann ein anderer lesen, dann kann ich auch mitlachen.` Das Buch wurde an Hájí Muhammad-Taqíy-i-Namází weitergereicht. Er las den Bericht über die Loslösung und das Selbstopfer der Anhänger des Punkts des Bayán [des Báb]; wenn sie nicht im Recht waren [wird dort gefragt], mit welchen Beweisgründen kann man dann die Rechtmäßigkeit der Sache des Volkes von Karbilá darlegen? Er las weiter, und sie lachten immerzu. Dann wandte sich Mírzá Javád an mich und fragte: `Warum bist du Bábí geworden? Wäre die Sache des Báb wahr gewesen, dann wäre ich Bábí geworden, denn ich bin ein Siyyid und ein Mann von Shíráz.` Ich antwortete: `Aber es ist weder erwiesen, daß ich Bábí bin, noch daß Sie keiner sind. Wie der Dichter Háfiz sagt:`"¹

Aus Basrah kommt Hasan, aus Habash kommt Bilál,
Aus Shám kommt Suhayb; doch von dem Boden Mekkas
Erhebt sich Abú-Jahl: wie eigenartig!²

¹ aus dem unveröffentlichten Teil von Nabíls Bericht

² Hasan al-Basrí war ein führender Weissager und Pietist aus den frühen Tagen des Islám (s.Balyuzi: Muhammad and the Course of Islám, S.227); Habash ist Äthiopien; Bilál Ibn Ribáh, einer der frühen Muslime, war der erste mu'adhdhin (Muezzin) des Islám, vom Propheten ernannt; Shám ist Damaskus; Suhayb war ein Gefährte Muhammads, der für seine Enthaltsamkeit bekannt war; Abú-Jahl war ein Erzfeind des Propheten. (H.M.B.)


"Alle Anwesenden brachen in Gelächter aus, aber Mírzá Javád sank in sich zusammen. Der Konsul merkte, daß die Leute keinen besonderen Anlaß zur Freude hatten, und schickte mich ins Gefängnis zurück. Ich flehte zu Gott, ihn nie wieder sehen zu müssen. Am gleichen Tag wurde er in Geschäften nach Alexandria gerufen. Dann hatte ich einen anderen Traum, in dem die Gesegnete Vollkommenheit zu mir sprach: »In den nächsten einundachtzig Tagen wird ein Grund zur Freude zu dir kommen.« Danach kam Mírzá Safá aus Mekka an; man sagte ihm, daß Mírzá Hasan Khán einen Reisenden an einem finsteren, trostlosen ... Ort eingekerkert habe. `Sagen Sie ihm,` forderte man ihn auf, `er soll diesen unschuldigen Mann um Gottes willen freilassen.` Mírzá Safá stellte ihn zur Rede und telegrafierte, man solle mich den ägyptischen Behörden überstellen und nach Alexandria schicken. Als ich dorthin gebracht wurde, richtete der inzwischen verstorbene Siyyid Husayn ein Gesuch an Sharíf Páshá, in dem er schrieb, dieser Reisende sei osmanischer Untertan und vom persischen Konsul widerrechtlich eingekerkert und gefoltert worden. Daraufhin wurde ich von dem niedrigeren ins höhere Gefängnis verlegt. Man traf Vorkehrungen, den persischen Konsul zur Rechenschaft zu ziehen. In dem Gefängnis war ein Arzt. Er versuchte mich zum protestantischen Glauben zu bekehren. Wir führten lange Gespräche, und er wurde Bahá'í."¹

¹ aus dem unveröffentlichtem Teil von Nabíls Bericht


#316

"Am einundachtzigsten Tag nach meinem Traum erblickte ich vom Dach meines Gefängnisses auf der Straße Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Názir. Ich rief ihn an, und er kam zu mir herauf. Ich fragte ihn, was er da mache, und er erzählte mir, die Gesegnete Vollkommenheit und die Gefährten würden nach `Akká gebracht ... und er sei in Begleitung eines Polizisten an Land gekommen, um etwas einzukaufen. Der Polizist, sagte er, `erlaubt mir nicht, mich hier noch länger aufzuhalten. Ich gehe und melde dem Aqá [dem Größten Zweig], daß du hier bist. Wenn das Schiff noch eine Weile hier liegenbleibt, komme ich vielleicht noch einmal zu dir.` Er setzte mein innerstes Wesen in Brand, als er wegging. Der Arzt war zu dieser Zeit nicht da. Als er kam, fand er mich in Tränen aufgelöst, und ich sang diese Verse: `Der Geliebte ist mir zur Seite, doch ich bin weit von Ihm entfernt; ich schmachte am Ufer der Wasser der Nähe, und doch bin ich alleingelassen. O Freund! Hebe mich auf, hebe mich auf zu einem Sitz auf dem Schiff der Nähe. Ich bin hilflos, ich liege darnieder, ich, ein Gefangener.` Am Abend kam Fáris (so hieß der Arzt) und sah mein Elend. Er bemerkte: `Du hast mir gesagt, am einundachtzigsten Tag nach deinem Traum müßtest du einen Grund zur Freude erleben, und dieser Tag sei heute. Und jetzt finde ich dich ganz im Gegenteil völlig aufgelöst.` Ich antwortete: `Der Grund zur Freude ist wirklich eingetroffen, aber o weh! 'Die Dattel ist auf der Palme, und unsere Hände können sie nicht erreichen.'` `Sag mir, was vorgefallen ist,` erwiderte er, `vielleicht kann ich etwas unternehmen.` So erzählte ich ihm, daß die Gesegnete Vollkommenheit auf dem Schiff dort sei. Da wurde er genauso unruhig wie ich: `Wenn morgen nicht gerade Freitag und die Seraye geschlossen wäre,` sagte er, `hätten wir beide Erlaubnis bekommen können, an Bord zu gehen und in Seine Gegenwart zu treten. Aber wir können immer noch etwas tun. Schreib auf, was du schreiben willst. Auch ich will etwas aufschreiben. Morgen kommt einer meiner Bekannten hierher; wir geben ihm die Briefe, damit er sie an Bord bringt.`"¹

¹ aus dem unveröffentlichtem Teil von Nabíls Bericht

#317

"Ich schrieb meine Geschichte auf und suchte alle Gedichte zusammen, die ich im Gefängnis verfaßt hatte. Fáris, der Arzt, schrieb auch einen Brief, in dem er seinem großen Kummer Ausdruck gab. Es war wirklich bewegend. Er steckte alles zusammen in einen Umschlag und gab diesen einem jungen Uhrmacher namens Constantine, der ihn am nächsten Morgen überbringen sollte. Ich gab ihm die Namen von Khádim [Mírzá Aqá Ján] und einigen anderen Gefährten, sagte ihm, wie er sie erkennen könne, und schärfte ihm ein, den Umschlag erst aus der Hand zu geben, wenn er einen von diesen gefunden habe. Am Morgen ging er hinaus. Wir schauten vom Dach aus zu. Wir hörten den Signalton und dann das Geräusch des auslaufenden Schiffes und dachten voll Bestürzung, er könnte es nicht mehr geschafft haben. Dann hielt das Schiff an und setzte sich nach einer Viertelstunde wieder in Bewegung. Wir waren wie auf die Folter gespannt, als Constantine plötzlich hereinkam. Er reichte mir einen Umschlag und ein Päckchen in einem Taschentuch und rief: `Bei Gott! Ich habe den Vater Christi gesehen.` Fáris, der Arzt, küßte ihm die Augen und sagte: `Unser Los war das Feuer der Trennung, und du hattest die Gnade, den Geliebten der Welt zu sehen.` Als Antwort auf unser Flehen hatten wir jetzt ein Sendschreiben in der Handschrift¹ der Offenbarung in der Hand, einen Brief vom Größten Zweig und ein Papier voller Mandelnuql [eine Süßigkeit], das uns der Reinste Zweig geschickt hatte. In dem Sendschreiben wurde der Arzt Fáris besonders geehrt. Einer der Gefährten hatte geschrieben: `Schon mehrmals habe ich Zeichen der Macht erlebt, die ich nie vergessen kann. So war es auch heute. Das Schiff hatte schon Fahrt aufgenommen, als wir weit draußen ein Boot sahen. Der Kapitän hielt das Schiff an, und dieser junge Uhrmacher erreichte uns und rief laut meinen Namen. Wir gingen zu ihm, und er gab uns euren Umschlag. Alle Augen waren auf uns gerichtet, die wir Verbannte sind. Aber niemand stellte die Handlung des Kapitäns in Frage.`"²

¹ Mírzá Aqá Jáns eilige Handschrift, mit der er Verse in dem Augenblick festhielt, in dem Bahá'u'lláh sie sprach.
² Aus dem unveröffentlichten Teil von Nabíls Bericht


Der nächste Zwischenhafen war Port Sa`íd, das am anderen Morgen angelaufen wurde. Das Schiff lag dort den ganzen Tag über fest und fuhr bei Einbruch der Nacht weiter. Am folgenden Tag lag es bei Sonnenuntergang vor Jaffa und setzte um Mitternacht die Fahrt fort zu seinem Bestimmungshafen - Haifa.

#318

(Bildlegende: Reise Bahá'u'lláhs von Adrianopel nach Akká)





+30 #319

Kapitel 30

Ankunft in Akká

Als der Dampfer des Österreichischen Lloyd vor Haifa lag, gingen die Dienststellen daran, Vorbereitungen für die Reise Mírzá Yahyás und seines Anhangs nach Zypern zu treffen. Damit verbunden, wurden nun auch die vier Bahá'í, die nach offiziellem Beschluß Mírzá Yahyá an seinen Verbannungsort begleiten sollten, von den übrigen Gefährten Bahá'u'lláhs getrennt. Alle vier waren in Konstantinopel festgenommen worden; wie wir gesehen haben, waren es der bedeutende Kalligraph Mishkín-Qalam, Mírzá `Alíy-i-Sayyáh (aus Marághih in Adharbáyján), Aqá muhammad-Báqir-i-Qahvih-chí und Aqá `Abdu'l-Ghaffár. Natürlich waren sie und alle anderen Gefährten tief unglücklich, als die Stunde der Trennung kam. Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

"In dem Augenblick, da Bahá'u'lláh das Boot betrat, das Ihn zum Landungssteg in Haifa bringen sollte, stürzte sich `Abdu'l-Ghaffár, ... dessen »Losgelöstheit, Liebe und Gottvertrauen« Bahá'u'lláh hoch gepriesen hatte, mit dem Ruf `Yá Bahá'u'l-Abhá` verzweifelt ins Meer, wurde aber von hartherzigen Beamten sofort wieder aufgefischt und ins Leben zurückgerufen; sie zwangen ihn, seine Reise mit der Gesellschaft des Mírzá Yahyá an den ursprünglich vorgesehenen Zielort fortzusetzen." (GGV S.207)

Aqá `Abdu'l-Ghaffár wurde vom Tode errettet, wie zuvor schon Hájí Ja`far-i-Tabrízí in Adrianopel, und letzten Endes erreichten sie beide ihr Wunschziel - die Nähe zu Bahá'u'lláh. Hájí Ja`far kam, als er von seiner sich selbst beigebrachten Wunde genesen war, in Begleitung seines Bruders nach `Akká. Aqá `Abdu'l-Ghaffár gelang es, aus Zypern zu entkommen und Syrien zu erreichen. Er nahm einen anderen Namen an und blieb als Aqá `Abdu'lláh in Sicherheit.


#320

(Bildlegende: Die Bucht von Haifa im frühen neunzehnten Jahrhundert. Im Vordergrund ist die Stadt Haifa, auf der entfernten Seite der Bucht `Akká zu erkennen. (Aus Wilson: Picturesque Palestine)

(Bildlegende: Haifa im neunzehnten Jahrhundert. Im Hintergrund der Berg Karmel. (Aus Wilson: Picturesque Palestine)


#321

Ein Segelschiff brachte die Verbannten von Haifa über die Bucht nach `Akká. Unglaubliche Gerüchte waren ihnen vorausgeeilt; die Bewohner der Stadt waren verwirrt und neugierig, auf jeden Fall voreingenommen, feindlich, sogar voll Verachtung. Einige standen am Kai, um den "Gott der Perser" anzugaffen und zu verhöhnen. Es war der Nachmittag des 31. August 1868 (12. Jamádíyu'l-Avval A.H. 1285), als Bahá'u'lláh mit Seiner Familie und den Gefährten das »Größte Gefängnis« betrat und in der stark befestigten Zitadelle eingekerkert wurde.

`Akká ist eine der ältesten durchgehend bewohnten, aber auch eine der meistumkämpften Städte der Welt. Dies überrascht nicht, wenn man bedenkt, daß es an dem besten natürlichen Hafen des östlichen Mittelmeeres und an der Verbindungsstrecke zwischen Ägypten und Mesopotamien, den beiden Wiegen der Zivilisation, liegt. Die erste Erwähnung finden wir auf zwei fast 4000 Jahre alten ägyptischen Figuren. Damals war `Akká eine kanaanäisch-phönizische Stadt unter ägyptischer Herrschaft; danach verloren die Ägypter jahrhundertelang im Wechsel die Herrschaft über die Stadt und gewannen sie wieder zurück, bis sie schließlich nacheinander in die Hände der Assyrer, Perser, Griechen, Römer, Araber und dann in die der Kreuzritter fiel. Im dreizehnten Jahrhundert wurde `Akká die Hauptstadt des Kreuzritterreiches und blieb dessen letzte bedeutende Festung, durchgehalten bis ins Jahr 1291, als sie vom Mameluckenheer erobert und verwüstet wurde.

Eine Zeitlang war `Akká ein unbedeutendes Dorf unter der Herrschaft des Türkischen Reiches. Dann wurden seine natürlichen Vorzüge im sechzehnten Jahrhundert von französischen Kaufleuten neu entdeckt. Der Drusenführer Fakhru'd-Dín baute einige der Kreuzfahrerruinen am Ende des sechzehnten Jahrhunderts wieder auf; doch der eigentliche Wiederaufstieg `Akkás setzte erst unter Záhiru'l-`Umar ein, einer örtlichen Standesperson aus Tiberias. Diesem gelang es, aus dem verfallenden Türkischen Reich ein kleines Fürstentum für sich herauszuschustern, zu dessen Hauptstadt er 1749 `Akká erhob. Die osmanische Regierung anerkannte Záhiru'l-`Umars de facto-Herrschaft, indem sie ihn zum Gouverneur der Provinz `Akká ernannte; doch als er dem aufständischen `Alí Bey von Ägypten seine Unterstützung lieh, rückte 1775 ein türkisches Heer zur Belagerung `Akkás an. Durch Verrat wurde die Stadt eingenommen, Záhiru'l-`Umar wurde getötet. Einer der Führer des Belagerungsheeres, Ahmad Páshá Al-Jazzár (der Schlächter), ein albanischer Abenteurer, wurde 1776 zum neuen Gouverneur ernannt.


#322

(Bildlegende: Blick auf `Akká von Süden)


Das Werk des Wiederaufbaus und der Befestigung `Akkás, das Záhiru'l-`Umar begonnen hatte, wurde von Ahmad Páshá tatkräftig fortgeführt. Al-Jazzár übte eine strenge Herrschaft aus, sein Einfluß durchdrang den größten Teil Syriens und Palästinas, `Akkás Bedeutung nahm weiter zu. Im Jahr 1799 wehrte die Stadt das Heer des Napoleon Bonaparte ab und setzte dessen orientalischem Abenteuer ein Ende.

Al-Jazzár starb 1803. Nachfolger wurde sein mamlúk (Mamelucke) und Adoptivsohn Sulaymán Páshá, der auch eine Reihe bedeutender Gebäude in Akká errichtete. Als dieser 1818 starb, folgte ihm Abdu'lláh Páshá, der Sohn Alí Páshás, eines anderen mamlúk und Adoptivsohnes Al-Jazzárs.¹ Abdu'lláh Páshá war der vierte Gouverneur Akkás in aufeinanderfolgender Reihe; innerhalb wie außerhalb der Stadt entwickelte er eine fruchtbare Bautätigkeit. Jedoch kam es in Ägypten zu Ereignissen, die sich bald auch auf Akká auswirken sollten. Muhammad-Alí Páshá, ein albanischer Abenteurer, der die Herrschaft über Ägypten an sich gerissen hatte, startete eine Erhebung gegen das Osmanische Reich. Abdu'lláh Páshá stellte sich auf die Seite des Sultáns, und 1831 wurde Akká von einem ägyptischen Heer unter der Führung von Muhammad-Alís Sohn Ibráhím Páshá belagert. Die Stadt lag unter heftigem Feuer, und da aus Istanbul keine Hilfe kam, mußte sich Abdu'lláh Páshá schließlich ergeben. Er wurde großmütig behandelt und nach Ägypten geschickt, wo man ihn in Ehren empfing. Später begab er sich nach Istanbul, und nachdem er dort eine Weile gelebt hatte, reiste er nach Medina, wo er den Rest seines Lebens verbrachte und wo er auch begraben liegt. Da Ibráhím Páshá voraussah, daß die ägyptische Anwesenheit in Syrien nicht unangefochten bleiben würde, baute er viele durch seine Kanonade beschädigte Gebäude wieder auf und verstärkte Akkás Befestigungsanlagen, um es zum ägyptischen Bollwerk in Syrien zu machen.

¹ Ein mamlúk war ein Sklave, der in jungen Jahren gekauft wurde und eine militärische Ausbildung erhielt. Nach Abschluß der Aus-bildung erlangte er gewöhnlich die Freiheit und wurde Adoptivsohn seines Herrn. Solche Personen stiegen häufig in hohe Ämter auf, und tatsächlich wurde Ägypten mehrere Jahrhunderte lang von einer Folge von Mamelucken-Sultanen regiert.


#323

Unter dem Eindruck von Ibráhím Páshás aufsehenerregenden Erfolgen in Syrien, ja sogar in Anatolien selbst, entschlossen sich die europäischen Mächte zum Eingreifen, da sie um den Bestand des Türkischen Reiches fürchteten. 1840 erschien vor Akká eine überwiegend britische Flotte unter Admiral Sir Robert Stopford und begann mit der Beschießung der Stadt. Nach einer viereinhalbstündigen Kanonade gab es plötzlich eine gewaltige Explosion, und eine dicke Rauchwolke stieg von der Stadt auf. Das Hauptpulvermagazin hatte mehrere Treffer erhalten und war explodiert; dabei waren zwei Kompanien von Ibráhím Páshás besten Soldaten getötet worden. Noch heute sind die Wirkungen dieser Explosion zu erkennen: Die innere Landmauer (Záhiru'l-`Umars Mauer) ist östlich von der Stelle, wo sie von der nahen Explosion zerstört wurde, nicht mehr vorhanden. Am nächsten Tag stellte die alliierte Flotte fest, daß Ibráhím Páshá die Stadt verlassen und den Rückzug nach Ägypten angetreten hatte.

Der Abzug der Ägypter bedeutete einen Wendepunkt in den Geschicken `Akkás. Aus der Hauptstadt einer bedeutenden Provinz wurde nun das Damaskus und Beirut unterstellte Verwaltungszentrum einer Unterprovinz. Záhiru'l-`Umar, der `Akkás neuen Aufschwung begründete, hatte zugleich auch die Entwicklung eingeleitet, die schließlich zu `Akkás Niedergang führen sollte: Er hatte am anderen Ende der Bucht von `Akká die kleine Stadt Haifa neu angelegt und befestigt. Im weiteren Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts wurde deutlich, daß der Hafen von `Akká, der allmählich versandete, Dampfschiffe mit größerem Tiefgang nicht mehr aufnehmen konnte. `Akkás Handel und Wohlstand gingen in dem Maße zurück, wie ein Großteil seiner kaufmännischen Geschäfte auf Haifa überging.¹

¹ Im Gegensatz zu dem Niedergang Akkás verzeichnete Haifa einen ununterbrochenen Aufschwung. Die deutschen Tempelritter, die nur wenige Monate nach Bahá'u'lláh selbst dort eingetroffen waren, trugen durch ihren Fleiß und ihr technisches Geschick noch weiter zum Wohlstand der Stadt bei. Bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts hatte sich Haifa zum wichtigen Hafen mit einer großen Kolonie von Kaufleuten entwickelt; es war durch eine Bahnlinie mit Damaskus verbunden, und die meisten ausländischen Mächte hatten dort Konsulate eingerichtet.


#324

Zur Zeit der Ankunft Bahá'u'lláhs spielte Akká innerhalb des Türkischen Reiches vor allem die Rolle einer Gefängnisstadt für Verbrecher und politische Gefangene - die "Bastille des mittleren Ostens", wie es von einem Schriftsteller genannt wurde. Die Zitadelle, in der man Bahá'u'lláh einkerkerte, gehört zu den interessantesten Gebäuden `Akkás. Sie steht an der Stelle der einstigen Burg (oder Grand Maneir) der Ritter des St.ÿJohannes vom Hospital; deren Refektorium ("die Krypta des St.ÿJohannes") wurde fast unversehrt unter dem heutigen Gebäude ausgegraben, und in den unteren Teilen des Baues selbst ist noch Mauerwerk der Kreuzfahrerfestung klar erkennbar. Als der Drusenführer Fakhru'd-Dín im sechzehnten Jahrhundert mit Baumaßnahmen in `Akká begann, benutzte er die Ruinen der "Hospitaler" als Fundament seines eigenen Palastes und seiner Zitadelle. Auch Záhiru'l-`Umar und Ahmad Al-Jazzár bauten ihre Paläste an dieser Stelle, aber das jetzige Gebäude stammt von Al-Jazzárs Nachfolger Sulaymán Páshá und wurde 1819 von `Abdu'lláh Páshá vollendet. Die Türken benutzten es als Kaserne und als Gefängnis, auch unter dem britischen Mandat diente es weiterhin als Gefängnis. In den Mauern des Bauwerks stecken noch Kanonenkugeln von der Beschießung durch die alliierte Flotte unter Admiral Sir Robert Stopford im Jahr 1840.

Aqá Ridá schildert Akká als "eine Stadt mit engen, schäbigen Straßen, dunkel und schmutzig, düster und verwinkelt; da gibt es kein einziges ansehnliches Wohnhaus." Er beschreibt auch die Zitadelle:

"Sie wurde unter Jazzár Páshá für das Militär gebaut. Sie ist sehr hoch und geräumig, in der Mitte hat sie einen Teich mit Palmen und Feigenbäumen. Im Nordwestteil gab es im gut angelegten oberen Stockwerk vier oder fünf gute Zimmer mit einem ayván. Ein bírúní war dort auch vorhanden: ein großes Zimmer mit Veranda und noch weiteren Zimmern. Diesen Teil bewohnten die Gesegnete Vollkommenheit und Seine Familie. Aqá Mírzá Muhammad-Qulí und seine Familie wohnten im unteren Stockwerk. Im Norden waren Zimmer auf drei Stockwerken; hier wurden Hájí `Alí-`Askar, Amír und Aqá Muhammad-Javád einquartiert. In der Nordwestecke waren die Zimmer, wo wir untergebracht waren ... Auf der Westseite gab es ein sehr gutes Bad. Im Süden und Osten lagen einige gute, geräumige Zimmer. Eins davon bezog Jináb-i-Kalím, in einem anderen kamen andere Gefährten unter, und die meisten blieben leer. Siyyid muhammad und Kaj-Kuláh [Aqá-Ján Big] wohnten hier zwei oder drei Tage, dann baten sie die Verwaltung um Verlegung. Sie erhielten ein Zimmer über dem zweiten Stadttor [von Akká]."

"In der ersten Nacht nach unserer Ankunft litten wir unter Wassermangel. Das Wasser im Teich hatte einen fauligen Geruch bekommen. Wir wollten hinausgehen, um frisches Wasser zu besorgen, aber man ließ uns nicht. Aus dem Haus von `Abdu'l-Hádí Páshá, dem Mutasarrif von `Akká, brachte man uns gekochten Reis, aber es war nicht genug. Am nächsten Tag kamen Beamte, um zu sehen, wie es uns erging. Sie traten in die Gegenwart der Gesegneten Vollkommenheit, und Er sprach zu ihnen Worte von solchem Wissen und solcher Weisheit, daß sie bei diesem ersten Zusammentreffen erkannten, daß es sich hier um Menschen handelte, die mit Gelehrsamkeit, Weisheit und außergewöhnlichem Verständnis begnadet waren. Einer sagte gleich bei diesem Zusammentreffen, daß noch nie zuvor so reine, geheiligte Seelen `Akká betreten hätten. Ein paar Tage später wurden Hájí Ja`far und sein Bruder Hájí Taqí gebracht."


#325

(Bildlegende: Das Seetor von Akká, durch das Bahá'u'lláh die Stadt betrat)


#326

(Bildlegende: Luftaufnahme der Zitadelle von `Akká. Links unten im Bild ist die äußere Grabenböschung, von wo aus diejenigen Pilger, die die Stadt nicht betreten durften, einen flüchtigen Blick auf Bahá'u'lláh werfen konnten. Im Vordergrund das Haus Abdu'lláh Páshá. Hinter der Zitadelle ist die große Kuppel der Moschee von Al-Jazzár zu erkennen. Zwischen Moschee und Zitadelle liegt die Seraye (der Sitz des Gouverneurs); dieser gleich benachbart, hinter der Zitadelle, ist die kleine Kuppel des Hammám (der öffentlichen Bäder).


Aqá Ridá und Aqá Husayn-i-Ashchí berichten, daß die Lebensmittelration pro Person aus drei versalzenen, ungenießbaren Schwarzbroten bestand. Diese Verpflegung war so abstoßend, daß Aqá Husayn, der noch jung und eigensinnig war, auf türkisch grobe, verletzende, gegen den Mutasarrif gerichtete Bemerkungen darüber machte. Dafür erhielt er vom Größten Zweig eine Backpfeife. Aber dies führte dazu, erzählt Aqá Husayn, daß der Mutasarrif sich der Situation annahm. Bald stellten die Beamten diese Verpflegung ein; stattdessen erhielten die Verbannten jeden Tag einen Geldbetrag, in den sich alle Gefährten teilten.

Der Herbst brachte wegen der ungesunden Lebensbedingungen in `Akká mancherlei Beschwerden und Krankheiten mit sich. Die Verbannten hatten innerhalb der Gefängnismauern schwer zu leiden.


#326

Im folgenden geben wir eine Liste der Verbannten, die am Nachmittag des 31. August 1868 das Größte Gefängnis betraten. Die Liste wurde ursprünglich unter Mitwirkung von Mírzá Abdu'r-Ra'úf, dem Sohn Mírzá Muhammad-Qulís, des Bruders von Bahá'u'lláh, erstellt. Der Verfasser hat jedoch dort, wo er Unstimmigkeiten bemerkte, Veränderungen vorgenommen. Mírzá Abdu'r-Ra'úf hatte beispielsweise einige Personen in die Liste aufgenommen, die erst später in Akká eintrafen.

1. Bahá'u'lláh
2. Buyúk Khánum, die Mutter des Größten Zweiges, Asíyih Khánum
3. `Abdu'l-Bahá (der Größte Zweig)
4. Bahá'íyyih Khánum (das Größte Heilige Blatt)
5. Mírzá Mihdí (der Reinste Zweig)
6. Mahd-i-`Ulyá, die Mutter von Mírzá Muhammad-`Alí
7. Mírzá Muhammad-`Alí
8. Mírzá Badí`u'lláh, Sohn von Mahd-i-`Ulyá
9. Mírzá Díyá'u'lláh, Sohn von Mahd-i-`Ulyá
10. Samadíyyih Khánum, Schwester von Mírzá Muhammad-`Alí
und Ehefrau von Mírzá Majdi'd-Dín

11. Mírzá Músá Jináb-i-Kalím, Bruder Bahá'u'lláhs

12. Fátimih-Sultán Khánum, Tochter von Shaykh Sultán-i-`Arab
und Ehefrau Mírzá Músás

13. Havvá Khánum, zweite Frau Mírzá Músás
14. Mírzá Majdi'd-Dín, Sohn von Mírzá Músá und Fátimih-Sultán Khánum
15. Liqá Khánum, Ehefrau Mírzá Muhammad-`Alís
16. Mírzá `Alí-Ridá, Sohn Mírzá Músás
17. Mírzá Muhammad-Qulí, Bruder Bahá'u'lláhs
18. Khánum-Ján, Ehefrau Mírzá Muhammad-Qulís
19. Nash'ih Khánum, zweite Frau Mírzá Muhammad-Qulís
20. Mírzá `Abdu'r-Ra'úf, Sohn Mírzá Muhammad-Qulís
21. Mírzá Dhikru'lláh, Sohn Mírzá Muhammad-Qulís
22. Mírzá Vahíd, Sohn Mírzá Muhammad-Qulís
23. Qudsíyyih Khánum, Tochter von Mírzá Muhammad-Qulí und Nash'ih Khánum
24. Abájí Qazvíní, eine Bedienstete
25. Badrí-Ján, Ehefrau von Mírzá Yahyá Subh-i-Azal
26. Mírzá Ridá-Qulíy-i-Tafrishí, Bruder der Badrí-Ján
27. Mírzá Fadlu'lláh, Neffe Mírzá Ridá-Qulís,
Sohn des (in Adrianopel verstorbenen) Mírzá Nasru'lláh

28. Aqá `Azím-i-Tafrishí, Diener Mírzá Nasru'lláhs und Mírzá Ridá Qulís
29. Aqá Ridáy-i-Shírází Qannád
30. Gawhar Khánum, Ehefrau Aqá Ridás, Mutter des `Aynu'l-Mulk
31. Mírzá Mahmúd-i-Káshání
32. Saltanat Khánum, Ehefrau Mírzá Mahmúd-i-Káshánís,
Schwester der Gawhar Khánum

33. Hájí Aqáy-i-Tabrízí, Bruder von Gawhar Khánum und Saltanat Khánum
34. Zahrá Khánum, Mutter des Hájí Aqáy-i-Tabrízí
35. Aqá Ridá, Bruder des Hájí Aqá
36. Hájí `Alí-`Askar-i-Tabrízí
37. Husayn-Aqá Qahvih-chí, Sohn des Hájí `Alí-`Askar
38. Khánum Ján, Ehefrau des Hájí `Alí-`Askar
39. Ma`súmih, Tochter des Hájí `Alí-`Askar
40. Fátimih, Tochter des Hájí `Alí-`Askar
41. Husníyyih, Tochter des Hájí `Alí-`Askar
und Ehefrau des Aqá Muhammad-Javád-i-Qazvíní

42. Aqá Muhammad-Javád-i-Qazvíní
43. Mashhadí Fattáh, Bruder des Hájí `Alí-`Askar-i-Tabrízí
44. Aqá Muhammad-`Alíy-i-Yazdí
45. Aqá Abu'l-Qásim-i-Sultánábádí (in der Zitadelle verstorben)
46. Aqá Faraj, Vetter des Aqá Abu'l-Qásim
47. Aqá Muhammad-Ismá`íl und
48. Aqá Muhammad-Báqir ¹
49. Mírzá Ja`far-i-Yazdí
50. Za`farán Khánum, Ehefrau des Mírzá Ja`far
51. Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Nayrízí, bekannt als Amír;
einer der Bábí, die mit Vahíd in Nayríz waren

52. Habíbih Khánum, Ehefrau Amírs und Bedienstete im Haushalt Bahá'u'lláhs

53. Badí`ih Khánum, Tochter des Amír und der Habíbih,
verheiratet mit Husayn Aqá Qahvihchí

54. Sáhib-Ján Khánum, eine Bedienstete
55. Mírzá Mustafá, Sohn der Sahib-Ján, bekannt als Abú-Hurayrih
56. Darvísh Sidq-`Alí
57. Mírzá Aqá-Ján, Sekretär und Diener Bahá'u'lláhs
58. Hájí Faraju'lláh-i-Tafrishí
59. Aqá Husayn-i-Ashchí
60. Aqá Muhammad-`Alíy-i-Isfahání
61. Ustád Ahmad-i-Najjár
62. Aqá Mírzá Husayn-i-Najjár
63. Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Názir
64. Khayyát-Báshí
65. Mírzá Asadu'lláh
66. Siyyid Muhammad-i-Isfahání - ein Azalí
67. Aqá Ján Big, bekannt als Kaj-Kuláh - ein Azalí


¹ die beiden Brüder (47 und 48) starben in der Zitadelle. Ihr Bruder Pahlaván Ridá war ein Bábí aus Káshán





+31 #330

Kapitel 31

Der Herr der Heerscharen

»Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Herrlichkeit einziehe! Wer ist der König der Herrlichkeit? Es ist der Herr der Heerscharen; Er ist der König der Herrlichkeit.« (Psalm 24:9-10)


Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

»Mit der Ankunft Bahá'u'lláhs in Akká beginnt der letzte Abschnitt Seines vierzigjährigen Wirkens, das Endstadium, zugleich der Höhepunkt der Verbannung, in der Er Seine gesamte Amtszeit verbrachte. Diese Verbannung hatte Ihn zunächst in die unmittelbare Nachbarschaft der Hochburgen der schiitischen Orthodoxie gebracht ..., später in die Hauptstadt des Osmanischen Reiches geführt und Ihn bewogen, Seine epochemachenden Verkündigungen an den Sultán, an dessen Minister und an die geistlichen Führer des sunnitischen Islám zu richten. Jetzt hatte diese Verbannung dazu geführt, daß Er an die Ufer des Heiligen Landes gelangte - des Landes, das Gott schon Abraham verheißen hatte, das geheiligt war durch die Offenbarung Mose, geehrt durch das Leben und Wirken der hebräischen Stammväter, Richter, Könige und Propheten, verehrt als die Wiege des Christentums und als die Stätte, wo auch Zoroaster, wie `Abdu'l-Bahá bezeugt, "mit einigen Propheten Israels Gemeinschaft gepflogen" hatte, im Islám verbunden mit der nächtlichen Reise des Gesandten Gottes durch die sieben Himmel zum Thron des Allmächtigen. In den Grenzen dieses heiligen, beneidenswerten Landes - "Heimat aller Gottesboten," "Tal von Gottes unerforschlichem Ratschluß," "der schneeweiße Ort," "das Land unvergänglicher Herrlichkeit" - sollte der Verbannte von Baghdád, Konstantinopel und Adrianopel nun nicht weniger als ein Drittel der Ihm zugemessenen Lebensspanne und über die Hälfte der gesamten Dauer Seiner Sendung verbringen.« (GGV S.208)


#331

Akká - das Ptolemais der Antike, das St.ÿJean d'Acre der Kreuzfahrer und deren letzte Bastion, die Feste, die der Macht eines Napoleon getrotzt hatte, eine durch alle Jahrhunderte vielgerühmte Stadt - `Akká hatte in diesem neuen Abschnitt seiner wechselvollen Geschichte sein Ansehen eingebüßt. Luft und Wasser waren verpestet und vergiftet. Es ging die Rede, daß ein Vogel, der über `Akká flöge, tot zu Boden fiele. In die trostlosen Verliese der Stadt wurden die Aufrührer, Desperados und unverbesserlichen Kriminellen des Osmanischen Reiches eingeliefert, damit sie dort umkämen.

Dies war aber auch die Stadt, von der David als der "befestigten Stadt" gesprochen hatte, die Hosea als "Tor der Hoffnung" gerühmt und über die Hesekiel gesagt hatte: "Und danach führte er mich zu dem Tor, das nach Osten schaut. Und siehe: Die Herrlichkeit des Gottes Israels kam von Osten her, und seine Stimme war wie das Tosen vieler Wasser, und es ward sehr licht auf der Erde von seiner Herrlichkeit ... Und die Herrlichkeit des Herrn kam in das Haus durch das Tor, das gegen Osten liegt." (Hesekiel 43:1-4) Der Begründer des Islám schließlich hatte die gleiche Stadt mit folgenden Worten verherrlicht: "Gesegnet ist der Mensch, der `Akká besucht, und gesegnet der, der den Besucher von `Akká besucht... Und wer darin den Ruf zum Gebet erhebt, dessen Stimme wird bis ins Paradies emporgetragen." (WOLF [265,264] S.53 S.152)

Als Akká seine Tore öffnete, um den Weltenerlöser als Gefangenen aufzunehmen, war es eine Stadt, die die Tiefen des Elends kennengelernt hatte. Bahá'u'lláhs Verbannung ins Heilige Land und Seine Einkerkerung in der schrecklichen Feste `Akká waren nach den Plänen und Berechnungen Seiner Gegner der endgültige Schlag, der Seinen Glauben und Sein ferneres Wohl ein für allemal zunichte machen sollte. Wie bedeutungsschwer, wie schicksalsträchtig erscheint uns diese Verbannung, wenn wir uns gewisser Weissagungen aus der Vergangenheit erinnern. Abdu'l-Bahá, der Mittelpunkt des Bündnisses Bahá'u'lláhs und Ausleger Seiner Botschaft, sagt über dieses gewaltige Ereignis:


#332

»Als Bahá'u'lláh in dieses Gefängnis im Heiligen Lande kam, erkannten die Einsichtigen, daß die frohe Botschaft, die Gott zwei- und dreitausend Jahre vorher durch den Mund der Propheten verkünden ließ, sich verwirklicht und daß Gott Sein Versprechen erfüllt hatte. Denn mehreren Propheten hatte Er sich offenbart und ihnen die gute Nachricht gegeben, daß "der Herr der Heerscharen im Heiligen Land offenbart würde." Alle diese Prophezeiungen wurden erfüllt, und wenn diese Verfolgungen durch Seine Feinde, Seine Vertreibung und Verbannung nicht gewesen wären, könnte man sich schwerlich vorstellen, wie Bahá'u'lláh hätte gezwungen werden können, Persien zu verlassen und in diesem Heiligen Land Sein Zelt aufzuschlagen.« (BF Kap.9)

David hatte so majestätisch verkündet: "Und der König der Herrlichkeit wird einziehen. Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Der Herr der Heerscharen, er ist der König der Herrlichkeit."

"Die Wildnis und die Einöde werden sich freuen," hatte Jesaja gesagt, "und die Wüste wird fröhlich sein und blühen wie die Rose. Sie wird in voller Blüte stehen und in Lust und Freude singen; denn die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben und der Schmuck des Karmel und Scharon. Sie werden die Herrlichkeit des Herrn sehen und die Vortrefflichkeit unseres Gottes." (Jesaja 35:1-2)

"Der Herr wird aus Zion brüllen," hatte Amos bezeugt, "und seine Stimme aus Jerusalem hören lassen, und die Behausungen der Hirten werden jämmerlich stehen, und der Gipfel des Karmel wird verdorren." (Amos 1:2)

Und Micha schließlich hatte geweissagt: "... von Assyrien und von den befestigten Städten, und von der Festung bis an den Strom, von einem Meer zum andern, und von einem Gebirge zum andern" wird er kommen. (Micha 7:12)





+32 #333

Kapitel 32

Leben in der Festung

Das Leben in der Zitadelle von Akká war wirklich hart und drückend, ganz besonders, als die Verbannten von Krankheiten wie Mala-ria und Ruhr befallen wurden, die sich mit dem Einbruch des Herbstes einstellten. Aqá Ridá sagt, nie zuvor seien sie von so schweren Krankheiten heimgesucht worden, und er bezeugt weiter, daß der Größte Zweig, der sehr darauf achtete, was Er aß oder trank, "nicht unterlag" wie die übrigen, sondern immer auf den Beinen war, sich um die Kranken kümmerte und sie pflegte. Aqáy-i-Kalím und auch Aqá Ridá selbst waren imstande, bei der Krankenpflege zu helfen. Aber drei der Verbannten mußten sterben. Als ersten traf es Aqá Abu'l-Qásim-i-Sultánábádí; dann folgten Ustád Báqir und sein Bruder Ustád Ismá`íl-i-Khayyát, die beide in der gleichen Nacht starben, "sich innig umschlungen haltend," wie Bahá'u'lláh bezeugt. Die Wachen ließen es nicht zu, daß die Verbannten ein Begräbnis für ihre Toten ausrichteten. Bahá'u'lláh mußte einen Teppich, auf dem Er selbst schlief, zum Verkauf hergeben, damit der von den Wachen verlangte Preis bezahlt werden konnte. Die Wachen jedoch strichen das Geld ein und ließen die Leichname in ihren Kleidern bestatten - ungewaschen, ohne Leichentuch und ohne Sarg. Bahá'u'lláh bezeugt, daß den Wachen zweimal soviel Geld gegeben wurde, wie üblicherweise für eine ordentliche Bestattung erforderlich war. Bei der Schilderung Seiner Leiden in dieser Zeit schreibt Er von sich selbst: "Den größten Teil Seines Lebens hat Er übel zugerichtet in den Klauen Seiner Feinde gelegen. Jetzt haben Seine Leiden ihren Höhepunkt in diesem entsetzlichen Kerker erreicht, in den Seine Unterdrücker Ihn so zu Unrecht geworfen haben." (GGV S.213)


#334

(Bildlegende: Text des farmáns des Sultán `Abdu'l-`Azíz, mit dem Bahá'u'lláh nach `Akká verbannt wurde.)



#335

(Bildlegende: Die Zitadelle von `Akká. Der Raum, in dem Bahá'u'lláh gefangen war, ist im Obergeschoß ganz rechts außen zu sehen.)


Der Hüter der Bahá'í-Religion berichtet:

"Vom Sultán und seinen Ministern war der ausdrückliche Befehl ergangen, die Verbannten - denen man zur Last legte, schwerste Irrlehren verbreitet und andere verführt zu haben - strengsten Haftbedingungen zu unterwerfen. Man gab der zuversichtlichen Hoffnung Ausdruck, daß die lebenslängliche Kerkerhaft, zu der sie verurteilt waren, schließlich zu ihrer völligen Auslöschung führte. Der farmán des Sultán Abdu'l-Azíz vom fünften Rabí`u'th-Thání 1285 A.H. (26. Juli 1868) verurteilte sie nicht nur zu lebenslänglicher Verbannung, sondern verfügte auch strenge Kerkerhaft und untersagte ihnen sowohl den Verkehr untereinander wie auch mit den Ortsansässigen. Der Text des Erlasses wurde bald nach der Ankunft der Verbannten in der Hauptmoschee der Stadt als Warnung für die Bevölkerung öffentlich verlesen." (GGV S.211)

Die offiziellen osmanischen Archive belegen, daß die Verkündigung eines solchen Befehls eine Empfehlung und Forderung der Beamten war, die mit der Vernehmung der in Istanbul verhafteten Bahá'í und der beiden Azalí beauftragt waren. Auch untermauern diese Dokumente die Tatsache, daß Khurshíd Páshá, der Válí von Adrianopel, die Bahá'í verteidigt und die gegen sie erhobenen Anschuldigungen zurückgewiesen hatte.


#336

(Bildlegende: Bahá'u'lláhs Zimmer in der Zitadelle)


In einem an Aqá Mírzá Aqáy-i-Afnán Núri'd-Dín gerichteten, von Khádim (Mírzá Aqá Ján, dem Sekretär) unterzeichneten Sendschreiben gibt Bahá'u'lláh an, daß die Bewachung durch die Behörden so streng war, daß ein Barbier oder Bademeister bei Bedarf nur in Begleitung eines Polizeibeamten in die Zitadelle gebracht werden durfte und daß dieser Beamte die ganze Zeit danebenstand. Aus diesem Grund machte Bahá'u'lláh eine Zeitlang von dem Bad keinen Gebrauch. Der Leser wird sich erinnern, daß Ustád Muhammad-`Alíy-i-Salmání, der Bahá'u'lláh als Bademeister gedient hatte (und Ihm auch in Zukunft wieder in dieser Eigenschaft dienen sollte), sich zu dieser Zeit im Irán befand, da die osmanischen Behörden ihn ausgewiesen hatten. Dieses Sendschreiben, erst zwei Jahrzehnte später offenbart, unterstreicht besonders die Veränderungen, die im Lauf der Jahre eingetreten waren. Zu Beginn der Kerkerhaft in `Akká wurden die Vorschriften mit äußerster Strenge angewandt; dagegen konnte zu der Zeit dieses Sendschreibens jedermann sich ungehindert in `Akká oder außerhalb der Stadt bewegen.

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt weiter:


#337

"Der persische Gesandte an der Hohen Pforte hatte seiner Regierung in einem Brief, den er etwas über ein Jahr nach ihrer [der Bahá'í] Verbannung nach `Akká schrieb, folgende Zusicherung gegeben: "Ich habe telegrafische und schriftliche Weisungen ergehen lassen, denen zufolge es Ihm [Bahá'u'lláh] verboten ist, mit irgend jemand außer Seinen Frauen und Kindern zusammenzukommen oder aus irgendeinem Grund das Haus zu verlassen, in dem Er gefangen sitzt. Vor drei Tagen habe ich `Abbás-Qulí Khán, den Generalkonsul in Damaskus ..., zurückgeschickt mit der Weisung, unverzüglich nach `Akká zu reisen, ... sich dort mit dem Gouverneur über alle erforderlichen Maßnahmen für die strenge Durchführung ihrer Haft zu besprechen ... und vor seiner Rückkehr nach Damaskus einen Stellvertreter am Ort zu ernennen, der dafür zu sorgen hat, daß die von der Hohen Pforte erlassenen Befehle strengstens befolgt werden. Des weiteren habe ich ihn angewiesen, alle drei Monate von Damaskus nach `Akká zu kommen, um persönlich über allem zu wachen, und darüber an die Botschaft zu berichten." Die ihnen auferlegte Isolierung war so streng, daß die Bahá'í in Persien, beunruhigt durch die von den Azalí in Isfahán ausgestreuten Gerüchte, Bahá'u'lláh sei ertränkt worden, das britische Telegrafenamt in Julfá veranlaßten, in ihrem Auftrag die Wahrheit in dieser Sache zu ermitteln." (GGV S.211f)


Aber trotz dieser eigenmächtigen Handlungsweise, die sich der persische Gesandte mehr als ein Jahr nach der Ankunft der Verbannten in `Akká erlaubte - eine unverfrorene Einmischung in die innere Verwaltung des Türkischen Reiches -, und obwohl sich an dem ursprünglichen Erlaß des Sultán `Abdu'l-`Azíz kein Jota geändert hatte, waren die osmanischen Beamten am Ort, wie wir noch sehen werden, doch immer weniger geneigt, ja sahen sich nicht einmal mehr in der Lage, ihre Gefangenen mit rauhen Methoden zu behandeln. Auch die Bevölkerung der Stadt, die anfangs größte Feindseligkeit gezeigt hatte, war ganz allmählich dazu übergegangen, den in der Zitadelle Eingeschlossenen mit Achtung und Ehrerbietung zu begegnen. Dieser erstaunliche Wandel war vor allem auf die Haltung und das Auftreten von Bahá'u'lláhs ältestem Sohn zurückzuführen.

Aqá Ridá wie auch Aqá Husayn haben ein kurzes Gebet aufgezeichnet, das Bahá'u'lláh nach dem Hinscheiden der drei Gefährten offenbarte und das die Verbannten zu ihrem Schutz sangen. Hier der Wortlaut:

»Im Namen Gottes, des Vergebenden! Der schlimme Zustand, in dem ich, o mein Gott, mich befinde, läßt mich Deinen Zorn und Deine Strafe verdienen; doch Dein Wohlgefallen und Deine Segnungen verlangen danach, daß Deine Vergebung Deine Diener umfange und Deine Gunst sie erreiche. Ich bitte Dich bei Deinem Namen, den Du zum König aller Namen gemacht hast, bewahre mich durch Deine Macht und Allgewalt vor allem Unheil und vor allem, was Dir zuwider und Deinem Willen entgegen ist. Bei Dir liegt die Oberherrschaft über alle Dinge.«¹

¹ Nach der englischen Übersetzung von H.M.Balyuzi

#338

Die Krankheit ging weiter um, aber es gab keine Todesfälle mehr. Aqá Ridá berichtet, daß vier Monate lang ein riesiger Kessel mit Brühe für die Kranken zubereitet wurde und daß sie abends einfachen Reis erhielten, den der Größte Zweig an jeden persönlich entsprechend seinen Bedürfnissen ausgab. Und dann, erzählt Aqá Ridá weiter, erkrankte der Größte Zweig selbst; Er wurde so krank, daß die Gefährten in äußerste Besorgnis und Bestürzung gerieten. Aber auch das ging vorüber, und allmählich erlangten alle die Gesundheit wieder.

Aqá Husayn-i-Ashchí erzählt ausführlicher, welche Sorgfalt und Kontrolle der Größte Zweig anwandte, um das Wohlbefinden und die Gesundheit der Gefährten zu schützen. Jeden Tag stand Er am Tor der Zitadelle und erwartete die Rückkehr derer, die in Begleitung von Wachen in die Stadt gegangen waren, um die notwendigen Einkäufe zu tätigen. Er besah alles, was sie gekauft hatten, und prüfte sogar die Taschen ihrer Kleidung, um sicherzugehen, daß sie nichts mitbrachten, was der Gesundheit der Bewohner schaden könnte. Was Er als ungeeignet für den Verzehr ansah, warf Er weg.

Es gab noch einen Fall schwerster Erkrankung und wundersamer Heilung. Mírzá Ja`far-i-Yazdí wurde schon fast als tot aufgegeben. Ein christlicher Arzt namens Butrus (Peter) wurde zu ihm gerufen. Er fühlte den Puls des Patienten, dann stand er ärgerlich auf, ungehalten darüber, daß man ihn zu einem Toten gerufen habe. "Ich bin nicht Christus," sagte er und empfahl sich. Aqáy-i-Kalím ging zu Bahá'u'lláh und berichtete über Mírzá Ja`fars schlimmen Zustand. Aqá Ridá hat festgehalten, daß Bahá'u'lláh ein Gebet offenbarte und Aqáy-i-Kalím anwies, die Hoffnung nicht aufzugeben, sondern den Kranken weiter zu pflegen. Wie Aqá Ridá schreibt, wurde Mírzá Ja`far neues Leben eingehaucht, und er wurde gesund. Von nun an nannte Bahá'u'lláh ihn Badí`u'l-Hayát (Wundersames Leben).


#339

(Bildlegende: Hammám-al-Páshá - das öffentliche Bad, wo Bahá'u'lláh die Begegnung mit Hájí Abu'l-Hasan-i-Ardikání hatte, dem ersten Pilger, dem es gelang, `Akká zu betreten und Bahá'u'lláh zu sehen. Das Gebäude ist jetzt Städtisches Museum.)


#340

Die Bahá'í im Irán hatten endlich erfahren, daß Bahá'u'lláh in der Zitadelle von `Akká eingekerkert war. Etliche von ihnen kamen in der Hoffnung, sie würden vielleicht in die Gegenwart ihres Herrn vorgelassen. Doch die beiden Azalí, die über der Toreinfahrt wohnten, waren ständig auf der Lauer und meldeten den Behörden jeden neuankommenden Bahá'í, den sie erkannten. Die Beamten warfen dann den Bahá'í, dem es gelungen war, die Stadt zu betreten, sofort wieder hinaus. Einige hatten den ganzen Weg über das hohe Gebirge des westlichen Iráns und durch die Wüsten des `Iráq und Syriens zu Fuß zurückgelegt, um nach `Akká zu kommen, und am Ende wurde alles durch die Machenschaften von Gegnern vereitelt. Der einzige Trost, der ihnen jetzt noch blieb, war, von einem Standort jenseits des zweiten Burggrabens aus zur Zitadelle hinüberzuschauen und einen kurzen Blick auf die Gestalt ihres Herrn zu werfen, der hinter dem Gitter Seiner Zelle stand. Ein Gruß von Seiner gesegneten Hand, aus großer Entfernung - das war ihr ganzer Lohn nach monatelanger, mühevoller Reise. Dann kehrten die meisten wieder nach Hause zurück, dankbar für die Gnade, die ihnen zuteil geworden. Sie hatte ausgereicht, ein noch heftigeres Feuer in ihren Herzen zu entzünden und ihre Hingabe zu stärken. Andere folgten ihnen, und auch sie nahmen die Erinnerung mit an diese Gestalt, die hinter den Eisenstäben am Fenster erschien - eine Erinnerung, die ihnen mehr bedeutete als alles andere im Leben. Es gab aber auch einige - so etwa Badí`, dessen Geschichte im nächsten Kapitel erzählt wird, und (beim zweiten Anlauf) Nabíl-i-A`zam -, die die übergroße Gnade hatten, die Gegenwart Bahá'u'lláhs zu erreichen.

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

"Die ganz wenigen, denen es gelang, in die Stadt hineinzukommen, mußten zu ihrem großen Leidwesen wieder umkehren, ohne auch nur Sein Antlitz geschaut zu haben. Der selbstlose Hájí Abu'l-Hasan-i-Ardikání, mit dem Beinamen Amín-i-Iláhí (der Vertraute Gottes), war der erste, dem es gelang, bis in Seine Gegenwart vorzudringen. Dies war jedoch nur während eines Besuches im öffentlichen Bad möglich und in der Weise, daß er wohl Bahá'u'lláh sehen, sich Ihm aber nicht nähern oder ein Erkennungszeichen geben durfte. Ein anderer Pilger, Ustád Ismá`íl-i-Káshí, der von Mosul kam, stellte sich jenseits des Burggrabens auf und starrte stundenlang, in Anbetung versunken, nach dem Fenster seines Geliebten, konnte schließlich doch wegen seiner schwachen Augen Sein Antlitz nicht erkennen und mußte unverrichteter Dinge wieder zu der Höhle auf dem Berg Karmel zurückkehren, die ihm als Unterkunft diente - diese Episode rührte die Heilige Familie, die von weitem voll Mitgefühl das Scheitern seiner Hoffnungen verfolgt hatte, zu Tränen." (GGV S.213)


#341

Ustád Ismá`íl, der Onkel mütterlicherseits des Aqá Husayn-i-Ashchí, hatte als ehemaliger Baumeister unter anderem in den Diensten Farrukh Khán-i-Ghaffárís gestanden, des Amínu'd-Dawlih¹ von Káshán, eines der ersten Botschafter einer persischen Regierung an einem europäischen Hof, der als Unterhändler im Jahr 1856 den Friedensvertrag von Paris mit Großbritannien unterzeichnet hatte.

¹ Einer der Söhne des Amínu'd-Dawlih, Mihdi Khán-i-Ghaffárí, der Vazír Humáyún und Qá`im-Maqám, der unter Násiri'd-Dín Sháh im Verwaltungsdienst gestanden und in den frühen Tagen der Verfassung Ministerialposten bekleidet hatte, wurde während `Abdu'l-Bahás Amtszeit Bahá'í - zur großen Bestürzung seiner Familie. Er besuchte `Abdu'l-Bahá in Ramlih bei Alexandria in Ägypten.


Aqá Husayn hat die Ankunft seines Onkels und die nächsten Monate wie folgt festgehalten: "Als er auf dem Weg über Mosul angekommen war und [die Gegenwart Bahá'u'lláhs] nicht erreichen konnte, ging er nach Haifa und wohnte dort zusammen mit Khalíl Mansúr, dem Kupferschmied aus Káshán [s.Anhang V S.544]. Khalíl Mansúr war der erste [Bahá'í], der sich in Haifa niedergelassen hatte. Er kümmerte sich dort um die Pilger, die aus verschiedenen Richtungen ankamen. Nach den Anweisungen, die er aus `Akká erhielt, und durch geheime Mittelsmänner erstattete er Bericht über jeden Pilger. Dann verhielten sie sich entsprechend den Anweisungen. Gelegentlich kam Khalíl Mansúr nach `Akká, um Kupfergerät zu verkaufen; er berichtete dann über das Ergehen der Pilger und nahm Briefe mit, die er in Haifa aufgab."

An dem Tag, als sein Onkel ankam, um die Wache zu halten, aber die Gestalt seines Herrn nicht erkennen konnte, befand sich Aqá Husayn in der Gegenwart Bahá'u'lláhs. Er erzählt, wie bitterlich er selbst geweint habe und wie gütig und liebevoll Bahá'u'lláh von dem herb enttäuschten Baumeister aus Káshán gesprochen habe. Bei dieser Gelegenheit sagte Bahá'u'lláh, wie sich Aqá Husayn erinnert, daß - so Gott wolle - die Tore `Akkás bald für die Pilger geöffnet würden und daß sie dann sicher und ungehindert in Seine Gegenwart kommen könnten. Aqá Husayn gibt an, daß außer seinem Onkel und Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Khalíl-i-Mansúr auch noch Aqá `Abdu'lláh, ein Bruder des letzteren, sowie Pidar-Ján-i-Qazvíní in Haifa lebten.


#342

Nabíl-i-A`zam, den wir zuletzt in einem ägyptischen Gefängnis angetroffen hatten, erlangte schon bald, nachdem das Schiff mit Bahá'u'lláh an Bord von Alexandria in Richtung Haifa ausgelaufen war, die Freiheit und wurde nach Anatolien verbannt. Von dort ging er nach Zypern, brachte in Erfahrung, was mit den auf die Insel verbannten Bahá'í geschah, und schlug sich dann nach `Akká durch; aber wegen der Umtriebe der Azalí gelang es ihm nicht, in die Gegenwart Bahá'u'lláhs vorgelassen zu werden. Aqá Husayn berichtet, daß Nabíl sogleich erkannt wurde, als er `Akká zum ersten Mal betrat; man fing ihn ab und führte ihn den Behörden vor, die ihn fragten, was er hier mache. Er sagte, er sei gekommen, um Vorräte einzukaufen. Aber die Beamten verboten ihm die Einkäufe und schoben ihn ab. Doch eines Tages stand er im Norden von `Akká, im Bereich von `Izzi'd-Dín, und schaute nach der nahen Zitadelle. Bahá'u'lláh erschien am Fenster hinter den Gitterstäben, und mit einer Handbewegung gab Er zu erkennen, daß Er Nabíls Anwesenheit bemerkt hatte. Am selben Tag offenbarte die Erhabenste Feder ein Gebet für Nabíl. Danach verbrachte dieser seine Tage, indem er am Berg Karmel und im Galiläischen Land umherstreifte und manchmal in Haifa, manchmal in Nazareth wohnte. Der Hüter der Bahá'í-Religion sagt, er habe auch eine Zeitlang in Hebron gewohnt. Schließlich wurde er nach `Akká gerufen und blieb einundachtzig Tage in der Zitadelle.

Aqá Muhammad-Alíy-i-Qá'iní ließ sich ebenfalls in Nazareth nieder. Einst war er ein Vertrauensmann des Amír von Qá'inát in der Provinz Khurásán gewesen und hatte oft die Hauptstadt besucht. Dort traf er schon früh mit Bahá'u'lláh zusammen, und sie wurden Freunde. Sobald ihm der Anspruch Bahá'u'lláhs zu Ohren kam, schloß er sich Ihm ohne Zögern an und konnte eine Anzahl prominenter Persönlichkeiten zu dem Glauben führen, dem er selbst sich mit solcher Leidenschaft und Glut verschrieben hatte. Da er inzwischen als Bábí weithin bekannt war, wurde er gezwungen, sein Heimatland zu verlassen; so machte er sich auf den Weg nach der Gefängnisstadt. Dort angekommen, gelang es ihm, Bahá'u'lláhs Gegenwart zu erreichen. Danach ließ er sich, wie Aqá Husayn-i-Ashchí berichtet, in Nazareth nieder, wo er einen jugendlichen Christen namens Abdu'lláh Effendi Maríní zum Bahá'í-Glauben führte. Nach Angaben Aqá Husayns stieg dieser `Abdu'lláh Effendi zu hohen Regierungsämtern auf und verfaßte ein Buch auf der Grundlage jüdischer und christlicher Heiliger Schriften, in denen das Kommen Bahá'u'lláhs ankündigt wird; aber während der Amtszeit `Abdu'l-Bahás (des Größten Zweiges) erlag er der Versuchung zu einem Amtsvergehen, das unter Regierungsbeamten sehr verbreitet war und `Abdu'l-Bahá großen Kummer bereitete. Abdu'lláh Effendi erkannte dies; er konnte seine eigene Schande nicht mehr ertragen und nahm sich das Leben.


#343

Ashchí erzählt auch, daß Aqá Muhammad-Alíy-i-Qá`iní eines Tages zum Größten Zweig ging; diesem sagte er, er wolle Sein Geschäftspartner werden, und bat Ihn um ein Darlehen von sieben armseligen Piastern. Mit diesem Kapital kaufte er einige Rollen Baumwolle und ein paar Päckchen Nadeln; damit ging er in und um Nazareth hausieren. Als angesehene Persönlichkeit, die im Dienste des Amír von Qá'inát in großem Luxus gelebt hatte, war er jetzt mit dem Gewerbe eines armen Hausierers glücklich und zufrieden, denn er lebte in der Nähe seines Herrn und übte ein Gewerbe aus.

Genauso ging es Aqá Husayns Onkel, dem Baumeister, der im Dienste des Amínu'd-Dawlih großen Wohlstand gekannt hatte. Auch er wurde jetzt Hausierer, der mit einem Tablett voll kleiner Gegenstände umherzog und eine Höhle am Berg Karmel zu seiner Wohnung machte.





+33 #344

Kapitel 33

Die Geschichte von Badí`

Von Adrianopel, dem Entlegenen Kerker, und später von `Akká, dem Größten Gefängnis aus wandte sich Bahá'u'lláh in einer Reihe von Briefen an die Herrscher der Welt. Ihnen verkündigte Er Seine göttliche Sendung und rief sie auf, der Sache des Friedens, der Gerechtigkeit und des rechten Maßes zu dienen. Die erhabene Gewalt Seiner Ratschläge und Ermahnungen, wie sie in diesen Sendschreiben zutage tritt, fesselt die Aufmerksamkeit eines jeden, der sich ernsthaft mit der Bahá'í-Religion beschäftigt.

Vor uns steht ein Gefangener - von der Welt mißhandelt, von einer verschworenen Gruppe von Gewaltherrschern gerichtet und verurteilt -, der der Gesamtheit der Herrscher, nein, der ganzen Menschheit offen gegenübertritt. Er vertritt das Gericht über die Werte der menschlichen Gesellschaft, und unerschrocken richtet Er Seine kühne Herausforderung nicht nur an Seine Unterdrücker, nicht nur an kurzlebige Schatten irdischer Macht und Herrschaft, sondern hauptsächlich an jene dunklen Leidenschaften, Triebkräfte und Phantasien, die zwischen den Menschen und das ihm von seinem Schöpfer vorbestimmte Ziel treten. Hier zeigt sich, daß der Verbannte, verstoßen und verraten, eingekerkert und mit Schmach überhäuft, in Wirklichkeit der einzige wahre Richter ist - der Herr der Herrlichkeit.

"Niemals seit Anbeginn der Welt," so bestätigt Bahá'u'lláh selbst, "ist Gottes Botschaft so öffentlich verkündigt worden." "Jedes von ihnen [den Sendschreiben, die Er an die Herrscher der Erde richtete] ist mit einem besonderen Namen bezeichnet worden. Das erste wurde `Das Grollen' genannt, das zweite `Der Schlag', das dritte `Das Unvermeidliche', das vierte `Das Ungeschminkte', das fünfte `Das Verhängnis'; die weiteren erhielten die Namen `Der betäubende Posaunenruf', `Das kurz bevorstehende Ereignis', `Das große Erschrecken', `Die Fanfare', `Das Signalhorn' und dergleichen. Dies geschah, auf daß alle Völker der Erde mit Bestimmtheit erkennen und mit ihrem äußeren wie inneren Auge bezeugen können, daß Er, der Herr der Namen, unter allen Umständen über alle Menschen die Oberhand haben und behalten wird." (GGV S.242)


#345

(Bildlegende: Aqá Buzurg-i-Níshápúrí, Badí)


#346

Einer der ersten dieser inhaltsschweren Briefe war an Násiri'd-Dín Sháh gerichtet. Er wurde noch in Adrianopel offenbart, doch verzögerte sich die Übermittlung an den Herrscher des Iráns um einige Jahre. Die Geschichte des Mannes, der dieses Sendschreiben überbrachte - der Bericht darüber, wie er es nach Tihrán trug und was mit ihm geschah, nachdem er das ihm anvertraute Pfand übergeben hatte - ist erregend, ergreifend und bestürzend zugleich. Im folgenden wird sie erzählt, und es werden Auszüge aus diesem Sendschreiben wiedergegeben.

Mullá Muhammad-i-Zarandí, genannt Nabíl-i-A`zam, gelangte im Verlauf seiner Reisen - noch vor seinem ägyptischen Abenteuer, seiner Inhaftierung in Alexandria und der anschließenden Reise ins Heilige Land - nach Níshábúr (oder Níshápúr) in der Provinz Khurásán. Dort traf er mit Hájí `Abdu'l-Majíd-i-Shálfurúsh (Schalhändler) zusammen, einem angesehenen Kaufmann, der einer der Überlebenden von Shaykh Tabarsí und - wie Nabíl selbst sagt - "ein alter Bekannter" war. Hájí `Abdu'l-Majíd lud ihn zu sich nach Hause ein, und Nabíl traf den Shaykh Muhammad-i-Ma`múrí - den Onkel des Märtyrers Shaykh Ahmad-i-Khurásání -, der mit dem Abschreiben von Sendbriefen Bahá'u'lláhs beschäftigt war. Zu seiner Überraschung stellte Nabíl fest, daß Hájí `Abdu'l-Majíd sich um alles persönlich kümmerte. Er fragte ihn, ob er keinen Sohn hätte, der alt genug wäre, um ihm zu helfen. Hájí `Abdu'l-Majíd erwiderte, er habe zwar einen Sohn, aber der gehorche ihm nicht. Dieser junge Sohn, Aqá Buzurg, führte wirklich ein wildes Leben; er war aufsässig und interessierte sich nicht im geringsten für das, womit sich sein Vater beschäftigte: kurz, er war der Schandfleck der Familie. Was dann folgte, wollen wir uns von Nabíl, diesem unnachahmlichen Erzähler, selbst berichten lassen.

"Ich sagte: `Laß ihn herkommen, ich will ihn sehen.' Man rief nach ihm, und er kam. Ich erblickte einen großen, schlaksigen jungen Mann, der anstelle körperlicher Vorzüge nur ein einfältiges Herz besaß. Ich bat seinen Vater, ihn zu meinem Gastgeber zu bestimmen und ihn Gott anzubefehlen ... Dann sprach ich von Dingen, die sehr bewegend waren und selbst ein Herz aus Stein erweichen konnten." Nabíl-i-A`zam zitiert an dieser Stelle mehrere Verse aus einem langen Gedicht Bahá'u'lláhs - Qasídiy-i-`Izz-i-Varqá'íyyih -, das Er in Sulaymáníyyih geschrieben hatte. In diesen, von Nabíl zitierten Versen erwähnt Bahá'u'lláh Seine eigenen Leiden und Drangsale.


#347

"Als er von diesen göttlichen Dingen hörte, wurde der junge Mann rot im Gesicht, die Tränen stürzten ihm aus den Augen, und er fing laut an zu wehklagen. Ich besänftigte seine Erregung; aber während der ganzen Nacht sorgten seine große Liebe und seine Verzückung dafür, daß Shaykh Muhammad und ich keinen Augenblick Schlaf fanden. Bis zur Morgendämmerung lasen und sprachen wir Verse aus den heiligen Schriften. Als er am Morgen den Samowar für den Tee fertigmachte und Milch holen ging, kam sein Vater und sagte: `Ich habe meinen Sohn noch nie weinen hören. Ich glaubte schon, ihn könne überhaupt nichts erschüttern. Womit ist er denn jetzt verzaubert worden, daß er so in Tränen ausbricht, daß er laut aufschreit und von der Liebe Gottes ganz entflammt ist?' Ich sagte: `Auf jeden Fall ist er nicht mehr Herr seiner selbst, und Sie müssen ihn aufgeben.' Darauf sagte sein Vater: `Genau diese Art, sich selbst zu verlieren, hatte ich mir immer gewünscht. Wenn er in der Sache Gottes fest bleibt, will ich ihm selbst dienen.`" (aus Nabíls unveröffentlichtem Bericht)

"Aqá Buzurg bestand darauf, mich nach Mashhad zu begleiten. Aber sein Vater sagte: `Ich habe Shaykh Muhammad eigens als Lehrer für ihn hierhergeholt, damit er in kurzer Zeit lesen und schreiben lernt, unter Shaykh Muhammads Anleitung den Iqán studieren und eine Abschrift davon machen kann. Wenn er das schafft, dann will ich ihm gern ein gutes Pferd stellen und alle Reisekosten bestreiten.`" (aus Nabíls unveröffentlichtem Bericht)

"Nachdem ich aus Khurásán abgereist und in Tihrán angekommen war, traf Shaykh Fání¹ in Níshábúr ein und erzählte, er sei auf dem Wege nach Bandar-i-`Abbás, von wo aus er nach Baghdád und schließlich ins Land des Geheimnisses [Adrianopel] weiterreisen wolle, und es sei ihm erlaubt, eine Person mitzunehmen. Jináb-i-Abá-Badí` [der Vater des Badí`] versah seinen geliebten Sohn mit einem Pferd und mit Geld, damit er mich in Baghdád einholen könne und wir die Reise zum Wohnsitz des Geliebten gemeinsam fortsetzen könnten." (aus Nabíls unveröffentlichtem Bericht)

¹ In einem Quellentext wird er mit Shaykh Ahmad-i-Khurásání identifiziert, der in Tabríz den Märtyrertod fand.


#348

"Badí reiste mit dem Shaykh bis Yazd; dort trennten sie sich, und Badí gab dem Shaykh alles, was er besaß. Er selbst machte sich allein auf, um zu Fuß den ganzen Weg zum Dáru's-Salám - der Wohnstatt des Friedens [Baghdád] - zurückzulegen. Nach seiner Ankunft in Baghdád fand dort Aqá `Abdu'r-Rasúl den Märtyrertod. Badí` sprang ein, um den Märtyrer zu ersetzen, lud sich Aqá `Abdu'r-Rasúls Wasserschlauch auf die Schultern und diente den Gefährten als Wasserträger. Und als die Gefährten zusammengetrieben wurden und nach Mosul gebracht werden sollten, machte sich dieser erleuchtete junge Mann ebenfalls nach Mosul auf, obwohl er von schurkischen Männern an verschiedenen Stellen verwundet worden war. Er erreichte diese Stadt noch vor den Gefangenen, und auch hier diente er ihnen wieder als Wasserträger. Später brach er ins Heilige Land auf und erreichte die Gegenwart der Schönheit Abhá." (aus Nabíls unveröffentlichtem Bericht)

Im Leben dieses siebzehnjährigen Jugendlichen war der Tag gekommen, an dem er spürte, daß er sich Bahá'u'lláh zuwenden mußte. Und er machte sich auf - zu Fuß ging er den ganzen Weg von Mosul bis zu den Gestaden des Mittelmeers, bis vor die Zitadelle von `Akká, wo - wie er wußte - sein Herr gefangensaß.

Anfang 1869 kam Badí` in `Akká an. Da er immer noch das Gewand eines einfachen Wasserträgers trug, hatte er am Stadttor keine Schwierigkeit, an den wachsamen Torhütern vorbeizuschlüpfen. In der Stadt aber wußte er nicht mehr weiter, denn er hatte keine Ahnung, wie er mit seinen Mitgläubigen Verbindung aufnehmen sollte, und er konnte nicht riskieren, sich durch Nachforschungen zu verraten. Da er nicht wußte, wie er sich weiter verhalten sollte, betrat er eine Moschee, um zu beten. Gegen Abend kam eine Gruppe von Persern in die Moschee, und zu seiner Freude erkannte Badí` unter ihnen `Abdu'l-Bahá. Er schrieb ein paar Worte auf ein Stück Papier und brachte es fertig, dieses `Abdu'l-Bahá zuzustecken. Noch am selben Abend wurde dafür gesorgt, daß er die Zitadelle betreten und in die Gegenwart Bahá'u'lláhs gelangen konnte.

Badí` hatte die Ehre, zweimal mit Bahá'u'lláh sprechen zu dürfen. Bei diesen Unterredungen erwähnte Bahá'u'lláh das Sendschreiben an Násiri'd-Dín Sháh, das Er schon offenbart hatte. Diese Botschaft beginnt so:


#349

»O König auf Erden! Lausche dem Ruf dieses Vasallen. Wahrlich, Ich bin ein Diener, der an Gott und Seine Zeichen geglaubt hat, und Ich habe Mich auf Seinem Pfade geopfert. Dies bezeugt das Unheil, das Mich umgibt - ein Unheil, wie es noch kein Geschöpf Gottes ertragen hat. Mein Herr, der Allwissende, bezeugt, was Ich sage. Nur zu Deinem Herrn und dem Herrn aller Welten habe Ich das Volk gerufen, und um Seiner Liebe willen ist Mir widerfahren, was die Augen der Schöpfung noch nicht geschaut haben.« (nach der engl.Übersetzung von H.M.Balyuzi)

Viele Männer, altgediente Gläubige, hatten sich schon nach der Ehre gesehnt, diesen Sendbrief überbringen zu dürfen. Aber Bahá'u'lláh hatte nichts unternommen, sondern noch zugewartet. Er hatte lange gewartet - bis der verlorene, erschöpfte junge Mann, der gekommen war, um von Seinen Händen die Gabe der Wiedergeburt zu empfangen, die Tore `Akkás erreichte und die Zitadelle betrat. Während dieser beiden Unterredungen trat Aqá Buzurg aus Khurásán seinem Herrn von Angesicht zu Angesicht gegenüber und wurde Badí` - der Wunderbare. Bahá'u'lláh schrieb, daß ihm "der Geist der Macht und Herrschaft eingegeben" worden sei. (GGV S.226)

Wir wissen, daß ihm die Aufgabe übertragen wurde, die andere - viel Ältere, Erprobtere und Erfahrenere als er - so gerne ausgeführt hätten; daß Badí` um die Ehre bat, das Sendschreiben dem Sháh überbringen zu dürfen, und daß ihm dies gewährt wurde. Da es sehr gefährlich gewesen wäre, das Sendschreiben aus `Akká herauszutragen, erhielt Badí` Anweisung, nach Haifa zu gehen und dort zu warten; auch wurde ihm gesagt, daß er allein nach Persien zurückgehen müsse und keine Verbindung zu den Gläubigen aufnehmen dürfe.

Hájí Mírzá Haydar-Alí hat in seinem autobiographischen Werk Bihjatu's-Sudúr einen Bericht von Hájí Sháh-Muhammad-i-Amín festgehalten:


#350

"Man gab mir eine kleine Schachtel, etwa eineinhalb Spannen lang, weniger als eine Spanne breit und eine Viertelspanne hoch, mit dem Auftrag, sie ihm [Badí`] in Haifa mit ein paar Pfund zu übergeben. Ich wußte nicht, was in der Schachtel war. Ich traf ihn in Haifa an und brachte ihm die frohe Nachricht, daß er der Empfänger einer Gunst sei und daß man sie mir als Überbringer anvertraut habe. So gingen wir aus der Stadt hinaus und auf den Berg Karmel, und ich übergab ihm die Schachtel. Er hielt sie mit beiden Händen fest und küßte sie, dann warf er sich zu Boden. Ich hatte auch einen versiegelten Umschlag für ihn, den er entgegennahm. Er ging zwanzig oder dreißig Schritt von mir weg, dann wandte er sich dem Gefängnis Bahá'u'lláhs zu, setzte sich und las den Inhalt. Darauf warf er sich nochmals zu Boden, und sein Gesicht glühte vor Freude und Begeisterung. Ich fragte ihn, ob ich auch die Ehre haben könne, das Tablet zu lesen, das er erhalten hatte; aber er erwiderte: `Dazu ist keine Zeit.` Ich verstand, daß dies eine Sache war, die nicht verbreitet werden durfte. Was konnte es sein? Ich hatte keinerlei Ahnung von der Bedeutung dessen, was hier vor sich ging, oder von der Größe der Aufgabe, mit der er jetzt betraut war."

"Ich sagte zu ihm: `Komm mit nach Haifa, denn ich habe Auftrag, dir einen Geldbetrag zu übergeben.' Er antwortete: `Ich komme nicht mit in die Stadt. Geh du und bring mir das Geld.' Ich ging und kehrte wieder zurück, aber ich konnte ihn nirgends finden - er war weg. Ich schrieb nach Beirut, man solle ihm dort das Geld geben; aber sie bekamen ihn nicht zu Gesicht. Ich hörte nichts mehr von ihm, bis mir die Berichte über seinen Märtyrertod in Tihrán zu Ohren kamen. Da wurde mir klar, daß die Schachtel das Lawh-i-Sultán enthalten hatte, und in dem Umschlag war ein Tablet, das diesem Wesen der Standhaftigkeit und Unerschütterlichkeit das Martyrium ankündigte."¹

¹ nach der engl.Übersetzung von H.M.Balyuzi


In einem der Anhänge zu A Traveller's Narrative gibt Edward Granville Browne eine Übersetzung der Worte an den Überbringer [Badí`] des Sendschreibens an Násiri'd-Dín Sháh. Russische Konsularbeamte in Persien hatten diesen Text und auch das Sendschreiben selbst in Besitz nehmen und nach St. Petersburg schicken können, wo der Leiter des Institutes für Orientalische Sprachen, Gamasov, die Stücke in die Sammlung seines Institutes aufnahm. Baron Rosen hatte an Browne eine Kopie seines Katalogs dieser Sammlung geschickt, und darin wird dieses Sendschreiben ausführlich beschrieben.

Dies sind die Worte, die Bahá'u'lláh an Badí` richtete:


#351

»Er ist Gott, erhaben ist Er.«

»Wir bitten Gott, daß Er einen Seiner Diener aussende, ihn vom abhängigen Sein loslöse und sein Herz mit der Zier der Stärke und Gelassenheit schmücke, damit er seinem Herrn inmitten der Schar der Geschöpfe beistehe und, sobald er innewird, was für Seine Majestät den König offenbart ward, sich mit der Erlaubnis seines Herrn, des Mächtigen, des Freigebigen, erhebe, den Sendbrief ergreife und zum Sitz des Königs eile. Und wenn er am Ort seines Thrones ankommt, soll er im Gasthaus absteigen und mit niemandem Zwiesprache führen, bis er eines Tages hinausgeht und sich dort aufstellt, wo er [d.h. der König] vorbeikommt. Und wenn die Vorboten des Königs erscheinen, soll er den Brief in äußerster Demut und Liebenswürdigkeit hochhalten und sagen: "Der Gefangene schickt dies." Und ihm ist auferlegt, in einer solchen Verfassung zu sein, daß er, wenn der König seinen Tod befiehlt, im Innern nicht beunruhigt ist, sondern zur Opferstätte eilt mit den Worten: "Preis sei Dir, o Herr, denn Du hast mich zum Helfer Deiner Religion gemacht und hast mir das Martyrium auf Deinem Pfade bestimmt! Bei Deiner Herrlichkeit! Nicht für alle Kelche aller Welten würde ich diesen Kelch tauschen, denn Du hast keinen bestimmt, der diesem gleichkommt, und weder Kawthar noch Salsabí¹ sind ihm ebenbürtig!" Aber wenn er [d.h. der König] ihn [d.h. den Boten] gehen läßt und ihm nichts anhaben will, dann soll er sagen: "Dir sei Preis, o Herr der Welten! Wahrlich, ich bin zufrieden mit Deinem Wohlgefallen und mit dem, was Du für mich auf Deinem Wege vorherbestimmt hast, wenn ich mir auch gewünscht hatte, die Erde möge um Deiner Liebe willen mit meinem Blute gefärbt werden. Aber was Du wünschest, ist für mich das Beste. Wahrlich, Du weißt, was in meiner Seele ist; ich aber weiß nicht, was in Deiner Seele ist. Du bist der Allwissende, der Wohlunterrichtete.« ¹

¹ Namen zweier Flüsse im Paradies ² zit. bei E.G.Browne: A Travellers Narrative II p.391f


#351

Im Bericht des Hájí Sháh-Muhammad-i-Amín lesen wir weiter: "Der verstorbene Hájí `Alí, Bruder des Hájí Ahmad von Port Sa`íd, hat erzählt:¹

¹ Nach Haydar-Alí: Bihjatu's-Sudúr, ins Englische übersetzt von H.M.Balyuzi


"`Von Trapezunt bis Tabríz reiste ich einige Etappen des Weges in seiner [Badís] Gesellschaft. Er war voller Freude, Fröhlichkeit, Dankbarkeit und Gelassenheit. Ich wußte nur, daß er die Gegenwart Bahá'u'lláhs erreicht hatte und sich jetzt auf dem Rückweg in seine Heimat Khurásán befand. Wieder und wieder konnte ich beobachten, wie er nach einer ganz kurzen Wegstrecke von vielleicht hundert Schritt die Straße verließ, das Gesicht gegen `Akká wandte, sich zu Boden warf und ausrief: "O Gott! Was Du mir durch Deine Gnade gewährt hast, das nimm durch Deine Gerechtigkeit nicht wieder von mir. Gib mir stattdessen die Kraft, mich seiner würdig zu erweisen."`"


#352

Badí` zog weiter über Wüsten und Gebirge, vier Monate lang, ein einsamer Wanderer; nie suchte er Anschluß, nie ersah er sich einen Freund, mit dem er sein großes Geheimnis teilen konnte. Sein Vater wußte nichts von seiner Rückkehr. In Tihrán machte sich Badí`, wie Bahá'u'lláh ihm befohlen hatte, nicht auf die Suche nach den anderen Bahá'í, sondern verbrachte drei Tage mit Fasten und fand unterdessen heraus, wo sich die Sommerresidenz des Sháhs befand. Dorthin ging er geradewegs, setzte sich auf einen kleinen Hügel und blieb dort den ganzen Tag, so daß man ihn sehen konnte und zum Sháh führen würde. Es kam die Stunde, da der Sháh zu einer Jagd aufbrach. Badí` näherte sich ihm gefaßt und sprach den Monarchen voller Hochachtung an: "O König! Ich komme zu dir aus Saba mit wichtiger Kunde." (GGV S.227) Násiri'd-Dín Sháh war vielleicht betroffen; aber durch den selbstsicheren Ton des jungen Mannes war ihm schon zu Bewußtsein gekommen, daß dies eine Botschaft Bahá'u'lláhs an ihn war. Mit den Worten Shoghi Effendis: "Auf Befehl des Herrschers nahm man ihm das Sendschreiben ab und übergab es den Mujtahids von Tihrán, die mit der Beantwortung des Schreibens beauftragt wurden. Sie umgingen jedoch diesen Befehl und empfahlen stattdessen, daß man den Überbringer töten solle. Das Sendschreiben wurde hernach vom Sháh dem persischen Botschafter in Konstantinopel übermittelt, in der Hoffnung, daß die Minister des Sultáns durch seine Lektüre in ihrer Feindseligkeit weiter bestärkt würden." (GGV S.292)

Wir wissen, daß Badí` gefoltert wurde und daß er bis zum letzten Augenblick furchtlos und standhaft blieb. Wir wissen, daß die Feder Bahá'u'lláhs über einen Zeitraum von drei Jahren hin seine Tapferkeit und Standhaftigkeit gerühmt hat. Wir wissen auch, daß er den Titel Fakhru'sh-Shuhadá' - Der Stolz der Märtyrer - erhielt und daß Bahá'u'lláh die Stellen, an denen Er Badí`s "erhabenes Opfer" erwähnt, als "das Salz Meiner Sendschreiben" bezeichnet hat. Aber nur durch die unbegreiflichen Wege der Vorsehung ist die ganze Geschichte der letzten Tage des Badí`, seiner Marterqualen und seiner Opferung ans Licht gekommen. Es ist eine grauenhafte, aber bewegende Geschichte - eine Geschichte, auf die jeder Bahá'í nur stolz sein kann. Die teuflische Grausamkeit darin ist widerlich; aber die unverletzliche Reinheit, der niemals wankende Glaube, der unbesiegbare Mut dieses wundersamen Jünglings von siebzehn Jahren erheben die Seele.

Um die Ereignisse zu verfolgen und zu erkennen, in welcher Weise die Vorsehung eingriff, müssen wir an dieser Stelle viele Jahre - mehr als vier Jahrzehnte - überspringen und uns in das Jahr 1913 versetzen.


#353

(Bildlegenden: Muhammad-Valí Khán-i-Tunukábuní, der Nasru's-Saltanih und Sipahdár-i-A`zam, später Sipahsálár-i-A`zam)


Anfangs 1913 weilte Muhammad-Valí Khán-i-Tunukábuní, der Nasru's-Saltanih und Sipahdár-i-A`zam (später Sipahsálár-i-A`zam), in Paris. Tunukábun, die Heimatstadt dieses iranischen Granden, deren Gouverneur er selbst einige Jahre lang war, liegt in der Provinz Mázindarán. Auch die Orte Núr, Kujúr und Tákur, wo Bahá'u'lláhs Vorfahren lebten, gehören dieser von der Natur bevorzugten kaspischen Provinz an. Sipahdár-i-A`zam war einer der beiden nationalistischen Führer, die 1909 an der Spitze ihrer Männer auf Tihrán marschierten, um die von Sháh Muhammad-`Alí mutwillig zerstörte Verfassung wiederherzustellen. Er näherte sich der Hauptstadt von Norden, und der andere Führer, der bakhtíyárische Fürst Hájí `Alí-Qulí Khán Sardár-i-As`ad, kam von Süden.

Als Muhammad-Alí Sháh im Juni 1908 seinen Staatsstreich inszenierte, bei dem er sich ganz auf die Unterstützung Rußlands verließ, und seine Kosakenbrigade unter Oberst Liakhoff zum Sturm auf den Baháristán, das Parlamentsgebäude, ansetzte - wobei alle Abgeordneten verhaftet werden sollten, die den Zorn des Sháh erregt hatten -, da leistete Sipahdár-i-A`zam der Selbstherrschaft des Muhammad-`Alí Sháh nicht nur keinen Widerstand, sondern er unterstützte ihn sogar tatkräftig und führte die königlichen Truppen zur Belagerung der Stadt Tabríz, wo ein Aufstand ausgebrochen war. Doch wurde er bald ernüchtert und schwenkte von Muhammad-`Alí Sháhs Seite hinüber zu den Reihen der Gegner. In Rasht wurde er Mitglied des Revolutionsrates, und dort plante er seinen Marsch auf Tihrán.



#354

(Bildlegende: Der Bericht des Muhammad-Valí Khán Sipahdár-i-A`zam über den Märtyrertod des Badí`: Fotografie einer Seite aus Beantwortete Fragen, an deren Rand der erste Teil von Sipahdár-i-A`zams Bericht geschrieben ist)


#355

Inzwischen trat der mächtige Stamm der Bakhtíyáren mit einigen Dissidenten für die Verfassung ein, und der Sardár-i-As`ad, Hájí Alí-Qulí Khán, dessen Vater im Gefängnis des berüchtigten Zillu's-Sultán¹ umgekommen war, eilte von Europa herbei, um seinem älteren Bruder Samsámu's-Saltanih beizustehen, der Isfahán eingenommen hatte.

¹ Mas'úd Mírzá, der Zillu's-Sultán, war der älteste überlebende Sohn von Násiri'd-Dín Sháh, doch konnte er den Thron nicht besteigen, weil seine Mutter nicht der königlichen Familie angehörte. Sein Leben war verbittert, und er hatte ständig Pläne und Machenschaften, um auf Umwegen doch noch auf den Thron zu gelangen, als dessen rechtmäßigen Inhaber er sich betrachtete.

Russische und britische Diplomaten versuchten gemeinsam, Sipahdár-i-A`zam und Sardár-i-As`ad von ihrem Vorhaben abzubringen, doch ohne Erfolg. Mitte Juli besetzten die nationalistischen Truppen die Hauptstadt Tihrán, Muhammad-Alí Sháh flüchtete in die russische Botschaft und wurde abgesetzt. Sein ältester Sohn Sultán-Ahmad Mírzá, damals zwölf Jahre alt, wurde auf den Thron gesetzt und erhielt als Regenten den ehrwürdigen Adudu'l-Mulk, den Führer der kadscharischen Oberschicht. Sipahdár-i-A`zam wurde der erste Ministerpräsident der wiedereingesetzten konstitutionellen Regierung. Aber trotz seiner herausragenden Verdienste für die Sache der Verfassung wurde Sipahdár-i-A`zam verdächtigt, im Herzen ein Reaktionär zu sein und Sympathien für den Ex-Sháh und die russischen Ambitionen zu haben. In Wahrheit war er ein auf Distanz gehender, herrschsüchtiger Grande, dem alle demagogischen Fähigkeiten völlig abgingen. Im Sommer 1911, als er wieder Ministerpräsident war, unternahm Muhammad-`Alí Sháh einen erfolglosen Versuch zur Rückkehr auf den Thron. Sipahdár-i-A`zam wurde zum Rücktritt gezwungen; denn man nahm an, er würde nicht rasch und energisch genug handeln, um die Absichten des Ex-Sháhs zu vereiteln. Nach eigenen Angaben ging er 1913 zur ärztlichen Behandlung nach Frankreich. Wie dem auch sei, er war jedenfalls im März in Paris, zu einem Zeitpunkt, als `Abdu'l-Bahá noch zu Besuch in der französischen Hauptstadt weilte. Entweder damals oder vielleicht auch schon früher hatte ihm Frau Laura Dreyfus-Barney eine persische Ausgabe der Beantworteten Fragen¹ von `Abdu'l-Bahá überreicht. Eines Tages schlug Sipahdár-i-A`zam das Buch auf und las die Geschichte von Badí`, und beim Lesen fiel ihm ein Vorfall aus seiner frühen Jugend ein. Seine Erinnerungen schrieb er an den Rand; sie lauten wie folgt:²

¹ Näheres über dieses bemerkenswerte Buch in Balyuzi: `Abdu'l-Bahá (Hofheim-Langenhain 1984) Bd.1 S.133f
² Die Erinnerungen sind in persischer Sprache und wurden vom Verfasser ins Englische übersetzt.


#356

"6. Rabí`u'l-Avval 1331 (26. Februar A.D. 1913)"

"Paris, Hotel d'Albe, Avenue Champs Elisée"

"In dem Jahr, als der Brief [Bahá'u'lláhs Sendschreiben an Násiri'd-Dín Sháh] übersandt wurde, kam der Bote zum Sháh in dessen Sommerresidenz Lár. Hier der vollständige Bericht über die Ereignisse."

"Der verstorbene Násiri'd-Dín Sháh schätzte die Sommerresidenzen Lár, Núr und Kujúr sehr. Er befahl meinem Vater Sá`idu'd-Daw-lih Sardár und mir (damals ein junger Mann im Rang eines Sarhang [Obersten]), nach Kujúr zu gehen und Vorräte und Lebensmittel für das Lager des Königs zu beschaffen. `Ich komme in die Sommerresidenz Lár,` sagte er, `von dort in die Residenz Baladih in Núr und von dort nach Kujúr.` Diese Residenzen grenzen aneinander und sind benachbart. Mein Vater und ich waren in der Umgebung von Manjíl-i-Kujúr, als die Nachricht eintraf, der Sháh sei in Lár angekommen, und dort habe er jemanden durch Erhängen zu Tode bringen lassen. Dann hörte man, daß dieser Mann [der getötet wurde] ein Abgesandter der Bábí gewesen sei. Damals war das Wort `Bahá'í' noch nicht bekannt, wir hatten es noch nie gehört. Alle Leute frohlockten über die Tötung dieses Boten. Dann kam der Sháh nach Baladih in Núr. Mein Vater und ich gingen ihm zur Begrüßung entgegen. Bei dem Dorf Baladih, wo ein großer Fluß fließt, hatte man den Pavillon des Sháhs errichtet, aber der Sháh war noch nicht angekommen. Kázim Khán-i-Turk, der Farrásh-Báshí des Sháhs, hatte die Voraus-Equipage gebracht. Wir wollten vorübergehen. Mein Vater, der den Rang eines Mír-Panj [Generals] bekleidete und noch nicht den Titel eines Sá`idu'd-Dawlih erhalten hatte, war mit diesem Kázim Khán bekannt. Er sagte zu mir: `Wir wollen diesem Farrásh-Báshí einen Besuch machen.' Wir ritten zu dem Pavillon und saßen ab. Kázim Khán saß mit großem Gepränge in seinem Zelt. Wir traten in das Zelt ein. Er empfing meinen Vater mit Hochachtung und war sehr freundlich zu mir. Wir setzten uns, und es wurde Tee gereicht. Das Gespräch drehte sich um die Reise. Dann sagte mein Vater: `Euer Ehren, Farrásh-Báshí, wer war dieser Bábí, und wie kam er zu Tode?' Er antwortete: `O Mír-Panj, da muß ich Ihnen eine Geschichte erzählen! Dieser Mann war ein seltsames Geschöpf. In Safid-Ab-i-Lár bestieg der Sháh das Pferd, um auf die Jagd zu gehen. Ich saß noch nicht zu Pferde. Plötzlich sah ich zwei Kavalleristen auf mich zu galoppieren. Der Sháh ließ mich rufen. Ich stieg sofort auf, und als ich den Sháh erreichte, sagte er zu mir, ein Bábí habe einen Brief überbracht. "Ich habe ihn festnehmen lassen," sagte der Sháh, "er ist jetzt im Gewahrsam des Kishikchí-Báshí [Anführer der Wachen]. Übergib ihn dem Farrásh-Khánih. Behandle ihn zuerst sanft, aber wenn das keinen Erfolg hat, wende jede Art von Gewalt an, um ihn zum Geständnis zu bringen und uns zu sagen, wer seine Freunde sind und wo sie sich befinden - bis ich von der Jagd zurück bin." Ich ging, nahm den Mann vom Kishikchí-Báshí in Empfang und brachte ihn mit gebundenen Händen und Armen fort. Aber ich will Ihnen sagen, wie schlau und aufgeweckt der Sháh ist. Der Mann stand unberitten in der Ebene, und sobald er sein Papier hochhielt und sagte, daß er einen Brief zu übergeben habe, witterte der Sháh sofort, daß es sich um einen Bábí handeln müsse; er ließ ihn festnehmen und ihm alle Papiere abnehmen, die er bei sich hatte. Er wurde also in Gewahrsam genommen, aber seinen Brief hatte er niemandem gegeben; den trug er noch in der Tasche. Ich nahm diesen Abgesandten zu mir nach Hause. Zuerst sprach ich freundlich und sanft mit ihm: "Erzähl mir alles. Wer hat dir diesen Brief gegeben? Wo bringst du ihn her? Wielange ist das her? Wer sind deine Gefährten?" Er sagte: "Diesen Brief gab mir Hadrat-i-Bahá'u'lláh¹ (Seine Heiligkeit Bahá'u'lláh) in `Akká. Er gebot mir: `Du wirst ganz allein nach Irán gehen und diesen Brief irgendwie dem Sháh von Irán überreichen müssen. Aber du kannst dabei in Lebensgefahr geraten. Wenn du das akzeptierst, dann mach dich auf; andernfalls schicke ich einen anderen Boten.`

#357

Ich nahm den Auftrag an. Es ist jetzt drei Monate her, daß ich abgereist bin. Ich habe nach einer Gelegenheit gesucht, diesen Brief in die Hände des Sháhs zu übergeben und ihm zur Kenntnis zu bringen. Dank sei Gott, daß ich diesen Dienst heute geleistet habe. Wenn Sie Bahá'í suchen: es gibt in Irán sehr viele; wenn Sie meine Gefährten suchen: ich war ganz allein und habe keine." Ich drängte ihn, mir die Namen seiner Gefährten und die Namen der iranischen Bahá'í zu nennen, besonders die der Bahá'í von Tihrán. Er beharrte aber bei seiner Weigerung: "Ich habe keinen Gefährten, und ich kenne die Bahá'í im Irán nicht." Ich schwor ihm: "Wenn du mir diese Namen nennst, will ich beim Sháh Freiheit für dich erwirken und dich vor dem Tod bewahren." Seine Antwort war: "Ich sehne mich danach, getötet zu werden. Glauben Sie, daß Sie mir Angst machen?" Dann ließ ich ihm die Bastonade geben, und die farráshe (immer sechs gleichzeitig) begannen ihn zu schlagen. Aber ganz gleich, wie heftig er geschlagen wurde, er schrie niemals und bat auch nicht um Gnade. Als ich sah, wie der Fall lag, ließ ich die Bastonade einstellen und ihn zu mir bringen. Als er neben mir saß, sagte ich nochmals zu ihm: "Nenne mir die Namen deiner Gefährten." Er antwortete überhaupt nichts und fing an zu lachen. Anscheinend hatten all die Schläge ihm nichts ausgemacht. Das machte mich zornig. Ich ließ ein Brenneisen und eine angezündete Kohlenpfanne bringen. Während die Kohlenpfanne fertiggemacht wurde, sagte ich: "Komm und sag die Wahrheit, sonst laß ich dich brandmarken;" und dabei mußte ich bemerken, daß er noch mehr lachte. Ich ließ ihm nochmals die Bastonade geben. Durch das ständige Schlagen wurden die farráshe erschöpft. Ich war auch erschöpft, daher ließ ich ihn losbinden und in ein anderes Zelt hinten hineinbringen und befahl den farráshen, sie sollten durch Brandmarken ein Geständnis aus ihm herausbekommen. Sie legten ihm mehrmals das rotglühende Eisen an den Rücken und an die Brust. Ich konnte das brutzelnde Geräusch des schmorenden Fleisches hören und es auch riechen. Aber ganz gleich, was wir versuchten: wir konnten nichts aus ihm herausbekommen. Etwa um Sonnenuntergang kehrte der Sháh von der Jagd zurück und rief mich zu sich. Ich ging zu ihm und berichtete alles, was geschehen war. Der Sháh bestand darauf, ich solle ihn zum Geständnis zwingen und dann töten lassen. Ich ging zurück und ließ ihn noch einmal brandmarken. Er lachte unter dem Druck des rotglühenden Eisens und bat niemals um Gnade. Ich ging sogar so weit, daß der Kerl nur zu sagen brauchte, er habe eine Bittschrift gebracht, und daß er den Brief nicht mehr erwähnen dürfte. Aber auch dazu ließ er sich nicht herbei. Da verlor ich die Fassung und ließ ein Brett herbringen. Ein farrásh, der einen Schlaghammer führte, mit dem man Eisenstifte einschlägt, legte den Kopf dieses Mannes auf das Brett und stellte sich mit erhobenem Hammer über ihn. Ich sagte: "Wenn du die Namen deiner Gefährten preisgibst, bist du frei. Andernfalls gebe ich Befehl, daß der Hammer auf deinen Kopf saust." Er fing an zu lachen und Dank zu sagen, daß er sein Ziel erreicht habe. Ich gestand ihm zu, er brauche nur zu sagen, daß er eine Bittschrift gebracht habe, keinen Brief. Auch das wollte er nicht sagen. Und all die rotglühenden Stangen, die er aufs Fleisch bekam, verursachten ihm keinen Schmerz. So gab ich dem farrásh schließlich ein Zeichen, und er ließ den Schlaghammer auf den Kopf dieses Burschen sausen. Sein Schädel wurde zerschmettert, und das Gehirn quoll ihm aus den Nasenlöchern. Dann ging ich selbst zum Sháh und erstattete Bericht.'


#358

(Bildlegende: Badí` nach seiner Festnahme während der Folterungen)


#359

"Dieser Kázim Khán-i-Farrásh-Báshí war äußerst erstaunt über das Gebaren und das Durchhaltevermögen jenes Mannes; er war verblüfft darüber, daß all die Schläge und das rotglühende Metall an seinem Körper ohne Wirkung auf ihn blieben und ihn nicht quälten. Er sagte: `Ich ging zum Sháh und erstattete Bericht und erhielt zur Belohnung ein sardárí (äußeres Gewand), das dem Sháh selbst gehörte. Wir begruben den Leichnam an der gleichen Stelle - Safíd-Ab -, und niemand weiß, wo er liegt.' Aber die Bahá'í haben die Stelle entdeckt, und für sie ist sie ein Wallfahrtsort."

"Diese Äußerungen des Kázim Khán-i-Farrásh-Báshí habe ich mit eigenen Ohren gehört. Er hat uns alles erzählt. Ich war sehr jung und war erstaunt. Den besagten Brief schickte der Sháh nach Tihrán, damit Hájí Mullá `Alíy-i-Kaní und andere Mullás ihn lesen und beantworten sollten. Aber sie sagten, da gäbe es nichts zu antworten; und Hájí Mullá `Alí schrieb dem Mustawfíyu'l-Mamálik (der damals Ministerpräsident war), er möge dem Sháh sagen: `Wenn Sie - was Gott verhüte - irgendwelche Zweifel am Islám haben und Ihr Glaube nicht stark genug ist, dann müßte ich eingreifen und Ihre Zweifel zerstreuen. Eine andere Antwort auf solche Briefe gibt es nicht. Was Sie seinem Boten angetan haben, war genau die Antwort. Jetzt müssen Sie dem osmanischen Sultán schreiben, daß er strengstens mit ihm verfahren und alle Verbindungen nach außen verhindern soll.` Damals lebte Sultán `Abdu'l-`Azíz; es war unter seiner Herrschaft."

"27. Rabí`u'l-Avval 1331; 2. März A.D.1913"

"Niedergeschrieben im H^otel d'Albe in Paris)

"Heute nacht konnte ich nicht schlafen. Frau Dreyfus hatte mir dieses Buch geschickt, und ich hatte es noch nicht gelesen. Es ist in den frühen Morgenstunden. Ich habe das Buch aufgeschlagen und darin gelesen, bis ich zu dem Thema der Briefe an die Könige und an Násiri'd-Dín Sháh kam. Weil ich damals auf Reisen dort war und diesen Bericht von dem Kázim Khán-i-Farrásh-Báshí persönlich gehört habe, habe ich ihn aufgeschrieben."

"Anderthalb Jahre später wurde dieser Kázim Khán wahnsinnig, als er unterwegs nach Karbilá war. Der Sháh ließ ihn in Ketten legen, und er fand einen erbärmlichen Tod. In dem Jahr, da ich als Generalgouverneur von Adharbáyján nach Tabríz ging, traf ich einen seiner Enkel als Bettler an. `Sieh dich vor, o Volk der Einsicht und des Begreifens.`"

"Muhammad-Valí Sipahdár-i-A`zam"


#360

(Bildlegende: Sipahdár-i-A`zams Bericht über das Martyrium des Badí`. Ende des Berichts, beginnend mit den Worten: "Frau Dreyfus hatte mir dieses Buch geschickt ..."


#361

Bahá'u'lláhs Ruf in Seinem Sendschreiben an den Kadscharenherrscher hallt weit über die Jahre hin (WOLF [66] S.48):

»O König! Ich war nur ein Mensch wie andere und lag schlafend auf Meinem Lager. Siehe, da wehten die Lüfte des Allherrlichen über Mich hin und lehrten Mich die Erkenntnis all dessen, was war. Dies ist nicht von Mir, sondern von Einem, der allmächtig und allwissend ist. Und Er gebot Mir, Meine Stimme zwischen Erde und Himmel zu erheben, und um dessentwillen befiel Mich, was jedes verständigen Menschen Tränen fließen ließ. Die Gelehrsamkeit der Menschen studierte Ich nicht; ihre Schulen betrat Ich nicht. Frage nach in der Stadt, wo Ich wohnte, und sei dessen wohl versichert, daß Ich nicht zu denen gehörte, die falsch reden. Das hier ist nur ein Blatt, das die Winde des Willens deines Herrn, des Allmächtigen, des Allgepriesenen, bewegt haben. Kann es ruhen, wenn der Sturmwind weht? Nein, bei Ihm, dem Herrn aller Namen und Eigenschaften! Sie bewegen es nach ihrem Belieben. Das unscheinbare Ding ist wie ein Nichts vor Ihm, dem Ewigen. Sein allbezwingender Ruf hat Mich erreicht und ließ Mich Seinen Lobpreis unter allem Volke verkünden. Fürwahr, Ich war wie tot, als Sein Befehl erging. Die Hand des Willens deines Herrn, des Mitleidsvollen, des Barmherzigen, verwandelte Mich. Kann irgend jemand aus eigenem Willen aussprechen, was alle Menschen, hoch und niedrig, veranlaßt, sich gegen ihn zu erheben? Nein, bei Ihm, der die Feder die ewigen Geheimnisse lehrte! Das kann nur, wem die Gnade des Allmächtigen, des Allgewaltigen Kraft gibt ...«


#362

»O Sháh, Ich habe auf dem Pfade Gottes geschaut, was noch kein Auge schaute und kein Ohr hörte ... Wie zahlreich sind die Trübsale, welche auf Mich herabströmten und bald noch herabströmen werden! Ich schreite voran, den Blick auf Ihn gerichtet, den Allmächtigen, den Allgütigen, während hinter Mir die Schlange gleitet. Meine Augen haben Tränen vergossen, bis Mein Bett von ihnen getränkt war. Aber Ich gräme Mich nicht um Mich. Bei Gott! Mein Haupt sehnt sich nach dem Speer aus Liebe zu seinem Herrn. Nie ging ich an einem Baum vorbei, ohne daß Ich in Meinem Herzen zu ihm sprach: "O würdest du doch in Meinem Namen abgehauen und Mein Leib an dir auf dem Pfade Meines Herrn gekreuzigt!" ... Bei Gott! Wenn auch Müdigkeit Mich niederdrückt, der Hunger Mich verzehrt, der nackte Fels Mein Bett und die Tiere des Feldes Meine Gefährten sind, so will Ich doch nicht klagen, sondern geduldig ausharren, wie jene mit Standhaftigkeit und Festigkeit Begabten durch die Kraft Gottes, des ewigen Königs und Schöpfers der Nationen, ausgeharrt haben. Gott will Ich in allen Lebenslagen Dank darbringen. Wir bitten, Er möge in Seiner Güte - gepriesen sei Er! - durch diese Kerkerhaft die Nacken der Menschen von Ketten und Fesseln befreien und sie aufrichtigen Angesichts sich Seinem Antlitz zuwenden lassen, dem Mächtigen, dem Freigebigen. Er ist zur Antwort bereit für jeden, der Ihn anruft, und Er ist denen nahe, die mit Ihm Umgang pflegen.«¹

¹ zit. Die Verkündigung Bahá'u'lláhs S.69


#363

Dieser Sendbrief - sprühend vor Macht und ausgestattet mit Autorität -, den der unbezähmbare Badí` überbracht und den als bloße Bittschrift zu bezeichnen er sich so beharrlich geweigert hatte, mußte sicherlich tief beunruhigend auf den launischen Herrscher wirken, der Bahá'u'lláh aus Seinem Heimatland verbannt und Seine Weiterverbannung in das entlegene Rumelien ins Auge gefaßt hatte. So wurde er bewogen, den Befehl zur Liquidierung des furchtlosen Überbringers zu erteilen. Doch hatte er wenigstens den Wunsch, daß Bahá'u'lláh eine Antwort erhalten sollte. Aber die geistlichen Ratgeber, auf die sich Násiri'd-Dín Sháh verließ - Hájí Mul-lá `Alíy-i-Kaní und seine Genossen -, hatten nicht das menschliche Format, die Herausforderung anzuerkennen. Und sie besaßen auch nicht die Geisteskraft und die Erkenntnis, die sie befähigt hätten, der Herausforderung zu begegnen. Am Ende haben sie großen Verlust und ewige Schande zu tragen, indes das Gedenken an den Heldenmut und das Opfer dieses siebzehnjährigen Jünglings in unvergänglichem Glanz über die Jahrhunderte scheint und durch den Ablauf der Zeiten nicht verdunkelt werden kann.





#364

(Bildlegende: Mírzá Mihdí Ghusnu'lláhu'l-Athar, der Reinste Zweig)


+34 #365

Kapitel 34

Das Große Opfer

Und jetzt ereignete sich der tragische Tod des Reinsten Zweiges - Mírzá Mihdís, des Sohnes Bahá'u'lláhs. Mírzá Mihdí, dem sein Vater die Bezeichnung Ghusnu'lláhu'l-Athar (der Reinste Zweig) gegeben hatte, war der zweite lebende Sohn Bahá'u'lláhs. Er war der Bruder `Abdu'l-Bahás; beide hatten dieselbe Mutter, Navvábih Khánum. 1870 war er zweiundzwanzig Jahre alt. Er hatte die Gewohnheit, abends auf dem Dach der Zitadelle zu beten und zu meditieren. Dort hat man einen großartigen Blick auf das durchsichtige Blau des Mittelmeeres und auf die Umrisse des Berges Karmel im Hintergrund der Meereslandschaft; nach der anderen Seite erstreckt sich die Ebene von `Akká, hinter der der majestätische Gipfel des Berges Hermon aufragt. Als Mírzá Mihdí eines Abends, ganz in seine Gedanken und Meditationen versunken, auf dem Dach auf und ab schritt, entging seiner Aufmerksamkeit eine offene Dachluke; er fiel durch die Öffnung in das darunterliegende Geschoß und landete auf einem Lattenverschlag, der ihm die Brust durchbohrte. Seine Verletzungen erwiesen sich als tödlich.

Aqá Husayn-i-Ashchí erinnert sich, daß das Geräusch des Sturzes und der Auflauf der Gefährten Bahá'u'lláh aus Seinem Zimmer treten ließen. Er erkundigte sich besorgt, was geschehen war. Der Reinste Zweig sagte, er habe immer die Schritte bis zu dieser Dachluke gezählt, aber an diesem Abend habe er es vergessen. Ein italienischer Arzt wurde gerufen, doch blieb seine Behandlung ohne Ergebnis. Obwohl der Reinste Zweig ganz offensichtlich litt, nahm er seine Besucher - die Gefährten, die an seinem Bett standen oder saßen, um nach seinen Bedürfnissen zu sehen - voll wahr. Aqá Husayn erinnert sich, wie der Reinste Zweig sein Unbehagen darüber zum Ausdruck brachte, daß er in ihrer aller Gegenwart im Bett liegen mußte. Zweiundzwanzig Stunden nach seinem Sturz tat er den letzten Atemzug. Aqá Husayn hat festgehalten, daß Bahá'u'lláh laut klagte: "Mihdí! O Mihdí!" Er berichtet auch, daß Bahá'u'lláh den Reinsten Zweig vor Eintritt des Todes fragte: "Was wünschst du dir, Aqá? Sag es mir." Sein Sohn erwiderte: "Ich wünsche, daß das Volk von Bahá befähigt wird, Deine Gegenwart zu erreichen." "Und so soll es geschehen," sagte Bahá'u'lláh, "Gott wird deinen Wunsch erfüllen." Der Todestag war der 23. Juni 1870 (23. Rabí`u'l-Avval A.H. 1287).


#366

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

"Seine letzte Bitte an seinen bekümmerten Vater war, daß sein Leben als ein Opfer angenommen werden möge für die, die man daran hinderte, in die Gegenwart ihres Geliebten zu gelangen." (GGV S.214)

"In einem höchst bedeutsamen Gebet, das Bahá'u'lláh zum Gedächtnis Seines Sohnes offenbart hat - einem Gebet, das seinen Tod in eine Reihe stellt mit den großen Sühnopfern wie die beabsichtigte Opferung des Sohnes Abrahams, die Kreuzigung Jesu Christi und der Märtyrertod des Imám Husayn - lesen wir folgendes: "Ich habe, o mein Herr, hingegeben, was Du mir verliehen hast, auf daß Deine Diener erquickt und alle Erdenbewohner vereinigt werden." An Seinen geopferten Sohn richtet Er folgende prophetische Worte: "Du bist Gottes Unterpfand und Sein Schatz in diesem Lande. Binnen kurzem wird Gott durch dich Seinen Wunsch kundtun." (GGV S.214)

Aqá Husayn berichtet, daß Shaykh Mahmúd (zu dessen außerordentlicher Geschichte wir bald kommen werden) dem Größten Zweig sagte, er erbitte sich die Ehre, den Leichnam des Reinsten Zweiges waschen und einhüllen zu dürfen, damit nicht die Wachen Hand an etwas Heiliges legten; sein Anerbieten wurde angenommen. Daraufhin wurde im Hofraum ein Zelt errichtet, der Körper Mírzá Mihdís wurde hineingelegt, und unter Hilfestellung einiger Gefährten (darunter auch Ashchí selbst), die Wasser und Geräte reichten, machte Shaykh Mahmúd den Leib des geopferten Sohnes Bahá'u'lláhs zur Bestattung fertig. Während dieser ganzen Zeit schritt der Größte Zweig mit schnellen Schritten vor dem Zelt auf und ab und hielt Wache. Er war durch den Tod Seines geliebten Bruders tief gebeugt; Sein Kummer stand Ihm im Gesicht geschrieben, wie Ashchí bemerkt. Und Aqá Ridá berichtet, daß die Honoratioren von `Akká dem Leichenzug folgten. Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt weiter:


#367

"Nachdem man ihn in Bahá'u'lláhs Gegenwart gewaschen hatte, wurde er, "der aus dem Lichte Bahás gezeugt war," dessen "Sanftmut" die Erhabene Feder gekündet und dessen "Mysterium" bei seinem Hingang sie berichtet hatte, unter dem Geleite der Festungswachen weggetragen und jenseits der Stadtmauern an einer Stätte, die an den Schrein des Nabí Sálih [des Propheten Sálih] angrenzte, zur Ruhe gelegt. Siebzig Jahre später [im Dezember 1939] wurden seine Überreste zusammen mit denen seiner erhabenen Mutter an den Hang des Berges Karmel verbracht, wo sie im Bereich des Grabes seiner Schwester und im Schatten des heiligen Schreins des Báb beigesetzt wurden. (GGV S.214)

In den wenigen Jahren seines Erwachsenseins hatte Mírzá Mihdí seinem Vater als Sekretär gedient; Bahá'u'lláhs Sendschreiben sind in seiner erlesenen Handschrift erhalten. Nach dem Zeugnis Aqá Ridás, der ihn zum jungen Mann hatte aufwachsen sehen, war er für die Gefährten ein Pfeiler der Kraft - von den Tagen an, da sie Baghdád verließen, bis zu dem Tag, an dem ein tragischer Unfall seinem kurzen, unbefleckten Leben ein Ende setzte; bei ihren Zusammenkünften saß er bei ihnen, las ihnen vor, was aus der Höchsten Feder geflossen war, und gab ihnen das Beispiel der Höflichkeit und Geduld, der Würde und der strahlenden Ergebung in den Willen Gottes.



+35

Kapitel 35

Die Tore öffnen sich

Vier Monate nach dem Tod des Reinsten Zweiges kam endlich ein Tag, an dem Truppenbewegungen im Osmanischen Reich es notwendig machten, daß die Behörden auf die Kasernen von `Akká zurückgriffen. Die Tore wurden aufgestoßen und die Verbannten in andere Quartiere innerhalb der Stadtmauern verlegt.

Bahá'u'lláh und Seine Familie verbrachte man in das Haus Malik im westlichen Viertel Fákhúrah der Gefängnisstadt. Die Mehrzahl der Gefährten kamen in der Karawanserei Khán-i-`Avámíd unter, unweit der Küste gelegen. Einige fanden aber auch eine separate Bleibe. Aqáy-i-Kalím und seine Familie bezogen ein Haus auf dem Grundstück der Karawanserei. Die Khán-i-`Avámíd (oder Khán al-`Umdán) war von Ahmad Al-Jazzár erbaut unter Verwendung von Pfeilern, die aus Caesarea herübergeschafft wurden. Der Turm mit Turmuhr ist ein moderneres Bauwerk: Er wurde zur Jubiläumsfeier des Sultán `Abdu'l-Hamíd errichtet. Die Karawanserei diente als das erste Pilgerhaus im Heiligen Land; viele herausragende Bahá'í, unter ihnen Mishkín-Qalam, Zaynu'l-Muqarrabín und Hájí Mírzá Haydar-`Alí, haben darin gewohnt. `Abdu'l-Bahá war dort oft Gastgeber für die Pilger, und es ist anzunehmen, daß auch Bahá'u'lláh das Haus aufgesucht hat.

Drei Monate wohnte Bahá'u'lláh im Haus Malik; dann zog Er in das gegenüberliegende Haus Mansúr Khavvám um. Auch hier war Sein Aufenthalt von kurzer Dauer: Sein nächster Wohnsitz war das Haus Rábi`ih. Aber nach weiteren vier Monaten mußte Er erneut die Wohnung wechseln. Diesmal bezog Er das Haus `Udí Khammár, das nach den Worten des Hüters der Bahá'í-Religion "ihren Bedürfnissen so wenig entsprach, daß sich darin in einem einzigen Raum nicht weniger als dreizehn Personen beiderlei Geschlechts einrichten mußten." (GGV S.216


#369

(Bildlegende: Khán-i-`Avámíd oder Khán al-`Umdán, wo viele von Bahá'u'lláhs Gefährten wohnten)


`Udí Khammár war einer der Honoratioren `Akkás und gehörte als Christ dem römisch-katholischen (maronitischen) Bekenntnis an. Er hatte eine Partnerschaft mit seinem Neffen Ilyás `Abbúd, der ebenfalls Maronit war und im Haus nebenan wohnte. `Udí Khammár, in dessen Haus Bahá'u'lláh und Seine Familie letztendlich Wohnung fanden, war für seine Knauserigkeit bekannt; doch etwa um die Zeit, als die Verstoßenen zu Verbannung und Haft in `Akká verurteilt wurden, entdeckten die Leute dort zu ihrem großen Erstaunen, daß er in der Nähe von Bahjí, dem Palast¹ von `Abdu'lláh Páshá, den Bau eines palastartigen Hauses für sich selbst plante. Bahjí lag eine knappe halbe Stunde zu Pferd von der Stadt entfernt; es war großzügig angelegt und ausgestattet, von einem herrlichen Zitronen- und Orangenhain umgeben und hatte einen großen Teich, der besonders zum Verweilen einlud. Im Lauf der Zeit ging der Palast von `Abdu'lláh Páshá in den Besitz der Familie Baydún über, einer angesehenen muslimischen Familie in `Akká, die dem Glauben Bahá'u'lláhs immer feindselig gegenüberstand. Als zu Anfang dieses Jahrhunderts eine hochrangige Untersuchungskommission aus Istanbul anreiste mit dem einzigen Ziel, Beschuldigungen gegen `Abdu'l-Bahá zu erheben, öffnete Abdu'l-Ghaní Baydún den Mitgliedern dieser Kommission seinen Herrensitz als Unterkunft.

¹ Heute beherbergt er ein staatliches Behindertenzentrum


#370

Udí Khammár trieb den Bau seines Palastes voran, doch Ilyás `Abbúd hielt das für ein Wahnsinnsprojekt und machte nicht mit. Aber einige seiner Familienangehörigen dachten anders und ließen sich in nächster Nähe von Udí Khammárs Herrensitz ebenfalls Häuser bauen. Als Khammár seinen neuen Palast außerhalb `Akkás bezog, verpachtete er sein Stadthaus an Bahá'u'lláh. Ilyás `Abbúd war damit gar nicht einverstanden und versuchte die Transaktion zu verhindern. Dies gelang ihm nicht; doch tat er alles, um den Kontakt mit den Verbannten zu vermeiden, die er in jeder Weise als unerwünschte Nachbarn betrachtete. Dann trat ein schändlicher, grauenvoller, aber unvermeidlicher Vorfall ein, der äußerlich betrachtet Ilyás `Abbúds schlimmste Befürchtungen rechtfertigte: die Ermordung von drei Azalí durch sieben Bahá'í - ein entsetzliches Ereignis, das die schlimme Last von Bahá'u'lláhs Leben unsagbar vermehrte und Seinem Herzen den Aufschrei entriß:

»Meine Gefangenschaft kann Mir nichts anhaben. Was Mich aber verletzt, ist das Verhalten derer, die Mich lieben, die den Anspruch erheben, zu Mir zu gehören, und doch Dinge tun, deretwegen Mein Herz und Meine Feder weint... Meine Gefangenschaft kann Mir keine Schande bringen. Nein, bei Meinem Leben, sie trägt sogar zu Meinem Ruhme bei! Was Mich aber beschämen kann, das ist das Verhalten derer unter Meinen Nachfolgern, die behaupten, Mich zu lieben, und in Wirklichkeit doch dem Bösen folgen.« (GGV S.216)


#371

Der Leser wird sich erinnern, daß zwei Azalí - Parteigänger Mírzá Yahyás - von den Behörden nach `Akká befördert und zusammen mit den Bahá'í eingekerkert wurden: Siyyid Muhammad-i-Isfahání (der Antichrist der Bahá'í-Offenbarung) und Aqá Ján-i-Kaj-Kuláh (aus Salmás in Adharbáyján). Diese beiden hatten bei der Ankunft in der Zitadelle darum gebeten, von den anderen getrennt untergebracht zu werden. Über dem Stadttor und dem Gefängnis Límán, in das die Schwerstverbrecher geworfen wurden, fand sich ein geeigneter Raum für sie. Es war ein Beobachtungsposten, von wo aus sie spionieren und jeden Neuankömmling in `Akká überwachen konnten. Sobald jemand ankam, den sie als Anhänger Bahá'u'lláhs erkannten, erstatteten sie den Behörden unverzüglich Bericht. Durch ihre Machenschaften wurden Nabíl-i-A`zam und Aqá Muhammad-`Alíy-i-Qá`iní wieder aus `Akká ausgewiesen, kaum daß sie das Tor durchschritten hatten. Die Azalí gingen sogar noch weiter und machten einem Einheimischen, der den iranischen Konsulardienst versah, lockende Versprechungen von reicher Belohnung und Auszeichnungen, wenn er mit ihnen gemeinsame Sache machte, um die Bahá'í auszustechen und zu hintergehen. Dieser Mann war dafür verantwortlich, daß Aqá `Abdu'r-Rasúl-i-Zanjání und seine Begleiter gleich bei der Ankunft wieder aus der Stadt ausgewiesen wurden. Dann traf aus Zypern Na`ím Effendi ein. Er hatte durch den berühmten Kalligraphen Mishkín-Qalam, der auf dieser Insel in der Verbannung lebte, von der Bahá'í-Religion erfahren. Na`ím Effendi verschrieb sich dem Glauben mit größter Inbrunst, erreichte die Gegenwart Bahá'u'lláhs, und der Größte Zweig vertraute ihm Briefe an, die er mitnehmen sollte. Die Azalí und der persische Konsularbeauftragte fanden heraus, was sich abgespielt hatte, und sorgten dafür, daß Na`ím Effendi auf dem Weg nach Haifa festgenommen wurde. Die Briefe, die er bei sich hatte, wurden beschlagnahmt; er selbst wurde nach Beirut ins Gefängnis gebracht, wo er sechs Monate lang schmachtete. Der Größte Zweig versuchte alles, um den Beauftragten Persiens von der Verfolgung seiner schändlichen Absichten abzubringen; doch dieser war schon zu weit unter den Einfluß der Azalí geraten. Wie Nabíl-i-A`zam berichtet, wurde sogar Caesar Catafago - ein Jünger Bahá'u'lláhs, dessen Vater Khájih Louis als französischer Konsularbeauftragter in `Akká¹ das Sendschreiben an Napoleon III. weiterbefördert hatte - eine Zeitlang von Siyyid Muhammad-i-Isfahání ganz umgarnt; doch sah er später seinen Irrtum ein und erneuerte seine frühere Treuebindung. Na`ím Effendi kehrte nach seiner Entlassung nach Zypern zurück, wo es ihm sehr gut ging und wo er - nach einem Bericht von Aqá Ridá - nach der Annexion der Insel durch die Engländer einen hohen Posten erhielt. Aqá Ridá berichtet auch, daß Na`ím Effendi noch ein zweites Mal nach `Akká kam, diesmal mit seinen beiden Söhnen, die er zwecks höherer Bildung nach Istanbul brachte. Auf die Frage, ob er wisse, was dem Mann zugestoßen sei, der ihm einst so viel Leid zugefügt hatte, antwortete er, daß er keinen Groll gegen ihn hege; der Übeltäter schadet sich in Wahrheit selbst, sagte er, und Gott verfährt gerecht mit ihm. Um den persischen Konsularbeauftragten stand es wirklich schlimm: Er hatte seine Familie, sein Geschäft, sein Eigentum und fast noch seinen Verstand verloren. Schuldbewußt kam er manchmal zu den Bahá'í und brachte seinen Kummer und seine Reue über die Leiden zum Ausdruck, die er ihnen auf der Höhe seiner Macht und seines Einflusses zugefügt hatte.

¹ Louis Catafago war mehrere Jahre lang französischer Konsularbeauftragter für `Akká und Haifa. Mary Rogers beschreibt in ihrem Buch Domestic Life in Palestine, welchen Eindruck er im Jahr 1858 auf sie machte: "Einer unserer Nachbarn war Signor Lu[:]is Catafago, ein Witwer und der wohlhabendste und einflußreichste unter den christlichen Arabern in Haifa. In der arabischen Literatur war er besser zu Hause als sonst irgend jemand im ganzen Regierungsbezirk. Er besaß gute Italienisch- und Französisch-Kenntnisse und pflegte einen halbwegs europäischen Lebensstil. Seine Söhne erhielten eine College-Erziehung und kleideten sich wie Europäer; seine kleinen Mädchen waren dagegen ganz orientalisch." (S.384f)


#372

(Bildlegenden: `Akká (Luftaufnahme) , Planskizze von `Akká (s.u.)


#373

Tabelle: Orte in Akká, die zu Bahá'u'lláh in Beziehung stehen:


1. Das Seetor, durch das Bahá'u'lláh am 31. August 1868 Akká betrat.

2. Der Weg, auf dem Bahá'u'lláh gemäß mündlicher Überlieferung am
31. August 1868 vom Seetor zum Osteingang der Zitadelle gebracht wurde.

3. Die Zitadelle und Kaserne, wo Bahá'u'lláh und Seine Gefährten
zwei Jahre, zwei Monate und fünf Tage gefangen saßen.

3a. Bahá'u'lláhs Zelle in der Zitadelle.

4. Das öffentliche Bad, das Bahá'u'lláh jede Woche besuchte.
Dies war die einzige Gelegenheit, bei der Er die Zitadelle verließ.
Hier konnte Hájí Amín als erster Pilger Bahá'u'lláhs Gegenwart erreichen.

5. Die Andreaskirche; in der Nähe liegen die Häuser Malík und Khavvám,
in denen Bahá'u'lláh nach Seiner Entlassung aus der Zitadelle
drei Monate bzw. einige Monate wohnte.

6. Der Schrein des Shaykh Ghánum; in der Nähe liegt das Haus Rábí`ih,
wo Bahá'u'lláh nach Seinem Auszug aus dem Haus Khavvám vier Monate lang
wohnte.

7. Das Haus Udí Khammár, in dem Bahá'u'lláh zwei Jahre lang wohnte.
Hier wurde das Kitáb-i-Aqdas offenbart.

8. Das Haus `Abbúd, unmittelbar neben dem Haus Udí Khammár gelegen;
1873 wurde es Bahá'u'lláh und Seiner Familie zur Verfügung gestellt.
Bahá'u'lláh bewohnte hier vier Jahre lang
ein Zimmer mit Blick auf das Meer.

9. Die Khán-i-Avámíd (Khán al-Umdán oder Khán-i-Jurayní).
Im Nord- und Westtrakt des Gebäudes fanden viele der
Gefährten Bahá'u'lláhs Unterkunft. Auch Pilger wohnten hier.

10. Der Sitz des Gouverneurs (Seraye). Hier wurde Bahá'u'lláh
nach der Ermordung der drei Azalí am 22. Januar 1872 verhört.
Heute ist hier eine Schule.

11. Die Khán-i-Shávirdí. Nach der Ermordung der Azalí wurde Bahá'u'lláh hier
für eine Nacht und viele Seiner Gefährten für einen längeren Zeitraum
gefangen gehalten.

12. Das Límán, wo Abdu'l-Bahá nach der Ermordung der Azalí drei Tage lang
gefangen saß. In ein Zimmer oberhalb dieses Gebäudes wurde Bahá'u'lláh
einquartiert, nachdem Er eine Nacht in der Khán-i-Shávirdí verbracht
hatte. Die sieben Bahá'í, die für die Morde verantwortlich waren,
saßen hier mehrere Jahre gefangen.

13. Die Moschee des Al-Jazzár, in der der Erlaß des Sultán über Bahá'u'lláhs
Haftbedingungen im Exil bald nach Seiner Ankunft öffentlich verlesen und
die Bevölkerung zum Haß und zur Furcht vor den Verbannten aufgehetzt
wurde. Später erhielt Abdu'l-Bahá im Theologischen Seminar im Hof der
Moschee ein eigenes Zimmer als Zeichen der Hochschätzung, die man für
Ihn empfand.

14. As-Súq al-Abyad (Der Weiße Basar); in der Nähe lag das Haus von
Mírzá Músá (Aqáy-i-Kalím), das Bahá'u'lláh oft besuchte.

15. Der Schrein des Nabí-Sálih. Auf dem Friedhof, der diesen Schrein umgibt,
war der Reinste Zweig beigesetzt, ehe seine sterblichen Überreste nach
Haifa überführt wurden. Auch andere Gefährten Bahá'u'lláhs liegen dort
begraben.

16. Das Landtor, durch das Bahá'u'lláh im Juni 1877 `Akká verließ.
Bis in die Zeit der britischen Schutzherrschaft war es der
einzige Zugang auf dem Landweg zur Stadt. Es wurde von Bahá'u'lláh,
Abdu'l-Bahá, den Gefährten und Pilgern häufig benutzt.

17. Der Aquädukt, den Ahmad Big Tawfiq auf Anregung Bahá'u'lláhs reparieren
ließ. Der auf diesem Plan gezeigte Teil des Aquädukts ist heute kaum
noch zu sehen; aber andere Teile sind an der Straße nach Bahjí
und Mazra`ih deutlich zu erkennen.

18. Die Georgskirche, die von der Familie Udí Khammárs freigebig unterstützt
wurde. Um diese Kirche herum und bis hin zur Andreaskirche lag das
christliche Wohnviertel der Stadt.

19. Die Khán-i-Afranj, in der einige der Gläubigen wohnten, unter ihnen
Aqá Abdu'l-Ghaffár-i-Isfahání und Mírzá Ridáy-i-Qannad.

20. Durchbrüche durch die Stadtmauern in der Zeit der britischen
Schutzherrschaft. Die gestrichelten Linien zeigen den jetzigen Verlauf
der Hauptstraßen an.

21. ??? Eine Erläuterung zur Nr. 21 auf der Planskizze fehlt im Original



#374

Als die Tore der Festung sich endlich für die Verbannten öffneten, war zu Siyyid Muhammad und Kaj-Kuláh noch Mírzá Ridá-Qulí hinzugekommen, der Schwager von Mírzá Yahyá, den Bahá'u'lláh für seine ständig wiederholten Missetaten aus der Gemeinschaft Seiner Anhänger ausgestoßen hatte. Wieder und wieder hatte er feierliche Versprechen gebrochen, bis sein Verhalten nicht länger toleriert oder verziehen werden konnte. Nachdem sie so Zuwachs erhalten hatten, verstärkten die Azalí ihre unheilvolle Tätigkeit. Da sie immer dreister wurden, ermahnte Bahá'u'lláh die Gefährten zunehmend zu Geduld und Nachsicht. Die Azalí ihrerseits nutzten die neue Freiheit zur pausenlosen Suche nach weiteren Verbündeten, um den Bahá'í Schaden zuzufügen.


(Bildlegende: Das Haus Abbúd (vorn). Das Haus `Udí Khammár liegt an der Rückseite des Gebäudes. Bahá'u'lláh hat beide Häuser bewohnt, zuletzt den Raum mit dem Balkon)


Danach offenbarte Bahá'u'lláh das Sendschreiben, das als Das Feuertablet bekanntgeworden ist; diese Bezeichnung ist aus dem Eingangsvers abgeleitet: "Wahrlich, die Herzen der Aufrichtigen zerglühen im Feuer der Trennung." Dieses Tablet steht unter den Schriften des Urhebers der Bahá'í-Religion einzig da. Es vergegenwärtigt unmittelbar jene innige mystische Zwiesprache, welche Jesus Christus während der letzten Nacht Seines Erdenlebens im Garten Gethsemane erlebte, ebenso den Schrei, den Er am folgenden Tag am Kreuz ausstieß: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Beim Lesen des Feuertablets rührt die Seelenpein der Höchsten Manifestation Gottes unser Innerstes an:


#375

»Bahá ertrinkt im Meer der Drangsal: Wo ist Deiner Rettung Arche, Du Erretter der Welten? ... Die Äste des himmlischen Lotosbaumes brachen im Sturmwind des göttlichen Ratschlusses: Wo sind die Banner Deines Beistands, Du Besieger der Welten? ... Vergilbt sind die Blätter durch die giftigen Winde des Aufstands: Wo ist die Fülle aus den Wolken Deiner Freigebigkeit, Du Beschenker der Welten? ...« (aus Feuertablet, Gebete S.333f)

Darauf kommt die Antwort:

»O Du Erhabene Feder! Wir im Reiche der Ewigkeit hören Dein liebliches Rufen: Nun lausche dem, was die Zunge der Größe spricht, Du Unterdrückter der Welten. Gäbe es keine Kälte, wie könnte die Glut Deiner klärenden Worte sich zeigen, Du Erklärer der Welten? Gäbe es kein Leid, wie könnte die Sonne Deiner Geduld erstrahlen, Du Licht der Welten? Sei nicht erbittert ob der Frevler. Du bist zum Dulden erschaffen, Du Langmut der Welten... Durch Dich ist der Unabhängigkeit Banner auf den höchsten Gipfeln gehißt, Durch Dich wogt das Meer der Gaben, Du Entzücken der Welten. Durch Deine Einsamkeit erstrahlte die Sonne der Einheit Gottes, Deine Verbannung schmückte das Land der Einzigkeit. Sei geduldig, Du Verbannter der Welten. Wir bestimmten Erniedrigung zum Gewand der Würde und Leid zum Schmuck Deines Tempels, Du Stolz der Welten. Du siehst die Herzen voll Haß, Du aber sollst des nicht achten, Du Sündenverberger der Welten ...« (aus Feuertablet, Gebete S.333f)

Dann spricht nochmals die Höchste Manifestation des Allmächtigen Gottes:

»Wahrlich, Ich habe Deinen Ruf vernommen, Du Allherrlicher Geliebter. Nun erstrahlt Bahás Antlitz durch der Drangsal Glut und durch Deines leuchtenden Wortes Feuer. In Treue erhebt Er sich an der Opferstätte und blickt auf Dein Gefallen, Du Verordner der Welten.« (aus feuertablet, Gebete S.333f)


#378

Die Risiken und Gefahren, die extrem schwierige Lage der Bahá'í in der Enklave von `Akká durch die Umtriebe der Azalí und ihrer Helfershelfer sollten in keiner Weise verharmlost oder unterschätzt werden. Die ständigen, zermürbenden Quälereien hörten nie auf und nahmen immer weiter zu. Bahá'u'lláhs Leben war durch die gallige Feindschaft dieser Leute tatsächlich aufs höchste gefährdet.

Aqá Ridá berichtet, daß die Beamten und Honoratioren, deren Geist von den Azalí vergiftet war, durch gelegentliche Zusammenkünfte mit dem Größten Zweig immer wieder ihre Einstellung änderten und daß diese Tatsache bei den Frevlern noch mehr Trotz und Wut hervorrief. Von grenzenlosem Haß und wilder Eifersucht beherrscht, setzten sie noch mehr daran, Bahá'u'lláh zu verletzen und Ihn, Seine Sache und Seine Anhänger in ein schlechtes Licht zu rücken. Wir erfahren weiter von Aqá Ridá, daß Mírzá Ridá-Qulí und seine Schwester Badrí-Ján seit ihrem Bruch mit Mírzá Yahyá ständig nach ihrem eigenen Kopf leben und von allem das Beste haben wollten. Mírzá Fadlu'lláh, der Sohn des (in Adrianopel verstorbenen) Mírzá Nasru'lláh, und Aqá `Azím-i-Tafrishí, die aus Tihrán gekommen waren und die Brüder Nas-ru'lláh und Ridá-Qulí als Diener mitgebracht hatten, zogen sich zurück und gaben ihre Verbindungen zu Mírzá Ridá-Qulí und Badrí-Ján auf. Diese Trennung erbitterte Mírzá Ridá-Qulí dermaßen, daß er es fertigbrachte, eine Sammlung von Schriften Bahá'u'lláhs zusammenzustellen, in der er den Text durch Abänderungen und Einschübe verunstaltete, um ihm einen ketzerischen, gesellschaftsfeindlichen und provozierenden Anstrich zu geben. Diese Fälschungen wurden weithin verbreitet, um das Volk aufzuhetzen.


#377

Damals dachten einige Anhänger Bahá'u'lláhs erstmals daran, all den Machenschaften ein Ende zu setzen. Als Quellenmaterial für dieses schreckliche Kapitel haben wir nicht nur Aqá Husayn und Aqá Ridá, deren Berichte wir bisher häufig herangezogen haben, sondern auch zwei historische Abhandlungen, die von Mírzá Aqá Ján, dem Sekretär Bahá'u'lláhs, und Aqá Muhammad-Javád-i-Qazvíní stammen. Beide Männer waren Augenzeugen, beide haben später - nach Bahá'u'lláhs Hinscheiden - Sein Bündnis gebrochen.

Aus Beirut kam ein arabischer Gläubiger namens Násir - auch als Hájí `Abbás bekannt - nach `Akká mit dem festen Vorsatz, die Unheilstifter zum Schweigen zu bringen. Alles spricht dafür, daß es sich um denselben Násir handelt, der an der Ermordung des Hájí Mírzá Ahmad-i-Káshání in Baghdád beteiligt war.¹ Sobald er in `Akká war, machte er seine Absicht klar; Bahá'u'lláh wollte dies nicht dulden und hieß ihn sofort nach Beirut zurückzu-kehren, was er auch tat. Muhammad-Javád zitiert ein an Násir gerichtetes Tablet, das seine Rückkehr bewirkte. Die folgende Wiedergabe beruht auf der Übersetzung, die Professor Browne von diesem Tablet machte:

¹ Wir entnehmen Nabíls Bericht, daß sich unter Táhirihs Gefährten auf ihrer Reise von Baghdád nach Persien ein gewisser Abid mit seinem Sohn Násir befand und daß dieser Sohn später als Hájí `Abbás bekannt war. Wenn dies der gleiche Násir ist - und es gibt kaum einen Grund, daran zu zweifeln -, dann spiegeln seine späteren Handlungen sicher etwas von der Leidenschaft und Impulsivität der Gläubigen, die in der Umgebung jener gefeierten Bábí-Heldin gelebt hatten.


»ER ist der Helfer.«

»Ich bezeuge, daß du deinem Herrn geholfen hast, daß du einer der Helfer bist. Alle Dinge bezeugen [die Wahrheit] mein[es] Zeugnis-[ses]: Dies ist wirklich die Wurzel der Sache, wenn du zu den Wissenden gehörst. Was du auf Seinen Befehl und mit Seiner Zustimmung tust, ist in der Tat die Pflicht zur Hilfeleistung in den Augen deines Herrn, des Allwissenden, des Allverstehenden. Geh von hier weg und verübe nicht, was zu Unheil führt! Setze dein Vertrauen auf Gott: Er nimmt wahrlich hinweg, wen Er will; Er hat wahrlich Macht über alle Dinge. Wahrlich, wir haben angenommen, was deine Absicht auf dem Pfade Gottes war. Kehre an deinen Ort zurück; alsdann gedenke Deines Herrn, des Mächtigen, dem Lobpreis gebührt.« ¹

¹ E.G.Browne: Materials for the study of the Babí Religions p.53f


#378

(Bildlegende: `Akká: Luftaufnahme aus dem Jahr 1914 (von Adolf Kärcher)


#379

Nach Násirs Abreise gingen einige Gefährten, die die enorm aufgeladene Situation nachgerade unerträglich fanden, zu Bahá'u'lláh und baten Ihn um Erlaubnis, mit den Unheilstiftern nach ihrer Weise zu verfahren und deren satanischen Umtrieben ein Ende zu setzen. Bahá'u'lláh verweigerte ihnen nicht nur diese Erlaubnis, sondern riet ihnen mit allergrößtem Nachdruck, jede Gewalttätigkeit und Vergeltung zu meiden. Anscheinend war Muhammad-Javád-i-Qazvíní selbst anfangs mit diesen Männern im Bunde; doch verließ er ihre Gesellschaft, nachdem Bahá'u'lláh ihn dazu aufgefordert hatte. Wie Muhammad-Javád schreibt, war er zugegen, als Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Káshání bei Bahá'u'lláh um die Erlaubnis bat, den Siyyid Muhammad-i-Isfahání und seine Komplicen auszuschalten. Bahá'u'lláh gab Muhammad-Javád die Anweisung, nach Hause zu gehen und dort zu bleiben, und Er befahl Seinem Bruder Mírzá Muhammad-Qulí, den Aqá Muhammad-Ibráhím aus Seiner Gegenwart auszustoßen, was dieser auch tat.

Sieben Gefährten waren es, die unter bewußter Mißachtung von Bahá'u'lláhs ausdrücklichem Befehl daran gingen, Pläne zu schmieden, um `Akká und seine Verbannten von dem Schreckgespenst der ruchlosen Männer zu befreien; es handelte sich um Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Názir, Mírzá Husayn-i-Najjár (der auch aus Káshán gebürtig war), Aqá Husayn-i-Ashchí (ebenfalls aus Káshán), Mírzá Ja`far aus Yazd, Ustád Ahmad-i-Najjár, Aqá muhammad-`Alíy-i-Salmání und Ustád `Abdu'l-Karím-i-Kharrát (die beiden letzteren aus Isfahán). Eine solche Erregung hatte die ganze Gemeinschaft ergriffen, daß Bahá'u'lláh sich von allen zurückzog. Er tat das gleiche, was Er in Adrianopel getan hatte, als der Aufstand Mírzá Yahyás an die Oberfläche drang: Er ließ niemanden zu sich, traf mit niemandem zusammen.

Ohne Rücksicht darauf hielten die sieben Männer an ihren Plänen fest und verübten die gemeinen Mordtaten. So starben Siyyid muhammad-i-Isfahání, der Antichrist der Bahá'í-Offenbarung, ferner der unverbesserliche Aqá Ján-i-Kaj-Kuláh, die rechte Hand Siyyid Muhammads seit den Tagen von Adrianopel, und schließlich der wetterwendische Mírzá Ridá-Qulíy-i-Tafrishí.

Hier muß klar gesagt werden, daß es für Mord keine Entschuldigung geben kann. Wie groß der Druck war, unter dem die Bahá'í standen, kann jedoch daran abgelesen werden, daß sich unter den sieben Männern, die die Azalí ermordeten, auch Aqá Husayn-i-Ashchí befand, aus dessen Erinnerungen wir hier schon so häufig zitiert haben. Aqá Husayn war zweifellos ein eigensinniger, halsstarriger Mann, der sich sogar allerhöchsten Obrigkeiten entgegenstellen konnte. Doch war er seit den frühesten Tagen von Baghdád im Haushalt Bahá'u'lláhs aufgewachsen; seine Hingabe war vollkommen und fand schwerlich ihresgleichen. Trotzdem erlag er in dieser kritischen Stunde dem Druck, dem die Bahá'í durch ihre Gegner ausgesetzt waren.


#380

Nun lag das Haus, in dem die drei Azalí untergebracht waren, direkt gegenüber der Seraye. Durch die Pistolenschüsse, Rufe und Schreie aufgescheucht, trat Sálih Páshá, der Mutasarrif, aus seinem Haus. Darauf brach die Hölle los. Aqá Ridá schreibt: "Alle, jung und alt, angesehene Bürger und einfaches Volk, der Gouverneur, der Polizeipräsident und die Truppen: Alle gerieten in Aufruhr, als ob eine gewaltige Staatsmacht sie angegriffen habe. Mit Steinen und Stöcken, Schwertern und Gewehren bewaffnet, zogen sie zum Haus der Gesegneten Vollkommenheit und zu den Häusern der Gefährten und nahmen jeden fest, dessen sie habhaft wurden. Der Mutasarrif mit seinem Gefolge und die Truppen sammelten sich um das Haus der Gesegneten Vollkommenheit. Es war Spätnachmittag ..."

Wie Er es zu dieser Tageszeit gewohnt war, gab sich Bahá'u'lláh gerade völlig der Offenbarung von Versen hin: »Wahrlich, das Meer des Unheils wogt hoch, und Sturmböen haben die Arche Gottes, des Allumfassenden, des Selbstbestehenden, erfaßt. O Seefahrer! Laß Stürme Dich nicht erschrecken; denn Er, der den Tag heraufdämmern läßt, ist mit Dir in dieser Finsternis, die die Welten umhüllt hat.«¹

¹ Ishráq-Khávarí: Rahíq-i-Makhtúm, Bd.2, S.147; nach der englischen Übersetzung von H.M.Balyuzi.


Es war eine Stunde nach Sonnenuntergang, als ein Offizier, dessen Namen Muhammad-Javád mit Sa`íd Big angibt, in Begleitung von Ilyás `Abbúd in das bírúní trat. Der Größte Zweig, Aqá muhammad-`Alíy-i-Isfahání, Husayn-Aqáy-i-Tabrízí und Muhammad-Javád-i-Qazvíní befanden sich dort. Die Amtspersonen forderten sie auf, zur Seraye mitzukommen. Dann verlangten sie, Bahá'u'lláh solle ebenfalls kommen. Der Größte Zweig ging in den Innenbereich und trug Bahá'u'lláh dieses Verlangen vor. Bahá'u'lláh trat aus dem Haus, und da es dunkel war, wies ihnen ein Mann mit einer Lampe den Weg.

Aqá Ridá berichtet, daß alle, die Ihm auf diesem Weg zum Sitz des Gouverneurs begegneten, mit großem Erstaunen die Macht spürten, die von Seiner Person ausging. Ein Einheimischer aus `Akká, der Ihn an diesem Tage sah, glaubte sofort an Ihn und schloß sich den Reihen der Gefährten an.


#381

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

"Die Bestürzung der ohnehin schwer bedrängten Gemeinde war unbeschreiblich. Die Entrüstung Bahá'u'lláhs kannte keine Grenzen. In einem Sendschreiben, das Er offenbarte, kurz nachdem diese Schandtat verübt worden war, verleiht Er Seiner Erregung in folgenden Worten Ausdruck: »Wenn Wir davon sprechen wollten, was über Uns gekommen ist, so müßten die Himmel auseinanderbersten, und die Berge müßten zu Staub zerfallen.«" (GGV S.215f)

Als Bahá'u'lláh die Seraye betrat - so lesen wir bei Muhammad-Javád-i-Qazvíní -, erhoben sich vor Ihm Sálih Páshá, der Mu-tasarrif, Salím Mulkí, der Leiter des Sekretariats, und andere Beamte, die zugegen waren. Bahá'u'lláh ging hinein und nahm am Kopfende des Raumes Platz. Es herrschte absolute Stille, bis schließlich der Garnisonskommandant das Wort ergriff: "Gehört es sich, daß Ihre Männer eine so abscheuliche Tat begehen?" Bahá'u'lláh erwiderte: "Wenn ein Soldat, der Ihnen untersteht, eine Regel verletzt, werden dann Sie dafür zur Verantwortung gezogen und bestraft?" Wieder trat vollkommene Stille ein, bis Bahá'u'lláh sich erhob und - nach der Darstellung Aqá Ridás - in ein anderes Zimmer ging.

Dann machten sich Beamte auf die Suche nach den anderen Gefährten. Mírzá Muhammad-Qulí, Mírzá Muhammad-`Alí - der zweite der überlebenden Söhne Bahá'u'lláhs - und Mírzá Aqá Ján wurden hereingeführt. Aqáy-i-Kalím ließ man jedoch gehen, da er sich unwohl fühlte. Wie Muhammad-Javád-i-Qazvíní schreibt, war in dieser Nacht die ganze Stadt in hellem Aufruhr. In der gleichen Nacht ging draußen vor `Akká ein russisches Dampfschiff vor Anker, und die Behörden untersagten sofort, dieses Schiff zu betreten oder zu verlassen.

Vier Stunden nach Sonnenuntergang wurde Bahá'u'lláh aus der Dienststelle des Mutasarrif hinausgeführt und zusammen mit Seinem Sohn Mírzá Muhammad-`Alí in einem Zimmer der Khán-i-Shávirdí untergebracht; den Größten Zweig führte man dagegen in das Límán (Gefängnis), während Aqá Mírzá Muhammad-Qulí woandershin gebracht wurde. Mírzá Aqá Ján konnte noch nach Hause gehen und alles holen, was Bahá'u'lláh für die Nacht brauchte; dann steckte man ihn mit einigen anderen Gefährten in das Gefängnis der Seraye. Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt über diese Vorgänge:

#382


"Bahá'u'lláh wurde ... während der ersten Nacht zusammen mit einem Seiner Söhne in einem Raum im Khán-i-Shávirdí¹ in Haft gehalten. Für die beiden folgenden Nächte wurde Er in ein besseres Quartier in der Nähe gebracht, und erst nach siebzig Stunden durfte Er wieder in Seine Wohnung zurückkehren. `Abdu'l-Bahá wurde in der ersten Nacht ins Gefängnis geworfen und in Ketten gelegt; dann erst durfte Er wieder zu Seinem Vater gehen. Fünfundzwanzig Gefährten wurden gefesselt und in ein anderes Gefängnis geworfen ..." (GGV S.216)

¹ Das Khán-i-Shávirdí ist eine der Karawansereien Akkás. Die Erbauungszeit steht nicht genau fest; doch wurde es wahrscheinlich unter Al-Jazzár oder Sulayman Pashá erbaut. An seiner Südostecke befindet sich der Burju's-Sultán, der einzige heute noch vorhandene der vielen Kreuzfahrertürme, von denen `Akká einst umgeben war. Der Ostflügel dieses Khán grenzt an das Límán und diente als dessen Erweiterung; daher waren Bahá'u'lláh und Sein Sohn wahrscheinlich in diesem Flügel eingekerkert.


(Bildlegende: Khán-i-Shávirdí: Rechts der Burju's-Sultán, dahinter der Teil der Khán, in dem die Gefährten wahrscheinlich gefangen saßen.)


#383

(Bildlegende: Khán-i-Shávirdí)


Aqá Ridá erzählt von Hájí `Alí-`Askar, derselben ergebenen Seele, die in Adrianopel freiwillig die Verbannung und Einkerkerung in `Akká erwählt hatte; dieser Veteran des Glaubens war einige Jahrzehnte zuvor dem Báb von Angesicht zu Angesicht begegnet und hatte ohne Zögern Seinen Glauben angenommen. Da er nun an diesem Tag nicht außer Hause war, hatte man ihn nicht verhaftet und abgeführt. Nachdem er aber von der Festnahme seiner Mitgläubigen erfahren hatte, kam er in dieser Nacht nicht mehr zur Ruhe. Mit Anbruch des Tages lief er eilends zur Seraye und klopfte ans Tor. Man sagte ihm, er solle verschwinden und hier kein Aufhebens machen; aber er klopfte weiter an und bestand darauf, daß man ihn genauso behandelte wie die anderen. Er gab nicht eher Ruhe, als bis man ihn zusammen mit den übrigen Gefährten ins Gefängnis geworfen hatte. Aqá Ridá gibt noch an, daß Mírzá Muhammad-Qulí im gleichen Raum wie Bahá'u'lláh festgehalten wurde.

Schließlich teilte der Mutasarrif dem Válí von Syrien, Subhí Páshá¹, telegrafisch alles mit, was sich ereignet hatte. Der Válí nahm sofort Anstoß an der Art und Weise, wie man mit Bahá'u'lláh verfahren war, und erteilte dem Mutasarrif einen Verweis. Am nächsten Tag wurde Bahá'u'lláh in die Räume oberhalb des Límán umquartiert. Am Nachmittag des dritten Tages - schreibt muhammad-Javád - führte man Bahá'u'lláh, den Größten Zweig, Mírzá Muhammad-`Alí und Mírzá Muhammad-Qulí nochmals dem Mutasarrif vor. Bahá'u'lláh hatte an diesem Tag leichtes Fieber. Er sagte dem Mutasarrif und dem Muftí, daß sie nicht im Einklang mit Gottes Vorschriften gehandelt hätten; daraufhin teilte Ihm der Mutasarrif mit, Er könne jetzt nach Hause gehen. Als Er sich erhob, um zu gehen, standen alle auf und entschuldigten sich demütig für ihr anmaßendes Verhalten. Daraufhin begab Er sich zusammen mit dem Größten Zweig sowie mit Mírzá Muhammad-`Alí, Mírzá muhammad-Qulí und Mírzá Aqá Ján zu Fuß nach Hause.

¹ Nach britischen Konsularunterlagen traf Subhí Páshá am 27. Oktober 1871 in Damaskus ein, um seine Amtsgeschäfte als Generalgouverneur aufzunehmen, die er bis Januar 1873 ausübte. (FO 195.976 und 1027)


#384

Der Hüter der Bahá'í-Religion beschreibt diese Begebenheit wie folgt:

"Beim Verhör forderte man Ihn auf, Seinen Namen zu nennen und den Namen des Landes, aus dem Er kam. "Das ist klarer als die Sonne," antwortete Er. Man stellte Ihm nochmals die gleiche Frage, worauf Er folgende Antwort gab: "Ich erachte es nicht für angemessen, das zu sagen. Schauen Sie doch in dem Erlaß der Regierung nach, der in Ihrem Besitz ist." Hierauf wiederholten sie - diesmal mit betonter Ehrerbietung - noch einmal ihre Frage, worauf Bahá'u'lláh voll Majestät und Macht folgende Worte sprach: "Mein Name ist Bahá'u'lláh (Licht Gottes), und Mein Land ist Núr (Licht). Dies zu Ihrer Kenntnis." Dann wandte Er sich zu dem Muftí, an den Er einen versteckten Tadel richtete, und sprach sodann zu der ganzen Versammlung in einer so gewaltigen und erhabenen Sprache, daß keiner Ihm zu antworten wagte. Nachdem Er Verse aus der Súriy-i-Mulúk zitiert hatte, erhob Er sich und verließ die Versammlung. Kurz darauf ließ Ihm der Gouverneur mitteilen, daß Er frei sei und nach Hause zurückkehren könne; auch entschuldigte er sich wegen des Vorfalls." (GGV S.216f)

Die sieben, die sich der Morde schuldig gemacht hatten, wurden im Límán eingekerkert; sie blieben dort sieben Jahre lang gefangen. Sechzehn weitere Gefährten wurden nach sechs Tagen in die Khán-i-Shávirdí eingeliefert und im selben Raum, in dem Bahá'u'lláh während der ersten Nacht gefangen saß, sechs Monate lang festgehalten.


#385

Dann berichtet Muhammad-Javád-i-Qazvíní in seiner kleinen Abhandlung von dem Mord an zwei weiteren Männern, der sich noch vor der Ermordung Siyyid Muhammad-i-Isfahánís und seiner zwei Helfershelfer ereignet habe. Als Namen nennt er Husayn-`Alí aus Káshán, auch Khayyát-Báshí genannt, und Hájí Ibráhím, der ebenfalls aus Káshán kam; doch sagt er nicht, wer sie ermordete. Diese beiden Männer aus Káshán, die immer wankelmütig waren, hatten sich offenbar mit den Azalí zusammengetan, obwohl sie mit den Gefährten in der Khán al-`Umdán wohnten. Wie Muhammad-Javád schreibt, denunzierte Hájí Ibráhím eines Tages in seiner Gegenwart Aqáy-i-Kalím vor dem Muftí. Dieses verwerfliche Verhalten erregte den Zorn der Gefährten, und einige von ihnen (deren Namen wir nicht kennen) ermordeten die beiden und begruben sie in einem Zimmer in der Absteige. Dies trug sich zu der Zeit zu, als Bahá'u'lláh wegen der zunehmenden Feindseligkeit der Azalí niemanden mehr in Seine Gegenwart treten ließ. Siyyid Muhammad hatte jedoch das Verschwinden der beiden Männer bemerkt und den Behörden mitgeteilt. Es gab damals allerdings keinen Grund, ein Verbrechen zu vermuten. Erst nach der Ermordung der drei Azalí kam bei der Vernehmung der Gefährten auch der Mord an den zwei Káshánern ans Licht. Wiederum nennt Muhammad-Javád keine Namen, sondern hält nur fest, daß man den Behörden sagte, die zwei Männer seien an der Cholera gestorben, und um zu vermeiden, daß alle weggebracht und in Quarantäne gesteckt würden, hätte man sie sogleich in aller Stille in einem Raum der Unterkunft beigesetzt. Die Behörden ließen die Leichen exhumieren und neben den Azalí bestatten.

An der Abhandlung des Muhammad-Javád-i-Qazvíní ist außerdem von Interesse, daß die Ehefrau Mírzá Yahyás und Schwester des Mírzá Ridá-Qulíy-i-Tafrishí, deren Name sonst überall mit Badrí-Ján angegeben wird, hier als Badri-Jahán erscheint. Die sechzehn Männer, die sechs Monate lang in der Khán-i-Shávirdí festgehalten wurden, werden wie folgt angegeben: Hájí `Alí-`Askar-i-Tabrízí sowie sein Sohn Husayn-Aqá und sein Bruder Mashhadí Fattáh; Hájí Ja`far und sein Bruder Hájí Taqí; Muhammad-Javád-i-Qazvíní selbst; Aqá Faraj-i-Sultánábádí; Aqá Ridáy-i-Shírází; Mírzá Mahmúd-i-Káshání; Hájí Faraju'lláh-i-Tafrishí; Aqá `Azím-i-Tafrishí; Aqá Muhammad-`Alíy-Isfahání; Aqá Muhammad-`Alíy-i-Yazdí; Darvísh Sidq-`Alíy-i-Qazvíní; Aqá Muhammad-Ibráhím-i-Nayrízí, auch als Amír-i-Nayrízí bekannt; sowie Hájí Aqáy-i-Tabrízí.

Auch Nabíl-i-A`zam und Aqá Muhammad-Hasan, der Sohn des Ustád Báqir-i-Káshání, waren ein paar Tage lang in Haft; da sie aber nicht zu der Gruppe der Verbannten gehörten, schickte man sie nach Tripoli bei Beirut.


#386

Die Lage, in der sich Bahá'u'lláh und Seine Gefährten jetzt befanden, hat der Hüter der Bahá'í-Religion wie folgt beschrieben:

"Der Bevölkerung, die ohnedies schon schlecht auf die Verbannten zu sprechen war, bemächtigte sich nun nach diesem Vorkommnis eine hemmungslose Feindschaft jedem gegenüber, der den Namen des Glaubens trug, zu dem sich jene Ausgestoßenen bekannten. Offen und unbedenklich schleuderte man ihnen den Vorwurf der Ruchlosigkeit, der Gottlosigkeit, der Gewalttätigkeit und der Ketzerei ins Gesicht ... Selbst die Kinder der eingekerkerten Verbannten wurden, wenn sie sich in diesen Tagen auf der Straße sehen ließen, verfolgt, angepöbelt und mit Steinen beworfen. Der Leidenskelch Bahá'u'lláhs war nun zum Überfließen voll ..." (GGV S.217)

Selbst Ilyás `Abbúd war so aufgeschreckt und beunruhigt, daß er daran ging, sein Haus gegen jeden Zutritt aus dem angrenzenden Haus von `Udí Khammár, in dem Bahá'u'lláh wohnte, abzuriegeln.

Aqá Ridá gibt eine anschauliche Schilderung jener Tage der Haft in der Khán-i-Shávirdí. Die Artilleristen, die dort zur Bewachung der Verbannten postiert waren, beobachteten argwöhnisch jede ihrer Bewegungen und behandelten sie mit großer Härte. Ständig wurden sie ins Angesicht beschimpft. Aber allmählich ließen ihr Betragen und ihre Sanftmut alle Schranken zusammenbrechen, bis die Kerkermeister schließlich bekannten, daß sie den Lügen aufgesessen waren, die man ihnen vorgesetzt hatte. Endlich kam der Tag, an dem den Ausgestoßenen - noch lange vor ihrer Entlassung - gestattet wurde, andere Häuser und auch das Haus Bahá'u'lláhs zu besuchen. Am Nachmittag luden sie die Artilleristen und Polizisten zum Tee ein. Sie pflanzten Blumen im Hof und hielten die alte Absteige sauber. Jeden Tag war einer von ihnen für das Kochen und den Reinigungsdienst verantwortlich. Zuletzt gaben die Gefängniswächter ihrem Abscheu über die Haltung der hohen Beamten Ausdruck, die unerbittlich blieben und den Verbannten nicht erlaubten, endgültig heimzugehen. Aber die Befreiung war nicht mehr fern. Der Gouverneur wurde entlassen, und sein Nachfolger Ahmad Big Tawfíq war ein gerechter Mann.





+36 #387

Kapitel 36

Das Blatt wendet sich

Endlich - so erzählt uns Aqá Ridá - lehnten sich die Männer der Artillerie gegen die schwankende Haltung der Behörden auf. Sie nahmen einige der Verbannten mit sich, gingen zur Seraye und sagten geradeheraus: "Wir sind Soldaten, keine Gefängniswärter. Wenn diese Leute Verbrecher sind, dann nehmt sie und steckt sie ins Gefängnis. Wenn nicht, dann laßt sie in Frieden und schickt sie nach Hause. Wir sind nicht länger bereit, für sie die Wächter zu spielen." Die Behörden gaben nach. Der neu ernannte Mutasarrif ließ sich endlich die entsprechenden Papiere bringen und entließ die Gefährten, die man grundlos im Khán-i-Shávirdí festgehalten hatte.

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt:

"Die allmähliche Erkenntnis in allen Schichten der Bevölkerung, daß Bahá'u'lláh völlig unschuldig war, das langsame Eindringen des wahren Geistes Seiner Lehren in die harte Schale ihrer Gleichgültigkeit und Bigotterie, die Einsetzung des klugen und menschlichen Gouverneurs Ahmad Big Tawfíq auf dem Platz des früheren, dessen Geist hoffnungslos von Haß gegen den Glauben und seine Anhänger vergiftet gewesen war, das unermüdliche Wirken `Abdu'l-Bahás, der jetzt in der Blüte Seiner Mannesjahre stand und durch Seine Kontakte zur Masse der Bevölkerung zunehmend Seine Befähigung unter Beweis stellte, sich schirmend vor Seinen Vater zu stellen, und schließlich, durch das Walten der Vorsehung, die Entlassung der Beamten, die zur Verlängerung der Haft der unschuldigen Gefährten beigetragen hatten - alles dies wirkte als Wegbereiter für die Gegenbewegung, die jetzt in Gang kam ..." (GGV S.217f)


#388

(Bildlegende: Die Stadt `Akká in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Diese Ansicht von Nordosten zeigt rechts die Moschee von Al-Jazzár, im Vordergrund den Aquädukt und links im Hintergrund den Berg Karmel jenseits der Bucht von Haifa. (Aus Wilson: Picturesque Palestine)


Ahmad Big Tawfíq war in der Tat von dem majestätischen Auftreten, den gewinnenden Umgangsformen, dem würdigen Verhalten und umfassenden Wissen des Größten Zweiges so überwältigt und in den Bann geschlagen, daß er, um seine Ehrfurcht zu bezeigen, die Schuhe auszog, wenn er in Seiner Gegenwart war. Die Schriften Bahá'u'lláhs, die die Gegner zusammengetragen hatten, um die Behörden gegen den Glauben aufzubringen, hinterließen ebenfalls einen tiefen Eindruck bei diesem gerechten Mann, der begierig war, sein Wissen zu erweitern. Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt dazu:

"Es sprach sich sogar herum, daß seine [Ahmad Big Tawfíqs] bevorzugten Ratgeber ausgerechnet jene Verbannten waren, die Anhänger des Gefangenen, der sich in seinem Gewahrsam befand. Er schickte sogar seinen eigenen Sohn gern zu `Abdu'l-Bahá, um sich bei Ihm Rat und Unterweisung zu holen. Während einer lange gesuchten Unterredung mit Bahá'u'lláh bat er Ihn, Ihm doch einen Dienst erweisen zu dürfen, worauf Bahá'u'lláh den Vorschlag machte, die Wasserleitung wiederherzustellen, die man seit dreißig Jahren hatte verfallen lassen¹; dieser Bitte wurde sofort entsprochen." (GGV S.218)

¹ Der Aquädukt verlief früher von der Quelle bei Kabrí zu dem Haus von `Abdu'lláh Páshá in Mazra`ih, von dort nach Bahjí und weiter nach `Akká. Er erreichte die Stadt dicht bei der Burj al-Kummandar. Als erster hatte Al-Jazzár einen Aquädukt von Kabrí bis zur Stadt angelegt; sein Aquädukt verlief jedoch weiter östlich als der jetzige, der 1814 von Sulaymán Páshá erbaut worden war. `Abdu'lláh Páshá verbesserte diesen und benutzte ihn zur Versorgung seiner Besitzungen in Mazra`ih und Bahjí. Bei Bahá'u'lláhs Ankunft in `Akká war er jedoch offensichtlich verwahrlost.


#389

Wie Aqá Ridá schreibt, fand Ahmad Big Tawfíqs erste Begegnung mit dem Größten Zweig am Ufer des Meeres statt, als `Abdu'l-Bahá dorthin schwimmen ging. Der Mutasarrif kam, setzte sich und hörte Ihm zu. Was ihn bewogen hatte, `Abdu'l-Bahás Gesellschaft zu suchen, war seine Lektüre in den Schriften, die man der Regierungsstelle übergeben hatte, in der Absicht, den Glauben zu kompromittieren. Auf ihn hatte die Lektüre jedoch die gegenteilige Wirkung. Er war tief beeindruckt und fühlte sich nun verwirrt. Als er daher bemerkte, daß der Größte Zweig am Meer war, ging er zu Ihm hin, und alle seine Zweifel wurden zerstreut. Später ließ er alle Schriften Bahá'u'lláhs, die sich in seinem Besitz befanden, im besten kalligraphischen Stil für sich abschreiben.


(Bildlegende: Das Zimmer Bahá'u'lláhs im Haus `Abbúd mit Blick auf das Meer. (Gunther Spank)


#390

(Bildlegende: Blick aus dem Zimmer Bahá'u'lláhs im Haus `Abbúd, aufgenommen 1922)


Selbst Ilyás `Abbúd, der entsetzt war, Bahá'u'lláh zum Nachbarn zu haben, war mittlerweile so besänftigt, so umgestimmt und Bahá'u'lláh und Dessen ältestem Sohn so zugetan, daß er die Mauern niederriß, die er zwischen den beiden Häusern errichtet hatte, und am Ende sein eigenes Haus Bahá'u'lláh zur Verfügung stellte. Der Leser erinnert sich, daß `Udí Khammárs Haus für Bahá'u'lláh und Seine Familie frei wurde, als `Udí Khammár sein neues Landhaus vor `Akká bezog. (s.a. S.370) Dies war das hintere Haus, das weiter von der See entfernt lag, und Bahá'u'lláh bewohnte dort ein Zimmer, das auf einen freien Platz an der Rückseite (den Sahatu'l-`Abbúd) hinaussah. Als Ilyás `Abbúd einige Jahre später sein eigenes Haus zur Verfügung stellte, zog Bahá'u'lláh in ein Zimmer mit Blick auf das Meer, und die stark beengten Verhältnisse Seiner Familie waren nun erheblich verbessert. Heute trägt der ganze Gebäudekomplex, den Bahá'u'lláh und Seine Familie sechs Jahre lang bewohnt haben, den Namen `Abbúds: Bayt `Abbúd. Der wiederholten Fürsprache `Abbúds war es übrigens zu verdanken, daß Bahá'u'lláh schließlich bereit war, den Mutasarrif zu empfangen. Aqá Ridá berichtet, daß dieser eines Tages am Spätnachmittag "demütig und still" in die Gegenwart der Gesegneten Vollkommenheit trat. Ilyás `Abbúd winkte einigen, die dabei waren, sie sollten für den Gouverneur eine qalyán (Huka oder Wasserpfeife) bringen; doch Ahmad Big bedeutete ihnen, dies zu unterlassen, denn in der Gegenwart seines Gefangenen werde er sich diesen Genuß versagen. Wie Aqá Ridá berichtet, ersuchte ihn Bahá'u'lláh, den Fall jedes einzelnen Inhaftierten zu überprüfen. Dies nahm der Mutasarrif sofort in Angriff. Er prüfte jeden Fall sorgfältig und unparteiisch und bezog auch die sieben mit ein, die in dem gefürchteten Límán eingekerkert waren. Wer darüber Bescheid wußte, daß die Behörden in der Vergangenheit 300 Pfund verlangt hatten, ehe sie jemanden aus der Khán-i-Shávir-dí freiließen, war höchst verwundert, als der Mutasarrif nunmehr den dort seit Monaten eingekerkerten Gefährten erlaubte, in ihre Wohnungen in der anderen Karawanserei zurückzukehren. Nur die sieben, die des Mordes schuldig waren, wurden nicht entlassen, wie wir schon gehört haben.


#391

Aber Badrí-Ján hielt noch nicht still. Sie beklagte sich, ihr Leben sei in Gefahr, die Gefährten würden sie umbringen, wie sie ihren Bruder Mírzá Ridá-Qulí umgebracht hatten. Ahmad Big Tawfíq entschied daher, daß sie zu ihrem Gatten Mírzá Yahyá zurückkehren solle; doch sie weigerte sich, im guten zu gehen, und mußte daher von der Polizei gewaltsam fortgeschafft werden. Auf Zypern angekommen, stellte sie erneut ihre Abneigung gegen Mírzá Yahyá unter Beweis, indem sie einen großen Bogen um Famagusta machte und es vorzog, in einer anderen Stadt, vermutlich Nicosia, zu wohnen. Ein oder zwei Jahre später zog sie von Zypern nach Izmír (Smyrna), dann weiter nach Istanbul, wo sie im Haus eines persischen Tabakhändlers wohnte. Wir wissen, daß ihre Töchter mit Shaykh Ahmad-i-Rúhí und Mírzá Aqá Khán-i-Kirmání verheiratet waren.¹ Als sie nach sechs Jahren hörte, daß die Frau Mírzá Yahyás, die Mutter von Mírzá Ahmad, gestorben war, kehrte sie nach Zypern zurück und lebte wieder mit ihrem Gatten zusammen.

¹ Siehe Balyuzi: Edward Granville Browne and the Bahá'í Faith, S.21ff.


So vergingen die zwei Jahre, in denen Ahmad Big Tawfíq Gouverneur war, bis er auf einen anderen Posten abberufen wurde. In diesen Jahren hatten Bahá'u'lláh und Sein ältester Sohn ihm keine besonderen Aufmerksamkeiten erwiesen; aber sobald bekannt wurde, daß er die Stadt verlassen sollte, erfuhr er solche Gastfreundschaft, daß die Leute sich sehr verwunderten, bis man ihnen klarmachte, das gleiche Verhalten hätte fehlgedeutet werden können, solange er in Akká noch die Zügel der Macht in Händen hielt. Auf dem Turm am Meer in nächster Nähe des Bayt Abbúd ließ der Größte Zweig ein Zelt für ihn herrichten, in dem er seine Gäste und alle, die sich von ihm verabschieden wollten, empfangen konnte. In den Tagen, die er in Vorbereitung auf seinen Abschied dort verbrachte, wurden alle mit einem Mittag- und Abendessen verköstigt. Er bat um eine Kopie des Größten Namens, die Mírzá Muhammad-Alí, der Sohn Bahá'u'lláhs, ein wahrer Meister der Kalligraphie, für ihn fertigte. Bis zum Tag seiner Abreise aus `Akká brachte Ahmad Big Tawfíq immer wieder seinen Kummer über die bevorstehende Trennung von Bahá'u'lláh und Seinem ältesten Sohn zum Ausdruck.


#392

So wendete sich das Blatt, bis schließlich kein Geringerer als Shaykh Mahmúd, der Muftí von Akká, dem Gefangenen seine Ergebenheit bezeigte - einem Gefangenen, welcher nach der Verfügung des Sultáns, des Kalifen aus dem Hause Osman, immer noch in strengstem Gewahrsam gehalten werden sollte; doch dachte niemand mehr im Traum daran, diesen Erlaß wirklich durchzuführen.

Und nun zu der Geschichte von Shaykh Mahmúd. Er war ein in `Akká wohlbekannter, äußerst fanatischer Mann, der den Verbannten zu Anfang überaus feindlich gesinnt war. Jahre später, nachdem er Bahá'u'lláh seine Ergebenheit bezeigt hatte, erzählte er die Geschichte seiner geistigen Odyssee. Als er zum erstenmal den farmán¹ des Sultán `Abdu'l-`Azíz hörte, der in der Moschee verlesen wurde, kochte er vor Wut, wie er sich erinnerte. Er konnte sich nicht mehr beherrschen, sondern lief zum Eingang der Zitadelle und verlangte Zutritt. Da er unter den Bürgern `Akkás eine hochgestellte Persönlichkeit war, konnten die Wachen sein Verlangen nicht abweisen und ließen ihn hineingehen, sagten ihm jedoch, er brauche eine Erlaubnis, um in die Gegenwart Bahá'u'lláhs vorgelassen zu werden. Er verlangte diese Erlaubnis; doch von Bahá'u'lláh kam die Antwort, er solle zunächst seinen Vorsatz ändern (der in Beleidigungen und Schmähungen bestand), bevor er um ein Treffen nachsuchen könne. Diese Antwort erschütterte ihn, aber seine Feindschaft und sein Zorn hielten unvermindert an. Nach einiger Zeit unternahm er einen zweiten Versuch, die Gegenwart Bahá'u'lláhs zu erreichen. Diesmal hatte er eine Waffe bei sich verborgen, die er zu gebrauchen gedachte. Er erhielt zur Antwort, zuerst solle er das ablegen, was er bei sich trage. Shaykh Mahmúd war aufs äußerste betroffen. Wer ist dieser Mann, fragte er sich, der die Geheimnisse des Herzens kennt? Bei seinem dritten Anlauf war er ein gewandelter Mann und wurde in Bahá'u'lláhs Kammer vorgelassen. Dort warf er sich Bahá'u'lláh augenblicklich zu Füßen und erklärte, er glaube an Ihn, wer immer Er sei.

¹ Dieser farmán galt nach einem Brand der Seraye als verloren; doch überstand er dieses Unglück und gelangte viele Jahre später auf wundersame Weise in die Hände `Abdu'l-Bahás.


#393

So wurde aus dem erbitterten Gegner Shaykh Mahmúd ein Bahá'í, der jederzeit bereit war, seinem Herrn zu dienen.

Mírzá Núri'd-Dín-i-Zayn (Zeine) bezeugt in seinen unschätzbaren Erinnerungen, daß Shaykh Mahmúd gewöhnlich nachts mit einer Laterne aufs Feld hinausging und, sobald er einen Bahá'í traf, der von weither kam und nicht in die Stadt eingelassen wurde, diesem die Lampe gab, so daß er sie als sein Diener vor ihm hertragen konnte; auf diese Weise führte er den Pilger in die Stadt `Akká und in die Zitadelle. In gleicher Weise führte er den Pilger dann auch wieder hinaus in die Sicherheit des freien Feldes. Mírzá Núri'd-Díns Erinnerungen entnehmen wir auch, daß Shaykh Mahmúd nach dem Hinscheiden Bahá'u'lláhs in einem Zelt an der Außenwand der Kammer Seines Schreines Wache hielt, bis diese Wand verstärkt und befestigt war. Es dauerte ungefähr eine Woche bis zum Abschluß dieser Bauarbeiten.





+37 #394

Kapitel 37

Die Heirat des Größten Zweiges

Zwei Brüder aus Isfahán, Mírzá Muhammad-Alíy-i-Nahrí und Mírzá Hádíy-i-Nahrí, wurden vom Bábu'l-Báb dahin geführt, daß sie sich dem in Shíráz aufgekeimten neuen Glauben leidenschaftlich verschrieben. Ein dritter Bruder, Mírzá Ibráhím, dessen Name nicht wegen seiner eigenen Verdienste, sondern wegen der Errungenschaften und des höchsten Opfers seiner zwei Söhne¹ Unsterblichkeit erlangt hat, ging nicht den gleichen Weg; er hielt sich nicht nur abseits, sondern trug dazu bei, seinen Brüdern ein gutes Stück ihres Erbteils vorzuenthalten, weil sie den Qá'im des Hauses von muhammad anerkannten, als Dieser Sein Licht über die Welt ausgoß.

¹ Diese Söhne waren Mirzá Hasan und Mirzá Husayn; sie erlangten beide die Krone des Märtyrertums. Die Erhabenste Feder verlieh ihnen die Namen Sultánu'sh-Shuhadá (der König der Märtyrer) und Mahbúbu'sh-Shuhadá (der Geliebte der Märtyrer)


Mírzá Muhammad-Alí, Mírzá Hádí und Mírzá Ibráhím waren die Söhne des Hájí Siyyid Mihdíy-i-Nahrí, eines sehr reichen Mannes, dessen Vater Siyyid Muhammad-i-Hindí ("der Inder") - aus Zavárih, einer Kleinstadt bei Isfahán, gebürtig - seine großen Reichtümer in Indien durch die Verheiratung mit einer Tochter aus indischem Königshause erworben hatte. Als er in Indien war, hatte Siyyid Muhammad durch einen Seher die Gewißheit erhalten, daß seine Nachfahren schon bald das Kommen des Qá'im erleben würden; daraufhin hatte er testamentarisch bestimmt, daß der größte Teil seines Vermögens diesem "Herrn des Zeitalters" zu Füßen gelegt werden solle.

Nach dem Tode des Siyyid Muhammad-i-Hindí übersiedelte sein Sohn Hájí Siyyid Mihdí in den Iráq und ließ sich in Najaf nieder. Er errichtete dort und in Karbilá zum Nutzen der Allgemeinheit Geschäfte und Karawansereien; auch ließ er einen Kanal anlegen, der für die Bevölkerung sehr segensreich war. Deshalb bekam er den Beinamen Nahrí (der Mann vom Fluß).


#395

In den Tagen von Siyyid Kázim-i-Rashtí hatten Mírzá Muhammad-`Alí und Mírzá Hádí in Karbilá einen jungen Siyyid aus Shíráz gesehen und wegen Seines Auftretens, Seiner Ergebenheit und Höflichkeit große Zuneigung zu ihm gefaßt. Als sie zum erstenmal davon hörten, daß in Shíráz das Licht des neuen Tages angebrochen sei, dachten sie daher sofort an ihre Begegnung mit diesem jungen Siyyid aus Shíráz zurück. Sie täuschten sich nicht, denn es war kein anderer als Siyyid `Alí-Muhammad - der Báb.

Man erzählt, daß die Ehefrau des Hájí Siyyid Mihdí für ihre Frömmigkeit und für die Einhaltung der Andachtsübungen ihres Glaubens bekannt war. Vor der Geburt ihrer Söhne träumte ihr eines Nachts, aus dem Brunnen im Hof ihres Hauses erhöben sich zwei Monde im vollen Glanze und suchten Frieden im Schutz ihrer Gewänder. Sie war von diesem Traum so erregt, daß sie sich in der Morgenfrühe des nächsten Tages zum Haus des gefeierten Rechtsgelehrten Hájí Siyyid Muhammad-Báqir-i-Shaftí begab und ihn um eine Deutung ihres Traumes bat. Er sagte ihr, sie dürfe guten Mutes sein, denn ihr Traum besage, daß zwei ihrer Kinder strahlende Lichter würden, deren öffentliches Ansehen die Annalen der Familie schmücken werde. Bald darauf wurde Mírzá Muhammad-`Alí und fünfzehn Monate später Mírzá Hádí geboren. Als sie heranwuchsen, zeigte der ältere Befähigung und Interesse für theologische Studien; der jüngere zog sich aus dem Handelshaus seines Vaters zurück und verschrieb sich einem Leben des Gebets und der Meditation. Der erwähnte Rechtsgelehrte war von Auftreten und Haltung Mírzá Hádís so beeindruckt, daß er ihm seine Nichte zur Frau gab. Diese Frau, später die Schwiegermutter des Königs der Märtyrer, erhielt von der Erhabensten Feder (Bahá'u'lláh) den Ehrentitel Shamsu'd-Duhá (das Leuchtende Gestirn).

Nachdem die beiden Brüder sich der Sache des Báb verschrieben hatten, standen andere Söhne des Hájí Siyyid Mihdíy-i-Nahrí gegen sie auf und betrogen sie um den größten Teil ihres Erbes. Die beiden schenkten Táhirih in Karbilá ein Kästchen mit Juwelen, das ihrem Vater Hájí Siyyid Mihdí gehört hatte. Mit dem Erlös aus diesen Juwelen konnte Táhirih ihre Ausgaben bestreiten. Mírzá Muhammad-`Alí war in Isfahán und wohnte im theologischen Seminar Madrisiy-i-Kásihgarán, während seine Frau - die Ehe blieb kinderlos - in Karbilá lebte und starb. Da machte Hájí Aqá muhammad-i-Nafaqih-Furúsh, ein anderer Bábí aus Isfahán, Mírzá Muhammad-`Alí den Vorschlag, aus der Madrisih in sein eigenes Haus umzuziehen und seine Schwester zu heiraten. Mírzá Muham-mad-`Alí stimmte dem zu. Doch auch diese Ehe blieb kinderlos, bis der Báb nach Isfahán kam.


#396

Der Gouverneur von Isfahán, Manúchihr Khán Mu`tamidu'd-Dawlih, hatte den Imám-Jum`ih der Stadt, Mír Siyyid Muhammad, gebeten, den Báb zu empfangen und für Seine Unterkunft zu sorgen; der Imám-Jum`ih hatte Mírzá Ibráhím, den Bruder von Mírzá Muhammad-`Alíy-i-Nahrí, der für den Imám in der Verwaltung seines Grundbesitzes arbeitete, zum Gastgeber des Báb ernannt. Eines Abends waren mehrere Personen eingeladen, mit dem Báb zu speisen. Unter den Gästen befand sich Mírzá Muhammad-`Alíy-i-Nahrí. Der Báb fragte ihn, ob er Kinder habe, und als Er erfuhr, daß Mírzá Muhammad-`Alí zwar zweimal verheiratet, aber kinderlos war, bot Er ihm einen Löffel von Seiner eigenen Süßspeise an. Mírzá Muhammad-`Alí aß etwas davon und gab den Rest seiner Frau. Nicht lange danach ging sie schwanger.

Doch es war viel passiert, seit der Báb sich in Isfahán aufgehalten hatte. Er war jetzt als Gefangener in der Feste Máh-Kú in Adharbáyján, während Seine Anhänger grimmigen Widerstand und harte Verfolgung zu erdulden hatten. Auf den Ruf des Báb hin machte sich Mírzá Muhammad-`Alíy-i-Nahrí mit fünfundzwanzig Bábí aus Isfahán und Umgebung nach Khurásán auf, wo sie sich mit vielen Bábí in dem Weiler Badasht zu gemeinsamer Beratung trafen. Vor seiner Abreise empfahl er seiner Frau, die das Kind in Kürze erwartete, sie solle ihm, falls es ein Mädchen wäre, den Namen Fátimih geben. Dieses Kind, die erstgeborene Tochter aus der Ehe zwischen Mírzá Muhammad-`Alíy-i-Nahrí und der Schwester von Aqá Muhammad-i-Nafaqih-Furúsh, war dazu bestimmt, die Ehefrau des Größten Zweiges, des ältesten Sohnes Bahá'u'lláhs, zu werden.


#397

Mírzá Muhammad-`Alí berichtet, daß er nach Beendigung der Konferenz von Badasht, als die Einwohner von Níyálá über die Konferenzteilnehmer herfielen, zusammen mit seinem Bruder Mírzá Hádí und anderen Bábí einen bestimmten Weg einschlug, um den Peinigern zu entkommen. Mírzá Hádí war sehr erschöpft und geschwächt, und als sie auf eine alte, verfallene Karawanserei stießen, suchten alle dort Schutz. In dieser Nacht starb Mírzá Hádí; doch als der Morgen anbrach, stellte Mírzá Muhammad-`Alí fest, daß seine Reisegefährten schon fort waren. Seine Lage schien aussichtslos; denn woher sollte er Hilfe bekommen, um seinen toten Bruder zu bestatten? Als er vor den Toren der Karawanserei stand und mit leerem Blick in die Einöde starrte, die ihn rings umgab, stand plötzlich eine Frau vor ihm. Sie fragte ihn, wer er sei und was er hier mache. Mírzá Muhammad-`Alí antwortete, drinnen liege sein toter Bruder, und er brauche Hilfe, um ihn zu Grabe zu tragen. Zu seiner Verblüffung und Erleichterung erwiderte die Frau: "Mach dir deshalb keine Sorge. Letzte Nacht träumte ich von Unserer lieben Frau Fátimih. Sie sagte zu mir: `Einer meiner Nachkommen ist soeben dort in der Karawanserei gestorben; geh und hilf bei seiner Bestattung.' Deshalb bin ich gekommen." Die Frau ging in ihr Dorf zurück und kehrte alsbald mit einigen Männern wieder. Sie wuschen Mírzá Hádís Leichnam, wickelten ihn in ein Leichentuch und bestatteten ihn an der Straße. Aufs äußerste ermattet, trat Mírzá muhammad-`Alí den Rückweg nach Isfahán an - sein Bruder war tot, von seiner Schwester hatte sich nach Badasht jede Spur verloren.

Jahre vergingen. Ein Holokaust lichtete die Reihen der Bábí. Der Báb selbst erlitt den Märtyrertod. Dann ereignete sich der Anschlag auf das Leben von Násiri'd-Dín Sháh, und noch viel mehr Glaubensgenossen von Mírzá Muhammad-`Alí starben als Märtyrer. Jináb-i-Bahá, den er in Badasht kennengelernt hatte, wurde in den `Iráq verbannt, und Mírzá Muhammad-`Alís Neffen, Mírzá Hasan und Mírzá Husayn, nahmen den neuen Glauben an.

Der Ruhm von Jináb-i-Bahá (Mírzá Husayn-`Alíy-i-Núrí) erscholl weit und breit. Der Onkel und seine Neffen beschlossen, in den `Iráq zu fahren, um Ihm zu begegnen. Unterwegs baten die Neffen ihren Onkel immer wieder, er möchte doch für sie eintreten, wenn sie im `Iráq ankämen. Mírzá Muhammad-`Alí sprach ihnen Mut zu: "Seid nicht so ängstlich. In Badasht wurden Jináb-i-Bahá und ich gute Freunde. Ich kenne Ihn sehr gut."

Aber sobald sie in Bahá'u'lláhs Gegenwart traten, brachte Mírzá Muhammad-`Alí fast kein Wort mehr heraus; seine Ehrerbietung kannte keine Grenzen. Kaum hatten sie die Gegenwart Bahá'u'lláhs verlassen, da bedrängten die Neffen ihren Onkel mit Fragen, was denn mit ihm los sei nach all seinen Beteuerungen, er sei ein enger Freund Bahá'u'lláhs. Alles, was er antworten konnte, war: "Aber das ist nicht der Jináb-i-Bahá, den ich in Badasht kennengelernt habe. Ich schwöre beim Allmächtigen Gott, daß Er kein anderer als der Verheißene des Bayán ist. Er ist Der, den Gott offenbaren wird."


#398

(Bildlegende: Sháh-Sultán Khánum (Khánum Buzurg) Bahá'u'lláhs Halbschwester)


Bahá'u'lláh seinerseits überschüttete diese ergebenen, selbstvergessenen Gläubigen aus Isfahán in verschwenderischem Maße mit Seiner göttlichen Liebe. Er selbst rief Mírzá Muhammad-`Alíy-i-Nahrí ins Gedächtnis: »Du weißt sicher noch, daß wir in Badasht gute Gefährten und eng befreundet waren.«

Bahá'u'lláh wollte Seinem ältesten Sohn Seine Nichte Shahr-Bánú Khánum, die Tochter Mírzá Muhammad-Hasans, zur Frau geben. Dies war auch die große Hoffnung Mírzá Muhammad-Hasans, der nach Baghdád eilte und Bahá'u'lláh dringend bat, diese Verbindung herbeizuführen. Doch er starb, bevor der Größte Zweig volljährig wurde; und als Bahá'u'lláh dann Aqá Muhammad-Javád-i-Káshání (den Vater von Aqá Husayn-i-Ashchí), der damaligen Sitte entsprechend, mit einem Ring und einem Kaschmir-Schal nach Tihrán entsandte, um für `Abbás, den Größten Zweig, die Hand von Shahr-Bánú Khánum zu erbitten, da verboten ihr Sháh-Sultán Khánum (auch als Khánum Buzurg, "die Große Dame", bekannt; Bahá'u'lláhs Halbschwester, die sich später auf die Seite Mírzá Yahyás schlug) und Sein Halbbruder Hájí Mírzá Ridá-Qulí (der nach dem Tod des Mírzá Muhammad-Hasan die Vaterrolle für Shahr-Bánú übernommen hatte), in den `Iráq zu reisen und den Größten Zweig zu heiraten. Schließlich wurde sie mit Mírzá `Alí Khán, einem Sohn des Großwesirs Mírzá Aqá Khán, getraut. Wie ihr Bruder Mírzá Fadlu'lláh Nizámu'l-Mamálik - ein ergebener Anhänger Bahá'u'lláhs - schrieb, hat sich Shahr-Bánú Khánum nie mit der ihr von Tante und Onkel aufgezwungenen Heirat abgefunden und grämte sich den ganzen Rest ihres jungen Lebens, bis sie an der Schwindsucht starb. Es hieß, Hájí Mírzá Ridá-Qulí habe sich gegen die Vermählung Shahr-Bánús mit dem Größten Zweig gestellt, weil er befürchtete, Násiri'd-Dín Sháh und seine Minister würden diese Heirat mißbilligen und ihn dafür zur Rede stellen.


#399

Natürlich war es jetzt Gesprächsthema, wen der Größte Zweig wohl heiraten würde. Es wird berichtet, daß Bahá'u'lláh dem Siyyid Mih-díy-i-Dahijí eines Tages einen Traum erzählte. "Uns träumte," sagte Er, "daß das Antlitz des lieblichen Mädchens, der Tochter Unseres Bruders Mírzá Hasan, die Wir dem Größten Zweig zur Frau geben wollten, allmählich immer dunkler wurde, bis es verschwand; es erschien ein anderes Mädchen mit strahlendem Antlitz und strahlendem Herzen, und Wir erwählten sie dem Größten Zweig zur Frau."

Inzwischen wurde in Isfahán die Trauung der Fátimih Khánum, der Tochter von Mírzá Muhammad-`Alíy-i-Nahrí, mit ihrem Vetter, einem jüngeren Bruder des Königs der Märtyrer und des Geliebten der Märtyrer, vollzogen. Fátimih Khánum war mit dieser Heirat einverstanden, obwohl sie sie nicht gewünscht hatte. Doch seltsamerweise und zum höchsten Erstaunen der Verwandtschaft hielt sich der Bräutigam in der Hochzeitsnacht seiner Braut fern, und nicht lange danach verstarb der junge Mann plötzlich. Kurz darauf traf in Isfahán ein Sendschreiben ein, das an den König der Märtyrer (Sultánu'sh-Shuhadá') gerichtet war. Darin sagte ihm Bahá'u'lláh: "Wir haben euch als Unseren Verwandten angesehen"; worauf er sich fragte, ob einer seiner Verwandten eine Bittschrift an Bahá'u'lláh gerichtet habe. Er stellte Nachforschungen an; doch wurde ihm vesichert, daß dies nicht der Fall sei. Er sagte allen, sie sollten äußerstes Stillschweigen bewahren und abwarten, was diesem gesegneten Tablet wohl folgen würde. Es vergingen einige Monate, bis Shaykh Salmán, der Bote, nach Isfahán kam. Er sagte zu Sultánu'sh-Shuhadá': "Ich bringe dir Kunde von einer wunderbaren Gnade. Ich habe den Auftrag, deine Kusine, die Tochter des verstorbenen Mírzá Muhammad-`Alí, ins Heilige Land zu bringen und unterwegs als Pilger die hajj nach Mekka zu unternehmen. Du mußt Vorsorge treffen, daß wir Isfahán rechtzeitig für die Pilgerreise verlassen können, die uns über Shíráz und Búshihr führen wird. Diese Vorkehrungen müssen in aller Stille getroffen werden, und niemand soll bis wenige Tage vor unserer Abfahrt Kenntnis von dieser Reise erhalten." Als die Zeit gekommen war, reisten Fátimih Khánum und ihr Bruder Siyyid Yahyá in Begleitung Shaykh Salmáns und eines Dieners nach Shíráz ab. Dort angekommen, stiegen sie zuerst in einer Karawanserei ab; doch bald kamen die Afnán und führten sie zum Haus des Hájí Mírzá Siyyid Muhammad, des Onkels mütterlicherseits des Báb. Dies war im Jahr 1872.


#400

Am nächsten Tag kam Khadíjih-Bigum, die Witwe des Báb, zu Fátimih Khánum und brachte sie zum Hause von Hájí Mírzá Siyyid `Alí, demjenigen Onkel des Báb, der den Märtyrertod gestorben war; Khadíjih-Bigum wohnte selbst in diesem Haus. Die beiden Häuser lagen nahe beieinander. Fátimih Khánum schreibt selbst in ihrer kurzen Autobiographie:¹

¹ Der Verfasser hat sich in diesem Kapitel stark auf diese Autobiographie gestützt und daraus zitiert.


Die Frau des Onkels [des Báb] war eine Dame von großer Rechtschaffenheit, die immer mit ihren Andachtsübungen beschäftigt war; aber sie hatte diesen wundersamen Glauben noch nicht verstanden. [Sie war eine Halbschwester der Ehefrau des Báb.] Sie sagte immer: "Was hat doch unser Mírzá `Alí-Muhammad für einen Aufruhr in dieser Welt verursacht! Wieviele kostbare Seelen sind untergegangen! Wieviel Blut wurde vergossen!" Ich sagte höflich zu ihr: "Meine sehr verehrte Dame, dieser Ihr Mírzá Alí-Muhammad war der Qá'im aus dem Hause Muhammad, der Verheißene aller heiligen Schriften. Jedesmal und in jedem Zeitalter entstand in dieser Welt der gleiche Aufruhr, wenn Gottes Ruf erhoben ward: Es flossen Ströme von Blut. Es ist von jeher dasselbe gewesen. Sie lesen Tag und Nacht im Qur'án. Haben Sie dort noch nicht die Verse gelesen: `... und sooft ein Bote zu euch kam mit dem, was eure Seelen nicht wünschten, wurdet ihr stolz; einige haben ihn mit Lügen beschimpft, andere haben ihn erschlagen.` Oder: `Wehe über diese Diener! Kein Gesandter kommt zu ihnen, den sie nicht verspotteten.`" (Qur'án 2:81 36:29) Dann las ich ihr noch einige Verse aus dem Qur'án vor. Sie sagte: "Niemand kennt die wahre Bedeutung dessen, was im Qur'án steht, außer Gott und den Meistern der Gelehrsamkeit." Ich sagte: "Nun gut, lassen wir es dabei, wie es Ihrer Anschauung und Ihrer Vorliebe entspricht. Wir wollen den Qur'án beiseite legen und aus dem Mathnaví [der großen Dichtung des Jaláli'd-Dín-i-Rúmí] lesen. Was hat Pharaoh mit Moses getan? Was haben die Menschen in Palästina mit Jesus getan? Wie haben die Menschen im Hijáz den Gesandten Gottes behandelt?" ... Wir lasen lange im Mathnaví ... Nachdem wir aus Shíráz abgereist waren, nahm sie den Glauben an.


#401

(Bildlegende: Fátimih Munírih Khánum, die Ehefrau `Abdu'l-Bahás)


#402

Fátimih Khánum - wir werden sie bald Munírih Khánum nennen, nach dem Namen, den Bahá'u'lláh ihr gab - erzählt dann in ihrer Autobiographie einiges, was ihr die Ehefrau des Báb über sich selbst berichtet hatte. Khadíjih-Bigum hatte erzählt:

"Eines Nachts träumte mir, daß Fátimih [die Tochter des Propheten Muhammad] zu uns nach Hause gekommen war und um meine Hand anhielt. Meine Schwestern und ich gingen in freudiger Erwartung zu ihr. Sie erhob sich und küßte mich auf die Stirn. Im Traum fühlte ich, daß sie mit mir zufrieden war. Am Morgen stand ich in Hochstimmung auf, aber die Bescheidenheit verbot mir, meinen Traum irgendeinem Menschen zu erzählen. Am Nachmittag des gleichen Tages kam die Mutter dieses Gesegneten Wesens [des Báb] zu uns nach Hause. Meine Schwester und ich gingen ihr zur Begrüßung entgegen, und sie erhob sich genauso, wie ich es im Traum gesehen hatte, umarmte mich und küßte mich auf die Stirn. Als sie wieder fort war, sagte mir meine ältere Schwester, der Zweck ihres Besuches sei gewesen, um meine Hand zu bitten. Ich sagte: `Wie groß ist mein Glück!` - und dann erzählte ich meinen Traum aus der vergangenen Nacht ..."

Die Tage in Shíráz waren für Fátimih Khánum außerordentlich beglückend, besonders wegen ihres Austausches mit der Frau des Báb. Doch der Zeitpunkt kam - für sie viel zu früh -, an dem Shaykh Salmán auf Abreise nach ihrem nächsten Zwischenziel drängte. Er sagte zu Fátimih Khánum und Siyyid Yahyá, Bahá'u'lláh wünsche ausdrücklich, daß sie mit der Karawane der Mekkapilger reisen sollten. Sie fuhren achtzehn Tage zur See, bis sie Jiddah (Jaddih) erreichten; von dort gingen sie nach Mekka, um die Riten der Pilgerreise auszuführen - das war im Februar 1873. Dort trafen sie Siyyid `Alí-Akbar-i-Dahijí (den Neffen des Siyyid Mihdí) und seine Frau, die aus dem Heiligen Land gekommen waren, um die hajj durchzuführen. Von ihnen erfuhren sie zu ihrer Bestürzung, daß wegen bestimmter Vorkommnisse (die Ermordung der Azalí) die Gefährten noch einmal ins Gefängnis geworfen worden seien und niemand die Stadt `Akká betreten dürfe. Aber Shaykh Salmán hatte die Gewißheit, daß sich ein Weg für sie finden würde, nach `Akká hineinzukommen, da es der Wunsch Bahá'u'lláhs war. Von Mekka zurück, fanden sie in Jiddah einen Brief von Mírzá Aqá Ján vor. Er enthielt die Anweisung, in dieser Hafenstadt zu bleiben, bis alle Pilger heimgekehrt seien, sich dann nach Alexandria zu begeben und dort ein Telegramm aus dem Heiligen Land abzuwarten.


#403

Fátimih Khánum schreibt, daß siebzehn Bahá'í auf diese Weise in Alexandria versammelt waren. Endlich kam ein Telegramm von Bahá'u'lláh, in dem sie alle angewiesen wurden, sich zu zerstreuen, mit Ausnahme der Gruppe von vier Personen - Fátimih Khánum, Siyyid Yahyá, Shaykh Salmán und der Diener -; diese Gruppe sollte mit dem österreichischen Schiff nach `Akká fahren, wo `Abdu'l-Ahad sie empfangen würde. Dieser `Abdu'l-Ahad aus Shíráz hatte von Bahá'u'lláh zu dem Zeitpunkt, als sich Seine Verbannung nach `Akká abzeichnete, den Auftrag erhalten, dorthin zu gehen und sich dort niederzulassen. Als freier Mann konnte `Abdu'l-Ahad auf diese Weise den verbannten Gefährten zu Diensten sein. Sie taten wie geheißen; doch als der Dampfer vor `Akká ankerte, fand sich keine Spur von `Abdu'l-Ahad. Alle Passagiere gingen von Bord, das Schiff wurde entladen, die Nacht brach an, und der Landungssteg wurde hochgezogen. Fátimih Khánum erinnert sich, daß Shaykh Salmán die ganze Zeit laut rief, bis in allerletzter Minute `Abdu'l-Ahad in einem Boot herankam. Das Fallreep wurde noch einmal heruntergelassen, und sie verließen den Dampfer. Es war sehr dunkel, schreibt Fátimih Khánum, und sie sah niemand auf der Landungsbrücke außer Aqáy-i-Kalím und Ilyás `Abbúd. Aber später erzählte ihr das Größte Heilige Blatt, der Größte Zweig sei auf Anweisung Bahá'u'lláhs auch am Kai gewesen, wenn sie Ihn auch nicht habe sehen können. Aqáy-i-Kalím brachte die Gruppe zum Khán-i-Jurayní (auch als Khán al-`Umdán bekannt), wo er mit seiner Familie wohnte. Am nächsten Tag meldeten sich Mitglieder der Familie Bahá'u'lláhs, um die neu Angekommenen in Seine Gegenwart zu geleiten. Fátimih Khánum schreibt: "Seine allerersten Worte waren: `Wir haben dich zu einem Zeitpunkt, da die Gefängnistore für alle verschlossen waren, in die Gefängnisstadt gebracht, um die Macht Gottes allen klar und einsichtig zu machen.'" Fátimih Khánum lebte fünf Monate im Haus von Aqáy-i-Kalím. Sie wurde von Zeit zu Zeit in die Gegenwart Bahá'u'lláhs vorgelassen, und sooft Aqáy-i-Kalím aus der Gegenwart Bahá'u'lláhs kam, hatte er ein Geschenk für sie dabei. Weiter schreibt sie:

"Eines Tages sagte Aqáy-i-Kalím zu mir: "Ich habe von der Gesegneten Vollkommenheit ein wunderbares Geschenk für dich mitgebracht. Er hat dir einen neuen Namen gegeben: Munírih [die Strahlende]." Als ich dies hörte, fiel mir sogleich wieder der Traum ein, den die Gesegnete Vollkommenheit dem Aqá Siyyid Mihdí mitgeteilt und den dieser uns erzählt hatte: "In der Welt des Traumes sah Ich, wie die Tochter Meines Bruders Mírzá Hasan erkrankte. Die Farbe ihres Antlitzes wandelte sich, und langsam wurde sie immer schmächtiger und schwächer, bis sie diese Welt verließ. An ihrer Stelle stand ein Mädchen mit strahlendem Antlitz und strahlendem Herzen, und Wir erwählten sie für den größten Zweig." Weil kein Haus zur Verfügung stand, lebte ich im Haus von Aqáy-i-Ka-lím, und sooft der Hausherr, Khájih Abbúd, nach dem Grund fragte, erhielt er keine klare Antwort, bis er selbst erkannte, daß der Raummangel die Ursache war. Daraufhin richtete er unverzüglich ein Zimmer in seinem eigenen Haus ein, das in der Richtung lag, wo die Mitglieder der Heiligen Familie wohnten, und ließ es schön herrichten." (Bericht Fátimih Khánum)


#404

Khájih `Abbúd stellte dieses Zimmer ganz Bahá'u'lláh zur Verfügung und sagte dazu: "Ich habe das Zimmer für den Meister [`Abdu'l-Bahá] herrichten lassen." Bahá'u'lláh nahm es an, und nun gab es kein Hindernis mehr für die Hochzeit des Größten Zweiges. Bahá'íyyih Khánum, das Größte Heilige Blatt, gab Munírih Khánum ein weißes Kleid, und drei Stunden nach Sonnenuntergang wurde sie in die Gegenwart Bahá'u'lláhs geleitet, der, wie Munírih Khánum schreibt, unter einem Moskitonetz ausruhte. Dann sprach die Zunge der Größe folgende Worte zu ihr:

»O Mein Blatt und Meine Magd! Wahrlich, Wir haben dich erwählt und angenommen, damit du Meinem Größten Zweig dienest. Dies geschah durch Meine Gnade, die alle Schätze der Erde und des Himmels überragt. Viele Jungfrauen haben in Baghdád, in Adirnih und in diesem Größten Gefängnis auf diese Gnade gehofft, doch wurde sie ihnen nicht gewährt. Du mußt Gott Dank sagen für diesen großen Segen und für das erhabene Geschenk, das dir zuteil ward. Gott sei mit dir.«


#405

(Bildlegende: Bahá'íyyih Khánum, das Größte Heilige Blatt, `Abdu'l-Bahás Schwester


#406

Bildlegende: Das Zimmer, in dem der Kitab-i-Aqdas offenbart wurde, im hinteren Teil des Hause Abbud (Haus Udí Khammár), wo Bahá'u'lláh zuerst wohnte; später zog Bahá'u'lláh in den vorderen Teil des Hauses und Abdu'l-Bahá bewohnte diesen raum. Die Möbel stammen aus Abdu'l-Bahás Zeit.





+38 #407

Kapitel 38

Die letzten Jahre in den Mauern der Stadt

Im Bayt Abbúd vollendete Bahá'u'lláh 1873, als Ahmad Big Tawfíq noch Gouverneur war, die Offenbarung des Kitáb-i-Aqdas, des Heiligsten Buches, das die Gesetze und Verordnungen Seiner Sendung und vieles andere enthält. Erst kurz zuvor war Er in dieses Haus eingezogen, das `Udí Khammár gehörte; Er stand noch mitten in den Unruhen und Wirren, die Seine Widersacher und selbst Seine eigenen Gefährten Ihm bereiteten. Der Kitáb-i-Aqdas trat an die Stelle des vom Báb offenbarten Kitáb-i-Bayán, und seine "Verkündung darf" - wie der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt - "als die herausragendste Tat Seiner Amtszeit gelten ..."

In seiner Erläuterung des Ranges und der Bedeutung dieses einzigartigen Buches, aus dem weiter unten einige Zeilen zitiert werden, gibt uns der Hüter eine Vorstellung von der zentralen, erhabenen Rolle, die der Kitáb-i-Aqdas bei der Entfaltung der Weltgesellschaft zu spielen bestimmt ist.

»Dieses "Heiligste Buch", auf das schon der Kitáb-i-Iqán anspielt, das der Hauptverwahrungsort des vom Propheten Jesaja vorausgesagten Gesetzes ist, das der Verfasser der Apokalypse als den "neuen Himmel" und die "neue Erde", als "die Stiftshütte Gottes", die "Heilige Stadt", die "Braut", das "von Gott herabkommende Neue Jerusalem" bezeichnet, dessen Verordnungen volle tausend Jahre lang unversehrt bestehen bleiben müssen, dessen System den ganzen Planeten umfassen wird, kann wohl als die strahlendste Ausgießung des Geistes Bahá'u'lláhs, als das Mutterbuch Seiner Sendung und als die Charta Seiner neuen Weltordnung angesehen werden.« (GGV S.242f)


#408

»Dieses Buch, dieser Verwahrungsort der unschätzbaren Kostbarkeiten Seiner Offenbarung, steht unter den Heiligen Schriften der Welt einzigartig und unvergleichlich da. Heraus ragt es durch die darin eingeimpften Prinzipien, die darin begründeten Verwaltungseinrichtungen, die darin dem auserwählten Nachfolger seines Verfassers übertragene Amtsgewalt ... Der Kitáb-i-Aqdas, vom ersten bis zum letzten Buchstaben durch den Träger der neuen Sendung selbst offenbart, verwahrt für die Nachwelt nicht nur die Grundgesetze und Gebote, auf denen das Gefüge Seiner zukünftigen Weltordnung ruhen muß, sondern überträgt darüber hinaus noch Seinem Nachfolger die Aufgabe der Auslegung und gibt Weisungen für die notwendigen Institutionen, die allein die Gewähr für die Unversehrtheit und die Einheit Seines Glaubens bieten ...« (GGV S.243)

»In dieser Charta der künftigen Weltkultur sagt deren Urheber, zugleich der Richter, Gesetzgeber, Vereiniger und Erlöser der Menschheit, den Königen der Erde die Verkündigung des "Größten Gesetzes" an. Er erklärt sie zu Seinen Vasallen, ruft sich selbst als den "König der Könige" aus, verneint jedwede Absicht, Hand an ihre Königreiche zu legen, behält sich aber das Recht vor, "die Herzen der Menschen zu ergreifen und zu besitzen"; Er warnt die geistlichen Führer der Welt davor, das "Buch Gottes ... mit solchen Gewichten ..." zu wägen, wie sie bei ihnen im Schwange sind, und bekräftigt, daß dieses Buch selbst die "unfehlbare Waage" für die Menschen ist. Er verfügt darin in aller Form die Institution des "Hauses der Gerechtigkeit", legt dessen Aufgaben fest, bestimmt seine Einkünfte und bezeichnet seine Mitglieder als die "Männer der Gerechtigkeit", die "Bevollmächtigten Gottes" und die "Treuhänder des Allerbarmers"; auch gibt Er Hinweise auf den zukünftigen Mittelpunkt des Bündnisses und überträgt Ihm das Recht, Seine Heiligen Schriften auszulegen; Er sagt mittelbar die spätere Einrichtung des Hütertums voraus, legt Zeugnis ab für die umwälzende Wirkung Seiner Weltordnung, verkündet die Lehre von der "Größten Unfehlbarkeit" der Manifestation Gottes, bekräftigt, daß diese Unfehlbarkeit das wesenseigene, ausschließliche Recht des Propheten ist, und schließt die Möglichkeit des Kommens einer weiteren Manifestation vor Ablauf von mindestens tausend Jahren aus ...« (GGV S.244)


#409

»Der bedeutsame Aufruf an die Präsidenten der amerikanischen Republiken, ihre Chance am Tage Gottes wahrzunehmen und für die Sache der Gerechtigkeit einzutreten; die dringliche Aufforderung an die Mitglieder der Parlamente in aller Welt, bald eine Weltschrift und eine Weltsprache einzuführen; Seine Warnungen an Wilhelm I., den Überwinder Napoleons III.; Sein Tadel für Franz Josef, den Kaiser von Österreich; Sein Hinweis auf "das Wehklagen Berlins" und Seine mahnenden Worte an die "Ufer des Rheins"; Seine Verurteilung des "Thrones der Tyrannei" in Konstantinopel sowie Seine Voraussage des Verlöschens von dessen "äußerem Glanz" und der seinen Untertanen bestimmten Trübsale; die an Seine Vaterstadt gerichteten Worte der Stärkung und des Trostes, in denen er ihr versichert, daß Gott sie zum "Quell der Freude für die ganze Menschheit" ausersehen habe; Seine Weissagung, "die Stimme der Helden von Khurásán" werde sich zur Verherrlichung ihres Herrn erheben; Seine Versicherung, in Kirmán würden "Männer voll mächtiger Tapferkeit" zu Seiner Erwähnung aufstehen; schließlich Seine großherzige Zusicherung gegenüber Seinem heimtückischen Bruder, der Ihm so viel Schmerz bereitet hatte, ein "immervergebender, allgütiger Gott" werde ihm seine Sünden verzeihen, sofern er nur bereute - all dies bereichert zusätzlich den Inhalt eines Buches, das sein Urheber als "den Quell wahrer Glückseligkeit", die "unfehlbare Waage", den "geraden Pfad" und den "Lebenspender der Menschheit" bezeichnet hat.« (GGV S.245)


"So groß ist seine Tragweite," war Bahá'u'lláhs eigenes Zeugnis, "daß es alle Menschen umfaßt, noch ehe sie es erkannt haben. Binnen kurzem werden seine souveräne Gewalt, sein alldurchdringender Einfluß und die Größe seiner Macht auf Erden offenbar werden." (zit. syst.Darstellung des Kitáb-i-Aqdas S.14)

Der Nachfolger des wohlwollenden Gouverneurs Ahmad Big Tawfíq war `Abdu'r-Rahmán Páshá, ein unaufrichtiger Mann, der schon bald nach seiner Ankunft mit seinem undurchsichtigen Spiel begann. Nach außen war er die Freundlichkeit selbst, und dem Größten Zweig, den er bei mehreren Anlässen traf, bezeigte er Freundschaft und Hochschätzung. Doch insgeheim hielt er enge Verbindung mit den Gegnern des Glaubens unter den Einwohnern `Akkás. Zusammen mit ihnen plante er einen systematischen Feldzug gegen die Bahá'í. Immer neue Berichte gingen an die übergeordneten Instanzen, in denen darüber Klage geführt wurde, daß diese Verbannten, die man nach `Akká geschickt habe, um sie zur Vermeidung einer Ansteckung von allen abzusondern, ein großes Maß an Freiheit erlangt hätten, daß sie ganz nach Belieben mit jedermann verkehrten, sich ungehindert bewegten, wo und wie es ihnen paßte, gutgehende Läden unterhielten und einträgliche Geschäfte tätigten. Endlich traf ein Befehl ein des Inhalts, die Bahá'í seien Gefangene und hätten daher kein Recht, Läden zu betreiben und sich geschäftlich zu betätigen. `Abdu'r-Rahmán Páshá war über diese neue Anweisung seiner Vorgesetzten entzückt und beschloß, sie auf dramatische Weise auszuführen. Da es gerade Ramadán, der muslimische Fastenmonat, war, faßte er den Plan, mit seinen Leuten den Basar zu betreten und die Bahá'í aufzufordern, ihre Geschäfte zu schließen und aufzugeben. Eine derartige öffentliche Handlung des Gouverneurs der Stadt hätte dem Ansehen der Bahá'í zweifellos sehr geschadet.


#410

Der Größte Zweig wußte um diese Gaunereien des Mutasarrif, und in der Nacht gab Bahá'u'lláh den Gefährten Anweisung, ihre Geschäfte geschlossen zu halten. Als der Tag herankam und `Abdu'r-Rahmán Páshá, umschwänzelt durch einen Schwarm von Beamten und Widersachern des Glaubens, hochmütig und aufgeblasen in den Basar einzog, fand er das erste Geschäft, das einem der Gefährten gehörte, verschlossen, dann ein zweites, drittes und viertes. "Es ist der Monat Ramadán," meinte er dazu, "und sie haben ihre Geschäfte am Morgen noch nicht geöffnet. Aber ganz sicher kommen sie jetzt bald und machen auf." Er wartete also eine oder zwei Stunden im Haus des Wachpersonals, aber immer noch zeigte sich kein Bahá'í, der sein Geschäft aufmachen wollte. Da trat mit einem Mal der Muftí mit betroffenem Gesicht mitten unter die Wartenden, ein Blatt Papier in der Hand, das er dem Gouverneur überreichte. Es war ein Telegramm von Raf`at Big aus Damaskus, das die Entlassung von `Abdu'r-Rahmán Páshá und die vorläufige Ernennung von As`ad Effendi an seiner Stelle bekanntgab; außerdem enthielt es Grüße an Seine Eminenz `Abbás Effendi. `Abdu'r-Rahmán Páshá war ganz entgeistert, und die Gegner des Glaubens wie vor den Kopf geschlagen. Inzwischen war der Leiter des Telegrafenamts mit einer Abschrift des Telegramms zu `Abdu'l-Bahá geeilt. Hatte `Abbás Effendi, so wollte ein Beamter wissen, mit den übergeordneten Dienststellen in Verbindung gestanden? Nein, antwortete der Größte Zweig, Er hatte bei niemandem eine Beschwerde vorgebracht; nur an die Himmlischen Heerscharen hatte er sich gewandt. Wie uns Aqá Ridá berichtet, bekräftigte der Beamte, daß das hier Vorgefallene ohne Beispiel, ja in der Tat ein Wunder sei.


#411

(Bildlegende: Das Landtor von `Akká, durch das Bahá'u'lláh die Gefängnisstadt verließ. Ansicht aus dem neunzehnten Jahrhundert (aus Wilson: Picturesque Palestine)


As`ad Effendi hatte den Auftrag, in `Akká den Berichten über die Bahá'í auf den Grund zu gehen, bevor ein anderer Gouverneur ernannt würde. Leute, die dem Glauben wohlwollend gegenüberstanden, hatten ihn vor übereilten Maßnahmen oder Machtdemonstrationen gewarnt; man hatte ihm gesagt, diese Verbannten seien mit aller Rücksicht zu behandeln. Er hatte die Situation begriffen, und als er in `Akká eintraf, sagte er nur, seine Vorgesetzten hätten ihn beauftragt, Nachforschungen anzustellen. Daher wünschte er in die Gegenwart Bahá'u'lláhs zu gelangen. Es wurde ihm gesagt, Bahá'u'lláh empfange keine Besucher; doch wiederholte er seine Bitte, denn in den Berichten der Gegner des Glaubens hieß es, man könne Bahá'u'lláh deshalb nicht besuchen, weil Er gar nicht da sei; es sei Ihm gelungen, sich auf und davon zu machen. Wieder einmal schaltete sich Ilyás `Abbúd ein; Bahá'u'lláh gewährte die Bitte, und As`ad Effendi kam. Er trat demütig und voll Ehrerbietung in Bahá'u'lláhs Gegenwart, kniete nieder, küßte den Saum Seines Gewandes, um Seinen Segen und Seine Bestätigung bittend.

As`ad Effendi blieb eine Zeitlang als geschäftsführender Mutasarrif tätig bis zum Eintreffen Faydí Páshás. Der neue Gouverneur unternahm in seiner kurzen Amtszeit viel, um das Erziehungswesen in `Akká voranzubringen und eine gute Frischwasserversorgung der Stadt sicherzustellen. Gegenüber den Verbannten zeigte er sich sehr freundlich. Und jetzt konnte jedermann in `Akká ein neues Wunder bestaunen: aus tiefen Brunnen, die bisher nur ungenießbares, brackiges Wasser abgegeben hatten, sprudelte frisches Trinkwasser zutage. Über diese Zeit schreibt der Hüter der Bahá'í-Religion:

"Obgleich Bahá'u'lláh tatsächlich nie persönliche Unterredungen gewährte, wie Er es in Baghdád so oft getan hatte, war Sein Einfluß bei der Bevölkerung doch so groß, daß man die merkliche Verbesserung des Klimas und der städtischen Wasserversorgung Seiner ständigen Anwesenheit unter den dortigen Einwohnern ganz offen zuschrieb. Schon allein die für Ihn verwendeten Bezeichnungen, zum Beispiel »der erlauchte Führer« und »Seine Hoheit«, zeigten die Verehrung, die Er den Menschen einflößte." (GGV S.219)


#412

(Bildlegende: Der Flügel des Landtors von `Akká in einer neueren Aufnahme (von Hooper Dunbar)


#413

(Bildlegende: Das Landhaus Mazra`ih, wo Bahá'u'lláh zunächst wohnte, nachdem Er die Gefängnisstadt `Akká verlassen hatte)


Faydí Páshá wurde nicht ganz zwei Monate später nach Istanbul zurückbeordert und durch Ibráhím Páshá Haqqí ersetzt, der ebenfalls große Rechtschaffenheit und Freundlichkeit bewies. Noch größeres Wohlwollen als seine Vorgänger zeigte sein Nachfolger, Mustafá Díyá Páshá, der mehrere Jahre als Mutasarrif in `Akká blieb. Er ging so weit anzudeuten, Bahá'u'lláh könne die Grenzen der Stadtmauern jederzeit verlassen und Seinen Wohnsitz draußen auf dem Lande nehmen; doch stimmte Bahá'u'lláh dieser Einladung nicht zu. Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt, daß Bahá'u'lláh "fast ein Jahrzehnt lang keinen Fuß vor die Mauern der Stadt setzte und [Seine] einzige körperliche Bewegung darin bestand, in ewig gleicher Wiederholung Sein Schlafzimmer auf- und abzuschreiten." (GGV S.327)


#414

(Bildlegende: Heutige Ansicht des Landhauses Mazra`ih)


Doch nun wollen wir in dem Bericht `Abdu'l-Bahás lesen, wie es kam, daß Sein Vater die Umgrenzung der Stadtmauern für immer verließ (Esslemont Kapitel 3):

"Bahá'u'lláh liebte die Schönheit und das Grün des Landes. Eines Tages bemerkte Er nebenbei: "Ich bin jetzt neun Jahre lang nicht mehr im Grünen gewesen. Das Land ist die Welt der Seele, die Stadt die Welt des Körpers." Als man mir diesen Ausspruch mitteilte, erkannte ich, daß Er sich nach dem Lande sehnte, und ich war sicher, daß von Erfolg begleitet sein würde, was ich auch tun würde, um Seinen Wunsch zu erfüllen. Es gab in `Akká zu jener Zeit einen Mann namens Muhammad Páshá Safwat [einen Großneffen von `Abdu'lláh Páshá], der gegen uns sehr feindselig war. Er besaß ein Landhaus namens Mazra`ih, etwa vier Meilen nördlich der Stadt, einen ganz reizenden Ort, von Gärten umgeben und mit einem fließenden Gewässer. Ich ging und besuchte diesen Páshá in seinem Heim. Ich sagte: "Páshá, du läßt dein Landhaus leer stehen und lebst in `Akká." Er erwiderte: "Ich bin gebrechlich und kann die Stadt nicht missen. Wenn ich hinausgehe, ist es mir zu einsam, und ich bin von meinen Freunden abgeschnitten." Ich sagte: "Da du nicht draußen lebst und das Haus leer steht, überlasse es doch uns." Er war erstaunt über den Vorschlag, aber bald war er damit einverstanden. Ich bekam das Haus zu einer sehr niedrigen Miete, etwa fünf Pfund das Jahr, bezahlte diese auf fünf Jahre und schloß einen Vertrag mit ihm ab. Ich schickte Arbeiter, das Anwesen instandzusetzen und den Garten in Ordnung zu bringen, auch ein Bad ließ ich einbauen. Ich hatte auch einen Wagen für die Gesegnete Schönheit [Jamál-i-Mubárak] bereitgestellt. Eines Tages entschloß ich mich, hinauszugehen und den Ort selbst anzusehen. Trotz der in mehreren Erlassen wiederholten Anweisung, daß wir unter keinen Umständen die Grenzen der Stadtmauern überschreiten dürften, ging ich zum Stadttor hinaus. Dort standen Wachen, aber sie erhoben keinen Einwand, und ich begab mich sogleich zu dem Landhaus. Am nächsten Tag ging ich wieder hinaus, begleitet von verschiedenen Freunden und Beamten, unbelästigt und ohne Widerstand zu finden, obgleich die Posten und Wachen zu beiden Seiten der Stadttore standen. An einem andern Tag veranstaltete ich ein Gastmahl, stellte eine Tafel unter die Pinienbäume von Bahjí und versammelte die Spitzen und Beamten der Stadt. Abends kehrten wir zusammen in die Stadt zurück." (Esslemont Kap.3)


#415

(Bildlegende: Der Garten Ridván bei `Akká. Bahá'u'lláh pflegte unter diesen Maulbeerbäumen auszuruhen; einer Seiner Sitzplätze ist rechts zu sehen.)


#416

(Bildlegende: Der Garten Ridván mit dem kleinen Haus, in dem sich Bahá'u'lláh manchmal aufhielt.)


"Eines Tages nun begab ich mich in die Heilige Gegenwart der Gesegneten Schönheit und sagte: "Das Landhaus zu Mazra`ih steht für uns bereit, auch ein Wagen ist da, um Dich hinzubringen." (Zu jener Zeit gab es in `Akká oder Haifa noch keine Fahrzeuge.) Er lehnte ab und sagte: "Ich bin ein Gefangener." Später bat ich Ihn wieder, erhielt aber die gleiche Antwort. Ich ging soweit, Ihn ein drittes Mal zu bitten; aber Er sagte nur: "Nein", und ich wagte nicht, weiter in Ihn zu dringen. Nun wohnte in `Akká ein muhammadanischer Shaykh, ein wohlbekannter Mann von bedeutendem Einfluß, der Bahá'u'lláh liebte und bei Ihm in großer Gunst stand. Ich besuchte diesen Shaykh und legte ihm die Sache dar. Ich sagte: "Du bist ein beherzter Mann. Begib dich heute abend in Seine heilige Gegenwart, falle vor Ihm auf die Knie, erfasse Ihn bei den Händen und laß nicht nach, bis Er verspricht, die Stadt zu verlassen." Er war ein Araber ... Er ging unverzüglich zu Bahá'u'lláh und ließ sich vor Ihm auf die Knie nieder. Er ergriff die Hände der Gesegneten Schönheit, küßte sie und fragte: "Warum verläßt Du die Stadt nicht?" Er sprach: "Ich bin ein Gefangener." Der Shaykh entgegnete: "Da sei Gott vor! Wer hat die Macht, Dich zu einem Gefangenen zu machen? Du hast Dich selbst in Gefangenschaft gehalten. Es war Dein eigener Wille, in Gefangenschaft zu sein, und nun bitte ich Dich, herauszukommen und zu dem Landhaus zu gehen. Es ist herrlich und grün. Die Bäume sind lieblich, die Orangen glühen wie Feuerbälle. Sooft die Gesegnete Schönheit sprach: "Ich bin ein Gefangener, es kann nicht sein", griff der Shaykh nach Seinen Händen und küßte sie. Eine ganze Stunde lang ließ er nicht nach, auf Bahá'u'lláh einzureden. Schließlich sagte Bahá'u'lláh: "Khaylí khúb (also gut)", und des Shaykhs Geduld und Ausdauer waren belohnt.¹ ... Trotz des strengen Befehls von `Abdu'l-`Azíz, der mir eine Begegnung oder sonst eine Verbindung mit der Gesegneten Vollkommenheit verbot, nahm ich am nächsten Tag den Wagen und fuhr mit Ihm zu dem Landhaus hinaus. Niemand erhob einen Einwand. Ich verließ Ihn dort und kehrte zur Stadt zurück." (Esslemont Kap.3)

¹ "Khaylí khúb" ist persisch. Shaykh Alíy-i-Mirí war der Muftí von `Akká. (H.M.B.)


#417

Mazra`ih war ein sehr schöner Aufenthaltsort, von dem unruhigen `Akká ein gutes Stück entfernt. Es hatte `Abdu'lláh Páshá gehört, der es als Sommerhaus auf einem Grundstück seines Vaters gebaut hatte. `Abdu'lláh Páshá war auch der frühere Eigentümer eines Häuserkomplexes in `Akká, wo `Abdu'l-Bahá später einige Jahre lang wohnte und Shoghi Effendi, der Hüter der Bahá'í-Religion, geboren wurde. Heute sind nicht nur die Villa Bahjí (die sich sehr verändert und ihre frühere Bestimmung verloren hat), sondern auch alle anderen Häuser Abdu'lláh Páshás, innerhalb wie außerhalb der Stadt `Akká, im Eigentum des Bahá'í-Weltzentrums.

Jetzt war Bahá'u'lláh endlich frei von der bedrückenden Umgebung `Akkás mit all denen, die Ihm noch immer feindlich gesinnt waren, und Mazra`ih, das in so bezaubernder Landschaft lag - nach Osten der Blick zum Tal und den nahen Hügeln, nach Westen in geringer Entfernung das Meer -, bot Ihm erstmals nach Jahren wieder eine Unterbrechung Seiner Haft innerhalb der Mauern einer dichtbevölkerten Stadt, die eine einzige ständige Belastung für Augen und Ohren war. Wie der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt, wurden dieser Wohnsitz und der "Garten Na`mayn, eine schmale Insel inmitten eines Flusses im Osten der Stadt, die Er mit dem Namen Ridván ehrte und der Er die Bezeichnungen `Das Neue Jerusalem' und `Unsere Grüne Insel' gab", Sein "bevorzugter Aufenthalt. (GGV S.219)



#418

Auf dem Höhepunkt Seiner strengen Haft hatte Bahá'u'lláh geschrieben: "Fürchtet euch nicht. Diese Tore werden sich öffnen. Mein Zelt wird auf dem Berge Karmel aufgeschlagen werden, und Wir werden die herrlichste Freude erleben." (Esslmont Kap.3)

Bedenkt man die Umstände von Bahá'u'lláhs Verbannung und Einkerkerung - die strengen, schroffen Erlasse des türkischen Sultáns, der zugleich als der Kalif, der höchste Priester des Isláms, anerkannt wurde; den unaufrichtigen, unberechenbaren Charakter der Osmanischen Gewaltherrschaft und ihres Beamtenapparates; die schonungslose Verfolgung durch die iranischen Behörden, die den Verbannten bis in die Gefängnisstadt und deren finstere Zitadelle auf den Fersen blieben; dazu die zusätzlichen Leiden durch die gemeine Ermordung der Parteigänger Mírzá Yahyás - wie hätte man da auf den Gedanken kommen können, daß nur neun Jahre nach der Ankunft der Verbannten in `Akká kein Geringerer als Shaykh `Alíy-i-Mírí, der Muftí dieser Stadt, Bahá'u'lláh kniefällig darum bäte, die Umgrenzung der Stadtmauern zu verlassen und draußen auf dem Land Seinen Wohnsitz zu nehmen?

Und doch hat sich alles erfüllt, was Bahá'u'lláh in den dunkelsten Tagen vorausgesagt hatte. Alle Tore standen offen, Er begab sich ungehindert aus `Akká hinaus und sollte sogar Sein Zelt auf dem Berg Karmel aufschlagen.


(Bildlegende: Der Garten Ridván)





+39 #420

Kapitel 39

Die Jahre in Bahjí

Zwei Jahre, nachdem Bahá'u'lláh Seinen Wohnsitz nach Mazra`ih verlegt hatte, wurde das Landhaus frei, das heute als Bahjí (Entzücken) bekannt ist und das `Udí Khammár für sich und seine Familie in der Nähe von Abdu'lláh Páshás altem Palast hatte bauen lassen. Auf dem Land wütete eine Epidemie, die Menschen flüchteten, `Udí Khammár starb 1879 und wurde an der Mauer seines Landsitzes begraben. Jetzt unternahm der Größte Zweig Schritte, um das Landhaus von `Udí Khammár für Seinen Vater zu sichern. Es wurde zunächst angemietet, dann gekauft, und Bahá'u'lláh zog im September 1879 dort ein. Bis an Sein Lebensende blieb dieses herrschaftliche Landhaus Bahá'u'lláhs Wohnsitz, und hier verschied Er 1892. Bahjí lag unweit der Küste; aber von dem kahlen, eintönigen `Akká und seiner Umgebung war es weit genug entfernt, um ländliche Schönheit und den Zauber des Landes zu bieten. Die nahen Pinien, die bis zum heutigen Tag dort zu sehen sind, vermehrten noch seinen Reiz. Von den Fenstern Seines Zimmers aus konnte Bahá'u'lláh das blaue Wasser des Mittelmeeres, die hohen Minarette `Akkás und jenseits der Bucht in blassem Umriß den sanften Hang des Berges Karmel sehen. Mit all seiner Schönheit und Pracht steht das Landhaus heute als Wächter neben dem angrenzenden Schrein, der für die Bahá'í der heiligste Ort auf dem Antlitz der Erde ist, denn er birgt die sterblichen Überreste Bahá'u'lláhs. In seinem Umkreis kann man den Frieden erleben, der seit je die Sehnsucht der Seele gewesen ist.¹

¹ Bahjí ist der Name eines schönen Gartens, den Sulaymán Páshá für seine Tochter Fátimih anlegte. `Abdu'lláh Páshá, der das Gelände von seinem Vater `Alí Páshá übernahm, brachte weitere Verschönerungen an und baute ein Landhaus für seinen Harem. Als Ibráhím Páshá im Jahre 1831 `Akká belagerte, diente ihm dieses Landhaus als Hauptquartier. Das Anwesen, bekannt für seine schönen Gärten und den kühlen, erfrischenden Teich, der sich aus dem Aquädukt speiste, gelangte zur Zeit Bahá'u'lláhs in den Besitz der christlichen Familie Al-Jamál, die später zu Gegnern `Abdu'l-Bahás werden sollte. Noch später wurde es von der Familie Baydún übernommen, die dem Glauben ebenfalls feindlich gegenüberstand. In diesem Landhaus befindet sich jetzt ein staatliches Behinderten-heim. Das Landhaus Bahá'u'lláhs in Bahjí wurde von `Udí Khammár neben `Abdu'lláh Páshás Landhaus auf einem Grundstück errichtet, das er von den Jamáls erworben hatte. Aus alten Aufzeichnungen und Karten geht hervor, daß an dieser Stelle schon früher ein Gebäude gestanden hatte, auf dessen Grundmauern `Udí Khammár aufbaute. Eine Inschrift an dem Landhaus besagt, daß es 1870 fertiggestellt wurde. Vermutlich wurde das Haus später durch `Udí Khammárs Sohn Andrávís Khammár an `Abdu'l-Bahá als Wohnsitz für Bahá'u'lláh vermietet.


#421

(Bildlegende: Das Landhaus Bahá'u'lláhs in Bahjí: alte Ansicht von Süden, entstanden vor der Anlage der jetzigen Gärten)


Dr.J.E.Esslemont, der unvergeßliche Verfasser von Bahá'u'lláh und das Neue Zeitalter, gibt folgende Beschreibung des Lebens in Bahjí:

"Hatte Er in den früheren Jahren Seiner Leiden gezeigt, wie man Gott in einem Zustande der Armut und Schmach verherrlichen kann, so zeigte Bahá'u'lláh in Seinen späteren Jahren in Bahjí, wie Gott in Zeiten der Ehre und des Wohlstandes zu verherrlichen ist. Durch die Gaben von Hunderttausenden Seiner ergebenen Anhänger hatte Er große Beträge zu Seiner Verfügung, deren Verwaltung Ihm jetzt oblag. Sein Leben in Bahjí ist als wirklich königlich im höchsten Sinne des Wortes beschrieben worden, doch darf man darunter nicht verstehen, daß es durch äußeren Prunk oder durch Verschwendung gekennzeichnet war. Die Gesegnete Vollkommenheit und ihre Familie lebten auf sehr einfache, bescheidene Art; Ausgaben für selbstischen Luxus waren etwas, was man in Seinem Haushalt nicht kannte. Nahe bei Seinem Haus legten die Gläubigen einen schönen Garten mit Namen Ridván an, in welchem Er oft mehrere Tage und selbst Wochen zubrachte, wobei Er des Nachts in einem Landhäuschen inmitten des Gartens schlief. Gelegentlich ging Er auch über Land. Er besuchte öfters `Akká und Haifa, und mehr denn einmal hat Er Sein Zelt auf dem Berge Karmel aufgeschlagen, wie Er es vorausgesagt hatte, als Er noch in der Kaserne von `Akká eingekerkert war ..." (Esslmont Kap.3)


#422

Bahá'u'lláh besuchte von Zeit zu Zeit die Wohnungen Seiner Gefährten in `Akká, und häufig ging Er bei Tag oder Nacht zu Seinen beiden Brüdern: Mírzá Muhammad-Qulí, von dessen Wohnung man die Khán-i-Shávirdí überblickte, und Aqáy-i-Kalím, der zunächst in der Khán al-`Umdán und später in einer Wohnung über der Khán-i-Pahlaván - rechts des Eingangs zum Súq al-Abyad (orientalischen Markt) - wohnte. Bei Mazra`ih und beim Landhaus Bahjí gab es mehrere Gärten, so etwa den Garten Ridván, den Garten Firdaws, die Gärten Junaynih und Bustán-i-Kabír in Mazra`ih. Er besuchte auch nahegelegene Dörfer wie Yirkih und Abú-Sinán. In Yirkih ließ Er Sein Zelt auf einem Hügel aufschlagen und hielt sich tagsüber in dem Zelt, nachts aber im Dorf selbst auf. Näher bei `Akká gab es noch andere Hügel, so etwa beim Garten Ridván den Tall-i-Fakh-khár, auch als Napoleons Hügel bekannt; neuere archäologische Untersuchungen haben gezeigt, daß dort die Stätte der alten phönizisch-kanaanäischen Stadt `Akká ist. Der Hügel Samaríyyih, von wo aus man Bahjí überblickt und wo rote Blumen in großer Fülle wuchsen, wurde Buq`atu'l-Hamrá' - der hochrote Ort - genannt; heute ist dort ein Heeresstützpunkt. Wenn der Hügel zur Frühlingszeit grün gekleidet und von roten Blumen wie Mohn und Anemonen übersät war, ließ Bahá'u'lláh dort Sein Zelt errichten. Viele Jahre später, als `Abdu'l-Bahá erneut innerhalb der Stadtmauern von `Akká gefangen saß, fragte Er wehmütig, wenn jemand von einem Besuch beim Schrein Seines Vaters zurückkam: "Haben auf Buq`atu'l-Hamrá' die roten, roten Blumen geblüht?"

Von Zeit zu Zeit kamen Gouverneure, Geschäftsträger und andere Beamte verschiedener Rangstufen nach `Akká oder in die Umgebung, die entweder boshaft, habgierig oder fanatisch waren und daher dem Glauben Bahá'u'lláhs feindselig gegenüberstanden; aber trotzdem - die Tage, in denen die gesamte Beamtenschaft sich gegen den Glauben gestellt und diesen schlecht gemacht hatte, waren für immer vorbei. Gemessen an den Stürmen und Anfechtungen der früheren Zeit waren die Jahre in Bahjí ruhig und friedlich.


#423

(Bildlegende: Der Balkon von Bahá'u'lláhs Zimmer in Bahjí. Über den Fenstern und der Tür sind Fresken zu erkennen.)


#424

Weiter oben wurde Mustafá Díyá Páshá, der Mutasarrif von `Akká, erwähnt, der Bahá'u'lláh zu verstehen gegeben hatte, es würde Ihm nichts in den Weg gestellt, wenn Er die Grenzen der Gefängnisstadt `Akká zu verlassen wünschte. Aqá Ridá berichtet, daß dieser gerechte, großherzige Gouverneur während seiner ganzen Zeit in `Akká das äußerste Wohlwollen an den Tag gelegt habe; auch als er auf den Gouverneursposten von Tripoli versetzt wurde, schrieb er weiter Briefe, in denen er seine warmen Gefühle zum Ausdruck brachte. Jeder Bahá'í, mit dem er zusammenkam, wurde von ihm mit äußerster Rücksicht behandelt. Als `Abdu'l-Bahá Beirut besuchte, war Mustafá Díyá Páshá zur Stelle und bot Ihm seine Dienste an.

Nach ihm kam Zívar Páshá als Gouverneur nach `Akká. Er war aus Istanbul, ein sehr stolzer und zurückhaltender Mensch. Keiner der Honoratioren wagte ihn ohne Erlaubnis anzusprechen. Doch nachdem er ein einziges Mal mit dem Größten Zweig zusammengetroffen war, wurde er diesem so ergeben, daß er meist keine andere Gesellschaft mehr suchte. Er blieb ein Jahr Gouverneur. Aqá Ridá berichtet, daß sich in seiner Amtszeit die ganze Familie Khavvám gegen den Glauben und die Bahá'í erhob. Mansúr, das Oberhaupt dieser Familie, gehörte dem Stadtrat an und besaß großen Einfluß, und stets erwies ihm der Größte Zweig viel Freundlichkeit. Er wurde jedoch hochmütig und stolz. Eines Tages kamen er und seine Freunde nach Bahjí zu Besuch, wo sie sehr gastfreundlich aufgenommen wurden. Darauf zogen sie sich in den Schatten der Pinien zurück, um ihren eigenen Vergnügungen nachzugehen. Dort wurden sie handgreiflich gegen einen Araber, der Wasser ins Landhaus trug und ihnen dabei zu nahe gekommen war. Ein Bahá'í lief herzu, um den armen Wasserträger aus ihrem Griff zu befreien; auch er wurde gezüchtigt und gnadenlos zusammengeschlagen. Als ihnen jedoch die Ungeheuerlichkeit ihres Tuns zu Bewußtsein kam, gingen sie zum Landhaus, um sich zu entschuldigen. Nach `Akká zurückgekehrt, wechselten sie den Ton und streuten überall die Behauptung aus, man habe sie in Bahjí mit Dolchen und Schwertern angegriffen. Es fiel alles auf sie selbst zurück; denn Mansúr verlor seinen Posten, und trotz aller Bemühungen erlangte er nie wieder die Stellung und das Ansehen, das er zuvor genossen hatte. Er mußte auf den Markt gehen und sich als Geldwechsler betätigen.


#425

In der Zeit des Gouverneurs Zívar Páshá war es auch, daß Furúghíyyih Khánum, eine der Töchter Bahá'u'lláhs, dem Siyyid `Alí Afnán zur Frau gegeben wurde. Aqá Ridá berichtet, daß der Mutasarrif und alle hohen Beamten und Würdenträger von `Akká dem Hochzeitsfest beiwohnten. Man schrieb das Jahr 1885. Als Zívar Páshá abberufen wurde, verließ er die Stadt mit großem Bedauern; nach seiner Abreise trafen regelmäßig Briefe von ihm ein und zeigten den Grad seiner Ergebenheit an.

Der berühmte General Gordon von Khartúm hielt sich das ganze Jahr 1883 im Heiligen Land auf (s. Anhang IV). Er kannte und besuchte Laurence Oliphant, der zu seiner Zeit eine viel beachtete Persönlichkeit war und auf dem Berg Karmel lebte, wo seine erste Frau begraben liegt. (Er selbst starb in London.) Gordon hatte auch schon von der Bahá'í-Religion gehört, hatte er doch Hájí Mírzá Haydar-`Alí und seinen Gefährten im Jahr 1877 aus der Haft in Khartúm befreit und sich vom Hájí Ätzarbeiten in Glas fertigen lassen. Man weiß, daß ein europäischer General Bahá'u'lláh besuchte, aber sein Name ist nicht überliefert. Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt darüber: "Als einem europäischen General zusammen mit dem Gouverneur eine Audienz bei Ihm gewährt wurde, war der erstere so stark beeindruckt, daß er `kniend neben der Tür verharrte.`" (GGV S.219) War vielleicht Gordon dieser General? Dies ist nur eine Annahme; aber ausgeschlossen ist es nicht. Laurence Oliphant und Valentine Chirol haben beide über Gordons Besuche in Haifa und `Akká berichtet (s.Anhang IV). 1885 hielt sich Chirol - ein weithin bekannter Publizist und Korrespondent der Londoner Times - im Heiligen Land auf. Er war zu einer Autorität in Fragen der Mittelostpolitik und Zentralasiens geworden, über die er ausführlich schrieb, und war ein Vertrauter von Lord Curzon.¹ In seinem Buch The Middle Eastern Question and Some Political Problems of Indian Defence schrieb er in einem Kapitel über `Das Wiederaufleben des Babismus`: "Als Gast Oliphants hatte ich 1885 die Ehre, bei Beha'ullah aufgenommen worden zu sein ..." (s.a. S.122)

¹ Englischer Politiker; war 1899-1905 Vizekönig von Indien. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er britischer Außenminister.


#426

Nach Zívar Páshás Abreise traf es sich, daß ein geiziger, fanatischer Mann als Mutasarrif nach `Akká entsandt wurde, der schon früher dort gewaltet hatte, ein Kurde namens Muhammad-Yúsuf. Er war ein Páshá aus Damaskus und hatte bei seinem früheren Aufenthalt die Gelehrsamkeit und das ungewöhnliche Wissen des Größten Zweiges kennengelernt, den er sehr bewunderte. Während dieser früheren Amtszeit hatten eines Abends einige Christen in seiner Gegenwart eine Unterredung mit einer Gruppe von Muslimen. Sie alle waren gelehrte Männer. Die Christen gewannen allmählich die Oberhand, und der kurdische Mutasarrif wurde unglücklich, weil seine muslimischen Glaubensbrüder nicht mit ihnen fertig wurden. Da er die großen intellektuellen Fähigkeiten des ältesten Sohnes Bahá'u'lláhs kannte, sandte er insgeheim nach Ihm und bat Ihn zu kommen. Damals hielt sich der Größte Zweig noch in der Zitadelle auf. Als Er eintraf, begrüßte Ihn der Gouverneur herzlich, aber in einer Weise, als habe er nicht gewußt, daß Er kommen werde. Nachdem der Kaffee ausgeschenkt war, nahm man die Erörterung wieder auf. `Abdu'l-Bahá ging auf alle Argumente mit Autorität und in überzeugender Weise ein. Dann stellte Er den Christen eine Frage, die diese nicht beantworten und bei der sie sich auf keine Weise festlegen wollten, bis endlich einer von ihnen, ein schlauer Mann namens As`ad Sayqal, bemerkte: "Sie wissen, wie es in dieser Stadt ist, und Sie wissen, wie es in Damaskus ist. Trotzdem wohnen wir lieber in dieser Stadt." Er wollte damit sagen, daß ihr christlicher Glaube wie ihre Heimatstadt war und daß sie auf den Prunk und Glanz des Islám verzichten konnten, den er mit Damaskus verglich. Darauf sagte der Größte Zweig: "Ihrer Aussage habe ich nichts mehr hinzuzufügen." Der Mutasarrif und seine Freunde waren tief beeindruckt.

Als der kurdische Páshá zum zweitenmal nach `Akká kam, fand er keine Residenz mehr vor. Die Regierung hatte den geräumigen Gouverneurssitz an den Shádhilí-Orden verkauft, der ihn abreißen und an seiner Stelle eine takyih (Sufí-Schule) bauen wollte. Kaum war Zívar Páshá abgereist, nahmen die Shádhilí den Wohnsitz des Gouverneurs auch schon in Besitz und führten ihr Vorhaben aus. Der neue Mutasarrif mußte notgedrungen ein Haus in der Nähe des Bayt Abbúd anmieten.

Bahá'u'lláh lebte schon in Bahjí, aber der Größte Zweig und Seine Familie wohnten in `Akká. Gerade um diese Zeit kam der Válí¹ aus Damaskus zu Besuch und blieb beim Mutasarrif zu Gast. Nun war kurz vor dem Eintreffen des kurdischen Mutasarrif in `Akká der Muftí von Nazareth, Shaykh Yúsuf, der aufgrund seines Amtes und wegen seiner persönlichen Verdienste hoch angesehen war, auch gerade nach `Akká gekommen. Der Größte Zweig hatte ihn im Bayt `Abbúd empfangen und beherbergt, und in nächster Nähe befanden sich weitere gute Häuser, in denen ebenfalls Bahá'í wohnten. Die Gastfreundschaft, die sie Shaykh Yúsuf entgegenbrachten, war den Feinden des Glaubens ein Dorn im Auge. Ihre Gedanken gingen dahin, daß sie künftig anstellen könnten, was sie wollten: verglichen mit dem Empfang, den die Bahá'í dem Muftí von Nazareth bereiteten, würde das alles keinen Eindruck machen. Sie kannten sich fast nicht mehr vor Eifersucht und fingen an, den unsteten Geist des neuen Mutasarrif zu beeinflussen. Warum sollen diese Leute in Häusern wohnen, die zu den besten der Stadt gehören, so fragten sie ihn, während Sie mit einem unbedeutenden Miethaus auskommen müssen?

¹ Wahrscheinlich handelte es sich um Nashíd Páshá, der britischen Konsularunterlagen zufolge von Oktober 1885 bis zum Jahr 1888 als Generalgouverneur in Damaskus residierte. (FO 195.1510 und 1613)


#427

Der Muftí von Nazareth hatte schon bei einer früheren Gelegenheit `Akká besucht, und damals hatten ihn der wunderbare Charme, das große Wissen, die Beredsamkeit und die erhabene Wesensart des ältesten Sohnes Bahá'u'lláhs in den Bann geschlagen. Seit jener Zeit hatte er mit `Abdu'l-Bahá korrespondiert, er hatte Ihm ein edles Pferd zum Geschenk gemacht und Ihn nach Nazareth eingeladen. Über diesen Besuch und den Gegenbesuch Shaykh Yúsufs in `Akká schreibt der Hüter der Bahá'í-Religion:

"Der glänzende Empfang für Ihn durch ... Shaykh Yúsuf, den Muftí von Nazareth, der auch Gastgeber für die Válís von Beirut war und alle Honoratioren der Gemeinde eilends aufgefordert hatte, Ihm einige Meilen weit entgegenzugehen, als Er sich der Stadt in Begleitung Seines Bruders und des Muftí von `Akká näherte, ebenso die prächtige Aufnahme, die `Abdu'l-Bahá Shaykh Yúsuf später in `Akká angedeihen ließ, als dieser Ihn dort besuchte, weckten den Neid derer, die noch wenige Jahre zuvor Ihn und Seine Mitverbannten mit Spott und Verachtung behandelt hatten." (GGV S.220)

Unter dem verderblichen Einfluß von Männern, die Bahá'u'lláh und Seinen Anhängern feindlich gesinnt waren, begann Muhammad-Yúsuf Páshá nunmehr, in aufdringlicher Weise Ansprüche zu erheben. Er wollte das Haus in Besitz nehmen, in dem der Größte Zweig und Seine Familie lebten. Er schob vor, der Válí benötige das Haus; doch als der Válí von dem Ansinnen des Mutasarrif erfuhr, bestritt er energisch, irgend etwas damit zu tun zu haben oder überhaupt auf der Suche nach einem Haus zu sein. Doch schreckte diese Aussage den habgierigen Gouverneur nicht ab; er erhob weiterhin seine Forderung, und dies zu einer Zeit, als `Abdu'l-Bahás Mutter, die in `Akká lebte, schwerkrank darniederlag.


#428

Trotzdem sagte der Größte Zweig, Er wolle, sobald ein anderes Haus gefunden sei, dem Mutasarrif das geräumige Haus abtreten, das er angeblich dringend benötigte. Die ganze Zeit, in der `Abdu'l-Bahá mit dem sich verschlimmernden Zustand Seiner Mutter beschäftigt und darüber bekümmert war, drängte Muhammad-Yúsuf Páshá ständig auf den Besitz von Bayt `Abbúd. 1886 verstarb dann Asíyih Khánum. Honoratioren von `Akká ebenso wie muslimische und christliche Geistliche folgten dem Leichenzug, dem Muezzins und Qur'án-Rezitatoren voranschritten. Auch Schulkinder nahmen an dem Zug teil; mit gesungenen Versen und Gedichten brachten sie ihre Trauer zum Ausdruck. Übergroß war `Abdu'l-Bahás Schmerz, und doch hatte der Mutasarrif nicht soviel Takt, von seiner drängenden Forderung abzulassen. Sobald Er konnte, machte der Größte Zweig das Haus frei und übergab es ihm. Im darauffolgenden Jahr erlitt die Bahá'í-Gemeinde durch den Tod von Mírzá Músá Aqáy-i-Kalím einen herben Verlust. Er war wirklich eine Säule des Glaubens gewesen; zu jeder Zeit und in jeder Eigenschaft hatte er bereitwillig seinem Bruder gedient.

Die Habgier von Muhammad-Yúsuf war jedoch nicht leicht zu befriedigen. `Abdu'l-Bahá, der seinen Forderungen und seiner aggressiven Haltung ausgesetzt war, blieb ruhig und gefaßt; Er beschwerte sich mit keinem Wort und zog sich von den Leuten zurück. Inzwischen gab sich der Mutasarrif unter Beihilfe von ein paar Komplicen, die genauso unredlich waren wir er selbst, mit Unterschlagungen ab; doch der Qá'im-Maqám von Nazareth, ein gewisser As`ad Effendi, beobachtete sehr genau, was sich in `Akká abspielte, und machte Aufzeichnungen, um sie den vorgesetzten Behörden zuzuleiten. Nun gab es in `Akká einen Kaufmann, der zugleich Vorsitzender der Handelskammer war. Nach außen hin ein Freund der Verbannten, tatsächlich aber ein Heuchler, versicherte er dem Größten Zweig, er wisse, wie man den Mutasarrif anzufassen habe. Er täuschte Freundschaft vor und sprach verächtlich von der Untreue und Habgier von Leuten wie dem Mutasarrif; dann meinte er schließlich, Muhammad-Yúsuf Páshá könne mit einem Geldgeschenk dazu gebracht werden, sich in Zukunft freundschaftlich zu verhalten.

Wie Aqá Ridá schreibt, antwortete der Größte Zweig, wenn es sich nur um ein Geschenk handele, ließe sich das einrichten; damit verließ Er den Heuchler und zog sich zum Gebet zurück. Der Kaufmann blieb sitzen und wartete darauf, daß jeden Augenblick Geldbörsen voller Münzen hereingebracht würden. Als `Abdu'l-Bahá zurückkam, sagte Er nur, alles Notwendige sei überbracht worden und der Kaufmann könne jetzt gehen und selbst nachsehen. Der traf in der Seraye nur auf große Mißstimmung und erfuhr zu seiner Verblüffung, gerade sei ein Telegramm eingegangen mit der Nachricht, daß der kurdische Páshá und seine Helfershelfer wegen Unterschlagung von Staatsmitteln entlassen seien; ein Untersuchungsausschuß sei bereits unterwegs. Da begriff der Kaufmann, was `Abdu'l-Bahá gemeint hatte, und das Erstaunen stand ihm groß im Gesicht geschrieben.


#429

Als Muhammad-Yúsuf von dem Vorgefallenen erfuhr, war er völlig niedergeschlagen und hatte Gewissensbisse. Er versicherte dem Kaufmann, die Verbannten hätten nichts mit der Maßnahme seiner Vorgesetzten zu tun und stünden nicht damit im Zusammenhang. Ihre Gebete hatten zu seinem Sturz geführt. Er schrieb einen Brief und ritt am nächsten Tag zum Garten Ridván hinaus, in der Hoffnung, er werde dort `Abdu'l-Bahá finden und könne sich bei Ihm entschuldigen. Aber `Abdu'l-Bahá war nicht dort. Daraufhin bat der entlassene Mutasarrif Aqá Ridá, er möge dem Größten Zweig sein Bedauern und seine Reue übermitteln.

Nach wenigen Tagen trafen aus Beirut die Beamten ein, die mit der Untersuchung der Fehlleistungen von Muhammad-Yúsuf Páshá beauftragt waren. Unter ihnen befand sich Ahmad Fá'iq Effendi, der - wie auch sein Bruder - dem Glauben Bahá'u'lláhs anhing. Wer dies wußte, fragte sich, warum man einen Bahá'í ausersehen hatte, die Missetaten von Personen zu untersuchen, die den Verbannten so unfreundlich gesinnt waren. Der Leiter des Sekretariats in der Seraye in `Akká hatte besonders viel Feindseligkeit gezeigt; jetzt baten er und noch andere Personen Bahá'u'lláh und Seinen ältesten Sohn um Hilfe und Vergebung. Und solange Ahmad Fá'iq mit der Untersuchung der Unregelmäßigkeiten bei der Verwaltung der Staatsgelder befaßt war, wurde er von Bahá'u'lláh und dem Größten Zweig nicht empfangen.

Zur Verwunderung der Leute von `Akká erfuhren die Übeltäter, denen es aufgrund ihrer eigenen Fehler jetzt schlecht ging, von Bahá'u'lláh und Seinem ältesten Sohn Großmut und Freigebigkeit in vollem Maße. Der Leiter des Sekretariats war nach Damaskus geflüchtet und hatte seine Familie zurückgelassen. `Abdu'l-Bahá versorgte sie mit allem Nötigen und schickte sie, von zwei Bahá'í sicher geleitet, aus der Stadt. In einem Sendschreiben an Hájí Mírzá Buzurg-i-Afnán, einen Vetter des Báb, der als Kaufmann in Hongkong lebte, erwähnt Bahá'u'lláh diesen kurdischen Páshá, seine Feindseligkeit und seinen Sturz. Im gleichen Sendschreiben trug Er dem Afnán auf, Ihm einige gute, in Silber oder Gold gefaßte Brillen in geeigneten Futteralen zu schicken, die Er den Válís von Beirut und Damaskus zum Geschenk machen wollte.


#430

(Bildlegende: Bahá'u'lláhs Zimmer in Bahjí. Hier empfing Er 1890 Edward Granville Browne. 1892 war dieses Zimmer dann der Ort Seines Hinscheidens.)


Der nächste Mutasarrif von `Akká war Ahmad Páshá. Er hatte ausdrückliche Anweisung erhalten, Bahá'u'lláh mit gebührender Ehrerbietung und Rücksichtnahme zu begegnen. Über zwei Jahre lang führte er die Verwaltungsgeschäfte `Akkás gut und verbrachte viel Zeit in Gesellschaft `Abdu'l-Bahás. Während seiner Amtszeit kam der Válí von Beirut¹ zu Schiff nach Haifa, und alle hochgestellten Amtspersonen gingen ihm zur Begrüßung entgegen. Dies tat auch `Abdu'l-Bahá. Der Válí bat Ihn besonders, Bahá'u'lláh seine Ehrbezeigungen zu überbringen und um Seinen Segen und Seine großzügige Beachtung zu bitten. Nusúhí Big, einem der Beamten, übergab er eine Melone (damals eine Seltenheit in diesem Teil der Welt) als Geschenk für Bahá'u'lláh.

¹ Die Provinz Beirut war im März 1888 von der Provinz Damaskus abgetrennt worden, hauptsächlich auf Betreiben des Großwesirs Kiyámil Páshá, eines ehemaligen Mutasarrif von Beirut. Quelle: Britische Konsularunterlagen (FO 195.1613).


#431

(Bildlegende: Der Táj Bahá'u'lláhs auf dem Diwan in der Ecke Seines Zimmers, wo Er häufig saß.)


Als nächster Mutasarrif von `Akká folgte Arif Effendi, dessen Vater den Größten Zweig in Adrianopel kennen und schätzen gelernt hatte. Während der Amtszeit Arif Effendis besuchte Bahá'u'lláh Haifa und blieb fast drei Monate dort.

Im Frühjahr 1890 traf Edward Granville Browne, damals Dozent am Pembroke College in Cambridge und später einer der bedeutendsten Orientalisten, in `Akká ein. Er war gekommen, um Bahá'u'lláh zu besuchen. Einen ausführlichen Bericht über diesen wahrhaft historischen Besuch findet der Leser in dem Werk Edward Granville Browne and the Bahá'í Faith (vom Verfasser dieses Buches). Aber das vorliegende Werk wäre unvollständig, enthielte es nicht die einzigartige, unvergleichliche Darstellung Bahá'u'lláhs, die Edward Browne der Nachwelt gegeben hat, die einzige Beschreibung dieser Art, die wir besitzen. Heute kann der Besucher Bahjís dieses Dokument auf einer Tafel an der Wand lesen, bevor er seinen Fuß in Bahá'u'lláhs Zimmer setzt, und dadurch versuchen, sich die Unterredung zu vergegenwärtigen, die dem englischen Orientalisten gewährt wurde:


#432

"... Mein Führer stand einen Augenblick stille, während ich meine Schuhe ablegte. Mit einem raschen Griff zog er den Vorhang zurück und, nachdem ich eingetreten war, wieder vor. Ich befand mich in einem großen Zimmer, an dessen oberem Ende ein Diwan und der Türe gegenüber zwei oder drei Stühle standen. Obschon ich dunkel ahnte, wohin ich jetzt ging und wen ich sehen sollte (eine bestimmte Andeutung war mir nicht gemacht worden), stand ich doch einige Sekunden mit Herzklopfen und voll Ehrfurcht da, bevor ich mir endlich bewußt wurde, daß der Raum nicht leer war. In der Ecke, wo der Diwan an die Wand stieß, saß eine hoheitsvolle, ehrwürdige Gestalt mit jener Kopfbedeckung aus Filz, die bei den Derwischen Táj genannt wird (aber von ungewöhnlicher Höhe und Form), und um deren unteren Teil ein kleiner weißer Turban gewunden war. Das Antlitz, in das ich nun blickte, kann ich nie vergessen, obgleich ich nicht imstande bin, es zu beschreiben. Diese durchdringenden Augen schienen auf dem Grunde der Seele zu lesen. Macht und Würde lagen über diesen breiten Augenbrauen; die starken Falten auf seiner Stirn und seinem Gesicht verrieten ein Alter, das sein tiefschwarzes Haar und der in üppiger Fülle bis zur Leibesmitte herabwallende Bart Lügen zu strafen schienen. Unnötig zu fragen, in wessen Gegenwart ich stand, als ich mich vor Dem verneigte, der das Ziel einer Verehrung und Liebe ist, um die ihn Könige beneiden könnten und nach der sich Kaiser vergeblich sehnen." (Browne: ATN II p.XXXIX)


#433

(Bildlegende: Die Kolonie der deutschen Templer am Fuß des Berges Karmel bei Haifa im Jahr 1877. Hier wohnte Bahá'u'lláh zweimal, als Er in Haifa war. (Zeichnung von Jakob Schumacher, dem Oberhaupt der Kolonie und amerikanischen Vizekonsul bis zu seinem Tod 1891.)

(Bildlegende: Plan von Haifa in den 1880er Jahren)


"Eine milde, würdevolle Stimme bat mich, Platz zu nehmen, und sprach sodann: - "Gelobt sei Gott, daß du es erreicht hast! ... Du bist gekommen, um einen Gefangenen und Verbannten zu sehen ... Wir wünschen nur das Wohl der Welt und das Glück der Völker; dennoch hält man Uns für einen Anstifter von Streit und Aufruhr, der Gefangenschaft und Verbannung verdient... Wir wünschen, daß alle Völker in einem Glauben vereint und alle Menschen Brüder werden; daß das Band der Liebe und Einigkeit zwischen den Menschenkindern gestärkt werde; daß Religionsverschiedenheit aufhöre und die Unterschiede zwischen den Rassen verschwinden - was ist nun Schlimmes hieran? ... Doch so wird es kommen. Diese fruchtlosen Kämpfe, diese zerstörerischen Kriege werden aufhören, und der `Größte Friede' wird kommen... Habt ihr dies in Europa nicht auch nötig? Ist dies nicht, was Christus verheißen hat? ... Aber denoch sehen Wir eure Könige und Herrscher die Schätze ihrer Länder mehr auf die Zerstörung der menschlichen Rasse verschwenden als auf das, was zum Glück der Menschheit führen würde... Diese Kämpfe, dieses Blutvergießen und diese Zwietracht müssen aufhören, und alle Menschen müssen wie die Glieder eines Geschlechtes und einer Familie sein... Es rühme sich keiner, daß er sein Vaterland liebt. Er rühme sich vielmehr dessen, daß er die ganze Menschheit liebt ..." (Browne: ATN II p.XL)

"Solcher Art waren, soweit ich sie aus dem Gedächtnis wiedergeben kann, die Worte, die ich neben vielen anderen von Behá hörte. Mögen die, die sie lesen, sie gut daraufhin ansehen, ob solche Lehren Tod und Ketten verdienen und ob die Welt von ihrer Verbreitung nicht vielleicht mehr gewinnen als verlieren würde." (Browne: ATN II p.XL)


#434

Der Hüter der Bahá'í-Religion schreibt, daß Bahá'u'lláh viermal Haifa besucht hat. Sein erster Besuch war sehr kurz, als Er 1868 von dem Dampfer des Lloyd-Triestino an Land ging. Der zweite Besuch dauerte nur wenige Tage; damals wohnte Er im Bayt-i-Fanduq, einem Haus in der deutschen Kolonie, von dem ein Teil noch heute steht. Wir besitzen ein datiertes Sendschreiben in der Handschrift von Mírzá Aqá Ján, aus dem hervorgeht, daß Bahá'u'lláh im August 1883 in Haifa war; dies war aller Wahrscheinlichkeit nach das Datum dieses zweiten Besuches. Der dritte Besuch fiel in das Jahr 1890. Als Edward Granville Browne in `Akká ankam, hielt sich Bahá'u'lláh gerade in Haifa auf. Bei diesem Besuch wohnte Er zunächst beim Bayt-i-Zahlán, etwas außerhalb der Stadt, und zog dann in ein Haus in der deutschen Kolonie, das als Haus Oliphant bekannt war. Sein Zelt wurde auf einem Grundstück gegenüber diesem Haus aufgeschlagen. Der vierte und letzte Besuch fiel in das Jahr 1891 und war der längste. Bei dieser Gelegenheit trafen ihn Angehörige der Afnán-Familie, als sie im Juli nach Haifa kamen, wie in einem späteren Kapitel noch zu schildern sein wird. Damals hielt sich Bahá'u'lláh drei Monate lang in Haifa auf und wohnte im Haus des Ilyás Abyad in der Nähe der deutschen Kolonie, wo auch Sein Zelt stand.


Eines Tages stand Bahá'u'lláh bei einer Gruppe frei stehender Zypressen fast auf halber Höhe des Berges Karmel, deutete auf einige Felsen unmittelbar unter Ihm und sagte zu Seinem ältesten Sohn, daß an dieser Stelle das Grabmal für die sterblichen Überreste des Märtyrerpropheten, des ruhmvollen Verkünders Seines eigenen Kommens, zu errichten sei. Diese Überreste waren seit der zweiten Nacht nach dem 9. Juli 1850 - dem Tag, da der Báb auf dem öffentlichen Platz in Tabríz erschossen wurde - geheimgehalten und von einem Versteck zum anderen gebracht worden. Es sollte noch über ein Jahrzehnt dauern, bis `Abdu'l-Bahá den Auftrag Seines Vaters ausführen konnte. Heute erhebt sich genau an dem von Bahá'u'lláh bezeichneten Platz ein Grabmal von atemberaubender Schönheit, überragt von einer goldenen Kuppel, in der die Farben des Meeres und des Himmels spielen, und umgeben von Gärten von unbeschreiblicher Schönheit, ein Anblick, der das Auge blendet und die Seele entzückt. In dem Mausoleum, das `Abdu'l-Bahá und sein Enkel Shoghi Effendi mit liebevoller Sorgfalt errichtet haben, ruhen die verstümmelten Überreste des Märtyrerpropheten und Seines Jüngers Mírzá Muhammad-`Alíy-i-Zunúzí, die im Tod untrennbar ineinander verschmolzen. Dieses Mausoleum, die Königin des Karmel, bringt der gesamten Menschheit die Botschaft, daß das Böse niemals endgültig siegen kann.


#435

Ebenfalls während dieses Besuches von drei Monaten Dauer suchte Bahá'u'lláh die Höhle des Elias auf, über der sich ein christliches Kloster erhebt. Auf dem Vorgebirge unweit davon, wo in künftigen Jahren ein Mashriqu'l-Adhkár (Haus der Andacht) in voller Erhabenheit errichtet werden wird, offenbarte Er ein inhaltsschweres Sendschreiben: das Lawh-i-Karmil (Sendschreiben vom Karmel). Nachstehend sein Wortlaut auf der Grundlage der englischen Übersetzung durch den Hüter der Bahá'í-Religion