Read: Ian Semple - Wissen-Bund


Konferenz „Wissen und Gelehrsamkeit“ 5. - 6. Dezember 1997
Vortrag von Ian Semple über
„Wissen und der Bund Bahá’u’lláhs“

Bei seinem Vortrag „Wissen als Grundlage für eine Kultur des Geistes“ hat Dr. Arbab gestern Abend
unser Gespräch über die grundlegende Bedeutung des Wissens für den Fortschritt der Menschheit eröffnet.
Er betrachtete Wissen vom Standpunkt des einzelnen wie der Gesellschaft, sprach über Offenbarung und
Wissenschaft und warf einen Blick auf die Beziehung zwischen Wissenschaft und Religion. Diese Themen
werden bei den heutigen Sitzungen wiederkehren und heute Morgen werden wir besonders das Verhältnis
von Wissen und dem Bund Bahá’u’lláhs betrachten. Das Wesen dieser Beziehung erfordert ein neues Ver-
ständnis, das eine ganze Reihe von Bahá’í–Wissenschaftlern Mühe haben, sich anzueigenen, denn es lie-
fert eine beständige Quelle der unfehlbaren göttlichen Führung für eine Religion, die „ihren Anhängern auch
die uneingeschränkte Suche nach Wahrheit als die erste Pflicht auferlegt. „Einigen scheint diese Nebenein-
anderstellung ein Widerspruch zu sein, den sie zu überwinden versuchen, indem sie ein Prinzip dem ande-
ren unterordnen. Dies ist besonders für jene Bahá’í ein akutes Problem, die sich für das Studium des Glau-
bens besser ausrüsten wollen, indem sie wissenschaftliche Fächer wie Geschichte oder Orientalistik studie-
ren, die ihnen für ihren Zweck besonders dienlich erscheinen. Sie sehen sich aber dem Problem gegenüber,
dass zur jetzigen Zeit jedes wissenschaftliche Fach fordert, dass Forschung und Veröffentlichung in einem
fest definierten Rahmen und unter gegenwärtig als wissenschaftlich erachteten Voraussetzungen erfolgt. Ein
Wissenschaftler kann nur hoffen, Karriere zu machen, wenn er sich an diese Methoden hält. Und doch se-
hen sich Bahá’í-Wissenschaftler immer wieder vor den Ermahnungen des Universalen Hauses der Gerech-
tigkeit, die Forderungen der etablierten Methoden zu überprüfen und ihre Vision zu erweitern, damit sich
zwischen dem, was sie als Bahá’í glauben und dem, was sie als Wissenschaftler schreiben, keine Dichoto-
mie ergibt.

Neben seiner Relevanz für Bahá’í-Wissenschaftler ist ein klares Verständnis dieser Besonderheit des
Bahá’ítums für alle Bahá’í wichtig, und wir müssen es Fragenden gegenüber erklären können. Ich schlage
daher vor, dass ich diesen Gegenstand durch Anmerkungen zu den folgenden Problemen anspreche.:

* Die Bedeutung der Methode beim Erwerb von Wissen.
* Die kulturell bedingte Schieflage bei den bestehenden Methoden des Studiums der Religio-
nen und das Bahá’í-Prinzip der Übereinstimmung von Religion und Wissenschaft.
* Die Idee des Paradigmenwechsels.
* Abdu’l-Bahás Analyse der Zugänge, durch wie wir Wissen erwerben können, und die zentra-
le Stellung der göttlichen Offenbarung bei diesem Prozess.
* Das Verhältnis zwischen dem durch Offenbarung vermittelten Wissen und dem durch For-
schung erworbenen.
* Schlussfolgerung daraus für die Einstellung und die ethischen Maßstäbe von Gelehrte
* Die Rolle des Universalen Hauses der Gerechtigkeit in Bezug auf die Arbeit von Wissen-
schaftlern.

Manche, die durch ihre Ausbildung davon überzeugt sind, dass die gegenwärtigen konventio-
nellen Methoden wissenschaftlich und der zuverlässigste Weg zur Wahrheit sind, missverstehen die
Ermahnungen des Hauses der Gerechtigkeit als Ergebnis eines Wunsches, unangenehme Tatsachen
zu verschleiern oder als einen Rückfall in mittelalterliche Praktiken, die Forschung einem kirchli-
chen Dogma unterzuordnen. Es besteht daher die Versuchung, Wissenschaft und Religion in zwei
sich ergänzende aber gegenseitig ausschließende Bereiche zu verweisen. Dies würde die Spaltung
zwischen Religion und Wissenschaft fortbestehen lassen, die lange das westliche Denken be-
herrscht hat. Bahá’í-Wissenschaftler müssen die Auswirkungen des Prinzips der Übereinstimmung
von Wissenschaft und Religion studieren und Forschungsmethoden entwickeln, die diesem Prinzip
entsprechen. Ich glaube nicht, dass das Universale Haus der Gerechtigkeit diese Aufgabe für sie
erledigen wird. Wir wollen einige der einschlägigen Probleme betrachten.

Jedes Streben nach Wissen und Erkenntnis erfordert, dass der Sucher seine Tatsachen gewissen Ka-
tegorien zuordnet. Man könnte sogar sagen, dass die Beziehungen zwischen den Tatsachen ebenso erhel-
lend und wichtig sind wie die Entdeckung der Tatsachen selbst. Einer der Mängel, den viele Bahá’í bei ihrem
Studium der Lehren unterliegen, besteht gerade darin, dass sie diese Beziehungen nicht wahrnehmen. Nur
zu oft sehen die Freunde in der Vertiefung in die Lehren ein Studium einzelner Themen und isolierter Geset-
ze und Prinzipien. Aber gerade durch den Prozess der deduktiven Schlüsse gelingt es wahrzunehmen, wie
die Lehren, Gesetze und Prinzipien der Offenbarung ineinander greifen und einander erhellen und dabei ein
Muster von außergewöhnlicher Schönheit und Vollkommenheit erzeugen.

So wahr ich z.B. eines Abends bei einer Diskussion anwesend, bei der über die Beziehung zwischen
Mann und Frau in einer Bahá’í-Ehe gesprochen wurde. Es wurde viel Bezug genommen auf Texte, die be-
sonders auf die Ehe und die Familie sowie auf das Prinzip der Gleichwertigkeit zwischen Mann und Frau
verwiesen. Aber erst nach einer ganzen Zeit wies jemand darauf hin, dass gemäß Abdu’l-Bahá die wahre
Stufe des Menschen in der Dienstbarkeit besteht und dass jeder Mensch allen anderen ein Diener sein soll-
te. Zweifellos gilt dies auch für die Beziehung zwischen Mann und Frau. Sicher muss Gleichwertigkeit herr-
schen, aber jeder sollte sich auch jeweils als Diener des anderen sehen. Diese Erkenntnis warf auch auf alle
anderen Aspekte ein helles Licht.

Beim konventionellen Studium der Relgionen besteht eine natürliche Tendenz, auch das Ba-
há’ítum in die verschiedenen Kategorien einzupassen, die von Europäern und Amerikanern beim
Studium des Christentums und der verschiedenen nicht-christlichen Religionen entwickelt wurden.
Das ist dann der Standpunkt der auf dem Christentum basierenden westlichen Kultur. Natürlich hat
das die Art der entwickelten Kategorien beeinflusst.

Viel vom Geist und der Praxis der modernen Wissenschaft entwickelte sich in scharfer Oppo-
sition zur Kirche. Da das Studium der Philosophie durch Christen dem ekklesiastischen Dogma
unterlag, entwickelte sich als Reaktion darauf die Tendenz, alle Phänomene ohne Bezug auf Gott
oder die Religion zu erklären. Das führte zu bewundernswert fruchtbaren Ergebnissen, und machte
die wissenschaftliche Methode, bei der jede Hypothese durch beliebig wiederholbare Experimente
überprüft werden musste, was zum Aufbau von neuen Theorien auf vorhandene führte und die
Kenntnisse ständig zunehmen ließ, zum Ideal für alle Forscher. Man war entschlossen bemüht, alle
Wissensbereiche einschließlich der Geschichte, der Wirtschaft, der Medizin, Psychologie und So-
ziologie in dieses Muster einzupassen, wobei die Erfolge unterschiedlich waren. Die Erfolge waren
deshalb begrenzt, weil Menschen nicht mechanistisch strukturiert sind, die auf äußere Stimuli im-
mer in gleicher Weise reagieren. Menschen sind fühlende und denkende Wesen von nicht-
determinierter Komplexität und daher bietet das Studium der Menschen als Klasse oder auch nur als
Individuum ein so überwältigendes Maß an Faktoren, dass es bei jedem wissenschaftlichen Studium
des menschlichen Verhaltens unmöglich ist, alle Informationen einzubeziehen, die für völlig zuver-
lässige Schlussfolgerungen wesentlich sind. Das war auch der entscheidende Grund für den Zu-
sammenbruch des kommunistischen Systems. Ihre atheistische Philosophie vertrat die Ansicht, dass
Menschen auf gewisse wirtschaftliche Bedingungen eindeutig determiniert reagieren. Das tun sie
aber nicht, und die Ereignisse zeigten, dass es unmöglich ist, die Wirtschaft einer ganzen Nation
durch zentrale Planung wirksam zu steuern. Beim Funktionieren einer Wirtschaft sind so viele Ele-
mente autonom und unvorhersagbar, dass der Einfluss einer zentralen Autorität sich bestenfalls
darauf beschränken muss, in einem frei fließenden Prozess Anpassungen vorzunehmen.

Wir leben nun in einer Zeit, da die rigide modernistische Sicht der Wissenschaft durch Philo-
sophen des Postmodernismus in Frage gestellt wird. Sie haben erkannt, dass viel von dem, was als
eine objektive Norm in einer Gesellschaft akzeptiert wird, ein Ausfluß der Kultur ist, einschließlich
der Kategorien, in die Tatsachen eingeordnet werden. Einer der herausragenden Autoren auf diesem
Gebiet ist Thomas Kuhn, und ich möchte Ihnen einen Abschnitt aus dem Buch Reality Isn’t What It
Used To Be von Walter Truett Anderson vorlesen, der sich auf Kuhns Ansichten bezieht:

Kuhn stellt die Art, wie wissenschaftlicher Fortschritt stattfindet, anders dar. Nach ihm
produzieren Wissenschaftler den Fortschritt nicht, indem sie in mechanistisch objektiver Wei-
se eine Tatsache an die andere reihen, sondern sie stürmen von Zeit zu Zeit in plötzlichen kre-
ativen Ausbrüchen ruckartig vor, was er Paradigmenwechsel nennt. Ein Paradigma ist eine
soziale Konstruktion der Wirklichkeit, ein in einer bestimmten wissenschaftlichen Gemein-
schaft vorherrschendes Glaubensschema.

Nach Kuhn erklären diese Glaubenschemata nie alle Tatsachen ganz. Forscher stoßen
immer wieder auf Anomalien, die die vorherrschende Theorie nicht erklären kann. Trotzdem
bleibt die Theorie eine Zeitlang vorherrschend (zum Teil, weil manche Forscher Ergebnisse
ignorieren, die nicht dazu passen), aber mit fortschreitender Forschung steigt die Zahl der
Anomalien. Schließlich bietet jemand ein neues System der Erklärungen, das das alte ersetzt...

Kuhn bezeichnet einen bedeutenderen wissenschaftlichen Paradigmenwechsel als einen
Sprung in ein neues Denkmuster, eine andere Weltsicht. Er drückt das so aus:

Wenn Paradigmen wechseln, verändert sich die sogar Welt mit ihnen. Von dem
neuen Pradigma veranlaßt, benutzen Wissenschaftler neue Instrumente und schauen in
neue Ecken. Noch wichtiger ist, dass Wissenschaftler während solcher Revolutionen
mit bekannten Instrumenten Neues und Anderes dort sehen, wo sie schon früher hinge-
schaut haben. Es ist als ob ein ganzer Berufsverband plötzlich auf einen anderen Plane-
ten transportiert wurde, wo bekannte Gegenstände in anderem Licht erscheinen und wo
Unbekanntes dazukommt. Natürlich ist das nicht wörtlich zu verstehen, es findet keine
räumliche Verpflanzung statt; außerhalb des Laboratoriums verläuft der Alltag gewöhn-
lich weiter wie bisher. Trotzdem veranlaßt der Paradigmenwechsel die Wissenschaftler
die Welt ihres Forschungsbereiches anders zu sehen.

Eine der einzigartigen Besonderheiten des menschlichen Lebens, die von der westlichen Wis-
senschaft nie zufriedenstellend erklärt wurdenn, ist das periodische Erscheinen von Manifestationen
Gottes und ihr nachhaltiger Einfluß auf die Gesellschaft. Mit den Vorstellungen der Religionswis-
senschaft erklärt man dieses Phänomen als Ergebnis sozialer Einflüsse. Aber diese gleiche Religi-
onswissenschaft wurde in einer Gesellschaft entwickelt, die im Grunde irreligiös war, und sie erar-
beitet ihre Erklärungen in Übereinstimmung mit Vorstellungen und Theorien von der menschlichen
Gesellschaft, die von Anfang an die Möglichkeit einer Existenz Gottes ignorierte und daher den
Aussagen dieser Geistesriesen wenig Hochachtung entgegenbrachte.

Forscher auf dem Gebiet der Religionswissenschaft sahen sich gewaltigen Schwierigkeiten
gegenüber, weil seit der Entstehen der Relgionen eine lange Zeit vergangen war und weil sie es mit
einer Masse verwirrenden und widersprüchlichen Materials zu tun hatten. So trennen uns z.B. 2000
Jahre von der Zeit des Lebens Jesu. Soweit wir wissen, lehrte Er in Aramäisch. Was Seinen ur-
sprünglichen Lehren am nächsten kommt, ist uns in einer griechischen Übersetzung der Bücher des
Neuen Testaments erhalten. Es ist daher nicht überraschend, dass moderne Forscher der christlichen
Religion große Mühe darauf verwenden, herauszufinden, was Er eigentlich gelehrt hat und wieviel
davon in den Doktrinen der vielen Kirchen zuverlässig erhalten ist. Da sie dabei nicht sehr erfolg-
reich waren, wurden manche Theologen sogar zu der Schlußfolgerung verleitet, dass es nicht darauf
ankomme, was Er gelehrt hat; wichtig wäre nur, fanden sie, was seine Anhänger meinten, dass Er
gelehrt habe, denn nur das habe den Lauf der Menschheitsgeschichte beeinflusst. Die Vorstellungen
der Anhänger sind für solche Wissenschaftler zur Wirklichkeit der christlichen Religion geworden.

Im Falle des Bahá’ítums haben wir jedoch eine völlig andere Situation. Wir sind der Lebens-
zeit Bahá’u’lláhs so nahe, dass viele noch lebende Menschen mit der Hand der Sache Taráz’u’lláh
Samandarí gesprochen haben, der als junger Mann auf Pilgerreise in der Gegenwart Bahá’u’lláhs
war. Wir haben umfangreiche Schriften aus der eigenen Feder Bahá’u’lláhs. Wir haben die authen-
tischen Schriften und Äußerungen Abdu’l-Bahás, dem ernannten Mittelpunkt des Bundes und auch
noch sechsunddreißig Jahre der Führung durch Shoghi Effendi.

Wenn das, was Bahá’u’lláh uns über die Wirkungsweise der Manifestationen Gottes auf die
Menscheitsgeschichte lehrt, wahr ist – und dies ist die fundamentale Überzeugung, die alle Bahá’í
teilen – dann erzeugt das Erscheinen einer Manifestation Gottes im menschlichen Denken einen
Paradigmenwechsel von unberechenbaren Ausmaßen. Daher kommt es gewiss, dass, wenn man
jemandem, dessen Denken durch nicht-Bahá’í Vorstellung begrenzt ist, die Bahá’í-Lehren zu erklä-
ren versucht, man oft das Gefühl hat, einen dreidimensionalen Gegenstand jemandem zu erklären,
der nicht nur jedes Gespräch auf zwei Dimensionen eingrenzt, sondern der sich sogar weigert, die
Möglichkeit einer dritten Dimension auch nur anzunehmen. Das erinnert einen an die Abschieds-
worte des Báb an die Buchstaben des Lebendigen: „Das neugeborene Kind jenes Tages übertrifft
die weisesten und geachtetsten Männer dieser Zeit, und der Niedrigste und Ungelehrteste jener Zeit
wird an Verständnis die gelehrtesten und vollendetsten Geistlichen diese Zeitalters übertreffen.“
(Nabil, Bd. 1, S.127)

Wenn man das Erscheinen einer Manifestation in dieser Weise sieht, kann man verstehen,
dass Bahá’u’lláh ein großes Gewicht auf das Erkennen Seiner Mission legt. Jemand der ganz ohne
Bildung ist, aber dadurch Zugang zum neuen Paradigma gefunden hat, kann tiefgreifende Wahrhei-
ten verstehen, die jenseits der Fähigkeit derer liegen, die noch an das alte Paradigma gebunden sind.
Ist es daher erstaunlich, dass Bahá’u’lláh gegen Ende Seiner Amtszeit im Tablet der Weisheit
schreibt:

Bei Meinem Leben! An diesem Tage ist es der himmlische Baum leid, der Welt anderes
zu verkünden als die Versicherung: Wahrlich, es gibt keinen Gott aus Mir, dem Unvergleich-
lichen, dem Allunterrichteten.
Botschaften 9:32

Im Bahá’ítum sind es die Lehren Bahá’u’lláhs, die höchst wichtig sind. Was Seine Anhänger
zu irgendeiner Zeit denken, hat viel weniger Bedeutung und man kann davon ausgehen, dass es in
irgendeiner Weise von der Wirklichkeit des Glaubens selbst abweicht. Diese Unterscheidung zwi-
schen dem Bahá’ítum, das aus der klaren und nicht angezweifelten Offenbarung Bahá’u’lláhs mit
den autoritativen Äußerungen Abdu’l-Bahás, des Hüters und des Universalen Hauses der Gerech-
tigkeit auf der einen Seite besteht und der Bahá’í-Gemeinde, zu der alle Anhänger des Glaubens mit
ihrem verschiedenartigen und nur teilweise richtigen Verständnis des Glauben auf der anderen Seite
gehören, ist ein neuer und höchst bedeutsamer Faktor beim Religionsstudium.

Wie sollen wir also die Folgerungen aus Bahá’u’lláhs Offenbarung und dem von Ihm errich-
teten Bund in unsere Suche nach Erkenntnis und unsere Forschung integrieren?

Im Kapitel 83 der Beantworteten Fragen sagt Abdu’l-Bahá:

Es gibt nur vier anerkannte Wege zur Einsicht, das heißt, die Wirklichekti der Dinge
wird durch diese vier Methoden verstanden.

Und Er zählt dann diese Methoden auf.

Die erste Methode liegt in den Sinnen, das heißt, alles was Auge, Ohr, Geschmack, Ge-
ruch und Tastgefühl wahrnehmen, wird durch diese Methode erkannt.....

Die zweite Methode ist die des Verstandes; sie wurde von den alten Philosophen, den
Säulen der Weisheit, angewandt und ist der Weg zum Verständnis. Mit dem Verstand wiesen
sie Dinge nach und hielten sich streng an logische Beweise; alle ihre Argumente waren Vers-
tandesbeweise......

Die dritte Methode des Verstehens liegt in der Tradition, das heißt in der Überlieferung
durch den Wortlaut der heiligen Schriften; denn man sagt: So und so sprach Gott im Alten
und Neuen Testament.....

Abdu’l-Bahá zeigt dann, dass man sich auf keine einzige dieser Methoden verlassen kann.
Unsere Sinne können uns täuschen; das ist uns durch unsere tägliche Erfahrung offensichtlich. Un-
sere Beweisführung durch den Verstand kann fehlerhaft sein, entweder weil die Voraussetzungen
falsch sind, oder weil die Logik nicht lupenrein ist. So wird eine sorgfältig begründete Schlußfolge-
rung später durch einen anderen Denkprozeß umgeworfen. Auch die Tradition ist keine sichere
Grundlage, denn Traditionen müssen mit Hilfe der Vernunft verstanden werden. „Der Verstand“,
bemerkt Abdu’l-Bahá, „gleicht einer Waage, und die Bedeutung, die im Text der Heiligen Büchern
enthalten ist, gleicht dem Gewogenen. Wenn die Waage ungenau ist, wie kann das Gewicht festge-
stellt werden?“
Beantwortete Fragen, S. 286

Und Er schließ dann:

Denn wisse, alles, was in den Händen der Menschen liegt, und alles, was sie glauben, ist
dem Irrtum unterworfen. Wenn wir etwas beweisen oder widerlegen wollen und der Beweis
durch das Zeugnis unserer Sinne erbracht wird, so ist diese Methode, wie wohl klar geworden
ist, nicht vollkommen; dasselbe gilt für verstandesmäßige Beweise, und sie sind auch dann
nicht vollkommen, wenn sie aus der Überlieferung kommen. Somit gibt es in den Händen der
Menschen keinen Maßstab, auf den sie sich verlassen können.
Aber die Gnade des Heiligen Geistes verleiht die wahre Methode der Erkenntnis, die
unfehlbar ist und nicht angezweifelt werden kann. Sie kommt durch die Hilfe des Heiligen
Geistes, der dem Menschen erscheint, und ist die einzige Stufe, auf der Gewißheit erlangt
werden kann.
Beantwortete Fragen , Kap 83

Was müssen wir unter der „Gnade des Heiligen Geistes“ verstehen? Mit einem rein christli-
chen Verständnis werden wir darunter die göttliche Inspiration verstehen, die jemand empfängt,
wenn er sein Herz Gott zuwendet. Zweifellos ist das eine seiner Bedeutungen, aber diese Bedeutung
entspricht nur unzureichend der Aussage Abdu’l-Bahás, denn wir wissen aus eigener Erfahrung wie
auch aus den Erläuterungen Shoghi Effendis, dass es für einen Gläubigen keine Möglichkeit gibt,
sicher zu sein, ob die Erkenntnis, die er durch Inspiration erhält, von Gott kommt, oder ein Produkt
seiner Einbildung ist. Vom Bahá’í-Standpunkt, jedoch ist „Gnade des Heiligen Geistes“ ein Aus-
druck, der auch die Ausgießung der Führung beinhaltet, die wir durch die Manifestationen Gottes
erhalten, und nur durch einen Vergleich unseres intuitiven Verständnisses mit jener Führung kön-
nen wir von ihrer Richtigkeit überzeugt sein.

Die Bahá’í-Einstellung kann man in der Weise zusammenfassen, dass man Erkenntnis auf
zwei Arten erwirbt. Durch die Anerkennung der Offenbarung der Manifestation Gottes und durch
Studium. Offenbarung schränkt die Suche nach Wahrheit nicht ein und widerspricht ihr nicht, sie
liefert die geistige Dynamik und die Erleuchtung, die dem Prozeß und dem Ergebnis unserer For-
schung Gestalt gibt. Ohne sie können wir weit in die Irre gehen, und statt dass unsere Gelehrsam-
keit ein Licht für uns und andere ist, kann es unser Ich aufblasen und Verachtung für weniger Ge-
lehrte erzeugen.

Dieses gleiche Thema wird von Bahá’u’lláh im Kitáb-i-Iqán in anderer Weise behandelt. Er
schreibt:

Merke wohl: Wissen ist von zweierlei Art, göttlich und satanisch. Das eine entspringt
dem Born göttlicher Eingebung, das andere ist nur ein Spiegelbild eitler und verdunkelter Ge-
danken. Der Quell des einen ist Gott selbst, die Triebkraft des anderen sind die Einflüsterun-
gen eigensüchtigen Begehrens. Das eine ist geleitet von dem Spruch: „Fürchtet Gott; Gott
wird euch lehren“, das andere bestätigt die Wahrheit: „Wissen ist der größte Schleier zwi-
schen dem Menschen und seinem Schöpfer.“ Die Früchte des einen sind Geduld, Sehnsucht,
wahre Erkenntnis und Liebe, dagegen die des anderen nur Anmaßung, Hoffahrt und Dünkel.
In den Aussprüchen jener Meister heiligen Verkündens, welche den Sinn wahren Wissens er-
läutert haben, ist der Geruch dieser unklaren Lehren, welche die Welt verfinstern, in keiner
Weise zu finden. Der Baum solcher Lehren kann nichts anderes hervorbringen als Laster und
Empörung, er trägt keine andere Frucht als Haß und Neid, seine Frucht ist tödliches Gift, sein
Schatten verzehrendes Feuer. Wie schön ist doch gesagt worden: „Halte dich an das Gewand
deiner Herzenssehnsucht und lasse alle Scheu fahren; aber lasse die Weltklugen gehen, wie
groß auch ihr Name sei.“

Buch der Gewissheit, S. 52f

Auf Seite 13 bezieht sich ein anderer Abschnitt direkt auf dieses Thema.

Auf Gott muß er bauen, an Ihn sich halten und auf Seinem Wege wandeln. Dann wird er
würdig sein, dass ihm in ihrer Glorie die Sonne göttlicher Erkenntnis und Einsicht strahle und
er zum Gefäße werde für nie geschaute Gnaden ohne Ende. Denn nie darf ein Mensch hoffen,
zur Erkenntnis des Allherrlichen zu gelangen, nie kann er vom Strome göttlicher Erkenntnis
und Weisheit trinken, nie kann er in den Wohnsitz der Unsterblichkeit eingehen noch teilha-
ben am Kelche göttlicher Nähe und Gunst – es sei denn, er lasse davon ab, die Worte und Ta-
ten sterblicher Menschen zum Maßstab wahren Erfassen und Erkennens Gottes und Seiner
Propheten zu nehmen.

Auf Seite 39 steht ein weiteres Zitat, das zeigt, wie die Anerkennung göttlichen Wissens die
Fähigkeit des Suchers für wahres Forschen und Verstehen befruchtet:

In gleicher Weise bemühe dich auch, den Sinn der Worte „Wandlung der Erde“ zu er-
fassen. Wisse, dass die Erde all der Herzen, auf welche die Güte spendenden Regenschauer
der Barmherzigkeit vom „Himmel“ göttlicher Offenbarung niederströmen, sich wahrlich in
die Erde göttlicher Erkenntis und Weisheit verwandelt hat. Welche Myrten der Einheit hat der
Blumengarten dieser Herzen emporsprießen lassen! Welche Blüten wahrer Erkenntnis und
Weisheit hat ihr erleuchtetes Innenleben uns geschenkt! Wäre die Erde ihrer Herzen nicht
verwandelt worden, wie hätten dann solche Seelen, denen nicht ein Buchstabe gelehrt worden
war, die keinen Lehrer gesehen hatten und in keine Schule gegangen waren, solche Worte und
solche Erkenntnis verkünden können, so dass niemand imstande ist, sie zu begreifen? Für-
wahr, sie sind aus dem Ton unbegrenzter Erkenntnis gestaltet und mit dem Wasser göttlicher
Weisheit geformt worden. Darum ist gesagt: „Erkenntnis ist ein Licht, das Gott, wem Er will,
in das Herz legt.“ Diese Art Erkenntnis ist des Preises wert, und ist es von jeher gewesen,
nicht aber das beschränkte Wissen, das dem verschleierten und umwölkten Denken entsprun-
gen ist: dieses beschränkte Wissen haben sie sogar heimlich voneinander ausgeborgt, und
vergebens brüsten sie sich damit.
Ach, möchten die Menschenherzen doch von diesen allzumenschlichen Beschränkun-
gen und trüben Gedanken geläutert werden, die auf ihnen lasten! Vielleicht werden sie er-
leuchtet werden durch das Licht der Sonne wahrer Erkenntnis und die Geheimnisse göttlicher
Weisheit erfassen! Bedenke nun: Bliebe die dürre, unfruchtbare Erde dieser Herzen unver-
wandelt, wie könnten sie da zu Empfängern der Offenbarung der Gottesgeheimnisse werden,
zu Offenbarern göttlichen Wesens? Darum sprach Er: „Am Tage, da die Erde in eine andere
Erde verwandelt wird....“

Wir könen daher verstehen, wie diese Abschnitte in keiner Weise den vielen Heiligen Texten
widersprechen, die die Wichtigkeit der Erziehung betonen; jene die die Tugenden der Künste und
Wissenschaften rühmen; und Bahá’u’lláhs eigen Ermahnung in den Verborgenen Worten:

O Sohn des Geistes!
Von allem das Meistgeliebte ist Mir die Gerechtigkeit; wende dich nicht von ihr ab,
wenn du nach Mir verlangst, und missachte sie nicht, damit Ich dir vertrauen kann. Durch ihre
Hilfe wirst du mit deinen eigenen Augen und nicht mit denen anderer sehen und durch die ei-
gene Erkenntnis und nicht durch die deines Nächsten Wissen erlangen. Erwäge in deinem
Herzen, wie du sein solltest. Wahrlich: Gerechtigkeit ist Meine Gabe an dich und das Zeichen
Meiner Güte. Halte sie dir immer vor Augen.
Verborgene Worte, arabisch 2
Und schließlich die schriftliche Äußerung des Hüters, dass der Bahá’í-Glaube „seinen An-
hänger vor allem die Pflicht des ungehemmten Suchens nach Wahrheit auferlegt.“

Es scheint mir, dass die Bahá’í-Lehren im Grunde besagen, dass man gleichzeitig in mehrfa-
cher Weise nach Wissen streben muß: indem man sich in die göttliche Offenbarung versenkt, indem
man ungehemmt die Prozesse des menschlichen Geistes verfolgt, indem man sein Herz inspirieren
läßt und indem man die Lehren in seinem Leben und Handeln anwendet.

Gerade die Wechselbeziehung dieser Zugänge – und wahrscheinlich noch anderer, an die ich
nicht gedacht habe – wünscht das Universale Haus der Gerechtigkeit die Bahá’í-Wissenschaftler
auszuarbeiten. Eine gültige Methode bedeutet keineswegs, eine blinde Annahme unüberprüfter
Aussagen, aber sie wird sicher von dem Grad der Gewissheit beeinflußt werden, die der einzelne
Forscher erreicht hat. Bei der Suche nach Wahrheit gibt es einen Punkt, bei dem der Sucher von der
Stufe des Zweifels auf die Ebene der Gewissheit aufgestiegen ist. Das bedeutet nicht, dass sein
Verstand nicht mehr sucht oder fragt, aber die Erfahrung und das Forschen hat dazu geführt, dass er
jenen Glauben erreicht hat, den Abdu’l-Bahá als „bewußtes Wissen“ definiert. Man kann diesen
Prozeß in Bereichen wirken sehen, die viel weniger erhaben als eine Religion sind. Wenn man ei-
nem primitiven Stammesangehören erzählt, dass die Erde rund ist und im Raum schwebt, würde er
berechtigtermaßen am Verstand des Sprechers zweifeln. Er muß nur seine Augen benutzen, um zu
erkennen, wie lächerlich diese Behauptung ist. Wer eine gründliche moderne Bildung hat, wer in
der Schule alle Beweise für diese Behauptung gelernt hat, wer Aufnahmen von der Erde aus der
Raumperspektive gesehen hat, wird in dieser Beziehung keine Zweifel haben. Es war keine Ge-
hirnwäsche nötig, um ihn einsehen zu lassen, was oberflächlich gesehen eine lächerliche Behaup-
tung ist. Durch Forschung und Erfahrung ist er geschult und hat ein höheres Niveau von Wissen
erreicht.

Es ist daher nicht logisch, dass man bei der wissenschaftlichen Untersuchung von Religionen
von einer einheitlichen atheistischen Basis ausgeht, es sei denn, man ist Atheist. Man muss akzep-
tieren, dass die Voraussetzungen sich wahrscheinlich unterscheiden werden, wenn Wissenschaftler
unterschiedlicher Herkunft ihre Studien verfolgen. Es wäre absolut vernünftig, wenn ein nicht-
Bahá’í Wissenschaftler das Leben und die Lehren Bahá’u’lláhs erforscht, als ob er in Ihm nur einen
persischen Edelmann des 19. Jahrhunderts sieht, der allen Begrenzungen und Einflüssen Seiner
Umgebung ausgesetzt war. Ein Bahá’í aber weiß, dass Bahá’u’lláh als eine Manifestation Gottes
von Seiner Umgebung nicht in der Weise abhängig war, wie es ein normaler Mensch gewesen wä-
re. Seine Kenntnisse und Sein Verständnis gingen weit über Seine Umgebung hinaus und obgleich
er gewiß die Form Seiner Offenbarung dem Niveau und dem Wesen des Verständnisses Seiner Hö-
rer anpasste und die arabische und persische Sprache in einer der Zeit entsprechenden Weise be-
nutzte, so hat Er doch Seinen Hörern der damaligen Zeit wie auch für die zukünftigen Jahrhunderte
Wahrheiten übermittelt, die sie damals und auch jetzt kaum aufzunehmen in der Lage waren.

Ein Bahá’í-Wissenschaftler betrachtet die Taten und Worte Bahá’u’lláhs mit den Augen eines
demütigen Schülers, der sich darum bemüht, die Absichten und Methoden eines meisterhaften Leh-
rer zu verstehen. Wie sehr unterscheidet sich das von der Einstellung, die ein nicht-Bahá’í ein-
nimmt, der sich selbst als Gelehrter im Besitz des ganzen Reichtums der modernen zivilisierten
Wissens glaubt und der daher mit einem toleranten aber herablassenden Blick auf die Taten und
Äußerungen von jemandem schaut, den er für einen Reformator des 19. Jahrhunderts hält, und der
das Produkt seiner Zeit und seiner Umgebung ist, wie revolutionär seine Ideen auch sein mögen.

Es scheint mir, es ist dieser Unterschied in der Einstellung gegenüber Bahá’u’lláh und Seinem
Glauben und die sich aus diesem Beweismaterial ergebenden Schlußfolgerungen, durch die sich ein
Bahá’í-Wissenschaftler von jedem anderen unterscheiden muß.

Wir wollen z.B. den viel diskutierten Absatz im Tablet der Weisheit untersuchen. Hier
schreibt Bahá’u’lláh: „Empedokles, der sich in der Philosophie hervortat, war ein Zeitgenosse Da-
vids, während Pythagoras in den Tagen Salomons, des Sohnes Davids lebte und Weisheit aus dem
Schatz des Prophetentums erwarb.“ (Botschaften, 9:25) Es gibt welche, die diesen Abschnitt als ein
Argument dafür anführen, dass Bahá’u’lláh keineswegs allwissend war und man sich daher auf Ihn
auch in anderen Angelegenheiten nicht verlassen könne. Es ist jedoch bereits darauf hingewiesen
worden, dass Bahá’u’lláh diesen Abschnitt mit der Aussage einleitet, dass Er „einige Berichte der
Weisen“ erwähnen wolle, und man kann durch Vergleiche feststellen, dass Er wörtlich aus den
Werken solcher moslimischer Historiker zitiert wie Abu’l-Fath-i-Shahristáni und Imádu’d-Din
Abu’l-Fidá. Bahá’í-Wissenschaftler, die wissen, dass westliche Historiker Empedokles und Pytha-
goras mehrere Jahrhunderte von David und Salomon entfernt datieren, stehen vor der Frage, warum
Bahá’u’lláh beschlossen hat, gerade diesen Abschnitt zu zitieren. Hat Er nur einen Bericht zitiert,
der seinen Lesern bekannt war, weil Er die Absicht hatte, Sein Hauptargument zu verdeutlichen?
Benutzte Er diese Methode, um die Aufmerksamkeit zukünftiger Bahá’í-Historiker darauf zu len-
ken, die geläufige Basis für das Datieren von Ereignissen im Nahen Osten zu überprüfen? Oder
müssen aus diesem Absatz noch andere Schlußfolgerungen gezogen werden?

Ein Bahá’í wird diesen Abschnitt auch unter Berücksichtigung andere Kommentare in den
Schriften betrachten. So sagt Bahá’u’lláh weiter oben im Tablet der Weisheit, als er sich über die
Schöpfung und das Wesen des Wortes Gottes ausläßt:

Nur ungern verbreiten Wir uns über diesen Gegenstand, da die Ungläubigen die Ohren
auf uns richten, um Worte zu hören, die sie in die Lage versetzen, an Gott, dem Helfer in Ge-
fahr, dem Selbstbestehenden, herumzunörgeln. Außer Stande die Geheimnisse der Erkenntnis
und Weisheit zu erlangen, wie sie der Urquell göttlichen Glanzes enträtselt, erheben sie ihren
Protest und machen großes Geschrei. Allerdings wenden sie sich gegen das, was sie begrei-
fen, nicht gegen die Darlegungen des göttlichen Erklärers oder gegen die Wahrheiten, die der
eine wahre Gott, der Kenner des Unsichtbaren, vermittelt. Alle ihre Einwände fallen auf sie
zurück, und Ich schwöre bei deinem Leben, sie sind jeden Verständisses bar.
(Tablet der Weisheit, 9:11)

Wissenschaftler, die die alten Paradigmen benutzen, werden dahin tendieren, das Bahá’ítum
in die eine oder andere der Kategorien einzuordnen, die jene Paradigmen geschaffen haben, und
werden es auf diese Weise zu verstehen versuchen. Aber es paßt keine dieser Kategorien genau,
und wenn solche Vergleiche in mancher Beziehung auch richtig sein mögen, so sind sie doch
höchst irreführend. Ein Bahá’í-Wissenschaftler, der ein tiefes Verständnis des Glaubens hat, wird
das erkennen und nicht in diese Falle tappen.

Wir müssen zu der vorigen Frage zurückkehren: Wie kann ein Bahá’í-Gelehrter, der durch die
gegenwärtige Ausbildung in seinem Fach veranlaßt ist, gewisse Methoden zu befolgen, sein eigenes
Verständnis zum Ausdruck bringen? Mir scheint, dass in dem Maße wie ein Bahá’í-Wissenschaftler
in seinem Fach Bedeutung erlangt, er genau so wie jeder andere bedeutende Wissenschaftler die
Fesseln des gegenwärtige Paradigmas durchbrechen und entsprechend schreiben kann. Ein Student
oder ein junger Wissenschaftler wird sich jedoch im Rahmen des gegenwärtigen Paradigmas halten
müssen, wenn er sein Examen bestehen oder in Fachzeitschriften veröffentlichen will. Sogar ein
Bahá’í-Schulkind steht vor ähnlichen Herausforderungen, wenn es über viele Dinge mehr weiß als
sein Lehrer zu hören bereit sein wird. Es ist in der gleiche Lage wie jemand, der den Glauben lehrt,
der auch das Gesagte einfacher darstellen muss, um die Aufnahmefähigkeit seiner Hörer nicht zu
sehr zu beanspruchen. Die Ansprachen Abdu’l-Bahás sind ein vollkommenes Beispiel dafür, wie
man das macht, ohne im geringsten den Lehren des Glaubens Gewalt anzutun. Es ist so etwa wie
wenn ein Mathematik-professor in einer Grundschulklasse eine Stunde gibt. Er wird seine Erklä-
rungen drastisch vereinfachen müssen, aber er wird nichts lehren, was den Grundprinzipien der
Mathematik widerspricht. So gehört zum Beispiel zu historischer Forschung die Sicherstellung der
Tatsachen, worauf man Schlußfolgerung zieht, die diese Tatsachen in vernünftiger Weise verbin-
den. Beide Prozesse erfordern die Anwendung der Vernunft, um die Vertrauenswürdigkeit der vor-
liegenden Beweise zu prüfen und die Motive zu beurteilen und beides wird bei einem Bahá’í-
Gelehrten von seiner Kenntnis des Wesens Bahá’u’lláhs und Seiner Offenbarung beeinflußt sein.
Selbst wenn er durch die Umstände gezwungen ist, nur Beweismaterial vorzulegen, das bei der ge-
genwärtig gelehrten Methodologie akzeptabel ist, wird er es bei dieser Beschränkung nicht zulas-
sen, dass er Schlussfolgerungen zieht, von denen er als Bahá’í weiß, dass sie falsch sind.

Dieses Dilemma ist natürlich nur ein Nebenproblem der grundsätzlicheren Frage des Zusam-
menspiels von Offenbarung und den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung. Ich glaube es gibt
ein Zitat im Kitáb-i-Iqán, das den Schlüssel liefert. Es findet sich in dem Abschnitt, der da beginnt:
„Aber, O mein Bruder, wenn ein wahre Sucher sich entschließt, mit forschendem Schritt den Pfad
zu betreten, der zur Erkenntnis des Altehrwürdigen der Tage führt, so muß er....“ (Buch der Ge-
wissheit, S. 129) Es gibt so viele Edelsteine an Ratschlägen in diesem Abschnitt, dass er Material
für viele eigene Seminare liefern könnte. Ein bemerkenswertes Charaktieristikum besteht darin,
dass viele Erfordernisse genannt werden, die man normalerweise eher der Ethik und der Moral zu-
ordnen würde als der Forschung. Hier ist ein Satz, der für die öffentliche Bahá’í-Diskussion über
die Lehren besonders relevant ist:

Nie darf er (der wahre Sucher) sich erheben wollen über irgendwen, und jede Spur von
Stolz und Dünkel muß er von der Tafel seines Herzens waschen. Er muß in Geduld und in
Ergebung harren, Schweigen üben und sich eitler Rede enthalten. Denn die Zunge ist ein
schwelend Feuer, und zuviel der Rede ist ein tödlich Gift. Das irdische Feuer verbrennt den
Körper, das Feuer der Zunge aber verzehrt das Herz wie die Seele. Die Kraft von jenem währt
nur eine Weile, aber die Wirkung von diesem dauert ein Jahrhundert lang.
Buch der Gewissheit, S. 130

Ich verstehe dies nicht so, dass der Sucher nie etwas sagen sollte, sondern vielmehr dass er
seine Zunge im Zaum halten, streitsüchtiges Argumentieren vermeiden und sich eitler Rede enthal-
ten sollte und immer den Zweck seiner Bemerkungen im Auge haben.

Dieser Abschnitt, der auch das „Tablet des wahren Suchers“ genannt wird, zeigt uns, dass un-
ser ganzes Wesen, unsere Einstellung zu anderen, unser äußeres Verhalten ebenso wie unser innerer
Geist bei unserer Suche nach Wahrheit wichtige Elemente sind. Auch hier werden wir wieder daran
erinnert, dass alle Elemente der Bahá’í-Offenbarung miteinenader verflochten sind. Wenn wir die
vielen Abschnitte studieren, die in den Schriften auf den Erwerb von Wissen Bezug nehmen, so
sehen wir, dass es keinen Konflikt zwischen göttlicher Offenbarung und ungehemmter Suche nach
Wahrheit gibt, ja nicht geben kann. Die Offenbarung hebt uns auf ein höheres Niveau des Ver-
ständnisses und wirft ein Licht auf alles, was wir nur jemals zu wissen wünschen können. Es erin-
nert mich an Jesu Rat „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, alles andere wird euch zufallen.“

Jetzt müssen wir untersuchen, welche Auswirkungen das Wirken des Bundes und seiner Insti-
tutionen auf die Suche nach Erkenntnis haben.

Da ihnen ein so klarer und verbindlicher Bund wie der von Bahá’u’lláh fehlte, war jede Reli-
gion der Vergangenheit in Spaltungen und Irrtümer verfallen, weil es den Anhängern nicht möglich
war, den Lehren der Stifter treu zu bleiben. Wie es Abdu’l-Bahá im Kapitel 83 der Beantworteten
Fragen, aus dem ich schon früher zitiert habe, erklärt, ist der Besitz einer Sammlung von Heiligen
Schriften kein sicherer Weg zu wahrer Erkenntnis.

Aber auch diese Methode ist nicht vollkommen, weil die Überlieferungen durch den
Verstand erfaßt werden. Da der Verstand selber dem Irrtum unterworfen ist, wie könnte man
da sagen, dass er sich bei der Auslegung der Bedeutung der Überlieferungen nicht irre, wo es
doch möglich ist, dass er Fehler macht, und Gewissheit nicht erreicht werden kann. Dies ist
die Methode der kirchlichen Führer; was sie aus dem Text der Bücher verstehen und begrei-
fen, ist das, was ihr Verstand aus dem Wortlaut erfaßt, nicht aber unbedingt die Wahrheit.
Denn der Verstand gleicht einer Waage, und die Bedeutung, die im Text der heiligen Bücher
enthalten ist, gleicht dem Gewogenen. Wenn die Waage ungenau ist, wie kann das Gewicht
festgestellt werden?
Beantwortete Fragen, Kap. 83

Bahá’í würden sich in dieser Beziehung von den Anhängern anderer Religionen nicht unter-
scheiden, wenn es nicht den Bund gäbe, der dafür sorgt, dass wir zuerst in Abdu’l-Bahá und dann
im Hüter und im Universalen Haus der Gerechtigkeit göttlich geschützte und geführte Mittelpunkte
haben. Das Wesen und den inneren Zusammenhang zwischen den beiden Institutionen des Hüter-
tums und des Universalen Hauses der Gerechtigkeit ganz zu verstehen, ist zu dieser Zeit jenseits
unserer Möglichkeiten, aber wir können sehr wohl ihre wesentlichen Funktionen würdigen und
können verstehen, wie selbst in Abwesenheit eines Hüters, wodurch dem Glauben ein Mittelpunktes
der autorisierten Interpretation entzogen ist, der Bund immer noch unverletzlich bleibt.

Einige Freunde haben gesagt, dass in Abwesenheit eines Hüters das Universale Haus der Ge-
rechtigkeit selbst gezwungen sein würde autoritative Interpretationen zu liefern, aber das Haus der
Gerechtigkeit selbst hat das ausgeschlossen. Ich will hier nicht ausführlich aus den Briefen des
Hauses der Gerechtigkeit zu diesem Thema zitieren, Sie können das selbst nachlesen. Es wird dort
erklärt, dass es zwei Arten von Interpretationen gibt. Auf der einen Seite gibt es die göttlich inspi-
rierten autoritativen Interpretationen, die allein Abdu’l-Bahá und dem Hüter eigen waren. Sie konn-
ten sagen, was die Ansicht und Absicht von Bahá’u’lláh waren und niemand hat das Recht, das Ge-
genteil zu sagen. Wenn es daher nach dem begrenzten Verständnis eines Anhängers des Glaubens
einen Widerspruch zwischen dem Heiligen Text und der autoritativen Interpretation gab, so muss er
sein Verständnis nach der Aussage des letzteren richten.

Wir haben eine Schatzkammer voller Führung durch Abdu’l-Bahá und Shoghi Effendi, die
nicht nur die Offenbarung interpretiert haben, sondern uns auch durch Beispiele zeigten, wie wir
selbst die Schriften verstehen und unsere eigenen Schlußfolgerungen dort ziehen können, wo es
keine autoritative Interpretation gibt. Obgleich unsere Schlußfolgerungen möglicherweise immer
fehlerhaft sein werden, können uns diese Beispiele helfen, die gröberen Fehler zu vermeiden.

Wie dem auch sei, die Bahá’í haben diese riesige Sammlung von Schriften vor sich, sowohl
die Offenbarung wie auch die autoritativen Interpretationen, aus denen sie ihre eigene Kenntnis und
ihr Verständnis der Lehren Bahá’u’lláhs aufbauen müssen. Es gibt nur einen einzigen Weg dies zu
tun: Sie müssen ihre eigenen auf den Texten basierenden Ideen und Schlußfolgerungen entwickeln.
Was sollen sie also tun, wenn ihre eigenen zugegebenermaßen fehlbaren Interpretationen von denen
anderer abweichen, was sie unweigerlich tun werden? Das Universale Haus der Gerechtigkeit kann
keine autoritative Interpretation erlassen, ebensowenig wie das ein einzelner Bahá’í tun kann. Es
verfügt jedoch über eine andere Autorität, die den Bund in ausreichender Weise beschützt.

Nach den Worten Abdu’l-Bahás müssen die Mitglieder des Universalen Hauses der Gerech-
tigkeit „über alle Fragen beraten, die Meinungsverschiedenheiten verursacht haben, unklar und
nicht ausdrücklich im Buche verzeichnet sind.“ (W & T. S. 33) Es ist übrigens bemerkenswert, dass
dieser Absatz im zweiten Teil des Willens und Testaments erscheint, der zu einer Zeit geschrieben
wurde, als Abdu’l-Bahá in großer Gefahr und Shoghi Effendi noch ein Kind war. Er bezieht sich
ausdrücklich auf die gewählten Mitglieder des Universale Hauses der Gerechtigkeit, von denen Er
schreibt „Was immer sie entscheiden, hat die gleiche Geltung wie der Text.“ (W. & T., S. 33)

Es sind verschiedene Fragen bezüglich der Unfehlbarkeit des Universalen Hauses der Gerech-
tigkeit in Abwesenheit eines Hüters gestellt worden. Ich will dieses Problem hier nicht im Einzelen
ansprechen, weil es schon in Briefen des Universalen Hauses der Gerechtigkeit behandelt wurde,
die Sie alle lesen können. Ich möchte allerdings den einen Punkt betonen, dass nur das Universale
Haus der Gerechtigkeit das autoritative Antworten auf solche Fragen geben kann. Manchmal wird
die Antwort dadurch deutlich, was das Haus der Gerechtigkeit schreibt, manchmal durch die Art
und Weise, wie es handelt.

Anders als in früheren religiösen Systenem hat Bahá’u’lláh direkt und durch die Abdu’l-Bahá
verliehene Autorität allen Gläubigen, sie mögen auch noch so gelehrt sein, das Recht entzogen,
autoritative Interpretationen oder Deduktionen aus den Schriften zu ziehen, und hat dafür die Auto-
rität zentral in zwei Institutionen konzentriert: dem Hüter und dem Universalen Haus der Gerech-
tigkeit. Er hat alle Bahá’í verpflichtet, die Wahrheit selbst zu erforschen, Er hat uns aufgerufen, die
Schriften zu studieren und zu unserem eigenen Verständnis zu gelangen, aber ganz am Ende Seines
Willens und Testaments hat Abdu’l-Bahá über die zentrale Autorität des Glaubens geschrieben:

Habt acht, dass niemand diese Worte falsch auslegt und gleich denen, die nach dem Ta-
ge des Aufstiegs (Bahá’u’lláhs) den Bund gebrochen haben, einen Vorwand geltend macht,
um das Banner der Empörung zu entfalten und halsstarrig das Tor zu falschen Auslegungen
aufzureißen. Niemandem ist das Recht gegeben, seine eigene Meinung herauszustellen oder
seine persönlichen Überzeugungen auszudrücken. Alle müssen Führung suchen und sich dem
Mittelpunkt der Sache und dem Haus der Gerechtigkeit zuwenden. Und wer sich woandershin
wendet, ist fürwahr in schmerzlichem Irrtum.
Wille und Testament S. 39

Wenn wir verstehen wollen, wie dieser ganz strenge Befehl zu dem Prinzip der unabhängigen
Suche nach Wahrheit in Beziehung steht, brauchen wir bloß zu schauen, wie der Hüter und das U-
niversale Haus der Gerechtigkeit ihn angewandt haben.

Mit dieser Frage im Zusammenhang steht das Problem der Beschränkungen bei den Handlungen, die je-
mand ausführt und den Gedanken die er verbreitet, was ihm erlaubt, als Bahá’í betrachtet zu werden. Lange
gab es keine klare Unterscheidung zwischen den einen, die als Bahá’í angesehen wurden und den anderen,
die als Sympathisanten galten. Aber als die Bahá’í-Gemeinde mit der Errichtung der administrativen Ord-
nung anfing eine Form anzunehmen, was in Übereinstimmung mit den strengen Anweisungen im Kitáb-i-
Aqdas und im Willen und Testament von Abdu’l-Bahá geschah, mussten die Bahá’í-Institutionen einen Un-
terschied einerseits zwischen denen machen, die sich zum Glauben bekannten, administrative Funktionen
übernehmen konnten und dem Bahá’í–Gesetz unterstanden und andererseits jenen, die den Lehren des
Glaubens sympathisch gegenüberstanden, aber Bahá’u’lláh nicht als Manifestation Gottes anerkannten und
nicht die Verpflichtung fühlten, sich dem Bahá’í-Gesetz zu unterstellen. Frühere Religionen haben dieses
Problem auf verschiedene Art zu lösen versucht. Im Christentum gab es einen Versuch der Lösung, indem
die Kirche ein Glaubensbekenntnis formulierte. Die Bahá’í-Lösung ist ganz anders, wie man dem Ratschlag
entnehmen kann, den Shoghi Effendi in einem Brief vom 24. Oktober 1925 an den Nationalen Geistigen Rat
der Vereinigten Staaten und Kanada schrieb.

Was nun die delikate und komplexe Frage anbetrifft, wie man die Anforderungen an
einen wahren Gläubigen festlegt, so kann ich in diesem Zusammenhang nicht stark genug
betonen, dass es dringend notwendig ist, äußerste Diskretion, Vorsicht und Takt anzuwen-
den, wenn es darum geht, für uns selbst zu entscheiden, wer als wahrer Gläubiger angesehen
werden soll, oder nach außen bekanntzugeben, welche Überlegungen als Grundlage für eine
solche Entscheidung dienten. Ich erlaube mir nur ganz kurz und so angemessen, wie es die
gegenwärtigen Umstände erlauben, die hauptsächlichen Faktoren zu nennen, die in die Ü-
berlegungen einbezogen werden müssen, ehe man entscheidet, ob jemand als wahrer Gläu-
biger angesehen werden kann oder nicht. Volle Anerkennung der Stellung des Vorläufers,
des Stifter und des Wahren Beispiels der Bahá’í-Sache, wie von Abdu’l-Bahá in Seinem
Testament genannt; vorbehaltlose Anerkennung und Unterordnung unter alles, was von de-
ren Feder offenbart wurde; loyales und standhaftes Festhalten an jeder Bestimmung im hei-
ligen Willen unseres Geliebten; engen Anschluß an den Geist und die Form der heutigen
Bahá’í-Administration in der ganzen Welt – dies, stelle ich mir vor, sind die grundsätzlichen
und vorrangigen Überlegungen, die fair, diskret und sorgfältig sichergestellt werden müsse,
ehe eine so lebenswichtige Entscheidung getroffen wird. Jeder Versuch einer weiteren Ana-
lyse und Klärung, wird, fürchte ich, uns nur in fruchtlose Diskussionen und sogar ernste
Kontroversen münden, die nicht nur unnötig sondern für die wahren Interessen einer wach-
senden Sache sogar schädlich sind. Ich würde daher all jene, die zu einer solchen Entschei-
dung aufgerufen sind, ganz dringend bitten, dieses komplizierte und immer wiederkehrende
Problem im Geiste demütigen Gebetes und ernster Beratung anzugehen und sich dessen zu
enthalten, eine zu starre Trennungslienie zu ziehen, es sei denn in Fällen, wo die Interessen
der Sache es unbedingt erfordern.
(Unüberprüfte Übersetzung, Bahá’í Administration p. 90)

Dieser Abschnitt stellt in sehr zurückhaltender Weise dar, wie die Bahá’í-Institutionen be-
rechtigt sind, an die Entscheidung der delikaten Frfage heranzugehen, wann jemand als Mitglied in
der Bahá’í-Gemeinde aufgenommen und wann er davon ausgeschlossen werden soll. Was z.B. das
Verhalten anbetrifft, so mischen sich Geistige Räte nicht in das Leben und das Tun einzelner
Freunde ein. Nur wenn das Verhalten eines Bahá’í einen flagranten Bruch der Bahá’í-Gesetze dar-
stellt oder Schande über den guten Ruf des Glaubens bringt, schreitet ein Rat ein, versucht den
Gläubigen zur Änderung seines Verhaltens zu bringen, und schließlich, wenn er die Ratschläge und
Warnungen nicht beachtet, entzieht er ihm die administrativen Rechte. Auf dem Gebiet des Glau-
bens haben die Institutionen die Aufgabe, die Gläubigen in den Lehren zu unterrichten, kümmern
sich aber in anderer Hinsicht nicht um die Glaubensvorstellungen der einzelnen Freunde, sondern
akzeptieren, dass wir alle nur Kinder sind in unserem Bestreben, diese unendlich herrliche Offenba-
rung zu verstehen. Wenn ein Gläubiger aber dauernd Ansichten Ausdruck verleiht, die in krassem
Gegensatz zu den klaren Lehren stehen, haben die Institutionen die Pflicht, ihm die Unsinnigkeit
seines Verhaltens zu erklären. Wenn man allerdings durch die aktive Verbreitung solcher Ideen
sehen kann, dass er versucht, die Autorität des Bundes zu untergraben, wäre das natürlich eine viel
ernstere Situation und würde seine Mitgliedschaft in der Bahá’í-Gemeinde in Frage stellen.

Das Akzeptieren und Verstehen des Altehrwürdigen Bundes zusammen mit der Vorstellung
der göttlichen Offenbarung wie sie in der Offenbarung Bahá’u’lláhs erklärt wird, erweitert also un-
ser Verständnis von Wissen – und von Gelehrsamkeit, die das Streben nach Wissen ist – auf die
Stufe eines umfassenderen Paradigmas. Ob ein Mensch diese Offenbarung anerkennt, ist eine Frage
seiner freien Entscheidung, aber wenn er sie einmal anerkannt hat, muß es seine Auffassung von
Wissen beeinflussen. Die Bahá’í-Lehren fördern nicht nur die Vorstellung einer unabhängigen Su-
che nach Wahrheit und betonen nicht nur die Bedeutung der Erziehung, sondern sorgen auch für
eine Gemeinde, in der ein toleranter und undogmatischer Geist herrscht und in der der Geringere
Bund und seine zentralen Institutionen die Einheit des Ganzen sicherstellen – trotz aller Vielfalt der
Ansichten und ihres Ausdrucks – indem es einen autoritativen Bezugspunkt für die Lösung von
Streitigkeiten und Problemen gibt.

Schließlich, unabhängig davon wie hoch die Stufe auch sei, die der Glaube für die Gelehrten
vorsieht, oder wie dringend der Ruf danach, sich in Gelehrsamkeit auszuzeichnen, jeder Bahá’í soll-
te sich immer die Worte Bahá’u’lláhs im Kitáb-i-Iqan vor Augen halten:

Das Verstehen Seiner Worte und das Begreifen der Aussprüche der Himmelstauben
sind in keiner Weise von menschlichem Wissen abhängig. Es hängt nur von der Reinheit des
Herzens ab, von der Keuschheit der Seele und der Freiheit des Geistes.
Buch der Gewissheit, S. 140


Wissen und Bund Vortrag von Ian Semple ( von Roland Zimmel)


Hamburg, den 12.06.2003 Datei: D:\Winword2\BASTU\Ian_samp_Wissen_Bund.doc Seite: 1 von 14

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