Read: Janet Khan, Bahiyyih Khanum


1. Kapitel

Bahíyyíh Khánum, Nachfahrin Bahá’u’lláhs

Bahíyyih Khánum war die älteste Tochter Bahá'u'lláhs, des Propheten und Gründers des Bahá’i- Glaubens, einer Religion, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Iran ihren Ursprung hat. Sie war Augenzeugin der folgenschweren Ereignisse, welche die Geburt dieser neuen Offenbarung begleiteten und spielte in der darauffolgenden Zeit, als der Bahá'í–Glaube sich zu einer unabhängigen Weltreligion entwickelte, eine bedeutende Rolle. Bahíyyih Khánums Beitrag zur Entwicklung des Bahá’í-Glaubens ist einmalig. Ein systematisches Studium der Heldentaten und Leistungen dieser verhältnismäßig unbekannten, persischen Frau ist tatsächlich seit langem überfällig. Überdies ist ihr beispielhaftes Leben von bleibender Wichtigkeit, und ihre persönlichen Charaktereigenschaften haben eine spezielle Bedeutung für die Probleme, denen sich die heutige Gesellschaft gegenüber sieht.

Ihre Rolle in der Bahá’í-Geschichte

Bahíyyih Khánum wurde 1846 in Persien (dem heutigen Iran) geboren. Abgesehen von zwei Jahren, umfasst ihr Leben das turbulenteste und das wahrhaftig Gestaltende Zeitalter in der Geschichte des Bahá'í–Glaubens, einer Zeit, die sich durch die Heldentaten und Prüfungen der Zentralgestalten des Glaubens und durch die Leiden und Opfer unzähliger Märtyrer auszeichnet, die sich erhoben, den jungen Glauben zu verfechten. Die Menschen, die mit den schriftlichen Berichten aus dieser Zeit vertraut sind, kennen sicherlich in großen Zügen das Leben von Bahíyyih Khánum. Sie war nicht nur eine stille Beobachterin, sondern auch eine aktive Teilnehmerin an vielen dieser stürmischen Geschehnissen. Nach ihrem Tod 1932 schrieb Shoghi Effendi, der Hüter des Bahá'í–Glaubens: "In ihrem Gesicht konnte man leicht die Geschichte der Sache Gottes von den frühesten Tagen bis zur Gegenwart lesen." 1

Geboren in einer vornehmen und reichen Familie, war Bahíyyih Khánum zwei Jahre jünger als ihr berühmter Bruder 'Abdu'l-Bahá und einige Jahre älter als ihr Bruder Mírzá Mihdí. Ihre Mutter war die erlauchte Ásíyih Khánum, genannt "Navváb" (würdevolle Anmut, Hoheit, Majestät ). Die ganze Familie wurde unweigerlich vom Strudel der Ereignisse mitgerissen, der die Geburt der Bahá'í–Religion umgab.

Im Alter von sechs Jahren musste sie miterleben, wie ihre Eltern des gesamten Besitzes beraubt wurden, und ihr Vater im Síyáh-Chál, dem "schwarzen Loch" von Teheran, eingekerkert war. Mit ihrer Mutter Navváb* und ihrem Bruder 'Abdu'l-Bahá lebte sie in quälender Sorge, dass man Bahá'u'lláh hinrichten würde. Wenn ihre Mutter das Haus verließ , um sich nach dem Befinden des geliebten Mannes zu erkundigen und für den täglichen Bedarf der Familie zu sorgen, betreute Bahíyyih Khánum alleine ihren kleinen Bruder.

Als Bahá'u'lláh aus dem Kerker entlassen wurde, verbannte man Ihn, Seine Familie und einige Ihm nahestehende Gefährten 1853 nach Bagdad. Nun begann eine Periode der Verbannung, die im Falle Bahíyyih Khánums bis an ihr Lebensende dauern sollte und zum Teil auch Gefangenschaft bedeutete. So teilte sie mit Bahá'u'lláh Gefangenschaft und Verbannung, als Er auf Befehl der persischen und osmanischen Behörden und der geistlichen Autoritäten zunächst nach Bagdad, von dort nach Konstantinopel, dann nach Adrianopel und zuletzt in die Gefängnisstadt ’Akká verbannt wurde.

Von frühester Kindheit an empfand Bahíyyih Khánum hohe Wertschätzung für die Stufe ihres Vaters als Bote Gottes und wünschte sich sehnsuchtsvoll, Ihm und der von Ihm begründeten Religion zu dienen. Während ihres ganzen Lebens war sie berufen, delikate und schwierige Aufgaben zu übernehmen und heldenhafte Charaktereigenschaften und einen heroischen Geist im Dienst an dieser Sache zu zeigen. Bahá'u'lláh erhob sie in einen hohen Rang und verlieh ihr den Titel "Das Größte Heilige Blatt", eine Bezeichnung, die häufig von den Bahá'í gebraucht wird, wenn sie von ihr sprechen.

Nach dem Hinscheiden Bahá'u'lláhs 1892 übernahm 'Abdu'l-Bahá die Aufgabe als Oberhaupt des Bahá'í–Glaubens, zu dem Er im Testament Seines Vaters ernannt worden war. Während dieser Übergangszeit und den darauf folgenden Jahren versuchten Feinde der Religion von innen und außen, die Autorität 'Abdu'l-Bahás anzufechten und den Bahá'í–Glauben zu erschüttern. Inmitten dieses Sturms war Bahíyyih Khánum das einzige lebende Mitglied aus Bahá'u'lláhs Familie, das zu 'Abdu'l-Bahá hielt und zusammen mit Seiner Ehefrau, Munírih Khánum und deren Töchtern, Ihm standhaft und treu ergeben zur Seite stand.

Nach dem Tod ihres Vaters lebte das Größte Heilige Blatt im Haushalt 'Abdu'l-Bahás, dem sie auf Grund ihrer von Bahá'u'lláh übertragenen hohen Stufe und ihrer einzigartigen Eigenschaften als Haushaltsvorstand diente. Sie pflegte soziale Beziehungen, um ihren Bruder zu schützen. Sie war für die immer größer werdende Zahl von Pilgern aus Ost und West eine geschätzte und hoch verehrte Gastgeberin und in allen Dingen Seine treue Partnerin und Vertraute. Als endlich im Jahr 1908 das Sultanat gestürzt und alle religiösen und politischen Gefangenen des osmanischen Reiches befreit wurden, konnte 'Abdu'l-Bahá Seine historischen Reisen in die westliche Welt antreten. Während Seiner zweijährigen Abwesenheit vom Heiligen Land legte 'Abdu'l-Bahá die Belange des Glaubens vertrauensvoll in die Hände von Bahíyyih Khánum. Nach den Worten Shoghi Effendis war sie 'Abdu'l-Bahás "sachkundige Beauftragte, Seine Stellvertreterin und Seine Statthalterin, der niemand gleich kam." 2

Der Tod von 'Abdu'l-Bahá im Jahre 1921 war ein schwerer Schlag für Bahíyyih Khánum. Trotz ihrer tiefen Trauer über den Verlust traf sie die notwendigen Vorkehrungen für Sein Begräbnis, stellte Sein Testament sicher und gab bekannt, dass nach Seinen Bestimmungen 'Abdu'l-Bahás Enkelsohn, Shoghi Effendi, zum Hüter des Glaubens, ernannt wurde.

Zum Zeitpunkt seiner Ernennung war Shoghi Effendi ein Student an der Universität Oxford. Als er ins Heilige Land zurückkehrte, wurde er sich der ungeheuren Verantwortung bewusst, die er zu übernehmen hatte. Überwältigt von der Größenordnung dieser Aufgabe, fuhr er für eine längere Zeit der Vorbereitung und Besinnung in die Schweiz. Vor seiner Abreise übertrug er "die Angelegenheiten der Sache Gottes sowohl zuhause als auch im Ausland der Obhut der Heiligen Familie unter der obersten Leitung des Größten Heiligen Blattes."3

In ihrer Eigenschaft als amtierendes Oberhaupt des Bahá’í-Glaubens rief Bahíyyih Khánum die Bahá'í weltweit auf, den neu ernannten Hüter zu unterstützen und trieb die Verbreitung und Festigung der Religion auf der ganzen Welt voran. Bis zu ihrem Lebensende blieb sie – mit den Worten Shoghi Effendis – seine „Hauptstütze", seine "vielgeliebte Trösterin", die "Freude und Inspiration" seines Lebens. 4

Die Rolle des Größten Heiligen Blattes in der Bahá'í–Geschichte ist in der Religionsgeschichte einmalig. Um diese Rolle richtig zu würdigen, muss man sich von den Beschränkungen ein Bild machen, unter denen die Frauen im 19. und frühen 20. Jahrhundert im Mittleren Osten zu leben hatten. In der islamischen Welt waren Frauen weitgehend ’unsichtbar.’ Sie erfreuten sich weniger Rechte und hatten keinen Status in der Gemeinde. Sie gingen verschleiert und führten ein zurückgezogenes Leben, getrennt von allen Männern, sofern diese nicht zur unmittelbaren Familie zählten. Da ihnen jegliche Gelegenheit zu einer Ausbildung vorenthalten blieb, und sie auf ein Leben im Haus beschränkt waren, blieben sie meist Analphabeten. Es war ihnen nicht erlaubt, am öffentlichen Leben teilzunehmen, und sie spielten in der Religion keine Rolle. Darüber hinaus erwähnt die Geschichtsschreibung jener Epoche nur selten Frauen, da es gegen die Regeln des Anstands und der Würde verstieß, wenn die – gewöhnlich männlichen - Historiker in die Privatsphäre einer Frau eindrangen, indem sie ihr Leben erforschten.

Da die Informationsquellen über das Leben Bahíyyíh Khánums verstreut und oft spärlich sind, ist es besonders bemerkenswert, dass Bahá'u'lláh Selbst "den Schleier der Verborgenheit" von Seiner Tochter lüftete und damit den Geschichtsschreibern den Weg ebnete, ihr Leben zu erforschen, sie aus einem Zustand der ’Unsichtbarkeit’ zu befreien, ihre Rolle in der Gesellschaft anzuerkennen, sowie ihren Beitrag zur Geschichte zu würdigen.5

Rang und Stufe

Bahíyyih Khánum nimmt im Bahá'í–Glauben eine einzigartige Stellung ein. Sie wurde von Bahá'u'lláh zu einem erhabenen Rang und auf eine einzigartige Stufe erhoben. Er wendet sich an sie mit folgenden Worten: "Wir haben dich zu einem Rang erhoben, der einer der ruhmreichsten unter deinem Geschlecht ist und dir eine Stufe gewährt, wie sie keine andere Frau erreicht hat. Dadurch haben Wir dich bevorzugt und über alle anderen erhoben – als ein Zeichen der Gnade des Herrn des Thrones in der Höhe und auf Erden." 6

Hiermit nimmt Bahíyyih Khánum eine Stellung ein, "die unter allen ihres Geschlechtes innerhalb der Bahá'í–Sendung erstrangig ist." Ihre hohe Stufe beschränkt sich aber nicht nur auf Frauen. Nach dem Hinscheiden 'Abdu'l-Bahás bezeichnet Shoghi Effendi sie als die "letzte Überlebende" der Familie Bahá'u'lláhs und "ihr erhabenstes Mitglied." 7

Was bedeuten derartige Bezeichnungen? Welche Lehren für die Rolle der Frau in der Religion lassen sich in der heutigen Zeit, in der Frauen weitgehend durch traditionelle religiöse Strukturen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und von führenden Stellungen ausgeschlossen sind, daraus ziehen? Was sind Bedeutung und Auswirkung von Rang und wie sieht das Konzept von Führerschaft innerhalb einer Glaubensgemeinschaft aus?


Bahíyyih Khánum – herausragende Heldin und Urbild

In den Bahá'í-Schriften gibt es zahlreiche Beschreibungen der geistigen und persönlichen Eigenschaften Bahíyyih Khánums. Sie vermitteln Einsicht in ihre einzigartige Stufe, veranschaulichen ihren hervorragenden Beitrag zur Entwicklung der Religion und heben mögliche Bedeutungen für die heutige Gesellschaft hervor. Das Größte Heilige Blatt wird als "die herausragende Heldin der Bahá'í–Sendung" und als "letzte Überlebende eines glorreichen und heroischen Zeitalters" beschrieben. Sie wird auch als "Urbild, bzw. Archetyp des Volkes von Bahá"*, "deren himmlische Wesensart" nach den Worten des Hüters "ein Modell" für die Gläubigen ist, dem sie nacheifern sollen, und deren "himmlische Eigenschaften" ihnen "Vorbild und Führung" sein mögen.8

Zu allen Zeiten haben Helden, Heilige und Philosophen, Könige und Generäle, Künstler und Politiker, Revolutionäre und Terroristen, ja selbst Rockstars das Verhalten von Frauen und Männern inspiriert und beeinflusst. Als Verkörperung gewisser Ideale und Werte, die von der Gesellschaft gepriesen und verehrt werden, dienen sie als Beispiel für richtiges Verhalten, und ihre Leistungen sind der Stoff, aus dem Mythen und Träume gewebt werden.

Archetypen, Urbilder, spielen ebenso im Leben des Einzelnen wie in der Religionsgeschichte eine wichtige Rolle. Die primäre Definition des englischen „archetype“, auf deutsch Urbild, lautet im Wörterbuch: "Das ursprüngliche Muster oder Modell, von dem Kopien gemacht werden, ein Prototyp." Speziellere Begriffsbedeutungen beinhalten: "Eine Münze mit Standardgewicht, durch die andere ausgerichtet werden" und "ein als ideal angenommenes Muster der grundlegenden Struktur jeder großen Klasse von organisierten Wesen, deren verschiedene Arten als Modifikation angesehen werden." In der Literaturkritik vermittelt der Begriff die Vorstellung eines "ursprünglichen Bildes, Charakters oder Musters, das in der Literatur genügend beständig wiederkehrt, so dass man es als ein universales Konzept oder eine universale Situation betrachten kann.“ 9

In den meisten Religionen findet sich eine weibliche archetypische Gestalt, die das weibliche Ideal verkörpert und die weiblichen Gläubigen motivieren soll. Obwohl dieses Urbild im Allgemeinen mit weiblichen Tugenden - wie Reinheit, Jungfräulichkeit und Mütterlichkeit - assoziiert wird, gibt es auch Beispiele für Frauen, die den Rahmen ihrer kulturellen Traditionen sprengen. Die Religionsgeschichte berichtet von fähigen Frauen wie Deborah, der Richterin und Prophetin, die den Sieg der Israeliten über die Kanaaniter bewirkte; von Maria Magdalena, die nach der Kreuzigung Christi die Zuversicht der Apostel wiederherstellte; von der furchterregenden Jeanne d’Arc, die unter großen Schwierigkeiten beachtliche Verdienste im Namen der Religion leistete. 10

Wie lässt sich nun die Bedeutung der Bezeichnung Bahíyyih Khánums als "Urbild des Volkes von Bahá" verstehen? In wieweit entspricht sie bestehenden archetypischen Mustern? In welcher Beziehung stehen die von ihr verkörperten Ideale und Werte zu der Richtung der sozialen Entwicklung? Näher betrachtet ist zu erkennen, dass das Größte Heilige Blatt weder ausschließlich der Inbegriff einer Mutterfigur noch die typische mythische Heldin und Märtyrerin ist. Außerdem: Während weibliche Archetypen im allgemeinen dazu dienten, Frauen zu inspirieren und zu motivieren, ist die Stufe des Größten Heiligen Blattes als „Urbild des Volkes von Bahá" einmalig unter den religiösen Traditionen. Sie ist eindeutig als Model für das ganze „Volk“ ausersehen, für Frauen ebenso wie für Männer.

Bahíyyih Khánums Eigenschaften sind per Definition sowohl für Frauen als auch für Männer von Bedeutung. Beide Geschlechter werden durch das Beispiel ihres Lebens inspiriert und richten ihr Verhalten nach ihren Eigenschaften aus. Dies alles verlangt danach, erneut die Eigenschaften, die der Tradition nach als männlich oder weiblich angesehen werden, zu überprüfen und das Konzept von Heldentum neu zu definieren.

Angesichts der veröffentlichten Persönlichkeit und All-Bekanntheit, die mit Helden und Heldinnen von heute assoziiert wird, ist es besonders bemerkenswert, dass Shoghi Effendi Bahíyyih Khánum als "herausragende Heldin der Bahá'í–Sendung" und als "Urbild des Volkes von Bahá" auszeichnete. Sie wuchs in einem Kulturraum auf, in dem Frauen traditionsgemäß ’unsichtbar’ sind und war die meiste Zeit ihres Lebens den vielen Beschränkungen ausgesetzt, die in moslemischen Ländern den Alltag der Frauen bestimmen. Sie lebte zum größten Teil "hinter dem Vorhang", getrennt von den Männern, obwohl im Haushalt Bahá'u'lláhs die Gläubigen, die Ihm nahe standen, mit den weiblichen Familienmitgliedern in Kontakt kamen 11. Sie lebte nicht nur stark eingeschränkt, sondern außerdem wurde ihr Wirken von den orientalischen Historikern des Bahá'í–Glaubens, gemäß den Gebräuchen jener Zeit und aus Respekt vor dem Privatleben, auf das Frauen Anspruch hatten, kaum erwähnt.

Erforschung

In den folgenden Kapiteln wollen wir genauer die Beteiligung des Größten Heiligen Blattes an den größten Ereignissen untersuchen, die im Zusammenhang mit der Entstehung und frühen Ausbreitung des Bahá'í–Glaubens stehen. Wir wollen auch den Wert ihrer Taten, den tieferen Sinn ihrer einzigartigen Stufe und die Bedeutung ihres Beispiels erforschen, um zu einer tieferen Wertschätzung ihres bleibenden Vermächtnisses zu gelangen.














2. Kapitel


Bahá’u’lláhs edle Tochter


Um zu verstehen, wie sehr Bahíyyih Khánum zur Entwicklung der Bahá’í–Gemeinde beigetragen hat, ist zu prüfen, welche Rolle sie bei den Geschehnissen zu Lebzeiten ihres Vaters Bahá'u'lláh, ihres Bruders 'Abdu'l-Bahá und ihres Großneffen Shoghi Effendi spielte. Im Zentrum dieser Untersuchung stehen die einzigartigen Beziehungen, die sie mit jeder dieser Gestalten verband.

In diesem Kapitel wollen wir die Beziehung des Größten Heiligen Blattes zu Bahá'u'lláh betrachten sowie ihre Teilnahme an einigen der stürmischen Ereignisse erforschen, die das Heroische Zeitalter des Bahá’í–Glaubens prägten, eines Zeitalters, das mit der Amtszeit des Offenbarers Bahá'u'lláh und Seines Vorläufers, des Báb, zusammenfiel. Obwohl die Geschichtsschreibung unvollständig ist – auch Shoghi Effendi bestätigt, dass Historiker jener Zeitepoche nur wenig über Einzelheiten ihrer Beteiligung berichteten – stellte er ein allgemeines Gerüst bereit, das es uns ermöglicht, mehr Einsicht in das Wesen ihrer Dienstbarkeit zu gewinnen. Hinzufügen möchten wir die Beschreibungen von Bahíyyih Khánum selbst, die sie Bahá’í–Pilgern gab, die das Vorrecht hatten, ihr gegen Ende ihres Lebens persönlich zu begegnen. Im Anhang befindet sich eine ausführliche Beschreibung der Quellen, die für die Zusammenstellung der Geschichte ihres Beitrags bei der Entstehung und Gestaltung des Bahá’í–Glaubens herangezogen werden.


Ihre Beziehung zu Bahá’u’lláh


Bahíyyih Khánum ist die innig geliebte Tochter Bahá'u'lláhs. Shoghi Effendi bestätigt in seinen Briefen die tiefe Liebe und Zuneigung Bahíyyih Khánums zu ihrem Vater, ihre leidenschaftliche Sorge um Sein Wohlergehen und Seine Sicherheit wie auch ihren untröstlichen Kummer zur Zeit Seines Hinscheidens. Die Beziehung zu ihrem Vater war einzigartig und ging weit über die übliche Vater–Tochter–Beziehung hinaus. Sie war nach den Worten des Hüters "mit dem Geist ihres allmächtigen Vaters" durch ein "mystisches Band vereint“. Es ist offensichtlich, dass sie von früher Kindheit an ein klares Verständnis von der Stufe ihres Vaters als der Manifestation Gottes für dieses Zeitalter hatte. Ihr ganzes Leben war geweiht, Ihm zu dienen und die von Ihm vorgestellte neue Offenbarung zu unterstützen.1

Bahíyyih Khánum beschreibt die Art der Beziehungen zwischen Bahá'u'lláh und den Familienmitgliedern und erklärt:

"Nach Seiner Erklärung betrachteten wir Ihn als weit über uns stehend, und stillschweigend räumten wir Ihm in unserem Verhalten eine dementsprechende Stellung ein. Er wurde von uns nie behelligt mit weltlichen Angelegenheiten, und wir fühlten, dass wir trotz der Familienbande keinen größeren Anspruch auf Ihn hatten als Seine anderen Gläubigen. Wenn für uns alle nur zwei Räume zur Verfügung standen, überließen wir Ihm einen Raum. Das Beste von allem, was wir hatten, gaben wir Ihm. Er nahm es an, gab es uns dann wieder zurück und verzichtete darauf. Er schlief auf dem Boden, weil alle kein Bett hatten, obwohl es möglich gewesen wäre, Ihm ein Bett zu besorgen, hätte Er es gewünscht.“ 2

Die Schriften Bahá'u'lláhs legen deutlich die Einzigartigkeit der Beziehung zu Seiner Tochter dar und erhellen die beiden Seiten dieser Verbindung. Zum Beispiel wird das Größte Heilige Blatt auf der physischen Ebene als "ein Blatt, das aus dieser urewigen Wurzel entsprossen ist“, beschrieben, und die folgenden Worte bezeugen die zärtliche Liebe des Vaters zu Seiner Tochter: "Wie süß ist Mir deine Gegenwart; wie süß ist es, in dein Antlitz zu schauen, dich mit Meiner liebenden Güte zu beschenken, dich mit meiner zärtlichen Fürsorge zu erfreuen und dich in diesem Meinem Tablet zu erwähnen, einem Tablet , das Ich als ein Zeichen Meiner verborgenen und offenbaren Gnade für dich bestimmt habe." 3

Bahá'u'lláh betont, dass über das Band körperlicher Verwandtschaft hinausgehend, ihr Dasein einen transzendenten Sinn hat, der darauf beruht, dass sie Seine Stufe als Gottesoffenbarer erkannt und den Sinn ihres Lebens erfüllt hat. Er stellt fest: "Wir haben deine Augen erschaffen, um das Licht Meines Antlitzes zu schauen, deine Ohren, um der Melodie Meiner Worte zu lauschen, deinen Körper, um Mir vor Meinem Thron Ehrerbietung zu erweisen. Danke Gott, deinem Herrn, dem Herrn aller Welten." Ebenso drückt Bahá'u'lláh Seine Freude darüber aus, wie sie die geistigen Eigenschaften verwirklicht, die der Gottesoffenbarer verkörpert, indem Er sagt: "Ich atme von dir den Duft Meiner Liebe ein und den süßen Hauch, der vom Gewande Meines Namens, der All-Heilige, der All-Strahlende, weht." Um die hervorragenden Eigenschaften Bahíyyih Khánums zu bezeugen, verleiht Bahá'u'lláh ihr eine einzigartige geistige Stufe und erhebt sie zu "dem vornehmsten Rang unter deinem Geschlecht," und gewährt ihr "eine Stufe, die keine Frau je übertraf." Um diesem Rang zu entsprechen, gibt Er ihr den Rat: "Sei aus vollem Herzen wirksam am Baume Gottes und löse deine Zunge, um Gott unter allen Menschen zu preisen. Lass die Dinge dieser Welt dich nicht bekümmern. Halte dich fest an diesen göttlichen Lotusbaum, aus dem du durch Gottes Gnade hervorgegangen bist. Ich schwöre bei Meinem Leben! Es geziemt dem Liebenden eng mit dem Geliebten verbunden zu sein, und hier ist wahrlich der Meist-Geliebte der Welt." 4

Dieser Ratschlag Bahá'u'lláhs spendete dem Leben des Größten Heiligen Blattes die motivierende Kraft. Ihr ganzes Dasein konzentrierte sich auf die Anerkennung der Stufe Bahá'u'lláhs. Sie war sich der Bedeutung Seiner Offenbarung voll bewusst, und trotz aller damit verbundenen Prüfungen und Schwierigkeiten blieb sie in ihrer Ergebenheit, die Sache Gottes zu unterstützen, unerschütterlich.


Ihre einzigartige Rolle während der Amtszeit Bahá’u’lláhs

Es gibt nur wenige historische Einzelheiten über Bahíyyih Khánums Beteiligung an den Ereignissen in den frühen Tagen der Bahá’í–Sache. Zum Teil beruht dies auf der traditionellen Zurückhaltung östlicher Historiker, in die Privatsphäre der weiblichen Familienmitglieder Bahá'u'lláhs vorzudringen. Wahrscheinlich mangelte es diesen Historikern jedoch auch an Verständnis dafür, welche Rolle eine Frau möglicherweise außerhalb des Hauses und auch bei religiösen Angelegenheiten spielen könnte. Zieht man jedoch die Briefe Shoghi Effendis hinzu und seine Analyse über die zukunftsträchtigen Ereignisse bei der Entfaltung des Bahá’í–Glaubens, gewinnt man einen kurzen Einblick, wie bedeutend die Rolle war, die das Größte Heilige Blatt in den Ereignissen während der Amtszeit Bahá'u'lláhs spielte.


Teheran

Nach dem Märtyrertod des Báb im Jahre 1850 sank die Moral Seiner Anhänger so sehr, dass einige irre geleitete und verantwortungslose junge Männer versuchten, den Schah zu töten, um sich für den Tod ihres Anführers zu rächen. Obwohl der Schah nur leicht verletzt wurde, führte dieser Vorfall dazu, dass die Anhänger des Báb weithin verfolgt wurden. Bahá'u'lláh, der vollkommen unschuldig war, wurde sofort festgenommen, da man Ihn wegen Seiner engen Beziehung zum Báb verdächtigte, an dem Verbrechen beteiligt gewesen zu sein.

Bahá'u'lláhs Gefangenschaft im Jahre 1852 in Teherans unterirdischem Kerker, bekannt als das Síyáh-Chál (das schwarze Loch), setzte eine Kette von Ereignissen in Gang, die sich sowohl auf die Geschicke des Bahá’í–Glaubens, als auch auf das Leben Seiner Familienmitglieder nachhaltig auswirkten. Bahíyyih Khánum war "noch in ihrer frühen Kindheit," als ihr Vater eingekerkert wurde; dennoch - so versichert der Hüter - war dieses Ereignis der Anfang ihrer einzigartigen Teilnahme an der Entfaltung der neuen Religion. Der Hüter schreibt: “Seit Beginn ihres Lebens, von ihrer frühen Kindheit an, kostete sie den Kelch des Leidens; sie ertrug die Heimsuchungen und Schwierigkeiten während der frühesten Jahre der großen Sache Gottes.“5

Als Bahá'u'lláh gefangen genommen wurde, beschlagnahmte und plünderte man Sein Eigentum. Die Eltern des Größten Heiligen Blattes verloren plötzlich ihren gesamten irdischen Besitz, und die Familie stürzte innerhalb eines einzigen Tages in äußerste Armut. Bahá'u'lláhs geliebte Frau Navváb und ihre Kinder wurden aus ihrem Heim vertrieben. Sie konnte als letzte Rettung noch einige persönliche Sachen verkaufen, um ihre Familie zu ernähren. Noch mehr als durch diese überwältigenden finanziellen Sorgen wurden die "Herzen der Familienmitglieder von der quälenden Ungewissheit befallen," da sie jeden Augenblick darauf gefasst sein mussten," die Nachricht von Bahá'u'lláhs bevorstehender Hinrichtung" zu erhalten.6

Shoghi Effendi beschreibt ausführlich, wie Bahíyyih Khánum damals litt und nennt einige der geistigen Lehren, die sie aus diesen frühen Erfahrungen zog. Er erklärt, dass sie jäh "auf die Stufe einer wahren Notleidenden herabsank," nachdem sie "das privilegierte Mitglied einer der reichsten Familien Teherans" gewesen war. Er führt weiter aus, dass als Folge der "Beschlagnahme und Plünderung des Reichtums und Besitzes ihres erhabenen Vaters sie die Bitternis äußerster Not und Entbehrung erfuhr."7

In ihren mündlichen Berichten erinnert sich Bahíyyih Khánum lebhaft daran, wie sich
die Lebensverhältnisse der Familie so plötzlich veränderten. Ihre sorglose Kindheit wurde von Angst und Sorge überschattet. Nachdem die Familie aus ihrem Heim vertrieben worden war, wohnte sie in einem kleinen Haus, nicht weit entfernt von dem Gefängnis, in dem Bahá'u'lláh gefangen gehalten wurde. Ihrer Mutter war es gelungen, einige ihrer Schmuckstücke zu retten, die sie zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte und sie nach und nach zu verkaufen, um mit dem Geld die Gefängniswärter zu bezahlen, damit Bahá'u'lláh etwas zu essen gebracht werden konnte und um die Ausgaben für das tägliche Leben zu bestreiten. Doch in ihren Erinnerungen an jene Zeit spricht Bahíyyih Khánum wenig über ihre persönliche Situation, sondern beschreibt eingehend die entsetzlichen Bedingungen, unter denen Bahá'u'lláh lebte, die Befürchtung der Familie, dass Er hingerichtet werden würde und die Anstrengungen ihrer Mutter, die Leiden ihres geliebten Ehemannes zu erleichtern.

Bahíyyih Khánum beschreibt die Bedingungen, unter denen ihr Vater im Gefängnis, dem Síyáh-Chál, lebte:

"Das Gefängnis, in das mein Vater geworfen wurde, war ein grässlicher Ort, sieben Stufen unterhalb der Erde; knöcheltief reichte der Morast, der Ort war verseucht mit abscheulichem Ungeziefer und unbeschreiblich ekelhaft. Hinzu kam, dass kein Schimmer Licht diesen widerlichen Ort erreichte. Innerhalb seiner Mauern drängten sich vierzig Anhänger des Báb, sowie Mörder und Straßenräuber, die dort auch eingekerkert waren.

Mein edler Vater wurde in dieses schwarze Loch gestoßen, beladen mit schweren Ketten. Tag und Nacht waren fünf andere Bábis an Ihn gekettet, und so blieb er dort vier Monate lang. Malen sie sich selbst diesen schrecklichen Zustand aus.

Jede Bewegung ließ die Ketten tiefer und tiefer in das Fleisch nicht nur des einen, sondern aller einschneiden, die aneinander gekettet waren. Während dieser Zeit fanden sie weder Schlaf noch Ruhe. Sie erhielten keine Nahrung, und nur unter äußersten Schwierigkeiten gelang es meiner Mutter, etwas zu essen und zu trinken in dieses abscheuliche Gefängnis bringen zu lassen." 8

Schon als Kind war das Größte Heilige Blatt sich voll bewusst, unter welchen Bedingungen ihr Vater lebte. Auch erkannte sie die echte Gefahr, die nicht nur ihrem Vater drohte, sondern auch den frühen Anhängern des Báb, die von den Verfechtern religiösen Fanatismus der Untreue beschuldigt wurden. Sie erinnert sich: "Jeden Morgen holte man einen oder mehrere dieser mutigen und ergebenen Freunde heraus, um sie auf verschiedenste grausame Weise zu foltern und zu töten," und sie erzählt, wie die unterschiedlichen Bevölkerungsschichten die Gelegenheit bekamen, auf barbarische Weise die unglücklichen Bábis zu foltern. Sie schildert den Verlauf der Hinrichtung - den stillen Heroismus des Opfers, die Besessenheit, in die sich der Mob hineinsteigerte, um bei dem Blutbad dabei zu sein - das alles begleitet von "lautem Trommelschlag." 9

Wie wir ihrem mündlichen Bericht entnehmen, klingen diese schrecklichen Ereignisse in ihrer Erinnerung lebhaft nach und rufen das Gefühl der Angst, das diese Zeit in ihrem Leben charakterisiert, von neuem hervor. Sie stellt fest:

"Ich erinnere mich gut dieser schrecklichen Laute und wie wir drei Kinder uns an die Mutter klammerten, die nie wusste, ob das Opfer nicht ihr über alles geliebter Gatte war. Erst spätabends oder früh des Morgens konnte sie erfahren, ob Er noch lebte, wenn sie sich, fest entschlossen und trotz der Gefahr für sich und uns hinauswagte - denn weder Frauen noch Kinder wurden verschont. Ich erinnere mich nur zu gut daran, wie ich im Dunkeln kauerte, meinen kleinen Bruder Mírzá Mihdí, den Reinsten Zweig, der damals zwei Jahre alt war, in meinen Armen, die nicht sehr stark waren, denn ich war damals erst sechs Jahre alt. Ich zitterte in panischer Angst, denn ich wusste um einige der schrecklichen Dinge, die da geschahen und war mir bewusst, dass sie vielleicht sogar meine Mutter ergriffen haben konnten.

So wartete und wartete ich, bis sie wiederkam. Dann wagte mein Onkel, Mírzá Músá, der sich versteckt hielt, zu uns zu kommen, um zu erfahren, welche Nachrichten meine Mutter hatte einholen können." 10

Nach vier Monaten wurde Bahá'u'lláh als Folge der Intervention des russischen Konsuls aus dem Gefängnis entlassen. Jedoch befahl die persische Regierung, Ihn und Seine Familie nach Bagdad zu verbannen. Die Härte dieser Verbannung sollte noch "die vorbedachten Angriffe und systematischen Machenschaften des Hofes, der Geistlichkeit, der Regierung und des Volkes" übertreffen, die Bahá'u'lláh schon in Teheran erduldet hatte. Shoghi Effendi bestätigt, dass diese Ereignisse "das Vorspiel einer qualvollen und langwährenden Gefangenschaft" darstellten. Er beschreibt die Auswirkung dieses Erlasses mit folgenden Worten: "Diese lange Verbannung währte mehr als vierzig Jahre, führte Ihn nacheinander in den Irak, nach Sulaimaniya, Konstantinopel, Adrianopel und zuletzt in die Strafkolonie ’Akká, und endete erst mit Seinem Tod im Alter von über siebzig Jahren. So kam eine Gefangenschaft zum Abschluss, die an Tragweite, Dauer, Vielfalt und Härte der Leiden in der Geschichte früherer Offenbarungen kein Beispiel hat." 11

In einem Gebet, das Bahá'u'lláh offenbart, beschreibt Er die Mühsal, die sie während des ersten Abschnittes auf dieser "schrecklichen Reise" nach Bagdad erduldet hatten. Besonders hebt Er das Leiden der "gebrechlichen Menschen und kleinen Kinder" hervor, die Ihn in die Verbannung begleiteten, und die extremen Wetterverhältnisse, denen sie ausgesetzt waren - einer Kälte "zu einer Jahreszeit, da die Kälte so beißend ist, dass man nicht einmal sprechen und Eis und Schnee so tief sind, dass man nicht gehen kann." 12
Shoghi Effendi setzt diese Reise nach Bagdad in Zusammenhang zur Religionsgeschichte und sagt seine zukünftige Tragweite für den Bahá’í–Glauben und die Menschheit voraus, indem er schreibt:

"Diese erzwungene, beschleunigte Abreise Bahá'u'lláhs aus Seinem Geburtsland in Begleitung einiger Verwandter erinnert in mancher Hinsicht an die überstürzte Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten, die plötzliche Flucht Muhammads bald nach der Übernahme des Prophetenamtes von Mekka nach Medina, den Auszug Mose, Seines Bruders und Seiner Anhänger aus dem Land ihrer Geburt als Antwort auf den göttlichen Ruf, vor allem aber an die Verbannung Abrahams aus Ur in Chaldäa in das verheißene Land. Es war eine Verbannung, die mit ihren vielfachen Wohltaten für so viele verschiedene Völker, Glaubensgemeinschaften und Nationen historisch den unermesslichen Segnungen, die am heutigen Tag und in künftigen Zeitaltern der ganzen Menschheit geschenkt werden sollen, am nächsten kommt, als unmittelbare Folge des Exils, welches Der erlitt, dessen Sache die Blüte und die Frucht aller vorausgegangenen Offenbarungen darstellt.“ 13

Die Verbannung Bahá'u'lláhs nach Bagdad eröffnete eine Periode, in der Bahíyyih Khánum - damals ein siebenjähriges Kind - "die Gefangenschaft, den Kummer und die Verbannung der ’Abhá Schönheit“ * miterleben musste. In ihren Berichten beschreibt sie, wie sehr ihre Mutter bemüht war, ihren geliebten Ehemann gesund zu pflegen und alle notwendigen Vorkehrungen für die lange und anstrengende Reise von Teheran nach Bagdad zu treffen. Diese "furchterregende Reise" im tiefsten Winter dauerte drei Monate. Der Weg erstreckte sich über hohe, schneebedeckte Berge und die Möglichkeiten, die Beschwernisse zu erleichtern, waren gering. Das Größte Heilige Blatt erinnert sich an die Leiden, welche die Verbannten erduldeten, als sie auf Eseln dieses schwierige Gebiet durchquerten. Ihr Vater hatte sich von den Mühsalen der Gefangenschaft noch nicht erholt. Ihre Mutter, die hoch schwanger war, litt sehr darunter, wie sie auf dem Rücken eines holpernden Esels in einem takh-i-raván, einer Art Holzbett, die Reise zurücklegen musste. Obwohl sie sehr geschwächt war, gab sie sich große Mühe, für die Familie zu sorgen. Es fehlte an Nahrung und ausreichender Kleidung, um die Reisenden vor der beißenden Kälte zu schützen. Manchmal "schlug" die Familie an verwilderten Plätzen "ein Lager auf", obwohl es ihnen an der notwendigen Ausrüstung fehlte. Dann wieder blieben sie in einer Karawanserei.14

Bagdad

Die Zeit in Bagdad ist durch verschiedene bedeutsame Ereignisse gekennzeichnet, die sich auf die Entwicklung des Bahá'í–Glaubens und das Leben der Familienmitglieder Bahá'u'lláhs auswirkten. Hierzu zählten die Aktivitäten des Halbbruders Bahá'u'lláhs, Mírzá Yahyá, dessen unberechtigter Anspruch auf die Führerschaft der Bábí–Gemeinde einen Sturm von Uneinigkeit hervorrief. Seine Machenschaften führten dazu, dass Bahá'u'lláh sich in die Berge von Sulaimaniya zurückzog und später weiterhin mit Seinen nächsten Anhängern in die Mitte des osmanischen Reiches verbannt wurde. Bahá'u'lláhs Erklärung Seiner Sendung als Gottesoffenbarer für dieses Zeitalter fand unmittelbar vor Seiner Abreise nach Konstantinopel statt.

Als die Familie 1853 in Bagdad ankam, weitete sich Bahíyyih Khánums Aufgabengebiet immer mehr aus, da der Gesundheitszustand ihrer Eltern sehr kritisch war. Aus ihren mündlichen Berichten erfahren wir:

"Meine liebe Mutter Ásíyih Khánum war sehr schwach und ihre Gesundheit hatte durch die erlittenen Mühsale sehr nachgelassen. Dennoch arbeitete sie unentwegt über ihre Kräfte hinaus.

Manchmal half ihr mein Vater beim Kochen, denn diese schwere Arbeit war für diese zierliche, feine und edle Frau zu viel. Die Mühen, die sie erduldet hatte, betrübten das Herz ihres göttlichen Ehemannes, der zugleich ihr geliebter Herr war. Er unterstützte sie in dieser Weise schon vor Seinem Aufenthalt in der Wildnis von Sulaymáníyyih, wie auch nach Seiner Rückkehr."15

Um ihre geliebten Eltern zu entlasten und ihnen einen Teil der Bürde abzunehmen, begann das Größte Heilige Blatt, ihrer lieben Mutter im Haushalt zu helfen - eine Arbeit, die sie von nun an ihr ganzes Leben hindurch ausübte. Sie war die liebende Stütze ihrer Mutter und übernahm die verschiedensten Aufgaben im Haushalt, die oft ihre Kräfte überstiegen. Sie erzählt die folgende Begebenheit:

"Eines Tages war eine alte Dame zu Besuch, und ich wurde geheißen, den Samowar zu bereiten - es war sehr schwer, ihn die Treppe hinaufzutragen, denn meine Arme waren nicht sehr kräftig. Die alte Dame sagte: "Ein Beweis für die Größe der Bábí–Lehre ist, dass dieses kleine Mädchen den Samowar bedient!" Mein Vater war amüsiert und sagte oft: "Hier ist die Dame, die durch deinen Dienst am Samowar zum Glauben fand!" 16

Die Ankunft Mírzá Yahyás in Bagdad und sein glühender Wunsch nach Macht und Führerschaft innerhalb der Bahá'í–Gemeinde bereiteten Bahá'u'lláh und Seiner Familie große Schwierigkeiten. Der Hüter charakterisiert Mírzá Yahyá als "die treibende Kraft von Unheil, den Mittelpunkt von Hass", und Er bekräftigt, dass Mírzá Yahyás "Intrigen und Hinterlist" ebenso wie seine "Rücksichtslosigkeit und Verderbtheit" einen echten “Hurrikan" in der Stadt entfesselten. Um das Potential der Uneinigkeit unter den Gemeindemitgliedern zu reduzieren und den Gläubigen zu erlauben, selbst zu entscheiden, wem sie folgen wollten, zog Bahá'u'lláh sich 1854 aus Bagdad zurück. 17

Bevor Bahá'u'lláh sich in die Wildnis zurückzog, ermahnte Er die Gläubigen, Mírzá Yahyá mit Respekt zu behandeln und bot Seinem Halbbruder und dessen Familie sogar den Schutz und die Gastlichkeit des Hauses an, in dem Seine eigene Familie lebte.

Das Größte Heilige Blatt beschreibt, wie ihre Mutter, ihr Onkel Mírzá Músá und sie selbst bemüht waren, aus Respekt vor Bahá'u'lláhs Wunsch alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um für Mírzá Yahyás Familie zu sorgen. Trotz ihrer Fürsorge erwies er sich als ein sehr schwieriger Gast, der sich über das Essen beklagte und darüber, dass man sich nicht genügend bemühte, für sein Wohlbefinden zu sorgen. Er lehnte es ab, sich an der schweren Arbeit zu beteiligen. Die größte Belastung jedoch war die ständige Angst Mírzá Yahyás, dass man ihn finden und wegen seiner angeblichen Führerschaft der Bábí–Gemeinde verhaften würde. Auf Grund seiner Angst hielt er die Türen des Hauses verschlossen und erlaubte niemandem, uns zu besuchen. Als Navvábs jüngster Sohn, der bald nach der Ankunft in Bagdad geboren wurde, ernsthaft erkrankte, erlaubte er nicht einmal, einen Arzt kommen zu lassen, und niemand durfte nach dem Tod des kleinen Kindes ins Haus kommen, um den Körper für das Begräbnis vorzubereiten. Vielmehr wurde der Körper einem Fremden übergeben, der ihn mitnahm, um ihn zu beerdigen. Die Familie hat niemals erfahren, wo er beerdigt wurde.

Bahíyyih Khánum schildert lebhaft diese Tage, die so voller Trauer waren, und auf ihre Einsamkeit und die Qualen ihrer Familienmitglieder verweisend, berichtet sie:

"Ich führte damals ein sehr einsames Leben und hätte gerne mit anderen Kindern Freundschaft geschlossen. Aber Subh-i-Azal (Mírzá Yahyá) erlaubte weder, dass meine kleinen Freunde mich besuchten, noch ließ er mich aus dem Haus.

Im Haus nebenan lebten zwei kleine Mädchen in meinem Alter. Oft schaute ich ihnen durch den Türspalt zu; aber jedes Mal kam unser Gast und schimpfte mit mir, weil ich die Türe geöffnet hatte, die er prompt wieder verriegelte. Ständig hatte er Angst, verhaftet zu werden und dachte nur an seine eigene Sicherheit.

Wir führten damals ein sehr schwieriges und einsames Leben. Er erlaubte uns nicht einmal zu dem Hammán* zu gehen, um dort zu baden. Niemand durfte in unser Haus kommen, um uns zu helfen, und dadurch wurde die Arbeit sehr schwer.

Jeden Tag musste ich viele Stunden lang aus einem tiefen Ziehbrunnen im Haus Wasser holen; die Seile waren hart und rau, und der Eimer war schwer. Meine liebe Mutter half mir gewöhnlich dabei, aber sie war nicht sehr stark, und meine Arme waren ziemlich schwach. Niemals aber half uns unser Gast dabei.

Da mein Vater uns geheißen hatte, diese tyrannische Person zu respektieren und ihr zu gehorchen, versuchten wir dies zu tun, aber es fiel uns nicht leicht, ihm diesen Respekt zu erweisen da er unser Leben so unglücklich machte.“ 18

Shoghi Effendi beschreibt ausführlich die außergewöhnlichen Eigenschaften des Größten Heiligen Blattes, die ihr als Kind zu eigen waren: „Sie ertrug mit völliger Ergebenheit und Hingabe schwere Prüfungen. Sie vergaß sich selbst, handelte unabhängig von ihrer Verwandtschaft, legte ihren Besitz beiseite und befreite sich auf einen Schlag von jeglicher weltlichen Bindung. Wie ein von Liebe trunkener Falter umkreiste sie dann Tag und Nacht die Flamme der unvergleichlichen Schönheit ihres Herrn.“19

1856, nach zwei Jahren, kehrte Bahá’u’lláh von Suleimaniya nach Bagdad zurück und begann, das geistige Leben und die Einheit der Bábí–Gemeinde zu prägen und neu zu beleben. In Erwartung Seiner Rückkehr fertigten Seine geliebte Frau und das Größte Heilige Blatt einen wunderschönen Mantel für Ihn an. Ihre Nichte erinnert sich: „Sie arbeiteten an diesem Werk der Liebe, indem sie kleine Stücke von rotem Tirmih*, einem äußerst kostbaren Stoff, zusammen nähten. Dieser Stoff hatte auf irgendeine Weise den Verlust des nahezu gesamten, umfangreichen, sehr seltenen und kostbaren Hochzeitsschatzes auf überlebt. Sechs Monate lang nähten und passten sie diese Stücke zusammen, und ein wunderschöner Mantel war das Ergebnis, ein höchst willkommenes Geschenk, denn Bahá’u’lláh kehrte in einem groben, rauen Derwischmantel heim. Und sie hatten damals in Bagdad kein Geld, um einen Mantel zu kaufen.“ 20

Durch Bahá’u’lláhs Rückkehr nach Bagdad lebte ein neuer Geist in der Bábí–Gemeinde auf. Sein Ansehen nahm ständig zu, so dass sich viele geistig gesinnte Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung angezogen fühlten, Seine Botschaft zu erforschen und Ihn um Führung zu bitten. Nach einigen Jahren versuchten diejenigen, die auf Seinen Einfluss eifersüchtig waren und fürchteten, ihre Machtstellung zu verlieren, sich gegen Ihn zu erheben und ein Einschreiten der weltlichen und geistlichen Obrigkeiten zu erwirken. Ihre Aktivitäten führten letztlich dazu, dass Bahá’u’lláh mit einigen Seiner Anhänger nach Konstantinopel (heute Istanbul) und schließlich nach Adrianopel (heute Edirne, Türkei) verbannt wurde. Bevor Bahá’u’lláh von Bagdad abreiste, machte er einige Seiner nächsten Familienmitglieder mit Seiner Stufe als Gottesoffenbarer vertraut.

Shoghi Effendi hat die wichtigsten Ereignisse zusammen gefasst, die in den zehn Jahren von 1853 bis 1863 während des Aufenthalts Bahá’u’lláhs in Bagdad stattgefunden haben. Obwohl nähere Einzelheiten über Bahíyyih Khanums Anteil an diesen historischen Geschehnissen nicht bekannt sind, vermittelt uns der folgende Auszug aus einem Brief Shoghi Effendis einen faszinierenden und fesselnden Eindruck von der Bedeutung ihres Beitrags:

„Und wenn zu einer späteren Zeit dieses verehrte und edle Mitglied der Heiligen Familie – damals in jugendlichem Alter – von der führenden Hand ihres Vaters mit Aufgaben betraut wurde, die kein Mädchen ihres Alters hätte auf sich nehmen wollen oder können, ergriff sie mit spontaner Freude ihre Gelegenheit und erfüllte die ihr anvertraute Pflicht! Sowohl der schwierige und äußerst ernste Charakter solcher Aufgaben, die sie immer wieder durchzuführen hatte, während sich zugleich durch die Rücksichtslosigkeit und Verderbtheit Mírzá Yahyás in Bagdad ein mächtiger Sturm entfesselte und die Stadt überschwemmte, als auch die zärtliche Sorge, die sie in so jungen Jahren während der Zeit bekundete, in der Bahá’u’lláh sich in die Berge von Sulaymániyyih zurückgezogen hatte, heben sie als einen Menschen hervor, der sowohl fähig als auch gewillt ist, Belastungen auf sich zu nehmen und das durch ihre hohe Geburt von ihr verlangte Opfer darzubringen.“ 21

Konstantinopel

Im Mai 1863 verließ Bahá’u’lláh Bagdad, begleitet von Familienmitgliedern und sechsundzwanzig Anhängern. Da viele prominente Persönlichkeiten wie auch das einfache Volk Bahá’u’lláh hoch schätzten, kam es bei Seiner Abreise „zu tumultartigen Szenen“. Der Hüter berichtet darüber:

„Auf Seinem Pferd, einem Rotschimmelhengst edelsten Geblüts, dem besten, das Seine Freunde für Ihn hatten erwerben können, ritt Er, vorbei an den gebeugten Rücken unzähliger glühender Bewunderer aus zur ersten Etappe einer Reise, die Ihn nach Konstantinopel führen sollte...

... Eine Karawane wurde zusammen gestellt aus fünfzig Maultieren, einer berittenen Garde von zehn Soldaten und einem Offizier, sowie sieben Paaren Howdahs mit je vier Sonnenschirmen bestückt, und zog nun innerhalb eines Zeitraums von hundertzehn Tagen in schonungsvollen Tagesetappen durch die Gebirge und Schluchten, die Wälder, Täler und Triften der malerischen Landschaften Ostanatoliens ihres Weges bis zum Hafen Sámsún am Schwarzen Meer.“ 22

„Man kann sagen, dass mit der Ankunft Bahá’u’lláhs in Konstantinopel 1863, der Hauptstadt des Osmanischen Reiches und dem Sitz des Kalifats...das grausamste, unheilvollste und dennoch ruhmreichste Kapitel ...des Heroischen Zeitalters Seiner Sendung... aufgeschlagen wurde.“ Der Hüter bestätigt, dass „nun ein Zeitabschnitt begann, in dem unsägliche Entbehrungen und beispiellose Prüfungen mit den herrlichsten geistigen Siegen einhergingen.“23 Diese Zeit ist durch Bahá’u’lláhs öffentliche Erklärung Seiner Sendung und Stufe gekennzeichnet und durch den Beginn Seiner Verkündigung dieser Mission durch eine Reihe von Briefen und schwerwiegenden Botschaften, die Er an die Könige und Herrscher der Welt sandte.

Die Anfangsphase der Verkündigung Bahá’u’lláhs begann in Konstantinopel und führte dazu, dass die osmanische Regierung die Verbannten urplötzlich mitten im Winter nach Adrianopel weiter verbannte. Shoghi Effendie schreibt: „Bahá’u’lláh, Seine Familie und Seine Gefährten brachen unter den Tränen ihrer zurückbleibenden Freunde, von türkischer Polizei begleitet, an einem kalten Dezembermorgen auf - einige im Wagen, andere auf Tragtieren, die Habe auf Ochsenkarren - zu ihrer zwölftägigen Reise, die sie quer durch ein frostiges, von heftigen Stürmen durchbraustes Land in eine Stadt führte, die Bahá’u’lláh als einen Ort kennzeichnet, „der nur von solchen betreten wird, die sich gegen die Amtsgewalt des Herrschers aufgelehnt haben.“ Bahá’u’lláh weist auf die Leiden hin, welche die Verbannten erduldeten und bezeugt, „Sie trieben Uns aus deiner Stadt (Konstantinopel) und haben Uns dabei so gedemütigt, wie man niemanden auf Erden je demütigte.“ In einem Seiner Sendschreiben beschreibt Er, was sich ereignet hatte:

„Als sie Uns aus deiner Stadt verbannten, setzten sie Uns in Karren, wie sie die Menschen gewöhnlich für Gepäck und dergleichen benutzen. So behandelten sie Uns, falls du die Wahrheit wissen willst. So wurden Wir weggeschickt und in die Stadt gebracht, die sie als die Wohnstatt der Aufrührer betrachten. Bei Unserer Ankunft konnten wir keine Bleibe finden und wohnten notgedrungen an einem Ort, den nur der bedürftigste Fremdling in seiner Not betreten würde. Dort wohnten Wir eine Weile. Als Wir zunehmend unter den beschränkten Räumlichkeiten litten, mieteten Wir Häuser, die ihre Bewohner verlassen hatten, weil sie so kalt waren. So waren Wir im tiefsten Winter gezwungen, in Häusern zu wohnen, die nur im Sommer bewohnbar sind. Weder Meine Familie noch die, die Mich begleiteten, hatten die notwendige Kleidung, sich gegen die schneidende Kälte dieses eisigen Wetters zu schützen.“24

Der Chronist Nabíl beschreibt die körperlichen Mühsale, welche die Verbannten auf sich nehmen mussten: „In diesem Jahr herrschte so strenge Kälte, dass selbst die ältesten Leute sich nicht erinnern konnten, je einen so harten Winter erlebt zu haben. In einigen Gegenden Persiens und der Türkei erlagen selbst Tiere dem Frost und kamen in Schneestürmen um. Die Gegend am oberen Euphrat, um Ma’dan-Nuqríh, war mehrere Tage lang mit Eis bedeckt, was bisher noch nie vorgekommen war, und in Díyár-Bakr blieb der Fluss volle vierzig Tage zugefroren. Einer jener nach Adrianopel Verbannten erinnert sich: „Um Wasser aus den Quellen zu schöpfen, musste direkt daneben ein Feuer gemacht und stundenlang unterhalten werden, bis sie auftauten.“ 25

In ihrem späteren Leben schildert Bahíyyíh Khánum auf ergreifende Weise die Ereignisse, die sich kurz vor der Verbannung Bahá’u’lláhs und Seiner Familie aus Konstantinopel und ihrer Abreise nach Adrianopel zugetragen hatten. Sie erinnert sich an die „Verzweiflung und Ungewissheit“, die dadurch verursacht wurden, dass die Behörden drohten, Bahá’u’lláh an den einen, die Familienmitglieder an einen anderen Ort und Seine Anhänger wiederum irgendwo anders hinzuschicken. Sie sagte, „diese Reise war die schrecklichste“, die die Verbannten bisher erlebt hatten. Sie erinnert sich: „Es war zu Beginn des Winters und sehr kalt; fast ununterbrochen schneite es heftig. Da wir weder warme Kleidung noch richtige Nahrung hatten, war es ein Wunder, dass wir die Reise überlebten. Als wir in Adrianopel ankamen, waren wir alle krank - sogar die jungen und starken. “Jener Winter“, so versichert sie, “war für uns eine Zeit heftigster Leiden wegen der Kälte, dem Hunger und vor allem wegen der schrecklichen Ungeziefer, von denen es in unserem Hause wimmelte.“26

Shoghi Effendi macht darauf aufmerksam, wie stark sich diese Erfahrungen ein Leben lang auf das Größte Heilige Blatt auswirkten. „Ein außergewöhnlich harter Winter in Verbindung mit den Entbehrungen, die die ungesunde Unterkunft und die verheerende finanzielle Notlage während dieser Zeit äußerster Angst und Sorge mit sich brachte: Dies alles richtete ihre Gesundheit für immer zugrunde und schwächte ihre Lebenskraft, derer sie sich bis dahin so sehr erfreute.“ 27

Die Ankunft Bahá’u’lláhs und der Verbannten in Adrianopel im Dezember 1863 bildet den Hintergrund für den nächsten Akt dieser dramatischen Entfaltung des Bahá’í–Glaubens. Shoghi Effendi schreibt: „Der Vorhang hebt sich zu dem anerkanntermaßen bewegtesten, gefährlichsten Abschnitt des ersten Baha’í–Jahrhunderts, einem Abschnitt, der doch zugleich die ruhmreichste Phase des Wirkens Bahá’u’lláhs eröffnen sollte: Die Verkündigung Seiner Botschaft an die Welt und ihre Herrscher.“28


Adrianopel

Der Aufenthalt in Adrianopel sollte fünf Jahre dauern, von 1863 bis 1868. Nach kurzer Zeit gewann Bahá’u’lláh den Respekt und die Bewunderung der Regierungsbeamten und die Liebe der Bevölkerung. Aber je mehr Seine geistige Stufe sichtbar wurde, um so mehr beunruhigten sich Seine Feinde, besonders Sein Halbbruder Mírzá Yahyá, der sich tatkräftig aufmachte, nicht nur die moralische Führung Bahá’u’lláhs in der Gemeinde anzufechten, sondern auch nach Seinem Leben trachtete. Bahá’u’lláh nennt diese Zeitspanne voll von Erschütterungen und Krisen „Tage der Anspannung“. Inmitten dieser größten Krise offenbarte Er ein Sendschreiben, in dem Er die Tragweite Seines Anspruchs, der verheißene Gottesoffenbarer für dieses Zeitalter zu sein, klar darstellt. Er veranlasste, dass der Inhalt dieses Sendschreibens Mírzá Yahyá, demjenigen, der die Autorität und Führerschaft anfocht und den anderen Bábís mitgeteilt wurde. Mírzá Yahyás Ablehnung, die Stufe Bahá’u’lláhs anzuerkennen, bedeutete das Signal zum offenen und endgültigen Bruch zwischen Bahá’u’lláh und Mírzá Yahyá. Dieser Bruch stellt eines der düstersten Daten in der Baha’í-Geschichte dar. Bahá’u’lláh Selbst beschreibt dieses Ereignis als die „größte Trennung“. “Um jedem einzelnen Verbannten die volle Freiheit zu lassen, zwischen Ihm und den Feinden zu wählen, zog sich Bahá’u’lláh mit Seiner Familie“ für einige Monate von allen Gläubigen zurück. Am Ende dieser Zeit akzeptierten fast alle Gläubigen die Stufe Bahá’u’lláhs und gelobten Ihm die Treue. 29

Der Ernst dieser Krise, berichtet Shoghi Effendi „bereitete Bahá’u’lláh unermessliche Sorgen, ließ Ihn sichtlich altern und versetzte Ihm durch seine Auswirkungen den schwersten Schlag, den Er je in Seinem Leben hatte aushalten müssen.“ Dennoch hielt Ihn das nicht davon ab, die nächste Phase der Verkündigung Seiner Mission einzuleiten. Shoghi Effendi weist darauf hin:

„Obwohl Bahá’u’lláh von Kummer gebeugt war und noch immer an den Folgen des
Mordanschlags litt, und obwohl Er sich bewusst war, dass eine neue Verbannung
höchstwahrscheinlich bevorstand, erhob Er sich dennoch mit beispielloser Macht, ungeachtet des Schlages, den Seine Sache empfangen hatte, ohne Rücksicht auf die Gefahren, von denen sie umringt war, und noch bevor die Feuerprobe völlig überstanden war, um die Ihm aufgetragene Sendung denen zu verkünden, die in Ost und West die Zügel höchster irdischer Macht in Händen hatten. Durch diese Verkündigung sollte die Sonne Seiner Offenbarung in ihrem Mittagsglanz erstrahlen, sollte Sein Glaube die ganze Fülle Seiner göttlichen Macht offenbaren.“ 30

Und tatsächlich, mitten in diesem Aufruhr offenbarte Bahá’u’lláh Sendschreiben, welche die Bedeutung Seiner Stufe und Botschaft voll und ganz erklärten. Die Auswirkung dieser Sendschreiben und die anhaltenden Machenschaften Mírzá Yahyás und seiner Verbündeten ermutigten die äußeren Feinde des Glaubens, und sie boten den Anlass, Bahá’u’lláh, Seine Familie und Anhänger aufs Neue zu verbannen.

Die Familienmitglieder Bahá’u’lláhs wurden Zeuge dieser oben beschriebenen Geschehnisse. In ihren Erinnerungen weist Bahíyyíh Khánum darauf hin, dass die Familie sehr arm war und ständig große Not litt. Sie hatten sich tatsächlich so an das Leiden gewöhnt, dass sie relativ zufrieden hätten leben können, wäre da nicht „dieses Gefühl der Angst und Vorahnung einer unbekannten Gefahr “ und die Aktionen Mírzá Yahyás gewesen. Einige dieser dramatischen Schreckensszenen jener Jahre sind in den Berichten Bahíyyíh Khánums zu finden, in denen sie auch die Antwort Mírzá Yahyás auf die Erklärung Bahá’u’lláhs folgendermaßen beschreibt :

„Bahá’u’lláh erklärte zu dieser Zeit ausführlich, dass Er der Verheißene war, den ’Gott offenbaren werde’, und Der, den der Báb angekündigt hatte. Er schrieb das ’Sendschreiben der Erklärung’ (Lawh-i-Amr) und ordnete an, dass Sein Sekretär es zu Subh-i-Azal* bringen solle, der, nachdem er es gelesen hatte, sehr wütend und ’vom Feuer der Eifersucht verzehrt wurde’.

Er lud Bahá’u’lláh zu einem Fest ein und teilte sich mit Ihm eine Speise, in deren eine Hälfte er Gift gemischt hatte. Dieser Anschlag hatte zur Folge, dass Bahá’u’lláh einundzwanzig Tage lang ernsthaft erkrankte.

Aus Wut über den Misserfolg versuchte Subh-i-Azal einen neuen Plan. Er versuchte den Badewärter zu bestechen, Bahá’u’lláh während Seines Bades zu ermorden und flüsterte ihm ein, wie einfach, ohne Furcht vor Entdeckung, er dies tun könne.

Dieser Mann geriet in derartige Panik und Schrecken, dass er unbekleidet auf die Straße lief.“ 31

Bahíyyih Khánum erinnert sich auch daran, dass Bahá’u’lláh während Seines Aufenthalts in Konstantinopel an die Könige und Herrscher der Welt Sendschreiben offenbarte. Sie bemerkt: „Er verkündete nun offener, dass Seine Autorität göttlich und Ihm direkt von Gott verliehen war, den unter verschiedenen Namen alle Religionen der Welt erwarteten.“ Sie bestätigt: „Die Erschütterung war groß; der von Ihm ausstrahlende heilige Einfluss erreichte immer weitere und größere Kreise.“ 32

Sie beschreibt die furchtbaren Folgen für die Familie und für den Glauben, die das Ergebnis der Wechselwirkung zwischen den anhaltenden Machenschaften Mírzá Yahyás und der Reaktion der Feinde des Glaubens auf Bahá’u’lláhs zunehmenden Einfluss waren:

„ Die Unruhen und das Unheil, das Subh-i-Azal damals verursachte, hielten beständig an, so dass die Autoritäten die Geduld verloren und beschlossen, den Geliebten und Seine Familie erneut zu verbannen.

Jedoch war nicht allein das Verhalten Subh-i-Azals der Anlass zu dieser weiteren Verbannung. Unsere stets wachsamen Feinde, die den großen Einfluss Bahá’u’lláhs fürchteten, nutzten den ständigen Ärger des verräterischen Halbbruders als Vorwand, die Regierung zu veranlassen, diesen erhabenen Gefangenen an einen Ort zu verbannen, an dem kein gebildeter und angesehener Mensch Ihn aufsuchen könne.

Die Verleumdungen Subh-i-Azals waren in der Öffentlichkeit verbreitet und die Regierungsvertreter so beeinflusst, dass sie ihnen Glauben schenkten....“ 33

Der Hüter beschreibt, wie das Größte Heilige Blatt an diesen Ereignissen in Adrianopel teil hatte und wie sie auf „die Kräfte der Spaltung“ reagierte, und er versichert: „Während der größten Trennung, die in den Jahren der „Anspannung“ jedes Herz erbeben ließ, stand sie wie eine hochaufragende Säule unerschütterlich und fest; und dieses Blatt des ewigen Lotusbaumes erzitterte nicht durch die emporsteigenden Stürme der Trostlosigkeit.“ 34

Shoghi Effendi hebt ihre besonderen Wesenszüge hervor und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ihren unerschütterlichen Glauben, ihre Gelassenheit und Bereitschaft zu verzeihen. Obwohl geschichtliche Einzelheiten nicht bekannt sind, weist Shoghi Effendi darauf hin, dass sie besondere Schritte und Strategien unternahm, um den Führungsanspruch Bahá’u’lláhs in der Gemeinde zu wahren und das Verständnis einiger Gläubiger über die Stufe und Autorität Bahá’u’lláhs zu vertiefen. Er schreibt: „Sie führte das Feld an, indem sie die Herzen gewann, die Seelen für sich einnahm und Zweifel und Missverständnisse zerstreute. Mit den Wassern ihrer unendlichen Güte brachte sie dornige Herzen zum Erblühen in der Liebe Gottes, und durch den Einfluss ihrer reinen Liebenswürdigkeit verwandelte sie die Unversöhnlichen und Unbeugsamen in entflammte Liebende, die der unvergleichlichen Sache der himmlischen Schönheit völlig ergeben waren.“ 35

Große Ungewissheit und Verwirrung herrschten in den Tagen, bevor der schicksalhafte Beschluss, Bahá’u’lláh und Seine Anhänger erneut zu verbannen, erlassen wurde. Gerüchte gingen umher, dass die Verbannten verstreut und an unterschiedliche Orte verbannt oder heimlich hingerichtet werden sollten. Dann wurde plötzlich der Befehl bekannt gegeben. Shoghi Effendi schreibt: „Eines Morgens wurde plötzlich das Haus Bahá’u’lláhs von Soldaten umstellt, an den Toren zogen Wachen auf, Seine Anhänger wurden wieder einmal vor die Behörden zitiert und verhört und erhielten die Weisung, sich zur Abreise fertig zu machen.“ Sowohl innerhalb der Familie als auch in der Gemeinde fand der durch diesen Befehl ausgelöste Tumult Widerhall. Wenn Bahíyyíh Khánum sich in ihrem späteren Leben daran erinnerte, war es für sie „als ob wir erst gestern in dieses neue Unglück gestürzt worden sind.“ Sie berichtet, wie die untröstlichen Freunde und Anhänger in den Garten von Bahá’u’lláhs Haus strömten und entschlossen waren, diese Trennung nicht zuzulassen. Telegramme wurden an die Regierung in Konstantinopel gesandt, um einen Aufschub zu erbitten. Schließlich verließ Bahá’u’lláh mit Seiner Familie am 12.August 1868 Adrianopel und begab sich unter der Bewachung einer türkischen Eskorte nach Gallipoli. Jedoch war der endgültige Verbannungsort zur Zeit ihrer Abreise noch unbekannt. Um die Lage Seiner Familie zu erleichtern und sie zu beschützen, ersuchte Bahá’u’lláh den Sultan um ein Gespräch, damit Er die Gelegenheit bekomme, die Wahrheit Seines Anspruchs zu beweisen, aber dieses Gesuch wurde unbeachtet gelassen. In einem Sendschreiben erklärt Bahá’u’lláh, warum Er sich zu diesem Schritt veranlasst sah: „Wenngleich es Ihm, der die Wahrheit ist, nicht ansteht, sich an irgendeinen Menschen zu wenden, da ja alle erschaffen sind, Ihm zu gehorchen, so haben Wir doch im Hinblick auf die Lage dieser kleinen Kinder und die große Zahl Frauen, die so weit von ihren Freunden und ihrer Heimat verbannt wurden, in diese Sache eingewilligt. Trotzdem ist nichts geschehen.“ 36

In demselben Sendschreiben drückt Bahá’u’lláh Seine Empörung über die Leiden aus, welche die Regierung über Seine Familie und Seine Gefährten gebracht hatte und hält dem Sultan vor: „Wenn auch dieser Lebensspender und Weltreformer in Euren Augen sich des Aufstands und Streits schuldig gemacht hat, welches Verbrechen haben die Frauen, Kinder und stillenden Mütter begangen, dass sie so durch deinen Ärger und deinen Zorn bestraft werden sollten?“ Er bezeugt: „Niemals hat ein Glaube oder eine Religion Kinder zur Verantwortung gezogen.“* Dann fährt Er weiter fort:

„Du hast Menschen ausgeraubt, die weder rebellierten noch der Obrigkeit den Befehl verweigerten. Nein, sie blieben unter sich und gedachten Gottes Tag und Nacht. Als später der Verbannungsbefehl gegen diesen Jüngling erging, waren alle bestürzt. Doch die mit Meiner Verbannung beauftragten Beamten erklärten: „Die anderen wurden keines Vergehens beschuldigt und nicht durch die Regierung ausgewiesen. Sollten sie dich zu begleiten wünschen, wird sie niemand daran hindern.“ Diese Unglückseligen trugen daher alle Kosten selbst und gaben ihren Besitz dafür hin. Sie gaben sich mit Unserer Gegenwart zufrieden, setzten ihr ganzes Vertrauen in Gott und reisten noch einmal mit Ihm, bis die Festung von ’Akká zum Gefängnis von Bahá wurde.“ 37

Shoghi Effendi schildert die zermürbende Ungewissheit, welche die Gläubigen in jener Zeit quälte:

„Selbst in Gallipoli, wo man drei Nächte blieb, wusste noch kein Mensch, was das Schicksal Bahá’u’lláhs sein werde. Die einen glaubten, dass Er und Seine Brüder an denselben Ort verbannt, die übrigen aufgeteilt und ins Exil geschickt würden. Andere meinten, Seine Gefährten würden nach Persien zurückgeschickt, während wieder andere ihre Hinrichtung erwarteten. Der ursprüngliche Regierungsbefehl hieß, Bahá’u’lláh, Áqáy-i-Kalím* und Mírzá Muhammad-Qulí zusammen mit einem Diener nach ’Akká zu verbannen und die übrigen nach Konstantinopel zu schicken. Dieser Befehl, der Szenen unbeschreiblichen Jammers zur Folge hatte, wurde jedoch auf Grund der Vorstellungen Bahá’u’lláhs und der Vermittlung ’Umar Effendis, eines Majors, der die Verbannten zu begleiten hatte, wieder zurück genommen. Schließlich wurde beschlossen, alle Exilanten, etwa siebzig an der Zahl, nach ’Akká zu verbannen.“38

Bis zu einem gewissen Grad waren die Gläubigen beruhigt, dass sie letztendlich doch nicht von Bahá’u’lláh getrennt wurden. Shoghi Effendi vermerkt jedoch: “Die Gefahren und Trübsale, denen sich Bahá’u’lláh bei Seiner Abreise von Gallipoli gegenübersah, waren so schwer, dass Er warnend zu Seinen Gefährten sagte, dass diese Reise mit keiner der früheren Reisen zu vergleichen sein werde und dass, wer sich nicht Manns genug fühle, der Zukunft ins Auge zu blicken, besser daran täte, an einen beliebigen anderen Ort zu gehen, um vor Prüfungen bewahrt zu bleiben; denn später werde es keine Möglichkeit des Entkommens mehr geben. Seine Gefährten achteten jedoch einmütig dieser Warnung nicht.“ 39

Bahá’u’lláh, Seine Familie und Gefährten brachen von Gallipoli am 21. August 1869 zum vierten und letzten Abschnitt ihrer Verbannung auf. Im Verlauf dieser Reise mussten die Vertriebenen dreimal auf andere Schiffe umsteigen; es liegt auf der Hand, dass gerade die Kinder hierunter litten. Ihr Bestimmungsort war die Gefängnisstadt ’Akká, wohin die türkischen Obrigkeiten die schlimmsten Verbrecher schickte.40

Offensichtlich zählten die äußerst hohe Anspannung und Angst für die Familie und die Gefährten Bahá’u’lláhs, die die Machenschaften der inneren wie der äußeren Feinde des Bahá’í-Glaubens hervorriefen, zu den größten Herausforderungen während der Jahre in Adrianopel. Shoghi Effendi bezeugt die Wirkung dieser Anspannungen auf das Größte Heilige Blatt, indem er feststellt: „Die Anspannung und Unruhe jener Zeit wirkten sich nachhaltig auf ihr Gemüt aus, so dass ihr schönes und engelhaftes Gesicht die Züge dieses großen Leides bis zu ihrem Tod beibehielt.“ 41



`Akká

Mit der Verbannung Bahá'u'lláh’s nach ’Akká beginnt die letzte Phase Seines Wirkens. Die vierundzwanzig Jahre, die Er bis zu Seinem Hinscheiden im Jahre 1892 hier verbrachte, umfassen mehr als die Hälfte Seiner gesamten Amtszeit. Diese Verbannung wird nach den Worten des Hüters „in die Geschichte als ein Zeitabschnitt eingehen, in dem sich ein wundersamer und wahrhaft umwälzender Wandel in den Lebens- und Wirkensumständen des Verbannten vollzog.“ Man wird dieser Verbannung „vor allem der Verfolgungen wegen gedenken, die in Seinem Heimatland zwar mit Unterbrechungen, aber ungewöhnlich grausam wieder aufflammten, und ob des gleichzeitigen Wachstums der Zahl Seiner Anhänger und schließlich auch wegen der Tragweite und des Umfangs der gewaltigen Zunahme Seines Schrifttums.“42

Mit der Ankunft der Verbannten in ’Akká begann “eine sehr schwere Krise, die von bitterem Leid, strengen Einschränkungen und heftigem Aufruhr gekennzeichnet war.“ In einem Seiner Sendschreiben schreibt Bahá'u'lláh: „Die Beamten erteilen jeden Tag neue Befehle, und ein Ende ihrer Tyrannei ist nicht in Sicht.Tag und Nacht schmieden sie neue Ränke.“ Er bestätigt ebenso: „Seit der Erschaffung der Welt bis auf den heutigen Tag ward solche Unmenschlichkeit nie gesehen noch von ihr gehört.“ Tatsächlich waren die ersten neun Jahre dieser Verbannung so entsetzlich, dass Bahá'u'lláh ’Akká als das „Größte Gefängnis“ bezeichnet. Er nennt ’Akká „die trostloseste Stadt der Welt, die unansehnlichste von allen , mit dem abscheulichsten Klima und dem fauligsten Wasser. Man möchte meinen, sie sei die Stammburg der Eule, wo nichts anderes als ihr Geschrei zu hören ist.“43

Besonders qualvoll war der letzte Abschnitt der Reise nach ’Akká, den Bahíyyih Khánum anschaulich schildert:

„Schließlich kamen wir in Haifa an, wo wir mit Stühlen an Land getragen werden mussten. Hier blieben wir einige Stunden, um dann zur letzten kurzen Strecke unserer Seereise wieder eingeschifft zu werden. Die Hitze... war überwältigend. Wir wurden in ein Segelboot verfrachtet, auf dem wir acht Stunden bei Windstille und ohne Schutz vor den glühenden Sonnenstrahlen furchtbare Qualen ertrugen, bis wir zuletzt ’Akká erreichten, das Ende unserer Reise.

Unter großen Schwierigkeiten konnten wir hier anlegen. Die Frauen unserer Gruppe wurden an Land getragen.

Alle Einwohner der Stadt hatten sich versammelt, um die Ankunft der Gefangenen mitzuerleben. Da ihnen gesagt worden war, dass wir Treulose, Verbrecher und Aufrührer seien, war die Haltung der Menge uns gegenüber sehr bedrohlich. Ihre Verfluchungen und Verwünschungen erfüllten uns mit neuer Qual. Wir fürchteten uns vor dem Unbekannten. Wir wussten nicht, was unserer Gruppe, den Freunden und uns selbst bevorstand.

Man brachte uns in die alte Festung von ’Akká, wo wir zusammengepfercht wurden. Dort gab es kaum Luft; man gab uns ein wenig sehr altes, grobes Brot; wir konnten kein frisches Trinkwasser bekommen, und unsere Leiden wurden nicht weniger. Dann brach Typhus aus, fast alle erkrankten daran.

'Abdu'l-Bahá wandte sich an den Gouverneur, der jedoch zunächst wenig geneigt war, die harten, von ihm verordneten Bestimmungen, zu lockern.

Der Mufti hatte in der Moschee einen Farman* vor dem Volk verlesen, der voller falscher Beschuldigungen war.

Wir wurden als Feinde Gottes und als die schwersten Verbrecher beschrieben. Das Volk wurde ermahnt, diese üblen Missetäter zu meiden. Das rief natürlich starken Hass und bittere Feindschaft gegen uns hervor.“44

Bahá'u'lláh berichtet über die Mühsale, welche die Verbannten bei der Ankunft im Gefängnis erduldeten. Er bezeugt: “Bei unserer Ankunft wurden wir von Wachen umzingelt und alle zusammen – Männer und Frauen, jung und alt – in der Kaserne gefangen gesetzt. In der ersten Nacht erhielten wir weder zu essen noch zu trinken, denn die Wachtposten, die das Kasernentor bewachten, durften niemanden passieren lassen. Niemand dachte an den schlechten Zustand dieser Unglückseligen. Selbst als sie um Wasser baten, wurde es ihnen verweigert.“ 45

Das Größte Heilige Blatt war unter den Erkrankten. In ihrem späteren Leben erinnerte sie sich daran, wie sie bei ihrer Ankunft im Gefängnis von dieser entsetzlichen Situation überwältigt und ohnmächtig wurde. Ihre Freunde versuchten vergeblich, frisches Wasser zu bekommen, damit sie wieder das Bewusstsein erlange. Sie waren gezwungen, ungenießbares Wasser aus einer schmutzigen Pfütze auf dem Boden zu nehmen, mit dem ein Mann, der Matten anfertigte, seine Binsen anfeuchtete. Aus dieser Pfütze entnahm man etwas Wasser, siebte es und befeuchtete damit ihre Lippen. Doch es war so ekelhaft, dass sie erneut ohnmächtig wurde. Schließlich kam sie zu Bewusstsein, nachdem man ihr etwas Wasser in das Gesicht gespritzt hatte. Sie beschreibt auch, wie furchtbar es sich auf den Gesundheitszustand der Babys und kleinen Kinder auswirkte, dass sie nichts zu essen und zu trinken hatten, und berichtet, dass immer, wenn man Bahá'u'lláh etwas Nahrung brachte, Er anordnete, es den kleinen Kindern zu geben.46

Die physischen Entbehrungen und das Vorgehen, die Verbannten von der übrigen Bevölkerung zu isolieren, dauerten eine Zeit lang an. Bahíyyih Khánum berichtet, dass sie während der ersten beiden Jahre, die sie dort verbrachten, nur dreimal das Gefängnis für ganz kurze Zeit verlassen durften. Außerdem hatten sie nur sehr wenig Geld, und niemand half ihnen bei den Aufgaben des täglichen Lebens, so dass großenteils Navváb, Bahá'u'lláhs geliebte Ehefrau, und das Größte Heilige Blatt für die ganze Familie waschen, kochen, nähen und die Kleidung ausbessern mussten.47

Eine weitere Auswirkung der strengen Einkerkerung der Verbannten war, dass es für die Pilger unmöglich wurde, in die Gegenwart Bahá'u'lláhs zu gelangen. Bahíyyíh Khánum
erwähnt: „Als Nabíl, der Geschichtsschreiber, nach ’Akká kam, durfte er die Stadt nicht betreten. Einige Zeit verbrachte er in der Höhle des Elias auf dem Berg Karmel .Von dort aus ging er gewöhnlich (ungefähr zehn Meilen) zu einer Stelle jenseits der Festungsmauern, von wo aus er die Fenster unserer drei kleinen Gefängniszellen sehen konnte. Hier wartete er auf das seltene und heiß ersehnte Glück, Bahá'u'lláhs Hand vom mittleren kleinen Fenster aus winken zu sehen.“48

Der plötzliche und tragische Tod im Jahre 1870 von Mírzá Mihdí, dem geliebten Sohn Bahá'u'lláhs, der als der Reinste Zweig bekannt war, vermehrte die Sorgen und das Leid der Verbannten. Im Alter von zweiundzwanzig Jahren stürzte er, während er im Gebet versunken auf dem Dach der Gefängnisbaracken auf und ab schritt, durch einen Lichtschacht und erlag seinen Verletzungen. Als Bahá'u'lláh herbeigerufen wurde, bat er flehentlich seinen Vater, „dass sein Leben als Opfer angenommen werde für alle, die daran gehindert werden, in die Gegenwart ihres Geliebten zu gelangen,“ und es so zu ermöglichen, dass die Pilger in die Gegenwart Bahá'u'lláhs kommen konnten. Dieses mit so viel Liebe dargebrachte Opfer wurde angenommen. Allmählich öffneten sich die Türen für die Pilger, die aus Persien und anderen Ländern der Welt kamen.49

Zu den Leiden, die Bahá'u'lláh und die Verbannten ertrugen, kam noch ein Verleumdungsfeldzug voller Schmähungen und Intrigen hinzu, angeführt von denen, die sich gegen Seine Führerschaft auflehnten. Obwohl Bahá'u'lláh Seine Anhänger ausdrücklich davor gewarnt hatte, sich an ihren Peinigern zu rächen, missachteten einige Gläubige Seine Anweisungen und töteten drei ihrer Verfolger. Ihre überstürzte Tat führte dazu, dass Bahá'u'lláh in Gewahrsam genommen und zum Verhör dem Stadtkommandanten vorgeführt wurde. Auch flammte dadurch die Feindschaft der Bevölkerung gegenüber den Vertriebenen wieder auf.50

Mit der Zeit erkannten alle Schichten der Bevölkerung die Unschuld Bahá'u'lláhs, und der Geist Seiner Lehren drang in ihr Bewusstsein. Shoghi Effendi verweist darauf, dass „die Hochflut des Elends und der Erniedrigung abzuebben begann und sich ein Wandel in den Geschicken des Glaubens ankündigte.“ Nach neunjähriger Gefangenschaft in den Mauern der Gefängnisstadt durfte Bahá'u'lláh die Stadttore hinter sich lassen. Er konnte schließlich Seinen Wohnsitz in einem Haus in Bahjí aufschlagen, das am Stadtrand, nördlich von ’Akká gelegen ist. Bahá'u'lláh weist auf die Wende in den Begleitumständen hin, die im Verlauf Seiner Verbannung in ’Akká stattfanden, indem Er schreibt: „Der Allmächtige...hat dieses Gefängnis in das Erhabene Paradies, den Himmel aller Himmel, verwandelt.“51

Obwohl die Lebensverhältnisse Bahá'u'lláhs sich beachtlich veränderten, so war „noch bemerkenswerter“ - wie Shoghi Effendi bezeugt - „diese beispiellose Zunahme Seines Schrifttums während Seiner Gefängnishaft.“ Diese an Offenbarung so reiche Zeit „muss als eines der vitalsten und fruchtbarsten Stadien in der Entwicklung Seiner Lehre gewertet werden.“52 Während der Zeit in ’Akká fuhr Bahá'u'lláh fort, Seine Sendung den Königen und Herrschern der Welt zu verkünden. Er offenbarte das Kitáb–i–Aqdas, das Heiligste Buch, die Sammlung der wichtigsten Gesetze und Anordnungen Seiner Sendung und andere Sendschreiben, welche die Seiner Sendung zugrunde liegenden Lehrsätze und Prinzipien bekräftigen und ergänzen.

Gegen Ende Seines Lebens durfte Bahá'u'lláh sich freier bewegen; es war Ihm nicht nur gestattet, außerhalb der Stadtmauern der Gefängnisstadt ’Akká zu wohnen, viermal fand Er auch Gelegenheit, Haifa zu besuchen. Er hatte das Wohlgefallen der Regierung und die Zuneigung der einheimischen Bevölkerung gewonnen. Seine Religion begann sich in vielen verschiedenen Teilen der Welt zu verbreiten und begeisterte eine größere Vielfalt von Menschen. Shoghi Effendi bemerkt, dass kurz vor dem Hinscheiden Bahá'u'lláhs der Glauben „begann, sich im Licht eines Aufschwungs zu sonnen, wie er ihm nie zuvor vergönnt war.“53

Auf diesem Hintergrund erscheint es interessant, darüber nachzudenken, welchen Anteil das Größte Heilige Blatt an den Geschehnissen hatte, die sich während der Verbannung in ’Akká ereigneten. Obwohl nur wenige und bruchstückhafte Einzelheiten über die genaue Rolle, die das Größte Heilige Blatt bei diesen Ereignissen spielte, überliefert sind, steht uns zumindest das Zeugnis Shoghi Effendis zur Verfügung, in dem Er beschreibt, wie tief sich die Gefangenschaft in diese heroische Seele eingeprägt hat. Die in ihr ruhenden geistigen Eigenschaften durchdrangen offensichtlich alles, was sie tat. Shoghi Effendi versichert: „Erst als sie gemeinsam mit Bahá'u'lláh in den Mauern der Gefängnisstadt ’Akká eingesperrt wurde, auf der Höhe ihrer Kraft und im Übermaß ihrer Liebe für Ihn, entfaltete sie diese Gaben, die sie - nach ’Abdu’l-Bahá - unter den Mitgliedern der Heiligen Familie auszeichnen als die strahlendste Verkörperung dieser aus Gott geborenen Liebe und dieses menschlichen Mitgefühls, das nur wenige Sterbliche empfinden können.“ 54

Die bestimmende Kraft im Leben des Größten Heiligen Blattes lag in dem klaren Verständnis von der Bedeutung der Sache ihres Vaters und in ihrer Ergebenheit, sie zu unterstützen. Shoghi Effendi bestätigt: „Indem sie aus ihrem Geist und Herzen jede weltliche Bindung verbannte, selbst den Gedanken an eine Ehe aufgab, indem sie entschieden einem Bruder zur Seite stand, dem sie so ergeben half und diente, erhob sie sich und weihte ihr Leben dem Dienst an der glorreichen Sache ihres Vaters.“ Dann beschreibt Shoghi Effendi einige Aufgabengebiete, in denen das Größte Heilige Blatt während der Zeit in ’Akká einen bedeutenden Beitrag leistete. Er hebt auch bestimmte Wesenszüge hervor, die zweifellos entscheidend dazu beitrugen, die Einheit unter den Verbannten aufrecht zu erhalten und mit den Behörden Kontakt zu pflegen, um allmählich deren Abneigung, die sie Bahá'u'lláh entgegen brachten während der ersten neun Jahre der Verbannung in der Gefängnisstadt, in Wohlwollen zu verwandeln. Er schreibt: „Ob nun durch die hervorragende Leitung der Angelegenheiten Seines Haushalts oder die gewissenhafte Pflege sozialer Beziehungen zur Abschirmung von Bahá’u’lláh und auch von ’Abdu’l-Bahá, sei es die unablässige Aufmerksamkeit, die sie den täglichen Bedürfnissen ihres Vaters schenkte, oder durch den Edelmut, die Freundlichkeit und Güte, die sie in allem offenbarte – inzwischen hatte das Größte Heilige Blatt längst bewiesen, dass sie es verdiente, zu den edelsten Gestalten gezählt zu werden, die mit dem Lebenswerk Bahá'u'lláhs eng verbunden waren.“55

Die folgende Beschreibung Shoghi Effendis gewährt einen Einblick in die schwierige Lage, in der sich 'Abdu'l–Bahá und das Größte Heilige Blatt befanden, wenn sie mit den örtlichen Behörden verhandelten. Er schreibt: “Wie groß war die Undankbarkeit, wie blind der Fanatismus, wie hartnäckig die Bosheit der Beamten, ihrer Frauen und ihrer Untergebenen als Erwiderung auf die große Mildtätigkeit, die sie und ihr Bruder ihnen so reichlich bekundeten. Ihre Geduld, ihre Seelengröße, ihr allen Menschen unterschiedslos entgegen gebrachtes Wohlwollen konnten nicht die Feindseligkeit dieses verderbten Geschlechts entwaffnen, sondern dienten nur dazu, ihren Hass zu entflammen, ihre Eifersucht zu erwecken und ihre Ängste zu schüren.“ Shoghi Effendi vergleicht auch den Seelenzustand der Verbannten, die während dieser Zeit in ’Akká äußerste Entbehrungen und Gefahren auf sich nehmen mussten, mit dem zuversichtlichen Optimismus, den das Größte Heilige Blatt zeigte - ein Optimismus, der auf der Erkenntnis beruhte, dass die Kraft des Glaubens zuletzt den Sieg erringen werde. Er schreibt: “Die Schwermut, die sich über die kleine Gruppe der eingekerkerten Gläubigen, die in der Festung von ’Akká schmachteten, ausgebreitet hatte, stand im Gegensatz zu dem Geist zuversichtlicher Hoffnung und tief verwurzeltem Optimismus, der aus ihrem heiteren Antlitz strahlte. Kein noch so schweres Unglück konnte das Leuchten ihres heiligen Gesichtes verdunkeln, und keine Erschütterung sie in ihrer edlen und würdigen Gelassenheit beeinträchtigen.“56 Während der späteren Jahre Seines Lebens wohnte Bahá'u'lláh in dem hochherrschaftlichen Haus in Bahjí; 'Abdu'l-Bahá, Seine geliebte Schwester Bahíyyih Khánum und 'Abdu'l-Bahás Familie jedoch lebten weiterhin in der Gefängnisstadt ’Akká. Schon einige Monate vor Seinem Hinscheiden vertraute Bahá'u'lláh ’Abdu'l–Bahá an, dass das Ende Seines irdischen Lebens nahe sei. Shoghi Effendi schildert die folgenden Ereignisse, die sich in jener Zeit zutrugen:

„In der Nacht vor dem elften Shavvál 1309 n.d.H. (8. Mai 1892) bekam Er leichtes Fieber, das am Tag darauf etwas anstieg, dann wieder abklang. Er führte auch weiterhin Gespräche mit bestimmten Freunden und Pilgern, aber bald war zu sehen, dass Er sich nicht wohl fühlte.

Sechs Tage bevor Er starb, ließ Er, im Bett an einen Seiner Söhne gelehnt, alle Gläubigen, darunter einige Pilger, die sich im Landhaus versammelt hatten, zu sich rufen, was sich als ihre letzte Audienz bei Ihm erweisen sollte. „Ich bin sehr zufrieden mit euch allen“, sprach Er gütig und liebevoll zu der weinenden Schar, die um Ihn stand. „Ihr habt viele Dienste geleistet und wart sehr eifrig in eurem Werk. Jeden Morgen und jeden Abend seid ihr hierher gekommen. Gott stehe euch bei, dass ihr einig bleibt. Möge Er euch helfen, die Sache des Herrn des Seins zu erheben.“ An die Frauen, darunter Seine Familienmitglieder, die um Sein Bett standen, richtete Er ähnlich ermutigende Worte und versicherte ihnen nachdrücklich, dass Er sie alle in einem Dokument, das Er dem Größten Zweig (’Abdu’l-Bahá) anvertraut habe, Dessen Fürsorge empfehle.57

Shoghi Effendi berichtet, dass Bahá'u'lláhs „Fieber erneut auftrat, heftiger als zuvor. Sein Allgemeinzustand verschlimmerte sich zusehends, dann traten Komplikationen auf, die am zweiten Dhi’l–Qa’dih 1309 n.d.H. (29. Mai 1892 ) um die Morgendämmerung, acht Stunden nach Sonnenuntergang, im 75. Jahr Seines Lebens, zu Seinem Hinscheiden führten.“ 58

Eine Nichte Bahíyyih Khánums erzählt, dass neun Tage nach dem Hinscheiden Bahá'u'lláhs Sein Testament zunächst vor den Männern und danach vor den Frauen Seines Haushaltes verlesen wurde. Durch dieses Testament errichtete Bahá'u'lláh Sein Bündnis mit den Gläubigen und ernannte Seinen Sohn 'Abdu'l–Bahá nicht nur zum Mittelpunkt des Bundes, sondern auch als Nachfolger Bahá'u'lláhs zum Oberhaupt des Glaubens und bevollmächtigten Ausleger Seiner Schriften. Alle wurden angewiesen, sich 'Abdu'l–Bahá zuzuwenden und Ihn um Führung zu bitten. Trotz der klaren Vorkehrungen, die in Seinem Testament getroffen worden waren, entstand in der weiteren Familie und der Gemeinde nach sehr kurzer Zeit Uneinigkeit über dessen Auslegung. 'Abdu'l-Bahás Stellung und Autorität wurden angefochten. Als zum Beispiel 'Abdu'l–Bahá versuchte, eine Anzahl Sendschreiben, die Bahá'u'lláh kurz vor Seinem Hinscheiden für viele Seiner Anhänger offenbart hatte, zu erhalten, teilte ihm Sein Halbbruder Mirzá Muhammad– ’Alí mit, dass diese Sendschreiben nicht existierten. Außerdem erklärte sich keiner der männlichen Familienmitglieder bereit, 'Abdu'l–Bahá bei der Durchführung der vor Ihm liegenden Aufgaben zu unterstützen.59

Die Briefe, die Bahíyyih Khánum bald nach dem Hinscheiden Bahá'u'lláhs schrieb, gewähren einen tiefen Einblick in die Gefühle, die dieser schwere Verlust in den Herzen der Mitglieder der heiligen Familie auslöste. In einem Brief vom Mai 1892 beschreibt sie das Ausmaß ihrer eigenen Verlassenheit und zeigt zugleich Wege auf, wie man sich in Zeiten von Prüfungen verhalten solle. Sie schreibt:

„Keine Feder kann wirklich schildern, welch schmerzliche Gefühle in unseren Herzen aufwallten. Jeder Ausdruck würde sich als absolut unzureichend erweisen, wäre weniger, als was durch ein Nadelöhr ginge, denn Worte und Silben sind unfähig, das Ausmaß dieses unvorstellbaren Leides auszudrücken. Sie sind wie ein winziger Tropfen im Vergleich zu einem Ozean. Nicht einmal in der gewaltigen Unermesslichkeit innerer Bedeutungen und Auslegungen kann dieses furchtbare Geschehen beschrieben werden. Endlos ist die Geschichte, die über das Feuer des schmerzlichen Verlustes, das die Herzen der Gefangenen verzehrte, berichtet. Während dieser dunklen, von furchtbarem Unglück erfüllten Zeit - und hierbei ist Gott mein Zeuge - schmolzen unsere Herzen dahin und unaufhörlich rannen die Tränen aus unseren Augen.

Wenn wir uns jedoch dem unwiderruflichen Geheiß des Allmächtigen gegenüber sehen, sollten wir uns in dieser Welt mit dem Gewand der Geduld und Unterwerfung kleiden, und zu den verdienstvollsten aller Taten zählt es, wenn wir unsere Angelegenheiten in Seine Hände legen und uns Seinem Willen unterwerfen.“ 60

In einem Auszug eines Briefes, den sie 1897 schrieb, schildert sie auch ihren Schmerz über das Verhalten derjenigen, die den Glauben angreifen: „Solltest du dich nach diesen Hinterbliebenen erkundigen, so geht es uns durch die Gnade des Herrn und die Barmherzigkeit Seines göttlichen Mysteriums gut, aber unser Kummer kennt keine Grenzen. Wir flehen an der Schwelle des Ewigen und Allmächtigen Geliebten, Er möge vor uns die Tore der Freude aufschließen, die Achtlosen und in tiefem Schlaf Versunkenen erwecken und den Verfechtern des Aufruhrs einen Sinn für Gerechtigkeit verleihen, so dass dieser Sturm sich lege, diese Zwietracht getilgt werde, und wir wieder die Süße segensreicher Tage kosten mögen.“61

Das Hinscheiden Bahá'u'lláhs hinterließ tiefe Spuren und drohte, die Gesundheit des Größten Heiligen Blattes zu schwächen. 'Abdu'l–Bahá drückt Seine Sorge um die Gesundheit und das Wohlbefinden Seiner Schwester in einem Sendschreiben an einen Gläubigen aus dem Osten aus. Er beschreibt ihren erschöpften Gesundheitszustand und macht folgende zu Herzen gehende Äußerung: “Schon seit längerer Zeit, genauer seit dem Tag, an dem Bahá'u'lláh in Sein Reich aufgestiegen war, wurde Meine Schwester so dünn und schwach und durch die qualvolle Trauer so erschöpft, dass sie fast zusammenbrach.“ 'Abdu'l–Bahá vertraut diesem treuen Gläubigen an, dass es der innigste Wunsch Seiner Schwester war, diese Welt zu verlassen, und dass Er „es nicht ertragen konnte, sie in diesem Zustand zu sehen.“ So gewann Er die Hilfe Seines Freundes, der das Größte Heilige Blatt auf einer Reise begleiten konnte, damit sie „eine Luftveränderung“ erfahre.62

Bahá'u'lláhs Hinscheiden vergrößerte nicht nur das Leiden Bahíyyíh Khánums und schwächte ihre körperlichen Kräfte, sondern rief Geschehnisse hervor, die zu ihrer zunehmenden sozialen Isolation führten und sie in ihrem Entschluss bekräftigten, den Angriffen auf den Glauben Widerstand zu leisten. Shoghi Effendi stellt fest:

„Von Kindheit an hatte sie stets sehr gelitten, jedoch erweckten die Seelenqualen, die das Hinscheiden Bahá'u'lláhs verursachten, in ihr eine Entschlossenheit wie nie zuvor, die kein Widerstand beugen konnte und die ihre zarte Konstitution Lügen strafte. Inmitten des Staubes und der Hitze, den diese treulose und rebellische Gemeinschaft durch ihren Aufruhr auslöste, sah sie sich gezwungen, familiäre Bande zu lösen, alte und nahe Freundschaften aufzugeben, weniger Treugesinnte zu entlassen, um sich einer Sache, der sie voll inniger Liebe und Ergebenheit so treu diente, völlig widmen zu können.“63

Shoghi Effendi bestätigt in ähnlicher Weise, dass „ihr Schmerz durch das Hinscheiden der Abhá Schönheit noch verstärkt und das Feuer ihrer Trauer durch die Grausamkeit der Treulosen noch weiter geschürt wurde.“ Er beschreibt, wie sie auf die Untreue der Familienmitglieder und deren Angriffe auf den Glauben reagierte und wie sehr sich dies alles auf die Stufe Bahíyyíh Khánums auswirkte. „Inmitten dieses aufrührerischen Sturms“, so bezeugt Shoghi Effendi, „leuchtete das Antlitz dieses kostbaren Schatzes des Herrn umso strahlender, und alle Mitglieder der Bahá’í–Gemeinde erkannten ihren Wert und hohen Rang. Der heftige Angriff der Empörer gegen die heiligen Überzeugungen der Gläubigen riefen in ihr weder Furcht noch Verzweiflung hervor.“64

Shoghi Effendi gibt einen Einblick, welch einzigartige Aufgaben das Größte Heilige Blatt in dieser kritischen Übergangsphase verrichtete: “Als einzige aus Bahá'u'lláhs Familie tröstete und unterstützte sie den Größten Heiligen Zweig*, 'Abdu'l–Bahá, gegen den sich fast alle Seiner treulosen Verwandten gemeinsam verschworen hatten. Bei ihrer kühnen Aufgabe halfen ihr die ständigen Bemühungen Munírih Khánums, der Heiligen Mutter, und ihrer Töchter, die, wenn sie alt genug waren, mit dazu beitrugen, die ungeheuren Leistungen zu erringen, die auf immer mit dem Namen 'Abdu'l–Bahás verbunden sind.“ Shoghi Effendi lenkt die Aufmerksamkeit auf die Erfahrungen, die Bahíyyih Khánum auf ihre wichtige Rolle vorbereitet hatten, die sie bei der Verteidigung des Bundes zu spielen haben würde: „Mit Kräften ausgestattet, die das nahe und ständige Zusammensein mit Bahá'u'lláh ihr verliehen hatte, und gesegnet durch das großartige Beispiel, das der ständig anwachsende Aufgabenbereich 'Abdu'l–Bahás ihr bot, war sie vorbereitet, dem Ansturm, den das verräterische Verhalten der Bundesbrecher** auslöste, die Stirn zu bieten und selbst seinen zerstörerischsten Angriffen zu widerstehen.“65






3. Kapitel


’Abdu’l-Bahás brillante Schwester
Die Beziehung Bahíyyih Khánums zu ihrem Bruder ’Abdu'l–Bahá überstieg bei weitem die gefühlsmäßigen Bande, die Familienmitglieder üblicherweise miteinander verbinden. Diese Beziehung war mystischer und geistiger Natur, voll großer Zartheit. In Seinen Briefen wendet sich ’Abdu'l–Bahá an sie mit den Worten: „Meine innig geliebte und tiefgeistige Schwester“, „meine verehrte und vornehme Schwester“ und „meine Schwester im Geiste und Gefährtin meines Herzens.“ Liest man diese Briefe, so wird deutlich, dass ’Abdu’l–Bahá um den hohen geistigen Rang Bahíyyih Khánums wusste. Er erwähnt ihre Bereitschaft, sich dem Dienst am Bahá’í–Glauben zu opfern, schenkt ihrem unerschütterlichen Festhalten am Bahá’í–Bund und ihrer treuen Unterstützung Anerkennung und Wertschätzung und rühmt ihre Fähigkeiten, ihr solides Urteilsvermögen und ihre Charaktereigenschaften. Vor allem gilt Seine Sorge ihrem Wohlbefinden und ihrem Glück.1

In diesem Kapitel wollen wir herausfinden, auf welch unübertreffliche Art das Größte Heilige Blatt, von Shoghi Effendi als ’Abdu’l–Bahás „brillante Schwester“ beschrieben, zum Schutz und zur Entfaltung des Bahá’í–Glaubens während der Amtszeit ’Abdu’l–Bahás beigetragen hat. Wir werden das Augenmerk besonders auf ihre zuverlässige Unterstützung lenken, die sie in den Jahren nach dem Hinscheiden Bahá’u’lláhs dem Bund des Bahá'í–Glaubens erwies, und auf ihre Dienste als ’Abdu’l–Bahás „würdige Beauftragte, Stellvertreterin und Statthalterin“ während Seines Aufenthalts in der westlichen Welt sowie auf die meisterhafte Art, in der sie den Haushalt ihres geliebten Bruders managte.2

Die Geschichtsschreibung erwähnt nur wenige Einzelheiten über das eigentliche Wirken des Größten Heiligen Blattes. Jedoch bieten die Aussagen des Hüters des Glaubens ein umfassendes Gerüst, in dem die zu vereinenden Bruchstücke zu finden sind. Beschäftigt man sich mit den Geschehnissen, die sich in der Bahá'í-Gemeinde während der Amtszeit ’Abdu’l–Bahás ereigneten, und zieht die Erklärungen Shoghi Effendis über deren Bedeutung hinzu sowie die Berichte von Bahá’í–Pilgern aus Ost und West, die ’Akká und Haifa besuchten, so kann man sich schließlich ein ungefähres Bild von Bahíyyih Khánums Mitwirkung während dieser Zeit der Bahá’í–Geschichte entwickeln.


Unterstützung des Mittelpunkts des Bundes

Bahá’u’lláhs Testament, das Buch Seines Bundes, wurde vollständig von Seiner eigenen Hand geschrieben. Wie im 2. Kapitel erwähnt, wurde das Testament am neunten Tag nach Seinem Hinscheiden „in Gegenwart von neun aus Seinen Gefährten und Familienmitgliedern erwählten Zeugen entsiegelt und am selben Nachmittag vor einer großen Versammlung, darunter Seine Söhne, einige Verwandte des Báb, Pilger und ansässige Gläubige, an Seinem Heiligsten Grab verlesen.“ Die Bedeutung dieses „einzigartigen, epochemachenden Dokuments“ besteht darin, dass es die Mittel bereit stellt, um „die Wirksamkeit des Glaubens fortzuführen, seine Unverletzbarkeit zu gewährleisten, ihn vor Spaltung zu bewahren und seine weltweite Ausdehnung zu fördern.“ 3

Nach den im Testament Bahá’u’lláhs getroffenen Vorkehrungen wurde ’Abdu’l–Bahá zum Nachfolger Bahá’u’lláhs ernannt, dem die Vollmacht verliehen war, die Schriften Seines Vaters auszulegen. Shoghi Effendi weist auf die Auswirkungen dieser Ernennung hin.’Abdu’l–Bahá wurde „zum hohen Amt des Mittelpunkts Seines Bundes erhoben und zum Nachfolger der Manifestation Gottes, eine Stellung, die Ihm die Kraft gab, außerordentlichen Schwung in die weltweite Verbreitung der Religion Seines Vaters zu bringen, ihre Lehre auszubauen, alle Schranken niederzureißen, die sich ihrem Fortschritt hemmend in den Weg stellen könnten und ihre Verwaltungsordnung ins Leben zu rufen sowie diese in ihren Grundlinien zu umreißen, dies Kind des Bundes und Vorbote einer Weltordnung, deren Bau den Anbruch des Goldenen Zeitalters der Bahá’í–Sendung kennzeichnen wird.“4

Der neu ins Leben gerufene Bund bildete den Auftakt zur Errichtung der administrativen Struktur, welche die weltweite Verbreitung des Bahá’í–Glaubens ermöglichte - zuerst auf dem Nordamerikanischen Kontinent und von dort aus auf der restlichen Welt. Bevor eine solche Ausdehnung jedoch stattfinden konnte, „musste der neu begründete Bund Bahá’u’lláhs“ mit den Worten Shoghi Effendis, „eine Feuertaufe bestehen, die seine Festigkeit der ungläubigen Welt vor Augen und von seiner Unzerstörbarkeit künden sollte.“ Er betont den Ernst dieser Prüfung und beschreibt sie als „eine der härtesten Prüfungen, die die Sache Gottes in diesem Jahrhundert zu bestehen hatte.“5

Diese von 1892 bis 1896 vier Jahre andauernde Krise wurde durch Mírzá Muhammad–’Alí , einem Halbbruder ’Abdu’l–Bahás, heraufbeschworen, den Bahá’u’lláh in Seinem Buch des Bundes besonders genannt hat, und der an zweiter Stelle steht nach ’Abdu’l–Bahá. Shoghi Effendi erläutert den Hintergrund: „Die eigentliche Ursache für das Entstehen der Krise lag in brennender, hemmungsloser, verzehrender Eifersucht, von der nicht nur Mírzá Muhammad–’Alí, der Hauptverletzer des Bundes, sondern auch einige seiner nächsten Verwandten erfüllt waren - Eifersucht auf den Vorrang, den ’Abdu’l–Bahá anerkanntermaßen durch Stellung, Einfluss, Fähigkeiten, Wissen und Tüchtigkeit vor allen anderen Familienmitgliedern hatte.“ Der Hüter erläutert, dass blinder Neid „im Herzen Mírzá Muhammad–’Alís schwelte“ und dieser werde „insgeheim geschürt durch die zahllosen Beweise der Auszeichnung, der Wertschätzung und Gunst, die ’Abdu’l–Bahá nicht nur von Seiten Bahá’u’lláhs, Seiner Gefährten und Anhänger erfuhr, sondern Ihm auch von zahlreichen Nichtgläubigen zuströmten, die der angeborenen Größe innewurden, die ’Abdu’l–Bahá schon von Kindheit an besaß.“ Mírzá Muhammad–’Alí „war keineswegs zufrieden, dass er im Testament zum zweithöchsten Rang unter den Gläubigen erhoben worden war“, seine Feindseligkeit wurde noch größer, „als ihm zum Bewusstsein kam, welche Folgen dieses Dokument hatte.“ 6

Shoghi Effendi beschreibt die Auswirkung dieser Feindseligkeit Mírzá Muhammad–’Alís und die Unterstützung, die er von der weiteren Familie und nahen Gefährten ’Abdu’l–Bahás erhielt:

„Diesem ’Größten Aufwiegler’ gelang es allmählich, durch unnachgiebige Beharrlichkeit, mit Lügen, Halbwahrheiten, Verleumdungen und maßlosen Übertreibungen fast die ganze Familie Bahá’u’lláhs und eine beträchtliche Anzahl von Gläubigen aus seinem engeren Bekanntenkreis auf seine Seite zu ziehen. Die beiden überlebenden Frauen Bahá’u’lláhs,* Seine beiden Söhne, der wankelmütige Mírzá Díyá’u’lláh und der treulose Mírzá Badí’u’lláh mit seiner Schwester und Halbschwester und deren Gatten, von denen der eine, Siyyid’Alí, ein Verwandter des Báb, der andere der verschlagene Mírzá Majdi’d–Dín war, dessen Schwester und Halbbrüder - die Kinder des edlen, gläubigen, nun verstorbenen Áqáy–i–Kalím - sie alle vereinigten sich in dem entschlossenen Bestreben, die Grundlagen des Bundes, die das unlängst verkündete Testament gelegt hatte, zu zerstören. Selbst Mírzá Áqá Ján, der vierzig Jahre lang als Sekretär Bahá’u’lláhs gewirkt hatte und Muhammad–Javád–i–Qasvíní, der seit den Tagen in Adrianopel damit beschäftigt war, die unzähligen Schriften, die die Erhabene Feder offenbarte, abzuschreiben, sowie seine ganze Familie machten mit den Bundesbrüchigen gemeinsame Sache und ließen sich in ihre Machenschaften hineinziehen.“7

Während dieser Zeit, die „dem Hinscheiden Bahá’u’lláhs“ folgte, „das den stürmischen Angriff zerstörerischer Kräfte nach sich zog“, stieg das Größte Heilige Blatt „nun in der Blüte ihres Lebens - zum Gipfel ihrer Möglichkeiten auf und erfüllte angemessen ihre Aufgabe.“ Sie wurde zur wichtigsten Stütze ’Abdu’l–Bahás, dem ernannten Mittelpunkt des Bundes. Der Hüter stellt fest: „Sie allein blieb aus Bahá’u’lláhs Familie übrig, das Herz des Größten Zweiges ’Abdu’l–Bahá zu erheitern, gegen den sich fast alle Seiner treulosen Verwandten geschlossen verschworen hatten, und Ihn bei Seinen Bemühungen zu unterstützen. Bei ihrer schweren Aufgabe standen ihr unermüdlich Muniríh Khánum, die Heilige Mutter, die Frau von ’Abdu’l Bahá, zur Seite sowie diejenigen ihrer Töchter, die alt genug waren, um bei der Vollendung dieses gewaltigen Werkes mitzuhelfen, mit dem ’Abdu’l–Bahás Name für immer verbunden sein wird.“ 8

Auch wenn nicht genau bekannt ist, was Bahíyyih Khánum im Einzelnen unternommen hat, so lassen sich doch gewisse Rückschlüsse ziehen, indem man die gegen ’Abdu’l–Bahá gerichtete Kampagne und die Maßnahmen, die Er unternahm, um ihre Auswirkung in Schranken zu halten genauer prüft.

Diejenigen, die aufstanden, um den von Gott errichteten Bund zurückzuweisen, starteten eine Kampagne der Verleumdung gegen ’Abdu’l–Bahá. Sie griffen nicht nur den Kern von Baha’u’llahs Testament an, sondern zogen auch ’Abdu’l–Bahás Charakter in Zweifel und machten offenkundig falsche Aussagen über Seine Stufe, Seinen Gebrauch der Fonds und die Art, wie Er als Oberhaupt den Glauben führte. Shoghi Effendi beschreibt die Einzelheiten dieser falschen Beschuldigungen, die sie nicht nur innerhalb der Baha’í–Gemeinde, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit verbreiteten. Er schreibt:

„Wo sie nur konnten, bei Freunden und Fremden, Gläubigen und Nichtgläubigen, hohen und kleinen Beamten, in Wort und Schrift, teils offen, teils in Andeutungen, stellten sie ’Abdu’l–Bahá als einen ehrgeizigen, eigenwilligen, prinzipien– und schamlosen Thronräuber hin, der bewusst die testamentarischen Verfügungen Seines Vaters missachte. Er maße sich in absichtlich verhüllter, vieldeutiger Sprache eine Stellung an, die derjenigen der Manifestation gleichkomme, der in Seiner Korrespondenz mit dem Westen im Begriff sei, sich als den wiedergekommenen Christus hinzustellen, den Gottessohn, wiedergekommen „in der Herrlichkeit des Vaters“; der in Seinen Briefen an die indischen Gläubigen sich als den verheißenen Sháh Bahrám* bezeichne und sich das Recht anmaße, die Schriften Seines Vaters auszulegen, eine neue Sendung einzuleiten und gleich Ihm die Größte Unfehlbarkeit – ausschließliches Vorrecht der Träger des Prophetenamtes – zu besitzen. Sie behaupteten ferner, Er habe aus Eigennutz Zwietracht gesät, Feindschaft gestiftet und die Waffe der Exkommunikation geschwungen; Er habe dem Testament, das, wie sie behaupteten, in erster Linie die privaten Angelegenheiten der Familie Bahá’u’lláhs betreffe, einen ganz anderen Sinn unterstellt, indem Er es als einen Bund von weltweiter Bedeutung, seit Ewigkeit bestehend, einzigartig und ohnegleichen in der Geschichte sämtlicher Religionen, hinstellte; Er habe Seine Brüder und Schwestern um ihr rechtmäßiges Erbteil gebracht und es an Beamte ausgegeben für Seine eigenen Interessen; Er habe sämtliche Einladungen zu einer Aussprache über die strittigen Fragen, um die bestehenden Schwierigkeiten beizulegen, abgelehnt; Er habe neuerdings die Heilige Schrift** gefälscht, von Ihm selbst verfasste Texte eingeschoben und den Sinn einiger der wichtigsten Schreiben aus der Feder Seines Vaters entstellt; schließlich sei Sein Verhalten daran schuld, dass die Fahne des Aufruhrs unter den Gläubigen im Orient gehisst worden und die Schar der Getreuen gespalten, in raschem Niedergang begriffen und dem Untergang geweiht sei.“ 9

Während dieser „vier leidvollen Jahre“ von 1892-1896 bemühte sich ’Abdu’l–Bahá darum, Mírzá Muhammad–’Alí und seine Helfer vor dem Bundesbruch zu bewahren. Der Hüter berichtet, dass alle Bemühungen ’Abdu’l–Bahás „Seine fortgesetzten Schlichtungsversuche, Seine ernsten Bitten, alle Liebe und Güte, mit der Er Mírzá Muhammad-’Alí überschüttete, alle Ermahnungen und Warnungen, ja selbst Sein Angebot des freiwilligen Rücktritts, um den drohenden Sturm zu verhüten, letztlich erfolglos blieben.10

Angesichts der Belastung dieser lang anhaltenden Krise kann man sich gut vorstellen, dass alles, was das Größte Heilige Blatt tat, um „das Herz ihres Bruders zu erheitern und seine Anstrengungen zu unterstützen“, Ihm reichlichen Trost spendete und praktische Hilfe bedeutete.11 Ihr besonnener Mut, ihre absolute Standhaftigkeit, Zuverlässigkeit und andere geistige Wesenszüge wurden zweifellos zur Quelle, aus der ’Abdu’l–Bahá großen Trost schöpfte. Außerdem konnte ’Abdu’l–Bahá sich jederzeit auf ihre Kenntnis des Glaubens, ihr klares Verständnis des Bundes und ihre unerschütterliche Treue gegenüber dem ernannten Mittelpunkt verlassen und diese Kräfte für den Schutz der Baha’í–Sache einsetzen .

Ihr Weitblick, den sie allen vermittelte, mit denen sie in Kontakt kam, spiegelt sich in ihren aufschlussreichen Briefen aus der damaligen Zeit wider. Diesen Austausch nutzte Bahíyyih Khánum, den Gläubigen die Stufe ’Abdu’l–Bahás zu verdeutlichen und ihnen bewusst zu machen, wie wichtig es für sie war, fest im Bunde zu bleiben. In einem solchen Brief an eine Bahá’í im Osten schreibt sie :

„Gelobt sei Gott, dass Er dich, Sein wohl behütetes Blatt, befähigt hat, allezeit die Herrlichkeit Seines gnadenreichen Antlitzes zu lobpreisen und deinem Leben durch das Gedenken Seiner Schönheit Kraft gibt und dir gestattet, dich von allem außer Ihm zu lösen, damit du fortwährend mit Seiner Liebe verbunden bist. Er half dir gnädig, Seinem mächtigen und unwiderlegbaren Testament treu zu bleiben, dich fest an den Saum des Gewandes Dessen zu halten, der der Mittelpunkt des Bundes Gottes, des All–Gütigen, ist und deinen Blick völlig auf das leuchtende Antlitz Dessen zu richten, ’Den Gott vorgesehen hat’, den Einen, ‚Der dieser seit ehedem bestehenden Wurzel entsprossen ist.’ Wahrlich, um diese Ausgießung göttlicher Gnadengaben und Segnungen voll und ganz zu würdigen, müsste Gott eine Myriade an Lobgesängen und Dankgebeten dargebracht werden. Wir flehen zum Königreich unseres Herrn, des All-Herrlichen, dass Er stets Seine belebenden Düfte über dich verströme, dich durch den erbauenden Zustrom Seiner Freude entzücke, durch Seinen Heiligen Geist erquicke und dir Kraft verleihe, Seinen Dienerinnen und Blättern zu dienen.“ 12

Durch ihren Briefwechsel wirkte sie mit, die Gläubigen in ihrem Glauben zu vertiefen. Darüber hinaus scheint es auch wahrscheinlich zu sein, dass das Größte Heilige Blatt aktiv daran arbeitete, die Mitglieder der ausgedehnten Familie, die sich gegen ’Abdu’l–Bahás Ernennung aufgelehnt hatten, in den Jahren vor deren formaler Trennung vom Glauben zu schulen und liebevoll zu führen. Als die offizielle Trennung eintrat, bewies ihre bedingungslose Bereitschaft, sich von den Familienmitgliedern, die den Bund verletzt hatten, zu trennen, wie klar sie die Bedeutung des Bundes Bahá’u’lláhs verstanden hatte. Besonders in einer Kultur, in der der eigentliche Platz des sozialen Lebens einer Frau innerhalb der Familie war, führte die Trennung familiärer Beziehungen nicht nur zu vielen praktischen Schwierigkeiten, sondern rief zugleich im Herzen des Größten Heiligen Blattes tiefe Traurigkeit hervor und verstärkte zweifellos ihre Gefühle der Isolierung. Da jedoch in ihrem Leben der Dienst an der Baha’í–Sache vorrangig war, war sie bereit, dieses Opfer zu bringen. Ihre aus voller Überzeugung verrichteten Tätigkeiten waren sicherlich Balsam für das Herz ’Abdu’l–Bahás.

Obwohl diese Phase der Krise, die durch die Auflehnung Mírzá Muhammad–’Alís und seiner Verbündeten herbeigeführt wurde, sich tatsächlich vorübergehend zerstörerisch auswirkte, beschreibt Shoghi Effendi die letzten Endes heilsame Wirkung, die sie in der Bahá’í–Gemeinde hervorrief. Er versichert, „dass die ganze Episode, recht besehen, nichts weiter war als eine der periodisch wiederkehrenden Krisen, wie sie seit Beginn des Bahá’í–Glaubens während des ganzen Jahrhunderts immer wieder nützlich waren, um ihn von schädlichen Elementen zu säubern, seine Grundlagen zu festigen, seine Beständigkeit zu beweisen und um ein nur noch größeres Maß seiner verhaltenen Kräfte freizusetzen.“ Und Shoghi Effendi stellt tatsächlich fest, dass, nachdem die Krise erfolgreich behoben worden war, „ein göttlich gestifteter Bund mit seinen Vorkehrungen unanfechtbar verkündet, der Sinn und Zweck dieses Bundes klar erfasst und seine Grundlagen in den Herzen der weitaus meisten Glaubensanhänger fest verankert waren.“ Der Weg war nun offen, um den Glauben Bahá’u’lláhs im Westen zu verbreiten, und dies führte auch dazu, dass die verantwortungsvollen Aufgaben, die auf den Schultern Bahíyyih Khánums lasteten, noch zunehmen sollten.13


Aufstieg des Glaubens im Westen und Ankunft der ersten westlichen Pilger

Eines der vorrangigen Ziele ’Abdu’l–Bahás als neu ernanntes Oberhaupt des Bahá’í– Glaubens war, „das Licht der von Seinem Vater begründeten Religion auch über den Westen“ zu verbreiten. Shoghi Effendi weist darauf hin, dass der anfängliche Entschluss, diesen Prozess in Gang zu setzen, „ein glückliches Ereignis“ erahnen ließ, „das die Nachwelt als einen der größten Triumphe Seines Amtes betrachten werde, ein Ereignis, das schließlich unschätzbare Segnungen über die westliche Welt bringen und binnen kurzem den Kummer und die Sorgen Seiner Exilgefährten in ’Akká zerstreuen werde. Die große Republik im Westen* wurde ausgezeichnet, vor allen anderen Ländern des Abendlandes als erste Gottes unschätzbaren Segen zu empfangen und der Hauptmittler bei seiner Weitergabe an viele Bruderländer auf den fünf Kontinenten der Erde zu werden.“14

Etwas über ein Jahr nach Seinem Hinscheiden wurde am 23. September 1893 zum ersten Mal in Nordamerika der Glaube Baha’u’lláhs öffentlich erwähnt. In einer Schrift, die Reverend Henry H. Jessup, Direktor der Presbyterianischen Mission in Nordsyrien, verfasst hatte, wird der Name Bahá’u’lláh genannt. Bei der 1893 in Chicago abgehaltenen Weltkonferenz der Religionen (World Parliament of Religions) als ein Teil der World’s Columbian Exposition, einer Weltausstellung, die an Christoph Kolumbus’ Entdeckung von Amerika vor vierhundert Jahren erinnern sollte, verlas Reverend George A. Ford aus Syrien diese Schrift. Diesem bahnbrechenden Moment folgte bald die Ankunft eines ägyptischen Gläubigen in den Vereinigten Staaten, der vor kurzem den Baha’í–Glauben angenommen hatte. Innerhalb relativ kurzer Zeit fühlte sich eine Anzahl Menschen zu dem Glauben hingezogen und begann, ihr Leben seinem Dienst zu weihen.

Im Jahr 1898 äußerten einige neue Gläubige aus Nordamerika und Frankreich ihren Wunsch, 'Abdu'l-Bahá zu besuchen. Eine Gruppe von fünfzehn Pilgern machte sich per Schiff auf den Weg ins Heilige Land. Wegen der schwierigen Reise verteilten sie sich in drei aufeinander folgende Gruppen, deren erste die Gefängnisstadt ’Akká am 10.Dezember 1898 erreichte. Shoghi Effendi beschreibt ’Abdu’l–Bahás tiefgehenden Einfluss auf diese ersten Pilger aus dem Westen und nennt die herausragenden Merkmale ihres Besuches:

„Die enge persönliche Beziehung, die zwischen dem Mittelpunkt des Bundes Bahá’u’lláhs und den neu gewonnenen Herolden Seiner Offenbarung im Westen zustande kam; die bewegenden Umstände ihres Besuches am heiligen Grab, wobei ihnen die große Ehre zuteil wurde, von ’Abdu’l–Bahá persönlich in das innerste Gemach geführt zu werden; der Geist, den ihnen ihr liebevoller, gütiger Gastgeber trotz der Kürze ihres Aufenthaltes in so reichem Maße durch Wort und Beispiel einflößte; der leidenschaftliche Eifer, die unbeugsame Entschlossenheit, die Seine anfeuernden Ermahnungen, lichtvollen Lehren und die vielen Beweise Seiner göttlichen Liebe in ihren Herzen entzündeten – all dies bezeichnet den Beginn eines neuen Abschnitts in der Entwicklung des Glaubens im Westen.“15

Die Wirkung dieser ersten Pilgerreise führte nicht nur zu einer geistigen Erneuerung bei den einzelnen Teilnehmern, sondern sorgte auch für Motivation und Antrieb, den Glauben in der westlichen Welt zu verbreiten, wie Shoghi Effendi berichtet: „Mit der Rückkehr dieser gott-trunkenen Pilger, einige nach Frankreich, andere in die Vereinigten Staaten, begann eine ununterbrochene, systematische Tätigkeit, die als sie in Schwung kam und ihre Stützpunkte bis nach Westeuropa und in die Staaten und Provinzen Nordamerikas vorschob, so viel Gewicht bekam, dass ’Abdu’l–Bahá beschloss, sobald Er aus Seiner noch andauernden Haft in ’Akká befreit wäre, eine Lehrreise nach dem Westen anzutreten.“16

Der Besuch der Pilger, der einen schöpferischen Impuls auf den Fortschritt des Glaubens auslöste, übte zudem auf Bahíyyih Khánum und die Mitglieder der Familie ’Abdu’l–Bahás eine tiefe Wirkung aus. Shoghi Effendi schreibt: „Nur die Ankunft dieser Pilger konnte die Schwermut, die die untröstlichen Angehörigen ’Abdu’l–Bahás umfangen hielt, letztendlich beheben. Diese wiederholten Besuche spendeten dem Größten Heiligen Blatt, die gemeinsam mit ihrem Bruder als einzige unter den Mitgliedern des Haushalts ihres Vaters der Rebellion fast aller Verwandten und Freunde die Stirn bieten musste, jenen Trost, der ihr bis ans Ende des Lebens so reichlich Kraft gab.“17

Die von den ersten Pilgern aus dem Westen aufgezeichneten Berichte bieten sowohl einen faszinierenden Einblick in die Art, wie die wenigen amerikanischen und europäischen Frauen und Männer von der anziehenden Persönlichkeit ’Abdu’l–Bahás beeindruckt waren, als auch wertvolle Aufzeichnungen Seiner Aussagen und Anweisungen. Darüber hinaus spiegeln diese Pilgerberichte, von denen einige sich auf die Person und die Aufgaben des Größten Heiligen Blattes beziehen, unmittelbare Eindrücke vom Leben der Verbannten in der Gefängnisstadt ’Akká wider.

Weibliche Pilger aus dem Westen hatten das Vorrecht, mit den Frauen der Familie ’Abdu’l–Bahás und mit anderen Bahá’í–Frauen, die zu der großen Gruppe der Verbannten gehörten, eng verbunden zu sein. Männliche Pilger aber teilten dieses Vorrecht nicht. Folglich waren die Frauen aus dem Osten bei Zusammenkünften der Bahá’í entsprechend der in dieser Gegend vorherrschenden Tradition gewöhnlich verschleiert. Es galt nicht als schicklich, wenn eine Frau aus dem Osten unverschleiert in einer gemischten Gesellschaft erschien. Die Frauen aus dem Westen jedoch waren nicht derartig eingeschränkt. Sie konnten frei sowohl mit Frauen als auch mit Männern zusammen zu kommen, ohne einen Schleier zu tragen.

Die ersten Pilgergruppen, die 1898 aus dem Westen nach Haifa kamen, reisten mit Pferdekutschen nach ’Akká, wo ’Abdu’l–Bahá zu jener Zeit lebte. Die kanadische Bahá’í May Maxwell hinterließ der Nachwelt folgende Beschreibung über ihre Ankunft im Haus ’Abdu’l–Bahás in ’Akká und ihre erste Begegnung mit Ihm: „Wir gingen durch ein steinernes Tor, das auf einen viereckigen Hof führte und stiegen eine Treppe zu den oberen Wohnungen hinauf. Dort fanden wir unseren Geliebten, der am Fenster eines kleinen Raumes stand und auf das himmelblaue Meer blickte.“18 Sie berichtet, dass, sobald sie von ’Abdu’l–Bahá begrüßt worden waren, das Größte Heilige Blatt, die Frau ’Abdu’l–Bahás und Seine Tochter hereinkamen. Sie beschreibt, wie die Pilger willkommen geheißen wurden und mit welchen Aktivitäten die Frauen des Haushaltes beschäftigt waren:

„Sie empfingen uns mit Liebe und Freudentränen, als wären wir eine Zeitlang verreist gewesen und nun endlich in unsere himmlische Heimat zurückgekehrt, wie es auch wirklich war! Sie führten uns in unsere Zimmer, die sie – leider - unseretwegen geräumt hatten; sie sorgten für unser Wohlbefinden, kamen all’ unseren Wünschen zuvor und umgaben uns mit aufmerksamer Fürsorge. Durch alles schien jedoch das Licht strahlender Geistigkeit; ihre göttliche Liebe ergoss sich durch diese gütigen menschlichen Kanäle und ihr eigenes Leben, ihre eigene Bequemlichkeit bedeutete ihnen so viel wie eine Handvoll Staub. Sie opferten sich und vergaßen ihr eigenes Selbst, in der Liebe und im Dienst an der göttlichen Schwelle.“19

Ella Goodall Cooper, die zur ersten Gruppe der westlichen Pilger gehörte, die ’Akká besuchten, zeichnet mit folgender Beschreibung ein anschauliches Bild des Größten Heiligen Blattes:

„Gleich nach dem Vorrecht, dem Geliebten Meister Selbst* begegnen zu dürfen, rangierte das Privileg, Seine ruhmvolle Schwester, Bahíyyih Khánum, bekannt als das Größte Heilige Blatt, zu treffen. Ihre Persönlichkeit hat sich unauslöschlich meinem Gedächtnis eingeprägt. Groß, schlank und von edler Haltung erweckte ihre Gestalt den Eindruck vollkommener Ausgewogenheit von Energie und Ruhe, stählerner Ausdauer und innerer Gelassenheit und vermittelte dem Betrachter ein nicht zu beschreibendes Gefühl an Sicherheit, Ruhe und Vertrauen.

Ihr schönes Antlitz war das weibliche Gegenstück zu dem ’Abdu’l–Bahás, die von Leid und Entbehrung gezeichneten Linien gemildert durch die geduldige Lieblichkeit des Mundes; die hohe Stirn, die von Verstand und Wille zeugt, erleuchtet durch die wunderbar verständnisvollen Augen ... Beobachtete man, wie der Ausdruck ihrer Augen sich änderte – in einem Augenblick verdunkelten sie sich vor Mitgefühl oder Schmerz, im nächsten Augenblick sprühten sie vor Freude und Humor – so vertiefte sich um so mehr der Eindruck ihrer unwiderstehlichen geistigen Anziehungskraft.“20



Der Geist, der im Haushalt ’Abdu’l–Bahás vorherrschte, bewegte die Frauen aus dem Westen zutiefst. Mrs. Phoebe Hearst beschreibt ihre Eindrücke in den Briefen an ihre Freunde und erwähnt einleitend, wie schwierig es ist zu beschreiben, was sie in den drei denkwürdigen Tagen ihres Aufenthaltes in ’Akká erlebt hat. Sie schreibt: “Vom materiellen Standpunkt aus gesehen, war alles einfach und schlicht, aber die geistige Atmosphäre, die den Ort erfüllte und sich im Leben und Tun der Gläubigen offenbarte, war wirklich wundervoll und etwas, das ich noch nie zuvor erlebt habe. Man muss sie nur anschauen und erkennt, dass dies heilige Menschen sind.“ In einem anderen Brief berichtet sie: „Alle in diesem Haushalt waren stille, heilige Menschen, deren Leben den einzigen Sinn hatte: Der Sache Gottes zu dienen. Sie sind sehr schlicht gekleidet, aber auf so anmutige Art, dass dies ihrem höchst bescheidenen Heim eine gewisse Erhabenheit verleiht. Die Reinheit ihrer Sitten spiegelt sich in ihren ruhigen, gütigen und offenen Gesichtern wider, die sie als eine Gemeinschaft auszeichnen. Täglich flehe ich zu Gott, mir zu helfen, dass ich ihnen und dem Gesegneten Meister mehr und mehr an Geistigkeit gleich komme.“ 21

Aus den Pilgerberichten geht deutlich hervor, dass die Frauen aus ’Abdu’l– Bahás Haushalt wesentlich an vielen Aktivitäten, die mit den Pilgern zu tun hatten, beteiligt waren. May Maxwell beschreibt zum Beispiel, wie ’Abdu’l–Bahá die Pilger zum Schrein von Bahá’u’lláh begleitete und wie bei ihrem Eintritt die Frauen der Heiligen Familie, dicht verschleiert, durch eine Tür an der gegenüberliegenden Ecke des Gebäudes hereinkamen. Sie gingen nach vorn und begrüßten freundlich die Pilger. Anschließend setzten alle den Besuch des Schreins fort.

Kurz vor ihrer Abreise wurden die Pilger in einen Raum geführt, in dem die Bilder Bahá’u’lláhs und des Báb ausgestellt waren. Dieses Erlebnis beeindruckte alle zutiefst. Unmittelbar danach wandte sich ’Abdu’l–Bahá an die Pilger mit Abschiedsworten, die Er ihnen als Führung mit auf den Weg gab. May Maxwell fängt die Stimmung der Pilger beim Zeitpunkt ihrer Abreise und den liebevollen Zuspruch der Mitglieder der heiligen Familie ein:

„Als Er aufgehört hatte zu sprechen, nahmen uns die Mitglieder der Heiligen Familie liebevoll beiseite, und einen Augenblick lang schien es, als müssten wir sterben. Doch unser Meister ließ Seinen mitfühlenden Blick auf unseren Gesichtern ruhen, bis wir Ihn wegen unserer Tränen nicht mehr sehen konnten. Dann nahmen uns die Familienmitglieder nacheinander in die Arme; unsere Seelen waren zutiefst ergriffen und es schien, als wären alle Lebensbande zerrissen. Schließlich, als wir uns von dem Heim unseres himmlischen Vaters entfernten, erreichte uns plötzlich Sein Geist; eine große Kraft und Ruhe erfüllten unsere Seelen, der Schmerz über die körperliche Trennung verwandelte sich in Freude geistiger Vereinigung.“22

Ella Goodall Cooper erinnert sich ebenfalls an die Gefühle, dieses Abschieds und gibt uns eine Ahnung der tiefen Liebesbande, die während dieser ersten historischen Pilgerreise zwischen den Frauen aus dem Westen und den Mitgliedern der Familie ’Abdu’l–Bahás entstanden. Sie schreibt: „Als der befürchtete Augenblick des Abschieds gekommen war, konnte der Kummer über die Trennung von den geliebten Frauen nur durch die Aussicht auf einen zukünftigen Besuch gelindert werden. Ich erinnere mich daran, als letztes in das ruhige, gütige und strahlende Antlitz des Größten Heiligen Blattes gesehen zu haben, an ihre tiefen verständnisvollen Augen, die das Licht der Liebe Gottes auf uns verströmten, dieses Licht, das im Laufe der Jahre nur noch heller leuchtet. “ 23

Im folgenden Auszug aus einem Brief, den Bahíyyih Khánum im Jahre 1901 an eine Baha’í im Osten schrieb, weist sie auf die liebevolle gegenseitige Beziehung zwischen den Frauen der Heiligen Familie und den frühen Gläubigen aus dem Westen hin. In dem Brief heißt es:

„ Eine Anzahl deiner geistigen Schwestern, nämlich Frauen, die den Glauben angenommen haben, sind aus Paris und den Vereinigten Staaten auf ihrer Pilgerreise hier angekommen. Vor kurzem erreichten sie diesen heiligen und hellstrahlenden Ort und hatten die Ehre, sich an Seiner Heiligen Schwelle niederzuwerfen und in das strahlende Antlitz ’Abdu’l–Bahás zu blicken, der der Mittelpunkt des Bundes des Allmächtigen Gottes ist - möge mein Leben ein Opfer für Ihn sein. Wir erfreuen uns jetzt ihrer Gesellschaft und sind im Geiste äußerster Liebe und Kameradschaft mit ihnen verbunden. Sie alle möchten ihnen in der Sprache des Herzens ihre liebevollen Grüße schicken.“24

Die anfängliche Verbreitung des Glaubens in der westlichen Welt erhielt durch den schöpferischen Einfluss dieser frühen Pilger einen zusätzlichen Antrieb. Nach ihrer Heimkehr trugen die Pilger aktiv ihren Glauben weiter. Sie regten andere an, in entfernte Länder zu reisen, um den Glauben zu lehren. Keimhafte administrative Bahá’í–Institutionen wurden errichtet, und einige der wichtigsten Schriften Bahá’u’lláhs und Sendschreiben ’Abdu’l–Bahás wurden ins Englische übersetzt. Hinzu kam, dass die Bahá’í in Amerika ein Unternehmen von immenser Bedeutung und atemberaubender Vision wagten, über das Shoghi Effendi folgendes berichtet:

„... schließlich baten die Bahá'í von Chicago, angeregt durch das Beispiel ihrer Glaubensgenossen in Ishqábád, die bereits mit dem Bau des ersten Mashriqul-Adhkár* der Baha’í–Welt begonnen hatten, und beseelt von dem Wunsch, ihrem Glauben und ihrer Hingabe in ähnlicher Weise gebührenden Ausdruck zu verleihen, ’Abdu’l–Bahá um die Erlaubnis, ebenfalls ein Haus der Andacht errichten zu dürfen. Dies wurde ihnen sogleich mit einem Schreiben im Juni 1903 mit Begeisterung gewährt. Die Ermutigung, die ihnen ’Abdu’l-Bahá später zuteil werden ließ, veranlassten sie, trotz ihrer geringen Zahl und begrenzten Mittel, sich an das Unternehmen zu wagen, das als größter Einzelbeitrag zu betrachten ist, den die Baha’í in Amerika und im ganzen Westen bisher für die Sache Bahá’u’lláhs geleistet haben.“25

Dem Bau des Baha’í–Hauses der Andacht mitten im Herzen des nordamerikanischen Kontinents stimmte ’Abdu’l–Bahá nicht nur ermutigend zu, sondern Er legte sogar persönlich während Seiner Reisen durch den Westen den Grundstein zu diesem Bau.


Ihre Rolle während der erneuten Gefangennahme

Ende 1898, zwei Jahre nach der Abreise der ersten amerikanischen Pilger vom Heiligen Land, brach die zweite schwere Krise während der Amtszeit ’Abdu’l-Bahás aus. Diese Krise kam vorwiegend von außen und „hielt mit verschiedenen Schwankungen an Intensität über sieben Jahre an.“ Sie „entsprang den ständigen Intrigen und krassen Entstellungen“ Mírzá Muhammad–’Alís, des „Erzfeindes des Bundes und seiner Helfershelfer“, die es fertig brachten, bei der türkischen Regierung Verdacht zu erregen und sie dazu veranlasste, ’Abdu’l–Bahá wieder unter strengsten Arrest zu stellen. Shoghi Effendi beschreibt die Auswirkungen dieser heimtückischen Angriffe auf ’Abdu’l–Bahá und Seine Familie und stellt fest: „Diese zweite schwere Krise.... brachte Ihn in große Lebensgefahr, beraubte Ihn für eine Reihe von Jahren wieder der verhältnismäßigen Freiheit, die Er inzwischen genossen hatte, peinigte Seine Familie und die Glaubensangehörigen in Ost und West und stellte wie nie zuvor die ganze Niedertracht Seiner grimmigen Feinde bloß.“26

Der Erlass des Sultans, der sowohl die Gefangennahme ’Abdu’l–Bahás als auch der in der Verbannung lebenden Gemeinde anordnete, trat im August 1901 in Kraft. Zunächst wurde er streng eingehalten, und ’Abdu’l–Bahá musste sich langen Verhören seitens der Obrigkeiten unterziehen. Die Situation der Verbannten verschlimmerte sich durch die anhaltenden Machenschaften der Bundesbrecher, die durch „mündliche Mitteilungen, förmliche Nachrichten und persönliche Gespräche ... diesen Persönlichkeiten die Überzeugung aufdrängten, dass rasches Handeln unbedingt geboten sei.“ Sie stellten auf raffinierte Weise „ihre Beweisführungen auf die jeweiligen Interessen und Vorurteile derer ab, deren Hilfe sie suchten.“ Shoghi Effendi bezeugt: „Mit Hilfe von Verleumdung und Bestechung vermochten sie, bestimmte Leute zu bewegen, als Zeugen ihre Unterschrift unter die von ihnen aufgesetzten Dokumente zu setzen, die sie dann durch Mittelsmänner an die Hohe Pforte schickten.“ „Derart schwere Anschuldigungen in so vielen Berichten verfehlten natürlich nicht ihre Wirkung auf den Herrscher, der ohnedies in ständiger Angst vor Aufruhr unter seinen Untertanen lebte. Es wurde darum eine Kommission ernannt, die den Auftrag hatte, der Sache nachzugehen und über die Ergebnisse zu berichten.“ 27

’Abdu’l Bahá wurde mehrfach vorgeladen und wies jede Beschuldigung, die man gegen Ihn vorbrachte, zurück, stellte den Wahnwitz dieser Anschuldigungen bloß und machte zum Beweis Seiner Argumente die Kommissionsmitglieder mit den Vorkehrungen bekannt, die Bahá’u’lláh in Seinem Testament getroffen hatte. Die Situation blieb jedoch äußerst schwierig; Gerüchte über die ’Abdu’l–Bahá drohenden Gefahren verbreiteten sich, Berichte über den Untergang der Gemeinde und ihren Führer erdreisteten gewisse Elemente innerhalb der Bevölkerung, sich mit den Bundesbrechern zusammen zu tun. Aus dieser Situation heraus setzte ’Abdu’l–Bahá zum Schutz der Gemeinde eine Reihe strenger Maßnahmen ein. Shoghi Effendi stellt fest, dass die Krise ’Abdu’l–Bahá dazu veranlasste „die Zahl der Pilgerbesuche zu beschränken und eine Zeitlang die Besuche ganz auszusetzen. Er gab Anweisung, dass Seine Post über einen Vertrauensmann in Ägypten geleitet werde statt nach Haifa ... wies ferner die Gläubigen wie Seine Sekretäre an, alle Bahá'í–Schriften zu sammeln und an einem sicheren Ort zu verstecken. Er riet ihnen dringend, sich in Ägypten niederzulassen, und ging selbst so weit, ihnen die gewohnten Zusammenkünfte in Seinem Haus zu verwehren.“ 28

Über die Atmosphäre der Anspannung und Angst und das zunehmende Gefühl der Isolation, das unter den Verbannten herrschte, berichtet Shoghi Effendi: „Selbst Seine [’Abdu’l-Bahás] zahlreichen Freunde und Bewunderer verzichteten in diesen unruhigen Tagen darauf, Ihn zu besuchen, aus Furcht, dadurch ebenfalls in die Sache verwickelt und den Behörden verdächtig zu werden. An manchen Tagen und Nächten, wenn es am trübsten aussah, stand Sein Haus, das lange Jahre hindurch der Brennpunkt aller Geschäftigkeit gewesen, völlig verlassen da. Spione beobachteten es, offen wie insgeheim, belauerten jede Regung und beschnitten die Bewegungsfreiheit Seiner Familie.“29

In großen Zügen beschreibt Shoghi Effendi, wie lebenswichtig in dieser kritischen Zeit der Beitrag des Größten Heiligen Blattes war. „In den Tagen der Untersuchungs-Kommission“, schreibt er, „war sie eine zuverlässige und getreue Hilfe für den einzigartigen Zweig Bahá’u’lláhs [’Abdu’l–Bahá] und Seine unvergleichliche Gefährtin.“ Ihre feste Überzeugung und Gewissheit beruhten auf ihrem Verständnis des Bundes, und ihr unerschütterlicher Einsatz für die von ’Abdu’l–Bahá festgelegte Richtung spendete ihrem Bruder zweifellos Kraft und Trost und galten der gepeinigten Baha’í–Gemeinde als Beispiel. Ein Pilger, der 1906 das Heilige Land besucht hatte, berichtete tatsächlich, dass man ’Abdu’l–Bahá habe sagen hören, Er könne sich nicht vorstellen, wie Er ohne das Größte Heilige Blatt und Seine Frau, Munírih Khánum, auskommen könnte, so sehr liebe Er sie und so treu ergeben liebten und dienten sie Ihm.30

Nach Pilgerberichten spielte Bahíyyih Khánum während dieser Zeit eine wichtige Rolle im Umgang mit hochgestellten Frauen aus der weiteren Gemeinde. Eine Pilgerin beschreibt die „schwierige Zeit in ’Akká im Jahre 1905“ und erinnert sich, dass ein syrischer Offizier in der türkischen Armee, der immer freundlich zur Heiligen Familie gewesen war, sich plötzlich gegen sie wandte. Als sein Plan, sich bei den Mächtigen von Konstantinopel beliebt zu machen, scheiterte, wurde er als Gefangener nach Damaskus geschickt. Sie berichtet, dass ’Abdu’l–Bahá diesen falschen Freund mit keinem Wort tadelte, sondern Er und Bahíyyih Khánum sprachen sogleich bei der bekümmerten Ehefrau vor und boten ihr Geld und jegliche Unterstützung an.31

Trotz der Einschränkungen, die der Baháí–Gemeinde auferlegt wurden, fand ’Abdu’l–Bahá Wege, um die Tätigkeiten fortzuführen, die für die Verbreitung und Festigung des Glaubens sowie für den Aufbau seiner keimhaften Gemeindeordnung so wichtig waren. Die Arbeit am Bau des Schreins für den Báb in Haifa wurde unvermindert fortgesetzt. ’Abdu’l–Bahá offenbarte weiterhin eine Fülle von Sendschreiben, die den Gläubigen Führung und Antwort auf ihre Fragen gewährten. Er nahm außerdem verschiedene Unternehmungen in Angriff, die Seine “unermüdliche Energie, bewundernswerte Gelassenheit und unerschütterliche Zuversicht“ bezeugten. An erster Stelle standen der Plan für den Bau des weltweit ersten Hauses der Andacht in Ishqábád, der als Vorbereitung für den Bau eines Muttertempels in Willmette, Illinois, dienen sollte und die Wiederherstellung des Hauses des Báb in Shíráz. 32

Zur selben Zeit schrieb ’Abdu’l–Bahá „in der Stunde höchster Ungewissheit“ Sein Testament nieder. Shoghi Effendi beschreibt es als „das unsterbliche Dokument, in dem Er die Grundzüge der Gemeindeordnung umriss, die nach Seinem Hinscheiden in Kraft treten und die Errichtung jener Weltordnung ankündigen sollte, deren Kommen der Báb verheißen und deren Gesetze und Prinzipien Bahá’u’lláh formuliert hatte. Im Verlauf dieser bewegten Jahre schuf Er ... die ersten administrativen, geistigen und erzieherischen Einrichtungen der sich stetig ausdehnenden Religion in Persien, ihrer Wiege, in der großen Republik des Westens, der Wiege der Gemeindeordnung, in Kanada, Frankreich, England, Deutschland, Ägypten, im ’Iráq, in Russland, Indien, Birma, Japan und selbst auf weit abgelegenen pazifischen Inseln.“ Um auch den Anforderungen einer rasch wachsenden und sich immer vielfältiger gestaltenden Bahá’í–Gemeinde entgegenzukommen, förderte Er tatkräftig die „Übersetzung, Veröffentlichung und Verbreitung von Bahá’í–Literatur, die inzwischen schon eine Vielfalt von Büchern und Schriften in persischer, arabischer, englischer, türkischer, französischer, deutscher, russischer und birmanischer Sprache umfasst.“33

Wenn die Umstände es erlaubten und „so oft der Ihn umtobende Sturm eine Pause einlegte“, versammelten sich an ’Abdu’l–Bahás Tisch Pilger, Freunde und Sucher... darunter Repräsentanten der christlichen, islamischen, jüdischen, zoroastrischen, hinduistischen und buddhistischen Religion.“ 34 Eine Pilgerin schildert im folgenden Bericht ihre Eindrücke über die Herausforderungen, denen sich die Mitglieder der Heiligen Familie und die gerade anwesenden Pilger gegenüber sahen, und wie sie diese Schwierigkeiten meisterten. Sie schreibt:

„Man könnte sich vorstellen, dass dem Besucher das tägliche Leben einer Familie von Gefangenen - selbst das einer Heiligen Familie - traurig und niederdrückend vorkommen müsste, aber wie seltsam es auch klingen mag, im „Größten Gefängnis“* ist genau das Gegenteil der Fall. Obwohl keine absolute Regelmäßigkeit im Tagesablauf möglich ist - fast jede häusliche Angelegenheit kann zu völlig unvorhersehbaren Umständen führen - bleibt die ruhige Heiterkeit dieser feinen Menschen unverändert bestehen. Sie erfüllen ihre täglichen Pflichten, leisten ihre Liebesdienste, bringen ihre kleinen Opfer, unterrichten ihre Kinder - und spielen auch mit ihnen - kurz gesagt, sie führen, unter den außergewöhnlichsten Umständen, ein perfektes Modell des Familienlebens. Niemals hört man sie über die harten Bedingungen klagen, vielmehr ergeben sie sich bei allem, was geschieht, dem Willen und der Weisheit Gottes und vertrauen auf zukünftige Segnungen als Frucht für ihre jetzige Geduld, Segnungen - die allen Völkern der Welt zugute kommen werden.


Obwohl jeder Einzelne ständig wachsam ist - vom jüngsten Diener bis zum Größten Heiligen Blatt - wird davon kein Aufhebens gemacht. Nicht mal das Knarren einer entlegenen Tür oder ein fremder Schritt entgeht ihren aufmerksamen Ohren, doch niemals hat der Besucher den Eindruck, dass er der Grund für Besorgnis ist. Wenn plötzlich der ganze Esstisch in einen anderen Raum gebracht werden muss, um der Beobachtung der türkischen Besucher zu entgehen, geschieht dies mit einem stillen Lächeln und ohne eine Andeutung von Unannehmlichkeit. Wie einfach und einleuchtend wäre es gewesen, die mitfühlenden Pilger durch ihr tägliches Martyrium und den ständigen Druck, den ihre unsichere Lage mit sich bringt, zu beeindrucken...

Man würde kaum glauben, dass man ein türkisches Gefängnis besuchte, befände man sich nicht so nahe bei den Kasernen und ihren Wächtern.

Ein weiterer Grund zur Freude für den Besucher besteht darin, ihren spontanen und bezaubernden Humor zu entdecken. Sie freuen sich über jeden kleinen Scherz, indem sie soviel wie möglich darüber lachen und ermutigen sich gegenseitig, auf die angenehme Seite der Dinge zu schauen, um sich so von der tragischen Seite ihres Daseins abzulenken .“35

Eine Zeitlang lockerten sich die Lebensbedingungen in ’Akká ein wenig. Doch waren im osmanischen Reich historische Kräfte am Werk, die die Geschicke des Sultans und das Leben der Verbannten mit der Zeit radikal verändern sollten. In dem Klima zunehmender politischer Unruhe, die sich im osmanischen Herrschaftsgebiet ausbreitete, begannen die Bundesbrecher erneut mit ihren Intrigen. Alarmiert entsandte der Sultan ’Abdu’l–Hamíd im Winter 1907 wieder einmal eine Untersuchungskommission nach ’Akká. Die Kommission führte dieselben Dokumente mit sich, die schon die frühere Kommission nicht bekräftigen konnte und folglich verworfen hatte. Sie unterstellten als erstes die örtliche Behörde ihrer Autorität. Eine Atmosphäre der Angst breitete sich aus, als Beamte, die bekanntermaßen ’Abdu’l–Bahá freundlich gesonnen waren, entlassen und wieder Spitzel um ’Abdu’l–Bahás Haus herum aufgestellt wurden. Selbst die Armen von ’Akká wagten nicht, sich Seinem Haus zu nähern, und Gerüchte gingen um, ’Abdu’l–Bahá werde gewaltsam nach Fízán in Tripolis verbannt und völlig von der Welt abgeschnitten.36

Trotz Drohungen und Warnungen vor den Folgen weigerte sich ’Abdu’l–Bahá während des monatelangen Aufenthalts der Kommission beständig, sie zu treffen oder irgend etwas mit ihren Mitgliedern zu tun zu haben. Shoghi Effendi beschreibt ’Abdu’l–Bahás Haltung zu jener Zeit: „Obwohl die Gefahren und Nöte Ihn aufs härteste bedrängten, obgleich das Schiff, das Ihn voraussichtlich zusammen mit den Kommissionsmitgliedern wegbringen sollte, ständig bereit lag, zuweilen in ’Akká, zuweilen in Haifa, und trotz wilder Gerüchte, die über Ihn umherschwirrten, blieb die heitere Ruhe, die Er seit Seinem neuerlichen Arrest unverändert bewahrt hatte, ungetrübt, Seine Zuversicht war unerschütterlich.“37

Shoghi Effendi berichtet über die letzte dieser Kommission im Heiligen Land. Ihre Mitglieder waren nach Haifa gegangen, um den Schrein des Báb zu inspizieren, der sich gerade im Bau befand.

„Bald nach dieser Inspektion konnte man eines Tages kurz nach Sonnenuntergang plötzlich sehen, wie das Schiff, das vor Haifa lag, die Anker lichtete und Kurs auf ’Akká nahm. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich unter der erregten Bevölkerung die Kunde, dass die Kommissionsmitglieder sich eingeschifft hätten. Man nahm an, dass es vor ’Akká halten würde, bis ’Abdu’l–Bahá an Bord genommen wäre und dann zu seinem Bestimmungsort führe. Die Mitglieder Seiner Familie befiel Angst und Entsetzen, als man ihnen das Herannahen des Schiffes meldete. Die wenigen Gläubigen, die zurückgeblieben waren, weinten vor Kummer über die bevorstehende Trennung von ihrem Meister. ’Abdu’l–Bahá aber sah man in dieser schlimmen Stunde allein und ruhig im Hof Seines Hauses auf und ab wandeln.

Doch bei Einbruch der Dunkelheit sah man plötzlich, wie die Bootslichter abdrehten und das Schiff den Kurs wechselte. Es war jetzt klar, dass es in Richtung Konstantinopel fuhr. Unverzüglich überbrachte man diese Kunde ’Abdu’l Bahá, der in der zunehmenden Dunkelheit immer noch in Seinem Hof auf und ab schritt. Einige Gläubige, die sich an verschiedenen Punkten aufgestellt hatten, um den Kurs des Schiffes zu beobachten, stürzten nun herbei, um die frohe Kunde zu bestätigen. An diesem historischen Tag war eine der größten Gefahren, die das kostbare Leben ’Abdu’l–Bahás je bedroht hatten, von der Vorsehung plötzlich und endgültig abgewendet worden.

Bald nach der überstürzten, völlig unerwarteten Abfahrt des Schiffes trafen Nachrichten ein, dass auf dem Weg des Sultáns bei seiner Rückkehr von der Moschee, in der er seine Freitagsgebete verrichtet hatte, zum Palast eine Bombe explodiert sei.

Wenige Tage nach diesem Anschlag auf sein Leben lieferte ihm die Kommission ihren Bericht ab, doch der Sultán und die Regierung waren noch zu sehr beansprucht, als dass sie ihm Beachtung geschenkt hätten. Der Fall wurde zurückgestellt, und als er nach ein paar Monaten wieder vorgelegt wurde, schlossen sich die Aktendeckel für immer darüber infolge eines Ereignisses, das den Gefangenen von ’Akká plötzlich ein für allemal der Macht Seines königlichen Feindes enthob.“38

Die jungtürkische Revolution brach im Jahre 1908 aus. Der Sultan wurde gezwungen, die von ihm ehemals aufgehobene Verfassung wieder einzusetzen und alle unter dem alten Regime festgenommenen religiösen und politischen Gefangenen freizulassen. Um sicher zu sein, dass ’Abdu’l–Bahá „in die Kategorie dieser Gefangenen gehöre“, fragte man telegrafisch in Konstantinopel nach, „worauf man prompt eine bestätigende Antwort erhielt.“39

Diese letzte Zeit der Gefangenschaft war für ’Abdu’l–Bahá und die Mitglieder Seiner Familie voll großer Gefahren und Prüfungen. Im Rückblick auf die hervorstechenden Merkmale dieser sieben Jahre von 1901 - 1908 macht Shoghi Effendi besonders auf „die unaufhörlichen Machenschaften“ von Muhammad–’Alí und seinen „verächtlichen Helfern“ aufmerksam, wie auch auf die „Unruhen, die ihre klug geführte Kampagne falscher Darstellung und Verleumdung in Gegenden hervorrief, die mit Sultán ’Abdu’l–Hamíd und seinen Ratgebern direkt verbunden waren.“ Diese heimtückischen Aktivitäten verursachten „Untersuchungen und Nachforschungen“ und führten erneut zu einer strengen Gefangenschaft. Durch sie lebten die „Gefahren“ für die Verbannten wieder auf. 40

Über die Beiträge, die das Größte Heilige Blatt zu den besonderen Ereignissen jener kummervollen Zeit leistete, ist nur wenig bekannt. Jedoch beschreibt Shoghi Effendi die herausragenden Charaktereigenschaften und die Geisteshaltung, die Bahíyyih Khánum offenbarte und die Wirkung dieser Eigenschaften auf die Geschehnisse. Er bestätigt: „Ohne ihre schlaflose Wachsamkeit, ihr Taktgefühl, ihre Höflichkeit, ihre außergewöhnliche Geduld und heroische Tapferkeit hätten sich schwere Komplikationen ergeben können. Ebenso wäre die Last der Mühen und Sorgen ’Abdu’l–Bahás beachtlich vermehrt worden.“41


So endete eine vierzig Jahre andauernde Haft in der Gefängnisstadt ’Akká. Zu Beginn ihrer Gefangenschaft waren ’Abdu’l–Bahá und Bahíyyih Khánum Anfang zwanzig, bei ihrer Freilassung standen sie an ihrem Lebensabend.


Das Begräbnis der sterblichen Überreste des Báb am Berg Karmel

Innerhalb von acht Monaten nach Seiner Freilassung gelang es ’Abdu’l–Bahá, eines der bedeutsamsten Werke Seiner Amtszeit zu vollbringen - die Errichtung eines würdigen Mausoleums und die Beisetzung der sterblichen Überreste des Báb auf dem Berg Karmel, fünfzig Jahre nach Seinem Märtyrertod. Dieses historische Unternehmen hatte seinen Anfang zu Lebzeiten Baha’u’llahs genommen und fand seinen Abschluss während der schwierigsten Zeit der Gefangenschaft ’Abdu’l–Bahás. Bahá’u’lláh selbst hatte die Stelle, wo der Schrein des Báb errichtet werden sollte, bestimmt und die Bahá'í im Iran angewiesen, für die Sicherheit der sterblichen Überreste des Báb zu sorgen.

1899 wurden die heiligen Gebeine des Báb auf Anweisung ’Abdu’l–Bahás nach ’Akká gebracht, wo sie am 31. Januar 1899, „fünfzig Mondjahre nach der Erschießung des Báb in Tabríz, ... eintrafen.“ Im selben Jahr legte ’Abdu’l–Bahá mit eigener Hand den Grundstein zu dem Gebäude, mit dessen Bau er einige Monate später begann. Inzwischen erreichte der Marmorsarkophag, der die Gebeine des Báb aufnehmen sollte, das Heilige Land. Er war eine Liebesgabe der Bahá’í von Rangoon, Birma. Fast zehn Jahre lang dauerte es, bis das Untergeschoss des Schreins fertig gestellt war. Während der Durchführung des Baues sah sich ’Abdu’l–Bahá von „mannigfachen Problemen“ und vordringlichen Aufgaben bedrängt, die durch die Machenschaften der Bundesbrecher hervorgerufen worden waren und durch Seine erzwungene Abwesenheit von Haifa auf Grund Seiner erneuten Gefangenschaft in ’Akká, wodurch Er das Unternehmen nur begrenzt überwachen konnte.42

Auf Grund der langwierigen Schwierigkeiten, die mit dem Bau des Schreins zusammenhingen, und der Gefahren, denen ’Abdu’l–Bahá und Seine Familie ausgesetzt waren, erschien es Ihm unbedingt erforderlich, den Sarg, der die sterblichen Überreste des Báb enthielt, bis zu seiner Beisetzung zu verbergen. Daher vertraute Er diesen Sarg der Obhut des Größten Heiligen Blattes an. Er wurde eine Zeit lang in ihrem Zimmer im Haus von ’Abdu’lláh–Páshá verborgen, in dem sich ’Abdu’l–Bahá und Seine Familie aufhielten.

Jahre später teilte eine Frau mit, die das Privileg hatte, während dieser Zeit im Haushalt ’Abdu’l–Bahás zu dienen, wie das Größte Heilige Blatt mit dieser schweren Aufgabe umging . Sie erinnerte sich daran, dass Bahíyyih Khánum oft stundenlang in ihrem Zimmer in absolutem Schweigen auf der Mandar (gepolsterte Bank) saß, und sie fragte sich damals, warum das Größte Heilige Blatt sich so verhielt. Nach Jahren jedoch verstand sie, dass die Stille und die ehrerbietige Haltung, die sie beobachtet hatte, den sterblichen Überresten des Báb, die sich im Zimmer des Größten Heiligen Blattes befanden, galt. Zweifellos war sich Bahíyyih Khánum voll bewusst, welch heiliges Gut sie zu schützen hatte und wie notwendig es war, den Ort geheim zu halten, an dem die kostbaren sterblichen Überreste des Báb aufbewahrt wurden.43

Im Jahr 1909 brachte ’Abdu’l–Bahá schließlich das Vorhaben zu einem erfolgreichen Abschluss. Die heiligen Gebeine des Báb fanden endlich in Seinem Schrein auf dem Berg Karmel ihre letzte Ruhestätte. Shoghi Effendi berichtet:
Am “Tag des ersten Naw–Rúz–Festes, das Er nach Seiner Freilassung feierte, ließ ’Abdu’l–Bahá den Marmorsarkophag unter großer Mühe an die vorbereitete Gruft verbringen. Am Abend legte Er im Beisein von Gläubigen aus Ost und West beim Schein einer einzigen Lampe auf feierliche, bewegende Weise mit eigenen Händen den hölzernen Sarg mit den heiligen Überresten des Báb und Seines Gefährten* in diesen Sarkophag.“ ’Abdu’l–Bahá gab „diesen ruhmreichen Sieg“ den Bahá’í mit folgenden Worten bekannt:

„Die froheste Kunde ... ist, dass der heilige, strahlende Leib des Báb, ... sechzig Jahre lang vor drohenden Feinden und aus Furcht vor Übelwollenden, ohne Rast und Ruhe von Ort zu Ort verbracht, nunmehr feierlich durch die Gnade der Schönheit Abhá am Naw–Rúz–Tag** im heiligen Sarg, im erhabenen Schrein am Berg Karmel beigesetzt ist. ... Ein seltsamer Zufall fügte es, dass am selben Naw–Rúz–Tag ein Telegramm aus Chicago eintraf mit der Nachricht, dass die Gläubigen aller amerikanischen Zentren Abgeordnete gewählt und nach Chicago entsandt und über die Lage und den Bau des Mashriqul–Adhkár [Haus der Andacht] endgültig entschieden hätten.”44


’Abdu’l Bahás Reisen nach Ägypten und in den Westen

Sobald ’Abdu’l–Bahá die Überreste des Báb einem sicheren und ständigen Ruheplatz übergeben hatte, machte Er sich auf, „mit edlem Mut, Vertrauen und Entschlossenheit“ den Baha’í–Glauben in der westlichen Welt zu verbreiten. Seine dreijährige Reise führte ihn zuerst nach Ägypten, dann nach Europa und zuletzt nach Amerika. Während dieser Zeit „übertrug Er mit unerschütterlichem Vertrauen die Verantwortung für die vielfältigen Einzelheiten, die aus Seiner langen Abwesenheit vom Heiligen Land entstehen würden, Seiner vertrauten und verehrten Schwester.“ Shoghi Effendi betont die Bedeutung dieser Bestimmung und die hohe Stellung, zu der Bahíyyih Khánum erhoben wurde, und bezeugt, dass sie während der Abwesenheit ’Abdu’l–Bahá’s „Seine sachkundige Vertreterin, Repräsentantin und Statthalterin war, der niemand gleich kam.“ 45

Um zu verstehen, wie wichtig die Rolle war, die das Größte Heilige Blatt in dieser Zeit der Bahá’í–Geschichte spielte, ist es sinnvoll, über die Bedeutung der Worte Shoghi Effendis nachzudenken, mit denen er das Wesen und die Beschaffenheit ihres Beitrags beschreibt. Bahíyyih Khánum war ’Abdu’l–Bahá’s „sachkundige Vertreterin“, und als „Vertreterin“ ihres Bruders war sie berufen, an Seiner Stelle zu stehen. Sie war ermächtigt, in Seinem Namen zu handeln und die Verantwortung für die Angelegenheiten des Glaubens während Seiner Abwesenheit zu übernehmen. Ihre Ernennung war nach der Darstellung Shoghi Effendis nicht nur ein Ehrenamt, und ihre Aufgaben, die sie erfüllte, waren nicht rein zeremonieller Art. Die Wortwahl des Hüters beinhaltet vielmehr eine ganz genaue Beschreibung darüber, wie sie ihre lebenswichtige Rolle ausführte. Der Ausdruck „Statthalter“ lässt zudem erkennen, welcherart die von ihr vermutlich verrichteten Aufgaben waren, denn dieser Ausdruck bezeichnet einen Amtsvertreter, eine Person, die dazu berufen wurde, die Aufgaben eines Königs oder eines Magistrats durchzuführen. Der Ausdruck wird auch für einen Menschen verwendet, der von Gott beauftragt wurde, in Regierungs- oder in religiösen Angelegenheiten Amtsgewalt auszuüben, oder für eine Person, die einen anderen vertritt.46 Obwohl die speziellen Aufgaben, die das Größte Heilige Blatt ausführte, nicht bis ins Detail aufgezeichnet sind und sich nur durch Schlussfolgerungen herleiten lassen, kann man erkennen, dass die Funktionen, die sie während der Abwesenheit ’Abdu’l–Bahás erfüllte, von weit reichender Bedeutung waren und administrative und geistige Führung der Gemeinde beinhalteten. Sie war als einzige dazu ermächtigt, in Seiner Abwesenheit Entscheidungen zu treffen.

Wie man berichtete, hatte sich das Größte Heilige Blatt während der Zeit, in der ’Abdu’l–Bahá auf Reisen war, mit vielen Angelegenheiten im Heiligen Land zu befassen, für die sonst Er verantwortlich gewesen wäre. Ihr Einflussgebiet nahm immer mehr zu. Sie empfing sowohl Würdenträger als auch Beamte beiderlei Geschlechts, sprach im Namen ’Abdu’l–Bahás zu den Pilgern, inspirierte sie, half den Armen und bot den Kranken ihre ärztliche Hilfe an.47

Direkt vor Seiner Abreise nach Ägypten im September 1910 richtet ’Abdu’l–Bahá ein zu Herzen gehendes Sendschreiben an Seine Schwester, in dem Er ihr Seine bevorstehende Abreise mitteilt und zutiefst bedauert, dadurch von ihr getrennt zu sein. Er drückt Sein unerschütterliches Vertrauen in sie aus und bittet sie inständig, für Ihn im Schrein Bahá’u’lláhs um Bestätigung für Seine Bemühungen zu beten:

„O du meine Schwester, meine liebe Schwester!
Göttliche Weisheit hat diese zeitweise Trennung verfügt, aber ich sehne mich mehr und mehr danach, wieder bei dir zu sein. Geduld ist gefragt und Langmut und Vertrauen in Gott, und Bitten um Seine Gnade. Da du dort bist, bin ich im Herzen vollkommen beruhigt.

Vor kurzem habe ich geplant, nach Ägypten zu fahren, wenn Gott dies will. Lege du in meinem Namen dein Haupt an der Heiligen Schwelle nieder und umhülle Stirn und Haar mit dem Duft des Staubes jener Pforte. Bitte sodann darum, dass ich in meiner Arbeit bestätigt werde, und dass ich als Dank für Seine endlosen Gnadengaben - so Er es will - einen Tropfen aus dem Meer der Dienstbarkeit erlangen möge.“ 48

Nach Seinem Aufenthalt in Ägypten reiste ’Abdu’l–Bahá am 11. August 1911 nach Europa. Er landete in Marseille, fuhr von dort nach Thonon-les-Bains und kam am 4. September 1911 in London an, wo Er sich etwa einen Monat aufhielt. Dann reiste Er weiter nach Paris, wo Er neun Wochen lang blieb. Im Dezember 1911 kehrte Er nach Ägypten zurück und verbrachte dort den Winter. Zu Seiner zweiten Reise in den Westen brach Er am 25. März 1912 auf und fuhr mit dem Schiff über Neapel nach New York, wo Er am 11. April ankam.49 Aus New York schickte ’Abdu’l–Bahá folgendes Sendschreiben an Seine Schwester:

„O du Größtes und gütigstes Heiliges Blatt!
In sehr gutem Gesundheitszustand bin Ich in New York angekommen. Ich denke immer an dich und flehe innigst an der Schwelle der Gesegneten Schönheit, Er möge dich in der Feste Seines Schutzes behüten. Wir befinden uns in bester Gesellschaft und sind voller Freude. Ich hoffe, dass du unter Seiner segensreichen Fürsorge beschützt sein mögest.

Schreibe mir sogleich, wie es Rúhá Khánum* und Shoghi Effendi geht. Informiere mich vollständig und verheimliche nichts, das ist am besten.
Überbringe allen meine sehnsuchtsvollen Grüße.“ 50

Wie aus dem Vorhergehenden deutlich wird, beabsichtigte ’Abdu’l–Bahá nicht nur Seine Schwester über den Verlauf Seiner Reisen und Seinen Gesundheitszustand zu informieren, sondern Er wandte sich außerdem an Seine Schwester, um von ihr klare und freimütige Informationen zu erhalten und wählte sie aus, um durch sie mit der Bahá’í–Gemeinde im Heiligen Land in Verbindung stehen zu können.

’Abdu’l–Bahás heldenhafte Reise durch Nord Amerika dauerte acht Monate. Sie führte ihn von Küste zu Küste, mit vielen Zwischenstationen. Am 5. Dezember 1912 reiste Er von New York nach Liverpool und von dort nach London, Paris, Stuttgart, Budapest und Wien. Shoghi Effendi beschreibt die Auswirkung und Bedeutung der Reisen ’Abdu’l–Bahás in den Westen:

„Im Verlauf dieser epochemachenden Reisen legte ’Abdu’l–Bahá vor großen, bedeutenden Versammlungen, denen zuweilen mehr als tausend Menschen beiwohnten, mit einfachen, treffenden Worten und großer Überzeugungskraft zum erstenmal seit der Aufnahme Seines Amtes die kennzeichnenden Prinzipien der von Seinem Vater gestifteten Religion dar, die zusammen mit den im Kitáb–i–Aqdas** niedergelegten Gesetzen und Geboten den Grundstock der jüngsten Offenbarung Gottes vor der Menschheit bilden. Die unabhängige, von Aberglauben und Tradition befreite Wahrheitssuche; die Einheit des ganzen Menschengeschlechts – Hauptlehre und Leitprinzip des Glaubens –; die grundlegende Einheit aller Religionen; strikte Ablehnung jeglichen Vorurteils, ob religiöser, rassischer, gesellschaftlicher oder ethnischer Art; der unabdingbare Einklang von Religion und Wissenschaft; Gleichheit für Mann und Frau, die beiden Flügel, mit denen der Vogel Menschheit sich aufschwingen kann; die Einführung der Schulpflicht; die Adoption einer universellen Hilfssprache; die Beseitigung der Extreme von Reichtum und Armut; die Einrichtung eines Welttribunals zur Schlichtung von Streit unter Völkern; die Würdigung jeglicher im Geiste des Dienstes geleisteten Arbeit als Gottesdienst; die Verherrlichung der Gerechtigkeit als herrschendes Prinzip in der menschlichen Gesellschaft und der Religion als Bollwerk für den Schutz aller Menschen und Völker; die Stiftung eines dauernden universalen Friedens als das erhabenste Ziel für die ganze Menschheit – dies sind die Grundelemente dieser göttlichen Verfassung, die Er im Verlauf Seiner Lehrreisen den Meinungsführern wie dem großen Publikum verkündete. Die Darstellung dieser lebenspendenden Wahrheiten des Glaubens Bahá’u’lláhs, den Er als „den Geist des Zeitalters“ bezeichnete, ergänzte Er wiederholt durch eindringliche Warnungen vor einem drohenden Weltenbrand, der, wenn die Staatsmänner ihn nicht abwendeten, den ganzen europäischen Kontinent in Flammen setzen werde. Auch sagte Er im Verlauf dieser Reisen die radikalen Veränderungen voraus, die auf diesem Kontinent stattfinden werden, sprach die unvermeidlich einsetzende Bewegung zur Dezentralisation der politischen Macht an, wies auf die Wirren hin, die in der Türkei ausbrechen werden, sprach von der auf dem europäischen Kontinent einsetzenden Judenverfolgung und verkündete entschieden, dass „das Banner der Einheit der Menschheit gehisst werde, dass das Heiligtum des Weltfriedens errichtet und diese Welt in eine andere verwandelt werde.“ 51

Im folgenden Abschnitt fasst Shoghi Effendi zusammen, welch tiefe Wirkung ’Abdu’l–Bahás Reisen auf Bahíyyih Khánum ausübten, welchen Ansporn sie ihr gaben und welch große Freude und Zufriedenheit sie empfand, als sie vom Fortschritt des Glaubens erfuhr:

„Kaum hatte ’Abdu’l–Bahá die Küsten der europäischen und amerikanischen Kontinente betreten, wurde unsere geliebte Khánum von den begeisternden Nachrichten über den unaufhaltsamen Fortschritt der Sache, der ihr trotz ihrer weitreichenden Erfahrungen unglaublich erschien, fast überwältigt. Die Jahre, in denen sie sich im Sonnenschein der geistigen Siege ’Abdu’l–Bahás so wohl fühlte, zählten vielleicht zu den heitersten und glücklichsten ihres Lebens. Sie hätte es sich damals, als sie im Garten ihres Vaterhauses in Teheran in Begleitung dessen herumlief, der bestimmt war, eines Tages der gewählte Mittelpunkt von Gottes unzerstörbarem Bunde zu sein, kaum vorstellen können, dass dieser Bruder fähig sein würde, in so entfernten Gegenden und unter so unbekannten Rassen solch große und denkwürdige Siege zu erringen.“52

Auch ’Abdu’l–Bahá selbst war begeistert und wohl auch ein wenig verwundert, wie groß die Aufnahmebereitschaft für die Bahá’í–Religion in der westlichen Welt war. In einem bewegenden Brief an das Größte Heilige Blatt bittet Er Seine geliebte Schwester, den Schrein Bahá’u’lláhs aufzusuchen und Dankgebete zu verrichten. Er offenbarte sogar ein besonderes Gebet, das sie in Seinem Namen sprechen sollte. Das Sendschreiben lautete:

„O meine liebe Schwester! Preis sei Gott! Unter der schützenden Gnade der Gesegneten Schönheit ist hier in den westlichen Ländern ein Lufthauch aus den Rosengärten Seiner Gnadengaben herübergeweht, und die Herzen vieler Menschen werden wie durch einen Magneten zum Abhá–Reich* hingezogen.

Was immer sich ereignete, geschah durch die Bestätigungen des Geliebten; denn welcher Verdienst käme uns zu oder welche Fähigkeiten hätten wir? Wir sind wie ein Säugling, doch genährt an der Brust himmlischer Gnade. Wir sind nur schwache Pflanzen, die im Frühlingsregen Seiner Gnadengaben wachsen. Um Gott für diese Gaben zu danken, bedecke dich mit deinem Mantel und besuche an einem bestimmten Tag den Schrein, die ka’bih** unserer Herzenssehnsucht, wende dich in meinem Namen Ihm zu, lege dein Haupt auf Seine heilige Schwelle und sprich:

’O göttliche Vorsehung! O Du vergebender Herr! Ein Sünder, der ich bin, habe ich keine andere Zuflucht außer Dir. Aller Lobpreis sei Dir, dass Du, während ich über Berge und durch Täler wanderte, auf der See Gefahren und Schwierigkeiten ausgesetzt war, stets auf meine Hilferufe geantwortet hast, mich bestätigst, begünstigst und durch den Dienst an Deiner Schwelle geehrt hast.

Einer schwachen Ameise verliehst Du die Kraft Salomons. Du hast eine Mücke zu einem Löwen im Reiche Deiner Gnade werden lassen. Du hast einen Tropfen zu Wellen der See anschwellen lassen und eine Motte auf den Gipfel der Gnade erhoben. Alles wurde durch Dich erreicht. Welche Kraft besäße sonst dieser zerbrechliche Staub, welche Macht dieses schwache Wesen?

O göttliche Vorsehung! Sieh nicht auf unsere Sünden, sondern gewähre uns Zuflucht. Blicke nicht auf unsere üblen Wege, sondern schenke uns Erbarmen. Achte nicht auf das, was wir verdient haben, sondern öffne weit vor uns Dein Gnadentor.

Du bist der Mächtige, der Kraftvolle! Du bist der Sehende und der Wissende!’“53

Am 13. Juni 1913 reiste ’Abdu’l–Bahá von Marseille nach Ägypten und kam einige Tage später in Port Said an. Die meiste Zeit Seines fast sechsmonatigen Aufenthalts hielt Er sich in Ramleh, einem Vorort von Alexandria auf, um sich vor Seiner Weiterfahrt nach Haifa auszuruhen und Seinen Gesundheitszustand wiederherzustellen. Bahíyyih Khánum und einige andere Mitglieder der Heiligen Familie sowie Shoghi Effendi reisten nach Ägypten, um ’Abdu’l–Bahá bei der Rückkehr von Seinen historischen Reisen zu empfangen. Erneut schildert Shoghi Effendi einen Eindruck der Gefühle und Emotionen, die sie bei dieser lang ersehnten Wiedervereinigung von Bruder und Schwester erlebt haben muss. Er schreibt: “Kaum wage ich, die Begeisterung und Freude zu beschreiben, die in ihrer Brust schwellten, als sie ’Abdu’l–Bahá bei Seiner siegreichen Rückkehr aus dem Westen begrüßte. Sie war höchst erstaunt über die Vitalität, zu der Er trotz all der unvorstellbaren Beschwernissen fähig war. Sie bewunderte zutiefst das Ausmaß der Kräfte, die Seine Vorträge freigesetzt hatten, und dankte Bahá’u’lláh, dass sie solch einen strahlenden Sieg Seiner Sache und den nicht minder strahlenden Erfolg Seines Sohnes miterleben durfte.“54

Das Größte Heilige Blatt blieb einige Wochen in Ägypten. Sie übernahm wieder einmal die Führung von 'Abdu'l-Bahás Haushalt, der bald zum Anziehungspunkt für Bahá’í–Besucher aus vielen Teilen der Welt wurde. Einige westliche Frauen, zu denen Mrs. Lua Getsinger und Mrs. Isobel Fraser zählten, hatten das Privileg, während ihrer Pilgerreise in ’Abdu’l–Bahás Haus wohnen zu dürfen. Nach einiger Zeit kehrte das Größte Heilige Blatt nach Haifa zurück, um dort die Pilger zu empfangen und die Aktivitäten der Gemeinde zu beaufsichtigen.55

Rúhá Asdaq, eine persische Pilgerin, hinterließ eine faszinierende Aufzeichnung über ihre Eindrücke, in denen sie schildert, wie das Leben im Heiligen Haushalt kurz vor der Rückkehr ’Abdu’l–Bahás nach Haifa verlief. Sie erzählt, dass ihre Familie von Ihm eingeladen worden war, ins Heilige Land auf Pilgerreise zu kommen. Während die Pilger den Geist an den Schreinen in sich aufnahmen und große geistige Kraft aus dem Zusammensein mit dem Größten Heiligen Blatt schöpften, war ihr einziger Kummer, ’Abdu’l–Bahá nicht begegnen zu können. Sie berichtet, dass ihr Vater nach Alexandria in Ägypten reisen musste. Auf ihre Bitte hin hatte er vor seiner Abreise eine einstündige Unterredung mit dem Größten Heiligen Blatt. Wir erfuhren, dass Rúhás Vater in Alexandria mit ’Abdu’l–Bahá zusammengetroffen war, und bei seiner Rückkehr brachte er die frohe Nachricht mit, dass ’Abdu’l–Bahá bald nach Haifa zurückkommen würde.

Sofort bereitete man alles für ’Abdu’l–Bahás Ankunft vor, obwohl das genaue Datum nicht bekannt war. Sein Lieblingsgericht wurde zubereitet, Kleider wurden genäht und alles wurde fertig gestellt. Die Pilgerin beschreibt die allgemeine Erregung:

„Die Eingangshalle von des Meisters Haus wurde für Seine Ankunft vorbereitet. Alle Pilger und Angehörige des Haushalts hatten sich dort eingefunden. Es war eine Freude, als ’Abdu’l–Bahá aus der Kutsche stieg und auf das Haus zuschritt. Das Größte Heilige Blatt und Seine Töchter liefen zu Ihm hin und umarmten Ihn....

Nach einer kurzen Ruhepause ... trat der Meister aus Seinem Zimmer heraus, setzte sich zu uns und wandte sich an die Anwesenden mit den Worten: ’Willkommen, willkommen’... Nachdem Seine Tochter ein Gebet gesungen hatte..., sagte Er: ’Möget ihr alle in Gottes Obhut bewahrt bleiben.’ Dann zogen sich die Frauen, deren Herzen vor Glück überströmten, zurück und erlaubten den ebenso bewegten Männern, denen die Tränen in den Augen standen, die Halle zu betreten. Alsbald hörten wir alle das lauthals und herzerwärmend gesungene Tablet von Ru’yá ... ertönen, das unsere Herzen mit Freude erfüllte. So war das an diesem glücklichen 5. Dezember 1913, es passierten Dinge, die keiner von uns jemals vergessen würde; alles war in unsere Herzen und Gemüter tief eingemeißelt.“56

Später erfuhr die Pilgerin, dass das Größte Heilige Blatt in ihrer privaten Unterredung mit Rúhás Vater vor seiner Reise nach Alexandria ihn gebeten hatte, ’Abdu’l–Bahá zu fragen, ob Er nicht früher nach Haifa zurückkommen könne, „um den besorgten Herzen der Pilger und der Angehörigen des Heiligen Haushalts Ruhe zu schenken.“ Nach den Worten der Pilgerin erinnerte sich ihr Vater daran, dass ’Abdu’l–Bahá lächelte, als Er diese Botschaft von Bahíyyih Khánum hörte und sagte: „Wie schlau von ihr ausgedacht!“57


Managerin des Haushalts und Gastgeberin für die Pilger

Seit den Tagen Bahá’u’lláhs hatte das Größte Heilige Blatt die Führung des Haushaltes ihres Vaters übernommen, eine Aufgabe, in der sie - wie Shoghi Effendi es ausdrückte - „sich auszeichnete“. Seit frühester Kindheit half sie ihrer Mutter hierbei. Nach dem Tod ihrer Mutter übernahm sie die Hauptverantwortung für dieses Amt: Sie regelte die praktischen Angelegenheiten des Haushalts, sorgte dafür, dass Nahrungsmittel gekauft und zubereitet wurden, traf sich mit den Frauen der Pilger und Staatsbeamten und kümmerte sich um die Frauen, die zu Besuch kamen. Sie war von dem Wunsch beseelt, auf die alltäglichen Bedürfnisse Bahá’u’lláhs zu achten, damit Er genügend Zeit fand, sich mit den Dingen zu beschäftigen, die allein Er ausführen konnte. Daher „pflegte sie gewissenhaft“ gesellschaftliche Beziehungen, um es Bahá’u’lláh zu ermöglichen, nur mit solchen Menschen zusammenzutreffen, die Er wirklich treffen wollte. Nach dem Hinscheiden Bahá’u’lláhs unterstützte sie aus ganzem Herzen ihren Bruder ’Abdu’l–Bahá.58

Während der Amtszeit ’Abdu’l–Bahás wurde das Größte Heilige Blatt ernannt, die Verantwortung für Seinen Haushalt zu übernehmen. Sie fuhr hierin fort und erweiterte zugleich die Aufgaben, die sie zu Lebzeiten ihres Vaters übernommen hatte. Ella Goodall Cooper, eine der frühen Pilgerinnen, berichtet, dass die Frauen des Haushalts die einzigartige geistige Stufe des Größten Heiligen Blattes anerkannten. Ihre Pilgernotizen geben einen Einblick, wie das Größte Heilige Blatt ihre Führungsrolle ausübte, indem sie hervorhebt, dass ihre “starke, aber zugleich freundliche Autorität sie auf ganz natürliche Weise zum Vorstand der Gruppe von Menschen machte, die im Haushalt ’Abdu’l–Bahás lebten.“ Sie bemerkt, dass „die Familie des Meisters ihre so echte und doch bescheidene Autorität unwillkürlich akzeptierte und bei jeder Gelegenheit ihren weisen und gütigen Rat erbat. So arbeiteten alle zusammen, damit ’Abdu’l–Bahá genügend Zeit und Kraft blieb, Sein Leben dem Dienst an der ganzen Menschheit zu widmen, wie sie sich wohl bewusst waren.“59

In der Ausübung ihres Amtes als Vorstand des Haushaltes von ’Abdu’l–Bahá und als die „verehrte Gastgeberin einer stetig wachsenden Anzahl von Pilgern aus Ost und West, die zu ’Abdu’l–Bahás Residenz strömten“, entwickelte das Größte Heilige Blatt nicht nur ein Gefühl für Organisation, Ordnung und einen verbindenden Geist, sondern zeigte auch einen Sinn für das Praktische und eine Fähigkeit, verschiedenartigste Herausforderungen zu meistern, ohne sich in kleinlichen Details zu verlieren.60

Es zählte zu den Aufgaben des Größten Heiligen Blattes, die Aktivitäten der Bahá’í–Frauen, die dort wohnten oder als Pilgerin dorthin kamen, zu koordinieren. Eine der frühen Pilgerinnen gewährt einen faszinierenden Einblick in die Tätigkeit des Größten Heiligen Blattes, indem sie schreibt:

„Sie hatte den Vorsitz in dem Raum, den man das ‚Damenzimmer’ nannte, in dem alle Familienmitglieder zusammentrafen und auch die weiblichen Besucher bewirtet wurden. Von der frühmorgendlichen Teestunde an, bei der ’Abdu’l–Bahá oft anwesend war, bis zum letzten Gute-Nacht-Gruß, den die erschöpften, doch dankbaren Besucher flüsterten, stand ’Khánum’ (wie sie liebevoll genannt wurde) immer zur Verfügung. Während des langen Tages, der vor sechs Uhr in der Frühe begann und selten vor elf oder zwölf Uhr nachts endete, fanden häufig in diesem gemeinsamen Zimmer spontane Zusammenkünfte statt. ... Für uns westliche Pilger bedeuteten diese einfachen, von geistigem Frieden und Freude erfüllten Versammlungen neue und unglaubliche Erfahrungen.

Die heiligen Sendschreiben, gesungen von den persischen Frauen auf Wunsch des Größten Heiligen Blattes (was diese Frauen sehr glücklich machte), das Gemurmel leiser Stimmen, wenn es Neuigkeiten gab, das Brodeln des freundlichen Samowars, während die bedienenden jungen Mädchen den Tee umherreichten, und vor allem, die kaum fassbare, aber pulsierende Atmosphäre der Liebe und Dienstbarkeit zogen alle in ihren Bann, auch die Kinder... Sogar die Vögel schienen diesen angenehmen Geist zu spüren, denn sie flogen ungehindert ein und aus durch die offene Tür, die zu dem Hof unter freiem Himmel führte.“61

Ein anderer Pilgerbericht gibt zusätzlich Auskunft über einige der Aufgaben, die Bahíyyih Khánum als Vorsitzende des „Damenzimmers“ zu erfüllen hatte. Man erzählt: „Die Freunde wandten sich an sie, um Namen für ihre Kinder zu bekommen oder um wegen einer bevorstehenden Hochzeit ihren Rat und Segen für die Verbindung zu erbitten. Sie teilte im allgemeinen den Freunden mit, wie sich die Sache verbreitete und was immer 'Abdu'l-Bahá gesagt hatte. Für die Frauen der Bahá’í–Gemeinde im Heiligen Land war sie der Mittelpunkt.“62

Das „Damenzimmer“ war auch ein Magnet für die Pilger, die zu Besuch waren. Marie Watson, die sich 1921 als Pilgerin dort aufhielt, schreibt über die Besuche bei den Damen des Haushalts, die jeden Tag von vier Uhr bis sieben Uhr abends stattfanden:

„Mittwoch nachmittags findet ein ’Frauentreffen’ statt in dem großen, in der Mitte gelegenen Raum, zurückgezogen von den männlichen Blicken der vielen Besucher, die der Meister zu jeder Tageszeit empfängt. Auch die Baha’í–Frauen, die außerhalb wohnen, nehmen an diesen Treffen teil, bei denen eine der Töchter des Meisters Gebete und Sendschreiben Bahá’u’lláhs liest oder singt.

Immer wird Tee mit persischen Keksen und Trauben angeboten. Wenn der Meister Zeit findet, begrüßt Er im allgemeinen die Versammlung, spricht einige Worte und macht dadurch alle glücklich.“ 63

Eine besondere Verantwortung, die großes Vertrauen voraussetzte und dem Größten Heiligen Blatt übertragen worden war, bestand darin, die geistigen Schätze der Familie unter ihre Obhut zu nehmen. Sie musste auf die heiligen Schriften der Gründer des Glaubens acht geben, die Porträts Bahá’u’lláhs und des Báb erhalten und sicher stellen, dass die Reliquien und historischen Gegenstände, die mit der frühen Geschichte des Glaubens zusammenhängen, gesammelt und aufbewahrt wurden. Das Größte Heilige Blatt bewahrte diese kostbaren Reliquien nicht nur, sondern sie führte sie auch den weiblichen Pilgern vor. Es gibt viele Berichte, wie Bahíyyih Khánum die Pilger in einen Raum im Hause ’Abdu’l–Bahás geleitete, in dem sie die Bilder Bahá’u’lláhs und des Báb betrachten konnten. Die Baha’í, die zum Weltzentrum ihres Glaubens pilgern, schätzten und schätzen auch heute noch die Gelegenheit sehr, diese Portraits anschauen zu dürfen. Diese Bilder werden aus grundsätzlichen Erwägungen weder vervielfältigt noch in der Baha’í–Gemeinde verbreitet.64

Da die finanziellen Mittel beschränkt und die Umgebung oft gefährlich und feindlich waren, war es eine äußerst schwierige Aufgabe, gebührend für die Pilger zu sorgen. Seit der Zeit Bahá’u’lláhs bis zu der Zeit, in der die Verbannten aus dem Gefängnis frei kamen - dies geschah während der Amtszeit ’Abdu’l–Bahás - wurden weibliche Pilger oft im Haushalt der Familie untergebracht. Auch in späteren Jahren, selbst als in Haifa Häuser für die Pilger gebaut worden waren, bereiteten die Frauen aus ’Abdu’l–Bahás Familie weiterhin für alle das Essen, sorgten dafür, dass es den Pilgern überbracht wurde und kümmerten sich um ihre täglichen Bedürfnisse. Marie Watson beschreibt in den folgenden, auf eigenen Erfahrungen beruhenden Betrachtungen das Ausmaß dieser Aufgabe und den Geist, in dem die Arbeit verrichtet wurde. Sie schreibt:

„Zu dem Haushalt ’Abdu’l–Bahás gehörten mehr als hundert Personen, ohne die Kinder der Gläubigen und Seine eigenen Enkelkinder mitzuzählen. Wie wunderbar vielsagend und beispielhaft für die ganze Welt ist dieser gelebte Dienst, den jedes Familienmitglied so heiter leistet! Da ist so eine Harmonie und Einheit in diesem Haushalt, in dem unentwegt das alltägliche Leben seinen Lauf nimmt. Für jeden Notfall ist gesorgt; unerwartete Besucher werden immer mit einer Gelassenheit und Aufrichtigkeit aufgenommen, die sich nur vorstellen kann, wer dies, wie ich, täglich miterlebt hat. Wo in dieser weiten Welt wäre eine Parallele zu finden, die nur annähernd diesem Beispiel gleichkommt? Keine Klagen, kein Streit unter der Vielfalt der unterschiedlichen Temperamente und Menschen, die im Leben ganz verschiedene Stellungen innehaben. Wie bunte Blumen wachsen sie in einem Garten voll größter Lieblichkeit...“65

Dieselbe Pilgerin betont die zentrale Rolle, die Bahíyyih Khánum in dem Haushalt spielte: „Von früh morgens bis spät abends ist sie gefordert, und mit Hilfe der Töchter des Meisters führt sie jede Einzelheit dieses riesigen Haushalts durch.“66

Ella Goodall Cooper, eine der frühen westlichen Pilgerinnen, bezeichnet die Art, wie Bahíyyih Khánum an das Leben herangeht, als vollkommenes Beispiel für ein „ausgeprägtes Gleichgewicht zwischen den praktischen und geistigen Lehren“. Sie erzählt die folgende Begebenheit, die wie in einem Schauspiel „die praktische Leistungsfähigkeit“ Bahíyyih Khánums festhält, und schreibt:

„ Eines Tages warfen wir einen Blick in die Küche und sahen sie, auf einem niedrigen Stuhl sitzend, mit ihren festen, geschickten Händen ein großes Lamm zerlegen, das gerade vom Markt gebracht wurde. Schnell zerlegte sie es und erteilte gleichzeitig Anweisungen, aus welchen Teilen Brühe gekocht und welches Teil zum Abendessen verwendet werden sollte, welches Teil für morgen aufgehoben werden und welches wiederum den armen oder arbeitsunfähigen Freunden, die täglich vom Tisch ’Abdu’l–Bahás versorgt wurden, zukommen sollte. Auf den Regalen standen große Töpfe, in denen der Reis in sauberem Wasser eingeweicht wurde, um daraus das köstliche „Pilau “, ein berühmtes persisches Gericht, zuzubereiten. Auch an vielen anderen Dingen war deutlich abzulesen, wie viele Stunden erforderlich waren, um für das materielle Wohl der Besucher zu sorgen.

Hierbei lernten wir ihre praktische Leistungsfähigkeit kennen. Diese enorme Arbeit, die mit einer solchen Bewirtung verbunden ist und die nur mit den primitivsten und einfachsten Mitteln durchgeführt werden konnte, muss man gesehen haben, um sie wirklich zu schätzen. Wir erfuhren, dass sie die Angelegenheiten des Haushalts organisierte; jede der Töchter des Meisters übernahm abwechselnd eine Woche lang die Aufgabe, diese zu leiten, die Speisen und Einkäufe zu planen sowie dafür zu sorgen, dass alles gekocht und zweimal täglich den verschiedenen Gruppen gebracht wurde. Ohne fließendes Wasser, nur mit Holzkohle als Brennstoff, ohne Gas oder Strom, nur mit Öl – allein das Saubermachen und Füllen der Petroleumlampen nahmen viel Zeit und Energie in Anspruch.“67

Mary Hanford Ford, eine der frühen Pilgerinnen aus dem Westen, gibt eine weitere Beschreibung der Arbeitsweise in ’Abdu’l–Bahás Haushalt. Sie hebt besonders einen Arbeitsansatz hervor, der das Geistige und Praktische miteinander verbindet, und eine Problemlösung, die die Würde des Individuums wahrt. Sie schreibt:

„ Die Damen der Familie sind bewundernswerte Hausfrauen. Sie nähen sich all ihre einfachen Gewänder selbst mit Hilfe einer Nähmaschine aus der westlichen Welt. Sie beaufsichtigen die Erzeugnisse der Küche für ihre vielen Gäste und achten auf hygienische Sauberkeit ihrer Umgebung. Sie verkörpern das Bild der modernen Heiligen, die uns, so wie wir sie wahrnehmen, dazu zwingen, unser gesamtes geistiges Weltbild zu revolutionieren: Eine mondäne Frau aus der westlichen Welt – so hilflos wie manche dieser gekünstelten Damen sind und so sehnsüchtig nach geistiger Kultur – fand sich eines Tages in dem einfühlsamen Haushalt ohne ihren Koffer wieder, und so nobel gekleidet, dass sie sich inmitten dieser liebenswürdigen Einfachheit, die dort herrschte, beschämt fühlte. Das Größte Heilige Blatt fertigte ihr daraufhin mit ihren eigenen wunderschönen Händen ein Kattunkleid an, das ein Muster an Eleganz und Schlichtheit war. Die westliche Frau grübelt vielleicht noch immer über der Frage, wie eine so tiefgründige Geistigkeit mit einer so hervorragenden Fertigkeit und einem ebensolchen Sinn für das Praktische verbunden sein kann, aber in Wirklichkeit sind diese immer Seite an Seite zu finden.“68

Die Pilger, die das Vorrecht hatten, persönlich mit Bahíyyih Khánum zusammenzutreffen, waren tief bewegt. Sie wurden durch die so lebhaften Berichte der Ereignisse aus den frühen Tagen des Glaubens inspiriert und wurden sich immer mehr der hohen Stufe des Größten Heiligen Blattes bewusst. Sie zogen auch reiche Lehren daraus, dass sie ihren Umgang mit den Gläubigen beobachteten und ihre allgemeine Einstellung zum Leben miterlebten. Marjorie Morton, die Bahíyyih Khánum gegen Ende ihres Lebens begegnete, teilt ihre Beobachtungen mit. Sie äußert sich zu den kulturell bedingten Einschränkungen, unter denen die Frauen der Heiligen Familie lebten, und stellt fest, dass das Größte Heilige Blatt solche Einschränkungen genauso akzeptierte wie „schlechtes Wetter, das sie im Haus zurückhielt.“ Mrs. Morton schreibt: „Sie hatte ihr Leben so gestaltet, wie es die Begrenzungen ihrer Umgebung zuließen, in die sie ihre eigenen geistigen Kräfte hat einfließen lassen, und sie hat einen Spielraum für all ihre Eigenschaften und Fähigkeiten gefunden.“ 69 Sie beteuert:

„ Ihr Leben kann man nicht als Martyrium bezeichnen, denn sie selbst erkannte es nicht als ein solches. Sie war nicht wie die Märtyrer außer sich vor Entzücken und spürte kein Verlangen, das Banner zu erheben, dem Gefecht entgegen zu eilen und sich mit heldenhaftem Wagemut zu opfern. Ihre Inbrunst brannte mit einer beständigen Flamme. Angesichts von Prüfungen und Gefahren lief sie nicht davon, noch versteckte sie sich, sondern beschritt den gefahrvollen Weg mit ruhigem Atem. Ihr Mut entsprang ihrem verstehenden Glauben, und es war dieser Glaube, dieses Verständnis, das sie gelassen durch die Jahre unablässiger Mühe und äußersten Einsatzes trug. So hielt sie Zeiten unergiebigen Wartens aus und schöpfte ihre Kraft daraus, das nicht wieder gutzumachende Leid und den Verlust zu ertragen.“70

Mrs. Morton schreibt Folgendes über das Größte Heilige Blatt, von der sie viel für ihr eigenes Leben lernte:

„Durch ihre Ausgeglichenheit, ihr Feingefühl, ihre Tüchtigkeit und ihr praktisches Urteilsvermögen schuf sie im Haushalt Ordnung und Wohlbehagen und ließ dies alles, zusammen mit den kleinen Dingen, die ein Wohlbehagen ausmachen, zu einer harmonischen Atmosphäre verschmelzen. Ihr starker Wille setzte sich nie über einen anderen hinweg, und nie zwang sie ihre entschiedene Meinung jemandem auf. Ihr Umgang mit den Menschen war liebenswürdig. Andere mögen mit einem Schlag die Schale zerbrechen; sie jedoch brachte den Kern mit unendlicher Sorgfalt und Geschicklichkeit zum Vorschein. In ihr fand man kein strenges Fordern, kein Gebieten; lächelnd winkte sie jemanden heran, und sie hätte es nicht zugelassen, dass jemand widerwillig kam oder weil er sich ihrem Willen beugte. Sie übte ihren Einfluss auf so feine Art aus, dass man sich seiner Wirkung kaum bewusst wurde.“71

Das Zusammensein mit den Pilgern erfüllte das Größte Heilige Blatt mit großer Zufriedenheit. Sie freute sich, wenn sie Neuigkeiten über den Fortschritt des Glaubens in den verschiedenen Teilen der Welt erfuhr und wenn sie diese Neuigkeiten mit den Besuchern teilen konnte. Es ist auch interessant festzustellen, dass sie mit vielen Pilgern nach ihrem Besuch im Heiligen Land korrespondierte. In einem Brief, den sie an eine Bahá’í aus dem Osten gerichtet hat, ermutigt Bahíyyih Khánum diese zum Handeln: “Gelobt sei Gott! Nachdem sie die Heilige Schwelle des Barmherzigen in diesem geweihten Land erreicht haben, diesen leuchtenden Ort, konnten sie das Geschenk der göttlichen Düfte der Heiligkeit mit nach Hause nehmen, um die Mägde Gottes diese Düfte einatmen zu lassen, die leblosen Körper durch die Macht Seiner wunderbaren Ermahnungen, Seiner erhabenen Ratschläge und Lehren zu erfrischen und anzuregen, nein vielmehr um sie zu beleben und zu erquicken“. Zum Schluss sichert sie der Gläubigen zu, dass sie nicht vergessen worden ist und dass sie in den Heiligen Schreinen für sie und die anderen Baha’i–Frauen beten wird.72

Ebenso schrieb sie an eine Frau aus dem Westen, die während der Abwesenheit des Größten Heiligen Blattes auf Pilgerfahrt im Heiligen Land war, es täte ihr sehr leid, nicht da gewesen zu sein, um sie zu empfangen. Sie ermutigte die Gläubige, nicht enttäuscht zu sein, sondern ’Abdu’l–Bahás Führung für sie zu befolgen, nämlich „in die Welt zu gehen und den Menschen die frohe Botschaft des Königreiches zu überbringen und die schlafenden Seelen zu erwecken.“ Sie äußerte die Hoffnung, dass “wir bald von ihren wundervollen Diensten auf dem Weg der Sache Gottes hören werden“, und gibt der Frau den Rat, auf ’Abdu’l–Bahá zu vertrauen, indem sie bekräftigt: „Seien sie überzeugt, dass sie schließlich erfolgreich sein werden, denn Er hat sie gesandt und Er wird sicherlich mit ihnen sein und ihnen immer helfen.“73


DIE KRIEGSJAHRE VON 1914-1918

Acht Monate nach ’Abdu’l–Bahás Rückkehr von seinen ausgedehnten Reisen ins Heilige Land brach der Erste Weltkrieg aus, der die Welt ins Elend stürzte und den Kontakt von ’Abdu’l–Bahá mit den Baha’í, die nicht im Heiligen Land lebten, völlig abschnitt. Wieder einmal legte sich „ein Schatten von Gefahr“ über sein Leben und das seiner Familie. Shoghi Effendi weist darauf hin, dass letzten Endes der Krieg dazu führte, dass der Glaube vom Joch der osmanisch türkischen Herrschaft befreit wurde, wenn er auch für die Einwohner des Heiligen Landes „strenge Entbehrungen und große Gefahren“ mit sich brachte. Mit folgenden Worten charakterisiert er die Auswirkung des Krieges auf die Einwohner des Heiligen Landes und erwähnt zugleich, wie sehr ’Abdu’l–Bahá sich bemühte, das Leid der Menschen zu lindern:

„ Die große Not, die die Bevölkerung bedrückte infolge krasser Unfähigkeit, schändlicher Nachlässigkeit, Grausamkeit und stumpfer Gleichgültigkeit der zivilen und militärischen Machthaber, wurde - obgleich sehr gelindert durch ’Abdu’l–Bahás Güte und Großmut, Umsicht und liebevolle Fürsorge - noch verschärft durch eine strenge Blockade. Ständig war Haifa von Bomben der Alliierten bedroht, und einmal war die Gefahr so groß, dass ’Abdu’l– Bahá mit Seiner Familie und den dortigen Gemeindemitgliedern vorübergehend nach Abú– Sinán umziehen musste, einem Dorf vor den Hügeln östlich von ’Akká. Der türkische Oberkommandeur … äußerte jetzt die Absicht, Ihn [’Abdu’l–Bahá] zu kreuzigen und Bahá’u’lláhs Grabstätte einzuebnen.“74

Aus den Schriften und Ansprachen ’Abdu’l–Bahás aus der Zeit Seiner Reisen im Westen geht hervor, dass Er den Ausbruch des Krieges vorhergesehen hatte. Es wird auch berichtet, dass Er sogar schon vor Seiner Rückkehr ins Heilige Land begonnen hatte, Vorkehrungen für den Kriegszustand zu treffen. In weiser Voraussicht hatte Er veranlasst, dass einige Bahá’í, die im Jordantal und an den Ufern des Sees in Galiläa wohnten, Getreide anbauten und lagerten. Später hielt Er sich in Tiberia auf und sorgte persönlich dafür, dass das Getreide nach Haifa und ’Akká verschifft wurde. Mit diesem Getreide konnte ’Abdu’l–Bahá während der Hungersnot der Jahre 1914-1918 die Armen in dieser Gegend ernähren. Lady Bloomfield beschreibt dies:

„In Haifa hatte die Blockade die Einwohner in eine gefährliche Situation gebracht. Als die Briten dort ankamen, stellten sie fest, dass ’Abdu’l–Bahá die Zivilbevölkerung vor dem Verhungern gerettet hatte. Vorräte, die Er hatte anbauen und in unterirdischen Kellern und an anderen Orten lagern lassen, wurden an Menschen aller in Haifa wohnenden Nationalitäten verteilt. ’Abdu’l–Bahá führte dies auf militärische Art durch, wie man bei der Armee die Rationen ausgibt. Groß war die Dankbarkeit der Frauen und Kinder, die Er durch Seine Fähigkeit, schon im Jahr 1912 die Tragödie und das Leid vorauszusehen, rettete, indem er Vorkehrungen für die Katastrophe getroffen hatte, die das Land erst in den Jahren 1917 und 1918 heimsuchen sollte. Als die Briten schließlich Haifa einnahmen, waren die Reservevorräte für die Soldaten noch nicht angekommen, und eine der Obrigkeiten suchte ’Abdu’l–Bahá auf ...“ 75.

’Abdu’l–Bahá hatte tatsächlich genügend Vorräte an Getreide, um der Britischen Armee zu helfen.

Einige Jahre später würdigten die britischen Behörden die Rolle, die ’Abdu’l–Bahá gespielt hatte „bei der Linderung der Not, die während der dunklen, qualvollen Kriegstage auf der Bevölkerung des Heiligen Landes gelastet hatte“ und verliehen Ihm 1920 die britische Ritterschaft. 76

Das Größte Heilige Blatt spielte in dieser Zeit bei den von ’Abdu’l–Bahá ausgeübten humanitären Tätigkeiten eine bedeutsame Rolle. Shoghi Effendi berichtet darüber, wie sie auf die Geschehnisse und die alltäglichen Nöte reagierte und legt dar: „Das Alter schien die Empfindsamkeit ihres liebevollen Herzens noch mehr hervorzuheben und ihr Mitgefühl zu vergrößern.“ Shoghi Effendi bezeugt, dass „der Anblick des entsetzlichen Leids um sie herum“ das Größte Heilige Blatt nicht überwältigte, sondern vielmehr „ihre Kräfte stählte und ungeahnte Fähigkeiten in ihr hervorrief, die selbst die ihr nahe stehenden Freunde nicht vermutet hätten.“77

Bahíyyih Khánum war für die Speisung der Armen zuständig, die zum Haus ’Abdu’l–Bahás strebten. Man erzählt, dass sie für die Armen, die um Unterstützung baten, kochte, ihnen Rationen zuschickte oder persönlich aushändigte, wenn sie selbst zu ihr kamen. Shoghi Effendi schildert die Reichweite ihrer Tätigkeiten und ihre Eigenschaften, die sie während der Kriegsjahre offenbarte:

„Mit Ausbruch des Krieges fand sie erneut die Gelegenheit, den wahren Wert ihres Wesens zu offenbaren und die verborgenen Kräfte ihres Herzens freizusetzen. Dieser trostlose Konflikt hatte dazu geführt, dass eine Menge ausgehungerter Männer, Frauen und Kinder den Wohnsitz ’Abdu’l–Bahás in Haifa belagerten und Ihn um Erleichterung ihrer Leiden baten, die durch Misswirtschaft, Grausamkeit und Achtlosigkeit der Beamten der osmanischen Regierung verursacht worden waren. Mit einem von Liebe überströmenden Herzen erhielten diese hoffnungslosen Opfer einer verachtenswerten Tyrannei täglich aus den Händen des Größten Heiligen Blattes unvergessliche Beweise einer Liebe, die sie zu beneiden und zu bewundern gelernt hatten. Ihre ermutigenden und trostspendenden Worte, die Nahrung, das Geld, die Kleidung, die sie großzügig verteilte, die Medikamente, die sie selbst nach einem eigenen Verfahren herstellte und sorgfältig anwendete - das alles trug dazu bei, die Trostlosen zu trösten, die Blinden sehend zu machen, die Waisen zu beschützen, die Kranken zu heilen und den Heimatlosen und Umherwandernden beizustehen.“78

Diese Krise bot dem Größten Heiligen Blatt noch eine weitere Gelegenheit, ihren Dienst an der Menschheit auszuweiten und den Initiativen, die ’Abdu’l–Bahá eingeleitet hatte, uneingeschränkte Unterstützung angedeihen zu lassen. Shoghi Effendi hinterlässt uns folgende Beschreibung ihrer besonderen Wesenszüge, die sie bei der Erfüllung dieser schwierigen Pflichten aufwies, und schildert ihre beispielhafte Dienstbarkeit: „Inmitten der dunklen Kriegstage hatte sie den höchsten Stand ihrer geistigen Fähigkeiten erreicht. Kaum einer der zahllosen Wohltäter der Gesellschaft, die dazu ausersehen waren, in unterschiedlichem Ausmaß das Elend und Leid zu lindern, das dieser Große Krieg verursacht hatte, tat dies so freimütig und selbstlos wie sie; wenige nur übten diesen undefinierbaren Einfluss auf die Empfänger ihrer Wohltaten aus.“79

Das Kriegsende vorausschauend, beschäftigte sich ’Abdu’l–Bahá während der Jahre, in denen Er von den Bahá’í auf der ganzen Welt abgeschnitten war, damit, Sendschreiben an sie zu offenbaren. Selten erreichten Briefe das Heilige Land, auch der Zustrom der Pilger war unterbrochen. Zu den ersten Pilgern, die bei Kriegsende das Heilige Land erreichten, gehörten Mrs. Corinne True und ihre Tochter Edna, die in Haifa Ende 1919 ankamen. In späteren Jahren beschrieben die Angehörigen der Familie ’Abdu’l–Bahás das Gefühl der Isolation und wie sehr sie sich gesehnt hatten, Neuigkeiten über das Wohlbefinden der Baha’í überall auf der Welt und über den Fortschritt des Glaubens zu erhalten. Man kann sich gut die Begeisterung in ’Abdu’l–Bahás Haushalt vorstellen, als endlich nach und nach Briefe eintrafen, die von der Sicherheit der Gläubigen und über die Aktivitäten, die sie für den Fortschritt der Sache unternommen hatten, berichteten.80

Zu den Sendschreiben, die während der Kriegsjahre offenbart und nach dem Ende der Feindseligkeiten verschickt wurden, zählten die Sendschreiben zum Göttlichen Plan, die sich an die nordamerikanischen Bahá’i richteten, und in denen 'Abdu'l-Bahá sie beauftragte, den Bahá’í– Glauben weltweit zu verbreiten. Andere bedeutende Sendschreiben dieser Zeit waren der Brief an Dr. August Forel und ein Schreiben an den Vorstand der „Central Organisation for a Durable Peace“, der „Zentralorganisation für einen dauerhaften Frieden “, das eine besondere Abordnung in Den Haag überreichte. Hinzu kamen Hunderte von Sendschreiben, die an einzelne Gläubige gerichtet waren, viele von ihnen schon früher geschrieben, aber erst bei Kriegsende versandt.

Shoghi Effendi schreibt über die Auswirkung des Kriegsendes auf die Verhältnisse des Glaubens im Heiligen Land:

„Die Gefahr, die nicht weniger als fünfundsechzig Jahre lang das Leben der Glaubensstifter und des Mittelpunkts des Bundes bedroht hatte, war durch den Krieg endgültig und völlig beseitigt. Nachdem die seitherige korrupte Verwaltung einem neuen, liberalen Regime weichen musste, erfreuten sich das Oberhaupt des Glaubens und die beiden Heiligen Schreine in der Ebene von ’Akká und am Hang des Karmel zum ersten Mal der Freiheit von Beschränkungen, was später dann zur deutlicheren Anerkennung der Institutionen der Sache führte.“81

Shoghi Effendi weist außerdem darauf hin, dass 'Abdu'l-Bahá zusätzlich zu der Hochachtung seitens der Britischen Obrigkeiten und anderer prominenter und einflussreicher Personen „vielfach Beweise der Anerkennung Seiner hohen und einzigartigen Stellung seitens der religiösen Gemeinden erfuhr, seien sie muslimisch, christlich oder jüdisch.“ Die neue, den Bahá’í im Heiligen Land gewährte Freiheit führte dazu, dass immer mehr Pilger aus Ost und West nach Haifa kamen, die nun relativ leicht und ungestört die Heiligen Schreine besuchen durften.82

Die letzten Jahre der Amtszeit ’Abdu’l–Bahás zeichneten sich dadurch aus, „dass der Glaube sich unaufhaltsam und vielfältig entfaltete.“ Der Prozess der Verbreitung und Festigung der Bahá’í– Gemeinde im Osten wie im Westen dauerte weiter an, die administrativen Institutionen des Glaubens entwickelten sich, und die Tätigkeiten für den Glauben und sein Einfluss weiteten sich aus. In Ishqábád wurde der Bau des Hauses der Andacht vollendet, und in Wilmette, Illinois, „wurden die Ausschachtungsarbeiten für den Muttertempel des Westens erledigt und der Vertrag für den Bau des Fundamentes abgeschlossen.“83

Während der Amtszeit ’Abdu’l–Bahás hatte Bahíyyih Khánum, die „brillante Schwester“ ’Abdu’l–Bahás, viel und auf verschiedene Weise zur Entfaltung des Glaubens beigetragen. Manche ihrer Heldentaten wurden in der Geschichtsschreibung festgehalten, andere dagegen konnten von den Aussagen Shoghi Effendis abgeleitet werden. Fest steht, dass das Größte Heilige Blatt ihr Leben der Bahá’í–Sache geweiht hatte. Gern ergriff sie jede neue Gelegenheit, um zu dienen. Sie schreckte vor keiner Gefahr zurück, noch hielt das Alter sie ab, neue und herausfordernde Aufgaben zu übernehmen.84

Aus den Sendschreiben ’Abdu’l–Bahás gewinnen wir einen Eindruck, wie sehr Er die ununterbrochene und liebende Unterstützung des Größten Heiligen Blattes und ihre einzigartigen Fähigkeiten und Fertigkeiten schätzte, die sie bei all ihrem Tun zeigte. ’Abdu’l–Bahá nennt sie Seine „liebevolle Schwester“ und drückt Seine zärtliche und liebende Besorgnis aus, wenn Er sagt: „Tag und Nacht wandern meine Gedanken stets zu dir. Keinen Augenblick lang höre ich auf, an dich zu denken. Meine Sorge und mein Kummer gelten nicht mir; sie kreisen um dich. Wann immer ich mir deine Leiden vergegenwärtige, kann ich die Tränen, die meinen Augen entströmen, nicht zurückhalten. ... “ Ja, ’Abdu’l–Bahá beteuert, dass Worte unfähig sind, ihren Beitrag zu beschreiben: „Ich weiß nicht, mit welchen Worten ich meine Sehnsucht nach meiner verehrten Schwester ausdrücken kann. Was auch immer meine Feder schreiben mag - es gelingt ihr nicht.“85




Kapitel 4: Die „letzte Spur Bahás“

`Abdu´l-Bahás Hinscheiden in den frühen Morgenstunden des 28. November 1921 bezeichnet „den Abschluss der Urzeit, des Apostolischen Zeitalters von Bahá´u´lláhs Glauben“. `Abdu´l-Bahás erlauchte Schwester Bahíyyih Khánum, das Größte Heilige Blatt, die „letzte Spur Bahás“, wurde somit die „letzte Überlebende“ dieses „ruhmreichen, heroischen Zeitalters“. 1
In den Ereignissen, von denen die Tage des Hinscheidens `Abdu´l-Bahás geprägt waren, spielte das Größte Heilige Blatt eine sehr entscheidende Rolle. Trotz ihres bereits hohen Alters und der tiefen Trauer um den Verlust des geliebten Bruders überwand sie alle Begrenzungen, die ihr dadurch auferlegt waren. Sie nahm alle Kraft zusammen und rief die tief trauernde Bahá´í-Gemeinde auf, sich dem neu ernannten Hüter Shoghi Effendi zuzuwenden, ihn zu akzeptieren und zu unterstützen. Durch ihren Einsatz stellte sie den Schutz und die fortgesetzte Weiterentwicklung und Festigung des aufblühenden Glaubens Bahá´u´lláhs sicher. Die vorbildhafte Art ihrer Dienste und das tiefe Fundament ihres Charakters und ihrer Ergebenheit, aus dem sie damals schöpfte, werden von Shoghi Effendi wie folgt bezeugt: „Niemand konnte sich jemals träumen lassen, dass eine Frau in ihrem Alter, von so schwächlicher Konstitution, mit so empfindsamem Herzen, beladen mit dem Kummer einer fast achtzig Jahre währenden ununterbrochenen Leidenszeit, einen so schweren Schicksalsschlag so lange überdauern könnte. Und doch wird das Zeugnis künftiger Geschichte nicht weniger als die Annalen unseres unsterblichen Glaubens belegen, dass ihr Anteil am Fortschritt und Erstarken der Weltgemeinde, die von `Abdu´l-Bahá mitgestaltet war, den Anteil aller anderen Familienmitglieder weit übertraf.“ In einem weiteren Brief versichert er, dass „künftige Generationen besser imstande sein werden, Bahíyyih Khánums Bedeutung in den frühen Tagen der Offenbarung und insbesondere nach dem Heimgang `Abdu´l-Bahás richtig einzuschätzen.“ 2
In diesem Kapitel untersuchen wir, was sich in den Tagen von `Abdu´l-Bahás Hinscheiden abspielte, wobei unsere besondere Aufmerksamkeit einigen entscheidenden Maßnahmen und Handlungen gilt, die Bahíyyih Khánum unternahm, um den Bund zu schützen und den Glauben zu fördern. Wir stützen uns dabei nicht allein auf das Zeugnis Shoghi Effendis, sondern auch auf die Berichte von Pilgern und anderen Bahá´í aus dem Westen, die in der Zeit von `Abdu´l-Bahás Heimgang in Haifa lebten. Zu den damals anwesenden Pilgern aus dem Westen zählten das Ehepaar Dr. Krug aus New York, Herr und Frau Bosch aus Kalifornien und Fräulein Johanna Hauff aus Deutschland.3 Fräulein Ethel Rosenberg, eine Bahá´í aus England, und Herr Curtis Kelsey aus den Vereinigten Staaten wohnten zu dieser Zeit im Heiligen Land. Diese Freunde genossen das Vorrecht, in vielerlei Hinsicht wie `Abdu´l-Bahás Familienangehörige behandelt zu werden. Die Pilger aus dem Osten und aus dem Westen wurden eingeladen, im Heiligen Land zu verweilen, bis Shoghi Effendi nach Haifa zurückgekehrt war, und die öffentliche Verlesung von `Abdu´l-Bahás Testament stattgefunden hatte. Somit waren sie in der Lage, die Rolle des Größten Heiligen Blattes in den historischen Ereignissen dieser bewegten Wochen unmittelbar mitzuerleben.

Das Hinscheiden `Abdu´l-Bahás

Als `Abdu´l-Bahás großes Lebenswerk sich seinem Ende näherte, wurde es durch „Seine Träume, Seine Gespräche und Seine Sendschriften“ immer deutlicher, dass Er sich bewusst war, dass „Sein Ende nahte“. Shoghi Effendi schildert die letzten Lebenstage `Abdu´l-Bahás in folgender rührender Weise:
„`Abdu´l-Bahá verströmte bis zum letzten Tag Seines irdischen Lebens Seine unwandelbare Liebe auf hoch und niedrig, lieh den Armen und Niedergedrückten denselben Beistand und versah die gleichen Pflichten im Dienst für den Glauben Seines Vaters, wie Er es seit Kindertagen gewohnt war. Am Freitag vor Seinem Heimgang wohnte Er trotz großer Schwäche dem Mittagsgebet in der Moschee bei und verteilte hernach Almosen unter die Armen, wie Er dies immer zu tun pflegte. Er diktierte verschiedene Sendbriefe – Seine letzten –, segnete die Eheschließung eines treuen Dieners, wobei Er darauf bestanden hatte, dass sie an diesem Tage stattfand; dann ging Er zu der üblichen Zusammenkunft der Freunde in Seinem Haus. Am nächsten Tag bekam Er Fieber und war am folgenden Sonntag außerstande, das Haus zu verlassen, schickte aber alle Gläubigen zum Grabmal des Báb zum Besuch eines Festes, das ein Parsí-Pilger aus Anlass des Jahrestages der Erklärung des Bundes veranstaltete. Am gleichen Nachmittag empfing Er trotz zunehmender Schwäche mit stets gleicher liebenswürdiger Höflichkeit den Muftí [muslimischen Rechtsgelehrten], den Bürgermeister und den Polizeichef von Haifa, und ehe Er sich zur Nacht zurückzog – der letzten Seines Lebens –, erkundigte Er sich nach dem Wohlbefinden eines jeden Mitglieds Seines Haushaltes, der Pilger und der Freunde in Haifa.“ 4
Aus der Nacht vor Seinem Heimgang wird berichtet, dass `Abdu´l-Bahá um Mitternacht aufwachte, nach dem Größten Heiligen Blatt rief und sich von allen verabschiedete. Shoghi Effendi schildert bewegende Einzelheiten:
„Nachts um Viertel nach eins stand Er auf und ging zum Tisch in Seinem Zimmer, trank etwas Wasser und legte sich wieder hin. Etwas später bat Er eine Seiner beiden Töchter, die aus Sorge um Ihn wach geblieben waren, das Moskitonetz aufzuschlagen und klagte über Atembeschwerden. Man brachte Ihm etwas Rosenwasser, von dem Er trank, worauf Er sich wieder hinlegte. Als man Ihm etwas zum Essen anbot, sagte Er deutlich: `Ihr wollt, dass ich esse, jetzt, da ich gehe?´ Eine Minute später schwang sich Sein Geist auf zum Flug in die ewige Heimat, um endlich zur Herrlichkeit Seines Vaters versammelt zu werden und die Freude ewiger Vereinigung mit Ihm zu genießen.“ 5
Louise Bosch, eine Pilgerin aus dem Westen, beschreibt in einem Brief an ihre Freundin Ella Cooper die Stunden unmittelbar nach dem Heimgang `Abdu´l-Bahás: „Wir fünf Pilger aus Europa standen in dem Zimmer zusammen mit der Heiligen Familie. Die heilige Mutter (Munírih Khánum, `Abdu´l-Bahás Ehefrau) hielt die Hand meines Mannes, das Größte Heilige Blatt hielt die meine. Nach einer Weile kehrten wir zum Pilgerhaus zurück und ließen die heilige Familie unter sich. Es war noch Nacht – kein Mondschein. Bald danach dämmerte der Morgen, und endlich ging über dem Schauplatz dieser denkwürdigen Nacht mit großer Pracht die Sonne auf. Jetzt gingen wir wieder hinüber zur heiligen Familie. Wir fanden sie ganz erschöpft nach dem übergroßen Schmerz.“ 6

Die „letzte Überlebende“

Bahíyyih Khánum war durch das plötzliche Hinscheiden ihres geliebten Bruders tief erschüttert. Sie nannte Seinen Tod „ein Erdbeben, das die Säulen der Welt erschüttert hat“. Im gleichen Brief legt sie ein herzzerreißendes Zeugnis ab:
„Das war der verheerendste Schlag, die schrecklichste Heimsuchung, das schmerzlichste Unheil. Es war ein Erdbeben, das die Säulen der Welt erschüttert hat. Es erzeugte Tumult und Aufruhr unter den Bewohnern von Himmel und Erde. Diese schreckliche Trennung überkam uns als unentrinnbare Prüfung und trostlose Verfügung. Sie zerstörte alle Hoffnung auf Glück, und alle Freude verging. Dieser Hingang hat die ganze Menschheit in Trauer gehüllt, allen Völkern der Erde hat er Schmerz und Tränen beschert. Sein Blitzstrahl hat die Welt verzehrt und die Herzen ihrer Bewohner getroffen, so dass sie Sackleinen anlegten und sich Asche aufs Haupt streuten. Dieses jähe Unheil hat den Morgen verdunkelt und den hellen Mittag in Nacht verwandelt. Schmerzliches Wehklagen entrang sich unserer Brust, und aus unseren Augen strömte das Lebensblut. Auch die himmlischen Heerscharen ächzten und wehklagten. Ihr Wehgeschrei stieg bis in den höchsten Himmel auf, und die schluchzenden Bewohner der Zelte der Herrlichkeit - der Schock stand ihnen ins Gesicht geschrieben - stimmten Klagelieder an. In Trauer und Tränen, mit zerrissenen Gewändern, ohne Kopfbedeckung und barfuß eilten die Himmelsdienerinnen aus ihren erhabenen, makellosen Gemächern hervor, schrieen auf und seufzten.“ 7
Shoghi Effendi vermittelt weiteren Einblick in die Natur des Verlustes, den das Größte Heilige Blatt erduldete und in ihr zunehmendes Gefühl der Vereinsamung: „Das Hinscheiden `Abdu´l-Bahás war für sie in seiner tragischen Unvermitteltheit ein furchtbarer Schlag, von dem sie sich nie völlig erholte. Für sie war Er, den sie ´Aqá´ (Meister) nannte, stets eine Zuflucht in der Not gewesen. Sie hatte gelernt, auf Ihn ihr ganzes Vertrauen zu setzen. In Ihm hatte sie reichen Ausgleich gefunden für jeden Verlust, für jede erlebte Treulosigkeit und für jeden Undank, den sie von Freunden und Verwandten erfahren hatte.“ 8
Trotz ihres hohen Alters, ihrer zarten Konstitution, ihres persönlichen Schmerzes und ihrer würdevollen Einfachheit stand das Größte Heilige Blatt auf, um in diesem äußerst schwierigen, gefährlichen Zeitabschnitt eine wegweisende Rolle zu spielen.
Kurz nach dem Hinscheiden `Abdu´l-Bahás wurden die in Haifa lebenden Bahá´í geweckt. Sie versammelten sich im Empfangsraum von `Abdu´l-Bahás Haus. Viele weinten und waren in Sorge um das weitere Geschick des Bahá´í-Glaubens nach `Abdu´l-Bahás Tode. In den Erinnerungen an Curtis Kelsey, den jungen amerikanischen Bahá´í, den `Abdu´l-Bahá ins Heilige Land gerufen hatte, um für die Bahá´í-Gärten eine elektrische Beleuchtung zu installieren, wird beschrieben, was Bahíyyih Khánum in dieser schicksalhaften Nacht unternahm:
„Das Größte Heilige Blatt ging ruhig gefasst umher, tröstete die Trauernden und linderte ihren Schmerz. Als Curtis sah, wie sie von einem zum andern ging, hier eine Schulter streichelte, dort eine ausgestreckte Hand hielt, bemerkte er, dass sie die gleiche Stärke zeigte, die `Abdu´l-Bahá ausgestrahlt hatte. Manche spürten das und hielten sich an sie. Ihre Gelassenheit und Ausgeglichenheit, ihr Mitgefühl, das sie uneingeschränkt verströmte, gaben ihm die Gewissheit, dass der Glaube nicht wanken würde. Sie war in diesem Augenblick das Oberhaupt des Glaubens, den ihr teurer Bruder neunundzwanzig Jahre lang so erfolgreich geleitet, für den Er alles hingegeben hatte. Sie war ein Turm der Stärke, um den sich alle scharten, um Halt zu finden.
Indem er das Größte Heilige Blatt beobachtete, traf sich sein Blick mit dem ihren, und sie ging zu ihm. Da er nicht weinte, fragte er sich, warum sie zu ihm kam.
„Kelsey, sagte sie, `würdest du mit Fujita und Khusraw nach `Akká gehen und die Freunde dort vom Heimgang des Meisters unterrichten? Komm danach sofort zurück.´“ 9
Das Größte Heilige Blatt gab nicht nur der Bahá´í-Gemeinde am Ort unmittelbar Trost und Führung, sie war auch der Kanal, durch den die Bahá´í in aller Welt von `Abdu´l-Bahás Hinscheiden unterrichtet und alle Vorkehrungen für Seine Beisetzung getroffen wurden.
Am frühen Morgen des 28. November 1921 telegrafierte Bahíyyih Khánum an die Leitung der Bahá´í-Tempelvereinigung, die Keimzelle des Nationalen Geistigen Rates der Bahá´í der Vereinigten Staaten: „SEINE HEILIGKEIT `ABDU’L-BAHÁ INS REICH ABHÁ AUFGESTIEGEN. INFORMIERT DIE FREUNDE. [GEZEICHNET] GRÖSSTES HEILIGES BLATT.“ Ähnliche Telegramme mit der Mitteilung von `Abdu´l-Bahás Tod gingen an die Bahá´í im Osten und an Regierungsstellen in Palästina. Die Nachricht von `Abdu´l-Bahás plötzlichem, unerwartetem Hinscheiden verbreitete sich, in den Worten Shoghi Effendis, „wie ein Lauffeuer durch die Stadt, wurde sofort telegrafisch weit über die Erde verbreitet und stürzte die Gemeinde der Anhänger Bahá´u´lláhs in Ost und West in tiefe Trauer.“ Daraufhin, so fährt der Hüter fort, strömten „Botschaften von fern und nah, von hoch und niedrig, per Telegramm oder durch Briefpost [herein] und übermittelten den Mitgliedern der leiderfüllten, untröstlichen Familie den Ausdruck des Lobpreises, der Hingabe, des Schmerzes und des Mitgefühls.“ 10
`Abdu´l-Bahás Testament befand sich in einem Umschlag, der die Adresse Seines ältesten Enkels Shoghi Effendi trug, der zu jener Zeit in England an der Universität Oxford studierte. Wahrscheinlich war das Testament dem Größten Heiligen Blatt zur Aufbewahrung anvertraut worden. Daher prüften Bahíyyih Khánum und ausgewählte Familienmitglieder, ob das Testament Anweisungen für die Beisetzung `Abdu´l-Bahás enthalte. Als sich herausstellte, dass das Testament keinen bestimmten Platz für Seine Bestattung angab, entschied man, die sterblichen Überreste `Abdu´l-Bahás in einem der Räume im Schrein des Báb zu bestatten, und alle notwendigen Vorbereitungen für die Beisetzung wurden veranlasst. 11
Der einzigartige Charakter der Beisetzung, ihr Rang und ihre Feierlichkeit sind vom Hüter in der folgenden Beschreibung festgehalten worden:
„Am Begräbnis selbst, das am Dienstag morgen stattfand – ein Begräbnis, wie es Palästina nie zuvor sah – nahmen mindestens zehntausend Menschen aus allen Schichten, Religionen und ethnischen Gruppen des Landes teil. Der Hochkommissar [Sir Herbert Samuel] berichtete später einmal: `Eine große Menschenmenge war zusammengekommen, tief bekümmert über Seinen Tod, aber zugleich froh, dass Er gelebt hatte.´ Sir Ronald Storrs, damals Gouverneur von Jerusalem, schrieb über das Begräbnis: `Nie erlebte ich einen einmütigeren Ausdruck der Trauer und der Hochachtung, als er hier bei der äußerst einfachen Feier zutage trat.´
Der Sarg mit den sterblichen Überresten `Abdu´l-Bahás wurde auf den Schultern Seiner Geliebten zu Seiner letzten Ruhestätte getragen. Der Leichenzug wurde von der Stadtpolizei als Ehrengarde angeführt, anschließend folgten der Reihe nach die Pfadfinder der muslimischen und der christlichen Gemeinden mit ihren Fahnen, dann eine Schar muslimischer Chorsänger, die ihre Verse aus dem Qur´án sangen, die Leiter der muslimischen Gemeinde unter der Führung des Muftí und eine Anzahl Priester der katholischen, der orthodoxen und der anglikanischen Kirche. Hinter dem Sarg gingen die Mitglieder Seiner Familie, der britische Hochkommissar Sir Herbert Samuel, der Gouverneur von Jerusalem Sir Ronald Storrs, der Gouverneur von Phönizien Sir Steward Symes, Beamte der Regierung, in Haifa residierende Konsuln verschiedener Länder, Notabeln* aus Palästina, Muslime, Juden, Christen und Drusen, Ägypter, Griechen, Türken, Araber, Kurden, Europäer und Amerikaner, Männer, Frauen und Kinder. Unter den Klagen und dem Schluchzen manch kummerbeladenen Herzens bewegte sich der lange Trauerzug langsam den Hang des Karmel hinauf zum Grabmal des Báb.
Nahe dem östlichen Eingang zum Schrein wurde der Sarg auf einen schlichten Tisch gestellt, und vor der großen Trauergemeinde hielten neun Sprecher als Vertreter der muslimischen, jüdischen und christlichen Glaubensbekenntnisse, darunter auch der Muftí von Haifa, ihre Trauerreden. Danach trat der Hochkommissar an den Sarg und erwies `Abdu´l-Bahá gesenkten Hauptes vor dem Schrein die letzte Ehre; die anderen Beamten der Regierung folgten seinem Beispiel. Dann wurde der Sarg in einen Raum des Schreins gebracht und dort ernst und ehrerbietig an seinem letzten Ruheplatz in einer Gruft neben derjenigen, in der die Gebeine des Báb liegen, beigesetzt.“ 12
Beschreibungen der triumphartigen Leichenprozession und Berichte über die bewegenden Trauerreden der Würdenträger wurden den Frauen der heiligen Familie zugeleitet, die wegen der herrschenden gesellschaftlichen und kulturellen Gepflogenheiten leider nicht an `Abdu´l-Bahás Begräbnis teilnehmen konnten. Louise Bosch, eine Pilgerin aus Amerika, schrieb an ihre Freundin Ella Cooper, „die Frauen aus dem heiligen Haushalt freuten sich über all die Ansprachen, als sie davon hörten, und nachdem sie sie gelesen hatten, zitierten sie das arabische Sprichwort: `Das Gute ist wirklich wahr, wenn es sogar vom Feind bezeugt wird.´“13
In den Tagen unmittelbar nach `Abdu´l-Bahás Heimgang empfingen die Frauen aus Seinem Haushalt von morgens bis abends Besuche von weinenden Syrerinnen, Türkinnen und Araberinnen, die ihre Anteilnahme zeigten, wie es im Lande üblich war. Manchmal konnten sie sich aber zwischendurch heimlich zurückziehen und Sein Grab in einem Raum im Schrein des Báb besuchen. 14
Der damals anwesende amerikanische Pilger John Bosch beschreibt, wie er bei seinem Aufstieg zum Schrein am Berg Karmel vor sich eine verschleierte Frau sah, die langsam und beschwerlich ging. Sie erschien ihm über die Maßen abgespannt, und er überlegte einen Moment lang, ob es für ihn schicklich wäre zu versuchen, sie zu unterstützen. Aus Mitgefühl und Höflichkeit ging er ohne Zögern heran, ergriff die Frau am linken Arm und half ihr, den steilen Hang hinaufzusteigen. Plötzlich schlug die Gestalt den Schleier zurück und blickte ihm tief in die Augen. Mr. Bosch notiert seine erschreckte Reaktion und beschreibt, was dann geschah: „Ich blickte in die wunderbarsten blauen Augen – die Augen eines Engels. Es ist sehr schwer, das Aussehen eines Engels zu schildern oder zu erklären. Ich dachte wirklich, dass sie eine junge Frau war.“ Als er später zum Pilgerhaus zurückkehrte, wurde Mr. Bosch von einer der Perserinnen besucht, die ihm die tiefe Wertschätzung des Größten Heiligen Blattes übermittelte für die Unterstützung, die er ihr gewährt hatte. 15
Bei all ihrer Trauer widmete sich das Größte Heilige Blatt als Vorstand von `Abdu´l-Bahás Haushalt der Vielfalt der Aufgaben, die in den Tagen unmittelbar nach `Abdu´l-Bahás Hinscheiden ihre Aufmerksamkeit erforderten. Der Hüter beschreibt einige dieser Tätigkeiten: „In der Woche nach Seinem Hinscheiden wurden täglich fünfzig bis hundert Arme von Haifa in Seinem Hause gespeist, und in Seinem Namen wurde am siebten Tag unter etwa tausend von ihnen Korn verteilt, ohne Ansehen der ethnischen oder Glaubenszugehörigkeit. Am vierzigsten Tag veranstaltete man eine eindrucksvolle Feier zu Seinem Gedächtnis, zu der über sechshundert Teilnehmer aus Haifa, `Akká und angrenzenden Gebieten Palästinas und Syriens geladen waren, darunter Beamte und Notabeln unterschiedlicher religiöser und ethnischer Herkunft. Und an diesem Tag wurden auch über hundert Arme gespeist.“ 16
Eine Pilgerin aus dem Westen bezeugt, dass die Gedenkfeier ausschließlich von den Mitgliedern von `Abdu´l-Bahás Haushalt ausgerichtet wurde. Sie beschreibt dieses denkwürdige Ereignis, das im Hause `Abdu´l-Bahás stattfand:
„Die langen Tische waren mit rankenden Bougainvilleazweigen geschmückt, deren hübsche purpurne Blüten zusammen mit dem Weiß der Narzissen und dem Goldgelb der in großen Schalen aufgetischten Orangen aus dem Garten des geliebten Meisters in den weiten, hohen Räumen ein liebliches Bild ergaben. Im übrigen waren die Zimmer nur mit der gedämpften Farbenpracht erlesener persischer Teppiche geschmückt. Keine überflüssigen Nippessachen beeinträchtigten die herrschende schlichte Würde. ...
Nach dem Lunch kamen die Gäste in den großen Empfangsraum, der auch ohne Schmuck war, abgesehen von dem Bildnis Dessen, zu Dessen Ehren man sich versammelt hatte, sowie einigen antiken persischen Gobelins an einer Wand. Davor war ein Rednerpult aufgestellt, von wo aus Ansprachen an die gedrängte Schar der stillen, andächtigen Zuhörer gerichtet wurden, die mit Herz und Seele lauschten.
Der Gouverneur von Phönizien sagte in seinem Nachruf folgendes: ’... Die meisten von uns, glaube ich, haben ein klares Bild von Sir `Abdu´l-Bahá Abbás vor Augen: Seine würdevolle Gestalt, wie sie gedankenvoll durch unsere Straßen geht, Seine höfliche, gütige Art, Seine Freundlichkeit, Seine Liebe zu kleinen Kindern und zu Blumen, Seine Freigebigkeit und Fürsorge für die Armen und Leidenden. So bescheiden war Er und so einfach, dass man in Seiner Gegenwart fast vergaß, dass Er auch ein großer Lehrer war, und dass Seine Schriften und Gespräche Hunderten und Tausenden von Menschen in Ost und West Trost und Erleuchtung brachten. ...’“17

Eine Zeit erneuter Sorgen

`Abdu´l-Bahás Tod verursachte bei vielen Bahá´í im Heiligen Land und in aller Welt tiefe Besorgnis über die Zukunft des jungen Glaubens. Sie machten sich Gedanken, wer `Abdu´l-Bahás Nachfolger sein könne. Einige fürchteten, `Abdu´l-Bahás Halbbruder Mírzá Muhammad-`Alí, der nach dem Hinscheiden Bahá´u´lláhs die Bestimmungen Seines Bundes gebrochen hatte, könnte versuchen, seinen Führungsanspruch in der Gemeinde zu erneuern. Mírzá Muhammad-`Alí hatte die in Bahá´u´lláhs Testament verfügte Ernennung `Abdu´l-Bahás zum Oberhaupt des Glaubens nicht anerkannt und dermaßen zerstörerische Umtriebe angezettelt, dass er seine Bindung an die Bahá´í-Gemeinde gelöst hatte. Einzelheiten über seine Intrigen und seine Angriffe auf den Bund sind in einem früheren Kapitel dargestellt worden.
Durch `Abdu´l-Bahás plötzlichen Heimgang dreist geworden, nutzte Mírzá Muhammad-`Alí die Chance, seinen Führungsanspruch im Glauben wieder einzubringen. Und so wird tatsächlich berichtet, dass er wenige Tage nach `Abdu´l-Bahás Tod am Haus des Meisters eintraf und Einlass begehrte. Die Nachricht von seiner Ankunft wurde dem Größten Heiligen Blatt durch einen Wächter übermittelt. Ihr Großneffe Rúhí Effendi überbrachte ihre Antwort: „Unsere Vielgeliebte erlaubt es nicht und wünscht es nicht, dass du hereinkommst, und wenn du kommst, wirst du unser Leid vergrößern.“ Daraufhin ging Muhammad-`Alí weg. Aber er war jetzt aktiv bestrebt, seinen Führungsanspruch wieder geltend zu machen, sowohl durch Presseartikel als auch durch gewissenlose Appelle an einzelne Bahá´í in verschiedenen Ländern – vor allem in Ägypten, Persien und Nordamerika –, ihn als rechtmäßigen Nachfolger Bahá´u´lláhs zu akzeptieren.18
Erfüllt vom Geist des Gottesbundes übernahm Bahíyyih Khánum einen Hauptteil der Verantwortung für die Ergreifung von Maßnahmen, um den Bahá´í-Glauben in aller Welt vor den Angriffen der Bundesbrecher zu schützen und die weitere Einheit und Standhaftigkeit der Gemeinde zu sichern. Im Bewusstsein der drohenden Gefahren richtete sie nicht nur Warnungen an die Gläubigen, in denen sie sie auf die kommende Zeit der Prüfungen vorbereitete, sondern gab ihnen auch Ratschläge, wie sie vorgehen sollten, um mit den erwarteten Angriffen fertig zu werden. Ihr Telegramm an den Vorstand der Bahá´í-Tempelvereinigung, das am 14. Dezember 1921 eintraf, zeigt ihr realistisches Verständnis vom Ernst der Situation: „JETZT IST EINE ZEIT GROSSER PRÜFUNGEN. DIE FREUNDE SOLLTEN IN DER VERTEIDIGUNG DER SACHE FEST UND EINIG SEIN. NAKEZEEN [BUNDESBRECHER] STARTEN WELTWEIT UMTRIEBE ÜBER DIE PRESSE UND ANDERE KANÄLE. WÄHLT EINEN AUSSCHUSS AUS KLUGEN KÜHLEN KÖPFEN UM MIT DEM PRESSEFELDZUG IN AMERIKA FERTIG ZU WERDEN.“ Einige Monate später schildert sie in einem Brief an einen Gläubigen im Osten, wie die Feinde des Glaubens das Hinscheiden `Abdu´l-Bahás genutzt hätten, um ihren Anspruch auf Führerschaft geltend zu machen und um zu versuchen, die Gemeinde zu unterminieren. Sie schreibt:
„Und jetzt, in einer solchen Zeit, der Zeit unseres Leides und tiefen Kummers, in der Absicht, von der Verhüllung der Sonne des Bundes und des Mondes geistiger Eintracht zu profitieren, ergreift die Triebfeder des Unheils, der Mittelpunkt des Aufruhrs [Muhammad-`Alí], seine scheinbar einmalige Chance, zettelt eine heftige Verschwörung an und beginnt, mit der Unterstützung des zweiten Anführers [Muhammad-`Alís Bruder Mírzá Badí´u´lláh], die ausgefallensten, bösartigsten Anschuldigungen zu verbreiten. Tag und Nacht schürt er emsig Unruhe und führt Anschläge und Winkelzüge durch, die im einzelnen aufzuzählen zu lange dauern würden. ...19
Diese Zeit der Sorge dauerte etwa vierzig Tage. Sie endete mit der Verkündigung durch das Größte Heilige Blatt, dass Shoghi Effendi gemäß der Bestimmungen in `Abdu´l-Bahás Testament zum Hüter des Bahá´í-Glaubens ernannt sei. 20
In dieser kritischen Periode diente das Größte Heilige Blatt als Kontaktstelle zwischen der Heiligen Familie und den Bahá´í in aller Welt. An sie wandten sich einzelne Gläubige und Bahá´í-Institutionen mit ihren Anfragen. Die Telegramme und Briefe, die sie verschickte, wurden von den Freunden als Rettungsleine erlebt, als greifbare Zusicherung, dass sie nach `Abdu´l-Bahás Hinscheiden nicht von der Quelle der Führung abgeschnitten waren. Als zum Beispiel die amerikanischen Freunde anfragten, ob aus Anlass von `Abdu´l-Bahás Heimgang ein besonderer Gedenkgottesdienst geplant sei, kam als Antwort folgendes Telegramm: „GEDENKFEIER WELTWEIT SIEBTER JANUAR .“ 21
Bahíyyih Khánum war nicht nur die Instanz unmittelbarer Führung; noch wichtiger war, dass sie die Bahá´í-Welt über die Existenz von `Abdu´l-Bahás Testament unterrichtete und über die darin enthaltenen Vorkehrungen für die Leitung der Glaubensgemeinde nach Seinem Hinscheiden. In einem Telegramm an den Vorstand der Tempelvereinigung in Chicago lesen wir unter anderem: „MEISTER GAB IN WILLE UND TESTAMENT UMFASSENDE WEISUNG. ÜBERSETZUNG FOLGT. INFORMIERT FREUNDE. [GEZEICHNET] GRÖSSTES HEILIGES BLATT.“ 22
Für die Bahá´í-Gemeinde, die sich um die Zukunft ihres Glaubens sorgte, war die offizielle Bekanntgabe des Größten Heiligen Blattes an die Bahá´í-Welt, dass es ein Testament von `Abdu´l-Bahá gab, gewiss ein großer Quell der Freude und der Beruhigung.
Die Familienmitglieder und die Pilger, die sich in dieser Zeit in Haifa aufhielten, wussten, dass `Abdu´l-Bahá einen Umschlag hinterlassen hatte, der an Seinen damals nicht im heiligen Land anwesenden ältesten Enkelsohn Shoghi Effendi adressiert war. In Briefen an die Bahá´í in den Vereinigten Staaten wurde das Vorhandensein von `Abdu´l-Bahás Testament und die Tatsache, dass die Voraussetzung für die Verlesung des Testaments die Rückkehr Shoghi Effendis sei, erwähnt. Diese Briefe zeugen auch von der Spannung, mit der die Familie seine Rückkehr erwartete. 23

Die Bekanntgabe von Shoghi Effendis Ernennung

Bei `Abdu´l-Bahás Heimgang war Shoghi Effendi vierundzwanzig Jahre alt. Nach Beendigung seines Studiums an der Amerikanischen Universität in Beirut hatte er zwei Jahre in engster Nähe zu seinem geliebten Großvater in Haifa verbracht. Er hatte als Übersetzer für `Abdu´l-Bahás Sendschreiben und Briefe gedient, hatte `Abdu´l-Bahá auf Seinen Besuchen bei religiösen Würdenträgern begleitet und Seine Kontakte mit hohen Regierungsbeamten, Seine Beziehungen mit den Armen und die Art, wie Er die Arbeit der sich entfaltenden Bahá´í-Gemeinde lenkte, verfolgt.
Im Frühjahr 1920 hatte Shoghi Effendi das Heilige Land verlassen, um im weiteren Verlauf des Jahres seine Studien an der Universität Oxford in England aufzunehmen. Da es sein Hauptziel war, sich der Übersetzung der Bahá´í-Schriften ins Englische zu widmen, hatte er Studiengänge ausgewählt, die sein Weltverständnis bereicherten und seine Beherrschung des Englischen verbesserten. Durch den unerwarteten Tod seines Großvaters wurden diese Studien jäh unterbrochen. 24
Die Nachricht von `Abdu´l-Bahás Tod wurde den Bahá´í in London am 29. November 1921 vom Größten Heiligen Blatt telegrafisch übermittelt. Shoghi Effendi wurde etwas später am gleichen Tag informiert. Er war von der plötzlichen Mitteilung und von dem übergroßen Verlust völlig erschüttert.
Shoghi Effendis Rückkehr ins Heilige Land verzögerte sich zunächst durch seinen Gesundheitszustand und dann durch Schwierigkeiten, die notwendigen Reisedokumente zu beschaffen. Am 16. Dezember 1921 reiste er per Schiff aus England ab, begleitet von seiner Schwester Rúhangíz und von Lady Blomfield, einer treuen englischen Bahá´í, die mit der Familie `Abdu´l-Bahás seit langem eng verbunden war. Das Schiff legte in Ägypten an, und man reiste mit dem Zug weiter. Am 29. Dezember, einen Monat nach `Abdu´l-Bahás Hinscheiden, traf die Gruppe in Haifa ein. In der Biographie von Shoghi Effendi beschreibt seine Witwe Rúhíyyih Khánum die Ankunft und seine Wiedervereinigung mit dem Größten Heiligen Blatt:
„Viele Freunde gingen zum Bahnhof, um ihn abzuholen. Es wird berichtet, dass er bei seiner Ankunft an des Meisters Haus so ergriffen war, dass man ihm beim Ersteigen der Treppe behilflich sein musste. Im Haus erwartete ihn die einzige Person, die sein Leid irgendwie mildern konnte: Seine geliebte Großtante, `Abdu´l-Bahás Schwester. Sie – die immer so schwach, so ruhig, so bescheiden war – hatte sich schon in den zurückliegenden Wochen als starker Fels gezeigt, an den sich die Gläubigen in dem Sturm anklammerten, der so plötzlich über sie hereingebrochen war. Der Rang ihrer Seele, ihre Erziehung, ihre Stufe machten sie tauglich für die Rolle, die sie in dieser äußerst schweren, gefahrvollen Zeit in der Sache und in Shoghi Effendis Leben spielte.“ 25
Wie schon erwähnt, war `Abdu´l-Bahás Testament an Shoghi Effendi gerichtet. Das Größte Heilige Blatt hatte die Bahá´í-Welt zwar davon in Kenntnis gesetzt, dass es ein Testament `Abdu´l-Bahás gab, aber Seine Verfügungen waren noch nicht bekannt, da die Person, an die es gerichtet war, es eröffnen und seinen Inhalt zur Kenntnis nehmen musste. Ein paar Tage nach Shoghi Effendis Rückkehr wurde ihm das Testament vorgelesen. Ganz offensichtlich war er in keiner Weise vorbereitet auf das, was er erfuhr. Seine Reaktion auf seine Einsetzung als Hüter des Bahá´í-Glaubens, als der ernannte Nachfolger `Abdu´l-Bahás, ist im folgenden Bericht seiner Witwe Ruhíyyih Khánum festgehalten:
„Um die Wirkung, die dies auf ihn hatte, auch nur ein wenig zu verstehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, dass er selbst bei mehr als einer Gelegenheit nicht nur mir, sondern auch anderen, die mit am Tisch im westlichen Pilgerhaus saßen, versicherte, dass er vorher keine Ahnung von der Existenz der Institution des Hütertums gehabt habe, am allerwenigsten davon, dass er zum Hüter ernannt war. Allenfalls hatte er vielleicht erwartet, dass `Abdu´l-Bahá ihm, da er der älteste Enkel war, Anweisungen zur Wahl des Universalen Hauses der Gerechtigkeit hinterlassen und ihn als die Person eingesetzt hätte, die für die Einhaltung dieser Anweisungen zu sorgen und die Wahlversammlung einzuberufen hätte.“ 26
Nach der Verlesung des Testaments vor Shoghi Effendi wurden die darin enthaltenen Bestimmungen nach und nach der Bahá´í-Gemeinde und den Regierungsbeamten im Heiligen Land mitgeteilt. Am 3. Januar 1922 wurde `Abdu´l-Bahás Testament „neun Männern, zumeist Familienangehörigen `Abdu´l-Bahás, laut vorgelesen, und die Siegel und Unterschriften, die es trug, sowie Seine eigene Handschrift wurden ihnen gezeigt." Der Hüter beauftragte einen von ihnen, einen Bahá´í aus Persien, eine getreue Abschrift des Testamentes zu erstellen, und diese wurde einige Tage danach vom Größten Heiligen Blatt an die Bahá´í in Persien gesandt. Am 7. Januar 1922 wurde `Abdu´l-Bahás Testament in Seinem Haus in Gegenwart von Bahá´í aus Persien, Indien, Ägypten, England, Italien, Deutschland, Amerika und Japan verlesen. 27
Über diese zweite Versammlung hat der Biograph von Curtis Kelsey folgendes festgehalten:
„... eine große Versammlung drängte sich in den Empfangsraum im Haus des Meisters, um die Verlesung des Testaments anzuhören. Der Text war klar: Shoghi Effendi war zum Hüter des Glaubens und zum alleinigen Ausleger der Offenbarung auf Erden ernannt, zum Oberhaupt einer Weltreligion, die den göttlichen Auftrag hatte, die Menschheit aus dem Treibsand des Materialismus hinauf zu den begrünten Höhen der Geistigkeit zu heben und den Menschen allerorten zu helfen, die Realität der Einheit der Menschheit zu begreifen und sie in ihr eigenes Dasein zu integrieren; eine globale Gesellschaft zu errichten, konstruiert nach den Plänen, die von Gott gesandt und uns durch Bahá´u´lláh übermittelt wurden – ein gewaltiges Unternehmen. Kein Wunder, dass Shoghi Effendi, diese empfindsame Seele, erschüttert war und mehrere Tage lang das Bett hüten mußte, unfähig, etwas zu sich zu nehmen. Das Gewicht der Welt war ihm auf die Schultern gelegt worden, ihm, der nur dem Meister dienen wollte, der Sein Übersetzer sein wollte, der niemals eine Führungsrolle im Glauben angestrebt oder an eine solche Möglichkeit gedacht hatte. Diesem bescheidenen, strahlenden jungen Mann wurde nun der Mantel der Führung der Sache Gottes übergeben.
Viele von denen, die die Verlesung von des Meisters Testament angehört hatten, blieben fast den ganzen Tag im Haus `Abdu´l-Bahás, studierten sorgfältig jeden Satz und suchten etwas Klarheit darüber zu gewinnen, wohin der Glaube sich bewegte. Curtis erinnerte sich, dass er, als die Zusammenkunft beendet war, einige Männer sah, die weinend fortgingen. Es waren Freudentränen; denn mit der Ernennung Shoghi Effendis zum Hüter hatte der Meister die Zukunft der Sache Gottes beschützt.“ 28
Shoghi Effendi war bei der Verlesung des Testaments an die Familienangehörigen nicht anwesend, auch nicht bei dessen offizieller Vorstellung vor der ausgewählten Gruppe von Bahá´í, die in Haifa zugegen waren. Ebensowenig wohnte er der öffentlichen Gedenkfeier bei, die nach Landessitte für Verstorbene vierzig Tage nach ihrem Tode abgehalten wurde. Von dieser Gedenkfeier wird folgendes berichtet:
„Die Gäste wünschten sehr, dass Shoghi Effendi einige Worte an sie richte, und einer der Freunde überbrachte ihm diese Botschaft. Shoghi Effendi hielt sich bei dem Größten Heiligen Blatt in deren Zimmer auf. Er sagte, dass er zu traurig und erschüttert sei, um dieser Bitte zu entsprechen und schrieb statt dessen in aller Eile einige Worte auf, die an seiner Statt verlesen werden sollten. Darin drückte er die von Herzen kommende Dankbarkeit seiner selbst und von `Abdu´l-Bahás Familie für die Anwesenheit des Gouverneurs und der Redner aus, die mit ihren aufrichtigen Worten „Sein heiliges Andenken in unseren Herzen wieder aufleben ließen... Ich wage die Hoffnung zu äußern, dass wir, Seine Verwandten und Seine Familie, uns durch unsere Taten und Worte des ruhmreichen Beispiels würdig erweisen werden, das Er uns vorgelebt hat, und dadurch Ihre Wertschätzung und Liebe verdienen werden. Möge Sein unwandelbarer Geist mit uns allen sein und uns für immer miteinander verbinden.“ Zu Beginn dieser Botschaft sagt er: „Der Schlag war zu unerwartet und zu schmerzlich für meine jungen Jahre, als dass ich an dieser Versammlung der Geliebten des vielgeliebten `Abdu´l-Bahá teilnehmen könnte.“29
Nachdem das Testament vor den Gläubigen aus aller Welt, die an `Abdu´l-Bahás Beisetzung teilgenommen hatten, verlesen war, verkündete das Größte Heilige Blatt der Bahá´í-Welt seine Bestimmungen und die Ernennung Shoghi Effendis. Am 7. Januar wurden zwei Telegramme nach Persien gesandt mit folgendem Wortlaut: „GEDENKFEIERN HABEN AUF DER GANZEN WELT STATTGEFUNDEN. DER HERR ALLER WELTEN HAT IN SEINEM WILLEN UND TESTAMENT SEINE VERFÜGUNGEN OFFENBART. KOPIE FOLGT. INFORMIERT DIE GLÄUBIGEN.“ Und: „WILLE UND TESTAMENT ERHEBT SHOGHI EFFENDI MITTELPUNKT SACHE.“ Am16. Januar ging folgendes Telegramm an die Vereinigten Staaten: „TESTAMENT ERNENNT SHOGHI EFFENDI HÜTER DER SACHE UND OBERHAUPT HAUS DER GERECHTIGKEIT. INFORMIERT AMERIKANISCHE FREUNDE. (GEZEICHNET) GRÖSSTES HEILIGES BLATT.“ Bald nach dem Versand der Telegramme verschickte Shoghi Effendi acht ausgewählte Abschnitte aus `Abdu´l-Bahás Testament an die Bahá´í. 30
Die Nachricht von den eindeutigen Verfügungen des Testaments über die Ernennung Shoghi Effendis zum Hüter der Sache und Ausleger der Schrift wurde in der ganzen Bahá´í-Welt mit Freude aufgenommen. Es gab jedoch einige wenige, die `Abdu´l-Bahás Tod als Gelegenheit betrachteten, in der Religion zu Ansehen und Macht zu gelangen. Zunächst kam die wichtigste Gegnerschaft von Mírzá Muhammad-`Alí und seinen Kohorten. Dieser treulose Halbbruder `Abdu´l-Bahás versuchte nicht nur, seinen Führungsanspruch unter den Bedingungen von Bahá´u´lláhs Testament – das er schon zu `Abdu´l-Bahás Lebzeiten verletzt hatte – erneut geltend zu machen, sondern er bereitete dem Hüter auch große Schwierigkeiten, indem er die Obhut über den Schrein Bahá´u´lláhs an sich brachte. Ruhíyyih Khánum schreibt:
„Kurz nach dem Heimgang `Abdu´l-Bahás reichte dieser unzufriedene, niederträchtige Halbbruder (er, der vorspiegelte, er habe noch ein Anrecht auf die Nachfolge Bahá´u´lláhs!) eine Forderung aufgrund islamischen Rechts auf einen Anteil an dem Grundstück `Abdu´l-Bahás ein, da er Sein Bruder sei. Er hatte seinen Sohn – der in Amerika lebte und dort den Anspruch seines Vaters verfocht – kommen lassen, damit sie diesen neuen direkten Angriff auf den Meister und Seine Familie gemeinsam führten. Nicht zufrieden mit diesem neuen Beweis seiner wahren Natur, stellte er bei den Zivilbehörden den Antrag, ihm die Obhut über den Schrein Bahá´u´lláhs zu übertragen, da er `Abdu´l-Bahás rechtmäßiger Nachfolger sei. Die britischen Behörden wiesen dies zurück, da es sich offenbar um eine religiöse Angelegenheit handelte. Daraufhin wandte er sich an das religiöse Oberhaupt der Muslime und forderte den Mufti von ’Akka auf, die offizielle Betreuung von Bahá´u´lláhs Schrein zu übernehmen. Dieser Oberhirte sagte jedoch, er sehe nicht, wie er das tun könne, da die Bahá´í-Lehren sich nicht im Einklang mit dem Recht der Shariah befänden. Nachdem alle Versuche fehlgeschlagen waren, schickte er seinen jüngeren Bruder Badiullah mit einigen Anhängern zum Schrein Bahá´u´lláhs, wo sie am Dienstag, dem 30. Januar, dem Bahá´í-Wachmann gewaltsam die Schlüssel zum Heiligen Grab entwendeten und so Muhammad-`Alís Recht bekräftigten, der gesetzliche Hüter von seines Vaters Ruhestätte zu sein. Dieser skrupellose Akt verursachte eine solche Erregung in der Bahá´í-Gemeinde, dass der Gouverneur von ’Akka Order gab, die Schlüssel bei den Behörden abzuliefern, und am Schrein Wachposten aufstellte. Er ging aber nicht weiter und weigerte sich, die Schlüssel einer der beiden Parteien zu überlassen.“ 31
Dieser beängstigende Zustand zog sich über mehrere Monate hin und bereitete Shoghi Effendi und dem Größten Heiligen Blatt viel Kummer und Sorge.
In den ersten Monaten seiner Amtszeit führte Shoghi Effendi ausgedehnte Besprechungen mit einer Anzahl erfahrener Bahá´í aus verschiedenen Teilen der Welt, die er ins Heilige Land einlud, um mit ihnen darüber zu beraten, wie die Grundlage für die Bildung des Universalen Hauses der Gerechtigkeit zu schaffen sei. Es zeigte sich sehr bald, dass die Errichtung dieser Institution von einer Voraussetzung abhing: Der Wahl örtlicher und nationaler Institutionen in Ländern, in denen Bahá´í lebten. Sobald der Hüter zu diesem Schluss gekommen war, nahm er sofort hellsichtige Maßnahmen in Angriff, mit denen Prozesse in Gang kamen, die schrittweise zur Errichtung von Institutionen der administrativen Ordnung des Glaubens führten, wie in `Abdu´l-Bahás Testament vorgesehen. 32
Shoghi Effendi ließ die Teilnehmer in ihre Heimatländer zurückkehren und die Bildung Örtlicher Geistiger Räte sowie die Errichtung nationaler Gremien vorbereiten. Zum Beispiel sollten die beiden anwesenden Amerikaner ihrer bevorstehenden Bahá´í-Nationaltagung übermitteln, dass der Vorstand der Bahá´í-Tempelvereinigung in einen Nationalen Geistigen Rat umgewandelt werden solle, dem die Leitung der nationalen Belange der amerikanischen Bahá´í-Gemeinde zu übertragen sei. Diese embryonale nationale Körperschaft wurde im April 1922 gewählt. 33
Einer der heimkehrenden Teilnehmer dieser ersten Beratungen mit dem Hüter berichtete der amerikanischen Nationaltagung seine Eindrücke von diesem Treffen:
„... zu diesem Besuch hatte uns Shoghi Effendi eingeladen. In Haifa trafen wir Bahá´í aus Persien, Indien, Birma, Ägypten, Italien, England und Frankreich. ...Bei der Ankunft überkam mich sehr stark der Eindruck, dass Gott im Himmel und die Welt in guten Händen ist. ... Wir trafen Shoghi Effendi, der ganz in Schwarz gekleidet war, eine rührende Gestalt. Überlegt nur, wofür er heute steht! Alle die verwickelten Probleme der großen Staatsmänner der Welt sind ein Kinderspiel im Vergleich mit den großen Problemen dieses jungen Mannes, vor dem die Probleme der ganzen Welt liegen. ... Niemand macht sich eine Vorstellung von seinen Schwierigkeiten, die außergewöhnlich sind. ... der Meister hat uns nicht verlassen. Sein Geist ist unter uns mit vergrößerter Intensität und Macht. ... Im Mittelpunkt dieser Ausstrahlung steht dieser junge Mann, Shoghi Effendi. ... In Seiner großen Weisheit hat uns Gott diesen zentralen Führungsort gewährt, um schwierige Probleme zu lösen. Diese Probleme – mit unseren vergleichbar – kommen zu ihm aus allen Teilen der Welt. Er behandelt und löst sie auf ganz ungezwungene Weise. ... Die durch Bahá´u´lláh und `Abdu´l-Bahá niedergelegten großen Grundsätze finden jetzt eine Grundlage in der äußeren Welt des Gottesreiches auf Erden. Diese Grundlage wird heute, mit großer Gewissheit und Bestimmtheit, von Shoghi Effendi in Haifa gelegt.“ 34

Die zunehmenden Auswirkungen von Shoghi Effendis Schmerz, die mit seiner – in Übereinstimmung mit ’Abdu’l Bahás Testament erfolgten – unerwarteten Ernennung zum Rang des Hüters verbundenen Herausforderungen, dazu das Bewusstsein vom Gewicht der mit diesem Hütertum verknüpften Verantwortung: Alles zusammen zehrte enorm an der schon angeschlagenen Gesundheit und physischen Resistenz des jungen Hüters. Noch hinzu kam, dass die erneuerten Umtriebe der Bundesbrecher vor allem im Heiligen Land eine instabile Situation erzeugten, die keineswegs abgeschwächt wurde durch die zwiespältige Haltung der örtlichen Bevölkerung gegenüber einem so jungen Mann als Nachfolger der ehrwürdigen Gestalt `Abdu´l-Bahás, mit der sie vertraut waren. Das alles machte die Situation noch schwieriger.
Unter diesen Umständen entschloss sich Shoghi Effendi, das Heilige Land zeitweilig zu verlassen, um, wie er hoffte, zu beten und auszuruhen, Kraft und Zuversicht zu sammeln, bevor er zu seinen Pflichten am Weltzentrum des Glaubens zurückkehrte. Vor seiner Abreise vertraute er die Gesamtleitung des Glaubens der Obhut seiner geliebten Großtante, des Größten Heiligen Blattes an, „deren Charakter, Stufe und Liebe zu ihm sie zu seiner Stütze und zugleich zu seiner Zuflucht machten“. Dazu ordnete der Hüter noch an, dass Mitglieder der Heiligen Familie sie bei der Übernahme dieser schweren Verantwortung unterstützen sollten. 35
Wie sehr Shoghi Effendi in dieser kritischen Zeit von Bahíyyih Khánums Ermutigung und Stärke zehrte, verdeutlicht folgender Auszug aus einem Brief, der bei ihrem Hinscheiden im Jahr 1932 geschrieben wurde: „Nach dem Aufstieg `Abdu´l-Bahás zum Reich des Allherrlichen schloss mich dieses Licht der Himmlischen Heerscharen, hilflos wie ich war, in die Umarmung ihrer Liebe ein, und mit unvergleichlicher Barmherzigkeit und Zärtlichkeit überzeugte und führte sie mich und trieb mich an zu den Erfordernissen des Dienens. Jede Zelle dieses gebrechlichen Wesens war durchtränkt von ihrer Liebe, belebt durch ihre Menschlichkeit, getragen von ihrem unsterblichen Geist. Niemals werde ich ihre Liebesbeweise und Wohltaten auch nur für einen Augenblick vergessen, und ihre Wirkung auf dieses leidgeprüfte Herz wird auch nach Monaten und Jahren nicht verblassen.“ 36
Die Entscheidung des Hüters, das Heilige Land zu verlassen, wurde Anfang April mit folgendem Brief bekanntgegeben:
„Nach dem schmerzlichen Ereignis und großen Schicksalsschlag, dem Aufstieg Seiner Heiligkeit `Abdu´l-Bahás ins Reich Abhá, ist dieser Diener so von Schmerz und Leid heimgesucht und in die Unruhen, die die Feinde der Sache Gottes bereiten, verstrickt, dass ich meine Anwesenheit hier zu diesem Zeitpunkt und in solcher Atmosphäre für nicht im Einklang mit der Erfüllung meiner wichtigen, heiligen Verpflichtungen halte.
Aus diesem Grund habe ich, da ich nichts anderes tun konnte, die Belange der Sache Gottes innerhalb wie außerhalb des Heiligen Landes für eine gewisse Zeit unter die Aufsicht der Heiligen Familie und die oberste Leitung durch das Größte Heilige Blatt gestellt, bis ich durch die Gnade Gottes Gesundheit, Stärke, Selbstvertrauen und geistige Energie erlangen und die Arbeit des Dienstes, wie es mein Ziel und mein Wunsch ist, gänzlich und unwiderruflich selbst in die Hand nehmen werde, womit sich mein höchstes geistiges Hoffen und Sehnen erfüllt haben wird.“ 37
Von seinem ältesten Cousin begleitet, brach Shoghi Effendi am 5. April 1922 von Haifa nach Europa auf. Im Dezember 1922 kehrte er ins Heilige Land zurück. Erholt und gestärkt ergriff er die Zügel der Sache Gottes und widmete sich ihrer Ausbreitung und Festigung in aller Welt. 38


Kapitel 5: Ihre Rolle während Shoghi Effendis Abwesenheit
Für Jürgen: eventuell sind hier die Anmerkungen z.T. falsch angelegt (guckst Du... da sind Anmerkungen (sowohl *- als auch Ziffer-Anmerk.), wo das Feld lehr bleibt, wenn ich Cursor draufhalte) Und die *-Anmerkungen rücken nicht auf ihren rechtmäßigen Platz ---- etc. pp [(- eventuell wie überall -??)]

Bahíyyih Khánum spielte in der Anfangsphase des Gestaltenden Zeitalters der Bahá´í-Religion eine entscheidende Rolle. Dieses Zeitalter ist mit dem Aufgang und der Errichtung der Bahá´í-Gemeindeordnung verbunden, des Systems, das die Bahá´í-Schriften für die Verwaltung der Bahá´í-Weltgemeinde ausdrücklich vorsieht. Die Charta, die diese Gemeindeordnung genau festlegt, ist nichts anderes als `Abdu´l-Bahás Testament. Durch ihr tiefes Verständnis dieses zukunftsträchtigen Dokumentes und ihr unbeirrbares Festhalten an seinen Bestimmungen, durch ihre lückenlose, liebende Unterstützung für den ernannten Hüter Shoghi Effendi und ihr Bemühen, den Gläubigen die Bedeutung des Bundes bewusst zu machen, hat das Größte Heilige Blatt dazu beigetragen, die Bahá´í-Welt auf ihren Übergang vom Heroischen in das Gestaltende Zeitalter des Glaubens vorzubereiten.
Im vorliegenden Kapitel beginnt unsere Untersuchung der vielfältigen Tätigkeiten Bahíyyih Khánums in den Zeiten, als Shoghi Effendi „die Geschäfte der Sache Gottes – zu Hause und weltweit – der Aufsicht der Heiligen Familie und der Leitung durch das Größte Heilige Blatt“ überließ. In drei aufeinanderfolgenden Jahren – 1922, 1923 und 1924 – war der Hüter über längere Zeitabschnitte nicht im Heiligen Land anwesend. Die Aufzeichnungen über Bahíyyih Khánums Wirken in diesen entscheidenden Perioden, die wir aus Shoghi Effendis Korrespondenz, aus ihren eigenen Briefen und aus Berichten von Pilgern und anderen Personen, die mit ihr zusammentreffen durften, entnehmen, können nur lückenhaft sein. Trotzdem vermitteln sie eine Vorstellung von dem einzigartigen Dienst, den Bahíyyih Khánum ungeachtet der Last ihres fortgeschrittenen Alters und der gewichtigen Anforderungen, mit denen sie es zu tun hatte, erbrachte, um den Glauben ihres Vaters zu verbreiten und zu festigen.1

Reaktionen auf ihre Ernennung

Obwohl Bahíyyih Khánums Berufung zur „obersten Leitung“ des Bahá´í-Glaubens nur als Zwischenlösung gedacht war, stellte sie doch alles andere als eine bloß repräsentative Aufgabe dar. Ihr Auftrag war allumfassend – einschließlich der Leitung der „Geschäfte der Sache Gottes zu Hause und weltweit“ – und beschrieb für das Größte Heilige Blatt die oberste Stellung in der Heiligen Familie. Weiterhin ist von großer Bedeutung, dass der Auftrag sich nicht nur auf das Innenleben der Bahá´í-Gemeinde erstreckte, sondern die Führung der Geschäfte mit der ganzen Welt einschloss. Dies wird aus Shoghi Effendis Brief vom 5. April 1922 an die oberste Verwaltungsinstanz für Palästina deutlich: „Da ich aus Gesundheitsgründen Haifa verlassen muss, habe ich für die Zeit meiner Abwesenheit die Schwester `Abdu´l-Bahás, Bahíyyih Khánum, als meine Stellvertreterin benannt.“ In diesem Brief teilt der Hüter den Behörden auch mit, dass er eine Kommission eingesetzt hat, „um sie bei der Geschäftsführung der Bahá´í-Bewegung in diesem Land und anderswo zu unterstützen“, und er unterstreicht, dass die Handlungsbefugnis des Vorsitzenden dieser Kommission an Bahíyyih Khánums schriftliches Einverständnis gebunden ist.2
Sogleich nach Shoghi Effendis Abreise rief das Größte Heilige Blatt das vom Hüter eingesetzte Beratungsgremium zusammen und setzte die Bahá´í-Welt über die Vorkehrungen in Kenntnis, die er für die Verwaltung des Glaubens während seiner Abwesenheit getroffen hatte. Im April 1922 schrieb sie an das amerikanische Bahá´í-Magazin Star of the West und legte den Brief des Hüters bei, in dem er seine Abwesenheit vom Bahá´í-Weltzentrum bekanntgab. Ihr Brief in persischer Sprache beschreibt die Maßnahmen, die sie nach ihrer Berufung ergriff, und verdeutlicht den Geist, in dem sie sich erhob, um ihrer neuen, gewichtigen Verantwortung gerecht zu werden. Es folgt eine Übersetzung ihres Briefes:
„Die Herzen des Volkes Bahá* brennen lichterloh aufgrund des großen Unglücks, und ihr sehnsuchtsvolles Klagen steigt zu den himmlischen Heerscharen und den engelsgleichen Bewohnern des Reiches Abhá** empor; aber jetzt ist der Tag des Dienens, und jetzt ist die Zeit, die heiligen Lehren überall zu verbreiten. Daher müssen sich die Geliebten Gottes wie eine leuchtende Flamme erheben, um mit aller Macht der Sache Gottes zu dienen; im Dienst müssen sie miteinander wetteifern. Lasst sie wie Meteoriten die Ungetreuen ausstoßen, so dass sie auf der Verwahrten Schriftrolle Gottes unter denen verzeichnet werden, die Seinem Bund und Testament treu geblieben sind.
Shoghi Effendi, der Hüter der Sache Gottes, der Erwählte Zweig und der Führer des Volkes Bahá, hat aufgrund seines schweren, anhaltenden Schmerzes über diesen großen Verlust, über diesen Gipfel der Heimsuchung den Beschluss gefasst, das Heilige Land für kurze Zeit zu verlassen, um Ruhe zu finden und seine Gesundheit zu stabilisieren; danach wird er zurückkehren und seine Dienste und Pflichten gegenüber der Sache Gottes wahrnehmen. In seiner Abwesenheit ist laut seinem beiliegenden Brief diese gefangene Magd berufen, in Beratung mit den Mitgliedern des Heiligen Haushalts die Angelegenheiten der Sache Gottes zu verwalten.
Deshalb habe ich vorübergehend dafür Sorge getragen, dass die von Shoghi Effendi benannten Personen zusammenkommen und die Geschäfte in gemeinsamer Beratung mit ihnen geführt werden. Es ist meine Hoffnung, dass in der Zeit seiner Abwesenheit die Geliebten des Herrn und die Dienerinnen des Barmherzigen alle Anstrengungen machen werden, um die Sache Gottes zu fördern und ihr Wachstum zu beschleunigen. Er ist fürwahr gnädig und barmherzig mit Seinen Dienern.“ 3
In einem weiteren, am Jahrestag der Erklärung Bahá´u´lláhs verfassten Brief aus dem Jahr 1922 an die „innig geliebten Freunde in Amerika, zu Händen der Herausgeber des Star of the West“ äußert das Größte Heilige Blatt namens der Familie `Abdu´l-Bahás ihre tiefe Wertschätzung für die Beileidsbekundungen, die von so vielen Bahá´í eingetroffen sind. Sie unterstreicht, wie wichtig Shoghi Effendis Benennung einer Führungsinstanz für die Administration des Glaubens ist, und richtet an die Bahá´í folgenden Appell: „Wir hoffen, dass die Freunde Gottes, die Geliebten und die Mägde des Barmherzigen, für uns beten, damit wir befähigt werden, Shoghi Effendi mit allem, was in unserer Macht steht, zu helfen, die ihm übertragene Sendung zu erfüllen.“ Der Brief trägt die Unterschrift „Bahaeyyeh Khanum und die Familie Abdul-Bahas.“4
--> das folgende ist fälschlicherweise eingerückt
Leitung der Belange der Sache Gottes

Während der Abwesenheit des Hüters trugen das Größte Heilige Blatt und Angehörige der Heiligen Familie die Verantwortung für die Verwaltung des Glaubens in aller Welt. Die Ernennung des Größten Heiligen Blattes als die oberste Leitung dieser Gruppe bedeutete, dass sie die größte Verantwortung für die Lenkung der Belange der Sache Gottes zu Hause und in der Welt trug. Sie diente als Kontaktstelle für die Gläubigen, gab Anleitung und Ermutigung, gewährte eine weise, ausgereifte Führung und sorgte in dieser Übergangsperiode für einen ausgeglichenen Kurs des Glaubens. Durch die Briefe, die sie an einzelne Gläubige und an die Geistigen Räte – „embryonale“ örtliche Leitungsgremien des Glaubens – in Ost und West schrieb, sammelte und ermunterte sie die Bahá´í-Gemeinde. In dieser kritischen Zeit flößte sie den Gläubigen einen Geist des Vertrauens ein und unterrichtete sie über die Bestimmungen von `Abdu´l-Bahás Testament. Sie ermutigte sie, den neuen Hüter zu akzeptieren und zu unterstützen und führte die von ihm vorgegebenen Handlungsrichtlinien aus. Sie verhalf den Gläubigen zu einem tieferen Verständnis der Notwendigkeit, Örtliche und Nationale Geistige Räte zu errichten, kooperierte mit dem Geistigen Rat von Haifa – einem Gremium, das für die Verwaltung des Glaubens im Heiligen Land eingerichtet wurde –, stärkte das Bewusstsein für die Bedeutung administrativer Funktionen und gab den Anstoß zu Vorkehrungen, um den Glauben im Heiligen Land und in anderen Teilen der Welt zu schützen.

Ermutigung der Bahá'í

Zu einem Zeitpunkt, als die Bahá´í-Gemeinde den Übergang aus der Amtszeit `Abdu´l-Bahás und dem Abschluss des Heroischen Zeitalters des Glaubens in die Eröffnungsphase des Gestaltenden Zeitalters durchlebte, stellte das Größte Heilige Blatt ein lebendes Verbindungsglied zwischen den beiden Zeitabschnitten dar. Der Übergang erforderte nicht nur die Annahme des neu ernannten Hüters als Oberhaupt der Glaubensgemeinschaft, sondern auch ein Umdenken, so dass die Autorität der gewählten Geistigen Räte anerkannt wurde. Die Fähigkeit des Größten Heiligen Blattes, diese Brücke zu schlagen und das Bewusstsein der Bahá´í-Weltgemeinde zu formen, wird aus den Briefen deutlich, die sie in dieser Zeit schrieb.
In ihren Briefen würdigt das Größte Heilige Blatt den persönlichen Schmerz der Gläubigen über das Hinscheiden `Abdu´l-Bahás, mit dem sie sich voll identifiziert. Sie versichert ihnen, dass sie selbst und die anderen Angehörigen der Heiligen Familie diese Gefühle verstehen und mit ihnen teilen. Sie schreibt:
„Das Volk von Bahá, das in der Hochroten Arche wohnt und sich den Meereswogen des Herrn entgegenwirft, das die Segnungen des Reiches Abhá erlangt hat und fest im Gottesbund steht – sie alle, Männer und Frauen, Jung und Alt, teilen in der Tat mit diesen Heimatlosen den Schmerz über unseren Verlust, über dieses furchtbarste Unglück. Mit dem Ohr des Geistes haben wir das Wehklagen der Geliebten Dessen vernommen, Der die Herzen mit Begeisterung erfüllte, derer, die gleich uns vom Feuer der Trennung versengt wurden, und mit schwerem Herzen erheben wir unseren Schmerzensschrei zum Himmel, und weinend richten wir unsere Bittgesuche ... an die Schwelle der leuchtenden Schönheit Gottes.“ 5
Das Größte Heilige Blatt erinnert die Gläubigen daran, dass `Abdu´l-Bahá zwar in die nächste Welt übergegangen ist, dass aber Sein Geist weiterhin eine führende Kraft bleibt. Sie fährt fort: „... alle werden verstehen, dass, wenngleich dieses heilige, geheimnisvolle Wesen das Gewand Seines sterblichen Lebens abgelegt hat, wenngleich dieser Vogel der Ewigkeit den Käfig dieser Erde verlassen hat, Sein Geist weiterhin mitten unter uns ist und Er weiterhin vom Reich des Allherrlichen aus über uns wacht. Unaufhörlich entzückt Er die Herzen der Geliebten, und den Seelen derer, die fest im Gottesbund verwurzelt sind, bringt Er allezeit frohe Botschaft.“ 6
Bahíyyih Khánum weist die Gläubigen darauf hin, dass `Abdu´l-Bahá sie geschult und in ihnen die Fähigkeiten geweckt hat, die für die fortgesetzte Entwicklung des Glaubens gebraucht werden. Zur Verdeutlichung erinnert sie an folgende Worte, die der Meister einmal geäußert hat:
„Als Christus von dieser sterblichen Welt Abschied nahm und ins Ewige Reich aufstieg, hatte Er zwölf Jünger, und selbst von diesen wurde einer ausgestoßen. Aber weil diese Handvoll Seelen sich erhob und in Selbstlosigkeit, Hingabe und Loslösung den Entschluss fasste, Seine heiligen Lehren zu verbreiten und ohne Beachtung der Welt und aller ihrer Völker den süßen Duft Gottes zu verströmen, und weil sie völlig in Christus aufgingen - deshalb hatten sie Erfolg, durch die Macht des Geistes und indem sie die Städte der Menschenherzen einnahmen, so dass der Lichtglanz des einen, wahren Gottes die ganze Erde überflutete und das Dunkel der Unwissenheit vertrieb.
Wenn ich nun aus dieser Welt scheide, hinterlasse ich über fünfzigtausend Gesegnete, jeder Einzelne standhaft und unerschütterlich wie die hohen Berge, die Erde erhellend wie funkelnde Sterne. Sie sind der Inbegriff der Treue, Mitmenschlichkeit und Liebe. Sie sind die selbstaufopfernden Wächter der Sache Gottes, die Führer aller Wahrheitssucher. Erkennt daraus, wie die Zukunft aussehen wird!“ 7
Das Größte Heilige Blatt nimmt sich ein Beispiel an `Abdu´l-Bahás Aussage. Sie ermuntert die Freunde zum Handeln und drückt ihr Vertrauen in deren Fähigkeit zum Erfolg aus:
„Wenn wir im Einklang mit den Lehren der Abhá-Schönheit* und der Ratgebung `Abdu´l-Bahás handeln, dann wird diese Welt mit Gewissheit zum Paradies Abhá werden, und ihre Dornen und Disteln der Grausamkeit werden in einen blühenden Garten der Getreuen verwandelt.
Mögen wir alle befähigt werden, dieses Ziel zu erreichen.“ 8
Das Größte Heilige Blatt erinnert die Gläubigen nicht nur an die Erziehung, die sie aus den Händen des Meisters erfahren haben, sondern sie weist sie auch auf die Wichtigkeit des Beispiels hin, das Er gegeben hat. So erwähnt sie etwa `Abdu´l-Bahás unermüdliche Dienste für die Sache Gottes und die Prüfungen und Leiden, die Er im Laufe Seines Lebens zu erdulden hatte. Sie berichtet: „Sein Leben lang war es Sein Los, ungerecht behandelt zu werden und Beschwerlichkeiten, Schmerz und Kummer ausgesetzt zu sein. Unter solchen Umständen war es der einzige Trost Seines geheiligten Herzens, gute Nachrichten über den Fortschritt des Glaubens, die Verkündigung des Wortes Gottes, die Verbreitung der heiligen Lehren, die Einheit und den Diensteifer der Freunde und die Standhaftigkeit Seiner Geliebten zu vernehmen. Solche Nachrichten ließen Sein Antlitz lächeln, dies war die Freude Seines edlen Herzens.“9
Aus eigenem Erleben und durch die enge Verbindung zu ihrem geliebten Vater und Bruder war sich das Größte Heilige Blatt großer geistiger Wahrheiten bewusst, und sie bereitete die Gläubigen auf eine unvermeidlich bevorstehende Periode der Prüfungen vor und schulte sie in den Mitteln, mit denen sie die göttliche Hilfe auf sich lenken könnten. Den Gläubigen sagt sie: „Der liebevolle Rat `Abdu´l-Bahás hat die Geliebten des Herrn in Zeichen und Sinnbilder der Demut und der Ergebenheit umgewandelt. Er lehrte sie Selbstlosigkeit, Befreiung vom Materiellen und Loslösung von der Welt und befähigte sie, die Wahrheiten des Himmels zu verstehen.“ Dies, so versichert sie, ist eine verlässliche Vorbereitung auf die Prüfungen, die das Leben mit sich bringt. Sie schreibt:
„Tests und Prüfungen sind mit Sicherheit ein untrennbarer Bestandteil und ein unerlässliches Erfordernis dieses Lebens, besonders für die Menschheit, allen voran für jene, die für sich den Besitz von Glauben und Liebe beanspruchen. Nur durch Prüfungen kann das Echte vom Wertlosen, Reinheit von Schmutz, das Wahre vom Falschen, unterschieden werden. Der Sinn des heiligen Verses „Wähnen die Menschen, dass sie, wenn sie sagen: `Wir glauben´, in Ruhe gelassen und nicht auf die Probe gestellt werden?“** ist allezeit offenkundig und bei jedem Atemzug anwendbar, und nur im Feuer wird sich zeigen, welches Gold am meisten glänzt.
Daher hoffe ich, dass wir durch Demut und ein reuevolles Herz, Flehen und Gebet, guten Vorsatz und Treue, durch Reinheit des Herzens und Festhalten an der Wahrheit, Emporstreben zum Dienst und durch die Segnungen und Bestätigungen des Herrn in ein Reich eintreten und zu einem Zustand gelangen, in dem wir unter dem Schirm Seines Erbarmens leben und Seine hilfreiche Hand uns Beistand und Helfer ist.“10
Auf die Nachricht einer Gruppe von Bahá´í-Frauen, die in dem Dorf Sang-i-Sar, Iran, an der Unterhaltung einer Bahá´í-Schule beteiligt waren, sie würden verfolgt und man habe ihre Schule niedergebrannt, antwortete das Größte Heilige Blatt mit einem Brief, der den Frauen half, den Vorfall im rechten Licht zu betrachten. Zu Beginn versicherte sie diesen ergebenen Gläubigen, dass sie selbst und die Heilige Familie „mit tiefstem Kummer von den Leiden erfahren haben“, die sie durchgemacht hatten; dann bot sie ihnen eine geistige Erklärung an für das, was passiert war und für die Bedeutsamkeit ihrer Reaktion darauf. Sie schreibt:
„Da sie jedoch fest, standhaft und unerschütterlich blieben, als die Pfeile der Tyrannei auf sie flogen, und da dies um der Gesegneten Schönheit* willen und auf dem Pfade des Alleingeliebten geschah, sollten sie Gott danken und Ihn preisen, dass Er sie für diese große Gnadengabe ausersehen hat. ...
Gott sei gelobt, sie haben einen Tropfen aus dem Meer der Leiden erhalten ´ dürfen, das den Erhabenen** und die Schönheit des Allherrlichen überrollte; ihnen wurde ein Tröpfchen aus den Wogen der Schrecknisse zuteil, die `Abdu´l-Bahá umtosten.“ 11
Zum Schluss erinnert sie die Frauen: „Vertrauen sie voll und ganz auf die Bestätigungen der Gesegneten Schönheit und die Gaben und Segnungen `Abdu´l-Bahás.“ 12
In ihrem Bestreben, die Gläubigen in ihrem Vertrauen zu bestärken und sie zu ermuntern, die Bahá´í-Werte in ihrem täglichen Leben zum Ausdruck zu bringen, hob das Größte Heilige Blatt besonders die Bedeutung der Standhaftigkeit hervor. In einem ihrer Briefe betont sie, wie wichtig gerade diese Tugend ist und beschreibt den Gewinn, den die Gläubigen daraus ziehen:
„Alle Tugenden der Menschheit sind enthalten in dem einen Wort `Standhaftigkeit´, wollten wir nur nach ihren Gesetzen handeln. Einem Magneten gleich ziehen sie den Segen und die Gaben des Himmels auf uns herab, so wir uns erheben, die Pflichten zu erfüllen, die in ihnen liegen.
Gott sei gepriesen, das Heim des Herzens ist erhellt durch das Licht unerschütterlicher Treue, und der Hort der Seele trägt den Schmuck der Ergebenheit.
Standhaftigkeit ist ein Schatz, der den Menschen so bereichert, dass er weder der Welt noch irgendeines Menschen oder Dinges in ihr bedarf. Treue ist eine besondere Freude, die uns Sterbliche zu erhabenen Höhen und zu großem Fortschritt führt, die uns die Vollkommenheiten des Himmels erlangen lässt. Aller Preis sei dem heiligen Hofe des Geliebten, der Seinem getreuen Volk diese wundersamste Gnade und Seinen Geliebten diese beste der Gaben gewährt.“ 13
So lenkte das Größte Heilige Blatt das Bewusstsein der Bahá´í-Gemeinde auf die durch `Abdu´l-Bahá vermittelten geistigen Lektionen und auf das Beispiel Seines Lebens, aber gleichzeitig machte sie die Gläubigen mehr und mehr auf die Notwendigkeit aufmerksam, den Glauben zu verbreiten und damit zu beginnen, seine Institutionen zu errichten. In einem ihrer Briefe schreibt sie: „Liebe Freunde! In dieser kritischen Zeit, die der Glaube durchlebt, ist jedem einzelnen Bahá´í eine große Verantwortung auferlegt, und er hat drängende, vielfältige Pflichten. ... Jetzt ist für die treuen Freunde `Abdu´l-Bahás, die das herrliche Licht empfangen haben, die Zeit gekommen, wie strahlende Sterne zu leuchten. Die Ausstrahlung unseres Glaubens muss so groß sein, dass Wolken des Zweifels aufgelöst werden und die Welt zum Tagesanbruch der Wahrheit geführt wird.“ In einem weiteren Brief bekundet sie, wie glücklich sie ist, dass die standhaften Gläubigen der Ratgebung `Abdu´l-Bahás folgen und sich zum Dienst am Glauben erheben:
„Aus jedem Winkel der Erde erreichen mich ständig gute Nachrichten, dass das Wort Gottes erhöht und Seine Sache verherrlicht wird, und dass Seine Freunde in Liebe zu Ihm erglühen und aufstehen, um die süßen Düfte zu verbreiten.
Alle sind fest im Glauben gegründet und beständig. Sie wenden sich in Ergebenheit ihm zu, dem ernannten, ausersehenen Mittelpunkt, dem Hüter der Sache Gottes, dem Erwählten Zweig, Seiner Eminenz Shoghi Effendi. Sie bilden Geistige Räte, halten Versammlungen ab, lehren mit großer Beredsamkeit und Energie, bringen Beweise vor und verbreiten die Lehren der Göttlichen Schönheit und die Ratschläge `Abdu´l-Bahás. Mit Sicherheit wird das Licht dieser Lehren in kurzer Zeit die Erde erleuchten und die Herzen des Volkes Bahá erfreuen.“ 14
So macht sie auch in dem folgenden Zitat klar, dass der Hauptgrund ihrer Freude und Zufriedenheit die eingehenden Berichte über die Arbeit der Bahá´í für den Glauben sind. Sie schreibt: „Die Nachricht über ihre Festigkeit im Bund, über ihre Bemühungen, in Einheit und Einigkeit zusammenzuarbeiten, und ihren unermüdlichen Eifer und Opfermut auf dem Pfade des Dienens war mir ein Quell unbeschreiblicher Freude. Denn mein ganzer Trost liegt jetzt in der Loyalität und Treue der Freunde und meine einzige Freude im Fortschritt der Sache Gottes.“ 15

Bildung der Gemeinde in den Bestimmungen des Bundes

Um den bedeutenden Anteil Bahíyyih Khánums an der Erziehung der Bahá´í-Gemeinde in den Bestimmungen des Bundes richtig zu würdigen, muss man den einzigartigen Charakter von `Abdu´l-Bahás Testament verstehen. Dieses von `Abdu´l-Bahá eigenhändig niedergeschriebene historische Dokument stellt die Vorlage der Bahá´í-Gemeindeordnung und die Verfassung einer zukünftigen Weltkultur dar und ist in der Religionsgeschichte einmalig. Es verkündet nicht nur die „grundlegenden Überzeugungen der Glaubensanhänger Bahá´u´lláhs“, sondern „setzt die Institution des Hütertums als erbliches Amt ein und umreißt seine wesentlichen Aufgaben, sieht die Maßnahmen für die Wahl des Internationalen Hauses der Gerechtigkeit vor, setzt dessen Aufgabenbereich fest und legt seine Beziehungen zum Hüteramt dar, schreibt die Pflichten der Hände der Sache Gottes vor, betont ihre Verantwortung und preist die Kraft des unzerstörbaren Bundes Bahá´u´lláhs.“ 16
Ebenso ruft das Dokument „die ganze Gemeinde der Anhänger Bahá´u´lláhs dazu auf, sich einmütig zu erheben, Seinen Glauben zu verbreiten, sich überall zu verteilen, unermüdlich zu wirken und dem heroischen Beispiel der Apostel Jesu Christi zu folgen; es warnt vor den Gefahren des Umgangs mit den Bundesbrechern und gebietet, die Sache Gottes vor den Angriffen der Falschen und Heuchler zu schirmen, und rät ihnen, durch ihren Lebenswandel die Universalität des von ihnen erwählten Glaubens darzutun und seine hohen Grundsätze zu verteidigen.“ 17
In Ost und West machten sich die Bahá´í `Abdu´l-Bahás Testament zu eigen und folgten Seinen Bestimmungen. Wie der Hüter bezeugt, erhoben sie sich „mit klarem Blick und unerschütterlich entschlossen, das Gestaltende Zeitalter ihres Glaubens zu eröffnen, indem sie die Fundamente dieses weltumspannenden administrativen Systems legten, das dazu bestimmt ist, sich zu einer Weltordnung zu entwickeln, welche die Nachwelt sicher als die Erfüllung aller Sendungen der Vergangenheit und als ihre herrliche Krönung begrüßen wird.“ 18
Die Briefe, die das Größte Heilige Blatt an einzelne Gläubige und an Bahá´í-Gemeinden in aller Welt richtete, lassen bei näherer Prüfung erkennen, in welchem Grade sie den Blick der Gläubigen schärfte und ihr Verständnis für die Konsequenzen dieses historischen Dokuments erweiterte. Sie war es in hohem Maße, die die Einheit der Bahá´í-Gemeinde wahrte und den Blick der Bahá´í auf Shoghi Effendi, den neu ernannten Hüter, lenkte.
Die Briefe veranschaulichen, wie einfühlsam sie den Gläubigen zu einem tieferen Verständnis des Gottesbundes verhalf, wie er in des Meisters Testament niedergelegt war. Um zu unterstreichen, wie wichtig es ist, einen ernannten Mittelpunkt des Bundes als Brennpunkt der Autorität zu haben, dem sich die Gläubigen zuwenden müssen, bedient sie sich eindrucksvoller Bilder. In einem ihrer Briefe schreibt sie:
„Die Tatsache, dass es nur einen Mittelpunkt gibt, und dass alle sich einem einzigen heiligen Wesen zuwenden, ist im Reiche Seiner Sache wie der Schaft oder die Achse eines Mühlsteins. Alle anderen Gesetze und Verordnungen müssen um dieses eine kreisen. Im Tempel der Religion Gottes ist der Mittelpunkt der Sache dem Herzen vergleichbar, denn von diesem hängt nicht nur das Leben des menschlichen Körpers als Organismus ab, sondern auch alle Beziehungen zwischen seinen Organen sowie deren Wachstum und deren Lebenskraft. In der menschlichen Gesellschaft kann der Mittelpunkt der Sache mit der Sonne verglichen werden, deren magnetische Kraft die Bewegungen und Bahnen der Planeten steuert. Der Mittelpunkt der Sache ist auch wie ein Buchrücken, denn durch ihn werden die Seiten alle zu einem Buch zusammengefasst; ohne den Rücken wären die Blätter lose und zerstreut.“ 19
In einem weiteren Brief stellt sie fest:
„Ein eindeutiger Bund macht unsere Pflicht klar; ein unmissverständlicher, präziser Text erklärt das offenbarte Buch. Ein genau benannter Mittelpunkt ist bestimmt worden, dem sich alle zuwenden müssen, und sein Spruch, der Spruch des Hüters der Sache und Auslegers des Buches, ist als verbindlich erklärt worden. ...
Es ist zu hoffen, dass wir uns in neuem Geist erheben und durch überreiche Segnungen bestätigt werden, und dass wir unsere Streitrösser auf das Feld des Dienstes, der Reinheit, Ehrlichkeit und des hohen Strebens drängen. ...“ 20
Auf Fragen eines Gläubigen aus dem Osten bezüglich des Bundes gab das Größte Heilige Blatt folgende Erläuterung:
„Aus ihrem Brief ist zu ersehen, dass sie ihn vor dem Erhalt des Testamentes des Mittelpunkts des Bundes geschrieben haben. Inzwischen haben sie dieses Dokument bestimmt sorgfältig gelesen. Dieser Text ist Seine verbindliche Verfügung; er stellt das wahre Leben dar für alle, die mit Verständnis ausgestattet sind. In ihm hat die Feder der Großmut auf machtvollste, umfassendste, klarste, detaillierteste Weise die Verpflichtungen dargelegt, die jeder Ebene in der Bahá´í-Gemeinde zufallen. ... Er hat ausdrücklich den Mittelpunkt benannt, dem sich alle zuwenden müssen, und damit unverbrüchlich die Fundamente des Bundes gelegt und zementiert. Er hat unzweideutig den Mittelpunkt eingesetzt, nach dem sich das ganze Volk Bahá ausrichten muss: Den Erwählten Zweig, den Hüter der Sache Gottes. Dieses große Geschenk ist ein besonderer Wesenszug dieser Größten Offenbarung, dieser edelsten und vortrefflichsten aller Sendungen.“ 21
Bahíyyih Khánum unterwies die Bahá´í nicht nur hinsichtlich der allgemeinen Vorkehrungen des Bundes, sondern richtete sie ganz gezielt auf den ernannten Hüter aus. In einem ihrer Briefe schildert sie, wie `Abdu´l-Bahá, der unfehlbare „Arzt“, im voraus wusste, dass die Gläubigen Sein Hinscheiden als furchtbaren Schlag erleben würden. Um dessen Wucht zu mildern, bezeugt sie:
„ ... Er bereitete ein hochwirksames Heilmittel zu und ersann ein einzigartiges, unvergleichliches Heilverfahren – ein Verfahren, das so vortrefflich, herrlich, ausgezeichnet, so machtvoll, vollkommen und vollendet ist. Durch Seinen Federzug ewiger Freigebigkeit hat Er in Seinem gewichtigen, unverletzlichen Testament den Namen Shoghi Effendis niedergelegt – des Zweiges, der aus den zwei Schösslingen der himmlischen Herrlichkeit hervorwuchs, des Astes, der den zwei geweihten, heiligen Lotosbäumen entsprossen ist. * Daraufhin nahm Er Seinen Flug zu den himmlischen Heerscharen und zum erleuchteten Horizont. Jetzt ist es Sache jedes gefestigten, ergebenen Freundes, jedes standhaften, entflammten Gläubigen, der von Seiner Liebe beseelt ist, diese heilende Medizin auf einen Zug auszutrinken, damit die Qual der Trennung ein wenig gemildert und die bittere Not des Verlassenseins zerstreut wird.“22
In einem anderen Fall unterstreicht sie die klare und ausdrückliche Form von Shoghi Effendis Ernennung. Sie führt aus: „`Abdu´l-Bahás Testament ist Seine verbindliche Verfügung. Es führt die Gläubigen zusammen, bewahrt ihre Einheit, stellt den Schutz des Gottesglaubens sicher. Es bestimmt einen eindeutigen Mittelpunkt, da es schriftlich und unwiderleglich Shoghi Effendi als Hüter des Glaubens und Erwählten Zweig einsetzt, so dass sein Name auf der Verwahrten Tafel durch die Finger der Gnade und Gunst verzeichnet ist.“ Bei einem weiteren Anlass, als sie auf einen Bericht über die Aktivitäten eines Bundesbrechers antwortet, legt das Größte Heilige Blatt noch einmal die Hauptpunkte des Bundes dar:
„Der wesentliche Punkt lautet: Gelobt sei Gott, denn der Weg Seines heiligen Glaubens ist vorgezeichnet, das Gebäude von Gottes Gesetz ist fest gegründet und stabil. Er, dem sich das Volk Bahá zuwenden muss, der Mittelpunkt, auf den die Versammlung der Gläubigen den Blick zu richten hat, der Ausleger der Heiligen Schrift, der Hüter der Sache Gottes, der Erwählte Zweig, Shoghi Effendi, ist unzweideutig und im Einklang mit klaren, schlüssigen und unmissverständlichen Vorgaben ernannt worden. Die Religion Gottes, die Gesetze und Gebote Gottes, die gesegneten Lehren, die für jedermann verbindlichen Pflichten stehen alle klar und unverhüllt wie die Sonne in ihrer Mittagsherrlichkeit vor uns. Es gibt kein verborgenes Geheimnis, kein unentdecktes Mysterium. Es gibt auch keinen Spielraum für Interpretationen oder Debatten, keinen Anlass zu Zweifel oder Zaudern. Die Stunde der Lehre und des Dienens ist gekommen. Dies ist die Zeit für Einheit, Einigkeit, Solidarität und hochherzige Bemühung.“ 23
Nachrichten über die Anerkennung Shoghi Effendis durch die Gläubigen waren für das Größte Heilige Blatt eine Quelle der Freude und des Glücks. Auf eine solche Nachricht schreibt sie einmal: „Die gute Botschaft ist eingetroffen, dass in den Versammlungen der Freunde `Abdu´l-Bahás Testament – möge unser Leben ein Opfer für Seine Selbstlosigkeit sein – vorgelesen wurde, und wir hier sind beglückt, von der Einheit, Standhaftigkeit und Treue der Freunde zu hören und auch zu erfahren, dass sie sich dem designierten Mittelpunkt, dem benannten, genau bezeichneten Hüter der Sache Gottes, dem Ausleger des Buches Gottes, dem Beschützer Seines Glaubens, dem Wächter Seines Gesetzes, Shoghi Effendi zugewandt haben. Diese Nachricht hat höchste Freude gebracht.“ Das Größte Heilige Blatt führt sogar im Einzelnen aus, was die Annahme Shoghi Effendis und seiner festgelegten Funktionen durch die Gläubigen bedeutet. In ihrer Antwort auf einen Brief schreibt sie: „Der Tenor ihres Briefes lässt klar erkennen, dass sie standhaft in Seiner Sache sind und unbeirrt an Seinem Bund festhalten, dass sie ihr Angesicht auf Shoghi Effendi, den bevollmächtigten Punkt, dem sich alle zuwenden müssen, den Mittelpunkt der Sache, den Erwählten Zweig, den Ast, der aus den zwei himmlischen Bäumen hervorgewachsen ist, gerichtet haben. Dies ist wirklich das Entscheidende, dies ist die Bedeutung wahrer Hingabe, dies ist die unzerstörbare, unbezweifelbare Wahrheit, durch die das Volk von Bahá, die Bewohner der Roten Arche, ausgezeichnet sind." 24
Aus den Briefen wird deutlich, dass es das Anliegen des Größten Heiligen Blattes war, die Bahá´í zu sammeln und ihre Aufmerksamkeit auf den neu ernannten Hüter als die Autorität zu lenken, nach der sie sich alle richten müssen. Damit befähigte sie die werdende Gemeinde, in Einigkeit in ihr nächstes Entwicklungsstadium voranzuschreiten.
Der Anstoß zu Bahíyyih Khánums liebevoller Bemühung um Shoghi Effendi, zu ihrem unermüdlichen Streben, die Bahá´í-Gemeinde auf diesen erwählten Nachfolger `Abdu´l-Bahás auszurichten, kam nicht nur von ihrer tiefen Zuneigung und ihrer Sorge um ihren Großneffen, sondern ebenso von der klaren, deutlichen Weisung in `Abdu´l-Bahás Testament, dass die Gläubigen gehalten sind, „Shoghi Effendi ... die größte Sorge angedeihen zu lassen, damit der Staub der Verzagtheit und des Kummers sein strahlendes Wesen nicht trübe“. In dieser Absicht half sie den Gläubigen, den Grund für Shoghi Effendis wiederholte Abwesenheit aus dem Heiligen Land zu begreifen. Sie war eine verlässliche Quelle genauer, zutreffender und gewiss beruhigender Auskunft darüber, warum der neu ernannte Hüter es für notwendig gehalten hatte, das Heilige Land zu verlassen. Auch hielt sie die Gemeinde über die Pläne für seine Rückkehr auf dem Laufenden. So schreibt sie zum Beispiel einem Geistigen Rat: „Wegen seines tiefen Schmerzes, Kummers und Leides als Folge des schrecklichen Ereignisses hatte der Erwählte Zweig, der Hüter der Sache Gottes, Shoghi Effendi den Wunsch, eine Zeitlang an einem ruhigen Ort allein zu sein, um sich dem Bittgebet und der Gemeinschaft mit Gott hinzugeben. Deshalb verließ er uns vor einiger Zeit, aber wir haben die starke Hoffnung, dass er schon sehr bald ins Heilige Land heimkehren wird. Damit hat diese betrübte, traurige Seele den Brief Ihres geschätzten Rates vorläufig, wenn auch nur kurz, beantwortet.“ Aus diesem letzten Satz kann man, nebenbei bemerkt, mit Interesse erkennen, dass das Größte Heilige Blatt, ganz im Einklang mit ihrer Einsetzung durch Shoghi Effendi, die Verwaltung des Glaubens während der Abwesenheit des Hüters aktiv verfolgte. 25
In einem eindringlichen, dramatischen Brief aus dem Jahre 1924 legt das Größte Heilige Blatt freimütig dar, dass die dreimalige längere Abwesenheit des Hüters aus dem Heiligen Land auch durch das Verhalten der Bahá´í mit verursacht war. Sie erinnert an Shoghi Effendis Befinden sofort nach dem Hinscheiden `Abdu´l-Bahás im November 1921: „Mit zerrütteter Gesundheit, sein Herz voller Sorgen, kehrte er an diesen gesegneten Ort zurück. Damals verbreiteten die Ungetreuen ihre Verleumdungen in äußerster Verirrung und höchster Unbotmäßigkeit, in aller Offenheit und heimlich, und dieses Verhalten erhöhte noch die Sorgenlast des Hüters. Deshalb ging er weg und verbrachte einige Zeit in Abgeschiedenheit, wobei er die Angelegenheiten des Glaubens weiterführte, dessen Interessen und Institutionen erwog, mit Gott sprach und Seine Hilfe erflehte.“ Wie sie erklärt, gab es in des Hüters Abwesenheit „derartige Anzeichen von Standhaftigkeit und Treue, von Entschlossenheit, Einheit, Liebe und Hingabe unter allen Freunden - Männern wie Frauen, in Ost und West und im Heiligen Land -, dass einerseits der Mittelpunkt des Aufruhrs [Mírzá Muhammad-`Alí] und die Anmaßenden und Niederträchtigen sich geschlagen geben mussten, ihre Hoffnungen auf eine Spaltung des Glaubens bitter enttäuscht, andererseits die vorbildliche Wesensart und die tadellose Haltung der Gläubigen ... das Herz des Hüters beglückten.“ Das Ergebnis war, dass Shoghi Effendi im Dezember 1922 mit völlig wiederhergestellter Gesundheit ins Heilige Land zurückkehrte, ausgestattet mit der Kraft, seine heilige Pflicht zu erfüllen. 26
Weiter berichtet das Größte Heilige Blatt, wie der Hüter bei seiner Rückkehr ins Heilige Land die Korrespondenz mit den Bahá´í und den Geistigen Räten aufnahm. Seine Briefe umrissen die Pflichten der Gläubigen, und die Bahá´í empfingen die Briefe in Liebe und Dankbarkeit. Bald zeigte sich jedoch, dass „bei einigen Gläubigen eine gewisse Missgunst entstanden war, und dass einige ihren Geistigen Rat nicht so achteten und ihm folgten, wie es sein sollte.“ Einprägsam beschreibt sie, welche Wirkung diese Nachricht auf den Hüter hatte, und fügt hinzu: "Es ist klar, wie solche Mitteilungen ... auf das Herz des Hüters wirkten und welch abträgliche Reaktion sie hervorriefen. Es führte dazu, dass seine Gesundheit ein zweites Mal nachgab, und dann, auf beharrliches Drängen dieser unbedeutenden Seele, auf die dringenden Bitten des Heiligen Haushalts und den wiederholten Aufrufen der ihm Nahestehenden – ging er letzten Sommer weg.“ 27
Das Größte Heilige Blatt berichtet, dass die mehrmonatige Abwesenheit des Hüters im Jahre 1923 seiner Gesundheit guttat und ihn befähigte, sich wieder aktiv um die Bahá´í-Gemeinde zu kümmern. Die Treue der Gläubigen und ihre Bemühungen trösteten sein Herz und erfüllten ihn erneut mit Zuversicht. Aber bedauerlicherweise wiederholte sich der vom Größten Heiligen Blatt beschriebene Vorgang und führte ein weiteres Mal zu seiner plötzlichen Abreise im Frühling 1924. Sie teilt den Gläubigen die Ereignisse mit: „Aus bestimmten Briefen erkannte er in einigen Gemeinden noch einmal mangelnde Geistigkeit und Eintracht unter einigen Freunden und eine Nichtachtung ihres Geistigen Rates. Dadurch wurde sein Herz noch einmal betrübt, und wiederum beschloss er abzureisen.“ Sie vertraut den Bahá´í an, dass sie selbst und die anderen Frauen in der Heiligen Familie alles in ihrer Macht Stehende taten, um Shoghi Effendis Herz aufzuheitern und ihn beschworen, seine Entscheidung zu überdenken – aber ohne Erfolg.28
Der nächste Abschnitt dieses erstaunlichen Briefes enthält eine Botschaft Shoghi Effendis, die er sie bat, den Bahá´í zu übermitteln. Sie hat folgenden Wortlaut:
„Er sagte uns: `Ich habe ein feinfühliges Herz. Ebenso wie ich eine zwischen Menschen bestehende Abneigung fühle und dadurch verletzt werde, genau so bewundere und schätze ich die hervorragenden Eigenschaften der Gläubigen; ja, sie sind meinem Herzen näher, als Worte beschreiben können. Nach dieser allerschrecklichsten Prüfung war mein einziger Herzenstrost die Treue und Standhaftigkeit der Freunde und ihre Liebe zur Gesegneten Schönheit und zu `Abdu´l-Bahá. Nichts kann je den Wert solch ausgezeichneter Eigenschaften mindern, und dafür bin ich allen Freunden, Männern und Frauen gleichermaßen, zutiefst dankbar. Und trotzdem kann die ganze Glut ihrer Liebe niemals aus sich selbst heraus die Arche des Glaubens der ersehnten Küste näherbringen. Sie kann niemals den Völkern der Welt den Anspruch des Volkes von Bahá beweisen. Um die Religion Gottes zu schützen und ihre Macht zu stärken, müssen die Freunde wirksame Mittel einsetzen: ihre Liebe muss so groß sein, dass sie einander verehren und jede Missgunst aus ihren Herzen verbannen.
Wenn die Freunde zum Beispiel von den Nicht-Bahá´í gefragt werden: ’Was unterscheidet euch von allen anderen?’, und wenn die Freunde dann antworten: ’Auf dem Pfad der Liebe für den Mittelpunkt unseres Glaubens würden wir unser Leben und unseren Besitz opfern’, dann würden sich zivilisierte Menschen mit einer solchen Antwort niemals zufriedengeben. Sie würden nur sagen: ’Eure Liebe und Opferbereitschaft für eine bestimmte Person kann unmöglich das Heilmittel für die chronischen Krankheiten sein, unter denen die heutige Gesellschaft leidet.’ Wenn die Freunde daraufhin antworten: ’Unsere Religion gibt uns Grundsätze und moralische Lehren mit, deren Wert auch der Weiseste nicht leugnen kann’, dann erhalten sie zur Antwort: ’Hohe Grundsätze und Lehren werden nur dann den Charakter der Menschen beeinflussen und die tödlichen Krankheiten unserer Gesellschaft heilen, wenn diejenigen, die ihren Glauben daran bekennen und sie unterstützen, die ersten sind, die danach handeln, indem sie ihren Wert und Nutzen in ihrem eigenen täglichen Leben und Handeln bezeugen und zum Ausdruck bringen.’ Solange dies nicht geschieht, gibt es nichts, was die Bahá´í vom Rest der Menschheit unterscheidet.
Weiter sagte er uns: `Die Völker der Welt betrachten heute die Bahá´í sehr sorgfältig und beobachten sie genauestens. Die Gläubigen müssen jede Anstrengung unternehmen und äußerst behutsam sein, um jedes Gefühl der Entfremdung zu unterbinden und zu tilgen, und müssen es als ihre heilige Pflicht ansehen, den Beschlüssen ihrer Geistigen Räte nachzukommen. In dem gleichen Maße, wie Abneigung zwischen einigen Gläubigen mein Herz gekränkt hat, wird dieses Herz aber auch ihre Einigkeit, ihr gegenseitiges Verständnis, ihre liebevolle Zuneigung und ihre Ehrerbietung gegenüber der Autorität ihres Geistigen Rates getreulich widerspiegeln. Sobald ich die Widerspiegelung solcher Lichter spüre, werde ich sofort ins Heilige Land zurückkehren und mich der Erfüllung meiner geheiligten Pflichten widmen. Übermittle diese meine Botschaft allen Freunden.´“29
Der Brief des Größten Heiligen Blattes endet mit der schlichten Feststellung: „Es ist jetzt zwei Wochen her, dass er diese bewegende Erklärung abgegeben und das Heilige Land verlassen hat.“ Schließlich verweist sie die Gläubigen noch auf den Passus in `Abdu´l-Bahás Testament, der sie dazu aufruft, Shoghi Effendi die größte Sorge angedeihen zu lassen und drückt die Hoffnung aus, sie mögen so fruchtbare Anstrengungen machen, dass der geliebte Hüter davon ins Heilige Land zurückgeholt wird.30
Rúhíyyih Khánum, die Witwe des Hüters, vermittelt einen überraschenden Einblick in die Tiefe und Feinheit des Verhältnisses zwischen dem Größten Heiligen Blatt und dem jungen Hüter. Sie sagt aus, dass nach `Abdu´l-Bahás Hinscheiden Shoghi Effendi zum Mittelpunkt im Leben des Größten Heiligen Blattes wurde. Rúhíyyih Khánum erzählt von einer großen Versammlung der männlichen Bahá´í, die in der Empfangshalle von `Abdu´l-Bahás Haus in Haifa stattfand, als sie 1923 mit ihrer Mutter zur Pilgerreise dort war. Sie schildert, was sich bei diesem Anlass zugetragen hat:
„ ... meine Mutter und Edith Sanderson saßen dort neben dem Hüter, aber ich war bei den Frauen in einem Raum, der zur Halle hin geöffnet war. Wir saßen im Dunkel, so dass wir die Tür offen lassen konnten (zu jener Zeit waren Männer und Frauen aus den Ländern des Ostens nach der Landessitte vollkommen voneinander getrennt) und doch ein wenig von dem hörten, was vor sich ging. Anscheinend hatte sich ein Gläubiger aus dem Osten in einer plötzlich aufwallenden Gemütsbewegung erhoben und sich Shoghi Effendi zu Füßen geworfen; wir konnten das in unserem Raum nicht sehen, sondern hörten nur, dass draußen große Unruhe entstand. Das Größte Heilige Blatt, so schmal und gebrechlich, sprang mit einem lauten Schrei in die Höhe, in Sorge, dass dem jungen Hüter etwas zugestoßen sei. Sie wurde beruhigt, als jemand die Nachricht hereinbrachte, dass nichts Ernsthaftes vorgefallen war; doch war ihre Panik so augenfällig, dass sich mir die kleine Szene für immer eingeprägt hat.“31
Das Größte Heilige Blatt achtete besonders darauf, die Gläubigen auf die ausdrücklichen Bestimmungen im Testament des Meisters hinzuweisen, die zur Standhaftigkeit im Gottesbund und zur Vermeidung des Kontaktes mit Personen aufrufen, die die Einheit des Glaubens zu untergraben suchen. Zum Beispiel beschreibt Bahíyyih Khánum in ihrem Brief an einen Geistigen Rat des Ostens ausführlich einige Umtriebe der Bundesbrecher, die `Abdu´l-Bahá in Seinem Testament lediglich angedeutet hatte. Sie stellte damit sicher, dass den Bahá´í die Gefahren deutlicher zum Bewusstsein kamen, die den noch keimhaften Glauben nicht nur um die Zeit von Bahá´u´lláhs Heimgang bedroht hatten, sondern auch noch nach dem Hinscheiden `Abdu´l-Bahás bedrohten, als der Bund erneut der gleichen Art von Druck und Gefährdung durch die Unzufriedenen und Ehrgeizigen ausgesetzt war. 32
An die Gläubigen im Westen gewandt, betont das Größte Heilige Blatt die Verpflichtungen der Bahá´í gegenüber dem Gottesbund. Sie ermahnt sie:
„Geliebte Freunde! Eine große Pflicht eines jeden Bahá´í ist Wachsamkeit, um die Feste des Glaubens vor dem Angriff der Feinde zu schützen. In diesen Tagen hat ihre Tätigkeit stark zugenommen. Sie sind immer rege und mühen sich aufs äußerste, Schaden anzurichten, um den Vormarsch der Sache Gottes zu behindern.
Der Umgang mit solchen Menschen wird zu Uneinigkeit und Unruhe unter den Freunden führen und dem Fortschritt der Sache schaden. Deshalb ist es dringend notwendig, dass die Freunde sich größter Weisheit und Wachsamkeit befleißigen, um zu verhindern, dass durch die bösen Pläne der Feinde ein Bruch im Glauben entsteht. Die wenigen Personen, die `Abdu´l-Bahá als schädlich für die Sache bezeichnet hat, sind von allen Freunden zu meiden, wozu uns auch Shoghi Effendi selbst in seinem zweiten Brief an die amerikanischen Gläubigen aufruft.“ 33


Die Leitung der laufenden Arbeit der Bahá´í-Gemeinde

Zusätzlich zu ihrer Arbeit, den Gläubigen die ausdrücklichen Verfügungen vom Testament `Abdu´l-Bahás sowie die Bedeutung des Bahá´í-Bundes nahezubringen, widmete sich Bahíyyih Khánum den laufenden Geschäften der Bahá´í-Gemeinde im Heiligen Land und im Ausland.
Das Größte Heilige Blatt beaufsichtigte den Abschluss verschiedener Projekte, die `Abdu´l-Bahá in die Wege geleitet hatte. Zum Beispiel hatte der Meister in Seinem letzten Lebensjahr einen amerikanischen Gläubigen, Curtis Kelsey, eingeladen, um für die Schreine in Haifa und Bahjí Generatoren und elektrisches Licht zu installieren. Dieses Projekt wurde 1922 unter Aufsicht des Größten Heiligen Blattes beendet, während Shoghi Effendi sich in Europa aufhielt. Curtis Kelseys Biograph Nathan Rutstein schildert, was nach Abschluss der Arbeiten unmittelbar vor der Abreise von Curtis aus dem Heiligen Land geschah. Es wirft ein Licht auf die einfühlsame, praktische Art des Größten Heiligen Blattes und auf ihre Autorität:
„Als Curtis gerade seine Koffer für die Heimreise packte, wurde er ins Haus des Meisters gerufen. Dort führte man ihn in `Abdu´l-Bahás Zimmer, wo das Größte Heilige Blatt und drei Töchter des Meisters auf ihn warteten. Sie begrüßten ihn herzlich und rückten näher an ihn heran, ja sie umringten ihn. Eine der Töchter lobte ihn für die geleistete Arbeit. ... als die gleiche Tochter insistierte, dass er Geld für die Heimreise annehmen solle, sagte Curtis: `Nein, meine Angelegenheiten sind geregelt.´ Er konnte sich nicht vorstellen, von der Familie des Meisters Geld anzunehmen. Aber die anderen Töchter bestanden nachdrücklich darauf, es sei wichtig, dass er das Geld annehme. Er blieb aber weiter hartnäckig bei seiner Weigerung. Endlich ergriff das Größte Heilige Blatt Curtis bei der Hand, und mit den Worten: `Kelsey, Sie brauchen das Geld für Ihre Rückkehr nach Hause! ´ legte sie ihm das Geld in die Hand.
`Ich nehme es’, sagte Curtis, ’wenn sie es mich nach meiner Ankunft zurückzahlen lassen.’
’Nein’, erwiderte sie fest.
Curtis spürte, dass das Größte Heilige Blatt einen göttlichen Befehl erteilt hatte, das an die Art erinnert, wie `Abdu´l-Bahá antwortete, wenn es um Festigkeit ging. Curtis nahm das Geld höflich an und dankte ihnen. Beim Verlassen des Zimmers fragte er sich, woher sie seine finanzielle Lage kannten, da er doch keiner Seele davon erzählt hatte.“34
Die führende Hand des Größten Heiligen Blattes ist auch bei der Fertigstellung eines anderen Projekts erkennbar, das in den Tagen des Meisters begonnen hatte. Vor Seinem Hinscheiden beauftragte `Abdu´l-Bahá die amerikanischen Bahá´í, eine Lehrerin nach Persien zu entsenden, die die Leitung der Tarbíyat-Mädchenschule, einer 1909 gegründeten Bahá´í-Schule, übernehmen sollte. Die bisherige Direktorin, Lillian Kappes, war auf ihrem Posten in Teheran gestorben. Dr. Genevieve Coy war bereit, diese Stelle anzutreten. Mit Brief vom 11. Juli 1922 an den Geistigen Rat von Teheran schreibt das Größte Heilige Blatt:
„Seine Heiligkeit `Abdu´l-Bahá hat ... nach dem Aufstieg von Miss Kappes ins Reich Abhá angeordnet, dass eine der Dienerinnen Gottes in Amerika ausgewählt und auf ihren Posten nach Teheran entsandt würde. Deshalb ist diese treue, strahlende, hingebungsvolle Dienerin Gottes, Miss Coy, ausgewählt worden. Fast einen ganzen Monat hat sie in Haifa in der Gemeinschaft mit diesen ergebenen, leidgeprüften Dienerinnen Gottes verbracht, und sie hatte die Möglichkeit, die heiligen Grabstätten und Schwellen zu besuchen. Jetzt wird sie unter dem Schutz und der Fürsorge Gottes abreisen. Möge es Ihm gefallen, dass sie Teheran sicher erreicht.“ 35
Abschließend drückt sie die Hoffnung aus, dass der Geistige Rat Miss Coy jede Unterstützung gibt, so dass sie, „freudig und beglückt in Geist und Seele, sich der Erziehung und Ausbildung der Mädchen an der Tarbíyat-Schule widmen kann.“ 36
Der im „Star of the West“ vom Februar 1923 enthaltene Auszug aus einem Brief des Teheraner Geistigen Rates zeigt, wie die Führung des Größten Heiligen Blattes bereitwillige Annahme und Unterstützung findet. Dort heißt es:
„Ihre Heiligkeit, das Größte Heilige Blatt, hat ... in einer heiligen Tafel diese verehrte Dame [Miss Coy] besonders eingeführt und in solchem Maße empfohlen, dass alle Freunde sich danach sehnen und es wünschen, ihr zu dienen. Wir hoffen, dass die wichtigen Dienste und Schritte, die Miss Kappes zur Förderung des Wissens und der Charakterbildung der Teheraner Bahá´í-Mädchen eingeleitet hat, in der Amtszeit dieser verehrten Dame weiterentwickelt und vollendet werden, und dass die Tarbíyat-Mädchenschule entsprechend dem Wunsch der Freunde hohes Ansehen und größte Vervollkommnung erreichen wird, damit ihre Absolventinnen als bestens gebildete, gelehrte und geistige Frauen der Bewegung für die Freiheit und den Fortschritt der Bahá´í-Frauen des Ostens in hervorragender Weise dienen können.“ 37*
Das Größte Heilige Blatt setzte auch die tiefen Freundschaftsbeziehungen fort, die zwischen einigen Gläubigen des Westens und ihrem Bruder `Abdu´l-Bahá bestanden hatten, und sie erweiterte diese Liebesbande, so dass sie auch den neu ernannten Hüter Shoghi Effendi einschlossen. Einem dieser Freunde schreibt sie:
„Schon seit langem haben wir keine Nachricht von ihnen erhalten, und wir sehnen uns nach einem ihrer interessanten, schönen Briefe, denn darin erfahren wir immer Trost durch ihre Aufrichtigkeit, ihre Liebe für die Sache und ihre beharrliche Energie in der Arbeit für die Sache. Sie waren immer einer der besten Freunde des Meisters, sie sind einer der ältesten amerikanischen Gläubigen, einer der standhaften, begeisterten Mitstreiter, und wir sind immer glücklich, von ihnen zu hören. Es erfreut unser Herz, wenn wir erfahren, dass die Freunde aktiv und aufrecht bei der Verbreitung der Lehren sind.
Immer warten wir sehnsüchtig auf Nachricht von den Freunden, um zu erfahren, dass sie in Amerika aufrichtig und energisch aufstehen, um unserem geliebten Hüter zu helfen und sein Herz zu erfreuen, damit er ins Heilige Land zurückkehren und mit frischer Kraft seine Bürde schultern kann. Diese wird ihm zu groß, wenn er fühlt, dass die Freunde sich nicht mit ihm verbinden, um die Anweisungen des Geliebten auszuführen. Wir wissen, dass diese Gebote und Lehren der Balsam für die Wunden und Leiden der Welt sind. Wenn die Freunde nicht standhaft, aufrecht und vereint an den Grundsätzen Bahá´u´lláhs festhalten, so wie sie von `Abdu´l-Bahá erläutert und erweitert wurden, und wenn sie sie nicht in aller Klarheit lehren und rein und unverfälscht bewahren, wie können dann die Leiden der Menschheit gemildert werden? Keine andere Lehre hat vermocht, die bestehenden Vorurteile zwischen Völkern und Religionen auszumerzen und sie auf der Grundlage der reinen Wahrheit zu vereinigen. Da wir jetzt diese gesegnete Arznei, dieses göttliche Elixier besitzen, lasst uns nicht blind oder nachlässig sein, sondern kraftvoll und mutig als treue Anwälte für dieses göttliche Allheilmittel eintreten.“38
Das Größte Heilige Blatt diente als greifbares Bindeglied zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft des Glaubens. Sie vermittelte den Bahá´í ein Gefühl der Beständigkeit und eine klare Vision, die sich auf die vertraute Führung aus den Schriften Bahá´u´lláhs und `Abdu´l-Bahás gründete. Sie half ihnen, die fortdauernde Gültigkeit dieser Führung für die aktuellen Bedürfnisse der Gegenwart zu begreifen, und sie lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den Inhalt der Briefe Shoghi Effendis.
Bei der administrativen Leitung der Bahá´í-Gemeinde schöpfte das Größte Heilige Blatt Kraft aus der Führung, die Shoghi Effendis Briefe aus den ersten Monaten seiner Amtszeit vermittelten. Die Briefe des Hüters legten den Kurs für die Weiterentwicklung des Glaubens fest, sie zeigten Erfordernisse auf, bestimmten Handlungsprioritäten und erweiterten das Verständnis der Gläubigen für den Übergang ins Gestaltende Zeitalter der Sache Gottes.
Eine Reihe von breit angelegten, keimhaften Themen wird in Shoghi Effendis Briefen aus den ersten Jahren des Hütertums angesprochen. Zum Beispiel betont er, wie wichtig es ist, die Bestimmungen von `Abdu´l-Bahás Testament zu verstehen und rückhaltlos zu übernehmen. Er weist auf die Wichtigkeit der Institution des Geistigen Rates hin und auf die dringende Notwendigkeit, auf der ganzen Welt örtliche und Nationale Geistige Räte zu errichten. Er legt den Modus für die Wahl dieser wichtigen Institution fest, umreißt ihre Funktionen und beschreibt ihre Beziehung zum Universalen Haus der Gerechtigkeit, der krönenden Institution der Bahá´í-Gemeindeordnung, die in der Zukunft ins Leben zu rufen sei. Ferner erklärt er das einzigartige Verfahren der Bahá´í-Wahlen, unterstreicht die Wichtigkeit der Beratung als das Werkzeug der Entscheidungsfindung für die Geistigen Räte und schildert die geistigen, persönlichen und intellektuellen Eigenschaften, die alle jene, die in Geistige Räte gewählt werden, aufweisen sollen.
Darüber hinaus befassen sich Shoghi Effendis frühe Briefe mit den Herausforderungen, denen der Glaube in der Übergangsphase zum Gestaltenden Zeitalter begegnet. Er erinnert die Gläubigen an `Abdu´l-Bahás Aussage über eine Periode der Prüfungen und betont die Notwendigkeit der Standfestigkeit der Gläubigen im Bund, ihrer Einheit und ihrer besonderen Anstrengungen, die Sache Gottes zu lehren. 39
Bahíyyih Khánum kam in den Briefen, die sie in den Zeiten der Abwesenheit des Hüters schrieb, immer wieder auf diese gleichen Themen zurück. Ebenso griff sie eine Anzahl von Initiativen auf, die zum Teil von Shoghi Effendi eingeleitet waren und sorgte für ihre Verwirklichung. Die unverkennbare Einheit im Ziel und enge Zusammenarbeit zwischen dem Hüter und dem Größten Heiligen Blatt wird besonders in den Vorbereitungen deutlich, die für den Besuch von Jináb-i-Fádil-i-Mazindarání, einem angesehenen persischen Bahá´í-Lehrer, in Nordamerika zur Ankurbelung der dortigen Lehrarbeit zu treffen waren.
Im September 1922 richtete der Nationale Geistige Rat der Bahá´í in den Vereinigten Staaten und Kanada ein Telegramm an Bahíyyih Khánum, das eine Einladung an Jináb-i-Fádil-i-Mazindarání und seine Familie zu einem Besuch in Amerika enthielt. Im Februar 1923 traf dieser Mann in New York ein; in seinem Gepäck hatte er einen Brief Shoghi Effendis an die Bahá´í in Nordamerika. In dem Brief des Hüters heißt es:
„Unser geliebter Freund Jináb-i-Fádil-i-Mazindarání ist froh und dankbar, begleitet von seiner Familie, auf die freundliche Einladung der amerikanischen Freunde zu einem weiteren Besuch eingegangen, um den vielen Freunden beizustehen, die auf dem ganzen Kontinent so treu für die Sache Bahá´u´lláhs arbeiten. ...
Dass alle Freunde noch klarer die dringende, überragende Notwendigkeit erkennen, in diesen Tagen die Sache Gottes zu lehren, dass sie sich erheben, um einen noch unermüdlicheren, systematischeren und ausgedehnteren Feldzug des Dienens zu eröffnen – dies sind die hohen Ziele, die er sich gesetzt hat und die er mit der zuverlässigen Hilfe und uneingeschränkten Unterstützung jedes amerikanischen Gläubigen in der nächsten Zeit zu erreichen gedenkt.
Möge sein zweiter Besuch bei ihnen in seinem Verlauf und Ergebnis einen neuen, denkwürdigen Abschnitt in der Geschichte der Sache Gottes in ihrem großen Land bedeuten!“ 40
Ein anderes Beispiel dafür, wie das Größte Heilige Blatt für das Gelingen eines von Shoghi Effendi eingeleiteten wichtigen Projekts sorgte, betrifft die Vorbereitung eines Artikels über den Bahá´í-Glauben. Der Artikel sollte auf einer „Konferenz der lebenden Religionen im Britischen Weltreich“ vorgestellt werden, die 1924 in London als Bestandteil der Ausstellung des Britischen Weltreichs eingeplant war. Shoghi Effendi hatte im Januar 1924 den amerikanischen Nationalen Geistigen Rat brieflich gebeten, in Zusammenarbeit mit dem britischen Nationalen Geistigen Rat zu diesem Anlass einen Text zu erarbeiten. Im Juni 1924 erwähnte das Größte Heilige Blatt in einem in ihrem Auftrag an den britischen Nationalen Geistigen Rat gerichteten Brief, dass sie beim amerikanischen Nationalen Rat telegrafisch nach dem Stand und Fortschritt dieses Artikels gefragt und daran erinnert habe, dass dieser bis zum Juli vorzulegen sei. Tatsächlich wurde der Artikel termingerecht fertiggestellt, eingereicht und auf der Konferenz vorgetragen. 41

Förderung der Ausbreitung des Bahá´í-Glaubens

Bei dem Nachdruck, der in den Schriften Bahá´u´lláhs und `Abdu´l-Bahás sowie in den Briefen Shoghi Effendis auf das Lehren des Glaubens gelegt wird, ist es eigentlich selbstverständlich, dass auch das Größte Heilige Blatt in ihren Briefen großen Wert darauf legte, die Bahá´í zur Lehrarbeit anzuregen und zu begeistern. So kommt sie zum Beispiel in einem Brief von 1922 auf die Worte `Abdu´l-Bahás zu sprechen, mit denen Er die Gläubigen zum Handeln aufruft:
„Ihr Brief vom 12. Oktober 1922 ist eingetroffen und hat unsere Erinnerung an die vielen schönen Tage aufgefrischt, die sie hier verbrachten, als unser geliebter Herr, `Abdu´l-Bahá, noch auf Erden weilte. Solche Tage können durch noch so viele Ereignisse in der Geschichte nicht aus dem Herzen gelöscht werden – nein, je weiter wir die Stufen des Lebens emporsteigen, desto tiefer prägen sie sich in die Struktur unseres Innersten ein.
Ich habe ihren Brief sehr aufmerksam gelesen, und dabei klangen mir die Worte des Meisters im Ohr – Worte, die wie warmer Regen in die Seelen und Herzen der Verständigen eindrangen. Jetzt ist die Zeit, wo wir alles vergessen und unsere Gedanken auf den Fortschritt der Sache Gottes konzentrieren sollten. Tag und Nacht sollten wir bestrebt sein, dass die Prinzipien und Lehren Seiner Heiligkeit Bahá´u´lláhs und die Worte des Meisters in den Herzen der getreuen Freunde voll zum Ausdruck kommen.
Wenn ich die Geschichte der Sache Gottes überdenke und mir die unzähligen Schwierigkeiten in Erinnerung rufe, die alle ihre Vorkämpfer zu ertragen hatten, dann bin ich sofort überzeugt, dass die aufrichtigen Freunde, die die Ereignisse miterlebt haben, keinen Augenblick zögern, sondern mit Herz und Seele alles opfern werden, was ihnen teuer ist, damit das verwirklicht wird, wofür der Göttliche Plan offenbart wurde.“ 42
Als ihr eine Bahá´í berichtete, dass sie eine Gruppe chinesischer Studenten getroffen und mit ihnen über den Glauben gesprochen habe, schrieb das Größte Heilige Blatt zurück: „Ich habe mich sehr gefreut, von ihrem Treffen mit den chinesischen Studenten zu erfahren. Ich bin sicher, dass sie eine starke Wirkung ausgeübt haben und ihr Einfluss bei ihnen groß ist, denn ihr junger Geist ist empfänglich und kann die Bedeutung dieser Manifestation erfassen. Wenn sie nach China gehen, was sie ja tun können, wenn sie es für klug halten, wird ihr Einfluss und Erfolg hoffentlich noch größer sein.“ In den folgenden Worten ermutigt sie diese Bahá´í, in ihren Bemühungen nicht nachzulassen:
„Ich bete zu Gott, dass Er sie in ihrem Lehren bestätigt, und wenn sie nach China gehen, dass Er sie zu einer Pionierin macht, die die Botschaft dieser Sendung in die entlegensten und unbekanntesten Länder der Erde trägt.
Die Mitglieder der Heiligen Familie senden ihnen mit mir liebevolle Bahá´í-Grüße. Möge der Geist `Abdu´l-Bahás sie führen und bewahren.“ 43
Dem Größten Heiligen Blatt war die Wichtigkeit unablässiger Bemühung beim Lehren des Glaubens völlig bewusst – auch dann, wenn sich die Ergebnisse nicht sofort zeigen. In einem Brief ermutigt sie die Bahá´í wie folgt:
„Sie schreiben, dass ihre Zahl klein ist. Aber es ist absolut gewiss, dass Zahlen keine Rolle spielen. Auf die Aufrichtigkeit und Hingabe des Herzens kommt es an. Es ist das Herz, das, wenn es alle irdischen Interessen verbannt hat, strahlend aus dem Reich der Liebe und Selbstlosigkeit hervorscheint, die Seelen der Verzagten und Verzweifelten anzieht und ihre Wunden mit dem Balsam dieser Botschaft heilt. Diese neue Offenbarung hat sich wirklich als Wasser des Lebens für die Durstigen, als ein Meer des Wissens für den Sucher, eine Botschaft der Anteilnahme für die Niedergedrückten und als ein neuer Geist und neues Leben für die ganze Welt erwiesen. Was jetzt bleibt, ist, dass wir, die selbstlosen Diener unseres Herrn, durch eigenes Bemühen und durch Seine Gunst darin bestätigt werden, dieses Licht überall zu verbreiten und diese Frohe Botschaft in jede Hütte und jeden Palast zu tragen.“ 44
In einem weiteren Brief teilt sie den Freunden mit, dass sie selbst am Schrein `Abdu´l-Bahás für den Erfolg ihrer Lehrarbeit beten wird. Sie schreibt: „Ich bete am Heiligen Schrein `Abdu´l-Bahás, unseres geliebten Herrn, dass sich gnädiglich ihr Herzenswunsch verwirklicht, der dem geliebten Hüter der Sache Gottes Freude und Glück bringt: Dienst für die Einheit der geliebten Freunde und Verbreitung der göttlichen Lehren, die allein diese entseelte Welt retten können.“ 45
Vor allem unterstreicht Bahíyyih Khánum die überragende Bedeutung und Dringlichkeit der Lehrarbeit, und sie hilft den Freunden, den Zusammenhang zwischen dieser lebenswichtigen Tätigkeit und persönlichem Glück und Wohlbefinden zu verstehen. „Jetzt ist es Zeit“, schreibt sie in einem ihrer Briefe, „uns mit aller Macht zu erheben und zu dienen, damit wir von Tag zu Tag glücklicher werden und unser Herz mit Wärme und Freude füllen.“ 46

Das Bewusstsein für die Bahá'í-Gemeindepraxis stärken

Bahíyyíh Khánum unternahm gezielte Schritte, um den Bahá´í-Glauben vom Heroischen ins Gestaltende Zeitalter zu lotsen. Sie machte bewusst, wie wichtig die Bildung von Geistigen Räten war und ermutigte und schulte die Gläubigen darin, ihre Handlungen an den Verfahrensweisen der Bahá'í-Verwaltung auszurichten. Ihr Weitblick und die Führung, die sie gab, leiteten sich gleichermaßen aus ihrem klaren Verständnis für die Erfordernisse des Glaubens in diesem Entwicklungsstadium ab, wie aus der Führung, die die frühen Briefe Shoghi Effendis vermittelten. Diese neuen Leitlinien waren so entscheidend, dass sie ihre Bedeutung sofort in ihren eigenen Briefen hervorhob, die sie nach der 1922 erfolgten Abreise des Hüters aus dem Heiligen Land schrieb, was sie auch weiterhin während der Dauer ihres Amtes als „oberste Leitung der Religionsgemeinschaft“ fortführte. Ruhíyyih Khánum schildert einige der Handlungen des Größten Heiligen Blattes aus jener Zeit: „Am 8. April 1922 richtete das Größte Heilige Blatt ein Rundschreiben an die Freunde. Sie bestätigt deren Ergebenheitsadressen und sagt, dass Shoghi Effendi auf ihre Mitarbeit bei der Verbreitung der Botschaft zählt. Die Bahá´í-Welt muss ab sofort durch die Geistigen Räte verbunden werden, denen alle örtlichen Angelegenheiten vorgelegt werden müssen.“ 47
Im Hinblick auf die Ermutigung einer Bahá'í-Gemeindepraxis lässt sich manches aus der Art lernen, wie das Größte Heilige Blatt selbst administratives Vorgehen in der passenden Weise gestaltete. Ihre Briefe helfen zu erkennen, wie man den „Geist freimütiger, liebevoller Beratung“ zeigt, der nach den Worten des Hüters die „Grundlage der Sache Gottes“ ist. 48
Bahíyyih Khánums Briefe sind direkt und persönlich, einfühlsam und auf die individuellen Bedürfnisse und besonderen Situationen zugeschnitten, um die es geht. So lesen wir zum Beispiel: „Sehr gerne würden wir jeden Brief einzeln beantworten, aber der Schock, den uns dieser Verlust bereitete, war so plötzlich und die Arbeit, die erledigt werden musste, so überwältigend, dass keine Zeit blieb. Jetzt möchten wir sie wissen lassen, dass ihre Worte des standhaften Glaubens und der Liebe in all den Tagen unseres Schmerzes unser größter Trost waren, denn wir konnten fühlen, dass jeder von ihnen treu und ergeben darum ringen würde, die Arbeit weiterzutragen, für die unser geliebter Meister Sein Leben gab.“ Das Größte Heilige Blatt bestätigt den Empfang von Briefen, die an Shoghi Effendi und an sie selbst gerichtet waren, drückt ihre Anerkennung für die Dienste der Gläubigen aus und schreibt: „Ihre zahlreichen Briefe an den geliebten Hüter und an mich sind alle angekommen und haben uns den süßen Duft ihrer Hingabe und Aufrichtigkeit, ihres starken Glaubens und ihrer tätigen, wunderbaren Dienste gebracht, die sie unermüdlich für die Sache Gottes leisten. Sie sollten glücklich sein, liebe Bahá´í-Schwester, dass sie in ihrem geistigen Leben so wunderbar bestätigt werden.“ ... Dann macht sie Mitteilungen über den Hüter und seine unmittelbar bevorstehende Rückkehr ins Heilige Land und gibt abschließend folgende Ermutigung: „Die Frauen in der Heiligen Familie und ich denken unentwegt an sie, geliebte Freunde `Abdu´l-Bahás und beten für sie um Bestätigung und Glück. Ich danke all den lieben Freunden, die so treu und liebevoll mit so hervorragenden Taten auf meinen freundschaftlichen Ruf nach größerer Einigkeit und Liebe geantwortet haben. Mögen die Gesegnete Schönheit [Bahá´u´lláh] und `Abdu´l-Bahá sie reich belohnen und ihre aufrichtigen Dienste mit großem Erfolg krönen.“49
Das Studium der Briefe Bahíyyih Khánums zeigt, dass sie die Verwaltung der Angelegenheiten des Glaubens auf praktische, systematische, zielgerichtete und vorausschauende Weise anging. Ohne Zögern führte sie Änderungen ein, wenn die Umstände es erforderten oder Shoghi Effendi den Auftrag dazu gab. Ihre Briefe weisen auf geistige und administrative Prinzipien hin und geben notwendige Information. So schreibt sie zum Beispiel an die Geistigen Räte des Ostens: „Vor ein paar Tagen habe ich ein Rundschreiben ausgesandt. Ein ausführlicher neuer Brief des Hüters an das Volk Bahá wurde ebenfalls verschickt; zweifellos werden sie ihn jetzt studieren; er muss unbedingt unter den Freunden in Umlauf gesetzt werden. Damit will ich sagen, dass ich aus meiner großen geistigen Liebe für sie, die standhaften Getreuen Gottes und Seines Bundes, daran gegangen bin, ihnen auch diesen jetzigen Brief zu schreiben.“ Sie kommt dann in diesem Brief auf Äußerungen in `Abdu´l-Bahás Testament und in anderen Tafeln über Abweichung zu sprechen und warnt die Gläubigen vor den Gefahren, gegen die Bestimmungen des Bundes zu streiten. Um den Gläubigen zu einem besseren Verständnis dieser Bestimmungen zu verhelfen, kündigt sie an: „Obwohl das Testament bis jetzt aus Gründen der Weisheit nicht überall im Umlauf war und nur den Geistigen Räten in den verschiedenen Ländern anvertraut wurde, ist jetzt eine Fotokopie des vom Meister eigenhändig geschriebenen Originaltextes angefertigt worden. Sie wird bald verschickt werden zur geistigen Freude von ihnen allen, die sie die Schatzkammern der Treue und Vertrauenswürdigkeit sind, damit jeder einzelne Gläubige, jeder Standhafte im Bund, der dies wünscht, sie lesen und kopieren kann.“ 50
Ein weiterer Brief des Größten Heiligen Blattes beleuchtet ihr systematisches Vorgehen: Sie informiert die Gläubigen über das inzwischen erkennbare Ergebnis eines Aufrufs, den sie an die Bahá´í-Gemeinde gerichtet hatte. Im gleichen Absatz betont sie die Wichtigkeit, den Rang des Nationalen Geistigen Rates zu verstehen und diese aufkeimende Institution zu unterstützen. Sie schreibt: „Seit meinem letzten liebevollen Aufruf an die Geliebten Gottes und `Abdu´l-Bahás geistige Kinder haben die lieben Freunde in jedem Land wirklich einen wundervollen Geist gezeigt, der uns alle zu Freude und Dankbarkeit bewegt hat. Für ihre Bestätigung und ihren Erfolg beten wir sehnlich an den Heiligen Schreinen. Ich hoffe und bete, dass ihr Nationaler Geistiger Rat in diesem Jahr durch göttliche Hilfe mit einem beispiellosen Aufschwung gesegnet wird.“ 51
Das Größte Heilige Blatt förderte nicht nur die keimhaften Nationalen Geistigen Räte, sondern gab auch aktive Ermutigung zur Bildung Örtlicher Geistiger Räte in der ganzen Bahá´í-Welt und half den Bahá´í, die Aufgaben dieser Institutionen besser zu verstehen. So verhalf sie den Gläubigen zu einem tieferen Verständnis der Führung, die die Briefe des Hüters zu diesem Thema enthielten.
Um diesen Sinn für die Bedeutsamkeit der Bahá´í-administrativen-Institutionen noch weiter zu entwickeln, unterstrich das Größte Heilige Blatt den Zusammenhang zwischen den Aktivitäten der Gläubigen und ihrer administrativen Organe - und dem geistigen Umbruch der ganzen Welt. Sie führt aus: „Es ist klar und offensichtlich, dass der Körper der Menschheit heute nach Gliedern und Organen lechzt, die tauglich, nützlich und aktiv sind, damit ihre Bewegungen und Handlungen, ihr Gebaren und Verhalten, ihre zärtlichen Gefühle, erhabenen Denkweisen und edlen Zielsetzungen allezeit himmlische Tugenden und Vollkommenheiten widerspiegeln und göttliche Eigenschaften, heilige Wesenszüge zum Ausdruck bringen, um dadurch allen Weltbewohnern neues Leben und einen neuen Geist einzuhauchen und zur Ursache zu werden, dass die inneren Bande und geistigen Verwandtschaften in allen Bereichen menschlichen Bemühens genährt und gestärkt werden.“ 52
Anlässlich der Bildung eines neuen Örtlichen Geistigen Rates drückt das Größte Heilige Blatt seine Freude aus: „Mit großer Freude haben wir von der Einheit unter den Freunden, ihrer Standfestigkeit und Begeisterung erfahren, und dass es ihnen gelungen ist, einen Geistigen Rat zu bilden.“ Dann zählt sie auf, was die Freunde tun müssen, um die Fundamente dieser Institution zu stärken: „Eines ist klar: Je stärker das Band inniger Liebe unter den Gläubigen wird und je wilder ihr Feuer, um so mehr werden sie sich von den Segnungen des Altehrwürdigen der Tage umfangen finden und die unaufhörlichen Bestätigungen des Größten Namens* gewinnen. So werden die Geistigen Räte der Freunde zu Spiegelbildern der Gärten der Himmlischen Heerscharen, die den Strahlenglanz des Reiches Abhá widerspiegeln.“ Und im gleichen Brief bezeugt sie, dass die Zentralgestalten des Glaubens – der Báb, Bahá´u´lláh und `Abdu´l-Bahá – alle frohlocken, wenn die Lehren des Glaubens getreulich verwirklicht werden: „Aus Ihren himmlischen Reichen und unsterblichen Gefilden schauen Sie alle – Er, der erhabene Báb, und Er, die Schönheit des Allherrlichen, und die wundersame Gegenwart `Abdu´l-Bahás – auf Ihre getreuen Geliebten herab. Sie nehmen wahr, was diese in jeder Lage tun, ihr ganzes Betragen und Verhalten, alle ihre Worte und Wege; und Sie warten darauf, auszurufen: `Gut gemacht! ´, wenn Sie sehen, wie die Lehren verwirklicht werden, und: `Gesegnet bist du!´, wenn jemand die Befehle seines Herrn in hervorragender Weise ausführt.“ 53
Bahíyyíh Khánum ermutigte nicht nur zur Bildung Geistiger Räte, sondern leitete diese Räte auch an, ihre Pflichten und auch ihre Arbeitsweise besser zu verstehen. In dem folgenden Zitat aus einem ihrer Briefe macht sie die Rolle bewusst, die der Geistige Rat zu spielen hat, um die Einheit unter den Freunden herzustellen und zu erhalten und um für die Lehren des Glaubens einzutreten. Sie schreibt Folgendes:
„Gelobt sei Gott, dass durch den gnädigen Beistand des Reiches Abhá diese ergebenen Freunde befähigt wurden, zu vollbringen, was dem Ruhm der Sache Gottes und dem Schutz der Gemeinde der Jünger Bahá´u´lláhs dient. Dies ist nichts anderes, als Einheit und Verbundenheit in jeder Lage zu fördern, die Bande der Einmütigkeit und Eintracht in allem zu stärken und politischen Themen auszuweichen. Besonders wichtig ist es, niemals ungünstige Bemerkungen oder Aussagen über die Freunde und die Geliebten Gottes zu machen; denn jede Äußerung des Unmuts, der Missbilligung oder der üblen Nachrede widerspricht den Erfordernissen von Einheit und Eintracht und würde den Geist der Liebe, Verbundenheit und Würde ersticken. Deshalb sind die Mitglieder des ehrwürdigen Geistigen Rates verpflichtet, mit fester Entschlossenheit äußerste Behutsamkeit zu wahren und nicht zuzulassen, dass sich die Tore der Beschwerde und des Unmuts öffnen, oder einem der Freunde zu gestatten, sich Tadel oder übler Nachrede hinzugeben. Wer immer so etwas beginnen möchte, und sei er auch die Verkörperung des Heiligen Geistes selbst, sollte sich bewusst machen, dass solches Verhalten zu Zwietracht im Volke Bahá führt und das Banner der Empörung aufrichtet.
In diesen Tagen, da die Völker der Welt nach den Lehren der Schönheit Abhá dürsten, in denen das unvergleichliche, Leben spendende Wasser der Unsterblichkeit bereitsteht, und da wir Bahá´í uns verpflichtet haben, der ganzen Menschheit dieses Lebenswasser darzureichen und für unsere Bereitschaft bekannt sind, dafür jedes Leid und jede Heimsuchung zu ertragen – in diesen Tagen wäre es doch erbärmlich, wenn wir trotz alledem unsere heiligen Pflichten und Verantwortlichkeiten vernachlässigten und uns auf unerquickliche Debatten einlassen würden, die Erbitterung und Leid auslösen und unsere Aufmerksamkeit auf Dinge lenken, die nur Verdruss, Niedergeschlagenheit und Trübsal bringen und den durchdringenden Einfluss von Gottes Wort herabsetzen.“ 54
Ein Brief des Größten Heiligen Blattes an den Geistigen Rat von Teheran zeigt nicht nur die Rolle, die sie spielte, indem sie Beiträge für bestimmte Bahá´í-Fonds entgegennahm, sondern belegt auch deutlich ihre Vertrautheit mit den Vorgängen in der Welt und ihr Verständnis für den möglichen Nutzen internationaler Zusammenarbeit und deren Auswirkung auf das Entstehen eines Bahá´í-Bewusstseins. Im Brief heißt es:
„Ihr Scheck über zweihundert Pfund als Beitrag zum Tempelfonds* ist eingegangen und ordnungsgemäß nach Chicago weitergeleitet worden. Was für eine durchdringende Macht muss doch dieser Beweis der Zusammenarbeit und Unterstützung, dieser Geist selbstlosen Opfers, im Reich des Herzens und des Geistes freisetzen! Bedenken sie, in welchem Grade die Welt menschlicher Tugend durch diesen freigebigen Akt bereichert und geschmückt wird, und welch herrliches Licht diese Offenbarung von Einheit und Solidarität sicherlich über alle Regionen ergießen wird! Diese mächtige Anstrengung ist tatsächlich möglich geworden - trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage in Persien, wo Not, Mangel und Depression so klar zutage treten. Da es jedoch der Zweck dieses wertvollen Unternehmens, dieser lobenswerten Bemühung ist, den Ruhm der Sache Gottes zu erhöhen, wird sie unweigerlich den Segen und die Gunstbeweise Gottes auf sich ziehen.“ 55
Aus dem Vorstehenden wird deutlich, dass das Größte Heilige Blatt befähigt war, die Wichtigkeit und praktische Notwendigkeit klarzumachen, Geistige Räte zu bilden. Sie half den Bahá´í, die Aufgaben der Räte und die Rolle, die diese Institutionen in der Entfaltung der Baháí-Gemeindeordnung zu spielen haben, richtig einzuschätzen, und ebenso die Verantwortung der Gläubigen zu begreifen, diese aufkeimenden Räte zu betreuen und zu unterstützen.

Der Geistige Rat von Haifa

Der Geistige Rat von Haifa wurde im ersten Jahr der Amtszeit des Hüters gebildet, und die Anfangsphase seines Wirkens deckt sich mit den Jahren der „obersten Leitung“ durch Bahíyyih Khánum. Erstmals im Dezember 1922 gewählt, war dieser Rat nicht nur für die Organisation der Zusammenkünfte der örtlichen Bahá´í-Gemeinde verantwortlich, sondern übernahm auch die wichtige Funktion, mit den Geistigen Räten der Bahá'í in aller Welt in Kontakt zu bleiben. In einem im Star of the West veröffentlichten Brief definiert der Rat seinen Auftrag wie folgt:
„ ... entflammt durch seine [des Hüters] anhaltenden Bemühungen um eine verstärkte Zusammenarbeit und Wechselbeziehung zwischen den Bahá´í-Zentren der Welt haben wir, die Mitglieder des neu errichteten Geistigen Rates von Haifa, die große Freude, unseren Brüdern und Schwestern in Übersee die Hand zu reichen, welche so hart arbeiten, um die einzigartigen Grundsätze dieser göttlichen Offenbarung umzusetzen. Je mehr gute Nachrichten wir über den Fortschritt der Sache Gottes vernehmen, desto deutlicher erkennen wir die Erfüllung der Worte des Meisters, als Er mit strahlendem Lächeln von dem ausgedehnten Feld des Dienens sprach, das vor den aufrechten, treuen Freunden Gottes liegt.“ 56
Dass es am Herzen des Bahá´í-Weltzentrums den Geistigen Rat von Haifa gab, der mit dem Größten Heiligen Blatt zusammenarbeitete, war zweifellos für die Bahá´í in den verschiedenen Teilen der Welt ein Ansporn, in ihrem eigenen Bereich Örtliche Geistige Räte zu bilden und das Wirkungsfeld dieser Institution zu erweitern – einer Institution, die den eigentlichen Grundstock darstellt, auf dem Bahá´u´lláhs Gemeindeordnung zu entstehen bestimmt ist.
Der Geistige Rat von Haifa trug erheblich dazu bei, dass sich das Bewusstsein von einer weltweiten Bahá´í-Gemeinde bildete, indem er Nachrichten über Entwicklungen des Bahá´í-Glaubens in allen Teilen der Welt verbreitete. Zu diesem Zweck entwarf der Geistige Rat einen Nachrichtendienst in Form von Briefen, die in der Zeitschrift Star of the West publiziert wurden. Außerdem verschickte er Rundschreiben in persischer Sprache an die Geistigen Räte des Ostens. Diese Berichte ermöglichten in Ost und West ein verstärktes Bewusstsein über den Charakter der Bahá´í-Arbeit und halfen mit, das Gefühl einer Bahá´í-Identität zu entwickeln.
Die Lektüre der im Star of the West veröffentlichten Briefe des Geistigen Rates von Haifa veranschaulicht, wie die Verbreitung von Information dem Zusammenwachsen der weit verstreuten Bahá´í-Gemeinden der Welt diente. So berichtet der Rat im März 1923 von einigen Veranstaltungen, die in Haifa stattgefunden hatten: Vom Neunzehntagefest* und der Einrichtung einer Jugend-Lehrgruppe. Weiterhin berichtet der Rat über die Bildung Geistiger Räte an verschiedenen Orten im Nahen Osten und über Aktivitäten der Bahá´í in Ishqábád, Russland und in Persien.57
In dem Brief vom April 1923 verbreitet der Sekretär des Rates von Haifa die gute Nachricht von der Bildung neuer Geistiger Räte in Ägypten, in Hamadan (Persien) und in ’Akká, wo ein älterer Gläubiger in den Rat gewählt wurde, der ein Gefährte Bahá´u´lláhs bei Seinen Verbannungen gewesen war. Der Sekretär zitiert einen Brief des neu gebildeten Rates von Hamadan über die Arbeit der Bahá´í-Schulen für Mädchen und Jungen in dieser Stadt, auch informiert er über Berichte aus Ishqábád und von den Bahá´í in Deutschland. Die gleiche Ausgabe des Star of the West berichtet über die Reisen von Mr. und Mrs. Hyde Dunn, zwei amerikanischen Bahá´í, die nach Australien und Neuseeland gingen, um dort den Glauben zu lehren. Dort findet sich auch die folgende Aussage von Mr. Dunn über Shoghi Effendi und die Tätigkeit des Größten Heiligen Blattes: „Die wundervolle Gnade und das Geschenk für die Sache Gottes, das wir in dem geliebten Shoghi Effendi besitzen, lassen uns alle ... staunen. Es ist ein wahrhaft herrlicher Tag, an dem wir leben – ein Tag, dem keine Nacht folgt. Auch scheint uns das Größte Heilige Blatt mehr zu bedeuten als je. `Die Blätter werden das Heilmittel der Nationen sein.´“ 58
Die Rundbriefe des Geistigen Rates von Haifa an die Gläubigen im Orient informierten über den Fortschritt des Glaubens in Ost und West. Besonders wertvolle Meldungen wurden für die Freunde im Osten übersetzt. Zum Beispiel wurden Ansprachen von Martha Root* in China und Japan und ein Brief Shoghi Effendis über diese Lehrtätigkeit übersetzt und in das monatliche Rundschreiben eingefügt, das verschiedenen Geistigen Räten und den Freunden im Orient zuging. 59
Ein Schreiben des Geistigen Rates von Haifa, das ungefähr zwei Jahre nach dem Hinscheiden `Abdu´l-Bahás verfasst wurde, veranschaulicht die zunehmende Verbindung der weit verstreuten Bahá´í-Gemeinden miteinander und die immer stärkeren Auswirkungen von Ereignissen, die einen bestimmten Ort betrafen, auf die ganze Bahá´í-Welt. Der Rat berichtet über den Erhalt eines Briefes des Nationalen Geistigen Rates von Persien, da er die Gläubigen in aller Welt auf die wirtschaftliche Notlage ihrer Mitgläubigen in Deutschland hinzuweisen wünschte, einem Land, das unter den Bedingungen des am Ende des 1. Weltkriegs geschlossenen Friedensvertrages litt. In dem zitierten Brief des Nationalen Geistigen Rates heißt es: „Ein eigenes Rundschreiben über die wirtschaftliche Lage in Deutschland und die Not der dortigen Freunde wurde [vom Nationalen Geistigen Rat] in alle Provinzen Persiens verschickt in der Hoffnung, dass geistige oder materielle Hilfe geleistet wird.“ Außerdem führt der Brief aus: „Die Nachrichten über den Fortschritt der Sache in Australien haben das Lehren in Persien wunderbar beflügelt, da sie den himmlischen Einfluss der Göttlichen Lehren in der ganzen Welt verdeutlichen.“ Dazu merkt der Nationale Geistige Rat noch an: „Je mehr Erfahrungen wir sammeln, desto klarer wird uns die Bedeutung der Worte Seiner Heiligkeit Bahá´u´lláhs und des Meisters bewusst. Dies sind Schatztruhen, die - richtig verstanden - dem gefestigten Gläubigen einen Schlüssel in die Hand geben zur Lösung eines jeglichen Problems, das innerhalb sozialer Strukturen auftauchen könnte. Es ist durch diese Macht, dass viele völlig ungebildete Freunde in Persien die Argumente jedes religiösen Führers widerlegen können.“60
Das Mitgefühl mit der Notlage von Mitgläubigen und der Wunsch, zur Linderung ihrer Schwierigkeiten beizutragen, wird auch aus dem folgenden, Ende 1923 versandten Bericht des Geistigen Rates von Haifa deutlich:
„Unser letztes Neunzehntagefest hatte eine besondere Note, denn es war das erste seit Shoghi Effendis Rückkehr nach Haifa. Als Zeichen der Dankbarkeit für diese Segnung regte der Gastgeber an, mehr finanzielle Hilfen an unsere Brüder und Schwestern in Deutschland zu senden. Das Ergebnis des Vorschlags war, dass eine Summe von rund vierzig ägyptischen Pfund gespendet wurde, die den Freunden in Deutschland zugestellt wird.
Außerdem wurden, als durch die Bahá´í-Pionierin Agnes Alexander die Nachricht von dem Erdbeben in Japan einging, Spenden der Gläubigen aus Haifa nach Japan gesandt.“ 61
Die Rolle des Geistigen Rates von Haifa, die Aktivitäten der dort ansässigen Bahá´í zu steuern, unterstrich die Bedeutung der Institution „Geistiger Rat“. Die Schritte, die dieser Rat zur Verbreitung von Information über den Fortschritt des Glaubens in Ost und West unternahm, trugen dazu bei, dass der Bahá´í-Glaube wirklich als Weltreligion gesehen werden konnte und ein allgemeines Bahá´í-Bewusstsein gestärkt wurde. Damit ergänzte und unterstützte die Arbeit des Geistigen Rates von Haifa die Initiativen des Größten Heiligen Blattes. Ihre Funktion war es, der administrativen Tätigkeit für den Glauben allgemein die Richtung zu weisen und die notwendige Führung zu geben, damit die Gläubigen befähigt wurden, die vom Oberhaupt des Glaubens gestellten Aufgaben auszuführen.
In dem Maße, wie Shoghi Effendi den Aktionsradius der administrativen Tätigkeit am Weltzentrum des Glaubens entwickelte, wurden in späteren Jahren die Aufgaben des Geistigen Rates von Haifa vom Bahá'í-Welt-Zentrum übernommen.

Schutz des Bahá´í-Glaubens

Das Größte Heilige Blatt leistete einen signifikanten Beitrag zum Schutz des jungen Pflänzchens, des Bahá´í-Glaubens: Sowohl vor den Angriffen derer, die den Versuch machten, den Bund hinsichtlich des von `Abdu´l-Bahá ernannten Nachfolgers zu verletzen, wie auch vor den Verfolgungen durch seine Feinde in seinem Geburtsland Persien.
Wie in Kapitel 3 erwähnt, bemächtigte sich am 22. Januar 1922, kurz nach `Abdu´l-Bahás Hinscheiden, Sein ungetreuer Halbbruder Mírzá Muhammad-`Alí mit seiner Anhängerschaft gewaltsam der Schlüssel zum Schrein Bahá´u´lláhs aus den Händen des Bahá´í-Aufsehers. Sie behaupteten, dass nach islamischem Recht die Aufsicht über den Schrein an sie als die nächsten überlebenden Angehörigen Bahá´u´lláhs übergehen solle. Shoghi Effendi verwies den Fall sofort an den Gouverneur von ’Akká, der die Schlüssel in Verwahrung nahm bis zur Prüfung durch die britische Mandatsverwaltung, um die Frage des rechtmäßigen Eigentums zu entscheiden.
Die Lösung des Falles erforderte über eine lange Zeit die unausgesetzten Bemühungen Shoghi Effendis. In seiner Abwesenheit kümmerte sich das Größte Heilige Blatt um die Angelegenheit und unternahm die notwendigen Schritte, um sie bei den britischen Behörden weiter voranzubringen. In diesem Zusammenhang interessiert der folgende Auszug aus einem Brief vom Mai 1922 an die Bahá´í in Iran. Darin schildert Bahíyyih Khánum den Stand der Dinge und schreibt: „Nachdem jetzt vier Monate verstrichen sind, hat die Regierung ihren Spruch gefällt, in dem Sinne, dass die Frage der Bahá´í-Gemeinde vorzulegen sei: Was auch immer die Bahá´í entscheiden, das wird bindend sein. Wenn die Bahá´í-Gemeinde beschließt, Mírzá Muhammad-`Alí zu exkommunizieren, dann hat er keinerlei Recht auf die Aneignung.“ 62
Unter diesen Umständen rief das Größte Heilige Blatt zu einer systematischen Rechtskampagne seitens der Gläubigen und Geistigen Räte in der ganzen Welt auf. Sie trug ihnen dafür auf, Gesuche an die britischen Behörden zu richten und gab ihnen dazu folgende genaue Anleitung:
„Deshalb müssen die Bahá´í, wo immer sie wohnen, durch den Geistigen Rat ihrer Stadt und mit der Unterschrift einzeln benannter Mitglieder dieser gewählten Körperschaft die britischen Behörden in Jerusalem informieren, entweder telegrafisch oder durch Briefe, die über die Botschafter oder Konsuln Seiner Majestät geleitet werden, dass die Bahá´í-Gemeinde in Übereinstimmung mit den eindeutigen Schriften und dem Testament Seiner Eminenz `Abdu´l-Bahá, Sir `Abbás Effendi, also mit wohlbekannten Texten, die in Seiner eigenen Handschrift vorliegen – Seine Eminenz Shoghi Effendi als den Einen anerkennen, an den sich alle Bahá´í wenden müssen als Hüter der Sache Gottes, und dass sie keinerlei Beziehungen, weder materiell noch geistig, zu Mírzá Muhammad-`Alí unterhalten, den sie gemäß der eindeutigen Schriften `Abdu´l-Bahás als von der Bahá´í-Religion ausgeschlossen betrachten.
Es sollte daher das Ersuchen der Bahá´í aller Länder sein, der Männer wie der Frauen, aus jedem bedeutenden Zentrum, wo auch immer auf der Welt sie wohnen, dass die Beamten der Regierung Seiner Britischen Majestät in Palästina, mit Hauptsitz in Jerusalem, den kategorischen Befehl ergehen lassen, den Schlüssel zum Heiligen Grab – dem Punkt der Anbetung und dem Heiligtum aller Bahá´í auf der Welt – Seiner Eminenz Shoghi Effendi, dem Erwählten Zweig, zurückzugeben und auf diese Weise die Bahá´í-Gemeinde, ob nun aus dem Osten oder Westen, zu noch größerer Wertschätzung britischer Gerechtigkeit zu veranlassen als zuvor.“63
Zur Erleichterung dieser Aktion fügte sie Kopien eines Musterbriefes und eines Telegramms bei und merkte an: „Die Eingabe soll von den Vertretern und bekannten Mitgliedern des Bahá´í-Glaubens in Ihrer Stadt unterzeichnet sein.“64
Als Shoghi Effendi im Dezember 1922 nach Haifa zurückkehrte, setzte er mehrere Initiativen und Kontakte mit verschiedenen Behörden fort. Endlich fiel die Entscheidung. Im Februar 1923 entschied der britische Hochkommissar in Palästina zugunsten der Bahá´í und reichte dem Hüter den Schlüssel zurück, etwas über ein Jahr nach seiner gewaltsamen Entwendung von dem rechtmäßigen Bahá´í-Aufseher des Schreins von Bahá'u'lláh.65
Ein weiteres Beispiel für Bahíyyih Khánums strategische Vorgehensweise bei der Mobilisierung der Bahá´í-Gemeinde für den Schutz des Glaubens liefert ihr Brief vom August 1922 an die Bahá´í des Westens. In jener Zeit einer neuen, ausgedehnten Verfolgungswelle gegen den Bahá´í-Glauben im Land seiner Geburt schildert das Größte Heilige Blatt drastisch Art und Umfang einiger solcher Angriffe:
„Traurige Nachrichten haben uns in den letzten Tagen aus Iran erreicht, die die gesamte Bahá´í-Welt zutiefst betrüben. In den meisten Gegenden dieses Landes wurden Leuchtfeuer des Neides und der Bosheit entzündet und das Banner der Aggression gegen diese schwer geschundene Gemeinde gehisst. Sie haben kein Mittel unversucht gelassen, keine Methode und kein Komplott unterlassen. Mit äußerster Feindschaft und Gehässigkeit haben sie sich erhoben, um die Bäume in diesem Garten Gottes mit der Wurzel auszureißen. ...
... Sie nehmen die Gläubigen, Männer und Frauen, gefangen und machen die Kinder zu Waisen. Sie plündern das Eigentum der Gläubigen, rauben ihnen Heim und Herd.“ 66
In Anbetracht der äußerst gefährlichen Situation, in der es für die persischen Bahá´í keinerlei Schutz durch die Behörden gab, rief das Größte Heilige Blatt die Bahá´í-Gemeinde in verschiedenen Teilen der Welt dringend zum Handeln auf: „Bei Vorkommnissen dieser Art sind die Gläubigen in anderen Ländern verpflichtet, sofort umsichtige und vernünftige Maßnahmen zu ergreifen, damit solche Feuer auf kluge Art gelöscht werden.“67
Bahíyyih Khánum regte ein zweigleisiges Verfahren an, dem die Bahá´í folgen sollten: Sie sollten bei der persischen Botschaft jedes Landes vorstellig werden, und sie sollten ihre Regierungen veranlassen, die Verfolgung der Bahá´í über ihre Botschafter in Teheran zur Sprache zu bringen. Zusätzlich gab das Größte Heilige Blatt genaue Anweisungen, wie in jedem Fall zu verfahren sei.
Für die erste Aufgabe schreibt sie: „Jetzt ist es dringend nötig und auch die Bitte dieser leidgeprüften Dienerin, dass die Versammlung der dortigen Gläubigen sofort handelt und den Fall dem Botschafter der iranischen Regierung unterbreitet.“ Als Hilfestellung beim Befolgen dieses Auftrags gab sie den Bahá´í genaue Anleitung über die Punkte, die sie beim iranischen Botschafter vorbringen sollten:
„Sie sollen ihm sagen: „Die heilige Sache Bahá´u´lláhs hat uns, Seine Jünger in aller Welt, so vereint und einander so nahe gebracht, dass wir wie ein einziger Körper sind. Wenn im fernsten Osten der Fuß eines Bahá´í auch nur von einem Dorn geritzt wird, dann ist es, als wenn wir Bahá´í hier im Westen das gleiche erlitten hätten. Wir haben nun aus dem Iran erfahren, dass in Shíráz, in Sultánábád, in Hamadán und Káshán, sogar in Teheran und an anderen Orten der Fanatismus der Unwissenden und Achtlosen zur Flamme angefacht wurde und Unruhestifter den Pöbel aufwiegeln – mit dem Ergebnis, dass unsere Brüder und Schwestern, die der ganzen Menschheit nur wohl gesonnen sind, und auf denen tatsächlich die Friedenshoffnung der Welt ruht, die zudem loyale Bürger Irans und seiner Regierung sind, zum Ziel von Angriffen wurden und sich mitten ins Feuer gestoßen befinden.
Daher ersuchen wir den Vertreter Irans, seine Regierung zu bitten, sie möge unsere Brüder im Iran vor den Angriffen ihrer Feinde schützen und diese Herde der Geliebten Gottes aus den Klauen des Wolfes befreien und für ihre Sicherheit und ihr Wohlbefinden sorgen. Wenn Iran uns dieses Ergebnis mitteilt, wird es sich die tiefe, aufrichtige Dankbarkeit von Tausenden von Bahá´í verdienen, die hier in diesen Ländern wohnen, und in unseren zahlreichen Versammlungen wird die weit verbreitete Wertschätzung der guten Dienste der iranischen Regierung in unserer Sache bekundet werden. “ 68
Für Teil Zwei ihrer strategischen Intervention gab das Größte Heilige Blatt die folgende Führung heraus:
„Außerdem sollten sie, wenn irgend möglich, in gleicher Weise durch ihren eigenen Botschafter in Teheran vorstellig werden, damit er die Aufmerksamkeit der iranischen Behörden auf diese Verfolgungen lenkt und die dortige Regierung auf die Möglichkeit göttlicher Vergeltung und auf das schimpfliche Brandmal hinweist, das durch solche Ausschreitungen der Unbarmherzigen und Unwissenden im Volk gegen diese unschuldige Glaubensgemeinschaft erzeugt wird.
Er soll sie darauf hinweisen, dass Tausende von Anhängern dieser Religion der Gottesliebe in aller Welt mit Verwunderung und Unverständnis auf diese wilden Ausschreitungen starren, die sich jetzt gegen ihre Brüder richten, und dass sie begierig darauf warten zu hören, dass die dortige Regierung diese unvergleichlichen, gesetzestreuen Menschen, die der ganzen Menschheit wohl gesonnen sind, gegen die Angriffe der grausamen Wölfe in Schutz nimmt.“ 69
Auch auf einem weiteren, dritten Feld half das Größte Heilige Blatt in bedeutendem Umfang dem Schutz des Glaubens. Sie gab den Gläubigen Anweisungen für Ihre Reaktion auf die Machenschaften der Bundesbrecher, besonders in Iran. Sie machte ihnen nicht nur die Notwendigkeit bewusst, den Glauben zu schirmen, sondern verhalf ihnen auch zu einem Verständnis der Motive derjenigen, die den Bahá´í-Bund angriffen. Für das Verhalten in ganz bestimmten Situationen gab sie den Bahá´í und den Geistigen Räten ausführliche Richtlinien. In einem Brief an den Geistigen Rat von Hamadán, Iran, schreibt sie:
„In diesem ungeheuren Fall darf es keine Nachlässigkeit oder Unaufmerksamkeit geben, denn ein geflüstertes Wort kann die Axt werden, die dem Baum des Glaubens an die Wurzel gelegt wird; ein Wort aus dem Mund einer ehrgeizigen Seele kann der zündende Funke werden, der in die Ernte des Volkes von Bahá geschleudert wird. Wir nehmen Zuflucht bei Gott! Möge Er uns allezeit vor dem fahrlässigen Leichtsinn des hartnäckigen Selbstes bewahren.
Denn eine böse Absicht zu hegen ist eine Krankheit, die den Menschen von allen himmlischen Segnungen ausschließt und ihn tief in den Abgrund des Untergangs und der völligen Vernichtung hineinwirft. Die Sache ist so: Jeder, ob hoch oder niedrig, reich oder arm, gelehrt oder ungebildet, selbst wenn er als Juwel unter den Menschen und als die edelste, beste aller Blumen gilt – sowie er einen Gedanken oder ein Wort äußert, aus dem der Geruch der Selbstverherrlichung oder eine schlechte, boshafte Absicht erkennbar wird, so macht er deutlich, dass es sein Ziel ist, das Wort Gottes zu untergraben und die Gemeinde des Volkes Bahá zu zersplittern. Solchen Menschen den Rücken zu kehren ist eine heilige Pflicht; es ist eine unausweichliche Pflicht, ihren Ansprüchen keine Beachtung zu schenken.“ 70
In einem weiteren, an einen Gläubigen des Ostens gerichteten Brief bezieht sich Bahíyyih Khánum auf die Aktivitäten des `Abdu´l-Husayn Ávaríh, eines herausragenden frühen Gläubigen, der aber nach dem Hinscheiden `Abdu´l-Bahás versuchte, die Autorität des Hüters zu untergraben. Er weigerte sich, die Legitimation der Geistigen Räte anzuerkennen, und suchte Anhänger unter den Gläubigen des Ostens. Shoghi Effendi schloss ihn später aus der Glaubensgemeinschaft aus.71 Zu den zerstörerischen Auswirkungen von Ávaríhs Verhalten schreibt das Größte Heilige Blatt:
„Es ist wirklich wahr, dass Niedertracht die Intelligenz und den Verstand schwinden lässt und den König der Vernunft zum Sklaven des satanischen Selbstes und seiner Einflüsterungen macht. Dies wurde wieder und wieder unter Beweis gestellt, und der folgende gesegnete Text aus dem Testament ist ein klares Zeugnis für diese bedeutende Wahrheit und ist geeignet, den Sinn für Wachsamkeit und äußerste Vorsicht zu schärfen. Wie wundersam ist Sein Wort: `Wer hoffärtig ist, wer Zwist und Streit im Schilde führt, wird zweifellos seine böse Absicht keineswegs offen erklären; er ist vielmehr wie unreines Gold: Er wird vielfältige Mittel und mancherlei Vorwände einsetzen, um die Versammlung des Volkes Bahá zu entzweien.´“ 72
Außerdem spricht das Größte Heilige Blatt in einem Brief vom Mai 1924 direkt „die Frage von Ávaríh“ an, des früheren Mitglieds der Bahá´í-Religion, der sich dem Glauben entfremdete, als er merkte, dass sein Streben nach persönlicher Macht durch die Vorkehrungen des Gottesbundes vereitelt war. Sie schildert die Versuche, ihn zu führen und von seinem zerstörerischen Bemühen, Uneinigkeit zwischen den Geistigen Räten und den Gläubigen zu stiften, abzubringen. Auch stellt sie im Einzelnen seine Anstrengungen dar, die Bahá´í-Gemeinden in Kairo, Beirut und Bagdad durch Verbreitung falscher Informationen über die Bestimmungen des Bundes zu spalten, was ein Vorspiel zur endgültigen Auflösung der in `Abdu´l-Bahás Testament ausdrücklich vorgesehenen Institutionen sein sollte. Ávaríhs Machenschaften, die zu ihrer Zeit sehr störend waren, haben keine bleibende Wirkung. Am Ende ihres Briefes erklärt sie, warum sie es für nötig befunden hat, den tatsächlichen Hergang der Ereignisse zu berichten. Sie wählt dazu folgende Worte der Beruhigung, um den Gläubigen zu helfen, die Lage im rechten Licht zu sehen: „Obwohl solches Reden und solches Verhalten ohne Wirkung bleiben, keine Bedeutung haben und unsere Aufmerksamkeit nicht verdienen, ist doch seine Treulosigkeit in diesen Tagen der Heimsuchung und Not von solcher Art, dass diese leidgeprüfte, hilflose Seele sich gezwungen sah, eine kurze Schilderung der tatsächlichen Vorfälle zu geben.“ 73
Was das Größte Heilige Blatt – in Zusammenarbeit mit den Mitgliedern der Heiligen Familie, welche Shoghi Effendi für die Zeiten seiner Abwesenheit vom Heiligen Land mit der Aufsicht der Geschäfte des Glaubens betraut hatte – für die Sache leistete, war in der Tat einzigartig. Kann uns nicht der Tribut, den er ihr bei ihrem Tode im Jahr 1932 in den unten wiedergegebenen Worten zollte, einen persönlichen Einblick in seine Liebe und Wertschätzung all der Dienste geben, die sie in dieser kritischen Zeit des Übergangs erbrachte? Hier der Wortlaut:
„Welche der Segnungen soll ich wiedergeben, die sie in ihrer nie versagenden Fürsorge auf mich regnen ließ, in den kritischsten, bewegtesten Stunden meines Lebens? Für mich, der ich der erquickenden Gnade Gottes so dringend bedurfte, war sie das lebende Sinnbild so vieler Eigenschaften, die ich in `Abdu´l-Bahá zu verehren gelernt hatte. Sie war für mich eine ständige Mahnung an Seine mitreißende Persönlichkeit, Seine stille Ergebenheit, Seine Freigebigkeit und Großmut. Für mich war sie die Verkörperung Seiner anziehenden Liebenswürdigkeit, Seiner allumfassenden Zärtlichkeit und Liebe.
Es würde zu lange dauern, selbst wenn ich all diese Ereignisse in ihrem Leben nur andeuten würde; jedes einzelne von ihnen weist sie beredsam als eine Tochter aus, die würdig ist, dieses unschätzbare Erbe anzutreten, das ihr von Bahá'u'lláh vermacht wurde. ...“74
Als Shoghi Effendi gestärkt und begierig, die Zügel der Sache Gottes in die Hand zu nehmen, nach Haifa zurückkehrte, richtete er am 24. September 1924 einen Brief an „die Geliebten des Herrn und Dienerinnen des Barmherzigen auf dem amerikanischen Kontinent.“ In diesem Schreiben überdenkt er die Auswirkungen der langen Perioden seiner Abwesenheit und entwirft seine zuversichtliche Vision von der künftigen Entwicklung des Bahá´í-Glaubens. Er schreibt:
„In der Rückschau auf die düsteren Tage meines Rückzugs, die von bitterer Sorge und Schwermut erfüllt waren, gedenke ich mit Anerkennung und Dankbarkeit der unverkennbaren Beweise eurer Liebe und anhaltenden Glut, die ich immer wieder erhalten habe und die nicht unerheblich geholfen haben, die Last zu erleichtern, die mein Herz so sehr bedrückte.
Ich kann mir gut vorstellen, in welchem Ausmaß die langen Monate der Ungewissheit, nein der Bedrängnis, Geist und Seele jedes liebevollen, treuen Dieners des Geliebten beunruhigt, nein, gepeinigt haben müssen. Aber ich kann euch versichern, dass der großartige Eifer, den ihr für den Schutz Seiner Sache gezeigt habt, der unbeirrbare Glaube und unermüdliche Einsatz, den ihr zu ihrer Förderung aufgebracht habt, letzten Endes unwiderruflich von `Abdu´l-Bahá überreich belohnt werden, der von Seiner Wohnstatt droben der sichere Zeuge all dessen ist, was ihr für Ihn erduldet und erlitten habt.
Und wenn ich jetzt in die Zukunft blicke, dann ist es mit der Hoffnung, dass die Freunde in jedem Land, wie auch immer ihre Denkweise und ihr Charakter geprägt sei, sich allezeit aus freien Stücken und freudig um ihre örtlichen und insbesondere um ihre nationalen Zentren der Aktivität scharen und deren Interessen in völliger Einmütigkeit und Zufriedenheit, mit vollkommenem Verständnis, echter Begeisterung und anhaltender Energie hochhalten und fördern werden. Dies ist wirklich die eine Freude und Sehnsucht meines Lebens, denn es ist der Springquell, aus dem alle künftigen Segnungen fließen werden, die breite Grundlage, auf der die Sicherheit des göttlichen Bauwerkes letzten Endes ruhen muss. Dürfen wir nicht hoffen, dass jetzt endlich über unserer geliebten Sache ein hellerer Morgen anbricht?“75


Kapitel 6: Shoghi Effendis ruhmreiche Gefährtin

Das tiefe Band zwischen dem Hüter und seiner Großtante Bahíyyih Khánum war weit mehr als eine bloße Familienbindung. Ein Brief, der in seinem Auftrag geschrieben wurde, enthält die Versicherung: „Niemand hat das zarte, geistige, himmlische Band verstanden, das den Hüter mit ihr, der letzten Spur Bahás, verbindet; kein Geist kann diese Stufe des Seins erkennen oder ihre Erhabenheit richtig einschätzen.“ In ihrem ganzen langen Leben war Bahíyyih Khánum für Shoghi Effendi eine ständige Quelle liebevoller Ermutigung. Er bezeugt, dass er „durch die Hand ihrer Liebe erzogen“ wurde, dass sein „zartes Wesen“ „mit ihrer Liebe durchtränkt, durch ihre Freundschaft erfrischt [und] durch ihren unvergänglichen Geist gestützt“ wurde. 1
In diesem Kapitel werden wir das Wesen dieser Beziehung zwischen Shoghi Effendi und Bahíyyih Khánum näher untersuchen und dabei auch erforschen, wie es der Hüter anstellte, die „Lehensherrin des Volkes Bahᓠmit den Tätigkeiten und der bedeutsamen Entwicklung des Bahá´í-Glaubens zu verbinden. Einige der Dienste, die Bahíyyih Khánum in ihren letzten Lebensjahren erbrachte, werden näher dargestellt. 2

Das Band zwischen dem Hüter und dem Größten Heiligen Blatt

In Kapitel 5 haben wir gesehen, wie Bahíyyih Khánum bereitwillig die „oberste Leitung“ des Bahá´í-Glaubens übernahm, als der Hüter ihr diese Verantwortung zuwies. Wir untersuchten ihre stetigen Bemühungen, die Bahá´í-Gemeinde im Hinblick auf die Bestimmungen des Bahá´í-Bundes zu unterweisen und ihre Unterstützung für den ernannten Hüter und seine Initiativen zu gewinnen, die Gemeinde auf ihr nächstes Entwicklungsziel hin auszurichten und voranzuführen. 3
In der Zeit ihres Hinscheidens gibt Shoghi Effendi in Briefen des Lobpreises einen Einblick in ihre große Einfühlsamkeit und in die Art der Unterstützung, die sie ihm nach dem Hinscheiden `Abdu´l-Bahás gewährte. „Nach dem Heimgang `Abdu´l-Bahás in das Reich des Allherrlichen“, so bekennt er, war sie „das Licht der himmlischen Heerscharen“; sie „umfing mich, hilflos wie ich war, mit ihrer Liebe, und mit unvergleichlicher Barmherzigkeit und Zärtlichkeit überzeugte, geleitete und drängte sie mich zu den Erfordernissen des Dienens.“ Seine rhetorische Frage unterstreicht das Ausmaß seiner Dankbarkeit für das Größte Heilige Blatt: „Wie kann meine vereinsamte Feder ... die Segnungen wiedergeben, die sie seit meiner frühesten Kindheit auf mich hat regnen lassen – wie kann solch eine Feder meine große Dankes- und Liebesschuld an sie, die meine Hauptstütze, meine liebevollste Trösterin, die Freude und Eingebung meines Lebens war, zurückzahlen?“ 4
Angesichts der Herausforderung, die das Hütertum und die gebieterische Notwendigkeit, den Bahá´í-Glauben in aller Welt zur Geltung zu bringen, für ihn bedeutete, war Shoghi Effendi nicht nur auf die Ermutigung und Unterstützung durch das Größte Heilige Blatt angewiesen, sondern ließ sich auch von ihren persönlichen Eigenschaften beflügeln, die ihn an `Abdu´l-Bahá gemahnten. Der Hüter weist auf die Tatsache hin, dass Bahá´u´lláh Seine geliebte Tochter dazu ausersehen hat, ein „getreues Beispiel“ zu sein, dem ihre Angehörigen alle folgen sollten. In der Rückschau auf seine Hochschätzung für das Größte Heilige Blatt schreibt Shoghi Effendi: „Für mich ... war sie das lebende Zeichen für so manche Eigenschaft, die ich in `Abdu´l-Bahá zu bewundern gelernt hatte. Sie war mir eine ständige Erinnerung an Seine inspirierende Persönlichkeit, Seine stille Entsagung, Seine Großzügigkeit und Hochherzigkeit. Sie war mir eine Verkörperung Seiner liebenswerten Noblesse, Seiner allumfassenden Zärtlichkeit und Liebe.“ Der Hüter bezeugt die Tiefe der Eingebung und Führung, die er aus der Betrachtung ihrer herausragenden Eigenschaften empfing. Er schreibt: „Wenn ich mir am Morgen und am Abend ihr geliebtes Antlitz vergegenwärtige und mir ihr Lächeln, das meinen Geist labte, wieder vor Augen halte, über ihre Freigebigkeit, ihre unzähligen Freundschaftsbeweise für mich nachsinne und die erstaunliche Langmut bedenke, die sie in ihren Leiden bewies, dann werden die Flammen sehnsüchtiger Liebe aufs neue angefacht ...“ 5
Aus den Briefen des Hüters wird deutlich, dass Bahíyyih Khánums innige Verbundenheit mit dem Bahá´í-Glauben und ihre Zuneigung für seine Anhänger eine tiefe Wirkung auf ihn ausübten. In einem Lobpreis auf ihre Tugenden gibt er Folgendes preis: „Ich kann ... aus deinem stillen Strahlen die unendliche Liebe [fühlen], die du für die Sache deines allmächtigen Vaters in dir trugst, die Zuneigung, die dich an den bescheidensten und unbedeutendsten ihrer Anhänger band, das warme Gefühl, das du in deinem Herzen für mich hegtest.“ 6
Der Geist selbstlosen Dienstes, der vom Größten Heiligen Blatt ausstrahlte, prägte sich Shoghi Effendi tief ein. Im Gedenken an seine Großtante schreibt er nach ihrem Hinscheiden: „Der Gedanke an die unauslöschliche Schönheit deines Lächelns wird mich auf dem dornigen Wege, den zu gehen ich bestimmt bin, immer trösten und stärken. Die Erinnerung an deinen Händedruck wird mich anspornen, standhaft deinem Pfade zu folgen. Der bezaubernde Klang deiner Stimme wird, wenn die Stunde der Trübsal am dunkelsten ist, daran erinnern, mich an dem Seile festzuhalten, das du in all den Tagen deines Lebens so fest ergriffen hattest.“ Shoghi Effendi unterstreicht die Erleuchtung, die er aus dem beispielhaften Leben des Größten Heiligen Blattes und aus jedem Opfer, das sie bereitwillig für die Sache Gottes erbrachte, empfing, und er bekundet seinen Entschluss, ihrem Beispiel zu folgen. Er schreibt: „In solchen Augenblicken bekräftige ich meinen Entschluss, deinen Spuren zu folgen, den Pfad deiner Liebe weiter zu erklimmen, dich als mein Vorbild zu erwählen und jene Eigenschaften zu erlangen und im Leben umzusetzen, die du für den Sieg dieser erhabenen, anspruchsvollen, hell strahlenden, heiligen, wundersamen Sache wünschtest.“ 7

Die vertraute Gefährtin Shoghi Effendis

Shoghi Effendis Hochschätzung für die Zuwendung des Größten Heiligen Blattes kannte kaum Grenzen. Er versichert, dass Bahíyyih Khánum seine „vertraute Gefährtin“, der „Trost“ seines Herzens und „der eine, große Balsam seines Lebens“ war. Wie wichtig diese zarte Beziehung für Shoghi Effendi war, enthüllt die eindringliche Beschreibung aus einem in seinem Auftrag geschriebenen Brief: „Dieses Juwel der Unsterblichkeit, dieses kostbare, erhabene Wesen war des Hüters einzigartiger Trost, seine eine Gefährtin in seinem schmerzerfüllten Leben – und ihr gelang es immer, ihn mit liebevoller Ermutigung und zärtlichen Worten, mit unablässiger Fürsorge und mit ihrem Lächeln, das ihn wie eine Brise aus himmlischen Gärten streifte, geistig zu erquicken.“ 8
Dieses einmalige, wirklich geheimnisvolle Band zwischen Bahíyyih Khánum und Shoghi Effendi wird noch aus einem weiteren, in Shoghi Effendis Auftrag geschriebenen Brief deutlich: „Die zarte geistige Anhänglichkeit, die der Hüter für sie fühlte, und die himmlische Zärtlichkeit und Zuneigung zwischen dieser herrlichen Frucht des göttlichen Lotosbaumes * und ihm selbst war ein so starkes Band, dass es sich der Beschreibung entzieht. Kein Geist kann diesen erhabenen Zustand erfassen. Dies ist ein wohlgehütetes Geheimnis, ein unerschlossenes, kostbares Mysterium. Zu dieser Ebene kann der Geist der Gläubigen niemals vordringen.“ 9
Das eigentliche Wesen der Beziehung zwischen Shoghi Effendi und dem Größten Heiligen Blatt lässt sich nicht wirklich einschätzen, jedoch gewähren die Berichte von Augenzeugen und Pilgern flüchtige Einblicke in diese innige Bindung. Rúhíyyih Khánum, die Witwe Shoghi Effendis, schreibt, dass die weitreichenden Verantwortlichkeiten als Oberhaupt des Bahá´í-Glaubens es dem Hüter erschwerten, einen großen Kreis tiefer persönlicher Beziehungen zu anderen Menschen zu unterhalten. Die engsten Beziehungen hatte er zu den Mitgliedern der Familie und zu Beginn seiner Amtszeit zu seinen Mitarbeitern und Sekretären. Rúhíyyih Khánum bezeugt: „Wie treu und zart auch Shoghi Effendis Bande während seines ganzen Lebens zu denen waren, die ihm am nächsten standen, so verband ihn doch das engste Band mit dem Größten Heiligen Blatt.“ 10
Rúhíyyih Khánum teilt mit, dass es bis zum Tode des Größten Heiligen Blattes Shoghi Effendis Gewohnheit war, jeden Tag allein mit seiner Großtante die Hauptmahlzeit einzunehmen, wobei das Essen auf einem Tischchen in ihrem Schlafzimmer serviert wurde. Auch verbrachte der Hüter vor ihrem Lebensende den größten Teil seiner freien Zeit in ihrer Gesellschaft. 11
Der Hüter hatte auch die Gewohnheit, nach seinen Zusammenkünften mit Pilgern das Größte Heilige Blatt in ihrem Zimmer aufzusuchen. Er saß dann bei ihr und sprach zu ihr, wobei er ihr sicherlich Neuigkeiten über den Fortschritt des Glaubens mitteilte. Einmal war Bahíyyih Khánum im Bett, als sie den Hüter kommen hörte. Ein Bericht meldet: „Sobald sie Shoghi Effendis Schritte und das Öffnen der Tür hörte, machte sie Anstalten aufzustehen, um in des Hüters Gegenwart zu sitzen. Obwohl es nur ein kurzer Weg von der Tür zum Bett war, rannte Shoghi Effendi von der Tür zum Bett und hielt sie sanft zurück mit den Worten `Já´iz níst´ (du darfst nicht). Er wollte sie nicht stören.“ Die Zärtlichkeit dieses Austausches ist ergreifend, ebenso das Bestreben des Größten Heiligen Blattes, die Stufe des Hüters zu respektieren. 12
Wie eng das Band zwischen Shoghi Effendi und seiner Großtante war und welchen Platz sie in seinem Leben einnahm, veranschaulicht auch eine Reihe persönlicher Erinnerungen, die Rúhíyyih Khánum mitteilt. Sie schreibt: „Nichts könnte klarer die tiefe Liebe aufzeigen, die er für sie hegte, als die Tatsache, dass am Tage, als wir heirateten, wir in ihr Zimmer gingen, in dem alles wie zu ihren Lebzeiten geblieben war, um neben ihrem Bette stehend die schlichte Handlung der Bahá´í-Trauung, Hand in Hand, zu vollziehen. ...“ Rúhíyyih Khánum enthüllt noch folgendes: „An dem Tage, als er mir sagte, dass er mich zu seiner Frau erwählt habe, steckte er mir den schlichten goldenen Ring an den Finger, auf dem das Symbol des Größten Namens eingraviert ist, und den das Größte Heilige Blatt vor Jahren ihm gegeben hatte.“ 13
Die tiefe Bindung, die den Hüter mit dem Größten Heiligen Blatt verband, wird im übrigen aus dem Bericht Rúhíyyih Khánums aus der Zeit nach Bahíyyih Khánums Hinscheiden deutlich: „Den Armstuhl, in dem er in ihrem Zimmer immer gesessen hatte, ließ er an den Platz stellen, wo er sich oft für eine kurze Unterbrechung seiner Arbeit niederließ, und er benutzte ihn bis an sein Lebensende; sein Schlafzimmer war angefüllt mit ihren Fotografien in verschiedensten Lebensabschnitten, und mehr als ein Bild zeigte ihr Monument.“ 14
Das Hinscheiden des Größten Heiligen Blattes nahm dem Hüter seinen vertrautesten Gefährten und bereitete ihm daher tiefsten Schmerz. Das ganze Ausmaß seines persönlichen Verlustes zeigt sich im folgenden Auszug aus einem Brief, der in seinem Auftrag geschrieben wurde:
„Man kann sich nicht vorstellen, bis zu welchem Grade dieses schreckliche, verhängnisvolle Ereignis ihn betrübt und die Ausstrahlung seines Herzens mehr, als Worte schildern können, verdunkelt hat. Denn dieses heilige Wesen, diese leuchtende Person hat ihn mit Herz und Seele und mit ihrer unendlichen Liebe allezeit in der Umarmung ihrer himmlischen Zärtlichkeit genährt und gehegt. Sie war sein einziger, unschätzbarer Gefährte, sie war sein alleiniger Trost in der Welt, und deshalb ist er durch den Verlust ihrer hohen, würdigen Gegenwart so niedergedrückt, und der Heimgang dieses liebenswerten Geistes ist für ihn so schwer zu tragen.“ 15

Shoghi Effendis Mitarbeiterin

Während seiner ganzen Amtsperiode als Hüter des Glaubens verband Shoghi Effendi viele der wichtigsten Unternehmungen, die er für die Entwicklung des Glaubens einleitete, mit dem Größten Heiligen Blatt. In den ersten Jahren erwähnte er seine Großtante in seinen Telegrammen und Botschaften. Zum Beispiel schrieb er oft „das Größte Heilige Blatt und ich“, ... um die enge Verbindung mit ihr zu verdeutlichen. In einem eigenhändigen Nachsatz zu einem in seinem Auftrag geschriebenen Brief an Henry und Clara Hyde Dunn, das Ehepaar, das den Bahá´í-Glauben zu Lebzeiten `Abdu´l-Bahás in Australien eingeführt hatte, schrieb Shoghi Effendi: „Die kommende Bahá´í-Generation wird ihre Erfolge feiern und verherrlichen. Sie nehmen wirklich im Herzen des Größten Heiligen Blattes und in meinem eigenen Herzen einen bleibenden Platz ein, und wir beide werden nicht nachlassen, für sie und ihre geliebten Mitarbeiter die unvergänglichen Segnungen des Meisters zu erflehen.“ 16
Außer solchen Erwähnungen in seiner Korrespondenz liebte es Shoghi Effendi, Bahíyyih Khánum mit seinen Bemühungen zur Förderung der kontinuierlichen Entwicklung des Glaubens und mit einer Reihe größerer Unternehmungen in Verbindung zu bringen, darunter den enttäuschend vereitelten Besuch der Königin Marie von Rumänien und ihrer Tochter in den heiligen Stätten der Bahá´í und der Konstruktion des Baues des Hauses der Andacht in Wilmette, Illinois.

Die tägliche Arbeit für den Glauben
Der Hüter machte Bahíyyih Khánum zu seiner Mitarbeiterin in der täglichen Arbeit für den Glauben. In einem Brief vom 24. November 1924 an den amerikanischen Nationalen Geistigen Rat machte Shoghi Effendi auf den chaotischen Zustand der Gesellschaft und auf die lebenswichtige Rolle der Bahá´í aufmerksam, diese Situation durch die Übermittlung der heilsamen Botschaft Bahá´u´lláhs zu verbessern, indem sie die Auswirkungen Seiner Lehren in ihrem täglichen Leben aufweisen. Der Hüter erließ im Namen des Größten Heiligen Blattes und in seinem eigenen Namen folgenden Aufruf:
„Ich bitte sie, geliebte Freunde, in ihren Anstrengungen fortzufahren, nein, sie zu verdoppeln, damit ihr Blick ungetrübt, ihre Hoffnungen ungeschmälert und ihre Entschlossenheit unerschüttert bleibe, so dass die Macht Gottes in uns die Welt mit ihrer ganzen Herrlichkeit erfülle.
In diesem leidenschaftlichen Aufruf steht das Größte Heilige Blatt ganz an meiner Seite. Obwohl an ihrem Lebensabend tief bekümmert durch die leidvollen Berichte über die Unterdrückung in Persien, richtet sie die tiefste Sehnsucht ihres Herzens auf ihr Land, wo die Freiheit regiert, in begieriger Erwartung, noch vor ihrem Hingang die Zeichen des weltweiten Triumphes dieser Sache zu erblicken, die sie so innig liebt.“ 17
Daraus wird deutlich, dass Bahíyyih Khánum die Aktivitäten der Bahá´í-Weltgemeinde aufmerksam verfolgte. Sie war sich ihrer Bedürfnisse und ihrer einzigartigen Entwicklungsmöglichkeiten in den unterschiedlichsten Ländern bewusst, und sie nahm die Herausforderungen, denen die Gemeinde in ihrem Geburtsland begegnete, sehr genau wahr.
Ein weiteres Beispiel für die vereinten Bemühungen des Hüters und des Größten Heiligen Blattes, das Fortschreiten des Glaubens und seiner Lehren zu fördern, verdeutlicht ihre Ermutigung der Bahá´í in Indien, an der Gesamt-Asiatischen Frauenkonferenz von 1931 teilzunehmen. Shoghi Effendi richtete über das Sekretariat des Nationalen Geistigen Rates von Indien ein Telegramm an die Konferenz. Wie stark das Größte Heilige Blatt und er selbst an diesem bedeutenden Ereignis interessiert waren, zeigt seine Frage an den Nationalen Geistigen Rat, ob „die im Namen des Größten Heiligen Blattes und in meinem eigenen Namen verschickte Botschaft“ rechtzeitig eingetroffen sei, um sie vor den Teilnehmerinnen der Konferenz zu verlesen. Nachdem dies bejaht wurde, äußerte er die Hoffnung, dass die Bahá´í-Konferenzteilnehmer „zu dem Verlauf aktiv beitragen und damit die Lehren Bahá´u´lláhs zur Wirkung bringen.“ Er weist darauf hin, dass dort „zahllose Kontakte verschiedenster Art zwanglos hergestellt werden können. Man sollte sich also bemühen, diese einzigartige Gelegenheit zu nutzen.“ 18

Königin Marie von Rumänien
Bahíyyih Khánum teilte Shoghi Effendis Hochschätzung der Dienste, die Martha Root, die „Stardienerin“ und herausragende Lehrerin, der Sache Bahá´u´lláhs leistete. In Gott geht vorüber, seinem Buch über die Geschichte des Bahá´í-Glaubens, bezeichnet der Hüter die Überbringung der Bahá´í-Botschaft an Königin Marie im Jahre 1926 und ihre anschließende Identifizierung mit deren Lehren als den „herrlichsten und weitaus bedeutungsvollsten“ all der bemerkenswerten Dienste, die Martha Root erbracht hat. 19
Königin Marie, die Enkelin zweier Monarchen, die Sendbriefe von Bahá´u´lláh empfangen haben – und zwar Königin Viktoria und Zar Alexander II – war nach den Worten Shoghi Effendis „eine vollendete Schriftstellerin, eine bezaubernde, gewinnende Persönlichkeit, hoch begabt, mit klarem Blick, von Natur aus wagemutig, voll Eifer und Fleiß bei allen Werken der Menschenliebe, [und sie] fühlte ... sich als einzige unter den Königinnen, als einzige von königlichem Geblüt und Rang, veranlaßt, Bahá´u´lláhs Botschaft in ihrer ganzen Größe aus eigenem Antrieb zu begrüßen, Seine Vaterschaft zu verkünden, sowie auch die Prophetenschaft Muhammads und allen Männern und Frauen die Bahá´í-Lehren ans Herz zu legen und deren Kraft, Erhabenheit und Schönheit zu preisen.“ Königin Maries einzigartigen Beitrag zum Bahá´í-Glauben beschreibt Shoghi Effendi in folgenden Worten:
„Mit ihrem furchtlosen Glaubensbekenntnis vor Freunden und Verwandten und besonders vor ihrer jüngsten Tochter, mit drei Lobgedichten, ihrem größten, bleibenden Vermächtnis an die Nachwelt, mit drei weiteren Würdigungsschreiben, die sie als ihren Beitrag zur Bahá´í-Literatur verfasste, mit mehreren Briefen an Freunde und Bekannte sowie an ihre Ratgeberin und geistige Mutter, mit vielfältigen Zeichen ihres Glaubens und ihrer Dankbarkeit für die frohe Botschaft, die ihr zuteil wurde durch die Bahá´í-Bücher, die sie und ihre jüngste Tochter bestellten, und schließlich mit der geplanten, aber nicht zustande gekommenen Pilgerfahrt ins Heilige Land, wo sie die Stiftergräber des Glaubens aufsuchen wollte – mit alledem kommt es dieser erlauchten Königin zu, den ersten Rang unter den königlichen Stützen der Sache Gottes einzunehmen, die in Zukunft sich aufmachen werden und von denen jede mit den Worten Bahá´u´lláhs begrüßt werden soll als ’der Menschheit Auge, leuchtende Zier auf der Stirn der Schöpfung, Segensquell für die ganze Welt.‘ “ 20
Die vielen Dienste, die Königin Marie dem Bahá´í-Glauben leistete, und die Geschichte von Martha Roots bemerkenswertem Verhältnis zur Königin sind an anderer Stelle geschildert worden.* Hier wollen wir uns auf Königin Maries „nicht zustande gekommene Pilgerfahrt ins Heilige Land“ konzentrieren, weil das Größte Heilige Blatt davon so stark berührt wurde. 21
Die Königin und ihre Tochter, Prinzessin Ileana, hatten die Absicht, bei ihren Reisen im Nahen Osten die Heiligen Baha’í-Stätten zu besuchen. In Erwartung der königlichen Gäste wurden in Haifa Vorbereitungen getroffen, um diesen historischen Besuch zu einem Erfolg werden zu lassen. Das Haus `Abdu´l-Bahás wurde hergerichtet, und der Hüter ließ Bahá´u´lláhs Sendschreiben an Königin Maries Großmutter, Königin Viktoria, in Iran in ausgesuchter persischer Kalligraphie abschreiben und farblich ausmalen, als Geschenk für die Königin.
Im März 1930 sandte Shoghi Effendi der Königin eine förmliche Einladung zum Besuch des Weltzentrums des Glaubens. Hier der Wortlaut:
„AN IHRE MAJESTÄT, DIE KÖNIGINWITWE, KÖNIGIN MARIE VON RUMÄNIEN, AN BORD DER `MAYFLOWER´, ASSUAN.
FAMILIE `ABDU´L-BAHÁS SCHLIESST SICH MIR AN, UNSERE LIEBEVOLLE, VON HERZEN KOMMENDE EINLADUNG AN IHRE GNÄDIGE MAJESTÄT UND IHRE KÖNIGLICHE HOHEIT PRINZESSIN ILEANA ZUM BESUCH DES HEIMES ’ABDU’L-BAHÁS IN HAIFA ZU ERNEUERN. EINWILLIGUNG IHRER MAJESTÄT, BAHÁ´U´LLÁHS SCHREIN UND DIE GEFÄNGNISSTADT `AKKÁ ZU BESUCHEN, WIRD, ABGESEHEN VON HISTORISCHER BEDEUTUNG, FÜR DIE SCHWEIGENDEN DULDER DES GLAUBENS IM OSTEN QUELLE UNERMESSLICHER STÄRKE, FREUDE UND HOFFNUNG SEIN. MIT UNSERER TIEFSTEN LIEBE, GEBETEN UND BESTEN WÜNSCHEN FÜR GLÜCK UND WOHLSEIN IHRER MAJESTÄT.“ 22
Als eine Reaktion ausblieb, sandte Shoghi Effendi ein weiteres Telegramm. Endlich traf eine Antwort ein, unterzeichnet vom rumänischen Regierungsvertreter in Kairo: „IHRE MAJESTÄT BEDAUERT, SIE NICHT BESUCHEN ZU KÖNNEN, DA SIE NICHT DURCH PALÄSTINA REIST.“ 23
Die Absage des Besuches von Königin Marie und ihrer Tochter zu den heiligen Bahá’í-Stätten war ein Anlass tiefer Enttäuschung nicht nur für die Königin selbst, sondern ebenso für die Heilige Familie. Shoghi Effendi sprach von der „großen Enttäuschung des hochbetagten Größten Heiligen Blattes, das ihre Ankunft sehnlich erwartet hatte.“ Rúhíyyih Khánum gibt uns die folgenden schmerzlichen Details der Geschehnisse:
„Ich erinnere mich, dass Shoghi Effendi mir mehrere Male beschrieb, wie das Größte Heilige Blatt Stunde um Stunde im Hause des Meisters gewartet hatte, um die Königin und ihre Tochter zu empfangen – denn Ihre Majestät war doch mit dem Schiff nach Haifa gefahren, und diese Nachricht ermutigte Shoghi Effendi in dem Glauben, dass sie die geplante Pilgerreise ausführen werde; die Zeit verstrich, und es kamen keine Nachrichten, selbst nachdem das Boot angelegt hatte. Später erfuhr der Hüter, dass die Königin und ihre Begleitung auf dem Schiff aufgesucht worden waren und ihr mitgeteilt wurde, dass ihr Besuch politisch unklug sei und nicht zugelassen werden könne. Dann wurde sie in einen Wagen gesetzt und schnell aus Palästina hinaus in ein anderes mittelöstliches Land gefahren.“ 24

Der Bau des Hauses der Andacht in Wilmette
Das Größte Heilige Blatt verfolgte seit den Tagen des Meisters bis an ihr Lebensende mit wachem Interesse den Fortschritt der Bahá´í-Gemeinde des Westens. Shoghi Effendi bezeugt, dass, „als ihr Erdenleben sich dem Ende näherte, es sehr aufgehellt wurde durch die glanzvollen Leistungen ihrer getreuen Lieblinge auf dem amerikanischen Kontinent.“ Auch unterstreicht er „den überragenden Anteil“ der amerikanischen Bahá´í „an der Linderung der Bürde, die dieses Erhabenste Blatt an seinem Lebensabend so heroisch auf sich nahm.“ 25
Ganz besonders interessierte sich Bahíyyih Khánum für die Fortschritte beim Bau des Bahá´í-Hauses der Andacht in Wilmette, Illinois, dieses „einzigartige Gebäude“, das Shoghi Effendi als „die erste Frucht der langsam reifenden Gemeindeordnung, das edelste Bauwerk, das im ersten Bahá´í-Jahrhundert errichtet wurde [und als] Sinnbild und Künder einer kommenden Weltzivilisation“ beschrieb.26 Dieses historische Unternehmen – „eine Glanzleistung der Gemeindeordnung des Glaubens Bahá´u´lláhs im ersten Bahá´í-Jahrhundert“ – wurde zu Lebzeiten `Abdu´l-Bahás begonnen. Er selbst hatte im Jahre 1912 den Grundstein gelegt. Die abschließenden Stadien in seiner Baugeschichte sind eng verbunden mit der Erinnerung an das Größte Heilige Blatt, den Reinsten Zweig und an ihre Mutter. Die ganze Baugeschichte dieses Hauses der Andacht ist an anderer Stelle berichtet worden. Es versteht sich, dass die kleine, noch keimhafte Bahá´í-Gemeinde bei diesem großen, vielschichtigen Bauprojekt mit gewaltigen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Unter größten Anstrengungen wurden Geldmittel beschafft, das Baugelände erworben und die notwendigen Vorbereitungen für den Baubeginn getroffen. Die Verträge für die Errichtung des Tiefgeschosses kamen 1920 und 1921 zustande. Auch nach dem Baubeginn wurde der Fortgang immer wieder für lange Zeitabschnitte unterbrochen, bis das Geld für den nächsten Bauabschnitt zusammengekommen war. 27
1928 stellte der Nationale Geistige Rat von Amerika Geldmittel für den Innenraum des Tiefgeschosses, die so genannte Foundation Hall (Gründungshalle), bereit und beschloss, diesen Raum erstmals für die Bahá´í-Nationaltagung im gleichen Jahr zu nutzen. Dies war ein begeisterndes Erlebnis für die Delegierten und die übrigen Teilnehmer, weil sie im Untergeschoss des künftigen Tempels zusammen kamen. Bei diesem Anlass zeigte sich auch wieder das unverminderte Interesse des Größten Heiligen Blattes am Fortschritt dieses bedeutsamen Bauwerks. Der folgende Bericht schildert die Eröffnungsszene der Nationaltagung:
„Nachdem mehrere Sendschreiben und Gebete Bahá´u´lláhs vorgetragen und gesungen worden waren, trat Corinne True [jene Bahá´í, die von `Abdu´l-Bahá den besonderen Auftrag erhalten hatte, für den Weiterbau des Tempels Sorge zu tragen] ans Pult. Während Mrs. Trues Pilgerreise 1928 hatte `Abdu´l-Bahás Schwester Bahíyyih Khánum ihr ein großes Päckchen Tee und eine Flasche mit Rosenöl überreicht, das bei den Eröffnungsfeierlichkeiten verwendet werden sollte. Mrs. True überbrachte den versammelten Bahá´í die liebevollen Grüße Bahíyyih Khánums und schenkte dann jedem eine Tasse von diesem besonderen Tee aus. Parvin Baghdadi, die jüngste Tochter von Dr. Zia Baghdadi, salbte jeden Delegierten mit dem Rosenwasser, dessen besonderer Duft bald die ganze Halle erfüllte.“ 28
1929 schenkte Shoghi Effendi dem amerikanischen Nationalen Geistigen Rat einen ausgesuchten, kostbaren persischen Teppich. Er sollte verkauft und der Erlös für den nächsten Bauabschnitt des Tempels verwendet werden. In dem Brief, der dieses Geschenk ankündigte, betonte der Hüter die Wichtigkeit der Vollendung dieses Unternehmens für das Ansehen des Glaubens und erwähnte auch einige der Schwierigkeiten, die dabei auftreten würden. Er bezeichnete die Beschleunigung der Arbeiten am Haus der Andacht als Bahíyyih Khánums „sehnlichsten Wunsch“ und unterstrich die Bedeutung, die sie diesem Projekt beimaß. Er erwähnt „die Hoffnungen und Befürchtungen des Größten Heiligen Blattes, die jetzt an ihrem Lebensabend steht, der durch schwindendes Augenlicht sowie abnehmende Kräfte immer mehr überschattet wird“, und fügte hinzu, dass sie „die Sehnsucht [habe], als den ihr verbliebenen Trost in ihrem rasch dahinschwindenden Leben die Nachricht vom Fortgang der Arbeiten an einem Bauwerk zu vernehmen, dessen Schönheit sie von `Abdu´l-Bahás eigenen Lippen zu bewundern gelernt hatte.“ 29
Als 1931 der Überbau des Tempels fertiggestellt war, versammelten sich die Abgeordneten im Großen Saal zur Nationaltagung. Von Shoghi Effendi traf im Verlaufe dieser Tagung folgendes Telegramm ein:
„DAS GRÖSSTE HEILIGE BLATT BESTÄRKT MICH IM AUFRUF AN DIE UNTER GEHEILIGTER KUPPEL [DES] MASHRIQU´L-ADHKÁR VERSAMMELTEN ABGEORDNETEN, ALLEN AMERIKANISCHEN GLÄUBIGEN AUSDRUCK UNSERER HERZLICHSTEN GLÜCKWÜNSCHE GRENZENLOSER FREUDE, TIEFER DANKBARKEIT [FÜR DIE] PRAKTISCHE FERTIGSTELLUNG [DES] ÜBERBAUS [DES] HERRLICHEN GEBÄUDES ZU ÜBERMITTELN. APPELLIEREN GLÜHEND [AN] ALLE [AN] DIESEM HEILIGEN UNTERFANGEN BETEILIGTEN, [DIESE] ERRUNGENSCHAFT IN JEDER VON [DEN] NATIONALEN DELEGIERTEN NOTWENDIG ERACHTETEN WEISE [DURCH] ANBRINGEN ÄUSSERER ZIER [ZU] VERVOLLSTÄNDIGEN. UNSCHÄTZBARER SEGEN WIRD AMERIKAS ANHALTENDE, AUFOPFERNDE BEMÜHUNG KRÖNEN.“ 30
Im Bewusstsein, dass dies die letzten Jahre in Bahíyyih Khánums Leben waren, drängte Shoghi Effendi die amerikanischen Gläubigen, die Vollendung der Kuppel voranzutreiben. „Meine Stimme“, so schreibt er,
wird „weiter verstärkt durch das leidenschaftliche, vielleicht das letzte Flehen des Größten Heiligen Blattes, deren Geist nun am Übergang zum großen Jenseits schwebt und sich danach sehnt, auf seinem Flug in das Reich Abhá, in die Gegenwart eines göttlichen, eines allmächtigen Vaters, ein Zeichen der Gewissheit für die freudige Vollendung eines Unternehmens mit sich zu führen, dessen Fortschritte ihr die letzten Tage ihres Erdenlebens so strahlend erhellt haben. Dass die amerikanischen Gläubigen, jene kühnen, beherzten Pioniere des Glaubens Bahá´u´lláhs, einmütig mit derselben spontanen Großzügigkeit, demselben Maß an Selbstaufopferung antworten werden, wie sie ihre Antworten auf die Appelle des Größten Heiligen Blattes in der Vergangenheit gekennzeichnet haben, daran kann niemand zweifeln, der mit der Lebendigkeit ihres Glaubens vertraut ist.“ 31
Als dann der Nationale Geistige Rat beschloss, unverzüglich mit den Arbeiten an der Außendekoration des Tempels zu beginnen, telegrafierte der Hüter am 10. Juni 1932: „FOLGENSCHWERE ENTSCHEIDUNG [IHRES] RATES BIRGT UNNENNBARE KONSEQUENZEN, WELTUMSPANNENDE SEGNUNGEN. GRÖSSTES HEILIGES BLATT ÜBERGLÜCKLICH. FLEHEN BEIDE ERGEBENST [UM] UNNACHGIEBIGE ENTSCHLOSSENHEIT, HEROISCHE UNTERNEHMUNG ZU VOLLENDEN. [IN] BLEIBENDE[R] DANKBARKEIT.“ 32
Es wird deutlich, dass das Größte Heilige Blatt die starke Besorgnis des Hüters um den Fortgang des Tempelbaus teilte und ebenso wie er von den Bemühungen der Gläubigen begeistert war, das Projekt voranzutreiben. In diesem Zusammenhang ist eine Stelle aus einem Brief von Interesse, der im Auftrag des Hüters kurz nach dem Hinscheiden seiner Großtante geschrieben wurde. Darin wird ein Vorfall erwähnt, der sich bei der Nationaltagung 1932 ereignete, und wie sie darauf reagierte. Die Teilnehmer hatten auf eindrucksvolle Weise auf einen Fonds angesprochen, der im Namen des Größten Heiligen Blattes eingerichtet wurde, um die Außendekoration am Haus der Andacht fertigzustellen. Eine der Bahá´í-Frauen, Mrs. Parsons, löste sich in einer spontanen Reaktion eine wertvolle Perlenkette vom Hals, um mit diesem Beitrag das Ziel dieses Fonds zu erreichen. In dem Brief heißt es: „Die bei der letzten Nationaltagung von den amerikanischen Gläubigen, zumal von unserer teuren Schwester Frau Agnes Parsons, zum Ausdruck gebrachte unermüdliche Begeisterung und Hoffnung, reine Selbstverleugnung und Liebe haben ihren Lebensabend unendlich aufgeheitert. Shoghi Effendi vertraut darauf, dass ihr Andenken die Freunde in ihrem ständig fortschreitenden Wirken zunehmend bestärken und ermutigen wird.“ 33
Ein Beweis dafür, wie wichtig die Vollendung des Hauses der Andacht in Wilmette für Bahíyyih Khánum war, ging dem Nationalen Geistigen Rat der Bahá´í von Amerika kurz nach ihrem Hinscheiden zu. Der Hüter schreibt über seine geliebte Mitarbeiterin:
„Nach dem Hinscheiden des Größten Heiligen Blattes ist mein Herz von unsäglichem Schmerz erfüllt. Mich tröstet der Gedanke, dass der große Erfolg, den die vereinten Bemühungen der amerikanischen Gläubigen unter ihrer weisen, fähigen Führung errungen haben, die letzten Tage ihres kostbaren Lebens ungemein erleuchtet hat. Gebe Gott, dass die anhaltenden Bemühungen dieser kleinen Schar ihrer hingebungsvoll Liebenden, die ihrem gesegneten Herzen solch große Freude bereitet haben, ihrer Seele weiterhin Genugtuung bescheren und zur festgesetzten Zeit ihren höchsten Wunsch und ihre teuerste Hoffnung für die Sache Gottes in Ihrem Land erfüllen werden. Die Fertigstellung des Tempels, die Verkleidung seiner nackten Kuppel, die Vollendung seiner kunstvollen Außendekoration – das ist der beste, wirksamste Weg, wie die amerikanischen Gläubigen, die Empfänger ihrer zahllosen Gunstbeweise, ihr treues Andenken und ihre Dankbarkeit für die unendlichen Segnungen, mit denen sie sie überschüttete, beweisen können.“ 34

Am Abend ihres Lebens

Abgesehen von ihrer Mitwirkung an wichtigen Projekten unter der Leitung Shoghi Effendis – Beispiele dafür wurden bereits gegeben – blieb das Größte Heilige Blatt die Dienerin der Bahá´í-Gemeinde bis an ihr Lebensende. Trotz schwindenden Augenlichts und nachlassender Gesundheit, wodurch sie manchmal ans Bett gefesselt war, schrieb Bahíyyih Khánum Ermutigungsbriefe an Gläubige und betreute aktiv die Bahá´í-Pilger bis zu ihrem Tod im Jahre 1932.

Ihre Briefe

Obwohl Bahíyyih Khánums Korrespondenz mit den Bahá´í und ihren Institutionen gegen Ende ihres Lebens abnahm, zeigen die Briefe doch ihr genaues Verständnis der Lage der Bahá´í-Gemeinden in aller Welt und der Wirksamkeit der Lehren Bahá´u´lláhs für die Lösung der Weltprobleme. In einem ihrer Briefe schreibt sie: „Es ist für mich immer herzerquickend, von den lieben Freunden zu hören, von ihren Herzen voller Liebe und Hingabe, von ihrem Wunsch, dieser Gesegneten Sache zu dienen, die Bahá´u´lláh aller Welt verkündet hat, damit die nationalen, rassischen und religiösen Vorurteile aufgegeben, die ganze Welt als ein Heim und alle Menschen als Brüder angesehen werden.“ Weiter versichert sie den Briefempfänger ihrer Gebete um den Segen für seinen Dienst an der Sache Gottes und schließt folgende Worte der Ermutigung an: „Eine einzige Seele wird, wenn sie völlig selbstlos, ergeben und randvoll vom Geist der Liebe und Dienstbarkeit erfüllt ist, sehr viel für den Fortschritt der Sache bewirken, wo auch immer sie sich befindet. Seien sie gewiss: Wenn sie sich zum Dienst erheben, dann gelten die Worte des Geliebten Meisters: Nichts ist euch unmöglich, wenn ihr Glauben habt. Wie ihr Glauben habt, so werden euer Einfluss und eure Segnungen sein.“ Zum Abschluss schreibt sie: „Ich übermittle ihnen die liebevollen Bahá´í-Grüße Shoghi Effendis und der ganzen Familie und versichere sie nochmals unserer innigen Gebete, dass sie befähigt werden, dem Reiche Gottes große Dienste zu leisten.“ 35
Als weiteres Beispiel der Ermutigung soll ein Zitat aus einem Brief des Größten Heiligen Blattes von 1929 dienen, in dem sie ihre Freude äußert, die „lieben Freunde in Amerika“ zu treffen oder von ihnen zu hören. Ihre Freude, so erläutert sie, rührt daher, dass „der Geliebte Meister uns so viel über Seinen Besuch in ihrem Land erzählte und wir ganz sicher sind, dass die Lehren der Gesegneten Vollkommenheit, die Er dort überbrachte, nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen sind und der Tag nicht fern ist, an dem eine reiche Ernte eingefahren wird.“ 36
Ein Brief aus dem Jahre 1929 an den Örtlichen Geistigen Rat von Teheran belegt den fortdauernden Einsatz des Größten Heiligen Blattes für die Stärkung der Geistigen Räte. Sie ist erfreut über „die glänzenden Erfolge und hervorragenden Dienste“ der Mitglieder dieses Geistigen Rates und bestätigt ihnen, dass ihr Herz deswegen „von äußerster Freude und Zuversicht erfüllt“ ist. In Beantwortung einer Anfrage des Geistigen Rates wegen der Häuser Bahá´u´lláhs in Teheran fügt sie hinzu: „Sie haben mich nach meiner eigenen Kenntnis und nach meinen Erinnerungen bezüglich der heiligen Häuser in Teheran gefragt. Da ich zu jener Zeit noch sehr jung war, sind diese gesegneten Orte und Anwesen leider ganz meinem Gedächtnis entschwunden.“ 37

Betreuung der Pilger

Bahíyyih Khánum war bis in ihre letzten Lebenstage aktiv um die Bahá´í-Pilger bemüht. Wer das Vorrecht hatte, mit ihr zusammenzutreffen, machte eine zutiefst beeindruckende Erfahrung. Shoghi Effendis Briefe geben eine gewisse Vorstellung von der Wirkung, die Bahíyyih Khánum auf die Pilger ausübte. Einmal schreibt er: „Welcher Quell der Erleuchtung war sie den Pilgern, die aus allen Ecken und Enden der Welt kamen, um an den Heiligen Schreinen geistige Wiedergeburt zu suchen! Gewiss werden sie die gesegneten Augenblicke in Erinnerung behalten, die sie in ihrem Zimmer oder anderswo in ihrer Gegenwart erlebten, und im Gedenken an ihre Leiden werden sie den Mut finden, ihre eigenen Lebensprobleme zu bestehen.“ Und zum Abschluss: „Möge Gott uns allen helfen, ihrem Beispiel zu folgen und wie sie zum Segen für andere zu werden!“ 38
In einem weiteren Brief, der in seinem Auftrag geschrieben wurde, spricht der Hüter von dem Glück derer, die Gelegenheit hatten, seiner Großtante zu begegnen: „Immer war sie ein solcher Quell des Mutes und der Hoffnung für die Pilger aus allen Gegenden der Welt, die mit ihr zusammentreffen durften, dass sie gestärkt und noch fester entschlossen fortgingen, der Sache zu dienen und alles auf diesem Pfade zu opfern. Dies galt ganz besonders in der Zeit nach dem Hinscheiden des Meisters, als sie spürten, dass das Größte Heilige Blatt der einzige würdige Nachfahre aus Bahá´u´lláhs unmittelbarer Verwandtschaft war.“ 39
Sehr interessant sind die Berichte von Pilgern und anderen Besuchern, die das Glück hatten, in Bahíyyih Khánums letzten Lebensjahren Augenblicke mit ihr zu verbringen. Diese Berichte lassen etwas von der Art ihrer Tätigkeit und von den Eigenschaften erkennen, die sie offenbarte. Sie zeugen von fruchtbaren Tagen, trotz zunehmender körperlicher Gebrechen.
Keith Ransom-Kehler, eine amerikanische Gläubige, die 1926 das Heilige Land besuchte, schildert ihre Eindrücke von ihrer Begegnung mit dem Größten Heiligen Blatt und den anderen Frauen aus dem Haushalt `Abdu´l-Bahás:
„Bahíyyih Khánum, `Abdu´l-Bahás Schwester, hat seit ihrem fünften Lebensjahr Schicksale und Leiden durchlebt, wie sie sich keine Frau aus dem Westen auch nur entfernt vorstellen kann. Zart, duftend, unerschütterlich, gefestigt, bewegt sie sich durch die wechselvollen Zustände der Welt wie ein Stern auf seiner festgelegten Bahn am Himmelszelt. Unter dem unmittelbaren Eindruck solcher Frauen wie `Abdu´l-Bahás Schwester und Seiner Ehefrau erscheinen die kuriosen kleinen Zeugnisse unserer „Festigkeit“ praktisch bedeutungslos. Das selbstgefällige Gehabe des westlichen Menschen, wenn er für Seine Sache einen kleinen Dienst erbracht hat, ist in Haifa unbekannt. ... `Abdu´l-Bahás Töchter sind rastlos Tag und Nacht damit beschäftigt, durch ihre Taten unausgesetzter Freundlichkeit dieses feste Bollwerk gegen die Mächte von Ignoranz, Vorurteil und Bosheit, diese Vorposten des Dienstes, der Liebe und des Friedens aufzubauen, die die Grenzlinie einer ganz anderen Welt markieren. Wir erblicken in diesen ... Frauen einen niemals wankenden Glauben, ein stets gleichbleibendes Geschenk, eine unermüdliche Liebe – sozusagen himmlische Karyatiden*, die auf ihren Häuptern das Gefüge der neuen Weltkultur tragen.“ 40
Im Jahr 1927 kam Dr. Gertrude Richardson Brigham, eine amerikanische Bahá’í, als Pilgerin ins Heilige Land. Sie erinnert sich, dass der Nachmittag, den sie mit den Damen des Heiligen Haushalts verbrachte, für sie das „größte Erlebnis“ war. Die Begrüßung durch die Witwe `Abdu´l-Bahás und die Zusammenkunft mit dem Größten Heiligen Blatt beschreibt sie so: „Bahíyyih Khánum, die erlauchte Schwester `Abdu´l-Bahás, kam auch, und beide waren sehr herzlich zu mir. Es war ihnen offenbar recht, dass ich gerade jetzt kam, wo keine anderen Besucher da waren. Bahíyyih Khánum sieht zerbrechlich aus, aber beide gaben an, dass sie bei normaler Gesundheit seien, und sie interessierten sich lebhaft für alles, was unter den Bahá´í vorging.“ 41
Die Lebenskraft des Größten Heiligen Blattes und ihrer Schwägerin, die beide sehr betagt waren, beeindruckte Dr. Brigham nachhaltig. Sie schreibt, dass „sie begierig waren, von den amerikanischen Bahá´í zu hören und sich nach Freunden erkundigten, die ich nur dem Namen nach kannte. Sie sagten, dass Nachrichten vom Fortschritt der Bahá´í-Arbeit ihnen die größte Freude bereiteten, und dass dies ihr Lebenselixier sei.“ 42
Aus Sorge, dass sie sich vielleicht zu lange aufhalte und dass die Damen ermüdeten, machte Dr. Brigham wiederholt Anstalten zu gehen, aber sie beschworen sie, der Besuch sei zu kurz. Sie erinnert sich, dass man an diesem Nachmittag über vieles sprach,und dass die Frauen sie ermutigten, die Bahá´í-Lehren gründlich zu studieren und eine aktive Dienerin des Glaubens zu werden. Zuletzt wartete auf Dr. Brigham noch eine besondere Überraschung. Als sie im Begriff war zu gehen, führte das Größte Heilige Blatt, die Bewahrerin der heiligen Reliquien, sie ins Nebenzimmer, um die Bildnisse des Báb, Bahá´u´lláhs und `Abdu´l-Bahás zu betrachten. Dies war ein besonderes Vorrecht für Bahá´í-Pilger und eine einmalige Gelegenheit, denn diese Bildnisse werden nicht vervielfältigt und aus grundsätzlichen Erwägungen nicht unter den Bahá´í in Umlauf gesetzt. 43
In ihrer Eigenschaft als Bewahrerin der heiligen Andenken und der Bildnisse von Báb und Bahá´u´lláh versah das Größte Heilige Blatt einen wichtigen Dienst nicht nur für die ankommenden Pilger, sondern auch für künftige Bahá´í-Generationen. Sie war sich der Bedeutung dieser Gegenstände für die Nachwelt vollkommen bewusst. Sie nahm sie in sorgfältige Obhut – die Bildnisse wurden in ihrem Zimmer aufbewahrt – und bezeigte eine Haltung tiefer Verehrung für das, was sie repräsentierten. Hierfür zeugen auch die Erinnerungen eines Gläubigen, der als Kind im Hause `Abdu´l-Bahás wohnte: „Wie oft betrat ich diesen Raum in großer Ehrerbietung und kniete nieder, wie wir es immer vor den Bildnissen Bahá´u´lláhs und des Báb taten, und sah zu, wie das Größte Heilige Blatt dort saß und andächtig die Bildnisse enthüllte und sie nach Abschluss der Besichtigung wieder verschloss.“ 44
Bahíyyih Khánum liebte alles Schöne und hörte besonders gern persischen Gesang. Abu´l-Qásim Faizí, der später vom Hüter in einen hohen Rang berufen wurde, beschreibt in seinen Erinnerungen, wie er während seiner Studienzeit an der amerikanischen Universität in Beirut seine Ferien in Haifa verbringen durfte. Einmal wurde eine kleine Gruppe von Studenten eingeladen, vor dem Größten Heiligen Blatt Texte zu singen. Man ließ sie in die Gegenwart des Größten Heiligen Blattes vor, wobei auch Munírih Khánum, die Witwe `Abdu´l-Bahás, und einige andere Frauen des Haushalts zugegen waren. Er schreibt: „Wir Studenten durften diesen schönen Zuhörerinnen direkt gegenüber sitzen. Khánum saß ganz still, ihre lilienweißen Hände ruhten leicht auf ihrem Schoß. Sie war eine Königin, die Liebe und Ehrfurcht weckte, und an ihrem erhabenen Thron brachten wir unsere dankbaren Herzen dar. Ihr Blick sprach Liebe, aber sie redete uns nicht an. Die Frau des Meisters, Munírih Khánum, sprach für sie. Sie begrüßte uns bei der Ankunft, und am Ende unseres Programms, das aus Gebeten, Liedern und Bahá´í-Gedichten bestand, dankte sie uns herzlich in Khánums Namen.“ 45
Als die Studenten bei anderer Gelegenheit nochmals eingeladen wurden, für Bahíyyih Khánum zu singen, notierte Mr. Faizí: „Dieses Mal sagte sie, sie würde gerne eines der Lieder hören, die in Iran von Arbeitern gesungen werden, wenn sie abends von der Arbeit nach Hause gehen. Sie fragte uns, ob jemand solche Lieder kenne. Es überraschte uns, dass Khánum sich noch an diese Lieder erinnerte, die sie als kleines Mädchen auf den Straßen von Teheran gehört haben musste. Vielleicht hatte der Anblick der Gruppe jugendlicher Perser oder die Musik der tár (ein persisches Saiteninstrument) bei ihr die Erinnerung an jene frühen Tage wieder geweckt.“ 46
Auch in ihrer allerletzten Zeit war das Größte Heilige Blatt den Pilgern weiterhin ein bewegendes Vorbild. Gebrechlich und vom Alter gebeugt, zeigte sie doch eine Haltung, die die Bahá´í ermutigte und begeisterte. Marjorie Morton, eine amerikanische Bahá´í aus den frühen Tagen, brachte damals das folgende Porträt Bahíyyih Khánums zu Papier:
„Wir aus dem Westen haben sie nur in ihren späten Lebenstagen gekannt. Aber in unserem Herzen regte sich niemals der Wunsch, sie lieber in ihrer Jugend oder als junge Frau erlebt zu haben, statt in den Jahren der Erfüllung. Sie zeigte nichts von dem Gebaren, das wir üblicherweise mit dem Alter assoziieren. Uns erscheint hohes Alter meist nachdenklich, über die Schulter zurückblickend, seufzend vor Erinnerungen, die zwischen Buchseiten, welche die Jahre umgeblättert haben, an Profil verloren haben – die zwar womöglich noch deutliche, scharfe Konturen aufweisen, aber die Fülle und Farbigkeit lebendigen Gefühls eingebüßt haben. Sie hatte es nicht nötig, die Seiten zurückzublättern, um die Spuren entschwundener Stunden einzufangen. Die entscheidenden Stränge des Vergangenen waren mit den Fäden des Gegenwärtigen zum Geflecht des Heute verwoben. Ihr Jetzt verkörperte die ganze Summe ihres Ehedem.“ 47
Keith Ransom-Kehler, eine hochgeschätzte amerikanische Bahá´í, die als letzte der Pilger aus dem Westen mit Bahíyyih Khánum zusammentraf, zeichnet ein abschließendes Bild des Größten Heiligen Blattes. Mrs. Ransom-Kehler hielt sich vor ihrer Abreise nach Iran, wo sie eine Mission für den Glauben zu erfüllen hatte, im Heiligen Land auf. Ihr Besuch beim Größten Heiligen Blatt fand gerade einen Monat vor deren Tod statt. In ihrem Tagebuch notierte sie:
„Das Größte Heilige Blatt hatte eine solch helle Ausstrahlung von Schönheit und himmlischer Liebe, wie ich sie nie bei einem Menschen erlebt habe. In ihrer Gegenwart wurde die Seele still und erhaben. Sie war wie ein Vogel bei Tagesanbruch, wie Frühlingsanfang, eine Stadt an fernem Horizont – alles, was uns erstaunen lässt und die Tiefe, nicht die Erregung des Herzens, enthüllt.
Zweimal zog sie meinen Bahá´í-Ring ab, hielt ihn eine Weile und legte ihn mir umgedreht wieder an. Zweimal blies sie auf meine Handfläche, ein süßer, kühler, köstlicher Hauch, und dann rief sie jubelnd: ’Jetzt ist es gut.’
Ihr Geist war nie ganz klar, außer im Augenblick des Abschiednehmens.
Sie streckte ihre zarte Hand aus, drückte meine Wange fest an die ihre und tat so einen Ausruf in der Art eines Liebenden. Ich war durch ihr liebes Wesen ganz überwältigt.
Fast die ganze Zeit sang sie mit leiser, wundervoller Stimme ein großartiges Tablet oder ein Gedicht, und dabei streichelte sie mir die Hand oder fasste mir unter das Kinn.“ 48
Mrs. Ransom-Kehler erwähnt, dass sie am Abend vor ihrem Abschied bei den Damen des Haushalts zum Tee geladen war. Im Tagebuch hält sie fest:
„Khánum war sehr schwach. Ihr Besuch am Schrein Bahá´u´lláhs in der Nacht des Hinscheidens hatte ihr sehr zugesetzt. Jeden Sonntag bestand sie darauf, an der Versammlung auf dem Berg Karmel teilzunehmen: Sie musste in und aus dem Wagen gehoben werden. ...
Ihre Aufmerksamkeit, Herzensgüte und Ausgeglichenheit, ihre vollkommene Hingabe an das Geistige ließen niemals nach bis zur letzten Stunde, da ich sie sah, gerade einen Monat und einen Tag vor ihrem Hingang.
Als ich mich dann verabschiedete, half ihr Díyá [ihre Nichte] trotz meines Einspruchs auf die Beine. Sie schloss mich, ach, so zärtlich in ihre unschätzbaren Arme mit den Worten: ’Wenn sie in Persien sind, möchte ich, dass sie jedem Bahá´í im ganzen Land, Männern ebenso wie Frauen, meine liebevollen Grüße übermitteln. Und wenn sie die heilige Stadt Teheran erreichen, betreten sie sie in meinem Namen und lehren sie dort in meinem Namen.’ “ 49

Aus der vorstehenden Darstellung wird deutlich, dass ein prägendes Element der letzten Lebensjahre des Größten Heiligen Blattes das tiefe Band zwischen ihr und dem Hüter war. Diese Herzensbindung reichte über die persönliche Ebene weit hinaus. Beide teilten die gleiche Vision von der künftigen Entfaltung des Bahá´í-Glaubens, und für beide war der Fortschritt und der erfolgreiche Abschluss zeitlich abgestimmter Pläne und Projekte das wichtigste Anliegen. Trotz der schwindenden körperlichen Kräfte Bahíyyih Khánums war der Fortschritt der Bahá´í-Religion in ihrem hohen Alter genauso wie in ihren früheren Lebensphasen der alles beherrschende Brennpunkt ihrer Existenz. Der Dienst an der Sache ihres geliebten Vaters war die ganze Freude ihres Daseins und ihr Herzenswunsch. Mit dem Mittel der Ermutigung und durch ihr eigenes Beispiel gelang es ihr, die Bahá´í zur Mitarbeit auf dem weiten Feld des Dienens anzuspornen.


Kapitel 7: Der Berg Gottes jubelt

In ihrer letzten Lebensphase litt das Größte Heilige Blatt zunehmend unter den „Unpässlichkeiten, Prüfungen und Krankheiten“, die so oft mit dem Alter einhergehen. Shoghi Effendi bezeugt, dass sie, obwohl sie „schwach und meistens an das Zimmer gefesselt“, trotzdem „ein Quell dauernder Freude und Erleuchtung für alle war, denen sie begegnete.“ „Alle Leiden,“ so bekräftigt er ebenfalls, „die sie während ihres Lebens erfahren musste und die ihre Spuren in ihrem abgezehrten Körper hinterließen, hatten nicht im geringsten ihren heiteren und hoffnungsvollen Geist gedämpft. Sie wollte die Menschen glücklich sehen und setzte alles daran, es ihnen zu erleichtern, dieses zu verwirklichen.“ Marjorie Morton, eine amerikanische Bahá´í, hinterlässt uns folgende Beschreibung des Größten Heiligen Blattes an ihrem Lebensende: „Kurz vor ihrem Tode zeichneten ihre schwindenden Kräfte ein intensiveres und schärfer konturiertes Bild ihres wahren Herzens und Geistes. Es war, als ließe sie zuerst die gewohnheitsmäßigen Äußerungen des Geistes und die vergänglichen Sinneswahrnehmungen hinter sich, um bis zum Ende die wesentlichen Elemente ihres Seins festzuhalten, ungetrübt von körperlichem Leiden und Schmerz. Aus ihrem Lächeln sprachen immer noch Stärke, Heiterkeit, Zärtlichkeit und jene Liebe, die zugleich Anerkennung und Geschenk waren. Und so hinterließ sie der Erinnerung einen letzten, klaren Beweis ihres ganzen Lebensmusters.“ 1
In diesem Kapitel erforschen wir das Hinscheiden des Größten Heiligen Blattes, die unmittelbare Wirkung dieses Ereignisses auf die Bahá´í-Gemeinde und die Verbindung, die zwischen ihrer Ruhestätte und der Errichtung der Institutionen des Glaubens am Bahá´í-Weltzentrum besteht.

Das Hinscheiden des Größten Heiligen Blattes

Bahíyyih Khánum starb in Haifa „eine Stunde nach Mitternacht am Freitag, dem15. Juli“ 1932 in ihrem sechsundachtzigsten Lebensjahr. Ungeachtet ihres fortgeschrittenen Alters und ihrer angegriffenen Gesundheit nannte der Hüter ihren Tod dennoch „tragisch in seiner Plötzlichkeit.“ Über die Reaktion der Bahá´í auf die Nachricht ihres Hinscheidens schreibt er: „So unvermeidlich dieses furchtbare Ereignis uns allen erschien und so klar wir es hatten kommen sehen, sind wir doch in dieser schrecklichen Stunde, da es wirklich eingetreten ist, ... fassungslos und untröstlich.“ 2
Bahíyyih Khánums Todesnachricht erreichte Shoghi Effendi, als er sich in der Schweiz aufhielt. Er beklagte sein Fernsein ausdrücklich. In einem Brief, den er damals schrieb, drückt er seinen Verlust und sein Bedauern aus. „Wehe,“ schreibt er, „dass ich nicht bei ihr sein konnte am Ende ihrer Erdentage, in dem Augenblick, als sie zu ihrem Herrn und Meister aufstieg und ihr zerbrechlicher Leib zu Grabe getragen wurde. Nicht für mich war diese Ehre, dieses hohe Vorrecht, denn ich war weit entfernt, beraubt, entäußert, ausgeschlossen.“ 3
Unmittelbar nach dem Eintreffen der Nachricht von Bahíyyih Khánums Aufstieg informierte Shoghi Effendi die Bahá´í in Ost und West. Sein Telegramm vom 15. Juli 1932 an den amerikanischen Nationalen Geistigen Rat beschreibt die historische Bedeutung ihres Todes und seine persönliche Reaktion, bestimmt den Standort ihres Ruheplatzes am Berg Karmel und ruft zu einer neunmonatigen Zeit der Trauer auf. Das Telegramm hat folgenden Wortlaut:
„UNSTERBLICHER GEIST GRÖSSTEN HEILIGEN BLATTES [ZUM] GROSSEN JENSEITS AUFGESTIEGEN. UNGEZÄHLTE LIEBENDE IHRES HEILIGEN LEBENS IN OST UND WEST SCHMERZERFÜLLT, IN UNSÄGLICHES LEID GETAUCHT. MENSCHHEIT WIRD BALD IHREN UNERSETZLICHEN VERLUST ERKENNEN. UNSER GELIEBTER GLAUBE, DURCH VERHEERENDEN SCHLAG VON `ABDU´L-BAHÁS UNERWARTETEM HEIMGANG FAST VERNICHTET, BEKLAGT JETZT HINSCHEIDEN LETZTER SPUR BAHÁ´U´LLÁHS, SEINES SEIEHRWÜRDIGSTEN MITGLIEDS. HEILIGE FAMILIE GRAUSAM IHRER KOSTBARSTEN, GRÖSSTEN ZIER BERAUBT. ICH SELBST BEWEINE PLÖTZLICHEN WEGFALL MEINER EINZIGEN IRDISCHEN STÜTZE, DER FREUDE UND DES TROSTES MEINES LEBENS. STERBLICHE RESTE WERDEN [IN] NACHBARSCHAFT HEILIGER SCHREINE RUHEN. EIN SO SCHMERZLICHER VERLUST ERFORDERT AUSSETZEN JEDER ART RELIGIÖSER FESTLICHKEIT NEUN MONATE IN GANZER BAHÁ´Í-WELT.“ 4
Außerdem rief der Hüter den Nationalen Rat auf, bestimmte Schritte in der Bahá´í-Gemeinde zu veranlassen: „INFORMIEREN SIE ÖRTLICHE RÄTE UND GRUPPEN ANGEMESSENE GEDENKVERSAMMLUNGEN ABZUHALTEN [ZUR] WÜRDIGUNG EINES LEBENS, SO VOLLER HEILIGER ERFAHRUNGEN, SO REICH [AN] UNVERGÄNGLICHEN ERINNERUNGEN. EMPFEHLE AUSSERDEM ABHALTUNG [EINES] GEDENKGOTTESDIENSTES ALS REINE ANDACHT [IM] AUDITORIUM [DES] MASHRIQU´L-ADHKÁR.“ 5
Zwei Tage später schrieb Shoghi Effendi eine bewegende Huldigung für seine geliebte Großtante, die einen tiefen Einblick in die Gedanken und Gefühle ermöglicht, die sein trauerndes Herz erfüllten. Darin rühmt er das Leben, die Stufe und die Taten des Größten Heiligen Blattes und würdigt besonders ihre einzigartigen Dienste für den Glauben. Der vom Hüter eigenhändig geschriebene Brief wurde später als Faksimile-Druck an die Bahá´í im Westen versandt. Er findet sich auch in dem Buch Bahá´í Administration: Selected Messages 1922-1932, in dem ausgewählte Briefe des Hüters veröffentlicht sind. 6
Mit dem Hinscheiden Bahíyyih Khánums, „der letzten Überlebenden eines ruhmreichen, heroischen Zeitalters“, ging „das erste und bewegendste Kapitel der Bahá´í-Geschichte, das den Abschluss des ursprünglichen, des Apostolischen Zeitalters der Religion Bahá´u´lláhs bezeichnet“, endgültig zu Ende. Sie war das lebende Bindeglied zwischen den Bahá´í und jenem großen Abschnitt ihrer Geschichte, der die Amtsperioden der drei Zentralgestalten des Glaubens umfasste. Ein Leben, das mit Ausnahme von nur zwei Jahren das gesamte Heroische Zeitalter des Bahá´í-Glaubens umspannte, hatte sich erfüllt. In einem Brief spricht der Hüter die lange Dauer ihres Dienstes für den Glauben an: „Mehr als achtzig Jahre lang ertrug dieses Erhabene Blatt mit einer Tapferkeit, die jeden, der mit ihr Bekanntschaft haben durfte, in Erstaunen setzte, Leiden und Schwierigkeiten, wie sie nur wenige unserer heutigen Gläubigen durchmachen mussten. Und doch – welche Freude, welche Heiligkeit hat sie ihr Leben lang gezeigt! Inmitten von Leiden und Qualen blieb ihr engelsgleiches Antlitz so ruhig, so gelassen! Dies war kein Mangel an Herzensgüte oder Mitgefühl; vielmehr konnte sie ihre Gefühle bändigen, und dies allein deshalb, weil sie ihr ganzes Vertrauen in Gott gesetzt hatte.“ 7

Die Beisetzung

Obwohl Shoghi Effendi der Beisetzung seiner Großtante nicht persönlich beiwohnte, bestimmte er doch die Stelle, wo sie beerdigt werden sollte. Er verfügte, dass ihre Gebeine auf dem Berg Karmel in Nachbarschaft zu den heiligen Schreinen des Báb und `Abdu´l-Bahás ruhen sollten. 8
`Alí Nakhjavání, der als Bahá´í bis ins Erwachsenenalter (und erneut in seinen späteren Jahren) in Haifa wohnte, gibt folgenden Bericht über die Ereignisse in der Stadt zur Zeit der Beisetzung Bahíyyih Khánums:
„Als das Größte Heilige Blatt am 15. Juli 1932 in ihrem sechsundachtzigsten Lebensjahr verschied, wurde in Haifa eine Anzeige gedruckt, die an alle Betroffenen, Bahá´í und andere, in Haifa, `Akká und Jerusalem verschickt wurde. Zu Beginn steht der Vers 33 aus den arabischen Verborgenen Worten Bahá´u´lláhs: `O Sohn des Geistes! Mit der freudigen Botschaft des Lichtes grüße Ich dich: Freue dich! Zum Hofe der Heiligkeit rufe Ich dich: Wohne darin, damit du ewig in Frieden lebest! Bahá´u´lláh.´
Dann folgen die Worte: `Die hinterbliebenen Angehörigen von Sir `Abdu´l-Bahá `Abbas teilen in tiefem Schmerz den Tod Bahíyyih Khánums, der Schwester des verstorbenen Sir `Abdu´l-Bahá `Abbas mit, die am 15. Juli um ein Uhr morgens friedlich entschlafen ist. Der Leichenzug beginnt an ihrer Wohnung in der persischen Kolonie am Samstag, dem 15. Juli, um 16.30 Uhr.’
Das Hinscheiden des Größten Heiligen Blattes war das bedeutendste Ereignis in Haifa seit dem Hinscheiden `Abdu´l-Bahás. Viele Menschen versammelten sich zur Beisetzung, und hundert Autos folgten dem Zug. ... Neben vielen anderen Würdenträgern nahmen auch der Bürgermeister von Haifa und der Vertreter des nördlichen Bezirks teil. Unter den Anwesenden waren nicht nur Bewohner von Haifa, sondern auch von `Akká, Abú-Sinán, Nablus, Jaffa und Jerusalem, und natürlich waren die Bahá´í anwesend. Das Gebet für die Toten wurde im Haus des Meisters in der Empfangshalle gesprochen. Einige der Freunde dienten als Sargträger. Der Sarg wurde auf den Schultern der Freunde vom Haus des Meisters hinauf zum Schrein getragen. Man brachte den Sarg herein; nicht durch den Haupteingang, sondern durch das kleine Tor neben der Schule, fast unmittelbar neben der Gruppe von Zypressen an der Stelle, wo Bahá´u´lláh gesessen hatte, dann den Pfad hinunter zum Schrein.“ 9
Nakhjavání berichtet weiter, dass nach seiner Erinnerung der Sarg nicht in den Schrein hineingetragen, sondern außen niedergesetzt wurde und dass Gebete gelesen wurden. Er fährt fort: „Dann wurde der Sarg wieder aufgenommen und auf dem gleichen Weg zu ihrer letzten Ruhestätte getragen. Shoghi Effendi hatte den Platz bestimmt und seinem Vater in Haifa genaue Anweisung gegeben, wo die Stelle sein solle und wie die Beisetzung zu erfolgen habe. Shoghi Effendi wies auch die Bahá´í an, die Ruhestätte neun Tage lang jeden Tag zu besuchen. Wir versammelten uns neun Tage lang jeden Nachmittag an ihrem Ruheplatz zum Gebet.“ 10
Nakhjavání teilt auch mit, welche Wirkung die Beisetzung Bahíyyih Khánums auf die örtliche Bevölkerung ausgeübt hat. Er erinnert sich:
„Unter den Arabern in der Stadt gab es welche, die Preisgesänge (Marthíyyih) auf das Größte Heilige Blatt verfasst hatten und diese vorlesen wollten. Da am Tag der Beisetzung die Zeit nicht ausreichte, musste dies unterbleiben, denn es wurde Abend, und jeder musste nach Hause. Sehr bald gingen Anfragen ein, im Haus des Meisters eine Versammlung einzuberufen, bei der diese Dichter und verschiedene öffentliche Amtsträger nach der Landessitte der Familie ihr Beileid bezeigen, Gedichte zu Ehren des Größten Heiligen Blattes vortragen und Lobesworte zu ihrem Gedächtnis sprechen konnten. Das wurde Shoghi Effendi sofort mitgeteilt, und dieser sagte nein. Stattdessen verfügte er, dass am vierzigsten Tag nach ihrem Hinscheiden ein Essen für die Armen gegeben werden solle und für alle, die sonst noch kommen wollten.“ 11
Das historische Essen zum Andenken an das Größte Heilige Blatt fand am 25. August 1932 im Garten von `Abdu´l-Bahás Haus in Haifa statt. Nakhjavání hat die Betriebsamkeit und Aufregung, die an diesem Tage herrschte, festgehalten: „Einige von uns kochten, andere machten sauber, wieder andere deckten die Tische oder bedienten. Dieser demütige Diener war unter denen, die die Speisen auftrugen. Eine lange Tafel wurde aufgebaut, an der hundert Personen Platz nehmen konnten. Zehn- oder elfmal wurde die Tafel neu besetzt; es kamen über 1.000 Leute. So ging es bis drei oder vier Uhr nachmittags. Im Garten hatte man ein Zelt errichtet, wo die Wartenden Schutz vor der heißen Sommersonne fanden.“ Außer diesem Ereignis berichtet Nakhjavání noch Folgendes: „Shoghi Effendi machte auch eine Spende an die Stadt Haifa in Höhe von 100 Pfund – damals eine erhebliche Summe – und bat darum, dieses Geld im Namen des Größten Heiligen Blattes an die Bedürftigen zu verteilen. Dies wurde in den Zeitungen bekanntgegeben, und die Gemeindeverwaltung setzte eine Sonderkommission ein, um die eingehenden Unterstützungsanträge zu sichten und das Geld den wirklich Bedürftigen zukommen zu lassen.” 12
Shoghi Effendi selbst hatte nicht das Vorrecht, der Beisetzung des Größten Heiligen Blattes beizuwohnen. Seine Witwe Rúhíyyih Khánum berichtet jedoch, dass sofort, nachdem ihn „die Nachricht ihres Todes ... erreichte, es sein erstes Anliegen war, ein passendes Monument für ihre Grabstätte zu planen, das er schnellstens in Italien bestellte.“ Sie beschreibt das Grabdenkmal folgendermaßen: „Niemand könnte dies ausgesucht ebenmäßige Bauwerk aus glänzend weißem Carrara-Marmor je anders bezeichnen als was es ist – ein Tempel der Liebe, Inbegriff der Liebe Shoghi Effendis.“ 13

Neunmonatige Zeit der Trauer

In seinen Telegrammen nach dem Hinscheiden Bahíyyih Khánums ruft Shoghi Effendi zum Aussetzen „jeder Art von religiöser Festlichkeit“ über einen Zeitraum von neun Monaten, vom 15. Juli 1932 bis zum 15. April 1933 auf. Die Bedeutung dieser Periode wird in einem Brief vom 15. Juli 1932 an die Bahá´í des Ostens vom Hüter noch näher erläutert:
„O ihr getreuen Freunde! Es ist richtig und angemessen, dass zu Ehren ihres hohen Ranges in den Versammlungen der Jünger Bahá´u´lláhs – des Ostens wie des Westens – alle Bahá´í-Festlichkeiten und Feiern über einen Zeitraum von neun Monaten gänzlich ausgesetzt werden und in jeder Stadt und jedem Dorf Gedenkgottesdienste stattfinden, die von Feierlichkeit, Geistigkeit, Demut und Hingabe geprägt sind. Dabei sollten in erlesenster Sprache die leuchtenden Attribute dieses herrlichsten Blattes, dieses Urbilds des Volkes Bahá, ausführlich gewürdigt werden. Wenn es den einzelnen Gläubigen möglich ist, ihre persönlichen Feiern ein ganzes Jahr zu verschieben, sollten sie dies unbedingt tun, um so ihrem Schmerz über diesen erschütternden Schlag Ausdruck zu geben.“ 14
Weitere, in Shoghi Effendis Auftrag geschriebene Briefe enthalten zusätzliche Hinweise, damit die Gläubigen seine Absicht bei der Aussetzung bestimmter Aktivitäten besser verstehen konnten. Hierfür ein Beispiel: „Zur Aussetzung von Festlichkeiten über einen Zeitraum von neun Monaten: Damit ist gemeint, dass alle Zusammenkünfte im Hause oder außer Hause, die nicht ausschließlich der Andacht vorbehalten sind, während der ganzen Trauerperiode entfallen sollen. Dagegen sollten reine Andachtsveranstaltungen und solche Treffen, die zur Fortführung der administrativen Aufgaben notwendig sind, wie gewohnt abgehalten werden.“ In einem anderen Brief schreibt der Sekretär des Hüters: „Da das Neunzehntagefest auch administrative Funktionen erfüllt, sollte es weiterhin stattfinden; doch sollte es in äußerster Schlichtheit durchgeführt werden und nichts enthalten, was mit Festlichkeit und Unterhaltung zu verbinden ist. Die Feiertage zu Naw-Rúz sowie zum Geburtstag Bahá´u´lláhs und des Báb sollten ganz entfallen als Zeichen unserer tiefen Trauer um ein so herausragendes, ehrwürdiges Glied der Familie Bahá´u´lláhs.“ Ein letztes Zitat verdeutlicht neben dem Zweck der Trauerperiode auch den Gebrauch, den die Bahá´í von dieser Zeit machen sollten: „Diese neun Monate, in denen die Freunde auf Bitten des Hüters Festtage aussetzen sollen, sind als Monate der Trauer um das Größte Heilige Blatt gedacht. Die Freunde sollten sie auch als eine Zeit verdoppelten Einsatzes im Dienst für den Glauben nutzen, um unsere tiefe Liebe für sie und für die Sache auszudrücken, für die sie so viel gelitten hat.“ 15

Versand heiliger Sendschreiben

Um es den Bahá´í zu erleichtern, das Größte Heilige Blatt und ihre einzigartige Stufe als „die herausragende Heldin der Bahá´í-Sendung“ besser zu würdigen, sandte Shoghi Effendi an die Gläubigen in Ost und West über ihre Institutionen Abschriften von Sendschreiben, die Bahá´u´lláh und `Abdu´l-Bahá ihr zu Ehren offenbart hatten. „Diese Zitate,“ so bezeugt der Hüter, „enthüllen in einem Maße, das unser endlicher Geist begreifen kann, die Natur jenes mystischen Bandes, das sie einerseits mit dem Geist ihres allmächtigen Vaters vereinigte und andererseits so eng an ihren ruhmreichen Bruder band, das vollkommene Beispiel dieses Geistes.“ Er erklärt auch, dass ihr Andenken „lange in diesen unsterblichen Worten fortleben wird – ein Andenken, dessen veredelnder Einfluss eine bleibende Inspiration und ein Trost inmitten der Trümmer einer schrecklich erschütterten Welt ist.“ 16
Shoghi Effendis Absicht dabei war es, dass diese Schriften zur Person des Größten Heiligen Blattes in den Gedenkveranstaltungen verwendet würden. An den Zentralen Rat Persiens schrieb der Hüter, diese Verse sollten „wiederholt vorgetragen werden, in ergreifender Ehrerbietung und Demut und mit größter Konzentration und Sorgfalt, um ihr gesegnetes Andenken zu verewigen und ihre Stufe zu verherrlichen, und auch aus Liebe zu ihrer unvergleichlichen Schönheit.“ 17

Verhalten der Bahá´í in der Trauerzeit

Bruchstückhafte Einzelheiten über die Reaktion der Bahá´í-Weltgemeinde auf das Hinscheiden des Größten Heiligen Blattes können der in The Bahá´í World, Band 5 * enthaltenen Übersicht über laufende Bahá´í-Aktivitäten sowie anderen veröffentlichten Quellen entnommen werden.
The Bahá´í World berichtet, dass die Bahá´í-Gemeinden in aller Welt mit tiefer Trauer auf Bahíyyih Khánums Hinscheiden reagierten. Die keimhaften Nationalen Geistigen Räte leiteten die Nachricht an ihre örtlichen Gemeinden weiter, und auch untereinander tauschten die Nationalen Räte Beileidsbotschaften aus. Geistige Räte führten besondere Gedenkveranstaltungen durch, und weltweit setzten die Bahá´í neun Monate lang alle religiösen Feierlichkeiten aus. In der Trauer vereint und durch das Beispiel des Größten Heiligen Blattes angeregt, erhoben sich die Anhänger der Bahá´í-Religion zu neuen Höhen des Dienstes für die Sache. 18
Die beiden erfahrensten administrativen Instanzen, der Nationale Geistige Rat der Vereinigten Staaten und Kanadas sowie der Nationale Geistige Rat von Persien, erhielten in dieser Zeit besondere Verantwortlichkeiten zugewiesen. Zum Beispiel sorgte der amerikanische Nationale Rat von Shoghi Effendis bewegender handschriftlicher Abschiedsbotschaft an seine Großtante, wofür dieser seine tiefe Dankbarkeit ausdrückte. Shoghi Effendi bat den amerikanischen Rat ebenfalls um „alle erforderlichen Schritte“ zur „prompten und breiten Verteilung“ der von ihm übersetzten Abschnitte aus den Schriften Bahá´u´lláhs und `Abdu´l-Bahás, die das Größte Heilige Blatt betrafen, unter den Gläubigen in der westlichen Welt. 19
Die Veröffentlichung und Verbreitung dieser Texte erweiterte das Verständnis der Gläubigen für Bahíyyih Khánums einzigartige Stellung im Bahá´í-Glauben und für ihren außerordentlichen Beitrag zu dessen Entwicklung. Der nachstehende Bericht kann hierfür als Zeugnis dienen:
„Als am 15. Juli 1932 die Nachricht vom Aufstieg des Größten Heiligen Blattes ins Große Jenseits die Welt erschütterte, war das Bedürfnis wirklich groß, sich an jede Verheißung und göttliche Zusicherung zu halten, dass ihr strahlender Geist vom unbeschränkten Reich herab die bekümmerten, traurigen Herzen all derer leiten und stützen werde, die sich nach dem Trost des Hüters sehnten, dessen eigener, nicht in Worte zu fassender Schmerz unauslotbar schien. Nur in solchen Augenblicken wird die Menschheit im Bewusstsein des gemeinsamen Verlustes enger zusammengeführt, und die Gläubigen im Westen waren tief und nachhaltig bewegt. Es war das Bewusstsein unwiederbringlichen Verlustes durch das Zerreißen des physischen Bandes, welches die Gläubigen mit der „letzten Spur Bahá´u´lláhs“ vereinte, „die der dahingegangene Meister unseren schwachen, unwürdigen Händen anvertraut hatte.“ 20
Aber die amerikanischen Gläubigen hielten nicht nur die Gedenkveranstaltungen ab, sondern folgten auch dem letzten Aufruf des Größten Heiligen Blattes, den Bau des Hauses der Andacht in Wilmette zu beschleunigen, von dem der Hüter gesagt hatte, dass er ihr ein Herzensanliegen war.
Der persische Nationale Geistige Rat erhielt die Aufgabe, die Abschnitte aus den Bahá´í-Schriften über das Größte Heilige Blatt, „sofort und mit größter Vorsicht an die Länder des Ostens durch deren Örtliche Geistige Räte“ zu senden. Der Hüter bezeichnete diese Aufgabe als einen „großen Segen, der eigens den Treuhändern der Ihm in Liebe Ergebenen in diesem vornehmen Heimatland vorbehalten“ war. 21
Überall in Persien fanden Gedenkveranstaltungen zu Ehren des Größten Heiligen Blattes statt. In Teheran wurde der 21. Juli 1932 als besonderer Gedenktag festgelegt, an dem alle Bahá´í der Arbeit fernbleiben sollten. An Naw-Rúz, das in Persien eine lange Tradition religiöser Festlichkeiten besitzt, fanden keinerlei Bahá´í-Feste statt. Das ganze Ausmaß und der Geist, in dem die persischen Bahá´í in den Monaten der Trauer besondere Anstrengungen unternahmen, geht aus dem folgenden Bericht hervor:
„In Teheran wurden an neun aufeinanderfolgenden Tagen Gedenkgottesdienste durchgeführt, und dann fanden solche Gottesdienste neun Monate lang alle neunzehn Tage statt. Bei diesen Anlässen wurden Geschichten aus dem Leben des Größten Heiligen Blattes erzählt und speziell für sie offenbarte heilige Tablets gesungen. In der Trauerzeit wurden ihr zu Ehren zehn Speisungen durchgeführt, bei denen über siebenhundert Personen gespeist wurden. Bei vielen Versammlungen sprach Keith Ransom-Kehler, die Abgesandte des amerikanischen Nationalen Geistigen Rates nach Persien, in unvergesslicher Weise im Gedenken an das Größte Heilige Blatt; besonders eindrucksvoll geschah dies im Haus von Mírzá `Abdu´l-Husayn Kázimuf, wo sie vor einhundertzwanzig Frauen sprach, die zu einem Gedenkessen geladen waren, und dann wieder im Hazíratu´l-Quds, wo sie ihre Begegnungen mit dem Größten Heiligen Blatt schilderte und die Botschaften überbrachte, die diese erlauchteste aller Frauen durch sie an Persien gerichtet hatte und die wie ein letztes Lebewohl anrührten. Die persischen Bahá´í haben das Hinscheiden des Größten Heiligen Blattes als sehr bitter empfunden, und ihr zuliebe arbeiten sie mit verdoppeltem Eifer daran, die Weltordnung Bahá´u´lláhs herbeizuführen, deren Gründung sie miterlebt hatte und deren Aufbau ihr so sehr am Herzen lag.“ 22
In Kapitel 6 wurde schon erwähnt, dass Keith Ransom-Kehler die letzte Pilgerin aus dem Westen war, die dem Größten Heiligen Blatt begegnen durfte. Ende Juni 1932 traf sie in Teheran ein. Ihr Aufenthalt in Persien diente nicht nur der Erfüllung einer besonderen Mission im Auftrag des amerikanischen Nationalen Geistigen Rates, sondern auch der Stärkung von Einheit und Verständnis zwischen Ost und West und dem Besuch historischer Stätten des Bahá´í-Glaubens. Ihr besonderer Beitrag zu der Gedenkstunde zu Ehren des Größten Heiligen Blattes wurde von zwei persischen Bahá´í noch näher beschrieben: „Mrs. Ransom-Kehler hatte aus Haifa Grüße und Botschaften der Liebe vom heiligen Haushalt mitgebracht. Diese Botschaften übermittelte sie den im Garten versammelten Freunden in einer bewegenden Ansprache. Im Mittelpunkt stand eine Botschaft von Bahíyyih Khánum, die sich als ihre letzte Botschaft an die persischen Freunde erweisen sollte. „Beim Abschied,“ so sagte Mrs. Ransom-Kehler, trug mir das Größte Heilige Blatt auf, den Männern ebenso wie den Frauen die gleiche Botschaft der Liebe zu überbringen. Sie sagte auch: „Wenn sie die heilige Stadt Teheran erreichen, betreten sie sie in meinem Namen, und wenn sie den Mund öffnen, sprechen sie in meinem Namen.“ Weiter heißt es in dem Bericht: „Mrs. Ransom-Kehler konnte bei dem ersten von neun Gedenkgottesdiensten, die an neun aufeinanderfolgenden Tagen in verschiedenen Stadtteilen zu Ehren des Größten Heiligen Blattes gehalten wurden, in der Öffentlichkeit sprechen. Zu der Botschaft, die das Größte Heilige Blatt ihr mitgegeben hatte, meinte Mrs. Ransom-Kehler, jetzt werde ihr klar, dass es in der Tat eine Abschiedsbotschaft war, die darauf hindeutete, dass ihr leibliches Dasein sich schnell dem Ende neigte.“ 23
Einem weiteren Bericht entnehmen wir die lebendige Schilderung einer Gruppe von Keith Ransom-Kehlers Zuhörern:
„Viele Freunde, jung und alt, Kinder und Erwachsene, saßen auf zwei symmetrisch angeordneten Treppenaufgängen zu einer erhöhten, geräumigen Veranda an der Vorderseite eines typisch persischen Hauses im alten Stil, das einem der Freunde gehörte. Auf den Treppenstufen, auf der Veranda und in den dahinterliegenden Zimmern drängten sich die Freunde. Rings herum sah man bewegte Gesichter, die mit dem Ausdruck einer so reinen Bahá´í-Liebe und Herzensfreude ihre Schwester aus dem Westen anschauten, dass Mrs. Ransom-Kehler kaum die Tränen unterdrücken konnte, als sie sagte: „Nur die unbegrenzte Macht Bahá´u´lláhs ist imstande, solche Liebe und Einheit zu bewirken und diesen Austausch von Seele zu Seele zwischen dem Osten und dem Westen zu erzeugen.“ 24
Diese Gedenkveranstaltungen und die Besinnung auf das Leben des Größten Heiligen Blattes blieben nicht auf Nordamerika und Persien beschränkt, sondern prägten das Leben der gesamten Bahá´í-Weltgemeinde. So fanden zum Beispiel in Australien angemessene Abendveranstaltungen im Gedenken an das Hinscheiden Bahíyyih Khánums statt. Von dort wurde berichtet, dass „die Herzen tief bewegt waren, als man erkannte, welch eine Quelle des Trostes und der Kraft sie für alle im heiligen Haushalt und für den Hüter im besonderen war.“ Ein ähnlicher Bericht kam von den Bahá´í aus Neuseeland: „Auf die traurige Nachricht vom Hinscheiden des Größten Heiligen Blattes wurde eine Gedenkveranstaltung einberufen, bei der Auszüge aus den heiligen Schriften in Würdigung ihres wundervollen Lebens, des Opfers und des liebevollen Dienstes sowie Shoghi Effendis letzter Tribut verlesen wurden. Diejenigen unter den Anwesenden, die Haifa besuchen und ihr selbst begegnen durften, sprachen von dem liebevollen Empfang, den sie ihnen gab, und wie schon allein ihre Gegenwart und das Berühren ihrer Hand eine Wirkung ausübten, die als unvergesslicher Segen in der Erinnerung bleiben würde.“ 25

Der Schmerz der Gläubigen

Der Hüter beschreibt anschaulich den schweren Kummer der einzelnen Gläubigen in der Zeit nach dem Hinscheiden des Größten Heiligen Blattes. In einem seiner Briefe schreibt er:
„Die Gemeinde Bahás, ob im Osten oder im Westen der Welt, klagt wie eine Schar verlassener Waisenkinder. Im Fieber, in Jammer und Qualen bringen sie ihr Leid zum Ausdruck. Aus tiefstem, kummervollem Herzen steigt fortwährend ihr durchdringender Schrei zum Horizont Abhá auf: ’Wohin bist du gegangen, du Fackel zarter Liebe? Wohin bist du gegangen, du Quell der Gnade und des Erbarmens? Wohin bist du gegangen, du Zeichen der Güte und Großmut? Wohin bist du gegangen, du Morgendämmerung der Entsagung in dieser Welt des Seins? Wohin bist du gegangen, o Vermächtnis Bahás unter Seinem Volke, o letzte Spur, die Er Seinen Dienern hinterließ, o süßer Duft Seines Gewandes, ausgeströmt über alles Erschaffene!‘ “ 26
Aus den Briefen des Hüters geht klar hervor, dass viele Bahá´í, die Bahíyyih Khánum begegnen durften, bei ihrem Tode ein Gefühl tiefen persönlichen Verlustes erlebten. Für viele war es wie der Tod einer lieben persönlichen Freundin. Shoghi Effendi bezeugt: „Der Verlust des Größten Heiligen Blattes wird von allen Freunden, die die Freude und das Vorrecht hatten, ihr zu begegnen, mit tiefem Schmerz erlebt werden.“ In einem in seinem Auftrag geschriebenen Brief tröstet der Hüter einen der betroffenen Freunde wie folgt: „Sie sollten sehr glücklich sein, weil sie das Vorrecht hatten, ihr in dieser körperlichen Lebenssphäre zu begegnen, denn die Welt hat nur wenige Seelen gekannt, die so wie sie um Gottes willen so viel Leid ertrugen und trotzdem fröhlich blieben und den Menschen um sie herum Hoffnung und Ermutigung zusprachen.“ Einige Freunde drückten auch ihr Bedauern aus, dass sie keine Gelegenheit hatten, dem Größten Heiligen Blatt im irdischen Leben zu begegnen. Shoghi Effendi gab ihnen den Rat, „deswegen nicht deprimiert“ zu sein, und ermutigte sie mit der Versicherung, dass „diese geliebte Seele“ die Gläubigen „vom Himmel ihres Allmächtigen Vaters herab“ anleiten werde, der Sache zu dienen, die ihr so teuer war. 27
In dem Maße, wie die Tragweite des Hinscheidens des Größten Heiligen Blattes von den Gläubigen verstanden wurde und sie das ganze Ausmaß des Verlustes erkannten, den der Hüter erlitten hatte, fühlten sich viele Bahá´í getrieben, ihm ihr persönliches Beileid zu übermitteln. Shoghi Effendi bedankte sich persönlich für alle diese Botschaften des Mitgefühls von Freunden aus Ost und West. Diese Beileidsbriefe gaben ihm Trost und Ermutigung, wie in den folgenden Zeilen aus zwei seiner Briefe deutlich wird:
„Ihre so eindrucksvolle und bewegende Botschaft hat meine ermattete Seele sehr erleichtert. Ich danke ihnen aus tiefstem Herzen. Die im Namen ihrer Gemeinde ausgedrückten Empfindungen sind mir sehr teuer – einer Ortsgemeinde, deren Mitglieder durch ihren Dienst, ihre Hingabe und Treue so sehr zur Herzensfreude `Abdu´l-Bahás wie auch des Größten Heiligen Blattes beigetragen haben. ...“ 28
„Ich schätze die Äußerung ihres liebevollen Mitgefühls sehr hoch und bin durch die in ihrer Botschaft übermittelten Empfindungen sehr getröstet. Ich werde darum beten, dass ihnen einzeln wie als Gruppe geholfen wird, ihrem begeisternden Beispiel zu folgen, ihre Seele glücklich zu machen und die Reinheit ihres Lebens, die Größe ihrer Liebe und die Erhabenheit ihres Charakters im weiten Umkreis zu verkünden.“ 29
Shoghi Effendis Briefe machten den Gläubigen nicht nur die Stufe des Größten Heiligen Blattes besser bewusst, sondern waren auch ein wichtiges Werkzeug, um tiefe Empfindungen des Verlustes und der Sehnsucht auszudrücken. Darüber hinaus dienten sie dazu, die Bahá´í anzuspornen und zu aktivieren und ihre Aufmerksamkeit auf Anstrengungen zu lenken, die die Entwicklung des Glaubens fördern. Zum Beispiel lesen wir: „In diesem schmerzlichen Verlust richtet der Hüter Botschaften des Trostes an sie und alle Freunde. Er sagt, dass in dieser Zeit der Not alle das Haupt senken und ergeben sein müssen, und dass sie alle in treuem Dienst an Seinem Glauben aufstehen und sich nach diesem erhabensten, heiligsten und leuchtenden Beispiel [dem Größten Heiligen Blatt] richten müssen.“ In einem weiteren Brief schreibt der Sekretär des Hüters, Shoghi Effendi warte „begierig darauf, die Freunde wie eh und je in dem Wunsche entflammt zu sehen, einer Sache zu dienen, für die unser dahingeschiedenes Größtes Heiliges Blatt ihre ganze Existenz aufgegeben hat.“ 30
Das Hinscheiden des Größten Heiligen Blattes markiert den Abschluss des Heroischen Zeitalters des Glaubens, das mit der Amtszeit Bahá´u´lláhs und `Abdu´l-Bahás verbunden war. Bahíyyih Khánum war das letzte lebende Bindeglied zwischen den Gläubigen und diesem frühen, bewegten Kapitel der Bahá´í-Geschichte. Ihr einzigartiger Beitrag zum Glauben Bahá´u´lláhs erstreckte sich von ihrer Kindheit bis in ihre letzten Jahre. Sie wirkte mit, der Bahá´í-Gemeinde beim Übergang in das Gestaltende Zeitalter zu helfen, welches mit der Errichtung und Entwicklung der Bahá´í-administrativen Institutionen am Weltzentrum der Bahá´í-Religion und auf der ganzen Welt verbunden ist.

Die Ruhestätte des Größten Heiligen Blattes und die Entstehung der Institutionen am Weltzentrum des Glaubens

Shoghi Effendi macht auf die geistige Potenz der Ruhestätte des Größten Heiligen Blattes aufmerksam und stellt eine Beziehung zwischen ihrem Grab und dem Aufbau der Institutionen des Glaubens her.

Die Bedeutung von Bahíyyih Khánums Ruhestätte

Der Hüter bestimmte persönlich, dass ihr Grab in der Nachbarschaft zum Schrein des Báb auf dem Berg Karmel liegen sollte. Er unterstrich ebenso die geistige Bedeutung des Besuches ihrer Ruhestätte.
„Gesegnet, tausendmal gesegnet ist derjenige, der dich liebt,“ schreibt er im Hinblick auf das Größte Heilige Blatt, „der an deinem Glanze Anteil hat, das Loblied deiner Eigenschaften singt, deinen Wert verherrlicht und deinen Fußspuren folgt; der das Unrecht bezeugt, das du erleiden musstest, deine Ruhestätte besucht und am Tage und zur Nachtzeit dein erhabenstes Grab umschreitet.“ 31
Wie an früherer Stelle erwähnt, entwarf Shoghi Effendi das Monument, das den Ruheplatz seiner Großtante ziert. Sein Entwurf stellt eine symbolische Beziehung her zwischen der Struktur ihres Denkmals und dem dreistufigen Aufbau der Bahá´í-Gesellschaftsordnung. Ein in seinem Auftrag geschriebener Brief enthält folgende Beschreibung: „Die Stufen ihrer heiligen Ruhestätte repräsentieren die Örtlichen Geistigen Räte. ... Die Säulen, das heißt die Pfeiler, symbolisieren die Nationalen Geistigen Räte; die Kuppel hingegen, welche nach dem Aufstellen der Säulen errichtet wird, versinnbildlicht das Universale Haus der Gerechtigkeit, das im Einklang mit des Meisters Testament von den nachgeordneten Häusern der Gerechtigkeit, also den Nationalen Geistigen Räten in Ost und West zu wählen ist.“ So verkörpert die Symbolik des Monuments für das Größte Heilige Blatt die Vision von der Errichtung der Bahá´í-Gesellschaftsordnung in aller Welt, und er weist bereits auf die Wahl des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, dem obersten regierenden- und gesetzgebenden Organ der Bahá´í-Religion an deren Weltzentrum auf dem Berge Karmel hin. 32
In früheren Kapiteln wurde der Bau des Schreines des Báb auf dem Berg Karmel in Übereinstimmung mit Bahá´u´lláhs Plan erwähnt, und dass Bahá´u´lláh in Seinem Sendschreiben vom Karmel den Berg Karmel als Verwaltungssitz für die künftige Bahá´í-Weltgemeinde benennt. Die Bahá´í-Schriften sehen auch voraus, dass die Städte Haifa und ’Akká zu „einer einzigen großen Metropole“ vereinigt werden, die „den geistigen wie den Verwaltungssitz der künftigen Bahá´í-Weltgemeinde umschließen wird.“ 33
Die Bestattung des Größten Heiligen Blattes auf dem Berg Karmel im Jahr 1932 stellt ein „weiteres Zeugnis für die majestätische Entfaltung und fortschreitende Festigung des gewaltigen Werkes, das von Bahá´u´lláh auf diesem heiligen Berg begonnen wurde,“ dar. Die Lage ihres Ruheplatzes erhielt einige Jahre später eine nochmals größere Bedeutung für die Entfaltung der Bahá´í-Gemeindeordnung, als Shoghi Effendi entsprechend dem „Herzenswunsch des Größten Heiligen Blattes“ die Gebeine ihres jüngeren Bruders, der auch als der Reinste Zweig bekannt ist, sowie ihrer Mutter, der heiligen Navváb, als auch von `Abdu´l-Bahás Ehefrau an ihre endgültigen Ruhestätten auf den Berg Karmel überführte. Nach Shoghi Effendis Versicherung ist dieser Platz dazu bestimmt, Brennpunkt der administrativen Institutionen am Bahá´í-Weltzentrum zu sein. In einem seiner Briefe erklärt der Hüter:
„Ihre Ruheplätze befinden sich auf demselben Gelände, auf einer Erhebung nahe dem Platz, den die Himmlischen Heerscharen umschreiten, mit Blick zur Qibla * des Volkes Bahá – nach `Akká, der lichtstrahlenden Stadt, und zu dem geweihten, leuchtenden, Heiligsten Schrein.
Über solch hohe Ehre jubelt der Berg Gottes vor Freude, und um dieser größten Gnadengabe willen gerät der Berg des Herrn in Verzückung und Ekstase.“ 34
Über die geistige Bedeutung „der Vereinigung der Grabstätten des Größten Heiligen Blattes, ihres Bruders und ihrer Mutter“ sieht Shoghi Effendi voraus, dass diese Handlung
„... die geistigen Kräfte dieses geweihten Ortes unendlich verstärken wird, welcher, im Schatten des Grabmals des Báb und nahe dem künftig an seiner Seite zu errichtenden Mashriqul-Adhkár gelegen, dazu bestimmt ist, sich zum Brennpunkt jener welterschütternden, weltumspannenden, die Welt lenkenden administrativen Institutionen zu entwickeln, die von Bahá´u´lláh verordnet und von `Abdu´l-Bahá vorausgeschaut wurden und deren Arbeit im Einklang mit den Grundsätzen stehen wird, von denen die Zwillingsinstitutionen des Hütertums und des Universalen Hauses der Gerechtigkeit geleitet werden. Dann, und erst dann, wird sich die gewaltige Verheißung erfüllt haben, welche den Schluss des Tablets vom Karmel erleuchtet: ‚Bald wird Gott Seine Arche auf dich [Karmel] zusteuern und das Volk Bahás offenbaren, das im Buche der Namen erwähnt ist.‘ “ 35
In Gott geht vorüber, dem Geschichtswerk Shoghi Effendis über die ersten hundert Jahre der Bahá´í-Religion, beschreibt er die Bedeutung des Ruheplatzes des Größten Heiligen Blattes und seiner zentralen Lage für das Entstehen des Bahá´í-Weltzentrums:
„Die Lage dieser drei eng benachbarten Grabstätten – vom Grabmal des Báb über-schattet, im Herzen des Karmel, eingebettet in einen Garten von auserlesener Schönheit, vor ihnen, jenseits der Bucht von `Akká, die schneeweiße Stadt, die Qibla der Bahá´í-Welt – unterstreicht, wenn wir ihre Bedeutung richtig würdigen, die geistigen Kräfte, die von diesem Orte ausgehen, der von Bahá´u´lláh selbst der Thronsitz Gottes genannt wurde. Sie bedeutet auch einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zur Errichtung jenes ständigen administrativen Weltzentrums des zukünftigen Bahá´í-Gemeinwesens, das untrennbar vom geistigen Zentrum des Glaubens in seiner Nähe wirken wird, in einem Land, das schon von den Anhängern dreier bedeutender Weltreligionen verehrt und heiliggehalten wird.“ 36
Über die Art, wie die Institutionen, die auf dem Berg Karmel entstehen, ihren geistigen Einfluss auf die Triebkräfte der Geschichte ausüben werden, schreibt Shoghi Effendi:
„Jeder Versuch, auch nur in groben Umrissen den Ruhm zu enthüllen, der diese Institutionen umgeben muss, oder auch nur annähernd ihren Charakter oder ihre Arbeitsweise zu beschreiben oder, wie unvollkommen auch immer, den Gang der Ereignisse aufzuzeigen, die ihren Aufbau und ihre endgültige Einsetzung herbeiführen werden, übersteigt bei weitem meine Fähigkeiten und Möglichkeiten. Es genüge der Hinweis, dass in dieser turbulenten Phase der Weltgeschichte schon allein die Zusammenführung dieser drei unendlich kostbaren Seelen, die gleich hinter den drei Zentralgestalten unseres Glaubens im Range hoch über dem großen Heer der Helden, Buchstaben, Märtyrer, Hände, Lehrer und Verwalter der Sache Bahá´u´lláhs stehen, an einem mit solchem Machtpotenzial ausgestatteten geistigen und administrativen Zentrum Kräfte freisetzen wird, die in diesem heiligen Land, welches geographisch, geistig und administrativ das Herzland des gesamten Planeten darstellt, unausweichlich einmal die leuchtendsten Edelsteine jener Weltordnung hervortreten lassen, die sich jetzt im Schoße dieses in Wehen liegenden Zeitalters heranbildet.“ 37

Die Entstehung des Bahá´í-Weltzentrums

Den Anstoß zur Entwicklung des Bahá´í-Weltzentrums gaben Bahá´u´lláhs Anweisungen im Tablet vom Karmel. Dieses grundlegende Dokument bildet die Charta für die Entfaltung des Weltzentrums des Glaubens. Es begründet die Errichtung der obersten Institution, des Universalen Hauses der Gerechtigkeit und die Entstehung anderer Organe der Bahá´í-Gemeindeordnung.
Von Bahá´u´lláhs Worten im Tablet vom Karmel beseelt, begann Shoghi Effendi mit der Errichtung des administrativen Zentrums auf dem Berg Karmel. Noch zu seinen Lebzeiten vollendete er den Überbau zum Schrein des Báb und setzte Bauvorhaben in Gang, die in der Errichtung der Verwaltungssitze der Institutionen am Bahá´í-Weltzentrum gipfeln sollten. Das erste dieser monumentalen Gebäude war das Internationale Bahá´í-Archiv. In einem Brief an die Bahá´í in aller Welt verkündete der Hüter 1954: „Die Erstellung dieses Bauwerks wird den Auftakt bilden zur Errichtung weiterer Gebäude in nachfolgenden Epochen des Gestaltenden Zeitalters des Glaubens.“ „Diese Bauwerke,“ so erklärt er, „werden in einem weit gespannten Bogen und in einem harmonisierenden Baustil um die Ruheplätze des Größten Heiligen Blattes, die unter den Vertreterinnen ihres Geschlechts den höchsten Rang in der Bahá´í-Sendung einnimmt, sowie ihres Bruders, den Bahá´u´lláh als ein Lösegeld für die Wiederbelebung und Vereinigung der Welt hingab, und ihrer Mutter, die Er als Seine erwählte ’Gefährtin in allen Welten Gottes‘ rühmte, angeordnet sein.“ 38
Der Bau des Internationalen Bahá´í-Archivs wurde noch 1957 zu Shoghi Effendis Lebzeiten fertiggestellt; die Innenausstattung und Möblierung kam in der Zeit der sechsjährigen Amtsführung der Hände der Sache im Heiligen Land zum Abschluss.* Pilger, die Gelegenheit haben, das Internationale Bahá´í-Archiv zu besuchen, werden zweifellos davon beeindruckt sein, auf welch außergewöhnliche Weise das Größte Heilige Blatt zu der reichen Sammlung von Kunstgegenständen und Reliquien, die zu den Begründern des Glaubens in Beziehung stehen, beigetragen hat. Bahíyyih Khánum hatte ja die Obhut über die Bildnisse Bahá´u´lláhs und des Báb, und diese Bildnisse nehmen nun im Archivgebäude einen Ehrenplatz ein. Das Größte Heilige Blatt hatte auch Bahá´u´lláhs Blut aufbewahrt – Blut, das Ihm im Zuge einer im Osten üblichen Routineuntersuchung abgenommen wurde. Sie war es auch, die Haare, die sie einzeln aus ihres Vaters Kamm und Seiner Bürste gezogen hatte, zu Locken arrangierte. Außerdem ist eine ganze Nische Gegenständen gewidmet, die an Bahíyyih Khánum selbst erinnern. Dazu gehören Proben von ihrer Handschrift, ihr Bahá´í-Ring und persönliches Siegel, eine Locke ihres Haares und einige Kleidungsstücke wie Kopftücher, Kleider, ausgetretene Pantoffel und eine kleine Handtasche. Rúhíyyih Khánum, die die Sammlung ins Archiv eingeordnet hat, charakterisierte die mit dem Größten Heiligen Blatt verbundenen Stücke so: „Alle die rührenden kleinen Dinge, die jemand hinterlassen hat, der unendlich geliebt wurde, und die ein Gefühl der Nähe zu einer Persönlichkeit vermitteln, die der Nachahmung und all unserer Hingabe würdig ist.“ 39
Im Jahre 1972 ging das Universale Haus der Gerechtigkeit, das erstmals 1963 gewählt wurde, daran, Shoghi Effendis Vision von der Errichtung der Bauwerke längs einer bogenförmigen Anlage auf dem Berg Karmel in Angriff zu nehmen, die auf die Ruhestätte des Größten Heiligen Blattes, ihres Bruders und ihrer Mutter als Mittelpunkt ausgerichtet ist. Der erste Schritt in diesem Vorhaben musste die Errichtung des Sitzes des Universalen Hauses der Gerechtigkeit sein. Der Architekt Husayn Amánat wurde damit beauftragt, das neue Gebäude zu entwerfen. Es wird berichtet, dass er in seinem Entwurf die Kuppel des Sitzes in Anlehnung an die Kuppel des Monuments am Ruheplatz des Größten Heiligen Blattes gestaltete „wegen des bekannten Ausspruchs von Shoghi Effendi, in dem er einen Vergleich zwischen der Gemeindeordnung des Glaubens Bahá´u´lláhs und dem Denkmal des Größten Heiligen Blattes zog, bei dem die Kuppel das Universale Haus der Gerechtigkeit repräsentiere.“ 40
Der Bau des Sitzes des Universalen Hauses der Gerechtigkeit wurde 1982 fertiggestellt. Obwohl es noch nicht ganz bezugsfertig war, wurde das Gebäude am 17. Juli 1982 eingeweiht. Diese feierliche Einweihung fand als Seminar anlässlich des fünfzigsten Gedenktages zum Hinscheiden des Größten Heiligen Blattes statt, womit ein besonderer Bezug zwischen Bahíyyih Khánum und dem Universalen Haus der Gerechtigkeit hergestellt wurde.
Die förmliche Inbesitznahme seines Sitzes durch das Universale Haus der Gerechtigkeit im Februar 1983 wurde von diesem als ein „vielverheißendes Ereignis“ beschrieben, und dies kennzeichne „EINE WEITERE PHASE IN DEM PROZESS DES HINSTEUERNS VON GOTTES ARCHE AUF [DEN] BERG DES HERRN, WIE IM TABLET [VOM] KARMEL VORAUSGESCHAUT.“ 41
Schon bald nachdem das Universale Haus der Gerechtigkeit seinen ständigen Sitz auf dem Berg Karmel bezogen hatte, diente das Gebäude als Tagungsort für die Eröffnungssitzung der Fünften Internationalen Bahá´í-Tagung. Am Freitag, dem 29. April 1983, fand die alle fünf Jahre stattfindende Wahl zum Haus der Gerechtigkeit in der Empfangshalle seines Amtssitzes statt. Es wird berichtet, dass die Halle mit den 590 Abgeordneten von 119 Nationalen Geistigen Räten „voll besetzt“ war. Das Ereignis wurde geehrt durch die Anwesenheit von acht Händen der Sache, der Mitglieder des Universalen Hauses der Gerechtigkeit sowie siebenundfünfzig Kontinentalen Beratern zusätzlich zu den vier Beratern, die dem Internationalen Lehrzentrum angehörten. 42

Der Bogen und die Terrassen auf dem Karmel

Zu `Abdu´l-Bahás vorausschauenden Plänen für die Ausgestaltung des Berges Karmel gehörte auch die Erstellung von neunzehn groß angelegten Terrassen, die von der ehemaligen deutschen Templer-Kolonie, also vom Fuß des Berges bis zum Gipfel führen sollten.* Im Jahre 1986 fiel die Entscheidung des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, die Terrassen am Schrein des Báb und die weiteren, von Shoghi Effendi vorgesehenen Gebäude auf dem Bogen am Berg Karmel in Angriff zu nehmen. Mit Interesse kann festgehalten werden, dass das Größte Heilige Blatt an den frühen Stadien der Entfaltung von `Abdu´l-Bahás großartigem Entwurf zur Verschönerung dieses heiligen Geländes regen Anteil nahm.
In einem Brief berichtet das Größte Heilige Blatt, dass es nach Fertigstellung des Unterbaues zum Schrein des Báb `Abdu´l-Bahás Wunsch und Absicht war, „einen neuen Weg zu erschließen, der direkt vom Schrein zur deutschen Allee führen soll.“ Einer Verwirklichung standen allerdings viele Hindernisse entgegen. Zum Beispiel war `Abdu´l-Bahá jahrelang außerstande, das benötigte Gelände zu erwerben. In der Zeit des britischen Mandats konnte das Land endlich gekauft werden. Der Stadtbaurat machte einen Entwurf für den Aufgang zum Schrein und gab Anweisung, den Weg anzulegen. Bahíyyih Khánum berichtet: „Dieser Entwurf erhielt die gesegnete Aufmerksamkeit `Abdu´l-Bahás, der ihn gnädiglich guthieß und dem Stadtbaurat Seine Befriedigung und Wertschätzung ausdrückte. Später wurde mit Hilfe göttlicher Bestätigung genug Land aus dem verbleibenden Gelände gekauft, durch das der Weg führte.“ 43
Das Größte Heilige Blatt war aber an dem Projekt nicht nur höchst interessiert, sondern sie leistete auch einen finanziellen Beitrag zu seiner Vollendung. Rúhíyyih Khánum erzählt eine Geschichte, die der Hüter ihr einst anvertraute. Sie schreibt: „Als er darauf bestand, dass sie [Bahíyyih Khánum] eine kleine Geldsumme als Erbschaft von `Abdu´l-Bahá annehmen solle, spendete sie den maßgeblichen Teil davon, um in Erfüllung des lang gehegten Planes ihres Bruders die Kosten für den Bau der nächsten Terrasse vor dem Schrein des Báb zu decken.“ 44
Shoghi Effendi legte in einer vorläufigen Form die neun Terrassen an, die vom Fuß des Berges zum Schrein des Báb hinaufführten. In späterer Zeit beauftragte das Universale Haus der Gerechtigkeit den Architekten Mr. Faríburz Sahbá mit dem vollständigen Ausbau der Terrassen oberhalb und unterhalb des Schreins und mit der Bauleitung für die verbleibenden Gebäude auf dem Bogen.
Zu dem Vorhaben des Universalen Hauses der Gerechtigkeit gehörte die Errichtung des Sitzes des Internationalen Lehrzentrums und des Zentrums zum Studium der Heiligen Texte sowie ein Erweiterungsbau zum Internationalen Bahá´í-Archiv. Der Bau der Internationalen Bahá´í-Bibliothek wurde auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Alle diese Gebäude, die Husayn Amánat, der Architekt des Sitzes des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, entworfen hat, sind auf die Ruhestätten des Größten Heiligen Blattes, ihres Bruders und ihrer Mutter als Mittelpunkt ausgerichtet.
Dieses umfangreiche Bauprojekt wurde im Jahre 2001 abgeschlossen. Im Januar 2001 bezog das Internationale Lehrzentrum seinen endgültigen Sitz, und im Mai des gleichen Jahres fand die offizielle Eröffnung der Terrassen am Schrein des Báb statt. In seiner Botschaft an die zu den Feierlichkeiten zum Abschluss der Bauvorhaben auf dem Karmel versammelten Bahá´í würdigte das Universale Haus der Gerechtigkeit die Bedeutung dieses Augenblicks in folgenden Worten:
„Die majestätischen Gebäude, die jetzt entlang des Bogens stehen, den Shoghi Effendi für sie am Hang des Berges Gottes vorgezeichnet hatte, bilden zusammen mit der prachtvollen Flucht der Gartenterrassen, die den Schrein des Báb einfassen, eine äußere Darstellung der überwältigenden Kraft der Sache, der wir dienen. Sie sind ein bleibendes Zeugnis dafür, dass die Anhänger Bahá´u´lláhs mit Erfolg die Fundamente einer weltweiten Gemeinde gelegt haben und allen Zwist überwinden, der die Menschheit spaltet, und dass sie die wichtigsten Institutionen einer einzigartigen, unangreifbaren Gemeindeordnung geschaffen haben, die das Leben dieser Gemeinde bestimmt. In der Umgestaltung, die der Karmel erlebt hat, zeichnet sich die Bahá´í-Sache auf der globalen Bühne als sichtbare, zwingende Realität ab, als Brennpunkt der Kräfte, die zu der von Gott bestimmten Stunde den Wiederaufbau der Gesellschaft bewirken werden, und als eine mystische Quelle für die geistige Erneuerung aller, die sich ihr zuwenden.“ 45
Könnten nicht die hier vom Universalen Haus der Gerechtigkeit angesprochenen Erfolge als die ersten Früchte eines Prozesses angesehen werden, von dem Shoghi Effendi 1939 sprach und der in innigster Beziehung zum Größten Heiligen Blatt steht? Er schrieb damals: „Die Überführung der geheiligten Gebeine des Bruders und der Mutter unseres Herrn und Meisters `Abdu´l-Bahá zum Berg Karmel und ihre endgültige Bestattung in dem geweihten Bezirk des Schreines des Báb und in nächster Nähe zum Ruheplatz des Größten Heiligen Blattes wecken nicht nur historische Assoziationen und zärtliche Gefühle. Es sind auch Ereignisse von so grundlegender institutioneller Bedeutung, dass nur künftige Vorgänge, die unaufhaltsam und unergründlich am Weltzentrum unseres Glaubens eintreten werden, es hinreichend offenbaren können.“ 46
Damit hat sich erwiesen, dass Bahíyyih Khánum, wie in ihrem Leben, so auch weiterhin nach ihrem Tode einen Einfluss auf die Entfaltung der Bahá´í-Sache ausübt. Die mit ihrem Ruheplatz verbundenen geistigen Wirkkräfte beeinflussen auf mystische Weise das langsame Reifen der Institutionen am Weltzentrum des Bahá´í-Glaubens.



Kapitel 8: Urbild des Volkes von Bahá

In den vorausgegangenen Kapiteln haben wir Bahíyyih Khánums Beitrag zu der Entwicklung der Geschichte der Bahá´í-Religion untersucht. Im abschließenden Kapitel wollen wir die Bedeutung ihres bleibenden Vermächtnisses als „Urbild des Volkes von Bahᓠerhellen.1 Die Bezeichnung „Volk von Bahᓠbezieht sich auf die Männer und Frauen, die sich mit den geistigen Werten und Lehren des Bahá´í-Glaubens identifiziert haben.

Vorbild für beide Geschlechter

In den meisten Religionen wurde eine archetypische Frauengestalt herausgestellt, die das weibliche Ideal der Religion verkörpert und die Frauen inspirieren und motivieren soll. Wenn aber demgegenüber Bahíyyih Khánum als ein „Archetyp“ oder „Urbild“ bezeichnet wird, so entspricht das keinem der traditionellen Identifikationsmuster. Das Größte Heilige Blatt ist weder der Typus „Mutter Erde“ noch die typische mythische Heldin und Märtyrerin, und sie ist auch kein Vorbild ausschließlich für Frauen. Ihre Bestimmung als das „Urbild des Volkes von Bahᓠlässt eine solche mögliche Einschränkung gar nicht zu. Das bedeutet, dass ihre Eigenschaften und das Beispiel ihres Lebens für Männer ebenso richtungsweisend sind wie für Frauen. Darin zeigt sich etwas Neues gegenüber anderen Religionen, in denen die weibliche Identifikationsfigur lediglich als Verkörperung des Frauenideals der betreffenden Religion gilt, womit in der Regel einschränkend die weiblichen Eigenschaften Reinheit und Mutterschaft gemeint sind. 2
Bahíyyih Khánums Wesenszüge sind als solche gleichermaßen bedeutungsvoll für Frauen wie für Männer, daher können sich beide Geschlechter vom Beispiel ihres Lebens inspirieren lassen und ihr eigenes Verhalten am Vorbild ihrer Eigenschaften orientieren. Eine nähere Betrachtung ihrer Wesenszüge wird dazu führen, jene Merkmale zu überdenken, die herkömmlich mit Männlichkeit und Weiblichkeit verbunden werden, und auch zu einer Neuformulierung eines für heutige Tage angemessenen Konzeptes von „Heldentum.“
Wenn wir die Merkmale, die mit Männlichkeit beziehungsweise mit Weiblichkeit verbunden sind, neu überdenken wollen, können wir nicht außer Acht lassen, dass der Hüter einige der Eigenschaften, die das Größte Heilige Blatt vorgelebt hat, den Eigenschaften gleichstellt, die im Leben der Manifestationen Gottes zum Ausdruck kamen. So spricht Shoghi Effendi Bahíyyih Khánum in einer Textstelle wie folgt an: „In all deinen Tagen, von den frühesten Jahren bis zum Ende deines Lebens, hast du die Attribute deines Vaters, des Unvergleichlichen, des Mächtigen, verkörpert. Du warst die Frucht Seines Baumes, du warst die Lampe Seiner Liebe, du warst das Sinnbild Seiner Ausgeglichenheit und Sanftmut, die Heerstraße Seiner Führung, der Kanal Seiner Segnungen, der süße Duft Seines Gewandes, die Zuflucht Seiner Geliebten und Seiner Mägde, der Schutzmantel Seiner Großmut und Gnade.“ 3
„Ausgeglichenheit“ und „Sanftmut“ werden in stereotyper Weise eher den Frauen zugeordnet, aber Shoghi Effendi verschiebt hier das Gleichgewicht. Er dehnt die Anwendung dieser Begriffe auf Frauen und Männer gleichermaßen aus, indem er beide Eigenschaften als Merkmale Bahá´u´lláhs aufführt. In einem weiteren Zitat aus einem Brief, den der Hüter in der Zeit von Bahíyyih Khánums Hinscheiden schrieb, vergleicht er ihre Eigenschaften nicht nur mit denen Bahá´u´lláhs, sondern auch des Báb und `Abdu´l-Bahás. Insbesondere ordnet er die „Entsagung und Ausgeglichenheit“ des Größten Heiligen Blattes der „ruhigen, heroischen Tapferkeit des Báb“ zu. Er sagt, dass ihre „natürliche Liebe zu Blumen und Kindern“ auch „für Bahá´u´lláh so charakteristisch“ war, und dass sie mit `Abdu´l-Bahá „eine Großherzigkeit und Liebe“ teilte, die „zugleich uneigennützig und ohne Ansehen der Person“ waren. Im gleichen Absatz listet Shoghi Effendi folgende „herausragenden Eigenschaften“ auf, die sie als „eine Tochter“ ausweisen, die „des unschätzbaren Erbes würdig“ ist, das „ihr von Bahá´u´lláh hinterlassen“ wurde, und die sie außerhalb der Reihe vieler Helden der Vergangenheit stellen:
„Eine Reinheit der Lebensführung, die sich bis ins Kleinste in ihren täglichen Beschäftigungen und Verrichtungen spiegelte; eine Herzensgüte, die jede Unterscheidung nach Religion, Klasse oder Hautfarbe vergessen ließ; eine Entsagung und Ausgeglichenheit, die die ruhige, heroische Tapferkeit des Báb ins Gedächtnis rief; eine natürliche Liebe zu Blumen und Kindern, wie sie für Bahá´u´lláh so charakteristisch war; eine ungekünstelte Einfachheit der Umgangsformen; eine ausgeprägte Geselligkeit, die sie für alle ansprechbar machte; eine Großherzigkeit und Liebe – zugleich uneigennützig und ohne Ansehen der Person –, die so deutlich `Abdu´l-Bahás Charaktereigenschaften spiegelte; ein liebenswürdiges Wesen; eine Fröhlichkeit, die von keinem Leid getrübt werden konnte; eine ruhige, bescheidene Art, die dazu beitrug, die Würde ihres hohen Ranges noch tausendfach zu erhöhen; eine Bereitschaft zu verzeihen, die den unversöhnlichsten Gegner augenblicklich entwaffnete – diese gehören zu den herausragenden Eigenschaften eines heiligen Lebens, dem die Geschichte eine himmlische Kraft zuerkennen wird, wie sie nur wenige Helden oder Heldinnen der Vergangenheit aufzuweisen haben.“ 4
Aus derartigen Beschreibungen ihrer Eigenschaften wird klar, dass Bahíyyih Khánum eine starke, einfühlsame, vielschichtige Persönlichkeit war. Sie lässt sich nicht leicht einer vorgefassten Kategorie zuordnen, aber sie ist auch keineswegs „überirdisch“. Ihr Leben war eine vollendete Mischung aus Loslösung und Engagement. Ihr Halt war ihr tiefes Verständnis für die Bahá´í-Lehren, zusammen mit ihrem klaren Bewusstsein von der Bedeutung all der Herausforderungen, denen sie begegnete, und ihrem unerschütterlichen Vertrauen in Gottes höchste Gnade und Barmherzigkeit. Sie hatte einen Scharfblick, der sie in ihren Handlungsentscheidungen leitete und ihr in Zeiten der Prüfung Mut und Elastizität verlieh. Durch ihre Eigenschaften ebenso wie durch ihre Handlungen bildet das Größte Heilige Blatt für Frauen und Männer gleichermaßen das vollendete Modell eines Menschen, der im Angesicht scheinbar überwältigender Schwierigkeiten Flexibilität und Zähigkeit beweist und auf diese Weise nie den Boden der Wirklichkeit verliert.
Dieses abschließende Kapitel richtet den Blick auf eine Reihe von Bahíyyi Khánums überragenden Qualitäten, wie zum Beispiel ihre der jeweiligen Situation angepasste Tatkraft und Ausdauer bei Schwierigkeiten und Leid, ihre Verantwortungsfreudigkeit, ihr Führungsstil und ihr Umgang mit Wandel. Wir wollen dabei die Verbindung zwischen den Idealen und Werten, die sie verkörperte, und den drängenden Problemen der heutigen Gesellschaft aufzeigen und so die Bedeutung des von ihr vorgelebten Beispiels für alle, die sich in den gesellschaftlichen Entwicklungsprozess einreihen wollen, beleuchten.

Durchhaltekraft und Flexibilität* in einer Welt voller Schwierigkeiten

Die Welt befindet sich offensichtlich in einer tiefen geistigen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise – und diese Krise beruht großenteils auf einem Mangel an effizienter Führungskunst. Das Ausmaß menschlichen Leidens und der Not, ungemilderter Belastung und Ungewissheit nimmt täglich zu, und die Bedrohungen durch Krieg, Terrorismus, Armut und Unterdrückung rücken immer näher. Das Überleben und das persönliche Wohlergehen hängen nicht nur von einem Verständnis für den Sinn des Leidens ab, sondern auch von der Wahrnehmung konstruktiver Vorbilder, die die Fähigkeit haben, trotz scheinbar unüberwindlicher Schwierigkeiten sich vom Unglück zu erholen und sich der veränderten Lage anzupassen.
Unter solchen Umständen ist es nur natürlich, dass, wer nach Führung sucht, sich an die Religion wendet. Man darf eigentlich erwarten, dass die Religion, der traditionelle Hort für Wertmaßstäbe und Sinnfindung, all denen Erleuchtung bringt, die den Grund ihres Leidens verstehen möchten und um eine Entscheidung ringen, wie sie in Zeiten der Not und der Ungewissheit ihr Leben steuern sollen.
Die Religionen in der heutigen Welt können jedoch dieser Herausforderung meist nicht mehr in einer Weise gerecht werden, die den modernen Menschen befriedigt. Die einen lasten das Leid der sündigen Natur des Menschen an, aufgrund der Ursünde eines Vorfahren, der schon seit dem Altertum zur mythischen Figur geworden ist. Andere suchen Trost zu spenden, indem sie sich völlig auf die schöne Welt nach dem Tod konzentrieren und damit jeden Versuch unterbinden, die Lebensverhältnisse in dieser Welt zu verbessern. Wieder andere wollen die Frage mit der Behauptung umgehen, dass alles Leiden sich im Geist abspiele und durch angemessene geistige Disziplin zu vermeiden sei. In manchen Regionen der Erde preist die vorherrschende religiöse Meinung den Rückzug von der schnöden Welt als Allheilmittel an. Dieser Ansatz verficht ein Gegenmittel, das Isolation, Distanz vom gesellschaftlichen Umgang und die Unterdrückung des Gefühlslebens zur Folge hat.
Die Bahá´í betrachten Leid als wesentlichen, unausweichlichen Teil des Lebens, jedoch nicht als Selbstzweck. `Abdu´l-Bahá erklärt: „Wenn du dich scharfsichtigen Auges umschaust, merkst du, dass in dieser Welt des Staubes alle Menschen leiden.“ Ja, Er unterstreicht die Verbindung zwischen Leiden und persönlichem und geistigem Wachstum:
„Geist und Seele des Menschen machen Fortschritte, wenn er durch Leiden geprüft wird. Je mehr der Boden gepflügt wird, desto besser wächst der Same und desto besser wird die Ernte sein. Wie der Pflug tief in die Erde eindringt und sie von Unkraut und Disteln reinigt, so befreien Leiden und Not den Menschen von den kleinlichen Belangen dieses weltlichen Lebens, bis er einen Zustand der völligen Loslösung erreicht. Seine Haltung in dieser Welt wird göttliche Glückseligkeit sein. Der Mensch ist sozusagen unreif; die Hitze, die vom Feuer der Leiden ausgeht, wird ihn reifen lassen. Schaut zurück in vergangene Zeiten, und ihr werdet entdecken, dass die größten Menschen am meisten gelitten haben.“ 5
Hier muss man wissen, dass der von `Abdu´l-Bahá angesprochene „Zustand der vollständigen Loslösung“ nichts mit einer masochistischen oder passiven Hinnahme des eigenen Schicksals zu tun hat. Im Gegenteil – der Bahá´í-Glaube ist von jeder Form von Asketentum oder Puritanismus meilenweit entfernt. Shoghi Effendi erklärt, dass die Bahá´í-Lehren „keinesfalls irgend jemand das einwandfreie Recht oder Vorrecht zu verweigern“ suchen, „den vollen Vorteil und Nutzen aus den vielfältigen Freuden, Schönheiten und Annehmlichkeiten zu ziehen, mit denen die Welt durch einen allliebenden Schöpfer so reich ausgestattet wurde.“ 6
Bahá´u´lláh fordert vom Einzelnen eine aktive Haltung im Umgang mit Prüfungen und Schwierigkeiten. Er bezeugt, dass „Kümmernisse“ dazu führen, nach geistigem Sinn zu suchen und ermutigt zu einer konstruktiven Antwort. Er gibt den folgenden Rat:
„Sprich: Leid ist ein Horizont für Meine Offenbarung. Die Sonne der Gnade strahlt hoch darüber und verströmt ein Licht, das weder die Wolken eitlen Menschenwahns noch der leere Trug des Angreifers verdunkeln können.
Folge du den Fußspuren deines Herrn, ... unbeirrt vom Lärm der Achtlosen oder vom Schwert des Feindes. ... Verbreite weithin die Düfte deines Herrn und zaudere nicht, und wäre es weniger als ein Augenblick, im Dienste Seiner Sache. Es naht der Tag, da der Sieg deines Herrn, des Immervergebenden, des Großmütigsten, kund sein wird.“ 7
Die Allgegenwart von Not und Leid in der menschlichen Existenz und die Belastungen unseres heutigen Lebens haben die Suche nach einem Zugang zu neuen, kreativen Möglichkeiten, dem Leid zu begegnen, stark intensiviert. Der Bedarf an solchen Möglichkeiten treibt die Sozialwissenschaftler und andere Forscher weiter an, die zu ergründen suchen, warum, zum Beispiel, manche Menschen schwerstes Leid ertragen, ohne zu wanken. Ein erneuertes Forschungsinteresse gilt dem Thema ausdauernder, tatkräftiger Anpassungsfähigkeit – warum manche Menschen befähigt sind, sich den Bedrängnissen des Lebens zu stellen, sie zu überwinden, durch sie sogar gestärkt zu werden und Veränderung anzunehmen. Insbesondere wollen diese Studien die Eigenschaften solch anpassungs- und widerstandsfähiger Personen ausfindig machen, um vielleicht Wege zu finden, wie man dem Einzelnen und auch Organisationen helfen kann, die Anforderungen des Lebens besser zu bestehen.



Die Dynamik des Anpassungsvermögens und der Flexibilität

Diese Studien zeigen, dass zähe, anpassungsfähige Menschen – die mit Bedrängnissen fertig werden und sich von Belastungen rasch und nachhaltig befreien können – sich durch drei Merkmale auszeichnen: Das Akzeptieren der Realität, einen starken Glauben an den Sinn des Lebens und die Fähigkeit, kreative Lösungen für scheinbar unlösbare Probleme zu finden.
Im Hinblick auf das erste Merkmal, das Akzeptieren der Realität, zeigt sich folgender interessante Punkt: Entgegen der häufigen Annahme, dass die Fähigkeit, sich der Situation anzupassen und durchzuhalten in einer optimistischen Natur begründet sei, warnen heutige Wissenschaftler vor der Gefahr eines unrealistischen Optimismus; dieser könne nicht nur zu Selbstbetrug, Vermeidungsverhalten, Passivität und Tatenlosigkeit führen, sondern tatsächlich eine nüchterne Einschätzung der Situation verhindern, die fürs Überleben und für die Planung konstruktiven Handelns unentbehrlich ist. Demgegenüber hilft ein realistischer Optimismus dem Einzelnen nicht nur, die Zwänge einer gegebenen Situation zu verstehen, sondern lässt uns auch künftige Herausforderungen im voraus erkennen, so dass wir uns auf sie vorbereiten können. Er motiviert uns unsere eigenen Kräfte anzuspannen und die vorliegende Arbeit aktiv anzugehen; außerdem trägt er zu dem Gefühl bei, dem eigenen Schicksal gewachsen zu sein und die Kontrolle darüber zu haben.8
Das zweite Merkmal widerstands- und wandlungsfähiger Menschen ist ihre Überzeugung, dass das Leben einen Sinn hat – ein Glaube, der oft durch tief verwurzelte geistige Werte gefestigt ist. Solch starke Werte geben der Umwelt einen Sinn, denn sie zeigen, wie man die Geschehnisse interpretieren und gestalten kann. Anstatt sich als Opfer zu betrachten, haben diese „unverwüstlichen“ und unerschütterlichen Menschen die Fähigkeit, auch im größten Leid einen Sinn zu sehen.
Viktor Frankl, Überlebender von Auschwitz und Begründer der Logotherapie, einer psychotherapeutischen Methode, die dem Einzelnen helfen will, im Leben Ziel und Zweck zu finden und Verantwortung für seine Lebensentscheidungen zu übernehmen, betonte, dass ein Mensch tatsächlich dem Leben auch dann Sinn abgewinnen kann, wenn er in einer hoffnungslosen Situation ist und sich einem unabwendbaren Schicksal gegenüber sieht. Frankl lehrt, dass der Lebenssinn aus der Art erwächst, wie eine Person mit dem Leben und mit den Situationen und Anforderungen umgeht, mit denen das Leben sie konfrontiert. Die Einzelnen können zwar nicht immer die Bedingungen kontrollieren, unter denen sie leben müssen, aber sie haben es bis zu einem gewissen Grade in der Hand, wie sie damit umgehen. 9
Die Wissenschaft versichert, dass dieses Anpassungs- und Durchhaltevermögen entscheidend davon abhängt, ob man in seiner Umwelt einen Sinn erkennt, und dass die „Dynamik der Sinnfindung“ solch starken, flexibel reagierenden Menschen hilft, aus der gegenwärtigen Notlage heraus Brücken zu bauen in eine reichere, bessere Zukunft. Solche Brücken führen zu einer klaren Sicht und ermöglichen es, Erfahrungen in neuem Licht zu interpretieren, welches dazu verhilft, die Gegenwart zu gestalten und von dem Eindruck loszukommen, eine augenblickliche Situation sei unbezwingbar und sinnlos. 10
Ein drittes Merkmal, das mit dieser Anpassungsfähigkeit, dieser Kraft sich abzufedern verbunden wird, ist die Fähigkeit, sich mit dem Vorhandenen zu begnügen, eine Problemlösung zu improvisieren, Handlungsmöglichkeiten auszumachen, auch wenn offensichtlich keine Mittel zur Verfügung stehen. Psychologen haben eine Beziehung zwischen positiven Gefühlen und situationsangemessenem Verhalten entdeckt; sie nehmen zum Beispiel an, dass positive Gefühle nicht nur die Kreativität erhöhen und das Spektrum der Lösungsmöglichkeiten erweitern, sondern auch zu einer positiven Erwartungshaltung und zu Hoffnung und Vertrauen in die Welt verhelfen. 11
Manche Menschen besitzen diese Zähigkeit und Flexibilität von Geburt an, aber neuere Forschungen zeigen, dass sie auch erlernbar ist. Einer der Wege zu diesem Ziel ist es, das Leben solch unverwüstlich-anpassungsfähiger Personen zu studieren, um daraus Inspiration und praktische Anregungen und Hinweise zu gewinnen, wie man mit Krisensituationen und Bedrängnis fertig werden kann. Mit diesem Ziel im Auge wollen wir Bahíyyih Khánum, das „Urbild des Volkes von Bahá“, als Beispiel vorstellen. 12

Das Größte Heilige Blatt – Urbild der Flexibilität und Durchhaltekraft

Das Größte Heilige Blatt war – mit den Worten Shoghi Effendis – „einer der am meisten heimgesuchten Menschen, die die Welt je gesehen hat,“ und sie trug diese schmerzlichen Erfahrungen mit einer Tapferkeit, die aus ihrem Vertrauen „in Gottes Gnade“ gespeist wurde. Der Hüter hat die Heimsuchungen, die Bahíyyih Khánum ertragen musste, mit den Leiden verglichen, welche die Zentralgestalten des Bahá´í-Glaubens* erduldeten. Er schreibt, dass bei ihrem Hinscheiden der „Herold des Himmels“ mit lauter Stimme ausrief: „O Erhabenstes Blatt! Du bist die Eine, die seit frühester Kindheit und dein ganzes Leben hindurch auf Gottes Wegen in Geduld ausgeharrt und ertragen hast, was kein anderer ertrug außer Gott allein in Seinem eigenen Selbst, dem Höchsten Herrscher über alles Erschaffene, und vor Ihm Sein edler Vorläufer, und nach Ihm Sein heiliger Zweig, der Eine, der Unzugängliche, der Höchste.“ Er bezeugt das Ausmaß ihrer Leiden: „Die Leiden, die sie auf dem Pfade Gottes ertrug, waren die grausamsten; die Anfechtungen, von denen sie befallen wurde, waren die furchtbarsten. Sie trug das reiche Kleid des Heldenmutes, das Prachtgewand der Heiterkeit und ruhigen Kraft, die Kleinodien der Tugend und der Loslösung, der Reinheit und Keuschheit, und der strahlend helle Schmuck ihrer Schönheit war ihre Zärtlichkeit, ihre Fürsorglichkeit und ihre Liebe zur Menschheit.“ 13
Die Leiden des Größten Heiligen Blattes waren nicht nur heftig – sie dauerten auch während ihres ganzen Lebens an. Der Hüter bekräftigt:
„Alle Tage ihres unschätzbaren Lebens verbrachte sie in Verbannung und Gefangenschaft, und jede ihrer kostbaren Stunden war angefüllt mit Prüfungen, Anfechtungen und Schrecknissen, die sie von unbarmherzigen Feinden erdulden musste. Seit früher Kindheit trug sie ihr Teil an den Leiden Bahá´u´lláhs. So wie Er war sie Not und Bedrängnis ausgesetzt, und ebenso war sie die Leidensgefährtin `Abdu´l-Bahás.
„Nie verbrachte sie eine Nacht unbeschwerten Schlafes, an keinem Tag war ihr Ruhe gegönnt, und immer umkreiste ihre einnehmende Persönlichkeit wie ein Nachtfalter die helle Kerze des Glaubens. Die Worte, die sie sprach, galten immer dem Lobpreis der Schönheit Abhá, ihr einziger Gedanke, ihr hohes Ziel waren die Verkündigung der Sache Gottes und der Schutz Seines Gesetzes, und der teuerste Wunsch ihres glühenden Herzens war es, den süßen Duft ihres Herrn weit und breit zu verströmen.“ 14
Danach weist der Hüter auf die Bedeutung ihrer Taten hin: „Ihr himmlisches Betragen war ein Modell für das Volk von Bahá. Die Bewohner der Heiligtümer der Ergebung und die Einwohner des Paradieses Abhá fanden in den himmlischen Eigenschaften, die sie besaß, Vorbild und Führung.“ 15
In der westlichen Welt neigt man dazu, Leiden und Martyrium mit Niederlage und Versagen gleichzusetzen. Als Alternative schlägt der Psychiater Abdu´l-Missagh Ghadirian vor, sie als „Sieg der Seele“ anzusehen. Er weist auf die Tatsache hin, dass der Gottesglaube einer Person kein statischer Geisteszustand, sondern eine dynamische Kraft ist. Er erklärt: „In dem Maße, wie der Glaube wächst, wächst auch die Fähigkeit, Prüfungen und Heimsuchungen zu erdulden, die die Aufrichtigkeit und die Liebe zur göttlichen Realität auf die Probe stellen.“ 16
Die Reaktion des Größten Heiligen Blattes auf Prüfungen und Leiden verdient eine genaue Untersuchung. Dass sie Schmerz und Trübsale auf sich nahm, darf nicht mit Masochismus oder Fanatismus verwechselt werden. Sie suchte in Schmerzen und Qualen keine persönliche Genugtuung, und sie wurde auch nicht durch blinden religiösen Eifer oder durch Vorurteile geleitet. Von Kind an begriff sie die Natur der Gefahren, denen die Mitglieder der jungen Bahá´í-Gemeinde ausgesetzt waren. Ihr Verständnis für den Zweck jener Ereignisse, die ihr Leben aufzehrten, befähigte das Größte Heilige Blatt, ihre Handlungsweise selbst zu bestimmen. Sie war ein Beispiel für realistischen Optimismus, sie entschied sich, auf dem Pfade einer neuen geistigen Wahrheit zu wandeln, und nahm die Widrigkeiten hin, die das mit sich brachte.
Es wird deutlich, dass Bahíyyih Khánum unter den Widrigkeiten, die sie erlebte, sehr stark litt und dass sie in ihr tiefe Gefühle erweckten. Sie ließ sich jedoch von diesen Gefühlen nicht einfach beherrschen, sondern konnte sich über sie erheben. Der Hüter bekräftigt: „Mehr als achtzig Jahre lang trug dieses Erhabene Blatt mit einer Tapferkeit, die jeden verblüffte, der ihre Bekanntschaft machen durfte, Leid und Drangsal, wie sie nur wenige unserer heutigen Gläubigen erfahren haben. Und doch – welche Freude und welch heiligmäßige Haltung offenbarte sie ihr Leben lang! Mitten in Leiden und Schmerzen war ihr engelgleiches Angesicht so ruhig, so heiter. Das heißt nicht, dass ihr Herzensgüte und Mitgefühl abgingen.“ 17
Die Heiterkeit und Tapferkeit des Größten Heiligen Blattes entsprangen ihrer auf den Schriften der Bahá´í-Religion beruhenden festen Überzeugung, dass das Leben – und eben auch das Leid – einen Sinn haben, aber ebenso waren sie in ihrer tief wurzelnden Zuversicht und ihrem Vertrauen in die grundlegende, unwandelbare Gnade und Barmherzigkeit Gottes begründet. Indem sie trotz der Verfolgungen an ihrem religiösen Glauben festhielt, konnte sie geistige Werte leben. So bezeugt der Hüter auch Folgendes: „Kein noch so schmerzlicher Schicksalsschlag war imstande, den hellen Schein ihres heiligen Angesichts zu verdunkeln, und keine Erschütterung, wie heftig auch immer, konnte die Gefasstheit ihres anmutigen und würdigen Verhaltens beeinträchtigen.“ Bahíyyih Khánums Vertrauen in die Macht göttlichen Beistands und in die Gewissheit, dass Gottes Wille letzten Endes siegen muss, verlieh ihr wahre Geduld und die Kraft zum Ausharren. Bis ans Ende ihrer Tage gab die Klarheit ihres Weitblicks dem Leben Bedeutung und war sie der Grundstein ihrer realistischen, zuversichtlichen Hoffnung auf die Zukunft. Dieser gleiche Scharfblick übertrug sich durch das Beispiel ihres Lebens auf andere und entflammte die Bahá´í-Gemeinde nach dem Hinscheiden `Abdu´l-Bahás. 18
Das Studium ihres Lebens macht deutlich, dass Bahíyyih Khánum sich durch die Ereignisse nicht lähmen ließ, und dass sie den Vorgängen um sie herum auch nicht achtlos oder unaufmerksam gegenüberstand. Anstatt bei Schicksalsschlägen und Bedrängnissen eine passive, hilflose Haltung einzunehmen, suchte sie aktiv nach kreativen Problemlösungen und nutzte alle Möglichkeiten, die sich boten. Aber sie vermied auch jede kopflose, überstürzte Aktivität. Ihre Handlungen waren stets auf die besonderen Erfordernisse der Situation ausgerichtet.
Als Kind ertrug Bahíyyih Khánum im Geiste der Hinnahme unzählige Schicksalsschläge wie Armut, Einsamkeit und Verbannung. Zugleich war sie tätig, um die Prüfungen und Leiden anderer zu mildern. Als Teenager in Bagdad übertrug ihr Bahá´u´lláh schwierige Botengänge, und sie antwortete auf diese Herausforderung freudig und ohne Zögern, obwohl ganz reale Gefahren damit verbunden waren. Während der aufreibenden Jahre in Adrianopel, als die Bahá´í-Gemeinde durch Uneinigkeit und ‘die größte Trennung’ auseinandergerissen war, spielte sie eine entscheidende Rolle, indem sie die Missverständnisse einiger Personen hinsichtlich der Stufe Bahá´u´lláhs klären half. In späteren Jahren, nach dem Hinscheiden ihres Vaters und wiederum nach dem Hinscheiden `Abdu´l-Bahás, unternahm sie die notwendigen Schritte, um den Bund zu schützen und die Gemeinde zu festigen. Shoghi Effendi bemerkt, dass sie sich trotz ihrer physischen Schwäche und gesellschaftlichen Isolierung „den Angriffen der Gegner stellte und Bedrängnisse erduldete, von denen jede einzelne einen Berg aus Eisen zermalmt haben könnte. Und doch war das liebliche, anziehende Gesicht dieser vergeistigten Taube der Heiligkeit bis in ihre letzte Stunde hinein von lebenspendendem Lächeln umkränzt, und niemals sah man diese zarte, zerbrechliche Person ohne ihre Geduld, Ausdauer, Größe, Majestät und Würde.” 19
Im Angesicht von Schwierigkeiten offenbarte Bahíyyih Khánum Geduld und liebevolle Güte. Ganz im Gegensatz zu dem in der heutigen Gesellschaft vorherrschenden Verhalten reagierte sie auf die „Angriffe der Gegner” weder feindselig noch rachsüchtig. Ihr einziges Ziel war es, anderen – auch denen, die den Bahá´í-Glauben angriffen – zu einem besseren Verständnis und einer angemesseneren Würdigung der Bedeutung von Bahá´u´lláhs Offenbarung zu verhelfen. Zu diesem Zweck, so bemerkt Shoghi Effendi, hatte sie „keine anderen Ziele als nur diese: Die Sache Gottes zu verkünden und Sein Wort zu erhöhen; den Namen der Gesegneten Schönheit [Bahá´u´lláhs] zu rühmen und zu verherrlichen; `Abdu´l-Bahá immer vor Augen zu haben und Ihm zu dienen; sich der Leidenden zu erbarmen und ihnen unaufhörlich liebende Fürsorge zu geben; sie zu umhegen und zu trösten und ihnen Freude zu bringen.” 20
Das Größte Heilige Blatt ist ein Muster unerschütterlichen Anpassungs- und Durchhaltevermögens im Angesicht eines ganzen Lebens voller Leiden und Trübsale. Shoghi Effendi bekräftigt, dass diese Leiden zwar „auf ihrer schwachen Gestalt ihre Spuren hinterlassen haben”, jedoch nicht im mindesten „ihren Geist der Freude und Hoffnung” beeinträchtigen oder ihren Glauben an die Zukunft untergraben konnten. „Trotz alledem,” so schreibt er, „murrte sie nie, noch verlor sie ihren Glauben an die Zukunft. Sie blieb zuversichtlich und versuchte andere aufzumuntern. Sie war für jeden, der ihr begegnete, eine wahre Quelle der Inspiration.” Er unterstreicht, wie wichtig und von aktueller Bedeutung das Beispiel ihrer persönlichen Qualitäten für die Menschheit ist. Hierzu schreibt er:
„Sie liebte es, die Menschen glücklich zu sehen, und mühte sich nach Kräften, um es ihnen zu erleichtern, dies zu verwirklichen.
Wie dringend brauchen wir solche Seelen in der heutigen Welt, die so voller Sorgen und Entmutigung zu sein scheint! Jedermann leidet, und niemand ist da, der ihnen Mut zuspricht und die Herzen aufhellt.” 21

Ausdauer, Tatkraft und Flexibilität anderer fördern

Das Größte Heilige Blatt diente nicht nur als konkretes Vorbild für situationsgemäßes Verhalten, sondern unternahm selbst Schritte, um andere immer mehr zu befähigen, auf die Bedrängnisse des Lebens kompetent zu reagieren und sich veränderten Bedingungen anzupassen. Ihr persönlicher Umgang mit Pilgern und ebenso ihre Briefe sind Beispiele dafür, wie sie die Ausdauer und Flexibilität der Mitglieder der Bahá´í-Gemeinde förderte.
Ihr Kontakt mit den Pilgern und auch ihre Korrespondenz zeichneten sich durch großes Einfühlungsvermögen für jede Person aus, mit der sie es zu tun hatte. Ihre Antworten waren zartfühlend, geduldig, liebevoll und auf den Einzelnen zugeschnitten. Allen drückte sie Verständnis für ihre Schwierigkeiten aus; sie fühlte sich in ihre Sorgen und Probleme ein und gab ihnen zu verstehen, dass auch sie Kummer, Sorge und Ängste durchgemacht hatte. Dass sie die Not und die Bedrückung ihrer Partner wirklich anerkannte und würdigte, war für diese eine große Quelle der Ermutigung und half den Bedrängten, Hoffnung zu schöpfen, dass sie etwas unternehmen konnten, um ihre Situation zu lindern.
Über die Ermutigung hinaus half sie den Gläubigen auch, im Leiden einen Sinn zu erkennen. Das Größte Heilige Blatt machte sie auf die Leiden Bahá´u´lláhs und `Abdu´l-Bahás aufmerksam und erklärte ihnen den geistigen Grund, warum diese es auf sich nahmen, sich solchen Heimsuchungen zu unterwerfen: Für die Förderung der Bahá´í-Religion und letzten Endes für den Frieden und das Glück der menschlichen Gesellschaft. Sie unterstrich die Tatsache, dass den Gläubigen die Wahl offenstehe, wie sie auf die Wechselfälle des Lebens antworten. Hierzu machte sie auf das Beispiel `Abdu´l-Bahás und Seine gewählte Rolle einer aufopferungsvollen Dienstbarkeit aufmerksam.
Bahíyyih Khánum trug dazu bei, den Bahá´í ein Bewusstsein ihrer Identität und ein Bild der Zukunft zu vermitteln. Zu diesem Zweck erklärte sie die Dynamik von Krise und Sieg, die die Entfaltung der Bahá´í-Religion vorantreibt, und half den Bahá´í, die Bedeutung ihrer gegenwärtigen Schwierigkeiten im Rahmen dieses weitsichtigen Zusammenhangs zu verstehen. Mit dieser Vision ausgerüstet, gewannen die Gläubigen die Kraft, die Erfordernisse und Chancen ihrer jeweiligen Situation einzuschätzen, ihre Ressourcen – wie gering auch immer – zu mobilisieren und vertrauensvolle, konstruktive Maßnahmen zu entwickeln, die dem Augenblick und der Entwicklung des Glaubens entsprachen. Um auch längerfristig und besonders in Situationen, wo der Bahá´í-Gemeinde die notwendigen Techniken fehlten, zuversichtliches Handeln zu fördern, entwarf das Größte Heilige Blatt oft einen „Schlachtplan“, der eingehalten werden sollte. Ihre Führung bildete die Gläubigen aus, verlieh ihnen größere Kompetenz und erweiterte das Repertoire ihrer Fähigkeiten.
Die genaue Betrachtung des Größten Heiligen Blattes als ein Vorbild für persönliche Widerstands- und Anpassungsfähigkeit in schwieriger Situation kann uns sehr vieles lehren; aber auch die Art und Weise, wie sie Ausdauer, Tatkraft und Flexibilität anderer förderte, verdient unsere Aufmerksamkeit. Dem Einzelnen die Fähigkeit zu vermitteln, mit den geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Krisen der heutigen Welt in konstruktiver Weise umzugehen, bleibt auch weiterhin eine entscheidende und langfristige Notwendigkeit.




Administrative Verantwortung

Die Bereitschaft, sich in Tätigkeiten zu engagieren, die der gesamten Gesellschaft dienlich sind, ist eines der dringenden Erfordernisse in der heutigen Welt. Das Gemeinschaftsgefühl ist verloren gegangen; an seine Stelle ist die zielstrebige Beschäftigung mit eng definierten persönlichen Interessen getreten. Viele Menschen fühlen sich allein gelassen, der gesellschaftlichen Umwelt entfremdet, umgeben von lauter Anderen, denen ihr Wohlbefinden ganz egal ist und die ihrerseits auch nicht ihre Aufmerksamkeit verdienen.
Es gibt vielerlei Gründe für diesen Rückzug des Einzelnen aus der größeren Gesellschaft. Es kann die Antwort sein auf erlittene Not und auf die Schwere der vielfältigen Probleme, mit denen man konfrontiert wird. Es kann aus der Verzweiflung kommen über den wachsenden Aufruhr und sozialen Verfall in der Welt, verbunden mit einem Gefühl der Hilflosigkeit als Einzelner, der nichts zur Verbesserung der Situation tun kann. Der Rückzug kann auch die Folge einer gut begründeten Desillusionierung über die Heuchelei von Organisationen sein, die einen vorteilhaften Wandel versprechen und sich als unfähig erweisen.
Unter solchen Umständen liegt es nahe, den Wertekanon und die Motivation, die für eine aktive und anhaltende Teilnahme an Unternehmungen zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse benötigt werden, bei der Religion zu suchen. Die religiöse Orthodoxie unserer Tage ist jedoch darauf ausgerichtet, Gläubige hervorzubringen, die solche Dinge unbekümmert Anderen überlassen und sich auf passiven Gehorsam beschränken. Religionsanhänger, die mit einer solchen Einstellung nicht einverstanden sind, neigen hauptsächlich zum Protest gegen die etablierte Ordnung und zur Forderung nach raschem, radikalem Wandel.
Die Bahá´í-Religion steht einzigartig da, denn als untrennbaren Bestandteil ihrer Lehren enthält sie eine administrative Ordnung, die weit mehr darstellt als nur ein System zur Organisation der Gemeinde. Diese administrative Ordnung ist ein Mittel, um ihre Beteiligten in Verhaltensweisen und Einstellungen zu schulen, die eine Vorlage für das künftige Funktionieren der Gesellschaft im Großen abgeben. Auf diese Weise können sie eine Keimzelle für die Steuerung der Menschheit in Übereinstimmung mit den Grundsätzen von Freiheit, Gerechtigkeit und Einheit bilden. Die Gemeindeordnung verlangt aktive Beteiligung aller Mitglieder, wobei sie ihre Talente und Fähigkeiten einbringen, ungeachtet ihrer persönlichen Umstände oder der Beschränkungen, denen sie unterworfen sind.
Das Größte Heilige Blatt dient als ein Urbild dieser aktiv beteiligten Menschen. Unbeeindruckt von den Umständen, in denen sie sich selbst befand, bietet sie ein bewunderungswürdiges Beispiel für administratives Engagement - ein Musterbeispiel für alle, die ihren Fußspuren folgen und in einer sich entfaltenden Gemeindeordnung Dienst tun; einer Ordnung, die seit den frühen Anfängen, an denen Bahíyyih Khánum so maßgeblich beteiligt war, in erstaunlichem Umfang gewachsen ist.
Um diesen Sachverhalt näher zu erforschen, müssen wir zuerst einige Hauptmerkmale der Bahá´í-Gemeindeordnung anschauen. Dies gibt uns den Rahmen, der es ermöglicht, das Beispiel Bahíyyih Khánums genauer zu untersuchen.


Die geistige Grundlage der Gesellschaftsordnung

Aus Bahá´í-Sicht muss die Grundlage der Gesellschaftsordnung von grundlegend geistiger Natur sein. Mit diesem Schwerpunkt erhält das Heilige seinen Platz im Herzen des Einzelnen wie des Gemeindelebens. Die Betonung des Geistigen wirkt sich nicht nur auf die Vorstellung der Bahá´í-Religion von einer Gesellschaftsordnung und vom Wesen der gesellschaftlichen Institutionen aus, sondern beeinflusst auch ihre Vision von gesellschaftlicher Evolution, und sie gibt Richtungsweisung für die Ziele, Strategien und Methoden, mit denen gesellschaftlicher Wandel herbeigeführt werden soll. In diesem Zusammenhang verweist Shoghi Effendi auf die Untrennbarkeit der geistigen, gesellschaftlichen und administrativen Dimensionen des Bahá´í-Glaubens und auf seine schrittweise Entfaltung. Er spricht eine Warnung aus: „Die administrativen Prinzipien der Sache Gottes von den rein geistigen und menschenfreundlichen Lehren trennen zu wollen, würde eine Verstümmelung des eigentlichen Körpers der Sache Gottes bedeuten.“ Allein aus dieser Perspektive betrachtet, steht die Bahá´í-Religion unter den religiösen Systemen der Welt einzigartig da. 22
Es ist wichtig festzuhalten, dass das System der Bahá´í-Administration seine Autorität und Leitprinzipien von Bahá´u´lláh selbst erhält. Shoghi Effendi schreibt: „Diese administrative Gesellschaftsordnung unterscheidet sich insofern grundlegend von allem, was irgendein Prophet vordem eingesetzt hat, als Bahá´u´lláh selbst ihre Grundlagen offenbart, ihre Institutionen begründet, die Persönlichkeit, die Sein Wort auszulegen hat, berufen und der Körperschaft, die Seine Gesetze und Gebote zu ergänzen und anzuwenden bestimmt ist, die erforderliche Amtsgewalt verliehen hat. Hierin liegt das Geheimnis ihrer Kraft, ihre grundlegende Besonderheit und ihr Schutz vor Auflösung und Spaltung.“ 23
Shoghi Effendi analysiert das System der Bahá´í-Administration aus dem Blickwinkel der Religionsgeschichte und der Theorien sozialer Organisation; er hebt es ab von bestehenden politischen und geistlichen Institutionen und stellt einige seiner einzigartigen Wesenszüge heraus. Er bezeugt: „... diese umfassende administrative Ordnung ... steht sowohl der Theorie als auch der Praxis nach nicht nur einzig in der gesamten Geschichte der politischen Institutionen, sondern auch ohne Gegenstück in den Annalen aller anerkannten Religionssysteme der Welt da.“ Und er führt weiter aus:
„Keine Form demokratischer Regierung, kein System autokratischer oder diktatorischer Art, sei es monarchisch oder republikanisch, kein Mischkonzept einer rein aristokratischen Ordnung und selbst keine der anerkannten Formen der Theokratie, sei es nun das hebräische Gemeinwesen, seien es die verschiedenen christlichen Kirchenorganisationen, das Imamat oder Kalifat im Islám – keines von ihnen kann mit der von der Meisterhand ihres vollendeten Architekten gebildeten administrativen Ordnung gleichgesetzt oder als mit ihr übereinstimmend bezeichnet werden.
Diese neugeborene Administrations- und Gesellschaftsordnung hat in ihrer Struktur gewisse Elemente vereinigt, die in jeder der drei anerkannten Arten weltlicher Herrschaftsform zu finden sind, ohne doch in irgendeiner Hinsicht eine bloße Wiederholung einer von ihnen zu sein und ohne in ihren Mechanismus irgendwelche der zu beanstandenden Kennzeichen einzuführen, die jenen angestammtermaßen eigen sind. Sie verschmilzt und bringt, wie keine von sterblicher Hand geformte Herrschaft es jemals vollbracht hat, die zweifellos in jedem dieser Systeme enthaltenen gesunden Bestandteile miteinander in Einklang, ohne die Reinheit jener gottgegebenen Wahrheiten, auf die sie sich letzten Endes gründet, zu verfälschen.“ 24
Aus dem Vorangegangenen wird klar, dass die persönliche geistige Entwicklung, die für den einzelnen Bahá´í ein wichtiges Ziel darstellt, für sich alleine genommen noch nicht ausreicht; denn geistige Entwicklung ist unlösbar verbunden mit der Entfaltung eines Bahá´í-Systems sozialer Organisation, welches im Einklang mit den geistigen, humanitären und Verwaltungsgrundsätzen funktioniert, die aus den Lehren der Bahá´í-Religion abgeleitet werden. Es gibt also eine positive, konstruktive Wechselbeziehung zwischen der Entwicklung des Einzelnen und derjenigen der Gesellschaftsordnung. Die Bahá´í-Gemeindeordnung dient als Instrument für die Weiterentwicklung geistiger Werte in der Welt allgemein; sie bietet für alle, die nach wirksamen Lösungen für die Unzulänglichkeiten gegenwärtiger administrativer Institutionen suchen, ein alternatives Modell für Regierungsführung an, das sich auf die Anwendung solch geistiger Werte gründet.
Im Rahmen dieses Buches kann nicht der Versuch unternommen werden, die verschiedenartigen Bestandteile des Bahá´í-Systems, ihre Wirkungsweise und ihr Zusammenspiel im einzelnen vorzustellen. Drei Gesichtspunkte sind jedoch von besonderem Interesse im Zusammenhang mit der Rolle, die Bahíyyih Khánum gespielt hat, und diese werden im Folgenden besprochen.

Eine Laienreligion

Ein besonderes Merkmal der Bahá´í-Religion ist es, dass sie eine Laienreligion ist. Der Bahá'í-Glaube zeichnet sich durch das Fehlen eines geistlichen Standes aus; es gibt also keine Personen, die den Rabbinern, Priestern, Pfarrern oder Mullahs anderer Religionen vergleichbar und die verantwortlich wären, für die Bedürfnisse der Bahá´í-Gemeinde zu sorgen.
Viele religiöse Gemeinschaften, die ihre Ursprünge in vergangenen Epochen haben, tendieren zu einer hierarchischen Struktur, wobei der Geistlichkeit eine höhere Stellung zuerkannt wird im Vergleich zur Laienschaft. Aufgrund ihrer herausgehobenen Stellung üben die Geistlichen Autorität über die Masse der Gläubigen aus und genießen bestimmte Privilegien, die sie mit ihren Mitgläubigen nicht teilen. Im geschichtlichen Verlauf hat die Geistlichkeit, da keine ausdrücklichen schriftlichen Bestimmungen des Religionsstifters vorlagen, das ausschließliche Recht zur bindenden Auslegung der heiligen Schriften an sich gezogen. Sie nahm sich das Recht, über Fragen des Dogmas und der Kirchenorganisation zu entscheiden und die Gläubigen in allen geistigen und praktischen Angelegenheiten zu belehren. Darüber hinaus gehört es zu den typischen Aufgaben der Geistlichen, den Segen zu spenden, Sakramente zu erteilen, wie beispielsweise Taufe und Buße sowie ganz allgemein die persönliche Beziehung des Gläubigen zu Gott zu vermitteln.
Demgegenüber wird der Laienschaft die Funktion des Gehorsams und der Ehrerbietung gegenüber dem Geistlichen zugewiesen. Die Masse der Gläubigen findet sich also eher in einer im wesentlichen passiven Rolle – sie empfängt die liturgischen Dienste des Geistlichen und reagiert auf die Anstöße, die von ihnen ausgehen. Mitglieder der Gemeinde der Gläubigen sollen ihrer geistlichen Verantwortung weitgehend dadurch nachkommen, dass sie die Dienste und die Führung der Geistlichen annehmen.
In der Bahá´í-Gemeinde bedeutet das Fehlen eines Klerus, dass die hierarchische Unterscheidung von Geistlichkeit und Laienschaft entfällt. Das geistige Wohl jedes Einzelnen hängt nicht von den Handlungen oder Äußerungen irgend einer anderen Seele ab. Die Bahá´í-Schriften machen es jedem Gläubigen zur Pflicht, in eigener persönlicher Verantwortung die geistige Wahrheit zu erkunden, sein Verständnis der Bahá´í-Lehren zu vertiefen, sich um eine Lebensführung zu bemühen, die die von Bahá´u´lláh verkündeten Werte und geistigen Prinzipien zum Ausdruck bringt, andere über die Botschaft Bahá´u´lláhs zu informieren, am Gemeindeleben und an ihrer Administration aktiv teilzunehmen und sich für das Wohlergehen der ganzen Gesellschaft einzusetzen. An die Stelle der passiven Gemeinde ist der aktive Diener der Menschheit getreten!
Shoghi Effendi hebt einige der einmaligen, neuartigen Bestimmungen hervor, die für die Organisation der Bahá´í-Gemeinde grundlegend sind. Zum Beispiel erwähnt er die „Aufhebung des berufsmäßigen Priestertums und der damit verbundenen Sakramente der Taufe, des Abendmahls und der Beichte; die Gesetze, welche die Einsetzung aller örtlichen, nationalen und internationalen Häuser der Gerechtigkeit durch allgemeine Wahl erfordern; das vollkommene Fehlen episkopaler Autorität mit den sie begleitenden Privilegien, Entstellungen und verbeamtenden Tendenzen.“ Er bezeichnet diese Bestimmungen als „Beweise für den nichtautokratischen Charakter der Bahá´í-Administrations- und Gesellschaftsordnung und ihre Neigung zu demokratischen Methoden in der Verwaltung ihrer Angelegenheiten.“ 25
Die Bahá´í-Religion hat zwar kein berufsmäßiges Priestertum und keinen eingesetzten Klerus, überträgt aber dennoch bestimmten Personen die Verantwortung für Aufgaben der Administration. Die Angelegenheiten der Gemeinde werden von einem System demokratisch gewählter Geistiger Räte wahrgenommen, denen Einzelpersonen zur Seite stehen, die für beratende und für Bildungsfunktionen ernannt wurden. Die Gläubigen, die in dieser Eigenschaft dienen, haben jedoch keinerlei episkopale Autorität über die anderen Mitglieder der Gemeinde, und sie bilden auch keine höher stehende oder privilegierte Klasse.

Die Natur von Führerschaft

Das Universale Haus der Gerechtigkeit ist das leitende Organ der Bahá´í-Religion auf internationaler Ebene. Unter seiner Führung üben die demokratisch gewählten Nationalen und Örtlichen Geistigen Räte die gesetzgebende, ausführende und Recht sprechende Gewalt in der Bahá´í-Gemeinde aus und übernehmen somit die administrative Leitung der Gemeinde. In der Handhabung der Gemeindeangelegenheiten bedienen sich die Bahá´í-Institutionen und die einzelnen Mitglieder der Gemeinde der Bahá´í-Beratung, einer Form gemeinsamer Entscheidungsfindung, in der versucht wird, die jeweils beste Lösung zu finden oder die in einer Angelegenheit verborgene Wahrheit zu ergründen, indem nach dieser Methode alle Teilnehmer gleichberechtigt zusammenwirken. Obwohl eine Person bei der Beratung den Vorsitz führt, hat diese doch keine besonderen Vorrechte. Sie leitet die Versammlung, sorgt für einen flüssigen Verlauf der Diskussion und ermuntert zur vollen Beteiligung am Entscheidungsprozess.
Die Bahá´í-Schriften legen eine Reihe von Voraussetzungen für die Beratung fest, die aus Bahá´í-Sicht auch als wesentliche Elemente des Führungsverhaltens angesehen werden können. Zusammengenommen beschreiben sie eine Art von Führerschaft, die sich von heute vorherrschenden charismatischen oder individualistischen Ansätzen deutlich abhebt. `Abdu´l-Bahá definiert sie so: „Die Haupterfordernisse für jene, die miteinander beraten, sind Reinheit des Beweggrundes, strahlender Geist, Loslösung von allem außer Gott, Hingezogensein zu Seinen göttlichen Düften, Bescheidenheit und Demut vor Seinen Geliebten, Geduld und Langmut in Schwierigkeiten, Dienstbarkeit an Seiner erhabenen Schwelle. Wenn sie mit gnädigem Beistand diese Eigenschaften erlangen, wird ihnen vom unsichtbaren Reiche Bahás der Sieg gewährt.“ 26
`Abdu´l-Bahá merkt an, dass alle Mitglieder das Recht und die Pflicht haben, ihre Ansichten in voller Freiheit vorzutragen; und sie werden ermutigt, ihre Gedanken mit Ehrerbietung, Sorgfalt und Mäßigung vorzubringen. Sobald ein Entschluss gefasst ist, arbeiten alle an seiner Durchführung mit. `Abdu´l-Bahá richtet außerdem an die Vorsitzende eines Geistigen Rates die folgende Aufforderung: „Strebe mit Herz und Seele, in demütigem Gebet und in Selbstauslöschung [danach], Gottes Gesetz zu vertreten und Seine süßen Düfte allenthalben zu verbreiten.“ Er fügt folgende Ermutigung hinzu: „Mühe dich, den Versammlungen geistiger Seelen die wahre Vorsitzende zu sein, eine Gefährtin der Engel im Reiche des Allbarmherzigen.“ 27
Der Bahá´í-Glaube sollte nicht in der Weise missdeutet werden, als wolle er den rechtmäßigen Gebrauch persönlicher Initiative behindern. Im Gegenteil wird es jedem sorgfältigen Betrachter der Bahá´í-Lehren klar, dass vieles in diesen Lehren dazu beiträgt, kreatives Denken anzuregen. Dazu gehören der Grundsatz der selbständigen Suche nach Wahrheit, der Ansporn, sich von Vorurteil und Aberglauben zu befreien, und die Betonung der Bewusstseinsbildung. Die Bahá´í sind aufgerufen, die Lehren Bahá´u´lláhs zu befolgen, aber zugleich sind sie frei - tatsächlich werden sie dazu ermutigt - , sich selbst um ein Verständnis dieser Lehren zu bemühen und dieses Verständnis in Wort und Tat zum Ausdruck zu bringen.

Die Mitwirkung der Frauen

Der Bahá'í-Glaube ermutigt aktiv alle seine Mitglieder – ob Frau oder Mann – in jedem Bereich des Gemeindelebens mitzuwirken. Dies steht in scharfem Kontrast zu anderen religiösen Systemen, wo den Frauen der Zugang zu Positionen mit administrativer Autorität oder mit Entscheidungskompetenz in der Organisation der religiösen Gemeinde systematisch verwehrt worden ist. So waren zum Beispiel in den Religionen des Nahen und Mittleren Ostens die Rabbiner, Priester und Mullahs ausschließlich Männer. Zwar wurden in manchen Fällen weibliche Ordensgemeinschaften gegründet zur Wahrnehmung einer Bildungs- oder einer heilenden Funktion, doch wurde ihren Leiterinnen nur Autorität über andere Frauen zugestanden.
In der Gegenwart hat die Bewegung für Gleichberechtigung zu einer gewissen Korrektur dieser Geschlechtertrennung geführt. In den liberaleren Konfessionen innerhalb des Judentums und des Christentums sieht man jetzt Frauen, die geistliche Ämter in Gemeinden mit Männern und Frauen ausüben, und im Islam sind neuerdings einige weibliche Gelehrte hervorgetreten.
Die Bahá´í-Gemeindeordnung ist durch die Mitwirkung der Frau in verantwortlichen Positionen auf örtlicher, nationaler und internationaler Ebene gekennzeichnet. Bahá´í-Frauen sind zum Dienst als Hände der Sache Gottes*, als Berater** und Mitglieder des Internationalen Lehrzentrums - einer wichtigen Institution am Weltzentrum des Glaubens - berufen worden. Sie tragen entscheidende weltweite Verantwortung, um für die Ausbreitung der Bahá´í-Gemeinde, den Erhalt ihrer Integrität und die Förderung ihres geistigen Lebens zu wirken. Außerdem werden Frauen als Mitglieder in Geistige Räte gewählt, und an der Basis des Bahá'í-Gemeindelebens wirken sie im Rahmen der Beratungen bei einer großen Bandbreite von geistigen, bildungsbezogenen und gesellschaftlichen Zusammenkünften mit.
Von Anfang an hat der Bahá´í-Glaube der Teilnahme der Frauen an den Angelegenheiten des Glaubens hohe Bedeutung beigemessen, und es wurden tätige Maßnahmen ergriffen, um die Einbeziehung von Frauen zu fördern - auch in solchen Ländern, wo die traditionelle Kultur ihre aktive Beteiligung in allen Bereichen des Gemeindelebens unterbunden hat. Genau in diesem Zusammenhang und vor diesem Hintergrund muss die Bedeutung der Rolle des Größten Heiligen Blattes für die administrative Arbeit der Bahá´í-Gemeinde untersucht werden.

Die Rolle des Größten Heiligen Blattes in der Administration des Glaubens

Aus der Lebensgeschichte des Größten Heiligen Blattes und aus den Briefen, die sie an die Bahá´í-Gemeinde richtete, geht klar hervor, dass sie bereitwillig und mit ergreifender Demut die schwere administrative Verantwortung übernahm, die ihr in den Zeiten von `Abdu´l-Bahás und des Hüters Abwesenheit vom Weltzentrum des Glaubens auferlegt wurde. Sie ließ sich niemals zurückhalten, weder durch kulturelle Beschränkungen hinsichtlich der Rolle der Frau noch durch vorgerücktes Alter. Ihre Motivation war ihre Einsicht in die Bedeutung und Wichtigkeit der Lehren Bahá´u´lláhs für die Evolution der Gesellschaft. Sie hatte ein klares Verständnis von den Bestimmungen des Bahá´í-Bundes und von der Wichtigkeit der Gemeindeordnung, die auf seiner Grundlage errichtet wurde. Auch in ihrem persönlichen Leben verkörperte und gestaltete sie die Werte dieser Ordnung und war dadurch gleichermaßen ein Beispiel für die einzelnen Gläubigen wie für die Mitglieder der Bahá´í-Institutionen.
Bahíyyih Khánums tiefe Einsicht in die Bedeutung des Bundes Bahá´u´lláhs wird durch ihre uneingeschränkte Unterstützung seines ernannten Mittelpunktes `Abdu´l-Bahá und – nach dessen Hinscheiden – seines designierten Hüters Shoghi Effendi offenkundig. Nach Bahá´u´lláhs Tod waren sie die Richtpunkte, an denen sich ihr Leben orientierte und nach denen sie die Prioritäten für ihren Dienst festsetzte. Durch ihr Beispiel und ihre liebevolle Ermutigung half das Größte Heilige Blatt außerdem den Gläubigen, zuerst dem Meister und dann dem Hüter die Treue zu halten. Damit wahrte sie die Einheit der Glaubensgemeinde und gab ihr einen klaren Kurs in diesen beiden herausfordernden Perioden des Übergangs in der Leitung des Glaubens. Das Engagement und die Hingabe des Größten Heiligen Blattes an den Gottesbund waren so vollkommen, dass sie sich nicht nur persönlich erhob, um ihm zu dienen und ihn zu schützen, sondern auch ihre Briefe wirkten – besonders während der Zeiten, da ihr die Führung des Glaubens übertragen war – als lebenswichtiges Werkzeug, um die Gläubigen zu bilden und ihnen zu helfen, die Wichtigkeit des Bundes zu begreifen und seine einzigartigen Merkmale wie auch die Funktionen seiner noch keimhaften Institutionen zu verstehen.
Bahíyyih Khánums Briefe belegen ihr tiefgründiges Verständnis des Bundes von Bahá´u´lláh und `Abdu´l-Bahá. Sie zeigen auch die Klarheit, mit welcher sie die Merkmale dieses Bundes beschrieb und zugleich das Wesen seiner Anforderungen an die Gläubigen darlegte, seine Bestimmungen hochzuhalten und ihnen Folge zu leisten. Zum Beispiel macht sie auf die klare, ausdrückliche Art aufmerksam, in der Shoghi Effendis Ernennung zum Hüter ausgesprochen wurde, und auch auf die Konsequenzen, die diese Ernennung für die Einheit der Gemeinde hatte. Sie schreibt: „`Abdu´l-Bahás Testament ist Seine entscheidende Verfügung. Sie bringt die Gläubigen zusammen, wahrt ihre Einheit und stellt den Schutz des Gottesglaubens sicher. Sie bestimmt einen genauen Mittelpunkt, indem sie schriftlich und unwiderleglich Shoghi Effendi als Hüter des Glaubens und erwählten Zweig einsetzt, so dass sein Name durch die Finger der Gnade und Güte in dem Verwahrten Sendschreiben verzeichnet ist. Wie dankbar sollten wir dafür sein, dass uns eine solche Gnadengabe geschenkt, solche Gunst erwiesen wurde!“ In einem weiteren Brief unterstreicht sie die in dem geschriebenen Text verfügte Autorität des Hüters und führt die den Gläubigen auferlegte Verantwortung in Bezug auf den Gottesbund näher aus: „Ein klar umrissener Bund macht unsere Pflicht deutlich. Ein unzweideutiger, lichter Text erklärt das offenbarte Buch. Ein präzise benannter Mittelpunkt ist berufen worden, an den sich alle wenden müssen, und die Äußerungen des Hüters der Sache und Auslegers des Buches sind zum entscheidenden Dekret erklärt worden. All dies kommt aus der Gnade und Gunst unseres Geliebten, des Allherrlichen, und aus der liebevollen Güte Dessen, der durch den Glanz Seines Dienstes Erde und Himmel erleuchtet hat.“ 28
Bahíyyih Khánum unternahm gezielte Schritte, um den Gläubigen stärker zum Bewusstsein zu bringen, wie wichtig die Bildung Nationaler und Örtlicher Geistiger Räte sei. Sie ermutigte sie und half, sie darin zu schulen, ihr Handeln an den Prinzipien der Bahai-Administration zu orientieren. Ihre klare Sicht und die Führung, die sie gab, schöpfte sie aus ihrem eigenen Verständnis für die Erfordernisse des Glaubens in seinem jeweiligen Entwicklungsstadium und aus den wegweisenden Briefen des Hüters, die im Einzelnen die Theorie und die Leitprinzipien darlegten, die der Arbeitsweise dieser keimhaften Institutionen zu Grunde lagen.
Eine Durchsicht ihrer Briefe zeigt, dass sie, indem sie die in Shoghi Effendis Briefen gegebene Führung rekapitulierte, den Gläubigen die Wichtigkeit und praktische Notwendigkeit vermitteln konnte, Geistige Räte zu bilden. Sie half den Bahá´í nicht nur, die Funktionen dieser Räte und die Rolle dieser Institutionen des Glaubens bei der Entfaltung der Bahá´í-Gemeindeordnung richtig einzuschätzen, sondern auch die Verantwortung des einzelnen Gläubigen zu erkennen, diese aufkeimenden Institutionen zu lieben, ihnen zu dienen und sie zu unterstützen. In einem vorausschauenden Brief an die Mitglieder eines Geistigen Rates unterstreicht sie die Beziehung zwischen den Aktivitäten der Gläubigen und ihrer administrativen Gremien und der geistigen Umwandlung der ganzen Welt. Sie schreibt:
„Es ist klar und einleuchtend, dass der Körper der Menschheit heute dringend auf fähige, nützliche und aktive Glieder und Organe angewiesen ist, damit ihre Bewegungen und Handlungen, ihr Betragen und Verhalten, ihre feinen Gefühle, erhabenen Gedanken und edlen Ziele allezeit himmlische Tugenden und Vollkommenheiten widerspiegeln und göttliche Eigenschaften und die Merkmale der Heiligen zum Ausdruck bringen. Auf diese Weise hauchen sie allen Bürgern der Welt neues Leben und einen neuen Geist ein; und so nähren und stärken sie die inneren Bande und geistigen Beziehungen auf allen Gebieten menschlichen Strebens.“ 29
Das Größte Heilige Blatt hatte klar verstanden, dass die derzeit höchste Priorität im gesamten Prozess der Vergeistigung der Menschheit in der Errichtung der Institutionen der Bahá´í-Gemeindeordnung lag. Darüber hinaus war ihr auch völlig bewusst, wie überaus wichtig das Beispiel war, das diese Institutionen all jenen bieten könnten, die nach Alternativmodellen für Regierungsführung und für soziale Organisation suchen.

Eigenschaften für den Dienst in der Administration

Obwohl das Größte Heilige Blatt niemals selbst in einer gewählten Institution der Bahá´í-Administration diente, achtete und untermauerte sie die Autorität der keimhaften Örtlichen und Nationalen Geistigen Räte. Aktiv unterstützte und stärkte sie die Entwicklung dieser Institutionen und war über deren Erfolge beglückt. In ihrer Korrespondenz mit diesen Gremien förderte sie die Entwicklung der Arbeitsfähigkeit der Räte, indem sie auf zwei Elemente aufmerksam machte, die für den Beratungs- und Entscheidungsprozess grundlegend sind: Erstens, die Erkenntnis der Bedeutung der Führung, die in den heiligen Schriften des Glaubens und den Briefen Shoghi Effendis verborgen ist, und zweitens, die Anwendung dieser Führung bei der Einschätzung der aktuellen Erfordernisse und bei der Ausarbeitung von Handlungsprioritäten für den laufenden Fortschritt der Bahá´í-Gemeinde.
Bahíyyih Khánum verkörperte und gestaltete beispielhaft die in der Bahá´í-Gemeindeordnung ruhenden Werte. Sie lebte solche Eigenschaften vor wie „fraglose Treue, ... selbstlose Hingabe, ... ein geschulter Geist, ... anerkannte Fähigkeit und reife Erfahrung“ – Eigenschaften, die Shoghi Effendi als die kennzeichnenden Merkmale der Mitglieder von Geistigen Räten herausgestellt hat. Zusätzlich erläuterten ihre Briefe die Anwendung jener geistigen und intellektuellen Fähigkeiten, die `Abdu´l-Bahá für die Beratungspraxis verlangt hatte. Dabei ist interessant, dass `Abdu´l-Bahá den Gläubigen für diesen Prozess den Rat erteilt hat, „mit höchster Hingabe, Höflichkeit, Würde, Sorgfalt und Mäßigung ihre Ansichten vorzutragen.“ „Sie müssen,“ so führt er aus, „in jeder Angelegenheit die Wahrheit erforschen und dürfen nicht auf ihrer eigenen Meinung bestehen; denn Starrsinn und Beharren auf der eigenen Ansicht führen schließlich zu Zank und Streit; die Wahrheit aber bleibt verborgen.“ Er unterstreicht: „Die verehrten Mitglieder müssen in aller Freiheit ihre eigenen Gedanken ausdrücken; es ist in keiner Weise erlaubt, dass einer die Gedanken des anderen herabsetzt.“ Vielmehr muss der Einzelne „die Wahrheit mit Augenmaß darlegen, und sollten sich Meinungsverschiedenheiten ergeben, so muss die Stimmenmehrheit gelten; alle müssen dann gehorchen und sich der Mehrheit fügen.“ Am Schluss betont `Abdu´l-Bahá die Notwendigkeit, dem Beschluss des Geistigen Rates Folge zu leisten. Er bekräftigt: „... was immer in Harmonie, Liebe und reiner Absicht getan wird, bewirkt Licht; wenn aber die geringste Spur von Entfremdung herrscht, wird das in schwarzes Dunkel führen.“ 30
Stil und Inhalt der Briefe des Größten Heiligen Blattes sind ein gutes Beispiel dafür, wie man - so wie es der Meister verlangt hatte - in aller Freiheit die eigenen Gedanken vollständig ausdrücken und doch das schwierige Gleichgewicht zwischen „Hingabe, Höflichkeit, Würde, Sorgfalt und Mäßigung“, wahren kann. Die einfühlsame, gemäßigte, beredte und dabei offene Weise, wie das Größte Heilige Blatt mit den Gläubigen und ihren Institutionen verkehrte, ist aufschlussreich und verdient sorgfältiges Studium. 31
Das Größte Heilige Blatt war immer höflich, aber sie schreckte niemals davor zurück, auf Mängel aufmerksam zu machen oder bei Bedarf entschlossen zu handeln. Ihre Bereitschaft, die Beziehungen zu den Mitgliedern von Bahá´u´lláhs Familie zu lösen, die in der Zeit von ihres Vaters Tod ihre geistigen Grundsätze verrieten, indem sie den Bund brachen; ihre Weigerung, den abtrünnigen Halbbruder Mírzá Muhammad-`Alí in den Tagen unmittelbar nach dem Hinscheiden des Meisters in `Abdu´l-Bahás Haus zu empfangen; ihr mutiger und standhafter Widerstand gegen die Machenschaften jener, die in späterer Zeit aufstanden, um den Glauben anzugreifen – all das sind beredte Beispiele für Bahíyyih Khánums Entschlossenheit, einen festen und von hohen Grundsätzen geleiteten Standpunkt einzunehmen, um so die Bestimmungen des Bundes aufrecht zu erhalten, den Bahá´í-Glauben zu schützen und die Einheit der Gemeinde zu wahren.
Die Haltung, die das Größte Heilige Blatt zum Dienen einnahm, basierte auf geistigen und administrativen Prinzipien und war praktisch, systematisch, evolutionär, zielgerichtet, strategisch und vorausschauend. Aus ihren Handlungen spricht großes Verantwortungsbewusstsein. In ihrer Kindheit und Jugend nahm sie dankbar jede Gelegenheit wahr, heikle Aufträge auszuführen, die ihr Vater, Bahá´u´lláh, ihr zuwies. Immer war sie bestrebt, den Umfang ihres Dienstes auszuweiten und beschwerliche, herausfordernde Aufgaben zu übernehmen. Diese Tätigkeiten gipfelten später in ihrer Rolle als Oberhaupt des Glaubens während `Abdu´l-Bahás Reisen und Shoghi Effendis Abwesenheiten in den ersten Jahren seines Hütertums. In dieser Eigenschaft leistete sie einen unschätzbaren Beitrag, um die Einheit der Bahá´í-Gemeinde zu wahren und die Errichtung der administrativen Ordnung auf einer gesunden Basis sicherzustellen.
Das Größte Heilige Blatt widmete sich systematisch den laufenden Gemeindeangelegenheiten. Sie war bewusst darum bemüht, über den Zustand der weltweiten Bahá´í-Gemeinde und über die Ereignisse in aller Welt auf dem Laufenden zu bleiben. Ihre Briefe waren eine zuverlässige Informationsquelle über Entwicklungen in der Gemeinde, und sie vermittelten Führung auf der Grundlage der Weisungen, die `Abdu´l-Bahá und der Hüter gegeben hatten. In der Zeit, als sie die Leitung des Glaubens innehatte, überwachte sie die Vollendung von Projekten, die in `Abdu´l-Bahás Amtszeit eingeleitet worden waren, und setzte neue Initiativen des Hüters fort, darunter die äußerst wichtige Aufgabe, bei der Regierung zu erwirken, die Schlüssel zum Schrein Bahá´u´lláhs wieder zu erhalten, die die Feinde des Glaubens entwendet hatten.
In dem Bewusstsein, wie wichtig die Mitarbeit jedes einzelnen Bahá´í für die Entfaltung des Glaubens und für die Evolution der Gesellschaft ist, bemühte sich das Größte Heilige Blatt ganz besonders darum, persönliche Initiative anzuregen. Aus ihren Briefen ist zu ersehen, wie sie die Bahá´í ständig ermutigte. Ihre lebhafte Schilderung der aufopferungsvollen Taten ihrer geistigen Vorfahren war ihnen eine Quelle der Inspiration. Sie machte auf die Herausforderungen aufmerksam, denen sich die Bahá´í-Gemeinde gegenübersah und auf die Gelegenheiten zum Dienst, die daraus erwuchsen. Sie drückte ihre Freude aus, wann immer die Gläubigen zögernde Schritte in eine neue Richtung unternahmen oder neue Aktivitäten einleiteten und unterstützte damit jede ihrer Bewegungen, die ihre Kompetenz erweiterte und ihnen mehr Mut und Ausdauer gab.
Abgesehen von der vielgestaltigen Verantwortung, die sie in Abwesenheit `Abdu´l-Bahás und des Hüters zu tragen hatte, bekleidete das Größte Heilige Blatt auch eine Reihe von laufenden administrativen Funktionen. Eine davon war ihre Fürsorge für ankommende Bahá´í-Pilger. Seit den Tagen Bahá´u´lláhs und ganz besonders in der Amtszeit `Abdu´l-Bahás und in den ersten Jahren des Hütertums kümmerte sich Bahíyyih Khánum aktiv um die Pilger, die ins Heilige Land fuhren, um in die Gegenwart des Oberhauptes des Glaubens zu gelangen und später dann die heiligen Schreine zu besuchen. Als „letzte Überlebende“ des Heroischen Zeitalters inspirierte das Größte Heilige Blatt die Pilger mit ihren Erinnerungen an die frühen Tage des Glaubens. Die Pilger waren auch durch ihren festen Glauben, ihre ruhige Heiterkeit und ihre zuversichtliche Weitsicht tief bewegt. In ihrer Eigenschaft als vertrauenswürdiger Sachwalterin der heiligen Reliquien und historischen Wertstücke, die mit der Geburt der neuen Offenbarung verbunden waren, ließ das Größte Heilige Blatt außerdem die ankommenden Pilger diese kostbaren Archivalien besichtigen. Schließlich war das Größte Heilige Blatt auch für das leibliche Wohl der Pilger verantwortlich; sie kümmerte sich um die gesamte Organisation ihrer Unterbringung und um die Regelung der Zubereitung ihrer Mahlzeiten. 32
Bahíyyih Khánums Taten demonstrieren, wie sich ein Leben auswirken kann, das dem individuellen und gesellschaftlichen Wandlungsprozess verpflichtet ist und sich für die Schaffung von administrativen Institutionen einsetzt, die geistige und zivile Werte verkörpern. Ihre treue, geduldige Unterstützung dieser keimhaften Bahá´í-Institutionen, das Vertrauen, das sie in ihre Entwicklung setzte, und ihre Bereitschaft, administrative Verantwortung zu übernehmen, können als Beispiel dafür dienen, wie man dem vorherrschenden Klima des Misstrauens und der Gleichgültigkeit gegensteuern kann, das die gegenwärtigen Beziehungen zwischen den Regierenden und den Regierten prägt.

Verantwortung durch hohen Rang

Eine bleibende Erscheinung der menschlichen Gesellschaft ist bis jetzt die Einteilung ihrer Bevölkerung in verschiedene Rangstufen, angefangen bei der dörflichen Gesellschaft mit ihren Häuptlingen und Dorfältesten bis hin zu komplexen städtischen Einheiten mit Regierenden, Geistlichen, Pädagogen, Kaufleuten und Handwerkern, die alle ihre bestimmte Position in einer nach Rangstufen gegliederten Gesellschaft innehaben.
In der heutigen Zeit des Umbruchs, in der so mancher sich darüber Gedanken macht, welche Form eine zukünftige Gesellschaft annehmen sollte, ist es nur natürlich, über die Notwendigkeit gesellschaftlicher Rangstufen nachzudenken, und ihre positiven und negativen Merkmale neu zu bewerten. Deshalb beschäftigen wir uns auch hier mit dieser Frage; denn die Lebensführung des Größten Heiligen Blattes, einer Frau, die in der Bahá´í-Sendung einen hohen Rang einnimmt, gewährt wichtige Einsichten darüber, welche Rolle in einer Bahá´í-Gesellschaft Personen von Rang zukommt.

Das Dilemma mit Rang

Oft werden Personen, die einen hohen gesellschaftlichen Rang bekleiden, zu Recht wegen der Rolle, die sie ausüben, kritisiert. In vielen Fällen wird gesellschaftlicher Rang mit einer Klasse von Personen assoziiert, die unverdiente Privilegien genießen und die zu ihrem persönlichen Vorteil Macht über andere ausüben können. In extremen Fällen dürfen sie diese Macht missbrauchen, um ungehindert und ohne Angst vor Strafe das Recht zu brechen. Rang verleitet oft zu Arroganz und zu einem starken Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen.
In der heutigen Welt ist die Frage nach Rang und Vorrecht eine ständige Quelle des Streites und der Uneinigkeit. Sozialwissenschaftler sagen, dass Konflikte vor allem dann auftreten, wenn zwischen zwei oder mehreren Parteien abweichende Interessen wahrgenommen werden. Dabei werden drei allgemeine Konflikttypen unterschieden: Interessenkonflikte (z. B. über Territorien oder knappe Ressourcen), Wertekonflikte (z. B. über Religion, Ideologie oder ethnische Zugehörigkeit) und Beziehungskonflikte (z. B. zwischen einer Mehrheit und einer Minderheit, zwischen einer herrschenden und einer beherrschten Klasse). 33
Einige Theoretiker haben die Auswirkungen asymmetrischer sozialer Beziehungen auf das Entstehen von Konflikt und gesellschaftlicher Spaltung untersucht. Asymmetrische Beziehungen sind durch ein großes Machtgefälle zwischen den Parteien gekennzeichnet. In solchen Zusammenhängen ist das Beziehungssystem zwischen den unterschiedlichen Elementen der Gesellschaft hierarchisch strukturiert. Die Befunde legen nahe, dass die Menschen am unteren Ende der Skala aufgrund ihrer unfreiwilligen Zuordnung in einer bestimmten Schicht, einer ethnischen, oder irgendeiner anderen Gruppe normalerweise keinen fairen Zugang zu den sozialen, wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen, bildungsbezogenen oder anderen Ressourcen erhalten, die diejenigen am oberen Ende der Hierarchie üblicherweise genießen und kontrollieren. Diese herrschenden, mächtigeren Parteien neigen dazu, die weniger mächtigen abzuwerten, ihnen Anerkennung zu versagen und sie von der Mitwirkung im Entscheidungsfindungsprozess auszuschließen. Außerdem greifen die herrschenden Partner gern zu Machtausübung, Zwang und Gewalt als Instrument der Konfliktlösung und als Mittel, um ihre Ziele zu erreichen. 34
Somit kann in einer Gesellschaft mit einem stark ausgeprägten Klassensystem die Anwesenheit von Personen oder Gruppen, die ihren hohen sozialen Status aus ihrer Familienzugehörigkeit, ihrem Besitz- oder Bildungsstand oder aus der beruflichen Position ableiten, durchaus als Konfliktpotential gelten, und sie kann außerdem der Anerkennung der Einheit der Menschheitsfamilie entgegenwirken und ein Hindernis für die gesellschaftliche Entwicklung bilden. Die von den Mitgliedern der Machtelite zur Schau getragene Überheblichkeit führt in der Tat oft zu Spannungen zwischen ihnen und den Menschen mit niedrigerem Status. Um ihre Privilegien und ihre hohe Position zu wahren, benutzen sie zudem ihren beträchtlichen Einfluss zur Aufrechterhaltung des Status quo.
Trotz alledem ist aber auch klar, dass es für eine Gesellschaft handgreifliche Vorteile gibt, wenn in ihr Rangstufen existieren. Die Organisation einer Gesellschaft erfordert eine Differenzierung der Funktionen, wobei manche Aufgaben einen gewissen Grad von – gesetzlicher oder geistiger - Autorität mit sich bringen. Wenn Rang mit besonderen Leistungen verbunden ist, kann er den Ehrgeiz von talentierten, fähigen Menschen fördern, ihre Begabungen zu entwickeln, was dann als Belohnung einen hohen gesellschaftlichen Rang mit sich bringt. Ihre Rangstufe verleiht den Erklärungen, die sie in ihren Kompetenzbereichen abgeben, größeres Gewicht. So können Menschen, deren Fähigkeiten erkannt wurden, einen segensreichen Einfluss auf den Fortschritt ausüben. Vielleicht kann man darüber hinaus sogar sagen, dass es nur bei solchen Personen angemessen ist, ein entsprechendes Maß an Respekt zu erweisen, die sich in einer gesellschaftlich wertvollen Kunstfertigkeit hervorgetan haben oder die eine Position innehaben, in der sie für die Entwicklung der gesamten Bevölkerung wirken können.
Das Dilemma mit Rang ist also nur dadurch zu lösen, dass man eine Form findet, in der er sich positiv für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und Fortschritt auswirkt, jedoch die negativen Züge, die der Einheit und Gerechtigkeit entgegenstehen, vermeidet. Dies bringt uns zu einer ausführlichen Betrachtung des Bahá´í-Konzeptes von hohem Rang.

Das Bahá´í-Konzept von Rang

Die Bahá´í-Schriften enthalten keine genaue Beschreibung einer künftigen Gesellschaftsform. Trotzdem enthüllt die Lektüre dieser Texte einige deutliche Merkmale, die zweifellos mit dem weiteren Fortschritt der gesellschaftlichen Entwicklung stärker herausgearbeitet werden.
Das Universale Haus der Gerechtigkeit hat erklärt, dass „das richtige Funktionieren der menschlichen Gesellschaft die Beibehaltung von Rangstufen und Klassen unter ihren Mitgliedern erfordert.“ Weitere Einzelheiten finden sich an verschiedenen Stellen in der Bahá´í-Literatur, vor allem in Das Geheimnis göttlicher Kultur, wo `Abdu´l-Bahá die wichtigsten Rangstufen innerhalb der Gesellschaft herausstellt. Eine hohe Stellung weist er den weisen und fähigen Staatsmännern, den Gelehrten und all denen zu, die darum bemüht sind, die Gesellschaft zu verbessern und die Wohlfahrt der Bürger zu fördern. 35
Bahá´u´lláh unterstreicht die Bedeutung des Ranges und seiner Rolle in der menschlichen Gesellschaft. Nach Bahá´u´lláh liegt der Schlüssel zum sozialen Zusammenhalt und Fortschritt in der „Einheit von Rang und Stufe.“ Er merkt an, dass das grundlegende dynamische Prinzip, das diese Einheit vorantreibt, in der Erkenntnis besteht, dass der oder die Einzelne sich „auf der gleichen Ebene und auf der gleichen Stufe sehen sollte wie die anderen.“ Diese Erkenntnis beruht wiederum auf dem Bewusstsein, dass die Würde einer Person in ihrer Eigenschaft als „Gefäß des Zeichens Gottes“ begründet ist. Mit Nachdruck hebt Bahá´u´lláh die Bedeutung dieser grundlegend geistigen Perspektive für soziale Beziehungen hervor, indem Er auf den zerstörerischen Einfluss jener Menschen hinweist, die sich als überlegen an Wissen, Gelehrsamkeit und Tugenden betrachten, die sich über andere erheben oder nach Privilegien suchen; denn solches Verhalten untergräbt die Grundlagen der Gesellschaft. Damit wird an der grundsätzlichen Ebene der geistigen Werte der negative Einfluss asymmetrischer Beziehungen und der mit ihnen verbundenen Haltung der Überheblichkeit und des selbstherrlichen Machtstrebens angesprochen. 36
Die Rechtmäßigkeit, die der Existenz von Rangstufen in einer Bahá´í-Gesellschaft zugesprochen wird, ist verbunden mit der Erkenntnis, dass dem Rang hier eine einzigartige Gestalt gegeben ist, die das im vorigen Abschnitt beschriebene Dilemma auflöst. Die sozialen Vorzüge von Rang bleiben erhalten, aber die Wurzel für Ungerechtigkeit und Unterdrückung ist beseitigt.
Die Vorstellung der Bahá'í von Rang ist eng mit Funktionalität verknüpft. Rang kann verliehen werden als Anerkennung hervorragender Verdienste zum Nutzen der Gesellschaft, oder er kann der Ausdruck von Verantwortlichkeiten in der Bahá´í-Administration sein, in die eine Person durch Wahl oder Ernennung berufen wird.
An einer Textstelle spricht Bahá´u´lláh davon, „wie die Stufe der Diener Gottes geschützt und gewahrt wird.“ Er führt aus, seine Anhänger sollten „keiner Seele den schuldigen Lohn versagen“ und „Fachleuten Ehre zollen.“ An anderer Stelle preist Er „rechtschaffene, gebildete Menschen, die sich der Führung anderer widmen, die von einer niederen, begehrlichen Wesensart befreit sind und dagegen geschützt bleiben“. Er rühmt sie als „Sterne am Himmel wahrer Erkenntnis“ und betont: „Es ist wichtig, ihnen mit Hochachtung zu begegnen.“ Dieser Aufruf, Hochachtung zu bezeigen, beinhaltet, dass sich solche Personen wegen ihrer Verdienste und ihres Charakters aus der Allgemeinheit der Gesellschaft herausheben, und ihnen somit ein gesellschaftlicher Rang zuerkannt wird. 37
Rangstufen gibt es in der Bahá´í-Gemeindeordnung. Die Hände der Sache Gottes werden an vielen Stellen als Personen von „erhabenem Rang“ beschrieben. Nach der Ernennung der Kontinentalen Berater stellte das Universale Haus der Gerechtigkeit klar, dass „die Beraterämter im Rang über den Nationalen Institutionen des Glaubens stehen.“ Hier ist wieder das Element der Funktionalität ausschlaggebend, indem das Haus der Gerechtigkeit bestätigt, dass jedes Kontinentale Berateramt „den nötigen Rang“ hat, „damit es sicherstellen kann, dass es in angemessener Weise informiert wird und die Geistigen Räte seinem Rat und seinen Empfehlungen die gebührende Beachtung schenken. Das Wesen der Beziehungen zwischen den Bahá´í-Institutionen ist jedoch die liebevolle Beratung und der gemeinsame Wunsch, der Sache Gottes zu dienen, und nicht die Frage von Rang oder Stufe.“ 38
Besondere Beachtung sollte der Rangstufe der Familienmitglieder Bahá´u´lláhs gezollt werden; denn aus historischer Perspektive war der Missbrauch eines hohen Ranges sehr oft mit den Taten von Personen ohne jegliches Verdienst verbunden, die lediglich aufgrund ihrer Familienbeziehungen Privilegien oder Hochachtung genossen. Bahá´u´lláh ruft seine Anhänger auf, den Mitgliedern Seiner Familie Ehre zu erweisen. Bezogen auf seine männlichen Nachkommen, die Aghsán* erklärt Er: „Es ist allen vorgeschrieben, den Aghsán Liebe zu erweisen“, und weiter: „Alle haben die Pflicht, zu den Aghsán höflich zu sein und ihnen Achtung zu erweisen, damit dergestalt die Sache Gottes verherrlicht und Sein Wort erhöht werde.“ Diese Auszeichnung ist jedoch untrennbar mit der Einschränkung verbunden: „Gott hat ihnen kein Anrecht auf das Eigentum anderer gewährt,“ und den Familienmitgliedern wird folgende funktionsfähige Verantwortung auferlegt: „Wir ermahnen euch, Gott zu fürchten, edle Taten zu vollbringen und euch so zu verhalten, wie es euch ansteht und zur Erhöhung eurer Stufe beiträgt.“ Shoghi Effendi hat dieses Thema in einem Brief, der in seinem Auftrag geschrieben wurde, wie folgt vertieft: „Je höher die Stufe derer, die das Vorrecht haben, durch Blutsbande mit dem Mittelpunkt der Sache verbunden zu sein, desto größer muss ihre Verantwortung sein, zu dienen und so durch ihre Taten zu beweisen, dass sie einer so erhabenen, verantwortungsvollen Stellung würdig sind.“ 39
Die Bahá´í-Geschichte zeigt, dass der aus den Familienbeziehungen erwachsende Rang verloren werden kann, wenn die damit verbundenen Pflichten nicht erfüllt werden. Die Mitglieder von Bahá´u´lláhs Familie, die den Bund brachen, „verloren ohne Ausnahme ihre beneidenswerten Stellungen.“ In einem Lobpreis auf das Größte Heilige Blatt, ihre Mutter und ihren als Märtyrer gestorbenen Bruder beschreibt Shoghi Effendi diese Gestalten als „diese drei unvergleichlich kostbaren Seelen, die, nach den Zentralgestalten unseres Glaubens, im Rang hoch über dem großen Heer der Helden, Buchstaben, Märtyrer, Hände, Lehrer und Verwalter der Sache Bahá´u´lláhs thronen.“ Solch eine Beschreibung bestätigt erneut, dass der Rang, den die Verwandtschaft mit Bahá´u´lláh mit sich bringt, mit hoher Verantwortung verbunden ist. Diese drei herausragenden Familienmitglieder sind ihrer Verantwortung nachgekommen, aber wer seine Pflicht versäumte, wurde ausgeschlossen. 40
Ganz allgemein werden alle, die in der Bahá´í-Gemeindeordnung einen hohen Rang erhalten, vor den Gefahren eines Missbrauchs ihrer Position eindringlichst gewarnt. Das Universale Haus der Gerechtigkeit hat aus einem im Auftrag des Hüters geschriebenen Brief zitiert: „Er legte dar, wie in der Vergangenheit bestimmte Einzelpersonen ’sich anderen an Wissen überlegen und in höherer Stellung gefühlt‘ und Spaltung verursacht hätten, und dass gerade diejenigen, ’die sich als die Allerbesten ausgaben‘, ’immer zur Quelle des Streits wurden‘.“ Das Haus der Gerechtigkeit hat erklärt, dass, „wer einen Rang bekleidet, niemals seine Stellung ausnutzen oder sich anderen überlegen fühlen sollte.“ Bahá´u´lláh selbst bekräftigt in einem vom Haus der Gerechtigkeit in der gleichen Botschaft zitierten Abschnitt: „ ’Der Mensch ist in der Tat edel, denn in jedem ruht ein Zeichen Gottes. Wer sich jedoch an Wissen, Gelehrsamkeit oder Tugend anderen überlegen fühlt, sich selbst erhöht oder Bevorzugung sucht, begeht eine schwere Sünde. Groß ist der Segen derer, die mit der Zierde dieser Einheit geschmückt sind und von Gott gnädiglich bestätigt wurden.‘ “ 41
Dazu merkt das Universale Haus der Gerechtigkeit an: „Höflichkeit, Ehrerbietung, Würde, Respekt für den Rang und die Verdienste anderer sind Tugenden, die zu Eintracht und Wohlbefinden jeder Gemeinschaft beitragen, aber Stolz und Selbstverherrlichung gehören zu den tödlichsten Sünden.“ 42
Die folgende Aussage des Universalen Hauses der Gerechtigkeit enthält eine Mahnung an die, die einen gesellschaftlichen Rang einnehmen und eine Bestätigung für die anderen: „Die wahre geistige Stufe einer jeden Seele ist nur Gott bekannt. Sie ist etwas völlig anderes als die Ränge und Stufen, die von Männern und Frauen in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft besetzt sind.“ 43
Ein neuartiges Merkmal der Bahá´í-Religion ist die bedeutsame Unterscheidung, die zwischen Rang und geistiger Stufe getroffen wird. In einem Tablet Bahá´u´lláhs ist zu lesen:
„Wisse fernerhin: Am Tage Seiner Manifestation kehrt alles außer Gott wieder, ob hoch oder niedrig, versammelt an einem Ort. ... Wenn das Wort Gottes allem Erschaffenen offenbart ist, dann wird jeder, der den Ruf hört und beachtet, zu den edelsten Seelen gezählt, auch wenn er nicht mehr ist als ein Aschenträger. Und wer sich abwendet, zählt zu den niedersten unter Seinen Dienern, übte er auch Herrschaft über die Menschen und besäße er auch alle Bücher in den Himmeln und auf Erden.“ 44
Persönliche Leistung wird gefördert, und das Fachwissen und die Dienste der Personen von hohem Rang werden geachtet und geschätzt, aber das höchste Lebensziel für einen Bahá´í ist es, geistigen Adel zu erreichen. Bahá´u´lláh bekräftigt: „Des Menschen Vorzug liegt im Dienst und in der Tugend, nicht im Prunk des Wohllebens und des Reichtums.“ Auch `Abdu´l-Bahá stellt fest: „Ohne Zweifel besteht des Menschen höchste Würde darin, dass er seinem Gott gegenüber demütig und gehorsam ist, und des Menschen größte Ehre und Herrlichkeit, seine erhabenste Stufe ist bedingt durch die genaue Befolgung der göttlichen Gebote und Verbote.“ Weiter bemerkt Er, dass „Glück und Größe, Rang und Stufe, Freude und Frieden eines Menschen nicht in seinem persönlichen Reichtum liegen, sondern in seinem hervorragenden Charakter, seinem hehren Entschluss, seiner umfassenden Bildung und seiner Fähigkeit, schwierige Probleme zu lösen.“ 45
Die Bahá´í-Schriften heben eine Anzahl von Eigenschaften hervor, die mit geistiger Auszeichnung verbunden sind und nach denen sich alle Gläubigen, ohne Ansehen ihres Ranges, sehnen. Zum Beispiel erklärt Bahá´u´lláh: „Der mit Höflichkeit Begabte hat in der Tat eine erhabene Stufe erreicht.“ Und `Abdu´l-Bahá stellt fest, dass „des Menschen höchste Ehre und wahres Glück in der Selbstachtung liegen, in hohen Entschlüssen und edlen Vorsätzen, in der Unversehrtheit und Sittlichkeit der Person, in der Reinheit des Denkens.“ 46
`Abdu´l-Bahá unterstreicht die Wichtigkeit des Dienstes an der Menschheit für das geistige Leben und sagt, dass „Ehre und Würde des Einzelnen“ darin liegen, dass er „zu einer Quelle des gesellschaftlichen Wohles wird.“ Er führt dieses Thema weiter aus: „Es ist die höchste Tugend für begnadete Seelen, hilflose Weggenossen bei der Hand zu nehmen und sie von ihrer Unwissenheit, Erniedrigung und Armut zu befreien, sich mit lauteren Beweggründen und aus reiner Liebe zu Gott aufzumachen und zielstrebig dem Dienst an den Massen zu weihen, dabei den eigenen weltlichen Nutzen zu vergessen und nur im Dienst am Allgemeinwohl zu wirken.“ Zusätzlich verbindet `Abdu´l-Bahá „wahren religiösen Glauben“ mit der Verwirklichung der oben genannten Ziele, denn ein Mensch, „der an Gott und Sein Wort glaubt, wird um Gottes willen seinen eigenen Vorteil und seine Behaglichkeit aufgeben und sich mit Herz und Seele, aus freien Stücken, dem Allgemeinwohl weihen.“ 47

Suche nach neuen Führungskonzepten

In Anbetracht des Nachdrucks, den die Bahá´í-Lehren auf eine von hohen Grundsätzen bestimmte Lebensführung und eine auf Dienst gerichtete Orientierung legen, verbunden mit der Erkenntnis, dass Menschen, die Rang und Fähigkeiten in sich vereinen, eine derart wichtige Rolle für den sozialen Zusammenhalt und für den Prozess gesellschaftlichen Wandels spielen, so ist es interessant, dass die jüngste Forschung in den Bereichen Konfliktlösung und Management bestrebt ist, neuartige Konzepte der Friedensbildung und fortschrittliche Führungskonzepte zu finden, die sich von den derzeit vorherrschenden unterscheiden. Für ersteres hat man sich zum Beispiel auf die Mittel zur Konfliktreduzierung in der Gesellschaft konzentriert. Es hat sich unter anderem gezeigt, dass die Bildung symmetrischer Beziehungen, die auf einem Gefühl von Gleichwertigkeit unter den streitenden Parteien begründet sind, sowie die Wahl eines partnerschaftlichen anstelle des bisherigen machtorientierten Ansatzes der Problemlösung wichtige Mittel zur Konfliktlösung darstellen. Eine Kommission für Psychologische Friedensforschung hat das Konzept der Konfliktlösung so erweitert, dass es auch die Idee einer „Kultur des Friedens“ umfasst. Diese wird folgendermaßen beschrieben:
„Eine Kultur des Friedens sollte grundsätzlich nicht als ein konfliktfreies Utopia verstanden werden, sondern als eine Kultur, in der Einzelne, Gruppen und Völker miteinander produktive Beziehungen auf der Grundlage der Zusammenarbeit unterhalten und ihre unvermeidlichen Konflikte in konstruktiver Weise handhaben. Es ist eine Kultur achtsamer und gerechter Beziehungen zwischen Einzelnen, Gruppen und Völkern unter voller Anerkennung ihrer positiven Interdependenz [d.h.: Verflochtenheit, wechselseitige Abhängigkeit] sowohl untereinander als auch mit ihrer Umwelt. Eine Kultur des Friedens erfordert also viel mehr als nur die Abwesenheit des Krieges – sie erfordert soziale Gerechtigkeit, Normen für Unparteilichkeit und für multikulturelle Sensibilität sowie soziale Beziehungen, die zu Gewaltfreiheit, nachhaltiger Entwicklung und menschlichem Wohlbefinden beitragen.“ 48
Solche Ergebnisse stehen im Einklang mit der Bahá´í-Perspektive zum Thema Rang und gewähren nützliche Einblicke in die Dynamik, die zu gesellschaftlichem Zusammenhalt und Fortschritt führt.
Im Bereich des Managements hat eine in letzter Zeit erstellte Studie den Führungsstil von Personen erforscht, die mit Erfolg eine gute Organisation in eine hervorragende verwandelt haben. Die als „gegen die eigene Intuition“ beschriebenen Ergebnisse besagen: „Gemeinhin nimmt man an, die Aufgabe, eine Firma von einem hohen auf ein überragendes Niveau emporzuheben, erfordere ’überlebensgroße’ Führungskräfte - also besonders große Persönlichkeiten.“ Entgegen herkömmlicher Weisheit und entgegen „einem großen Teil der herrschenden Management-Theorie“ hat die Studie jedoch gezeigt, dass „eine Person, die äußerste persönliche Demut mit einem intensiven beruflichen Willen verbindet,“ genau die Kombination von Eigenschaften besitzt, die nötig ist, um nachhaltigen Wandel in einer Organisation zu beschleunigen. 49
Ein Führungsstil, der von Demut und Willen geprägt ist, führt zu einer Reihe von interessanten Schlussfolgerungen. Nach der oben erwähnten Studie äußert sich Demut in einer „gewinnenden Bescheidenheit.“ Diese Person ist zum Beispiel niemals überheblich und meidet öffentliche Schmeicheleien; vielmehr handelt sie mit „ruhiger, gelassener Entschlossenheit“, motiviert andere eher durch „inspirierte Anforderungen“ als durch „inspirierendes Charisma“, und richtet ihren Ehrgeiz eher auf die Organisation statt darauf, sich selbst herauszustellen. Außer einer äußersten Demut bekunden solche Personen einen starken beruflichen Willen, der sich in ihrer Entschlossenheit zeigt, hohe Standards aufrecht zu erhalten und andere innerhalb der Organisation anzuregen, dies gleichfalls zu tun. Auch versuchen sie durch strategisches Handeln, den langfristigen Erfolg der Organisation zu sichern und andere zu befähigen, an diesem Prozess teilzunehmen. 50
Im Lichte der vorangehenden Diskussion über das Bahá´í-Konzept von hohem Rang und die Art, wie es von gegenwärtigen Auffassungen von gesellschaftlichem Rang abweicht, wollen wir das Beispiel Bahíyyih Khánums, der ranghöchsten Frau in der Bahá´í-Sendung, anbieten, um so weitere Einblicke in die Verantwortlichkeiten gewinnen zu können, die mit Rang verbunden sind.

Rang und Stufe des Größten Heiligen Blattes

Bahá´u´lláh wies Seiner Tochter Bahíyyih Khánum eine sehr hohe, hervorragende Stufe zu. Er richtet sich mit den folgenden Worten an sie: „Wahrlich, Wir haben dich in den Rang einer der ruhmreichsten deines Geschlechts erhoben und dir an Meinem Hofe eine Stufe zuerkannt, die von keiner anderen Frau übertroffen wurde. So haben Wir dich ausgezeichnet und dich über die übrigen erhöht als Zeichen der Gnade von Ihm, dem Herrn des Thrones in der Höhe und hienieden auf Erden.“ 51
Obwohl sich der Rang des Größten Heiligen Blattes aus ihrem Familienhintergrund herleitete, reichte dennoch die Familienzugehörigkeit alleine nicht aus. Es zeigt sich klar, dass ihre Erhebung auf eine so hohe Stufe zu einem großen Teil auf ihren Handlungen und auf den Eigenschaften beruhte, die sie bewies. Indem der Hüter die aufopfernden Dienste schildert, die Bahíyyih Khánum in der Zeit Bahá´u´lláhs und in den frühen Tagen der Amtszeit `Abdu´l-Bahás erbrachte, bekräftigt er:
„Ob in der Führung der Angelegenheiten Seines Haushalts, die sie so ausgezeichnet bewältigte, oder in den gesellschaftlichen Beziehungen, die sie so gewissenhaft pflegte, um Bahá´u´lláh wie auch `Abdu´l-Bahá abzuschirmen, ob in der nie versagenden Fürsorge für die täglichen Bedürfnisse ihres Vaters oder in den Charakterzügen Großherzigkeit, Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit, die sie bekundete: Das Größte Heilige Blatt hatte zu dieser Zeit in überreichem Maße bewiesen, dass sie würdig war, als eine der vornehmsten Persönlichkeiten zu gelten, die aufs engste mit der lebenslangen Arbeit Bahá´u´lláhs verbunden waren.“ 52
Es wird auch deutlich, dass die Bahá´í-Gemeinde zunehmend ihren Rang erkannte, während sich die Bandbreite ihrer Funktionen erweiterte. Shoghi Effendi bezeugt, dass in den Tagen von Bahá´u´lláhs Einkerkerung in der Gefängnisstadt `Akká, als die Feinde des Glaubens Schwierigkeiten machten, „der Wert und der hohe Rang“ des Größten Heiligen Blattes in der ganzen Gemeinde erkannt wurde. Das Verständnis für den Rang des Größten Heiligen Blattes nahm weiter zu, als ihre Funktion ein wenig mehr in die Öffentlichkeit rückte, – als sie zum Beispiel während der Reisen `Abdu´l-Bahás in den Westen als Seine „kompetente Stellvertreterin“ und „Statthalterin“ fungierte, und nochmals in den ersten Jahren des Hütertums während Shoghi Effendis Abwesenheiten vom Weltzentrum, als sie die Hauptverantwortung dafür trug, die laufenden Geschäfte des Glaubens zu lenken. Die im nachstehenden Briefauszug angekündigte Entscheidung des Hüters, nach dem Hinscheiden des Größten Heiligen Blattes eine ausgedehnte Zeit der Trauer weltweit einzuhalten, schärfte das Bewusstsein der Gläubigen für ihren Rang noch weiter. Der Brief hat folgenden Wortlaut:
„O ihr getreuen Freunde! Es ist richtig und angemessen, dass zu Ehren ihrer hohen Stufe in den Versammlungen der Anhänger Bahá´u´lláhs – des Ostens wie des Westens – alle Bahá´í-Festlichkeiten und -Feiern über einen Zeitraum von neun Monaten gänzlich ausgesetzt werden, und dass in jeder Stadt und jedem Dorf Gedenkgottesdienste stattfinden, die von Feierlichkeit, Geistigkeit, Demut und Hingabe geprägt sind. Dabei sollten in erlesenster Sprache die leuchtenden Attribute dieses herrlichsten Blattes, dieses Urbilds des Volkes von Bahá, ausführlich gewürdigt werden.” 53
Schließlich wird ihre unerlässliche Rolle für die Entfaltung der Bahá´í-Gemeindeordnung noch durch den Ort ihrer Ruhestätte unterstrichen, der als Brennpunkt für jene Gebäude dient, die die wichtigsten Institutionen der Bahá´í-Religion auf dem Berge Karmel beherbergen.

Funktionen in Verbindung mit ihrem Rang

Wie schon erwähnt, wird die verbindliche, maßgebliche Führung der Bahá´í-Gemeinde - statt an Einzelpersonen - demokratisch gewählten Institutionen verliehen, die auf örtlicher, nationaler und internationaler Ebene der Gesellschaft wirken. Dadurch werden einige der Missstände vermieden, die herkömmlich mit Rang und Privilegien verbunden sind. Folglich haben in der Bahá´í-Gemeindeordnung Personen von Rang, das Größte Heilige Blatt nicht ausgenommen, keinerlei Recht, etwas anzuordnen oder Macht über die Bahá´í-Gemeinde auszuüben.
Bahíyyih Khánum suchte für sich selbst weder Macht noch Stellung, obwohl sie bereitwillig alle administrativen Aufgaben erfüllte, die ihr übertragen wurden. Vielmehr stellte das Größte Heilige Blatt sicher, dass sich die Gläubigen an `Abdu´l-Bahá und später an Shoghi Effendi wandten, um Führung zu erhalten, und sie richtete die Aufmerksamkeit der Gemeindemitglieder auf die maßgebliche Führung, die in den Lehren des Glaubens enthalten ist.
In ihrer Eigenschaft als amtierendes Oberhaupt der Bahá´í-Religion wachte das Größte Heilige Blatt über die alltäglichen Aktivitäten der Bahá´í-Weltgemeinde. Sie war die ausersehene Kontaktstelle für die Gläubigen und ihre Institutionen, eine zuverlässige Informationsquelle für alle, und sie war diejenige, an die man sich bei Problemen wandte. Sie arbeitete mit den Geistigen Räten zusammen, erteilte ihnen Rat und ermutigte sie bei der Planung und Durchführung von Vorhaben im Einklang mit der Führung, die in den Schriften des Glaubens enthalten ist. Sie förderte die Entwicklung dieser keimhaften Institutionen und gab ihnen den nötigen Freiraum für die Durchführung von Initiativen entsprechend der jeweiligen örtlichen Gegebenheiten.
Das Größte Heilige Blatt wirkte auch als eine Kraft für die Einheit innerhalb der Bahá´í-Gemeinde. Dies bezeugen ihre Schritte zum Schutz der Gemeinde vor den Angriffen der Bundesbrecher, ihre geduldige Erziehung der Gemeinde, alle ihre Bekundungen liebevoller Anteilnahme und die Art, wie sie mit Regierungsbeamten Verbindung aufnahm. Mit großer Weisheit unternahm sie es, die Gemeindeglieder an die Führung durch Geistige Räte zu gewöhnen, da die Gläubigen eher einen charismatischen, individuellen Führungsstil gewohnt waren, und ebenso schmiedete sie einen größeren Zusammenhalt und ein Zugehörigkeitsgefühl zur weltweiten Bahá´í-Gemeinde.
Bei der Ausübung ihrer Funktionen bezog das Größte Heilige Blatt Inspiration und Orientierung aus den grundlegenden Schriften des Glaubens und griff auf das Beispiel ihres Vaters Bahá´u´lláh wie auch ihres Bruders `Abdu´l-Bahá zurück Sie begeisterte die Gläubigen, indem sie sie zu dem hohen Maßstab führte, den die Bahá´í-Lehren setzen, und sie übte moralischen Einfluss aus, indem sie die Freunde aufrief, die in den heiligen Schriften gegebene Führung in die Tat umzusetzen. Es zeigt sich deutlich, dass sie den Respekt der Gläubigen nicht nur wegen des ihr bestimmten Ranges gewonnen hat, sondern auch wegen ihrer einzigartigen Eigenschaften, wegen ihrer beispielhaften Art der Ausübung ihrer Funktionen und wegen ihres enormen Anteils am Fortschritt der Bahá´í-Gemeinde.

Die Natur ihrer Beziehungen

Ein genauerer Blick auf die mitmenschlichen Beziehungen, die das Größte Heilige Blatt pflegte, hilft uns, die mit hohem Rang verbundenen Verpflichtungen aus Bahá´í-Sicht besser zu verstehen. Die Art, wie sie ihre Funktionen ausübte, unterscheidet sich deutlich von gängigen Verhaltensmustern. Es fehlt jede Spur von Überheblichkeit, Abgrenzung oder Selbstverherrlichung. Im Gegenteil: Wie Shoghi Effendi feststellt, besaß Bahíyyih Khánum „eine ungekünstelte Einfachheit der Umgangsformen, eine ausgeprägte Geselligkeit, die sie für alle ansprechbar machte,“ und „eine ruhige, bescheidene Art, die dazu beitrug, die Würde ihres hohen Ranges noch tausendfach zu erhöhen.“ Darüber hinaus bekundete sie „eine Herzensgüte, die jede Unterscheidung nach Glauben, Klasse oder Rasse auslöschte.“ 54
Persönliche Demut und Bescheidenheit waren hervorstechende Charaktermerkmale des Größten Heiligen Blattes. Dies zeigt besonders die Art, wie sie auf ihre Ernennung zum Oberhaupt des Glaubens durch Shoghi Effendi reagierte. Sie schreibt: „Für die Zeit seiner Abwesenheit ... ist diese Gefangene ernannt worden, die Angelegenheiten des Glaubens in gemeinsamer Beratung mit den Mitgliedern des Heiligen Haushalts zu verwalten.“ 55
In ihrem ganzen Leben war Bahíyyih Khánum nach den Worten Shoghi Effendis „selbstvergessen.“ In ihren persönlichen Aufzeichnungen vermerkt sie Einzelheiten aus dem Leben ihres Vaters und die Taten `Abdu´l-Bahás. Nur selten fügt sie sich selbst in den historischen Bericht mit ein, und noch seltener teilt sie ihr persönliches Empfinden bei den Ereignissen mit, die sie nicht nur miterlebte, sondern bei denen sie aktiv mitwirkte. 56
Keine Aufgabe war für sie zu niedrig oder unwichtig. Sie ergriff jede Gelegenheit zum Dienst, die sich bot. Ihr oberster Grundsatz war, den Anforderungen des Glaubens absolute Priorität zu geben. Sie verkörperte eine vollkommene Verbindung von Demut und Willen. Shoghi Effendi bezeugt: „Fremde und Freunde gleichermaßen waren bestrickt durch ihre Herzensgüte, ihr geistiges Wesen, ihre unaufhörliche Fürsorge für sie und ihre sanfte Art, sie waren überwältigt durch ihre große Nachsicht mit ihnen und durch die Art, wie sie ihnen nützlich war und für sie sorgte. Der Verstand konnte nur staunen über dieses feine, durchgeistigte Wesen, ihre Majestät und Größe, ihre himmlische Bescheidenheit, ihre Nachsicht und ihr geduldiges Ausharren. Mitten in der allerschlimmsten Zerreißprobe lächelte sie wie eine aufblühende Rose, und auch in den dunkelsten, furchtbarsten Zeiten verbreitete sie ihr Licht wie eine hell leuchtende Kerze.“ 57
Die Familienangehörigen, die Pilger und alle, die Gelegenheit hatten, ihr zu begegnen, fühlten sich zu ihr hingezogen. Eine Bahá´í-Pilgerin berichtet, dass Bahíyyih Khánums „starke, aber sanfte Autorität sie ganz natürlich zum Haupt der Haushaltsgruppe im Umkreis `Abdu´l-Bahás machte.“ Eine andere Pilgerin hinterließ folgende Schilderung ihrer Eindrücke vom Größten Heiligen Blatt und der Lehren, die sie aus ihrem Beispiel zog. Sie schreibt:
„Ihre Ausgewogenheit, ihr Sinn für das Feine und Schickliche und ihr praktisches Urteil bei allen Fragen von Ordnung und Schönheit im Haushalt und bei allem, was dem Wohlbefinden dient, vereinigten sich zu einem harmonischen Umfeld. Ihre Willensstärke führte niemals dazu, andere zu überrumpeln, und niemals zwang sie ihre klaren Ansichten anderen auf. Ihr Betragen war sanftmütig. Während andere die Nussschale mit einem harten Schlag aufbrachen, war es ihre Art, den Kern mit unendlicher Sorgfalt und Geschicklichkeit herauszuschälen. Bei ihr gab es kein Fordern oder Befehlen; sie lächelte und winkte nur, und keiner kam unter Zwang oder weil sie es so wollte. So ruhig wirkte sich ihr Einfluss aus, dass man sich dessen kaum bewusst wurde.“ 58
Das Vorgehen des Größten Heiligen Blattes verdeutlicht ihr Geschick, einen Sinn für Organisation und Ordnung und einen einigenden Geist zur Geltung zu bringen.
In ihrem ganzen Leben war das Größte Heilige Blatt eine Friedensstifterin und eine Kraft für Einheit und Verständigung. Ihr Umgang mit Freunden und Feinden des Glaubens, mit hoch und niedrig war konstruktiv, achtsam, rücksichtsvoll und unverändert geduldig. Es ist wirklich interessant zu verfolgen, welche Wichtigkeit sie dem Umgang mit anderen beimaß. Shoghi Effendi deutet an, dass das Größte Heilige Blatt „emsig gesellschaftliche Beziehungen pflegte“ zu dem einzigen Zweck, Bahá´u´lláh und `Abdu´l-Bahá abzuschirmen. Vor einem Konflikt zog sie sich nie zurück, und sie zögerte nicht, auf den Bahá´í-Maßstab aufmerksam zu machen und, wo nötig, Grenzen zu setzen. Die Einheit, die sie pflegte, gründete sich auf geistige und administrative Grundsätze statt auf Kompromisse, und so schuf sie die Bedingungen für die Errichtung einer „Kultur des Friedens“, für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Fortschritt. 59
Der folgende Auszug aus einem in Shoghi Effendis Auftrag geschriebenen Brief zeigt, welcher Art die von Bahíyyih Khánum gepflegten persönlichen Beziehungen waren, und beleuchtet einige besondere Merkmale ihres Umgangs mit Menschen:
„Sie, die erwählte Treuhänderin Bahá´u´lláhs, war das Sinnbild Seines unendlichen Mitleids, das Tagesgestirn am Himmel Seiner Freigebigkeit und Gnade. Diese geheiligte Seele war die Offenbarung der liebevollen Güte Dessen, der die Schönheit des Allherrlichen ist, war der sprudelnde Quell der Gunstbezeigungen und Gnadengaben Dessen, der der Herr, der Allhöchste ist. Sie war Trost für jeden Leidgebeugten, Erquickung für jedes gebrochene Herz. Sie, die Spur Bahás, war dem Waisen eine liebevolle Mutter, und dem Unglücklichen und Verstörten wusste sie einen Weg zu weisen. Ihr heiliges Leben erleuchtete und entflammte die Welt, ihre himmlischen Eigenschaften und Handlungen bildeten einen Maßstab für Menschen auf der ganzen Welt. Wie eine Wolke des Erbarmens regnete sie ihre Gaben herab, und ihre Geschenke erfrischten die Seele wie der Morgenwind.“ 60
Die Beziehung des Größten Heiligen Blattes zu den Menschen war feinfühlig und spendete viel Kraft. Zur Zeit des Hinscheidens von `Abdu´l-Bahá zeigte sie Verständnis für die Bestürzung und Beunruhigung der Gläubigen. Auch sprach sie den Bahá´í Mut zu und half ihnen, in ihrem Dienst an der Sache Gottes standhaft zu sein. Sie fühlte mit ihnen, als sie bemüht waren, die neuen Bestimmungen des Bundes zu verstehen und die Notwendigkeit des Gehorsams gegenüber den keimhaften Institutionen des Glaubens zu erfassen. Sie überschüttete die Gläubigen mit ihrer liebevollen Zuwendung, beriet und schulte sie und erfreute sich danach an ihren Leistungen.
Die Beziehung des Größten Heiligen Blattes zum jungen Hüter Shoghi Effendi war von äußerster Zartheit und verdient genaue Betrachtung. Wie sehr Shoghi Effendi von der Ermutigung und der Kraft seiner Großtante abhing, beweisen seine Beteuerungen, dass er „durch die Hand ihrer Liebe erzogen“ wurde und dass sein „zartes Wesen“ „von ihrer Liebe durchdrungen, durch ihre Kameradschaft erfrischt und durch ihren unvergänglichen Geist getragen“ wurde. Shoghi Effendi erklärt, dass er sich in der dunklen Zeit nach `Abdu´l-Bahás Hinscheiden „in der Umarmung ihrer Liebe“ befand und dass das Größte Heilige Blatt ihn „mit unvergleichlicher Barmherzigkeit und Zärtlichkeit“ „überzeugte, führte und zu den Erfordernissen des Dienens antrieb.“ 61
Shoghi Effendis Briefe aus der Zeit des Hinscheidens des Größten Heiligen Blattes quellen über von Äußerungen seiner herzlichen Zuneigung und Dankbarkeit für die Unterstützung, die er von ihr erhielt. Auch ist es klar, dass Shoghi Effendi durch ihr Beispiel des Opfers und des Dienstes in starkem Maße angeregt wurde. In einem seiner Briefe schreibt er: „Wenn ich mir am Morgen und am Abend ihr geliebtes Antlitz vergegenwärtige und mir ihr Lächeln, das meinen Geist labt, wieder vor Augen halte, wenn ich über ihre Freigebigkeit, ihre unzähligen Freundschaftsbeweise für mich nachsinne und die erstaunliche Langmut bedenke, die sie in ihren Leiden bewies – dann werden die Flammen sehnsüchtiger Liebe aufs neue angefacht. ...“ 62
Hier wird ersichtlich, dass das Größte Heilige Blatt in ihren Beziehungen zu anderen viele mütterliche Züge zeigte. Shoghi Effendi beschreibt sie als „eine wirkliche Mutter für jeden von uns, eine Trostspenderin in unseren Schmerzen und Bedrängnissen und eine Freundin in den Augenblicken äußerster Einsamkeit und Verzweiflung.“ Er äußert sich weiter über ihre umsorgenden Qualitäten und hebt die „mütterliche Fürsorge und Liebe“ hervor, die Bahíyyih Khánum bewies. Er beschreibt sie als eine „verzehrende Liebe, die aus Gott geboren ist und die allein die Seelen der Menschen entflammen kann.“ Es zeigt sich also, dass die Art von „mütterlicher Fürsorge und Liebe“, die sie vorlebte, über die gewohnte Vorstellung von einer Mutter-Kind-Beziehung weit hinausging. Sie verkörpert stattdessen eine weit gespannte, viel umfassendere Auffassung, die für Frauen und Männer gleichermaßen gilt. 63
Und zuletzt, als nach dem Hinscheiden Bahíyyih Khánums der Hüter die Woge des Kummers beschrieb, die die Bahá´í-Gemeinde des Ostens und des Westens erfasste, da gab er an, dass die Bahá´í nicht nur eine geliebte, hochgeschätzte Freundin verloren hätten, sondern dass sie „klagten wie eine Schar verlassener Waisenkinder.“ Dieses anschauliche Bild hält die Einmaligkeit der Beziehung des Größten Heiligen Blattes zu anderen fest und zeigt, mit welch tiefer Empfindung diese auf ihre Persönlichkeit reagierten. 64
Das Leben und das Beispiel des Größten Heiligen Blattes vermitteln nicht nur eine einmalige Sicht auf die Bedeutung von hohem Rang und dessen Rolle in der Gesellschaft, sondern zeigen auch, wie die mit dem Rang verbundene Verantwortung so wahrgenommen werden kann, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt und persönliche Initiative gefördert werden. Sie unterstützte aktiv die regierenden Institutionen und arbeitete mit ihnen zusammen, und sie entwickelte einen Führungsstil, der Fürsorge, Vertrauen und Ermutigung veranschaulichte. Sie inspirierte und motivierte andere durch die Hinwendung auf die geistigen Grundsätze und Maßstäbe, die in den Bahá´í-Schriften niedergelegt sind. Sie errang die Hochschätzung der Gläubigen ebenso wie die der Nichtgläubigen durch die herausragende Qualität ihres Beitrags zur Einheit und zur Entfaltung der Bahá´í-Gemeinde.

Umgang mit Veränderung


Ein Hauptmerkmal der modernen Welt ist der immer schnellere Wandel. Die Kräfte der Modernisierung wirken sich direkt auf die Einzelnen und auf alle Bereiche der menschlichen Gesellschaft aus. Während einige Veränderungen sofort akzeptiert werden, erwecken Veränderungen in den Werten und Verhaltensmustern schnell den aktiven Widerstand derer, die sich der Einhaltung des Status quo verschrieben haben. Unter diesem Blickwinkel erscheint Wandel dann als eine Bedrohung der persönlichen, religiösen, ethnischen oder nationalen Identität und als Ursache für soziale Spannungen und Uneinigkeit. Eine der Herausforderungen für die heutige Gesellschaft ist daher die Notwendigkeit, eine dynamische Gesellschaftsordnung zu entwerfen und zu schaffen, in der es sowohl für Veränderung als auch für Beständigkeit einen Platz gibt, innerhalb der äußeren Grenzen, in denen die Einheit und Identität der Gemeinschaft gewahrt wird. Mit dieser Herausforderung verbunden ist die Identifizierung von Bewältigungsstrategien, die von Menschen angewandt werden, die nicht nur persönliche Veränderung konstruktiv regeln, sondern die auch den Prozess der sozialen Evolution ankurbeln.
In diesem Abschnitt wollen wir die Bahá´í-Vorstellung von Wandel betrachten. Als Beispiel bieten wir die Mittel und Wege an, die das Größte Heilige Blatt einsetzte, um die Bahá´í-Gemeinde durch ihre Übergangsperiode vom Heroischen ins Gestaltende Zeitalter des Glaubens hindurchzusteuern.

Eine ständig fortschreitende Kultur

Die großen Religionen der Welt sind klassischerweise Quellen für Visionen und Werte und die wichtigsten Triebkräfte bei der Entstehung von Gesellschaft. Die geistigen Prinzipien und Werte, die sie dem Menschen auferlegen, bilden nicht nur die Grundlage für eine vereinigende Weltsicht, sondern motivieren auch den Einzelnen und die sozialen Institutionen, nach diesen Prinzipien zu handeln und sie als Maßstab für die Beurteilung praktischen Handelns zu gebrauchen. Deshalb kann Religion einen bedeutenden Beitrag zu dem Veränderungsprozess leisten. Zweck der Religion ist es, wahre Freiheit für den menschlichen Geist zu stiften, damit jede und jeder Einzelne frei sein kann, um die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Diese Befreiung ist das Fundament, auf dem die schöpferischen und innovativen Kräfte zum Ausdruck kommen können. Das Ergebnis muss notwendigerweise ein Wandel in allen Bereichen menschlichen Lebens sein: Der Erwerb neuen Wissens, die Weiterentwicklung der Wissenschaften und der Bildungsmöglichkeiten, eine neue Blüte des künstlerischen Ausdrucks und der Kulturformen, Fortschritte in Handel und Kommunikation und die Schaffung neuer Formen sozialer Organisation.
In dem folgenden Zitat unterstreicht `Abdu´l-Bahá die lebenswichtige Rolle der Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für die Entwicklung der Zivilisation. Er schreibt:
„Allumfassende Wohltaten strömen aus der Gnadenfülle der göttlichen Religionen, denn sie führen die wahren Gläubigen zu aufrichtigen Absichten, edlen Zielen, Reinheit und makelloser Ehrbarkeit, umfassender Herzensgüte, Mitempfinden, Vertragstreue, Rücksichtnahme auf die Rechte anderer, Großzügigkeit, Gerechtigkeit in allen Lebenslagen, Menschlichkeit und Nächstenliebe, Tapferkeit und unermüdlichem Eifer im Dienst an der Menschheit. Mit einem Wort, es ist die Religion, die alle menschlichen Tugenden hervorbringt, und diese Tugenden sind das strahlende Licht der Kultur.“ 65
Die Geschichte ebenso wie das zeitgenössische Geschehen zeigen aber auch, dass die Religion Veränderung und Wandel feindlich gegenüberstand und sich als hartnäckige, entschlossene Gegnerin der Kräfte des Wandels erwiesen hat. Man kann sich wohl fragen, woher es kommt, dass eine so mächtige Triebfeder des Wandels, ausersehen für die Erhöhung der Menschheit, ihren eigentlichen Zweck so sehr veruntreuen und zu einem reaktionären Hindernis für Wandel werden sollte.
Es gibt viele Gründe. Einer der wichtigsten ist die Befürchtung der geistlichen Würdenträger, der Wandel werde ihre Stellung untergraben, indem er demokratische Bestrebungen zum Ausdruck bringt, die Gleichstellung der Geschlechter verlangt und neue Organisationsformen erhofft, um so den Bedürfnissen einer modernen Gesellschaft gerecht zu werden. Sozialer Wandel lässt auch einige der religiösen Gebote als ungeeignet für die neue Situation erscheinen. Es tauchen neue Fragen auf, zu denen die Religion schweigt, was dazu führt, dass unter ihren Anhängern keine Einigkeit erzielt werden kann. Der wissenschaftliche Fortschritt bringt auch Ablehnung gegenüber dogmatischen Aussagen der geistlichen Autoritäten mit sich, zum Beispiel über die Größe und Beschaffenheit des Weltalls, das Alter der Erde, die Auflösung der sterblichen Überreste nach dem Tod, die Ursachen für Krankheiten und Leiden, die Evolution, die Vielfalt der Rassen und Völker.
Die Bahá´í-Religion stellt einen ganz neuen Ansatz vor. Sie ist eine Religion, die den Wandel bejaht und fördert, und die als wahren Lebenszweck aller Menschen die Teilhabe an einer ständig fortschreitenden Kultur sieht. `Abdu´l-Bahá spricht von der Weisheit, die im Wandel liegt, und bemerkt: „Die Zeiten bleiben sich niemals gleich, denn Veränderung ist eine notwendige Eigenschaft und ein Wesensmerkmal dieser Welt und ebenso von Zeit und Raum.“ 66
Die Schriften Bahá´u´lláhs sehen den Fortschritt der menschlichen Geschichte als eine Evolution, die durch Stationen der Kindheit und Jugend und durch immer höhere Stufen menschlicher Fähigkeit und Reife bis ins Erwachsenenalter führt. Diese Evolution zur mündigen Reife findet ihre Entsprechung in der immer komplexeren Organisation der menschlichen Gesellschaft, die sich, vom Familienverband in frühesten Zeiten ausgehend, nach und nach zum Stammesverband, zum Stadtstaat und zur Nation entwickelte. Den Höhepunkt dieses Prozesse bildet die Vereinigung der ganzen Welt, die „den Eintritt des gesamten Menschengeschlechts in den Zustand der Mündigkeit“ ankündigt und „die letzte, höchste Stufe in der ... Entwicklung des menschlichen Zusammenlebens auf diesem Planeten“ darstellt. 67
Die Bahá´í-Schriften beschränken sich nicht auf reine Theorie. Die Vorkehrungen des Bahá´í-Bundes und die Institutionen, die dieser schuf – die klare, unzweideutige Ernennung von Nachfolgern, die Bestimmung von bevollmächtigten Auslegern der Schriften Bahá´u´lláhs und die Wahl des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, einer Institution, die mit der Gesetzgebung in den Angelegenheiten betraut ist, die nicht ausdrücklich in den heiligen Schriften abgedeckt sind, oder die unklar sind und zu Spaltung führen – bilden den Antrieb, der kreatives Denken anregt und den Wandel fördert. Shoghi Effendi charakterisiert die zentrale Institution der administrativen Ordnung und nennt als eine ihrer Zielsetzungen, „den Glauben bündnistreu und vernunftgemäß den Erfordernissen einer fortschreitenden Gesellschaft anzupassen.“ Darüber hinaus beschreibt er als Aufgabe, die sich aus den Bahá´í-Lehren ergibt, dass eine Bahá'í-Weltgemeinde zu schaffen sei, die fähig ist, „sich wie ein lebendiger Organismus auszudehnen und auf die Bedürfnisse und Erfordernisse einer ewig sich wandelnden Gesellschaft einzustellen.“ 68
Die Bahá´í-Gesellschaftsordnung stellt sich auf Wandel ein und wahrt zugleich die grundlegende Einheit und Identität der Gemeinde. Einerseits bilden die geistigen Prinzipien, Gesetze und Lehren des Glaubens und das Gerüst der Gemeindeordnung die Grundlage für die Aufrechterhaltung der Ordnung. Andererseits stellt der Fortschritt, der als einer der „Grundsätze und Gebote Gottes“ bezeichnet wird, einen wichtigen Wert dar, der der Weltsicht der Bahá´í zugrunde liegt. 69
Der Bahá´í-Glaube ermutigt alle seine Mitglieder eindringlich, die Bedeutung seiner wegweisenden Lehren zu ergründen und ihre Einsichten und Erkenntnisse an andere weiterzugeben. Das Universale Haus der Gerechtigkeit erklärt, „solche persönliche Auslegung wird als Frucht der menschlichen Denkfähigkeit angesehen und führt zu einem besseren Verständnis der Lehren, vorausgesetzt, dass es unter den Freunden nicht zu Disputen und Meinungsverschiedenheiten kommt und der Einzelne begreift und sich klarmacht, dass seine Ansichten nur seine ganz persönlichen sind.“ Die Bahá´í werden jedoch gewarnt vor dogmatischen Erklärungen zu Fragen, die erst im Laufe der Zeit verständlich werden, vielleicht durch den Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis oder im Lichte der menschlichen Erfahrung und der sozialen Entwicklung. Das Universale Haus der Gerechtigkeit schreibt:
„Die Gläubigen müssen die Wichtigkeit intellektueller Redlichkeit und Demut erkennen. In vergangenen Sendungen sind viele Irrtümer entstanden, weil diejenigen, die an Gottes Offenbarung glaubten, übereifrig die göttliche Botschaft in den Rahmen ihres begrenzten Verständnisses hineinzwängten, weil sie Lehrgrundsätze definieren wollten, wo Definition ihre Macht überstieg, weil sie Mysterien erklären wollten, die erst die Erfahrung und Weisheit eines späteren Zeitalters verständlich machen konnte, und weil sie etwas als wahr hinstellen wollten, das ihnen wünschenswert und notwendig erschien. Solche Kompromisse mit der grundlegenden Wahrheit, solchen intellektuellen Hochmut müssen wir peinlichst vermeiden.“ 70
Es gehört zum Wesen des Bahá´í-Rechts, dass bestimmte grundlegende Prinzipien unveränderte Gültigkeit behalten werden, untergeordnete Gesetze jedoch nach den Erfordernissen der jeweiligen zeitlichen und örtlichen Gegebenheiten abgeändert werden können. In ähnlicher Weise sind die geistigen Grundsätze so beschaffen, dass sie Stabilität erzeugen und Wandel fördern, wobei sie zu einer Haltung führen, die die Entdeckung praktischer Lösungen für soziale Probleme erleichtert. Außerdem ist zwar das Grundmuster der Gemeindeordnung durch den Gottesbund festgelegt, jedoch garantieren die organische Natur seiner Institutionen und die organische Natur der Bahá´í-Gemeinde Flexibilität, sowohl in der Weiterentwicklung der Gemeindeordnung als auch in der Ausführung ihrer Bestimmungen. Somit sorgt die Bahá´í-Religion für evolutionären Wandel, den das Universale Haus der Gerechtigkeit im Einklang mit dem Entwicklungsstand und den vorherrschenden Bedingungen in der Bahá´í-Gemeinde bestimmt.

Eine Kultur des Wachstums

Das Bahá´í-Konzept des evolutionären Wandels führt zu einem prozessorientierten Denken und zur Schaffung einer Kultur des Wachstums. Die Bahá´í-Schriften nennen eine Reihe von Faktoren, die mit organischem Wachstum verbunden sind, darunter die Bedeutung einer Vision einer vorstellbaren Zukunft, die Notwendigkeit einer langfristigen Perspektive, die Wertschätzung des Fortschritts, das Erkennen der Erfordernisse für den Wandel und die Entwicklung der menschlichen und administrativen Ressourcen.
Was die Vision und den Wert einer langfristigen Perspektive auf die Ereignisse des Lebens betrifft, so erklärt Bahá´u´lláh, dass solche Vision „der Träger wahren Wissens und sein Führer“ ist, und Er erklärt, dass „nach Ansicht der Weisen Urteilskraft auf klarer Vision mit Weitblick beruht“. In einem anderen Tablet gibt Er folgenden Rat: „Am Anfang jeder Bemühung hat man die Pflicht, auf das Ende zu sehen.“ Auch die Schriften `Abdu´l-Bahás enthalten mehrere Beispiele dafür, wie günstig sich prozessorientiertes Denken auf den evolutionären Wandel auswirkt. So betont Er im folgenden Absatz, dass man die unscheinbaren Anfänge eines Prozesses keinesfalls unterschätzen soll. Als Beispiel hierfür bezieht Er sich auf die Wirkung der Taten der Jünger Christi. `Abdu´l-Bahá schreibt:
„Schaut nicht auf die Gegenwart. Richtet euren Blick auf künftige Zeiten. Wie klein ist der Same zu Beginn, aber am Ende ist er ein mächtiger Baum. Schaut nicht auf den Samen, schaut auf den Baum, auf seine Blüten, Blätter und Früchte. Denkt an die Zeit Christi, als nur ein kleines Häuflein Ihm nachfolgte, und seht, was für ein mächtiger Baum aus diesem Samen wurde, seht seine Früchte. Nun werden noch größere Ereignisse eintreten; denn dies ist die Vorladung des Herrn der Heerscharen, dies ist der Posaunenstoß des lebendigen Herrn, dies ist die Hymne des Weltfriedens, dies ist das Banner der Redlichkeit, des Vertrauens und der Verständigung, aufgepflanzt inmitten all der vielfarbigen Völker des Erdballs. Dies ist die Sonne der Wahrheit mit ihrem Strahlenglanz; dies ist der Geist Gottes in all Seiner Heiligkeit. Diese mächtigste Sendung wird die ganze Erde umspannen; unter ihrem Banner werden sich alle Völker versammeln und Schutz finden. Deshalb wisset um die lebensnotwendige Bedeutung dieses zarten Samens, den der wahre Landmann mit den Händen Seines Erbarmens in die gepflügten Felder des Herrn säte und mit den Schauern der Segnungen und Gnadengaben wässerte; nun lässt Er ihn wachsen und gedeihen in der Wärme und im Lichte der Sonne der Wahrheit.“ 71
`Abdu´l-Bahá lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass man unbedingt die möglichen segensreichen Auswirkungen des Fortschritts erkennen und die Chancen der Gegenwart im Vergleich zur Vergangenheit wahrnehmen soll. Er schreibt:
„Die Überlegenheit der Gegenwart im Verhältnis zur Vergangenheit besteht darin, dass die Gegenwart vielerlei als Modell übernehmen und sich aneignen kann, was in der Vergangenheit bereits erprobt und als nützlich bewiesen wurde; darüber hinaus kann die Gegenwart ihre eigenen Neuentdeckungen machen und mit diesen ihr wertvolles Erbe mehren. Es leuchtet ein, dass die Errungenschaften und Erfahrungen der Vergangenheit für die Gegenwart bekannt und verfügbar sind, während die der Gegenwart eigentümlichen Entdeckungen der Vergangenheit unbekannt waren. Dies setzt voraus, dass sich das nachfolgende Geschlecht aus fähigen Persönlichkeiten zusammensetzt. Wie viele Nachkommen haben andererseits jeden Tropfen von dem unermesslichen Meer an Erkenntnis vermissen lassen, das ihre Vorfahren besessen hatten!“ 72
An jene, die sich dem Wandel widersetzen, die Kräfte der Moderne ignorieren und an den Traditionen der Vergangenheit festhalten wollen, richtet `Abdu´l-Bahá die folgende Herausforderung: „Denket ein wenig nach: Lasst uns annehmen, durch die Macht Gottes würde eine Gruppe von Menschen plötzlich auf die Erde versetzt. Offensichtlich benötigen sie vielerlei Dinge, um für ihre Menschenwürde, ihr Glück und Behagen zu sorgen. Ist es nun zweckmäßiger für sie, diese Dinge von ihren Zeitgenossen zu übernehmen, oder sollten sie in jeder Generation nichts übernehmen, sondern unabhängig dieses und jenes Hilfsmittel, das für das menschliche Dasein erforderlich ist, neu erschaffen?“ 73
Aus der Sicht der Bahá´í verlangt der evolutionäre Wandel die Aneignung einer lernbereiten Arbeitsweise, zu der die Einzelinitiative ebenso notwendig gehört wie der kollektive Wille. In dieser Hinsicht ist es interessant, sich den Rat zu vergegenwärtigen, den `Abdu´l-Bahá dem Volk seines Geburtslandes erteilt. Dieser findet sich in Das Geheimnis göttlicher Kultur, jenem Buch, das Shoghi Effendi als des Meisters „hervorragenden Beitrag ... zur künftigen Neuordnung der Welt“ charakterisiert. Dort bestätigt `Abdu´l-Bahá: „Was dieses Land [Persien] jedoch dringend braucht, sind tiefes Nachdenken, entschlossenes Handeln, Bildung, Eingebung und Ermutigung. Das Volk muss sich gewaltig anstrengen, sein Stolz muss geweckt werden.“ Dieser Ratschlag könnte sehr wohl als eine bündige Definition einiger grundlegender Voraussetzungen für einen nachhaltigen sozialen Wandel und das Entstehen einer fortschrittlichen Gesellschaftsordnung gelesen werden. Die Betonung auf Nachdenken, Bildung, gemeinsames Handeln und die Bewertung des erreichten Fortschritts benennt genau die Elemente, die für die Förderung einer Kultur des Wachstums entscheidend sind. 74
In den folgenden Abschnitten betrachten wir den Anteil, den das Größte Heilige Blatt daran hatte, die Bahá´í-Religion durch ihren Übergang vom Heroischen in das Gestaltende Zeitalter zu steuern, und wir untersuchen die einzigartigen persönlichen Eigenschaften, die sie in diesem Wandlungsprozess und bei der Förderung einer Kultur des Wachstums an den Tag legte.

Das Größte Heilige Blatt – Vermittlerin zwischen zwei Epochen

Ein auffallender Zug im Leben des Größten Heiligen Blattes ist ihre Fähigkeit, sich Veränderungen anzupassen. In ihrer frühesten Kindheit erlebte sie den plötzlichen Wechsel von Wohlstand und Behaglichkeit zu Not und Armut und machte so die Erfahrung der „Bitternis von Mittellosigkeit und Entbehrung.“ Sie wurde aus ihrem Heimatland verbannt und begleitete ihren Vater auf den Stationen Seiner Verbannung. Sie erfuhr Gefangenschaft und Krieg und erlitt den Verlust gerade der Familienangehörigen, die ihr am nächsten standen. Im Laufe ihres Lebens erlebte sie die Einsetzung des Bahá´í-Bundes, den wiederholten Wechsel in der Leitung der Bahá´í-Gemeinde, Angriffe gegen den Glauben durch die Ungetreuen und zuletzt die Umgestaltung der Geschicke der Sache Bahá´u´lláhs mit dem Entstehen der Gemeindeordnung und der Ausbreitung des Glaubens in der Welt. 75
Ihr Umgang mit Veränderung war aktiv, von Grundsätzen geleitet und zielgerichtet. Es war kein passives Hinnehmen der Ereignisse, kein unflexibler Versuch, starr am Vergangenen festzuhalten und schon gar keine Notlösung. Es wird klar, dass Bahíyyih Khánum die Bedingungen, in die sie gestellt wurde, realistisch erfasste, dass sie die Veränderung der Verhältnisse richtig einschätzte und dass sie jeweils erkannte, welche Reaktion eine neue Situation erforderte.
Bahíyyih Khánum spielte im Anfangsstadium des Gestaltenden Zeitalters des Bahá´í-Glaubens eine lebenswichtige Rolle – in einer Epoche, die mit dem Entstehen und der Errichtung der Bahá´í-Gemeindeordnung verbunden war. Durch ihr tiefes Verständnis von `Abdu´l-Bahás Testament, ihr unbeirrbares Festhalten an dessen Bestimmungen, ihre vollständige, liebende Unterstützung für Shoghi Effendi, den ernannten Hüter, und durch ihre Bemühungen, den Gläubigen die Bedeutung des Bundes bewusst zu machen, half das Größte Heilige Blatt, die Bahá´í-Welt auf ihren Übergang aus dem Heroischen in das Gestaltende Zeitalter des Glaubens vorzubereiten.
Das Größte Heilige Blatt, diese edle „letzte Spur des Heroischen Zeitalters“, dient als ein greifbares Bindeglied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Bahá´í-Glaubens - als das Bindeglied zwischen einem Zyklus sozialer Evolution und dem nächsten. Ihr Blick umfasste die Zukunft ebenso wie die Vergangenheit. Sie konnte ein Bewusstsein von Kontinuität vermitteln, das auf der vertrauten Führung, die in den Schriften Bahá´u´lláhs und `Abdu´l-Bahás enthalten ist, gründete, und sie half den Gläubigen, die kontinuierliche Relevanz dieser Führung für die Bedürfnisse der Gegenwart zu verstehen. Ebenso sorgte sie, gestützt auf die Briefe des Hüters, für ein Verständnis der besonderen Erfordernisse und Möglichkeiten, die mit den aktuellen Aufgaben der Bahá´í-Gemeinde verbunden waren. 76
In einem in seinem Auftrag geschriebenen Brief umreißt Shoghi Effendi die besonderen Eigenschaften, die die Gläubigen in Anbetracht der Erfordernisse der Übergangsperiode aufweisen müssen:
„Jeder Tag stellt bestimmte Anforderungen. In seinen frühen Tagen benötigte der Glaube Märtyrer und solche Menschen, die jede Art von Folter und Verfolgung ertragen konnten, wenn sie ihren Glauben bezeugten und die gottgesandte Botschaft verbreiteten. Diese Tage sind aber jetzt vorüber. Heute braucht die Sache Gottes keine Märtyrer, die für den Glauben sterben, sondern Diener, die von dem Wunsch beseelt sind, zu lehren und die Sache weltweit aufzubauen. Ein Leben zu führen, das dem Lehren geweiht ist, ist heute das gleiche wie der Märtyrertod in jenen frühen Tagen. Was zählt, ist der Geist, der uns treibt, nicht die Handlung, durch die dieser Geist sich äußert. Dieser Geist ruft uns zum Dienst für die Sache Gottes mit Herz und Seele.“ 77
In ihrer Rolle als Vermittlerin zwischen dem Heroischen und dem Gestaltenden Zeitalter des Glaubens teilte das Größte Heilige Blatt die Leiden und Verfolgungen der frühen Gläubigen und Märtyrer. Ebenso verkörperte sie die Eigenschaften, die für die künftige Entwicklung des Glaubens nötig sind. Im Angesicht der Gegnerschaft bewies sie große Spannkraft, und sie bewahrte sich die Fähigkeit, die in der Gegenwart sich bietenden Gelegenheiten zum Dienst wahrzunehmen und zu ergreifen. Ihre Hingabe an die Sache Bahá´u´lláhs und an den Bund stärkte ihren Willen zum Durchhalten und spornte sie an, ihr Leben dem Schutz und der Verbreitung des Glaubens und der Errichtung seiner Institutionen zu weihen. Die Mittel und Wege, wie sie diente, hingen jeweils von den besonderen Erfordernissen des Glaubens und von den gerade vorherrschenden Bedingungen ab.
Der Übergang in das Gestaltende Zeitalter der Bahá´í-Religion verlangte nicht nur die Annahme des neu ernannten Hüters als Oberhaupt des Glaubens, sondern auch ein Umdenken, um sich an die Autorität der gewählten Geistigen Räte zu gewöhnen. Eine Durchsicht der Briefe des Größten Heiligen Blattes macht deutlich, dass sie die Einsetzung und Entwicklung dieser keimhaften Institutionen aktiv unterstützte und ihr ganzes Geschick einsetzte, um diese Übergangszeit zu überbrücken und das Bewusstsein der weltweiten Bahá´í-Gemeinde zu formen. Die Führung und Ermutigung, die sie den Gläubigen bieten konnte, erhielt sie aus den Briefen, die Shoghi Effendi in der Anfangsperiode seiner Amtszeit schrieb. Diese grundlegenden Dokumente bestimmten den Kurs für die Entwicklung des Glaubens, hoben seine Bedürfnisse hervor und legten Prioritäten für das weitere Vorgehen fest.
Zu den Themen, die in den Briefen des Hüters behandelt werden, gehören die entscheidende Notwendigkeit, in aller Welt örtliche und Nationale Geistige Räte zu bilden, und zugleich die Verfahrensweise bei der Wahl dieser wichtigen Institution, ihre Funktionen und ihre Beziehung zum Universalen Haus der Gerechtigkeit festzulegen. Der Hüter erläutert auch das einzigartige Verfahren der Bahá´í-Wahl und wie wichtig Beratung als Mittel der Entscheidungsfindung im Geistigen Rat ist. Weiterhin beschreibt Shoghi Effendi die geistigen, persönlichen und verstandesmäßigen Eigenschaften, die diejenigen aufweisen sollten, die als Mitglied eines Rates gewählt werden. Alle diese Themen werden kontinuierlich wiederholt und liebevoll erläutert in den Briefen, die Bahíyyih Khánum in den Perioden der Abwesenheit des Hüters vom Heiligen Land schrieb.
Die historischen Aufzeichnungen enthüllen eine völlige Einheit der Zielsetzung und eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Hüter und dem Größten Heiligen Blatt. In Abwesenheit des Hüters war sie die Quelle der Führung und Ermutigung für die Freunde, und sie bot ihnen eine weise, ausgereifte Führung. Sie festigte den Kurs des Glaubens in dieser Übergangsperiode. Durch ihre Briefe an die Bahá´í und an die keimhaften Geistigen Räte in Ost und West brachte das Größte Heilige Blatt die Bahá´í-Gemeinde zusammen. Sie flößte den Gläubigen einen Geist des Vertrauens ein und schulte sie mit Geduld und Verständnis in den Bestimmungen von `Abdu´l-Bahás Testament. Sie förderte die Akzeptanz und Unterstützung für den neu ernannten Hüter und setzte die Durchführung der Handlungsrichtlinien in Gang, die er aufstellte. Darüber hinaus verhalf sie den Gläubigen zu einem tieferen Verständnis für die Notwendigkeit, Geistige Räte zu bilden.

Eine Kultur des Wandels fördern

Indem sie der Bahá´í-Gemeinde half, den Übergang vom Heroischen in das Gestaltende Zeitalter zu vollziehen, bewies das Größte Heilige Blatt Eigenschaften, die mit den Erfordernissen übereinstimmen, welche `Abdu´l-Bahá für die gesellschaftliche Umwandlung genannt hatte. Ihr klares Verständnis für die Sendung des Bahá´í-Glaubens und seine Lehren, verbunden mit den Vorkehrungen des Gottesbundes und den wegweisenden Briefen Shoghi Effendis, gaben ihrem Handeln während ihres ganzen Lebens Motivation und Richtung. Sie begriff die Bedeutung der unveränderlichen Grundprinzipien und der bestehenden Anpassungsmöglichkeiten. Das Größte Heilige Blatt erneuerte auch ständig ihr Wissen über die in den Lehren enthaltene Führung und war sich stets der Tatsache bewusst, dass veränderte Bedingungen neue Lösungen und Ansätze verlangen.
Darüber hinaus lenkte das Größte Heilige Blatt die Aufmerksamkeit der Gläubigen auf die neuen Verhältnisse und die Gelegenheiten zum Dienst, die sich mit der Weiterentwicklung des Glaubens auftaten; sie ermutigte sie, ihr Handeln im Lichte bisheriger Erfahrungen und der jeweils herrschenden Situation zu überdenken. Um ihnen in diesem Prozess zu helfen, bot sie ihnen durch ihre Briefe ein gewisses Training in der Funktionsweise der Geistigen Räte. Sie hielt die Bahá´í auch ständig dazu an, genau den Dienst zu erbringen, den die Erfordernisse der Zeit gerade verlangten, und sie machte ihnen die Tatsache bewusst, dass die Bestätigungen des Heiligen Geistes diejenigen umgeben, die sich zum Dienst an der Sache erheben. Auf diese Weise steigerte das Größte Heilige Blatt die Fähigkeiten der Gläubigen und ihrer keimhaften Geistigen Räte, systematische Aktionspläne zu entwickeln, diese voller Vertrauen in die Tat umzusetzen und aus der Erfahrung zu lernen – alles Fertigkeiten, die für eine Förderung der ständig fortschreitenden Zivilisation unentbehrlich sind, die Bahá´u´lláh vorgesehen hat.

Ihr bleibendes Vermächtnis

Ein Studium der Lebensgeschichte des Größten Heiligen Blattes vermittelt einen klaren Beweis für ihren herausragenden Beitrag zur Entfaltung der Bahá´í-Religion. Darüber hinaus haben die Ideale und Werte, die sie vorlebte, für die gegenwärtige Gesellschaft unverändertes Gewicht. Ihr vertrauensvoller, starker und flexibler Umgang mit Leiden und Schrecknissen, ihre bereitwillige Übernahme administrativer Verantwortung, ihre beispielhafte Führungskompetenz und ihr Vermögen, Veränderungen in konstruktiver Weise zu bewältigen, verdienen nicht nur eifrige Nachahmung, sondern es sind tatsächlich entscheidende Fertigkeiten, um die Richtung sozialen Fortschritts mitzubestimmen.
Shoghi Effendi unterstreicht die dynamische Natur des bleibenden Vermächtnisses, das Bahíyyih Khánum hinterlässt, in dem folgenden Auszug aus einem Brief, der in seinem Auftrag geschrieben wurde. Er stellt fest, dass sie „vielleicht mehr als jeder andere den wahren Geist verkörperte,” der die Lehren Bahá´u´lláhs „belebt,” und er äußert die Hoffnung, dass die Freunde angespornt und geistig gestärkt werden, indem sie zu einem tieferen Bewusstsein und einer Würdigung ihres Lebens vordringen. In dem Brief heißt es weiter: „Es ist seine aufrichtige Hoffnung, dass Ihre Liebe zu unserem verstorbenen Größten Heiligen Blatt eine solche Tiefe und Kraft erreicht, dass Sie befähigt werden, ihren Fußspuren zu folgen und mit wachsender Hingabe und Energie all das auszuführen, was ihr während ihres ganzen Erdenlebens so teuer war. Die Erinnerung an ihr geheiligtes Leben wird zweifellos Ihre Energien erhalten und nähren und Sie mit der geistigen Macht ausrüsten, derer wir alle so dringend bedürfen.” 78
1 Zur Geschichte dieser ereignisreichen Zeit siehe:
Shoghi Effendi, Gott geht vorüber;
William S. Hatcher und J. Douglas Martin,
Bahá’í Faith;
Auszug aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief in
Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf (Compilations) S. 89
* Ein Ehrentitel mit der Bedeutung würdevolle Anmut, Hoheit, Majestät.
2 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 28
3 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 21
4 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 31
5 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S.54
6 Bahá’u’lláh”, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 3
7 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 63, S. 22
* “Volk von Bahᔠbezieht sich auf die Anhänger Bahá’u’lláhs – d.h. die Bahá’í
8 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 62
Shoghi Effendi, Widmung in Nabils Bericht, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 30
Auszug aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, in ebenda, S. 76
9 siehe Oxford English Dictionary unter archetype;
siehe New Encyclopaedia Britannica, unter archetype


10 siehe Moojan Momen, Phenomenon of Religion, 11. Kapitel
Archetypem Myth and the Sacred.
11 siehe Adib Taherzadeh, Child of the Covenant, S. 22-23

1 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 58
2 Erinnerungen des Größten Heiligen Blattes, aufgezeichnet in Myron H. Phelps Master in ’Akká, S. 90-91
3 Bahá’u’lláh, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf”, S. 4
4 ebenda, S.3; S. 4
5 Shoghi Effendi, in ebenda, S. 32, S. 26
6 ebenda, S. 32
7 ebenda, S. 33, S. 2
8 Mündliche Erzählungen Bahíyyih Khánums, in Lady Bloomfield The Chosen Highway, S. 41-42
9 ebenda, S. 42
10 ebenda, S. 42-43
11 Shoghi Effendi, Der Verheißene Tag ist gekommen, S. 32-33
12 Bahá’u’lláh, zitiert in Shoghi Effendi Gott geht vorüber, S. 162; 7:12
13 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 160; 7:8
* Dieser Ausdruck bezieht sich auf Bahá’u’lláh. ’Abhá leitet sich von Seinem Namen ab und bedeutet auf arabisch der Allherrliche.
14 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 26;
Mündliche Erzählungen Bahíyyih Khánums, in Lady Bloomfield, The Chosen Highway, S. 45-46
15 Mündliche Erzählungen Bahíyyih Khánums, in Lady Bloomfield, The Chosen Highway, S. 45-46
16 ebenda
17 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 26-27; S. 33
* Öffentliches Bad
18 Mündliche Erzählungen Bahíyyih Khánums, in Lady Bloomfield, The Chosen Highway, S. 51
19 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 27
* wertvoller Stoff aus Kaschmir oder feiner Wolle
20 Aus einem mündlichen Bericht Tubá Khánums, in Lady Bloomfield The Chosen Highway, S. 93
21 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 33
22 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 219; 9:9 und S. 220; 9:10
23 ebenda, S. 222
24 Bahá’u’lláh, Anspruch und Verkündigung, Súratu’l-Mulúk S. 236-237, Abs. 75
25 Nabil, zitiert in Shoghi Effendi Gott geht vorüber, S. 227; 9:22; Bericht eines Verbannten, zitiert ebenda

26 Das Größte Heilige Blatt, zitiert in Myron Phelps Master in ’Akká, S. 47-48

27 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 34
28 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 228; 9:24
29 Bahá’u’lláh, zitiert ebenda, S. 229; 10:1
Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 234; 10:8 und 10:1
Bahá’u’lláh, zitiert ebenda, S. 229; 10:1

30 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 230; 10:1; S. 238-239; 10:16
* Mírzá Yahyá
31 Bahíyyih Khánum, zitiert iin Myron Phelps Master in ’Akká, S. 48-50;
Mündliche Erzählungen Bahíyyih Khánums, in Lady Bloomfield The Chosen Highway, S. 60
32 Mündliche Erzählungen Bahíyyih Khánums, in Lady Bloomfield The Chosen Highway“ S. 63
33 ebenda, S. 61
34 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 33; S. 27
35 ebenda, S. 27-28
36 Mündliche Erzählungen Bahíyyih Khánums, in Lady Bloomfield The Chosen Highway, S. 62
Bahá’u’lláh Summons of the Lord of Hosts, Lawh-i-Ra’ís, S. 171:26
* Lawh-i-Ra’ís, S. 161/162:2
37 Bahá’u’lláh, Anspruch und Verkündigung, S. 182,3
* Mirzá Músá
38 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 252; 10:43
39 ebenda, S. 253; 10:44
40 Bahá’u’lláh, Anspruch und Verkündigung, Lawh-i-Ra’ís, S. 183:5
41 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 34
42 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 256; 11:5
43 ebenda, S. 256; 11:6
Bahá’u’lláh, Anspruch und Verkündigung, Law-i-Ra´’ís, S. 183-184:6
Bahá’u’lláh, zitiert in Shoghi Effendi Gott geht vorüber, S.256 – 258; 11:6; 11:10; 11:6; 11:8
Bahá’u’lláh, Anspruch und Verkündigung, Súratu’l-Haykal: Násiri’d-Dín Sháh, S. 153:267




* Erlass, Edikt
44 Mündliche Erzählungen Bahíyyih Khánums, in Lady Bloomfield, The Chosen Highway, S. 66
45 Bahá’u’lláh, Anspruch und Verkündigung, Lawh-i-Ra’ís, S. 184:4
46 Nach Erinnerungen des Größten Heiligen Blattes, in Myron Phelps Master in ’Akká, S. 78; S. 80-81
47 Nach den mündlichen Erzählungen Bahíyyih Khánums, in Lady Bloomfield The Chosen Highway, S. 68
siehe Tubá Khánum, in ebenda, S. 93
48 Mündliche Erzählungen Bahíyyih Khánums, in ebenda, S. 68
49 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 260-261; 11:12
50 Weitere Einzelheiten siehe ebenda, S. 262; 11:16 – 11:21
51 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 264; 11:21
Bahá’u’lláh, in ebenda, S. 270; 11:34
52 ebenda, S. 281; 12:16
53 ebenda, S. 301; 13:1
54 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 34
55 Shoghi Effendi, in Khánum, The Greatest Hooy Leaf, S. 34-35
56 ebenda, S. 35
57 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 301-302; 13:2; 13:3
58 ebenda, S. 301-302
59 Siehe den mündlichen Bericht Tubá Khánums, in Lady Bloomfield The Chosen Highway, S. 109-110
60 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 97
61 ebenda, S. 99
62 ’Abdu’l Bahá, in ebenda, S. 14-15
63 Shoghi Effendi, in ebenda, S. 36
64 ebenda, S. 28
* ’Abdu’l-Bahá
** In den Bahá’í-Schriften ist ein Bund verankert, der genaue Vorkehrungen trifft für die Ernennung eines
Nachfolgers nach dem Tode des Begründers und der Einrichtung von administrativen Institutionen, um die
Angelegenheiten der Religion zu leiten. Bundesbrecher sind Mitglieder der Religionsgemeinschaft, die
öffentlich versuchen, die Führerschaft der Religion zu untergraben und ihre Einheit zu zerstören.
65 ebenda, S. 37; S. 36
1 ’Abdu’l-Bahá, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf“ S. 7; S. 10; S. 17
2 Shoghi Effendi, in ebenda, S. 28
3 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 320; 14:4, S. 328-329; 15:3
4 ebenda, S. 326-327; 14:12
5 ebenda, S. 330; 15:7
6 ebenda, S. 331; 15:8, 15:9
* In islamischen Kulturen des mittleren Ostens war Polygamie üblich. Bahá’u’lláh heiratete gemäß dieser Tradition drei Frauen. Nachdem Bahá’u’lláh den Bahá’í-Glauben begründet hatte, erklärte Er in dem von Ihm offenbarten Buch der Gesetze die Einehe als die einzig annehmbare Verhaltensweise für Bahá’í.
7 ebenda, S. 331-332 ; Zur genaueren Erörterung siehe Adib Taherzadeh The Covenant of Bahá’u’lláh, Part 2
8 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf” S. 37
* Erlöser der Welt und Verheißener, der in der zoroastrischen Religion vorhergesagt wird
** Bezieht sich auf die Schriften Baha’u’llahs
9 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 332; 15:11
10 ebenda, S. 331; 15:9
11 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 37
12 Bahíyyih Khánum, ebenda, S. 101
13 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber“ S. 337; 16:1 + 2
* Die Vereinigten Staaten.
14 ebenda, S. 338; 16:3
15 ebenda, S. 343f; 16:12
16 ebenda, S. 345; 16:16
17 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf” S. 59-60
18 May Maxwell, An Early Pilgrimage“ S. 18
19 ebenda, S. 19
* ’Abdu’l–Bahá
20 Ella Goodall Cooper, Bahíyyih Khánum – An Appreciation in Star of the West; 23,Nr. 7(1932): 202

21 Phoebe Hearst, Brief vom 19. November 1899 an Mr. Isaiah H. Bradford, in Bahá'í-World: 801
Phoebe Hearst, Brief vom 5. Dezember 1899 an O.M. Babcock, in ebenda, 802
22 May Maxwell, An Early Pilgrimage S. 42-43
23 Cooper, Bahíyyih Khánum – An Appreciation S. 204
24 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf S. 104



* Wörtlich: „Dämmerungsort des Lobpreises Gottes“; Bezeichnung für ein Bahá'í-Haus der Andacht.
25 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber S. 348-349; 16:20
26 ebenda, S. 351; 17:2
27 ebenda, S. 354 f; 17:7/8
28 ebenda, S. 356; 17:9
29 ebenda, S. 356; 17:9
30 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf” S. 28
Marzieh Gail, Summon up Remembrance S. 277-278
31 Weitere Einzelheiten siehe Helen Goodall und Ella Goodall Cooper, Daily Lessons Received at ‘Akká, S. 42-43
32 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber S. 357; 17:11
33 ebenda, S. 357f; 17:12
34 ebenda, S. 358; 17:12
* Bahá'u'lláh nannte Akká das “Größte Gefängnis“, als Er 1868 dort ankam.
35 Helen Goodall und Ella Goodall Cooper, Daily Lessons Received at ‘Akká, S. 9
36 Weitere Einzelheiten siehe H.M. Balyuzi, 'Abdu'l-Bahá, Bd. 1 S. 178-179
37 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 360; 17:17
38 ebenda, S. 360f; 17:17-17:22
39 ebenda, S. 361f; 17:22
40 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 37-38
41 ebenda, S. 38



42 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 365f: 18:4 – 18:6
43 Zeenat Baghdadi, zitiert in Ali Nakhjavani The Greatest Holy Leaf: A Reminiscence; Bahá’í World; 18:60
* Der Báb war mit einem Seiner Anhänger hingerichtet worden.
** Neujahr im Bahá’í–Kalender.
44 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 367; 18:9 - 18:11
45 ebenda, S. 371; Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 39; S. 28
Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 39; S. 28
46 Websters’s Third International Dictionary of the English Language Unabridged: Viceregent [Statthalter/ in]
47 Bahíyyih Nakhjaváni, The Life and Service of the Greatest Holy Leaf, in Bahá’í World 18 (1979-1983): 71
48 ’Abdu’l-Bahá, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 13
49 Weitere Details über die Reisen 'Abdu'l-Bahá’s in Europa und Amerika, siehe Shoghi Effendi,
Gott geht vorüber, 19. Kapitel


* Eine Tochter ’Abdu’l Bahás
50 ‚Abdu’l Bahá, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 17-18
** Wörtlich: Das Heiligste Buch; das Buch, in dem Bahá’u’lláh die Charta für die zukünftige Weltzivilisation niedergeschrieben hat, die zu errichten Er erschienen ist.
51 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 373-374; 19:7
52 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 39
* Abhá bedeutet wörtlich der/die/das Herrlichste; somit kann unter Abhá-Reich das herrlichste Reich, oder das Reich der Herrlichkeit verstanden werden.
** Ein besonderer Ausdruck im Islam. Er wird hier mehr allgemein gebraucht, um einen Ort der Anbetung zu bezeichnen.
53 'Abdu'l-Bahá, in ebenda, S. 11f

54 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 372f. 19:6; Shoghi Effendi in Bahíyyih Khánum, The
Greatest Holy Leaf, S. 39f
55 Siehe Mirzá Ahmad Sohrab, 'Abdu'l-Bahá in Egypt, S. 141; S. 182; S. 330
56 Rúhá Asdaq, One Life One Memory, S. 25-26

57 ’Abdu`l-Bahá, zitiert von Dr. Músá Khudádúst, in ebenda, S. 26
58 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf” S. 34-35
59 Cooper, Bahíyyih Khánum – An Appreciation, S. 20
60 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 38
61 Cooper, Bahíyyih Khánum – An Appreciation, S. 203
62 ‘Ali Nakhjavani, in The Greatest Holy Leaf: A Reminiscence, S. 60
63 Marie A. Watson, My Pilgrimage to the Land of Desire, S. 8
64 Cooper, Bahíyyih Khánum – An Appreciation, S. 203
siehe auch ‘Ali Nakhjavani The Greatest Holy Leaf, S. 63
65 Marie A. Watson, My Pilgrimage to the Land of Desire, S. 8-9
66 ebenda, S. 9
67 Cooper, Bahíyyih Khánum – An Appreciation, S. 204
68 Mary Hanford Ford, Oriental Rose, S. 162-163
69 Marjory Morton, Bahíyyih Khánum, in Bahá’í World 5 (1932 – 1934): 181
70 ebenda, S. 185

71 ebenda, S. 181
72 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 110
73 ebenda, S. 111
74 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 401; 20:23
75.Lady Bloomfield, The Chosen Highway, S. 210; S. 214
76 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 403; 20:27
77 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 41
78 ebenda, S. 40
79 ebenda, S. 40-41
80 Corinne True, Brief vom 16. November 1919 an die Herausgeber, in Star of the West Nr. 17 (1920): 312; Genieve L. Coy, A Week in ‘Abdu’l-Bahá’s Home, Star of the West 12, Nr. 12 (1921): 197

81 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 403; 20:27
82 ebenda, S. 404; 20:27
83 ebenda, S. 404; 20:28
84 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 28
85 ’Abdu’l-Bahá, in ebenda, S. 7-8; S. 18
1 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 60; S. 23
2 ebenda, S. 41-42; Auszug aus einem Brief in Shoghi Effendis Auftrag, ebenda S. 71
3 Vgl. den Brief von Ethel Rosenberg vom 8. Dezember 1921 an die geliebten Freunde in England, in Star of
the West 12, Nr. 19 (1922), S. 300
4 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 408 f.; 21:6
5 ebenda, S. 409; 21:7; vgl. auch Abbas Adib, Brief vom 4. Januar 1922 an Dr. Zia M. Bagdadi, in Star of the
West 12, Nr. 19 (1922), S. 302
6 Louise Bosch, Brief vom 5. Dezember 1921 an Ella G Cooper, in Star of the West 12, Nr. 18 (1922) S.278
7 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 174 f
8 Shoghi Effendi, ebenda, S. 41
9 Nathan Rutstein, He Loved and Served, S. 94 f.
10 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 114;
Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 409: 21:8
11 Vgl. Ali Nakhjaváni, The Greatest Holy Leaf: A Reminiscence, S. 60; nach Rúhíyyih Rabbani, The
Priceless Pearl, S. 88 f.
* Würdenträger, Persönlichkeiten
12 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 410 f: 21:11-13
13 Louise Bosch, Brief vom 9. Dezember 1921 an Ella G. Cooper, in Star of the West 12, Nr. 18 (1922) S.282-
283
14 Johanna Hauff in einem Brief vom 3. Dezember 1921 an ihre Eltern; Biographie Adelbert Mühlschlegel Sein
Leben und sein Wirken, S. 29-33; Bahá’í-Verlag GmbH., Hofheim/Ts.; Ethel Rosenberg im Brief vom 8. Dezember 1921 an die geliebten Freunde in England, Star of the West 1922, S. 301
15 Marzieh Gail (Hsg.), 'Abdu'l-Bahá: Portrayals from East and West, materials from the papers of Ali-Kuli
Khan and the conversations of John and Louise Bosch, in World Order 6, Nr. 1 (1971) S. 41
16 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 411 f; 21:14
17 Lady Blomfield (und Shoghi Effendi), The Passing of `Abdu`l-Bahá. Excerpts from Compilation prepared
January 1922, in Bahá’í Year Book 1, (April 1925–April 1926), S. 29; Shoghi Effendi, Gott geht
vorüber, S. 412; 21:15
18 Abbas Adib, Brief vom 4. Januar 1922 an Dr. Zia M. Bagdadi, in Star of the West 12, Nr. 19 (1922),
S. 302f; Adib Taherzadeh, The Covenant of Bahá’u’lláh, S. 276 f

19 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 114, S. 121
20 Adib Taherzadeh, The Covenant of Bahá’u’lláh, S. 276
21 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 114
22 ebenda, S. 114
23 Brief von Monover Khánum an Ruth Wales Randall vom 22. Dezember 1921, in: Star of the West, 12,
Nr. 18 (1922), S. 275 f; Brief von Louise Bosch vom 5. Dezember 1921, ebenda S. 276 ff
24 ’Adib Taherzadeh, The Covenant of Bahá’u’lláh, S. 284
25 ebenda, S. 285; Rúhíyyih Rabbani, Die unschätzbare Perle, S. 88 f
26 Rúhíyyih Rabbani, Die unschätzbare Perle, S. 90
27 ebenda, S. 97
28 Nathan Rutsein, He Loved and Served, S. 103 f
29 Rúhíyyih Rabbani, Die unschätzbare Perle, S. 97
30 Bahíyyih Khánum, ebenda. S. 98; Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 114
31 Rúhíyyih Rabbani, Die unschätzbare Perle, S. 106 f
32 ebenda, S. 111
33 ebenda, S. 111
34 Ruhíyyih Rabbani, Die unschätzbare Perle, S. 120 f
35 ebenda, S. 99
36 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 29
37 Shoghi Effendi, in Die unschätzbare Perle, S. 112 f
38 Rúhíyyih Rabbani, Die unschätzbare Perle, S. 114; Adib Taherzadeh, The Covenant of Bahá’u’lláh,
S. 293
1 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 21; Rúhíyyih Rabbani, Die unschätzbare
Perle, S. 114


2 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 21; Rúhíyyih Rabbani: Die unschätzbare
Perle, S.114; Auszüge aus Shoghi Effendis Brief vom 5. April 1922 an den Vertreter der Verwaltung
Palästinas, Oberst Symes, zitiert in Rúhíyyih Rabbani Die unschätzbare Perle, S. 417
* d.h.: der Bahá’í
** Abhá bedeutet wörtlich herrlich, Himmel

„Für den Layouter“:
--> hier kriege ich die Anmerkung für das erste Sternchen * nicht an die richtige Stelle und auch den freien Platz nicht weg, ohne irgendwie Schaden anzurichten - Du machst das schon, lieber Jürgen!!
sei hiermit zugleich lieb gegrüßt!! – achja: von
Gisa



3 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 114 f
4 Bahíyyih Khánum, undatierter Brief „An unsere innig geliebten Freunde in Amerika, in Star of the West 13,
Nr. 4 (1922), S. 88


5 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 149
6 ebenda, S. 158 f




7 'Abdu'l-Bahá, zitiert von Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 123 f
8 Bahíyyih Khánum, ebenda, S. 124
9 ebenda, S. 142 f

* Eine Anrufung, die sich auf Bahá’u’lláh bezieht --> hier ist’s wieder nicht da, wo’s hinsoll: zw. Anm. 7 u. 8


** Qur’án 29:2
10 ebenda, S. 180 f
* Bahá’u’lláh
** der Báb
11 ebenda, S. 186 f
12 ebenda, S. 187
13 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, Das Größte Heilige Blatt. Herausgegeben vom Nationalen
Geistigen Rat der Bahá’í in Deutschland zum fünfzigsten Jahrestag des Hinscheidens des Größten Heiligen
Blattes, S. 30




14 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 163, S. 147 f
15 ebenda, S. 163
16 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 429; 22:9
17 ebenda, S. 429 f; 22:9
18 ebenda, S. 430; 22:10
19 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 133 f




20 ebenda, S. 133 f
21 ebenda, S. 122
* Ein Hinweis auf Shoghi Effendis Herkunft. Väterlicherseits war er ein Nachkomme des Báb, und
mütterlicherseits ein Nachfahre Bahá’u’lláhs (weiteres siehe Glossar)
22 ebenda, S. 170
23 ebenda, S. 141, S. 217
24 ebenda, S. 156, S. 161 f
25 'Abdu'l-Bahá in Das Testament in Dokumente des Bündnisses, Hofheim 1989, S. 64; Bahíyyih Khánum in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 179

26 Bahíyyih Khánum in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 203 f
27 ebenda, S. 204 f
28 ebenda, S. 205
29 Shoghi Effendi, zitiert ebenda, S. 206 ff
30 Bahíyyih Khánum, ebenda S. 208


31 Rúhíyyih Rabbani, Die unschätzbare Perle, S. 235 f
32 Nähere Einzelheiten bei Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 125-139






33 Bahíyyih Khánum, ebenda, S. 164 f
34 Nathan Rutsein,l He Loved and Served, S. 108 f
35 Bahíyyih Khánum, Brief vom 11.7.1922 an den Geistigen Rat der Bahá’í in Teheran, in Star of the West 13,
Nr. 11 (1923), S. 314
36 ebenda

37 ebenda, S. 314
* Schulbildung für Mädchen anzubieten war von hoher Bedeutsamkeit, da sie der damaligen gesellschaftlichen
Konvention widersprach. Die Tarbíyat-Schule war scharfen Anfeindungen konservativer Muslime und zuletzt
auch der Regierung ausgesetzt. 1934 wurde sie durch einen Erlass des Erziehungsministeriums geschlossen.
38 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 220 f

39 Einige der frühen Briefe Shoghi Effendis sind in dem englischsprachigen Band Bahá’í Administration
enthalten.
40 Auszug aus einem Brief Shoghi Effendis vom 16. Januar 1923 an die Geliebten des Herrn und Dienerinnen
des Barmherzigen in den Vereinigten Staaten und Kanada, in Star of the West 14, Nr. 1 (1923), S. 26
41 Shoghi Effendi, in Bahá'í Administration, S. 57 ff; Auszug aus einem Brief vom 11. Juni 1924 i. A. von
Bahíyyih Khánum an Mr. Simpson, den Vorsitzenden des Nationalen Geistigen Rates von England, in
Unfolding Destiny, S. 25
42 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 192f








43 ebenda, S. 171
44 ebenda, S. 188
45 ebenda, S. 222
46 ebenda, S. 180
47 Rúhíyyih Rabbani, Die unschätzbare Perle, S. 114
48 Shoghi Effendi, in Bahá’í Administration, S. 63
49 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 116, S. 223




50 ebenda, S. 211, S. 213 f
51 ebenda, S. 221 f
52 ebenda, S. 191
* Hinweis auf den Namen Bahá’u’lláhs
53 ebenda, S. 143 fl
54 ebenda, S. 196 f – 3. Kap. P. 39/40
* Ein Fonds für den Bau des Bahá´í-Hauses der Andacht bei Chicago in Wilmette, Illinois
55 ebenda, S. 190 f
56 Brief des Geistigen Rates von Haifa vom März 1923, in Star of the West 14, Nr. 3 (1923), S. 90, S. 89
57 ebenda, S. 90
* Das 19-Tagefest findet am ersten Tag eines jeden - jeweils neunzehntägigen - Bahá’í-Monats statt. Es ist das Herzstück des Bahá’í-Gemeindelebens auf der örtlichen Ebene und vereinigt Elemente der Andacht, der Beratung und des geselligen Beisammenseins.


58 Brief im Auftrag des Geistigen Rates von Haifa vom April 1923 in Star of the West 14, Nr. 5 (1923), S.
152 f; Auszug aus einem Brief von Alfred Hyde Dunn, zitiert ebenda, S. 153
* Eine außergewöhnliche amerikanische Bahá´í-Lehrerin, die auf Reisen um die ganze Welt die Botschaft
Bahá’u’lláhs in viele Länder brachte, wo man zuvor noch nichts vom Bahá’í-Glauben gehört hatte.
59 Star of the West 14, Nr. 6 (1923), S. 184 f
60 Brief des Geistigen Rates von Haifa vom 24. November bis 13. Dezember 1923, in Star of the West 14,
Nr. 12 (1924), S. 372
61 ebenda, S. 374
62 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 119




63 Bahíyyih Khánum, ebenda S. 119 f
64 ebenda, S. 120
65 Siehe Rúhíyyih Rabbani, nach Die unschätzbare Perle, S. 132 f


66 Bahíyyih Khánum in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 165, 166
67 ebenda, S. 167
68 ebenda, S. 168 f




69 ebenda, S. 169
70 ebenda, S. 212 f
71 Näheres hierzu in Bahá’í Administration, S. 137 ff
72 'Abdu'l-Bahá, Das Testament 'Abdu'l-Bahás in Dokumente des Bündnisses, Hofheim 1989, S. 38; 1:17
73 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 218 f






74 Shoghi Effendi, in Bahá’í Administration, S. 194
75 ebenda, S. 66 f
1 Aus einem in Shoghi Effendis Auftrag geschriebenen Brief, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf,
S. 77; Shoghi Effendi, ebenda, S. 29
2 Shoghi Effendi, ebenda, S. 29
3 ebenda, S. 21
4 ebenda, S. 29, S. 31
5 ebenda, S. 42, S. 53
6 ebenda, S. 44; zitiert in Bahíyyih Khánum, Das Größte Heilige Blatt. 1846-1932. Herausgegeben vom
Nationalen Geistigen Rat der Bahá´í in Deutschland zum fünfzigsten Jahrestag des Hinscheidens des Größten
Heiligen Blattes. Hofheim 1982, S. 25
7 ebenda, S. 44 (zitiert in Bahíyyih Khánum, Das Größte Heilige Blatt 1846-1932, S. 25); S. 54 f.

8 Aus einem in Shoghi Effendis Auftrag geschriebenen Brief, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf,
S. 75, S. 83, S. 76 f.
* Bahá´u´lláh; weiteres im Glossar
9 ebenda, S. 81
10 Rúhíyyih Rabbani, Die unschätzbare Perle, S. 239 f., S. 231
11 ebenda, S. 236; aus einem in Shoghi Effendis Auftrag geschriebenen Brief, in Bahíyyih Khánum, The
Greatest Holy Leaf, S. 86
12 `Alí Nakhjavání, The Greatest Holy Leaf. A Reminiscence. S. 64
13 Rúhíyyih Rabbani, Die unschätzbare Perle, S. 236, S. 238
14 ebenda, S. 238
15 Aus einem in Shoghi Effendis Auftrag geschriebenen Brief, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf
S. 78
16 Shoghi Effendi, zit. in Rúhíyyih Rabbani Die unschätzbare Perle, S. 236; Shoghi Effendi Messages to the
Antipodes, S. 53
17 Shoghi Effendi, in Bahá’í Administration, S. 70
18 Shoghi Effendi, Messages of Shoghi Effendi to the Indian Subcontinent, S. 69, S. 70
19 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, 25:31, S. 502
20 Ebenda, 25:33, S. 503
* Siehe Martha Root, Herald of the Kingdom. A Compilation, hsg. von Kay Zinky und A. Baram. New Delhi (Bahá’i-Publishing Trust) 1983; s. auch M.R. Garis, Martha Root Lioness on the Threshold Wilmette, Illinois (Bahá’í Publishing Trust) 1983; Della L. Marcus, Her Eternal Crown. Queen Marie of Romania and the Bahá’í Faith. Oxford (George Ronald) 2000
21 Vgl. z. B. Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, S. 502-509; Rúhíyyih Rabbani, Die unschätzbare Perle, S. 190-194; Della L. Marcus, Her Eternal Crown.
22 Shoghi Effendi, zit. in Della Marcus, Her Eternal Crown, S. 169
23 Ebenda, S. 114
24 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, 25:42, S. 506; Rúhíyyih Rabbani, Die unschätzbare Perle, S. 193 f.
25 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 52, S. 59
26 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, 22:44, S. 455
27 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, 22:42, S. 454; Bruce W. Whitmore, The Dawning Place
28 Bruce W. Whitmore, The Dawning Place, S. 139
29 Shoghi Effendi, in Bahá´í Administration, S. 181
30 Shoghi Effendi, zit. in Bruce W. Whitmore, The Dawning Place, S. 157
31 Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá´u´lláhs, S. 106
32 Bahá´í News, Nr. 66 (1932), S. 2
33 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf
S. 68
34 Shoghi Effendi, ebenda S. 49
35 Bahíyyih Khánum, ebenda S. 224 f.
36 Ebenda, S. 225
37 Ebenda, S. 226
38 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, ebenda, S. 88
39 Ebenda, S. 90
* Karyatide: Archit. weibl. Säulenfigur als Gebälkträgerin
40 Keith Ransom-Kehler, Excerpts from my Diary, in Star of the West 17, Nr. 8 (1926), S. 258 f.
41 Gertrude Richardson Brigham, A Modern Pilgrimage to Bahá´í Shrines, in Star of the West 18, Nr. 9 (1925),
S. 280
42 Ebenda, S. 280
43 Ebenda, S. 282
44 `Alí Nakhjavání, The Greatest Holy Leaf. A Reminiscence, S. 63
45 A. Q. Faizi, zit. in ‘Alí Nakhjavání, The Greatest Holy Leaf. A Reminiscence, S. 62
46 Ebenda , S. 62
47 Marjorie Morton, Bahíyyih Khánum, in Bahá´í World 5 (1932-1934), S. 184
48 „Excerpts from Diary of Mrs. Keith Ransom-Kehler“, in Bahá´í World 5 (1932-1934), S. 187
49 Ebenda

1 Shoghi Effendi, zit. in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 54; aus einem im Auftrag Shoghi
Effendis geschriebenen Brief, ebenda S. 85 f.; Marjorie Morton, Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S.
185
2 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf,
S. 80; Shoghi Effendi, ebenda S. 62; aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, ebenda S. 67;
Shoghi Effendi, ebenda S. 31
3 Shoghi Effendi, ebenda S. 23 f.
6 Shoghi Effendi, Bahá´í Administration, S. 187-196. Siehe auch Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The
Greatest Holy Leaf, S. 31-45
7 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 60
8 Shoghi Effendi, ebenda S. 22
9 `Alí Nakhjavání, The Greatest Holy Leaf. A Reminiscence, S. 64
10 ebenda, S. 64 f.
11 ebenda, S. 65
12 ebenda
13 Rúhíyyih Rabbani, Die unschätzbare Perle, S. 236
14 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 22; aus einem im Auftrag Shoghi
Effendis geschriebenen Brief, ebenda S. 84f; Shoghi Effendi, ebenda S. 30
15 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, ebenda S. 72 f., S. 85, S. 88 f.
16 Shoghi Effendi, ebenda S. 62, S. 58, S. 59
17 ebenda, S. 57 f.
* The Bahá’í-World ist eine von Bahá’í 1925 herausgegebene Dokumentation über laufende
Entwicklungen in der Bahá’í Welt.
18 Bahá´í World 5 (1932-34), S. 22 f., S. 85 f., S. 114 f.
19 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 52, S. 59
20 Bahá´í World 5 (1932-34), S. 85 f.
21 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 58
22 Bahá´í World 5 (1932-34), S. 114 f.
23 Auszüge aus Briefen von A. Samimi und von A. H. Naimi, zit. in Bertha Hyde Kirkpatrick: A Western
Visitor in the Land of Bahá´u´lláh, Star of the West 23, Nr. 10 (1933), S. 318 f.
24 ebenda, S. 319
25 Bahá´í World 5 (1932-34), S. 130, S. 132
26 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 24 f.
27 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf,
S. 85, S. 87 f., S. 89
28 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, ebenda S. 81; Shoghi Effendi, ebenda S. 48
29 ebenda, S. 51 f.
30 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, ebenda S. 82, S. 80
31 Shoghi Effendi, ebenda S. 57
32 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, ebenda S. 92
33 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, 21:18, S. 414
* Wörtlich ’das Gegenüberliegende, Gebetsrichtung, Punkt der Anbetung’: der Ort, dem sich die Gläubigen im Gebet zuwenden. Die Qibla der Muslime ist die Kaaba in Mekka, für die Bahá’i ist es der Schrein Bahá’u’lláhs in Bahjí.

34 ebenda 22:39, S. 452; Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 61
35 Shoghi Effendi, This Divine Hour, Nr. 64.6
36 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, 22:40, S. 453
37 Shoghi Effendi, This Divine Hour, Nr. 64.7
38 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 63
* Nach Shoghi Effendis Hinscheiden im Jahre 1957 übernahmen die siebenundzwanzig angesehenen Bahá’í, die er zu ’Händen der Sache Gottes’ ernannt und als ’Hauptsachwalter’ des Glaubens zu seinem Schutz und seiner Verbreitung eingesetzt hatte, die Leitung der Religionsgemeinschaft, bis 1963 das Universale Haus der Gerechtigkeit gebildet wurde. Während dieser sechsjährigen vorübergehenden Treuhänderschaft der Hände der Sache Gottes von 1957-1963 erwählten sie neun Mitglieder aus ihren eigenen Reihen, um als ’Treuhänder’ des Glaubens in Haifa zu dienen.

39 Rúhíyyih Khánum, The Completion of the International Archives, in Bahá´í World 13 (1954-63), S. 433
40 Messages from the Universal House of Justice 1963-1986, Nr. 115.1; `Alí Nakhjavání, The Greatest Holy
Leaf. A Reminiscence, S. 59
41 Messages from the Universal House of Justice 1963-1986, Nr. 354.1
42 Report of „The Fifth International Convention for the Election of the Universal House of Justice, Ridván
1983“, in Bahá´í World 18 (1979-83, S. 461
* Die Templer – auch Tempelgesellschaft – waren Christen aus Deutschland, die gegen Ende der 1860er und Anfang der
1870er Jahre am Fuß des Karmel siedelten, um das zweite Kommen Jesu Christi zu erwarten.
43 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf“, S. 181, S. 183
44 Rúhíyyih Khánum, Die unschätzbare Perle, S. 236
45 Brief des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 24. Mai 2001 an die Gläubigen, die sich zu den
Feierlichkeiten zum Abschluss des Bauprojekts auf dem Berg Karmel versammelt hatten.
46 Shoghi Effendi, This Decisive Hour, Nr. 64.1
1 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 30
2 Vgl. z. B. Moojan Momen, Phenomenon of Religion, Kapitel 11; Beverly Moon “Archetypes“, in Mircea
Eliade (Hg.) Encyclopedia of Religion, New York (Macmillan Publishing) 1987, 1:379ff.
3 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 56
4 Ebenda, S. 42 f.
* Im englischen Original „resilience“. Diese hier untersuchte Eigenschaft heißt vom Wort her „Federkraft“: die Kraft, sich abfedern zu können. Als menschliche Eigenschaft bedeutet dies Sprungkraft, Spannkraft, Tatkraft; es bedeutet Flexibilität, die Fähigkeit sich der – veränderten – Situation anzupassen; und es heißt auch Zähigkeit, Überlebenskraft, Unverwüstlichkeit, Durchhaltevermögen. Im Deutschen benötigen wir, wie hier, mehr als ein Wort, um „resilience“ und das dazugehörende Adjektiv „resilient“ zu veranschaulichen.
5 `Abdu´l-Bahá, Briefe und Botschaften, 156:9, S. 219; `Abdu´l-Bahá, Paris Talks, Nr. 57.1 UK 1995 edit.
6 Ebenda, Shoghi Effendi Das Kommen göttlicher Gerechtigkeit, S. 55
7 Bahá´u´lláh, Ährenlese 17:6-7, S. 41
8 Vgl. z. B. Diane L. Coutu, „How Resilience Works“, in Harvard Business Review (Mai 2002), S. 46 ff.; Kennon M. Sheldon und Laura King, „Why Positive Psychology is Necessary“, in American Psychologist 56, Nr. 3 (2001), S. 216 f.; Barbara L. Fredrickson, „The Role of Positive Emotions in Positive Psychology: The Broaden-and-Build Theory of Positive Emotions“, ebd. S. 218 ff.; Sandra L. Schneider, „In Search of Realistic Optimism“, ebd. S. 250 ff.
9 Diane L. Coutu, „How Resilience Works“, S. 50 ff.
10 Ebenda, S. 50
11 Barbara L. Fredrickson, „The Role of Positive Emotions in Positive Psychology“, S. 218 ff.
12 Diane L. Coutu, „How Resilience Works“, S. 48; Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy
Leaf, S. 30
* Bahá´u´lláh, der Báb und `Abdu´l-Bahá
13 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, in Bahíyyih Khánum,The Greatest Holy Leaf,
S. 73; Shoghi Effendi, ebenda S. 25; aus einem in Shoghi Effendis Auftrag geschriebenen Brief, ebenda
S. 83
14 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, ebenda, S. 75 f.
15 Ebenda, S. 76
16 Abdu´l-Missagh Ghadirian, “Psychological and Spiritual Dimensions of Persecution and Suffering“, in
Journal of Bahá´í Studies 6, Nr. 3, S. 19
17 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf,
S. 70 f.
18 Shoghi Effendi, ebenda S. 35
19 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, ebenda S. 77
20 Ebenda
21 Ebenda, S. 90 f., S. 89, S, 91
22 Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá´u´lláhs, S. 19
23 Ebenda, S. 207
24 Ebenda, S. 219
25 Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá´u´lláhs, S. 221
26 `Abdu´l-Bahá, Briefe und Botschaften, 43:1, S. 106
27 Ebenda, 142:1, S. 196
* Hände der Sache Gottes, siehe Glossar
** Berater, siehe Glossar
28 Bahíyyih Khánum, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 141, S. 160 f.
29 Ebenda , S. 191
30 Shoghi Effendi, Bahá´í Administration, S. 88; `Abdu´l-Bahá, Briefe und Botschaften `Abdu´l-Bahás, Nr. 45, S. 107 f.
31 Ebenda, S. 107
32 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 59 f.
33 Hugh Miall, Peacemakers, Kap. 4
34 Peter Wallensteen (Hsg.), Peace Research, Kap. 6
35 Messages from the Universal House of Justice, 1963-1986, Nr. 206.3; siehe `Abdu´l-Bahá Das Geheimnis
göttlicher Kultur, S. 28-30
36 Bahá´u´lláh, zit. in Messages from the Universal House of Justice, 1963-1986, Nr. 206.3a-3b
37 Bahá´u´lláh, Botschaften aus `Akká, 4:21, S. 55; 7:42, S. 117
38 Shoghi Effendi, Messages to the Bahá´í World, S. 127; Messages from the Universal House of Justice,
1963-86, Nr. 206.2
* wörtlich „ Äste oder Zweige“, Söhne und andere männliche Nachkommen Bahá’u’lláhs
39 Bahá´u´lláh, Botschaften aus `Akká, 15:10-11, S. 250; 15:13, S. 251; aus einem unveröffentlichten Brief
vom 26.1.1939 im Auftrag Shoghi Effendis an einen Gläubigen, mit Genehmigung des Universalen Hauses
der Gerechtigkeit vom 13.10.1998. Vgl. http://bahai-library.com/uhj/pronouns.etc.html.
40 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, E:9, S. 525; Shoghi Effendi, This Decisive Hour, Nr. 64.7
41 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, zitiert in Messages from the Universal House of
Justice, 1963-1986, Nr. 111.12, 206.3; Bahá’u’lláh, zit. Ebda. Nr. 206.3 b.
42 Messages from the Universal House of Justice, 1963-86, Nr. 206.4
43 Ebenda, Nr. 206.5
44 Bahá´u´lláh, Botschaften aus `Akká, 12:17, S. 214
45 Ebenda 9:4, S. 162; `Abdu´l-Bahá, Das Geheimnis göttlicher Kultur, S. 68, S. 30 f.
46 Bahá´u´lláh, Botschaften aus Àkká, 7:15, S. 108; `Abdu´l-Bahá, Das Geheimnis göttlicher Kultur, S. 27
47 `Abdu´l-Bahá, Das Geheimnis göttlicher Kultur, S. 14, S. 93, S. 87, S. 88
48 Committee for the Psychological Study of Peace (IUPsyS), „Cultures of Peace: Social-Psychological Foundations,“ verfasst auf der Grundlage einer durch die UNESCO gesponserten Hintergrundstudie, S. 2
49 Jim Collins, „Level 5 Leadership. The Triumph of Humility and Fierce Resolve” in Harward Business Review (Januar 2001), S. 66 ff.
50 Ebenda, S. 73
51 Bahá´u´lláh, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 3
52 Shoghi Effendi, ebenda S. 34 f.
53 Ebenda, S. 28, S. 30
54 Shoghi Effendi, ebenda S. 42 f.
55 Bahíyyih Khánum, ebenda S. 115
56 Shoghi Effendi, ebenda S. 38
57 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, ebenda S. 79
58 Ella Goodall Cooper, “Bahíyyih Khánum – An Appreciation,“ S. 202 f.; Marjorie Morton, „Bahíyyih
Khánum “, in Bahá´í World 5 (1936), S. 181
59 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 34 f.; IUPsyS „Cultures of Peace.
Social-Psychological Foundations“, S. 2
60 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf,
S. 78 f.
61 Shoghi Effendi, ebenda S. 26, S. 29
62 Ebenda, S. 53
63 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, ebenda S. 68, S. 69
64 Shoghi Effendi, ebenda S. 24
65 `Abdu´l-Bahá, Das Geheimnis göttlicher Kultur, S. 89
66 `Abdu´l-Bahá, zit. in Messages from the Universal House of Justice, 1963-1986, Nr. 35.7a
67 Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá´u´lláhs, S. 233
68 Ebenda, S. 38, S. 44
69 Bahá´u´lláh, Botschaften aus `Akká, 8:63, S. 152
70 Messages from the Universal House of Justice, 1963-86, Nr. 35.13, Nr. 35.11
71 Bahá´u´lláh, Botschaften aus `Akká, 4:9, S. 51, 1:17, S. 195; `Abdu´l-Bahá, Briefe und Botschaften, 40:3, S. 100 f.
72 `Abdu´l-Bahá, Das Geheimnis göttlicher Kultur, S. 102
73 Ebenda
74 Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá´u´lláhs, S. 61; `Abdu´l-Bahá, Das Geheimnis göttlicher Kultur, S. 19
75 Shoghi Effendi, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf, S. 26
76 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf,
S. 74
77 Brief im Auftrag Shoghi Effendis, in Bahá´í News Nr. 68 (November 1932), S. 3
78 Aus einem im Auftrag Shoghi Effendis geschriebenen Brief, in Bahíyyih Khánum, The Greatest Holy Leaf,
S. 92

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