Read: Kitab-i-Iqan



BAHA'U'LLAH

Kitáb-i-Iqán

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Aus dem Persischen ins Englische übertragen von Shoghi Effendi; ins Deutsche übertragen nach der englischen Übersetzung unter Benutzung des persischen Urtextes. 1. Auflage Frankfurt am Main (Bahá'í-Verlag) 1958. 4. revidierte Auflage (c) BV Hofheim 1997



Motto der 2. revidierten deutschen Ausgabe 1969 (und der dritten unveränderten Aufl. 1978):



Dies ist der Tag, da des Herrn Zeugnis erfüllt, der Tag, da Gottes Wort erschienen ist und der Beweis fest gegründet ward. Seine Stimme ruft euch zu dem, was euch nützt, und heißt euch trachten nach dem, was euch näher führt zu Gott, dem Herrn aller Offenbarung.




Als Einführung zur 2. revidierten deutschen Ausgabe 1969 (und der dritten unveränderten Auflage 1978) wird ein Text aus dem 8. Kapitel von Shoghi Effendi, Gott geht vorüber, abgedruckt.




Vorwort Shoghi Effendis zu seiner Übersetzung des Kitáb-i-Iqán in das Englische:

Dies ist ein weiterer Versuch - wenn auch in unzulänglicher Sprache - den Westen mit einem Buch vertraut zu machen, das unter den Schriften des Autors der Bahá'í-Offenbarung von unerreichtem Rang ist. Es steht zu hoffen, daß mein Versuch anderen eine Hilfe in ihrem Bemühen sein wird, dem Ziele nahe zu kommen, das freilich als nie erreichbar anzusehen ist: eine würdige Wiedergabe der unvergleichlichen Sprache Bahá'u'lláhs. - Shoghi









Erster Teil

Im Namen Unseres Herrn, des Erhabenen, des Höchsten.




+1:1 (1)

Niemand vermag die Küsten des Meeres wahrer Erkenntnis zu erreichen, ehe er sich nicht freimacht von allem im Himmel und auf Erden. Heiligt eure Seelen, o Völker der Welt, auf daß ihr die Stufe erlangt, die Gott euch bestimmt hat, und in das Heiligtum¹ eintretet, das nach dem Walten der Vorsehung am Himmel des Bayán errichtet ward.

¹ Surádiq; siehe Glossar


+1:2 (2)

Das ist der Sinn dieser Worte: Wer auf dem Pfade des Glaubens wandelt, wer nach dem Weine der Gewißheit schmachtet, muß sich läutern von allem, was irdisch ist - sein Ohr von leerem Geschwätz, sein Gemüt von eitlem Trug, sein Herz von der Liebe zur Welt, sein Auge von allem Vergänglichen. Auf Gott muß er bauen, an Ihn sich halten und auf Seinem Wege wandeln. Dann wird er würdig sein, daß ihm in ihrer Glorie die Sonne göttlicher Erkenntnis und Einsicht strahle und er zum Gefäße werde für nie geschaute, unendliche Gnaden. Denn nie darf ein Mensch hoffen, zur Erkenntnis des Allherrlichen zu gelangen, nie kann er vom Strome göttlicher Erkenntnis und Weisheit trinken, nie kann er in den Wohnsitz der Unsterblichkeit eingehen noch teilhaben am Kelche göttlicher Nähe und Gunst - es sei denn, er lasse davon ab, die Worte und Werke sterblicher Menschen zum Maßstab wahren Erfassens und Erkennens Gottes und Seiner Propheten zu nehmen.

+1:3 (3)

Schaut in die Vergangenheit! Wie viele, hoch und niedrig, haben zu allen Zeiten sehnlich auf das Erscheinen der Manifestationen Gottes in den geheiligten Gestalten Seiner Erwählten gewartet. Wie oft haben sie Seiner Ankunft geharrt, wie haben sie immer wieder darum gefleht, der Hauch göttlichen Erbarmens möge wehen, die verheißene Schönheit hinter dem Schleier der Verborgenheit hervortreten und aller Welt offenbar werden. Doch wann immer die Tore der Gnade sich öffneten, die Wolken göttlicher Freigebigkeit sich auf die Menschheit ergossen und das Licht des Ungeschauten am Horizont himmlischer Macht aufleuchtete, haben Ihn alle verleugnet und sich von Seinem Antlitz, Gottes eigenem Antlitz, abgewandt. Schlagt nach, um die Wahrheit dieser Worte zu belegen, wie sie in allen heiligen Büchern verzeichnet steht.

+1:4 (4)

Und nun denket eine Weile darüber nach, was wohl der Grund war, daß sie, die Ihn doch voll Sehnsucht und Eifer suchten, Ihn derart abwiesen? Ihre Angriffe waren heftiger, als Feder oder Zunge schildern können. Nicht eine Manifestation der Heiligkeit ist erschienen, die nicht von den Menschen abgelehnt, verleugnet und heftig angefeindet worden wäre. So ist offenbart: »O welch ein Elend unter den Menschen! Kein Bote kommt zu ihnen, den sie nicht verspotteten.«¹ - Und wiederum spricht Er: »Ein
jedes Volk verschwor sich finster gegen seinen Boten, um Ihn zu greifen, und stritt mit eitlen Worten, die Wahrheit zu entkräften.«²

¹ Qur'án 36:30 ² Qur'án 40:5


+1:5 (5)

Und ähnliche Worte, die sich dem gewöhnlichen Begreifen der Menschen entziehen, sind ohne Zahl dem Quell der Macht entströmt und vom Himmel der Herrlichkeit herabgekommen. Denen, die von wahrem Verstehen und Erkennen ergriffen sind, wird die Sure Húd¹ sicherlich genügen. Laßt ihre heiligen Worte eine Weile in eurem Herzen wirken und sucht in äußerster Loslösung ihren Sinn zu erfassen. Prüfet die wundervolle Haltung der Propheten und ruft euch die Schmähungen und Verleugnungen der Kinder der Verneinung und des Irrtums ins Gedächtnis, vielleicht, daß ihr dann den Vogel des Menschenherzens sich aufschwingen laßt von den Stätten der Achtlosigkeit und des Zweifels zum Neste des Glaubens und der Gewißheit, auf daß er tief aus den Wassern altehrwürdiger Weisheit trinke und von der Frucht des Baumes göttlicher Erkenntnis koste. Dies ist der Anteil der im Herzen Reinen an dem Brote, das aus den Reichen der Ewigkeit und Heiligkeit herabgekommen ist.

¹ Qur'án, Sure 11


+1:6 (6)

Wenn ihr einmal all die Schmach kennenlernt, die auf die Propheten Gottes geladen wurde, wenn ihr die wahren Gründe all der Einwände begreift, die ihre Unterdrücker gegen sie vorbrachten, dann werdet ihr wahrlich die Bedeutung ihrer Lage richtig würdigen. Und je genauer ihr die Ablehnung derer untersucht, die sich den Offenbarern göttlicher Attribute widersetzt haben, desto fester wird euer Glaube an die Sache Gottes werden. Darum soll in dieser Schrift kurz auf die verschiedenen Berichte über die Propheten Gottes eingegangen werden, damit sie Zeugnis ablegen für die Wahrheit, daß die Offenbarer der Macht und Herrlichkeit zu allen Zeiten so schändlichen Grausamkeiten unterworfen waren, daß keine Feder dies zu schildern wagt. Vielleicht, daß dadurch manch einer fähig werde, sich nicht mehr vom Geschrei und Protest der Geistlichen und Toren unserer Tage verwirren zu lassen, sondern zu erstarken an Zuversicht und Gewißheit.

+1:7 (7)

Einer der Propheten war Noah. Neunhundertfünfzig Jahre lang ermahnte Er inständig Sein Volk und rief es herbei zum Hafen der Geborgenheit und des Friedens, doch keiner achtete Seines Rufes. Tag um Tag brachten sie so viel Schmerz und Leid über diesen heiligen Mann, daß keiner dachte, Er könne dies überleben. Wie oft wiesen sie Ihn zurück, wie böswillig gaben sie ihren Argwohn gegen Ihn zu erkennen! So ist offenbart: »Und sooft eine Schar Seines Volkes an Ihm vorüberging, verlachten sie Ihn. Er aber sprach zu ihr: `Spottet ihr Uns, so werden Wir über euch spotten, so, wie ihr jetzt spottet. Und wahrlich, dann werdet ihr wissen.`¹ Lange danach verhieß Er mehrfach Seinen Gefährten den Sieg und nannte auch die Stunde. Doch als die Stunde schlug, ging die göttliche Verheißung nicht in Erfüllung. Deshalb wurden einige Seiner wenigen Jünger abtrünnig, wie es die Berichte wohlbekannter Bücher bezeugen, die ihr sicherlich gelesen habt oder noch lesen werdet. Schließlich, so berichten uns die Bücher und Überlieferungen, blieben nur noch vierzig oder zweiundsiebzig Jünger bei Ihm. Da brach Er aus den Tiefen Seines Herzens in den Schrei aus: »Mein Herr, lasse keinen der Ungläubigen auf Erden!«

¹ Qur'án 11:38 ² Qur'án 71:26


+1:8 (8)

Nun seht den Eigensinn dieses Volkes und denkt eine Weile darüber nach! Was hat sie wohl veranlaßt, Ihn zu verwerfen und zu meiden? Was ließ sie sich sträuben, das Gewand der Leugnung abzuwerfen und sich mit dem Kleide der Annahme zu schmücken? Was war überdies der Grund, daß sich die göttliche Verheißung nicht erfüllt hatte, so daß die Suchenden wieder verwarfen, was sie bereits angenommen hatten? Meditiert darüber, damit das Geheimnis unsichtbarer Dinge euch enthüllt werde und ihr die Süße geistiger Düfte atmet und die Wahrheit erkennet, daß der Allmächtige seit undenklichen Zeiten und bis in alle Ewigkeit Seine Diener prüft, auf daß sich Licht von Finsternis scheide, Wahrheit von Trug, Recht von Unrecht, Führung von Irrtum, Glück von Elend und Rosen von Dornen. Denn also hat Er offenbart: »Wähnen die Menschen denn, sie würden in Ruhe gelassen, nur weil sie sagen: Wir glauben - und sie würden nicht auf die Probe gestellt?«¹

¹ Qur'án 29:2


+1:9 (9)

Nach Noah erstrahlte die Leuchte von Húd über dem Horizonte der Schöpfung. Wohl an die siebenhundert Jahre, so sagt man, ermahnte Er das Volk, aufzublicken und sich dem Ridván der göttlichen Gegenwart zu nähern. Wie viele Trübsale ergossen sich auf Ihn wie Regenschauer, Seine Beschwörungen führten am Ende zu einer noch heftigeren Empörung, so daß die Frucht Seines ausdauernden Bemühens nur die eigensinnige Verblendung Seines Volkes war. »Und der Unglaube der Ungläubigen vermehrt nur ihr Verderben.«¹


¹ Qur'án 35:39


+1:10 (10)

Nach Ihm erschien aus dem Ridván des Ewigen, des Unsichtbaren, die heilige Gestalt des Sálih¹, der wiederum das Volk zum Strom unvergänglichen Lebens rief. Mehr als hundert Jahre mahnte Er, sich fest an Gottes Gebote zu halten und zu unterlassen, was verboten ist. Doch Seine Ermahnungen blieben fruchtlos, Seine inständigen Warnungungen ohne Erfolg. Mehrmals zog Er sich in die Einsamkeit zurück. Und doch hat diese Ewige Schönheit das Volk zu nichts anderem gerufen als zur Stadt Gottes. So ist offenbart: »Und dem Stamme Thamúd sandten Wir ihren Bruder Sálih. `O mein Volk`, sprach Er, `bete
Gott an, denn du hast keinen Gott außer Ihm...` Sie entgegneten: `O Sálih, du warst einst das Ziel unserer Hoffnungen. Willst du uns nun verbieten, das anzubeten, was unsere Väter angebetet haben? Wahrlich, gar bedenkliche Zweifel hegen wir gegen das, wozu du uns rufst.`«² Alles war umsonst. Am Ende aber erhob sich großes Wehgeschrei, und alle gingen zugrunde.

¹ vgl.Qur'án 11:64f ² Qur'án 11:61f


+1:11 (11)

Später trat die Schönheit des Gottesfreundes¹ hinter dem Schleier hervor und ein neues Banner göttlicher Führung ward aufgepflanzt. Er rief das Volk der Erde zum Lichte der Gerechtigkeit. Je inständiger Er die Menschen ermahnte, desto grimmiger wurden ihr Neid und Eigensinn - ausgenommen jene, die, von allem außer Gott losgelöst, sich auf den Schwingen der Gewißheit zu der Stufe erhoben, die Gott über alles menschliche Begreifen erhöht hat. Wohlbekannt ist, welche Schar von Feinden Ihn bedrängte, bis schließlich das Feuer des Neids und des Aufruhrs gegen Ihn aufflammte. Und nachdem sich die Geschichte vom Feuer zugetragen hatte, da ward Er, die Leuchte Gottes unter den Menschen, aus Seiner Stadt vertrieben, wie in allen Büchern und Berichten verzeichnet ist.

¹ `Gott nahm Abraham zum Freund` vgl. Qur'án 4:125; 11:72f


+1:12 (12)

Als Sein Tag zu Ende ging, kam die Zeit des Mose. Ausgerüstet mit dem Stab himmlischer Herrschaft, geschmückt mit der weißen Hand göttlicher Erkenntnis, kam Er vom Párán der Liebe Gottes hernieder. Wie ein Zepter die Schlange der Macht und ewigen Hoheit tragend, strahlte Er vom Sinai des Lichtes herab auf die Welt. Er rief alle Völker und Geschlechter der Erde zum Reiche der Ewigkeit und lud sie ein, die Frucht vom Baume der Treue zu kosten. Du weißt wohl, wie bitterfeind der Pharao und sein Volk Ihm begegneten und wie die Hände der Heiden Steine eitlen Trugs gegen diesen gesegneten Baum schleuderten. Schließlich erhob sich der Pharao mit seinem Volk und mühte sich aufs äußerste, das Feuer des heiligen Baumes mit den Wassern der Falschheit und Verleugnung zu löschen, denn sie achteten nicht der Wahrheit, daß irdisches Wasser die Flamme göttlicher Weisheit nicht ersticken und sterbliche Winde die Lampe ewiger Herrschaft nicht ausblasen können. Nein, solches Wasser kann die Flamme nur noch mehr entfachen und solche Windstöße können den Schutz der Lampe nur noch festigen, würdet ihr doch mit dem Auge der Einsicht schauen und auf dem Pfade von Gottes heiligem Willen und Wohlgefallen wandeln. Wie gut hat das ein Gläubiger aus dem Hause des Pharao beobachtet, dessen Geschichte von dem Allherrlichen in Seinem Buch erzählt wird, das Er Seinem Geliebten offenbart hat: »Und ein Mann aus der Familie des Pharao, ein Gläubiger, der seinen Glauben verbarg, sprach: `Wollt ihr einen Mann erschlagen, nur weil er spricht: Mein Herr ist Gott - einen Mann, der doch zu euch gekommen ist mit Zeichen von eurem Herrn? Ist er ein Lügner, so wird seine Lüge auf ihn zurückfallen, spricht er aber wahr, so wird ein Teil seiner Drohungen über euch kommen. Denn wahrlich, Gott ist nicht mit den Missetätern und Lügnern!`«¹ Doch ihre Ungerechtigkeit war zuletzt so groß, daß sie eben diesem Gläubigen einen qualvollen Tod bereiteten. »Der Fluch Gottes sei auf dem Volke der Unterdrücker!«²

¹Qur'án 40:28 ² Qur'án 7:44 , 11:18


+1:13 (13)

Denkt nun über diese Geschehnisse nach! Was war wohl die Ursache dieses Streites? Warum mußte das Erscheinen einer jeden Manifestation Gottes von soviel Kampf und Lärm, von soviel Gewalt und Aufruhr begleitet sein? Und dabei haben doch alle Propheten Gottes, wann immer sie sich den Menschen dieser Welt offenbarten, einen weiteren Propheten nach ihnen vorausgesagt und die Zeichen festgesetzt, welche den Beginn einer neuen Sendung verkünden sollten. Dies bezeugen die Berichte aller heiligen Bücher. Warum kam es, obwohl die Menschen die Manifestation der Heiligkeit erwarteten und suchten, obwohl deren Zeichen in den heiligen Schriften vermerkt waren, in allen Zeitaltern und Zyklen zu solchen Gewalttaten, zu einer so grausamen Unterdrückung der Propheten und Erwählten Gottes? So hat Er offenbart: »Sooft ein Bote zu euch kommt mit dem, was euren Seelen zuwider ist, seid ihr in Hoffart aufgebläht; die einen habt ihr des Betrugs geziehen, die anderen gar erschlagen.«¹

¹ Qur'án 2:87


+1:14 (14)

Überlegt: Was mögen ihre Motive gewesen sein, was konnte sie zu einem solchen Verhalten gegenüber den Offenbarern der Schönheit des Allherrlichen bewogen haben? Führt doch alles, was in vergangenen Tagen die Ablehnung und den Widerstand der Menschen verursachte, auch zur Verstocktheit der Menschen von heute. Zu behaupten, das Zeugnis der Vorsehung sei unvollständig und dies habe zur Ablehnung geführt, wäre offene Gotteslästerung. Wie fern liegt es der Gnade des Allgütigen, wie fern Seiner liebevollen Vorsehung und Seiner milden Barmherzigkeit, unter allen Menschen eine Seele zur Führung Seiner Geschöpfe zu erwählen, ihr einerseits das volle Maß Seines göttlichen Zeugnisses zu versagen, andererseits über Sein Menschenvolk schwere Vergeltung dafür zu verhängen, daß es sich von Seinem Erwählten abwendet! Nein, die vielfachen Gnadengaben des Herrn aller Geschöpfe haben allezeit durch die Manifestationen Seines göttlichen Wesens die Erde und alle, die auf ihr wohnen, umfangen. Nicht einen Augenblick hat sich Seine Gnade versagt, noch haben die Schauer Seiner Güte aufgehört, auf die Menschheit niederzuregnen. Folglich ist ein solches Verhalten nichts anderem zuzuschreiben als der Kleingeistigkeit der Seelen, die durch das Tal der Anmaßung und der Hoffart schreiten, in der Wildnis der Gottferne umherirren, auf den Wegen ihres eitlen Wahns wandeln und den Befehlen ihrer Geistlichen folgen. Es geht ihnen vor allem um Widerspruch, und ihr einziges Begehren ist, der Wahrheit nicht ins Auge sehen zu müssen. Jedem Einsichtigen ist es offenbar: Hätten diese Menschen in den Tagen früherer Manifestationen der Sonne der Wahrheit ihre Augen, Ohren und Herzen von allem, was sie zuvor sahen, hörten und fühlten, geheiligt, so wären sie sicherlich weder des Anblicks der Schönheit Gottes beraubt worden noch so weit von den Stätten der Herrlichkeit abgeirrt. Doch weil sie dem Zeugnis Gottes das Maß ihres eigenen Wissens anlegten, das sie aus den Lehren ihrer Geistlichkeit aufgelesen hatten, und fanden, daß es ihrem beschränkten Verständnis widersprach, ließen sie sich zu solchen Untaten hinreißen.

+1:15 (15)

Zu allen Zeiten hat die Geistlichkeit ihr Volk daran gehindert, die Küsten des Meeres ewigen Heils zu erreichen, denn sie hält die Zügel der Autorität über die Menschen in ihrem mächtigen Griff. Einige wurden aus Verlangen nach Führerschaft, andere aus Mangel an Erkenntnis und Verständnis zur Ursache der Unmündigkeit des Volkes. Mit ihrer Zustimmung und unter ihrer Amtsgewalt mußten alle Propheten Gottes vom Kelche des Opfers trinken und ihren Flug zu den Höhen der Herrlichkeit nehmen. Wie schlimm sind die Grausamkeiten, mit denen jene, die auf den Stühlen der Autorität und Gelehrsamkeit saßen, die wahren Könige der Welt, die Edelsteine göttlicher Tugend, heimgesucht haben! Mit vergänglicher Herrschaft zufrieden, haben sie sich der ewigen Herrschaft beraubt. So haben ihre Augen nicht das Licht vom Antlitz des Vielgeliebten geschaut, noch ihre Ohren den süßen Weisen der Nachtigall der Sehnsucht gelauscht. Darum sprechen alle heiligen Schriften von den Geistlichen der jeweiligen Zeit. So spricht Er: »O Volk des Buches! Warum glaubt ihr nicht den Zeichen Gottes, deren ihr doch selbst Zeuge wart?«¹ Und wiederum spricht Er: »O Volk des Buches! Warum kleidet ihr die Wahrheit in Lüge und verbergt die Wahrheit wider besseres Wissen?«² Und abermals spricht Er: »Sprecht, o Volk des Buches, warum treibt ihr die Gläubigen vom Pfade Gottes?«² Es ist offenbar, daß mit dem »Volk des Buches«, das seine Zeitgenossen von Gottes geradem Pfad zurückgetrieben hat, niemand anderes als die Geistlichkeit jener Zeit gemeint ist, deren Namen und Wesensart in den heiligen Büchern enthüllt sind; auf sie wird in den darin verzeichneten Versen und Überlieferungen angespielt - o würdet ihr doch mit dem Auge Gottes schauen!

¹ Qur'án 3:70 ² Qur'án 3:71 ³ Qur'án 3:99


+1:16 (16)

So prüfet denn mit festem, standhaftem, dem unbeirrbaren Auge Gottes entsprungenem Blick den Horizont göttlichen Wissens und sinnet über diese vollkommenen Worte nach, die der Ewige offenbart hat, damit euch die Geheimnisse göttlicher Weisheit, die bis heute hinter dem Schleier der Herrlichkeit verborgen und im Heiligtum¹ Seiner Gnade verschlossen sind, offenbar werden. Die Geistlichen haben die neue Offenbarung hauptsächlich deshalb abgelehnt und ihr widerstanden, weil es ihnen an Erkenntnis und Verständnis gebrach. Sie haben jene Worte aus dem Munde der Offenbarer der Schönheit des einen wahren Gottes, welche die Zeichen der künftigen Manifestation nannten, weder verstanden noch zu ergründen versucht. Darum erhoben sie das Banner der Empörung und entfachten Unheil und Aufruhr. Es leuchtet ein, daß die wahre Bedeutung dessen, was die Tauben der Ewigkeit kündeten, allen verhüllt bleibt, außer denen, die das ewige Wesen offenbaren, und daß die Melodien der Nachtigall der Heiligkeit kein anderes Ohr erreichen als das der Bewohner des unvergänglichen Reiches. Der gewalttätige Kopte kann niemals von dem Kelche trinken, den die Lippen des gerechten Juden berührt haben, und der Pharao des Unglaubens kann niemals hoffen, die Hand des Mose der Wahrheit zu erkennen. So spricht Er: »Niemand kennt seine Bedeutung als Gott und diejenigen, welche im Wissen fest gegründet sind.«² Aber dennoch haben sie die Auslegung des Buches bei denen gesucht, die in Schleiern verhüllt sind, und es verschmäht, die Belehrung beim Urquell des Wissens zu finden.

¹ Surádiq; siehe Glossar ² Qur'án 3:7


+1:17 (17)

Als die Tage Mose zu Ende gingen und das Licht Jesu, aus der Morgendämmerung des Geistes aufleuchtend, die Welt umfing, stand das ganze Volk Israel wider Ihn auf. Sie schrieen, daß der, den die Bibel verheißt, das Gesetz Mose verbreiten und erfüllen müsse, während dieser junge Nazarener, der sich die Stufe des göttlichen Messias anmaße, die Gesetze der Ehescheidung und des Sabbats, die wichtigsten Gesetze Mose, abgeschafft habe. Wie stehe es außerdem um die Zeichen der Manifestation, die noch erscheinen soll? Das Volk Israel harrt bis auf den heutigen Tag der in der Bibel verheißenen Manifestation. Wie viele Manifestationen der Heiligkeit, wie viele Offenbarer des ewigen Lichtes sind seit Mose Zeiten schon erschienen, und doch erwartet Israel, in dichteste Schleier satanischen Trugs und eitlen Wahns gehüllt, daß das Idol, das es selbst geschaffen, mit Zeichen erscheine, die es selbst ersonnen. So hat Gott um ihrer Sünden willen Hand an die Juden gelegt, so hat Er den Geist des Glaubens in ihnen ausgelöscht und sie mit den Flammen der Höllentiefe gepeinigt, weil sie den Sinn der Verse nicht verstehen wollten, die über die Zeichen der künftigen Offenbarung in der Bibel enthüllt sind. Da sie deren wahre Bedeutung nicht erfaßten und jene Ereignisse, äußerlich gesehen, nie eingetroffen sind, blieb es ihnen versagt, die Schönheit Jesu zu erkennen und das Antlitz Gottes zu schauen. Noch immer harren sie Seines Erscheinens! Seit unvordenklicher Zeit bis zum heutigen Tag haben die Völker auf Erden solchen wunderlichen, unziemlichen Gedanken nachgehangen und sich damit selbst der klaren Wasser beraubt, die den Quellen der Reinheit und Heiligkeit entströmen.

+1:18 (18)

Diese Geheimnisse enthüllend, haben Wir in Unseren früheren, an einen Freund in der melodischen Sprache des Hijáz gerichteten Schriften einige Verse der alten Propheten angeführt. Nun wollen Wir, deiner Bitte entsprechend, auf diesen Seiten nochmals die gleichen Verse anführen, diesmal in der wundervollen Sprache des Iráq¹, daß so die Schmachtenden aus der Wildnis der Gottferne zum Meere der göttlichen Gegenwart gelangen und die in den Wüsten der Trennung Darbenden zu der Heimstatt ewiger Wiedervereinigung geleitet werden. So mögen die Nebel des Irrtums zerstreut werden und das alles erhellende Licht göttlicher Führung über dem Horizonte der Menschenherzen aufdämmern. Auf Gott setzen Wir Unser Vertrauen, Ihn rufen Wir um Hilfe an, daß vielleicht dieser Feder entströme, was die Menschenseelen belebt, auf daß sie sich alle von den Lagern der Achtlosigkeit erheben und dem Blättersäuseln des Paradieses lauschen, in dem Baume, den die Hand göttlicher Macht mit Gottes Erlaubnis im Ridván des Allherrlichen gepflanzt hat.

¹ gemeint ist Persisch


+1:19 (19)

Wem Einsicht gegeben, der weiß, daß zu der Zeit, da das Feuer der Liebe Jesu die Schleier jüdischer Enge verzehrt hatte und Seine Machtvollkommenheit sichtbar und allmählich anerkannt wurde, Er, der Offenbarer der unsichtbaren Schönheit, an Seine Jünger gewandt, auf Sein Scheiden hinwies, in ihren Herzen das Feuer der Verwaisung entfachte und sprach: »Ich gehe von hinnen und komme wieder zu euch.«¹ Und an anderer Stelle sprach Er: »Ich gehe hin und ein anderer wird kommen, der wird euch alles lehren, was ich euch nicht gesagt habe, und alles erfüllen, was Ich euch gesagt habe.«² Diese beiden Verse haben nur eine Bedeutung, wolltet ihr doch mit göttlicher Einsicht über die Manifestationen der Einheit Gottes nachdenken!

¹ Joh. 14:28 ² vgl. Joh. 14:26 , 16:13


+1:20 (20)

Wer dies mit Verständnis betrachtet, wird erkennen, daß in der Sendung des Qur'án sowohl das Buch als auch die heilige Sache Jesu bestätigt wurden. Was die Namen anbelangt, so erklärt Muhammad selbst: »Ich bin Jesus.« Er anerkannte die Wahrheit der Zeichen, Prophezeiungen und Worte Jesu und bezeugte, daß sie alle von Gott sind. In diesem Sinne haben sich weder die Gestalt Jesu noch Seine Schrift von der Muhammads und Seinem heiligen Buche unterschieden, denn beide sind für die Sache Gottes eingetreten, haben Sein Lob verkündet und Seine Gebote offenbart. Darum hat Jesus gesprochen: »Ich gehe hin und komme wieder zu euch.«¹ Betrachtet die Sonne! Wenn sie sagte: »Ich bin die Sonne von gestern«, so spräche sie die Wahrheit. Und sollte sie im Hinblick auf den Zeitablauf behaupten, sie sei eine andere als jene Sonne, so spräche sie gleichwohl die Wahrheit. Ebenso wahr ist es, wenn gesagt wird, alle Tage seien ein und derselbe. Und wenn im Hinblick auf ihre besonderen Namen und Bezeichnungen gesagt wird, sie seien verschieden, so ist dies wiederum wahr, denn wenn sie auch die gleichen sind, so läßt sich doch an jedem eine andere Bezeichnung, eine besondere Eigenschaft, ein eigener Wesenszug erkennen. Begreife nun dementsprechend die Individualität, die Verschiedenheit und die Einheit der Manifestationen der Heiligkeit, damit du die Andeutungen verstehst, die der Schöpfer aller Namen und Attribute über diese Mysterien der Verschiedenheit und Einheit machte, und entdecke die Antwort auf deine Frage, warum jene ewige Schönheit sich zu verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Namen und Titeln bezeichnet hat.

¹ vgl. Joh. 14:28


+1:21 (21)

Später fragten die Gefährten und Jünger Jesu nach den Zeichen, welche die Wiederkunft Seiner Manifestation ankündigen würden. Wann, so forschten sie, werden diese Dinge geschehen? Mehrmals fragten sie diese unvergleichliche Schönheit, und jedesmal, wenn Er antwortete, wies Er auf ein besonderes Zeichen hin, welches den Anbruch der verheißenen Sendung ankündigen sollte. Dies bezeugen die Berichte der vier Evangelien.

+1:22 (22)

Dieser Unterdrückte will nur eine dieser Stellen anführen und damit der Menschheit aus Liebe zu Gott Gnadengaben vermitteln, die noch bei den Schätzen des verborgenen und geheiligten Baumes verwahrt sind, auf daß die Sterblichen nicht ihres Anteils an der unsterblichen Frucht beraubt bleiben, sondern einen Tautropfen von den Wassern ewigen Lebens erlangen, die sich von Baghdád, der »Stätte des Friedens«, über die Menschheit ergießen. Wir verlangen weder Preis noch Lohn dafür: »Wir nähren eure Seelen um Gottes willen. Wir suchen weder Lohn noch Dank von euch.«¹ Dies ist die Speise, die den im Herzen Reinen und im Geist Erleuchteten ewiges Leben bringt. Dies ist das Manna, von dem gesagt ist: »Herr, sende Dein Brot vom Himmel auf uns herab.«² Dieses Brot wird denen, die es verdient haben, niemals vorenthalten, noch kann es jemals aufgezehrt werden. Es wächst ewiglich am Baume der Gnade. Es kommt zu allen Zeiten aus den Himmeln der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. So spricht Er: »Siehest du nicht, womit Gott ein gutes Wort verglichen hat? Mit einem guten Baum, dessen Wurzeln fest gewachsen sind, dessen Zweige zum Himmel reichen, der Früchte bringt zu allen Zeiten.«³

¹ Qur'án 76:9 ² Qur'án 5:117; vgl.auch Joh. 6:32-35/41/50/58 ³ Qur'án 14:2



+1:23 (23)

Wie schade, wenn der Mensch sich selbst dieser schönen Gnade beraubt, dieses unvergänglichen Gnadengeschenkes, des ewigen Lebens. Er sollte diese Himmelsspeise hoch achten, damit vielleicht durch die wundersame Gunst der Sonne der Wahrheit die Toten ins Leben gerufen und die erschöpften Seelen durch den unendlichen Geist erquickt werden. Beeile dich, o mein Bruder, auf daß unsere Lippen, solange es noch Zeit ist, den unsterblichen Trank kosten; denn nicht ewig wird der Hauch des Lebens aus der Stadt des Vielgeliebten wehen, nicht ewig fließen die Ströme der heiligen Sprache, und nicht ewig werden die Tore des Ridván offen stehen. Einst wird kommen der Tag, da die Nachtigall des Paradieses ihren Flug von ihrer Wohnstatt hienieden zum göttlichen Neste nehmen wird. Dann wird ihr Gesang nicht mehr vernommen werden, und die Schönheit der Rose wird nicht mehr leuchten. Darum nütze die Stunde, solange der göttliche Frühling noch seine Pracht verschwendet und die Taube der Unsterblichkeit ihre Melodien jubelt, damit dein inneres Ohr nicht vom Lauschen auf ihren Ruf abgehalten werde. Dies ist Mein Rat für dich und die Geliebten Gottes. Wer will, der mag sich ihm zuwenden; wer will, der mag sich abwenden. Gott wahrlich, ist unabhängig von ihm und allem, was er sehen und bezeugen mag.

+1:24 (24)

Dies sind die Weisen, die Jesus, der Sohn Marias, in majestätisch kraftvollen Klängen im Ridván des Evangeliums anstimmte, die Zeichen enthüllend, welche die Manifestation nach Ihm ankündigen. Im Evangelium des Matthäus steht geschrieben: Als sie Jesus nach den Zeichen seiner Wiederkunft fragten, sprach Er zu ihnen: »Bald aber nach der Trübsal¹ derselben Zeit werden Sonne und Mond den Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden sich bewegen. Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes am Himmel. Und alsdann werden heulen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen kommen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und Er wird senden Seine Engel mit hellen Posaunen.«² Ins Persische übertragen³ ist der Sinn dieser Worte folgender: Wenn die Drangsal und Trübsal, die der Menschheit widerfahren müssen, eintreffen, dann werden sich der Glanz der Sonne und das Licht des Mondes verfinstern, und die Sterne des Himmels werden auf die Erde fallen, und die Grundpfeiler der Erde werden erbeben. Zu jener Zeit werden die Zeichen des Menschensohnes am Himmel offenbar werden, das heißt, die verheißene Schönheit, der Wesenskern allen Lebens, wird nach dem Erscheinen dieser Zeichen aus dem Reiche des Unsichtbaren in die Welt des Sichtbaren treten. Und Er spricht: Alsdann werden alle Völker und Geschlechter, die auf Erden wohnen, wehklagen und jammern, und sie werden die göttliche Schönheit vom Himmel kommen sehen, auf den Wolken schwebend mit Macht, Größe und Herrlichkeit, und Er wird Seine Engel senden mit starkem Posaunenschall. Ähnliche Hinweise finden sich in den Evangelien von Lukas, Markus und Johannes. Da Wir ausführlich darauf in Unseren arabisch offenbarten Schriften eingegangen sind, haben Wir sie auf diesen Seiten nicht besonders erwähnt und Uns auf ein Zitat beschränkt.

¹ das griechische Wort `Thlipsis` hat zwei Bedeutungen: `Druck`, und `Bedrängnis` ² Matth. 24:29-31
³ die Stelle ist in Arabisch zitiert und wird nun auf Persisch erklärt


+1:25 (25)

Weil die christlichen Geistlichen die Bedeutung dieser Worte nicht erfaßten und ihren Zweck nicht erkannten, sich vielmehr an eine buchstäbliche Auslegung der Worte Jesu hielten, wurden sie des Gnadenstromes der Offenbarung Muhammads und der Regenschauer ihrer Gnade beraubt. Damit war auch den Unwissenden in der christlichen Gemeinde, die ihren Geistlichen folgten, der Anblick der Schönheit des Königs der Herrlichkeit versagt, da jene Zeichen, die das Aufdämmern der Sonne der Sendung Muhammads begleiten sollten, tatsächlich nicht eintrafen. So sind wiederum Jahrhunderte vergangen, und jener reinste Geist hat sich in die Stätten Seiner altehrwürdigen Herrschaft zurückgezogen. Aufs neue hat nun der ewige Geist in die göttliche Posaune gestoßen und die Toten aus ihren Gräbern der Achtlosigkeit und des Irrtums hervoreilen lassen zum Reiche der Führung und Gnade. Doch immer noch ruft die wartende Gemeinde: Wann werden diese Zeichen geschehen? Wann wird die Gestalt des Verheißenen, das Ziel unseres Harrens, offenbar werden, damit wir uns für den Triumph Seiner heiligen Sache erheben, damit wir unser Hab und Gut für Ihn opfern, damit wir unser Leben auf Seinem Pfade hingeben können? Falsche Vorstellungen wie diese ließen auch andere Gemeinden vom Kawthar der unendlich barmherzigen Vorsehung abirren und sich in müßigen Gedanken verlieren.

+1:26 (26)

Neben dieser Stelle gibt es im Evangelium noch einen Vers, wo Er sagt: »Himmel und Erde werden vergehen, aber Meine Worte werden nicht vergehen.«¹ Darum verfechten die Christen die Auffassung, das Gesetz des Evangeliums werde niemals aufgehoben, und wenn die verheißene Schönheit mit allen Zeichen offenbar werde, müsse Er auch das im Evangelium verkündete Gesetz bestätigen, so daß es in der Welt keinen Glauben mehr gebe als den Seinen. Dies ist ihre unumstößliche Meinung. Sie sind zutiefst davon überzeugt, daß, wenn ein Mensch erschiene mit allen verheißenen Zeichen und verkündete, was dem Buchstaben des Gesetzes im Evangelium entgegenstünde, sie ihn sicherlich abwiesen, sich seinem Gesetz nicht unterwürfen, ihn für ungläubig erklärten und verspotteten. Dies bestätigen die Geschehnisse der Zeit, da die Sonne der Offenbarung Muhammads sich enthüllte. Hätten sie in den vergangenen Sendungen bei den Manifestationen Gottes demütigen Sinnes nach dem wahren Sinn der in den heiligen Büchern offenbarten Verse gesucht - Worte, deren Mißverständnis den Menschen das Erkennen des Si(a)dratu'l-Muntahá, des letzten Zieles, verschloß - so wären sie sicherlich zum Lichte der Sonne der Wahrheit geleitet worden und hätten die Mysterien göttlicher Erkenntnis und Weisheit entdeckt.

¹ Luk. 21:33; Bahá'u'lláh schließt an diesen arabisch zitierten Text noch die wörtliche Übersetzung in das Persische an. Dies wird in der deutschen wie in der englischen Übersetzung weggelassen.


+1:27 (27)

Dieser Diener will dir nun einen Tropfen aus dem unermeßlichen Meer der Wahrheiten vermitteln, die in diesen heiligen Worten verwahrt sind. Vielleicht, daß einsichtsvolle Herzen alle Andeutungen und den tieferen Sinn der Verse der Manifestationen der Heiligkeit erfassen, so daß die überwältigende Majestät des Wortes Gottes sie nicht abhalte, das Meer Seiner Namen und Zeichen zu erreichen, noch sie der Erkenntnis der Leuchte Gottes beraube, die der Sitz der Offenbarung Seines verherrlichten Wesens ist.

+1:28 (28)

Was nun die Worte betrifft: »Bald nach der Trübsal derselben Zeit« - so beziehen sie sich auf die Zeit, da die Menschen bedrängt und gepeinigt werden, die Zeit, da die letzten Spuren der Sonne der Wahrheit und die Früchte des Baumes der Erkenntnis und Weisheit aus der Mitte der Menschen entschwunden und die Zügel der Menschheit in die Hände von Narren und Unwissenden geraten sein werden, da die Tore zur göttlichen Einheit und Erkenntnis - der Schöpfung wesentlichstes und höchstes Ziel - verschlossen sind, das klare Wissen von eitlem Wahn verdrängt ist und Verderbtheit sich den Platz der Rechtschaffenheit angemaßt hat. Ein solcher Zustand ist heute zu erkennen, da in allen Gemeinden die Zügel in die Hände törichter Führer geraten sind, die nach ihren Launen und Wünschen führen. Auf ihrer Zunge ist das Gedenken Gottes ein leerer Name geworden, in ihrer Mitte Sein heiliges Wort ein toter Buchstabe. So heftig rast der Sturm ihrer Begierden, daß die Lampe des Gewissens und der Vernunft in ihren Herzen verlöscht ist. Dabei haben die Finger göttlicher Macht die Tore der Erkenntnis Gottes aufgetan. Das Licht göttlicher Erkenntnis und himmlischer Gnade hat alles Erschaffene so in seinem Wesenskern erleuchtet und erweckt, daß in jedem Ding sich ein Tor der Erkenntnis auftat und in jedem Atom Zeichen der Sonne sichtbar wurden. Und doch, ungeachtet all der mannigfachen Offenbarungen göttlicher Erkenntnis, die die Welt umfangen, leben sie immer noch im eitlen Wahn, die Pforte der Erkenntnis sei verschlossen und die Regenschauer der Barmherzigkeit seien versiegt. Sie hängen sich an leeren Trug und sind weit abgeirrt vom Urwatu'l-Wuthqá`¹ göttlicher Erkenntnis. Es scheint, daß ihre Herzen sich weder nach dem Tor der Erkenntnis sehnen noch an ihre Offenbarungen denken, da sie in leerem Wahn das Tor gefunden haben, das zu irdischem Reichtum führt, wogegen sie in dem Erscheinen des Offenbarers des Wissens nichts fanden als den Ruf zur Selbstaufopferung. Darum sind sie vor dem einen geflohen und haben sich, ihrer Natur folgend, an das andere gehalten. Obgleich sie im Innersten wissen, daß Gottes Gesetz seinem Wesen nach unveränderlich ist, hört man sie alle Tage aus allen Ecken neue Gesetze erlassen. Nicht zwei von ihnen sind zu finden, die sich über ein und dasselbe Gesetz einig wären, denn sie suchen keinen Gott außer ihrem eigenen Begehren und wandeln auf keinem Pfad als auf dem Pfade des Irrtums. Führer zu sein, ist das letzte Ziel ihres Strebens, und in Stolz und Hochmut sehen sie die höchste Erfüllung ihres Herzenswunsches. Ihre schmutzigen Ränke haben sie über den göttlichen Ratschluß gestellt und die Ergebung in Gottes Willen aufgekündigt. Selbstsüchtigen Plänen gewidmet, sind sie den Weg des Heuchlers gegangen. Mit aller Macht sind sie bestrebt, sich durch ihre kleinlichen Schliche abzusichern, ängstlich darauf bedacht, daß nicht das geringste Mißtrauen ihre Autorität untergrabe oder ihr großartiges Gehabe störe. Wäre das Auge mit dem Balsam der Gotteserkenntnis gesalbt und erleuchtet, so würde es sicherlich entdecken, daß sich ein Rudel gefräßiger Bestien zusammengeschart hat, um sich am Aas der Menschenseelen zu laben.

¹ `der Sichere Griff`, vgl. Qur'án 2:257; 31:22


+1:29 (29)

Welche »Trübsal« ist größer als die geschilderte? Welche »Trübsal« ist schmerzlicher als die, daß eine nach Wahrheit suchende, sich nach Gotteserkenntnis sehnende Seele nicht weiß, wohin sie sich wenden und wo sie suchen soll? Denn die Meinungen sind weit auseinandergegangen und die Wege zu Gott hin haben sich vervielfacht. Diese »Trübsal« ist der eigentliche Wesenszug jeder Offenbarung; denn ohne sie würde die Sonne der Wahrheit nicht offenbar werden. Die Morgendämmerung göttlicher Führung muß der finsteren Nacht des Irrtums folgen. Darum finden sich in in allen Chroniken und Überlieferungen Hinweise darauf, daß Unrecht das Antlitz der Erde bedecken und Finsternis die Menschheit umfangen werde. Diese Überlieferungen sind wohlbekannt. Da dieser Diener sich kurz fassen will, sieht Er davon ab, aus dem Text dieser Traditionen zu zitieren.

+1:30 (30)

Wollte man diese »Trübsal« so auslegen, daß die Erde sich zusammenziehen wird, oder wollten eitle Hirngespinste ähnliches Unheil für die Menschheit ausmalen, so ist demgegenüber offenkundig, daß solche Dinge sich niemals ereignen können. Sicherlich wird man entgegenhalten, daß diese Vorbedingung göttlicher Offenbarung noch nicht eingetreten ist. Das waren und sind heute noch ihre Argumente. Doch ist mit »Trübsal« die Unfähigkeit gemeint, geistige Erkenntnis zu erlangen und das Wort Gottes zu begreifen. Dies bedeutet: Wenn die Sonne der Wahrheit untergegangen ist und die Spiegel, die Sein Licht widerstrahlen, verschwunden sind, werden Trübsal und Ungemach über die Menschen kommen, weil sie nicht mehr wissen werden, wohin sie sich um Führung wenden sollen. Also lehren Wir dich die Auslegung der Überlieferungen und vermitteln dir die Geheimnisse göttlicher Weisheit, auf daß du ihre Bedeutung erfassest und zu denen gehörst, die vom Kelche göttlichen Wissens und Verstehens getrunken haben.

¹ wörtlich `Druck`


+1:31 (31)

Und nun, was Seine Worte betrifft »...werden Sonne und Mond ihren Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen«. Die Worte »Sonne« und »Mond« aus dem Munde der Propheten bedeuten nicht nur Sonne und Mond der sichtbaren Welt. Nein, vielerlei Sinn haben sie diesen Begriffen zugrunde gelegt; jedem haben sie eine besondere Bedeutung zugewiesen. So sind mit »Sonne« in einer Hinsicht jene Sonnen der Wahrheit gemeint, die vom Morgen altehrwürdiger Herrlichkeit aufsteigen und die ganze Welt mit weithin strömender Gnade aus der Höhe erfüllen. Diese Sonnen der Wahrheit sind die alles umfassenden Manifestationen Gottes in den Welten Seiner Zeichen und Namen. Wie die sichtbare Sonne, die nach dem Ratschluß Gottes, des Wahren, des Angebeteten, der Entwicklung alles Irdischen dient: den Bäumen, ihren Früchten und Farben, den Gesteinen auf der Erde und all dem, was in der Welt der Schöpfung sich zeigt - ebenso rufen die göttlichen Leuchten durch ihre liebende Fürsorge und ihren erzieherischen Einfluß die Bäume göttlicher Einheit, die Früchte Seiner Einzigkeit, die Blätter der Loslösung, die Blüten der Erkenntnis und der Gewißheit und die Myrten der Weisheit und der Rede ins Dasein und machen sie offenbar. So geschieht es, daß durch das Erscheinen dieser Leuchten Gottes die Welt erneuert wird, die Wasser ewigen Lebens strömen, die Wogen göttlicher Gnade steigen, die Wolken der Barmherzigkeit sich sammeln und der Windhauch der Gnade über alle erschaffenen Dinge weht. Die Wärme, die diese Leuchten Gottes ausstrahlen, und die unauslöschlichen Feuer, die sie entfachen, lassen das Licht der Gottesliebe in den Herzen der Menschen mächtig entbrennen. Durch die Gnadenfülle dieser Urbilder der Loslösung wird der Geist ewigen Lebens in die Leiber der Toten gehaucht. Wahrlich, die sichtbare Sonne ist nur ein Zeichen des Glanzes jenes Tagesgestirns der Wahrheit, jener Sonne, für die nie ein Ebenbürtiger, ein Abbild oder einer, der sich mit ihr messen könnte, zu finden ist. Durch Ihn leben alle Dinge, durch Ihn werden sie bewegt und haben sie ihr Sein. Durch Seine Gnade sind sie offenbar gemacht, und zu Ihm kehren sie alle zurück. Ihm sind alle Dinge entsprungen, und alle haben sie in den Schatzkammern Seiner Offenbarung Zuflucht gefunden. Aus Ihm gingen alle erschaffenen Dinge hervor, und in die Verwahrungsorte Seines Gesetzes kehrten sie zurück.

+1:32 (32)

Daß diese göttlichen Leuchten, wie ihr seht, gelegentlich auf besondere Bezeichnungen und Merkmale begrenzt erscheinen, ist einzig dem unvollkommenen, beschränkten Verständnis gewisser Geister zuzuschreiben. Im Gegenteil, sie waren zu allen Zeiten erhaben über alle Namen, mit denen man sie preist, und geheiligt über alle Attribute, die man ihnen zuschreibt, und werden dies in Ewigkeit sein. Die Quintessenz aller Namen darf niemals auf Zutritt zu ihrem Hof der Heiligkeit hoffen, und die höchsten und reinsten aller Attribute können sich nie ihrem Reiche der Herrlichkeit nähern. Unermeßlich hoch erhaben stehen die Propheten Gottes über der Fassungskraft des Menschen, der sie nicht anders erkennen kann als durch sie selbst. Weit entfernt wäre es von Gottes Herrlichkeit, daß Seine Erwählten durch einen anderen erhöht werden sollten als durch ihre eigene Person. Verherrlicht sind sie über allen Lobpreis der Menschen. Erhaben sind sie über alles menschliche Begreifen.

+1:33 (33)

In den Schriften der »unbefleckten Seelen« wurde das Wort »Sonnen« oftmals auf die Propheten Gottes, jene leuchtenden Sinnbilder der Loslösung, angewandt. Zu diesen Schriften gehört das »Nudbih-Gebet«¹, in dem die folgenden Worte stehen: »Wohin sind die strahlenden Sonnen gegangen? Wohin sind jene leuchtenden Monde, jene funkelnden Sterne entschwunden?« Daher ist es offenkundig, daß die Worte »Sonne«, »Mond« und »Sterne« in erster Linie die Propheten Gottes bedeuten, die Heiligen und ihre Gefährten, jene Leuchten, die den Glanz ihrer Erkenntnis auf die Welt des Sichtbaren und des Unsichtbaren ergossen haben.

¹ `Klagelied` des Imám 'Alí


+1:34 (34)

In einem anderen Sinne sind mit diesen Worten die Geistlichen früherer Sendungen gemeint, die in den Tagen der neuen Offenbarung leben und die Zügel der Religion des Volkes in Händen halten. Wenn diese Geistlichen durch das Licht der neuen Offenbarung erleuchtet sind, werden sie bei Gott gnädige Annahme finden und in ewigem Lichte leuchten. Andernfalls aber werden sie zu den Verfinsterten gerechnet, auch wenn sie äußerlich als Führer der Menschen erscheinen, da Glaube und Unglaube, Führung und Irrtum, Glück und Elend, Licht und Finsternis allesamt von der Billigung Dessen abhängen, der die Sonne der Wahrheit ist. Wem immer unter den Geistlichen eines Zeitalters am Tage des Gerichts die Bestätigung des Glaubens aus dem Quell wahrer Erkenntnis zuteil wird, der wird wahrlich zum Empfänger des Wissens, der göttlichen Gunst und des Lichtes wahren Begreifens. Andernfalls ist er gebrandmarkt durch Torheit, Verleugnung, Gotteslästerung und Unterdrückung.

+1:35 (35)

Es leuchtet jedem scharfsinnigen Betrachter ein, daß so, wie das Sternenlicht vor dem Strahlenglanz der Sonne verblaßt, auch die Leuchten irdischen Wissens, der Weisheit und der Erkenntnis zu nichts dahinschwinden, wenn sie Auge in Auge der Sonne der Wahrheit, dem Tagesgestirn göttlicher Erleuchtung in seiner ganzen Herrlichkeit gegenübergestellt werden.

+1:36 (36)

Daß der Begriff »Sonne« auf die Geistlichkeit angewandt wird, ist ihrem erhabenen Rang zuzuschreiben, ihrem Ruhm und Ansehen. Es sind überall und zu allen Zeiten die anerkannten Geistlichen, die, mit der Würde ihres Amtes bekleidet, mit Autorität sprechen und sich eines fest begründeten Rufes erfreuen. So sie Ebenbilder der Sonne der Wahrheit sind, werden sie wahrlich zu den erhabensten aller Leuchten gezählt, andernfalls sieht man in ihnen die Brennpunkte des Höllenfeuers. So spricht Er: »Wahrlich, Sonne und Mond sind beide zur Qual des Höllenfeuers verdammt.«¹ Ich bin sicher, ihr versteht die Worte »Sonne« und »Mond« in diesem Vers, weshalb es nicht nötig ist, dabei zu verweilen. Und wer immer dieser »Sonne« und diesem »Mond« gleicht, das heißt, wer dem Beispiel dieser Führer folgt, wer sein Angesicht der Falschheit zuwendet und sich von der Wahrheit abkehrt, der ist gewißlich der höllischen Finsternis entstiegen und kehrt dahin zurück.

¹ vgl. Qur'án 55:5. Der Vers wird unterschiedlich übersetzt, z.B.: »Die Sonne und der Mond laufen nach Berechnung«; Husbán (Berechnung) kann auch Bestrafung bedeuten.


+1:37 (37)

Wir sollten uns nun, o Sucher, fest an den Urwatu'l-Wuthqá¹ halten, so daß wir vielleicht die dunkle Nacht des Irrtums hinter uns lassen und uns dem Morgenlicht göttlicher Führung zuwenden. Sollten wir nicht die Fratze der Verneinung fliehen und im Schatten der Gewißheit Schutz suchen? Sollten wir uns nicht vom Schrecken der Höllennacht befreien und zum aufsteigenden Licht der himmlischen Schönheit eilen? Also schenken Wir dir Früchte vom Baume göttlicher Erkenntnis, auf daß du freudevoll beglückt im Ridván göttlicher Weisheit wohnest.

¹ `der Sichere Griff`, vgl. Qur'án 2:257 , 31:22


+1:38 (38)

In anderem Sinne sind mit den Begriffen »Sonne«, »Mond« und »Sterne« Gesetze und Lehren gemeint, wie sie in allen Sendungen eingeführt und verkündet wurden: so die Gesetze über Gebet und Fasten. Nachdem die Schönheit des Propheten Muhammad hinter dem Schleier entschwunden war, wurden sie nach dem Gesetz des Qur'án als das fundamentale, unumstößliche Gesetz Seiner Sendung angesehen. Dies bezeugen die Texte der Traditionen und Chroniken, die allgemein bekannt sind und darum nicht angeführt zu werden brauchen. In jeder Sendung wird das Gesetz über das Gebet betont und allgemein zur Geltung gebracht. Dies bezeugen die aufgezeichneten Traditionen, die den Lichtstrahlen zugeschrieben werden, welche aus der Sonne der Wahrheit, dem Wesen des Propheten Muhammad, hervorstrahlten.

+1:39 (39)

Die Traditionen bestätigen demnach, daß in allen Sendungen das Gesetz des Gebetes ein Grundelement der Offenbarung der Propheten Gottes ist, ein Gesetz, dessen Form und Art jedoch den unterschiedlichen Erfordernissen der jeweiligen Zeit angepaßt ist. Da nun jede neue Offenbarung die Sitten, Gebräuche und Lehren, die klar, fest umrissen und festgefügt in der früheren Sendung niedergelegt waren, aufgehoben hat, so ist dies sinnbildlich durch die Worte »Sonne« und »Mond« zum Ausdruck gebracht. »Daß Er euch prüfen möge, wer von euch durch seine Werke hervorrage.«¹

¹ Qur'án 67:2


+1:40 (40)

Überdies werden in den Traditionen die Worte »Sonne« und »Mond« auf Fasten und Beten angewandt, wie ja gesagt ist: »Fasten ist Erleuchtung, Beten ist Licht.« Eines Tages besuchte Uns ein bekannter Geistlicher. Im Laufe des Gespräches erwähnte er diese Überlieferung. Er sagte: »Weil das Fasten die Wärme des Leibes steigert, wird es mit dem Lichte der Sonne verglichen; und weil das Beten zur Nachtzeit den Menschen erfrischt, wird es mit dem Glanz des Mondes verglichen.« Wir erkannten daraus, daß der arme Mensch mit keinem einzigen Tropfen aus dem Meere wahrer Einsicht begnadet und weit von dem Feuerbusch göttlicher Weisheit abgeirrt war. So bemerkten Wir höflich: »Die Auslegung, die Euer Ehrwürden dieser Überlieferung gegeben haben, ist die im Volke übliche. Könnte es nicht noch eine ganz andere geben?« Er fragte: »Welche sollte dies sein?« Wir erwiderten: »Muhammad, das Siegel der Propheten und der Vorzüglichste unter Gottes Erwählten, hat die Sendung des Qur'án wegen ihrer Erhabenheit, ihres überragenden Einflusses, ihrer Majestät und der Tatsache, daß sie alle Religionen umfaßt, mit dem Himmel verglichen. Und da Sonne und Mond die hellsten Leuchten am Himmel sind, so wurden auch für den Himmel der Religion gleichsam zwei Leuchten verordnet: Fasten und Beten. `Der Islám ist der Himmel, das Fasten seine Sonne, das Beten sein Mond.`«

+1:41 (41)

Dies ist der den symbolischen Worten der Manifestationen Gottes zugrundeliegende Sinn. Die Anwendung der Begriffe »Sonne« und »Mond« auf die schon erwähnten Gegenstände wird somit durch den Text der heiligen Verse und aufgezeichneten Überlieferungen bewiesen. Es leuchtet deshalb ein, daß durch die Worte: »...werden Sonne und Mond den Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen« die Verstocktheit der Geistlichen und die Aufhebung der durch die Offenbarung festbegründeten Gesetze bezeichnet werden soll. Dies alles ist in symbolischer Sprache von der Manifestation Gottes vorausgesagt. Nur die Gerechten sollen von diesem Kelche genießen, nur die Gottesfürchtigen können an ihm teilhaben. »Die Gerechten sollen von einem Kelche trinken, der an der Kampferquelle bereitet ward.«¹

¹ Qur'án 76:5


+1:42 (42)

Ohne Frage haben jeweils in den aufeinanderfolgenden Offenbarungen »Sonne« und »Mond« der Lehren, Gesetze, Gebote und Verbote, die in der vorangegangenen Sendung galten und das Volk jener Zeit beschirmten, ihren Schein verloren, das heißt, sie haben sich erschöpft und ihre prägende Kraft allmählich verloren. Bedenke nun: Hätte das Volk des Evangeliums die Bedeutung der symbolischen Begriffe »Sonne« und »Mond« erkannt, hätte es, statt eigensinnig und verstockt zu sein, die Erleuchtung von Ihm, dem Offenbarer göttlicher Erkenntnis, gesucht, dann hätte es sicherlich den Sinn dieser Worte verstanden und wäre nicht von der Finsternis eigensüchtiger Wünsche befallen und verdunkelt worden. Fürwahr, weil sie säumten, dieses wahre Wissen aus seiner ursprünglichen Quelle zu erwerben, sind sie im gefahrvollen Tale des Eigensinns und des Unglaubens gescheiGeis. Noch heute sind sie nicht zu der Erkenntnis erwacht, daß alle geweissagten Zeichen offenbar geworden sind, daß die verheißene Sonne über den Horizont göttlicher Offenbarung aufgestiegen ist und daß die »Sonne« und der »Mond« der Lehren, der Gesetze und der Gelehrsamkeit einer früheren Sendung sich verfinstert haben und untergegangen sind.

+1:43 (43)

Nun mache dich mit festem Blick und starken Flügeln auf den Weg der Gewißheit und der Wahrheit. »Sprich: Dies ist Gott. Alsdann überlasse sie ihren Spitzfindigkeiten.«¹ So wirst du zu jenen Gefährten zählen, von denen Er spricht: »Auf solche, welche sagen `unser Herr ist Gott` und standhaft auf Seinem Pfade verharren, werden wahrlich die Engel herabsteigen.«² Dann wirst du alle diese Mysterien mit eigenen Augen erkennen.

¹ Qur'án 6:91 ² Qur'án 41:30


+1:44 (44)

O mein Bruder! Schreite aus mit dem Schritt des Geistes, dann vermagst du in einem Augenblick durch die Wildnis der Gottferne und Verlassenheit dahinzueilen, den Ridván ewiger Vereinigung zu erreichen und in einem Atemzug in Gemeinschaft mit den himmlischen Wesen zu sein. Denn mit menschlichen Füßen kannst du niemals hoffen, diese unermeßlichen Wegstrecken zu überwinden oder dein Ziel zu erreichen. Friede sei mit dem, den das Licht der Wahrheit in alle Wahrheit leitet und der im Namen Gottes auf dem Pfade Seiner Sache steht, am Ufer wahren Verstehens.

+1:45 (45)

Dies ist die Bedeutung des heiligen Verses: »Nein, fürwahr! Ich schwöre bei dem Herrn der Osten und der Westen«¹, daß eine jede dieser »Sonnen«, von denen Wir gesprochen haben, ihren besonderen Ort des Aufgangs und des Untergangs hat. Da die Kommentatoren des Qur'án den symbolischen Sinn dieser Sonne nicht erfaßten, hatten sie große Mühe bei der Auslegung des genannten Verses. Einige von ihnen vertraten die Auffassung, die Worte »Osten« und »Westen« seien in die Mehrzahl gesetzt worden, weil die Sonne täglich an einem anderen Punkt aufgeht. Andere wieder schrieben, mit diesem Vers seien die vier Jahreszeiten gemeint, da ja die Aufgangs- und Untergangsorte der Sonne mit dem Wechsel der Jahreszeiten sich verändern. So flach ist ihr Verständnis! Gleichwohl unterstellen sie jenen Edelsteinen des Wissens, jenen feinsten und reinsten Sinnbildern der Weisheit, hartnäckig Irrtum und Torheit.

¹ Qur'án 70:40


+1:46 (46)

Nun bemühe dich ebenso, aus diesen klaren, kraftvollen, schlüssigen und unzweideutigen Erklärungen die Bedeutung der »Spaltung des Himmels« zu erfassen - eines der Zeichen, welche das Kommen der letzten Stunde, den Tag der Auferstehung ankündigen werden. So hat Er gesprochen: »Wenn der Himmel sich spaltet.«¹ »Himmel« ist hier der Himmel der göttlichen Offenbarung, welcher mit jeder Manifestation aufgerichtet und mit jeder folgenden wieder gespalten wird. »Gespalten« bedeutet, daß die vorangegangene Sendung nunmehr abgelöst ist. Ich schwöre bei Gott! Das Spalten dieses Himmels ist für den Verständigen eine größere Tat als das Spalten des sichtbaren Himmelsgewölbes. Denke eine Weile darüber nach: Eine göttliche Offenbarung, welche seit langem sicher begründet war, unter deren Schatten die Gläubigen aufgewachsen und erzogen waren, durch deren erleuchtete Gesetze Generationen in Zucht gehalten wurden, deren erhabenes Wort sie von ihren Vätern vernommen hatten, so daß das menschliche Auge nichts als das alles durchdringende Wirken ihrer Gnade geschaut und das sterbliche Ohr nichts als den erhabenen Widerhall ihrer Gebote gehört hat - welches Geschehen ist gewaltiger, als wenn durch Gottes Macht eine solche Offenbarung mit dem Erscheinen einer einzigen Seele »gespalten« und aufgehoben wird? Bedenke, ist dies nicht ein gewaltigeres Geschehen als das, was diese elenden Toren sich unter der »Spaltung des Himmels« vorstellen?

¹ Qur'án 82:1


+1:47 (47)

Sieh außerdem die Trübsal und Bitternis im Leben dieser Offenbarer göttlicher Schönheit. Bedenke, wie sie so ganz allein der Welt und ihren Völkern gegenüberstanden, wenn sie Gottes Gesetz verkündeten! Wie hart auch die Verfolgungen waren, von denen diese heiligen, edlen und feinfühligen Seelen heimgesucht wurden, so blieben sie trotz der Fülle ihrer Macht geduldig; bei all ihrer Überlegenheit litten sie und harrten aus.

+1:48 (48)

Versuche ebenso, den Sinn der »Wandlung der Erde« zu erfassen. Wisse, daß die Erde all der Herzen, auf welche die Güte freigebiger Regenschauer der Barmherzigkeit vom »Himmel« göttlicher Offenbarung niedergeht, sich wahrlich in die Erde göttlicher Erkenntnis und Weisheit verwandelt. Welche Myrten der Einheit hat der Blumengarten dieser Herzen sprießen lassen! Welche Blüten wahrer Erkenntnis und Weisheit hat ihr erleuchtetes Herz uns geschenkt! Wäre die Erde ihres Herzens nicht verwandelt worden, wie hätten dann solche Seelen, denen nicht ein Buchstabe gelehrt worden war, die keinen Lehrer gesehen hatten und in keine Schule gegangen waren, solche Worte verkünden und solche Erkenntnis an den Tag legen können, die niemand begreifen kann? Mich dünkt, sie sind aus dem Ton unendlichen Wissens gestaltet und mit dem Wasser göttlicher Weisheit geformt worden. Darum ist gesagt: »Wissen ist ein Licht, das Gott ins Herz wirft, wem Er will.« Diese Art Erkenntnis ist seit je zu rühmen, nicht aber das beschränkte Wissen, das einem verschleierten, umwölkten Denken entspringt; dieses beschränkte Wissen haben sie sogar heimlich voneinander geborgt, und vergebens brüsten sie sich damit.

+1:49 (49)

Ach, daß doch die Menschenherzen von diesen allzu menschlichen Beschränkungen und dunklen Gedanken geläutert würden, die auf ihnen lasten! Vielleicht werden sie, vom Licht der Sonne wahrer Erkenntnis erleuchtet, die Mysterien göttlicher Weisheit erfassen! Überlege: Bliebe die dürre, unfruchtbare Erde dieser Herzen unverwandelt, wie könnten sie je zu Empfängern der Offenbarung der Gottesgeheimnisse werden, zu Offenbarern des göttlichen Wesens? Darum sprach Er: »Am Tage, da die Erde in eine andere Erde verwandelt wird...«¹

¹ Qur'án 14:48


+1:50 (50)

Der Windhauch der Großmut des Königs der Schöpfung hat sogar die sichtbare Erde verwandelt - o würdet ihr doch über die Mysterien göttlicher Offenbarung in euren Herzen nachsinnen!

+1:51 (51)

Und nun begreife den Sinn dieses Verses: »Die ganze Erde wird Ihm nur eine Handvoll sein am Tag der Auferstehung, und die Himmel werden zusammengerollt sein in Seiner Rechten. Preis sei Ihm! Und erhaben ist Er ob dem, was sie Ihm beigesellen.«¹ Urteile gerecht: Hätten diese Verse den Sinn, den die Menschen ihnen beimessen, von welchem Nutzen, so muß man fragen, könnte dies für den Menschen sein? Überdies ist es offensichtlich, daß keine Hand, die Menschenaugen schauen können, so etwas vollbringen könnte, geschweige denn, daß dies der erhabenen Wesenheit des einen wahren Gottes zugeschrieben werden kann. Nein, dies anzunehmen, wäre reine Gotteslästerung und die völlige Entstellung der Wahrheit. Wenn du sagst, mit diesem Vers seien die Manifestationen Gottes gemeint, die am Tage des Gerichts aufgerufen würden, ein solches Werk zu vollbringen, so ist auch dies weit entfernt von der Wahrheit und wahrlich ohne Nutzen. Hingegen ist mit dem Worte »Erde« die Erde der Einsicht und Erkenntnis gemeint und mit »Himmel« die Himmel göttlicher Offenbarung. Bedenke sodann, wie die einstens ausgebreitete Erde der Erkenntnis und Einsicht im mächtigen Griff Seiner einen Hand zu einer Handvoll wurde und wie Er mit der anderen Hand in den Menschenherzen eine neue, hoch erhabene Erde ausgebreitet hat und damit die frischesten, lieblichsten Blumen und die mächtigsten, hochragenden Bäume aus der erleuchteten Brust des Menschen aufsprießen läßt.

¹ Qur'án 39:67; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.


+1:52 (52)

Ebenso sinne darüber nach, wie die erhabenen Himmel der Religionen der Vergangenheit in der Rechten Seiner Macht aufgerollt wurden und wie die Himmel göttlicher Offenbarung auf Gottes Befehl erhöht und durch die Sonne, den Mond und die Sterne Seiner neuen, wundervollen Gebote geschmückt wurden. Das sind die Mysterien der Worte Gottes, die enthüllt und offenbar sind, damit du das Morgenlicht göttlicher Führung erkennst und die Lampe eitlen Wahns und leeren Trugs, des Zauderns und Zweifels mit der Kraft des Vertrauens und der Entsagung löschst, so daß in der innersten Kammer deines Herzens das neugeborene Licht göttlicher Erkenntnis und Gewißheit entzündet wird.

+1:53 (53)

Wisse wahrlich, daß die auf die Offenbarer der heiligen Gottessache zurückgehenden symbolischen Begriffe und dunklen Andeutungen die Völker der Welt prüfen sollen, so daß so die Erde der reinen, erleuchteten Herzen geschieden werde vom vergänglichen, öden Boden. Seit unvordenklicher Zeit war dies der Weg Gottes inmitten Seiner Geschöpfe, wie dies die Berichte der heiligen Bücher bezeugen.

+1:54 (54)

Denke auch über den Vers nach, der über die »Qibla«¹ offenbart wurde. Als Muhammad, die Sonne der Prophetenschaft, aus der Morgendämmerung Bathás¹ nach Yathrib³ geflohen war, hatte er beim Gebet Sein Antlitz zunächst weiterhin der heiligen Stadt Jerusalem zugewandt, bis die Juden begannen, über Ihn unziemliche Reden zu führen - Reden, deren Erwähnung diesen Seiten schlecht anstünde und die den Leser ermüdeten. Muhammad nahm diese Reden übel auf. Während Er in Andacht und Verzückung versunken Seinen Blick zum Himmel hob, hörte Er die gütige Stimme Gabriels: »Wir schauen auf Dich aus der Höhe, wie Du Dein Antlitz dem Himmel zuwendest. Wir wollen aber, daß Du Dich einer Qibla zuwendest, die Dir gefällt.« <4> Später, als der Prophet zusammen mit Seinen Gefährten das Mittagsgebet verrichtete und schon zwei der vorgeschriebenen Rik'at <5> vollbracht hatte, war wiederum die Stimme Gabriels zu hören: »Wende Dein Antlitz der heiligen Moschee zu.« <7> Mitten im Gebet wandte darum Muhammad Sein Antlitz von Jerusalem ab und der Ka'ba zu. Tiefe Bestürzung überfiel da die Gefährten des Propheten, deren Glaube ernstlich erschüttert wurde. So groß war ihr Schrecken, daß viele ihr Gebet abbrachen und vom Glauben abfielen. Wahrlich, Gott hat diesen Aufruhr nur deshalb bewirkt, um Seine Diener zu prüfen. Sonst hätte Er, der höchste König, die Qibla nicht geändert, und Jerusalem wäre der »Punkt der Anbetung« in Seiner Sendung geblieben. So wäre der heiligen Stadt nicht eine Gunst entzogen worden, die ihr einst verliehen worden war.

¹ die Richtung, in die das Gesicht beim Gebet gewandt wird ² Mekka ³ Medina

<4> Qur'án 2:144 <5> Prostrationen <7> in Mekka; Qur'án 2:149



+1:55 (55)

Keiner der vielen Propheten, die seit der Offenbarung Mose als Boten des Wortes Gottes herabgesandt wurden, wie David, Jesus und andere der größeren Propheten aus dem Zeitraum zwischen den Offenbarungen Mose und Muhammads, hat jemals das Gesetz der Qibla geändert. Diese Boten des Herrn der Schöpfung haben allesamt ihre Völker die gleiche Gebetsrichtung einhalten lassen. In den Augen Gottes, des vollkommenen Königs, sind alle Orte der Erde einander gleich außer dem Ort, den Er in den Tagen Seiner Offenbarung zu einem besonderen Zweck erwählt - wie Er gesagt hat: »Gottes ist der Osten und der Westen. Darum, wohin ihr euch auch wendet, da ist Gottes Antlitz.«¹ Warum sollte also, ungeachtet dieser Wahrheit, die Qibla geändert und dadurch solche Bestürzung unter dem Volk erregt werden, daß die Gefährten des Propheten schwankend wurden und große Verwirrung in ihrer Mitte entstand? Wahrlich, was so die Menschenherzen mit Bestürzung erfüllt, geschieht nur, um jede Seele am Prüfstein Gottes zu prüfen, damit so die Echten erkannt und von den Falschen unterschieden werden. Darum hat Er nach dem Bruch im Volke offenbart: »Wir haben die Qibla, die Du wünschtest, nur bestimmt, um den zu erkennen, der dem Gottgesandten folgt, und den, der von Ihm wegläuft.«² »Erschrockene Esel, die vor einem Löwen fliehen.«³

¹ Qur'án 2:115 ² Qur'án 2:143 ³ Qur'án 74:50


+1:56 (56)

Wolltet ihr diese Verse auch nur ein wenig beherzigen, so würdet ihr sicherlich die Tore der Erkenntnis vor eurer inneren Schau geöffnet finden und alles Wissen und dessen Mysterien unverhüllt vor Augen sehen. Dies geschieht nur zur Entwicklung der Menschenseelen, zu ihrer Errettung aus dem Käfig des Selbstes und der Begierde. Denn der wahre König ist in aller Ewigkeit in Seinem Wesen unabhängig vom Erkenntnisvermögen aller, und Er wird ewig in Seinem Sein hoch erhaben über der Anbetung aller Seelen stehen. Ein einziger Hauch aus Seiner Fülle genügt, um die ganze Menschheit mit dem Gewande des Reichtums zu schmücken, und ein Tropfen aus dem Meere Seiner freigebigen Gnade reicht aus, um allen Wesen den Glanz ewigen Lebens zu verleihen. Aber da der göttliche Ratschluß bestimmt hat, daß die Echten von den Falschen unterschieden werden sollen so wie die Sonne vom Schatten, hat Er zu allen Zeiten aus Seinem Reiche der Herrlichkeit die Regenschauer der Prüfung auf die Menschheit herabgesandt.

+1:57 (57)

Würden die Menschen über das Leben der Propheten alter Zeiten meditieren, so verstünden sie viel leichter deren Wege, und ihr Blick bliebe nicht länger verhüllt vor Taten und Worten, die im Widerspruch zu ihrem weltlichen Begehren stehen. Sie ließen alle aufkommenden Schleier von dem Feuer verzehren, das aus dem Busche göttlicher Erkenntnis lodert, und wohnten sicher auf dem Throne des Friedens und der Gewißheit. Seht zum Beispiel Mose, den Sohn Imráns¹, einen der erhabenen Propheten und Urheber eines göttlich offenbarten Buches. Als Er in Seinen früheren Tagen, ehe Seine Berufung verkündet ward, über den Markt ging, sah Er zwei Männer im Streite miteinander. Einer der beiden bat Mose um Hilfe gegen seinen Widersacher. Da trat Er dazwischen und erschlug den Angreifer. Dies bezeugt die Heilige Schrift. Wollten Wir Einzelheiten anführen, so würde dies zu weit führen und die Argumentation unterbrechen. Die Kunde von diesem Vorfall verbreitete sich in der Stadt, und Mose ward von Furcht erfüllt, wie im Buche bezeugt ist.² Und als die Warnung zu Seinem Ohr drang: »O Moses, wahrlich, die Obersten beraten, daß sie Dich töten!«³, eilte Er aus der Stadt und hielt sich in Midian auf im Dienste des Shu'ayb. Bei Seiner Rückkehr betrat Er das heilige Tal der Wildnis des Sinai, und hatte dort ein Gesicht des Königs der Einzigkeit in dem »Baume, der weder zum Osten noch zum Westen gehört«.<4> Dort hörte Er die seelenerschütternde Stimme des Geistes aus dem flammenden Feuer sprechen. Dieser befahl Ihm, auf die Seelen des Pharao das Licht göttlicher Führung zu gießen, damit Er sie aus dem Schatten im Tale des Selbstes und der Begierde befreie und befähige, zu den Matten himmlischen Entzückens aufzusteigen, daß Er sie alle durch den Salsabíl der Entsagung aus der Verwirrung der Gottferne erlöse und sie in die friedvolle Stadt der göttlichen Gegenwart eintreten lasse. Als Mose vor den Pharao trat und ihm die von Gott aufgetragene Botschaft brachte, sprach der Pharao anmaßend: »Bist du nicht der, der einen totschlug und dann ein Ungläubiger wurde?« So hat der Herr der Erhabenheit berichtet, daß der Pharao zu Mose gesagt habe: »Was für eine Tat hast du begangen! Du bist ein Undankbarer...!« Und dieser sprach: »Fürwahr, Ich habe es getan. Ich war einer derer, die sich irrten. Und da Ich dich fürchtete, floh Ich vor dir. Aber Mein Herr hat Mir Weisheit verliehen und hat Mich zu einem Seiner Boten gemacht.« <5>

¹ vgl. 2.Mose 6:20: Amram ² vgl. 2.Mose 2:11f ³ Qur'án 28:20 vgl. 2.Mose 2:15

<4> Qur'án 24:35 <5> Qur'án 26:19



+1:58 (58)

Und nun denke im Herzen über die Erschütterung nach, die Gott hervorgerufen hat. Sinne über die seltsamen, mannigfachen Heimsuchungen nach, mit denen Er Seine Diener prüft. Beachte, wen Er plötzlich unter Seinen Dienern erwählt und wem Er den erhabenen Auftrag göttlicher Führung verliehen hat: Einem, der des Totschlags schuldig war, der selbst Seine Grausamkeit zugegeben hatte, der nahezu dreißig Jahre lang vor den Augen der Welt im Hause des Pharao erzogen ward und an seiner Tafel gespeist hatte. War denn Gott, der allmächtige König, nicht fähig, des Mose Hand vom Totschlag zurückzuhalten, so daß Ihm diese Tat, die doch nur Verwirrung und Abscheu unter den Menschen hervorrufen konnte, nicht hätte angelastet werden können?

+1:59 (59)

Ebenso denke auch über die Lage Marias nach.¹ So tief war die Bestürzung dieser edlen Gestalt, so schlimm ihre Lage, daß sie bitterlich beklagte, jemals geboren zu sein. Dies bezeugt der Text des heiligen Verses, worin berichtet wird, wie Maria nach der Geburt Jesu ihr Los beklagte und ausrief: »Ach, wäre ich doch zuvor gestorben und wäre ganz und gar vergessen!«² Ich schwöre bei Gott! Solche Klage verzehrt das Herz und erschüttert die Seele. Nur der Tadel der Feinde und der spitzfindige Spott der Ungläubigen und Verderbten konnte zu solcher Bestürzung und Verzweiflung führen. Bedenke, was konnte Maria den Leuten zur Antwort geben? Wie konnte sie behaupten, daß ein Kind, dessen Vater unbekannt war, vom Heiligen Geist empfangen sei? So nahm Maria, diese tugendsam verhüllte, unsterbliche Gestalt, ihr Kind und kehrte nach Hause zurück. Kaum waren die Augen der Leute auf sie gefallen, als sie schon ihre Stimme erhoben: »O Schwester Aarons! Dein Vater war doch kein schlechter Kerl und deine Mutter keine Dirne!«³

¹ vgl. Qur'án 19:17-29 ³ Qur'án 19:28

² Qur'án 19:22; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.



+1:60 (60)

Und nun meditiere über diese größte Erschütterung, über diese schmerzliche Prüfung. All diesen Geschehnissen zum Trotz verlieh Gott diesem Wesen des Geistes, Ihm, der bei den Leuten als vaterlos bekannt war, die Herrlichkeit des Prophetentums und machte Ihn zu Seinem Zeugnis für alle, die im Himmel und auf Erden sind.

+1:61 (61)

Beachte, wie sehr die Wege der Manifestationen Gottes so, wie sie der König der Schöpfung vorzeichnet, den Wegen und Wünschen der Menschen zuwider sind! Wenn du das Wesen dieser göttlichen Mysterien verstehen willst, wirst du auch die Absicht Gottes, des Bezaubernden, des Vielgeliebten, begreifen. Du wirst sehen, daß Worte und Werke dieses allmächtigen Herrschers ein und dieselben sind. So kommt es, daß du alles, was du in Seinen Werken siehst, auch in Seinen Worten findest, und alles, was du in Seinen Worten liest, auch in Seinen Werken erkennst. Und wenn auch äußerlich solche Werke und Worte als Feuer der Rache an den Gottlosen erscheinen, so sind sie doch in Wirklichkeit nur Barmherzigkeit für die Gerechten. Wäre das Auge des Herzens geöffnet, so würde es sicherlich erkennen, daß die vom Himmel des Willens Gottes offenbarten Worte mit den Werken, die vom Reiche göttlicher Macht ausstrahlen, in Einklang stehen und ihnen gleich sind.

+1:62 (62)

Und nun, Mein Bruder, habe acht: Was würden die Menschen tun, wenn sich heute, in dieser Sendung, Ähnliches ereignete? Ich schwöre bei Ihm, dem wahren Erzieher der Menschenwelt und Offenbarer des Wortes Gottes, daß das Volk Ihn sofort, ohne nachzuforschen, einen Ungläubigen hieße und Ihn zum Tode verurteilte. Wie weit sind sie davon entfernt, der Stimme zu lauschen, die verkündet: Seht, ein Jesus ist aus dem Hauch des Heiligen Geistes hervorgegangen, und ein Mose ist zu einem von Gott bestimmten Auftrag berufen! Wollten sich zehntausend Stimmen erheben, kein Ohr würde darauf hören, wenn Wir sagten, daß einem vaterlosen Kinde die Sendung des Prophetentums verliehen ward oder daß einem Totschläger aus den Flammen des Feuerbusches die Botschaft entgegenscholl: »Wahrlich, wahrlich, Ich bin Gott!«

+1:63 (63)

Wäre das Auge der Gerechtigkeit geöffnet, so würde es im Lichte dieser Ausführungen alsbald erkennen, daß Er, die Ursache und das letzte Ziel aller Dinge, am heutigen Tage offenbar geworden ist. Obwohl sich Ähnliches in dieser Sendung nicht begeben hat, klammert sich das Volk dennoch an leeren Trug, wie ihn die Verworfenen schätzen. Wie schlimm sind die Vorwürfe, die sie gegen Ihn erhoben, wie hart die Verfolgungen die sie auf Ihn luden, Anschuldigungen und Verfolgungen, wie sie die Menschen noch nicht gesehen und gehört haben!

+1:64 (64)

Großer Gott! Als der Strom der Rede diesen Stand erreicht hatte, schauten Wir auf und siehe, die süßen Düfte Gottes wehten vom Morgen der ewigen Offenbarung her, und der Frühlingswind blies aus dem Saba des Ewigen. Seine frohe Botschaft erfreute aufs neue das Herz und spendete der Seele unermeßliche Wonne. Alle Dinge machte sie neu und brachte ungezählte, unschätzbare Gaben von dem unerkennbaren Freunde. Das Kleid menschlichen Lobpreises ist ihrer edlen Gestalt niemals angemessen, und der Mantel der Rede kann ihrer leuchtenden Erscheinung niemals genügen. Ohne Worte entfaltet sie die inneren Mysterien, und ohne Sprache enthüllt sie die Geheimnisse göttlicherRede. Sie lehrt die Nachtigallen auf dem Zweig der Gottferne und der Trennung das Jammern und Wehklagen, unterweist sie in der Kunst, die Wege der Liebe zu finden, und zeigt ihnen das Geheimnis der Herzenshingabe. Den Blumen des Ridván himmlischer Vereinigung offenbart sie die Liebkosungen des entflammten Liebenden und enthüllt ihnen die Anmut des Makellosen. Den Anemonen im Garten der Liebe schenkt sie die Mysterien der Wahrheit, und der Brust der Liebenden vertraut sie Sinnbilder subtilster geistiger Bedeutungen an. In dieser Stunde ergießt sich ihre Gnade so freigebig, daß selbst der Heilige Geist sie beneidet. Dem Tropfen gab sie die Macht der Meereswoge, dem Stäubchen verlieh sie den Glanz der Sonne. So weithin strömt ihre Güte, daß der übelriechende Käfer den Wohlgeruch des Moschus und die Fledermaus das Licht der Sonne sucht. Sie hat die Toten mit dem Hauch des Lebens erquickt und läßt sie aus den Gräbern ihrer sterblichen Leiber hervoreilen. Sie hat die Unwissenden auf den Thron der Gelehrsamkeit gesetzt und die Tyrannen auf den Hochsitz der Gerechtigkeit erhoben.

+1:65 (65)

Das Weltall ist schwanger mit all dieser Gnadenfülle und harret der Stunde, da das Wirken ihrer unsichtbaren Gaben auf dieser Erde offenbar werde, da die Schmachtenden, vom Durst Geplagten zum reinen Kawthar ihres Vielgeliebten gelangen und der in der Wildnis der Gottferne und des Nichtseins verlorene, irrende Wanderer in das Tabernakel¹ des Lebens eingehen und sich mit seinem Vielgeliebten vereinigen wird. In wessen Herzensgrund werden diese heiligen Saaten reifen? In wessen Seelengarten werden die Blumen der unsichtbaren Wirklichkeiten sprießen? Wahrlich, Ich sage, so heftig ist die Macht des Feuers aus dem Busch der Liebe, der im Sinai des Herzens brennt, daß die Ströme der heiligen Verkündigung nimmer seine Flamme sättigen können. Selbst Weltmeere vermögen nimmermehr den brennenden Durst dieses Leviathans zu stillen, und dieser Phönix des unsterblichen Feuers kann nirgends Ruhe finden außer in der Glut des Antlitzes des Vielgeliebten. Darum, o Bruder, entzünde mit dem Öl der Weisheit die Lampe des Geistes in der innersten Kammer deines Herzens und beschirme sie mit dem Schutze des Verstehens, damit der Hauch der Ungläubigen ihre Flamme nicht lösche und ihren Glanz nicht trübe. Also haben Wir die Himmel der Verkündigung durch die Strahlen der Sonne göttlicher Weisheit und Erkenntnis erhellt, auf daß dein Herz Frieden finde und du zu jenen zählest, die sich auf den Schwingen der Gewißheit in die Lüfte der Liebe ihres Herrn, des Allbarmherzigen, erheben.

¹ Tabernakel, siehe Glossar


+1:66 (66)

Und nun Seine Worte: »Und dann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes am Himmel.«¹ Damit ist gemeint: Wenn sich die Sonne der himmlischen Lehren verfinstert, die Sterne der gottbegründeten Gesetze herabfallen und der Mond wahren Wissens, der Erzieher der Menschheit, sich verdunkelt, wenn die Banner der Führung und der Glückseligkeit stürzen und der Morgen der Wahrheit und Gerechtigkeit in Nacht versinkt, dann wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen. »Himmel« bedeutet hier den sichtbaren Himmel; denn sobald die Stunde naht, da die Sonne am Himmel der Gerechtigkeit offenbart wird und die Arche göttlicher Führung das Meer der Herrlichkeit befährt, erscheint ein Stern am Himmel, der seinem Volk jenes größte Licht ankündigt. Ebenso wird am unsichtbaren Himmel ein Stern offenbar werden, der den Völkern der Erde den Anbruch jenes wahren, erhabenen Morgens vermelden wird. Diese zwiefachen Zeichen, am sichtbaren und am unsichtbaren Himmel, haben die Offenbarung eines jeden Propheten Gottes angekündigt, wie allgemein geglaubt wird.

¹ Matth. 24:30


+1:67 (67)

Einer der Propheten war Abraham, der Freund Gottes¹. Ehe Er sich offenbarte, hatte Nimrod einen Traum. Daraufhin versammelte er die Wahrsager, die ihm vom Aufgang eines Sternes am Himmel berichteten. Es erschien auch ein Herold, der im ganzen Lande das Erscheinen Abrahams verkündete.

¹ `Gott nahm Abraham zum Freund` vgl. Qur'án 4:125; 11:72f



+1:68 (68)

Nach Ihm kam Mose, der mit Gott Zwiesprache hielt. Die Wahrsager jener Zeit warnten den Pharao mit folgenden Worten: »Ein Stern ist am Himmel aufgegangen. Siehe, er kündigt die Empfängnis eines Kindes an, das dein und deines Volkes Geschick in der Hand hält.« Ebenso erschien ein Weiser, der dem Volke Israel in finsterer Nacht eine frohe Botschaft brachte, die den Seelen Trost und den Herzen Gewißheit verhieß. Dies bezeugen die Berichte der heiligen Bücher. Wollten Wir ins einzelne gehen, so würde diese Schrift zu einem Buch anschwellen. Zudem ist es nicht Unser Wunsch, Geschichten aus vergangenen Zeiten zu erzählen. Gott ist Unser Zeuge: Auch was Wir jetzt erwähnen, geschieht nur aus Unserer zärtlichen Liebe zu dir, damit vielleicht manche Armen auf Erden die Meeresküsten des Reichtums erreichen, die Unwissenden zum Meer des Wissens geleitet und die nach Erkenntnis Dürstenden des Salsabíls göttlicher Weisheit teilhaftig werden. Sonst würde dieser Diener die Betrachtung solcher Berichte als schweren Irrtum und schlimme Übertretung ansehen.

+1:69 (69)

Ebenso wurden, als die Stunde der Offenbarung Jesu nahte, einige Magier dessen gewahr, daß der Stern Jesu am Himmel aufgegangen war. Sie suchten ihn und folgten ihm, bis sie zu der Stadt kamen, die der Königssitz des Herodes war, dessen Herrschaftsgebiet sich in jenen Tagen über das ganze Land erstreckte.

+1:70 (70)

Diese Magier sprachen: »Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben Seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, Ihn anzubeten.«¹ Als sie nun nachforschten, fanden sie heraus, daß das Kind in Bethlehem im Lande Judäa geboren war. Dies war das am sichtbaren Himmel offenbarte Zeichen. Was nun das Zeichen am unsichtbaren Himmel betrifft, dem Himmel göttlicher Erkenntnis und Einsicht, so war es Johannes², der Sohn des Zacharias, der dem Volke die frohe Botschaft der Manifestation Jesu gab. So hat Er offenbart: »Gott kündigt dir Yahyá an, welcher zeugen wird vom Worte Gottes, ein Großer und Reiner.«³ Mit dem »Wort« ist Jesus gemeint, dessen Ankunft Yahyá voraussagte. Zudem steht in den himmlischen Schriften geschrieben: »Johannes der Täufer predigte in der Wildnis Judäas und sprach: `Kehret um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.`«.<4>

¹ Matth. 2:2 ² arab. Yahyá, vgl. Matth. 3 ³ Qur'án 3:39 <4> Matth. 3:1-2 Johannes ist Yahyá



+1:71 (71)

Desgleichen wurden, ehe die Schönheit Muhammads enthüllt ward, die Zeichen am sichtbaren Himmel offenbart. Was die Zeichen am unsichtbaren Himmel betrifft, so traten vier Männer auf, die nacheinander dem Volke die frohe Botschaft vom Aufgang dieser göttlichen Sonne ankündigten. Rúz-bih, später Salmán genannt, hatte die Ehre, ihnen dienen zu dürfen. Jedesmal, wenn einer der vier sein Ende vor sich sah, sandte er Rúz-bih zum anderen, bis schließlich auch der Vierte seinen Tod nahen fühlte und also zu Rúz-bih sprach: »O Rúz-bih, begib dich, wenn du meinen Leib zu Grabe getragen, nach dem Hijáz, denn dort wird die Sonne Muhammads aufsteigen. Glücklich bist du, denn du wirst Sein Antlitz schauen.«

+1:72 (72)

Nun zu dieser wunderbaren, höchst erhabenen Sache. Wisse wahrlich, daß viele Astronomen das Erscheinen ihres Sterns am sichtbaren Himmel angekündigt haben; und auch hier erschienen auf Erden Ahmad und Kázim¹, diese beiden strahlenden Zwillingslichter - möge Gott ihre Ruhestätten heiligen!

¹ Shaykh Ahmad al-Ahsá'í und Siyyid Kázim-i-Rashtí


+1:73 (73)

Unsere bisherigen Ausführungen zeigen klar, daß vor der Offenbarung dieser Spiegel göttlichen Wesens die ihre Ankunft ankündigenden Zeichen am sichtbaren Himmel enthüllt werden mußten, aber auch am unsichtbaren Himmel, wo die Sonne des geistigen Wissens, der Mond der Weisheit und die Sterne der Erkenntnis und der Rede ihren Sitz haben. Das Zeichen am unsichtbaren Himmel muß sich in der Gestalt jenes vollkommenen Menschen offenbaren, der vor einer jeden Manifestation erscheint, die Menschen erzieht und auf die göttliche Leuchte, das Licht der Einheit Gottes unter den Menschen, vorbereitet.

+1:74 (74)

Nun kommen Wir zu Seinen Worten: »Und alsdann werden heulen alle Geschlechter auf Erden, und sie werden den Menschensohn kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit.«¹ Diese Worte bedeuten, daß in diesen Tagen die Menschen über den Verlust der Sonne göttlicher Schönheit, des Mondes der Erkenntnis und der Sterne göttlicher Weisheit wehklagen werden. Alsdann aber werden sie das Antlitz des Verheißenen, die angebetete Schönheit, vom Himmel auf den Wolken herabfahren sehen. Das heißt, daß sich die göttliche Schönheit vom Himmel des Willens Gottes offenbaren und in der des menschlichen Tempels erscheinen wird. Der Begriff »Himmel« bezeichnet hier Hehrheit und Erhabenheit, da er der Sitz der Offenbarung dieser Manifestationen der Heiligkeit, der Morgenröten altehrwürdiger Herrlichkeit ist. Diese altehrwürdigen Wesen sind, wenn auch aus dem Mutterleib geboren, in Wirklichkeit vom Himmel des Willens Gottes herabgekommen. Auch wenn sie auf Erden wohnen, sind ihre wahren Wohnstätten die Ruhesitze der Herrlichkeit in den Reichen der Höhe. Während sie unter Sterblichen wandeln, sind sie doch in den Himmel der göttlichen Gegenwart erhoben. Ohne Füße schreiten sie auf dem Pfade des Geistes, ohne Schwingen fliegen sie empor zu den erhabenen Höhen göttlicher Einheit. Mit jedem Atemzug durcheilen sie die Unendlichkeit des Raumes, in jedem Augenblick durchwandern sie die Reiche des Sichtbaren und des Unsichtbaren. Auf ihren Thronen steht geschrieben: »Nichts kann Ihn hindern, sich mit etwas anderem zu befassen«, und ihre Sitze tragen die Inschrift: »Wahrlich, Seine Wege sind alle Tage andere.«² Sie sind entsandt durch die alles überragende Macht des Urewigen der Tage, und sind erhöht durch den erhabenen Willen Gottes, des mächtigsten Königs. Dies ist mit den Worten gemeint: »...kommend auf den Wolken des Himmels«.

¹ Matth. 24:30 ² Qur'án 55:29; siehe Glossar


+1:75 (75)

Das Wort »Himmel« wurde in den Reden der göttlichen Sonnen in vielerlei Weise gebraucht; zum Beispiel der »Himmel des Gebotes«, der »Himmel des Willens«, der »Himmel der göttlichen Absicht«, der »Himmel der göttlichen Erkenntnis«, der »Himmel der Gewißheit«, der »Himmel der Verkündigung«, der »Himmel der Offenbarung«, der »Himmel der Verborgenheit« und dergleichen. In jedem Falle hat Er dem Worte »Himmel« einen besonderen Sinn verliehen, dessen Bedeutung nur denen enthüllt ist, die in die göttlichen Mysterien eingeweiht sind und aus dem Kelche ewigen Lebens getrunken haben. So spricht Er zum Beispiel: »Doch im Himmel ist eure Versorgung und das euch Verheißene«¹, während es doch eigentlich die Erde ist, die der Versorgung dient. Ähnlich wurde gesagt: »Die Namen kommen vom Himmel herab«, während sie doch aus dem Munde der Menschen hervorgehen. Solltest du den Spiegel deines Herzens vom Staube der Bosheit reinigen, so würdest du den Sinn der symbolischen Begriffe des allumfassenden Gotteswortes in allen Offenbarungen begreifen und die Mysterien göttlichen Wissens entdecken. Doch nicht eher kannst du den strahlenden Morgen wahren Wissens schauen, als bis du mit der Flamme völliger Loslösung die Schleier eitler Gelehrsamkeit, wie sie bei den Menschen im Schwange ist, verbrannt hast.

¹ Qur'án 51:22; die einschlägigen Übersetzungen des Verses werden seinem Sinn nicht gerecht, zumal über seine Bedeutung verschiedene Meinungen bestanden; vgl. den Kommentar des Al-Tabarsí, Al-Fadl Ibn Al-Hasan, Beirut (o.J.), Teil 9, D.202


+1:76 (76)

Merke wohl: Wissen ist von zweierlei Art, göttlich und satanisch. Das eine entspringt dem Born göttlicher Eingebung, das andere ist nur ein Spiegelbild eitler, dunkler Gedanken. Der Quell des einen ist Gott selbst, die Triebkraft des anderen sind die Einflüsterungen selbtsüchtiger Wünsche. Das eine ist geleitet von dem Spruch: »Fürchtet Gott; Gott wird euch lehren«¹, das andere bestätigt die Wahrheit: »Wissen ist der größte Schleier zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer.« Die Früchte des einen sind Geduld, Sehnsucht, wahre Erkenntnis und Liebe, die des anderen nur Anmaßung, Hoffart und Dünkel. In den Worten jener Meister heiliger Rede, welche den Sinn wahren Wissens erläutert haben, ist der Geruch dieser unaufgeklärten Lehren, welche die Welt verfinstern, nirgends zu finden. Der Baum solcher Lehren kann nur Laster und Aufruhr zeitigen, er trägt keine andere Frucht als Haß und Neid. Seine Frucht ist tödliches Gift, sein Schatten verzehrendes Feuer. Wie schön ist doch gesagt: »Halte dich an das Gewand deiner Herzenssehnsucht und lasse alle Scheu fahren; die Weltklugen aber lasse gehen, wie berühmt auch ihr Name sei.«²

¹ Qur'án 2:282 ² ein von Súfí oft zitierter Vers des arabischen Mystikers Ibn Al-Fárid (1181-1234 n.Chr.)



+1:77 (77)

Das Herz muß darum geläutert werden von eitlem Menschengeschwätz und geheiligt von allen irdischen Neigungen, so daß es die verborgene Bedeutung göttlicher Eingebung zu entdecken vermag und zur Schatzkammer der Mysterien göttlichen Wissens werde. So wurde gesagt: »Wer auf dem schneeweißen Pfad wandelt und den Spuren der hochroten Säule nachgeht, wird nie zu Seiner Wohnstatt gelangen, es sei denn mit Händen, die rein sind von weltlichem Tand, wie Menschen ihn lieben.« Dies tut vor allem dem not, der diesen Pfad beschreitet. Denke darüber nach, auf daß du mit entschleiertem Auge die Wahrheit dieser Worte erfassest.

+1:78 (78)

Wir sind vom Thema abgewichen, doch alles, was Wir angeführt haben, dient dem Zweck dieser Ausführungen. Bei Gott! So groß auch Unser Wunsch ist, Uns kurz zu fassen, so sehen Wir doch, daß Wir die Feder nicht zügeln können! Wie zahllos sind aber, bei allem schon Gesagten, die Perlen, die aus der Muschel Unseres Herzens noch nicht herausgeschält sind! Wieviele Húrí¹ der inneren Bedeutung sind noch in den Kammern göttlicher Weisheit verborgen! Keiner hat sich ihnen je genähert, diesen Húrí, »die kein Mensch noch Geist zuvor berührt hat«². Obwohl all dies gesagt wurde, scheint es, als wäre noch kein Buchstabe dieser Ausführungen ausgesprochen, noch kein einziges Zeichen Unseres Zieles enthüllt. Wann wird ein Sucher zu finden sein, der des Vertrauens würdig ist, das Pilgergewand anlegt, zur Ka'ba seiner Herzenssehnsucht gelangt und ohne Ohr und Zunge die Mysterien göttlicher Sprache entdecken wird?

¹ Húrí, die schwarzäugigen Jungfrauen des Paradieses; vgl. Qur'án 44:54; 52:20; 55:72; 56:22 ² Qur'án 55:56



+1:79 (79)

Durch diese klaren, schlüssigen Darlegungen ist also der Sinn des Wortes »Himmel« in dem erwähnten Vers klar und verständlich geworden. Und nun zu Seinen Worten, daß der Menschensohn kommen werde »in den Wolken des Himmels«. Der Begriff »Wolken« bedeutet, was den Wegen und Wünschen der Menschen zuwider ist. So hat Er in dem angeführten Vers offenbart: »Sooft ein Bote zu euch kommt mit dem, was euren Seelen zuwider ist, seid ihr in Hoffart aufgebläht; die einen habt ihr des Betrugs geziehen, die anderen gar erschlagen.«¹ Diese »Wolken« bedeuten in einem Sinne die Aufhebung der Gesetze, die Ablösung der früheren Sendungen, die Abschaffung von Riten und Gewohnheiten, die bei den Menschen im Schwange sind, den Vorrang des ungelehrten Gläubigen vor dem gelehrten Gegner des Glaubens. In einem anderen Sinne bedeuten sie das Erscheinen der unsterblichen Schönheit in der Gestalt eines sterblichen Menschen mit menschlichen Beschränkungen wie Essen und Trinken, Armut und Reichtum, Ruhm und Erniedrigung, Schlafen, Wachen und anderem mehr, was bei den Menschengeistern Zweifel erregen und sie abspenstig machen kann. Alle diese Schleier werden sinnbildlich als »Wolken« bezeichnet.

¹ Qur'án 2:87


+1:80 (80)

Dies sind die »Wolken«, durch welche die Himmel der Erkenntnis und des Verstehens aller, die auf Erden wohnen, gespalten werden. So hat Er offenbart: »An jenem Tage soll der Himmel durch die Wolken gespalten werden.«¹ So wie die Wolken das Menschenauge daran hindern, die Sonne zu schauen, hindert dieses Geschehen die Menschenseelen, das Licht der göttlichen Sonne zu erkennen. Das bezeugt die Rede der Ungläubigen, wie im Heiligen Buch offenbart ist: »Sie sprechen: Doch was ist's mit diesem Gottgesandten? Er isset Speis' und wandelt in den Gassen? Ja, wär ihm nur herabgesandt ein Engel, der mit ihm wär', ein Mahner!«² Auch andere Propheten litten unter Armut, Trübsal, Hunger, Leid und den Wechselfällen dieser Welt. Da diese geheiligten Gestalten solchen Nöten und Bedürfnissen unterworfen sind, war auch das Volk in der Wildnis der Sorgen und Zweifel verloren und von Verwirrung und Bestürzung ergriffen. Wie konnte, so fragten sie sich, ein solcher Mensch von Gott herabgesandt sein, seine Überlegenheit über alle Menschen und Geschlechter hienieden behaupten und den Anspruch erheben, selbst das Ziel aller Schöpfung zu sein - wie Er gesprochen hat: »Ich hätte nicht all dies im Himmel und auf Erden erschaffen, wenn nicht für Dich«³ -, der doch so trivialen Dingen unterworfen ist? Du bist doch zweifellos unterrichtet über die Trübsale, die Armut, die Übel und die Erniedrigung, die über alle Propheten Gottes und ihre Gefährten kamen. Du hast doch gehört, wie die Häupter ihrer Jünger als Geschenke in einige Städte gesandt wurden und wie schrecklich sie gehindert wurden, zu tun, was ihnen befohlen ward. Sie fielen allesamt in die Hände der Feinde Seiner Sache und hatten zu erdulden, was immer jene bestimmten.

¹ Qur'án 25:25 ² Qur'án 25:7; nach Friedrich Rückert ³ Heilige Tradition, Muhammad zugeschrieben



+1:81 (81)

Es ist offenbar, daß der Umbruch, zu dem es in jeder Sendung kommt, die finsteren Wolken bildet, welche sich zwischen das Auge menschlichen Begreifens und die göttliche Leuchte schieben, die aus dem Aufgangsort des göttlichen Wesens hervorstrahlt. Sieh, wie die Menschen über Generationen blindlings dem Beispiel ihrer Väter folgten und nach den Vorschriften ihres Glaubens erzogen wurden. Müßten diese Menschen plötzlich sehen, daß einer aus ihrer Mitte, der alle menschlichen Begrenzungen mit ihnen teilt, sich erhebt, um alle festgefügten Grundsätze, die ihnen ihr Glaube auferlegte, abzuschaffen, Grundsätze, durch die sie über Jahrhunderte in Zucht gehalten wurden und deren Gegner und Leugner sie als ungläubig, ruchlos und gottlos anzusehen pflegten, so wären sie sicherlich in Schleier gehüllt und unfähig, Seine Wahrheit anzuerkennen. Solche Geschehnisse sind wie »Wolken«¹, welche die Augen derer verschleiern, deren Wesen weder vom Salsabíl der Loslösung gekostet noch vom Kawthar der Erkenntnis Gottes getrunken hat. Solche Menschen werden, wenn sie in diese Lage kommen, so verschleiert, daß sie, ohne im geringsten zu fragen, die Manifestation Gottes einen Ungläubigen nennen und über sie das Todesurteil fällen. Du mußt von den Vorgängen gehört haben, wie sie zu allen Zeiten geschahen und auch heute zu beobachten sind.

¹ Qur'án 25:26 und Matth. 24:30


+1:82 (82)

Wir sollten uns darum mit Gottes unsichtbarem Beistand aufs äußerste bemühen, daß diese dunklen Schleier, diese Wolken vom Himmel gesandter Prüfungen uns nicht daran hindern, die Schönheit Seines leuchtenden Antlitzes zu schauen, und daß wir Ihn nur durch Sein eigenes Selbst erkennen. Und sollten wir nach einem Zeugnis Seiner Wahrheit fragen, so sollten wir uns mit einem einzigen zufrieden geben und nur mit diesem allein, auf daß wir dadurch zu Ihm gelangen, dem Urquell unendlicher Gnade, in dessen Gegenwart aller Überfluß der Welt zu einem Nichts dahinschwindet, und wir Ihn nicht mehr Tag um Tag bekritteln und nicht mehr unserem eitlen Wahn folgen.

+1:83 (83)

Gnädiger Gott! Trotz der Warnung, die in wundervoll symbolischer Sprache mit zarten Andeutungen in vergangenen Zeiten ausgesprochen ward und die die Völker der Welt aufrütteln und sie davor bewahren sollte, ihres Anteils an dem wogenden Meer der Gnade Gottes beraubt zu werden, sind doch die Geschehnisse, wie schon bezeugt, eingetreten! Auch im Qur'án ist davon die Rede, wovon folgender Vers zeugt: »Was können sie erwarten, als daß Gott zu ihnen herabkomme im Schatten der Wolken?«¹ Einige Geistliche, die sich fest an den Buchstaben des Wortes Gottes hielten, haben diesen Vers als eines der Zeichen der Auferstehung gedeutet, wie sie sie erwarteten, eine Auferstehung, die nur aus ihrem eitlen Wahn geboren ist. Und dies ungeachtet der Tatsache, daß in den meisten himmlischen Büchern ähnliche Hinweise gegeben wurden und sich überall finden, wo von den Zeichen der künftigen Manifestation die Rede ist.

¹ Qur'án 2:210


+1:84 (84)

Desgleichen spricht Er: »Am Tage, da die Himmel einen sichtbaren Rauch hervorbringen, der die Menschheit umhüllt, da wird schmerzliche Trübsal sein.«¹ Der Allherrliche hat gerade das, was den Wünschen der Gottlosen so zuwider ist, zum Prüfstein und Maßstab bestimmt, womit Er Seine Diener prüft, auf daß die Gerechten von den Gottlosen und die Gläubigen von den Ungläubigen geschieden werden. Der symbolische Begriff »Rauch« bezeichnet schwerwiegenden Dissens, den Verlust anerkannter Maßstäbe und den völligen Untergang ihrer engstirnigen Vertreter. Welcher Rauch wäre dichter und erstickender als derjenige, der heutzutage alle Völker der Welt einhüllt, der ihnen zur Qual geworden ist und dem sie, so sehr sie sich auch mühen, nicht entrinnen können. So wild ist dieses Feuer des Selbstes, das in ihnen brennt, daß sie jeden Augenblick, so scheint es, von neuen Qualen befallen werden. Je mehr ihnen verkündet wird, daß diese wundersame Sache Gottes, diese Offenbarung vom Allerhöchsten, der ganzen Menschheit kundgemacht wurde und jeden Tag an Größe und Kraft zunimmt, desto wilder lodert in ihren Herzen die Feuersglut. Je mehr sie der unbezähmbaren Kraft, der hehren Entsagung, der unerschütterlichen Standhaftigkeit an Gottes heiligen Gefährten gewahr werden, die mit Gottes Hilfe Tag um Tag edler und ruhmreicher werden, desto tiefer wütet in ihren Seelen die Verzweiflung. In diesen Tagen hat - Preis sei Gott! - die Macht Seines Wortes eine solche Überlegenheit über die Menschen erlangt, daß sie kein Wort mehr zu sagen wagen. Würden sie einem der Gefährten Gottes begegnen, der, so er könnte, freiwillig und freudig zehntausend Leben als Opfer für seinen Geliebten darbrächte, so wäre ihre Furcht so groß, daß sie nach außen hin ihren Glauben an Ihn bekennten, während sie insgeheim Seinen Namen schmähten und verfluchten! So hat Er offenbart: »Und wenn sie euch begegnen, sagen sie `wir glauben`, doch wenn sie abseits sind, beißen sie sich auf die Fingerspitzen aus Wut über euch. Sprich: `Sterbt in eurer Wut!` Gott, wahrlich, kennt alle Winkel in eurer Brust.«²

¹ Qur'án 44:10 ² Qur'án 3:119


+1:85 (85)

Binnen kurzem werden deine Augen die Banner göttlicher Souveränität in allen Regionen entrollt sehen und die Zeichen Seiner triumphierenden Macht und Herrschaft offenbar in allen Landen. Da die meisten Geistlichen den Sinn dieser Verse nicht erfaßt und auch die Bedeutung des Tages der Auferstehung nicht begriffen haben, haben sie diese Verse töricht nach ihrem eitlen, unzulänglichen Verständnis ausgelegt. Der eine wahre Gott ist Mein Zeuge! Schon wenig Fassungskraft würde genügen, daß sie aus der symbolischen Sprache dieser Verse all das herausläsen, was der Zweck Unserer Darlegungen ist, und daß sie durch die Gnade des Allerbarmers zum strahlenden Morgen der Gewißheit gelangten. Dies sind die Akkorde der himmlischen Melodie, die der unsterbliche Himmelsvogel, der auf dem Sadrih Bahás trillert, über dich ergießt, auf daß du mit Gottes Erlaubnis den Pfad göttlicher Erkenntnis und Weisheit beschreitest.

+1:86 (86)

Und nun, was Seine Worte betrifft: »Und Er wird senden Seine Engel...« »Engel« sind jene, die, durch die Kraft des Geistes gestärkt, mit dem Feuer der Liebe Gottes alle menschlichen Züge und Begrenzungen getilgt und sich mit den Zeichen der erhabensten Wesen und der Cherubim bekleidet haben. Sádiq, jener Heilige¹, sagt in seiner Lobrede auf die Cherubim: »Da steht eine Schar unserer shí'itischen Gefährten hinter dem Thron.« Verschieden und mannigfach sind die Deutungen der Worte »hinter dem Thron«. In einem Sinne sagen sie, daß es keine wahren Shí'iten gibt. So hat er an einer anderen Stelle gesagt: »Ein wahrer Gläubiger gleicht dem Stein der Weisen.« Sich sodann an seinen Zuhörer wendend, spricht er: »Hast du jemals den Stein der Weisen gesehen?« Bedenke, wie diese symbolische Sprache, die beredsamer ist als jede noch so direkte Rede, bezeugt, daß es keinen wahren Gläubigen gibt. Dies ist das Zeugnis Sádiqs. Seht nun, wie ungerecht die große Zahl derer ist, die, selbst unfähig, den Duft des Glaubens einzuatmen, doch jene als Ungläubige verdammen, durch deren Worte der Glaube gerade erkannt und begründet wird.

¹ Ja'far as-Sádiq, der 6. Imám der Shí'iten


+1:87 (87)

So wurden diese heiligen Wesen, die über alle menschlichen Begrenzungen erhaben, mit den Zeichen des Geistes versehen und den edlen Zügen des Heiligen geschmückt sind, »Engel« genannt. Das ist die Bedeutung dieser Verse, von denen jedes Wort mit Hilfe der lichtvollsten Texte, der überzeugendsten Gründe und der bestgeführten Beweise gedeutet wurde.

+1:88 (88)

Da die Christen den verborgenen Sinn dieser Worte nie erfaßten, da die von ihnen und ihren Führern erwarteten Zeichen nicht erschienen, lehnen sie es bis heute ab, die Wahrheit der Manifestationen der Heiligkeit anzuerkennen, die seit den Tagen Jesu erschienen sind. So haben sie sich selbst der Ausgießung von Gottes heiliger Gnade und der Wunder Seiner göttlichen Rede beraubt. So tief sind sie gesunken, heute, am Tage der Auferstehung! Sie haben nicht begriffen, daß niemand die Zeichen der Manifestationen Gottes - wenn sie jeweils dem Text anerkannter Überlieferungen entsprächen und im sichtbaren Reich erschienen - ablehnen oder sich von ihnen abwenden könnte, daß sich der Gesegnete dann nicht von dem Elenden unterschiede, der Übertreter nicht von dem Gottesfürchtigen. Urteile gerecht: Sollten sich die Prophezeiungen der Evangelien buchstäblich erfüllen, sollte Jesus, der Sohn der Maria, von Engeln begleitet aus dem sichtbaren Himmel auf Wolken herabkommen - wer wagte es da, nicht zu glauben? Wer wagte es, die Wahrheit hochmütig zu verwerfen? Nein, solche Bestürzung ergriffe alle Bewohner der Erde, daß sich keine Seele fähig fühlte, auch nur ein Wort zu äußern, wieviel weniger denn die Wahrheit zu verwerfen oder anzunehmen. Viele christliche Geistliche haben sich Muhammad widersetzt, weil sie diese Wahrheiten falsch verstanden, und ihren Protest in solche Worte gekleidet: »Wenn Du wirklich der verheißene Prophet bist, warum bist Du dann nicht, wie in unserer heiligen Schrift verheißen, von Engeln begleitet, die mit der verheißenen Schönheit herabkommen sollen, um Ihm bei Seiner Offenbarung beizustehen und Ihm als Warner für Sein Volk zu dienen?« So hat der Allherrliche ihren Einwand verzeichnet: »Ja, wär ihm nur herabgesandt ein Engel, der mit ihm wär', ein Mahner?«¹

¹ Qur'án 25:7 (nach Friedrich Rückert)


+1:89 (89)

Solchen Protest und solchen Meinungsstreit gab es zu allen Zeiten. Die Menschen, stets geübt in blendendem Wortgefecht, haben töricht eingewandt: »Warum ist nicht dieses oder jenes Zeichen erschienen?« Solches Unheil kam nur deshalb über sie, weil sie blindlings den Geistlichen ihrer Zeit folgten, wenn sie diese Verkörperungen der Loslösung, diese heiligen, göttlichen Wesen annahmen oder ablehnten. In ihre selbstsüchtigen Wünsche verstrickt, nach vergänglichen, nichtigen Zielen trachtend, fanden diese Führer, daß die göttlichen Leuchten nicht dem Maßstab ihres Wissens und Verständnisses entsprachen und im Widerspruch standen zu ihrer Denkweise und ihrem Urteil. Da sie Gottes Wort und die Sprüche und Traditionen der Buchstaben der Einheit nur wörtlich interpretierten und gemäß ihrem mangelhaften Verständnis erklärten, haben sie sich selbst und ihr Volk der mildtätigen Schauer der Gnade und Barmherzigkeit Gottes beraubt. Und doch dienen sie dieser wohlbekannten Tradition zum Zeugnis: »Wahrlich, Unser Wort ist dunkel, verwirrend dunkel.«¹ An anderer Stelle ist gesagt: »Unsere Sache ist schmerzlich prüfend und höchst verwirrend. Niemand kann sie ertragen, er sei denn vom Himmel begünstigt oder ein erleuchteter Prophet oder einer, dessen Glauben Gott geprüft hat.« Jene Geistlichen räumen ein, daß keine dieser drei Bedingungen auf sie zutrifft. Die ersten beiden Bedingungen sind ganz offensichtlich jenseits ihrer Einflußsphäre, und was die dritte betrifft, so liegt es offen zutage, daß sie zu keiner Zeit sich in solchen von Gott gesandten Prüfungen bewährt haben, und daß sie, wenn der göttliche Prüfstein erschien, sich nur als Abschaum erwiesen.

¹ diese und die folgende Tradition werden dem 6. Imám Ja'far as-Sádiq zugeschrieben, siehe Glossar


+1:90 (90)

Großer Gott! Die Geistlichen erkennen die Wahrheit dieser Tradition an. Gleichwohl erheben sie, die selbst noch über dunkle Fragen der Theologie im Zweifel sind und darüber im Streit liegen, den Anspruch, die Subtilitäten des Gottesgesetzes zu erläutern und die innersten Geheimnisse Seines heiligen Wortes zu erklären. Dreist behaupten sie, die Traditionen über den erwarteten Qá'im seien noch nicht erfüllt, während sie selbst außerstande sind, den Duft der Bedeutung dieser Überlieferungen zu atmen. Diese törichten Geistlichen sind sich noch immer nicht der Tatsache bewußt, daß alle geweissagten Zeichen eingetroffen sind, daß der Weg der heiligen Gottessache enthüllt ist und die Schar der Gläubigen mit Blitzesschnelle eben jetzt auf diesem Wege dahineilt, während sie selbst noch immer darauf warten, Zeugen verheißener Zeichen zu sein. Sprich: O ihr Toren! So wartet denn wie jene, die vor euch gewartet haben!

+1:91 (91)

Fragte man sie nach den Zeichen, die die Offenbarung und den Aufstieg der Sendung Muhammads ankündigen müssen und auf die Wir schon hingewiesen haben, deren sich aber keines im buchstäblichen Sinn erfüllt hat, und spräche man zu ihnen: »Warum habt ihr die Ansprüche verworfen, die die Christen und die Völker anderer Religionen gestellt haben, und warum betrachtet ihr sie als Ungläubige?«, so erwiderten sie, um die Antwort verlegen: »Diese Bücher wurden verfälscht; sie sind nicht von Gott und waren es nie gewesen.« Überlege: Der Wortlaut der Verse selbst ist schon beredter Zeuge der Wahrheit, daß sie von Gott sind. Ein ähnlicher Vers ist auch im Qur'án offenbart - o würdet ihr es doch begreifen! Wahrlich, Ich sage: In dieser ganzen Zeit haben sie niemals begriffen, was mit dem Verfälschen des Textes gemeint ist.

+1:92 (92)

Ja, in den Schriften und Reden der Spiegel, die die Sonne der Sendung Muhammads widerstrahlen, ist von einer »Änderung durch die erhabenen Wesen« und von einer »Änderung durch die Hochmütigen« die Rede. Solche Stellen beziehen sich jedoch nur auf Sonderfälle. Unter ihnen ist auch die Geschichte von Ibn al-Súríyá. Als die Leute von Khaybar¹ den Brennpunkt der islámischen Offenbarung über die gesetzliche Strafe für den Ehebruch eines verheirateten Mannes mit einer verheirateten Frau befragten, antwortete Muhammad und sprach: »Das Gesetz Gottes ist Tod durch Steinigung.« Daraufhin protestierten sie und sagten: »Ein solches Gesetz ist im Pentateuch nicht offenbart.« Muhammad antwortete und sprach: »Welchen eurer Rabbi betrachtet ihr als anerkannte Autorität von zuverlässiger Wahrheitserkenntnis?« Da einigten sie sich auf Ibn al-Súríyá. Muhammad ließ ihn kommen und sprach: »Ich beschwöre dich bei Gott, der das Meer für euch zerteilte, der Manna auf euch regnen ließ und die Wolke sandte, euch zu beschatten, der euch vom Pharao und seinem Volke befreite und euch über alle menschlichen Wesen erhob, uns zu sagen, was Mose bestimmt hat bei Ehebruch zwischen einem verheirateten Mann und einer verheirateten Frau.« Er gab zur Antwort: »O Muhammad! Tod durch Steinigung sagt das Gesetz.« Muhammad bemerkte: »Wie kam es dann, daß dieses Gesetz aufgehoben wurde und unter den Juden nicht mehr in Kraft ist?« Er antwortete und sprach: »Als Nebukadnezar Jerusalem den Flammen übergab und die Juden tötete, überlebten dies nur wenige. Angesichts der höchst geringen Zahl der Juden und der großen Menge Amalekiter berieten die Geistlichen jener Zeit miteinander und kamen zu dem Schluß, daß, wenn sie das Gesetz des Pentateuch anwendeten, jeder Überlebende, der aus der Hand Nebukadnezars freigekommen war, nach dem Befehl des Buches hätte zum Tode verurteilt werden müssen. Aufgrund solcher Überlegungen haben sie die Todesstrafe abgeschafft.« Unterdessen gab Gabriel Muhammads erleuchtetem Herzen diese Worte ein: »Sie verfälschen den Text des Wortes Gottes.«²

¹ im Norden Medinas gelegene Oasenstadt ² Qur'án 4:46; vgl. auch 5:13,41



+1:93 (93)

Dies ist eines der Beispiele, auf das hingewiesen wurde. Wahrlich, »Verfälschen« des Textes bedeutet nicht das, was diese törichten, erbärmlichen Seelen wähnen. So behaupten manche, jüdische und christliche Geistliche hätten aus dem Buche die Verse entfernt, die die Gestalt Muhammads erhöhen und verherrlichen, und hätten dafür das Gegenteil eingefügt. Wie dumm und irreführend sind doch diese Reden! Kann ein Mensch, der an ein Buch glaubt und es für von Gott eingegeben hält, dieses verstümmeln? Übrigens war der Pentateuch über den ganzen Erdkreis und nicht nur in Mekka und Medina verbreitet, so daß man dort insgeheim seinen Text hätten verfälschen und verdrehen können. Nein, mit der Verfälschung des Textes ist das gemeint, was heute alle islámischen Geistlichen tun, nämlich Gottes heiliges Buch auslegen, wie es ihrem eitlen Wahn und ihren nichtigen Wünschen entspricht. Als die Juden zur Zeit Muhammads die Verse des Pentateuch, die sich auf Seine Manifestation bezogen, nach ihren eigenen Vorstellungen auslegten und sich mit Seinen heiligen Worten nicht zufrieden gaben, wurden sie der »Verfälschung« des Textes bezichtigt. Ebenso ist offensichtlich, daß das Volk des Qur'án heute, soweit es die Zeichen der erwarteten Manifestation anbelangt, den Text des heiligen Buches verfälscht, indem es ihn nach seinen eigenen Neigungen und Wünschen interpretiert.

+1:94 (94)

In einem anderen Fall spricht Er: »Ein Teil von ihnen hörte Gottes Wort, und als sie es verstanden, verdrehten sie es und wußten dabei, was sie getan.«¹ Auch dieser Vers zeigt, daß der Sinn des Wortes Gottes verfälscht wurde, nicht aber, daß die betreffenden Worte getilgt worden sind. Wer gesunden Menschenverstand hat, wird diese Wahrheit bezeugen.

¹ Qur'án 2:75


+1:95 (95)

Bei anderer Gelegenheit spricht Er: »Wehe denen, die mit eigener Hand das Buch verfälschend abschreiben und dann sagen: `Dies ist von Gott`, damit sie es zu einem geringen Preis verkaufen.«¹ Dieser Vers wurde unter Hinweis auf die Geistlichen und Führer des jüdischen Glaubens offenbart. Diese Geistlichen schrieben, um den Reichen zu gefallen, um weltlicher Nebeneinkünfte wegen und um ihrem Neid und Unglauben freien Lauf zu lassen, einige Abhandlungen, in denen sie die Ansprüche Muhammads zurückwiesen und ihre Darlegungen mit solchen Argumenten versahen, daß es unschicklich wäre, sie zu erwähnen. Dabei behaupteten sie, daß diese Argumente aus dem Texte des Pentateuch abgeleitet seien.

¹ Qur'án 2:79


+1:96 (96)

Das gleiche erleben wir heutzutage. Bedenke die Fülle von Anschuldigungen, welche die törichten Geistlichen dieser Zeit in ihren Schriften gegen diese wundervolle Sache erhoben. Wie nichtig ist ihr Wahn, diese Verleumdungen seien im Einklang mit den Versen in Gottes heiliger Schrift und dem Urteil von Menschen mit Einsicht!

+1:97 (97)

Wenn Wir auf diese Geschehnisse hinweisen, so ist Unsere Absicht, dich zu warnen: Sollten sie behaupten, die Verse des Evangeliums mit den angegebenen Zeichen seien verfälscht worden, sollten sie sie verwerfen und sich statt dessen an andere Verse und Überlieferungen halten, so solltest du wissen, daß ihre Worte völlig unwahr und bare Verleumdung sind. Ja, die »Verfälschung« des Textes in dem von Uns erläuterten Sinne hat es tatsächlich in verschiedenen Fällen gegeben. Einige davon haben Wir erwähnt, damit jeder, der scharfen Sinnes ist, sehe, daß einigen Ungelehrten unter den Heiligen die Meisterschaft der Gelehrsamkeit verliehen wurde, damit böswillige Widersacher nicht länger behaupten, ein bestimmter Vers zeige eine »Verfälschung« des Textes an, und andeuten, daß Wir aus Mangel an Erkenntnis auf solche Dinge zu sprechen kamen. Schließlich wurden die meisten Verse, die eine »Verfälschung« des Textes anzeigen, im Hinblick auf das jüdische Volk offenbart - o würdet ihr doch die Inseln der Qur'ánischen Offenbarung erforschen!

+1:98 (98)

Auch hörten Wir die Behauptung einiger Toren, der ursprüngliche Text der himmlischen Evangelien sei bei den Christen nicht mehr vorhanden und zum Himmel aufgestiegen. Wie schlimm haben sie sich geirrt! Wie wenig bedachten sie dabei, daß solch eine Behauptung einer gnädigen, liebevollen Vorsehung schwerste Ungerechtigkeit und Tyrannei unterstellt! Wie könnte Gott, nachdem die Sonne der Schönheit Jesu den Augen Seines Volkes entschwunden und zum vierten Himmel aufgestiegen war, Sein heiliges Buch, Sein größtes Zeugnis unter Seinen Geschöpfen, ebenfalls verschwinden lassen? Was wäre diesem Volke geblieben, woran es sich vom Untergang der Sonne Jesu bis zum Aufstieg der Sonne der Sendung Muhammads hätte halten können? Welches Gesetz sollte ihr Anker und ihr Führer sein? Warum sollten solche Menschen zum Opfer des rächenden Zornes Gottes, des allmächtigen Rächers, gemacht werden, warum sollten sie von der Geißel der Züchtigung durch den himmlischen König getroffen werden? Und vor allem: Warum sollte der Gnadenstrom des Allgütigen ins Stocken geraten? Wie könnte das Meer Seiner sanften Barmherzigkeit zur Ruhe kommen? Wir nehmen Zuflucht bei Gott vor dem, was sich Seine Geschöpfe über Ihn ausgedacht haben. Erhaben ist Er über ihr Begreifen.

+1:99 (99)

Lieber Freund! Nun, da das Licht von Gottes unvergänglichem Morgen anbricht, da der Glanz Seiner heiligen Worte: »Gott ist das Licht der Himmel und der Erde«¹, die ganze Menschheit erleuchtet, da die Unverletzlichkeit Seines Tabernakels² durch Seinen geheiligten Spruch: »Gott war gewillt, Sein Licht vollkommen zu machen«³, verkündet wird und da die Hand der Allmacht, die Sein Zeugnis: »In Seinem Griff hält Er das Königreich aller Dinge« <4> trägt, über alle Völker und Geschlechter auf Erden ausgestreckt ist, ziemt es uns, uns zu rüsten. Dann mag es geschehen, daß wir durch Gottes Gnade und Gunst in die himmlische Stadt »Wahrlich, wir sind Gottes« eingehen und in der erhabenen Wohnstätte »Und zu Ihm kehren wir zurück« <5> weilen. Es ist deine Pflicht, mit Gottes Erlaubnis das Auge deines Herzens von den Dingen dieser Welt zu läutern, damit du der Unendlichkeit göttlicher Erkenntnis gewahr werdest und so klar die Wahrheit schauest, daß du keines Beweises ihrer Wirklichkeit mehr bedarfst, noch irgendeines Zeichens, das ihr Zeugnis bestätigt.

¹ Qur'án 24:35 ² siehe Glossar ³ Qur'án 9:32 <4> Qur'án 23:88; 36:83 <5> Qur'án 2:156



+1:100 (100)

O du eifriger Sucher! Solltest du dich in das heilige Reich des Geistes erheben, so würdest du Gott so offenbar und erhaben über alle Dinge erkennen, daß deine Augen nichts sähen außer Ihm. »Gott war allein, niemand war da neben Ihm.«¹ So hehr ist diese Stufe, daß kein Zeugnis davon künden kann und kein Beweis Seiner Wahrheit gerecht wird. Würdest du den geheiligten Bereich der Wahrheit erforschen, so fändest du, daß alle Dinge nur durch das Licht Seiner Erkenntnis erkannt werden, daß Er seit jeher nur durch Ihn selbst erkannt worden ist und daß dies immerdar so sein wird. Wenn du im Lande des Zeugnisses wohnst, dann sei zufrieden mit dem, was Er offenbart hat: »Ist es nicht genug für sie, daß Wir auf Dich das Buch herabgesandt haben?«² Dies ist das Zeugnis, das Er selbst bestimmt hat. Einen größeren Beweis als diesen gibt es nicht und wird es niemals geben: »Dieser Beweis ist Sein Wort, Sein eigenes Selbst, das Zeugnis Seiner Wahrheit.«

¹ eine Tradition Muhammads, Hadíth aus der Sammlung Jarahí, siehe Glossar ² Qur'án 29:51



+1:101 (101)

Und nun bitten Wir das Volk des Bayán, alle die Gelehrten, die Weisen, Geistlichen und Zeugen unter ihnen, nicht die Wünsche und Ermahnungen zu vergessen, die in ihrem Buche offenbart sind. Laßt sie allezeit ihren Blick auf das Wesentliche ihrer Sache heften, damit sie dann, wenn Er, die Quintessenz der Wahrheit, die innerste Wirklichkeit aller Dinge, die Quelle allen Lichtes, sich offenbart, sich nicht an bestimmte Stellen des Buches halten und Ihm zufügen, was in der Sendung des Qur'án geschehen ist. Denn Er, der König göttlicher Macht, ist wahrlich imstande, mit einem Buchstaben Seiner wundersamen Worte den Lebensodem des ganzen Bayán und seines Volkes auszutilgen, mit einem Buchstaben ihnen ein neues, unsterbliches Leben zu verleihen, so daß sie sich erheben und hervoreilen aus den Gräbern ihrer eitlen, selbstischen Wünsche. Habt acht, seid wachsam und bedenket, daß alle Dinge im Glauben an Ihn ihre Vollendung finden, im Erreichen Seines Tages und in der Erkenntnis Seiner göttlichen Gegenwart. »Frömmigkeit besteht nicht darin, daß ihr euer Gesicht nach Osten oder nach Westen wendet, sondern fromm ist, wer an Gott glaubt und an den Jüngsten Tag.«¹ O Volk des Bayán! Höre auf die Wahrheit, zu der Wir dich ermahnen, damit du vielleicht unter dem Schatten Schutz suchest, der am Tage Gottes über der ganzen Menschheit ausgebreitet sein wird.

¹ Qur'án 2:176



Zweiter Teil




+2:1 (102)

Wahrlich, Er, die Sonne der Wahrheit, der Offenbarer des höchsten Wesens, hat allezeit die unbestrittene Souveränität über alles im Himmel und auf Erden, selbst wenn kein Mensch auf Erden zu finden wäre, der Ihm gehorchte. Er, wahrlich ist unabhängig von aller irdischen Herrschaft, sollte Er auch jeder Macht bar sein. So offenbaren Wir dir die Mysterien der Sache Gottes und verleihen dir die Edelsteine göttlicher Weisheit, damit du dich vielleicht auf den Schwingen der Entsagung zu jenen Höhen erhebest, die vor den Augen der Menschen verschleiert sind.

+2:2 (103)

Es ist Sinn und Zweck dieser Ausführungen, denen, die reinen Herzens und geheiligten Geistes sind, zu enthüllen und aufzuzeigen, daß die Leuchten der Wahrheit und die Spiegel des Lichtes göttlicher Einheit unwandelbar mit allbezwingender Macht versehen und mit unbesiegbarer Souveränität bekleidet sind, in welchem Zeitalter und Zyklus sie auch aus den unsichtbaren Wohnstätten altehrwürdiger Herrlichkeit in diese Welt herabgesandt wurden, um die Menschenseelen zu erziehen und allen erschaffenen Dingen Gnade zu erweisen. Denn diese verborgenen Edelsteine, diese versteckten, unsichtbaren Schatzkammern sind in sich selbst offenbar und rechtfertigen die Wirklichkeit der heiligen Worte: »Wahrlich, Gott tut, was immer Er will, und befiehlt, was immer Ihm gefällt.«¹

¹ vgl. Qur'án 2:253 , 14:28 , 22:14/18


+2:3 (104)

Jedem verständigen, erleuchteten Herzen ist offenbar, daß Gott, die unerforschliche Wesenheit, das göttliche Sein, unermeßlich erhaben ist über alle menschlichen Merkmale wie leibliche Existenz, Aufstieg und Abstieg, Ausgang und Rückkehr. Fern sei es Seiner Herrlichkeit, daß des Menschen Zunge angemessen Sein Lob künden oder des Menschen Herz Sein unergründliches Mysterium erfassen könnte. Er ist und war von jeher in der altehrwürdigen Ewigkeit Seines Wesens verhüllt und wird in Seiner Wirklichkeit dem Schauen der Menschen ewiglich verborgen bleiben. »Keine Schau erfaßt Ihn, Er aber erfaßt alle Schau; Er ist der Scharfsinnige, der Allsehende.«¹ Kein Band unmittelbaren Verkehrs kann Ihn an Seine Geschöpfe binden. Hoch erhaben steht Er über aller Trennung und Verbindung, Nähe und Ferne. Kein Zeichen kann Seine Gegenwart oder Abwesenheit künden, denn durch ein Wort Seines Befehles wurden alle im Himmel und auf Erden ins Dasein gerufen, und durch Seinen Wunsch, den Urwillen selbst, sind alle aus gänzlichem Nichtsein in das Reich des Seins, in die Welt des Sichtbaren, getreten.

¹ Qur'án 6:103


+2:4 (105)

Gnädiger Gott! Wie könnte eine Verwandtschaft oder nur mögliche Verbindung gedacht werden zwischen Seinem Wort und denen, die daraus erschaffen sind? Der Vers: »Gott warnt euch vor sich selbst«¹, zeugt klar für die Richtigkeit Unserer Argumentation, und das Wort: »Gott war allein, niemand war da neben Ihm«, ist ein sicheres Zeugnis seiner Wahrheit. Zu allen Zeiten haben die Propheten Gottes und ihre Erwählten, die Geistlichen, Wissenden und Weisen einmütig ihr Unvermögen erkannt, dieses reinste Wesen aller Wahrheit zu begreifen, und ihre Unfähigkeit eingestanden, Ihn, die innerste Wirklichkeit aller Dinge, zu erfassen.

¹ Qur'án 3:30


+2:5 (106)

Das Tor der Erkenntnis des Altehrwürdigen der Tage ist so vor dem Antlitz aller Wesen verschlossen. Darum hat der Quell unendlicher Gnade nach Seinem Vers: »Seine Gnade ist größer denn alle Dinge; Meine Gnade hat sie alle umfangen«¹, jene leuchtenden Edelsteine der Heiligkeit aus dem Reiche des Geistes in der edlen Gestalt des menschlichen Tempels erscheinen und allen Menschen offenbar werden lassen, auf daß sie der Welt die Mysterien des unveränderlichen Seins schenken und ihr von Seinem reinen, unsterblichen Wesen künden. Diese geheiligten Spiegel, diese Aufgangsorte altehrwürdiger Herrlichkeit sind allesamt auf Erden die Vertreter Dessen, der innerster Kern, reinstes Wesen und letztes Ziel des Weltalls ist. Von Ihm geht ihre Erkenntnis und Macht aus, von Ihm leitet sich ihre Souveränität ab. Die Schönheit ihres Antlitzes ist nur eine Widerspiegelung Seines Bildes, ihre Offenbarung ein Zeichen Seiner unsterblichen Herrlichkeit. Sie sind die Schatzkammern göttlicher Erkenntnis, die Verwahrungsorte himmlischer Weisheit. Durch sie wird eine Gnade vermittelt, die unendlich ist, und durch sie wird das Licht enthüllt, das nimmer verlöschen kann. So hat Er gesprochen: »Kein Unterschied ist zwischen Dir und ihnen, außer, daß sie Deine Diener und von Dir erschaffen sind.«Gebet des Monats Rajab« des ujja, des 12. Imáms, übermittelt durch das Tor Muammad Ibn 'Uthmán.»² Dies ist die Bedeutung der Überlieferung: »Ich bin Er, Er selbst, und Er ist Ich, Ich selbst.«

¹ Qur'án 7:157

² aus dem `Gebet des Monats Rajab` des Hujja, des 12. Imáms, übermittelt durch das Tor Muhammad Ibn Uthmán



+2:6 (107)

Die Traditionen und Sprüche, die sich auf Unseren Gegenstand beziehen, sind verschieden und mannigfach. Wir haben es Uns um der Kürze willen versagt, sie alle anzuführen. Nein fürwahr, alles in den Himmeln und auf Erden ist ein unmittelbarer Beweis dafür, daß sich darin Gottes Attribute und Namen offenbaren, da jedes Atom die Zeichen verwahrt, welche für die Offenbarung des Größten Lichtes beredtes Zeugnis ablegen. Mich dünkt, ohne die Wirkkraft dieser Offenbarung könnte kein Wesen je bestehen. Wie hell strahlen die Leuchten der Erkenntnis in einem Atom, wie weit hin wogen die Meere der Weisheit in einem Tropfen! In höchstem Grade gilt dies für den Menschen, der von allem Erschaffenen mit dem Gewande solcher Gaben bekleidet und für die Herrlichkeit einer solchen Auszeichnung auserkoren wurde! Denn in ihm sind alle Namen und Attribute Gottes potentiell in einem Maße offenbart, das von keinem erschaffenen Wesen übertroffen wird. Alle diese Namen und Eigenschaften treffen auf ihn zu. So hat Er gesagt: »Der Mensch ist Mein Geheimnis, und Ich bin sein Geheimnis.«¹ Mannigfaltig sind die Verse, die in allen himmlischen Büchern und heiligen Schriften wiederholt zu diesem schwierigsten, erhabensten Thema offenbart worden sind. So hat Er offenbart: »Wir werden ihnen sicherlich Unsere Zeichen zeigen in der Welt und in ihnen selbst.«² Weiter spricht Er: »Und auch in euch selbst, wollt ihr da nicht die Zeichen Gottes schauen?«³ Und wiederum offenbart Er: »Und seid nicht wie jene, die Gott vergessen und die Er darum ihr eigenes Selbst vergessen ließ«.<4> In diesem Zusammenhang hat Er, der ewige König - mögen die Seelen aller, die im mystischen Tabernakel<5> wohnen, ein Opfer für Ihn sein - gesprochen: »Wer sich selbst erkannt hat, hat Gott erkannt«.<6>

¹ Heilige Tradition Muhammads ² Qur'án 41:53 ³ Qur'án 51:21-22

<4> Qur'án 59:20 <5> siehe Glossar <6> Ausspruch des Imám Alí



+2:7 (108)

Ich schwöre bei Gott, o du geschätzter und geehrter Freund! Solltest du diese Worte in deinem Herzen erwägen, du würdest sicherlich die Tore göttlicher Weisheit und unendlicher Erkenntnis vor deinem Antlitz weit geöffnet finden.

+2:8 (109)

Aus dem Gesagten wird deutlich, daß alle Dinge in ihrem innersten Wesenskern die Offenbarung der Namen und Attribute Gottes bezeugen. Jedes ist, je nach seiner Fähigkeit, ein Zeichen und Ausdruck der Erkenntnis Gottes. So mächtig und umfassend ist diese Offenbarung, daß sie alles Sichtbare und Unsichtbare umfängt. So hat Er offenbart: »Hat irgend etwas außer Dir eine Kraft der Offenbarung, die Dir fehlt, so daß es Dich hätte sichtbar machen können? Blind ist das Auge, das Dich nicht wahrnimmt«.¹ Ebenso hat der ewige König gesprochen: »Kein Ding habe ich geschaut, ich hätte denn Gott in ihm, Gott vor ihm oder Gott hinter ihm geschaut«.² Auch heißt es in der Traditionssammlung des Kumayl³: »Siehe, ein Licht strahlt auf aus dem Morgen der Ewigkeit, und siehe, seine Wellen sind in die innerste Wirklichkeit aller Menschen eingedrungen.« Der Mensch, das edelste und vollkommenste aller erschaffenen Wesen, übertrifft sie alle an Stärke dieser Offenbarung und ist ein umfassender Ausdruck ihrer Herrlichkeit. Von allen Menschen sind die vollendetsten, die ausgezeichnetsten und vollkommensten die Manifestationen der Sonne der Wahrheit. Ja, alle außer ihnen leben durch das Wirken ihres Willens; sie bewegen sich und verdanken ihr Sein ihrem Gnadenstrom. »Wenn nicht für Dich, hätte Ich die Sphären nicht erschaffen«.<4> Nein, alle schwinden in ihrer heiligen Gegenwart zu äußerstem Nichts, zu einem vergessenen Wesen dahin. Die menschliche Zunge kann niemals angemessen ihren Lobpreis singen, menschliche Rede nie ihr Mysterium enthüllen. Diese Brennpunkte der Heiligkeit, diese Ersten Spiegel, die das Licht unvergänglicher Herrlichkeit widerstrahlen, sind nur ein Ausdruck von Ihm, dem Unsichtbaren der Unsichtbaren. Durch die Offenbarung dieser Edelsteine göttlicher Tugend sind alle Namen und Attribute Gottes wie Erkenntnis und Kraft, Souveränität und Herrschaft, Barmherzigkeit und Weisheit, Herrlichkeit, Freigebigkeit und Gnade enthüllt.

¹ Gebet für den Tag Arafah, offenbart von Imám Husayn ² Ausspruch des Imám 'Alí

³ Kumayl Ibn Ziyád al-Nakha'i, einer der engsten Vertrauten des Imám Alí

<4> Heilige Tradition, Muhammad zugeschrieben



+2:9 (110)

Diese Attribute Gottes waren niemals bestimmten Propheten verliehen und anderen vorenthalten. Nein, alle Propheten Gottes, Seine wohlbegnadeten, Seine heiligen und erwählten Boten sind ohne Ausnahme die Träger Seiner Namen und die Verkörperungen Seiner Attribute. Sie unterscheiden sich nur in der Stärke ihrer Offenbarung und in der Wirkkraft ihres Lichtes. So hat Er offenbart: »Einige Sendboten haben Wir die anderen überragen lassen«.¹ Es leuchtet daher ein, daß sich in den Gestalten dieser Propheten und Erwählten Gottes das Licht Seiner unendlichen Namen und erhabenen Attribute spiegelt, auch wenn das Licht einiger dieser Attribute durch diese leuchtenden Tempel den Augen der Menschen äußerlich nicht enthüllt wurde. Daß eine bestimmte Eigenschaft Gottes durch diese Wesen der Loslösung nach außen hin nicht offenbart wurde, besagt keineswegs, daß sie, die Morgenröten der Attribute Gottes und Schatzkammern Seiner heiligen Namen, diese nicht wirklich besessen hätten. Darum sind diese erleuchteten Seelen, diese schönen Antlitze, allesamt mit allen Attributen Gottes wie Souveränität, Herrschaft und dergleichen ausgestattet, mögen sie auch dem äußeren Anschein nach aller irdischen Majestät beraubt sein. Dies ist jedem einsichtigen Auge offenbar und bedarf keines Beweises.

¹ Qur'án 2:254


+2:10 (111)

Fürwahr, die Völker der Welt sind nun ermattet und niedergeschlagen; sie schmachten vor Durst im Tale eitlen Wahns und des Eigensinns, weil sie versäumten, bei den leuchtenden, kristallklaren Quellen göttlicher Erkenntnis die innere Bedeutung der heiligen Gottesworte zu suchen. Sie sind weit abgeirrt von den frischen, durststillenden Wassern und versammeln sich um einen Salztümpel, der bitter schmeckt. Von ihnen sprach die Taube der Ewigkeit: »Und wenn sie den Pfad der Rechtschaffenheit sehen, so wollen sie ihn nicht als ihren Pfad annehmen; sehen sie aber den Pfad des Irrtums, so nehmen sie ihn als ihren Weg. Dies, weil sie Unsere Zeichen als Lüge behandelten und ihrer nicht achteten.«¹

¹ Qur'án 7:146


+2:11 (112)

Dies legt davon Zeugnis ab, was in dieser wunderbaren, erhabenen Sendung geschehen ist. Myriaden heiliger Verse sind aus dem Himmel der Macht und der Gnade herabgekommen, doch niemand hat sich ihnen zugewandt; alle haben sich an die Worte von Menschen gehalten, die keinen Buchstaben verstehen von dem, was sie reden. Aus diesem Grunde hat das Volk unbestreitbare Wahrheiten wie diese bezweifelt und ist so des Ridván göttlicher Erkenntnis und der ewigen Auen himmlischer Weisheit verlustig gegangen.

+2:12 (113)

Und nun, um in Unserer Beweisführung fortzufahren: Warum trat die Souveränität des Qá'im, die durch die Texte der überlieferten Traditionen bestätigt und durch die leuchtenden Sterne der islámischen Sendung der Nachwelt vermittelt wurde, nicht im geringsten zutage? Sogar das Gegenteil ist geschehen: Wurden Seine Gefährten und Jünger nicht von den Menschen gepeinigt, sind sie nicht immer noch Opfer des grimmigen Widerstandes ihrer Feinde? Führen sie nicht heute noch das Leben erniedrigter, hilfloser Sterblicher? Wahrlich, die dem Qá'im zugeschriebene Souveränität, von der in den Schriften die Rede ist, ist eine Realität, deren Wahrheit niemand bezweifeln kann. Diese Souveränität ist jedoch nicht die Herrschaft, die sich die Menschen fälschlicherweise vorstellen. Überdies haben die alten Propheten allesamt, wenn sie dem Volke ihrer Zeit die nächste Offenbarung ankündigten, stets nachdrücklich auf die Souveränität hingewiesen, mit der die verheißene Manifestation gewißlich bekleidet sein müsse. Dies bezeugen die Berichte in den Schriften der Vergangenheit. Souveränität wird nicht allein dem Qá'im beigemessen, dieses Attribut und alle anderen Namen und Attribute Gottes sind allen Manifestationen Gottes vor und nach Ihm verliehen, denn sie sind, wie schon ausgeführt, die Verkörperungen der Attribute Gottes, des Unsichtbaren, und die Offenbarer der göttlichen Mysterien.

+2:13 (114)

Überdies bedeutet Souveränität die dem Qá'im innewohnende, alles umfassende, alles durchdringende Macht, die Ihm wesenseigen ist, ob Er nun in der Welt mit der Majestät irdischer Herrschaft bekleidet erscheint oder nicht. Dies hängt einzig vom Willen und Gefallen des Qá'im selbst ab. Du wirst alsbald erkennen, daß die Begriffe Souveränität, Reichtum, Leben, Tod, Gericht und Auferstehung, von denen in den Schriften der Vergangenheit die Rede ist, nicht das bedeuten, was dieses Geschlecht eitel wähnt. Souveränität ist vielmehr jene höchste Herrschaft, die in allen Sendungen der Manifestation, der Sonne der Wahrheit, innewohnt und von ihr ausgeht. Diese Souveränität ist die geistige Überlegenheit über alles im Himmel und auf Erden, die Er im höchsten Maße innehat, eine Herrschaft, die sich, wenn die Zeit erfüllt ist, der Welt im genauen Verhältnis zu ihrer Fassungskraft und geistigen Aufnahmebereitschaft enthüllt, so wie die Souveränität Muhammads, des Gesandten Gottes, heute unter dem Volke offenbar ist. Du bist dir aber dessen bewußt, was Seinem Glauben in den frühen Tagen Seiner Sendung widerfahren ist. Mit welch schmerzlichem Leid hat die Hand der Ungläubigen und Irrenden, der Geistlichen jener Zeit und ihrer Genossen, dieses geistige Wesen, dieses reinste, heiligste Sein heimgesucht! Wie viele Dornen und Disteln haben sie auf Seinen Pfad gestreut! In seinem gottlosen, satanischen Wahn sah dieses nichtswürdige Geschlecht offenbar in jedem Unrecht, das diesem unsterblichen Wesen angetan wurde, ein Mittel, ewige Glückseligkeit zu erlangen, denn die anerkannten Geistlichen jener Zeit wie 'Abdu'lláh al-Ubayy, Abú 'Amír der Klausner, Ka'b Ibn al-Ashraf und Nadr Ibn al-Hárith, behandelten Ihn alle als Betrüger und nannten Ihn einen Irren und Verleumder. So schlimme Anklagen erhoben sie gegen Ihn, daß, wollte Ich sie aufzählen, Gott der Tinte verbieten würde zu fließen, Unserer Feder, sich zu bewegen, oder dem Blatt, sie zu ertragen. Diese böswilligen Vorwürfe wiegelten das Volk auf, sich gegen Ihn zu erheben und Ihn zu peinigen. Wie bitter ist eine solche Qual, wenn die Geistlichen der Zeit ihre Hauptanstifter sind, wenn sie Ihn vor ihrem Gefolge öffentlich brandmarken, Ihn aus ihrer Mitte verstoßen und Ihn einen Schurken nennen! Ist solches nicht auch diesem Diener widerfahren, wie alle bezeugen?

+2:14 (115)

Aus diesem Grunde rief Muhammad: »Kein Prophet Gottes hat solches Unrecht erlitten, wie Ich es erlitt.« Im Qur'án sind alle Verleumdungen und Vorwürfe verzeichnet, die gegen Ihn vorgebracht wurden, wie auch die Trübsale, die Er erlitt. Seht dort nach, damit ihr unterrichtet seid, wie es Seiner Offenbarung erging. So schmerzlich war Seine Lage, daß eine Zeitlang niemand mehr mit Ihm und Seinen Gefährten verkehrte. Wer immer sich zu Ihm gesellte, fiel der unerbittlichen Grausamkeit Seiner Feinde zum Opfer.

+2:15 (116)

Wir werden in diesem Zusammenhang nur einen Vers aus diesem Buch anführen. Wenn du ihn mit einsichtsvollen Augen betrachtest, wirst du während der verbleibenden Tage deines Lebens die Unbill Muhammads, dieses ungerecht behandelten, unterdrückten Gottesboten, beklagen. Dieser Vers wurde zu einer Zeit offenbart, da Muhammad erschöpft und bekümmert unter der Wucht der Feindschaft des Volkes und seiner unaufhörlichen Quälereien schmachtete. Inmitten Seiner Pein hörte Er die Stimme Gabriels, die vom Si(a)dratu'l-Muntahá her rief: »Wenn Dir ihr Widerstand schmerzlich ist - dann suche doch, wenn Du kannst, ein Loch in der Erde oder eine Leiter in den Himmel«.¹ Der Sinn dieses Verses ist, daß es in Seinem Fall keine Hilfe gab und daß sie nicht von Ihm ablassen würden, es sei denn, Er verbärge sich in den Tiefen der Erde oder nähme Seinen Flug zum Himmel.

¹ Qur'án 6:35; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.


+2:16 (117)

Bedenke, wie sehr sich alles gewandelt hat! Sieh, wie viele Herrscher das Knie vor Seinem Namen beugen! Wie zahlreich sind die Völker und Reiche, die in Seinem Schatten Schutz suchen, Seinem Glauben huldigen und sich dessen rühmen! Von den Kanzeln steigen heute Worte des Lobpreises auf, die in äußerster Demut Seinen gesegneten Namen verherrlichen, von den Spitzen der Minarette tönt der Ruf, der die Schar Seines Volkes versammelt, Ihn anzubeten. Selbst die Könige der Erde, die es abgelehnt haben, Seinen Glauben anzunehmen und das Gewand des Unglaubens abzulegen, bestätigen doch die Größe und überwältigende Erhabenheit dieser Sonne göttlicher Gnade. So steht es um Seine irdische Souveränität, deren Beweise du überall schauen kannst. Diese Souveränität muß sich noch zu Lebzeiten einer jeden Manifestation Gottes oder aber nach ihrem Aufstieg zu ihrer wahren Wohnstätte in den Reichen der Höhe offenbaren und festigen. Was du heute erlebst, ist nur eine Bestätigung dieser Wahrheit. Diese geistige Überlegenheit jedoch, die von allem Anfang an gewollt war, wohnt ihnen inne und umkreist sie von Ewigkeit zu Ewigkeit. Sie kann nicht einen Augenblick von ihnen geschieden sein. Ihre Herrschaft umfaßt alles im Himmel und auf Erden.

+2:17 (118)

Auch das Folgende ist ein Beweis der Souveränität Muhammads, der Sonne der Wahrheit: Hast du nicht gehört, wie Er mit einem einzigen Vers Licht von Finsternis, die Gerechten von den Frevlern und die Gläubigen von den Ungläubigen geschieden hat? Alle Zeichen und Anspielungen auf den Tag des Gerichts, von denen du gehört hast - wie die Auferstehung der Toten, der Tag der Abrechnung, das Jüngste Gericht und anderes -, sind durch die Offenbarung dieses Verses klar enthüllt worden. Die offenbarten Worte waren ein Segen für die Gerechten, die sie vernahmen und ausriefen: »O Gott, unser Herr, wir hören und gehorchen«.¹ Sie gereichten dem Volke des Unrechts zum Fluche, das sie auch vernahm und sagte: »Wir hören und wir lehnen uns auf«.² Diese Worte, scharf wie Gottes Schwert, haben die Gläubigen von den Ungläubigen und den Vater vom Sohn geschieden. Du hast sicherlich auch erfahren, wie die, die sich zu Seinem Glauben bekannten, und die, die ihn verwarfen, gegeneinander gekämpft und um ihren Besitz gestritten haben. Wie viele Väter haben sich von ihren Söhnen abgewandt, wie viele Liebende haben ihre Geliebten gemieden! So erbarmungslos scharf hat dieses wundersame Schwert Gottes geschnitten, daß es alle verwandtschaftlichen Bande trennte! Betrachte andererseits die allesverschmelzende Kraft Seines Wortes. Sieh, wie Menschen, unter die der Satan des Selbstes über Jahre die Saaten der Bosheit und des Hasses gesät hatte, durch ihre Ergebenheit gegenüber dieser wundersamen, übernatürlichen Offenbarung so miteinander verschmolzen wurden, daß man meinen könnte, sie seien den gleichen Lenden entsprungen. So stark ist die bindende Kraft des Gotteswortes, das die Herzen derer eint, die auf alles außer Ihm verzichten, an Seine Zeichen glauben und aus der Hand der Herrlichkeit den Kawthar von Gottes heiliger Gnade trinken. Und schließlich: Wieviele Völker verschiedenen Glaubens, sich streitender Bekenntnisse und gegensätzlicher Mentalität haben vom neu belebenden Duft der göttlichen Frühlingszeit im Ridván Gottes Atem geschöpft, sich in das neue Gewand göttlicher Einheit gekleidet und aus dem Kelch Seiner Einzigkeit getrunken!

¹ Qur'án 2:285 ² Qur'án 2:93


+2:18 (119)

Dies ist die Bedeutung des wohlbekannten Wortes: »Wolf und Lamm sollen weiden zugleich«.¹ Seht die Unwissenheit und Torheit derer, die den alten Völkern gleich immer noch harren, Zeugen der Zeit zu werden, da diese Tiere gemeinsam auf einer Aue weiden. Wie tief sind sie gesunken. Mich dünkt, ihre Lippen haben nie den Kelch der Erkenntnis berührt, ihre Füße nie den Pfad der Gerechtigkeit betreten. Von welchem Nutzen wäre es überdies für die Welt, wenn so etwas geschähe? Wie treffend hat Er über sie gesagt: »Herzen haben sie, mit denen sie nicht verstehen, und Augen haben sie, mit denen sie nicht sehen«.²

¹ Jesaja 65:25 ² Qur'án 7:178


+2:19 (120)

Sieh, wie mit diesem einen Vers aus dem Himmel des göttlichen Willens die Welt und alles darinnen von Ihm zur Rechenschaft gezogen wurde. Wer Seine Wahrheit anerkannte und sich Ihm zuwandte, dessen gute Werke wogen seine Missetaten auf, und alle seine Sünden wurden ihm vergeben. Dadurch ist die Wahrheit folgender Worte über Ihn bestätigt: »Schnell ist Er im Abrechnen«.¹ So wandelt Gott Ungerechtigkeit in Rechtschaffenheit - o würdet ihr doch die Reiche göttlicher Erkenntnis erforschen und die Geheimnisse Seiner Weisheit ergründen! Ebenso erlangte jeder, der am Kelch der Liebe teilhatte, seinen Teil am Weltmeer ewiger Gnade und an den Regenschauern unvergänglicher Barmherzigkeit; er ging in das Leben des Glaubens ein, in das himmlische, das ewige Leben. Doch wer sich von jenem Kelch abwandte, der ward zu ewigem Tode verdammt. Die Worte »Leben« und »Tod« bedeuten in den heiligen Schriften das Leben des Glaubens und den Tod des Unglaubens. Die meisten haben, weil sie die Bedeutung dieser Worte nicht zu fassen vermochten, die Gestalt der Manifestation verworfen und verschmäht; sie haben sich des Lichtes Seiner göttlichen Führung beraubt und es abgelehnt, dem Beispiel dieser unsterblichen Schönheit zu folgen.

¹ Qur'án 2:202; 3:19; 3:199; 5:4; 6:62; 13:41; 24:39


+2:20 (121)

Als das Offenbarungslicht des Qur'án im heiligen Herzen Muhammads entflammt war, gab Er dem Volke Sein Urteil über den Jüngsten Tag, über die Auferstehung, das Gericht, das Leben und den Tod. Daraufhin wurden die Banner des Aufruhrs gehißt und die Türen des Spottes aufgestoßen. So hat Er, der Geist Gottes, berichtet, was von den Ungläubigen gesprochen wurde: »Und sagst du: `Nach dem Tode werdet ihr sicherlich auferweckt`, so rufen die Ungläubigen ganz gewiß: `Das ist ja nichts als offenbare Zauberei.`«¹ Und ein andermal spricht Er: »Wenn du dich wunderst, wunderlich ist wahrlich ihr Gerede: `Was! Wenn wir Staub geworden sind, sollen wir hernach zu einer neuen Schöpfung werden?`«² Darum ruft Er an einer anderen Stelle voll Zorn: »Sind Wir denn durch die erste Schöpfung ermattet? Und dennoch bezweifeln sie eine neue Schöpfung!«³ <4>

¹ Qur'án 11:7 ² Qur'án 13:5 ³ Qur'án 50:15

<4> Bahá'u'lláh übersetzt diese drei arabischen Verse jeweils anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.



+2:21 (122)

Da die Kommentatoren des Qur'án und die Buchstabengläubigen die innere Bedeutung der Gottesworte nicht verstanden und deren eigentlichen Zweck nicht zu fassen vermochten, suchten sie nach den Regeln der Grammatik zu beweisen, daß das Wort »idh᫹, wenn es der Vergangenheitsform vorangeht, sich immer auf die Zukunft beziehe. Später aber waren sie bei dem Versuch, die Verse des Buches, in denen dieser Begriff nicht vorkommt, zu erklären, peinlich verwirrt. So hat Er offenbart: »Und es ertönte die Posaune, und sieh, der angedrohte Tag ist da! Und jede Seele wird zur Rechenschaft gerufen, und mit ihr gehen ein Treiber und ein Zeuge«.² Bei der Auslegung dieser und ähnlicher Verse haben sie manchmal argumentiert, das Wort »idhá« sei inbegriffen. In anderen Fällen haben sie sinnlos darüber gestritten, daß der Tag des Gerichts, weil er unvermeidlich sei, als ein Geschehnis nicht der Zukunft, sondern der Vergangenheit erscheine. Wie hohl ist ihre Sophisterei, wie schmerzlich ihre Blindheit! Sie weigern sich, den Posaunenstoß anzuerkennen, der in der Offenbarung Muhammads eine so deutliche Sprache spricht. Sie berauben sich selbst des neu belebenden Gottesgeistes, von dessen Hauch sie erfüllt ist, und warten töricht darauf, den Posaunenton des Seraph Gottes zu hören, der doch nur einer Seiner Diener ist! Wurden nicht der Seraph, der Engel des Gerichtstages, und seinesgleichen durch das Wort Muhammads eingesetzt? Sprich: Was! Wollt ihr das, was gut für euch ist, hingeben für das, was schlecht ist? Nichtswürdig ist, was ihr euch da fälschlich eingetauscht habt! Wahrlich, ihr seid ein übles Volk in schmerzlichem Verlust.

¹ bedeutet `wenn` oder `wann`
² Qur'án 50:20; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.



+2:22 (123)

Nein, mit »Posaune« ist der Posaunenruf der Offenbarung Muhammads gemeint, der im Herzen des Weltalls erscholl, und die »Auferstehung« ist Seine öffentliche Verkündigung der Gottessache. Er hieß die Irrenden und Widerspenstigen, sich zu erheben und aus den Gräbern ihrer Leiber zu eilen, schmückte sie mit dem Prachtgewand des Glaubens und erquickte sie mit dem Hauch eines neuen, wunderbaren Lebens. Darum ließ sich zu der Stunde, da Muhammad, diese göttliche Schönheit, sich entschloß, eines der in den Sinnbildern »Auferstehung«, »Gericht«, »Paradies« und »Hölle« verborgenen Mysterien zu enthüllen, Gabriel - die Stimme der Eingebung - vernehmen: »Binnen kurzem werden sie den Kopf über Dich schütteln und sagen: `Wann soll dies geschehen?` Sprich: `Dies kann in Bälde geschehen.`«¹ Der tiefere Sinn dieses Verses allein genügt schon den Völkern der Welt - o würden sie es doch in ihrem Herzen bedenken!

¹ Qur'án 17:51; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.


+2:23 (124)

Gnädiger Gott! Wie weit ist dieses Volk vom Wege Gottes abgeirrt! Obgleich der Tag der Auferstehung durch die Offenbarung Muhammads angekündigt wurde, obwohl Sein Licht und Seine Zeichen die Erde und alles darinnen umfangen hatte, verhöhnten sie Ihn und gaben sich Trugbildern hin, welche die Geistlichen seinerzeit in ihrem leeren, eitlen Wahn ersonnen hatten. So haben sie sich des Lichtes himmlischer Gnade und der Regenschauer göttlicher Barmherzigkeit beraubt. Fürwahr, der gemeine Käfer kann niemals den Duft der Heiligkeit verspüren, und die Fledermaus der Finsternis kann nie den Glanz der Sonne ertragen.

+2:24 (125)

Ähnliches begab sich in den Tagen aller Manifestationen Gottes. Jesus sprach: »Ihr müsset von neuem geboren werden«.¹ Und wiederum sagte Er: »Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren wird, das ist Geist«.² Der Sinn dieser Worte ist: Wer immer in einer Sendung aus dem Geist geboren und durch den Hauch der Manifestation der Heiligkeit beseelt ist, gehört wahrlich zu denen, die zum »Leben« und zur »Auferstehung« gelangt und in das »Paradies« der Liebe Gottes eingegangen sind. Und wer nicht zu ihnen gehört, ist zum »Tod« und zur »Gottferne«, zum »Feuer« des Unglaubens und zum »Zorn« Gottes verurteilt. In allen Schriften, in den Büchern und Chroniken lautet das Urteil über die, deren Lippen nicht vom lieblich reinen Kelche wahrer Erkenntnis gekostet haben und deren Herzen der Gnade des Heiligen Geistes an ihrem Tage beraubt waren, auf Tod, Feuer, Blindheit, Mangel an Verständnis und Gehör. So wie schon früher vermerkt wurde: »Herzen haben sie, mit denen sie nicht verstehen.«³

¹ Joh. 3:7 ³ Qur'án 7:178

² Joh. 3:5-6; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.



+2:25 (126)

An anderer Stelle des Evangeliums wird berichtet, wie eines Tages der Vater eines Jüngers Jesu gestorben war und wie der Jünger den Tod seines Vaters Jesus mitteilte und Ihn bat: »Herr, erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe«¹, worauf Jesus, dieses Wesen der Loslösung, antwortete und sprach: »Laß die Toten ihre Toten begraben«.²

¹ Lukas 9:59
² Lukas 9:60; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.



+2:26 (127)

Ähnliches geschah, als zwei Leute aus Kúfa zu 'Alí, dem Gebieter der Gläubigen, kamen. Der eine besaß ein Haus und wollte es verkaufen; der andere sollte der Käufer sein. Sie hatten vereinbart, daß dieses Rechtsgeschäft mit Wissen 'Alís abgeschlossen werden sollte. Er aber, der Vertreter des Gottesgesetzes, wandte sich an den Schreiber und sprach: »Schreibe: `Ein Toter hat von einem Toten ein Haus gekauft. Dieses Haus hat vier Grenzen: Die eine reicht an die Gruft, die andere an das Grabgewölbe, die dritte an den »Sirát«, die vierte an das Paradies oder an die Hölle.`« Bedenke, wären diese beiden Seelen vom Posaunenruf 'Alís belebt worden und hätten sie sich durch die Macht seiner Liebe aus dem Grabe des Irrtums erhoben, so wäre das Urteil des Todes sicherlich nicht über sie gesprochen worden.

+2:27 (128)

Zu allen Zeiten hatten die Propheten Gottes und ihre Erwählten nur das eine Ziel, die geistige Bedeutung der Begriffe »Leben«, »Auferstehung« und »Gericht« einzuschärfen. Wer nun ein wenig über diesen Ausspruch 'Alís in seinem Herzen nachdenkt, der wird sicherlich alle in den Worten »Grab«, »Gruft«, »Sirát«, »Paradies« und »Hölle« verborgenen Geheimnisse entdecken. Aber sieh, wie seltsam und jämmerlich das Volk eingekerkert ist im Grab des Selbstes, wie es in den tiefsten Tiefen der Begierde begraben liegt. Würdest du nur einen Tautropfen der kristallklaren Wasser göttlicher Erkenntnis erlangen, so verstündest du alsbald, daß wahres Leben nicht das Leben des Fleisches, sondern das Leben des Geistes ist. Denn das Leben des Fleisches ist Mensch und Tier gemein, während das Leben des Geistes nur denen eigen ist, die reinen Herzens sind, die aus dem Meere des Glaubens getrunken und von der Frucht der Gewißheit ihren Teil erlangt haben. Ein solches Leben kennt keinen Tod, eine solche Existenz ist von Unsterblichkeit gekrönt. So wurde gesagt: »Ein wahrer Gläubiger ist, wer sowohl in dieser Welt als auch in der künftigen lebt.« Wäre mit »Leben« dieses irdische Leben gemeint, so müßte es der Tod unzweifelhaft hinwegraffen.

+2:28 (129)

Ähnlich bezeugen die Berichte aller Schriften diese hehre Wahrheit, dieses höchst erhabene Wort. So ist auch folgender Vers des Qur'án, der über Hamzah, den »Fürsten der Märtyrer«¹, und Abú-Jahl offenbart worden ist, ein klarer Beweis und ein sicheres Zeugnis der Wahrheit Unserer Aussage: »Ist wohl, wer tot war, und Wir machten ihn lebendig, und gaben ihm ein Licht, darin zu wandeln vor den Menschen, ist er wie der im Finstern geht, und kommet nie heraus?«² Dieser Vers kam vom Himmel des Urwillens herab zu einer Zeit, da Hamzah schon mit dem heiligen Mantel des Glaubens bekleidet und Abú-Jahl bereits zunehmend in unversöhnliche Feindschaft und Unglauben geraten war. Aus dem Born der Allmacht und dem Quell ewiger Heiligkeit kam das Urteil, das Hamzah ewiges Leben verlieh und Abú-Jahl zu ewiger Verdammnis verurteilte. Dies war das Signal, das in den Herzen der Gottlosen die Feuer des Unglaubens mit heißester Flamme entfachte und sie offen herausforderte, Seine Wahrheit zurückzuweisen. Sie schrieen laut: »Wann starb Hamzah? Wann ist er auferstanden? Zu welcher Stunde ward ihm solches Leben verliehen?« Da sie den Sinn dieses hehren Spruches nicht verstanden und keine Erleuchtung bei den anerkannten Interpreten des Glaubens suchten, auf daß diese ihnen ein paar Tropfen vom Kawthar göttlicher Erkenntnis übermittelten, entbrannten solche Feuer des Unheils unter ihnen.

¹ Titel des Oheims Muhammads, Hamzah Abd al-Muttalib ² Qur'án 6:122



+2:29 (130)

Du selbst bist heute Zeuge, wie das Volk, ob hoch oder niedrig, trotz des Strahlenglanzes der Sonne göttlicher Erkenntnis diesen verworfenen Ausgeburten des Fürsten der Finsternis folgt und sie immerfort um Hilfe angeht, wenn komplizierte Fragen der Theologie zu klären sind. Doch da es ihnen an Erkenntnis gebricht, geben sie Antworten, die ihren Ruf und ihr Ansehen nicht gefährden. Es ist offenbar, daß diese Seelen, gemein und erbärmlich wie der Aaskäfer, an den Moschusdüften der Ewigkeit keinen Anteil haben und niemals in den Ridván himmlischen Entzückens eingegangen sind. Wie sollten sie da anderen den unvergänglichen Wohlgeruch der Heiligkeit übermitteln können? So sind ihre Wege, und so werden sie immer sein. Nur die werden zur Erkenntnis des Gotteswortes gelangen, die sich Ihm zuwenden und die Kundgaben Satans zurückweisen. So hat Gott wiederum das Gesetz des Tages Seiner Offenbarung bestätigt und mit der Feder der Macht auf die mystische, hinter dem Schleier himmlischer Herrlichkeit verborgene Tafel geschrieben. So du diese Worte hörst und über ihre äußere und innere Bedeutung in deinem Herzen nachdenkst, wirst du den Sinn all der verworrenen Fragen begreifen, welche heutzutage zu unüberwindlichen Schranken zwischen den Menschen und der Erkenntnis des Tages des Gerichts geworden sind. Dann wird es für dich keine Fragen mehr geben, die dich verwirren. Gebe Gott, daß du nie leer und mit dürstenden Lippen von den Küsten des Weltmeeres göttlicher Barmherzigkeit heimkehrest, ohne Anteil aus dem unvergänglichen Heiligtum deiner Herzenssehnsucht. So zeige denn, was dein Suchen und Mühen vollbringen wird.

+2:30 (131)

Wir fassen zusammen: Wir wollen mit der Darlegung dieser Wahrheiten die Souveränität Dessen beweisen, der der König der Könige ist. Sei gerecht: Ist die Souveränität die höhere, die durch den Ausspruch eines Wortes einen so durchdringenden Einfluß, eine solche Überlegenheit und ehrfurchtgebietende Majestät offenbart, oder ist es die weltliche Herrschaft der Könige auf Erden, die trotz ihrer Sorge um ihre Untertanen und ihrer Hilfe für die Armen nur einer äußerlichen, flüchtigen Ergebenheit sicher sein können, während die Menschen im Herzen weder Zuneigung noch Respekt aufbringen? Hat nicht jene Souveränität durch die Macht eines Wortes die ganze Welt unterworfen, erquickt und neubelebt? Wie kann der niedere Staub sich mit Ihm, dem Herrn der Herren, vergleichen? Welche Zunge könnte sich unterfangen, den unermeßlichen Unterschied zwischen beiden zu beschreiben? Nein, fürwahr, kein Vergleich reicht an das geweihte Heiligtum Seiner Souveränität heran. Dächte der Mensch tief darüber nach, so bemerkte er wohl, daß selbst der Diener an Seiner Schwelle über alles Erschaffene herrscht! Dies wurde schon bezeugt und wird sich in Zukunft bestätigen.

+2:31 (132)

Dies ist nur eine der Bedeutungen der geistigen Souveränität, welche Wir gemäß der menschlichen Fassungskraft dargelegt haben. Denn Er, der Urheber aller Wesen, dieses verherrlichte Antlitz, ist der Quell solcher Wirkkräfte, wie sie weder dieser Unterdrückte enthüllen noch dieses unwürdige Volk begreifen kann. Unermeßlich erhaben ist Er über den Lobpreis Seiner Herrschaft durch Menschenzungen. Verherrlicht ist Er über all das, was sie Ihm andichten.

+2:32 (133)

Nun denke nach in deinem Herzen: Wäre Souveränität irdische Herrschaft und weltliche Macht, bestünde sie in Unterwerfung und äußerlicher Gefolgschaft aller Völker und Geschlechter auf Erden - wobei also Seine Geliebten hoch geehrt und in Frieden gelassen, Seine Feinde dagegen erniedrigt und gepeinigt würden -, so wäre eine solche Souveränität Gott, dem Quell aller Herrschaft, unangemessen, Ihm, dessen Majestät und Macht alle Dinge bezeugen. Denn kannst du nicht bestätigen, daß die Menschheit größtenteils von Seinen Feinden beherrscht wird? Haben sich die Menschen nicht allesamt vom Pfade Seines Wohlgefallens abgewandt? Haben sie nicht getan, was Er verboten hat, und ungetan gelassen, nein sogar verschmäht und bekämpft, was Er befohlen hat? Waren Seine Freunde nicht immer die Opfer der Tyrannei Seiner Feinde? All dies ist offenbarer als der Glanz der Mittagssonne.

+2:33 (134)

Darum wisse, der du fragst und suchst, daß in den Augen Gottes und Seiner Erwählten irdische Herrschaft noch nie einen Wert hatte. Wenn man zudem Überlegenheit und Herrschaft als irdische Überlegenheit und weltliche Macht deutet, so wirst du außerstande sein, folgende Verse zu erklären: »Und wahrlich, unsere Heerscharen werden siegen«.¹ Und: »Gerne wohl würden sie Gottes Licht mit dem Munde ausblasen. Aber Gott ist gewillt, Sein Licht noch vollkommener strahlen zu lassen, mag es auch den Ungläubigen zuwider sein«.² Und: »Er ist der Herr über alle Dinge.« Das meiste im Qur'án bezeugt diese Wahrheit.

¹ Qur'án 37:173 ² Qur'án 9:33


+2:34 (135)

Wären die eitlen Behauptungen dieser verächtlichen Toren wahr, so hätten sie keine andere Wahl, als alle diese heiligen Verse und himmlischen Andeutungen zu verwerfen. Kein Kriegsheld war auf Erden, so erhaben und Gott so nahe wie Husayn, 'Alís Sohn; unübertrefflich und unvergleichlich war er. »Keiner war auf der Welt, der ihm gleich oder ebenbürtig war.« Doch mußt du ja gehört haben, wie es ihm ergangen ist. »Gottes Fluch über das Volk der Tyrannei!«¹

¹ Qur'án 11:18


+2:35 (136)

Wäre der Vers: »Und wahrlich, unsere Heerscharen werden siegen«¹, wörtlich auszulegen, so leuchtet es ein, daß er keinesfalls auf die Erwählten Gottes und auf Seine Heerscharen paßt, denn Husayn, dessen Heldentum wie die Sonne leuchtet, wurde unterworfen und zerschmettert und mußte zuletzt in Karbilá, im Lande Taff, den Kelch des Martyriums trinken. Ähnlich der heilige Vers: »Gerne wohl würden sie Gottes Licht mit dem Munde ausblasen. Aber Gott ist gewillt, Sein Licht noch vollkommener strahlen zu lassen, mag es auch den Ungläubigen zuwider sein.« Wäre er wörtlich auszulegen, so entspräche er niemals der Wahrheit, denn äußerlich gesehen haben die Völker der Erde zu allen Zeiten das Licht Gottes erstickt und Seine Lampen gelöscht. Wie sollte da die überlegene Souveränität dieser Lampen zu erklären sein? Was könnte die Macht des göttlichen Willens, »Sein Licht noch vollkommener strahlen zu lassen«, bedeuten? Wie schon dargelegt, war die Feindschaft der Ungläubigen so groß, daß keine dieser göttlichen Leuchten je eine Zuflucht gefunden oder den Kelch der Ruhe gekostet hat. So schwer war ihre Bedrängnis, daß der geringste unter den Menschen diesen Inbegriffen des Seins antun konnte, wonach es ihm gerade gelüstete. Die Leute wußten von diesem Leid und ließen es zu. Wie soll ein solches Volk fähig sein, Gottes Wort, diese Verse ewiger Herrlichkeit, zu verstehen und zu erklären?

¹ Qur'án 37:173


+2:36 (137)

Doch bedeuten diese Verse nicht, was sie sich vorstellen. Der tiefere Sinn der Begriffe »Überlegenheit«, »Macht« und »Einfluß« eröffnet eine ganz andere Bedeutungsebene. Betrachte einmal die durchdringende Kraft jener Blutstropfen Husayns, welche die Erde benetzten. Welch überlegenen Einfluß auf Leib und Seele der Menschen hatte selbst der Staub durch die Heiligkeit und Macht dieses Blutes in einem Maße, daß, wer Heilung von seinen Krankheiten suchte, geheilt wurde, wenn er den Staub jenes heiligen Bodens berührte. Und wer sein Eigentum schützen wollte, verwahrte in völligem Glauben ein wenig vom heiligen Staub in seinem Hause und beschirmte so seinen Besitz. Dies sind die äußeren Zeugnisse seiner Wirkkraft. Wollten Wir seine verborgenen Kräfte aufzählen, so sagte man sicherlich über Uns: »Er hat fürwahr den Staub als Herrn der Herren angesehen und den Glauben Gottes verlassen.«

+2:37 (138)

Denke überdies an die beschämenden Umstände, unter denen das Martyrium Husayns geschah, an seine Verlassenheit, wie augenscheinlich keiner zu finden war, der ihm half, keiner, der seinen Leib gewaschen und begraben hätte. Und nun sieh die große Zahl derer, die heute in den fernsten Winkeln der Erde das Pilgergewand anlegen und die Stätte seines Martyriums aufsuchen, um dort ihr Haupt auf die Schwelle seines Schreines zu legen! So überwältigend und machtvoll ist Gott, so groß die Herrlichkeit Seiner Majestät!

+2:38 (139)

Denke nicht, dieser Ruhm habe Husayn nichts mehr genützt, weil dies alles erst nach seinem Märtyrertod geschehen ist. Diese heilige Seele ist unsterblich, lebt das Leben Gottes und weilt in den Ruhestätten himmlischer Herrlichkeit auf dem Sadrih erhabener Vereinigung. Diese reinsten Wesen des Seins sind die leuchtenden Vorbilder des Opfers. Sie haben alles, ihr Leben, ihren Besitz, ihre Seele, ihren Geist, auf dem Pfade des Vielgeliebten dargebracht und werden es weiterhin tun. Keine Stufe, wie hoch sie auch sei, konnte ihnen teurer sein. Denn Liebende haben keine andere Sehnsucht als das Wohlgefallen ihres Geliebten, kein anderes Ziel als die Vereinigung mit Ihm.

+2:39 (140)

Wollten Wir dir einen Schimmer der Geheimnisse von Husayns Martyrium vermitteln und dir dessen Früchte enthüllen, so würden diese Seiten nicht genügen, um seine Bedeutung auszuschöpfen. Unsere Hoffnung ist, daß - so Gott will - der Hauch der Barmherzigkeit wehe und der göttliche Lenz den Baum des Seins mit neuem Leben bekleide, so daß wir die Mysterien göttlicher Weisheit entdecken und dank Seiner Vorsehung unabhängig von der Erkenntnis aller Dinge werden. Wir haben bis jetzt nur eine kleine Schar von Seelen erspäht, die, bar jeden Ruhmes, diese Stufe erreichten. Die Zukunft mag enthüllen, was Gottes Urteil befehlen und Sein heiliger Ratschluß¹ offenbaren wird. Also berichten Wir dir von den Wundern der Gottessache und lassen deine Ohren die Klänge himmlischer Melodien vernehmen, auf daß du die Stufe wahrer Erkenntnis erlangest und ihre Früchte genießest. So wisse denn wahrlich, daß diese Sonnen himmlischer Erhabenheit, möge ihre Wohnstatt auch im Staube sein, ihren wahren Ruhesitz auf dem Throne der Herrlichkeit in den Reichen der Höhe haben. Mögen sie auch allen irdischen Besitzes beraubt sein, so schwingen sie sich doch empor in die Sphären unermeßlichen Reichtums. Während sie im Griff des Feindes schmerzlich geprüft werden, sitzen sie zur Rechten der Macht und himmlischen Herrschaft. Inmitten der Finsternis ihrer irdischen Erniedrigung scheint auf sie das Licht unvergänglicher Herrlichkeit, und über ihre Hilflosigkeit ergießen sich die Zeichen unbesiegbarer Souveränität.

¹ English: `the Tabernacle of His decree`; zu Tabernakel siehe Glossar


+2:40 (141)

Jesus, der Sohn Marias, saß eines Tages da und sprach folgende Worte aus dem Heiligen Geist: »O Menschen! Die Speise, mit der Ich Meinen Hunger stille, ist das Gras des Feldes. Mein Bett ist der Staub der Erde, Meine Lampe in der Nacht ist der Mondenschein, und Mein Roß sind Meine Füße. Doch sehet, wer auf Erden ist reicher als Ich?« Bei der Gerechtigkeit Gottes! Tausende von Schätzen umwandeln diese Armut, und Myriaden von Reichen der Herrlichkeit sehnen sich nach solcher Niedrigkeit! Solltest du nur einen einzigen Tropfen aus dem Meer der inneren Bedeutung dieser Worte erlangen, so würdest du wahrlich der Welt und allem darinnen entsagen und dich, dem Phönix gleich, in den Flammen des unvergänglichen Feuers verzehren.

+2:41 (142)

So wird auch berichtet, daß eines Tages einer der Gefährten Sádiqs¹ sich bei diesem über seine Armut beklagte, worauf Sádiq, diese unsterbliche Schönheit, ihm zur Antwort gab: »Wahrlich, reich bist du, denn du hast einen Trunk vom Weine des Reichtums getan.« Diese von Armut heimgesuchte Seele wurde bei diesen Worten des Erleuchteten ganz verwirrt und sagte: »Wo ist denn mein Reichtum, besitze ich doch kaum eine Münze?« Doch Sádiq bemerkte dazu: »Hast du nicht unsere Liebe?« Darauf er: »Gewiß, ich habe sie, o du Sproß des Propheten Gottes!« Und Sádiq fragte ihn weiter: »Möchtest du diese Liebe für tausend Dinare tauschen?« Er antwortete: »Nein, niemals will ich sie eintauschen, und gäbe man mir gleich die Welt und alles, was darinnen ist!« Da sprach Sádiq: »Wie kann einer, der solchen Schatz besitzt, arm genannt werden?«

¹ Ja'far as-Sádiq, der sechste Imám der Shí'iten


+2:42 (143)

Diese Armut und dieser Reichtum, diese Niedrigkeit und Herrlichkeit, diese Herrschaft und Macht, alles, worauf Augen und Herzen der hohlen, törichten Seelen gerichtet sind - alles schwindet zu völligem Nichts dahin in diesem heiligen Hofe. So ist gesagt worden: »O Menschen! Ihr seid nur arm, weil ihr Gottes bedürft. Gott aber ist der Reiche, der Selbstgenügende«.¹ »Reichtum« bedeutet also die Unabhängigkeit von allem außer Gott, »Armut« der Mangel an allem, was Gottes ist.

¹ Qur'án 35:15


+2:43 (144)

Erinnere dich auch des Tages, da die Juden Jesus, den Sohn Marias, umringten und Ihn drängten, Er solle Seinen Anspruch, der Messias und Prophet Gottes zu sein, bekennen; denn sie wollten Ihn zum Ungläubigen erklären und zum Tode verurteilen. Sie führten Ihn, die Sonne des Himmels göttlicher Offenbarung, zu Pilatus und zu Kaiphas, dem obersten Priester jener Zeit. Die hohen Geistlichen waren im Palast versammelt, auch eine Menge Volkes war zusammengeströmt, um Seine Leiden zu begaffen, um Ihn zu verhöhnen und zu beleidigen. Obwohl sie Ihn mehrfach fragten - denn sie hofften, Er werde Seinen Anspruch bekennen -, verharrte Jesus stumm und sagte nichts. Schließlich stand ein von Gott Verworfener auf, trat zu Jesus und beschwor Ihn: »Hast du nicht behauptet, du seiest der göttliche Messias? Sagtest du nicht: `Ich bin der König der Könige, Mein Wort ist Gottes Wort, und Ich breche den Sabbat`?« Da hob Jesus Sein heiliges Haupt und sprach: »Siehest du nicht den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und Macht?«¹ Dies waren Seine Worte. Und nun beachte: Er, dem es dem Anschein nach an aller Macht gebrach, besaß jene innere göttliche Macht, die alles im Himmel und auf Erden umfängt. Wie kann Ich alles berichten, was über Ihn kam, als Er diese Worte gesprochen hatte? Wie soll Ich die Gemeinheit beschreiben, mit der sie Ihn behandelten? Zuletzt häuften sie solch tödliches Leid auf Seine gesegnete Gestalt, daß Er Seine Zuflucht in den vierten Himmel nahm.

¹ Matth. 26:63 f


+2:44 (145)

Das Lukasevangelium berichtet, daß Jesus eines Tages an einem Juden vorüberging, der gelähmt auf seinem Bette lag. Als der Jude Ihn erblickte, erkannte er Ihn und jammerte um Seine Hilfe. Jesus sprach zu ihm: »Erhebe dich von deinem Bett, deine Sünden sind dir vergeben.« Einige Juden, die dabeistanden, murrten und sprachen: »Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein?« Er aber durchschaute sofort ihre Gedanken, Er antwortete ihnen und sprach: »Was ist leichter, zu dem Lahmen zu sagen: `Stehe auf, nimm dein Bett und wandle`, oder: `Dir sind deine Sünden vergeben.` Ihr sollt aber wissen, daß der Menschensohn auf Erden Macht hat, die Sünden zu vergeben«.¹ Dies ist die wahre Souveränität, dies ist die Macht der Auserwählten Gottes! Unsere Ausführungen und Zeugnisse aus verschiedenen Quellen sollen dir nur dazu verhelfen, den tieferen Sinn des Gotteswortes zu erfassen, wie es von Seinen Auserwählten geäußert wurde, damit nicht einige dieser Aussprüche deinen Fuß straucheln lassen und dein Herz verstören.

¹ Luk. 5:17-26; auch Matth. 9:2-7, Mark. 2:3-12; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.


+2:45 (146)

So laßt uns mit festem Schritt auf dem Pfade der Gewißheit wandeln, damit uns der Windhauch von den Gefilden des Wohlgefallens Gottes die süßen Düfte göttlicher Annahme spende und uns, die vergänglichen Sterblichen, zum Königreich ewiger Herrlichkeit gelangen lasse. Dann wirst du den tieferen Sinn der Souveränität und all dessen, was Traditionen und Schriften sagen, begreifen. Außerdem ist offenbar und dir bekannt, daß das, woran Juden und Christen sich geklammert hatten, und die unentwegten Nörgeleien, mit denen sie der Schönheit Muhammads begegneten, an diesem Tage auch vom Volke des Qur'án vorgebracht werden, was ihre Anklagen gegen den »Punkt des Bayán« beweisen - mögen die Seelen aller, die im Reiche göttlicher Offenbarung wohnen, ein Opfer für Ihn sein! Sieh ihre Narrheit: Sie sprechen die gleichen Worte wie die Juden in alten Zeiten, und sind dessen nicht gewahr. Wie treffend und wahr ist Sein Urteil über sie: »Lasse sie sich mit ihren Spitzfindigkeiten abgeben!«¹ »Bei Deinem Leben, o Muhammad! Sie sind ganz besessen von ihrem eitlen Wahn«.²

¹ Qur'án 6:91 ² Qur'án 15:72


+2:46 (147)

Als der Unsichtbare, der Ewige, das göttliche Wesen die Sonne Muhammads über dem Horizont der Erkenntnis aufsteigen ließ, erhoben die jüdischen Geistlichen gegen Ihn ausgeklügelte Einwände, darunter den, daß Gott nach Mose keinen Prophet mehr senden werde. Ja, in ihrer Schrift ist von einer Seele die Rede, die sich offenbaren müsse, um den Glauben des Mose zu verbreiten und die Interessen Seines Volkes zu fördern, so daß das Gesetz des Mose schließlich den ganzen Erdkreis umfasse. Darum sprach der König ewiger Herrlichkeit in Seinem Buch, auf die Worte dieser Wanderer im Tale der Gottferne und des Irrtums verweisend: »`Gottes Hand`, so sagen die Juden, `ist gefesselt.` Gefesselt seien ihre eigenen Hände, verflucht seien sie für das, was sie da sprechen. Nein, ausgestreckt sind Seine Hände!«¹ »Gottes Hand ist über ihren Händen«.²

¹ Qur'án 5:65 ² Qur'án 48:11


+2:47 (148)

Auch wenn die Kommentatoren des Qur'án die Umstände, die zur Offenbarung dieses Verses führten, verschieden schildern, solltest du dich doch bemühen, seinen Sinn zu begreifen. Er sagt: Wie falsch ist das, was sich die Juden vorstellen! Wie kann die Hand Dessen, der in Wahrheit der König ist, der das Antlitz des Mose offenbar werden ließ und Ihm das Gewand der Prophetenschaft verlieh - wie kann eines solchen Hand gefesselt sein? Wie kann man wähnen, daß Er die Macht nicht habe, nach Mose einen Boten erstehen zu lassen? Erkenne, wie abwegig ihr Gerede, wie weit sie vom Pfade der Erkenntnis und Einsicht abgeirrt sind! Beachte, wie auch heute all dieses Volk zu solchen Torheiten und Abwegigkeiten neigt. Über ein Jahrtausend lang haben sie diesen Vers rezitiert und ohne Einsicht ihr Urteil über die Juden gesprochen, ohne im geringsten zu merken, wie sie damit selbst, offen und insgeheim, die Gefühle und den Glauben des jüdischen Volkes zum Ausdruck brachten! Du bist dir sicher ihrer eitlen Behauptung bewußt, daß alle Offenbarung beendet und die Tore göttlicher Barmherzigkeit geschlossen seien, daß sich keine Sonne mehr vom Morgen ewiger Heiligkeit erheben werde, daß das Meer ewiger Gnadenfülle für immer ruhe und aus dem Heiligtum urewiger Herrlichkeit keine Gottesboten mehr offenbart würden. Dies ist das Verständnis dieser kleingeistigen, verächtlichen Menschen! Sie wähnen, der Strom von Gottes allumfassender Gnade und überfließender, reicher Barmherzigkeit, dessen Versiegen unvorstellbar ist, sei zum Stillstand gekommen. Von allen Seiten haben sie sich zur Tyrannei erhoben und die größten Anstrengungen unternommen, mit den bitteren Wassern ihres leeren Wahns die Flamme aus Gottes Brennendem Busch zu löschen; blind dafür, daß das Glas der Macht, einem Bollwerk gleich, die Lampe Gottes beschirmt. Diesem Volk genügt wohl seine völlige Erniedrigung, denn es ist der Erkenntnis des eigentlichen Zwecks der Gottessache beraubt, und ihr Geheimnis und ihr Wesenskern sind ihm verhüllt, ist doch die höchste, alles übertreffende dem Menschen gewährte Gnade, »in Gottes Gegenwart zu gelangen« und Ihn zu erkennen, wie es allem Volke verheißen ist. Dies ist die höchste Gnade des Altehrwürdigen, des Gnadenvollen, für den Menschen, die Fülle Seiner grenzenlosen Güte für Seine Geschöpfe. An dieser Gnade und Güte hat niemand aus diesem Volke teil, und keiner wurde mit solch höchst erhabener Würde beehrt. Wie viele offenbarte Verse bezeugen ausdrücklich diese gewichtige Wahrheit und dieses höchst erhabene Thema! Und doch haben sie sie verworfen und ihren Sinn nach ihren eigenen Wünschen umgedeutet. So hat Er offenbart: »Jene aber, die nicht an Gottes Zeichen glauben, noch daran, daß sie Ihm je begegnen werden, werden an Meiner Barmherzigkeit verzweifeln, denn ihrer harrt eine schmerzliche Züchtigung«.¹ Auch sagt Er: »Die damit rechnen, daß sie ihrem Herrn begegnen und zu Ihm zurückkehren werden«.² An einer anderen Stelle spricht Er: »Jene, die es für gewiß hielten, Gott zu begegnen, sagten: `Wie oft hat durch Gottes Willen eine kleine Schar eine große Schar besiegt!`«³ Und ein andermal offenbart Er: »So lasset ihn denn, da er in die Gegenwart seines Herrn zu gelangen hofft, ein rechtschaffenes Werk tun«.<4> Und wiederum spricht Er: »Er ordnet alle Dinge. Er läßt uns Seine Zeichen deutlich schauen, auf daß ihr festen Glauben habet, in die Gegenwart eures Herrn zu gelangen«.<5>

¹ Qur'án 29:23 ² Qur'án 2:46 ³ Qur'án 2:249 <4> Qur'án 18:111 <5> Qur'án 13:2



+2:48 (149)

Dieses Volk hat die Verse, die unzweideutig die Wirklichkeit des »Gelangens in die göttliche Gegenwart« bezeugen, verworfen. Kein Thema wurde in den heiligen Schriften nachdrücklicher behandelt. Gleichwohl haben sie sich selbst dieses hohen, dieses erhabensten Ranges beraubt, dieser vornehmsten, herrlichen Stufe. Einige haben behauptet, das »Gelangen in die göttliche Gegenwart« bedeute die »Offenbarung« Gottes am Tage der Auferstehung. Sollten sie behaupten, »Offenbarung« Gottes sein im Sinne einer »allumfassenden Offenbarung« zu verstehen, so ist doch offenkundig, daß eine solche Offenbarung bereits in allen Dingen vorhanden ist. Diese Wahrheit haben Wir schon begründet, denn Wir haben ausgeführt, daß alle Dinge Empfänger und Offenbarer der Strahlen jenes wahren Königs sind und daß die Zeichen der Offenbarung jener Sonne, des Quells allen Strahlenglanzes, in den Dingen gespiegelt, vorhanden und sichtbar sind. Fürwahr, schaute der Mensch mit dem Auge geistiger und göttlicher Unterscheidung, so würde er gar bald erkennen, daß nichts bestehen kann ohne die Offenbarung der Strahlen Gottes, des wahren Königs. Sieh, wie beredt alles Erschaffene die Offenbarung dieses inneren Lichtes in ihnen bezeugt. Sieh, wie in allen Dingen die Tore zum Ridván Gottes geöffnet sind, so daß die Sucher zu den Städten der Erkenntnis und Weisheit gelangen und eingehen in die Gärten des Wissens und der Macht. Jeder Garten läßt sie die mystische Braut der inneren Bedeutung in den Kammern der Rede in all ihrer Lieblichkeit und im schönsten Schmucke erblicken. Die meisten Verse des Qur'án verkünden und bezeugen dieses geistige Thema. Der Vers: »Und nichts gibt es dort, das nicht Sein Lob anstimmt«¹, ist ein beredter Beweis dafür, und: »Wir bemerkten alle Dinge und schrieben sie nieder«², ist ein glaubwürdiger Zeuge. Wenn nun das »Gelangen in die Gegenwart Gottes« die Erkenntnis einer solchen Offenbarung bedeuten sollte, so ist es offenbar, daß alle Menschen schon die Gegenwart des ewigen Antlitzes jenes unwandelbaren Königs erlangt haben. Warum sollte man dann eine solche Offenbarung auf den Tag der Auferstehung beschränken?

¹ Qur'án 17:44 ² Qur'án 78:29


+2:49 (150)

Und sollten sie behaupten, mit der »göttlichen Gegenwart« sei die »besondere Offenbarung Gottes« gemeint, die manche Súfí als die »Heiligste Ausgießung« bezeichnen, so leuchtet ein, daß sie, falls in dem Höchsten Wesen selbst geschehen, ewig in der göttlichen Erkenntnis ruht. Geht man von der Richtigkeit dieser Hypothese aus, so ist ein »Gelangen in die göttliche Gegenwart« in diesem Sinne offensichtlich niemandem möglich, denn diese Offenbarung wäre nur auf das innerste Wesen beschränkt, zu dem kein Mensch Zutritt hat. »Der Weg ist versperrt, und alles Suchen wird abgewiesen.« Die mit Vernunft begnadeten Seelen des Himmels vermögen, so hoch sie sich auch emporschwingen, niemals zu dieser Stufe zu gelangen, um wieviel weniger das Verständnis von Menschen mit getrübter und beschränkter Erkenntnisfähigkeit.

+2:50 (151)

Und sollten sie behaupten, die »göttliche Gegenwart« bedeute eine »Gottesoffenbarung zweiten Ranges«, die als die »Heilige Ausgießung« ausgelegt wird, so ist eine solche, wie anerkannt, in der Welt der Schöpfung möglich, und zwar in dem Reich erster und ursprünglicher Offenbarung Gottes. Eine solche Offenbarung ist auf Seine Propheten und Auserkorenen beschränkt, da kein Mächtigerer als sie in die Welt des Seins getreten ist. Alle anerkennen und bezeugen diese Wahrheit. Diese Propheten und Auserkorenen sind die Empfänger und Offenbarer all der ewigen Attribute und Namen Gottes. Sie sind die Spiegel, die Gottes Licht unverfälscht widerstrahlen. Was für sie gilt, gilt in Wirklichkeit für Gott selbst, der der Sichtbare und der Unsichtbare ist. Niemand kann Ihn, den Ursprung aller Dinge, erkennen und in Seine Gegenwart gelangen, solange er nicht diese leuchtenden Wesen, die aus der Sonne der Wahrheit hervorgehen, erkennt und in ihre Gegenwart gelangt. Wer darum zur Gegenwart dieser heiligen Leuchten gelangt, der ist die »Gegenwart Gottes« gelangt, und durch ihre Erkenntnis ist ihm die Erkenntnis Gottes enthüllt, durch das Licht ihres Antlitzes das strahlende Antlitz Gottes offenbar. Die mannigfachen Eigenschaften dieser Wesen der Loslösung, die die Ersten wie die Letzten, die Sichtbaren wie die Verborgenen sind, verdeutlichen, daß Er, die Sonne der Wahrheit, »der Erste und der Letzte, der Sichtbare und der Verborgene«¹ ist. Ebenso steht es auch um die anderen hohen Namen und erhabenen Attribute Gottes. Wer es auch sei und in welcher Sendung er auch lebe: Wer die Gegenwart dieser herrlichen, strahlenden, höchst erhabenen Leuchten erkannt und erreicht hat, ist wahrlich in die »Gegenwart Gottes« gelangt und in die Stadt des ewigen, unsterblichen Lebens eingegangen. In diese Gegenwart kann der Mensch nur am Tage der Auferstehung gelangen, dem Tag, da Gott selbst aufersteht durch Seine allumfassende Offenbarung.

¹ Qur'án 57:3


+2:51 (152)

Dies ist die Bedeutung des »Tages der Auferstehung«, von dem in allen heiligen Schriften die Rede ist und der allem Volke verkündet ward. Bedenke: Läßt sich ein mächtigerer, herrlicherer Tag vorstellen, daß der Mensch bereitwillig auf solche Gnade verzichten und sich selbst der Gnadenfülle berauben sollte, einer Gnade, die wie Frühlingsregen vom Himmel der Barmherzigkeit auf alle Menschheit niederströmt? Nachdem Wir so schlüssig dargetan haben, daß kein Tag größer ist als dieser Tag und keine Offenbarung herrlicher als diese Offenbarung, und nachdem Wir alle gewichtigen, untrüglichen Beweise vorgebracht haben, die kein Mensch mit Einsicht in Frage stellen und kein Gelehrter übersehen kann - wer möchte da, um der eitlen Streitsucht des Volkes des Zweifels und der Launen willen, sich eine so große Gnade entgehen lassen? Haben sie nicht die wohlbekannte Tradition vernommen: »Wenn der Qá'im sich erhebt, dann ist der Tag der Auferstehung«? So haben die Imáme, diese unauslöschlichen Leuchten göttlicher Führung, auch den Vers ausgelegt: »Was können sie erwarten, als daß Gott zu ihnen herabkomme im Schatten der Wolken?«¹ - ein Zeichen, das sich auf den Qá'im und Seine Offenbarung bezieht und das sie unbestreitbar als eines der Geschehnisse am Tage der Auferstehung betrachten.

¹ Qur'án 2:210


+2:52 (153)

Darum strebe danach, o mein Bruder, den Sinn der »Auferstehung« zu erfassen, und reinige dein Ohr von dem eitlen Geschwätz dieser Verworfenen. Solltest du in das Reich völliger Loslösung eintreten, so wirst du alsbald bezeugen, daß kein Tag mächtiger ist als dieser und daß keine Auferstehung gewaltiger gedacht werden kann als diese. Ein gutes Werk an diesem Tage kommt den guten Werken gleich, die die Menschen in Myriaden von Jahrhunderten vollbracht haben - nein, Wir bitten Gott um Vergebung für solchen Vergleich! Denn wahrlich, die Belohnung eines Werkes an diesem Tage steht weit über dem Urteil der Menschen. Da aber jene stumpfen, elenden Seelen die wahre Bedeutung der »Auferstehung« und des »Gelangens in die Gegenwart Gottes« nicht begreifen, gehen sie deren Gnade gänzlich verlustig. Obwohl das einzige, fundamentale Ziel allen Lernens und aller Mühe ist, diese Stufe zu erreichen und zu erkennen, bleiben sie doch tief in ihr weltliches Sinnen und Trachten verstrickt und sind darin völlig gefangen. Sie wissen nichts von Ihm, dem Wesen allen Wissens, dem letzten Ziele ihres Suchens! Mich dünkt, sie haben nicht einen Tropfen aus den Regenschauern himmlischer Gnade erlangt, ihre Lippen haben nie den Kelch göttlichen Wissens berührt.

+2:53 (154)

Bedenke: Wie kann man einen Menschen, der am Tage der Gottesoffenbarung versäumt, die Gnade der »göttlichen Gegenwart« zu erlangen und Seine Manifestation zu erkennen, gerechterweise gelehrt nennen, und hätte er auch tausend Jahre studiert und all das beschränkte, irdische Wissen der Menschen erworben? Es ist wahrlich augenfällig, daß er keineswegs als einer gelten kann, der wahre Erkenntnis hat, wogegen der ungelehrteste Mensch, wenn er mit diesem höchsten Unterscheidungsvermögen geadelt ist, wahrlich zu den Gottesgelehrten gerechnet wird, deren Wissen von Gott ist, denn solch ein Mensch hat das Ziel aller Erkenntnis und den höchsten Gipfel des Wissens erreicht.

+2:54 (155)

Auch diese Stufe ist eines der Zeichen am Tage der Auferstehung; denn es ist gesagt: »Die Erhöhten unter euch wird Er erniedrigen; und die Erniedrigten wird Er erhöhen«.¹ Ebenso hat Er im Qur'án offenbart: »Und Wir wollen denen, die im Lande erniedrigt wurden, Unsere Gunst erweisen und sie zu geistigen Führern unter den Menschen und zu Unseren Erben machen«.² Es hat sich an diesem Tage wieder erwiesen, wie viele Geistliche, weil sie die Wahrheit verwarfen, in die äußersten Tiefen der Unwissenheit gefallen sind und dort verweilen, und wie ihre Namen aus der Reihe der Hochangesehenen und Gelehrten getilgt wurden, während viele Unwissende, weil sie den Glauben annahmen, sich zum hohen Gipfel des Wissens emporschwangen, wie deren Namen durch die Feder der Macht auf die Tafeln göttlichen Wissens geschrieben wurden. Darum: »Gott tilgt oder bestätigt, was Er will, denn bei Ihm ist die Quelle der Offenbarung«.³ So wird gesagt: »Nach einem Beweis zu suchen, wenn der Beweis schon erbracht ist, ist unziemlich, und nach Wegen zur Erkenntnis zu suchen, wenn der Gegenstand allen Wissens schon da ist, das ist wahrlich tadelnswert.« Sprich: O Volk der Erde! Schau auf diesen von Feuer durchglühten Jüngling, der durch die grenzenlosen Weiten des Geistes dahineilt und dir die Botschaft verkündet: »Siehe, die Lampe Gottes leuchtet«, der dich aufruft, auf Seine heilige Sache zu achten, die, wenngleich noch hinter den Schleiern altehrwürdigen Glanzes verborgen, im Lande 'Iráq über dem Horizont ewiger Herrlichkeit erstrahlt.

¹ vgl. Hes. 21:31; Matth. 23:12; Luk. 18:14 ² Qur'án 28:5 ³ Qur'án 13:41



+2:55 (156)

O Mein Freund! Erforschte der Vogel deines Geistes die Himmel der Offenbarung des Qur'án und betrachtete er das darin ausgebreitete Reich göttlicher Erkenntnis, so fändest du sicherlich unzählige Tore des Wissens vor dir geöffnet. Du erkenntest gewiß, daß alles, was am heutigen Tage dieses Volk hindert, die Küsten des Weltmeeres ewiger Gnade zu erreichen, auch in der Sendung Muhammads dem Volk jener Zeit verwehrte, Seine göttliche Leuchte zu erkennen und für ihre Wahrheit Zeuge zu sein. Du wirst auch die Mysterien der »Wiederkunft« und »Offenbarung« erfassen und wohlgeborgen in der erhabensten Kammer der Gewißheit verweilen.

+2:56 (157)

Und es begab sich, daß eines Tages einige Gegner jener unvergleichlichen Schönheit, die von Gottes unvergänglichem Heiligtum weit abgeirrt waren, spöttisch diese Worte zu Muhammad sprachen: »Wahrlich, Gott hat einen Bund mit uns geschlossen, daß wir keinem Boten glauben sollen, solange er uns nicht ein Opfer bringt, welches vom Feuer des Himmels verzehrt wird«.¹ Der Sinn dieses Verses ist, daß Gott mit ihnen übereingekommen war, daß sie keinem Boten glauben sollten, wenn er nicht das Wunder von Abel und Kain vollbringe, das heißt, ein Opfer darbiete, welches vom Feuer des Himmels verzehrt werde, wie sie es aus der Geschichte von Abel gehört hatten, über die die heiligen Schriften berichten. Darauf antwortete Muhammad und sprach: »Schon vor Mir sind Boten zu euch gekommen mit sicheren Beweisen und auch mit dem, wovon ihr sprecht. Warum erschlugt ihr sie? Sagt es Mir, wenn ihr wahrhaftige Menschen seid«.² Und nun, urteile gerecht: Wie konnten diese Zeitgenossen Muhammads schon Jahrtausende vorher gelebt haben, zu der Zeit Adams oder anderer Propheten? Warum sollte Muhammad, dieses Wesen der Wahrhaftigkeit, den Menschen Seines Tages den Mord an Abel oder anderen Propheten zur Last legen? Du hast keine andere Wahl: Entweder siehst du in Muhammad einen Betrüger oder Narren - was Gott verhüte! - oder du pflichtest der Ansicht bei, daß jene Gottlosen eben dasselbe Volk waren, das zu allen Zeiten den Propheten und Boten Gottes mit Spitzfindigkeiten entgegentrat und sie schließlich alle den Märtyrertod erleiden ließ.

¹ Qur'án 3:183

² Qur'án 3:182; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.



+2:57 (158)

Sinne darüber nach in deinem Herzen, auf daß die lieblichen Winde göttlicher Erkenntnis aus den Gefilden der Barmherzigkeit den Duft der Verse des Geliebten über dir verbreiten und deine Seele zum Ridván der Erkenntnis leiten. Da die Eigensinnigen zu allen Zeiten verfehlt haben, den tieferen Gehalt dieser gewichtigen, bedeutungsvollen Worte zu ergründen, und wähnten, die Antworten der Propheten Gottes auf ihre Fragen seien belanglos, haben sie jenen Verkörperungen des Wissens und der Einsicht Unwissenheit und Torheit unterstellt.

+2:58 (159)

Auch in einem anderern Vers hat sich Muhammad gegen das Volk Seiner Zeit gewandt. Er sagt: »Obwohl sie zuvor um den Sieg über die Ungläubigen gebetet hatten, haben sie, als Er, von dem sie Kenntnis hatten, zu ihnen kam, nicht an Ihn geglaubt. Der Fluch Gottes über die Ungläubigen!«¹ Denke darüber nach: Dieser Vers besagt, daß das Volk zur Zeit Muhammads das gleiche Volk war, das auch in den Tagen der alten Propheten eiferte und stritt, um den Glauben voranzutragen und die Sache Gottes zu lehren. Und doch, wie könnte man die Geschlechter zur Zeit Jesu und Mose und jene aus den Tagen Muhammads als ein und dasselbe Volk ansehen? Waren nicht jene, die sie einstens kannten, Mose, der den Pentateuch offenbarte, und Jesus, der das Evangelium hinterließ? Wie konnte Muhammad da sagen: »Als Er, von dem sie wußten, zu ihnen kam« - also Jesus oder Moses -, »da glaubten sie Ihm nicht«? Hatte Muhammad nicht offenkundig einen anderen Namen? Kam Er nicht aus einer anderen Stadt? Sprach Er nicht eine andere Sprache, und offenbarte Er nicht ein anderes Gesetz? Wie also läßt sich die Wahrheit dieses Verses begründen, wie seine Bedeutung erhellen?

¹ Qur'án 2:89; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.


+2:59 (160)

Darum strebe danach, den Sinn der »Wiederkunft« zu erfassen, wie er so klar im Qur'án offenbart ist, den aber bislang noch niemand versteht. Was meinst du dazu? Wenn du sagst, daß, wie dieser Vers bezeugt, Muhammad die »Wiederkunft« der alten Propheten war, so müssen Seine Gefährten auch die »Wiederkunft« der einstigen Gefährten gewesen sein, da die »Wiederkunft« des früheren Volkes durch den Wortlaut der genannten Verse klar bestätigt wird. Wenn du dies bestreitest, so hast du gewißlich die Wahrheit des Qur'án, das zuverlässigste Zeugnis Gottes für die Menschen, von dir gewiesen. Ebenso versuche, die Bedeutung von »Wiederkunft«, »Offenbarung« und »Auferstehung« in den Tagen der Manifestationen der göttlichen Wesenheit zu erfassen, damit du mit eigenen Augen der heiligen Seelen »Wiederkunft« in geheiligten, erleuchteten Gestalten schauest, den Staub der Unwissenheit hinwegwischest und das getrübte Selbst mit den Wassern der Barmherzigkeit aus dem Quell göttlicher Erkenntnis läuterst. So vermagst du vielleicht durch Gottes Kraft und Seiner Führung Licht den Morgen ewigwährenden Glanzes von der Nacht des Irrtums unterscheiden.

+2:60 (161)

Auch wirst du verstehen, daß Gottes Treuhänder bei den Völkern der Erde als Vertreter einer neuen Sache und Träger einer neuen Botschaft erscheinen. Da diese Vögel des himmlischen Thrones alle aus dem Himmel des Willens Gottes herabgesandt sind, da sie alle sich erheben, Seinen unwiderstehlichen Glauben zu verkünden, sind sie wie eine Seele und ein Wesen anzusehen. Denn sie alle trinken aus demselben Kelch der Liebe Gottes, und alle haben sie teil an der Frucht desselben Baumes der Einheit. Alle Manifestationen Gottes haben eine zweifache Stufe. Die eine ist die Stufe reiner Geistigkeit und Wesenseinheit. In dieser Hinsicht bist du, wenn du sie alle mit einem Namen benennst und ihnen dieselben Eigenschaften zuschreibst, nicht von der Wahrheit abgeirrt. So hat Er offenbart: »Keinen Unterschied machen Wir zwischen Seinen Boten«.¹ Denn sie alle rufen die Menschen dieser Erde auf, die Einheit Gottes anzuerkennen, und verkünden ihnen den Kawthar unendlicher Gnade und Güte. Sie alle sind mit dem Gewande der Prophetenschaft bekleidet und mit dem Mantel der Herrlichkeit beehrt. Darum hat Muhammad, der Punkt des Qur'án, offenbart: »Ich bin alle Propheten.« Ebenso spricht Er: »Ich bin der erste Adam, Noah, Mose und Jesus.« Ähnliches sagte auch 'Alí. Worte, welche die Wesenseinheit dieser Vertreter der Einheit verkünden, gehen aus von den Brunnquellen der unsterblichen Gottesworte und den Schatzkammern der Perlen göttlicher Erkenntnis; sie sind in den heiligen Schriften verzeichnet. Diese Gestalten sind die Empfänger des göttlichen Befehls und die Morgenröten Seiner Offenbarung, die erhaben ist über die Schleier der Vielheit und über die Begrenzungen der Zahl. So spricht Er: »Unsere Sache ist nur eine«.² Da die Sache eine und dieselbe ist, kann auch ihr jeweiliger Träger nur einer und derselbe sein. Ebenso haben die Imáme des muslimischen Glaubens, diese Leuchten der Gewißheit, gesagt: »Muhammad ist unser Erster, Muhammad ist unser Letzter, Muhammad ist unser alles.«

¹ Qur'án 2:137 ² Qur'án 54:51


+2:61 (162)

So leuchtet dir ein, daß alle Propheten Tempel der Sache Gottes sind, die in verschiedenem Gewand erscheinen. Wenn du mit scharfem Auge hinsiehst, wirst du erkennen, daß sie alle im selben Heiligtum wohnen, sich zum selben Himmel aufschwingen, auf demselben Throne sitzen, dieselbe Sprache sprechen und denselben Glauben verkünden. Dies ist die Einheit dieser Inbegriffe des Seins, dieser Leuchten unendlichen, unermeßlichen Glanzes! Sollte darum eine dieser Manifestationen der Heiligkeit verkünden: »Ich bin die Wiederkunft aller Propheten«, so spräche sie gewißlich die Wahrheit. So ist in jeder neuen Offenbarung die Wiederkunft der früheren Offenbarung eine festbegründete Wahrheit. Nachdem nun die Wiederkunft der Propheten Gottes, wie sie in den Versen und Traditionen Gottes bestätigt wird, schlüssig dargelegt ist, ist damit auch die Wiederkunft ihrer Erwählten eindeutig erwiesen. Diese Wiederkunft ist zu offenkundig, als daß sie noch eines weiteren Beweises bedürfte. Betrachte unter den Propheten zum Beispiel Noah: Als Er mit dem Mantel des Prophetentums bekleidet, vom Geiste Gottes getrieben, sich erhob, Seine heilige Sache zu verkünden, wurde jeder, der an Ihn glaubte und diesen Glauben bekannte, mit der Gnade eines neuen Lebens beschenkt. Von einem solchen Menschen konnte wahrlich gesagt werden, daß er wiedergeboren und wiederbelebt war, denn vor seinem Glauben an Gott und vor dem Bekenntnis zu Seiner Manifestation hatte er sein Herz an die Dinge der Welt gehängt, an irdischen Besitz, an Weib und Kind, Speise und Trank und dergleichen, so daß all sein Sinnen und Trachten Tag und Nacht nur darauf gerichtet war, Reichtum anzuhäufen und sich die Mittel für Genuß und Vergnügen zu verschaffen. Überdies war er, ehe ihm die belebenden Wasser des Glaubens zuteil wurden, so eng an die Traditionen seiner Vorväter gebunden und so eifrig darauf bedacht, ihre Gebräuche und Gesetze einzuhalten, daß er wohl lieber den Tod erlitten hätte, als auch nur einen Buchstaben dieser abergläubischen Formen und Gebräuche zu verletzen, die in seinem Volke im Schwange waren. Hat doch das ganze Volk ausgerufen: »Wahrlich, wir fanden einen Glauben bei unseren Vätern, und wahrlich, wir wollen ihren Fußstapfen folgen«.¹

¹ Qur'án 43:22


+2:62 (163)

Dieselben Menschen, die in alle diese Schleier der Beschränkung verstrickt und unter den Zwängen solcher Vorschriften standen, wurden, kaum hatten sie den unsterblichen Trank des Glaubens aus dem Kelche der Gewißheit von der Hand der Manifestation des Allherrlichen gekostet, so verwandelt, daß sie bereit waren, um Seiner heiligen Sache willen ihre Sippe, ihr Vermögen, ihr Leben, ihren alten Glauben, ja alles aufzugeben außer Gott! So überwältigend war ihr Verlangen nach Gott, so hinreißend die Wonne ihrer Verzückung, daß die Welt und alles darinnen vor ihrem Auge zu nichts dahinschwand. Haben sie nicht die Mysterien der »Wiedergeburt« und »Wiederkunft« beispielhaft vorgelebt? Wird nicht bezeugt, daß diese Menschen, ehe sie mit der neuen, wundersamen Gnade Gottes beschenkt waren, durch vielerlei Kunstgriffe ihr Leben gegen Unheil zu schützen suchten? Konnte sie nicht ein Dorn in Schrecken versetzen, der Anblick eines Fuchses in die Flucht jagen? Doch mit Gottes höchster Auszeichnung geehrt und Seiner freigebigen Gnade teilhaftig, hätten sie, wären sie dazu in der Lage gewesen, ohne Lohn tausendmal ihr Leben auf Seinem Pfade geopfert. Fürwahr, ihre gesegneten Seelen waren des Käfigs ihres Leibes überdrüssig und sehnten sich nach Erlösung. Ein einzelner Krieger dieser Schar konnte gegen eine ganze Menge kämpfen. Und wodurch, wenn nicht durch die Wandlung, die ihr Leben ergriffen hatte, sind sie imstande gewesen, Taten zu vollbringen, die dem üblichen Verhalten der Menschen nicht entsprachen und ihren weltlichen Wünschen zuwiderlaufen!

+2:63 (164)

Es ist offenbar, daß nichts Geringeres als diese mystische Wandlung einen solchen Geist und eine solche Haltung, die sich von ihrem früheren Verhalten völlig unterschied, verursachen und in der Welt des Seins in Erscheinung treten lassen konnte. Ward doch ihre Unruhe in Frieden verwandelt, ihre Zweifel in Gewißheit, ihre Furcht in Mut. Das ist die Macht des göttlichen Elixiers, das in einem Augenblick die Menschenseelen verwandelt.

+2:64 (165)

Betrachte zum Beispiel die Substanz des Kupfers. Wäre es in seiner Gesteinsader vor dem Hartwerden bewahrt, so würde es binnen siebzig Jahren zu Gold. Andere freilich behaupten, Kupfer sei Gold, das nur durch die Verhärtung in einem mangelhaften Zustand sei und dadurch nicht seinen eigentlichen Zustand erreicht habe.

+2:65 (166)

Sei dem, wie es wolle - das wirkliche Elixier wird in einem Augenblick die Substanz des Kupfers in Gold verwandeln und in einem Augenblick die Entwicklungstadien der siebzig Jahre durcheilen. Könnte man dieses Gold noch Kupfer nennen? Könnte man sagen, es habe nicht den Zustand des Goldes erreicht, während doch der Prüfstein zur Hand ist, um es zu prüfen und vom Kupfer zu unterscheiden?

+2:66 (167)

Ebenso durcheilen diese Seelen durch die Kraft des göttlichen Elixiers in einem Augenblick die Welt des Staubes, dringen zum Reiche der Heiligkeit vor, mit einem Schritt durchqueren sie die Erde der Begrenzung und erreichen die göttliche Region des Raumlosen. Du solltest dein Äußerstes tun, dieses Elixier zu erlangen, das mit einem Atemzug den Westen des Unwissens zum Osten der Erkenntnis gelangen läßt, die Finsternis der Nacht mit dem Glanze des Morgens erhellt, den verirrten Wanderer aus der Wildnis des Zweifels zum Springquell der göttlichen Nähe und zum Born der Gewißheit leitet und den sterblichen Seelen die Ehre der Aufnahme in den Ridván der Unsterblichkeit schenkt. Könnte man sich nun jenes Gold als Kupfer vorstellen, dann müßte man diese Menschen für die gleichen halten, die sie waren, als ihnen dieser Glaube noch nicht verliehen war.

+2:67 (168)

Sieh, o Bruder, wie alle inneren Geheimnisse der »Wiedergeburt«, »Wiederkunft« und »Auferstehung« durch diese allgenügenden, unwiderleglichen und schlüssigen Zeugnisse vor deinen Augen enthüllt und enträtselt sind. Gebe Gott, daß du durch Seinen gnädigen, unsichtbaren Beistand Leib und Seele des alten Gewandes entkleidest und mit der neuen, unvergänglichen Zier schmückest.

+2:68 (169)

So können also die Menschen, welche bei der neuen Sendung dem übrigen Teil der Menschheit in der Annahme des Gottesglaubens vorangingen, die klaren Wasser der Erkenntnis aus der Hand der göttlichen Schönheit kosteten und die erhabensten Höhen des Glaubens, der Gewißheit und der Loslösung erreichten, dem Namen nach und in Wirklichkeit, nach Taten, Worten und Rang, als die »Wiederkunft« jener betrachtet werden, die in einer früheren Sendung eine ähnliche Auszeichnung erreicht hatten. Denn was immer im Volke einer früheren Sendung sich gezeigt hatte, das wurde auch im Volke des späteren Geschlechtes offenbar. Betrachte die Rose: Ob sie im Osten oder im Westen blüht, sie ist doch immer eine Rose, denn was für sie gilt, ist nicht so sehr ihre äußere Gestalt und Form, als vielmehr ihr betörender Duft.

+2:69 (170)

Darum läutere deinen Blick von allen irdischen Begrenzungen, auf daß du sie alle als die Träger eines Namens, die Vertreter einer heiligen Sache, die Offenbarungen eines Selbstes und die Enthüller einer Wahrheit schauest und die mystische »Wiederkunft« der Worte Gottes erfassest, wie sie durch diese Ausführungen erklärt sind. Sinne auch über die Haltung der Gefährten in der Sendung Muhammads nach. Sieh, wie sie durch Seinen belebenden Hauch von allem Makel irdischer Nichtigkeiten gereinigt, von selbstsüchtigen Wünschen befreit und von allem außer Ihm losgelöst wurden. Sieh, wie sie, allen Völkern auf Erden voran, in Seine heilige Gegenwart, die Gegenwart Gottes selbst, gelangten, wie sie auf die Welt und alles darinnen verzichteten und freiwillig und freudig ihr Leben dieser Manifestation des Allherrlichen zu Füßen legten. Und nun richte dein Augenmerk auf die »Wiederkunft« eben dieser Entschlossenheit, Standhaftigkeit und Entsagung, welche die Gefährten des Punktes des Bayán¹ bewiesen. Du warst selbst Zeuge, wie diese Gefährten durch die Wunder der Gnade des Herrn der Herren die Banner höchster Entsagung auf den unerreichbaren Gipfeln der Herrlichkeit hißten. Diese Leuchten sind einer Quelle entsprungen, diese Früchte sind die Früchte eines Baumes. Du kannst sie nicht nach Art oder Rang unterscheiden. All dies geschah durch Gottes Gnade. Er schenkt Seine Gnade, wem Er will. Gebe Gott, daß wir das Land der Verleugnung meiden und auf das Weltmeer der Annahme des Glaubens hinausfahren, so daß wir mit einem Auge, das von allem Gegensätzlichen geläutert ist, die Welten der Einheit und Vielheit, der Gleichheit und Veränderung, der Begrenzung und Loslösung erschauen und unseren Flug zum höchsten, innersten Heiligtum der wahren Bedeutung des Gotteswortes nehmen.

¹ Titel des Báb


+2:70 (171)

Aus diesen Darlegungen geht klar hervor: Sollte eine Seele sich am »Ende, das kein Ende kennt« offenbaren und sich erheben, eine heilige Sache zu verkünden, für die sich an einem »Anfang, der keinen Anfang hat«, eine andere Seele erhoben hatte, so kann in Wahrheit von Ihm, dem Ersten, wie auch von Ihm, dem Letzten, erklärt werden, daß sie eine und dieselbe sind; denn beide sind die Vertreter einer und derselben heiligen Sache. Aus diesem Grunde vergleicht der Punkt des Bayán - möge das Leben aller außer Ihm ein Opfer für Ihn sein! - die Manifestationen Gottes mit der Sonne, die, mag sie auch vom »Anfang, der keinen Anfang hat«, bis zum »Ende, das kein Ende kennt«, aufsteigen, doch immer dieselbe Sonne ist. Solltest du nun sagen: Diese Sonne ist die frühere Sonne - so sprächest du die Wahrheit; und sagtest du: Diese Sonne ist die »Wiederkunft« jener Sonne - so sprächest du ebenfalls die Wahrheit. So wird aus diesen Ausführungen deutlich, daß der Begriff »letzter« auf »erster« angewandt werden kann und der Begriff »erster« auf »letzter«; denn sowohl der »Erste« als auch der »Letzte« haben sich erhoben, um einen und denselben Glauben zu verkünden.

+2:71 (172)

In den Augen derer, die vom Weine der Erkenntnis und Gewißheit getrunken haben, ist dieser Gegenstand klar. Doch wie viele sind es, die sich durch die Bezeichnung »Siegel der Propheten« den Blick trüben ließen, weil sie ihre Bedeutung nicht verstanden. So wurden sie der Gnade all Seiner mannigfachen Gaben beraubt. Hat nicht Muhammad erklärt: »Ich bin alle Propheten«? Hat Er nicht, wie schon erwähnt, gesagt: »Ich bin Adam, Noah, Moses und Jesus«? Warum sollte Muhammad, diese unsterbliche Schönheit, der gesprochen hat: »Ich bin der erste Adam«, nicht auch imstande sein zu sagen: »Ich bin der letzte Adam«? Denn so wie Er sich als den »ersten der Propheten«, das ist Adam, sah, so ist auch das »Siegel der Propheten« auf diese göttliche Schönheit anwendbar. So ist es einleuchtend, daß Er beides ist, »der erste der Propheten« und ihr »Siegel«.

+2:72 (173)

Das Geheimnis dieses Themas ist gerade in dieser Sendung eine schmerzliche Prüfung für die ganze Menschheit. Sieh, wie viele es sind, die an diesen Worten kleben und deshalb nicht an Ihn glauben, der ihr Offenbarer ist. Was, so fragen Wir, konnten diese Menschen begriffen haben von den Begriffen »erster« und »letzter«, die sich auf Gott beziehen - gepriesen sei Sein Name! Wenn sie behaupten, diese Worte bezögen sich auf dieses stoffliche Weltall - wie wäre dies möglich, da doch die sichtbare Ordnung der Dinge offensichtlich fortbesteht? Nein fürwahr, in diesem Fall ist mit »erster« kein anderer gemeint als »der Letzte« und mit »letzter« kein anderer als »der Erste«.

+2:73 (174)

So wie am »Anfang, der keinen Anfang hat«, der Begriff »letzter« mit Recht auf Ihn, den Erzieher des Sichtbaren und des Unsichtbaren, anwendbar ist, so sind auch die Worte »erster« und »letzter« auf Seine Manifestationen anwendbar. Diese sind zugleich Vertreter des »Ersten« wie auch des »Letzten«. Während sie sich auf dem Herrschersitz des »Ersten« niedergelassen haben, nehmen sie zugleich auch den Thron des »Letzten« ein. Könnte man ein klar unterscheidendes Auge finden, so bemerkte es alsbald, daß die Vertreter des »Ersten« und des »Letzten«, des »Offenbaren« und des »Verborgenen«, des »Anfangs« und des »Siegels« keine anderen sind als diese heiligen Wesen, diese Urbilder der Loslösung, diese göttlichen Seelen. Solltest du dich in das heilige Reich des »Gott war allein, niemand war da neben Ihm« aufschwingen, du würdest alle diese Namen an jenem heiligen Hof gar nicht vorhanden und völlig unerwähnt finden. Dann wäre dein Auge nicht länger durch diese Schleier der Begriffe und Anspielungen getrübt. Wie himmlisch rein und erhaben ist diese Stufe, zu der selbst Gabriel ungeleitet den Weg nicht finden kann und die der Vogel der Heiligkeit ohne göttlichen Beistand nie zu erreichen vermag!

+2:74 (175)

Nun versuche, den Sinn des Spruches von Alí, dem Gebieter der Gläubigen, zu erfassen: »Ohne Hilfe die Schleier der Herrlichkeit durchbohrend«.¹ Unter diesen »Schleiern der Herrlichkeit« sind die Geistlichen und Gelehrten in den Tagen der Manifestation Gottes, die durch ihren Mangel an Einsicht und durch ihr Streben nach weltlicher Führerschaft versäumt haben, sich der Sache Gottes zu unterwerfen, ja sich sogar geweigert haben, ihr Ohr der göttlichen Melodie zu öffnen. »Wahrlich, sie haben die Finger in ihre Ohren gesteckt«.² Auch das Volk, das, Gottes nicht achtend, sie zu seinen Meistern nahm, hat sich vorbehaltlos unter die Autorität dieser prahlerischen, heuchlerischen Führer gebeugt, denn es hat kein Gesicht, kein Gehör, kein Herz zu eigen, um Wahrheit von Falschheit zu unterscheiden.

¹ Hadíth überliefert von Kumayl Ibn Ziyád al-Nakha'i ² Qur'án 2:19


+2:75 (176)

Obwohl die göttlich inspirierten Propheten, Heiligen und Auserwählten den Menschen geboten haben, mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen Ohren zu hören, haben sie ihren Rat hochmütig verworfen; sie sind blind den Führern ihres Glaubens gefolgt und werden ihnen auch weiterhin folgen. Spräche ein armer, unbekannter Mensch ohne den Mantel der Gelehrsamkeit sie an: »O Menschen, folget den Boten Gottes«¹, so antworteten sie, höchst erstaunt ob solcher Rede: »Was? Meinst du denn, alle diese Geistlichen, diese Vertreter der Gelehrsamkeit mit all ihrer Autorität, ihrem Pomp und Prunk, hätten sich alle geirrt und könnten Wahrheit nicht von Falschheit unterscheiden? Und du und deinesgleichen willst begriffen haben, was sie nicht verstanden?« Wenn die große Zahl und die Pracht des Gewandes als Kriterium des Wissens und der Wahrheit angesehen werden, dann müßten die Völker vergangener Zeiten, die an Zahl, Pracht und Macht bis heute unübertroffen sind, sicherlich als überlegen und achtbarer gelten.

¹ Qur'án 36:20


+2:76 (177)

Es ist offenbar, daß, wann immer die Manifestationen der Heiligkeit sich offenbarten, die Geistlichen ihrer Zeit die Menschen daran hinderten, zum Weg der Wahrheit zu gelangen. Dies bezeugen die Berichte aller heiligen Schriften und himmlischen Bücher. Nicht ein Prophet Gottes ward herabgesandt, der nicht dem unbarmherzigen Haß zum Opfer gefallen wäre, der öffentlichen Verdammung, der Verleugnung und Verfluchung durch die Geistlichen Seines Tages! Wehe ihnen ob der Missetaten, die ihre Hände einst begangen haben! Wehe ihnen wegen dem, was sie heute tun! Welche Schleier der Herrlichkeit sind schlimmer als diese Verkörperungen des Irrtums? Bei der Gerechtigkeit Gottes, solche Schleier zu durchdringen, ist die größte aller Taten, und sie zu zerreißen, das verdienstvollste aller Werke! Möge Gott Uns und euch helfen, o Schar des Geistes, auf daß ihr in der Zeit Seiner Manifestation durch gnädigen Beistand solche Taten vollbringt und in Seinen Tagen in die Gegenwart Gottes gelangt!

+2:77 (178)

Zu den »Schleiern der Herrlichkeit« gehören auch Begriffe wie »das Siegel der Propheten« und dergleichen, in deren Auslegung diese erbärmlich irrenden Seelen eine Großtat sehen. Alle wurden durch diese geheimnisvollen Worte, diese schlimmen »Schleier der Herrlichkeit«, daran gehindert, das Licht der Wahrheit zu schauen. Haben sie nicht die Melodie des Himmelsvogels¹ dies Geheimnis singen hören: »Tausend Fátimas habe ich mir vermählt, die alle die Töchter Muhammads waren, des Sohnes 'Abdu'lláhs, des `Siegels der Propheten`!« Sieh, wie viele Geheimnisse noch ungelöst im Tempel² der Erkenntnis Gottes liegen, und wie zahlreiche Juwelen Seines Wissens noch verschlossen in Seinen versiegelten Schatzkammern ruhen! So du in deinem Herzen darüber nachdenkst, wirst du dessen inne, daß Seiner Hände Werk weder Anfang noch Ende kennt. Der Bereich Seines Ratschlusses ist zu weit, als daß die Zunge der Sterblichen ihn beschreiben oder der Vogel des Menschengeistes ihn durchfliegen könnte, und das Walten Seiner Vorsehung ist zu geheimnisvoll, als daß der Menschengeist es erfassen könnte. Seine Schöpfung hat kein Ende und hat von jeher bestanden, seit dem »Anfang, der keinen Anfang hat«. Und die Manifestationen Seiner Schönheit haben keinen Anfang geschaut, und sie bestehen bis zum »Ende, das kein Ende kennt«. Bedenke diese Worte in deinem Herzen und sinne darüber nach, wie sie auf alle heiligen Seelen zutreffen.

¹ Imám 'Alí ² Surádiq; siehe Glossar


+2:78 (179)

Versuche auch, die Melodie der ewigen Schönheit, Husayns, des Sohnes 'Alís, in ihrer ganzen Bedeutung zu begreifen, wenn er zu Salmán Worte wie diese sprach: »Ich war mit tausend Adamen zusammen, und die Zeit zwischen einem und dem nächsten Adam war jeweils fünfzigtausend Jahre; und ihnen allen erklärte ich die Nachfolgeschaft, die meinem Vater verliehen war.« Er berichtet dann noch gewisse Details und sagt schließlich: »In tausend Schlachten habe ich auf dem Pfade Gottes gekämpft, von denen die am wenigsten bedeutsame die Schlacht von Khaybar war, in der mein Vater gegen die Ungläubigen kämpfte.« Versuche nun, in diesen beiden Überlieferungen die Geheimnisse des »Endes«, der »Wiederkunft« und der »Schöpfung ohne Anfang und Ende« zu verstehen.

+2:79 (180)

O Mein Geliebter! Hochheilig ist die himmlische Melodie, weit über dem Bemühen des Menschenohres, ihr Geheimnis zu vernehmen, oder des Menschengeistes, ihre Mysterien zu erfassen. Wie könnte die hilflose Ameise in den Hof des Allherrlichen gelangen! Und doch verwerfen schwache Seelen aus Mangel an Einsicht diese dunklen Aussprüche und stellen die Wahrheit dieser Traditionen in Frage. Fürwahr, niemand kann sie begreifen außer denen, die einsichtsvollen Herzens sind. Sprich: Er ist das Ende, Er, für den kein Ende im ganzen Weltall vorstellbar ist und für den kein Anfang in der Welt der Schöpfung gedacht werden kann. So schaue denn, o Schar der Erde, den Glanz des Endes in den Manifestationen des Anfangs offenbart!

+2:80 (181)

Wie seltsam! Diese Menschen halten einerseits an den Versen des Qur'án fest und an den Traditionen des Volkes der Gewißheit, soweit diese mit ihren Neigungen und ihren Interessen übereinstimmen, andererseits aber verwerfen sie jene, die ihren selbstsüchtigen Wünschen zuwider sind. »Glaubt ihr denn an einen Teil des Buches und verleugnet den anderen?«¹ Wie könnt ihr beurteilen, was ihr nicht versteht! So hat der Herr des Seins in Seinem unfehlbaren Buch vom »Siegel« gesprochen in dem erhabenen Vers: »Muhammad ist der Bote Gottes und das Siegel der Propheten«², dann aber allem Volk die Verheißung vom »Gelangen in die Gegenwart Gottes« offenbart. Das »Gelangen in die Gegenwart des unsterblichen Königs« bezeugen die Verse des Buches, von denen Wir schon einige erwähnt haben. Der eine wahre Gott ist Mein Zeuge! Im Qur'án wurde nichts Erhabeneres und Deutlicheres offenbart als das »Gelangen in die Gegenwart Gottes«. Wohl dem, der dahin gelangt ist an dem Tage, da die meisten Menschen, wie ihr seht, sich davon abwenden.

¹ Qur'án 2:85 ² Qur'án 33:40


+2:81 (182)

Und doch haben sie sich durch das Geheimnis des vorigen Verses von der im letzteren Verse verheißenen Gnade abbringen lassen, obwohl doch das »Gelangen in die Gegenwart Gottes« am »Tage der Auferstehung« ausdrücklich im Buche offenbart ist. Es wurde dargetan und durch klare Beweise eindeutig begründet, daß »Auferstehung« das Erscheinen der Manifestation Gottes und Seiner Sache bedeutet und »Gelangen in die göttliche Gegenwart« das Gelangen in die Gegenwart Seiner Schönheit in der Gestalt Seiner Manifestation. Denn wahrlich: »Keine Schau erfaßt Ihn, Er aber erfaßt alle Schau«.¹ Trotz all dieser unerschütterlichen Wahrheiten und einleuchtenden Erklärungen haben sie sich in ihrer Torheit an den Begriffen »Siegel« geklammert und sich so selbst der Erkenntnis Dessen, welcher der Offenbarer des Siegels wie auch des Anfangs ist, am Tage Seiner Gegenwart beraubt. »Wenn Gott die Menschen für ihre Frevel strafen wollte, so ließe Er keinen auf Erden leben, doch Er gewährt ihnen Aufschub bis zu einer festgesetzten Zeit«.² Davon abgesehen - hätten diese Menschen auch nur einen Tropfen getrunken aus den kristallklaren Wassern, die aus den Worten strömen: »Gott tut, was immer Er will, und befiehlt, was immer Ihm gefällt«³, so hätten sie gegen den Mittelpunkt Seiner Offenbarung nicht so unziemliche Einwände vorgebracht. Die Sache Gottes, alle Taten und Worte ruhen in der Hand Seiner Kraft. »Alle Dinge sind gefangen in der Höhlung Seiner mächtigen Hand; alles ist leicht und möglich für Ihn.« Er vollendet, was immer Er will, und tut, was Er wünscht. »Wer nach dem Warum oder Wofür fragt, der hat eine Lästerung ausgesprochen!« Würden diese Menschen den Schlummer der Nachlässigkeit abschütteln und einsehen, was ihre Hände begangen, so gingen sie daran zugrunde und würfen sich aus freien Stücken ins Feuer - ihr Ende und ihr verdienter Aufenthalt. Haben sie nicht gehört, daß Er offenbart hat: »Er soll nicht befragt werden über Sein Tun«?<4> Wie kann ein Mensch - im Lichte dieser Verse - sich erdreisten, Ihn zur Rede zu stellen und eitel zu schwätzen?

¹ Qur'án 6:103 ² Qur'án 16:61 ³ vgl. Qur'án 2:253; 14:28; 22:14/18 <4> Qur'án 21:23



+2:82 (183)

Gnädiger Gott! So groß ist die Torheit und Verkehrtheit dieser Menschen, daß sie sich nach ihrem eigenen Wissen und Wünschen richten, dem Wissen und dem Willen Gottes - geheiligt und verherrlicht sei Sein Name! - den Rücken kehrend.

+2:83 (184)

Sei gerecht! Hätten diese Menschen die Wahrheit jener leuchtenden Worte und heiligen Andeutungen erkannt, hätten sie Gott als den, der »tut, was immer Er will«, anerkannt, wie könnten sie dann weiterhin an diesem Unsinn festhalten? Fürwahr, mit ganzer Seele nähmen sie an und unterwürfen sich dem, was immer Er spricht. Ich schwöre bei Gott: Wäre es nicht gegen den göttlichen Ratschluß und gegen die unerforschlichen Bestimmungen der Vorsehung, so hätte die Erde dieses Volk völlig vernichtet. »Er wird ihnen jedoch Aufschub gewähren bis zur festgesetzten Zeit eines bekannten Tages«.¹

¹ Qur'án 16:61


+2:84 (185)

Zwölfhundertundachtzig Jahre sind vergangen seit dem Dämmern der Sendung des Islám, und jeden Morgen rezitieren diese blinden, nichtswürdigen Menschen ihren Qur'án und verfehlen es dennoch, auch nur einen Buchstaben dieses Buches zu erfassen! Immer wieder lesen sie die Verse, die klar die Wirklichkeit dieser heiligen Themen erweisen und die Wahrheit der Manifestationen ewiger Herrlichkeit bezeugen, und noch immer haben sie deren Sinn nicht begriffen. Sie haben nie verstanden, daß zu allen Zeiten die heiligen Schriften und Bücher nur gelesen werden sollten, damit der Leser zum Verständnis ihrer Bedeutung gelangt und ihre tiefsten Mysterien zu enträtseln vermag. Doch lesen ohne zu verstehen ist für den Menschen letzten Endes ohne Nutzen.

+2:85 (186)

Eines Tages begab es sich, daß ein armer Mann diese Seele besuchte, denn er trug Verlangen nach dem Meere Seiner Erkenntnis. Während Wir mit ihm sprachen, kam die Rede auf die Zeichen des Tages des Gerichts, der Auferstehung, der Erweckung und der Abrechnung. Er bat Uns dringend um eine Erklärung, wie in dieser wunderbaren Sendung die Völker der Welt zur Rechenschaft gezogen würden, wenn kein Mensch sich dessen bewußt sei. Daraufhin vermittelten Wir ihm einige Wahrheiten aus der Wissenschaft und alten Weisheit nach dem Maße seiner Fassungskraft und Einsicht. Dann fragten Wir ihn: »Hast du nicht all die Zeit über den Qur'án gelesen? Bist du dir dieses gesegneten Verses nicht bewußt: `An jenem Tag wird weder Mensch noch Geist nach seinen Sünden gefragt werden`?¹ Erkennst du nicht, daß mit `fragen` nicht das Fragen mit der Zunge und Rede gemeint ist, wie ja der Vers selbst es dartut und erweist? Denn anschließend wird gesagt: `An ihrem Angesicht werden die Sünder erkannt, und sie werden an Stirnlocken und Füßen gepackt werden.`²«

¹ Qur'án 55:39 ² Qur'án 55:41


+2:86 (187)

So wird also mit den Völkern der Welt nach ihrem Angesicht abgerechnet werden. Durch dieses werden ihr Unglaube, ihr Glaube und ihre Ungerechtigkeiten offenbar. So ist es an diesem Tage offensichtlich, wie das Volk des Irrtums durch sein Aussehen erkannt und unterschieden wird von denen, die der göttlichen Führung folgen. Würden diese Menschen nur um Gottes willen und mit keinem anderen Wunsch als nach Seinem Wohlgefallen im Herzen tief über die Verse des Buches nachdenken, so fänden sie gewißlich, was sie suchen. In Seinen Versen fänden sie alle Dinge, groß oder klein, die in dieser Sendung sich ereignet haben, enthüllt. Sie fänden darin sogar Hinweise auf den Auszug der Manifestationen der Namen und Attribute Gottes aus ihrem Heimatland, auf die Gegnerschaft und hochmütige Anmaßung der Obrigkeit und des Volkes und auf den Aufenthalt und die Ansiedlung der Universalen Manifestation in einem dafür vorgesehenen Land. Doch niemand kann dies verstehen, es sei denn, er habe ein einsichtsvolles Herz.

+2:87 (188)

Wir schließen und versiegeln unser Thema mit dem, was einst Muhammad offenbart ward, auf daß dieses Siegel den Duft jenes heiligen Moschus verbreite, der die Menschen zum Ridván unvergänglichen Glanzes leitet. Er sprach, und Sein Wort ist die Wahrheit: »Und Gott ruft zur Wohnstatt des Friedens«¹, und »Er führt, wen Er will, auf den rechten Weg«.² »Ihrer harrt eine Wohnstatt des Friedens bei ihrem Herrn, und Er wird ihr Beschirmer sein um ihrer Werke willen.«³ Dies hat Er offenbart, auf daß Seine Gnade die Welt umschließe. Preis sei Gott, dem Herrn allen Seins!

¹ Baghdád ² Qur'án 10:25 ³ Qur'án 6:127


+2:88 (189)

Wir haben auf mancherlei Art und immer wieder die Bedeutung eines jeden Themas klargelegt, damit, wenn möglich, jede Seele, ob hoch oder niedrig, nach ihrem Maß und ihrer Fähigkeit ihr Anrecht und ihren Teil daran erlange. Sollte sie nicht fähig sein, ein bestimmtes Argument zu verstehen, so mag sie durch den Hinweis auf ein anderes ihr Ziel erreichen, »auf daß Menschen aller Art wissen, wo sie ihren Durst stillen können«¹

¹ Qur'án 2:60


+2:89 (190)

Bei Gott! Diese Taube des Himmels, die jetzt im Staube wohnt, kann außer solchen Melodien noch Myriaden von Weisen erschallen lassen und außer solchen Versen noch unzählige Mysterien enthüllen. Jeder einzelne Ton ihrer nicht gesungenen Lieder ist unermeßlich erhaben über alles, was schon offenbart wurde, und weit herrlicher als alles, was dieser Feder entströmte. Laß die Zukunft die Stunde enthüllen, da die Bräute der inneren Bedeutung, wie durch den Willen Gottes beschlossen, unverschleiert aus ihren mystischen Wohnstätten eilen und sich im altehrwürdigen Reich des Seins offenbaren. Nichts ist möglich ohne Seine Erlaubnis, keine Macht kann bestehen, ohne Seine Macht, und kein Gott ist außer Ihn. Sein ist die Welt der Schöpfung, und Sein ist die Sache Gottes. Alle verkünden Seine Offenbarung, und alle enthüllen die Mysterien Seines Geistes.

+2:90 (191)

Wir haben schon auf den vorangegangenen Seiten¹ einer jeden der Leuchten, die sich von den Aufgangsorten ewiger Herrlichkeit erheben, zwei Stufen zugeschrieben. Die eine dieser Stufen, die Stufe der Wesenseinheit, haben Wir bereits erläutert. »Wir machen keinen Unterschied zwischen ihnen«.² Die andere Stufe ist die der Unterscheidung, sie gehört zur Welt der Schöpfung und ihren Begrenzungen. In dieser Hinsicht hat jede Manifestation Gottes eine ausgeprägte Individualität, eine genau vorgezeichnete Mission, eine vorherbestimmte Offenbarung und besonders bestimmte Begrenzungen. Eine jede von ihnen ist unter einem anderen Namen bekannt, durch ein anderes Attribut gekennzeichnet, mit einem bestimmten Auftrag und einer besonderen Offenbarung betraut. So wie Er spricht: »Einige Sendboten haben Wir die anderen überragen lassen. Zu einigen hat Gott gesprochen, einige hat Er erhoben und erhöht. Und Jesus, dem Sohn Marias, verliehen wir offenbare Zeichen und stärkten Ihn mit dem Heiligen Geist«.³

¹ Abschnitt 2/60 (161) ² Qur'án 2:136 ³ Qur'án 2:254


+2:91 (192)

Durch diese Verschiedenheit ihrer Stufe und ihrer Mission kommt es, daß die aus diesen Quellen göttlicher Erkenntnis strömenden Worte scheinbar voneinander abweichen. Dagegen ist in den Augen derer, die in die Mysterien göttlicher Weisheit eingeweiht sind, alles, was sie sagen, in Wirklichkeit nur Ausdruck einer Wahrheit. Da die meisten Menschen diese Stufen, auf die Wir hingewiesen haben, nicht richtig einzuschätzen vermögen, sind sie bestürzt und verwirrt angesichts der unterschiedlichen Aussagen der Manifestationen, die doch in ihrem Wesen eine und dieselbe sind.

+2:92 (193)

Es war seit jeher offenkundig, daß diese Unterschiede in der Redeweise den Unterschieden in der Stufe zuzuschreiben sind. Vom Standpunkt ihrer Einheit und erhabenen Loslösung aus betrachtet, waren seit je die Attribute Gottheit, Göttlichkeit, höchste Einzigkeit und innerstes Sein auf diese Inbegriffe des Seins anwendbar, da sie alle auf dem Throne göttlicher Offenbarung ruhen und den Sitz göttlicher Verborgenheit einnehmen. Mit ihnen tritt Gottes Offenbarung in die Erscheinung, durch ihr Antlitz wird die Schönheit Gottes enthüllt. So wird die Sprache Gottes selbst aus dem Munde dieser Manifestationen des göttlichen Seins vernommen.

+2:93 (194)

Im Lichte ihrer zweiten Stufe betrachtet, der Stufe der Auszeichnung, der Unterscheidung, der zeitlichen Begrenzungen, der Kennzeichen und Maßstäbe, legen sie unbedingte Dienstbarkeit, äußerste Armut und völlige Selbstauslöschung an den Tag. So hat Er gesprochen: »Ich bin der Diener Gottes, Ich bin nur ein Mensch wie ihr«.¹

¹ vgl. Qur'án 19:31 , 18:111 , 41:7


+2:94 (195)

Versuche nun anhand dieser unwiderlegbaren, ausführlichen Erklärungen den Sinn der von dir gestellten Fragen zu begreifen, damit du im Glauben Gottes standhaft wirst und dich nicht von den Abweichungen in den Reden Seiner Propheten und Auserwählten erschüttern läßt.

+2:95 (196)

Sollte eine der allumfassenden Manifestationen Gottes erklären: »Ich bin Gott!«, so spräche sie gewißlich die Wahrheit, und es gäbe daran keinen Zweifel. Denn wiederholt wurde dargetan, daß durch ihre Offenbarung, ihre Attribute und Namen die Offenbarung Gottes, Seine Namen und Seine Attribute in der Welt offenkundig gemacht sind. So hat Er enthüllt: »Jene Pfeile waren von Gott, nicht von Dir!«¹ Und ebenso spricht Er: »Wahrlich, die Dir Treue gelobten, gelobten sie in Wirklichkeit Gott«.² Würde einer von ihnen sagen: »Ich bin der Gesandte Gottes«, so spräche Er gleichfalls die Wahrheit, die unzweifelhafte Wahrheit. So spricht Er: »Muhammad ist nicht der Vater irgendeines Menschen, sondern Er ist der Gesandte Gottes«.³ In diesem Lichte gesehen, sind sie alle nur Gesandte dieses vollkommenen Königs, dieser unwandelbaren Wesenheit. Würden sie alle verkünden: »Ich bin das Siegel der Propheten« <4>, so sprächen sie gewiß nichts als die Wahrheit, erhaben über den leisesten Schatten eines Zweifels. Denn sie alle sind nur eine Person, eine Seele, ein Geist, ein Wesen, eine Offenbarung. Sie alle sind die Manifestationen des »Anfangs« und des »Endes«, des »Ersten« und des »Letzten«, des »Sichtbaren« und des »Verborgenen« <5> - all dies kommt Ihm zu, Ihm, dem innersten Geist der Geister und der ewigen Inbegriffe des Seins. Und würden sie sagen: »Wir sind Gottes Diener« <6>, so wäre auch dies eine offenkundige, unbestreitbare Wahrheit. Denn sie haben sich im äußersten Zustand des Dienens offenbart, eines Dienens, wie es kein Mensch je erreichen kann. Darum haben diese Inbegriffe des Seins in Augenblicken, da sie tief in die Meere altehrwürdiger, ewigwährender Heiligkeit eintauchten, oder wenn sie zu den erhabensten Höhen göttlicher Mysterien emporstiegen, den Anspruch erhoben, daß ihre Sprache die Stimme der Gottheit, der Ruf Gottes selbst sei. Wäre das Auge der Einsicht geöffnet, so würde es erkennen, daß sie sich in diesem Zustand als völlig ausgelöscht und nicht existent betrachten vor dem Antlitz Dessen, der der Alldurchdringende, der Unbestechliche ist. Mich dünkt, sie haben sich ganz als ein Nichts angesehen und ihre Erwähnung an jenem heiligen Hof als einen Akt der Gotteslästerung erachtet. Denn die leisesten Einflüsterungen des Selbstes sind an einem solchen Hof ein Beweis für Eigengeltung und unabhängiges Sein. In den Augen derer, die an diesen Hof gelangen, ist eine solche Regung schon ein schweres Vergehen. Wieviel schwerer wäre es, würde in dieser Gegenwart etwas anderes erwähnt, wären des Menschen Herz, Zunge, Gemüt oder Seele von etwas anderem eingenommen als von dem Vielgeliebten, betrachteten seine Augen ein anderes Antlitz als Seine Schönheit, neigte sich sein Ohr einer anderen Melodie als Seiner Stimme und gingen des Menschen Füße einen anderen Pfad als Seinen Pfad.

¹ Qur'án 8:17 ² Qur'án 48:11 ³ Qur'án 33:40

<4> Qur'án 33:10 <5> Qur'án 57:4 <6> vgl. Qur'án 3:182; 5:118; 19:30



+2:96 (197)

An diesem Tage weht Gottes Hauch, und Sein Geist hat alle Dinge durchdrungen. So mächtig ist die Ausgießung Seiner Gnade, daß die Feder ruht und die Zunge schweigt.

+2:97 (198)

Kraft dieser Stufe erheben sie etwa den Anspruch, die Stimme der Gottheit zu sein, während sie kraft ihrer Stufe der Gesandtschaft sich als die Boten Gottes erklären. In jedem Fall sprechen sie, wie es den Gegebenheiten des Augenblicks entspricht, und beziehen alle diese Aussagen auf sich selbst, Aussagen, die sich vom Reich göttlicher Offenbarung bis zum Reich der Schöpfung erstrecken und vom Bereich der Göttlichkeit bis zum Reich irdischen Seins. Damit ist, was immer sie sagen, ob es sich denn auf den Bereich der Gottheit, der Herrschaft des Herrn, des Prophetentums, des Hütertums, des Apostolats oder des Dienens bezieht, ohne den Schatten eines Zweifels wahr. So müssen diese Verse, die Wir für Unseren Beweis angeführt haben, aufmerksam bedacht werden, damit die voneinander abweichenden Aussagen der Manifestationen des Unsichtbaren und Morgenröten der Heiligkeit nicht länger die Seele erregen und den Geist verwirren.

+2:98 (199)

Die von den Leuchten der Wahrheit gesprochenen Worte müssen sorgfältig bedacht werden, und wenn man ihre Bedeutung nicht verstehen kann, sollte Aufklärung bei den Treuhändern der Schatzkammern des Wissens gesucht werden, so daß diese den Sinn der Worte erklären und ihr Geheimnis enträtseln. Denn niemand steht es an, das heilige Wort nach seinem unzulänglichen Verständnis auszulegen, oder es gar zu verwerfen und seine Wahrheit zurückzuweisen, sofern er findet, daß es seinen Neigungen und Wünschen zuwider ist. So verhalten sich heutzutage die Geistlichen und Gelehrten, die auf den Stühlen der Erkenntnis und Gelehrsamkeit sitzen und Unwissen Erkenntnis, Tyrannei Gerechtigkeit nennen. Befragten sie das Licht der Wahrheit über die Gebilde ihrer eitlen Phantasie, und fänden sie dann Seine Antwort unvereinbar mit ihren eigenen Vorstellungen und ihrem eigenen Verständnis des Buches, so verleumdeten sie sicherlich Ihn, die Schatzgrube und den Urquell allen Wissens, als die Verneinung des Wissens. So ist dies zu allen Zeiten geschehen.

+2:99 (200)

Als Muhammad, der Herrn des Seins, einst über die neuen Monde befragt wurde, gab Er auf Gottes Geheiß zur Antwort: »Das sind Zeiträume, die den Menschen bestimmt sind«.¹ Daraufhin brandmarkten Ihn Seine Zuhörer öffentlich als Ignoranten.

¹ Qur'án 2:189


+2:100 (201)

So sagt Er auch in dem Vers über den »Geist«: »Und sie werden Dich über den Geist befragen. Sprich: Der Geist geht aus Meines Herrn Befehl hervor«.¹ Kaum hatte Muhammad diese Antwort gegeben, so widersprachen sie lärmend: »Seht! Ein Tor, der nicht weiß, was der Geist ist, nennt sich selbst den Offenbarer göttlichen Wissens!« Nun sieh die Geistlichen unserer Tage: Weil sie durch Seinen Namen geehrt wurden und fanden, daß ihre Väter einst Seine Offenbarung anerkannt hatten, unterwerfen sie sich blindlings Seiner Wahrheit. Bedenke, erhielten sie heute solche Antworten auf ihre Fragen, so würden sie sie ohne Zaudern zurückweisen und öffentlich brandmarken - ja sie nähmen sogar wieder zu denselben Spitzfindigkeiten Zuflucht, wie dies tatsächlich geschehen ist - ungeachtet dessen, daß diese Inbegriffe des Seins über so seltsame Trugbilder unendlich erhaben sind und in ihrer unermeßlichen Herrlichkeit hoch über diesen leeren Formeln stehen, und selbst über dem Begreifen jedes einsichtsvollen Herzens. Ihre sogenannte Gelehrsamkeit ist, im Vergleich zu jener Erkenntnis, bloßer Irrtum und all ihre Einsicht nichts als krasse Unwissenheit. Nein, was immer aus den Minen göttlicher Weisheit, den Schatzkammern ewigen Wissens hervorgeht, ist Wahrheit und nichts als Wahrheit. Der Spruch: »Wissen ist ein Punkt, den die Toren vervielfacht haben«², ist die Bestätigung für unser Argument, und die Tradition: »Wissen ist ein Licht, das Gott ins Herz wirft, wem Er will«, erweist die Richtigkeit Unserer Darlegung.

¹ Qur'án 17:85 ² Eine Tradition Muhammads


+2:101 (202)

Weil sie nicht verstehen, was Wissen bedeutet, und damit die Bilder bezeichnen, die ihnen ihre Phantasie vorgaukelt und deren Urheber die Verkörperungen der Unwissenheit sind, haben sie dem Urquell des Wissens das angetan, was du gehört und gesehen hast.

+2:102 (203)

So hat zum Beispiel ein Mann¹, der für seine Gelehrsamkeit berühmt war und sich selbst für einen der hervorragendsten Führer seines Volkes hielt, in seinem Buch alle Vertreter wahrer Gelehrsamkeit angeklagt und geschmäht, wie dies aus der Fülle seiner ausdrücklichen Behauptungen und aus seinen Anspielungen, die das ganze Buch durchziehen, hervorgeht. Da Wir öfters von ihm gehört hatten, entschlossen Wir Uns, einige seiner Werke zu lesen. Wir sind sonst nicht geneigt, anderer Menschen Schriften zu lesen, doch nun, da Uns einige über ihn befragten, fanden Wir es angezeigt, seine Bücher durchzusehen, um auf diese Fragen mit angemessenem Wissen und Verständnis zu antworten. Seine Werke in arabischer Sprache waren Uns jedoch nicht zugänglich, bis Uns eines Tages jemand mitteilte, daß eine seiner Schriften, `Irshádu'l-Avám`² betitelt, in dieser Stadt zu haben sei. Aus diesem Titel verspürten Wir den Geruch des Dünkels und der Eitelkeit; denn er hält sich selbst für einen Gelehrten und den Rest der Menschheit für »Unwissende«. Seinen tatsächlichen Wert läßt er gerade durch den Titel erkennen, den er für sein Buch gewählt hatte. Es wurde offenbar, daß der Verfasser dem Pfade des Selbstes und des Begehrens folgte und in der Wildnis des Unwissens und der Blindheit verlorengegangen war. Mich dünkt, er hatte die wohlbekannte Tradition vergessen, welche sagt: »Wissen umfaßt alles, was erkennbar ist; Macht und Gewalt sind Schöpfung.« Dennoch sandten Wir nach dem Buch und behielten es einige Tage. Wir nahmen es wohl zweimal zur Hand. Das zweite Mal stießen Wir zufällig auf die Geschichte des »Mi'ráj«³ Muhammads, über den gesagt worden ist: »Wenn nicht für Dich, hätte Ich die Sphären nicht erschaffen«.<4> Wir stellten fest, daß der Verfasser etwa zwanzig oder mehr Wissenschaften aufzählte, deren Kenntnis er als wesentlich betrachtete, um das Mysteriums des »Mi'ráj« zu verstehen. Seinen Ausführungen entnahmen Wir, daß wer nicht in diese Wissenschaften eingedrungen sei, niemals zum richtigen Verständnis dieses überragenden, erhabenen Gegenstandes gelangen könne. Unter den aufgeführten Wissenschaften waren Metaphysik, Alchemie und Naturmagie. Solche vergängliche, überholte Gelehrsamkeit hat dieser Mann als Vorbedingung für ein Verständnis der ewigen, geheiligten Mysterien göttlicher Erkenntnis angesehen!

¹ Hájí Mírzá Karím Khán, Schüler Siyyid Kázims, später der Antichrist der Bábí-Offenbarung
² `Führung für die Unwissenden` ³ Himmelfahrt

<4> Heilige Tradition Muammad zugeschrieben



+2:103 (204)

Gnädiger Gott! So weit reicht sein Verständnis! Sieh, welch ausgeklügelte Einwänden und Verleumdungen er gegen jene Verkörperungen des unendlichen göttlichen Wissens vorbrachte! Wie gut und treffend ist doch gesagt: »Schleuderst du deine Verleumdungen denen ins Gesicht, die der eine wahre Gott zu Treuhändern der Schatzkammern Seines siebenten Himmels gemacht hat?«¹ Kein verstehendes Herz und Gemüt, keiner der Weisen und Gelehrten beachtet diese absurden Behauptungen. Und wie klar und einleuchtend ist es doch für jedes einsichtige Herz, daß eine solche Gelehrsamkeit zu allen Zeiten von dem einen wahren Gott, zurückgewiesen wird. Wie könnte die Kenntnis von Wissenschaften, die in den Augen der wahrhaft Gelehrten nichts gelten, notwendig sein, um die Mysterien des »Mi'ráj« zu begreifen, während der Herr des »Mi'ráj« selbst niemals mit auch nur einem Buchstaben dieser beschränkten, obskuren Wissenschaften belastet war und Sein strahlendes Herz nie mit einem dieser wunderlichen Wahngebilde befleckte? Wie wahr hat Er gesprochen: »Alles menschliche Begreifen reitet auf einem lahmen Esel, während die Wahrheit wie ein Pfeil auf dem Winde dahinfliegt«.² Bei der Gerechtigkeit Gottes! Wer das Geheimnis des »Mi'ráj« zu ergründen und einen Tropfen aus der Erkenntnis dieses Meeres zu trinken begehrt, der muß den Spiegel seines Herzens, so er noch durch den Staub dieser Wissenschaften getrübt ist, wahrlich reinigen und läutern, ehe das Licht dieses Mysteriums darin widerstrahlen kann.

¹ Vers eines persischen Dichters ² Vers eines persischen Dichters


+2:104 (205)

An diesem Tag verbieten die, welche in das Meer urehrwürdiger Erkenntnis eingetaucht sind und in der Arche göttlicher Weisheit wohnen, dem Volke solche eitlen Studien. Ihre leuchtenden Herzen sind, Gott sei gepriesen, geheiligt von jeder Spur solcher Gelehrsamkeit und erhaben über so schlimme Schleier. Wir haben den dichtesten aller Schleier mit dem Liebesfeuer des Geliebten verbrannt - den Schleier, auf den sich der Spruch bezieht: »Der schlimmste aller Schleier ist der Schleier des Wissens.« Auf seiner Asche haben Wir den Schrein¹ göttlicher Erkenntnis errichtet. Wir haben, Preis sei Gott, die »Schleier der Herrlichkeit« mit dem Feuer der Schönheit des Heißgeliebten verbrannt. Wir haben aus dem menschlichen Herzen alles vertrieben außer Ihm, der Sehnsucht der Welt, und freuen Uns dessen. Wir hängen an keinem Wissen als an dem Wissen, das von Ihm kommt, und Wir richten unser Herz nur auf den Strahlenglanz Seines Lichtes.

¹ Surádiq; siehe Glossar


+2:105 (206)

So waren Wir sehr überrascht, als Wir erkannten, daß die einzige Absicht dieses Mannes war, die Menschen glauben zu machen, daß er sich auf alle diese Wissenschaften verstand. Und doch schwöre Ich bei Gott, daß nicht ein Hauch aus den Gefilden göttlichen Wissens jemals über seine Seele geweht, daß er nicht ein einziges Geheimnis alter Weisheit enträtselt hat. Fürwahr, würde ihm der Sinn des Wissens jemals erklärt, so erfüllte Bestürzung sein Herz und sein ganzes Wesen wäre von Grund auf erschüttert. Sieh, welche Gipfel der Überspanntheit seine Ansprüche trotz seiner haltlosen, unsinnigen Aussagen erreichen!

+2:106 (207)

Gnädiger Gott! Wie groß ist Unser Erstaunen darüber, daß sich um ihn die Leute scharen und seiner Person Gefolgschaft geloben! Mit vergänglichem Staube zufrieden, richten die Menschen ihren Blick nur auf ihn und kehren dem Herrn der Herren den Rücken. Zufrieden mit dem Gekrächze der Krähe und vernarrt in das Gesicht des Raben, verzichten sie auf der Nachtigall süßen Gesang und auf den Liebreiz der Rose. Welch unsagbare Trugschlüsse hat die Durchsicht dieses anmaßenden Buches zutage gebracht! Sie sind nicht wert, daß eine Feder sie beschriebe, und zu dürftig, daß man dabei einen Augenblick verweilte. Wäre indes ein Prüfstein gefunden, so schiede er augenblicklich Wahrheit von Falschheit, Licht von Finsternis und Sonne von Schatten.

+2:107 (208)

Eine der Wissenschaften, die dieser Scharlatan nennt, ist die Kunst der Alchemie. Wir hegen die Hoffnung, daß ein König oder ein Mann von überragender Macht ihn auffordere, diese Wissenschaft aus dem Reich der Einbildung in die Welt der Tatsachen und von der Ebene bloßer Behauptungen auf die der realen Wirklichkeit zu bringen. Daß doch dieser ungelehrte, demütige Diener, der weder auf solche Dinge Anspruch erhob noch sie jemals als Kriterium wahrer Erkenntnis betrachtete, diese Aufgabe übernehme, auf daß so die Wahrheit erkannt und vom Irrtum geschieden werde. Doch welchen Nutzen hätte dies! Alles, was dieses Geschlecht Uns anbieten konnte, waren die Wunden seiner Speere, und der einzige Kelch, den es Unseren Lippen reichte, war der Kelch seines Giftes. Auf Unserem Nacken tragen Wir noch die Narben von Ketten, und Unser Leib ist gezeichnet von den Wundmalen erbarmungsloser Grausamkeit.

+2:108 (209)

Und was dieses Menschen Fähigkeiten anbelangt, seine Unwissenheit, sein Verständnis und seinen Glauben, so sieh, was das Buch, das alle Dinge enthält, offenbart hat: »Wahrlich, der Baum Zaqqúm¹ wird die Speise der Athím² sein«.³ Und dann lies einige Verse weiter bis dahin, wo Er spricht: »Koste nun davon, denn du bist fürwahr der mächtige Karím!« <4> Sieh, wie klar und deutlich er in Gottes unvergänglichem Buche beschrieben ist! Dieser Mann, der Demut heuchelt, hat zudem in seinem Buch auf sich selbst verwiesen als auf den »athím-Diener« <5>: »Athím« im Buche Gottes, mächtig inmitten der allgemeinen Herde - »Karím« dem Namen nach!

¹ az-Zaqqúm: ein Baum, der inmitten der Hölle wächst (vgl. Qur'án 37,62,64; 17:60; 44:43; 56:52)
² Sünder ³ Qur'án 44:43-44

<4> Ehrwürdig; Qur'án 44:49 <5> `Dieser sündige Diener`



+2:109 (210)

Denke über den gesegneten Vers nach: »Es ist nichts Grünes oder Dürres, das nicht im unfehlbaren Buche verzeichnet wäre«¹, damit sich die Bedeutung seiner Worte auf der Tafel deines Herzens einpräge. Dennoch schwört eine große Menge diesem Manne Gefolgschaft. Sie verwerfen den Mose des Wissens und der Gerechtigkeit und folgen dem Samiri² des Unwissens. Sie wenden ihren Blick von der Sonne der Wahrheit, die am göttlichen, ewig währenden Himmel leuchtet, und schenken ihrem Glanz keine Beachtung.

¹ Qur'án 6:59 ² ein Magier, Zeitgenosse Mose; vgl. Qur'án 20:85


+2:110 (211)

O mein Bruder! Nur aus einer göttlichen Gesteinsader können die Edelsteine göttlichen Wissens hervorgebracht werden, der Duft der mystischen Myrte¹ ist nur im wahren Garten zu atmen, und die Lilien altehrwürdiger Weisheit können nirgends erblühen außer in der Stadt eines unbefleckten Herzens. »Der guten Erde entsprießen die Pflanzen in Fülle durch die Erlaubnis seines Herrn, doch einem schlechten Boden entsprießen sie nur kärglich«.²

¹ siehe Glossar ² Qur'án 7:57


+2:111 (212)

Nun ist klar aufgezeigt, daß nur die, welche in die göttlichen Mysterien eingeweiht sind, die Gesänge des Himmelsvogels verstehen können. Darum ist es jedermanns Pflicht, angesichts der Kompliziertheit des Gottesglaubens und der dunklen Andeutungen in den Versen der Morgenröten der Heiligkeit, bei den im Herzen Erleuchteten und bei den Schatzkammern göttlicher Mysterien Erleuchtung zu suchen. Diese Mysterien werden nicht mit Hilfe erworbenen Wissens enträtselt, sondern einzig durch Gottes Beistand und die Ausgießungen Seiner Gnade. »Fraget daher bei denen, welche die Schriften hüten, wenn ihr es selbst nicht wißt«.¹

¹ Qur'án 16:43


+2:112 (213)

O mein Bruder! Wenn ein wahrer Sucher sich entschließt, mit forschendem Schritt den Pfad zu betreten, der zur Erkenntnis des Altehrwürdigen der Tage führt, muß er vor allem sein Herz, den Sitz der Offenbarung der inneren Mysterien Gottes, vom trübenden Staub allen erworbenen Wissens und von den Andeutungen der Verkörperungen satanischer Wahngebilde reinigen. Er muß seine Brust, das Heiligtum der immerwährenden Liebe des Geliebten, von jeder Befleckung läutern und seine Seele von allem heiligen, was dem Wasser und dem Lehm zugehört, von allen schattenhaften, flüchtigen Verhaftungen. Er muß sein Herz so läutern, daß kein Rest von Liebe oder Haß darin verbleibt, damit weder Liebe ihn blind zum Irrtum leite noch Haß ihn von der Wahrheit scheuche. Denn wie du an diesem Tage siehst, sind die meisten Menschen solcher Liebe und solchen Hasses wegen des unsterblichen Antlitzes beraubt, sind von den Verkörperungen der göttlichen Mysterien weit abgeirrt und streifen hirtenlos durch die Wildnis des Vergessens und des Irrtums. Der Sucher soll allezeit sein Vertrauen in Gott setzen und sich von den Erdenmenschen abkehren. Er soll sich von der Welt des Staubes lösen und Ihm, dem Herrn der Herren, anhangen. Nie darf er sich über einen anderen erheben wollen, jede Spur von Stolz und Dünkel soll er von der Tafel seines Herzens waschen. Er soll in Geduld und Ergebung harren, Schweigen üben und sich eitler Rede enthalten. Denn die Zunge ist ein schwelend Feuer, und zuviel der Rede ein tödlich Gift. Natürliches Feuer verbrennt den Körper, das Feuer der Zunge aber verzehrt Herz und Seele. Die Kraft des einen währt nur eine Weile, aber die Wirkung des anderen dauert ein Jahrhundert lang.

+2:113 (214)

Auch soll der Sucher üble Nachrede als schweres Vergehen betrachten und sich von ihrem Einfluß fernhalten, denn sie verlöscht das Licht des Herzens und erstickt das Leben der Seele. Er sollte sich mit wenigem begnügen und frei sein von allen zügellosen Wünschen. Er soll die Gesellschaft derer schätzen, die der Welt entsagt haben, und es als wertvollen Gewinn betrachten, prahlerische, weltlich gesinnte Menschen zu meiden. In der Morgenfrühe eines jeden Tages soll er sich Gott zuwenden und mit ganzer Seele bei der Suche nach seinem Geliebten verweilen. Er soll jeden eigenwilligen Gedanken mit der Flamme Seines liebevollen Gedenkens verbrennen und mit Blitzesschnelle an allem außer Ihm vorübereilen. Er soll dem Vertriebenen beistehen und dem Notleidenden niemals seine Gunst versagen. Er soll gütig sein zu den Tieren, wie viel mehr zu seinem Nächsten, der mit der Macht der Sprache begabt ist. Er soll nicht zögern, sein Leben für seinen Geliebten hinzugeben, und sich nicht durch das Urteil der Menschen von der Wahrheit abbringen lassen. Für andere soll er nicht wünschen, was er für sich selbst nicht wünscht, und nicht versprechen, was er nicht hält. Aus ganzem Herzen soll er die Gesellschaft der Frevler meiden und um Vergebung ihrer Sünden beten. Er soll dem Sünder verzeihen und niemals dessen niedrigen Zustand verachten, denn niemand weiß, wie sein eigenes Ende sein wird. Wie oft hat ein Sünder in der Todesstunde zum Wesenskern des Glaubens gefunden und, den unsterblichen Trank in Fülle trinkend, seinen Flug zur himmlischen Versammlung genommen! Und wie oft hat sich ein ergebener Gläubiger zur Stunde des Aufstiegs seiner Seele so gewandelt, daß er in das unterste Feuer fiel! Wir wollen mit der Offenbarung dieser überzeugenden, gewichtigen Worte, dem Sucher tief einprägen, daß er alles außer Gott als vergänglich ansehen und alles außer Ihm, dem Ziel aller Anbetung, als äußerstes Nichtsein erachten soll.

+2:114 (215)

Dies sind einige Eigenschaften der Hochstehenden und Kennzeichen der Geistiggesinnten. Sie wurden schon bei den Erfordernissen für die Wanderer erwähnt, die auf dem Pfade wirklicher Erkenntnis wandeln. Wenn der losgelöste Wanderer, der aufrichtige Sucher diese Grundbedingungen erfüllt, dann und nur dann kann er ein wahrer Sucher genannt werden. Wann immer er die Bedingungen erfüllt, die in dem Verse liegen: »Wer nach Uns strebt ...«¹, wird er sich der Segnungen erfreuen, die aus den Worten strömen: »... den werden Wir sicherlich auf Unseren Wegen geleiten«.²

¹ Qur'án 29:70 ² Qur'án 29:70


+2:115 (216)

Erst wenn die Lampe des Suchens, des ernsten Strebens, des sehnlichen Verlangens, der leidenschaftlichen Ergebung, der glühenden Liebe, der Verzückung und Ekstase im Herzen des Suchers entzündet ist und der Hauch der Gnade Gottes über seine Seele weht, wird das Dunkel des Irrtums vertrieben, werden die Nebel des Zweifels und der Ängste zerstreut, bis die Lichter der Erkenntnis und Gewißheit sein Wesen einhüllen. Zu dieser Stunde wird der mystische Herold mit der Freudenbotschaft des Geistes strahlend wie der Morgen aus der Stadt Gottes aufleuchten und mit dem Posaunenstoß der Erkenntnis Herz, Seele und Geist aus dem Schlummer der Achtlosigkeit erwecken. Dann werden die mannigfachen Gunstbeweise und die Gnadenströme des heiligen, ewigen Geistes dem Sucher solch neues Leben verleihen, daß er sich mit einem neuen Auge, einem neuen Ohr, einem neuen Herzen und einem neuen Geist beschenkt sieht. Er wird über die offenbaren Zeichen des Weltalls nachsinnen und die verborgenen Geheimnisse der Seele durchdringen. Er wird mit dem Auge Gottes schauen und in jedem Atom ein Tor erblicken, das ihn zu den Stufen völliger Gewißheit führt. In allen Dingen wird er die Mysterien göttlicher Offenbarung und die Beweise ewiger Verkündung entdecken.

+2:116 (217)

Ich schwöre bei Gott! Wer den Pfad der Führung beschreitet, die Höhen der Rechtschaffenheit zu erklimmen sucht und diese hehre, erhabene Stufe erreicht, wird tausend Meilen weit den Duft Gottes verspüren und erleben, wie sich der strahlende Tagesanbruch göttlicher Führung über dem Morgen aller Dinge erhebt. Jedes Ding, und sei es noch so klein, wird ihm eine Offenbarung, die ihn zu seinem Geliebten führt, dem Ziel seines Suchens. So scharf wird des Suchers Urteilskraft werden, daß er Wahres von Falschem zu unterscheiden vermag wie die Sonne vom Schatten. Wenn in den fernsten Winkeln des Ostens Gottes liebliche Düfte wehen, so wird er sie sicherlich erkennen und einatmen, weilte er auch am äußersten Ende des Westens. Desgleichen wird er alle Zeichen Gottes - Seine wundersamen Worte, Seine großen Werke und mächtigen Taten - so klar von den Werken, Worten und Wegen der Menschen unterscheiden, wie der Goldschmied den Edelstein vom Kiesel und jeder Mensch den Frühling vom Herbst, Hitze von Kälte unterscheidet. Wenn die menschliche Seele gleich einem Kanal von allen weltlichen, hemmenden Verhaftungen gereinigt ist, wird sie unfehlbar den Odem des Geliebten über unermeßliche Entfernungen hin verspüren und, von seinem Duft geführt, die Stadt der Gewißheit erreichen und betreten. Dort wird der Sucher Gottes Wunder altehrwürdiger Weisheit erfahren und alle verborgenen Lehren aus dem Blätterrauschen des Baumes vernehmen, der in dieser Stadt blüht. Mit seinem inneren und dem äußeren Ohr wird er aus deren Staub die Hymnen der Verherrlichung und des Lobpreises hören, die zum Herrn der Herren emporsteigen, und mit seinem inneren Auge wird er die Geheimnisse der »Wiederkunft« und der »Erweckung« entdecken. Wie unaussprechlich herrlich sind die Zeichen, die Beweise, die Offenbarungen und die Pracht, die Er, der König der Namen und Eigenschaften, für diese Stadt bestimmt hat. Der Eintritt in diese Stadt löscht den Durst ohne Wasser und entzündet die Gottesliebe ohne Feuer. In jedem Grashalm sind die Mysterien unergründlicher Weisheit verwahrt, und in jedem Rosenbusch singen Nachtigallen ohne Zahl in seligem Entzücken ihr Lied. Wundersame Tulpen enthüllen das Mysterium des unverlöschlichen Feuers im Brennenden Busch, und liebliche Wohlgerüche der Heiligkeit verströmen den Duft des messianischen Geistes. Diese Stadt schenkt Reichtum ohne Gold und verleiht Unsterblichkeit ohne Tod. In jedem Blatt sind unaussprechliche Wonnen verwahrt, und in jedem Gemach liegen unzählige Geheimnisse verborgen.

+2:117 (218)

Die sich tapfer auf der Suche nach Gott mühen, werden, sobald sie allem außer Ihm entsagt haben, so mit dieser Stadt verbunden und vermählt sein, daß sie sich nicht mehr vorstellen können, auch nur einen Augenblick von ihr getrennt zu leben. Sie werden auf unfehlbare Beweise von der Hyazinthe jener Gemeinschaft lauschen und die sichersten Zeugnisse von der Schönheit ihrer Rose und dem Lied ihrer Nachtigall empfangen. Etwa alle tausend Jahre einmal wird diese Stadt erneuert und aufs neue geschmückt.

+2:118 (219)

Darum, o mein Freund, sollten wir mit heißestem Bemühen danach streben, jene Stadt zu erreichen und durch Gottes Gnade und Güte die »Schleier der Herrlichkeit« zu zerreißen, so daß wir mit unbeugsamer Festigkeit unsere schmachtenden Seelen auf dem Pfade des neuen Geliebten opfern. Wir sollten mit Tränen in den Augen Ihn immer wieder inbrünstig anflehen, uns die Gunst dieser Gnade zu gewähren. Diese Stadt ist nichts anderes als das Wort Gottes, das in jedem Zeitalter und in jeder Sendung offenbart wird. In den Tagen Mose war sie der Pentateuch, in den Tagen Jesu das Evangelium, in den Tagen Muhammads, des Gesandten Gottes, der Qur'án, an diesem Tage ist sie der Bayán, und in der Sendung Dessen, den Gott offenbaren wird, wird sie Sein Buch sein - das Buch, auf das alle Bücher der vorangegangenen Sendungen notwendig bezogen werden müssen, das Buch, das überragend und erhaben in ihrer Mitte steht. In diesen Städten ist geistige Nahrung in Fülle bereitet, unvergängliche Wonnen sind darin bestimmt. Die Speise, die sie gewähren, ist das Brot des Himmels, und der Geist, den sie schenken, ist Gottes unvergänglicher Segen. Losgelösten Seelen verleihen sie die Gabe der Einheit; sie machen den Armen reich und bieten den Kelch der Erkenntnis denen, die in der Wildnis des Unwissens wandern. Alle Führung, aller Segen, alles Wissen, alles Erkennen, aller Glaube und alle Gewißheit, die allem im Himmel und auf Erden verliehen wurden, sind in diesen Städten verborgen und verwahrt.

+2:119 (220)

So war der Qur'án für das Volk Muhammads eine uneinnehmbare Feste. In Seinen Tagen war jeder, der sie betrat, vor teuflischen Anschlägen, drohenden Pfeilen, seelenverzehrenden Zweifeln und gotteslästerlichen Einflüsterungen des Feindes geschützt. Auch war ihm ein Anteil an den göttlichen, guten Früchten verliehen, den Früchten der Weisheit vom göttlichen Baum, und ihm ward ein Trank gereicht von den nie verderbenden Wassern aus dem Strom der Erkenntnis und ein Schluck vom Weine der Geheimnisse göttlicher Einheit.

+2:120 (221)

Alles, was die Menschen über Muhammads Offenbarung und Sein Gesetz wissen mußten, war in diesem Ridván strahlender Herrlichkeit enthüllt. Dieses Buch ist ein bleibendes Zeugnis für das Volk nach Muhammad, denn Seine Gesetze sind unanfechtbar und Seine Verheißungen unverbrüchlich. Allen war befohlen, den Vorschriften dieses Buches bis zum »Jahre sechzig«¹ zu folgen, dem Jahre des Erscheinens der wundersamen Manifestation Gottes. Dieses Buch ist das Buch, das den Sucher unfehlbar zum Ridván der göttlichen Gegenwart leitet, welches den, der sein Land verläßt und auf dem Pfade des Suchers wandelt, eintreten läßt in das heilige Zelt² ewiger Vereinigung. Seine Führung kann niemals irren, kein Zeugnis kann sein Zeugnis übertreffen. Alle Traditionen, alle anderen Bücher und Berichte entbehren einer solchen Auszeichnung, denn die Traditionen und deren Überlieferer erhalten einzig vom Wortlaut dieses Buches ihre Bestätigung. Zudem weisen die Traditionen schmerzliche Unterschiede und eine Fülle von Unklarheiten auf.

¹ das Jahr der Erklärung des Báb, 1260 d.H. ² Surádiq; siehe Glossar


+2:121 (222)

Als sich Muhammads Sendung ihrem Ende neigte, sprach Er folgende Worte: »Wahrlich, Ich hinterlasse euch Meine zwei wichtigsten Zeugnisse: Gottes Buch und Meine Familie.« Dieser Quell des Prophetentums, diese Goldader göttlicher Führung, hatte viele der überlieferten Aussprüche offenbart, und doch nannte Er nur dieses Buch, das Er so zum mächtigsten Werkzeug, zum sichersten Zeugnis für die Sucher gemacht hat, zu einem Führer für das Volk bis zum Tage der Auferstehung.

+2:122 (223)

Betrachte aufmerksam, mit unbeirrbarer Schau, mit reinem Herzen und geheiligtem Geist, was Gott Seinem Volk als Zeugnis der Führung bestimmt hat in Seinem Buch, das von hoch und niedrig als authentisch anerkannt wird. An dieses Zeugnis müssen wir beide uns ebenso halten wie die Völker der Welt, auf daß wir durch sein Licht zur Erkenntnis gelangen und Wahrheit von Falschheit, Führung von Irrtum unterscheiden. Da Muhammad Sein Zeugnis auf Sein Buch und Seine Familie beschränkt hat, die letztere aber dahingegangen ist, bleibt nur Sein Buch als Sein einziges Zeugnis unter Seinem Volk.

+2:123 (224)

Am Anfang Seines Buches spricht Er: »Alif, Lám, Mím. Kein Zweifel besteht über dieses Buch: Es ist eine Führung für die Gottesfürchtigen«.¹ In diesen zusammenhanglosen Buchstaben des Qur'án liegen die Mysterien des göttlichen Seins verschlossen, in ihren Muscheln ruhen die Perlen Seiner Einheit verwahrt. Aus Mangel an Raum wollen Wir jetzt nicht dabei verweilen. Äußerlich betrachtet bedeuten sie Muhammad selbst, den Gott mit den Worten anspricht: »O Muhammad, es gibt weder Zweifel noch Ungewißheit an diesem Buche, das vom Himmel göttlicher Einheit herabgesandt ist. In ihm ist Führung für die Gottesfürchtigen.« Bedenke, wie Er dieses Buch, den Qur'án, zur Führung für alle im Himmel und auf Erden bestimmt hat. Er selbst, das göttliche Sein und das unerkennbare Wesen, bezeugt, daß dieses Buch, das hoch erhaben über allen Zweifeln und aller Ungewißheit steht, der Führer der ganzen Menschheit sein soll bis zum Tage der Auferstehung. Nun fragen Wir: Ist es recht, daß das Volk mit Zweifel und Besorgnis auf dieses gewichtigste Zeugnis schaut, dessen göttlichen Ursprung Gott selbst verkündet und zur Verkörperung der Wahrheit erklärt hat? Ist es recht, daß es sich abwendet von dem, was Er zum höchsten Mittel der Führung auf die erhabensten Gipfel der Erkenntnis bestimmt hat, und nach anderem sucht als diesem Buch? Wie können die Menschen es zulassen, daß ihnen ungereimte, dumme Reden die Saaten des Mißtrauens ins Herz säen? Wie können sie sich noch länger töricht darauf berufen, jemand habe dieses oder jenes gesagt oder irgend etwas sei nicht eingetroffen? Wenn neben dem Buch Gottes ein tauglicheres Mittel und ein verläßlicherer Führer der Menschheit vorstellbar gewesen wäre, hätte Er dies nicht in jenem Vers enthüllt?

¹ Qur'án 2:1


+2:124 (225)

So dürfen wir nicht abweichen von Gottes unwiderstehlichem Befehl und Seinem festgelegten Ratschluß, wie sie in dem genannten Vers enthüllt sind. Wir sollten die wundersamen heiligen Schriften anerkennen, sonst werden wir auch die Wahrheit dieses gesegneten Verses nicht anerkennen. Denn es leuchtet ein, daß wer die Wahrheit des Qur'án leugnet, in Wirklichkeit auch die Wahrheit der vorangegangenen heiligen Schriften leugnet. Dies ist offensichtlich der tiefere Sinn dieses Verses. Wollten Wir seine innere Bedeutung darlegen und seine verborgenen Mysterien enthüllen, so reichte die Ewigkeit nicht aus, ihre Tragweite zu erschöpfen, und das Weltall wäre außerstande, sie zu ertragen. Gott wahrlich ist Zeuge, daß Wir die Wahrheit sprechen!

+2:125 (226)

Ebenso sagt Er an anderer Stelle: »Und wenn ihr in Zweifel seid über das, was Wir auf Unsere Diener herabgesandt haben, dann bringt doch eine Sure wie diese hervor und ruft eure Zeugen außer Gott zusammen, wenn es euch um die Wahrheit geht«.¹ Sieh, wie erhaben ist doch die Stufe dieser Verse, wie groß ihre Wirkkraft, wenn Er sie als Sein sicherstes Zeugnis bezeichnet, als Seinen untrüglichen Beweis, als Ausdruck Seiner alles unterwerfenden Macht und als Offenbarung der gestaltenden Macht Seines Willens. Er, der göttliche König, verkündet die unbestreitbare Überlegenheit der Verse Seines Buches über alle Dinge, die Seine Wahrheit bezeugen. Denn, verglichen mit allen anderen Beweisen und Zeichen, leuchten die göttlich offenbarten Verse wie die Sonne, alles andere aber nur wie Sterne. Den Völkern der Welt sind sie ein bleibendes Zeugnis, ein unanfechtbarer Beweis, das strahlende Licht des wahren Königs. Ihr Vorrang und ihre Wirkkraft werden von nichts übertroffen. Sie sind die Schatzkammer göttlicher Perlen, der Verwahrungsort göttlicher Mysterien. Sie bilden das unlösliche Band, das feste Seil, den Urwatu'l-Wuthqá², das unauslöschliche Licht. Sie durchflutet der Strom göttlicher Erkenntnis, sie durchglüht das Feuer Seiner altehrwürdigen, vollendeten Weisheit. Dies ist das Feuer, das im selben Augenblick die Flamme der Liebe in den Herzen der Gläubigen entzündet und den Frost der Achtlosigkeit in die Herzen der Feinde legt.

¹ Qur'án 2:23 ; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.
² `der Sichere Griff`, vgl. Qur'án 2:257; 31:22



+2:126 (227)

O mein Freund! Wir dürfen Gottes Befehl nicht unbeachtet lassen; wir müssen uns fügen und dem unterwerfen, was Er als Sein göttliches Zeugnis geboten hat. Dieser Vers ist für diese betrübte Seele zu gewichtig und bedeutungsvoll, als daß er hier erklärt werden könnte. Gott spricht die Wahrheit und führt den Weg. Er, wahrlich, ist hoch erhaben über all Sein Volk. Er ist der Mächtige, der Wohltäter.

+2:127 (228)

Ebenso spricht Er: »Dies sind Gottes Verse; die Wir in voller Wahrheit sprechen. Doch an welche Offenbarung wollen sie denn glauben, wenn sie Gott und Seine Verse verwerfen?«¹ Wenn du den tieferen Sinn dieses Verses erfassest, so wirst du auch die Wahrheit erkennen, daß niemals eine größere Offenbarung enthüllt wurde als durch die Propheten Gottes und daß kein mächtigeres Zeugnis jemals auf Erden erschienen ist als ihre offenbarten Verse. Nein fürwahr, dieses Zeugnis wird durch kein anderes je übertroffen außer durch das, was der Herr, dein Gott, will.

¹ Qur'án 45:6 ; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.


+2:128 (229)

An einer anderen Stelle spricht Er: »Wehe jedem lügenhaften Sünder, der die Verse Gottes hört, die ihm vorgetragen werden, und alsdann in Hoffart verharrt, als ob er sie nicht hörte. Verkünde ihm eine schmerzliche Strafe«.¹ Was in diesem Vers liegt, genügt allen im Himmel und auf Erden - o würden die Menschen doch nachsinnen über die Verse ihres Herrn! Denn du hörst, wie an diesem Tage das Volk die göttlich offenbarten Verse schmählich mißachtet, als wären sie die geringsten aller Dinge. Und doch ist nie etwas Größeres als diese Verse erschienen, und nie wird in der Welt Größeres offenbar werden. Sprich zu ihnen: »O achtloses Volk! Ihr bringt aufs neue all das vor, was schon eure Väter in vergangenen Zeiten gesagt haben. Alle Früchte, die sie vom Baume ihres Unglaubens gesammelt, werdet ihr wiederum sammeln. Binnen kurzem werdet ihr zu euren Vätern abberufen und mit ihnen im Höllenfeuer wohnen. Ein schlimmer Ort - der Wohnort des Volkes der Tyrannei!«

¹ Qur'án 45:7-8


+2:129 (230)

Wieder an anderer Stelle spricht Er: »Und wenn er mit einem Unserer Verse bekannt wird, dann treibt er seinen Spott mit ihm. Eine schmachvolle Strafe harrt ihrer!«¹ Das Volk spottete: »Schaffe uns ein anderes Wunder und bringe uns einen anderen Beweis!« Einer sagte sogar: »Laß jetzt einen Teil des Himmels auf uns niederfallen«.² Und ein anderer: »Wenn dies Deine ganze Wahrheit ist, dann mögen Steine vom Himmel auf uns regnen«.³ So wie das Volk Israel zu Mose Zeiten das Brot des Himmels für ein gemeines Zwiebel- und Knoblauchgericht verschacherte, so suchten auch diese Menschen die göttlich offenbarten Verse gegen ihre unredlichen, verderbten Wünsche einzutauschen. Das Gleiche siehst du auch heutzutage. Wiewohl aus den Wolken Seiner Güte geistige Speise vom Himmel göttlicher Barmherzigkeit herabregnet und die Meere des Lebens auf Geheiß des Schöpfers allen Seins im Ridván des Herzens wogen, hat sich dieses Volk gierig wie Hunde um ein Aas gerottet und sich mit dem schalen Wasser eines Salztümpels begnügt. Gnädiger Gott! Wie seltsam ist der Weg dieser Menschen! Sie schreien nach Führung, obwohl die Banner Dessen, der alle Dinge führt, schon gehißt sind. Sie widmen sich obskuren, verzwickten Fragen der Erkenntnis, während Er, das Ziel aller Erkenntnis, wie die Sonne strahlt. Sie sehen die Sonne mit eigenen Augen, und doch stellen sie diesem leuchtenden Gestirn die Frage, ob es auch sein Licht beweisen könne. Sie sehen Frühlingsschauer auf sich niederregnen und doch suchen sie nach einem Beweis für diese freigebige Güte. Der Beweis der Sonne ist ihr Licht, das leuchtet und alle Dinge umfängt, der Beweis des Regens seine milde Gabe, welche die Welt erneuert und mit dem Mantel des Lebens bekleidet. Fürwahr, die Blinden können nichts von der Sonne verspüren außer ihrer Wärme, und der dürre Boden hat keinen Anteil an den Regenschauern der Barmherzigkeit. »Wundere dich nicht, wenn der Ungläubige im Qur'án nichts wahrnimmt als eine Reihe toter Buchstaben; erlebt doch der Blinde die Sonne nur als Hitze«.<4>

¹ Qur'án 45:8 ² Qur'án 26:187 ³ Qur'án 8:32 <4> Persischer Dichtervers



+2:130 (231)

An anderer Stelle spricht Er: »Und wenn ihnen Unsere klaren Verse vorgetragen werden, dann haben sie nichts anderes einzuwenden, als daß sie sagen: `Bringe unsere Väter wieder, wenn du die Wahrheit redest!`«¹ Sieh, welch törichte Zeichen sie forderten von den Verkörperungen einer allumfassenden Barmherzigkeit! Sie spotteten der Verse, in denen ein Buchstabe, der die Toten im Tale des Selbstes und der Begierde mit dem Geiste des Glaubens belebt, größer ist als die Schöpfung der Himmel und der Erde, und schrien: »Mache, daß unsere Väter aus ihren Gräbern eilen«.² So groß waren die Verderbtheit und Hoffart dieses Volkes. Ein jeder dieser Verse ist den Völkern der Welt ein untrügliches Zeugnis, ein herrlicher Beweis Seiner Wahrheit. Ein jeder von ihnen genügt fürwahr der ganzen Menschheit - o würdest du doch über die Verse Gottes meditieren. In dem vorerwähnten Vers allein liegen Perlen von Mysterien verborgen. Was immer das Leiden sein mag, das Heilmittel, das er bietet, kann nie versagen.

¹ Qur'án 45:24 ; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.
² Qur'án 45:25


+2:131 (232)

Achte nicht der eitlen Behauptung derer, die vorbringen, das Buch und seine Verse seien niemals ein Zeugnis für das gewöhnliche Volk, da dieses weder ihren Sinn erfassen noch ihren Wert schätzen könne, denn das einzige untrügliche Zeugnis Gottes für den Osten wie den Westen ist der Qur'án. Ginge er über die Fassungskraft der Menschen, wie hätte er dann als allumfassendes Zeugnis allen Menschen verkündet werden können? Wäre ihre Behauptung wahr, so bedürfte man seiner nicht; das Volk brauchte Gott nicht zu erkennen, weil die Erkenntnis des göttlichen Seins die Erkenntnis Seines Buches übersteigt und das gewöhnliche Volk nicht die Fähigkeit hätte, es zu begreifen.

+2:132 (233)

Solcher Streit ist irreführend und unzulässig, er entspringt nur der Anmaßung und dem Hochmut. Sein Beweggrund ist, die Menschen vom Ridván göttlichen Wohlgefallens abzulenken und dafür die Zügel der Macht über das Volk umso fester zu halten. Doch in den Augen Gottes ist das einfache Volk unendlich höher und erhabener als seine Geistlichen, die von dem einen wahren Gott abgeirrt sind. Um Sein Wort zu verstehen, um die Verse der Himmelstauben zu begreifen, bedarf es keiner Gelehrsamkeit, sondern nur der Reinheit des Herzens, der Keuschheit der Seele und der Freiheit des Geistes. Dies beweisen jene, die heutzutage ohne einen einzigen Buchstaben der anerkannten Kriterien der Gelehrsamkeit auf den erhabensten Sitzen der Erkenntnis weilen, deren Herzensgarten durch die Regenschauer göttlicher Gnade mit den Rosen der Weisheit und den Tulpen der Einsicht geziert ist. Wohl den aufrichtigen Herzen, denn sie haben teil am Licht eines mächtigen Tages!

+2:133 (234)

Und ebenso spricht Er: »Was jene betrifft, die nicht an Gottes Verse glauben, noch daran, daß sie Ihm jemals begegnen, so werden sie an Meiner Barmherzigkeit verzweifeln. Ihrer harrt eine schmerzliche Strafe«.¹ Des weiteren: »Und sie sagen: `Sollen wir denn unsere Götter verlassen um eines närrischen Dichters willen?`«² Der tiefere Sinn dieses Verses ist offensichtlich. Siehe, was sie sagten, als die Verse offenbart wurden. Sie nannten Ihn einen Dichter, spotteten über die Verse Gottes und riefen aus: »Diese Worte sind nur Fabeln der Alten!«³ Damit wollten sie sagen, daß Muhammad solche Worte, die einstmals in der Menschen Mund waren, zusammengestellt und als Worte Gottes ausgegeben habe.

¹ Qur'án 29:23 ³ Qur'án 25:5
² Qur'án 37:36 ; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.



+2:134 (235)

So auch an diesem Tage: Du hast gehört, wie das Volk gegen diese Offenbarung Ähnliches vorbringt, indem sie sagen: »Er hat diese Worte aus den Worten der Alten zusammengestellt«, oder: »Diese Worte sind unecht.« Eitel und hoffärtig ist ihre Rede, niedrig ihr Zustand und ihre Stufe.

+2:135 (236)

Nachdem sie Ihn, wie schon dargetan, abgelehnt und öffentlich verdammt hatten, protestierten sie: »Nach unserer Schrift soll nach Mose und Jesus kein unabhängiger Prophet mehr erstehen, der das Gesetz der göttlichen Offenbarung aufhebt. Er, der sich offenbaren wird, muß vielmehr das Gesetz erfüllen.« Daraufhin wurde dieser Vers offenbart, der auf alle göttlichen Themen hinweist und die Wahrheit bezeugt, daß des Allbarmherzigen Gnadenstrom nimmer aufhören wird: »Und Josef kam vordem zu euch mit klaren Zeichen. Ihr aber verharrtet im Zweifel an der Botschaft, mit der Er zu euch kam, bis ihr dann, als Er starb, sprachet: `Gott wird nach Ihm nimmermehr einen Boten erstehen lassen.` So läßt Gott den Frevler, den Zweifler in die Irre gehen«.¹ Erkenne also aus diesem Vers und wisse mit Gewißheit, daß die Menschen zu allen Zeiten solche eitlen, absurden Reden geführt haben, indem sie, sich an einen Vers des Buches klammernd, behaupteten, daß sich in Zukunft kein Prophet mehr der Welt offenbaren werde. So auch die christlichen Geistlichen, die durch den schon erwähnten Vers des Evangeliums zu beweisen versuchten, daß das Gesetz des Evangeliums niemals aufgehoben und niemals mehr ein unabhängiger Prophet gesandt werde, Er bestätigte denn das Gesetz des Evangeliums. Von dieser geistigen Krankheit sind die meisten Menschen befallen.

¹ Qur'án 40:34 ; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.


+2:136 (237)

Ebenso bist du Zeuge, wie das Volk des Qur'án, den Völkern alter Zeiten gleich, sich durch das Wort »Siegel der Propheten« die Augen verschleiern ließ. Und doch erkennen sie selbst diesen Vers an: »Niemand kennt seine Bedeutung als Gott und diejenigen, welche im Wissen fest gegründet sind«.¹ Wenn Er, der wohlbegründet ist in allem Wissen, Er, die Mutter, die Seele, das Geheimnis und das Wesen des Wissens, etwas offenbart, was ihren Wünschen auch nur im geringsten zuwider ist, dann feinden sie Ihn bitterlich an und verleugnen Ihn schamlos. Dies hast du schon gehört und bezeugt. Zu solchen Taten und Worten haben nur Geistliche angestiftet, die keinen Gott anbeten als ihre Begierde, die nichts huldigen als dem Gold, die in die dichtesten Schleiern der Gelehrsamkeit verstrickt und von deren Verworrenheit umnebelt, sich in der Wildnis des Irrtums verloren haben. So hat der Herr des Seins ausdrücklich erklärt: »Was meinst du wohl? Wer seine Leidenschaften zu seinem Götzen gemacht, wen Gott durch sein Wissen in die Irre gehen ließ, wessen Ohren und Herz Er versiegelt, wessen Blick Er mit einem Schleier bedeckt hat - wer könnte einen solchen, den Gott so verlassen hat, noch führen? Wollt ihr euch also nicht warnen lassen?«²

¹ Qur'án 3:7

² Qur'án 45:22 ; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.


+2:137 (238)

Obwohl der äußere Sinn des Wortes: »Wen Gott durch sein Wissen in die Irre gehen ließ« schon enthüllt ist, so bedeutet es doch für Uns diejenigen Geistlichen der heutigen Zeit, die sich an ihre Gelehrsamkeit halten, das Erzeugnis ihrer Phantasie und ihrer Wünsche, und die sich von Gottes Schönheit abgewandt und Seine Botschaft und Offenbarung öffentlich verdammt haben. »Sprich: Es ist eine gewichtige Botschaft, von der ihr euch abwendet«.¹ Ebenso sagt Er: »Und wenn Unsere klaren Verse ihnen vorgetragen werden, so sagen sie: `Dies ist nur ein Mensch, der euch gerne von eurer Väter Glauben abspenstig machen will.` Und sie sagen: `Dies ist nichts als ein ausgeheckter Schwindel.`«¹

¹ Qur'án 38:67
² Qur'án 34:43 ; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.



+2:138 (239)

Schenke dein Ohr Gottes heiliger Stimme und achte wohl auf Seine süße, unsterbliche Melodie. Sieh, wie feierlich Er die warnt, welche Gottes Verse verschmähen, und wie Er die verwirft, die Sein heiliges Wort verleugnen. Sieh, wie weit das Volk vom Kawthar göttlicher Gegenwart abgeirrt ist! Wie schmerzlich sind der Unglaube und die Anmaßung derer, die bar des Geistes sind, vor dem Antlitz dieser geheiligten Schönheit. Dieses reinste Wesen der Güte und Großmut hat die vergänglichen Geschöpfe in das Reich der Unsterblichkeit eintreten lassen und die hilflosen Seelen an den heiligen Strom des Reichtums geführt. Und dennoch haben Ihn einige als »Verleumder Gottes, des Herrn aller Geschöpfe«, angeprangert, andere Ihn bezichtigt, einer zu sein, »der das Volk vom Pfade der Gläubigkeit und des wahren Glaubens abhält«, während wieder andere Ihn für »geistesgestört« erklärten und dergleichen mehr.

+2:139 (240)

Und ebenso bemerkst du an diesem Tag, mit welch gemeinen Vorwürfen sie diesen Edelstein der Unsterblichkeit bedacht und mit welch unaussprechlichen Schandtaten sie Ihm, dem Quell der Reinheit, begegnet sind. Gott hat sie in Seinem Buch und auf Seiner heiligen, unsterblichen Tafel davor gewarnt, die offenbarten Verse zu leugnen; Er hat die Gnadenbotschaft denen verkündet, die sie annehmen - doch höre die zahllosen Schmähungen, die sie gegen die vom neuen Himmel göttlicher, ewiger Heiligkeit herabgesandten Verse ausstoßen! Hat doch nie ein erschaffenes Auge eine so große Ausgießung der Großmut geschaut, nie ein Ohr eine solche Offenbarung der Güte vernommen. Eine solche Großmut, eine solche Offenbarung tritt in Erscheinung, damit die enthüllten Verse als Frühlingsregen aus den Wolken der Barmherzigkeit des Allgütigen erscheinen. Die Propheten, die »mit Beständigkeit versehen« sind, deren Erhabenheit und Herrlichkeit klar wie die Sonne leuchten, wurden alle mit einem Buch ausgezeichnet, das alle gesehen haben und dessen Verse gesichert sind. Die Verse aber, die aus dieser Wolke göttlicher Gnade geströmt sind, waren so überreich, daß noch niemand imstande war, ihre Zahl zu schätzen. Wohl zwanzig Bände sind jetzt zur Hand. Doch wie viele bleiben uns noch unerreichbar! Wie viele sind geraubt worden und in die Hände des Feindes gefallen, und niemand kennt ihr Schicksal.

+2:140 (241)

O mein Bruder, wir sollten unsere Augen öffnen, über Sein Wort meditieren und im Schatten der Manifestation Gottes Zuflucht suchen, auf daß wir, durch die untrüglichen Ratschläge des Buches gewarnt, die Ermahnungen, die auf den heiligen Tafeln verzeichnet sind, sorgfältig beachten und den Offenbarer der Verse nicht bekritteln, daß wir uns selbst völlig Seiner Sache weihen und uns mit ganzem Herzen Seinem Gesetz unterstellen. So werden wir vielleicht in den Hof Seiner Barmherzigkeit eintreten und an der Küste Seiner Gnade Wohnung finden. Er, wahrlich, ist der Barmherzige und der Vergebende gegenüber Seinen Dienern.

+2:141 (242)

Ebenso sagt Er: »Sprich, o Volk des Buches! Verwerft ihr Uns nur darum, weil Wir an Gott glauben und an das, was Er Uns herabgesandt hat, und an das, was Er vor alter Zeit herabgesandt hat, und weil die meisten von euch Frevler sind?«¹ Wie klar enthüllt dieser Vers Unser Vorhaben, wie deutlich beweist er die Wahrheit der Verse Gottes! Dieser Vers wurde offenbart zu einer Zeit, da die Ungläubigen den Islám angriffen und seine Jüngerschaft des Irrglaubens beschuldigten, zu einer Zeit, da sie die Gefährten Muhammads als Gottesleugner und als Gefolgsleute eines Lügners und Zauberers brandmarkten. In den frühen Tagen, als der Islám dem äußeren Anschein nach noch ohne Autorität und Macht war, wurden die Freunde des Propheten, die ihr Angesicht Gott zugewandt hatten, wohin sie auch gingen, gequält, verfolgt, gesteinigt und geschmäht. Zu dieser Zeit ward der gesegnete Vers vom Himmel göttlicher Offenbarung herabgesandt. Er enthüllte ein unwiderlegliches Zeugnis und brachte das Licht untrüglicher Führung. Er lehrte die Gefährten Muhammads, den Ungläubigen und Götzendienern folgendes zu erwidern: »Ihr unterdrückt und verfolgt uns, doch was haben wir anderes getan, als daß wir an Gott glauben und an die Verse, die uns durch die Zunge Muhammads herabgesandt wurden, und an jene, die auf die Propheten alter Zeiten herabkamen?« Das heißt, daß ihre einzige Schuld war, erkannt zu haben, daß die neuen, wundersamen Verse Gottes, welche auf Muhammad herabgekommen waren, allesamt von Gott waren, ebenso wie jene, die die Propheten vordem offenbart hatten, daß sie deren Wahrheit erkannt und angenommen hatten. Dies ist das Zeugnis, welches der göttliche König Seine Diener lehrt.

¹ Qur'án 5:62


+2:142 (243)

Ist es, so betrachtet, gerecht, wenn dieses Volk die neu offenbarten Verse, welche den Osten und den Westen umfangen, zurückzuweist und sich selbst als die Stützen des wahren Glaubens betrachtet? Sollten sie nicht vielmehr an Den glauben, der diese Verse offenbart hat? Und wenn man das Zeugnis bedenkt, das Er selbst abgelegt hat - warum sollte Er nicht in denen treue Gläubige sehen, die die Wahrheit dieses Zeugnisses bekennen? Fern sei es Ihm, daß Er von den Toren Seiner Barmherzigkeit den vertriebe, der sich Ihm zuwendet und die Wahrheit der göttlichen Verse annimmt, oder daß Er denen drohe, die sich an Sein sicheres Zeugnis halten! Wahrlich, Er begründet die Wahrheit durch Seine Verse, und Er bekräftigt Seine Offenbarung durch Seine Worte. Wahrlich, Er ist der Machtvolle, der Helfer in Gefahr, der Allmächtige!

+2:143 (244)

Auch spricht Er: »Und hätten Wir dir ein Buch, auf Pergament geschrieben, herabgesandt und hätten die Ungläubigen es mit eigener Hand berührt, so hätten sie doch sicherlich gesagt: `Dies ist nichts als offenkundige Zauberei.`«¹ Die meisten Verse des Qur'án weisen auf dieses Thema hin, doch haben Wir um der Kürze willen nur diese Verse angeführt. Bedenke: Ist im ganzen Buch außer den Versen sonst noch ein Maßstab gegeben, anhand dessen die Manifestationen Seiner Schönheit erkannt werden könnten, so daß das Volk sich daran halten und die Manifestationen Gottes verwerfen könnte? Nein, bei jeder Gelegenheit hat Er, wie schon gezeigt, mit Feuer bedroht, wer diese Verse verschmäht und verspottet.

¹ Qur'án 6:7


+2:144 (245)

So darum jemand aufstünde und Myriaden von Versen, Reden, Sendschreiben und Gebeten hervorbrächte, von denen keines der Gelehrsamkeit entspringt - welche Entschuldigung könnte jene rechtfertigen, die diese Verse verwerfen und sich damit der Kraft ihrer Gnade berauben? Welche Antwort können sie geben, wenn ihre Seele dereinst emporgestiegen ist aus ihrem düsteren Tempel? Könnten sie sich damit rechtfertigen, daß sie sagen: »Wir haben uns an eine bestimmte Tradition gehalten, und weil wir sie nicht buchstäblich erfüllt sahen, fanden wir an den Verkörperungen göttlicher Offenbarung soviel auszusetzen und hielten uns von den Gesetzen Gottes fern«? Hast du nicht gehört, daß einer der Gründe, warum gewisse Propheten als »mit Beständigkeit versehen« bezeichnet wurden, der ist, daß sie mit der Offenbarung eines Buches betraut waren? Und was rechtfertigte dieses Volk, das den Offenbarer und Urheber so vieler Bände von Versen verwarf und den Reden dessen folgte, der töricht die Saaten des Zweifels den Menschen in die Herzen säte und sich, Satan gleich, erhob, das Volk auf den Pfad des Verderbens und des Irrtums zu führen? Wie konnten sie zulassen, daß solches Geschehen sie des Sonnenlichtes göttlicher Freigebigkeit beraubt? Abgesehen davon: Wenn diese Menschen eine so göttliche Seele, einen so heiligen Odem meiden und verwerfen, an wen, so fragen wir, könnten sie sich dann halten, zu wessen Antlitz sich wenden, wenn nicht zu Seinem? Fürwahr, »alle haben einen Bereich der Himmel, dem sie sich zuwenden«.¹ Wir haben dir diese beiden Wege gezeigt, gehe nun den Weg, den du dir erwählst. Dies wahrlich, ist die Wahrheit, und außer der Wahrheit bleibt nichts als Irrtum.

¹ Qur'án 2:148


+2:145 (246)

Einer der Beweise für die Wahrheit dieser Offenbarung ist, daß in allen Zeitaltern und allen Sendungen, wann immer sich das unsichtbare Wesen in der Gestalt Seiner Manifestation offenbarte, einige unbekannte, von allen weltlichen Bindungen losgelöste Seelen bei der Sonne des Prophetentums und dem Monde göttlicher Führung Erleuchtung suchen und zur göttlichen Gegenwart gelangen. Darum pflegen die Geistlichen und die Reichen dieser Zeit solche Menschen zu schmähen und zu verspotten. So hat Er über diese Irrenden offenbart: »Da sprachen die Oberen Seines Volkes, die nicht glaubten: `Wir sehen in Dir nur einen Menschen gleich uns, und wir sehen Dir nur die Niedrigsten folgen mit voreiligem Urteil; wir sehen in euch auch keinen Vorzug über uns. Nein, wir halten euch für Lügner.`«¹ Sie schmähten die heiligen Manifestationen und redeten wider sie: »Keiner ist euch gefolgt außer dem Gesindel, das keiner Beachtung wert ist.« Damit wollten sie hervorheben, daß keiner von den Gelehrten, den Reichen und Angesehenen an sie glaubte. So und mit ähnlichen Gründen versuchten sie, die Falschheit Dessen zu beweisen, der nur die Wahrheit spricht.

¹ Qur'án 11:28


+2:146 (247)

In dieser strahlendsten Sendung jedoch, unter dieser mächtigsten Souveränität sind eine Reihe erleuchteter Geistlicher, Männer von vollendeter Bildung, Doktoren von reifer Weisheit, an Seinen Hof gelangt. Sie haben aus dem Kelch Seiner göttlichen Gegenwart getrunken und die Ehre Seiner alles überragenden Gunst empfangen. Um des Geliebten willen haben sie der Welt und allem darinnen entsagt. Wir wollen die Namen einiger von ihnen erwähnen, auf daß dies die Kleingläubigen stärke und die Verzagten ermutige.

+2:147 (248)

Unter ihnen war Mullá Husayn, welcher zum Empfänger der Strahlenglorie der Sonne göttlicher Offenbarung werden durfte. Nur für ihn hat Gott den Sitz Seiner Barmherzigkeit errichtet und sich auf den Thron ewiger Herrlichkeit gesetzt. Unter ihnen war auch Siyyid Yahyá, jene einzigartige, unerreichte Gestalt seiner Zeit. Ferner Mullá Muhammad 'Alíy-i-Zanjání, Mullá 'Alíy-i-Bastámí, Mullá Sa'íd-i-Bárfurúshí, Mullá Ni'matu'lláh-i-Mázindarání, Mullá Yúsuf-i-Ardibílí, Mullá Mihdíy-i-Khu'í, Siyyid Husayn-i-Turshízí, Mullá Mihdíy-i-Kandí, Mullá Báqir, Mullá 'Abdu'l-Kháliq-i-Yazdí, Mullá 'Alíy-i-Baraqání und andere, annähernd vierhundert, deren Namen auf Gottes »Verwahrter Tafel« verzeichnet sind.

+2:148 (249)

Sie alle wurden vom Lichte der Sonne göttlicher Offenbarung geführt, sie haben Seine Wahrheit bekannt und anerkannt. So stark war ihr Glaube, daß die meisten um des Allherrlichen Wohlgefallens willen Heim und Habe aufgaben. Sie weihten ihr Leben dem Vielgeliebten und gaben alles hin auf Seinem Pfade. Ihre Brust ward den Pfeilen des Feindes zur Zielscheibe, ihre Häupter schmückten die Speere der Ungläubigen. Kein Land, das nicht das Blut dieser Verkörperungen der Loslösung getrunken, kein Schwert, das nicht ihren Nacken geschlagen hätte. Allein ihre Taten beweisen die Wahrheit ihrer Worte. Genügt dem Volke dieses Tages das Zeugnis dieser heiligen Seelen nicht, die sich erhoben, das Leben für ihren Geliebten zu opfern, so ruhmvoll, daß alle Welt darob ins Staunen geriet? Ist dies kein genügendes Zeugnis für die Treulosigkeit derer, die ihren Glauben um ein Linsengericht verraten, die Unsterblichkeit um Vergängliches verschachert, den Kawthar göttlicher Gegenwart für Salzquellen aufgegeben haben und deren einziges Lebensziel es ist, sich des Eigentums anderer zu bemächtigen? Du hast ja selbst gesehen, wie sie sich alle mit den Eitelkeiten der Welt abgegeben haben und wie weit von Ihm, dem Herrn, dem Höchsten, abgeirrt sind.

+2:149 (250)

Sei gerecht: Kann man auf das Zeugnis derer bauen, deren Taten und Worte übereinstimmen und deren äußeres Verhalten ihrem inneren Leben entspricht? Der Geist ist bestürzt über das, was sie vollbrachten, die Seele ergriffen von ihrer Tapferkeit und dem Schmerz, den sie ertrugen. Oder soll man dem Zeugnis jener ungläubigen Seelen folgen, die nichts als den Hauch ihrer selbstsüchtigen Wünsche atmen und im Käfig ihres eitlen Wahns gefangen sind? Wie die Fledermäuse der Finsternis heben sie ihr Haupt vom Lager nur, um den flüchtigen Dingen der Welt nachzujagen, und finden keine Ruhe bei Nacht, es sei denn im Trachten nach ihren schmutzigen Lebenszielen. In ihre selbstsüchtigen Pläne versunken, vergessen sie den göttlichen Befehl. Bei Tag streben sie mit ganzer Seele nach weltlichem Gewinn, und bei Nacht widmen sie sich nur der Befriedigung ihrer Sinneslust. Welches Gesetz, welche Norm könnte die Menschen rechtfertigen, wenn sie, der Ablehnung dieser kleingeistigen Seelen folgend, den Glauben derer verwerfen, die um Gottes Wohlgefallen auf Leib und Gut, Ruhm und Namen, Ansehen und Ehre verzichtet haben?

+2:150 (251)

Wurde nicht, was sich im Leben des »Fürsten der Märtyrer«¹ ereignete, als das größte Geschehen angesehen, als erhabenster Beweis seiner Wahrheit? Hat nicht das Volk von ehedem dieses Geschehen als beispiellos bezeichnet? Haben sie nicht gesagt, keine Demonstration der Wahrheit habe je solche Beständigkeit, eine so sichtbare Glorie an den Tag gelegt? Und doch war diese Episode seines Lebens, die am Morgen begann, schon am Mittag desselben Tages beendet, indes diese heiligen Leuchten achtzehn Jahre lang heldenhaft den Trübsalen standhielten, die von allen Seiten auf sie herabhagelten. Mit welcher Liebe, welcher Ergebenheit, welchem Jubel und heiligem Entzücken haben sie ihr Leben auf dem Pfade des Allherrlichen geopfert! Diese Wahrheit bezeugen alle. Wie kann man diese Offenbarung dennoch herabsetzen? War je ein Zeitalter Zeuge eines Geschehens von so großer Tragweite? Wenn diese Gefährten nicht wahre Gottsucher waren, wer sollte dann so genannt werden? Haben sie Macht oder Ruhm gesucht? Haben sie je nach Reichtum getrachtet? Haben sie jemals einen Wunsch gehegt außer dem, Gott zu gefallen? Wenn diese Gefährten mit all ihren erstaunlichen Zeugnissen und wunderbaren Werken Lügner waren, wer wäre dann würdig, einen Wahrheitsanspruch zu erheben? Ich schwöre bei Gott! Allein schon ihre Taten sind ein ausreichendes Zeugnis, ein unwiderlegbarer Beweis für alle Völker der Erde, würden die Menschen doch im Herzen über die Mysterien göttlicher Offenbarung nachdenken! »Und die Frevler werden bald erkennen, welches Los ihrer harrt!«²

¹ Imám Husayn ² Qur'án 26:228


+2:151 (252)

Des weiteren ist im Buche das Kriterium für Wahrheit und Irrtum aufgestellt. Mit diesem göttlichen Prüfstein müssen die Ansprüche aller Menschen bewertet werden, so daß der Wahrhaftige erkannt und vom Betrüger unterschieden wird. Dieser Prüfstein ist kein anderer als folgender Vers: »Wünscht euch den Tod, wenn ihr Menschen der Wahrheit seid«.¹ Denke nach über diese Märtyrer von unzweifelhafter Aufrichtigkeit, deren Wahrhaftigkeit der klare Text des Buches bezeugt. Sie haben, wie du erlebt hast, alles geopfert, ihr Leben, ihr Vermögen, ihre Frauen und ihre Kinder, und sind zu den erhabensten Gemächern des Paradieses aufgestiegen. Ist es gerecht, das Zeugnis dieser losgelösten, erhabenen Wesen für die Wahrheit dieser alles überragenden, herrlichen Offenbarung zu verwerfen und dem Verdammungsurteil zu folgen, das dieses strahlende Licht von jenem treulosen Volk erfahren hat, das des Goldes wegen seinen Glauben aufgegeben und im Streben nach Führerschaft Ihn, den ersten Führer der ganzen Menschheit, verworfen hat? Ihr wahrer Charakter ist jetzt vor allen offenbar: Sie wurden als Menschen erkannt, die für Gottes heiligen Glauben nicht einmal auf ein Jota, auf einen Deut ihrer irdischen Herrschaft verzichten, geschweige denn auf ihr Leben, Vermögen und dergleichen.

¹ Qur'án 2:94


+2:152 (253)

Sieh, wie der göttliche Prüfstein nach dem ausdrücklichen Wortlaut des Buches die Wahren von den Falschen geschieden hat! Doch sind sie sich dieser Wahrheit noch immer nicht bewußt. Im Schlafe der Achtlosigkeit trachten sie nach den Eitelkeiten dieser Welt, besessen von Gedanken an nutzlose, irdische Führerschaft.

+2:153 (254)

»O Sohn des Menschen! Viele deiner Tage sind dahingegangen, und es galt dir nur das eigene Verlangen voll Wunsch und Wahn. Wie lange noch willst du auf deinem Lager schlafen? - Wache auf! Denn hoch am Mittag steht die Sonne und will auch dir mit dem Licht ihrer Schönheit scheinen«.¹

¹ VW ar.62


+2:154 (255)

Sei dir dessen bewußt, daß keiner der Doktoren und Geistlichen, die Wir angeführt haben, mit dem Rang und der Würde weltlicher Führerschaft bekleidet war. Denn wohlbekannte, einflußreiche Geistliche, die auf den Stühlen der Autorität sitzen und leitende Funktionen innehaben, können dem Offenbarer der Wahrheit keine Treue geloben - außer denen, die dein Herr will. Doch ist dies, bis auf wenige Fälle, nie geschehen. »Und nur wenige Meiner Diener sind dankbar.«¹ So hat auch in dieser Sendung nicht einer der berühmten Geistlichen, in deren Amtsgewalt die Zügel des Volkes lagen, den Glauben angenommen. Nein fürwahr, sie haben ihn mit solcher Feindseligkeit und Entschiedenheit bekämpft, wie es noch kein Ohr gehört und kein Auge gesehen hat.

¹ Qur'án 34:13


+2:155 (256)

Der Báb, der Herr, der Erhabenste - möge das Leben aller ein Opfer für Ihn sein - hat ein besonderes Sendschreiben an die Geistlichen in allen Städten offenbart, worin Er das Wesen ihrer Verleugnung und Ablehnung ausführlich darstellt. »Darum habt acht, ihr Menschen von Einsicht!«¹ So auf ihren Widerstand hinweisend, wollte Er den Einwänden, die das Volk des Bayán am Tage der Offenbarung des Mustagháth², dem Tage der späteren Auferstehung, machen könnte, begegnen, indem Er betonte, daß in dieser späteren Offenbarung keiner der Geistlichen Seinen Anspruch erkennen werde, während in der Sendung des Bayán eine ganze Reihe von ihnen den Glauben angenommen hat. Er wollte das Volk warnen, damit es nicht, was Gott verhüte, so törichten Gedanken folge und sich selbst der göttlichen Schönheit beraube. Ja, die Geistlichen, auf die Wir Uns bezogen, waren meist unbekannt; sie waren durch Gottes Gnade von irdischen Nichtigkeiten geläutert und frei vom Joch der Führerschaft. »So groß ist Gottes Großmut. Er schenkt sie, wem Er will«.³

¹ Qur'án 59:2 ² Er, der angerufen wird ³ vgl. Qur'án 57:21; 62:4


+2:156 (257)

Ein weiteres Zeugnis der Wahrheit dieser Offenbarung, das unter allen anderen Beweisen wie die Sonne leuchtet, ist die Unerschütterlichkeit, mit der die Ewige Schönheit den Gottesglauben verkündete. Obgleich Er selbst jung und empfindsam und die heilige Sache, die Er offenbarte, allen Völkern der Erde zuwider war - seien sie hoch oder niedrig, reich oder arm, erhaben oder gering, König oder Untertan -, so stand Er doch auf und verkündete sie mit Standhaftigkeit. Alle haben dies erkannt und gehört. Er fürchtete niemanden und achtete nicht der Folgen. Ist so etwas möglich ohne die Kraft einer göttlichen Offenbarung, ohne das Walten von Gottes unbesiegbarem Willen? Bei der Gerechtigkeit Gottes! Sollte jemand in seinem Herzen den Anspruch auf eine so große Offenbarung hegen, so würde ihn allein der Gedanke daran alsbald mit Bestürzung erfüllen! Selbst wenn sich die Herzen aller Menschen in seinem Herzen vereinten, würde er vor einem so ehrfurchtgebietenden Unterfangen zurückschrecken. Nur mit Gottes Erlaubnis könnte er es vollbringen, und nur, wenn das Gefäß seines Herzens mit dem Quell göttlicher Gnade verbunden, seine Seele des unfehlbaren Beistandes des Allmächtigen versichert wäre. Wem, so fragen Wir staunend, schreiben sie ein so großes Wagnis zu? Klagen sie Ihn der Narrheit an, wie sie es mit den Propheten von ehedem taten? Oder behaupten sie, Sein Motiv sei einzig das Trachten nach Führerschaft und der Erwerb irdischen Reichtums?

+2:157 (258)

Gnädiger Gott! In Seinem Buch, das Er »Qayyúmu'l-Asmá« nannte, dem ersten, größten, mächtigsten aller Bücher, hat Er Sein eigenes Martyrium geweissagt. Dort finden wir folgende Stelle: »O Du Spur Gottes! Dir habe mich gänzlich geopfert; um Deinetwillen ertrage ich die Flüche und auf dem Pfad Deiner Liebe sehne ich mich nach dem Martyrium. Gott, der Erhabene, der Beschützer, der Altehrwürdige der Tage, genügt mir als Zeuge!«¹

¹ Kapitel 58; vgl. SELBAB 2:29:1


+2:158 (259)

Auch in Seiner Auslegung des Buchstabens »Há« flehte Er um das Martyrium. Er sprach: »Mich deucht, Ich hörte eine Stimme in Meinem Innersten rufen: `Opferst Du das, was Du am meisten liebst auf dem Pfade Gottes, wie Husayn - Friede sei auf ihm - sein Leben dargebracht hat um Meinetwillen?` Und würde Ich nicht auf dieses unentrinnbare Mysterium achten - Ich schwöre bei Ihm, in dessen Händen Mein Leben ist: Selbst wenn sich alle Könige der Erde verbündeten, wären sie machtlos, einen Buchstaben von Mir zu nehmen, wieviel weniger können es diese Diener, die keine Beachtung verdienen und wahrlich der Abschaum sind... O daß doch alle den Grad Meiner Geduld, Ergebenheit und Selbstaufopferung auf dem Pfade Gottes erkennten!«

+2:159 (260)

Kann man glauben, der Offenbarer eines solchen Verses wandle auf anderen Wegen als auf dem Pfade Gottes und sehne sich nach anderem als nach Seinem Wohlgefallen? In diesem Vers liegt ein Hauch der Loslösung verborgen, der, wenn er weithin über die Welt wehte, alle Wesen dazu brächte, auf ihr Leben zu verzichten und ihre Seelen als Opfer darzubringen. Sinne nach über das schändliche Gebaren dieses Geschlechtes und sei Zeuge seiner erschütternden Undankbarkeit. Sieh, wie sie ihre Augen vor dieser Herrlichkeit verschließen und unterwürfig jenen verwesenden Leichnamen folgen, aus deren Bauch noch der Aufschrei vom Hab und Gut der Gläubigen zu vernehmen ist, das sie sich einverleibt haben. Welche unerhörten Verleumdungen haben sie gegen jene Morgenröten der Heiligkeit ausgestoßen! So zählen Wir dir auf, was die Hände der Ungläubigen vollbrachten, die am Tage der Auferstehung ihr Gesicht von der göttlichen Gegenwart abgewandt haben. Gott aber quält sie mit dem Feuer ihres Irrglaubens und hält in der künftigen Welt eine Strafe für sie bereit, welche ihnen Leib und Seele verzehren wird. Denn sie haben gesagt: »Gott ist machtlos, und die Hand Seiner Gnade ist gefesselt.«

+2:160 (261)

Standhaftigkeit im Glauben ist ein sicheres Zeugnis, ein herrlicher Beweis der Wahrheit. Das »Siegel der Propheten« hat gesprochen: »Zwei Verse haben Mich alt gemacht«.¹ Beide Verse künden von der Standhaftigkeit in der Gottessache. So hat Er gesprochen: »Sei standhaft, wie dir befohlen ward«.²

¹ Eine Tradition, in welcher der Prophet sagt, daß die Suren Húd (11) und al-Wáki'a (56) Ihn ergrauen ließen
² Qur'án 11:113; 42:15



+2:161 (262)

Sieh, wie dieser Sadrih des Ridváns Gottes sich in der Blüte der Jugend erhob, Gottes Sache zu verkünden, und welche Standhaftigkeit diese Schönheit Gottes dabei an den Tag gelegt hat. Die ganze Welt stellte sich Ihm in den Weg und ist damit völlig gescheitert. Je schwerer die Verfolgungen waren, mit denen sie diesen Sadrih der Seligkeit heimsuchten, desto mehr wuchs Sein Eifer, um so strahlender brannte die Flamme Seiner Liebe. All dies ist offensichtlich, und niemand bestreitet diese Wahrheit. Am Ende gab Er Sein Leben hin und nahm Seinen Flug zu den Reichen der Höhe.

+2:162 (263)

Unter den Wahrheitsbeweisen Seiner Offenbarung war auch die Überlegenheit, die überragende Macht und höchste Gewalt, die Er, der Offenbarer des Seins, die Manifestation des Angebeteten, allein und ohne Beistand in aller Welt enthüllt hat. Kaum hatte sich diese ewige Schönheit in Shíráz im Jahre sechzig offenbart und den Schleier der Verborgenheit zerrissen, als schon die Zeichen der überlegenen Macht, der Souveränität und Kraft aus diesem Inbegriff allen Seins, diesem Meer der Meere hervorstrahlten und in allen Landen offenkundig wurden - in einem Maße, daß in allen Städten die Zeichen, Beweise, Merkmale und Zeugnisse dieser göttlichen Leuchte zutage traten. Wie viele reine, gütige Herzen spiegelten gläubig das Licht dieser ewigen Sonne, und wie mannigfaltig waren die Erkenntnisse, die sich aus diesem Weltmeer göttlicher Weisheit auf alle Wesen ergossen! In allen Städten erhoben sich die Geistlichen und Würdenträger, um sich ihnen in den Weg zu stellen und ihnen Einhalt zu gebieten; sie rüsteten sich mit Bosheit, Neid und Tyrannei zu ihrer Unterdrückung. Wie groß war die Zahl der heiligen Seelen, der reinen Wesen der Gerechtigkeit, die, der Gewaltherrschaft bezichtigt, getötet wurden. Und wie viele Verkörperungen der Reinheit, die nichts als wahres Wissen und makellose Taten zeigten, haben einen qualvollen Tod erlitten! Und dennoch hauchte ein jedes dieser heiligen Wesen bis zum letzten Atemzug den Namen Gottes und erhob sich in das Reich der Ergebung und Entsagung. So groß war die Wirkkraft und sein verwandelnder Einfluß auf sie, daß sie keinen Wunsch mehr hegten als Seinen Willen, und ihre Seele Seinem Gedenken vermählten.

+2:163 (264)

Denke nach: Wer in dieser Welt ist imstande, eine so überlegene Macht, einen so durchdringenden Einfluß an den Tag zu legen? Alle diese makellosen Herzen und geheiligten Seelen haben in völliger Entsagung dem Ruf Seines Ratschlusses geantwortet. Statt zu klagen, dankten sie Gott, und inmitten der Finsternis ihrer Qual zeigten sie nur strahlende Ergebung in Seinen Willen. Es ist offenkundig, wie unbarmherzig der Haß, wie bitter die Bosheit und Feindschaft waren, die alle Völker auf Erden gegen diese Gefährten hegten. Was man diesen heiligen, geistigen Wesen an Verfolgung und Pein antat, betrachteten sie selbst als einen Weg zu Erlösung, Wohlergehen und ewigem Glück. Hat die Welt seit Adams Tagen je solchen Aufruhr, solch heftige Erregung gesehen? Zu all der Folter, die sie ertrugen, der vielerlei Trübsal, die sie erduldeten, wurden sie überall geschmäht und verflucht. Mich dünkt, Geduld ward nur durch ihre Seelenstärke offenbart, Glaubenstreue nur durch ihre Taten bezeugt.

+2:164 (265)

Denke in deinem Herzen tief nach über dieses gewaltige Geschehen, auf daß du die Größe dieser Offenbarung erfassest und ihre überwältigende Herrlichkeit verstehst. Dann wird der Geist des Glaubens durch die Gnade des Barmherzigen deinem Wesen eingehaucht, dann wirst du auf den Sitz der Gewißheit erhoben und dort wohnen. Gott ist Mein Zeuge! Würdest du eine Weile nachsinnen, so sähest du, daß, abgesehen von all diesen feststehenden Wahrheiten und angeführten Beweisen, die Verwerfungsurteile des Volkes der Erde, seine Verwünschungen und Verfluchungen an sich schon der mächtigste Beweis und das sicherste Zeugnis der Wahrheit dieser Helden auf dem Felde der Entsagung und Loslösung sind. Je mehr du über die spitzfindige Kritik des Volkes nachdenkst, sei sie von Gelehrten, Geistlichen oder Ungelehrten, desto fester und standhafter wirst du im Glauben werden. Denn alles, was geschah, ward von jenen geweissagt, welche die Verwahrungsorte göttlichen Wissens und die Empfänger des ewigen Gottesgesetzes sind.

+2:165 (266)

Wir hatten nicht vor, auf die Überlieferungen vergangener Zeiten einzugehen, doch wollen Wir in Unserer Liebe zu dir einige davon anführen, die sich zu Unserem Beweise fügen. Für nötig halten Wir sie nicht, da das schon Erwähnte der Welt und allem darinnen genügt. Tatsächlich sind in diesem kurzen Bericht alle heiligen Schriften und ihre Mysterien verdichtet - so vollständig, daß ein Mensch, der dies eine Weile in seinem Herzen bedächte, in allem Gesagten die Mysterien des Wortes Gottes entdecken und den Sinn all dessen, was dieser vollendete König offenbart hat, begreifen würde. Da die Menschen nach ihrem Verständnis und ihrer Stufe verschieden sind, wollen Wir einige Überlieferungen nennen, damit sie der schwankenden Seele Standhaftigkeit und dem verstörten Gemüte Ruhe einflößen. Dadurch wird Gottes Zeugnis für die Menschen, hoch und gering, vollendet werden.

+2:166 (267)

Eine der Traditionen lautet: »Und wenn das Banner der Wahrheit offenbart ist, dann verfluchen es die Menschen im Osten wie im Westen.« Der Wein der Entsagung muß getrunken werden, die erhabenen Höhen der Loslösung müssen erreicht werden, und tief muß man über die Worte nachsinnen: »Eine Stunde Nachdenkens ist mehr wert als siebzig Jahre frommer Andacht.« So möge das Geheimnis entdeckt werden, warum sich die Menschen so erbärmlich verhalten und, obwohl sie sich zu Liebe und Wahrheitsstreben bekennen, die, welche der göttlichen Wahrheit folgen, verfluchen, sobald Er sich offenbart hat. Die genannte Tradition bezeugt diese Wahrheit. Es leuchtet ein, daß der Grund für dieses Verhalten kein anderer ist als die Abschaffung der Lebensregeln, Sitten, Gebräuche und Zeremonien, denen sie unterstanden. Hätte dagegen die Schönheit des Allbarmherzigen diese Regeln und Sitten, die im Volke Geltung hatten, übernommen und deren Einhaltung bestätigt, so wäre es nicht zu solchem Konflikt und Unheil in der Welt gekommen. Diese erhabene Tradition wird bestätigt durch das Wort, das Er offenbart hat: »Der Tag, da der Bote des Gerichts zu ernstem Werke laden wird«.¹

¹ Qur'án 54:6


+2:167 (268)

Der göttliche Ruf des himmlischen Heroldes hinter den Schleiern der Herrlichkeit fordert die Menschen auf, allem völlig zu entsagen, woran sie hängen; doch damit steht er in Widerspruch zu ihren Wünschen. Darin liegt die Ursache für die bitteren Prüfungen und heftigen Erschütterungen, zu denen es gekommen ist. Sieh, welchen Weg das Volk nimmt: Den wohlbegründeten Traditionen, die sich allesamt erfüllt haben, schenken sie keine Beachtung, dafür klammern sie sich an solche von zweifelhafter Verbürgtheit und fragen, warum sich diese nicht erfüllt haben. Und doch wurde enthüllt, was ihnen unbegreiflich ist. Die Zeichen und Merkmale der Wahrheit scheinen wie die Mittagssonne, und dennoch wandert das Volk ziellos und verwirrt in der Wildnis der Unwissenheit und der Narrheit. Ungeachtet der Verse des Qur'án und der anerkannten Traditionen, die allesamt von einem neuen Glauben, einem neuen Gesetz und einer neuen Offenbarung sprechen, wartet dieses Geschlecht noch immer darauf, den Verheißenen zu schauen, der das Gesetz der islámischen Sendung aufrichten soll. Die Juden und die Christen vertreten denselben Standpunkt.

+2:168 (269)

Unter den Worten, welche ein neues Gesetz und eine neue Offenbarung vorausahnen lassen, sind die Stellen im »Nudbih-Gebet«¹: »Wo ist Er, der vorgesehen ist, die Gebote und Gesetze zu erneuern? Wo ist Er, der die Vollmacht hat, den Glauben und die, die ihm folgen, zu verwandeln?« Ähnliches hat Er in der Zíyára² offenbart: »Friede sei auf der neugeschaffenen Wahrheit.« Abú-'Abdi'lláh antwortete auf die Frage nach den Wesenszügen des Mahdí: »Er wird vollbringen, was Muhammad, der Bote Gottes, vollbracht hat, und Er wird alles zerstören, was vor Ihm war, so wie der Bote Gottes die Wege derer zerstört hat, die vor Ihm waren.«

¹ `Klagelied` des Imám Alí ² Besuchsgebet, von Alí offenbart


+2:169 (270)

Siehe, wie sie trotz dieser und ähnlicher Traditionen töricht behaupten, das früher offenbarte Gesetz dürfe auf keinen Fall verändert werden. Ist es nicht das Ziel jeder Offenbarung, eine Wandlung und Änderung in der ganzen Wesensart der Menschheit zu bewirken, eine Wandlung, die sich äußerlich wie innerlich erweisen und das innere Leben wie die äußeren Verhältnisse gestalten soll? Denn würde der Charakter der Menschen nicht gewandelt, so wären Gottes allumfassende Manifestationen offensichtlich ohne Nutzen. Im Aválim¹, einem maßgeblichen, wohlbekannten Buch, ist verzeichnet: »Ein junger Mann aus den Baní-Háshim² wird sich offenbaren, Er wird ein neues Buch enthüllen und ein neues Gesetz verkünden.« Dann folgen die Worte: »Die meisten Seiner Feinde werden Geistliche sein.« An einer anderen Stelle wird von Sádiq, dem Sohne Muhammads,³ berichtet, daß er sprach: »Es wird ein Jüngling aus den Baní-Háshim erscheinen, Er wird das Volk auffordern, Ihm Treue zu geloben. Sein Buch wird ein neues Buch sein, zu dem Er die Menschen aufrufen wird, ihren Glauben zu bekennen. Streng ist Seine Offenbarung für die Araber. Wenn ihr von Ihm höret, so eilet Ihm entgegen.« Wie gut haben sie die Anweisungen der Imáme des Glaubens, der Lampen der Gewißheit, befolgt! Obwohl klar gesagt ist: »Wenn ihr höret, daß ein Jüngling aus den Baní-Háshim erschienen ist, der das Volk zu einem neuen göttlichen Buche und zu neuen göttlichen Gesetzen ruft, so eilet Ihm entgegen«, haben sie doch allesamt diesen Herrn des Seins zum Ungläubigen erklärt und Ihn als Ketzer verdammt. Sie eilten nicht zu diesem háshimitischen Lichte, zu dieser göttlichen Manifestation, es sei denn mit gezogenen Schwertern und mit Herzen voll Bosheit. Beachte überdies, wie in den Büchern die Feindschaft der Geistlichen ausdrücklich erwähnt is. Trotz all dieser klaren, bedeutsamen Traditionen, ungeachtet all der unverkennbaren, unbestreitbaren Anspielungen haben die Menschen den reinen Inbegriff des Wissens und der heiligen Sprache verworfen und sich den Ausgeburten des Aufruhrs und des Irrtums zugewandt. Ungeachtet dieser verbürgten Traditionen und offenbarten Aussprüche reden sie nur, was ihnen ihre selbstsüchtigen Wünsche eingeben. Sollte der Inbegriff der Wahrheit offenbaren, was ihren Neigungen und Wünschen zuwider ist, so werden sie Ihn alsbald einen Ungläubigen nennen und also gegen Ihn sprechen: »Dies widerspricht den Aussprüchen der Imáme des Glaubens und der strahlenden Lichter. In unserem unverletzlichen Gesetz ist so etwas nicht vorgesehen.« Auch am heutigen Tag haben armselige Sterbliche solche haltlosen Argumente vorgebracht.

¹ Shí'itische Traditionssammlung; siehe Glossar
² Familie, der Muhammad entstammte
³ Ja'far as-Sádiq, der sechste Imám der Shí'iten



+2:170 (271)

Und nun sieh, wie in der anderen Tradition alle diese Geschehnisse vorausgesagt sind. Im Arba'in¹ steht geschrieben: »Aus den Baní-Háshim wird ein Jüngling erscheinen, der ein neues Gesetz offenbaren wird. Er wird das Volk zu sich laden, doch niemand wird auf Seinen Ruf achten. Die meisten Seiner Feinde werden Geistliche sein. Seinem Befehl werden sie nicht gehorchen, sondern Ihm also widersprechen: `Dies widerspricht dem, was uns von den Imámen des Glaubens überliefert ist.`« Heute wiederholen sie diese Worte und sind sich dessen gar nicht bewußt, daß Er den Thron des »Er tut, was immer Er will« einnimmt und auf dem Sitze des »Er befiehlt, was immer Ihm gefällt«² weilt.

¹ Traditionensammlung; siehe Glossar
² vgl. Qur'án 2:253; 14:28; 22:14, 18



+2:171 (272)

Kein Verstand kann das Wesen Seiner Offenbarung begreifen, keine Erkenntnis das volle Maß Seines Glaubens fassen. Alle Worte hängen ab von Seiner Bestätigung, und alles ist Seiner heiligen Sache bedürftig. Alles außer Ihm ist durch Seinen Befehl geschaffen, alles bewegt sich und hat Dasein durch Sein Gesetz. Er ist der Offenbarer göttlicher Geheimnisse, der Erklärer der verborgenen, altehrwürdigen Weisheit. So heißt es im Biháru'l-AnvárMeer der Lichter«, umfangreiche shí'itische Sammlung von adíthen und Aussprüchen der Imáme aus dem 17. Jahrhundert».¹, im 'Aválim und im Yanbú'² von Sádiq, dem Sohn Muhammads, daß er folgende Worte gesprochen habe: »Wissen ist siebenundzwanzig Buchstaben. Alle Propheten haben zwei Buchstaben davon offenbart. Kein Mensch hat bis heute mehr als diese zwei Buchstaben gewußt. Doch wenn der Qá'im sich erheben wird, dann wird Er die übrigen fünfundzwanzig Buchstaben offenbar machen.« Bedenke: Er hat dargelegt, daß das Wissen aus siebenundzwanzig Buchstaben besteht und daß alle Propheten von Adam bis zum »Siegel« nur zwei Buchstaben davon zu erklären hatten und mit diesen beiden Buchstaben herabgesandt wurden, und daß der Qá'im alle übrigen fünfundzwanzig Buchstaben enthüllen werde. Dieser Ausspruch zeugt von der erhaben Größe Seiner Stufe. Sein Rang übertrifft den aller Propheten, und Seine Offenbarung übersteigt die Erkenntnis und das Verständnis aller ihrer Auserwählten. Eine Offenbarung, von der die Propheten Gottes, Seine Heiligen und Auserwählten entweder nicht unterrichtet worden sind oder die sie nach Gottes unerforschlichem Ratschluß nicht enthüllt haben - eine solche Offenbarung suchen diese erbärmlichen, verworfenen Menschen mit ihrem schwachen Verstand, mit ihrem unzulänglichen Wissen und Verständnis zu messen. Wenn sie nicht mit ihrem Maßstab übereinstimmt, dann verwerfen sie sie auf der Stelle. »Meinst du, daß die meisten von ihnen hören oder verstehen? Sie sind wie das Vieh. Nein, weiter ärger noch sind sie abgeirrt vom Pfad!«³

¹ `Meer der Lichter`, umfangreiche shí'itische Sammlung von Hadíthen und Aussprüchen der Imáme aus dem 17. Jahrhundert
² Traditionensammlungen; siehe Glossar ³ Qur'án 25:44



+2:172 (273)

Wie nun, so fragen Wir Uns, legen sie die obengenannte Tradition aus, eine Überlieferung, die in unmißverständlichen Begriffen die Offenbarung unerforschlicher Dinge, das Eintreffen neuer, wundersamer Ereignisse an Seinem Tage vorausschaut? Diese erstaunlichen Geschehnisse entfachen einen so heftigen Streit im Volke, daß alle Geistlichen Ihn und Seine Gefährten zum Tode verurteilen und alle Völker der Erde sich erheben, Ihn zu bekämpfen. So steht im al-K(a)áfídas¹, in einer Tradition des Jábir² in der Tafel der Fátima³ über die Merkmale des Qá'im geschrieben: »Er wird die Vollkommenheit Mose, den Glanz Jesu und die Geduld Hiobs offenbaren. Seine Auserwählten werden an Seinem Tage erniedrigt werden. Ihre Häupter werden als Geschenke dargeboten werden wie die Häupter der Türken und der Dailamiten.<4>. Sie werden erschlagen und verbrannt werden. Furcht wird sie ergreifen, Verwirrung und Bestürzung werden ihre Herzen mit Schrecken erfüllen. Die Erde wird mit Blut gerötet sein. Ihre Frauen werden trauern und wehklagen. Wahrlich, dies sind meine Freunde!« Bedenke, daß nicht ein Buchstabe dieser Tradition unerfüllt geblieben ist. In den meisten Orten wurde ihr gesegnetes Blut vergossen, in allen Städten wurden sie gefangengesetzt, in den Provinzen wurden sie zur Schau gestellt, und manche von ihnen wurden verbrannt. Doch keiner hat sich besonnen und darüber nachgedacht, warum, wenn der verheißene Qá'im das Gesetz und die Gebote einer früheren Sendung hätte offenbaren sollen, solche Traditionen überliefert wurden, warum soviel Streit und Konflikt entstanden ist, daß das Volk es als seine Pflicht ansah, diese Gefährten zu erschlagen, und warum es glaubt, durch die Verfolgung dieser heiligen Seelen höchste Gunst zu erlangen.

¹ `das Genügende`, Sammlung aller bekannter Dikta der Imáme. Sein Verfasser war der Iraner al-Kulainí, der in Qum wirkte und 940/941 in Baghdád starb

² Zeitgenosse des 5. Imáms Muhammad al-Báqir ³ siehe Glossar <4> siehe Glossar



+2:173 (274)

Sieh ferner, wie diese Geschehnisse und Untaten schon alle in früheren Traditionen erwähnt sind. So ist dies im Rawdiy-i-K(a)áfí über »Zawrá'« verzeichnet. Im Rawdiy-i-K(a)áfí wird von Mú'ávíyah, dem Sohn des Waháb, berichtet, daß Abú-'Abdi'lláh zu ihm gesagt habe: »Kennst du Zawrá'?« Ich sprach: »Möge mein Leben ein Opfer für dich sein! Sie sagen, es sei Baghdád.« »Nein«, antwortete er und fügte dann hinzu: »Bist du in die Stadt Rayy gekommen?«¹, worauf ich erwiderte: »Ja, ich bin dort gewesen.« Daraufhin fragte er: »Hast du den Viehmarkt besucht?« »Ja«, gab ich zur Antwort. Er sprach: »Hast du den schwarzen Berg gesehen zur Rechten der Straße? Eben dieser ist Zawrá'. Dort werden achtzig Männer aus einem gewissen Geschlecht erschlagen werden, die alle wert sind, Kalifen genannt zu werden.« »Wer wird sie erschlagen?« fragte ich. Er gab zur Antwort: »Die Kinder Persiens.«

¹ Alte Stadt, in deren Nähe Tihrán (Teheran) erbaut worden ist


+2:174 (275)

Dies ist der Zustand und das Seiner Gefährten, wie sie in früheren Tagen vorausgesagt wurden. Nun beachte, wie nach dieser Überlieferung Zawrá' nichts anderes als das Land Rayy ist. Dort sind Seine Gefährten unter großen Leiden getötet worden; alle diese heiligen Wesen mußten ihr Martyrium aus den Händen der Perser erdulden, wie es in der Tradition verzeichnet ist. Dies hast du gehört, alle sind dessen Zeuge. Doch warum halten diese Erdenwürmer nicht inne, um über diese Traditionen nachzudenken, die doch alle so klar sind wie die Sonne in ihrer Mittagsherrlichkeit? Aus welchem Grund weigern sie sich, die Wahrheit anzunehmen, warum lassen sie sich von gewissen Traditionen, deren Bedeutung sie nicht erfaßt haben, von der Erkenntnis der Offenbarung Gottes und Seiner Schönheit abhalten, so daß nun ihre Wohnstatt der Höllenschlund ist? Dies haben sie nur dem Unglauben der Geistlichen und Gelehrten dieser Zeit zuzuschreiben, von denen Sádiq, der Sohn Muhammads, sagt: »Die Theologen jener Zeit werden die verruchtesten unter dem Schatten des Himmels sein. Von ihnen ist das Unheil ausgegangen, und auf sie wird es wieder zurückfallen.«

+2:175 (276)

Wir beschwören die Gelehrten des Bayán, nicht auf solche Wege zu geraten und, wenn die Zeit des MustagháthEr, der als Hilfe angerufen wird«; der Begriff bezieh sich auf das vom Báb angekündigte Erscheinen Bahá'u'lláhs».¹ kommt, Ihm, dem göttlichen Wesen, dem himmlischen Licht, der absoluten Ewigkeit, dem Anfang und dem Ende der Manifestationen des Unsichtbaren, nicht anzutun, was an diesem Tage geschehen ist. Wir bitten sie, sich nicht auf ihren Verstand, ihre Fassungskraft und ihre Gelehrsamkeit zu verlassen und nicht mit dem Offenbarer himmlischen, unendlichen Wissens zu streiten. Doch bemerken Wir, daß trotz all dieser Ermahnungen ein Einäugiger als Führer des Volkes sich mit äußerster Bosheit gegen Uns erhebt. Wir sehen voraus, wie in allen Städten sich Menschen erheben, um die Gesegnete Schönheit zu unterdrücken, wie die Gefährten dieses Herrn des Seins, dieser letzten Sehnsucht aller Menschen, vor dem Angesicht des Unterdrückers fliehen und in der Wildnis Schutz vor ihm suchen, während andere sich darein ergeben und in vollkommener Loslösung ihr Leben auf Seinem Pfade opfern. Mich dünkt, Wir können einen erkennen, der im Ruf solcher Ergebenheit und Frömmigkeit steht, daß die Menschen es als ihre Pflicht ansehen, ihm zu gehorchen und sich seinem Befehl zu fügen, und der sich dennoch erheben wird, um die Axt an die Wurzel des göttlichen Baumes zu legen, der sich mit allen Kräften bemühen wird, Ihm zu widerstehen und sich Ihm zu widersetzen. So sind die Menschen!

¹ `Er, der als Hilfe angerufen wird` ; der Begriff bezieht sich auf das vom Báb angekündigte Erscheinen Bahá'u'lláhs


+2:176 (277)

Wir hegen die Hoffnung, daß das Volk des Bayán erleuchtet wird, daß es sich in das Reich des Geistes aufschwingt und dort Wohnung nimmt, daß es die Wahrheit erkennt und sie mit dem Auge der Einsicht von heuchlerischer Falschheit unterscheidet. In diesen Tagen jedoch sind solche Gerüche der Eifersucht verbreitet, daß - Ich schwöre bei dem Erzieher aller Wesen, der sichtbaren und unsichtbaren - seit dem Anfang und der Erschaffung der Welt - wenngleich sie keinen Anfang hat - bis auf den heutigen Tag solche Bosheit, solcher Haß und Neid noch nie erschienen sind und auch in Zukunft nie mehr bezeugt werden. Denn einige Menschen, die nie den Duft der Gerechtigkeit einatmeten, haben das Banner des Aufruhrs gehißt und sich gegen Uns verbündet. Auf allen Seiten erkennen Wir ihre drohenden Speere, nach allen Richtungen sehen Wir ihre Pfeile fliegen, obwohl Wir Uns nie einer Sache gerühmt oder danach getrachtet haben, vor jemandem bevorzugt zu werden. Jedem waren Wir ein gütiger Gefährte, ein verzeihender, liebevoller Freund. Bei den Armen suchten Wir Gemeinschaft, bei den Gelehrten und Hochgestellten waren Wir ergeben und gelassen. Ich schwöre bei Gott, dem Wahren! So schmerzlich die Pein und die Leiden waren, welche die Hand des Feindes und das Volk des Buches Uns angetan, so schwinden sie doch völlig zu nichts dahin, verglichen mit dem, was Uns aus der Hand derer widerfuhr, die vorgeben, Unsere Freunde zu sein.

+2:177 (278)

Was sollen Wir noch weiter sagen? Das Weltall, könnte es mit dem Auge der Gerechtigkeit schauen, wäre unfähig, das Gewicht dieser Rede zu tragen! Als Wir in den ersten Tagen Unserer Ankunft hierzulande die Zeichen kommender Dinge erkannten, beschlossen Wir, Uns zurückzuziehen, ehe sie geschehen würden. Wir begaben Uns in die Wildnis und führten dort abgeschlossen und allein zwei Jahre lang ein Leben in völliger Einsamkeit. Aus Unseren Augen rannen Tränen der Qual, und in Unserem blutenden Herzen wogte ein Meer von quälender Pein. Wie oft blieben Wir abends hungrig, und wie viele Tage fanden Wir keine Ruhe! Bei Ihm, in dessen Hand Mein Sein ist! Ungeachtet dieser Fülle von Leiden und nie endender Schicksalsschläge ward Unsere Seele von wonnevoller Freude erfaßt, strahlte Unser ganzes Wesen unaussprechliche Fröhlichkeit aus. Denn in Unserer Einsamkeit waren Wir entrückt vom Schaden oder Nutzen, Wohl oder Wehe irgendeiner Seele. Ganz allein verkehrten Wir mit Unserem Geist und vergaßen die Welt und alles darinnen. Wir wußten jedoch nicht, daß die Maschen der göttlichen Vorsehung feiner geknüpft sind als die Vorstellungen der Sterblichen und der Pfeil Seines Ratschlusses die kühnsten menschlichen Pläne ereilt. Niemand kann Seinen Schlingen entrinnen, keine Seele Erlösung finden außer in der Unterwerfung unter Seinen Willen. Bei der Gerechtigkeit Gottes! Zurückgezogen dachten Wir an keine Rückkehr, in Unserer Trennung lag keine Hoffnung auf Wiedervereinigung. Nur darum lebten Wir in der Einsamkeit, weil Wir nicht wollten, daß Unserethalben unter den Gläubigen und den Gefährten Zwietracht und Unruhe aufkomme, oder daß eine Seele gekränkt oder ein Herz bekümmert werde. Eine andere Absicht hatten Wir nicht. Doch jeder plant nach eigenen Wünschen und folgt dabei seinen eitlen Gedanken - bis zu der Stunde, da aus dem mystischen Quell der Ruf an Uns erging, der Uns befahl zurückzukehren, woher Wir gekommen. Wir ergaben Unseren Willen dem Seinigen und unterwarfen Uns Seinem Geheiß.

+2:178 (279)

Welche Feder kann beschreiben, was Wir bei Unserer Rückkehr gewahrten! Zwei Jahre waren vergangen, in denen Unsere Feinde unaufhörlich und hartnäckig darauf sannen, Uns zu vernichten. Dies wird von allen bezeugt. Und dennoch stand von den Gläubigen niemand auf, Uns beizustehen; niemand fühlte sich bewogen, Uns nur im geringsten zu helfen. Sie ließen vielmehr durch Worte und Taten Schauer immer neuer Kümmernisse auf Unsere Seele regnen! Mitten in alledem stehen Wir bereit, das Leben zu opfern, Seinem Willen völlig ergeben. Möge durch Gottes Güte und Gnade dieser offenbarte Buchstabe Sein Leben als Opfer auf dem Pfade des Ersten Punktes, des Erhabensten Wortes, darbringen. Bei Ihm, auf dessen Geheiß der Geist gesprochen hat: Wäre es nicht aus dieser Sehnsucht Unserer Seele gewesen, wir hätten keinen Augenblick länger in dieser Stadt verweilt. »Gott genügt Uns als Zeuge«.¹ Wir schließen Unsere Ausführungen mit den Worten: »Es gibt keine Macht noch Kraft als in Gott allein.« »Wir sind Gottes, und zu Ihm werden Wir zurückkehren.«²

¹ vgl. Qur'án 10:29; 13:43; 17:96 ² Qur'án 2:156


+2:179 (280)

Wer ein verstehendes Herz hat, wer getrunken hat vom Weine der Liebe, wer nie auch nur für einen Augenblick seinen selbstsüchtigen Wünschen gefällig war, der wird, strahlend wie die Sonne in ihrer Mittagspracht, diese Zeichen, Zeugnisse und Beweise schauen, welche die Wahrheit dieser wundersamen Offenbarung, dieses überragenden, göttlichen Glaubens bestätigen. Doch seht, wie die Menschen Gottes Schönheit verwerfen und sich ihrer Habgier hingeben. Trotz dieser vollendeten Verse und der unverkennbaren Andeutungen, die in dieser »höchst gewichtigen Offenbarung«, dem Treuhänder Gottes unter den Menschen, enthüllt wurden, und ungeachtet dieser klaren Traditionen, offenkundiger als die meisten ausführlichen Äußerungen, haben die Menschen deren Wahrheit zurückgewiesen und sich an den Buchstaben gewisser Traditionen gehalten, die so, wie sie sie verstanden, mit ihren Erwartungen nicht übereinstimmten und deren Bedeutung sie nicht zu erfassen vermochten. So haben sie jede Hoffnung zunichte gemacht und sich des reinen Weines des Allherrlichen und der klaren, unverderblichen Wasser der unsterblichen Schönheit beraubt.

+2:180 (281)

Bedenke, daß sogar das Jahr, in dem diese Quintessenz des Lichtes sich offenbaren sollte, ausdrücklich in den Traditionen verzeichnet ist - und doch achten sie ihrer nicht und lassen nicht einen Augenblick ab von ihren selbstsüchtigen Wünschen. Nach der Überlieferung fragte Mufaddal den Sádiq: »Was ist das Zeichen Seiner Offenbarung, o Meister?« Jener gab zur Antwort: »Im Jahre sechzig wird Seine Sache offenbart und Sein Name verkündet werden«.¹

¹ Tradition des Ja'far as-Sádiq ; siehe Glossar


+2:181 (282)

Wie seltsam ist dies! Diesen ausdrücklichen, klaren Hinweisen zum Trotz hat dieses Volk die Wahrheit gemieden. So sind zum Beispiel die Kümmernisse, die Gefangenschaft und die Trübsale, die diesem Inbegriff göttlicher Tugend zugefügt wurden, in früheren Traditionen genannt. Im Bihár steht geschrieben: »In unserem Qá'im werden vier Zeichen von vier Propheten zu sehen sein, von Moses, Jesus, Josef und Muhammad. Das Zeichen von Mose ist Furcht und Erwartung, von Jesus, was über Ihn gesprochen wurde, von Josef, daß Er eingekerkert und totgeschwiegen wurde, von Muhammad die Offenbarung eines Buches, ähnlich dem Qur'án.« Trotz dieser so beweiskräftigen Überlieferung, die in unverkennbarer Sprache die Geschehnisse dieses Tages vorausgeschaut hat, wurde niemand gefunden, der diese Prophezeiung beachtete, und Mich dünkt, auch in Zukunft wird niemand gefunden werden, außer dem, den dein Herr will. »Gott wahrlich, macht hörend, wen Er will. Doch Wir werden nicht hörend machen, die in ihren Gräbern sind«.¹

¹ Qur'án 35:22


+2:182 (283)

Es leuchtet dir ein, daß die Vögel des Himmels, die Tauben der Ewigkeit in zweierlei Sprache reden. Die eine Sprache, die äußerliche, ist ohne Anspielungen, unverhohlen und unverschleiert, auf daß sie eine führende Lampe sei, ein Leuchtfeuer, das den Pilger zu den Höhen der Heiligkeit, den Sucher in das Reich ewiger Vereinigung gelangen läßt. So sind die genannten unverhüllten Traditionen und die klaren Verse. Die andere Sprache ist verschleiert und verhüllt, auf daß alles, was im Herzen der Übelgesinnten verborgen liegt, offenbar und ihr innerstes Wesen aufgedeckt werde. Sádiq, der Sohn Muhammads, der sechste Imám der Shí'iten»¹ gesprochen: »Gott, wahrlich, wird sie prüfen und sieben«.² Dies ist das göttliche Maß, dies ist Gottes Prüfstein, mit dem Er Seine Diener prüft. Niemand begreift die Bedeutung dieser Worte außer denen, deren Herzen überzeugt sind, deren Seelen Gnade vor Gott gefunden haben und deren Geist von allem gelöst ist außer von Ihm. Bei solchen Worten ist die wörtliche Bedeutung, wie sie allgemein von den Menschen verstanden wird, nicht der gemeinte Sinn. Darum steht geschrieben: »Alles Wissen hat siebzig Bedeutungen, von denen nur eine den Menschen bekannt ist. Und wenn der Qá'im erstehen wird, dann wird Er den Menschen all das enthüllen, was übrigbleibt«.³ Er spricht auch: »Wir sprechen ein Wort und meinen damit einundsiebzig Bedeutungen; eine jede derselben können Wir erklären«.<4>

¹ Ja'far as-Sádiq, der sechste Imám der Shí'iten
² Tradition des Ja'far as-Sádiq; siehe Glossar ³ Hadíth <4> Hadíth>



+2:183 (284)

Wir zitieren dies nur, damit die Menschen nicht Traditionen und Aussprüchen verzweifeln, die sich nicht wörtlich erfüllt haben, sondern ihre Verwirrung ihrem mangelnden Verständnis zuschreiben und nicht meinen, die Verheißungen der Traditionen seien noch unerfüllt. Denn wie aus diesen Traditionen selbst hervorgeht, ist die Bedeutung, welche die Imáme des Glaubens in sie gelegt haben, diesem Volke nicht bekannt. Das Volk sollte sich darum durch solche Reden nicht der göttlichen Gnadenfülle berauben lassen, sondern Aufklärung bei den bevollmächtigten Auslegern suchen, so daß die verborgenen Mysterien enträtselt und deutlich offenbar werden.

+2:184 (285)

Doch gewahren Wir niemanden unter dem Volk, den es aufrichtig nach der Wahrheit verlangte und der in den dunklen Fragen des Glaubens die Führung der göttlichen Manifestationen suchte. Alle wohnen im Lande des Vergessens, alle gehören zum Volk der Bosheit und des Aufruhrs. Wahrlich, Gott wird ihnen antun, was sie selbst getan, und wird sie vergessen, so wie sie Seine Gegenwart an Seinem Tage vergessen haben. Dies ist Sein Ratschluß für die, welche Ihn leugnen, und so wird es denen gehen, die Seine Zeichen verwerfen.

+2:185 (286)

Wir schließen Unsere Beweisführung mit Seinen Worten - erhaben ist Er -: »Und wer sich von dem Gedenken des Barmherzigen zurückzieht, dem werden Wir einen Satan anketten, der soll sein Gefährte sein«.¹ »Und wer sich von Meinem Gedenken abwendet, wahrlich, dem wird ein Leben im Elend bestimmt sein«.²

¹ Qur'án 43:36 ² Qur'án 20:124






Also ist es in alten Zeiten offenbart worden - o würdet ihr es doch begreifen!
Offenbart durch das »Bá« und das »Há«.¹
Friede sei mit dem, der sein Ohr der Melodie des mystischen Vogels zuneigt,
der vom S(a)idratu'l-Muntahá aus ruft!

Gepriesen sei unser Herr, der Höchste!




¹ Die Buchstaben B und H bedeuten Bahá



GLOSSAR


'Abdu'lláh: der Vater des Propheten Muhammad

'Ahdu'lláh-i-Uhayy: ein mächtiger Gegner Muhammads ; genannt »der Fürst der Heuchler«

Ahraham: Stammvater Israels, lebte zwischen dem 19. und 17. Jahrhundert v.Chr. Beinamen: »Der Freund Gottes«, »Der Vater der Gläubigen«. Vgl. 'Abdu'l-Bahá, Beantwortete Fragen, Bahá'í-Verlag 1954, S. 26-28

Ahú-'Ahdi'lláh (auch Abí-'Ahdi'lláh ): arabischer Beiname des Imám Ja'far-i-Sádiq, des sechsten schiitischen Imám (83-148 d. H.)

Ahú'Amír: Gegner Muhammads; ein Mönch

Abú-Jahl: d.i. »Vater der Torheit«; so genannt von den Muhammadanern. Ein Onkel Muhammads und Sein unversöhnlicher Gegner

'Alí-ibn-i-Abí-Tálib: Heiliger, der Vetter und Schwiegersohn und rechtmäßige Nachfolger Muhammads; er war der erste Imám und der vierte Kalif und fand im Jahre 40 d. H. (661 n. Chr.) den Märtyrertod

Alíf, Lám, Mím: diese und andere Buchstaben stehen am Anfang von 29 Suren des Qur'án

Amalekiter: aus dem alten Testament bekannter Nomadenstamm, wurde aus Babylonien vertrieben, verbreitete sich durch Arabien bis Palästina, Syrien und Ägypten; ihm entstammten mehrere Pharaonen.

Athím: Sünder

'Aválim: eine Sammlung schiitischer Überlieferungen

Bá: arabischer Buchstabe

Báb: wörtlich das »Tor«, der Vorläufer Bahá'u'lláhs, der eine eigene Sendung als selbständiger Offenbarer Gottes begründete ; Er wurde 1819 geboren und fand 1850 den Märtyrertod.

Baghdád: Hauptstadt des Iráq. in dieser Stadt erklärte Bahá'u'lláh 1863 Seine Sendung

Bahá: »Herrlichkeit«, »Ruhm«, »Glanz«, »Licht«, Titel Bahá'u'lláhs

Bahá'u'lláh: wörtlich »Herrlichkeit Gottes«, der Begründer der Bahá'í-Religion und Verheißene aller Zeiten ; geboren Tihrán 12. November 1817, gestorben Bahjí bei Akká in Israel 29. Mai 1892

Baní-Háshim: Familie, der Muhammad entstammte

Bathá: Sumpfgebiet; hier: zentraler und niedrigstgelegener Teil der Stadt Mekka

Bayán: das wichtigste Buch des Báb über die Glaubenslehren Seiner Offenbarung, enthält neben Gesetzen zahllose Hinweise auf das Kommen des Verheißenen. Das Wort wurde vom Báb auch als Bezeichnung für Seine Sendung, vor allem Seine Bücher, benutzt.

Bihár: d.i. persisch »Frühling«, arabisch »Meer«; vgl. auch Biháru'l-Anvár

Biháru'l-Anvár: d.i. »Meere des Lichts«, eine Sammlung schiitischer Überlieferungen in mehr als 20 Bänden aus dem 17. Jahrhundert

Cherub, Cherubim: Engel und himmlischer Wächter

Erster Wille: das Erste, was aus Gott emanierte, ist jene allumfassende Wirklichkeit, die die. . . Bahá'í »Erster Wille« nennen 'Abdu'l-Bahá, Beantwortete Fragen, S. 202)

Fátimih: Tochter Muhammads und Gattin 'Alís

Gabriel: der höchste aller Engel, der Heilige Geist; ihm obliegt es, die Gebote Gottes niederzuschreiben; durch ihn wurde Muhammad der Qur'án geoffenbart

Há: arabischer Buchstabe. Bá und Há sind hier gleichbedeutend mit Bahá

Háji Mirzá Karím Khán: ein Scharlatan; schrieb einen »Führer für die Unwissenden« (»Ishádu'l-'Avám«). Seine Werke sind heute vergessen

Hamzih: »Fürst der Märtyrer«, Ehrentitel des Onkels von Muhammad

Háshim: begründete das arabische Geschlecht der Haschimiden, dem Muhammad und 'Alí entstammten '

Herodes: genannt »der Große« ; geb. in Askalon 73, gest. Jerusalem 4 v. Chr., König von Judäa. Er erneuerte den Tempel in Jerusalem

Hijáz: das Heilige Land der Muhammadaner, im Südwesten der arabischen Halbinsel. Hier liegen die heiligen Städte Mekka und Medina und viele andere Orte, die mit Muhammad verbunden waren. Die »Sprache des Hijáz« ist das Arabische

Húd: ein Prophet, der zu dem Stamm 'Ad kam. Er ermahnte das Volk zur Anbetung des einen Gottes, wurde aber verworfen (Qur'án 7:63-70 u. a.)

Husayn: Sohn 'Alís und der Fátimih, Enkel Muhammads, der dritte Imám; er fand 61 d. H. oder 680 n. Chr. den Märtyrertod

Ibn-i-Súrlyá: ein gelehrter jüdischer Rabbi zur Zeit Muhammads

Imám: d.i. »Meister, Führer«; Titel der zwölf schiitischen Nachfolger Muhammads, auch Bezeichnung hoher geistlicher und weltlicher Würdenträger

'Imrán: der Vater von Moses und Aaron

Jábir: und Abu- Ja'far-i-Túsí, Muhammadaner, die wie Mufaddal Überlieferungen des Imám Sádiq der Nachwelt übermittelten

Joseph: der Sohn Jakobs, gilt im Qur'án als erleuchteter Prophet und Muster der Tugend

Ka'h-Ibn-i-Ashraf: verschwor sich mit Abú Sufyán, dem Erzfeind des Propheten, mit dem Ziel, Muhammad umzubringen

Ka'bih, Kaaba: d.i. »Würfel« - das würfelförmige Gebäude im Zentrum des heiligen Bezirks von Mekka, in dem sich der Schwarze Stein befindet

Kafí: eine wichtige Sammlung schiitischer Überlieferungen

Kain: ältester Sohn Adams und Evas; tötete seinen Bruder Abel

Kaiphas: jüdischer Hoherpriester, der maßgeblich beteiligt war am Prozeß gegen Jesus

Kalif: d.i. »Nachfolger« oder »Stellvertreter«. Titel der Nachfolger Muhammads als religiöse und politische Herrscher des sunnitischen Islam

Karbilá: Stadt am Euphrat, etwa 90 km südwestlich von Baghdád, in der der Imám Husayn den Märtyrertod fand

Karim: d.i. großherzig, edel, ehrenwert, achtbar ; auch Titel

Kawthar: Fluß im Paradies, dem alle anderen Flüsse entströmen. Ein Teil seines Wassers füllt einen großen See, an dessen Ufern sich die Seelen der Gläubigen ausruhen, nachdem sie die gefährliche Brüche über die Mitte der Hölle überschritten haben

Khaybar: 1.) jüdische Festung in der Nähe Medinas, die von Muhammad und den Seinen erobert wurde. 2.) gebirgiger Bereich an der Nordwestgrenze Indiens

Kopten: die arabisch sprechenden christlichen Nachkommen der alten Ägypter, die zur Zeit von Moses Heiden waren

Kúfih: eine Stadt am Westufer des Euphrat, die heute verschwunden ist

Kumayl: eine berühmte Überlieferung des Islám

Leviathan: im Alten Testament ein Ungeheuer, als Drache, Schlange, Urmeer, Sinnbild des Chaos und der widergöttlichen Weltmächte

Magier: Bezeichnung für den Gelehrtenstand, eine Priesterkaste oder einen geistlichen Orden im alten Medien und Persien, von der Zeit der Achämeniden bis Muhammad

Medina: westarabische Stadt nördlich von Mekka ; neben Mekka der bedeutendste muhammadanische Wallfahrtsort, in dem sich die Gräber Muhammads und Seiner Lieblingstochter befinden

Mekka: Geburtsort Muhammads; heute Hauptstadt von Hedschas, Saudi-Arabien, nahe der Küste des Roten Meeres und bedeutendster Wallfahrtsort des Islám

Midian: Stadt und Gebiet am Roten Meer, südöstlich des Sinai. Hier wohnten die Nachkommen von Midian, dem Sohn Abrahams und der Keturah

Mihdí: d.i. »der Geführte« ; einer der Titel des zwölften Imám

Mi'ráj: die nächtliche Fahrt Muhammads mit Gabriel von Mekka nach Jerusalem und anschließend in den 7. Himmel, wo Er in die Gegenwart Gottes trat

Moses: nach dem Islám einer der sechs großen Propheten. Er offenbarte den Willen Gottes, gab dem Volk Israel Gesetze und führte es aus Ägypten; lebte im 13. Jahrhundert v. Chr.; vgl. 'Abdu'l-Bahá, Beantwortete Fragen, S. 28-30

Mufaddal: ergebener Anhänger des Imám Sádiq, von dem er viele Überlieferungen der Nachwelt erhielt

Muhammad: der Prophet und Offenbarer des göttlichen Willens (570-632 n. Chr.), der Begründer des Islám. Er offenbarte das Heilige Buch des Qur'án ; vgl. 'Abdu'l-Bahá, Beantwortete Fragen, S. 32-38

Mullá 'Abdu'l-Khaliq-i-Yazdí: ein jüdischer Geistlicher, der Muhammadaner wurde. Er schloß sich der Shaykhí-Schule an und wurde durch Mullá Husayn ein Anhänger des Báb

Mullá 'Alíy-i-Baraqání: eines der gelehrtesten und berühmtesten Mitglieder der Shaykhí-Schule. Nachdem er sich dem Glauben des Báb zugewandt hatte, wurde er in Tihrán zu einem seiner ernstesten und tiefsten Ausleger

Mullá 'Alíy-i-Bastámí: einer der »Buchstaben des Lebendigen«, d. i. der ersten Anhänger des Báb. Der Báb betraute ihn mit einem besonderen Auftrag, bei dessen Ausführung er als erster Gläubiger den Märtyrertod für den neuen Glauben erlitt

Mullá Báqir: aus Tabríz, ein hochgebildeter Mann, wurde einer der »Buchstaben des Lebendigen«; er war mit Bahá'u'lláh in Núr, Mázindarán und Badasht und überlebte alle anderen »Buchstaben des Lebendigen«

Mullá Husayn: der erste Anhänger des Báb, der erste »Buchstabe des Lebendigen« und der »Bábu'l-Báb«, d. i. »Tor des Tores« - ein Ehrentitel, den ihm der Báb verlieh. Er wurde 1813 geboren und war neun Jahre lang ein Schüler Siyyid Kázims und neun Jahre lang ein Anhänger des Báb, bis er im Februar 1849 in der Festung Shaykh Tabarsí den Märtyrertod fand '

Mullá Mihdíy-i-Khu'í: ein enger Vertrauter Bahá'u'lláhs und der Erzieher der Kinder in Seinem Haushalt; er fand in Shaykh Tabarst den Märtyrertod

Mullá Muhammad-'Alíy-i-Zanjání: genannt Hujjat. »Einer der befähigsten und unerschrockensten Verfechter des Glaubens« (Shoghi Effendi); er war der Führer der Bábí, die bei Zanján »furchtbare Belagerung und Gemetzel« (Lord Curzon) erduldeten, wo er zusammen mit 1800 Gläubigen den Märtyrertod fand

Mullá Ni'matu'lláh-i-Mázindarání: ein Bábí, der in Shaykh Tabarsí den Märtyrertod fand

Mullá Yúsuf-i-Ardibilí: ein »Buchstabe des Lebendigen«, der in Shaykh Tabarsí den Märtyrertod fand

Mustagháth: wörtlich »Er, der als Hilfe angerufen wird«; bezieht sich auf das Kommen Bahá'u'lláhs zu der Zeit, die vom Báb vorausgesagt worden war

Nadr-Ibn-i-Hárith: ein Gegner Muhammads

Nebuhadnezar (II.): König von Babylon. Er eroberte 597 v. Chr. Jerusalem und zerstörte es 587 und ließ die meisten seiner Einwohner in die Babylonische Gefangenschaft nach Chaldäa führen

Nimrod: im Islám angesehen als der Verfolger Abrahams

Noah: ein Prophet, dem im Islám der Titel »Prophet Gottes« verliehen wird

Nudhih: Gebet, »Wehklage« des Imám'Alí

Paradies: ein himmlischer Garten, die Stufe der Seligkeit. Der Prophet oder Offenbarer ist die »Nachtigall des Paradieses», Seine Offenbarung das »Rauschen der Blätter des Paradieses«, während das Paradies selbst die »Liebe Gottes« ist

Párán: auch arab. Phárán; ein Bergzug nördlich des Sinai, wie dieser ein heiliger Ort der Offenbarung. Seine Erwähnung in der Bibel bezieht sich auf den Propheten Muhammad. In Párán begründete Ishmael das Volk der Araber

Pentateuch: wörtlich »das Fünfrollenbuch«; Bezeichnung der fünf Bücher Mose

Pharao: Bezeichnung für die altägyptischen Könige

Phönix: ein Fabelwesen, das sich selbst verbrennt, um aus der Asche neugeboren emporzusteigen. Symbol der ewigen Erneuerung und der Auferstehung

Prophet: der Offenbarer und Verkünder des göttlichen Willens für den Menschen

Qá'im: wörtlich »Er, der sich erheben wird«. Der Verheißene des schiitischen Islám

Qayyúmu'l-Asmá, auch Qayyúm-i-Asmá: Kommentar zur Súrih von Joseph (Qur'án 12), die erste Offenbarungsschrift des Báb, in der die Leiden vorausgesagt werden, die Bahá'u'lláh von Seinem ungläubigen Bruder zu erdulden hatte. Das erste Kapitel wurde in Gegenwart von Mullá Husayn geoffenbart, als der Báb in der Nacht des 23. Mai 1844 in Shiráz Seine Sendung erklärte. Bahá'u'lláh bezeichnete es im Kitáb-i-Íqán als »das erste, größte und mächtigste aller Bücher« in der Offenbarung des Báb

Qiblih: Ort der Anbetung, Gebetsrichtung; die Qiblih des Islám ist Mekka

Qur'án: das Heilige Buch des Islám, das von Muhammad offenbart wurde; Bahá'u'lláh nennt es das »nicht irrende Buch«

Rabbi: wörtlich »mein Meister«; Ehrentitel jüdischer Schriftgelehrter zur Zeit Christi; später höfliche jüdische Anrede

Rawdiy-i-Kálí: Name eines theologischen Werkes des schiitischen Islám

Rayy: d.i. Rhages; eine alte Stadt, in deren Nähe Tihrán erbaut wurde

Ridván: der Name des Wächters im Paradies, auch Paradiesesgarten. Bahá'u'lláh bezeichnete damit das Paradies selbst

Rik'at: wörtlich »Sanftheit« ; tiefe Verbeugung, Fußfall beim Gebet

Rúz-bih: auch Salmán genannt; ein Perser, der den christlichen Glauben annahm und der, als ihm erzählt wurde, in Arabien werde ein Prophet erscheinen, dorthin reiste; er traf Muhammad bei Seiner Auswanderung von Mekka nach Medina bei Koba, anerkannte Seine Stufe und wurde ein Muslim

Saba des Ewigen: bezieht sich auf das Gebiet Saba in Südwestarabien; hier wohl im mystischen Sinne als die vom Menschen gesuchte Heimat in Gott zu verstehen

Sádiq: der 6. Imám des schiitischen Islam, Ja'far-i-Sádiq (699 bis 765 n. Chr.)

Sadrah: bezieht sich auf den Sadratu'l-Muntahá oder auf den Brennenden Busch: »Er, der es lehre«

Sadratu'l-Muntahá: Name eines Baumes, den die Araber früher an das Ende der Wege als Markierung pflanzten; symbolisch der Prophet oder Offenbarer Gottes, der »göttliche Lotosbaum«, der »Baum, über den hinaus keiner gehen kann« und der im Siebten Himmel, im höchsten Paradies, zur Rechten des Thrones Gottes steht. Auf ihn wird mittelbar in Qur'án 53:9 und direkt in Qur'án 53:14 Bezug genommen; die beiden Visionen, die dort beschrieben sind, werden nach der Überlieferung zu Muhammads Vision von der Himmelfahrt oder Mi'ráj (vergl, Súrih 17:1) in Beziehung gesetzt. in den Bahá'í-Schriften symbolisiert dieser Baum stets den Offenbarer oder die Manifestation Gottes, d. h. in dieser Sendung Bahá'u'lláh

Sadrih: wörtlich »der Ast, Zweig«

Sálih: ein arabischer Prophet nach der Zeit Húds, der wie dieser sein Volk (Thamud) zum Glauben an einen Gott anhielt und verstoßen wurde

Salsabíl: wörtlich »sanft fließend«. Name eines Flusses oder Brunnens im Paradies. 'Alí gibt ihm die Bedeutung »Suche den Weg«

Sámirí: im Qur'án Name des Mannes, der die Israeliten zur Sünde des Goldenen Kalbes verführte

Seraph: nach Jesaja 6, 1 ff. himmlisches Wesen, das zusammen mit dem Cherub ein Loblied Gottes singt

Shayk Ahmad (-i-Ahsá'í): Shayk Ahmad aus Ahsá an der Südküste des Persischen Golfes, 1753-1834 n. Chr., der erste der beiden schiitischen Religionsführer, die die Offenbarung des Báb und Bahá'u'lláhs ankündigten

Sheba: eine in der Bibel erwähnte Stadt in Südarabien; sie steht symbolisch für »Wohnsitz, Heim«

Shi'ah (Schia), auch Shi'ih: die »Partei« ('Alís), eine der beiden großen Glaubensrichtungen im Islám. Die sog. Zwölferschia ist Staatsreligion in Irán

Shíráz: Stadt in Südpersien, in der der Báb am 22. Mai 1844 Seine Sendung erklärte

Shoeb: Priester in Midian. Moses heiratete seine Tochter

Siegel der Propheten: bezeichnet Muhammad. Diese Benennung verdeutlicht, daß Er die letzte Manifestation des Prophetischen Zyklus vor dem Kommen des Tages Gottes war

Sinai: Berg, auf dem Moses von Gott das Gesetz gegeben wurde

Sirát: wörtlich »Weg, Straße«; bezeichnet im Islám den Weg und die Brücke, über die alle Gläubigen auf ihrem Weg in den Himmel gehen müssen ; für Sünder ist sie unüberschreitbar

Siyyid Husayn-i-Turshizí: ein Rechtsgelehrter, der als einer der Sieben Märtyrer von Tihrán den Tod fand

Siyyid Kázim (-i-Rashtí): der zweite der beiden schiitischen Religionsführer, die die Offenbarung des Báb und Bahá'u'lláhs ankündigten; er starb 1843 in Karbilá

Siyyid Yahyá (-i-Dárálí ): vgl. Vahíd

Stein der Weisen: in der Alchimie ein sagenhaftes Mittel zur Läuterung unedler Metalle zu Gold sowie zur Krankenheilung

Súfi: Mystiker im Islám; sie erstreben die Vereinigung mit Gott, von dem alle Dinge emanieren, durch Ekstase und Kontemplation

Súrah, Súrih (Sure): eine Reihe oder Serie ; im Islám die Bezeichnung für die Kapitel des Qur'án

Tablet: auch Sendschreiben. Bezeichnung der Bahá'í für eine heilige Schrift, die eine Offenbarung enthält; in Anlehnung an die Gesetzes-Tafeln von Moses werden damit vor allem die offenbarten Werke Bahá'u'lláhs gekennzeichnet

Taff: Bezeichnung für das Gebiet um Karbilá

Thamud: ein arabischer Stamm von Götzendienern, die in Höhlen hausten

'Urvatu'l-Vuthqá: wörtlich »der sichere Halt« ; bezeichnet das Bündnis und das Testament Bahá'u'lláhs

Vahháb: wörtlich »Spender, Schenker« ; Bezeichnung Gottes

Vahid: ein Gelehrter, der im Auftrage des Sháh die Wahrheit der Sendung des Báb prüfen sollte; er bekannte sich zu ihm und fand in Nayríz den Märtyrertod. Er war der gelehrteste und einflußreichste Anhänger des Báb

Yahyá: im Islám der Name für Johannes den Täufer

Yanbú: eine Zusammenstellung schiitischer Überlieferungen

Yathrib: der alte Name der Stadt Medina, der Stadt des Propheten

Zaqqúm: ein Baum im Bereich der Hölle mit sehr bitteren Früchten

Zawrá: ein Berg in Persien, der in einer Prophezeiung erwähnt wird

Ziyárat: Besuchstablet, das von 'Ali geoffenbart wurde

fin







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BAHÁ'U'LLÁH DAS BUCH DER GEWISSHEIT


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