Read: 1968 Aug an die Hände


An die Hände der Sache Gottes und die Bahá'í-Freunde, die in Palermo/Sizilien bei der Ersten Bahá'í-Ozeanischen Konferenz versammelt sind.
Herzlich geliebte Freunde!
Das Ereignis, dessen wir bei dieser ersten Ozeanischen Bahá'í-Konferenz gedenken, ist einzigartig. Weder der Auszug Abrahams von Ur in Chaldäa nach der Gegend von Aleppo, noch die Reise Mose zum Gelobten Land, noch die Flucht Marias und Josephs mit dem Jesuskind nach Agypten und auch nicht die Hedschra Muhammads können mit der Seereise verglichen werden, die Gottes Höchste Manifestation vor einhundert Jahren von Gallipoli nach dem Größten Gefängnis machte. Die Reise
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II. Teil: Die Welt als Aufgabe
war Bahá'u'lláh von zwei Despoten aufgezwungen worden, die Seine Hauptgegner in dem entschlossenen Versuch waren, ein und für alle Mal Seine Sache auszurotten, und der Befehl zu Seiner vierten Verbannung kam, als der Strom Seiner prophetischen Worte am höchsten wogte. Die Verkiindigung Seiner Botschaft an die Menschheit hatte begonnen; die Sonne Seiner Majestät hatte den Zenith erreicht und wie es die Hingabe Seiner Anhänger, die Wertschätzung der Bevölkerung, sowie die Achtung der Regierungsbeamten und der Vertreter auswärtiger Mächte bezeugten, war Seine hohe Stufe offenbar geworden. Zu einer solchen Zeit war Er dem Befehl Seiner endgiiltigen Verbannung nach einem weit entfernten, finsteren und verpesteten AuBenposten des untergehenden türkischen Weltreiches ausgesetzt.
Bahá'u'lláh kannte besser als Seine königlichen Verfolger das Außmaß des Unheils, das Ihn erwartete. Eingeschlossen in eine Gefängniszelle, der Zugang zu jenen genommen, an die Seine Botschaft zu richten war; getrennt von Seinen Anhängern mit Ausnahme der Wenigen, die Ihn begleiten sollten, deren Gegenwart Er aber ebenfalls beraubt war, schien es nach irdischen Gesichtspunkten unvermeidlich, daß das Schiff Seiner Sache kentern, Seine Mission scheitern und sterben muBte.
Aber es war der Herr der Heerscharen, mit Dem sie es zu tun hatten. In voller Kenntnis der Leiden, die vor Ihm lagen, war Sein einziger Gedanke, Seinen Anhängern Vertrauen und Kraft einzuflößen, an die Er sofort erhabene Sendschreiben richtete mit der Versicherung, daB die Macht Seiner Sache alle Widerstände überwinden würde. »Sollten sie versuchen, ihr Licht auf dem Kontinent zu verbergen«, ist eine Seiner kraftvollen AuBerungen zu diesem Thema, »wird sie sicher ihr Haupt inmitten des Ozeans erheben und ihre Stimme mit der Verkündung erschallen lassen: >Ich bin der Lebensspender der Welt!«< Alle Priifungenn, die Menschen auf Ihn häufen konnten, wurden vom Felsen Seines unwandelbaren Willens wie die Gischt des Meeres zurückgeworfen. Seine geduldige Unterwerfung unter die
8 Wien — Die Zeit urn die Asienreise
Beleidigungen der Menschen, Seine Stärke, Seine himmlische Schöpferkraft verwandelten den düsteren Ton des Schreckens in einen Jubelchor des Triumphes. Auf dem Tiefpunkt Seines irdischen Schicksals erhob Er die Standarte des Sieges Ober der Gefängnisstadt und ließ den heilenden Balsam Seiner Gesetze und Gebote, die in Seinem Heiligsten Buch geoffenbart sind, Ober die Menschheit verströmen. »Bis in unsere Zeit«, so bemerkt `Abdu'l-Bahá, »ist so etwas noch nie geschehen.«
In der verinnerlichenden Betrachtung diesel Ehrfurcht gebietenden, groBartigen Geschehens möogen wir ein klareres Verständnis unserer eigenen Zeiten gewinnen, eine vertrauensvollere Sicht Ober ihren Ausgang und ein tieferes Erfassen unseres Beitrages, den wir zu leisten berufen sind.
DaB es Menschen ohne Hilfe der göttlichen Offenbarung nicht möglich ist, die Gewalt des Umsturzes, welcher den ganzen Erdball erfaßt hat, aufzuhalten, ist eine Wahrheit, die in unseren Schriften wiederholt und mit Nachdruck betont wird. Die alte Ordnung kann nicht wiedergesunden; sie wird vor unseren Augen aufgerollt. Der moralische Niedergang und der Zerfall, die die menschliche Gesellschaft heimsuchen, müssen ihren Lauf nehmen; wir können das weder aufhalten noch abwenden.
Unsere Aufgabe ist es, die Ordnung Bahá'u'lláhs aufzubauen, unbeirrt von den verzweifelten Versuchen derjenigen, die den das menschliche Leben aufwühlenden Sturm durch politische, wirtschaftliche, soziale oder erzieherische Programme mildern wollen. LaBt uns das Wesen des Bahá'í Lebens dartun und Sein Göttliches System aufrichten, einig in der Hingabe und ausgerichtet auf unser Ziel im Schutze Seiner uneinnehmbaren Festung und richer vor den Pfeilen des Zweifels. Wo immer eine Bahá'í-Gemeinde besteht, ob groß oder klein, laßt sie ausgezeichnet sein durch Festigkeit und Sicherheit im Glaubens, durch ihren hohen Standard der Rechtschaffenheit, ihr völliges Freisein von alien Arten des Vorurteils, durch den Geist der Liebe unter ihren Mitgliedern und die festgeknüpften Bande ihres
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Gemeinschaftslebens. Der ins Auge fallende Unterschied zwischen dieser Vision und dem Zustand der heutigen Gesellschaft wird das Interesse der geistig aufgeschlosseneren Menschen unvermeidlich wecken, und je mehr die Welt in Dunkelheit versinkt, umso heller und heller wird das Licht des Bahá'í-Lebens aufleuchten, bis sein Strahlen endlich die enttäuschten Massen anziehen muß und sie dazu bringt, in dem Hafen des Bündnisses Bahá'u'lláhs Schutz zu suchen, der allein Frieden, Gerechtigkeit und ein geordnetes Leben sichern kann.
Die große See, auf einer deren Hauptinseln Sie nun versammelt sind, in deren Hinterland und auf deren Inseln die judische, die christliche und die Islamische Kultur blühten, ist der angemessene Schauplatz für die Erste Ozeanische Bahá'i-Konferenz. Vor zwei Jahrtausenden haben die Jünger Christi in diesem Umfeld solche Taten des Heroismus und der Selbstaufopferung vollbracht, daß ihrer noch heute gedacht wird und sie für immer in den Annalen Seiner Sache ausgezeichnet sind. Eintausend Jahre später haben die Länder an den südlichen und westlichen Ufern dieser See die Herrlichkeit des Goldenen Zeitalters des Islam erblickt.
Am Tage des Verheißenen gewann diese See ewigen Ruhm durch ihre Verbindung mit dem Heroischen und Gestaltenden Zeitalter Seiner Sache. Sie trug auf ihren Wellen den König der Konige Selbst; der Mittelpunkt Seines Bündnisses iiberquerte sie des öfteren im Verlauf Seiner epochemachenden Reisen nach dem Westen, während derer Er die unauslöschlichen Spuren Seiner Anwesenheit den europäischen und afrikanischen Landen einprägte; das Zeichen Gottes auf Erden reiste häufig auf diesem Meer. Es beherbergt in seinen Tiefen die sterblichen Uberreste der Hand der Sache Gottes, Dorothy Baker, und rundum auf seinen Ufern ruht der Staub der Apostel, Märtyrer und Pioniere. Sechsundvierzig Ritter Bahá'u'lláhs stehen in Beziehung zu sieben Inseln und fünf Randgebieten dieser See. Durch solche und andere Ereignisse wurden die Mittelmeerländer – die alte Heimat der Kulturen – mit der geistigen Kraft ausgestattet,
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damit die Erstarrung jener einst groBartigen, aber nun dem Untergang geweihten sozialen Ordnungen zu Risen und erneut das Licht Göttlicher Führung auszustrahlen.
Durch hingebungsvolle, heroische und opferbereite Taten während der Amtszeit des geliebten Hüters wurde der Glaube Bahá'u'lláhs in diesem Gebiet errichtet. Acht Säulen des Universalen Hauses der Gerechtigkeit wurden gebildet, die ersten einer noch großeren Anzahl, die jetzt und im Verlauf zukünftiger Pläne erstehen müssen und, wie von Shoghi Effendi vorhergesehen, auch Nationale Geistige Räte auf den Hauptinseln jener historischen See umfaßt.
Die Erreichbarkeit solcher faszinierenden Entwicklungen hängt vom Ausgang des Neunjahresplanes ab. Am Scheitelpunkt jenes Planes, obwohl bereits große Fortschritte gemacht wurden, müssen mehr als die Hälfte der Ziele noch gewonnen werden. Die größte Lücke klafft bei der Eroffnung neuer Zentren, in denen Bahá'í leben und bei der Bildung von lokalen Geistigen Räten, was die Vorausetzung für die Bildung Nationaler Geistiger Räte ist. Eine deutliche Intensivierung des Lehrens – wirkungsvollen Lehrens – ist erforderlich, um den Rückstand aufzuholen; Pioniere werden benötigt, Lehrer müssen auf Reisen gehen, finanzielle Mittel müssen zur Verfügung gestellt werden. Es ist unsere Hoffnung, daß bei dieser Konferenz durch Ihren Enthusiasmus, Ihre Gebete und Ihren Sinn der Hingabe eine große geistige Antriebskraft entsteht, um jenen enormen Aufschwung zu verstärken, der in ständigem Anwachsen während der nächsten vier Jahre die Gemeinde des Größten Namens zu überwältigenden Siegen im Jahre 1973 tragen muß.
Liebe Freunde, in einigen wenigen Tagen wird die Jahrhundertfeier der Ankunft Bahá'u'lláhs im Heiligen Land stattfinden. Die Herzen und Gedanken der gesamten Bahá'í-Welt werden sich zum Heiligsten Schrein wenden, wo diejenigen, welche das Vorrecht haben, dieser Gedächtnisfeier beizuwohnen,
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Zeitalters richten. Laßt sie ihrer Mitgläubigen in ihrer Heimat gedenken und aus der Tiefe ihrer Seele solche Segensströme und Gnadengaben erflehen, die auf die Freunde Gottes allüberall niederfließen mögen, um sie zu veranlassen, sich wie ein Mann zu erheben, und ihre Liebe für Ihn, Der far sie gelitten hat, durch solche Opfertaten und Hingabe zu beweisen, welche die Taten der Vergangenheit überstrahlen und jedes Hindernis auf dem Vormarsch der Sache Gottes hinwegfegen.
Mit liebevollen Bahá'í-GrüBen
Das Universale Haus der Gerechtigkeit

Aus Biographie Hand der Sache Dr. Adelbert Muehlschlegel

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