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DAS UNIVERSALE HAUS DER GERECHTIGKEIT
Bahá’íWeltzentrum


Haifa, 11. Januar 1971

An den Nationalen Geistigen Rat der Bahá’í in Deutschland

Liebe Bahá’í-Freunde,

der langsame Fortschritt des Glaubens in Deutschland muß für Ihren Rat ein Anlaß großer Sorge sein, und wir sind sicher, daß Sie viele Stunden des Nachdenkens und der Beratung diesem Problem widmen. Wir nahmen mit großer Befriedigung von den Schritten Kenntnis, welche Ihr Rat in Ihrer Zusammenkunft am 10. und 11. Oktober eingeleitet hat, um die Erreichung der Ziele für die Bildung örtlicher Räte in Deutschland tatkräftig und ermutigend zu verfolgen. Wir freuen uns auch auf Zeugnisse vieler weitreichender fruchtbarer Ergebnisse der Besuche der Hände der Sache `Alí Akbar Furútan und John Robarts in Ihrer Gemeinde. Die weithin bekannt gewordenen Tourneen der europäischen »Dawnbreakers« und von Fräulein Linda Marshall dürften den Freunden ebenfalls viele neue Möglichkeiten zur Verbreitung des Glaubens vor Augen geführt haben.

Der Fortschritt der Sache hängt von vielen Faktoren ab. Einer davon ist natürlich die Aufnahmefähigkeit der Menschen, welche die Botschaft hören. Diesen Faktor zu ändern, liegt weitgehend außerhalb der Fähigkeit der Bahá'í. Das ermutigende Zeichen ist jedoch, daß weithin in der ganzen Welt, insbesondere unter jungen Menschen, die geistige Aufnahmebereitschaft neuerdings in starkem Maße wächst und noch weiter zunimmt. Es gibt keinen Grund, zu glauben, daß Deutschland von dieser weltweiten Erscheinung ausgeschlossen sein sollte. Dennoch wollen wir besonders auf die Faktoren hinweisen, die ein unmittelbares Ergebnis der Aktivitäten der Bahá'í darstellen; denn wenn die Bahá'í nur ihren Anteil leisten - wie wenig erfolgversprechend die Aussicht auch scheinen mag - , kann Bahá'u'lláh Türen öffnen und Bedingungen ändern auf eine Weise, die unser Begreifen weit übersteigt.

Vier Dinge sind es, die - wenn die deutsche Bahá'í-Gemeinde sie in die Tat umsetzt - den Fortschritt der Sache in diesem Land und auf dem ganzen europäischen Kontinent von Grund auf ändern könnten; denn diese Gemeinde, »die von `Abdu'l-Bahá so sehr geliebt wurde«, ist, wie der Hüter bezeugt hat, »dazu bestimmt - wie Er voraussagte - , das Licht der geheiligten Offenbarung Gottes nicht nur im Herzen Europas, sondern über diesen ganzen ... geistig ausgehungerten Kontinent zu verbreiten.«


Die Macht Bahá'u'lláhs

Das erste ist eine größere Vergegenwärtigung der Macht Bahá'u'lláhs, die Anstrengungen derer, die Ihm dienen, zu stärken, sowie Seiner Verheißung, dies zu tun, und der Machtlosigkeit aller unserer Taten ohne diesen göttlichen Beistand. Jede Einschätzung einer Situation ist völlig irreführend, wenn sie nicht diese höchste Macht in Betracht zieht; sind sich die Bahá'í hingegen ihrer Abhängigkeit von Ihm ständig bewußt, dann werden sie befähigt, kühne Pläne zu entwerfen und diese auch angesichts unüberwindlich scheinender Hindernisse vertrauensvoll zu vollenden.

Erreichung der Ziele von äußerster Dringlichkeit

Ausgerüstet mit diesem Bewußtsein sollten sich dann die Gläubigen der Gewinnung der Ziele des Neunjahresplanes mit dem Geiste zuwenden, der sie erreichen wird. Dieser Plan ist eine Stufe in der Entfaltung des Göttlichen Planes `Abdu'l-Bahás. Die Erreichung seiner Ziele ist von äußerster Dringlichkeit und Wichtigkeit, weil die Anhänger Bahá'u'lláhs einen Wettlauf mit der Zeit austragen. Die Menschheit ist im Begriff, in einen Abgrund des Verderbens zu stürzen, beschleunigt durch ihre eigene Torheit. Je länger wir Bahá'í in der Erfüllung der Aufgaben, die Gott uns gestellt hat, zögern, desto größer wird das Leiden unserer Mitmenschen. Allerorten beginnen die Menschen schon jetzt zu sagen: »Wir haben gewartet und uns nach dieser Botschaft gesehnt. Warum habt ihr so lange gebraucht, zu uns zu kommen?« Die Gläubigen sollten die Ziele ins Auge fassen und erkennen, daß diese dazu bestimmt sind, gewonnen zu werden. Sie sollten entscheiden, was dazu erforderlich ist, und dann - mag die Aussicht auf Erfolg auch noch so hoffnungslos scheinen - entschlossen darangehen, alles Notwendige zu tun, im Vertrauen darauf, daß Bahá'u'lláh sie mit Seinen Heerscharen stärken und die Tore des Sieges vor ihnen öffnen wird.

Pionierbewußtsein

Der dritte Punkt ist ein rein praktischer Schritt, auf welchen der geliebte Hüter selbst die deutsche Bahá'í-Gemeinde in anschaulicher Form hingewiesen hat. Mit Brief vom 30. Oktober 1951 schrieb sein Sekretär in seinem Auftrag an Ihren Rat:

»Das weitaus Wichtigste ist jetzt, da in der deutschen Bahá'í-Gemeinde größere Einigkeit zustande gekommen ist, die Freunde pionierbewußt zu machen: Sie müssen lernen, sich hinaus zu wagen, ihr Vertrauen in Gott zu setzen und in neue Städte und an neue Orte zu gehen, um dort die Sache einzuführen. Dies wird eine gänzlich neue Phase in der Geschichte der Sache in Deutschland kennzeichnen und den Bahá'í ein Gefühl des Sieges und des Selbstwertes geben, wie sie es nie zuvor gehabt haben. Wenn sie sehen, wie sie nach Jahren der Verfolgung, des Krieges, der Besatzung, des finanziellen Chaos und der Unsicherheit ihr .Ha.zíra gebaut und ihr nationales Verwaltungszentrum dorthin verlegt haben, dann müssen sie verwundert über ihren Sieg und unendlich stolz sein. Haben sie jemals gedacht, daß so etwas geschehen könnte? Mit dem gleichen Glauben und der gleichen Entschlossenheit sollen sie sich jetzt erheben, um neue Räte und Gruppen aufzubauen. Sie werden sehen, daß sie Erfolg haben, so wie sie mit ihrem Hazíra Erfolg hatten.«

Seitdem ist die deutsche Gemeinde gewachsen, sie hat einen blühenden Verlag gegründet und damit die Literatur der Sache in der deutschen Sprache sehr viel besser zugänglich gemacht, sie ist der Gastgeber für große Internationale Konferenzen gewesen, hat den Muttertempel Europas im Herzen dieses Kontinents errichtet und ihr nationales Verwaltungszentrum in den Umkreis dieses Tempels verlegt - wobei sie für jenes .Ha.zíratu'l-Quds, das ihre erste große Leistung nach dem Krieg gewesen war, eine Summe einlöste, die die kühnsten Träume seiner Erbauer weit überstieg.

Der Geist des Pionierens ist jedoch noch unterentwickelt. Die deutschen Gläubigen müssen sich jetzt erheben, um dem Ruf des Hüters zu folgen, unbeirrt durch die Probleme und Gefahren; sie müssen »ihr Vertrauen in Gott setzen« und auf die Zusicherung des Hüters bauen: »Sie werden sehen, daß sie Erfolg haben.« Dieser eine Schritt wird mit unfehlbarer Sicherheit, wie der Hüter ausführt, »eine gänzlich neue Phase in der Geschichte der Sache in Deutschland kennzeichnen«. »Auf diese Weise«, schrieb er am 14.8.1957, »werden die Angelegenheiten des Glaubens die Segnungen Bahá'u'lláhs anziehen, und die Gläubigen werden von Ihm dafür belohnt werden, daß sie ihre Pflicht erfüllen und die Herausforderung der jetzigen Stunde annehmen.«

Diese ersten drei Punkte sind eng miteinander verbunden: Das feste Vertrauen auf Bahá'u'lláh wird die Freunde befähigen, zu pionieren, das Bewußtwerden des dringenden Charakters der Ziele wird sie inspirieren, so zu handeln, und sie bei der Wahl ihres Pionierortes leiten. Das Opfer, das sie erbringen, indem sie sich erheben, um ihr Heim zu verlassen, wird auf sie die göttlichen Bestätigungen herabrufen und durch lebendige Erfahrung ihre Liebe zu Gott, ihr Bewußtwerden Seiner allgegenwärtigen Fürsorge und ihr Vertrauen auf Ihn in jeder Lage ihres Lebens vertiefen.

Methoden des Lehrens

Bei dem vierten Schritt geht es um die Methoden des Lehrens. Durch sie kann die Verbreitung der Sache in Deutschland neu belebt werden. Wir stehen unter dem Eindruck, daß die deutschen Bahá'í in ihren öffentlichen Vorträgen, bei ihren Sommerschulen und Tagungen und selbst beim persönlichen Lehren sich viel zu stark darauf konzentrieren, die Sache unter dem intellektuellen, philosophischen und wissenschaftlichen Blickwinkel zu beleuchten. Selbst wenn sie Christen lehren, scheint dabei der theoretische, theologische Gesichtspunkt am meisten betont zu werden. Wir sagen nicht, daß dieser Gesichtspunkt der Lehrarbeit vernachlässigt werden sollte. Er ist in der Tat wichtig, besonders in Deutschland. Aber er sollte durch andere Ansätze und Verfahren, die Menschen anderer Denkrichtung ansprechen, ergänzt und ausgeglichen werden. Der Genius des deutschen Volkes ist nicht nur philosophisch und wissenschaftlich, sondern auch in hohem Maße poetisch, tief geistig und sehr idealistisch. Ihr Rat sollte viele verschiedene Wege der Darstellung des Glaubens in Betracht ziehen und zu diesen ermutigen. Nicht nur seine Wahrheit, sondern auch seine Freude, die Einheit der Freunde, der Geist der Liebe und des Dienens, der Vergebung und der Menschlichkeit sollte zum Ausdruck gebracht werden. Viele dieser Punkte lassen sich besser vorzeigen als beschreiben. Die Jugend soll es sich zum besonderen Ziel machen, die Nicht-Bahá'í-Jugend um sie herum anzusprechen und sie anzuziehen. Alle Gläubigen mögen sich vor Augen halten, daß jemand, der intellektuell vom Glauben angesprochen wurde, diesem nur in seltenen Fällen wirklich beitritt, sofern nicht auch sein Herz angesprochen wird; ist dagegen jemand im Herzen von Bahá'u'lláh ergriffen, dann wird er sich sofort zu Seinem Dienst erheben und dann auch seine verstandesmäßigen Probleme lösen, indem er der Sache dient, die er liebt.

Wir glauben, daß größere Spontaneität, größere Wärme und persönlicher, informeller Kontakt, unterstützt durch herzliche Gastfreundschaft, die Lehrarbeit in Deutschland ungemein verstärken wird.

Ihr Rat sollte auch Wege ausfindig machen, wie die verschiedenen Schichten der deutschen Gesellschaft erreicht werden können, die Armen und Ungebildeten in den Slums der großen Städte, die Landwirte und Bauern in den Ebenen des Nordens und den Bergen des Südens, die Jugend in den Schulen und an den Universitäten, die in der Industrie tätige Jugend ebenso wie die steigende Zahl derjenigen Jugendlichen, die sich über die moderne Gesellschaft keine Illusionen mehr machen und sich gegen diese Gesellschaft auflehnen. In all diesen Bereichen finden sich viele Menschen, die für die Botschaft Bahá'u'lláhs vorbereitet sind und auf sie warten.

Es ist unser heißes Gebet, daß die Freunde in Deutschland mit ganzem Herzen auf diese Nöte antworten und die Gelegenheiten ergreifen werden und daß jedes Ziel des Planes in diesem Land schnell erreicht wird. Denn mit äußerster Dringlichkeit muß die Heimatfront stark gefestigt werden und kräftig wachsen, damit die deutsche Bahá'í-Gemeinde die nächste Phase der Entfaltung ihrer hohen Bestimmung in Angriff nehmen kann, einer Bestimmung, die die deutschen Anhänger Bahá'u'lláhs dazu aufruft, »die Fackelträger des Lichtes göttlicher Führung für die Nachbarländer auf diesem Kontinent« zu sein und »sich in den Osten und Süden Europas und über diese Gebiete hinaus in das Herz von Nordasien bis zum Chinesischen Meer zu verbreiten.«

Bitte geben Sie den Gläubigen in Deutschland sofort von diesem Brief Kenntnis, denn Bahá'u'lláh hat die Verantwortung, Seine Sache zu lehren, auf die Schultern jedes einzelnen Bahá'í gelegt.

Möge der Allmächtige die Beratungen Ihres Rates inspirieren und die Herzen der Freunde beleben, damit sie bereitwillig und voll Eifer dem Ruf folgen, den Sie zum jetzigen Zeitpunkt - einem Wendepunkt in den Annalen der Sache in diesem Land - an sie richten werden.

Mit tiefster Bahá’í-Liebe
Das Universale Haus der Gerechtigkeit

Brief des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 11. Januar 1971 an den Nationalen Geistigen Rat von Deutschland Seite: 3



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