Read: 1994 Sept 19, Bedingungen des Lehrens


Bahá´í-Identität festigen und Ängste überwinden
Zu den Bedingungen des Lehrens in Deutschland


Das Universale Haus der Gerechtigkeit hat in einem Brief vom 19. September 1994 an den Nationalen Geistigen Rat der Bahá’í in Deutschland ausführlich zu den Bedingungen des Lehrens Stellung genommen. Wir freuen uns, eine deutsche Übersetzung dieses Briefes zu veröffentlichen.

An den Nationalen Geistigen Rat
der Bahá’í in Deutschland

Liebe Bahá’í-Freunde,

das Universale Haus der Gerechtigkeit hat uns beauftragt, Ihnen für Ihren Brief vom 9. August 1994 zu danken, mit dem Sie eine Kopie Ihres Briefes selben Datums an Berater Donald Rogers schickten, der Sie im Auftrag des Internationalen Lehrzentrums besuchen wird.

Das Haus der Gerechtigkeit begrüßt die gründliche Analyse, die Sie vom sozialen Klima in Deutschland zum gegenwärtigen Zeitpunkt, von der Stimmung in der Bahá’í-Gemeinde und von den früchtebringenden Aktivitäten, die bereits im Gange sind, vorgenommenen haben. Dies wird für Herrn Rogers in seiner Zusammenarbeit mit den Beratern und mit Ihrem Rat sehr hilfreich sein. Auch liefert es für Ihre eigenen Beratungen und Aktionen eine klärende Grundlage.

Eigene Aktivitäten und Beteiligung an Projekten

Es gibt zwei Handlungsbereiche, die den Glauben voranbringen. Der eine, der ungeachtet irgendwelchen gemeinschaftlicher Pläne ständig weitergehen sollte, ist für jeden einzelnen Gläubigen die Erfüllung seiner oder ihrer Verantwortung gegenüber Bahá’u’lláh, Seinen Glauben zu lehren. Der andere Bereich sind die durch die Institutionen des Glaubens ins Leben gerufenen und ihrer Führung unterliegenden Aktivitäten und Projekte, in denen die einzelnen Freunde zusammenarbeiten.

Wie Sie andeuten, sind zwei der Aufgaben, die sich Ihrem Rat stellen, die Bahá’í-Identität der Gläubigen zu festigen und ihnen dabei zu helfen, ihre Ängste, die sie vom Lehren des Glaubens abhalten, zu überwinden. Die erste hängt mit der Aufrechterhaltung des Bahá’í-Standards und der Bahá’í-Gesetze durch die Gläubigen angesichts des herabgesetzten gesellschaftlichen Drucks zusammen, die zweite wird sie befähigen, beim Überbringen der Botschaft an empfängliche Seelen Initiative und Vertrauen zu zeigen. Die Erfüllung dieser beiden Aufgaben wird darin bestehen, daß der Entwicklung des geistigen Lebens des einzelnen Gläubigen Aufmerksamkeit gewidmet wird, und daß in jeder Bahá’í-Gemeinde jene warme, liebevolle Atmosphäre geschaffen wird, die nicht nur eine verbindende, anziehende Kraft ist, sondern in sich selbst schon eine vertiefende Erfahrung.

Was das eigentliche Überbringen der Botschaft an andere betrifft, so forderte Shoghi Effendi die Freunde eindringlich auf, "taktvoll, liebevoll, im Geiste des Gebetes und mit Ausdauer" zu lehren (Citadel of Faith, Wilmette 1965, S. 148). Zu oft neigen die Freunde dazu, das "im Geiste des Gebetes" wegfallen zu lassen, wenn sie vergessen, daß sie beim Lehren des Glaubens nur die Werkzeuge Bahá’u’lláhs sind und Seiner Hilfe mehr als alles anderen bedürfen. Die Liebe eines Gläubigen für Bahá’u’lláh und die Abhängigkeit von Seinen Bestätigungen haben allergrößten Einfluß auf erfolgreiches Lehren. Shoghi Effendi erklärt ebenfalls, daß es nicht ausreicht, für den Erfolg unserer Lehrbemühungen zu beten, wir sollten außerdem zu Gott beten, daß er uns empfängliche Seelen zuführt.

Es würde helfen, die Ängste der einzelnen aus dem Weg zu räumen, wenn sie ein tieferes Verständnis vom Prozeß der Ausbreitung des Glaubens und von der geistigen Dynamik der Annahme der Botschaft Bahá’u’lláhs erlangten. Dies können sie durch das Studium des Statements und der Textzusammenstellung über den Beitritt in Scharen erreichen.

Dieses Statement mit der Textzusammenstellung sollte sorgfältig und mit Verstand studiert werden. Es sollte nicht mißgedeutet werden als bloßer Aufruf, schneller zu lehren und die Anzahl neuer Gläubiger zu erhöhen; ebensowenig ist es eine Rechtfertigung oberflächlicher, unangemessener Methoden, den Glauben zu fördern. Es ist ein Aufruf an alle Bahá’í zu erkennen, daß die ständige Sorge um materiellen Wohlstand, das Verwerfen geistiger Wahrheiten, die Überbewertung intellektu-eller Diskussion und Beweisführung und übertriebener, gedankenloser und blinder Aberglaube alles Verwirrungen sind, die vorübergehen werden. In jeder Bevölkerung gibt es viele Seelen, die aufrichtig und sehnsuchtsvoll nach der Wahrheit verlangen und die voll Freude die Botschaft Bahá’u’lláhs anerkennen und Seine Sache von ganzem Herzen annehmen werden, wenn sie erst einmal davon erfahren. Die Bahá’í sollten nie müde werden, diese Seelen aufzuspüren. Sie sollten immer weiter versuchen, die Lehren mit Begeisterung, Ausdauer und Weisheit zu verbreiten, auf allen Wegen und ohne sich etwa durch mangelnde Aufnahmebereitschaft entmutigen zu lassen.

Erkenntnis ist keine Frage der Zeit

Wenn es auch richtig und weise ist, daß ein Bahá’í-Lehrer gegenüber dem Menschen, dem er die Botschaft überbringt, Verständnis und liebevolle Geduld zeigt, so sollte man doch nicht annehmen, daß Mißtrauen seitens einer Person, die das erste Mal von Bahá’u’lláh hört, oder langsames Annehmen der Botschaft unbedingt Tugenden sind. Man kann nicht immer die Länge der Zeit, seit der jemand den Glauben studiert, mit dem Ausmaß seines Verständnisses gleichsetzen. Eine aufgeweckte, empfängliche Seele mag im Verlauf weniger Stunden tiefste Erkenntnisse erlangen, zu denen ein anderer selbst nach jahrelangem, äußerlich aktivem Bahá’í-Leben nicht gelangt. Zudem gelingt es einem neuen Gläubigen voller Begeisterung für die Botschaft oft besonders gut, empfängliche Seelen herauszufinden und anzuziehen.

Dies sind einige der Tatsachen aufgrund menschlicher Erfahrung, die die Freunde akzeptieren und begreifen müssen. So werden sie auf den unabwendbaren Tag, da hunderte und tausende ihrer Mitmenschen in Scharen dem Glauben zuströmen werden, vorbereitet sein, und in der Zwischenzeit können sie diesen Tag sehnsüchtig erwarten und für sein baldiges Kommen arbeiten.

Es ist nicht nur von großer Bedeutung, daß die Hilfsamtsmitglieder und ihre Assistenten sowie die Geistigen Räte und ihre Gemeinden die Initiativen der Freunde ermutigen und ihnen helfen, aus ihren Bemühungen die besten Ergebnisse zu erzielen, wobei sie geduldig und nachsichtig gegenüber ihren unvermeidbaren Fehlern sein sollten; ebenso wichtig ist es, daß die einzelnen Mitglieder der Gemeinde erkennen, daß es vor allem die freudige, liebevolle Einheit der Bahá’í sein wird, die die Sucher anzieht und ihnen hilft, ihre Zweifel zu überwinden. Nichts würde schneller jede Bemühung zunichte machen, als ein vorherrschender Geist übertriebener Kritik oder das Anzetteln von Konflikt und Streit unter den Gläubigen oder zwischen den Gläubigen und den göttlich geschaffenen Institutionen, die das Hauptinstrument für Einheit und Stärke der Gemeinde sind. In allen Lebensbereichen gibt es Verhaltensweisen und Ansätze, die dem einen anziehend erscheinen und dem anderen unattraktiv oder sogar abstoßend. Da wir ein breites Spektrum von Menschen zum Glauben hinziehen müssen, müssen Bahá’í einerseits so einfühlsam sein, niemanden zu kränken, und andererseits nachsichtig gegenüber den Eigenheiten anderer und dem, wofür sie sich begeistern. Es ist Sache des Rates zu entscheiden, wann irgendeine Aktivität die ihr angemessenen Grenzen überschreitet, und Sache der Freunde, solche Führung gern anzunehmen.

Wie in der Ridván-Botschaft erwähnt wurde, kann "Beratung auf örtlicher und nationaler Ebene und zwischen Institutionen und Gläubigen... zur Begründung und Bestärkung des Wachstums der Bahá’í-Gemeinde" führen. Beratungen des Nationalen Geistigen Rates mit den Beratern sind von besonderem Wert, vor allem wenn jedes Mitglied des Rates aufnahmebereit, konzentriert und verantwortungsbewußt auf das hört, was auch immer die Berater zu sagen haben. Das Haus der Gerechtigkeit vertraut darauf, daß die Mitglieder Ihrer Gemeinde durch die Vision und den Beistand der europäischen Berater und mit der Führung Ihres Rates im Stande sein werden, ihren Blick über die erheblichen Schwierigkeiten, von denen sie umgeben sind, zu heben, und das Vertrauen und den Glauben zu erlangen, die sie befähigen werden, die gefrorenen Herzen zu schmelzen, den Verzweifelten Mut zu geben und die suchenden Seelen Tausender ihrer Mitbürger aus jedem Milieu, von jedweder Rasse anzuziehen.

Das Universale Haus der Gerechtigkeit bittet uns, Sie seiner inbrünstigen Gebete in den Heiligen Schreinen für jede örtliche Bahá’í-Gemeinde und jeden ergebenen Anhänger Bahá’u’lláhs in Deutschland zu versichern.

Mit liebevollen Bahá’í-Grüßen
(für die Sekretariatsabteilung) Im Auftrage des Universalen Hauses der Gerechtigkeit
Brief des Universalen Hauses der Gerechtigkeit an den NGR von Deutschland vom 19. Sept. 1994 Seite: 2

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