Read: Jahrhundert des Lichtes


DAS JAHRHUNDERT DES LICHTS
EINE VERÖFFENTLICHUNG DESBAHÁ’Í–WELTZENTRUMS
BAHÁ’Í–VERLAG
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Deutsche Übertragung des englischen Originals Century of Light, zusammengestellt und herausgegeben im Auftrag des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, Bahá’í World Center, Haifa 2001
© Bahá’í–Verlag GmbH D–65719 Hofheim 2003 — 159 ISBN 3–87037–393–8 425–511


VORWORT
Das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts bietet den Bahá’í ei-ne einzigartige Perspektive. Während der vergangenen hun-dert Jahre erlebte unsere Welt weit tiefer gehende Veränderungen als in ihrer ganzen bisherigen Geschichte — Veränderungen, die von der heutigen Generation zum größten Teil nur wenig begriffen werden. Dieselben hundert Jahre sahen auch, wie die Bahá’í–Sache nach und nach ins Licht der Öffentlichkeit trat und dabei im globalen Maßstab die einigende Macht zeigte, mit der sie aufgrund ihres göttlichen Ursprungs ausgestattet ist. Während sich das Jahrhundert dem Ende näherte, wurde zunehmend sichtbar, wie beide historische Entwicklungen immer mehr aufeinander zustreben.
Das Jahrhundert des Lichts, das unter unserer Leitung ausgearbeitet wurde, gibt im Lichte der Bahá’í–Lehren einen Überblick über diese beiden Prozesse und ihre Beziehung zueinander. Wir empfehlen den Freunden, es aufmerksam zu studieren im Vertrauen darauf, dass die Perspektiven, die es eröffnet, sich als geistige Bereicherung und als praktische Hilfe herausstellen, wenn wir unsere Mitmenschen an der herausfordernden Bedeutung der Offenbarung Bahá’u’lláhs teilhaben lassen.
Das Universale Haus der Gerechtigkeit
Naw–Rúz, 158 B. E.

DAS JAHRHUNDERT DES LICHTS
Das zwanzigste Jahrhundert, das bisher turbulenteste in der Geschichte der Menschheit, ist zu Ende. Das zunehmende moralische und soziale Chaos dieser Zeit versetzte die meisten Völker der Welt in Schrecken, so dass sie sich nichts dringender wünschen, als die Erinnerungen an die Leiden dieser Jahrzehnte hinter sich zu lassen. Ganz gleich, wie schwach die Grundfesten des Vertrauens in die Zukunft sein mögen und wie groß die Gefahren sind, die am Horizont drohen: die Menschheit scheint verzweifelt daran zu glauben, dass sich die Lebensumstände dennoch irgendwie mit den Wünschen der meisten Menschen in Einklang bringen lassen müssten.
Im Lichte der Lehren Bahá’u’lláhs sind solche Hoffnungen nicht nur illusorisch, sondern übersehen auch vollkommen das Wesen und die Bedeutung jener außergewöhnlichen Wendezeit, durch die unsere Welt in diesen entscheidenden Jahren gegangen ist. Nur wenn es der Menschheit gelingt, die Auswirkungen der Ereignisse dieser Geschichtsperiode zu verstehen, wird sie den vor ihr liegenden Herausforderungen gewachsen sein. Der wertvolle Beitrag, den wir als Bahá’í zu diesem Prozess leisten können, erfordert, dass wir selbst die Bedeutung dieser historischen Wandlung begreifen, die das zwanzigste Jahrhundert mit sich brachte.
Was uns dieses Verständnis ermöglicht, ist das Licht, das von der aufgehenden Sonne der Offenbarung Bahá’u’lláhs ausstrahlt und dessen Einfluss jetzt nach und nach in allen Bereichen menschlicher Existenz deutlich wird. Die folgenden Seiten handeln von dieser besonderen Chance.

Kap.1

Vergegenwärtigen wir uns zunächst das Ausmaß des Verderbens, das die Menschheit während der Periode, von der die Rede ist, über sich gebracht hat. Allein der Verlust an Menschenleben liegt jenseits jeder begreifbaren Zahl. Der Zerfall grundlegender sozialer Einrichtungen, die Verletzung — ja die Preisgabe — von Anstandsregeln, der Verrat am geistigen Leben durch seine Auslieferung an hoh-le, phrasenhafte Ideologien, die Erfindung und der Einsatz fürchterlicher Massenvernichtungswaffen, der Bankrott ganzer Nationen und der Abstieg unzähliger Menschen in hoffnungslose Armut, die rücksichtslose Zerstörung der Umwelt — all das sind nur die offensichtlichsten Schrecken in einem Horrorkatalog, der selbst den dunkelsten Zeitaltern der Vergangenheit unbekannt war. Ihre bloße Erwähnung ruft die göttlichen Warnungen in Erinnerung, die Bahá’u’lláh ein Jahrhundert zuvor ausgesprochen hatte: »O ihr Achtlosen! Auch wenn die Wunder Meines Erbarmens alles Erschaffene — ob sichtbar oder unsichtbar — umschließen und die Offenbarungen Meiner Gunst und Gnade jedes Atom des Weltalls durchdringen, ist doch die Rute, mit der Ich die Gottlosen züchtigen kann, schmerzhaft, und furchtbar ist die Gewalt Meines Zornes.«1
1 In: Shoghi Effendi, Das Kommen göttlicher Gerechtigkeit, S. 127f.


Damit kein Beobachter der Sache Gottes dazu verleitet werde, solche Warnungen als lediglich metaphorisch misszuverstehen, verdeutlichte Shoghi Effendi 1941, was dies für diese Zeit bedeutet:
»Ein Sturm von beispielloser Gewalt, unberechenbar in seiner Bahn, von verheerendem Ausmaß, langfristig aber mit unvorstellbar herrlichen Folgen fegt heute über das Antlitz der Erde. Unbarmherzig wächst er an Umfang und Gewalt. Zumeist unbemerkt wächst seine reinigende Kraft mit jedem Tag. Die Menschheit — ein Spielball seiner verheerenden Macht — wird zu Boden geschmettert von seinem unwiderstehlichen Wüten. Weder kann sie seine Herkunft erkennen, noch seine Bedeutung erfassen oder seine Folgen abschätzen. Verstört, hilflos und in Todespein muss sie zusehen, wie dieser gewaltige Sturm Gottes über die fernsten und schönsten Länder der Erde hereinbricht, die Grundfesten erschüttert, die Ordnung zerstört, Völker zerstreut, Heime vernichtet, Städte verwüstet, Könige vertreibt, Bollwerke niederreißt, Institutionen entwurzelt, das Licht verdüstert und die Seelen der Bewohner martert.«2
2 Der verheißene Tag ist gekommen, S. 21

*


Was Wohlstand und Einfluss betraf, bestand »die Welt« um 1900 aus Europa und — damals ungern zugestanden — den Vereinigten Staaten von Amerika. Überall auf dem Planeten betrieb der westliche Imperialismus unter der Bevölkerung anderer Länder das, was er als seine »Mission der Zivilisierung« betrachtete. Mit den Worten eines Historikers schien das erste Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts im wesentlichen eine Fortführung des »langen neunzehnten Jahrhunderts«3 zu sein, einer Ära, deren grenzenlose Selbstzufriedenheit sich vielleicht am deutlichsten in der Feier des diamantenen Thronjubiläums von Königin Viktoria im Jahre 1897 manifestiert. Dabei rollte über viele Stunden eine Parade durch die Straßen Londons, die in ihrer imperialen Aufmachung und Zurschaustellung militärischer Macht weit über alles hinausging, was vergangene Zivilisationen jemals auch nur angestrebt hatten.
3 Eric Hobsbawm, Age of Extremes, London 1995, S. 584

Als das zwanzigste Jahrhundert begann, erkannte kaum jemand — gleich wie sensibel er in sozialen und moralischen Fragen auch war — die bevorstehenden Katastrophen, und nur wenige — wenn überhaupt — konnten sich deren Ausmaß vorstellen. Die militärischen Führer der meisten europäischen Länder nahmen an, dass ein Krieg ausbrechen würde, begegneten dieser Aussicht aber mit Gleichmut, weil sie der festen Überzeugung waren, dass er kurz sein würde und nur ihre Seite ihn gewinnen könne. In ganz erstaunlichem Umfang hatte die internationale Friedensbewegung die Unterstützung von Staatsmännern, Industriellen, Gelehrten, Medien und einflussreichen Persönlichkeiten gewinnen können
— sogar solcher, die man in diesen Reihen nicht erwartet hätte, wie etwa die des Zaren von Russland. Wenn auch die sich rasch beschleunigende Aufrüstung bedenklich war, so schien doch ein Netzwerk sorgfältig gesponnener und häufig sich überlappender Allianzen zu garantieren, dass der Ausbruch eines Flächenbrandes vermieden werden könnte und regionale Konflikte, wie so oft im vergangenen Jahrhundert, zu lösen seien. Diese Annahme wurde durch die Tatsache bestärkt, dass die gekrönten Häupter Europas — die meisten von ihnen Mitglieder einer ausgedehnten Familie und viele von ihnen scheinbar mit politischer Entscheidungsmacht ausgestattet — einander vertraut mit Spitznamen anredeten, private Korrespondenz pflegten, die Schwestern und Töchter der anderen heirateten und zusammen auf ihren Schlössern, Privatjachten und Jagdhütten eine lange Spanne des Jahres hindurch Ferien machten. Sogar die schmerzlichen Unterschiede in der Verteilung des Reichtums wurden in den westlichen Gesellschaften energisch — wenn auch nicht sehr systematisch — durch eine Gesetzgebung angegangen, die darauf abzielte, der schlimmsten Ausbeutung früherer Jahr-zehnte Einhalt zu gebieten und den dringendsten Bedürfnissen der wachsenden städtischen Bevölkerung nachzukommen.
Die große Mehrheit der Menschheitsfamilie, die in Ländern außerhalb der westlichen Welt lebte, hatte nur wenig Anteil an deren Segnungen und teilte auch nicht den Optimismus ihrer europäischen und amerikanischen Brüder. China war trotz seiner alten Zivilisation und seines Selbstverständnisses als »Reich der Mitte« das unglückliche Opfer der Ausplünderung durch westliche Nationen und seines sich modernisierenden Nachbarn Japan geworden. Die großen Massen in Indien — dessen wirtschaftliches und politisches Leben so vollkommen unter die Herrschaft einer einzigen imperialen Macht geraten war, dass dies die üblichen Manöver um kleine Vorteile ausschloss — entgingen zwar einigen der schlimmsten Übergriffe, von denen andere Länder heimgesucht wurden, mussten aber ohnmächtig zusehen, wie ihre verzweifelt benötigten Ressourcen allmählich geplündert wurden. Das bevorstehende Leid Lateinamerikas wurde nur allzu klar im Schicksal Mexikos vorgezeichnet, von dem weite Teile durch seinen großen nördlichen Nachbarn annektiert worden waren und dessen natürliche Ressourcen bereits die Aufmerksamkeit habgieriger ausländischer Großkonzerne erregt hatten. Die mittelalterliche Unterdrückung, unter der hundert Millionen dem Namen nach befreiter Leibeigener in Russland ein Leben in düsterem, hoffnungslosem Elend lebten, war vom westlichem Standpunkt her gesehen wegen der Nähe zu solch strahlenden europäischen Hauptstädten wie Berlin und Wien besonders beschämend. Am tragischsten aber war das schlimme Los der Einwohner Afrikas. Sie wurden durch künstlich gezogene Grenzen voneinander getrennt, die menschenverachtende Abmachungen unter den europäischen Mächten geschaffen hatten. Man schätzt, dass während des ersten Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts im Kongo über eine Million Menschen verschwanden — verhungert, geschlagen, buchstäblich für den Profit ihrer fernen Herren zu Tode geschunden; ein Ausblick auf das Schicksal, das mehr als hundert Millionen Menschen in Europa und Asien ereilen sollte, bevor das Jahrhundert zu Ende ging.4
4 Leopold II., König der Belgier, führte über drei Jahrzehnte (1877–1908) die Kolonie als Privatbesitz. Die Gräueltaten, die unter seinem Regime begangen wurden, führten zu internationalen Protesten. Er wurde 1908 gezwungen, das Territorium der belgischen Regierung zur Verwaltung zu übergeben.



Obwohl diese ausgeplünderten und gering geschätzten Massen die überwiegende Anzahl der Erdbewohner repräsentierten, wurden sie nicht als Menschen angesehen, sondern im wesentlichen als Objekte des viel gepriesenen Zivilisationsprozesses des neuen Jahrhunderts. Auch wenn eine Minderheit dabei profitierte: die Kolonialvölker existierten in erster Linie nur dazu, benutzt zu werden — verwendet, angeleitet, ausgebeutet, christianisiert, zivilisiert und mobili-siert — so, wie es die wechselnden Pläne der westlichen Mächte diktierten. Die Umsetzung dieser Pläne mochte hart oder eher moderat sein, aufgeklärt oder selbstsüchtig, das Evangelium verbreitend oder ausbeuterisch — dahinter standen in der Regel materielle Interessen, die sowohl die Mittel als auch die meisten Ziele bestimmten. Religiöse und politische Pietäten verschiedenster Art verbargen diese Mittel und Ziele weitgehend vor der Öffentlichkeit der westlichen Länder, denen es auf diese Weise möglich wurde, moralische Befriedigung aus den Segnungen zu ziehen, die ihre Nationen angeblich den weniger wertvollen Völkern erwiesen, während sie selbst die materiellen Früchte dieser Wohltaten genossen.
Die Fehler einer großen Zivilisation aufzuzeigen heißt nicht, ihre Errungenschaften zu leugnen. Als das zwanzigste Jahrhundert begann, konnten die Völker des Westens zu Recht auf die technischen, wissenschaftlichen und philoso-phischen Entwicklungen stolz sein, die sie hervorgebracht hatten. Jahrzehnte des Experimentierens hatten ihnen materielle Möglichkeiten eröffnet, die weit jenseits des Verständnisses der restlichen Menschheit lagen. Überall in Europa und Amerika waren ausgedehnte Industrien entstanden, die sich der Metallurgie, der Herstellung von chemischen Produkten aller Art, der Textilfertigung und der Konstruktion von Geräten widmeten, die in allen Lebensbereichen Erleichterung brachten. Ein ständiger Prozess von Entdeckungen, Entwürfen und Verbesserungen machte durch die Nutzung von billigem Treibstoff und Strom Kräfte unvorstellbaren Ausmaßes leicht verfügbar — leider mit zu jener Zeit ebenso unvorstellbaren ökologischen Folgen. Die »Ära der Eisenbahn« war weit fortgeschritten, und Dampfschiffe nahmen ihren Kurs über die Seewege der Welt. Mit der Ausbreitung von telegrafischer und telefonischer Kommunikation näherte sich die westliche Gesellschaft dem Zeitpunkt ihrer Befreiung von den Grenzen, die geographische Entfernungen der Menschheit seit Anbeginn der Geschichte auferlegt hatten.
Noch weiterreichend waren Veränderungen, die auf einer höheren Ebene des wissenschaftlichen Denkens stattfanden. Das neunzehnte Jahrhundert war noch fest im Griff der newtonschen Auffassung von der Welt als einem mechanischen Uhrwerk, aber am Ende des Jahrhunderts hatten sich bereits die intellektuellen Fortschritte vollzogen, die dieses Paradigma anfochten. Neue Ideen tauchten auf, die später zur Formulierung der Quantenmechanik führten, und bald sollte die revolutionäre Wirkung der Relativitätstheorie die Auffassung der sinnlich wahrnehmbaren Welt in Frage stellen, die Jahrhunderte lang als gesunder Menschenverstand akzeptiert worden war. Solche Durchbrüche wurden dadurch ausgelöst und beträchtlich verstärkt, dass die Wissenschaft sich bereits von der Tätigkeit einzelner Denker zum systematisch verfolgten Anliegen einer großen und einflussreichen internationalen Forschergemeinde gewandelt hatte, welche Universitäten, Laboratorien und Symposien zum Austausch experimenteller Entdeckungen nutzen konnte.
Die Stärke der westlichen Gesellschaften war nicht auf den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt begrenzt. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erntete die westliche Zivilisation die Früchte einer sozialphilosophischen Kul-tur, die immer schneller die Energien ihrer Bevölkerung freisetzte und deren Einfluss bald revolutionäre Auswirkungen auf die ganze Welt haben sollte. Es war eine Kultur, die den Verfassungsstaat stärkte, die der Rolle des Gesetzes und der Achtung der Rechte aller Mitglieder der Gesellschaft große Bedeutung beimaß, und die all denen, die sie erreichte, die Vision eines kommenden Zeitalters sozialer Gerechtigkeit vor Augen führte. Obschon der Stolz auf Freiheit und Gleichheit, der oft die patriotische Rhetorik in den westlichen Ländern aufblähte, weit entfernt war von den tatsächlich herrschenden Verhältnissen, konnten die Abendländer zu Recht die Fortschritte in Richtung dieser Ideale feiern, die im neunzehnten Jahrhundert erreicht worden waren.
In geistiger Hinsicht wurde das Zeitalter von einer eigenartigen, paradoxen Dualität beherrscht. Einerseits verdunkelten Wolken des Aberglaubens, hervorgebracht durch gedankenlose Nachahmung früherer Zeitalter, von fast allen Seiten den intellektuellen Horizont. Beim überwiegenden Teil der Weltbevölkerung reichten die Folgen von tiefster Unkenntnis über die menschlichen Möglichkeiten und das physische Universum bis hin zu naivem Anhängen an Theologien, die wenig oder gar keinen Bezug zur Erfahrung hatten. Andererseits wurde dort, wo in den gebildeten Klassen des Westens die Winde des Wandels diese Nebelschleier vertrieben, ererbtes orthodoxes Denken nur allzu oft durch den schädlichen Einfluss eines aggressiven Säkularismus ersetzt, der gleichermaßen die geistige Natur des Menschen wie die Autorität moralischer Werte an sich in Zweifel zog. Überall schien die Säkularisierung der gesellschaftlichen Oberschicht Hand in Hand zu gehen mit einem immer weiter um sich greifenden religiösen Obskurantismus unter den Massen. Weil der religiöse Einfluss tief in die menschliche Psyche reicht und für sich selbst eine einzigartige Autorität einfordert, hatten in allen Ländern religiöse Vorurteile über Generationen hinweg schwelende Feuer bitterer Feindseligkeit tief im Innern am Leben erhalten. Sie sollten der Zündstoff für die Schrecken der kommenden Jahrzehnte werden.5
5 Die Prozesse, die diese Veränderungen hervorbrachten, werden ausführlich von
A. N. Wilson et al. in God’s Funeral (London 1999) besprochen. 1872 veröffent-lichte Winwood Reade ein Buch unter dem Titel The Martyrdom of Man (London 1968), das in den frühen Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts eine Art welt-liche »Bibel« wurde. Darin wurde die Erwartung ausgedrückt, dass »die Menschen schließlich die Kräfte der Natur meistern werden. Sie selbst werden Architekten von Systemen, Erbauer von Welten werden. Der Mensch wird dann vollkommen sein, ein Schöpfer; deswegen wird er das sein, was einfache Gemüter als einen Gott anbeten.« Zitiert in: Anne Glyn–Jones, Holding up a Mirror: How Civilizations Decline, London 1996, S. 371f.

Kapitel: 2

In dieser geistigen Landschaft voll falscher Zuversicht und tiefer Hoffnungslosigkeit, wissenschaftlicher Aufklärung und geistigen Dunkels erschien zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die leuchtende Gestalt ‘Abdu’l–Bahás. Der Weg, der Ihn an diesen entscheidenden Moment der Menschheitsgeschichte brachte, hatte Ihn durch mehr als fünfzig Jahre Exil, Gefangenschaft und Entbehrung geführt, in denen kaum ein Monat auch nur annähernd in Ruhe und Sorgenfreiheit verstrichen war. Er war entschlossen, den Aufgeschlossenen wie den Gedankenlosen jenes verheißene Reich des universalen Friedens und der Gerechtigkeit auf Erden zu verkünden, auf das die Menschen seit Jahrhunderten gehofft hatten. Er erklärte, dass das Fundament dieses Reiches, die Vereinigung der Völker der Welt, in diesem »Jahrhundert des Lichts«6 errichtet werden würde:
6 Briefe und Botschaften 15:6; The Promulgation of Universal Peace, S. 65, 74, 322, 334

»Heute ... haben sich die Kommunikationsmittel vervielfacht, und die fünf Kontinente der Erde sind im Grunde zu einem Ganzen verschmolzen ... Ebenso sind alle Glieder der menschlichen Familie, ob Völker oder Regierungen, Städte oder Dörfer, in steigendem Maße voneinander abhängig geworden ... Folglich ist die Einheit der ganzen Menschheit heutzutage erreichbar geworden. Wahrlich, dies ist nur eines der Wunder dieses wunderbaren Zeitalters, dieses ruhmreichen Jahrhunderts.«7
7 Briefe und Botschaften 15:6


Während der langen Jahre der Gefangenschaft und Ver­bannung, die der Weigerung Bahá’u’lláhs folgten, den politischen Zielen der osmanischen Obrigkeit zu dienen, war ‘Abdu’l–Bahá mit der Leitung der Glaubensangelegenheiten und der Verantwortung betraut, als Vertreter Seines Vaters aufzutreten. Ein wichtiger Teil dieser Arbeit war die Zusammenarbeit mit Offiziellen auf lokaler Ebene und in den Provinzen, die Seinen Rat zu Problemen suchten, mit denen sie konfrontiert waren. Schon 1875 richtete ‘Abdu’l–Bahá auf Anweisung Bahá’u’lláhs eine Abhandlung an die Regierenden und das Volk Persiens mit dem Titel Das Geheimnis göttlicher Kultur. Darin legte Er ausführlich die geistigen Prinzipien dar, welche die Gestaltung ihrer Gesellschaft im Zeitalter der Reife der Menschheit leiten müssen. Im ersten Abschnitt ruft Er das iranische Volk auf, darüber nachzuden­ken, was — nach den Lehren der Geschichte — der Schlüssel zu gesellschaftlichem Fortschritt ist:
»Bedenket wohl: All die weitverzweigten Erscheinungen, die Begriffe und Erkenntnisse, die Verfahren der Technik und die Systeme der Philosophie, die Wissenschaften, Künste, Gewerbe und Erfindungen — alle sind Ausstrahlungen des menschlichen Verstandes. Jedes Volk, das sich weiter in dieses uferlose Meer hineinwagte, hat am Ende die anderen Völker überragt. Glück und Stolz einer Nation bestehen darin, dass sie wie die Sonne am Himmel des Wissens erstrahlt.
›Sollen die, welche erkennen, gleich behandelt werden wie die, welche in Unwissenheit leben?‹8 «9
8 Qur’án 39:12
9 Das Geheimnis göttlicher Kultur, S. 13f.


Dieses Werk ließ bereits die Orientierung und Führung erahnen, die in den folgenden Jahrzehnten aus der Feder ‘Abdu’l–Bahás fließen sollten. Nach dem niederschmetternden Verlust, den das Hinscheiden Bahá’u’lláhs für sie bedeu­tete, wurden die persischen Gläubigen durch eine Flut von Sendschreiben des Meisters wieder aufgerichtet und ermutigt. Diese Sendschreiben gaben ihnen nicht nur den geistigen Beistand, den sie brauchten, sondern auch die Führung, ihren Weg durch den Aufruhr zu finden, der die etablierte Ordnung in ihrem Land aushöhlte. Diese Botschaften, die selbst in das kleinste Dorf gelangten, antworteten auf Bitten und Fragen unzähliger einzelner Gläubiger und brachten Führung, Ermutigung und Zuversicht. So lesen wir etwa in einem Brief, der sich an die Gläubigen im Dorf Kishih richtet und fast ein­hundertsechzig von ihnen namentlich erwähnt, über das gerade erwachende Zeitalter: »Dies ist das Jahrhundert des Lichts.« Dabei erklärte der Meister, dass die Bedeutung dieser Metapher die Annahme des Prinzips der Einheit und seiner Folgen sei:
»Damit will ich sagen, dass die Geliebten des Herrn jeden, der ihnen Übel will, so betrachten sollten, als wolle er ihnen Gutes ... Das heißt, den Feind sollten sie so behandeln, wie es sich für einen Freund geziemt, und den Unterdrücker so, wie es sich für einen liebevollen Gefährten schickt. Sie sollen ihren Blick nicht auf die Fehler und Vergehen ihrer Widersacher richten, noch ihrer Feindseligkeit, Ungerechtigkeit oder Unterdrückung achten.«10
10 Makátíb–i–‘Abdu’l–Bahá, Bd. 4, S. 132ff. (vorläufige Übersetzung)

Es ist bemerkenswert, dass die kleine Gruppe verfolgter Gläubiger in diesem Brief aufgerufen wird, ihren Blick über lokale Fragen zu erheben und die Auswirkungen der Einheit in globalem Kontext zu sehen — lebten sie doch in dieser entlegenen Ecke eines Landes, das noch weitgehend unbe­rührt war von den Entwicklungen, die sich anderswo im so­zialen und intellektuellen Leben vollzogen.
»Vielmehr sollten sie die Menschen im Lichte des Gebots der Gesegneten Schönheit sehen, dass alle Diener des Herrn der Macht und Herrlichkeit sind, so wie Er die ganze Schöpfung Seinem gnadenvollen Wort unterworfen und uns auferlegt hat, Liebe und Zuneigung, Klugheit und Mitgefühl, Aufrichtigkeit und Eintracht ohne Ausnahme gegenüber allen zu bezeigen.«11
11 a. a. O.

In diesem Aufruf des Meisters geht es nicht nur um eine neue Ebene des Verständnisses, sondern auch um die Not­wendigkeit von Engagement und Tat. Seine Sprache zeigt Dringlichkeit und Vertrauen und lässt die Kraft spüren, aus der die großen Leistungen der persischen Gläubigen in den folgenden Jahrzehnten hervorgehen sollten — sowohl bei der weltweiten Verbreitung der Sache Gottes als auch beim Er­werb solcher Fähigkeiten, die die Zivilisation voranbringen:
»O ihr Geliebten des Herrn! Dient der Menschenwelt mit größter Glückseligkeit und Freude, und liebt die Menschheit. Überseht alle Begrenzungen und befreit euch von Beschränkungen, denn ... von ihnen frei zu sein bringt göttliche Segnungen und Gaben.
Rastet daher nicht, und sei es auch nur für einen kurzen Augenblick, haltet nicht eine Minute um Atem inne, noch sucht einen Moment Ruhe. Wogt wie die Wellen der mächtigen See und toset gleich dem Leviathan des Ozeans der Ewigkeit.
Deshalb muss jeder, solange auch nur eine Spur von Leben in seinen Adern pulst, streben und sich mühen, um ein Fundament zu legen, das die vorübergleitenden Jahrhunderte und Zyklen nicht zersetzen können, und ein Gebäude zu erbauen, das dahinfließende Zeitalter und Äonen nicht nie­derreißen können — ein Gebäude, das sich als ewig und dauerhaft erweist, so dass die Herrschaft von Herz und Seele in beiden Welten errichtet und gesichert werde.«12
12 Makátíb–i–‘Abdu’l–Bahá, Bd. 4, S. 132ff.

Künftige Sozialhistoriker — mit dem Vorzug einer weit sachlicheren und universelleren Sicht als gegenwärtig mög­lich und mit dem Vorteil eines ungehinderten Zugangs zu al­len wichtigen Unterlagen — werden sehr sorgfältig den Wandel studieren, den der Meister in diesen frühen Jahren bewirkte. Tag für Tag, Monat für Monat, aus einem fernen Exil, in dem Er ständig von einer Unzahl Ihn umringender Feinde gequält wurde, gelang es ‘Abdu’l–Bahá, nicht nur die Ausweitung der persischen Bahá’í–Gemeinde in Gang zu bringen, sondern auch ihr Bewusstsein und ihr Leben zu formen. Das Ergebnis gipfelte im Entstehen einer, wenn auch räumlich begrenzten Kultur, die anders war als alles, was die Menschheit bis jetzt gesehen hatte. Unser Jahrhundert, mit all seinen Umwälzungen und hochtrabenden Versprechungen, eine neue Ordnung zu schaffen, lieferte kein vergleichbares Beispiel, in dem ein einziger herausragender Geist systematisch seine Fähigkeiten darauf konzentrierte, eine unverwechselbare und erfolgreiche Gemeinschaft auf­zubauen, die letztlich den gesamten Globus als ihren Wir­kungsbereich begreift.
Obwohl die persische Bahá’í–Gemeinde immer und immer wieder unter den Gräueltaten der muslimischen Geist­lichkeit und deren Helfer zu leiden hatte — ohne jeden Schutz seitens der aufeinanderfolgenden Monarchen aus der Dynastie der Qajáren — fand sie doch zu einem neuen Leben. Die Zahl der Gläubigen vervielfachte sich in allen Regionen des Landes, bekannte Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens, darunter einige einflussreiche Angehörige der Geistlichkeit, schlossen sich dem Glauben an, und die Vorläufer der späteren Gemeindeinstitutionen entstanden in Form erster beratender Gremien. Allein die Wichtigkeit dieser letztgenannten Entwicklung kann nicht hoch genug bewertet werden. In einem Land, einem Volk, das über Jahrhunderte ein patriarchalisches System gewohnt war, in dem jegliche Entscheidungsgewalt in den Händen eines absoluten Monarchen oder shí‘itischer Mujtahids13 lag, brach eine Gemeinde, die einen Querschnitt der Gesellschaft repräsentierte, mit der Vergangenheit, indem sie die Verantwortung für die Entscheidung ihrer Angelegenheiten durch einen neuartigen Prozess der gemeinsamen Beratung in die eigenen Hände nahm.
13 mujtahid (jemand, der sich anstrengt, abmüht), Partizip Aktiv des arabischen Verbes ijtahada (sich anstrengen, sich mühen); hier: Titel aus der juristischen Terminologie. Bezeichnet jemanden, der aufgrund seiner Kenntnis der Prinzipien der Rechtsgelehrsamkeit dazu befähigt und berechtigt ist, durch eigene Denkan­strengung verbindliche Entscheidungen in juristischen und kultischen Fragen zu treffen. (Anm. des Übersetzers)

In der Gesellschaft und Kultur, die sich unter den Händen des Meisters entwickelte, fanden die geistigen Energien in den praktischen Dingen des alltäglichen Lebens ihren Ausdruck. Die große Bedeutung, die die Bahá’í–Lehren der Er­ziehung beimessen, gab den Impuls zur Einrichtung von Bahá’í–Schulen in der Hauptstadt und in Provinzzentren — einschließlich der Tarbíyat–Schule für Mädchen, die bald im ganzen Land einen hervorragenden Ruf genoss.14 Mit der Unterstützung amerikanischer und europäischer Bahá’í folgten Kliniken und andere medizinische Einrichtungen. Bereits 1925 hatten Gemeinden in einer Anzahl von Städten Esperantoklassen eingerichtet und setzten so die Forderung der Bahá’í–Lehren um, dass eine internationale Hilfssprache gewählt werden müsse. Ein landesweites Netzwerk an Kurieren versah die aufstrebende Bahá’í–Gemeinde mit einem elementaren Postwesen, das im übrigen Land völlig fehlte. Die Veränderungen, die im Gange waren, berührten die einfachsten Dinge des täglichen Lebens. Zum Beispiel gaben die persischen Bahá’í im Gehorsam gegenüber den Gesetzen des Kitáb–i–Aqdas den Besuch der unsauberen öffentlichen Bäder auf, durch die Infektionen und Seuchen verbreitet wurden, und begannen, Duschen mit frischem Wasser zu benutzen.
14 Die Schule wurde 1934 auf Anordnung Reza Schahs geschlossen, da sie die Bahá’í–Feiertage als arbeitsfreie religiöse Festtage eingehalten hatte. Die Schließung sämtlicher weiterer Bahá’í–Schulen im Iran folgte.

Die Quelle all dieser Fortschritte, ob im sozialen, organisatorischen oder praktischen Bereich, war die moralische Wandlung der Gläubigen, ein Wandel, der die Bahá’í — sogar in den Augen derer, die dem Glauben feindlich gegenüberstanden — immer wieder als Kandidaten für Vertrauenspositionen empfahl. Dass solch weitreichende Veränderungen einen Teil der persischen Bevölkerung so schnell von der großen — zumeist feindseligen — Mehrheit unterschieden, war ein lebendiger Beweis für die Kräfte, die durch den Bund Bahá’u’lláhs mit Seinen Anhängern freige­setzt wurden und durch die Führungsrolle ‘Abdu’l–Bahás, die in diesem Bund Ihm allein übertragen war.
All diese Jahre hindurch war das politische Leben Per­siens fast ständig in Aufruhr. Während Násiri’d–Dín Sháhs unmittelbarer Nachfolger Muzaffari’d–Dín Sháh 1906 einer Verfassung zustimmen musste, löste sein Nachfolger Muhammad ‘Alí Sháh die ersten beiden Parlamente rücksichts­los auf. In einem Fall ließ er mit Kanonen auf das Gebäude feuern, in dem sich die Legislative traf. Die sogenannte »Konstitutionelle Bewegung«, die ihn stürzte und den letzten Qájárenkönig, Ahmad Sháh, zwang, ein drittes Parlament einzuberufen, war schon bald in konkurrierende Parteien zerrissen und wurde schamlos von der schiitischen Geistlichkeit manipuliert. Die Bemühungen der Bahá’í, in diesem Moder­nisierungsprozess eine konstruktive Rolle zu spielen, wurden wiederholt von den Royalisten und von den Volksparteien vereitelt, die beide durch die vorherrschenden religiösen Vorurteile beeinflusst waren und in der Bahá’í–Gemeinde einen willkommenen Sündenbock sahen. Hier wird wieder nur ein politisch reiferes Zeitalter als unseres wirklich ermessen können, wie der Meister die heimgesuchte Gemeinde führte, die alles in ihren Kräften Stehende tat, um politische Reformen zu fördern, dann aber auch bereit war, beiseite zu treten, wenn diese Anstrengungen zynisch zurückgewiesen wurden. Er gab damit ein Beispiel für künftige Herausforderungen, auf welche die Bahá’í–Gemeinde unvermeidlich stoßen wird.
Nicht nur durch Seine Sendschreiben übte ‘Abdu’l–Bahá Einfluss auf die sich rasant entwickelnde Bahá’í–Gemeinde in der Wiege des Glaubens aus. Anders als westliche Besu­cher waren die persischen Gläubigen nicht von anderen Orientalen durch Kleidung und Aussehen zu unterscheiden, und deshalb erregten Reisende aus Persien bei der osmanischen Obrigkeit keinen Verdacht. Ein ständiger Strom von Pilgern gab ‘Abdu’l–Bahá ein weiteres wirkungsvolles Mittel an die Hand, die Freunde zu inspirieren, ihre Aktivitäten zu leiten und sie immer tiefer in das Verständnis der Absicht Bahá’u’lláhs einzuführen. Unter denen, die nach ‘Akká reisten und — bereit, ihr Leben zu geben, um die Vision des Meisters zu verwirklichen — in ihre Heimat zurückkehrten, finden sich einige der bekanntesten Namen aus der persischen Bahá’í– Geschichte. Der unsterbliche Varqá und sein Sohn Rúhu’lláh gehörten zu denen, die dieses Vorrecht hatten, ebenso Hájí Mírzá Haydar ‘Alí, Mírzá ‘Abu’l–Fadl, Mírzá Muhammad– Taqí ‘Afnán und vier Hände der Sache, Ibn–i–Abhar, Hájí Mullá ‘Alí ‘Akbar, Adíbu’l–Ulamá und Ibn–i–‘Asdaq. Der Geist, der heute die persischen Pioniere in jedem Teil der Welt stärkt und eine so schöpferische Rolle im Aufbau des Bahá’í–Gemeindelebens spielt, geht in gerader Linie von Familie zu Familie zurück auf diese heroischen Tage. Rückblickend ist klar erkennbar, dass das Phänomen, das wir heute als den Zwillingsprozess der Ausbreitung und Festigung kennen, seinen Ursprung in diesen wundervollen Jahren hat.
Inspiriert durch die Worte des Meisters und die Berichte, die aus dem Heiligen Land mit nach Hause gebracht wurden, erhoben sich die persischen Gläubigen, um Lehrreisen in den Fernen Osten zu unternehmen. Während der letzten Jahre der Amtszeit Bahá’u’lláhs wurden Gemeinden in Indien und Birma aufgebaut und der Glaube bis ins ferne China getragen, und diese Tätigkeit wurde nun verstärkt. Ein Beweis für die neuen Kräfte, die in der Sache freigesetzt wurden, war die Errichtung des ersten Bahá’í–Hauses der Andacht der Welt in der russischen Provinz Turkestan 15, wo sich auch ein vitales Bahá’í–Gemeindeleben entwickelt hatte. Dieses Projekt war vom Meister angeregt worden, und Er hatte es von Anfang an mit Seinem Rat unterstützt.
15 Siehe: The Bahá’í World, Bd. 14, S. 479–481

Diese vielfältigen und weitreichenden Aktivitäten, die von einer zunehmend zuversichtlichen Gemeinde getragen wur­den und sich vom Mittelmeer bis zum Chinesischen Meer erstreckten, bildeten das Fundament, von dem aus ‘Abdu’l– Bahá die vielversprechenden Möglichkeiten verfolgen konnte, die sich zu Beginn des neuen Jahrhunderts im Westen zu entfalten begannen. Dass diejenigen, die an diesem Fundament mitgebaut hatten, die große ethnische, religiöse und nationale Vielfalt des Orients widerspiegelten, war dabei von nicht geringer Bedeutung. Diese Besonderheit lieferte ‘Abdu’l–Bahá ein Beispiel für die integrierenden Kräfte, die durch das Kommen Bahá’u’lláhs freigesetzt worden waren, und bei Seiner Verkündung des Glaubens vor westlichem Publikum sollte Er dieses Beispiel immer wieder heranziehen.
Den größten Sieg in diesen frühen Jahren errang der Meister auf dem Berg Karmel, wo Er an dem von Bahá’u’lláh bestimmten Platz mit größter Anstrengung ein Mausoleum für die sterblichen Überreste des Báb errichtete. Unter großen Risiken und Schwierigkeiten waren diese ins Heilige Land gebracht worden. Shoghi Effendi erklärt, dass in vergangenen Zeitaltern das Blut der Märtyrer der Same für den Glau­ben der Einzelnen war, dass es heute aber die Saat für die Gemeindeinstitutionen darstellt.16 Die Tatsache, dass das Weltzentrums des Glaubens Bahá’u’lláhs im Schatten des Schreins seines Märtyrerpropheten entstand und sich entfaltete, gewinnt vor diesem Hintergrund besondere Bedeutung. Shoghi Effendi rückt das vom Meister Erreichte in eine globale historische Perspektive:
16 Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 225

»Denn so wie im Reich des Geistes die Wirklichkeit des Báb vom Urheber der Bahá’í–Offenbarung als ›Punkt, den die Wirklichkeiten der Propheten und Boten umkreisen‹17 gepriesen worden war, so bilden in dieser sichtbaren Welt Sei­ne heiligen Überreste das Herz und den Mittelpunkt dessen, was man als neun konzentrische Kreise verstehen kann.18 Dies symbolisiert und unterstreicht die zentrale Stellung, die vom Stifter unseres Glaubens Dem zugemessen wird, ›von dem Gott die Erkenntnis ausgehen ließ von allem, was war und was sein wird‹19, dem Ersten Punkt, ›aus dem alles Erschaffene erzeugt ward‹20.«21
17 Vgl. Shoghi Effendi, Gott geht vorüber 4:17
18 »Der äußerste Kreis in diesem ausgedehnten System, das sichtbare Gegenstück der Zentralstellung, die dem Herold unseres Glaubens verliehen wurde, ist nichts anderes als der ganze Planet. Mitten im Herzen dieses Planeten liegt das ›Heiligste Land‹, von ‘Abdu’l–Bahá als die ›Heimstatt der Propheten‹ gerühmt, die als der Mittelpunkt der Welt und die Qiblih der Völker zu betrachten ist. Mitten in diesem Heiligsten Land erhebt sich der Berg Gottes in undenklicher Heiligkeit, der Weinberg des Herrn, der Zufluchtsort Elias’, dessen Wiederkehr der Báb symbolisiert. Ruhend am Herzen dieses heiligen Berges liegen die ausgedehnten Grundstücke — auf ewig die geweihten Bezirke der heiligen Grabstätte des Báb. In der Mitte dieser Grundstücke — anerkannt als internationale Stiftungen des Glaubens — liegt der heiligste Hof, ein eingefasster Bereich, der Gärten und Terrassen umschließt, die diese geweihten Bezirke schmücken und ihnen zugleich einen besonderen Zauber verleihen. Umrahmt von dieser lieblichen grünen Umgebung steht in all seiner erlesenen Schönheit das Mausoleum des Báb, dessen äußere Verkleidung entworfen wurde, um den ursprünglichen Bau, den ‘Abdu’l– Bahá als das Grab des Märtyrerherolds unseres Glaubens errichtet hatte, zu schützen und zu zieren. In dieser äußeren Hülle liegt jene kostbare Perle, das Allerheiligste, jene Kammern, die das Grab bilden und die von ‘Abdu’l–Bahá erbaut wurden. Im Herzen des Allerheiligsten befindet sich das Tabernakel, das Gewölbe, in dem der heiligste Sarg ruht. In diesem Gewölbe steht der Sarkophag aus Alabaster, in dem jenes unschätzbare Juwel, der heilige Staub des Báb, zur letzten Ruhe gebettet wurde.« Shoghi Effendi, Citadel of Faith, S. 95f.
19 Vgl. Shoghi Effendi, Gott geht vorüber 4:17
20 Vgl. Shoghi Effendi, Gott geht vorüber 4:17
21 Shoghi Effendi, Citadel of Faith, S. 95

Die Bedeutung, die ‘Abdu’l–Bahá selbst in der Aufgabe sah, die Er unter solchen Opfern erfüllt hatte, wird von Shoghi Effendi sehr bewegend beschrieben:
»Als dies geschehen und die irdischen Überreste des Märtyrerpropheten aus Shíráz endlich im Schoß des heiligen Berges Gottes zur ewigen Ruhe gebettet waren, legte ‘Abdu’l–Bahá Turban, Schuhe und Mantel ab und neigte sich tief über den noch offenen Sarkophag, legte die Stirn auf den Rand des hölzernen Sarges und schluchzte laut auf. Sein silbernes Haar wehte Ihm um das Haupt, und sein leuchtendes Antlitz war völlig verwandelt. Er weinte so bitterlich, daß alle Anwesenden mit Ihm weinten. In jener Nacht war Er so aufgewühlt, daß Er nicht schlief.«22
22 Gott geht vorüber 18:10

1908 hatte die sogenannte Jungtürkische Revolution nicht nur die meisten politischen Gefangenen des Osmanischen Reiches, sondern auch ‘Abdu’l–Bahá befreit. So waren plötz­lich die Beschränkungen weggefallen, die Seinen Bewegungsradius auf die Gefängnisstadt ‘Akká und deren unmittelbare Umgebung begrenzt hatten, und der Meister konnte Seine Tätigkeiten mit einer Unternehmung fortsetzen, die Shoghi Effendi später als eine der drei großen Hauptleistungen Seiner Amtszeit beschrieb: die öffentliche Bekanntmachung der Sache Gottes in den großen Bevölkerungszentren der westlichen Welt.

*


Wegen der dramatischen Ereignisse in Nordamerika und Europa übersehen die Berichte über die historischen Reisen des Meisters oft das bedeutende Anfangsjahr in Ägypten. ‘Abdu’l–Bahá kam dort im September 1910 an und beabsichtigte eigentlich, direkt nach Europa weiterzureisen, wurde jedoch durch eine Krankheit gezwungen, bis August des nächsten Jahres in Ramlah, einem Vorort von Alexandria, zu bleiben. Wie sich herausstellen sollte, waren die folgenden Monate eine Zeit großer Produktivität, deren Auswirkungen auf das Geschick der Sache — insbesondere auf dem afrika­nischen Kontinent — noch viele Jahre zu spüren sein werden. Bis zu einem gewissen Grad wurde der Weg für den Meister sicherlich durch die Bewunderung Shaykh Muhammad ‘Abduhs geebnet, der Ihn bereits bei einigen Gelegen­heiten in Beirut getroffen hatte und der später Mufti von Ägypten und eine führende Persönlichkeit an der Al–Azhar–Universität geworden war.
Ein Aspekt des Aufenthalts in Ägypten, der besondere Aufmerksamkeit verdient, war die Gelegenheit zur ersten öffentlichen Bekanntmachung der Botschaft des Glaubens. Die relativ kosmopolitische und liberale Atmosphäre in Kairo und Alexandria zu dieser Zeit eröffnete einen Weg zu freimütigen und sachorientierten Diskussionen zwischen dem Meister und bekannten Persönlichkeiten aus der intellektuellen Welt des sunnitischen Islams. Dazu gehörten Geistliche, Parlamentarier, führende Beamte und Aristokraten. Darüber hinaus hatten nun Herausgeber und Journalisten einflussreicher arabischer Zeitungen, deren Informationen über die Sache bisher durch vorurteilsvolle Berichte aus Persien und Konstantinopel gefärbt waren, die Gelegenheit, Informationen aus erster Hand zu erhalten. Bislang ausgesprochen feindselige Publikationsorgane änderten ihren Ton. Die Herausgeber einer solchen Zeitung begannen ihren Artikel über die Ankunft des Meisters mit den Worten »Seine Eminenz Mírzá ‘Abbás Effendi, das erfahrene und gelehrte Oberhaupt der Bahá’í in ‘Akká und die höchste Autorität für die Bahá’í der ganzen Welt« und begrüßten ausdrücklich den Besuch ‘Abdu’l–Bahás in Alexandria.23 Diese und andere Artikel zollten besonders ‘Abdu’l–Bahás Verständnis des Islam und den Prinzipien der Einheit und religiösen Toleranz, die im Zentrum Seiner Lehren standen, Hochachtung.
23 Hasan M. Balyuzi, ‘Abdu’l–Bahá, S. 200

Trotz der angegriffenen Gesundheit des Meisters, die den Zwischenaufenthalt in Ägypten notwendig gemacht hatte, erwies sich dieser als großer Segen. Westliche Diplomaten und Offizielle konnten dadurch selbst den außergewöhnli­chen Erfolg ‘Abdu’l–Bahás im souveränen Umgang mit führenden Persönlichkeiten in einer Region des Nahen Ostens beobachten, die für europäische Kreise von höchstem Interesse war. Als sich der Meister am 11. August 1911 nach Marseille einschiffte, war Ihm Sein Ruf bereits vorausgeeilt.

Kapitel 3

In einem Brief, den ‘Abdu’l–Bahá 1905 an einen amerikanischen Gläubigen richtete, findet sich eine Aussage, die ebenso aufschlussreich wie anrührend ist. ‘Abdu’l–Bahá spricht darin über Seine Situation nach dem Hinscheiden Bahá'u'lláhs, und erwähnt einen Brief, der Ihn aus Amerika erreichte, zu »einer Zeit, da hoch ein Meer von Prüfungen und Leiden brandete ...«24
24 Briefe und Botschaften 200:1


»In dieser Lage befanden wir uns, als uns ein Brief der amerikanischen Freunde erreichte. Sie hatten sich geschworen, so schrieben sie, in allen Dingen einig zu bleiben. Die Unterzeichnenden hatten allesamt gelobt, auf dem Pfade der Liebe Gottes Opfer zu bringen, um ewiges Leben zu gewinnen. In dem Augenblick, als dieser Brief mit all den Unterschriften am Ende verlesen wurde, überkam ‘Abdu’l–Bahá so große Freude, dass keine Feder sie zu beschreiben vermag.«25
25 a. a. O., 200:3

Aus einer Reihe von Gründen müssen heute lebende Bahá’í unbedingt die Umstände verstehen lernen, unter de­nen sich die Ausbreitung des Glaubens im Westen vollzog. Dies hilft, uns von der Kultur einer derben, aufdringlichen Kommunikationsweise zu lösen, die in der heutigen Gesellschaft etwas so Alltägliches geworden ist, dass sie kaum noch auffällt. Es lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die liebevolle, behutsame Art, mit der der Meister Seinen westlichen Zuhörern die Konzepte der Natur des Menschen und der menschlichen Gesellschaft, wie Bahá’u’lláh sie offenbart hat­te, nahebrachte — Konzepte, die in ihren Auswirkungen revolutionär waren und jenseits des Erfahrungshorizontes der Hörerschaft lagen. Es erklärt die Feinfühligkeit, mit der Er Metaphern gebrauchte oder historische Beispiele heranzog, Seine häufig indirekte Herangehensweise, die Vertrautheit, die Er nach Belieben schaffen konnte, und die offenbar gren­zenlose Geduld, mit der Er auf Fragen antwortete, auch wenn die ihnen zugrunde liegenden Vorstellungen oftmals schon seit langem jede Gültigkeit, die sie vielleicht einmal besessen haben mochten, verloren hatten.

Eine weitere Erkenntnis, zu der eine leidenschaftslose Betrachtung der geschichtlichen Situation, in der sich der Meister an den Westen wandte, unserer Generation verhelfen kann, liegt in der Wertschätzung der geistigen Größe jener, die auf Ihn hörten. Diese Seelen antworteten Seinem Ruf trotz, nicht wegen der liberalen und wirtschaftlich hoch entwickelten Welt, die sie kannten, einer Welt, die ihnen zweifellos lieb und teuer war und in der sie notgedrungen ihrem täglichen Leben nachgehen mussten. Ihre Antwort rührte von einem, wenn auch manchmal nur vagen, Bewusstsein her, dass die Menschheit geistiger Erleuchtung bitter bedurfte. Standhaftigkeit in ihrer Hingabe an diese Einsicht verlangte von diesen frühen Gläubigen — auf deren selbstlosem Opfer die Grundlagen der heutigen Bahá’í–Gemeinden im Westen und in vielen anderen Ländern größtenteils errichtet wurden —, dass sie nicht nur dem Druck ihrer Familien und der Ge­sellschaft standhielten, sondern auch den leichtfertigen Argumenten und moralischen Verbrämungen einer Weltanschauung, mit der sie aufgewachsen und der sie überall stets und ständig ausgesetzt waren. In der Standhaftigkeit dieser frühen westlichen Gläubigen lag ein Heldenmut, der auf seine Art ebenso bewegend ist wie der ihrer persischen Glaubensgeschwister, die in denselben Jahren für ihren Glauben Verfolgung und Tod erlitten.
An der Spitze jener, die im Westen auf den Ruf des Mei­sters antworteten, waren die kleinen Gruppen unerschrockener Gläubiger, die Shoghi Effendi als »gott–trunkene Pilger«26 gepriesen hatte, und die das Vorrecht hatten, ‘Abdu’l– Bahá in der Gefängnisstadt ‘Akká zu besuchen, mit eigenen Augen das Leuchten Seiner Person zu sehen und aus Seinem Mund Worte zu hören, die das Leben der Menschen von Grund auf zu verwandeln vermochten. Den Eindruck auf diese Gläubigen schildert May Maxwell:
26 Gott geht vorüber 16:16

»Ich erinnere mich weder an Freude, noch an Schmerz, noch an irgend etwas anderes in Worte zu Fassendes bei diesem ersten Beisammensein. Ich war plötzlich zu hoch emporgehoben, meine Seele war mit dem göttlichen Geist in Berührung gekommen und diese so reine, heilige und mächtige Kraft hatte mich überwältigt ...«27
27 a. a. O., 16:13

Mit ihrer Heimkehr, so erklärt Shoghi Effendi, »begann eine ununterbrochene, systematische Tätigkeit, die ... ihre Stützpunkte bis nach Westeuropa und in die Staaten und Provinzen Nordamerikas vorschob ...«28 Eine Flut von Briefen, die der Meister an Empfänger auf beiden Seiten des Atlantiks richtete, trieben die Bemühungen dieser frühen Pilger und ihrer Mitgläubigen an. In der Folge schlossen sich immer mehr Menschen dem Glauben an. Diese Botschaften öffneten die Vorstellungskraft für die Konzepte, Prinzipien und Ideale der neuen Offenbarung Gottes. Die Kraft dieser schöpferischen Macht lässt sich in folgenden Worten nachempfinden, mit denen der erste amerikanische Gläubige, Thornton Chase, zu beschreiben versuchte, was er sah:
28 Gott geht vorüber 16:16

»Seine [des Meisters] eigenen Schriften, die sich wie weißgeflügelte Tauben aus der Mitte Seiner Gegenwart bis ans Ende der Welt ausbreiten, sind so zahlreich (Hunderte entströmen Seiner Feder täglich), dass Er unmöglich Zeit darauf verwandt haben kann, über sie nachzusinnen oder die Denkprozesse eines Gelehrten darauf anzuwenden. Sie ergießen sich wie Ströme aus einer sprudelnden Quelle ...«29
29 In: The Bahá’í Centenary, 1844 — 1944, S. 140f.

Diese Worte vermitteln einen Eindruck von der Entschlossenheit, mit der der Meister ein derart kühnes Unterfangen anging, dass viele in Seiner unmittelbaren Umgebung darüber erschraken. Ungeachtet der oft geäußerten Besorgnis wegen Seines hohen Alters, Seiner angegriffenen Gesundheit und den körperlichen Leiden, die von den Jahrzehnten der Gefangenschaft herrührten, begab Er sich auf eine Reihe von Reisen, die nahezu drei Jahre dauern und Ihn bis an die Pazifikküste des nordamerikanischen Kontinentes führen sollten. Die Belastungen und Gefahren, die Reisen nach Übersee in den frühen Jahren des Jahrhunderts mit sich den frühen Jahren des Jahrhunderts mit sich brachten, waren noch die geringsten Hindernisse auf dem Wege zur Verwirklichung der Ziele, die Er sich gesetzt hatte. Mit den Worten Shoghi Effendis:
»Er, der, wie Er selbst sagte, als Jüngling ins Gefängnis und erst als alter Mann wieder herausgekommen war, der niemals im Leben vor einem Auditorium gestanden, nie die Schule besucht, nie in Kreisen westlicher Menschen verkehrt hatte, deren Sprachen und Sitten Ihm fremd waren, machte sich auf, um von Kanzel und Katheder in Europas Hauptstädten und in führenden Städten Nordamerikas nicht nur die der Religion Seines Vaters eigenen Wahrheiten zu verkünden, sondern auch den göttlichen Ursprung der Propheten vor Bahá’u’lláh darzulegen und die Art ihrer Verbundenheit mit dem neuen Glauben aufzudecken.«30
30 Gott geht vorüber 19:5
*

Keine glanzvollere Bühne hätte man sich für den ersten Akt dieses großartigen Schauspiels wünschen können als London, die Hauptstadt des größten und kosmopolitischsten Weltreiches, das die Welt je gesehen hat. In den Augen der kleinen Gruppen von Gläubigen, die die praktischen Vorbereitungen getroffen hatten und sich nach dem Anblick Seines Antlitzes sehnten, war die Reise ein Triumph, der ihre kühnsten Hoffnungen weit übertraf. Inhaber öffentlicher Ämter, Gelehrte, Schriftsteller, Publizisten, Industrielle, Führer von Reformbewegungen, Mitglieder des britischen Adels und einflussreiche Geistliche zahlreicher Konfessionen suchten Ihn eifrig auf, luden Ihn ein, auf ihren Bühnen, von ihren Kanzeln, in ihren Hörsälen und Häusern zu sprechen, und zollten den Ansichten, die Er darlegte, die größte Wertschätzung. Am Sonntag, dem 10. September 1911, sprach der Meister von der Kanzel der städtischen Synagoge zum ersten Mal über­haupt zu einem öffentlichen Publikum. Seine Worte ließen für Seine Zuhörer die Vision eines neuen Zeitalters in der kulturellen Entwicklung lebendig werden:
»Dies ist ein neuer Zyklus menschlicher Fähigkeiten. Alle Horizonte der Welt sind strahlend hell, und die Welt wird wie ein Garten und ein Paradies werden ... Ihr seid befreit von altem Aberglauben, der die Menschen in Unwissenheit gehalten und die Grundlagen wahren Menschseins zerstört hat.
Die Gabe Gottes an dieses erleuchtete Zeitalter ist die Er­kenntnis der Einheit der Menschheit und der grundlegenden Einheit der Religionen. Der Krieg zwischen den Nationen wird aufhören, und mit Gottes Willen wird der Größte Friede kommen; die Welt wird als eine angesehen werden, und alle Menschen werden wie Brüder leben.«31
31 ‘Abdu’l–Bahá in London, S. 19f.

Nach einem weiteren zweimonatigen Aufenthalt in Paris und einer vorübergehenden Rückkehr nach Alexandria, um dort den Winter zu verbringen und Seine Gesundheit wieder herzustellen, fuhr ‘Abdu’l–Bahá am 25. März 1912 mit einem Schiff nach New York ab und kam dort am 11. April dieses Jahres an. Allein was die körperliche Belastung angeht, war ein derart volles Programm, mit Hunderten öffentlichen Ansprachen, Konferenzen und persönlichen Gesprächen in mehr als vierzig Städten überall in Nordamerika und neunzehn weiteren in Europa, von denen einige mehrmals besucht wurden, eine Leistung, die in der modernen Ge­schichte wohl ihresgleichen sucht. Auf beiden Kontinenten, besonders aber in Nordamerika, wurde ‘Abdu’l–Bahá von hochrangigen Hörern, die sich etwa dem Frieden, den Rechten der Frau, der Gleichberechtigung der Rassen, sozialen Reformen und der moralischen Entwicklung verschrieben hatten, mit großer Wertschätzung begrüßt. Fast täglich wurde über Seine Vorträge und Gespräche in zahlreichen auflagen­starken Zeitungen berichtet. Er selbst sollte später schreiben, dass Er »alle Türen offen [fand] ... und sah, wie die geistige Macht des Reiches Gottes jedes Hemmnis und Hindernis beseitigte«32.
32 Sendschreiben zum göttlichen Plan 13:4

Die Offenheit, mit der man Ihm begegnete, ermöglichte es ‘Abdu’l–Bahá, die sozialen Prinzipien der neuen Offenbarung unzweideutig darzulegen. Shoghi Effendi fasst die Wahrheiten, die so verkündet wurden, zusammen:
»Die unabhängige, von Aberglauben und Tradition befreite Wahrheitssuche; die Einheit des ganzen Menschenge­schlechts — Hauptlehre und Leitprinzip des Glaubens —; die grundlegende Einheit aller Religionen; strikte Ablehnung jeglichen Vorurteils, ob religiöser, rassischer, gesellschaftlicher oder ethnischer Art; der unabdingbare Einklang von Religion und Wissenschaft; Gleichheit für Mann und Frau, die beiden Flügel, mit denen der Vogel Menschheit sich aufschwingen kann; die Einführung der Schulpflicht; die Adoption einer universellen Hilfssprache; die Beseitigung der Extreme von Reichtum und Armut; die Einrichtung eines Welttribunals zur Schlichtung von Streit unter Völkern; die Würdigung jeglicher im Geist des Dienstes geleisteten Arbeit als Gottesdienst; die Verherrlichung der Gerechtigkeit als herrschendes Prinzip in der menschlichen Gesellschaft und der Religion als Bollwerk für den Schutz aller Menschen und Völker; die Stiftung eines dauernden universalen Friedens als das erhabenste Ziel für die ganze Menschheit — dies sind die Grundelemente dieser göttlichen Verfassung, die Er im Verlauf Seiner Lehrreisen den Meinungsführern wie dem großen Publikum verkündete.«33
33 Gott geht vorüber 19:7

Der Kern der Botschaft des Meisters war die Verkündigung, dass der seit langem verheißene Tag der Vereinigung der Menschheit und der Errichtung von Gottes Königreich auf Erden gekommen ist. Dieses Reich, wie ‘Abdu’l–Bahá es in Seinen Briefen und Ansprachen enthüllte, hatte nicht das geringste gemein mit den weltfernen Auffassungen, die aus den Lehren traditioneller Religionen bekannt waren. Vielmehr verkündete der Meister den Eintritt der Menschheit in ihr Reifealter und die Herausbildung einer Weltkultur, in der das Zusammenspiel universeller geistiger Werte und eines bislang unvorstellbaren materiellen Fortschritts in die Entwicklung der gesamten Bandbreite menschlicher Möglichkei­ten münden wird.
Die Mittel, dieses Ziel zu erreichen, so sagte ‘Abdu’l–Bahá, seien schon vorhanden. Jetzt bedürfe es des Willens zum Handeln, der festen Überzeugung und Durchhaltekraft:
»Wir alle wissen, dass Weltfriede gut ist, dass er die Grundlage des Lebens ist, aber Wille und Tat sind vonnöten. Weil dies das Jahrhundert des Lichts ist, wurde dem Menschen die Fähigkeit verliehen, den Frieden zu erreichen. Es steht fest, dass diese Gedanken so weit unter den Menschen verbreitet werden, dass sie zu Taten führen.«34
34 ‘Abdu’l–Bahá, The Promulgation of Universal Peace, S. 121 (aus dem Persischen übersetzt)

Zwar stets voller Höflichkeit und Rücksicht, jedoch klar und unmissverständlich wurden die Prinzipien der neuen Offenbarung bei privaten wie bei öffentlichen Anlässen darge­legt. Zu jeder Zeit waren die Handlungen des Meisters ebenso überzeugend wie Seine Worte. Beispielsweise hätte in den Vereinigten Staaten nichts den Glauben der Bahá’í an die Einheit der Religionen deutlicher vermitteln können als die Bereitschaft ‘Abdu’l–Bahás, sich in Ansprachen an eine christliche Hörerschaft auch auf den Propheten Muhammad zu beziehen, und Sein entschiedenes Eintreten für den göttlichen Ursprung von Christentum wie Islam vor der Versammlung in der Emanu-El–Synagoge in San Francisco. Seine Fähigkeit, in Frauen aller Altersgruppen das Vertrauen darauf zu wecken, dass sie geistige und intellektuelle Fähigkeiten besaßen, die denen der Männer in nichts nachstanden; Seine unprovokante aber dennoch unmissverständliche Demonstration der Bedeutung der Lehren Bahá’u’lláhs über die Einheit der Rassen, indem er schwarze wie weiße Gäste an Seinem eigenen Tisch und an dem Seiner prominenten Gastgeberinnen willkommen hieß; Sein Bestehen auf der absoluten Vorrangigkeit der Einheit bei allen Aspekten von Bahá’í–Unternehmungen — mit anschaulichen Beispielen, wie die geistigen und praktischen Aspekte des Lebens zusammenwirken müssen, öffnete Er den Gläubigen Pforten in eine Welt neuer Möglichkeiten. Durch den Geist der Liebe, in dem all diese herausfordernden Erklärungen vorgebracht wurden, gelang es, die Ängste und Zweifel derer zu überwinden, an die der Meister sich wandte.
Noch größer als die Anstrengungen, mit der Er den Glau­ben in der Öffentlichkeit vorstellte, war jedoch Sein Einsatz an Zeit und Energie, um die Gläubigen in ihrem Verständnis der geistigen Wahrheiten der Offenbarung Bahá’u’lláhs zu vertiefen. In einer Stadt nach der anderen, vom frühen Mor­gen bis spät in die Nacht, verbrachte Er die Stunden, die nicht von den öffentlichen Verpflichtungen Seiner Mission beansprucht wurden, damit, auf die Fragen der Freunde zu antworten, ihren Bedürfnissen nachzukommen und ihnen einen Geist des Vertrauens darauf einzuflößen, dass jeder von ihnen zur Verbreitung des Glaubens, den sie angenommen hatten, beitragen konnte. Sein Besuch in Chicago gab ‘Abdu’l–Bahá die Möglichkeit, eigenhändig den Grundstein des ersten Bahá’í–Hauses der Andacht im Westen zu legen, ein Projekt, das vom bereits begonnenen Bau des Hauses der Andacht in ‘Ishqábád inspiriert war und ebenso vom ersten Moment der Planung an von ‘Abdu’l–Bahá gefördert wurde.
»Der Mashriqu’l–Adhkár ist eine der wichtigsten Institutionen auf der Welt. Er hat viele ergänzende Einrichtungen.

Zwar ist er ein Haus der Andacht, ihm sind aber ein Krankenhaus, eine Apotheke, ein Hospiz für Reisende, eine Schule für Waisen und eine Universität für fortgeschrittene Studien angeschlossen ... Es ist meine Hoffnung, dass in Amerika jetzt der Mashriqu’l–Adhkár errichtet werde und dass dann allmählich das Krankenhaus, die Schule, die Universität, die Apotheke und das Hospiz folgen werden, alle nach dem wirksamsten, zweckmäßigsten Verfahren arbeitend.«35
35 ‘Abdu’l–Bahá, Briefe und Botschaften 64:1

Ebenso wie bei der Entwicklung, die sich zeitgleich in Persien vollzog, werden wohl auch erst zukünftige Historiker imstande sein, die schöpferische Kraft dieser Dimension der Reise in den Westen angemessen zu würdigen. Memoiren und Briefe zeugen davon, wie selbst kurze Begegnungen mit dem Meister zahllosen westlichen Bahá’í Kraft gaben für die folgenden Jahre der Anstrengungen und Opfer, in denen sie sich um die Ausbreitung und Festigung des Glaubens mühten. Ohne ein solches Eingreifen des Mittelpunktes des Bundes selbst wäre es unvorstellbar gewesen, dass kleine Gruppen westlicher Gläubiger — denen das geistige Erbe vollständig fehlte, das ihre persischen Glaubensgeschwister von Eltern und Großeltern und deren langjähriger Verbindung mit den heroischen Ereignissen der Bábí– und der frühen Bahá’í–Geschichte übernommen hatten — so schnell hätten erfassen können, was der Glaube von ihnen verlangte, und die erforderlichen immensen Aufgaben hätten vollbringen können.
Seine Zuhörer waren aufgerufen, liebevolle und zuver­sichtliche Träger eines großen Zivilisationsprozesses zu werden, dessen Dreh- und Angelpunkt die Erkenntnis der Einheit des Menschengeschlechtes ist. Wenn sie sich erhöben, ihre Mission zu erfüllen, so versprach Er ihnen, dann würden sie in sich selbst und anderen gänzlich neue Fähigkeiten freige­setzt finden, mit denen Gott die Menschheit an diesem Tage ausgestattet hat:
»Ihr müsst die wahre Seele der Welt werden, der Lebenshauch im Leib der Menschenkinder. In diesem wundervollen Zeitalter, da die Urewige Schönheit, der Größte Name mit zahllosen Gaben am Horizont der Welt erschienen ist, flößt Gott durch Sein Wort dem innersten Wesenskern der Menschheit solche erstaunlichen Kräfte ein, dass Er menschlichen Eigenschaften alle Wirkung nimmt und die Völker mit Seiner allbezwingenden Macht in einem weiten Meer der Einheit zusammenführt.«36
36 ‘Abdu’l–Bahá, Briefe und Botschaften 7:2

Die Antwort, die die Gläubigen diesem Aufruf entgegen­brachten, wird wohl am deutlichsten durch die Tatsache, dass die unter ihnen errichtete Einheit sie nicht daran hinderte, die Wahrheiten des Glaubens auf sehr unterschiedliche persönliche Art und Weise auszudrücken. Das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft war schon immer eine der herausforderndsten Fragen gesellschaftlicher Entwicklung. Schon das flüchtige Lesen der Lebensgeschichten der frühen westlichen Gläubigen zeigt, dass die meisten ein hohes Maß an Individualität auszeichnete, besonders die aktiv­sten und kreativsten. Nicht selten hatten sie erst nach der intensiven Beschäftigung mit verschiedenen geistigen und sozialen Bewegungen jener Zeit zum Glauben gefunden. Dieses tiefe Verständnis der Sorgen und Bedürfnisse ihrer Zeitgenossen machte sie zweifellos zu derart wirksamen Lehrern des Glaubens. Ebenso klar ist jedoch, dass die vielen verschiedenen Ausdrucks- und Sichtweisen sie nicht davon abhielten, zur Entwicklung einer gemeinsamen Einheit beizutragen, die die Hauptanziehungskraft des Glaubens war. Wie die Memoiren und historischen Aufzeichnungen jener Zeit deutlich machen, war das Geheimnis dieser Balance zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft das geistige Band, das alle Gläubigen mit den Worten und dem Vorbild des Meisters verband. Für sie alle war ‘Abdu’l–Bahá der Bahá’í–Glauben.
Keine objektive Rückschau auf ‘Abdu’l–Bahás Mission im Westen darf die ernüchternde Tatsache ignorieren, dass nur eine geringe Zahl derer, die den Glauben angenommen hatten — und noch viel weniger unter der öffentlichen Zuhörerschaft, die in Scharen herbeigeströmt war, um Seine Worte zu hören —, bei diesen unschätzbaren Gelegenheiten mehr als ein verhältnismäßig vages Verständnis der Bedeutung Seiner Botschaft erlangte. Obwohl ‘Abdu’l–Bahá die begrenzte Einsicht seitens Seiner Zuhörer bewusst war, zögerte Er nicht, im Umgang mit westlichen Gläubigen ein Verhalten an den Tag zu legen, das sie zu einer Geisteshaltung rief, die über bloßen gesellschaftlichen Liberalismus oder pure Toleranz weit hinaus ging. Ein Beispiel, das hier für viele solcher Eingriffe stehen soll, war Seine behutsame und doch zukunftsweisende Ermutigung der Hochzeit von Louis Gregory und Louise Mathew — der eine schwarz, die andere weiß. Die Initiative setzte für die amerikanische Bahá’í–Gemeinde den Maßstab für die wahre Bedeutung der Zusammenführung der Rassen, wie zögerlich und langsam ihre Mitglieder auch der tieferen Bedeutung dieses herausfordernden Prinzips entsprechen mochten.
Auch ohne ein wirklich tiefgehendes Verständnis der Zie­le des Meisters machten sich die, die Seiner Botschaft folg­ten, oft unter hohen eigenen Kosten auf, den Prinzipien, die Er lehrte, praktischen Ausdruck zu verleihen. Hingabe an die Sache des Weltfriedens; die Abschaffung der Extreme von Reichtum und Armut, die die Einheit der Gesellschaft untergruben; das Überwinden nationaler, rassischer und anderer Vorurteile; die Förderung gleicher Erziehung für Jungen und Mädchen; die Notwendigkeit, die Fesseln alter Dogmen ab­zuschütteln, die die Erforschung der Wirklichkeit behinderten — diese Prinzipien für den Fortschritt der Zivilisation hatten einen tiefen Eindruck hinterlassen. Was, wenn überhaupt, nur wenige der Zuhörer des Meisters erfassten — vielleicht erfassen konnten —, war die revolutionäre Umwandlung der grundlegenden Struktur der Gesellschaft und die willentliche Unterwerfung der menschlichen Natur unter das göttliche Gesetz, die letzten Endes allein die notwendigen Veränderungen in Einstellung und Verhalten bewirken können.

*

Der Schlüssel zu dieser Vision der bevorstehenden Umwandlungen im persönlichen und gesellschaftlichen Leben der Menschheit war ‘Abdu’l–Bahás Verkündigung des Bundes Bahá’u’lláhs, die kurz nach Seiner Ankunft in Nordamerika erfolgte, und der zentralen Rolle, die Er selbst darin einzunehmen aufgerufen worden war. Mit den Worten des Meisters:
»Das herausragendste Merkmal der Offenbarung Bahá’u’lláhs, eine Besonderheit, die bei keinem der früheren Propheten zu finden ist, ist das Amt und die Designation des ›Mittelpunktes des Bundes‹. Durch diese Einrichtung und die gleichzeitige Designation sichert und schützt Bahá’u’lláh die Religion Gottes gegen Meinungsstreit und Schisma, so dass niemand mehr eine Sekte oder Fraktion bilden kann.«37
37 In: Der Gottesbund 17

Als Ort dieser Verkündigung wählte Er New York, nannte es »die Stadt des Bundes« und erklärte den westlichen Gläu­bigen hier, wie der Stifter ihres Glaubens die Autorität, Seine Offenbarung bindend auszulegen, übertragen hatte. Eine hochgeachtete Gläubige, Lua Getsinger, war vom Meister aufgefordert worden, die Gruppe von Bahá’í, die in dem Haus, in dem Er vorübergehend wohnte, versammelt war, auf diesen historischen Moment vorzubereiten. Im Anschluss daran begab Er sich selbst ins Erdgeschoss und sprach über einige der Bedeutungen des Bundes im allgemeinen. Juliet Thompson, die zusammen mit einem der persischen Übersetzer im Raum im Obergeschoss gewesen war, als ihre Freundin diesen Auftrag erhielt, hinterlässt einen Bericht über die näheren Umstände. Sie zitiert ‘Abdu’l–Bahá:
»Ich bin der Bund, ernannt durch Bahá’u’lláh. Und niemand kann Sein Wort widerlegen. Dies ist das Testament Bahá’u’lláhs. Ihr werdet es im heiligen Buch Aqdas finden. Geht hin und verkündet: ›Dies ist der Bund Gottes in eurer Mitte.‹«38
38 In: Juliet Thompson, The Diary of Juliet Thompson, S. 313

Von Bahá’u’lláh als das Instrument vorgesehen, das, mit den Worten Shoghi Effendis, die »Unverletzbarkeit [des Glaubens] gewährleisten, ihn vor Spaltung bewahren und seine weltweite Ausdehnung fördern sollte«39, war der Bund beinahe sofort nach Seinem Hinscheiden von Mitgliedern Seiner eigenen Familie verletzt worden. Als diese erkannten, dass die Autorität, die dem Meister im Kitáb–i–‘Ahd, in der Tafel vom Zweig und in damit zusammenhängenden Dokumenten übertragen worden war, ihre eigenen Hoffnungen, den Glauben zu ihrem persönlichen Vorteil ausnutzen zu können, zunichte machte, begannen sie — zuerst im Heiligen Land und dann in Persien, wo der Großteil der Bahá’í– Gemeinde ansässig war — eine hartnäckige Kampagne mit dem Ziel, ‘Abdu’l–Bahás Position zu schwächen. Als diese Vorhaben scheiterten, versuchten sie die Angst der osmanischen Regierung und die Habsucht ihrer Vertreter in Palästina für sich zu nutzen. Auch diese Hoffnungen wurden zerstört, als die Jungtürkische Revolution das Regime in Konstantinopel entmachtete und einunddreißig ihrer führenden Amtsträger gehenkt wurden, darunter mehrere, die in die Pläne der Bundesbrecher verwickelt waren.
39 Gott geht vorüber 15:3

Im Westen hatten bereits in den ersten Jahren der Amtszeit des Meisters einige von Ihm beauftragte Gläubige erfolgreich den Machenschaften Ibrahim Khayru’lláhs entgegengewirkt — ausgerechnet desjenigen, der viele amerikanische Gläubige mit der Sache Gottes bekannt gemacht, der jedoch schließlich durch die Verbindung mit den Bundesbrechern innerhalb der heiligen Familie versucht hatte, selbst eine Machtposition einzunehmen. Solche Erfahrungen hatten die westlichen Gläubigen zweifellos auf die offizielle Erklärung der Stufe des Meisters vorbereitet, und auf die Bestimmtheit, mit der Er sie mahnte, jegliche Verbindung zu solchen Zwie­trachtstiftern zu meiden. »Einige schwache, launenhafte, übelmeinende und unwissende Seelen ... bemühen sich, den Bund Gottes und Sein Testament auszutilgen. Sie wollen das klare Wasser verschmutzen, um dann im Trüben zu fischen.«40 Die Bedeutung dieses großen Gesetzes, das die neue Offenbarung ordnete, sollte jedoch erst allmählich klar werden, während die neuen Gemeinden sich darum mühten, Meinungsverschiedenheiten zu überwinden und der ständigen Versuchung zu widerstehen, über unterschiedliche Ansichten in Splittergruppen zu zerfallen.
40 Bahá’í World Faith, S. 429

Während der Meister in öffentlichen Ansprachen und privaten Gesprächen die Vision einer Welt in Einheit und Frieden verkündete, die die Offenbarung Gottes für diesen Tag hervorbringen wird, warnte Er ebenso nachdrücklich vor den Gefahren, die unmittelbar bevorstanden — für den Glauben und für die Welt. Für beide sah ‘Abdu’l–Bahá — mit den Worten Shoghi Effendis — »ein[en] Winter, streng wie nie zuvor«41 voraus.
41 Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 131

Die Sache Gottes würde in diesem Winter erschütternden Verrat am Bund erleben. In Nordamerika blieb der Wankelmut einiger weniger, die in ihrem Streben nach persönlicher Macht enttäuscht worden waren, eine nie versiegende Quelle von Schwierigkeiten für die Gemeinde, untergrub den Glauben einiger und veranlasste andere, sich aus dem aktiven Gemeindeleben zurückzuziehen. Auch in Persien wurde der Glauben der Freunde wiederholt durch die Intrigen ehrgeiziger Individuen geprüft, die in den Erfolgen der Arbeit des Meisters im Westen die Chance sahen, sich selbst in den Vordergrund drängen zu können. In beiden Fällen wurden die standhaften Gläubigen durch diese Vorkommnisse letztendlich nur in ihrer Ergebenheit gestärkt.
Auch was das Schicksal der gesamten Menschheit anging, warnte ‘Abdu’l–Bahá in aller Deutlichkeit vor der Katastrophe, die Er herannahen sah. Während Er betonte, wie dringend notwendig Bemühungen um Versöhnung waren, die das Leid der Weltbevölkerung bis zu einem gewissen Grad wür­den lindern können, ließ Er doch Seine Hörer nicht im Zweifel über das Ausmaß der Gefahr. Eine der führenden Zeitungen von Montreal, wo besonders ausführlich über Seine Reise berichtet wurde, zitierte Ihn folgendermaßen:
»Ganz Europa gleicht einem Waffenlager. Diese kriegerischen Vorbereitungen werden notgedrungen in einem großen Krieg enden. Allein schon die Aufrüstung muss zum Krieg führen. Dieses große Arsenal muss in Flammen aufgehen. Zu dieser Ansicht gehört keine prophetische Gabe«, sagte ‘Abdu’l–Bahá, »sie basiert auf rein logischem Denken.«42
42 ‘Abdu’l–Bahá in Canada, S. 51

Am 5. Dezember 1912 fuhr Er, der in ganz Nordamerika als »Apostel des Friedens« bejubelt worden war, von New York nach Liverpool. Nach relativ kurzen Aufenthalten in London und anderen britischen Städten, besuchte Er verschiedene Städte auf dem Kontinent und verbrachte abermals mehrere Wochen in Paris, wo Ihm die Dienste von Hippolyte Dreyfus zur Verfügung standen, dessen Fähigkeit, Arabisch und Persisch zu schreiben, den Anforderungen des Meisters entsprach. Als anerkannte Kulturhauptstadt Europas war Paris ein wichtiges Zentrum für Besucher aus vielen Teilen der Welt, einschließlich des Orients. Die während der zwei ausgedehnten Besuche gehaltenen Vorträge bezogen sich zwar oft auf die großen sozialen Fragen, die auch andernorts dis­kutiert wurden, zeichneten sich jedoch besonders durch eine tiefe Geistigkeit aus, die die Herzen derer, die das Vorrecht hatten, sie zu hören, zutiefst berührt haben muss:
»Hebt Eure Herzen über die Gegenwart hinaus und blickt mit gläubigen Augen in die Zukunft. Jetzt ist die Zeit der Saat, der Same fällt zu Boden, aber siehe, der Tag wird kommen, da aus ihm ein herrlicher Baum ersteht, und seine Zweige werden reiche Früchte tragen. Jubelt und seid froh, dass dieser Tag angebrochen ist. Trachtet, seine Macht zu erkennen, denn er ist wahrhaft wunderbar.«43
43 Ansprachen in Paris 21:6 (S. 51)

Am Morgen des 13. Juni 1913 schiffte ‘Abdu’l–Bahá sich in Marseilles auf der S. S. Himalaja ein und erreichte vier Tage später Port Said in Ägypten. Seine, wie Shoghi Effendi sagte, »historischen Reisen« endeten mit Seiner Rückkehr nach Haifa am 5. Dezember 1913.

*

Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach ‘Abdu’l–Bahás Gespräch mit dem Herausgeber des Montreal Daily Star brach diese Welt — samt ihrem wahnhaften Selbstvertrauen und ihren scheinbar unerschütterlichen Grundfesten — plötzlich in sich zusammen. Als Anlass der Katastrophe wird gemeinhin die Ermordung des habsburgischen Thronfolgers in Sara­jevo gesehen, und sicherlich wurde die Kette von groben politischen Fehlern, leichtsinnigen Drohungen und sinnleeren Appellen an die »Ehre«, die direkt zum Ersten Weltkrieg führte, durch dieses relativ unbedeutende Ereignis in Gang gesetzt. In Wahrheit jedoch hätten die europäischen Führer durch das vorausgehende »Donnergrollen« während der gesamten ersten Dekade des Jahrhunderts, auf das der Meister aufmerksam gemacht hatte, vor der Zerbrechlichkeit der bestehenden Ordnung gewarnt sein müssen.
In den Jahren 1904 und 1905 bekriegten sich das Japanische und das Russische Reich mit einer Gewalt, die zur Zerstörung fast der gesamten russischen Marine und dem Verlust von Territorien führte, die Russland als unverzichtbar betrachtete; eine Demütigung, die nicht ohne lang anhaltende nationale und internationale Folgen blieb. Während dieser frühen Jahre des Jahrhunderts wurde zweimal ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland um imperiale Vorhaben in Nordafrika nur dadurch knapp verhindert, dass andere Mächte aus reinem Eigeninteresse intervenierten. 1911 provozierten ähnliche Ambitionen Italiens erneut eine gefährliche Be­drohung des internationalen Friedens durch die Besetzung des heutigen Libyen, das damals zum Osmanischen Reich gehörte. Die internationale Instabilität — auch davor hatte der Meister gewarnt — wurde dadurch noch verstärkt, dass Deutschland sich durch das wachsende Netz feindlicher Allianzen gezwungen fühlte, ein massives Marineprogramm zu beginnen, welches darauf abzielte, der vormals akzeptierten Überlegenheit der britischen Seemacht ein Ende zu setzen.
Verschärft wurden diese Konflikte durch Spannungen zwischen den verschiedenen Volksgruppen in Russland, Österreich–Ungarn und im Osmanischen Reich. Polen, Tschechen, Slowaken, Balten, Rumänen, Kurden, Araber, Armenier, Griechen, Mazedonier, Slawen und Albaner konnten den Tag kaum erwarten, da der Lauf der Dinge sie aus der Umklam­merung der altersschwachen Systeme, von denen sie unterdrückt wurden, befreien würde. Diese Risse, die die bestehende Ordnung durchzogen, wurden von zahlreichen Verschwörungen, Widerstandsgruppen und separatistischen Organisationen unermüdlich ausgenutzt. Inspiriert durch Ideologien, die von wirrem Anarchismus bis zu aggressiver rassistischer und nationalistischer Besessenheit reichten, teilten diese im Untergrund wirkenden Kräfte eine naive Überzeugung: Wenn nur der jeweilige Teil der bestehenden Ord­nung, den sie zum Ziel ihrer Angriffe gemacht hatten, gestürzt werden könnte, so würden schon allein die edlen Ziele ihrer Vordenker und die edle Natur der Menschheit überhaupt ein neues Zeitalter der Freiheit und Gerechtigkeit garantieren.
Von diesen selbsternannten Kämpfern für gewaltsame Veränderung arbeitete eine weit verbreitete Bewegung sy­stematisch und mit rücksichtsloser Entschlossenheit auf das Ziel der Weltrevolution hin. Der Kommunistischen Partei, die ihre intellektuelle Stoßkraft und das unerschütterliche Vertrauen auf ihren letztlichen Triumph aus der Ideologie von Karl Marx bezog, war es gelungen, in ganz Europa und verschiedenen anderen Ländern Parteikader zu bilden. In der Überzeugung, dass der Genius ihres Meisters zweifelsfrei demonstriert habe, dass menschliches Bewusstsein und gesellschaftliche Ordnung im wesentlichen durch materielle Kräfte hervorgebracht würden, sprach die kommunistische Bewegung der Religion wie den »bourgeoisen« moralischen Maßstäben den Geltungsanspruch ab. Aus ihrer Sicht war der Glaube an Gott eine neurotische Schwäche, der die Mensch­heit verfallen war, eine bloße Sucht, die es den jeweils herrschenden Klassen erlaubte, den Aberglauben als Instrument zur Versklavung der Massen zu benutzen.
Den Führern der Welt, die sich blind auf die weltumfassende Feuersbrunst hinbewegten, welche Stolz und Torheit vorbereitet hatten, dienten die großen Fortschritte in Wissenschaft und Technik hauptsächlich dazu, militärischen Vorteil gegenüber ihren Rivalen zu erlangen. Doch jetzt waren die Gegner andere europäische Nationen und nicht die verarmten und größtenteils ungebildeten kolonialen Völker, die sie zu unterwerfen vermocht hatten. Die falsche Sicherheit, die solche Waffenstärke vermittelte, führte unausweichlich zu ei­nem Wettrüsten der Land- und Seestreitkräfte mit den fortschrittlichsten modernen Waffensystemen. Die immer weiter entwickelten Maschinengewehre, weitreichende Geschütze, Zerstörer, Unterseebote, Landminen, Giftgase und die Möglichkeit, Flugzeuge für Bombenangriffe auszurüsten, wurden von einem Historiker als »Technologie des Todes«44 bezeichnet. Alle diese Vernichtungsinstrumente sollten, wie ‘Abdu’l–Bahá gewarnt hatte, im Verlauf des kommenden Kon­fliktes eingesetzt und noch perfektioniert werden.
44 Eric Hobsbawm, Age of Extremes, S. 23

Auch anderen, mehr unterschwelligen Druck übten Wissenschaft und Technik auf die bestehende Ordnung aus. Die industrielle Großproduktion, die durch das Wettrüsten noch angekurbelt wurde, beschleunigte die Bevölkerungsabwanderung in die städtischen Ballungsräume. Schon am Ende des vorangegangenen Jahrhunderts hatte dieser Prozess ererbte Maßstäbe und Treuepflichten untergraben, hatte wachsende Menschenmengen mit neuen Ideen darüber, wie soziale Veränderungen zu erwirken wären, bekannt gemacht und den Wunsch der Massen nach einem Lebensstandard geweckt, der vormals nur den führenden Schichten der Gesellschaft zur Verfügung stand. Sogar in vergleichsweise autokratischen Systemen begann die Bevölkerung wahrzunehmen, wie sehr politische Machthaber in ihrer Funktion davon ab­hängig waren, die breite Unterstützung des Volkes zu gewinnen. Diese gesellschaftlichen Entwicklungen sollten unvorhersehbare und weitreichende Folgen haben. Während der Krieg sich endlos hinzog und der bedenkenlose Glaube daran, dass er leicht zu gewinnen sein werde, ins Wanken geriet, erkannten Millionen wehrpflichtiger Männer in den Armeen beider Seiten, dass ihr Leiden sinnlos war und weder ihnen selbst noch ihren Familien nützen werde.
Über diese Auswirkungen technologischer und wirtschaftlicher Veränderungen hinaus schien der wissenschaftliche Fortschritt zu leichtfertigen Annahmen über die Natur des Menschen zu ermutigen — es bildete sich ein fast unbemerkter Überzug aus dem »trübenden Staub allen erworbenen Wissens«45, wie Bahá’u’lláh es genannt hatte. Dieses Halb­wissen teilte sich einem immer größeren Publikum mit. Sen­sationslust der Presse, hitzige Debatten zwischen Wissen­schaftlern oder Gelehrten auf der einen Seite und Theologen oder einflussreichen Kirchenmännern auf der anderen, dazu die rasche Zunahme staatlicher Bildungseinrichtungen, tru­gen weiter dazu bei, die Autorität bislang akzeptierter religiöser Lehrmeinungen und gängiger moralischer Maßstäbe zu untergraben.
45 Ährenlese 125:1

Diese eruptiven Kräfte des neuen Jahrhunderts machten die Situation, in der sich die westliche Welt 1914 befand, höchst brisant. Als die große Feuersbrunst schließlich aus­brach, übertraf daher der Albtraum die schlimmsten Befürch­tungen vorausschauender Denker bei weitem. Es wäre zwecklos, an dieser Stelle die oft dargestellten Verheerungen durch den Ersten Weltkrieg aufzuzählen. Die bloße Statistik übersteigt schon fast jegliche Vorstellung: sechzig Millionen Männer, so schätzt man, wurden in das schrecklichste Infer­no, das die Geschichte bisher erlebt hatte, gestürzt. Acht Millionen von ihnen kamen während des Krieges um und zehn Millionen oder mehr waren für den Rest ihres Lebens gezeichnet durch Verkrüppelung, ausgebrannte Lungen und entsetzliche Entstellungen.46 Historiker schätzen, dass der finanzielle Schaden um die dreißig Milliarden Dollar betrug, wodurch ein erheblicher Teil des europäischen Gesamtkapi­tals vernichtet wurde.
46 Vgl. Edward R. Kantowicz, The Rage of Nations, Cambridge 1999, S. 138. Kantowicz errechnet für Europa einen Gesamtverlust von achtundvierzig Millionen Menschen, einschließlich fünfzehn Millionen »Hinweggeraffter«, die wegen ihres geschwächten Gesundheitszustands Opfer der Grippeepidemie der Nachkriegszeit wurden, und einschließlich der erheblichen Geburtenausfälle in der Folge dieser Katastrophen. Hobsbawm schätzt, dass Frankreich fast zwanzig Pro­zent seiner wehrtauglichen Männer verlor, Großbritannien ein Viertel seiner Oxford– und Cambridge–Absolventen, die während des Krieges in der Armee dienten, und Deutschland 1,8 Millionen oder dreizehn Prozent seiner wehrpflichtigen Bevölkerung. Vgl. Eric Hobsbawm, Age of Extremes, S. 26.

Nicht einmal diese schlimmen Verluste lassen das volle Ausmaß des Verderbens erahnen. Einer der Gründe, die Präsident Woodrow Wilson lange davon abgehalten haben, dem Kongress der Vereinigten Staaten nahezulegen, die Kriegser­klärung auszusprechen — was zu diesem Zeitpunkt fast unumgänglich schien —, war der moralische Schaden, den er daraus folgen sah. Er erkannte, dass die Verrohung der menschlichen Natur das schlimmste Erbe der Tragödie, in der Europa damals versank, sein würde, ein Erbe, das menschliche Macht nicht mehr würde umkehren können. Diese Einsicht war nur eine der besonderen Fähigkeiten, die jenen außergewöhnlichen Staatsmann, dessen Weitblick ‘Abdu’l–Bahá wie Shoghi Effendi rühmten, kennzeichneten.47
47 Präsident Wilson wurden in den Jahren seit seinem Tode zahlreiche Biographien gewidmet. An dieser Stelle sei auf drei jüngere Werke verwiesen: Louis Auchincloss, Woodrow Wilson, New York 2000; A. Clements Kendrick, Woodrow Wilson: World Statesman, Lawrence 1987; Thomas J. Knock, To End All Wars: Woodrow Wilson and the Quest for a New World Order, Oxford 1992.

Wenn man über das Ausmaß des Leides nachdenkt, das die Menschheit während der vier Kriegsjahre erlitt, und sich vor Augen führt, welchen Rückschlag dies für den langen, schmerzvollen Prozess der Zivilisierung der menschlichen Natur bedeutet, so verleiht dies den Worten des Meisters, die Er erst zwei oder drei Jahre zuvor an Seine Zuhörer in europäischen Städten wie London, Paris, Wien, Budapest und Stuttgart, und auch in Nordamerika gerichtet hatte, tragischen Weitblick. Als Er eines Abends im Hause von Mr. und Mrs. Sutherland Maxwell in Montreal sprach, sagte Er:
»Die Menschenwelt wandelt heute im Dunkeln, denn sie hat den Kontakt zur Welt Gottes verloren. Aus diesem Grunde sehen wir die Zeichen Gottes in den Herzen der Menschen nicht. Die Kraft des Heiligen Geistes hat keinen Einfluss. Wenn eine Erleuchtung durch den göttlichen Geist in der Menschenwelt offenbar wird, wenn göttliche Weisung und Führung erscheinen, dann folgt Erleuchtung, ein neuer Geist verwirklicht sich im Innern, eine neue Kraft kommt herab und neues Leben wird geschenkt. Es ist wie die Geburt aus dem Tierreich ins Menschenreich hinein ... Ich werde dafür beten, und ihr müsst auch dafür beten, dass solch himmlische Freigebigkeit gewährt wird, dass Zwietracht und Feindschaft gebannt werden, Krieg und Blutvergießen enden, dass die Verbindung der Herzen vollkommen werde und dass alle Menschen aus derselben Quelle trinken.«48
48 The Promulgation of Universal Peace, S. 305

Der Friedensvertrag von Versailles, durch den die Alliierten sich im Grunde an den besiegten Feinden rächten, säte nur den Samen eines anderen, noch schrecklicheren Konfliktes, darauf wiesen sowohl ‘Abdu’l–Bahá als auch Shoghi Effendi hin. Die ruinösen Reparationszahlungen, die von den Besiegten verlangt wurden, und die Ungerechtigkeit, die sie dazu verpflichtete, die volle Schuld für einen Krieg zu tragen, den mehr oder weniger alle Parteien zu verantworten hatten, trugen dazu bei, die demoralisierten Völker Europas empfänglich zu machen für totalitäre Bewegungen, die ihnen eine bessere Zukunft versprachen. Andernfalls hätten sie ih­nen vielleicht nie Gehör geschenkt.
Wie hoch auch die Reparationen waren, die von den Besiegten verlangt wurden, so dämmerte doch den vermeintlichen Siegern langsam die schreckliche Erkenntnis, dass ihr Triumph — und die bedingungslose Kapitulation, die sie verlangten —, nur zu einem lähmenden Preis zu haben war. Horrende Kriegsschulden beendeten für immer die wirtschaftliche Vormachtstellung, die die europäischen Länder in den letzten drei Jahrhunderten durch die imperialistische Ausbeutung des restlichen Planeten erlangt hatten. Der Tod von Millionen junger Männer, die dringend dafür benötigt worden wären, die Herausforderungen der bevorstehenden Jahrzehnte anzugehen, war ein Verlust, der nie wieder gut gemacht werden konnte. Ja, Europa — das noch vor vier Jahren den anerkannten Höhepunkt der Zivilisation und des Einflusses in der Welt verkörperte — verlor auf einen Schlag die Vorherrschaft und begann während der folgenden Jahrzehnte den unerbittlichen Abstieg zur Hilfstruppe eines aufstrebenden neuen Machtzentrums in Nordamerika.
Anfänglich schien es so, als würde die Zukunftsvision Woodrow Wilsons jetzt verwirklicht. Teilweise traf dies auch zu: In ganz Europa erlangten zuvor unterdrückte Völker die Freiheit, ihr Schicksal selbst zu bestimmen in einer Reihe neuer Nationalstaaten, die aus den Ruinen der alten Reiche hervorgingen. Außerdem verliehen in den Augen von Millionen Europäern die »Vierzehn Punkte« des Präsidenten seinen öffentlichen Reden solch immense moralische Autorität, dass nicht einmal die widerwilligsten unter den übrigen Führern der Alliierten seine Wünsche vollkommen missachten konnten. Trotz monatelangen Feilschens um Kolonien, Grenzen und Klauseln in den Friedensbedingungen, sah der Versailler Vertrag schließlich eine abgeschwächte Form des von Präsident Wilson angeregten Völkerbundes vor, einer Institution, von der man hoffte, dass sie zukünftige Auseinandersetzungen unter den Nationen beilegen und die internationalen Beziehungen harmonisieren könnte.
Shoghi Effendis Kommentar zur Bedeutung dieser historischen Initiative sollte von jedem Bahá’í, der die Ereignisse dieses turbulenten Jahrhunderts zu verstehen sucht, sorgfältig gelesen werden. Er beschreibt zwei in enger Beziehung stehende Entwicklungen, die mit dem Anbruch des Weltfriedens zusammenhängen, und betont, dass sie »dazu bestimmt sind, gemeinsam ihren Höhepunkt und ihre herrliche Erfüllung zu finden, wenn die Zeit gekommen ist«49.
49 Citadel of Faith, S. 32

Die erste, so erklärt der Hüter, betrifft die Mission der Bahá’í–Gemeinde
des nordamerikanischen Kontinents, die zweite das Schicksal der Vereinigten Staaten als Nation. Über dieses zweite Phänomen, das auf den Ausbruch des ersten Weltkrieges zurückgeht, schreibt Shoghi Effendi:
»Seinen anfänglichen Auftrieb erhielt es durch die Formulierung von Präsident Wilsons Vierzehn Punkten, die erstmalig diese Republik mit den Geschicken der Alten Welt in Verbindung brachte. Es erfuhr seinen ersten Rückschlag durch den Rückzug dieser Republik vom neugeschaffenen Völkerbund, auf dessen Gründung der Präsident hingearbeitet hatte ... Wie lang und schmerzvoll der Weg auch sein mag, so muss es doch durch eine Reihe von Siegen und Niederlagen zur politischen Einheit der östlichen und westlichen Hemisphäre führen, zur Entstehung eines Weltparlaments und zur Errichtung des Geringeren Friedens, wie von Bahá’u’lláh verkündet und vom Propheten Jesaja vorausgesagt. Am Ende muss es in der Entfaltung des Banners des Größten Friedens gipfeln, im Goldenen Zeitalter der Offenbarung Bahá’u’lláhs.«50
50 a. a. O., S. 32f.

Wie tragisch war deshalb das Schicksal des Planes, der die Bemühungen des amerikanischen Präsidenten beflügelt hatte. Wie bald deutlich wurde, war der Völkerbund eine Totgeburt. Obwohl er Formen einer Legislative, einer Judikative, einer Exekutive und einer unterstützenden Verwaltungsstruktur enthielt, so wurde ihm doch die Autorität verweigert, welche für die Funktion, die er angeblich erfüllen sollte, unerlässlich war. Gefesselt durch die aus dem neunzehnten Jahrhundert übernommene Idee uneingeschränkter nationaler Souveränität, konnte er Entscheidungen nur mit der geschlossenen Zustimmung aller Mitgliedsstaaten treffen, eine Auflage, die wirksames Handeln weitgehend unmöglich machte.51 Die Hohlheit dieses Systems zeigte sich auch darin, dass einige der mächtigsten Staaten der Welt nicht aufgenommen wurden: Deutschland wies man als besiegte Nation, die für den Krieg verantwortlich gemacht wurde, zurück; Russland wurde anfänglich aufgrund seines bolschewistischen Regimes der Eintritt verwehrt, und die Vereinigten Staaten selbst verweigerten — in der Folge engstirniger Parteipolitik im Kongress — sowohl den Beitritt zum Völkerbund als auch die Ratifizierung des Vertrages. Selbst die halbherzigen Anstrengungen zum Schutz der ethnischen Minderheiten, die in den neu geschaffenen Nationalstaaten lebten, erwiesen sich schließlich nur als Waffen, die in den anhaltenden brudermörderischen Konflikten Europas eingesetzt werden konnten.
51 In der schließlich verabschiedeten Fassung verlangte Artikel X des Völkerbundes im Angriffsfall nicht die kollektive militärische Intervention, sondern legte lediglich fest, dass »der Rat die Mittel festlegen soll, durch die diese Pflicht erfüllt wird«.

Kurz, in genau dem Augenblick der Menschheitsgeschichte, da ein beispielloser Ausbruch an Gewalt die über­lieferten Bollwerke zivilisierten Gebarens ausgehöhlt hatte, entmachtete die politische Führung der westlichen Welt das einzige alternative System internationaler Ordnung, das die eben durchlebte Katastrophe geboren hatte, und das allein die noch größeren bevorstehenden Leiden hätte mildern können. Mit den prophetischen Worten ‘Abdu’l–Bahás: »Friede, Friede! ... unaufhörlich verkünden die Lippen der Machthaber und der Völker ›Frieden, Frieden‹, während das Feuer ungestillten Hasses noch in ihren Herzen schwelt.« »Die Krankheiten, an denen die Welt jetzt leidet«, fügte Er 1920 hinzu, »werden sich vervielfachen; die Dunkelheit, die sie umschließt, wird sich vertiefen ... Die besiegten Mächte werden weiterwühlen. Sie werden zu jeder Maßnahme greifen, die die Flamme des Krieges wieder entzündet.«52
52 In: Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 50f.

*

Während das Inferno des Krieges die Welt in eisernem Griff hielt, widmete ‘Abdu’l–Bahá Seine Aufmerksamkeit der einen großen Aufgabe, die Ihm in Seiner Amtszeit verblieb, nämlich der, für die Verbreitung der Botschaft, die in islamischen und in westlichen Gesellschaften missachtet oder gar angefeindet wurde, bis in die abgelegensten Gegenden der Erde Sorge zu tragen. Das Instrument, das Er zu diesem Zweck einsetzte, war der Göttliche Plan, der in vierzehn wunderbaren Sendschreiben dargelegt wurde, von denen vier an die nordamerikanische Bahá’í–Gemeinde und zehn weitere an fünf Teilgruppen dieser Gemeinde gerichtet waren. Zusammen mit Bahá’u’lláhs Tafel vom Karmel und dem Te­stament des Meisters, wurden die Sendschreiben zum göttlichen Plan von Shoghi Effendi als eine von drei »Chartas« des Glaubens bezeichnet. Der Göttliche Plan, offenbart in den dunkelsten Tagen des Krieges 1916 und 1917, rief die kleine Zahl der amerikanischen und kanadischen Gläubigen dazu auf, die Führungsrolle in der Begründung der Sache Gottes auf dem ganzen Planeten zu übernehmen. Die Tragweite dieses Auftrags war ehrfurchtgebietend. Mit den Worten des Meisters:
»‘Abdu’l–Bahás Hoffnung für euch ist, dass derselbe Erfolg, der eure Bemühungen in Amerika begleitet, auch eure Anstrengungen in anderen Teilen der Welt kröne; dass durch euch der Ruhm der Sache Gottes über den Osten und den Westen verbreitet werde; dass in allen fünf Kontinenten des Erdballs das Kommen des Herrn der Heerscharen und Sei­nes Reiches verkündet werde.

Sobald die amerikanischen Gläubigen diese göttliche Botschaft über die Küsten Amerikas hinaustragen und sie quer durch die Kontinente Europa, Asien, Afrika und Australasien, bis weit auf die pazifischen Inseln verkünden, wird sich diese Gemeinde unverrückbar auf den Thron ewiger Herrschaft gesetzt sehen. Dann werden alle Völker der Welt bezeugen, dass diese Gemeinde geistig erleuchtet und göttlich geführt ist. Dann wird die ganze Erde widerhallen vom Lobpreis ihrer Majestät und Größe.«53
53 ‘Abdu’l–Bahá, Sendschreiben zum göttlichen Plan 7:4–5


Shoghi Effendi erinnert uns daran, dass diese historische, von ihm als »das Geburtsrecht der nordamerikanischen Bahá’í–Gemeinde«54 beschriebene Mission ihre Wurzeln in den Worten der Zwillingsoffenbarer über das Reifealter der Menschheit hat. Sie tauchte zuerst in den Worten des Báb auf, der die »Völker des Westens« aufrief: »Kommt hervor aus euren Städten ... und steht Gott bei noch vor dem Tag, da der Herr des Erbarmens zu euch herabkommen wird im Schatten der Wolken ... Werdet wie wahre Brüder in der einen, unteilbaren Religion Gottes, ohne Unterschied ... so dass ihr euch in ihnen und sie sich in euch gespiegelt fin­den.«55 In Seinem Aufruf an die »Herrscher Amerikas und die Präsidenten seiner Republiken« gab Bahá’u’lláh jenen einen Auftrag, der in Seinen anderen Sendscheiben an die Führer der Welt seinesgleichen sucht: »Verbindet den Ver­letzten mit den Händen der Gerechtigkeit und zermalmet den Unterdrücker auf der Höhe seiner Macht mit der Rute der Gebote eures Herrn, des Gesetzgebers, des Allweisen.«56 Ba­há’u’lláh formulierte auch eine der tiefsten Wahrheiten über den Prozess der Entwicklung der Kultur wie folgt: »Im Osten ist das Licht Seiner Offenbarung angebrochen, im Westen erscheinen die Zeichen Seiner Herrschaft. Sinnt darüber nach in euren Herzen, o Menschen ...«57
54 Citadel of Faith, S. 7
55 Eine Auswahl aus Seinen Schriften 2:24:1–2
56 Kitáb–i–Aqdas 88
57 Botschaften aus ‘Akká 2:15


Obwohl der Göttliche Plan, wie der Hüter später sagen sollte, noch zurückgehalten wurde, bis das für seine Durch­führung notwendige System geschaffen war, so hatte doch ‘Abdu’l–Bahá eine Schar von Gläubigen ausgewählt, bestärkt und beauftragt, zu Beginn des Unternehmens die Füh­rung zu übernehmen. Zwar kam nun das Ende Seines eigenen Lebens immer näher, rückblickend jedoch gaben die drei Ihm verbleibenden Jahre nach Kriegsende einen Vorgeschmack auf die Siege, die die Sache Gottes im Laufe des Jahrhun­derts erleben sollte. Die veränderten Bedingungen im Heiligen Land gaben dem Meister die Freiheit, Seine Arbeit ungehindert zu verfolgen, und schafften die Voraussetzungen, un­ter denen Sein brillanter Verstand und Sein erleuchteter Geist ihren Einfluss auf Regierungsvertreter, Würdenträger aller Art, die Ihn aufsuchten, und die verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Heiligen Land ausüben konnte. Die britische Mandatsmacht selbst suchte ihrer Anerkennung der ei­nigenden Wirkung Seines Vorbildes und Seiner philanthro­pischen Werke dadurch Ausdruck zu verleihen, dass sie Ihm die Ritterwürde verlieh.58 Noch bedeutender war jedoch, dass wieder ein Strom von Pilgern und zahllose Briefe an Bahá’í–Gemeinden im Osten wie im Westen eine Ausweitung der Lehrtätigkeit und die Vertiefung der Freunde in ihrem Verständnis der Tragweite der Botschaft des Glaubens bewirkte.

58 In der Laudatio wird Bezug genommen auf den »Rat«, den der Meister den britischen Militärbehörden gab, die darum bemüht waren, nach dem Sturz des türkischen Regimes das öffentliche Leben in der Region wieder aufzubauen. Weiter heißt es dort, dass »all sein Einfluss nur zum Guten war«. Vgl. Moojan Momen, Hg., The Bábí and Bahá'í Religions, S. 344.



Nichts zeigt vielleicht deutlicher den geistigen Triumph, den der Meister im Weltzentrum des Glaubens errungen hatte, als die Ereignisse in Haifa nach Seinem Hinscheiden in den frühen Morgenstunden des 28. November 1921. Am nächsten Tag folgte eine riesige Schar Tausender Menschen, die die bunte Vielfalt der in der Region vertretenen Volksgruppen und Religionen widerspiegelten, dem Begräbniszug den Hang des Karmel hinauf in einem Zustand aufrichtiger Trauer, wie sie die Stadt noch nie zuvor gesehen hatte. Der Zug wurde angeführt von Vertretern der Britischen Regie­rung, Mitgliedern des Diplomatischen Korps und den Führern aller religiösen Gemeinden der Region, von denen mehrere an der Andacht am Schrein des Báb teilnahmen. Dieser rückhaltlose vereinte Ausbruch der Trauer spiegelte die plötzliche Erkenntnis wider, dass man mit dem Meister eine Gestalt verloren hatte, deren Vorbild ein Brennpunkt der Einheit in einem hasserfüllten, geteilten Land gewesen war. Für alle, die Augen hatten zu sehen, war diese Versammlung selbst ein lebendiger Beweis der Wahrheit der Einheit der Menschheit, die der Meister so unermüdlich verkündet hatte.

Kapitel: 4




Mit dem Hinscheiden ‘Abdu’l–Bahás war das Apostolische Zeitalter der Sache zu Ende gegangen. Das unmittelbare Wirken der göttlichen Vorsehung, die vor siebenundsiebzig Jahren — in der Nacht, in der der Báb Seine Sendung Mullá Husayn erklärte und in der ‘Abdu’l–Bahá geboren wurde — in die Geschicke der Menschheit eingegriffen hatte, war nun abgeschlossen. Es war — mit den Worten Shoghi Effendis — »ein Zeitraum ... so strahlend, dass weder die heute, noch in irgendeinem zukünftigen Zeitalter errungenen Siege, so großartig sie auch sein mögen, ihm gleichkommen können ...«59 Vor uns liegen tausend oder Tausende von Jahren, in denen die Entwicklungsmöglichkeiten, die diese schöpferische Kraft im menschlichen Bewusstsein angelegt hat, sich allmählich entfalten werden.
59 The Bahá’í World, Bd. 15, S. 132

Betrachtet man diese höchst bedeutende Zeit in der Kulturgeschichte, so rückt unvermeidlich die Persönlichkeit ins Zentrum, deren Wesen und Rolle in diesem sechstausendjährigen Prozess einzigartig ist. Bahá’u’lláh nannte ‘Abdu’l– Bahá »das Geheimnis Gottes«60. Shoghi Effendi beschrieb Ihn als den »Mittelpunkt und die Achse« des Bundes Bahá’u’lláhs, als das »vollkommene Beispiel« der Lehren der gött­lichen Offenbarung für das Zeitalter der menschlichen Reife, und »die Triebkraft der Vereinigung der Menschheit«61. Ein mit Seinem Auftreten auch nur annähernd vergleichbares Phänomen hatte keine der göttlichen Offenbarungen, aus denen die anderen der Geschichtsschreibung bekannten großen Religionen hervorgingen, begleitet; sie alle waren im wesentlichen Vorstufen, die die Menschheit auf ihr Reifeal­ter vorbereiteten. ‘Abdu’l–Bahá war Bahá’u’lláhs höchste Schöpfung, der Eine, der alles andere möglich machte. Die Erkenntnis dieser Wahrheit ließ einen verständigen amerikanischen Bahá’í folgendes niederschreiben:
60 Vgl. Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 195
61 a. a. O.

»Nun war eine Botschaft von Gott zu überbringen, und die Menschheit wollte die Botschaft nicht hören. Darum schenkte Gott der Welt ‘Abdu’l–Bahá. ‘Abdu’l–Bahá empfing die Botschaft Bahá’u’lláhs im Namen der Menschheit. Er vernahm die Stimme Gottes; Er war vom Geist durchdrungen; Er erlangte vollkommenes Verständnis und Wissen über die Bedeutung dieser Botschaft, und Er gelobte, dass die Menschheit auf die Stimme Gottes hören würde ... das ist für mich der Bund, dass es in der Welt jemanden gab, der für ein bis heute unerschaffenes Geschlecht stand. Es gab nur Stämme, Familien, Konfessionen, Klassen, und so weiter, aber es gab keinen Menschen außer ‘Abdu’l–Bahá. Und der Mensch ‘Abdu’l–Bahá verinnerlichte die Botschaft Bahá’u’lláhs und versprach Gott, dass Er die Menschen zur Einheit der Menschheit führen und ein Menschengeschlecht schaffen werde, das Träger des göttlichen Gesetzes sein kann.«62
62 Horace Holley, Religion for Mankind, S. 243f.

Seine Sendung begann der Meister als Gefangener eines grausamen, ignoranten Regimes, Er wurde unbarmherzig von treulosen Brüdern angegriffen, die Ihn schließlich töten wollten, und doch formte Er — allein auf sich gestellt — die persische Bahá’í–Gemeinde zu einem leuchtenden Beispiel — einem Beispiel für die gesellschaftliche Entwicklung, die die Sache Gottes hervorbringen kann. Er förderte die Ausbrei­tung des Glaubens im ganzen Orient, rief überall im Westen Gemeinden von ergebenen Gläubigen ins Leben, entwarf einen Plan für die weltweite Verbreitung der Sache, gewann, soweit Sein Einfluss reichte, die Achtung und Bewunderung namhafter Denker und hinterließ den Anhängern Bahá’u’lláhs in der ganzen Welt einen Fundus autoritativer Erklärungen zu den Gesetzen und Lehren des Glaubens. Am Hang des Karmel errichtete Er unter gewaltigen Mühen und Schwierigkeiten den Schrein, der die sterblichen Überreste des Báb birgt — der Brennpunkt jenes Prozesses, durch den das Leben auf dem ganzen Planeten nach und nach geordnet wird. Gleichzeitig sorgte Er Sein Leben lang dafür — ein Leben voller Sorgen und Anforderungen aller Art, das Freund und Feind gleichermaßen zu jeder Zeit einsehen konnten —, dass die Nachwelt jenen Schatz besitzen konnte, von dem die Dichter, Philosophen und Mystiker aller Zeital­ter träumten: ein ungetrübtes Beispiel menschlicher Vollkommenheit.
Und schließlich stellte ‘Abdu’l–Bahá sicher, dass die göttliche Ordnung, die Bahá’u’lláh offenbart hatte, um die Menschheit zu einen und Gerechtigkeit im Zusammenleben der Menschheit zu begründen, mit den Werkzeugen ausge­stattet wurde, die zur Verwirklichung der Absicht ihres Stif­ters erforderlich sind. Damit Einheit unter den Menschen bestehen kann — selbst auf der einfachsten Ebene — müssen zwei Grundvoraussetzungen erfüllt sein. Als erstes bedarf es einer grundlegenden Übereinstimmung über das Wesen der Wirklichkeit, da dies die Beziehungen zwischen den Menschen und zur Welt bestimmt. Zweitens braucht es allgemein anerkannte, verbindliche Instrumente und Entscheidungsregeln, die das Verhältnis zwischen den Menschen regulieren und ihre gemeinsamen Ziele bestimmen.
Das bedeutet, dass Einheit nicht bloß durch ein Gefühl gegenseitigen guten Willens und gemeinsamer Absicht entsteht, so tiefgehend und aufrichtig solche Empfindungen auch sein mögen, ebenso wenig wie ein Organismus das Produkt einer zufälligen und formlosen Verbindung verschiede­ner Elemente ist. Einheit ist eine Erscheinungsform schöpferischer Kraft, deren Existenz in den Wirkungen gemeinschaftlichen Handelns sichtbar wird, und deren Abwesenheit sich in der Fruchtlosigkeit solcher Bemühungen zeigt. So oft Unwissenheit und Eigensinn sie auch behinderten, war diese Kraft doch der wichtigste Antrieb im Fortschritt der Zivilisation und brachte Gesetzesbücher, gesellschaftliche und politische Institutionen, künstlerische Werke, zahllose technologische Errungenschaften, sittliche Durchbrüche, materiellen Wohlstand und lange Friedenszeiten hervor, an deren Abglanz sich spätere Generationen als »Goldenes Zeitalter« er­innerten.
Die Offenbarung Gottes, welche das Zeitalter der Mündigkeit der Menschheit einleiten soll, setzt die Möglichkeiten dieser schöpferischen Kraft endlich ganz frei und begründet die zur Verwirklichung der göttlichen Absicht notwendigen Instrumente. ‘Abdu’l–Bahá legt in Seinem Testament, das Shoghi Effendi als »Charta« der Gemeindeordnung bezeichnet hat, ausführlich Wesen und Funktion der Zwillingsinstitutionen dar, die Er zu Seinen Nachfolgern ernannt hat: das Hütertum und das Universale Haus der Gerechtigkeit. Ihre sich ergänzenden Funktionen sichern die Einheit der Bahá’í–Sache und die Erfüllung ihres Auftrags während der gesam­ten Dauer der Sendung Bahá’u’lláhs. Er betont besonders ausdrücklich die damit übertragene Autorität:
»Was immer sie entscheiden, ist von Gott. Wer ihm nicht gehorcht oder ihnen nicht gehorcht, hat Gott nicht gehorcht. Wer sich gegen ihn oder gegen sie auflehnt, hat sich gegen Gott aufgelehnt. Wer sich ihm entgegenstellt, hat sich Gott entgegengestellt. Wer sie bekämpft, hat Gott bekämpft.«63
63 Das Testament. In: Dokumente des Bündnisses I:17

Shoghi Effendi erklärt die Bedeutung dieses einzigartigen Textes:
»Es sei gesagt, dass die mit diesem historischen Dokument geschaffene Verwaltungsordnung kraft ihres Ursprungs und ihrer Eigenart in der Geschichte der religiösen Systeme der Welt einzig dasteht. Man kann bestimmt sagen, dass vor Bahá’u’lláh von keinem Propheten ... irgend etwas maßgebend und schriftlich festgesetzt wurde, das mit der Verwaltungsordnung zu vergleichen wäre, die der befugte Ausleger der Lehren Bahá’u’lláhs schuf, einer Ordnung, die ... den Glauben, dem sie entstammt, vor Spaltungen bewahren muss und wird, in einer Weise, wie es bei keiner früheren Religion der Fall war.«64
64 Gott geht vorüber 22:7

Bevor das Testament verlesen und verbreitet wurde, hatte die große Mehrheit der Gläubigen angenommen, dass die nächste Stufe in der Entwicklung der Sache die Wahl des Universalen Hauses der Gerechtigkeit sein würde, der Institution, die Bahá’u’lláh selbst im Kitáb–i–Aqdas als leitende Körperschaft der Bahá’í–Welt eingesetzt hatte. Für die heuti­gen Bahá’í ist es wichtig zu verstehen, dass der Bahá’í–Gemeinde vor diesem Zeitpunkt das Konzept des Hütertums völlig unbekannt war. Die Freude über die einzigartige Auszeichnung, die der Meister Shoghi Effendi verliehen hatte, und darüber, dass in des Hüters Rolle nun ein Bindeglied zu den Stiftern des Glaubens fortbestehen würde, war groß. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste man jedoch nicht, dass Bahá’u’lláh eine solche Institution vorgesehen hatte noch erahnte man, dass dieser Institution die Aufgabe der Auslegung übertragen war — eine Funktion, die — wie rückblickend erkennbar — bereits in manchen Seiner Schriften vorweggenommen war und deren zentrale Bedeutung offensichtlich ist.
Völlig jenseits der Vorstellungskraft eines jeden, der damals lebte, gleich ob gläubig oder übelgesinnt, war die Transformation im Leben der Sache, die das Testament des Meisters in Gang setzte. »Wenn ihr wüsstet, was nach mir geschehen wird«, hatte ‘Abdu’l–Bahá erklärt, »dann würdet ihr sicherlich beten, dass sich mein Ende beschleunige.«65
65 In: Shoghi Effendi, Bahá’í Administration, S. 15


Kapitel 5

Wenn man die Stellung des Hütertums in der Bahá’í–Geschichte richtig würdigen will, dann muss man sich zuerst ganz objektiv die Umstände vergegenwärtigen, unter denen Shoghi Effendi seinen Auftrag zu erfüllen hatte. Besonders wichtig ist dabei die Tatsache, dass die erste Hälfte seiner Amtszeit einen Zeitraum zwischen zwei Kriegen umfasste, der von wachsender Unsicherheit und Angst in al­len Lebensbereichen geprägt war. Zwar hatte man hinsicht­lich der Überwindung von Schranken zwischen den Nationen und Klassen beachtliche Fortschritte gemacht, aber anderer­seits behinderten politische Unfähigkeit und eine daraus resultierende wirtschaftliche Lähmung alle Bemühungen, Vorteile aus diesen sich eröffnenden Möglichkeiten zu ziehen. Überall hatte man das Gefühl, dass das Wesen der Gesellschaft und die Rolle ihrer Institutionen von Grund auf neu definiert werden müsse — ja, dass man den Sinn des Men­schenlebens selbst neu definieren müsse.
In wichtigen Bereichen boten sich der Menschheit am Ende des ersten Weltkrieges nie gekannte Möglichkeiten. In ganz Europa und im Nahen Osten waren absolutistische Systeme, die zu den mächtigsten Hindernissen auf dem Weg zur Einheit gehört hatten, hinweggefegt worden. Vielerorts wurden auch erstarrte religiöse Dogmen, die zuvor Konflikte und Entfremdung moralisch gestützt hatten, in Frage gestellt.
Durch die im Versailler Vertrag neu geschaffenen National­staaten stand es ehemals unterdrückten Völkern jetzt frei, die eigene Zukunft zu planen und selbst Verantwortung für ihre außenpolitischen Beziehungen zu übernehmen. Der gleiche Erfindungsgeist, der bisher Waffen der Zerstörung geschaffen hatte, wandte sich nun den herausfordernden aber lohnenden Aufgaben der wirtschaftlichen Expansion zu. Selbst aus den schwärzesten Zeiten des Krieges werden ergreifende Geschichten berichtet, zum Beispiel wie britische und deut­sche Soldaten spontan ihre Schützengräben verlassen hatten, um gemeinsam Christi Geburt zu feiern — ein Aufflackern der Einheit der Menschheit, die der Meister während Seiner Reisen durch jenen Kontinent so unermüdlich verkündet hatte. Am wichtigsten aber war, dass durch eine außergewöhnlich kraftvolle Vision die Einigung der Menschheit einen immensen Schritt vorangebracht wurde. Die Führer der Welt hatten, wenn auch zögerlich, im Völkerbund ein internationa­les Beratungssystem geschaffen, das, obwohl durch einzelstaatliche Interessen deutlich geschwächt, doch dem Ideal einer internationalen Ordnung erstmals vage Form und Struktur verlieh.
Der neue Aufbruch nach dem Krieg war weltweit spürbar. Mit Sun Yatsen als Führer hatte das chinesische Volk sich der dekadenten kaiserlichen Herrschaft, die das Wohlergehen des Landes gefährdet hatte, entledigt und versuchte, die Grundlagen für eine Wiedergeburt der Größe Chinas zu legen. In ganz Südamerika kämpften Volksbewegungen trotz wiederholter schlimmer Rückschläge um die Kontrolle über das Schicksal ihrer Länder und die Nutzung der ungeheueren Naturschätze ihres Kontinentes. In Indien war eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten des Jahrhunderts, Mahatma Gandhi, ein Wagnis eingegangen, das nicht nur die Geschicke seines Landes verändern sollte, sondern der Welt deutlich zeigte, was geistige Kraft zu erreichen vermag. Afrika wartete noch auf seine Stunde, ebenso die Bewohner anderer Kolonialstaaten, aber jeder scharfsichtige Mensch er­kannte, dass ein Wandlungsprozess in Gang gekommen war und nicht mehr unterdrückt werden konnte, weil er den Sehnsüchten der Menschheit entsprach.
Diese ermutigenden Fortschritte konnten die historische Tragödie, die sich abgespielt hatte, nicht verbergen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte Bahá’u’lláh den Herrschern Seiner Zeit, in deren Händen die Geschicke der Menschheit lagen, den Tag Gottes verkündet — und diese Verkündigung war von den Adressaten in Ost und West zurückgewiesen oder ignoriert worden. Ein derartiger Glau­bensbruch rückt auch die späteren Reaktionen auf die Mission ‘Abdu’l–Bahás im Westen in eine ernüchternde Perspektive. Man mag sich noch so sehr über die Anerkennung freuen, mit der der Meister von allen Seiten überschüttet wurde — die unmittelbaren Ergebnisse Seiner Bemühungen zeigten nur das erneute moralische Versagen eines beträchtli­chen Teils der Menschheit und ihrer Führer. Die im Osten unterdrückte Botschaft wurde von der westlichen Welt weitgehend ignoriert. In anmaßender Selbstzufriedenheit hatte sie schon lange den eigenen Ruin vorbereitet und schließlich die Ideale des Völkerbundes verraten.
Die beiden Jahrzehnte, die der Amtsübernahme Shoghi Effendis folgten, waren in der ganzen westlichen Welt eine zunehmend düstere Zeit, scheinbar ein deutlicher Rückschlag im Prozess der Integration und Aufklärung, den der Meister doch so zuversichtlich verkündet hatte. Das politische, soziale und wirtschaftliche Leben erstarrte. Tiefe Zweifel kamen auf an der Fähigkeit der liberalen demokratischen Tradition, der Probleme der Zeit Herr zu werden. So verdrängten in ei­ner Reihe europäischer Staaten autoritäre Regime die Regierungen, die in diesen Prinzipien wurzelten. Der wirtschaftliche Zusammenbruch im Jahre 1929 führte schon bald zu einem weltweiten Rückgang des Wohlstands mit all den dar­aus resultierenden moralischen und psychologischen Unsicherheiten.
Wenn wir diese Umstände berücksichtigen, können wir eher verstehen, vor welch ungeheurer Herausforderung Shoghi Effendi zu Beginn seiner Amtszeit stand. Die Stifter des Báhá’í–Glaubens hatten ihm die Vision einer Neuen Welt hinterlassen. Aber angesichts der konkreten Bedingungen, die er vorfand, sprach absolut nichts dafür, dass er dieses Erbe nennenswert voranbringen könnte, ganz gleich wie viel Zeit ihm dafür bleiben würde.
Auch schien der ihm zur Verfügung stehende Apparat weder kraftvoll, noch belastbar, noch entwickelt genug zu sein, um diese Aufgabe zu erfüllen. Als Shoghi Effendi 1923 endlich in der Lage war, in vollem Maße die Leitung der Sache Gottes zu übernehmen, lebte der Großteil der Anhänger Bahá’u’lláhs im Iran. Damals hätte man nicht einmal ihre Zahl zuverlässig schätzen können. Auch wurde die iranische Gemeinde, der die meisten Wege zur Förderung der Sache versperrt und deren verfügbare materielle Mittel äußerst be­grenzt waren, durch ständige Schikanen behindert. In Nordamerika, wo die Freunde mit der schwerwiegenden Verant­wortung für den Göttlichen Plan betraut waren, mussten die kleinen Gemeinden der Gläubigen, als sich die Wirtschaftskrise immer mehr vertiefte, um den bloßen Lebensunterhalt für sich und ihre Familien kämpfen. In Europa, Australasien und im Fernen Osten waren es noch kleinere Bahá’í–Gruppen, welche die Flamme des Glaubens am Brennen hielten, ebenso isolierte Gruppen, Familien und Einzelne in den übrigen Teilen der Welt. Selbst in englischer Sprache gab es nur sehr wenig Bahá’í–Literatur, und die Aufgabe, die Schriften in andere wichtige Sprachen zu übersetzen und Geldmittel für deren Veröffentlichung zu finden, stellte eine fast nicht zu bewältigende Bürde dar.
Die vom Meister übermittelte Vision strahlte zwar so hell wie je, die dafür verfügbaren Mittel aber müssen den Bahá’í angesichts der überall herrschenden Umstände jammervoll unzureichend erschienen sein. Der ungestalte nackte Unter­bau des zukünftigen Muttertempels des Westens am Seeufer nördlich von Chicago schien des glänzenden Entwurfs zu spotten, der noch vor wenigen Jahren die Bewunderung der Architekten erregt hatte. In Bagdad war das Heiligste Haus, das Bahá’u’lláh zum Mittelpunkt der Bahá’í–Pilgerreise bestimmt hatte, in die Hände von Gegnern des Glaubens gefal­len. Im Heiligen Land selbst verfiel das Landhaus Bahá’u’lláhs, weil die Bundesbrecher, die es in Besitz genommen hatten, es nicht in Stand hielten, und der Schrein, der die kostbaren sterblichen Überreste des Báb und ‘Abdu’l–Bahás barg, bestand noch immer nur aus dem schlichten, vom Meister errichteten Steingebäude.
In einer Reihe von Sondierungsberatungen mit führenden Bahá’í wurde dem Hüter klar, dass schon ein formelles Gespräch mit erfahrenen, fähigen Gläubigen über die Bildung eines internationalen Sekretariats nicht nur nutzlos, sondern wahrscheinlich kontraproduktiv sein würde. Daher machte sich Shoghi Effendi ganz allein an die Aufgabe, das seinen Händen anvertraute ungeheure Unternehmen voranzutreiben. Wie völlig allein er war, kann die heutige Bahá’í–Generation kaum erfassen, doch allein schon unser vages Verständnis ist äußerst schmerzvoll.
Ursprünglich hatte der Hüter angenommen, dass die Mitglieder der weitverzweigten Familie des Meisters, deren edle Abstammung ihnen die Hochachtung aller Bahá’í eintrug, ihm gern helfen würden, die Absicht, die in des Meisters Testament in so gebieterischer und eindringlicher Sprache dargelegt war, zu verwirklichen. So hatte er seine Brüder, Vettern und eine seiner Schwestern, deren Ausbildung sie alle für diesen Zweck qualifizierte, eingeladen, bei der vom Hüteramt zu bewältigenden anspruchsvollen Arbeit zu helfen. Unglücklicherweise erwies sich im Laufe der Zeit einer nach dem anderen als unzufrieden mit der ihm übertragenen, nur unterstützenden Rolle, und kam den übernommenen Aufga­ben nicht sorgfältig nach. Schlimmer noch, Shoghi Effendi sah sich der Situation gegenüber, dass seine Verwandten die ihm verliehene Autorität, obgleich unzweideutig im Testament niedergelegt, lediglich als nominell betrachteten. Für sie war die Führung des Glaubens im wesentlichen eine Familienangelegenheit, wobei großes Gewicht auf die Ansicht der Älteren unter ihnen zu legen sei, die man für ein solches Vorrecht als qualifiziert erachtete. Zunächst kam es nur zu eigensinnigem Widerstand, allmählich aber verschlimmerte sich die Situation so sehr, dass die Kinder und Enkel ‘Abdu’l–Bahás glaubten, Seinem ernannten Nachfolger widersprechen und seinen Anweisungen den Gehorsam verweigern zu können.
Rúhíyyih Khánum, die diesen Zersetzungsprozess in einer späteren Phase verfolgte und sehr unter den Auswirkungen auf die Arbeit für den Glauben und auf den Hüter selbst litt, schrieb dazu:
[Hierfür] ... »muss [man] die alte Erzählung von Kain und Abel verstehen, die Erzählung von Familieneifersucht, die wie ein dunkler Faden im Gewebe der Geschichte durch alle ihre Epochen läuft und in allen ihren Ereignissen aufgespürt werden kann ... Die Schwäche des Menschenherzens, das sich so oft an einen unwürdigen Gegenstand klammert, die Schwäche des menschlichen Geistes mit seinem Hang zu Eitelkeit und Selbstzufriedenheit in persönlichen Ansichten, erzeugen in den Menschen einen solchen Wirrwarr der Gefühle, dass ihre Urteilskraft eingeschränkt wird und sie weit in die Irre geführt werden ... Obgleich dieser Vorgang des Bundesbruchs ein der Religion innewohnender Aspekt zu sein scheint, bedeutet es nicht, dass er keine schädigende Auswirkung auf die Sache hat ... Vor allem bedeutet es auch nicht, dass es auf den Mittelpunkt des Bundes selbst keine verheerende Wirkung gehabt hätte. Shoghi Effendis ganzes Leben war durch die auf ihn gerichteten bösartigen persönlichen Angriffe getrübt.«66
66 Rúhíyyih Rabbání, Die unschätzbare Perle, S. 201, 204


Vor diesem dunklen Hintergrund erstrahlen die Leistungen des Größten Heiligen Blattes, der Schwester ‘Abdu’l– Bahás und letzten Vertreterin des Heroischen Zeitalters des Glaubens, in umso hellerem Licht. Bahíyyih Khánum spielte eine entscheidende Rolle, als sie nach des Meisters Tod über die Interessen des Glaubens wachte und zur einzigen echten Stütze für Shoghi Effendi wurde. Ihre Treue ließ seiner Feder Worte entströmen, die vielleicht tiefer bewegen als alles, was er je schreiben sollte. Der feierliche Nachruf, den er nach ihrem Hinscheiden 1932 an sie richtete, findet sich in einem Brief an die Bahá’í »im Westen« und lautet auszugsweise:
»Nur zukünftige Generationen und Federn, fähiger als die meine, können und werden der überragenden Größe ihres geistigen Lebens würdigen Tribut zollen, wie auch der einzigartigen Rolle, die sie während so bewegter Abschnitte der Bahá’í–Geschichte spielte, und dem uneingeschränkten Lobpreis, der den Federn Bahá’u’lláhs und ‘Abdu’l–Bahás, dem Mittelpunkt des Bundes, entströmte. Obgleich nicht schriftlich belegt und im wesentlichen von den meisten ihrer glühenden Verehrer in Ost und West nicht für möglich gehalten, ist der Einfluss, den sie auf den Verlauf einiger der bedeutendsten Ereignisse in der Geschichte des Glaubens hatte, die Leiden, die sie ertrug, die Opfer, die sie erbrachte, die seltene Gabe unerschöpflicher Zuneigung, die sie so bemerkenswert zeigte — all das und vieles darüber hinaus so un­auflöslich mit dem Glaubensgefüge verwoben, dass kein zukünftiger Historiker der Religion Bahá’u’lláhs es ignorieren oder schmälern könnte ... Welche der Segnungen soll ich erwähnen, mit denen sie mich in ihrer nie versagenden Fürsorge in den kritischsten und aufwühlendsten Stunden meines Lebens überschüttete? Für mich, der ich so dringend der belebenden Gnade Gottes bedurfte, war sie das lebendige Sym­bol vieler Eigenschaften, die ich bei ‘Abdu’l–Bahá zu bewundern gelernt hatte.«67
67 Bahá’í Administration, S. 187f., 194

Viele Jahre lang war der Hüter der Ansicht, dass der Schutz der Sache Gottes von ihm verlange, über die sich verschlimmernde Situation innerhalb der heiligen Familie Stillschweigen zu bewahren. Erst als sich die Opposition in offenem Widerstand äußerte, sah Shoghi Effendi sich veranlasst, der Bahá’í–Welt die Art der Vergehen bekannt zu geben, mit denen er sich auseinandersetzen musste. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete die Familie schließlich schändlich mit Mitgliedern eben der Gruppe von Bundesbrechern zusammen, vor deren Niedertracht das Testament des Meisters so eindringlich gewarnt hatte. Es kam sogar zu Eheschließungen mit ihnen und auch mit einer ortsansässigen Familie, die der Sache Gottes gegenüber äußerst feindlich gesinnt war.68
68 In einem Fall nach dem anderen ließ das offensichtliche Fehlverhalten seiner Brüder, Schwestern und Vettern Shoghi Effendi keine andere Möglichkeit, als die Bahá’í–Welt davon zu unterrichten, dass diese Personen den Bund verletzt hatten.

Diese traurige Geschichte ist von Bedeutung für das Ver­ständnis der Sache im zwanzigsten Jahrhundert, nicht nur wegen der »Verheerungen«, die, wie der Hüter sagte, in der heiligen Familie angerichtet wurden, sondern weil sie Licht auf die Herausforderungen wirft, mit denen die Bahá’í–Gemeinde künftig konfrontiert sein wird, und die eindeutig vom Meister und vom Hüter vorhergesagt wurden. Abgesehen von ihrer Unaufrichtigkeit, bewiesen die allermeisten Verwandten Shoghi Effendis wenig oder gar kein Verständnis für die geistige Bedeutung der Aufgabe, die ihm das Testament zugewiesen hatte. Wesentlich zur Offenbarung Got­tes für das Zeitalter der Mündigkeit der Menschheit gehört die Einsetzung einer Autorität, die unverzichtbar für die Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung ist. Für die Verwandten Shoghi Effendis bedeutete dies eine geistige Herausforderung, die sie nicht zu begreifen schienen oder vielleicht gar nicht zu begreifen versuchten. Ihre Abkehr vom Hüter ist eine Lehre, welche die Nachwelt in der Bahá’í–Sendung Jahrhunderte lang begleiten wird. Das Schicksal dieser hoch privilegierten aber unwürdigen Gruppe von Menschen unterstreicht für alle, die ihre Geschichte lesen, was der Bund Bahá’u’lláhs für die Einigung der Menschheit bedeutet, und was er von jenen rückhaltlos zu geben fordert, die seinen Schutz suchen.


*


Wenn die Bahá’í überdenken, was sich während der Amtszeit Shoghi Effendis ereignete, müssen sie sich in das Wesen des ihm übertragenen Auftrags hineinversetzen und versuchen, diesen Auftrag mit seinen Augen zu sehen. Der Schlüssel dazu ist die Vielzahl der Schriften, die er hinterlassen hat.
‘Abdu’l–Bahá hatte in zahllosen Briefen und Reden das der Botschaft Bahá’u’lláhs zugrunde liegende Prinzip verkündet: »In dieser wundersamen Offenbarung, diesem herrlichen Jahrhundert, ist die Grundlage des Glaubens Gottes und das hervorstechende Merkmal Seines Gesetzes das Bewusstsein der Einheit der Menschheit.«69 Wie schon gesagt, hatte ‘Abdu’l–Bahá ebenso nachdrücklich betont, dass der revolutionäre Wandel, der sich auf allen erdenklichen Feldern menschlichen Strebens vollzog, die Einigung der Menschheit zu einem realistischen Ziel machte. Diese Vision war in den sechsunddreißig Jahren des Hütertums die ordnende Kraft, die Shoghi Effendis Arbeit beflügelte. Die Folgerungen daraus waren Thema einiger seiner wichtigsten Botschaften. In einem Brief an die Freunde des Westens aus dem Jahre 1931 eröffnete er ihnen eine großartige Sicht:
69 In: Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 60


»Der Grundsatz der Einheit der Menschheit — der Angel­punkt, um den alle Lehren Bahá’u’lláhs kreisen — ist kein bloßer Ausdruck unkundiger Gefühlsseligkeit oder unklarer frommer Hoffnung. Sein Ruf ist nicht gleichbedeutend mit einer bloßen Wiedererweckung des Geistes der Brüderlichkeit und des guten Willens unter den Menschen, noch geht es nur um die Förderung harmonischer Zusammenarbeit zwischen einzelnen Völkern und Ländern. Die Folgerungen gehen tiefer, der Anspruch ist höher als alles, was den früheren Propheten zu äußern erlaubt war. Die Botschaft gilt nicht nur dem Einzelnen, sondern befasst sich in erster Linie mit der Natur jener notwendigen Beziehungen, die alle Staaten und Nationen als Glieder einer menschlichen Familie verbinden müssen. Der Grundsatz der Einheit ... verlangt eine organi­sche, strukturelle Veränderung der heutigen Gesellschaft, eine Veränderung, wie sie die Welt noch nicht erlebt hat ... Er fordert nichts Geringeres als die Neuordnung und Entmilitarisierung der ganzen zivilisierten Welt, einer Welt, die in allen Grundfragen des Lebens, in ihren politischen Strukturen, ihren geistigen Bestrebungen, in Handel und Finanzwesen, Schrift und Sprache organisch zusammengewachsen und doch in den nationalen Eigentümlichkeiten ihrer Bundesstaaten von unendlicher Mannigfaltigkeit ist.«70
Ein Konzept, das immer wieder in den Schriften des Hüters auftaucht, ist das Bild eines lebenden Organismus. Mit dieser Metapher hatten bereits Bahá’u’lláh und nach Ihm ‘Abdu’l–Bahá den Jahrtausende langen Prozess veranschaulicht, der die Menschheit zu diesem Höhepunkt ihrer kollek­tiven Geschichte geführt hat. Der Vergleich bezieht sich auf die Analogie zwischen den Entwicklungsstufen, in denen sich die Gesellschaft schrittweise organisiert und zusammen­schließt, und dem Prozess, in dem jeder einzelne langsam aus seiner beschränkten kindlichen Existenz zur vollen Reife he­ranwächst. Dieses Bild findet sich an herausragenden Stellen in mehreren Schriften Shoghi Effendis über den Wandel, der sich gegenwärtig vollzieht:
70 Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 70


»Die langen Zeiten der Kindheit und der Minderjährigkeit, welche die Menschheit zu durchschreiten hatte, sind in den Hintergrund getreten. Die Menschheit erlebt jetzt den Aufruhr, der unabänderlich mit der stürmischsten Stufe ihrer Entwicklung, dem Jünglingsalter, verbunden ist. In dieser Zeit erreichen jugendliche Unbändigkeit und Heftigkeit den Höhepunkt; sie müssen Schritt für Schritt von der Ruhe, der Weisheit und der Vollendung abgelöst werden, welche die Stufe des Mannesalters kennzeichnen.«71
71 Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 295


Die Folgerungen aus diesem weitreichenden Konzept ermöglichten Shoghi Effendi einen klaren Blick auf die Zukunft, der es seitdem schon drei Generationen von Bahá’í ermöglicht hat, gegenüber Regierungen, Medien und der Öffentlichkeit in aller Welt die Perspektive zu verdeutlichen, die das Wirken des Glaubens bestimmt:
»Die Einheit des Menschengeschlechts, wie sie Bahá’u’lláh vorausschaut, umschließt die Begründung eines Weltgemeinwesens, in welchem alle Nationen, Rassen, Glaubensbekenntnisse und Klassen eng und dauerhaft vereint, die Autonomie seiner nationalstaatlichen Glieder sowie die persönliche Freiheit und Selbständigkeit der einzelnen Men­schen, aus denen es gebildet ist, ausdrücklich und völlig gesichert sind. Dieses Gemeinwesen muss, soweit wir es uns vorstellen können, aus einer Weltlegislative bestehen, deren Mitglieder als Treuhänder der ganzen Menschheit die gesamten Hilfsquellen aller Mitgliedstaaten überwachen. Sie muss die erforderlichen Gesetze geben, um das Leben aller Rassen und Völker zu steuern, ihre Bedürfnisse zu befriedigen und ihre wechselseitigen Beziehungen anzupassen. Eine Weltexekutive, gestützt auf eine internationale Streitmacht, wird die Beschlüsse jener Weltlegislative ausführen, deren Gesetze anwenden und die organische Einheit des ganzen Gemeinwesens sichern. Ein Weltgerichtshof wird seine bindende, endgültige Entscheidung in sämtlichen Streitfragen, die zwischen den vielen Gliedern dieses allumfassenden Systems auftreten können, fällen und zustellen ... Die wirtschaftlichen Hilfsmittel der Welt werden organisiert, ihre Rohstoffquellen erschlossen und restlos nutzbar gemacht, ihre Märkte aufeinander abgestimmt und entwickelt, die Verteilung ihrer Erzeugnisse unparteiisch geregelt werden.«72
72 Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 297f.

Als er in Die Sendung Bahá’u’lláhs die Gemeindeordnung ausführlich darstellte, ging Shoghi Effendi besonders auf die Rolle ein, welche die Institution, die er selbst repräsentierte, dabei spielen würde, nämlich dem Glauben »die Mittel für einen weiten ununterbrochenen Ausblick auf eine Reihe von Generationen«73 zu geben. Diese einzigartige Gabe drückte sich besonders klar in seiner Beschreibung des zweifachen historischen Prozesses aus, den er sich im zwanzigsten Jahrhundert entfalten sah. Die internationale Politik würde zunehmend von den Zwillingskräften des »Aufbaus« und des »Zerfalls« geprägt, beide letztlich menschlicher Kontrolle entzogen. Angesichts dessen, was wir heute beobachten, ist seine Vorhersage über den Verlauf dieses zweifachen Prozesses atemberaubend: »Ein Netzwerk weltweiter Kommunikation wird ersonnen werden; es wird ... mit wunderbarer Schnelligkeit und vollkommener Pünktlichkeit ablaufen«74; der Niedergang des Nationalstaats als oberstem Herr über das Schicksal der Menschen; der zerstörerische Einfluss, den der zunehmende moralische Verfall weltweit auf den sozialen Zusammenhalt haben würde; die weitverbreitete Desillusionierung der Bevölkerung aufgrund politischer Korruption und — unvorstellbar für alle anderen in seiner Generation — der Aufbau weltumspannender Einrichtungen mit dem Ziel, die Wohlfahrt zu fördern, die Wirtschaft zu koordinieren, internationale Maßstäbe festzulegen, und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen verschiedener Rassen und Kulturen zu stärken. Diese und andere Entwicklungen, erklärte der Hüter, würden die Bedingungen, unter denen die Bahá’í–Sache in den folgenden Jahrzehnten ihren Auftrag verfolgen würde, von Grund auf ändern.
73 a. a. O., S. 213
74 a. a. O., S. 297

Eine der bemerkenswerten Entwicklungen dieser Art, die Shoghi Effendi in den heiligen Schriften, welche er zu interpretieren berufen war, erkannte, betraf die zukünftige Rolle der Vereinigten Staaten als Nation und in geringerem Maße ihrer Schwesternationen in der westlichen Hemisphäre. Seine prophetische Sicht ist um so beachtenswerter, wenn man sich vergegenwärtigt, dass er zu einer Zeit schrieb, in der die Außenpolitik wie auch die Überzeugung der meisten Bürger der Vereinigten Staaten entschieden isolationistisch waren. Shoghi Effendi sah jedoch eine »aktive und entscheidende Rolle, die [diese Nation] bei der Organisation und friedlichen Regelung der Angelegenheiten der Menschheit zu spie­len haben wird«75, voraus. Er erinnerte die Bahá’í an ‘Abdu’l–Bahás Erwartung, dass die Vereinigten Staaten wegen der Einzigartigkeit ihrer sozialen Zusammensetzung und politischen Entwicklung — nicht etwa auf Grund »einer angeborenen Vortrefflichkeit oder eines besonderen Verdienstes«76 ihrer Bürger — Fähigkeiten entwickelt hätten, die es ihnen ermöglichen könnten, »die erste Nation [zu] sein, welche die Grundlage für internationale Verständigung errichtet«77. Er sah sogar voraus, dass sich die Regierungen und Völker der ganzen Hemisphäre zunehmend in diese Richtung orientieren würden.
Die Rolle, welche die Bahá’í–Gemeinde spielen muss, um diesen historischen Prozess vollenden zu helfen, war schon bei der Geburt des Glaubens im Aufruf des Báb an Seine Anhänger vorgegeben:
75 Das Kommen göttlicher Gerechtigkeit, S. 141
76 Das Kommen göttlicher Gerechtigkeit, S. 33
77 a. a. O., S. 134

»O Meine geliebten Freunde! Ihr seid die Träger des Namens Gottes an diesem Tage ... Ihr seid die Geringen, von denen Gott so in Seinem Buch gesprochen hat: ›Und Wir wollen Unsere Gunst denen erweisen, welche die Geringen im Lande sind, und wollen sie zu geistigen Führern unter den Menschen machen und zu Unseren Erben.‹ Zu dieser Stufe seid ihr berufen worden; ihr werdet sie aber nur dann erreichen, wenn ihr euch aufmacht, jedes irdische Begehren unter eure Füße zu treten, und euch bemüht, zu jenen ›Seinen geehrten Dienern zu werden, die nicht sprechen, bevor Er nicht gesprochen hat, und die Seinen Willen tun‹ ... Achtet nicht eurer Schwachheit oder Furcht; richtet euren Blick auf die unüberwindliche Macht des Herrn, eures Gottes, des Allmächtigen ... Erhebt euch denn in Seinem Namen, setzt euer Vertrauen ganz auf Ihn und seid sicher, dass ihr letztlich siegen werdet.«78
78 In: Nabíls Bericht, Bd. 1, S. 125ff.

Schon 1923 eröffnete Shoghi Effendi den Freunden in Nordamerika, was ihn zu diesem Thema bewegte:
»Dies sind Tage weltumspannender Finsternis, da die dunklen Mächte der Natur — Hass, Aufruhr, Anarchie und Reaktion — den Bestand der Gesellschaft bedrohen. Die kostbarsten Früchte der Kultur sind schweren, nie gekannten Prüfungen ausgesetzt. Lasst uns zu Gott beten, dass wir alle klar erkennen, besser als je zuvor, dass wir an diesem Tag die auserwählten Werkzeuge göttlicher Gnade sind. Auch wenn wir angesichts der brodelnden Massen der Welt nur eine kleine Handvoll sind, ist unsere Aufgabe für das Schicksal der Menschheit doch äußerst dringlich und lebenswichtig. Gestärkt durch dieses Bewusstsein müssen wir uns erheben, um Gottes heilige Absicht für die Menschheit zu verwirklichen.«79
79 Bahá’í Administration, S. 52

*

Im vollen Bewusstsein des desolaten gesellschaftlichen Zustands, der Folgen des Verrates, den die Mitglieder seiner Familie verübt hatten, auf deren Unterstützung er doch hätte vertrauen können müssen, und der vergleichsweise beschei­denen Ressourcen, die ihm in der Bahá’í–Gemeinde selbst zur Verfügung standen, machte Shoghi Effendi sich daran, die Werkzeuge zu schmieden, die er zur Erfüllung der ihm überantworteten Mission benötigte.
Die meisten Bahá’í waren sich wohl der Tatsache mehr oder weniger bewusst, dass die Bedeutung der Räte, die sie bilden sollten, über die bloße Verwaltung praktischer Belan­ge hinausging. ‘Abdu’l–Bahá, der diese Entwicklung angeleitet hatte, nannte die Räte:
»... strahlende Leuchten und himmlische Gärten, aus denen die Düfte der Heiligkeit über alle Regionen wehen und die Leuchten der Erkenntnis über alles Erschaffene strahlen. Von ihnen strömt der Geist des Lebens nach allen Richtungen. Sie sind wahrlich zu allen Zeiten und unter allen Umständen die mächtigen Quellen des Fortschritts für alle Menschen.«80
80 Briefe und Botschaften 38:5

Shoghi Effendi jedoch fiel es zu, in der Gemeinde das Verständnis für den Platz und die Rolle zu entwickeln, die diese nationalen und örtlichen Beratungsgremien im Rah­menwerk der von Bahá’u’lláh geschaffenen und in des Mei­sters Testament genauer beschriebenen Gemeindeordnung einnahmen. Eine beträchtliche Anzahl von Gläubigen hatte dabei das Problem, dass sie die Sache Gottes einfach für ei­nen im wesentlichen »spirituellen« Zusammenschluss hielten, in dem Organisation zwar der göttlichen Absicht nicht unbedingt zuwider lief, jedoch kein Wesensmerkmal dersel­ben war. Der Hüter betonte nun jedoch, dass der Kitáb–i–Aqdas und das Testament ‘Abdu’l–Bahás »einander nicht nur ergänzen, sondern gegenseitig bestätigen und untrennbare Teile eines vollendeten Ganzen sind«81, und regte damit die Gläubigen an, über eine zentrale Wahrheit ihres neuen Glaubens tiefer nachzusinnen:
81 Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 16

»Fast jeder wird anerkennen, dass der Geisteshauch Bahá’u’lláhs auf diese Welt, wie er sich mit unterschiedlicher Stärke durch die bewussten Anstrengungen Seiner erklärten Anhänger, mittelbar durch gewisse menschendienliche Organisationen offenbart, die Menschheit nur durchdringen und einen dauernden Einfluss auf sie nur ausüben kann, sofern und sobald er sich in einer sichtbaren Ordnung verkörpert, die Seinen Namen trägt, sich völlig mit Seinen Grundsätzen verbindet und in Übereinstimmung mit Seinen Gesetzen arbeitet.«82
82 a. a. O., S. 37 83 Ährenlese 25

Weiter drängte er die Anhänger des Glaubens, den wesentlichen Unterschied zu erkennen zwischen der Sendung Bahá’u’lláhs, deren heilige Texte genaue Vorkehrungen hinsichtlich einer solchen maßgebenden Ordnung enthalten, und den früheren Offenbarungen, deren Schriften über die Verwaltung der Gemeinde oder die Interpretation der Absicht ihres jeweiligen Stifters weitgehend geschwiegen hatten. Mit den Worten Bahá’u’lláhs: »Der prophetische Zyklus ist wahrlich beendet. Nun ist Er, die Ewige Wahrheit, gekommen. Er hat das Banner der Macht aufgerichtet ...«83 Im Gegensatz zu den Sendungen der Vergangenheit, so sagt Shoghi Effendi, hat die Offenbarung Gottes für unsere Zeit einen »lebendige[n] Organismus« geschaffen, dessen Gesetze und Institutionen »das Wesentliche für eine göttliche Ökonomie« darstellen, ein »Modell für die zukünftige Gesellschaft«, »die Wirkkraft für die Einigung der Welt [und] die Verkündigung des Reiches der Tugend und Gerechtigkeit auf Erden«84.
84 Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 38, 44

Daher, so mahnte der Hüter, müssten die Freunde sich bemühen, die Geistigen Räte, die sie unter großen Anstrengungen in aller Welt errichteten, als Vorläufer der von Bahá’u’lláh vorgesehenen örtlichen und nationalen »Häuser der Gerechtigkeit« zu verstehen. Als solche sind sie untrennbarer Bestandteil einer Gemeindeordnung, die mit der Zeit »ihren Anspruch geltend machen und ihre Eignung dartun [wird], nicht nur als der erste Anfang, sondern geradezu als das Modell der neuen Weltordnung angesehen zu werden, die dazu bestimmt ist, zur festgesetzten Zeit die ganze Menschheit zu umfassen«85.
85 a. a. O., S. 206f.

Für einige Mitglieder der jungen Gemeinden im Westen bedeutete diese Abkehr vom traditionellen Verständnis des Wesens und der Rolle der Religion eine zu große Prüfung, und so mussten manche Bahá’í–Gemeinden schmerzvoll mit ansehen, wie geschätzte Mitarbeiter sich abwandten und nach geistigen Strömungen suchten, die eher ihren eigenen Nei­gungen entsprachen. Für die allermeisten Gläubigen warfen jedoch die großen Botschaften aus des Hüters Feder wie etwa Das Ziel: Die neue Weltordnung oder Die Sendung Bahá’u’lláhs ein strahlend helles Licht auf genau die Thematik, die sie am brennendsten interessierte — die Frage nach der Beziehung zwischen geistiger Wahrheit und gesellschaftlicher Entwicklung —, und weckten ihre feste Entschlossenheit, zum Errichten des Fundamentes für die Zukunft der Menschheit ihren Beitrag zu leisten.
Der Hüter entwarf auch den Rahmenplan, um dieses mächtige Werk zu ordnen. Er erklärte, dass das »Heroische Zeitalter«86 der Offenbarung Bahá’u’lláhs mit dem Hinscheiden ‘Abdu’l–Bahás beendet war. Die Bahá’í–Gemeinde trat nun in das »Eherne Zeitalter«87 ein, das »Gestaltende Zeitalter«88, während dessen die Gemeindeordnung auf dem gesamten Planeten errichtet und die ihr innewohnenden »gesellschaftsbildende[n]«89 Kräfte vollständig enthüllt werden. In ferner Zukunft liegt, was Shoghi Effendi als »Goldenes Zeitalter« der Offenbarung bezeichnete, das schließlich zur Herausbildung des Bahá’í–Weltgemeinwesens führen wird, welches die Errichtung des Reiches Gottes auf Erden und die Schaffung einer Weltkultur bedeutet.90 Der neue Impuls, der dem menschlichen Bewusstsein zuerst durch die Offenbarung des schöpferischen Wortes selbst eingegeben worden war, dessen revolutionäre gesellschaftliche Bedeutung der Meister verkündet hatte, wurde nun durch ihren ernannten Ausleger in die Sprache politischer und ökonomischer Neu­ordnung übersetzt, in der die öffentliche Diskussion in die­sem Jahrhundert geführt wurde. Der Bund Bahá’u’lláhs, den Er mit jenen, die sich Ihm zuwandten, errichtet hatte, verlieh diesem Prozess unwiderstehliche Kraft, eröffnete den Bahá’í immer neue Erfahrungsdimensionen und ist die Triebfeder für die von Ihm verkündete Vereinigung der Menschheit.
Die Räte, die der Meister die persischen Gemeinden zu bilden ermutigt hatte, hießen zwar ursprünglich nicht »Geistige Räte«, hatten aber die Verantwortung für die Verwaltung der Gemeinde übernommen. Angesichts der Entwicklungen, die folgen sollten, muss jedem, der ein Gespür für geschichtliche Zusammenhänge hat, die bemerkenswerte Tatsache auffallen, dass der erste Geistige Rat des Glaubens, der Rat von Teheran, im Jahre 1897 gebildet wurde, dem Geburtsjahr Shoghi Effendis. Unter der Führung des Meisters hatten sich regelmäßige Treffen der vier in Persien ansässigen Hände der Sache nach und nach zu dieser Institution entwickelt, die gleichzeitig als »Zentraler Geistiger Rat Persiens« und als leitendes Gremium der Gemeinde in der Hauptstadt diente. Zur Zeit des Hinscheidens ‘Abdu’l–Bahás gab es in Persien über dreißig örtliche Geistige Räte. 1922 wies Shoghi Effendi die offizielle Bildung des ersten Nationalen Geistigen Rates von Persien an, was sich aber bis 1934 verzögerte, da als Grundlage für die Wahl der Abgeordneten zunächst alle Gläubigen zuverlässig erfasst werden mussten.
86 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber 1:1, 21:1
87 a. a. O., V:7, 22:3
88 a. a. O., V:9; Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 225
89 Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 283
90 Gott geht vorüber 2:15

Außerhalb Persiens wählten die Gläubigen in ‘Ishqábád im russischen Turkestan ihren ersten Geistigen Rat — ein Gremium, das später eine wichtige Rolle beim Bau des ersten Mashriqu’l–Adhkár in ‘Ishqábád spielte. In Nordamerika erfüllte eine Reihe beratender Gremien — »Ratsversammlungen«, »Ratskomitees«, »Beratungsausschüsse«, und »Arbeitskomitees« — eine entsprechende Funktion und entwik­kelte sich nach und nach zu gewählten Gremien, den Vorläufern der Geistigen Räte. Zur Zeit des Hinscheidens des Meisters arbeiteten in Nordamerika etwa vierzig solcher Räte. Diese Entwicklungen bereiteten den Weg für die spätere Bildung des Nationalen Geistigen Rates der Bahá’í in den Vereinigten Staaten und Kanada, der aus dem »Temple Unity Board« hervorging, einem 1909 eingerichteten Gremium, das den Bau des Hauses der Andacht koordinierte. Der Nationale Rat wurde zwar 1923 gebildet, doch erst 1925 waren alle vom Hüter hierfür aufgestellten administrativen Erfordernisse erfüllt. 1923 und 1924 wurden bereits die Nationalen Geistigen Räte der Britischen Inseln, von Deutschland und Österreich, von Indien und Birma, von Ägypten und dem Su­dan gebildet.91
91 Ein detaillierter Überblick zur Ausbreitung des Glaubens bis zum Ende des ersten Siebenjahresplans findet sich in The Bahá’í World, Bd. 10, S. 142ff.

Während die Bahá’í nun nationale und örtliche Geistige Räte bildeten, drängte der Hüter darauf, diesen den Rechtsstatus anerkannter Körperschaften zu sichern. Wo dies erfolgte — unabhängig davon, wie das im Einzelfall praktisch vonstatten ging —, waren Bahá’í–Institutionen in der Lage, Eigentum zu besitzen und Verträge abzuschließen, und nach und nach kamen zahlreiche weitere Rechte hinzu, die für die Interessen des Glaubens von grundlegender Bedeutung waren. Welche Wichtigkeit Shoghi Effendi dieser neuen Stufe in der Entwicklung der Gemeindeordnung beimaß, zeigt ein Blick in die Bände von The Bahá’í World, wo zahlreiche Reproduktionen entsprechender Urkunden bald ihren festen Platz unter den Fotografien zu den Berichten über die Ver­breitung der Sache Gottes fanden. Als das Landhaus von Bahjí schließlich, von den Bundesbrechern zurückgewonnen, in seinem ursprünglichen Zustand wiederhergestellt und passend möbliert war, stellte Shoghi Effendi sogar eigens eine Auswahl dieser von ihm so hochgeschätzten Dokumente dort aus, um so den wachsenden Strom der Pilger zu ermutigen und anzuleiten.
Der Prozess rechtlicher Anerkennung begann 1927, mit einer Declaration of Trust and By–Laws (Treuhandschaftserklärung und Satzung) für den Nationalen Geistigen Rat der Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada, der zwei Jahre später die rechtliche Anerkennung als voluntary trust erlangte. Am 17. Februar 1932 nahm der Geistige Rat von Chi­cago als erster eine Satzung an, die, zusammen mit der des Geistigen Rats von New York vom 31. März desselben Jahres, weltweit als Vorlage für ein solches Prozedere dienen sollte. 1949 konnte der Nationale Geistige Rat der Bahá’í in Kanada, der sich zwei Jahre zuvor bei der Trennung der bei­den nordamerikanischen Gemeinden gebildet hatte, seine offizielle rechtliche Anerkennung durch einen Parlamentsbeschluss erwirken — ein Sieg, den Shoghi Effendi als »in den Annalen des Glaubens in jedem Land, Ost wie West, völlig beispiellosen Beschluss«92 rühmte.
92 Messages to Canada, S. 114

Diese dringenden administrativen Erfordernisse hielten den Hüter jedoch nicht von anderen Aufgaben ab, die für die Ausformung des geistigen Lebens einer Weltgemeinde ebenso unerlässlich waren. Die wichtigste dieser Aufgaben war jene mühsame Arbeit, die nur er allein vollbringen konnte: der wachsenden Zahl der Gläubigen, die nicht persischer Abstammung waren, den direkten und verlässlichen Zugang zu den Schriften des Stifters ihres Glaubens zu verschaffen. Die Verborgenen Worte, der Kitáb–i–Íqán, der unermessliche Schatz aus mehreren Schriften Bahá’u’lláhs, den er so kennt­nisreich und liebevoll unter dem Titel Ährenlese zusammengetragen hatte, die Gebete und Meditationen und der Brief an den Sohn des Wolfes waren für die Arbeit im Dienste der Sache Gottes die so dringend nötige geistige Nahrung, ebenso die von Shoghi Effendi besorgte Übersetzung und Veröffent­lichung von Nabíls Bericht, im Englischen unter dem Titel The Dawn–Breakers.
Bahá’í–Pilger erlebten einen geistigen Gewinn anderer Art an den Heiligen Stätten und historischen Orten, die der Hüter — oftmals in scheinbar endlos sich hinziehenden Ver­handlungen — erwarb und restaurierte. Ebenso sensibel war Shoghi Effendi für ungeahnt sich bietende Möglichkeiten, die er mit seinem historisch geschulten Blick sofort erkannte. 1925 verweigerte ein sunnitisch–muslimisches Gericht Ehen zwischen Frauen muslimischen Glaubens und Bahá’í– Männern die rechtliche Anerkennung, weil es darauf bestand, dass der »Bahá’í–Glaube eine neue, völlig unabhängige Religion« sei, und dass daher »kein Bahá’í ... als Muslim gelten« kann (und so die Ehe mit einer Muslima eingehen könne).93 Shoghi Effendi ergriff sofort die Gelegenheit und nutzte die weitreichende Bedeutung dieses Urteils, das nur auf den ersten Blick wie eine Niederlage aussah, um international den Anspruch des Glaubens zu untermauern, eine unabhängige Religion zu sein, die unbedingt losgelöst von ihren islamischen Wurzeln gesehen werden muss.
93 Shoghi Effendi, Gott geht vorüber 24:5

Während die Bahá’í–Gemeinde dabei war, die Grundlagen der Gemeindeordnung zu errichten, die sie in die Lage versetzen sollte, eine gesellschaftlich wirkungsvolle Rolle zu übernehmen, unterhöhlte der von Shoghi Effendi beschriebe­ne Prozess des Zerfalls die Ordnung der Gesellschaft. Die Ursachen dieses Prozesses, die zunächst von vielen Sozial- und Politikwissenschaftlern hartnäckig ignoriert wurden, werden inzwischen — nachdem Jahrzehnte verstrichen sind — bei internationalen Konferenzen für Frieden und Entwick­lung immer deutlicher erkannt. Inzwischen ist es nicht mehr ungewöhnlich, wenn in solchen Kreisen offen über die essen­tielle Rolle »geistiger« und »moralischer« Kräfte bei der Lö­sung drängender Probleme gesprochen wird. Einem Bahá’í– Leser klingen angesichts solch verspäteter Eingeständnisse die Warnungen im Ohr wider, die Bahá’u’lláh vor über ei­nem Jahrhundert an die Führer der Menschheit richtete: »Die Lebenskraft des Glaubens stirbt aus in allen Landen ... Der Schwamm der Gottlosigkeit frisst sich in das Mark der menschlichen Gesellschaft.«94
94 Ährenlese 99

Die Verantwortung für diese größte Tragödie tragen hauptsächlich die religiösen Führer der Welt, wie der Hüter immer wieder betonte. Das schärfste Urteil Bahá’u’lláhs trifft jene, die vorgeben, in Gottes Namen zu sprechen, und dabei nur leichtgläubigen Massen eine Flut von Dogmen und Vorurteilen auferlegen — das größte Hindernis, gegen das der kulturelle Fortschritt anzukämpfen hat. Er anerkennt die menschenfreundlichen Dienste zahlloser Geistlicher, zeigt jedoch auch die Folgen dessen auf, dass sich zu allen Zeiten selbst ernannte religiöse Eliten zwischen die Menschheit und alle Stimmen des Fortschritts gestellt haben — einschließlich der Gottesboten selbst. »Welche ›Trübsal‹ ist schmerzlicher«, fragt Er, »als die, dass eine nach Wahrheit suchende, sich nach Gotteserkenntnis sehnende Seele nicht weiß, wohin sie sich wenden und wo sie suchen soll?«95 Die Folge war eine allgemeine Desillusionierung: In einem Zeitalter wissen­schaftlichen Fortschritts und weit verbreiteter staatlicher Schulbildung schien religiöser Glaube schließlich bedeu­tungslos zu werden. Die meisten Geistlichen der verschiedenen Religionen waren selbst völlig unfähig, dieser geistigen Krise Herr zu werden, und wenn sie von Bahá’u’lláhs Botschaft erfuhren, ignorierten sie entweder die darin so deutlich werdende sittliche Kraft, oder bekämpften sie offen.96
95 Kitáb–i–Íqán 29
96 »Im Europa des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts akzeptierten die meis­ten Menschen die Autorität der Moral ... den Rückgang menschlicher Brutalität und Barbarei vor Augen, konnte der gebildete Europäer an einen sittlichen Fort­schritt glauben. Zum Ende des Jahrhunderts ist es schwer, überhaupt noch auf ein moralisches Gesetz oder auf einen sittlichen Fortschritt zu vertrauen.« Jonathon Glover, Humanity: A Moral History of the Twentieth Century, London 1999, S. 1. Glovers Studie hat vor allem den Aufstieg und den Einfluss der Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts zum Thema.

Diese historische Tatsache macht allerdings den Schaden nicht geringer, den jene angerichtet haben, die Vorteil aus dem so entstandenen geistigen Vakuum zu schlagen suchten. Die Sehnsucht nach Glauben lässt sich nicht auslöschen, sie ist uns angeboren und macht uns erst zum Menschen. Wird sie blockiert oder verraten, muss sich die vernunftbegabte Seele einen anderen Orientierungspunkt suchen — gleichgültig wie unangemessen oder unwürdig —, um den herum sie Erfahrungen ordnen kann. Nur so ist sie in der Lage Risiken einzugehen, die ja unausweichlich ein Aspekt unseres Lebens sind. Dies im Blick warnte Shoghi Effendi die Gläubigen in ungewöhnlich deutlichen Worten und hielt sie an, sich um ein Verständnis der geistigen Katastrophe zu bemühen, die während der Jahrzehnte zwischen den beiden Weltkriegen einen großen Teil der Menschheit heimsuchte:
»Tatsächlich ist Gott selbst in den Herzen der Menschen entthront worden. Eine götzendienerische Welt grüßt und verehrt leidenschaftlich lärmend diese von ihrem eigenen Wahn erschaffenen falschen Götter, die ihre missgeleiteten Hände so gotteslästerlich aufgestellt haben ... Ihre Hohepriester sind die Politiker und die Weltklugen, die sogenannten Weisen dieses Zeitalters. Ihr Opfer sind das Fleisch und Blut der niedergemetzelten Massen, ihre Beschwörungsformeln sind abgegriffene Losungen, trügerische und heillose Bekenntnisformeln, ihr Weihrauch ist der Gestank der See­lenpein, der aus den zerrissenen Herzen der Verwaisten, Verstümmelten und Heimatlosen aufsteigt.«97
97 Der verheißene Tag ist gekommen, S. 172

Wie opportunistische Seuchen schlugen aggressive Ideologien Kapital aus der Leere, die das Absterben der Religion verursacht hatte. Obwohl sie sich hinsichtlich ihrer Korrumpierung des Glaubens kaum voneinander unterschieden, wa­ren die drei Weltanschauungen, die im zwanzigsten Jahrhundert im Leben der Menschen eine vorrangige Rolle spielten, doch in ihren sekundären, aber augenfälligen Merkmalen, sehr gegensätzlich. Shoghi Effendi prangerte »die finsteren, falschen und verschrobenen Doktrinen« an, die Zerstörung über »jede[n] Mensch[en] oder jedes Volk, das an sie glaubt oder nach ihnen handelt«, bringen würden, und warnte besonders vor den »drei Götter[n] des Nationalismus, des Rassismus und des Kommunismus«.98
98 Der verheißene Tag ist gekommen, S. 172

Man muss nicht viel sagen über das Regime, das 1922 mit dem »Marsch auf Rom« entstand und das den Faschismus begründete. Schon lange bevor er mit seinem Führer während der letzten Monate des zweiten Weltkriegs in der Versenkung verschwand, war der Faschismus selbst unter den meisten seiner früheren Anhänger verpönt und verlacht. Seine gefährliche Wirksamkeit liegt vielmehr in den Scharen von Nach­ahmern, die er hervorbrachte und die sich in den folgenden Jahrzehnten wie wuchernde Krebsgeschwüre auf der ganzen Welt ausbreiteten. Angetrieben von geradezu manischem Nationalismus vergötterte diese Verirrung menschlichen Geistes den jeweiligen Staat, erfand Legenden von Bedrohungen und dem Überlebenskampf des jeweiligen unglücklichen Volkes, in dem er sich eingenistet hatte, und predigte allen, die es hören wollten, dass der Krieg einen »veredelnden« Einfluss auf die menschliche Seele habe. Die lächerlich operettenhafte Parade der Uniformen, Militärstiefel, Fahnen und Trompeten, die wir für gewöhnlich damit assoziieren, dürfen den heuti­gen Beobachter nicht über das noch immer lebendige Erbe hinwegtäuschen, das dem politischen Vokabular so schmerz­liche Begriffe wie los desaparecidos (»die Verschwundenen«) hinterlassen hat.
Die Schwesterideologie des Faschismus, der Nationalsozialismus, teilte mit dem ersten zwar die Vergötterung des Staates, machte sich darüber hinaus aber zum Sprachrohr ei­ner viel älteren und heimtückischeren Perversion der menschlichen Natur. Sein schwarzer Kern war die Besessenheit von einer Idee, die seine Befürworter »Rassenreinheit« nannten. Diese so offensichtlich falsche Grundidee schwächte keineswegs die unbeirrbare Entschlossenheit, mit der er sein mör­derisches Ziel verfolgte. Das Nazisystem ist einzig in der schieren Bestialität dessen, was man allgemein mit ihm verbindet: der zum Programm erhobene Genozid, die systematische Verfolgung solcher Bevölkerungsgruppen, die entweder als wertlos oder als schädlich für die Zukunft der Menschheit galten, ein Programm, das darauf abzielte, das gesamte jüdische Volk auszulöschen. Letztlich war das nationalsozialistische Ziel, dass eine selbsternannte »Herrenrasse« den gesamten Planeten beherrschen müsse, hauptverantwortlich dafür, dass ‘Abdu’l–Bahás zwanzig Jahre zuvor ausgesprochene prophetische Warnung sich bewahrheiten sollte: Ein weiterer Krieg, weitaus schrecklicher noch als der erste, würde die Welt verheeren. Wie der Faschismus hat auch der National­sozialismus unserer Zeit seine Überreste hinterlassen, in diesem Fall in Form von Symbolen und einer Sprache, mit denen heute gesellschaftliche Randgruppen — verzweifelt vom wirtschaftlichen und sozialen Niedergang um sie herum und ohne Hoffnung auf eine Lösung — ihre ohnmächtige Wut an Minderheiten auslassen, die sie für ihre Enttäuschung verantwortlich machen.
Der dritte falsche Götze, den schon der Meister ausdrücklich benannte und den Shoghi Effendi namentlich anprangerte, zeigte sein wahres Gesicht gleich zu Beginn, als er während der letzten Jahre des Ersten Weltkriegs die erste demokratische Regierung, die jemals in Russland geschaffen worden war, brutal stürzte. Lange Jahre gelang es dem sowjetischen System des Wladimir Lenin, sich vielen als Wohltäter der Menschheit und Verfechter sozialer Gerechtigkeit darzustellen. Im Lichte der historischen Ereignisse allerdings sind solche Anmaßungen geradezu grotesk. Der heutige Forschungsstand beweist unwiderlegbar so ungeheure Verbrechen und so abgründige Verirrungen, dass sie in sechstau­sendjähriger Geschichtsschreibung ihresgleichen nicht finden. In einem Ausmaß, das sich früher niemand auch nur vorstel­len konnte, versuchte die leninistische Verschwörung gegen die menschliche Natur auch, den Glauben an Gott systema­tisch auszulöschen. Ganz gleich, wie Politikwissenschaftler die Situation gegenwärtig betrachten mögen, niemand kann überrascht sein, dass eine derart vorsätzliche Verletzung der Wurzeln menschlicher Motivation unausweichlich zum wirtschaftlichen und politischen Ruin jener Gesellschaften führen musste, die das Unglück hatten, unter sowjetische Herrschaft zu fallen. Dass der Kommunismus die begründete Sehnsucht unterdrückter Völker auf der ganzen Welt nach Freiheit und Gerechtigkeit im Sinne des eigenen verderbten Programms irreleitete, gehört tragischerweise zu seinen langfristigen geistigen Auswirkungen.
Dass die Menschheit immer wieder Götzenbilder eigener Erfindung anbetet, ist aus Bahá’í–Sicht nicht allein wegen der mit diesen Kräften assoziierten historischen Ereignisse wichtig, wie entsetzlich sie auch waren, sondern wegen der Lehren, die man daraus ziehen sollte. Schaut man zurück auf jene Welt des Zwielichts, in der solch teuflische Mächte die Zukunft der Menschheit verfinsterten, dann drängt sich die Frage auf, welche Wesensschwäche den Menschen gegenüber derartigen Einflüssen so empfänglich und verwundbar macht. In jemandem wie Benito Mussolini einen »vom Schicksal Auserwählten« zu sehen; die Rassentheorien Adolf Hitlers als etwas anderes denn als Produkt eines so offensichtlich kranken Geistes zu verstehen; menschliche Erfahrung ernsthaft im Lichte jener Dogmen zu interpretieren, welche die Sowjetunion eines Josef Stalin hervorbrachten — für eine derart bewusste Preisgabe der Vernunft durch einen beträchtlichen Teil der intellektuellen Elite muss vor der Nachwelt Rechenschaft abgelegt werden. Wo eine solche Bewertung leidenschaftslos erfolgt, stößt sie früher oder später auf eine Wahrheit, die sich wie ein roter Faden durch die Schriften aller Religionen der Welt zieht. Mit den Worten Bahá’u’lláhs:
»Die Wirklichkeit des Menschen ... jedoch hat Er zum Brennpunkt für das Strahlen aller Seiner Namen und Attribute und zum Spiegel Seines eigenen Selbstes erkoren ... Diese Kräfte ... sind jedoch latent in ihm, gleich wie die Flamme in der Kerze verborgen und das Licht potentiell in der Lampe ist ... Weder die Kerze noch die Lampe können durch eigenes Streben und ohne Hilfe entzündet werden, noch ist es dem Spiegel jemals möglich, sich selbst von seinem Schmutze zu befreien.«99
99 Ährenlese 27:2, 3

Die Verblendung der Menschheit durch selbsterdachte Ideologien hatte zur Folge, dass sich der Zerfallsprozess, der die sozialen Lebensstrukturen auflöste und die niedersten Triebe der menschlichen Natur kultivierte, erschreckend be­schleunigte. Die durch den Ersten Weltkrieg bewirkte Verro­hung prägte nun das gesellschaftliche Zusammenleben in weiten Teilen des Planeten. »So haben Wir die Missetäter versammelt«, warnte Bahá’u’lláh über ein Jahrhundert zuvor. »Wir sehen, wie sie zu ihrem Götzen stürmen ... Sie eilen dem Feuer der Hölle zu und halten es für Licht.«100
100 a. a. O. 17:3, 4

Kapitel: 6

Jetzt, da die Gemeindeordnung des Glaubens Gestalt an­nahm, richtete Shoghi Effendi seine Aufmerksamkeit auf die Aufgabe, die er so lange hatte aufschieben müssen — den Göttlichen Plan des Meisters in die Tat umzusetzen. In Persien ging es damit bereits gut voran. Eine Reihe eigens berufener Lehrer, die muballighín, die erst von Bahá’u’lláh und später von ‘Abdu’l–Bahá angeleitet worden waren, in­spirierte im ganzen Land die Arbeit auf der örtlichen Ebene, und da ein lebendiges Gemeindeleben bestand, konnten neuerklärte Gläubige relativ schnell in die Gemeinde integriert werden. Huqúqu’lláh–Fonds und das übliche Vorgehen, Rei­selehrer zu unterstützen, falls es einem selbst nicht möglich war, sich aufzumachen — eine im Bewusstsein der persischen Bahá’í bereits fest verankerte Praxis —, stellten die materiellen Mittel für diese Lehraktivitäten bereit.
Im Westen war der Glauben vor allem gefördert worden durch so herausragende Gläubige wie Lua Getsinger, May Maxwell und Martha Root, die den Aufrufen des Meisters gefolgt waren. Allein schon diese Namen heben ein Merkmal der Ausbreitung der Sache Gottes im Westen hervor, auf das der Meister besonders hingewiesen hatte:
»In Amerika haben die Frauen die Männer darin übertroffen und die Führung übernommen. Sie mühen sich härter, die Völker der Welt zu führen, und ihre Anstrengungen sind größer. Sie werden durch himmlische Gnadengaben und Segnungen bestätigt.«101
101 ‘Abdu’l–Bahá, in: Frauen 100 (S. 78)


Im Osten hatten die gesellschaftlichen Umstände es geradezu erzwungen, dass vor allem Männer die Initiative zur Förderung des Glaubens ergriffen. In Nordamerika und Europa jedoch war man weitgehend frei von solchen Einschränkungen, und auf beiden Seiten des Atlantik wurde eine herausragende Schar unvergesslicher Frauen zu den wichtigsten Trägern der Botschaft Gottes. Man denke etwa an Sarah Farmer, deren Schule in Green Acre der jungen Bahá’í–Gemeinde ein Forum dafür bot, den Glauben einflussreichen Denkern bekannt zu machen; an Sara Lady Blomfield, deren gesellschaftliche Stellung ihrem leidenschaftlichen Eintreten für die Lehren besondere Wirkkraft verlieh; an Marion Jack, die Shoghi Effendi als Vorbild für Bahá’í–Pioniere unsterblich machte; an Laura Dreyfus–Barney, die dem Glauben jene unschätzbare Sammlung von Tischgesprächen des Meisters, die Beantworteten Fragen, hinterließ; an Agnes Parsons, welche gemeinsam mit Louis Gregory die vom Meister angeregte Initiative »Race Amity« begründete; an Corinne True, Keith Ransom–Kehler, Helen Goodall, Juliet Thompson, Grace Ober, Ethel Rosenberg, Clara Dunn, Alma Knobloch und eine Reihe anderer herausragender Frauen, von denen die meisten Pionierarbeit auf einem neuen Feld des Dienstes leisteten.
Ein Name darf in dieser Aufzählung nicht fehlen: Königin Marie von Rumänien, die man allezeit als erstes gekröntes Haupt, das die Offenbarung Gottes an diesem Tage erkannte, preisen wird. Durch den Mut dieser einsamen Frau, die Briefe an die Herausgeber etlicher Zeitungen richtete und darin ihren Glauben furchtlos öffentlich erklärte, erfuhren höchstwahrscheinlich Millionen von Lesern den Namen der Sache Gottes.
Trotz der beindruckenden Reaktionen, die diese frühen Bemühungen hervorriefen, fehlten doch die organisatorischen Mittel, ihre Ergebnisse nutzbar zu machen, so dass der sich daraus ergebende Vorteil für die Gemeinden im Westen begrenzt blieb. Das änderte sich deutlich mit der Entwick­lung der Gemeindeordnung. Wo sich Geistige Räte bildeten, wurden Ziele gesetzt und Finanzmittel zur Unterstützung der Lehrbemühungen der Einzelnen bereitgestellt, und wer sich zum Glauben erklärte, konnte sich an vielen Aktivitäten eines umfangreichen Bahá’í–Gemeindelebens beteiligen. Jetzt war die systematische Übersetzung und Veröffentlichung von Literatur möglich, Nachrichten von allgemeinem Interesse wur­den regelmäßig ausgetauscht und die Verbindung der Gläubi­gen zum Weltzentrum festigte sich zunehmend.
Die beiden Mittel, mit denen Shoghi Effendi begann, bei den Freunden im Osten wie im Westen eine stetig wachsende Hingabe an das Lehren zu entwickeln, waren dieselben, die schon ‘Abdu’l–Bahá verwendet hatte. Ein ständiger Strom von Briefen an die Gemeinden wie auch an Einzelne eröffne­te den Empfängern neue Dimensionen des von ihnen ange­nommenen Glaubens. Die wichtigsten Mitteilungen waren allerdings nun an die Nationalen und örtlichen Geistigen Räte gerichtet. Ihre Wirkung wurde durch den Strom zurück­kehrender Pilger verstärkt, die Einsichten weitergaben, welche sie durch den unmittelbaren Kontakt mit dem Mittel­punkt des Glaubens gewonnen hatten. Durch diese Verbindungen wurde jeder einzelne Gläubige ermutigt, sich als Instrument der durch den Bund strömenden Kraft zu empfin­den. Die unschätzbare Zusammenstellung, die unter dem Ti­tel Messages to America, 1932 – 1946 veröffentlicht wurde, gibt einen Überblick über die Schritte, durch die Shoghi Ef­fendi die nordamerikanischen Gläubigen immer tiefer in die eigentliche Bedeutung des Göttlichen Plans des Meisters zur »geistigen Eroberung des Planeten« einführte:
»In einer von unheilbarer Korruption verderbten, von quälenden Ängsten gelähmten, von zerstörerischem Hass zerrissenen und unter dem Gewicht schrecklichen Elends dahinsiechenden Welt, können, ja, müssen sie durch ihren erhabenen, unerschütterlichen Glauben, durch ihre stete, klare Vision, ihren unbestechlichen Charakter, ihre strenge Disziplin, ihre reine Moral und das einzigartige Beispiel ihres Gemeindelebens ihren begründeten Anspruch darlegen, als einziger Hort jener Gnade zu gelten, von deren Wirken die vollkommene Erlösung, die grundlegende Neuordnung und die höchste Glückseligkeit der gesamten Menschheit abhängt.«102
102 Messages to America, S. 28

Der nordamerikanischen Bahá’í–Gemeinde hielt der Hüter die Vision ihrer geistigen Bestimmung vor Augen. Ihre Mitglieder, so sagte er, waren »die geistigen Nachkommen der Helden der Sache Gottes«, ihre sich entwickelnden Instituti­onen »die sichtbaren Symbole seiner [des Glaubens] unbestreitbaren Herrschaft«, ihre ausgesandten Lehrer und Pioniere die »Fackelträger einer noch ungeborenen Kultur«, ihre gemeinsame Herausforderung, den »Hauptanteil« beim Legen des Fundaments der Weltordnung zu übernehmen, »die der Báb angekündigt, der Geist Bahá’u’lláhs erschaut und deren Grundriss ‘Abdu’l–Bahá, ihr Architekt, entworfen hat ...«103
103 Messages to America, S. 9f., 14, 22

Die Sprache dieser Botschaften ist großartig und fesselnd. Angesichts der Dunkelheit, welche Gottlosigkeit, Gewalt und schleichende Unmoral zunehmend verbreiteten, beschreibt Shoghi Effendi die Rolle, die Bahá’í in der ganzen Welt als Werkzeuge der verwandelnden Kraft der neuen Offenbarung spielen müssen:
»Gerade sie haben die Pflicht, die Fackel göttlicher Führung hell strahlend emporzuhalten, da jetzt die Schatten der Nacht sich senken, bis sie schließlich die ganze Menschheit umgeben werden. Gerade sie haben die Aufgabe, inmitten der Unruhen, Gefahren und Schrecken Zeugnis für die Vision jener neu erschaffenen Gesellschaft abzulegen und ihr Nahen zu verkünden — jenes von Christus verheißenen Königreichs, jener Weltordnung, die durch nichts Geringeres als den Geist Bahá’u’lláhs selbst ins Leben gerufen wurde, deren Herrschaftsgebiet der ganze Planet, deren Losung Einheit, deren Lebenskraft Gerechtigkeit, deren Leitziel die Herrschaft von Rechtschaffenheit und Wahrheit ist, und deren höchster Ruhm die vollkommene, ungestörte und ewige Glückseligkeit der ganzen Menschheit.«104
104 a. a. O., S. 28

1936 entschied der Hüter, dass die Gemeindestruktur in Nordamerika so ausreichend verbreitet und gefestigt sei, dass er beginnen konnte, die erste Phase des Göttlichen Plans in die Tat umzusetzen. Zu einer Zeit, da die Welt auf eine neue Feuersbrunst zutrieb und der Spielraum für die Anstrengungen der persischen Gläubigen eng begrenzt war, musste die Konzentration notwendigerweise auf die Ausbreitung und Festigung der Bahá’í–Gemeinden in der westlichen Hemi­sphäre gerichtet sein, um sie auf künftige, weit größere Aufgaben vorzubereiten. Der Hüter wandte sich an die vom Meister mit der Ausführung des Plans Betrauten, die Gläubi­gen in Nordamerika, und entwarf einen Siebenjahresplan, der von 1937 bis 1944 dauern sollte. Sein Ziel war, wenigstens einen örtlichen Geistigen Rat in jedem Staat der Vereinigten Staaten und in jeder Provinz Kanadas zu errichten und vierzehn Republiken in Lateinamerika dem Glauben zu erschließen. Dazu kam als weitere Aufgabe, die kunstvoll gestaltete Fassade am »Muttertempel des Westens« fertigzustellen, was für jene Gemeinde mit noch immer wenigen Mitgliedern und äußerst beschränkten finanziellen Mitteln eine ungeheure Herausforderung war.
Rúhíyyih Khánum hat auf die verblüffende Parallele zwischen zwei Entwicklungen in dieser Zeit hingewiesen. Auf der einen Seite schickten mächtige Staaten Invasionsarmeen aus, um sich der Bodenschätze benachbarter Staaten zu bemächtigen — oder einfach, um ihre Eroberungslust zu befriedigen. Zur gleichen Zeit mobilisierte Shoghi Effendi die so kleine Schar von Pionieren, die ihm zur Verfügung stand, und sandte sie aus, die Lehrziele des von ihm entworfenen Plans zu erfüllen. Innerhalb weniger Jahre waren die mächtigen Armeen am Boden zerschlagen und ihre Namen und Eroberungen aus den Seiten der Geschichte getilgt. Die kleine Schar von Gläubigen aber hatte ihr Leben in die Hand genommen und war ausgezogen, um die ihr vom Hüter übertragene Aufgabe zu erfüllen. Sie hatte alle ihre Ziele erreicht oder sogar übertroffen und damit die Grundlage für bald blü­hende Gemeinden gelegt.105
105 Rúhíyyih Rabbání, Die unschätzbare Perle, S. 554

Um dieses Unternehmen würdigen zu können, ist es für die Bahá’í hilfreich, wenn sie nicht nur die Rolle verstehen, die Planung im Leben der Sache Gottes spielt, sondern auch die einzigartige Wirkkraft dieses Mittels, wenn es im Bahá’í–Sinne angewandt wird. Systematisch ausgesuchte Ziele und ebenso systematisch getroffene Entscheidungen über die Wege dahin, bedeuten nicht, dass die Bahá’í–Gemeinde meint, sich in eigener Verantwortung eine Zukunft »entwerfen« zu müssen, was man ja gemeinhin unter dem Begriff Planung versteht. Vielmehr bemühen sich die Bahá’í–Institutionen, die Arbeit für den Glauben in Einklang mit dem Wirken Gottes zu bringen, das sie sich in der Welt stetig ent­falten sehen — ein Prozess, der schließlich sein Ziel unabhängig von den historischen Umständen und Ereignissen erreichen wird. Die Herausforderung an die Gemeindeordnung besteht nun darin, dafür zu sorgen, dass — so es die Vorsehung erlaubt — die Bemühungen der Bahá’í mit dem größeren Plan Gottes harmonieren, denn wenn sie das tun, tragen die von Bahá’u’lláh in der Sache Gottes angelegten Möglichkeiten Früchte. Dass die Vorkehrungen des Kitáb–i–Aqdas und des Testaments ‘Abdu’l–Bahás den Erfolg der Bemühungen der Bahá’í sichern, wird eindrucksvoll durch die lückenlose Kette von Siegen bewiesen, mit denen die von Shoghi Effendi entworfenen Pläne beendet wurden.
Im August 1944 konnte Shoghi Effendi den erfolgreichen Abschluss des ersten Siebenjahresplanes bekannt geben. Zur gleichen Zeit machte der Hüter der Bahá’í–Welt ein Geschenk, das eine seiner größten Lebensleistungen darstellt. Die Veröffentlichung von Gott geht vorüber, dem umfassenden Geschichtswerk, das die ersten hundert Jahre in der Entwicklung der Sache Gottes reflektiert, eröffnete den Gläubigen einen Ausblick auf den geistigen Prozess, durch den sich Bahá’u’lláhs Absicht für die Menschheit verwirklicht.
Die Geschichte ist ein machtvolles Werkzeug. Im besten Fall eröffnet sie ein Verständnis der Vergangenheit und einen Ausblick in die Zukunft. Sie bevölkert das menschliche Bewusstsein mit Helden, Heiligen und Märtyrern, deren Beispiel in jedem, der durch sie berührt wird, völlig ungeahnte Kräfte weckt. Sie verhilft dazu, die Welt zu verstehen — und die Menschen. Sie inspiriert, tröstet und erhellt. Sie bereichert das Leben. In dem großen Literatur- und Sagenschatz, den die Menschheit ihr verdankt, kann man die Hand der Geschichte am Werk sehen, wie sie den Lauf der Kultur maßgeblich lenkt — in den Sagen, die seit Anbeginn der Überlieferung in allen Völkern Ideale geweckt haben, in den Epen des Ramajana, den berühmten Heldentaten der Odyssee und der Äneis Homers, den nordischen Sagas, Firdosis Sháhnáma und vielerorts in der Bibel und im Qur’án.
Gott geht vorüber hebt diese gewaltige Geistesarbeit auf eine leidenschaftlich erstrebte, doch zu keiner Zeit erreichte Stufe. Wer für seine Vision offen ist, entdeckt darin einen breiten Weg zum Verständnis der Absicht Gottes, einen Weg, der der unermesslichen Weite, die Shoghi Effendis einzigartige Übersetzungen der offenbarten Texte eröffnen, zustrebt. Die Veröffentlichung des Werkes zur Jahrhundertfeier der Geburt der Sache Gottes — gerade als die Bahá’í–Welt den Erfolg des ersten Unternehmens feierte, das sie gemeinsam hatten bewältigen können — bündelte für die Gläubigen in der ganzen Welt die erhabene Majestät und die Bedeutung von hundert Jahren ständiger Opfer.

*


Bald nach Beginn des zweiten Weltkriegs eröffnete der Hüter den Bahá’í eine Deutung dieses Konflikts, die sich stark von der gängigen Auffassung unterschied. Er sagte, dass man den Krieg als »direkte Fortsetzung« des 1914 entzündeten Weltbrandes sehen müsse. Man würde ihn später als »wesentliche Voraussetzung für die Einigung der Welt« erkennen. Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten — die selbst die visio­näre Initiative des von ihrem Präsidenten Woodrow Wilson initiierten internationalen Ordnungssystems verworfen hatten — würde die Nation dazu führen, »aus Not einen wesentlichen Anteil der Verantwortung dafür zu übernehmen, dass dieses verkannte aber unsterbliche System ein für alle Mal umfassend, weltweit und unerschütterlich begründet wird«106.
106 Shoghi Effendi, Messages to America, S. 53

Diese Aussage erwies sich als prophetisch. Nach dem Ende der Feindseligkeiten wurde zunehmend deutlich, dass auf der ganzen Welt ein grundlegender Bewusstseinswandel im Gange war und dass überkommene Postulate, Institutionen und Prioritäten, die schon während der ersten Hälfte des Jahrhunderts immer mehr ins Wanken geraten waren, jetzt zusammenbrachen. Wenn auch diese Veränderungen noch kein Zeichen für eine erwachte Überzeugung von der Einheit der Menschheit waren, so konnte doch kein objektiver Beobachter verkennen, dass die Barrieren, die eine solche Erkenntnis verhindert und dem Ansturm früherer Jahrhunderte widerstanden hatten, jetzt schließlich fielen. Es kommen einem die prophetischen Worte des Qur’án 27:88 in den Sinn: »Und du siehst die Berge, von denen du meinst, dass sie unbeweglich seien, sich von der Stelle bewegen, wie Wolken das tun.« All dies erweckte bei fortschrittlichen Denkern ein Gefühl der Zuversicht, dass es möglich werden könne, eine neue Gesellschaft aufzubauen, die nicht nur den Weltfrieden langfristig bewahren, sondern auch das Leben aller Bewohner bereichern werde.
In erster Linie folgte diese neu aufkeimende Hoffnung aus der vorangegangenen »Feuerprobe«, die, wie Shoghi Effendi es vorhergesehen hatte, jenes »Gefühl für ... Verantwortung einbrennen« konnte, das die Führungspersönlichkeiten in den Anfangsjahren des Jahrhunderts nicht hatten aufkommen lassen wollen.107 Zu diesem neuen Bewusstsein kam noch die Angst hinzu, die die Erfindung und der Einsatz von Atom­waffen auslöste, was die Bahá’í an die früheren Aussagen des Meisters in Nordamerika erinnert, dass der Friede schließlich komme werde, weil die Nationen förmlich dazu getrieben würden. Im Montreal Daily Star wird ‘Abdu’l–Bahá zitiert: »Er [der Friede] wird im zwanzigsten Jahrhundert die Welt umfassen. Alle Nationen werden dazu gezwungen werden.«108 Die Jahre unmittelbar nach 1945 erlebten einen Fortschritt beim Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung, der die glühendsten Hoffnungen früherer Jahrzehnte noch bei Weitem übertraf.
107 Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 75

Am wichtigsten war dabei die Bereitschaft nationaler Regierungen, ein neues System internationaler Ordnung zu schaffen und es mit der friedenssichernden Autorität zu versehen, die dem inzwischen untergegangenen Völkerbund leider verweigert worden war. Im April 1945 trafen sich Delegierte aus fünfzig Staaten in San Francisco — in Kalifornien, wo ‘Abdu’l–Bahá prophetisch verkündet hatte: »Möge die erste Flagge des internationalen Friedens in diesem Staate gehisst werden.«109 — und nahmen die Charta der Vereinten Nationen (UNO)110 an, deren Namen Präsident Franklin D. Roosevelt vorgeschlagen hatte. Die Ratifizierung durch die erforderliche Anzahl von Mitgliedsstaaten erfolgte im Oktober desselben Jahres, und die erste Generalversammlung der neuen Organisation trat am 10. Januar 1946 in London zusammen. In New York, der Stadt, die ‘Abdu’l–Bahá siebenunddreißig Jahre zuvor als »Stadt des Bundes« gerühmt hatte, wurde im Oktober 1949 der Grundstein zum Sitz der Vereinten Nationen gelegt. Bei Seinem Besuch hatte der Meister vorausgesagt: »Zweifellos ... wird hier das Banner internationaler Verständigung entfaltet werden und sich immer weiter über alle Nationen der Welt ausbreiten.«111
108 In: Frieden, S. 36
109 The Promulgation of Universal Peace, S. 377
110 United Nations Organization
111 ‘Abdu’l–Bahá, Foundations of World Unity, S. 21

Praktische Folgen hatte Bahá’u’lláhs Aufruf zu Maßnahmen kollektiver Sicherheit bezeichnenderweise endlich auf Initiative eines Politikers aus einer der westlichen Nationen, an die Er Seine Botschaft gerichtet hatte: erstmals in den no­minellen Sanktionen des Völkerbundes gegen die faschistische Aggression in Äthiopien. Im November 1956 erreichte Lester Bowles Pearson, damals Außenminister, später Premierminister von Kanada, dass die Vereinten Nationen die erste friedenerhaltende Streitmacht aufstellten. Diese Leistung trug ihm den Friedensnobelpreis ein.112 Die in einem solchen Auftrag enthaltenen weitreichenden Befugnisse stellten sich während der zweiten Hälfte des Jahrhunderts immer deutlicher als wichtiger Bestandteil internationaler
Beziehungen heraus. Wurden anfangs nur Vereinbarungen zwischen feindlichen Staaten überwacht, so nahm der Grundsatz kollektiven Vorgehens zum Erhalt des Friedens nun schrittweise die Gestalt militärischer Interventionen an, wie zum Beispiel im Golfkrieg, als gegenüber den Aggressoren die Einhaltung der Resolutionen des Sicherheitsrates mit Gewalt durchgesetzt wurde.
112 Lester Bowels Pearson (1897–1972) wurde 1957 der Friedensnobelpreis ver­liehen für sein Wirken in der internationalen Politik in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders für seinen Plan, der 1956 zum ersten Einsatz von UN– Truppen zur Friedenssicherung am Suez–Kanal führte. Mit diesem Einsatz reagierte man auf den Einmarsch britischer und französischer Truppen in Ägypten (mit israelischem Einverständnis) nach der Besetzung des Suez–Kanals durch Ägypten. Der erste offizielle Beschluss internationaler Sanktionen gegen einen Aggressor, den der Völkerbund 1936 fasste, nachdem Truppen aus dem faschi­stischen Italien in Äthiopien einmarschiert waren, rühmte Shoghi Effendi als »Er­eignis ohnegleichen in der Geschichte« (vgl. Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 277f.).

Neben der Errichtung der Vereinten Nationen und der Schritte, mit denen ihren Sanktionen jetzt Nachdruck verliehen werden konnte, gab es noch einen zweiten wichtigen Durchbruch. Noch vor dem Ende der Kampfhandlungen wurden die Filmaufnahmen von der Befreiung der nationalsozialistischen Todeslager veröffentlicht, und auf der ganzen Welt waren die Menschen fassungslos über die hier offen gezeigten grauenvollen Auswirkungen des Rassismus. Die tiefempfundene Scham angesichts des Entsetzlichen, dessen der Mensch sich fähig gezeigt hatte, erschütterte das Bewusstsein der gesamten Menschheit. Die Chance, die sich hier kurzfristig bot, wurde von einer Gruppe weitsichtiger, entschlossener Männer und Frauen ergriffen, die unter der begeisternden Führung solcher Persönlichkeiten wie Eleanor Roosevelt dafür sorgten, dass die Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte annahmen. Die moralische Verantwortung, die damit übernommen wurde, institutionalisierte sich später in der Gründung der Men­schenrechtskommission der Vereinten Nationen113. Zu gegebener Zeit sollte die Bahá’í–Gemeinde selbst von der Bedeutung dieser Institution als Schutz von Minderheiten vor den in der Vergangenheit üblichen Übergriffen profitieren.
113 United Nations Commission on Human Rights

Die Bedeutung dieser beiden Errungenschaften tritt besonders hervor durch die Entscheidung der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, führenden Nationalsozialisten den Prozess zu machen. Zum erstenmal in der Geschichte wurden die Führer eines unabhängigen Staates — Männer, die sich mit der Verfassungsmäßigkeit der von ihnen bekleideten politischen Ämter zu rechtfertigen suchten — vor ein öffentliches Gericht gestellt, ihre Verbrechen schonungslos aufgedeckt und dokumentiert und sie selbst, sofern sie dem nicht durch Selbstmord entgingen, rechtmäßig verurteilt, entweder zum Tod durch den Strang oder zu langen Haftstrafen. Dieses Vorgehen rief keinen ernsthaften Protest hervor, obwohl es eigentlich eine grundlegende Abkehr von bestehenden Normen des Völkerrechts bedeutete. Obwohl die Glaubwürdigkeit des Verfahrens darunter litt, dass auch Richter eingesetzt wurden, die von der Sowjetdiktatur — deren eigene Verbrechen denen der Angeklagten gleichkamen oder sie sogar noch übertrafen — ernannt worden waren, so hat der Prozess doch einen historischen Präzedenzfall geschaffen. Zum ersten Mal wurde hier demonstriert, dass der Fetisch der »nationalen Souveränität« erkennbare und durchsetzbare Grenzen hat.

In diesen Jahren begann auch die schon lange überfällige Verwirklichung eines anderen Ideals: die großen Reiche, die 1918 nicht nur überlebt hatten, sondern ihren Einflussbereich durch den Erwerb von »Mandatsgebieten«, »Protektoraten« und den besiegten Mächten abgenommenen Kolonien sogar noch hatten erweitern können, lösten sich allmählich auf. Diese veralteten Systeme politischer Unterdrückung brachen zusammen unter der Flut nationaler Befreiungsbewegungen, der sie mit ihren geschwächten Kräften nicht mehr standhal­ten konnten. Erstaunlich schnell gaben sie ihre Ansprüche entweder freiwillig auf oder wurden durch Kolonialaufstände gezwungen, sich in das gleiche Schicksal zu fügen, das frü­her im Jahrhundert schon das Reich der Habsburger und das Osmanische Reich ereilt hatte.
Plötzlich war den Völkern der Welt ihre Würde wiedergegeben. In den Vereinten Nationen hatten sie jetzt ein Forum, wo sie ihre tiefsten Besorgnisse äußern konnten, und allmählich begannen sie, eine Rolle bei Entscheidungen über ihre eigene Zukunft und die der ganzen Menschheit zu spielen. Eine Wende war eingetreten, die sechs oder mehr Jahrtausende Menschheitsgeschichte hinter sich ließ. Zwar blieben Nachteile im Bereich der Bildung, es gibt weiterhin wirtschaftliche Ungerechtigkeit und politisch und diplomatisch geschaffene Hindernisse — doch trotz all dieser praktischen aber historisch gesehen vorübergehenden Begrenzungen setzte sich jetzt eine neue Autorität für die Belange der Menschen ein, an die sich alle hoffnungsvoll wenden konnten. Vertreter einst unterdrückter Völker, deren exotisch gekleidete Krieger nur fünf Jahrzehnte zuvor bei dem diamantenen Thronjubiläum von Königin Victoria in London den Festzug beschlossen hatten, traten jetzt als Delegierte im Sicherheitsrat auf, bekleideten hohe Posten bei den Vereinten Nationen und in allen möglichen Nichtstaatlichen Organisationen. Vielleicht wird das Ausmaß dieses Wandels am besten dadurch symbolisiert, dass der gegenwärtige Generalsekretär der Vereinten Nationen aus Ghana stammt und seine beiden unmittelbaren Amtsvorgänger aus Ägypten und Peru.114
114 Die drei erwähnten Generalsekretäre der Vereinten Nationen sind, in chrono­logischer Reihenfolge, Javier Pérez de Cuellar (1982–1991) aus Peru; Boutros Boutros–Ghali (1992–96) aus Ägypten; Kofi Annan (seit 1997) aus Ghana.

Auch war dies keineswegs nur ein formaler oder administrativer Wandel. Mit der Zeit befreiten sich immer mehr herausragende Persönlichkeiten verschiedenster sozialer Herkunft aus den Fesseln ethnischer, kultureller oder religiöser Zugehörigkeit. In jedem Kontinent der Erde wurden Namen wie Anne Frank, Martin Luther King Jr., Paolo Freire, Ravi Shankar, Gabriel García Márquez, Kiri Te Kanawa, Andrej Sacharow, Mutter Theresa und Zhang Yimou Quellen der Inspiration und des Mutes für unzählige ihrer Mitbürger.115 In allen Lebensbereichen sprachen Heldenhaftigkeit, herausragendes berufliches Können oder eine hohe Moral zunehmend für sich selbst und wurden von den Menschen anerkannt und hoch geschätzt. Die weltweite Welle der Verbundenheit und Freude, die die Haftentlassung Nelson Mandelas und seine folgende Wahl zum Präsidenten Südafrikas auslöste, spiegelte ein Bewusstsein bei den Völkern aller Rassen und Nationen dafür wider, dass diese historischen Ereignisse Siege der ganzen Menschheitsfamilie sind.

Außerdem wurde klar, dass die vor dem Krieg bestehenden Vorstellungen über die Verteilung und Verwendung des Reichtums gründlich überholt werden mussten. Neben den Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, die zweifellos eine beträchtliche Zahl der an dieser Aufgabe Beteiligten beflügelten, hatten vor allem auch die durch die Ereignisse der vergangenen drei Jahrzehnte hervorgerufenen wirtschaftlichen Erschütterungen deutlich gemacht, dass die bestehenden Handelsvereinbarungen veraltet und ineffizient waren. In mehreren Ländern waren als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre bereits Versuche unternommen worden, solche Probleme auf nationaler Ebene zu lösen. Jetzt wurde nach und nach ein System ineinandergreifender Institutionen entwickelt und eingesetzt, das sich an der Erkenntnis orientierte, dass die Wirtschaft eines Landes Teil eines globalen Ganzen ist. Der Weltwährungsfonds, das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT)116, die Welt­bank und verschiedene Hilfsorganisationen begannen, wenn auch spät, sich mit den Folgen einer zusammenwachsenden Welt auseinander zu setzen, einschließlich der damit einhergehenden Frage nach der Verteilung des Reichtums. Sehr bald schon wiesen führende Denker aus den Entwicklungsländern darauf hin, dass solche Schritte hauptsächlich den Interessen des Westens dienten. Alles in allem kennzeichnete die Bildung dieser Einrichtungen jedoch einen grundlegenden Richtungswandel, der nach und nach die Einbeziehung zahlreicher Staaten und Institutionen ermöglichen würde.
116 General Agreement on Tariffs and Trades

Eine humanitäre Initiative neuer, bisher unbekannter Art erschloss der laufenden globalen Integration noch eine andere Dimension. Es begann mit dem von der Regierung der Vereinigten Staaten entworfenen »Marshallplan« zum Wie­deraufbau der durch den Krieg zerstörten europäischen Länder. Später erwogen dann Staaten, die wirtschaftlich dazu in der Lage waren, Programme, mit denen aufstrebenden Nationen bei der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung geholfen werden könnte. Diese Überlegungen wurden öffentlich geführt und weckten bei Völkern, die ein ausgereiftes Bil­dungssystem und Gesundheitsfürsorge hatten und technisch entwickelt waren, ein Gefühl der Solidarität mit der übrigen Welt. Schon bald wurden dieser ambitionierten Initiative zweifelhafte Motive vorgeworfen. Auch ist nicht zu leugnen, dass auf längere Sicht die Ergebnisse der Entwicklungsprojekte äußerst enttäuschend waren, denn es ist ihnen nicht ge­lungen, die gähnende Kluft zwischen Arm und Reich zu schließen. Trotz allem ist jedoch festzuhalten, dass sich hier eine Sicht von der einen Menschheit mit einem gemeinsamen Ziel auftat. Am deutlichsten war das wohl an der Reaktion unzähliger idealistischer junger Menschen aus vielen Ländern abzulesen.
Im Fernen Osten hatte der Krieg paradoxerweise sogar eine gewisse befreiende Wirkung auf das Bewusstsein. Schon 1904 betrachtete man im Osten vielerorts den russisch– japanischen Konflikt als ermutigenden Beweis dafür, dass nichtwestliche Völker der scheinbar unbesiegbaren Übermacht des Westens widerstehen konnten. Dieser Eindruck vertiefte sich aufgrund der Ereignisse des Ersten Weltkriegs und wurde dadurch verstärkt, dass die japanische Armee zwi­schen 1941 und 1945 den massiven Bemühungen der Alliierten, sie zu besiegen, lange standhalten konnte. Während der zweiten Hälfte des Jahrhunderts brachte dieses technologische Wissen denn auch in einem halben Dutzend asiatischer Länder moderne Volkswirtschaften hervor, deren innovative Produkte und industrielle Energie, vor allem im Transport­wesen und in der Informationstechnologie, sich ohne weiteres mit den Spitzenerzeugnissen der übrigen Industrieländer messen können.

*

Nach dem Ende der Kampfhandlungen war 1946 der Weg für den zweiten Siebenjahresplan des Hüters geebnet, der von der neuen Aufnahmebereitschaft für die Botschaft des Glaubens profitierte, die der zu jener Zeit schon deutlich erkennbare Bewusstseinswandel hervorrief. Wieder war die nordameri­kanische Bahá’í–Gemeinde aufgerufen, große Verantwortung zu übernehmen, im wesentlichen auf den Errungenschaften des früheren Plans aufzubauen und diese weiter zu entwi­ckeln. Der große Unterschied bestand allerdings darin, dass jetzt auch zahlreiche andere Bahá’í–Gemeinden in der Lage waren, sich an der Ausführung des Planes zu beteiligen. Die Bahá’í von Indien, Birma und Pakistan hatten bereits 1938 einen eigenen Plan begonnen. Mit dem Ende der Kampfhandlungen unternahmen nach und nach auch die Nationalen Geistigen Räte von Persien, der Britischen Inseln, von Australien und Neuseeland, Deutschland und Österreich, Ägypten und dem Sudan und des Irak — die jetzt von den Einschränkungen befreit waren, die der Krieg ihnen auferlegt hatte — Projekte unterschiedlicher Dauer mit dem Ziel, das Fundament der Gemeindeordnung auszuweiten, Pioniere in Zielgebiete im eigenen Land und im Ausland anzusiedeln und Bahá’í–Literatur vermehrt verfügbar zu machen.
Bis 1953 waren alle diese Unternehmungen erfolgreich abgeschlossen. Drei neue Nationale Geistige Räte waren ge­bildet worden und hatten ergänzende Lehrpläne in Angriff genommen117; in Europa war eine ganze Reihe örtlicher Räte gebildet worden; durch die Zusammenarbeit von fünf natio­nalen Gemeinden, koordiniert von dem Nationalen Geistigen Rat der Britischen Inseln, konnten Pioniere in Ost- und Westafrika angesiedelt werden; und das große Projekt, das mit der Grundsteinlegung des Muttertempels des Westens durch den Meister begonnen hatte, war endlich abgeschlossen.
117 Diese drei Nationalen Geistigen Räte waren der Nationale Geistige Rat von Kanada — die kanadische Gemeinde trennte sich 1948 von der in den Vereinigten Staaten —, der Regionale Geistige Rat der Antillen (1953) und der Regionale Geistige Rat von Südamerika (ebenfalls 1953).


Noch bevor die Bahá’í–Gemeinde diese Erfolge feiern konnte, kündigte Shoghi Effendi ihnen eine neue Herausfor­derung von atemberaubenden Ausmaßen an. Angetrieben von geschichtlichen Kräften, die nur er erkennen konnte, gab der Hüter bekannt, dass mit dem nächsten Ridván–Fest ein zehn Jahre andauernder weltumspannender Plan beginnen werde, den er als »geistigen Kreuzzug« bezeichnete. Dieser Plan bündelte die Energie aller damals bestehenden Nationalen Geistigen Räte — den zwölften bildeten die Gemeinden Italiens und der Schweiz — und rief dazu auf, einhundert­dreiunddreißig neue Länder und Territorien für den Glauben zu eröffnen und zugleich vierundvierzig Nationale Geistige Räte zu bilden, von denen dreiunddreißig Rechtsfähigkeit erlangen sollten; eine enorme Zunahme an Bahá’í–Literatur; die Errichtung von Häusern der Andacht im Iran und in Deutschland, (nachdem das Bauprojekt in Teheran blockiert wurde, wurden stattdessen Tempel in Afrika und Australien errichtet); und die Erhöhung der Zahl der Geistigen Räte auf fünftausend weltweit, von denen dreihundertfünfzig Rechtsfähigkeit erlangen sollten. Durch nichts, was die Bahá’í in der ganzen Welt bisher erlebt hatten, waren sie auf ein derart gigantisches Unternehmen vorbereitet. Das immense Ausmaß der Herausforderung legte Shoghi Effendi in einem Telegramm vom 8. Oktober 1952 dar:
»Sehe Stunde gekommen, der ganzen Bahá’í–Welt den geplanten Beginn ... des schicksalsschweren, seelenergreifenden, ein Jahrzehnt währenden, weltumfassenden geistigen Kreuzzuges bekannt zu machen, der ... die gemeinsame Teilnahme aller Nationalen Geistigen Räte der Bahá’í–Welt einschließt, um die geistige Herrschaft Bahá’u’lláhs unverzüglich auszudehnen auf sämtliche verbleibenden, über den Planeten verstreute souveräne Staaten, Hoheitsgebiete — einschließlich der Fürstentümer, Sultanate, Emirate, Scheichtümer, Protektorate, Mandatsgebiete — und Kronkolonien. Die gesamte Gemeinde der Träger des alles besiegenden Glaubens Bahá’u’lláhs ist jetzt aufgerufen, in einem einzigen Jahrzehnt Taten zu vollbringen, die in ihrer Gesamtheit das, was im Laufe der elf vorangegangenen Jahrzehnte vollbracht wurde und die Annalen der Bahá’í–Pionierarbeit erstrahlen ließ, in den Schatten stellt.«118
118 Messages to the Bahá’í World, S. 41; vgl. Hüterbotschaften an die Bahá’í– Welt, S. 1f.

Der Sieg in diesem ambitionierten Unternehmen würde bedeuten, dass der Glaube schließlich den ganzen Erdball umspannen, dass die Zahl der seiner Gemeindeordnung zugrundeliegenden Institutionen sich verfünffachen und dass sein Gemeindeleben bereichert würde durch die Einbezie­hung von Gläubigen aus sehr vielen bisher vom Glauben noch nicht berührten Kulturen, Nationen und Stämmen.
Der Plan verlangte praktisch, dass der Glaube einen riesi­gen Schritt nach vorn machte und so mehrere Stufen seiner Entwicklung in einem Sprung nahm. Shoghi Effendi erkann­te klar und deutlich — und das war nur durch die dem Hütertum innewohnende Kraft der Voraussicht möglich —, dass ein historisches Zusammentreffen verschiedener Umstände der Bahá’í–Gemeinde eine Möglichkeit eröffnete, die nicht wiederkehren würde und von der der Erfolg künftiger Phasen in der Durchführung des Göttlichen Planes gänzlich abhängen würde. Was er ohne Zögern den »Ruf des Herrn der Heerscharen« nannte, ist in einer Botschaft enthalten, welche die Vorstellungskraft der Bahá’í in allen Teilen der Welt beflügelte:
»Ganz gleich wie viel Zeit sie [die Gläubigen] auch vom endgültigen Sieg trennt; wie mühsam die Aufgabe; wie groß die von ihnen geforderte Anstrengung; wie dunkel die Tage, die die Menschheit, verwirrt und schwer geprüft, zur Stunde ihrer Pein durchleiden muss; wie schwer die Prüfungen, welche jene, die ihr Glück wieder herstellen sollen, zu bestehen haben ... Ich beschwöre sie bei dem kostbaren Blut, das so reichlich floss; bei den zahllosen Heiligen und Helden, die ihr Leben opferten; bei dem höchst ruhmreichen Opfertod des Herolds unseres Glaubens; bei den Leiden, die sein Stifter selbst bereitwillig auf sich nahm, damit Seine Sache lebe, Seine Ordnung eine zerrüttete Welt erlöse und ihre Herrlichkeit den ganzen Planeten durchströme — ich beschwöre sie, da diese ernste Stunde naht, fest entschlossen zu sein, niemals zurückzuweichen, niemals zu zögern, niemals nachzulassen, bis jedes einzelne Ziel des noch zu verkündenden Planes vollständig erreicht ist.«119
119 Messages to the Bahá’í–World, S. 38f.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Innerhalb weniger Monate berichteten Botschaften aus dem Weltzentrum von immer neuen Siegen in einem Land nach dem an­deren. Die Pioniere, die in einem Land oder Territorium den ersten Stützpunkt des Glaubens errichten konnten, wurden zu »Rittern Bahá’u’lláhs« ernannt, und ihre Namen wurden in eine Ehrenrolle eingetragen, die, so bestimmte es der Hüter, später unter der Türschwelle zum Schrein Bahá’u’lláhs niedergelegt werden sollte. Nichts bezeugt so eindrucksvoll die visionäre Kraft Shoghi Effendis in seinen aufeinanderfolgenden Plänen wie die Tatsache, dass Bahá’í–Gemeinden und Geistige Räte in jedem der nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstandenen Nationalstaaten bereits in das öffentliche Leben eingebunden waren.
Weitere großartige Siege folgten diesen ersten. Im Oktober 1957, als der Glaube in über zweihundertfünfzig Ländern und Gebieten begründet war, konnte Shoghi Effendi bekannt geben, dass zehn neue Grundstücke für künftige Häuser der Andacht gekauft werden konnten und die Arbeit an den Häusern der Andacht in Kampala, Sydney und Frankfurt begonnen hatte; dass Grundstücke für die sechsundvierzig benötigten nationalen Hazíratu’l–Quds gekauft worden waren; dass die Veröffentlichung von Bahá’í–Literatur beträchtlich zugenommen hatte; dass weitere Räte Rechtsfähigkeit erlangt hatten und ihre Zahl damit auf einhundertfünfundneunzig gestiegen war; Bahá’í–Eheschließungen und –Feiertage zu­nehmend anerkannt wurden und die Arbeit am Internationa­len Bahá’í–Archiv voranging, dem ersten Gebäude, das an dem von Shoghi Effendi entworfenen weiten Bogen am Hang des Berges Karmel errichtet wurde. Wer auf die damaligen Ereignisse zurückblickt, muss von der väterlichen Fürsorge, mit der Shoghi Effendi das Erreichen dieser großartigen Ergebnisse sicherte, tief berührt sein. Sie zeigt sich auch darin, wie er in der letzten Botschaft zum Zehnjahreskreuz­zug, die er im April 1957 an die Bahá’í richtete, sorgfältig jede der dreiundsechzig Lehrkonferenzen und Seminare, die in jenem Jahr in der ganzen Bahá’í–Welt abgehalten wurden, namentlich aufführte.
Solch eine Übersicht wäre unvollständig, wenn sie nicht auch die parallele Entwicklung der Gemeindeordnung auf internationaler Ebene berücksichtigte, der sich der Hüter in diesen Jahren widmete. Diese Schritte erwiesen sich als äu­ßerst wichtig, nicht nur für den erfolgreichen Abschluss des Zehnjahresplanes, sondern auch für die Festigung und den Schutz des Glaubens in der Zukunft. Zusätzlich zu der den gewählten Institutionen übertragenen Entscheidungskompe­tenz hat die Gemeindeordnung auch einen geistigen, moralischen und intellektuellen Erziehungsauftrag, der sich gleichermaßen auf diese Institutionen wie auf jedes Mitglied der Gemeinde bezieht. Die von Bahá’u’lláh selbst vorgesehene Verantwortung »die göttlichen Düfte zu verbreiten, die Menschenseelen zu erbauen, die Bildung zu fördern, alle Menschen zu bessern ...«120, wird im Testament des Meisters hauptsächlich den Händen der Sache Gottes übertragen.
120 Dokumente des Bündnisses – Testament II:21

Während der Amtszeit Bahá’u’lláhs und ‘Abdu’l–Bahás hatten die Gläubigen, denen dieser hohe Rang verliehen worden war, eine entscheidende Rolle bei der Förderung der Lehrarbeit im Orient gespielt. Als die Idee des Zehnjahreskreuzzuges im Geiste Shoghi Effendis Gestalt annahm, suchte er die geistige Unterstützung zu aktivieren, die diese Insti­tution beitragen konnte, um die Ziele des Plans zu erreichen. In einem Telegramm vom 24. Dezember 1951 verkündete er die Ernennung des ersten Kontingents von zwölf Händen der Sache Gottes, die gleichermaßen der Arbeit im Heiligen Land, in Asien, Nord- und Südamerika und Europa zugeordnet waren. Diese herausragenden Diener der Sache Gottes sollten sich völlig darauf konzentrieren, die Energien der Freunde anzufachen und die gewählten Körperschaften zu ermutigen und zu beraten. Bald darauf wurde die Zahl der Hände der Sache von zwölf auf neunzehn erhöht.
Ihrer Verantwortung konnten die Hände der Sache deutlich leichter nachkommen, nachdem der Hüter im Oktober 1952 entschieden hatte, dass sie fünf Hilfsämter einrichten sollten, in jedem Kontinent eins: in Amerika, in Europa und Afrika bestanden sie aus je neun Mitgliedern, in Asien und Australasien aus sieben beziehungsweise zwei. Später wur­den gesonderte Hilfsämter für den Schutz des Glaubens ge­schaffen, neben der Verbreitung des Glaubens die zweite der beiden wichtigsten Aufgaben der Hände der Sache Gottes.
Eine Botschaft des Hüters vom 3. Juni 1957 begrüßte die Maßnahme der israelischen Regierung, mit der sie die endgültige Entscheidung des Appellationsgerichts jenes Landes umsetzte und die noch überlebenden Bundesbrecher zwang, sich völlig aus dem Haram–i–Aqdas zurückzuziehen, der den heiligsten Ort der Bahá’í–Welt in Bahjí umgibt.121 Nur einen Tag später jedoch warnte ein zweites Telegramm die führenden Institutionen des Glaubens eindringlich, dass es dringend notwendig sei, den Glauben durch gemeinsames Handeln vor neuen Gefahren, die der Hüter am Horizont drohen sah, zu schützen. Dem folgte im Oktober eine Botschaft mit der Be­kanntmachung, dass die Zahl der Hände der Sache Gottes von neunzehn auf siebenundzwanzig erhöht worden sei. Er bezeichnete diese ranghöchsten Persönlichkeiten als »›Hauptsachwalter‹ der keimenden Weltordnung Bahá’u’lláhs«122 und betraute sie mit der Aufgabe, mit den Nationalen Geistigen Räten über dringend notwendige Maßnahmen zum Schutz des Glaubens zu beraten.
121 Unter der Führung zweier Brüder ‘Abdu’l–Bahás, Muhammad ‘Alí und Badí‘u’lláh sowie deren Vetter Majdi’d–Dín, hatte die Gruppe von Bundesbrechern, die nach dem Tode Bahá’u’lláhs lange Zeit das Landhaus in Bahjí besetzt hatten, einen gnadenlosen Verleumdungs- und Intrigenfeldzug gegen den Meister und Shoghi Effendi geführt. Unter der britischen Mandatsverwaltung waren sie gezwungen worden, das Landhaus zu räumen, weil sie es hatten verfallen lassen, wodurch der Hüter die Möglichkeit erhielt, das Gebäude zu renovieren und ihm in den Augen der Behörden den Status einer heiligen Stätte zu geben. Später erreichte Shoghi Effendi, dass die neue israelische Regierung dem ganzen Besitz diesen besonderen Status zugestand, und es wurde offiziell angeordnet, dass die verbleibenden Bundesbrecher das unansehnliche Gebäude, das sie noch immer in der Nähe des Landhauses bewohnten, räumen mussten. Als deren Berufung gegen diese Anordnung vom obersten Gericht abgewiesen worden war, erhielten sie einen Räumungsbefehl. Das Gebäude wurde auf Anweisung des Hüters abgerissen, und damit war das letzte Hindernis für die Verschönerung des Besitzes beseitigt.
122 In: Bahá’u’lláh, Kitáb–i–Aqdas, E 183

Kaum einen Monat später wurde die Bahá’í–Welt von der Nachricht erschüttert, dass Shoghi Effendi am 4. November 1957 an den Folgen einer asiatischen Grippe gestorben war, die er sich bei einem Besuch in London zugezogen hatte. Der Mittelpunkt der Sache Gottes, der sechsunddreißig Jahre lang ihre Entwicklung Tag für Tag geleitet hatte, dessen visionäre Schau sowohl den Lauf der Ereignisse erfasste als auch die von der Bahá’í–Gemeinde zu leistende Arbeit und dessen ermutigende Botschaften die geistige Lebensader zahlloser Bahá’í auf dem ganzen Planeten gewesen waren, war plötzlich gegangen und musste den großen Kreuzzug unvollendet und die Zukunft der Gemeindeordnung im Ungewissen hinterlassen.

*

Die große Trauer und das übermächtige Gefühl der Verlassenheit nach dem Verlust des Hüters verleihen dem Triumph des Planes, den er entworfen und beflügelt hatte, eine noch größere Bedeutung. Am 21. April 1963 wählten die Delegierten der sechsundfünfzig Nationalen Geistigen Räte — darun­ter auch die vierundvierzig neuen, die im Zehnjahresplan, wie vorgesehen, gebildet worden waren — in geheimer Wahl das erste Universale Haus der Gerechtigkeit, die von Bahá’u’lláh eingesetzte leitende Körperschaft der Sache Gottes, der Er unmissverständlich göttliche Führung bei der Ausübung ihrer Aufgaben zusichert:
»Die Vertrauensleute des Hauses der Gerechtigkeit haben über jene Dinge zu beraten, die nicht ausdrücklich im Buche offenbart sind, und zu vollziehen, was sie für gut halten. Gott wird ihnen wahrlich eingeben, was Er will, und Er ist, wahrlich, der Versorger, der Allwissende.«123
123 Botschaften aus ‘Akká 6:29

Es schien besonders angemessen, dass die Wahl — durch anwesende Delegierte und Briefwähler — im Hause des Meisters stattfinden sollte, dessen Testament vor nahezu sechzig Jahren die wahre Bedeutung und das Ausmaß der von Bahá’u’lláh verliehenen Autorität beschrieben hatte:
»Dem Heiligsten Buche muss sich jeder zuwenden, und was darin nicht ausdrücklich verwahrt ist, ist dem Universalen Haus der Gerechtigkeit vorzulegen. Was diese Körperschaft einstimmig oder mit Stimmenmehrheit beschließt, ist die Wahrheit und Gottes eigener Wille. Wer davon abweicht, gehört fürwahr zu denen, die Zwietracht lieben, böse Absich­ten bekunden und sich vom Herrn des Bundes abwenden.«124
124 ‘Abdu’l–Bahá, in: Dokumente des Bündnisses – Testament II:8

Einen wichtigen, die Wahl vorbereitenden Schritt hatte Shoghi Effendi schon 1951 unternommen, als er die Mitglieder des Internationalen Rats ernannte, die ihn bei seiner Arbeit unterstützen sollten. In einem zweiten Schritt, der ebenfalls vom Hüter vorgesehen war, wurde dieser Rat 1961 zu einem neunköpfigen Gremium, das von den Mitgliedern der Nationalen Geistigen Räte gewählt wurde. Daher hatte die Bahá’í–Welt, als der Zehnjahreskreuzzug 1963 siegreich ab­geschlossen wurde, bereits wertvolle Erfahrungen gesammelt für die Herausforderung, die die nun anstehende Wahl bedeutete.
Geschichtswissenschaftler werden den Händen der Sache Gottes ohne Zögern das Verdienst zuschreiben, die Anstrengungen, die diesen historischen Augenblick ermöglichten, unterstützt zu haben, denn sie hatten der Bahá’í–Welt die koordinierende Führung gegeben, derer sie nach dem Verlust des Hüters beraubt war. Diese kleine Gruppe leidgeprüfter Männer und Frauen war unermüdlich um die Welt gereist, um Shoghi Effendis Plan voranzubringen, hatte sich jährlich zu Konklaven getroffen, um Ermutigung und Information geben zu können, hatte die Bemühungen der Mitglieder der gerade geschaffenen Hilfsämter inspiriert und die Angriffe einer neuen Schar von Bundesbrechern auf die Einheit des Glaubens abgewehrt. So hatten sie erfolgreich dafür gesorgt, dass die hochgesteckten Ziele des Planes in der vorgesehenen Zeit erfüllt wurden und das nötige Fundament für die Errichtung jener Körperschaft gelegt war, die die Gemeindeordnung krönte. Und noch ein zweites Erbe hinterließen die Hände der Sache der Bahá’í–Welt, eine geistige Auszeichnung, die in der Geschichte ohnegleichen ist. Sie baten dar­um, davon abzusehen, sie selbst in das Universale Haus der Gerechtigkeit zu wählen, damit sie die ihnen von Shoghi Effendi übertragenen Dienste weiter erbringen könnten. Nie zuvor hatten Menschen, in deren Hände die höchste Macht einer großen Religion gefallen war und die eine Wertschätzung genossen, die niemandem sonst in ihrer Gemeinde zuteil wurde, darum gebeten, nicht an der Ausübung oberster Autorität teilzuhaben, und sich damit vollständig in den Dienst jener Institution gestellt, welche ihre Mitgläubigen für diese Aufgabe wählten.125
125 Einen ausführlichen Bericht über die Rolle der Hände der Sache Gottes während dieser kritischen Jahre gibt Amatu’l–Bahá Rúhíyyih Khánum in Ministry of
the Custodians.


Kapitel: 7

Der Unterschied zwischen der Stufe des Hüters und der ‘Abdu’l–Bahás, des Mittelpunktes des Bundes, ist immens — gleichwohl hatte Shoghi Effendi nach dem Hinscheiden des Meisters eine einzigartige Aufgabe in der Geschichte der Sache Gottes, und sie wird diesen zentralen Platz im Leben des Glaubens während der kommenden Jahrhunderte behalten. In manch wichtiger Hinsicht kann man sagen, dass Shoghi Effendi die Führung durch die Hand des Meisters beim Aufbau der Gemeindeordnung und bei der Ausbreitung und Festigung des Glaubens Bahá’u’lláhs noch einmal um sechsunddreißig entscheidende Jahre verlängert hat. Es ist eine bedrückende Vorstellung, was mit der gerade erst geborenen Sache Gottes geworden wäre, hätte sie zur Zeit ihrer größten Verwundbarkeit nicht fest in der Hand dessen geruht, der von ‘Abdu’l–Bahá auf diese Aufgabe vorbereitet wurde und bereit war, im wahrsten Sinne des Wortes als ihr Hüter zu dienen.


Zwar wies Shoghi Effendi die Gläubigen immer wieder darauf hin, dass die beiden Institutionen in der Nachfolge des Meisters »untrennbar« sind und sich in ihren jeweiligen Funktionen »ergänzen«, doch akzeptierte er schon früh die Tatsache, dass das Universale Haus der Gerechtigkeit nicht gebildet werden könnte, ehe im Verlauf der Entwicklung der Gemeindeordnung die als seine Stütze notwendige Struktur an örtlichen und Nationalen Geistigen Räten geschaffen wäre. Er kam deshalb nicht umhin, seine herausragende Ver­antwortung gänzlich allein auszuüben und legte dies der Bahá’í–Gemeinde mit allen praktischen Konsequenzen auch ganz offen dar. Mit seinen eigenen Worten:
»Getrennt von der nicht minder wesentlichen Institution des Universalen Hauses der Gerechtigkeit wäre diese nämliche Ordnung des Willens ‘Abdu’l–Bahás in ihrer Wirksamkeit gehemmt und außerstande, die Lücken auszufüllen, die der Schöpfer des Kitáb–i–Aqdas mit Bedacht im Gefüge Seiner Gesetzes- und Verwaltungsanordnungen gelassen hat.«126
126 Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 213


Diese Wahrheit vor Augen beachtete Shoghi Effendi genauestens die Beschränkungen, welche die Umstände ihm auferlegten. Dies bezeugt eine Treue gegenüber dem Testament des Meisters, die in den kommenden Jahrhunderten der Stolz der Anhänger Bahá’u’lláhs sein wird. Die Geschichte seines sechsunddreißig Jahre währenden Dienstes als Hüter des Glaubens — eine Geschichte, die wie die seines Großvaters von der Nachwelt studiert und angemessen bewertet wer­den muss — enthält, wie er auch selbst der Bahá’í–Gemeinde versichert hatte, nichts, das in irgendeiner Weise »in das geweihte und festgelegte Gebiet der anderen [Institution, das heißt des Universalen Hauses der Gerechtigkeit] übergreifen«127 würde. Shoghi Effendi sah nicht nur davon ab, Gesetze zu erlassen, er konnte vielmehr seine Aufgabe erfüllen, indem er lediglich provisorische Anordnungen traf und endgültige Entscheidungen in den fraglichen Angelegenheiten jeweils dem Universalen Haus der Gerechtigkeit überließ.
Nirgends wird diese Zurückhaltung deutlicher als bei der so wichtigen Frage nach dem Nachfolger im Amt des Hüters. Shoghi Effendi selbst hatte keine Nachkommen, und die anderen Zweige der heiligen Familie hatten den Bund gebrochen. Die Bahá’í–Schriften geben für einen derartigen Fall keine eindeutige Führung, aber das Testament des Meisters erklärt ausdrücklich, wie all jene Fragen, in denen keine Klarheit herrscht, zu regeln sind:
127 a. a. O., S. 215

»Es obliegt diesen Mitgliedern [des Universalen Hauses der Gerechtigkeit], an einem bestimmten Ort zusammenzukommen und alle Fragen zu beraten, die kontrovers, unklar oder nicht ausdrücklich im Buche behandelt sind. Was sie entscheiden, hat dieselbe Geltung wie der heilige Text.«128
128 ‘Abdu’l–Bahá, Das Testament. In: Dokumente des Bündnisses II:9

Dieser Führung aus der Feder des Mittelpunktes des Bundes folgend schwieg Shoghi Effendi und legte die Frage seines Nachfolgers oder seiner Nachfolger in die Hände jener Institution, die allein zur Entscheidung der Angelegenheit befugt war. Fünf Monate nach seiner Entstehung erklärte das Universale Haus der Gerechtigkeit in der Botschaft vom 6. Oktober 1963 an alle Nationalen Geistigen Räte folgendes zu diesem Thema:
»Nach sorgfältigem Studium der heiligen Texte ... und nach ausgedehnter Beratung ... sieht das Universale Haus der Gerechtigkeit keinen Weg, einen zweiten Hüter zur Nachfolge von Shoghi Effendi zu ernennen oder ein Gesetz zu erlassen, das eine solche Ernennung ermöglicht.«129
129 Botschaften des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, Bd. 1, S. 12


Als Shoghi Effendi seine Aufgabe antrat, für die er in der Geschichte kein Vorbild fand, konnte er nirgends die für seine Arbeit notwendige Führung suchen als nur in den Schrif­ten der Stifter des Glaubens und im Beispiel des Meisters. Kein Ratgeberstab konnte ihm dabei helfen, die Bedeutung der Texte zu ermitteln, die auszulegen er berufen war — für eine Bahá’í–Gemeinde, die all ihr Vertrauen in ihn setzte. Obwohl er die Werke von Historikern, Wirtschafts- und Politikwissenschaftlern studierte, konnte solches Forschen ihm doch nur Rohmaterial bieten, das seine inspirierte Vision der Sache Gottes dann ordnen und zusammenfügen musste. Die Zuversicht und der Mut, die notwendig waren, um eine so heterogene Gemeinde von Gläubigen dazu zu motivieren, Aufgaben anzugehen, die rein sachlich betrachtet weit jen­seits ihrer Möglichkeiten lagen, konnte er allein aus der geistigen Kraft seines Herzens schöpfen. Jeder objektive Beobachter des zwanzigsten Jahrhunderts — so skeptisch er auch gegenüber religiösen Ansprüchen sein mag — muss doch an­erkennen, dass die Integrität, mit der ein junger Mann Anfang zwanzig eine so ehrfurchtgebietende Verantwortung übernahm und einen so überwältigenden Sieg errang, beweisen, welch immense geistige Kraft der Sache innewohnt, an deren Fortschritt er arbeitete.
Wer all dies anerkennt, muß gleichzeitig verstehen, dass die Fähigkeiten, mit denen der Bund das Hütertum ausstattete, keine magischen Kräfte sind. Sie erfolgreich einzusetzen erforderte, wie Rúhíyyih Khánum in bewegender Weise schildert, einen nie endenden Prozess des Ausprobierens, Evaluierens und Verbesserns. Die Genauigkeit, mit der Shoghi Effendi politische und soziale Vorgänge schon in ihren frühen Entwicklungsstadien analysierte, und die Souveränität, mit der sein Verstand ein Kaleidoskop unterschiedlichster Ereignisse — vergangener wie gegenwärtiger — erfasste, um sie zu deuten und zum sich entfaltenden göttlichen Willen in Beziehung zu setzen, flößen größten Respekt ein. Dass dieses große Werk des Intellekts sich auf einer Ebene vollzog, die weit über der liegt, auf der menschlicher Verstand normalerweise funktioniert, verringerte keineswegs die damit verbundene Anstrengung. Im Gegenteil: Es gehört zu den Kennzeichen der von Shoghi Effendi verkörperten Institution, dass weder das Wesen, noch die Motivation, noch die Kraftreserven ihres Trägers übermenschlich sind.130
130 Das Thema wird mehrfach in Rabbání, Rúhíyyih, Die unschätzbare Perle be­handelt. Siehe besonders S. 142f., 150, 159, 210f., 254f.

Jetzt, in der Rückschau über mehr als vierzig Jahre seit seinem Hinscheiden, beginnt sich strahlend klar herauszukristallisieren, dass das Werk Shoghi Effendis für die Entwicklung der Gemeindeordnung eine unvergängliche Bedeutung hat und sich noch lange auf sie auswirken wird. Das Testament des Meisters hätte — wären die Umstände anders gewesen — durchaus die Möglichkeit für einen oder mehrere Nachfolger in dem von Shoghi Effendi verkörperten Amt eröffnet. Die Wege Gottes sind uns unergründlich. Klar und unbestreitbar ist jedoch, dass die Struktur der Gemeindeord­nung sowie auch die Richtung ihrer künftigen Entwicklung von Shoghi Effendi durch seine Auslegungsbefugnis festgelegt wurden, indem er die ihm vom Meister übertragene Auf­gabe in jeder Hinsicht und im größt denkbaren Maße erfüllte. Ebenso klar und unbestreitbar ist, dass Struktur und Entwicklungsrichtung der Gemeindeordnung dem Willen Gottes entsprechen.

Kapitel: 8

Wie Shoghi Effendi warnend vorhergesagt hatte, griffen parallel zum Prozess des Aufbaus, der weltweit in Gang war, weiterhin auch solche Kräfte um sich, die ererbte Überzeugungen und Systeme untergruben. Daher kann es nicht überraschen, dass die Friedenseuphorie in Eu­ropa und im Orient sich als äußerst kurzlebig erwies. Kaum hatten die Kriegshandlungen ein Ende gefunden, als auch schon der ideologische Konflikt zwischen Marxismus und liberaler Demokratie neu aufbrach und beide Staatenblöcke immer wieder versuchten, sich die Vormachtstellung zu sichern. Das Phänomen des »Kalten Krieges«, in dem der Kampf um die Vorherrschaft nur knapp vor der militärischen Auseinandersetzung Halt machte, bildete die vorherrschende weltpolitische Konstante der kommenden Jahrzehnte.
Die Bedrohung, die diese neue Krise in der internationalen Ordnung darstellte, wurde noch verstärkt durch die Fortschritte in der Nukleartechnik. Beiden Blöcken gelang es, sich mit einem immer größeren Arsenal an Massenvernichtungswaffen zu rüsten. Die grauenvollen Bilder Hiroshimas und Nagasakis hatten die Menschheit aufgerüttelt und ihr die furchterregende Möglichkeit vor Augen gehalten, dass ein paar vergleichsweise unbedeutende Zwischenfälle — so unvorhersehbar wie die Ereignisse, die 1914 durch den Vorfall in Sarajevo ins Rollen gebracht wurden — diesmal dazu führen könnten, dass ein Großteil der Weltbevölkerung ausge­löscht und weite Teile der Erde unbewohnbar würden. Den Bahá’í brachte diese Vorstellung jene düsteren Warnungen lebhaft in Erinnerung, die Bahá’u’lláh Jahrzehnte zuvor ausgesprochen hatte: »Seltsame, verblüffende Dinge gibt es in der Erde; aber sie sind dem Geist und Verständnis der Men­schen verborgen. Diese Dinge sind imstande, die ganze Erdatmosphäre zu verwandeln, und eine Verseuchung mit ihnen wäre tödlich.«131
131 Botschaften aus ‘Akká 6:32

Die bei weitem schlimmste Tragödie, die dieser jüngste Kampf um die Vorherrschaft in der Welt mit sich brachte, war die Vereitelung aller Hoffnungen der bisher unterworfenen Völker, ihr Leben nun selbst in die Hand nehmen und gestalten zu können. Die Bestrebungen mancher der überlebenden Kolonialmächte, diese Hoffnungen zu unterdrücken, waren für jeden objektiven Beobachter zwar zum Scheitern verurteilt, aber angesichts ihres Starrsinns konnte der Freiheitsdrang vieler Länder nur Zuflucht zu gewaltsamer Revolution nehmen. Derartige Bewegungen prägten zunehmend die politische Landschaft. Um 1960 waren sie dann in den meisten abhängigen Gebieten die bei der einheimischen Bevölkerung verbreiteste Form politischen Engagements.
Die Triebkraft des Kolonialismus war wirtschaftliche Ausbeutung. Die meisten Befreiungsbewegungen nahmen deshalb, vielleicht zwangsläufig, eine im weiteren Sinne sozialistische Prägung an. In nur wenigen Jahren war so ein Nährboden geschaffen für die Ausbeutung durch die Supermächte. Der Sowjetunion bot sich die Möglichkeit, über die politische Umorientierung etlicher Länder einen dominanten Einfluss auf jene Gruppe von Ländern zu gewinnen, die man jetzt begann, die »Dritten Welt« zu nennen. Der Westen reagierte darauf, indem er — wo es nicht gelang, durch Entwicklungshilfe die Loyalität der Empfängernationen zu sichern — eine Vielzahl autoritärer Regime förderte und bewaffnete.
Diese neuen Regierungen, durch auswärtige Kräfte manipuliert, konzentrierten sich immer weniger auf die realen Entwicklungsbedürfnisse, sondern verwickelten sich zunehmend in ideologische und politische Kämpfe, die mit der sozialen und wirtschaftlichen Realität wenig oder nichts zu tun hatten. Die Folgen waren durchweg verheerend. Wirtschaftlicher Bankrott, grobe Verletzungen der Menschenrechte, der Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung und die Herausbildung opportunistischer Eliten, die im Elend ihrer Länder nur die Möglichkeit sahen, sich selbst zu bereichern — all das gehörte zum erschütternden Schicksal, das nach und nach die neuen Nationen befiel, deren Bildung erst vor wenigen Jahren so viel zu verheißen schien.
Diese politischen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme wurden verursacht durch eine Krankheit der menschlichen Seele, die unaufhaltsam immer weiter um sich griff und sich einnistete, und deren zerstörerische Kraft ungleich größer ist als jede ihrer konkreten Formen. Ihr Triumph kennzeichnete ein neues, unheilvolles Stadium in der Entfaltung des Prozesses wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zerfalls, den Shoghi Effendi beschrieben hatte. Diese Krankheit — der Materialismus — wurzelt in der europäischen Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts, sie gewann enormen Einfluss durch die Errungenschaften der kapitalistischen Zivilisation in den Vereinigten Staaten; der Marxismus verlieh ihr seinen systemtypischen Anschein von Wahrheit: Der Materialismus entwickelte sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts regelrecht zu einer Art Universalreligion mit totalitärem Anspruch auf das individuelle und gesellschaftliche Leben. Sein Kredo ist extrem simpel: Die Wirklichkeit — einschließlich der Wirklichkeit des Menschen und des Prozesses, durch den sie sich entwickelt — ist ihrem Wesen nach materiell. Der Sinn des Lebens ist die Befriedigung materieller Bedürfnisse — oder er sollte es zumindest sein. Der Zweck der Gesellschaft ist, dieses Ziel zu unterstützen und zu erleichtern, und das kollektive Bestreben der Menschheit sollte sein, dieses System ständig zu optimieren, damit es seine Aufgabe immer effizienter erfüllen kann.
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verschwand auch jeglicher Antrieb, ein formelles materialistisches Wertesystem zu entwickeln und zu propagieren. Dies war auch gar nicht mehr nötig, denn in den meisten Teilen der Welt sah sich der Materialismus sowieso schon bald keiner nennens­werten Gegenströmung mehr ausgesetzt. Die Religion wurde da, wo sie nicht schlichtweg zu Fanatismus und gedankenlosem Widerstand gegen den Fortschritt verkam, zu einer Pri­vatsache reduziert, zu einem Faible, einer Freizeitbeschäftigung, allein auf die Befriedigung individueller spiritueller und emotionaler Bedürfnisse ausgerichtet. Das Bewusstsein, eine historische Mission zu erfüllen, das die großen Religionen kennzeichnete, ging verloren. Man lernte sich damit zu begnügen, rein säkulare Programme gesellschaftlichen Wandels religiös abzusegnen. Die Welt der Wissenschaft, einst Schauplatz großer Heldentaten von Verstand und Geist, richtete sich ein in der Rolle einer Art Wissenschafts–Industrie, die sich ganz auf die Pflege ihres Apparates aus Dissertationen, Symposien, Publikationen und Förderungsmitteln konzentriert.
Der Materialismus, ganz gleich ob als Weltanschauung oder als bloße Gewinnlust, raubt dem Menschen den Antrieb für geistige Impulse die die vernunftbegabte Seele auszeichnen, ja, er nimmt ihm jegliches Interesse am Geistigen. »Denn Eigenliebe«, sagt ‘Abdu’l–Bahá, »ist in jenen Klumpen Lehm, aus dem der Mensch gemacht ist, hineingeknetet, und ohne die Aussicht auf eine ansehnliche Belohnung wird keiner seinen handgreiflichen materiellen Nutzen hintanstellen.«132 Ohne die Überzeugung, dass die Wirklichkeit im wesentlichen geistig ist, und ohne die Erfüllung, die allein diese Überzeugung bietet, ist es nicht verwunderlich, dass sich im Kern der gegenwärtigen zivilisatorischen Krise ein Kult des Individualismus findet, der immer weniger Beschränkungen erträgt, Besitzstreben und persönliches Vorankommen zu allgemein gültigem kulturellen Wert erhebt. Die daraus resultierende Atomisierung der Gesellschaft ist eine neue Stufe im Prozess gesellschaftlicher Desintegration, von dem die Schriften Shoghi Effendis so eindringlich sprechen.
132 Das Geheimnis göttlicher Kultur, S. 87f.

Jedes Gesellschaftssystem braucht ein moralisch–ethisches Geflecht, das den einzelnen stützt und ihm Grenzen setzt. Wer in Kauf nimmt, dass ein Strang nach dem anderen davon zerreißt, hat von der Wirklichkeit nicht viel verstanden. Wä­ren die maßgeblichen Denker in ihrer Beurteilung der offenkundigen Fakten nur ehrlicher, dann könnte man hier die Ursache finden für scheinbar unzusammenhängende Probleme wie der Umweltverschmutzung, für wirtschaftliches Chaos, rassistische Gewalt, die in der Gesellschaft um sich greifende Teilnahmslosigkeit, die enorm ansteigende Kriminalität und für Epidemien, die ganze Völker dahinraffen. So wichtig es zweifellos ist, solche Probleme mit Hilfe von rechtlichem, soziologischem oder technischem Sachverstand anzugehen
— es wäre doch falsch zu glauben, dass solche Bemühungen eine nennenswerte Besserung bewirken können, wenn sie nicht mit einem grundlegenden Wandel im Moralverständnis und im sittlichen Verhalten einhergehen.

*

Vor diesem dunklen Horizont erstrahlt das, was die Bahá’í–Welt während eben jener Jahre erreichte, in noch hellerem Licht. Die Bedeutung der Leistung, die das Universale Haus der Gerechtigkeit entstehen ließ, kann nicht genug betont werden. Sechstausend Jahre lang hatte die Menschheit mit den unterschiedlichsten Methoden kollektiver Entscheidungsfindung experimentiert. Aus der Perspektive des zwanzigsten Jahrhunderts stellt sich die politische Weltgeschichte als ständig wechselndes Bild dar, in dem der menschliche Einfallsreichtum jede sich bietende Möglichkeit ausprobierte.
So unterschiedliche Systeme wie die Theokratie, die Monarchie, die Aristokratie, die Oligarchie, die Republik, die Demokratie und solche, die der Anarchie nahe kamen, breiteten sich ungehindert aus, daneben auch zahlreiche Konstrukte, die verschiedene einzelne Merkmale der jeweiligen Gesellschaftsformen zu kombinieren versuchten. Obwohl die meisten dieser Systeme sich für verschiedene Zwecke missbrauchen ließen, trug die Mehrheit von ihnen doch in unterschiedlichem Maß dazu bei, die Hoffnungen derer zu erfüllen, deren Interessen sie zu dienen behaupteten.
Während dieses langen Entwicklungsprozesses, in dessen Verlauf immer mehr und gleichzeitig sehr unterschiedliche Völker unter die Herrschaft des einen oder anderen Regierungssystems fielen, ergriff die Idee eines Weltreiches immer wieder die Vorstellungskraft eines Cäsar oder Napoleon, der sie zur Grundlage seiner expansiven Politik machte. Die katastrophalen Fehlschläge, mit denen uns die Geschichte gleichzeitig so fasziniert und erschreckt, sollten eigentlich hinreichend beweisen, dass die Verwirklichung dieses Ziels weit über das menschliche Vermögen hinausgeht, ganz gleich welche Hilfsmittel zur Verfügung stehen oder wie groß das Vertrauen in den Genius der jeweiligen Kultur ist.
Und doch ist die Vereinigung der Menschheit unter einem Regierungssystem, das die dem Wesen des Menschen innewohnenden Potentiale sich voll entfalten lässt und Program­me ermöglicht, die dem Wohle aller dienen, eindeutig der nächste Schritt in der zivilisatorischen Entwicklung. Die reale Vereinigung der Welt, die wir heute erleben, und die erwachenden Hoffnungen und Ziele der Masse der Erdbevölkerung haben nun endlich die Bedingungen dafür geschaffen, dass dieses Ideal erreicht werden kann — wenn es sich auch ganz anders gestaltet, als in den imperialistischen Träumen der Vergangenheit. Zu dieser gemeinsamen Anstrengung haben die Regierungen der Welt die Gründung der Vereinten Nationen beigetragen, mit all dem Guten, das sie bringen, und auch mit all ihren beklagenswerten Mängeln.
In der Zukunft erwarten uns weitere große Veränderun­gen, die letztlich zur Anerkennung des Prinzips einer »Weltregierung« führen werden. Dies ist nicht der Auftrag der Vereinten Nationen, noch finden sich in der gegenwärtigen Diskussion unter politischen Führern ernsthafte Ansätze einer derart radikalen Umgestaltung der globalen politischen Strukturen. Dass dies jedoch zu gegebener Zeit so kommen wird, sagt Bahá’u’lláh klar und unmissverständlich voraus. Ebenso klar scheint leider aber auch, dass erst noch größeres Leid und noch tiefere Desillusionierung kommen müssen, um die Menschheit zu diesem großen Sprung vorwärts zu bewegen. Die Einrichtung einer solchen Weltregierung ver­langt von den Regierungen der Staaten und anderen Machtzentren, jegliche finale Autorität, die dem Begriff »Regierung« innewohnt, bedingungslos und unwiderruflich internationaler Entscheidungsgewalt unterzuordnen.
Die Bahá’í müssen lernen, den einzigartigen Sieg, den die Sache Gottes im Jahre 1963 errang und der sich seitdem weiter festigte, in diesem Zusammenhang zu sehen. Seine tiefste innere Bedeutung zu erfassen, übersteigt das Begriffsvermögen der heutigen und vielleicht auch noch der nächsten Generationen von Gläubigen. In dem Ausmaß aber, in dem ein Bahá’í sie doch versteht, wird er der sich in diesem Prozess entfaltenden Absicht rückhaltlos und fest entschlossen dienen.
Das bei der Bildung des Universalen Hauses der Gerechtigkeit angewandte Wahlverfahren — was ja erst möglich wurde durch den erfolgreichen Abschluss der ersten drei Stufen des Göttlichen Planes ‘Abdu’l–Bahás unter der Führung Shoghi Effendis — war wohl die erste weltweite demokratische Wahl, die es je gab. Jede der folgenden Wahlen des Universalen Hauses der Gerechtigkeit wurde nun von immer mehr Delegierten der Gemeinde von immer unterschiedlicherer Herkunft durchgeführt. Diese Entwicklung ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass die Wahl des Hauses unbestreit­bar den Willen eines Querschnitts der gesamten Menschheit darstellt. Nichts auf der Welt — ja, nichts, was irgendeine Gruppe derzeit anstrebt — kommt dieser Errungenschaft auch nur annähernd gleich.
Wenn man außerdem die geistige Atmosphäre bedenkt, in der Bahá’í–Wahlen durchgeführt werden, und die Grundsätze und Prinzipien, an die jeder Wähler sich beim Wahlvorgang hält, wird einem noch etwas weitaus Wichtigeres bewusst. Bei der Bildung der höchsten Körperschaft unseres Glaubens wird man Zeuge eines Bemühens um das Wohlgefallen Gottes — so gut Menschen dies vermögen — einer geeinten, glühenden Entschlossenheit, die nichts, weder eigener kultureller Prägung, noch irgendwelchen persönlichen Neigungen, erlaubt, die Reinheit dieses höchsten gemeinsamen Handelns zu beeinträchtigen. Mehr können Menschen nicht leisten. Mit diesem Akt tut die Menschheit buchstäblich ihr Möglichstes, und Gott, der die hingebungsvollen, aufrichtigen Bemühun­gen jener annimmt, die zu Seinem Glauben gefunden haben, begabt die so geschaffene Institution mit eben jenen Kräften, die ihr im Kitáb–i–Aqdas und im Testament des Meisters ver­sprochen sind. So ist es kein Wunder, dass ‘Abdu’l–Bahá den Prozess, welcher in jenem historischen Augenblick des Jahres 1963 gipfelte, der auch der hundertste Jahrestag der Erklärung der Sendung Bahá’u’lláhs war, als Erfüllung der Vision des Propheten Daniel voraussah: »Wohl dem, der da wartet und erreicht tausenddreihundertfünfunddreißig Tage!«133 Mit den Worten des Meisters:
»Wenn nach dieser Berechnung ein Jahrhundert vergangen ist nach dem Tagesanbruch der Sonne der Wahrheit, dann werden die Lehren Gottes fest errichtet sein auf der Er­de, und das göttliche Licht wird die Welt überfluten vom Osten bis zum Westen. Dann werden die Gläubigen an diesem Tage voll Freude sein.«134 ´
133 Daniel 12, 12
134 ‘Abdu’l–Bahá, zitiert in: Esslemont, Bahá’u’lláh und das neue Zeitalter, S. 281


Mit der Errichtung des Universalen Hauses der Gerechtigkeit war die zweite der beiden Nachfolge–Institutionen ins Leben getreten, die ‘Abdu’l–Bahá als Garanten der Einheit der Sache Gottes bezeichnet hatte. Die umfangreichen Schriften des Hüters und die Struktur der Gemeindeordnung, die er entworfen hatte und die den Gläubigen unauslöschlich ins Bewusstsein eingeprägt war, hatten der Bahá’í–Welt das Werkzeug dafür an die Hand gegeben, ein gemeinsames Verständnis über Absicht und Zweck der Offenbarung Gottes zu erlangen. Mit dem Universalen Haus der Gerechtigkeit besaß sie jetzt auch jene von Bahá’u’lláh vorgesehene höchste Au­torität, welcher die entscheidungsfindende Funktion der Gemeindeordnung übertragen ist. Wie im Testament ‘Abdu’l– Bahás erklärt wird, haben beide Institutionen gleichermaßen Teil am göttlichen Versprechen unfehlbarer Führung:
»Der heilige, jugendliche Ast, der Hüter der Sache Gottes, wie auch das Universale Haus der Gerechtigkeit, das allgemein zu wählen und einzusetzen ist, stehen beide unter der Fürsorge und dem Schutz der Schönheit Abhá, unter dem Schirm der unfehlbaren Führung Seiner Heiligkeit des Erha­benen [des Báb] — möge mein Leben ein Opfer für sie beide sein. Was immer sie entscheiden, ist von Gott.«135
135 Das Testament. In: Dokumente des Bündnisses I:17

Diese beiden Institutionen, so erklärte Shoghi Effendi weiter, ergänzen einander und haben einige Aufgaben gemeinsam, andere obliegen jeweils der einen oder der anderen Institution. Gleichwohl war er stets darum bemüht festzustellen:
»Jeder Gläubige muss ... voll begreifen, dass die Instituti­on des Hütertums die Gewalten, die Bahá’u’lláh dem Universalen Haus der Gerechtigkeit im Kitáb–i–Aqdas verliehen und die ‘Abdu’l–Bahá wiederholt und feierlich in Seinem Testament bestätigt hat, unter keinen Umständen aufhebt oder sie im geringsten schmälert. Das Hütertum stellt auf keinen Fall einen Widerspruch zu dem Testament und den Schriften Bahá’u’lláhs dar, noch hebt es irgendeine Seiner offenbarten Weisungen auf.«136
136 Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 22

Dieses Verständnis der Einzigartigkeit dessen, was Bahá’u’lláh geschaffen hat, öffnet den Blick dafür, was die Sache Gottes zur Vereinigung der Menschheit und zur Errichtung einer Weltgesellschaft leisten kann. Die unmittelbare Ver­antwortung für die Errichtung einer Weltregierung liegt bei den Nationalstaaten. Die Aufgabe der Bahá’í–Gemeinde zum jetzigen Zeitpunkt in der sozialen und politischen Evolution der Menschheit ist, mit allen ihr zu Gebote stehenden Kräften dazu beizutragen, solche Bedingungen zu schaffen, die dieses höchst anspruchsvolle Unterfangen fördern und begünstigen. So wie Bahá’u’lláh den Herrschern Seiner Zeit versicherte: »Wir haben nicht den Wunsch, Hand an eure Reiche zu legen«137, so verfolgt auch die Bahá’í–Gemeinde keine eigenen politischen Interessen, vermeidet alle Handlungen pateiischen Charakters und anerkennt vorbehaltlos die legitimen Machtbefugnisse der Regierung. Was immer die Bahá’í über die gegenwärtigen Zustände oder die Bedürfnisse der Mitglieder ihrer Gemeinde zu sagen haben, vollzieht sich auf dem Boden der jeweiligen Verfassung und des gesetzten Rechts.
137 Kitáb–i–Aqdas 83


Die Macht der Sache Gottes, den Lauf der Geschichte zu beeinflussen, liegt demnach nicht nur in der geistigen Kraft ihrer Botschaft, sondern auch in dem Beispiel, das sie bietet. »So machtvoll ist das Licht der Einheit«, erklärt Bahá’u’lláh, »dass es die ganze Erde erleuchten kann.«138 Die Einheit der Menschheit, die der Glaube verkörpert, so betont Shoghi Effendi, »ist kein bloßer Ausdruck unkundiger Gefühlsseligkeit oder unklarer frommer Hoffnung«139. Die organische Einheit aller Gläubigen — und die Gemeindeordnung, die diese ermöglicht — sind Beweise für die vom Hüter so bezeichnete »gesellschaftsbildende Macht ihres Glaubens«140. Während die Sache Gottes sich ausbreitet und die in ihrer Gemeinde­ordnung verborgenen Kräfte immer klarer erkennbar werden, wird sie zunehmend die Aufmerksamkeit führender Denker erregen und den fortschrittlichen unter ihnen das Vertrauen einflößen, dass ihre Ideale letztlich doch erreichbar sind. Mit den Worten Shoghi Effendis:
138 Ährenlese 132:3
139 Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 69
140 a. a. O., S. 283


»Religionsführer, Vertreter politischer Theorien, Verwalter menschlicher Institutionen, die heutzutage verwirrt und bestürzt den Bankrott ihrer Ideen, den Zusammenbruch ihrer Lebensarbeit feststellen — sie alle täten gut daran, ihren Blick auf die Offenbarung Bahá’u’lláhs zu richten und über die Weltordnung nachzudenken, die in Seinen Lehren beschlossen ist und sich langsam, kaum merklich aus dem Wirrwarr und Chaos der gegenwärtigen Zivilisation er­hebt.«141
Im Zentrum derartiger Überlegungen wird die Kraft stehen, die es den Bahá’í ermöglichte, ihre Einheit zu erlangen, zu festigen und zu erhalten. »Der Menschen Licht«, erklärt Bahá’u’lláh, »ist die Gerechtigkeit.« Ihr Zweck, fährt Er fort, »ist das Zustandekommen von Einheit unter den Menschen. Das Meer göttlicher Weisheit wogt in diesem erhabenen Wort ...«142 Die Bezeichnung »Häuser der Gerechtigkeit« für die Institutionen, welche die von Ihm entworfene Weltord­nung auf örtlicher, nationaler und internationaler Ebene lei­ten, spiegelt den zentralen Stellenwert des Gerechtigkeits­prinzips in der Offenbarung und im Leben des Glaubens wieder. In dem Maße, wie die Bahá’í–Gemeinde zunehmend am Leben der Gesellschaft teilhat, wird ihre Erfahrung immer ermutigendere Belege für die Gültigkeit dieses Gesetzes bei der Heilung der zahllosen Leiden liefern, welche die Menschheit quälen. Sie alle sind in letzter Konsequenz eine Folge der Uneinigkeit. »Wisse wahrlich«, erklärt Bahá’u’lláh, »diese großen Heimsuchungen, die über die Welt gekommen sind, bereiten sie vor auf das Kommen der größten Gerechtigkeit.«143 Offensichtlich wird aber diese höchste Stufe in der gesellschaftlichen Evolution erst in einer Welt erreicht, die sich von der uns heute bekannten deutlich unterscheidet.
141 a. a. O., S. 44
142 Botschaften aus ‘Akká 6:26
143 In: Das Kommen göttlicher Gerechtigkeit, S. 46

Kapitel: 9

Durch die Erfüllung der Ziele des Zehnjahresplanes und die Errichtung des Universalen Hauses der Gerechtigkeit erfuhr der Glaube einen mächtigen Schub voran. Diesmal zeigte sich der Fortschritt — der praktisch alle Be­reiche des Bahá’í–Lebens ergriff — in Form längerfristiger Entwicklungen, die man am besten versteht, wenn man den Zeitraum seit 1963 als Ganzes betrachtet. In diesen entscheidenden siebenunddreißig Jahren entwickelte sich die Arbeit des Glaubens zügig in zwei parallelen Bereichen: zum einen wurden große Fortschritte in der Ausbreitung und Festigung der Bahá’í–Gemeinde erzielt, zum anderen gewann der Glaube deutlich an Einfluss im Leben der Gesellschaft. Mit der Zeit betätigten sich die Bahá’í auf immer mehr und immer unterschiedlicheren Feldern, und viele dieser Bemühungen förderten unmittelbar die eine oder die andere der beiden wesentlichen Entwicklungslinien.
Eine Entscheidung, die das Haus der Gerechtigkeit schon früh in diesem Zeitraum traf, erwies sich als besonders wichtig für alle Aspekte des Lehrens und für die Entwicklung der Gemeindeordnung. Die Erkenntnis, dass es keinen Nachfolger Shoghi Effendis geben konnte, brachte es mit sich, dass auch keine neuen Hände der Sache mehr ernannt werden konnten. Wie wichtig aber die Aufgaben dieser Institution für den Fortschritt des Glaubens waren, hatte sich in den sechs kritischen Jahren zwischen 1957 und 1963 gezeigt. Daher richtete das Haus der Gerechtigkeit — in dessen Kompetenz es ausdrücklich liegt, neue Bahá’í–Institutionen ins Leben zu rufen, wenn die Belange der Sache Gottes es erfordern144 — im Juni 1968 die Kontinentalen Beraterämter ein. Dieser neuen Institution wurde die Aufgabe übertragen, in Zukunft die beiden Hauptaufgaben der Hände der Sache, nämlich den Schutz und die Verbreitung des Glaubens, weiter auszuüben, sie leitete von nun an die Arbeit der bereits bestehenden Hilfsämter an und half den Nationalen Räten die Verantwor­tung für den Fortschritt des Glaubens zu schultern. Die großen Erfolge, die 1973 am Ende des Neunjahresplanes gefeiert werden konnten, zeigen, wie reibungslos das neue Organ der Gemeindeordnung seine Pflichten übernommen hatte, und wie bereitwillig und freudig die Gläubigen wie die Räte sich ihm zuwandten. In diese Zeit fiel noch ein weiterer wichtiger Schritt in der Entwicklung der Gemeindeordnung: das Internationale Lehrzentrum wurde geschaffen, das Gremium, das in der Zukunft etliche Aufgaben weiterführen sollte, welche die »im Heiligen Land lebenden Hände der Sache« wahrgenommen hatten, und das vom Augenblick seiner Entstehung an die Arbeit der Beraterämter weltweit koordinierte.
144 Vgl. The Establishment of the Universal House of Justice, S. 17

Shoghi Effendi hatte die Richtung, in die das Wachstum des Glaubens sich entwickelte, bereits vorausgesehen und geschrieben, dass das Universale Haus der Gerechtigkeit »später in diesem [dem Gestaltenden] Zeitalter weltweite Unternehmungen angehen wird, welche die Einheit der Nationalen Räte symbolisieren, ihre Arbeit koordinieren und harmonisieren werden«145. Diese weltweiten Unternehmungen begannen 1964 mit dem Neunjahresplan, gefolgt von einem Fünfjahresplan (1974), einem Siebenjahresplan (1979), einem Sechsjahresplan (1986), einem Dreijahresplan (1993), einem Vierjahresplan (1996) und einem Zwölfmonatsplan, der das Jahrhundert abschloss. An den Schwerpunkten, durch die diese Pläne sich unterschieden, lässt sich das Wachstum der Sache Gottes während dieser Jahrzehnte ablesen, wie auch die dadurch entstandenen neuen Möglichkeiten und Herausforderungen. Wichtiger als die unterschiedlichen Schwerpunkte ist allerdings, dass die Aktivitäten, zu denen die einzelnen Pläne aufrufen, Fortsetzungen der unter Shoghi Effendi begonnen Initiativen sind, der seinerseits die von den Stiftern des Glaubens gesponnenen Fäden aufgegriffen und weiterentwickelt hatte: die Schulung Geistiger Räte; die Übersetzung, Veröffentlichung und Verbreitung von Bahá’í–Literatur; die Ermutigung der Freunde zu universeller Beteiligung; die geistige Bereicherung des Bahá’í–Lebens; die Bemühung um die Einbindung der Bahá’í–Gemeinde in das Leben der Gesellschaft; die Stärkung des Bahá’í–Familienlebens sowie die Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Diese verschiedenen Prozesse werden bis in alle Zukunft immer neue Möglichkeiten eröffnen; dabei verleiht die Tat­sache, dass jeder seinen Ausgangspunkt im schöpferischen Impuls der Offenbarung selbst hat, allem, was die Bahá’í–Gemeinde tut, eine vereinigende Kraft und ist gleichzeitig das Geheimnis und die Garantie ihres letztlichen Erfolges.
145 In: Botschaften des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, Bd. 1, S. 30

Die ersten beiden Jahrzehnte dieses Prozesses gehören zu den fruchtbarsten Perioden, die die Bahá’í–Gemeinde je erlebt hat. In kürzester Zeit vervielfachte sich die Anzahl der Geistigen Räte, und das Bahá’í–Leben war zunehmend durch die ethnische und kulturelle Vielfalt der Gemeindemitglieder gekennzeichnet. Zwar bereitete der Zerfall der Gesellschaft den Bahá’í–Institutionen Probleme, gleichzeitig erhöhte sich dadurch aber auch das Interesse an der Botschaft der Sache Gottes. Zu Beginn dieser Zeit wurde die Gemeinde vor die Herausforderung gestellt, »die Massen zu lehren«. 1967 war sie dann aufgerufen, »einen nachhaltigen Prozess in Gang zu setzen und die heilende Botschaft, dass der Verheißene erschienen ist, allen sozialen Schichten zu verkünden«146.
146 Botschaften des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, S. 67

Als die Bahá’í aus den städtischen Ballungsräumen sich aufmachten und Projekte begannen, mit denen die Massen der Weltbevölkerung in den Dörfern und ländlichen Gegen-den erreicht werden sollten, erlebten sie eine viel größere Aufnahmebereitschaft für die Botschaft Bahá’u’lláhs, als sie sich je vorgestellt hatten. Zwar unterschied sich die Reaktion der Menschen hier grundlegend von dem, was die Lehrer bisher gekannt hatten, aber die Neuerklärten wurden freudig willkommen geheißen. In Afrika, Asien und Lateinamerika nahmen Zehntausende den Glauben an, dabei handelte es sich oft um den Großteil der Bewohner eines ganzen Dorfes. Die sechziger und siebziger Jahre waren für die Bahá’í–Gemeinde, deren Wachstum außerhalb des Irans ja bisher langsam und gleichmäßig gewesen war, begeisternde Zeiten. Den Freunden im Pazifikraum wurde die große Auszeichnung zuteil, das erste Staatsoberhaupt, Seine Hoheit Malietoa Tanumafili II. von Samoa, zum Glauben zu führen — eine Auszeichnung, die erst zukünftige Ereignisse in einen ange­messenen Rahmen setzen können.
Kernstück dieser Entwicklung war, wie zu allen Zeiten in der Geschichte des Glaubens, das Engagement des einzelnen Gläubigen. Schon während der Amtszeit Shoghi Effendis hatten weitsichtige Freunde die Initiative ergriffen und sich aufgemacht, um einheimische Völker in Ländern wie Uganda, Bolivien und Indonesien zu erreichen. Während des Neunjahresplans wurden nun immer mehr Lehrer in diese Arbeit eingebunden, besonders in Indien, mehreren afrikani­schen Ländern und den meisten Gegenden in Lateinamerika, ebenso auf den pazifischen Inseln, in Alaska und beim Lehren der einheimischen Stämme in Kanada sowie der farbigen Landbevölkerung im Süden der Vereinigten Staaten. Die Unterstützung dieser Arbeit durch Pioniere erwies sich als lebenswichtig; auf diese Weise wurden die einheimischen Gläubigen ermutigt und dabei unterstützt, sich selbst als Lehrer der Sache zu erheben.
Dennoch wurde sehr bald deutlich, dass durch persönliche Initiative allein, von wie viel Geist und Tatkraft sie auch durchdrungen war, nicht angemessen auf die sich eröffnenden Möglichkeiten reagiert werden konnte. Also machten sich Bahá’í–Gemeinden an vielfältige gemeinsame Lehr- und Proklamationsprojekte, die die heldenhaften Tage der Dawnbreakers ins Gedächtnis rufen. Teams begeisterter Bahá’í–Lehrer stellten fest, dass es jetzt möglich war, nicht nur eine Reihe von Interessenten mit der Botschaft des Glaubens bekannt zu machen, sondern gleich Gruppen oder sogar ganze Dorfbevölkerungen. Aus den Zehntausenden wurden Hunderttausende. Mitglieder von Geistigen Räten hatten bisher nur Erfahrung damit, Einzelne — aufgewachsen in Kulturen voller Skepsis oder geprägt von religiösem Fanatismus — in ihrem Verständnis des Bahá’í–Glaubens zu vertiefen. Das Wachstum des Glaubens bedeutete nun, dass man lernen musste, mit Glaubensäußerungen großer Gruppen umzugehen, für die Religion selbstverständlich zum Alltag gehörte.
Kein Teil der Gemeinde trug mehr zu diesem dramatischen Wachstumsprozess bei als die Bahá’í–Jugend. Ihre Leistungen während dieser entscheidenden Jahrzehnte — ja während der gesamten hundertfünfzigjährigen Geschichte des Glaubens — erinnern immer wieder daran, dass die über­wiegende Mehrzahl der Heldinnen und Helden, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die Entwicklung des Glaubens in Gang brachten, sehr jung waren. Der Báb selbst war fünfundzwanzig Jahre alt, als Er Seine Sendung erklärte, und Anís, der den unsterblichen Ruhm erlangte, gemeinsam mit seinem Herrn zu sterben, war noch jugendlich. Quddús erkannte die Wahrheit der Offenbarung mit zweiundzwanzig. Zaynab, deren genaues Alter wir nicht kennen, war eine sehr junge Frau. Shaykh ‘Alí, den Quddús und Mullá Husayn so liebten und schätzten, starb mit zwanzig den Märtyrertod; Muhammad–i–Báqir–Naqsh war erst vierzehn, als er sein Leben hingab; und als Tahirih den Glauben des Báb annahm, war sie Mitte zwanzig.
Tausende Bahá’í–Jugendliche, die dem Pfad folgten, den jene herausragenden Gestalten eröffnet hatten, erhoben sich in den folgenden Jahren, um die Botschaft des Glaubens in allen fünf Kontinenten und auf den verstreuten Inseln des Erdballs zu verkünden. Mit der Herausbildung einer internationalen Jugendkultur in den späten sechziger und den sieb­ziger Jahren, konnten Gläubige, die in den Bereichen Musik, Theater und Kunst begabt waren, zeigen, was Shoghi Effendi gemeint hatte als er sagte: »An jenem Tag wird die Sache Gottes sich wie ein Lauffeuer verbreiten, wenn ihr Geist und ihre Lehren auf der Bühne oder in der Kunst und Literatur dargestellt werden.«147 Auch forderte die für die Jugend so typische Begeisterung und Hingabe den Großteil der Gemeinde ständig dazu heraus, immer kühner die für das soziale Leben revolutionäre Bedeutung der Lehren Bahá’u’lláhs in der Praxis zu erproben.
147 Bahá’í News, Nr. 73, Wilmette, Mai 1933, S. 7

Der enorme Anstieg der Zahl der Erklärungen brachte allerdings auch große Probleme mit sich. Zunächst überstieg die Aufgabe, für die anhaltende Vertiefung, derer die neuen Gläubigen bedurften, und für die Festigung der neuen Gemeinden und Geistigen Räte zu sorgen, bald die begrenzten Möglichkeiten der an dieser Arbeit beteiligten Bahá’í–Gemeinden. Darüber hinaus wiederholten sich jetzt auf der ganzen Welt die kulturellen Herausforderungen, denen sich vormals jene persischen Gläubigen gegenübersahen, die als erste den Glauben im Westen zu etablieren versucht hatten. Theologische und administrative Prinzipien, die für die Pioniere und Reiselehrer vielleicht von höchster Wichtigkeit waren, standen selten im Zentrum des Interesses der Neuerklärten, deren soziale und kulturelle Wurzeln so ganz andere waren. Oftmals brachten unterschiedliche Ansichten über so simple Dinge wie die Anfangszeit von Veranstaltungen oder elementare soziale Umgangsformen Verständnisprobleme, die die Kommunikation extrem erschwerten.
Anfangs erwiesen sich solche Probleme als sehr anregend, denn Institutionen wie Gläubige bemühten sich darum, eine neue Sichtweise zu entwickeln — ja, wichtige Passagen der Schrift neu zu verstehen. Viele Gemeinden taten ihr Möglichstes, um der Führung aus dem Weltzentrum zu folgen, dass Ausbreitung und Festigung Zwillingsprozesse sind, die Hand in Hand gehen müssen. Dort jedoch, wo die erhofften Ergebnisse sich nicht so bald einstellten, machte sich oft eine gewisse Entmutigung breit. In vielen Ländern ging die Zahl der Neuerklärungen rapide zurück, was einige Bahá’í–Institutionen und –Gemeinden dazu verleitete, sich wieder altbekannten Aktivitäten und leichter erreichbaren Zielgruppen zuzuwenden.
Vor allem jedoch machten die Rückschläge den Gemeinden klar, dass die hohen Erwartungen der frühen Jahre der Massenlehrarbeit in mancher Hinsicht unrealistisch waren. Obwohl die schnellen Erfolge der ersten Lehraktivitäten sehr ermutigend waren, schufen sie allein noch kein Gemeindeleben, das den Bedürfnissen der neuen Mitglieder gerecht werden und sich aus eigener Kraft weiter entwickeln konnte. Vielmehr sahen sich Pioniere und neue Gläubige gleicher­maßen Fragen gegenüber, auf welche die Erfahrung der Bahá’í im Westen — und selbst im Iran — kaum Antwort geben konnte. Wie sollten Geistige Räte gebildet werden — und, einmal gebildet, auch funktionieren — in Gegenden, in denen über Nacht große Zahlen Neuerklärter den Glauben angenommen hatten, allein aufgrund ihrer geistigen Fähigkeit, seine Wahrheit zu erkennen? Wie konnte man in Gesellschaften, die seit Menschengedenken von Männern dominiert wurden, Frauen zu einer gleichwertigen Stimme verhelfen? Wie sollte man die Erziehung und Ausbildung einer großen Zahl von Kindern angehen, wenn im kulturellen Umfeld Armut und Analphabetentum vorherrschten? Welche Schwer­punkte sollten in der moralischen Erziehung verfolgt werden, und wie konnte man diese Ziele zu den jeweiligen Lebensbedingungen eingeborener Völker in Beziehung setzen? Wie war ein dynamisches Gemeindeleben zu entwickeln, das das geistige Wachstum der Mitglieder anregte? Worauf sollte man sich bei der Herausgabe von Bahá’í–Literatur konzentrieren, besonders im Hinblick darauf, dass plötzlich so enorm viele verschiedene Sprachen in der Gemeinde vertreten waren? Wie konnten Würde und Funktion der so wichtigen Institution des Neunzehntagefestes gewahrt bleiben, während es sich gleichzeitig dem bereichernden Einfluss verschiedener Kulturen öffnete? Und schließlich — die Frage betraf alle Bereiche — woher sollte die erforderliche personelle und finanzielle Unterstützung kommen und wie konnte ihr Einsatz koordiniert werden?
Unter dem Druck dieser dringenden, ineinandergreifenden Herausforderungen trat die Bahá’í–Welt in einen Lernprozess ein, der sich als ebenso wichtig wie die Ausbreitung selbst erwies. Man kann getrost sagen, dass es während dieser Jahre buchstäblich keine Art von Lehraktivität gab, keine Kombination von Ausbreitung, Festigung und Proklamation, keine administrative Variante, keine Bemühung um kulturelle Anpassung, die nicht in irgendeinem Teil der Bahá’í–Welt energisch versucht wurde. Unter dem Strich lehrte diese Erfahrung einen Großteil der Bahá’í–Gemeinde, was es praktisch bedeutet, die Massen zu lehren — eine Erkenntnis, die anders nicht hätte gewonnen werden können. Seinem Wesen gemäß war der Prozess in seiner Schwerpunktsetzung vor allem lokal und regional, die Ergebnisse waren eher qualitative als quantitative, und der erreichte Fortschritt zeigte sich eher in kleinen Entwicklungsschritten als im Großen. Ohne die sorgfältige, immer schwierige und oft frustrierende Festigungsarbeit dieser Jahre hätte allerdings die später folgende Strate­gie, die Förderung des Beitritts in Scharen zu systematisieren, kaum eine Basis gehabt.
Aufgrund der Tatsache, dass die Botschaft Bahá’u’lláhs nicht mehr nur das Leben kleiner Gruppen von Gläubigen durchdrang, sondern das ganzer Gemeinden, wurde jetzt auch ein Merkmal früherer Entwicklungsphasen des Glaubens wieder belebt. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten erlebte die Sache Gottes wieder, dass Lehren und Vertiefung untrennbar mit sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung verbunden waren. Die iranischen Gläubigen — denen ja verwehrt wurde, an den begrenzten Möglichkeiten, die ihre Gesellschaft bot, gleichberechtigt teilzuhaben — hatten sich in den frühen Jahren des Jahrhunderts unter der Führung des Meisters und des Hüters mit großem Einsatz daran gemacht, ein umfassendes Gemeindeleben aufzubauen. Die relativ vereinzelten Bahá’í– Gruppen in Nordamerika und Westeuropa bedurften eines solchen Gemeindelebens noch nicht, auch lag es nicht im Bereich ihrer Möglichkeiten. Geistige und moralische Erziehung, Lehraktivitäten, die Errichtung von Schulen und Krankenhäusern, der Aufbau von Verwaltungen und die Unterstützung von Initiativen zur Förderung von wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Wohlstand — all diese waren im Iran schon früh nicht wegzudenkende Aspekte eines organischen, geeinten Entwicklungsprozesses. Jetzt boten sich in Afrika, Lateinamerika und Teilen Asiens dieselben Herausforderungen und Möglichkeiten erneut.
Zwar hatte es vor allem in Lateinamerika und in Asien schon lange Projekte im Bereich sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung gegeben, doch das waren isolierte Unternehmungen durch Gruppen von Gläubigen unter der Führung einzelner Nationaler Räte. Im Oktober 1983 wurden nun die Bahá’í–Gemeinden in aller Welt aufgerufen, solche Aktivitäten zu einem festen Bestandteil ihrer Tätigkeit zu machen. Im Weltzentrum wurde ein Büro für soziale und wirtschaftliche Entwicklung eingerichtet, welches das Gelernte allgemein nutzbar machte und bei der Suche nach finanzieller Unterstützung half.
Im folgenden Jahrzehnt wurde viel experimentiert in diesem Bereich, auf den die meisten Bahá’í–Gemeinden kaum vorbereitet waren. Man versuchte, von den Modellen zu lernen, die die vielen auf der ganzen Welt arbeitenden Entwicklungsorganisationen erprobten. Gleichzeitig mußten die Bahá’í–Gemeinden auch die Bedingungen, die sie in den verschiedenen Entwicklungsbereichen vorfanden — Erziehung, Gesundheitswesen, Alphabetisierung, Landwirtschaft und Kommunikationstechnologie —, zu ihrem Verständnis der Bahá’í–Prinzipien in Beziehung setzen. Angesichts der enormen Mittel, die Regierungen und Stiftungen investieren konnten, und dem Selbstvertrauen, mit der solche Bemühungen verfolgt wurden, war die Versuchung groß, einfach gängige Methoden zu übernehmen oder die Bemü­hungen der Bahá’í an aktuelle Theorien anzupassen. Als die Arbeit sich weiterentwickelte, begannen die Bahá’í–Institutionen sich jedoch auf das Ziel zu konzentrieren, Entwicklungsgrundsätze auszuarbeiten, die geeignet waren, die ge­sellschaftlichen Gegebenheiten mit dem einzigartigen Menschenbild des Glaubens zu verbinden.
Nirgends zeigte sich der Erfolg der Strategie der ineinandergreifenden Pläne so eindrucksvoll wie in Indien. Die dortige Gemeinde ist heute ein Gigant des Glaubens und zählt weit über eine Million Mitglieder. Ihre Arbeit erstreckt sich über einen riesigen Subkontinent und bezieht eine enorme Vielfalt an Kulturen, Sprachen, ethnischen Gruppen und religiösen Traditionen ein. In vieler Hinsicht fassen die Erfah­rungen dieser gesegneten Gemeinde die Mühen, Experimente, Rückschläge und Siege zusammen, die die Bahá’í–Welt in diesen drei entscheidenden Jahrzehnten erlebte. Der drastische Anstieg der Erklärungen brachte dieselben Probleme mit sich, denen man auch anderswo auf der Welt begegnete, aber in ganz anderem Ausmaß. Der lange Weg zur heute so herausragenden Stellung der indischen Gemeinde war voll größter Schwierigkeiten, von denen einige zeitweise die verfügbaren administrativen Ressourcen zu übersteigen drohten. Die Siege lassen jedoch die Bestätigungen erahnen, die in Zukunft die Bemühungen der Bahá’í–Gemeinden auf anderen Kontinenten segnen werden, die es mit denselben Herausforderungen zu tun haben. 1985 hatte das Wachstum des Glaubens in Indien einen Punkt erreicht, an dem die Bedürfnisse und Möglichkeiten so vieler verschiedener Regionen mehr Aufmerksamkeit verlangten, als der Nationale Geistige Rat allein sie zu geben vermochte. So wurde die neue Institution der Regionalen Bahá’í–Räte geboren, womit ein Prozess der Dezentralisierung der Verwaltung begann, die sich inzwischen auch in vielen anderen Ländern als sehr effektiv erwiesen hat.

1986 wurde die Ausbreitung und Festigung der Sache Gottes in Indien mit der Einweihung des wunderschönen »Lotustempels« gebührend gekrönt. Zwar hatte man mit die­sem Gebäude schon recht optimistische Erwartungen hinsichtlich der öffentlichen Anerkennung des Glaubens verbunden, die Wirklichkeit übertraf jedoch die kühnsten Hoffnungen bei weitem. Das indische Haus der Andacht zieht heute mehr Besucher an als irgendein anderer Ort auf dem Subkontinent, jeden Tag besichtigen es über zehntausend Menschen, und es erfährt große Aufmerksamkeit in Büchern und Artikeln, Filmen und Fernsehproduktionen. Das Interesse, das ein Glaube erregt, dessen Geist sich in so einem großartigen Bauwerk verkörpert, verleiht ‘Abdu’l–Bahás Bezeichnung der Häuser der Andacht als »stille Lehrer« des Glaubens eine ganz neue Bedeutung.
Der Fortschritt der indischen Bahá’í–Gemeinde, gleichermaßen in ihrer inneren Entwicklung wie in ihrer Beziehung zur Gesellschaft, zeigte sich im November 2000 in ei­ner bahnbrechenden Initiative im Bereich sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung. Der Nationale Geistige Rat machte sich den guten Ruf, den er verdientermaßen in fortschrittlichen Kreisen genießt, zunutze, und lud, in Zusam­menarbeit mit dem gerade neu gegründeten Institut für Studien zum sozialen Wohlstand148 der Internationalen Bahá’í– Gemeinde zu einem Symposion zum Thema »Religion, Wissenschaft und Fortschritt« ein. Über hundert der einfluss­reichsten Entwicklungsorganisationen Indiens nahmen an dem Projekt teil, und die Medien berichteten landesweit dar­über. Die Initiative stellte einen Beitrag zur Förderung des gesellschaftlichen Fortschritts dar, den nur die Bahá’í leisten können, und bereitete den Boden für ähnliche Symposien in Afrika, Lateinamerika und anderen Regionen. Dort können kreative Bahá’í–Gemeinden einem Prozess Gestalt verleihen, der vielleicht der größte Erfolg des Glaubens werden kann.
148 Das Institut wurde 1998 vom Universalen Haus der Gerechtigkeit als Organ der Internationalen Bahá’í–Gemeinde eingerichtet; es untersteht dem Haus indirekt über das Office of Public Information. Laut Aufgabenbeschreibung dient das Institut »der Erforschung sowohl der geistigen und materiellen Grundlagen menschlichen Wissens als auch der Prozesse des gesellschaftlichen Fortschritts«.

Während dieser Jahre trat plötzlich auch die Bahá’í–Gemeinde Malaysias als Motor der Ausbreitung des Glaubens hervor; sie erfüllte ihre Ziele in überwältigend kurzer Zeit und sandte Pioniere und Reiselehrer in die Nachbarländer aus. Dieser bedeutende Fortschritt wurde vor allem möglich durch die Bande geistiger Partnerschaft, die zwischen Gläubigen chinesischer und indischer Abstammung geknüpft wurden. Wer von Besuchen in Malaysia zurückkehrte, sprach beinahe ehrfürchtig darüber, wie die dortige Gemeinde, obwohl sie unter vielen Einschränkungen und Behinderungen zu arbeiten hatte, die Metaphern aus dem Militärwesen, mit denen die Schriften Shoghi Effendis versuchten, den Geist der Lehrbemühungen der Bahá’í auszudrücken, geradezu verkörperten.
Weder das weltweite Wachstum der Bahá’í–Gemeinde noch der Lernprozess, den sie durchlief, erzählen jedoch die ganze Geschichte dieser stürmischen, schöpferischen Jahrzehnte. Wenn die Geschichte dieser Zeit einmal niedergeschrieben wird, dann wird eins ihrer glanzvollsten Kapitel von den geistigen Siegen jener Bahá’í–Gemeinden berichten, die, vor allem in Afrika, Krieg, Terror, politische Unterdrückung und extreme Armut überlebten und aus diesen Prüfungen ungebrochen in ihrem Glauben hervorgingen, fest entschlossen, gemeinsam die unterbrochene Arbeit am Aufbau einer lebensfähigen Bahá’í–Gemeinde wieder aufzunehmen. Der Gemeinde in Äthiopien — Heimat eines kulturellen Erbes, das zu den ältesten und reichsten der Welt zählt — war es gelungen, trotz der gnadenlosen Unterdrückung durch eine brutale Diktatur sowohl den Geist der Zuversicht bei ihren Mitgliedern als auch eine intakte Gemeindeordnung zu be­wahren. Auch über die Freunde in anderen afrikanischen Ländern kann man sagen, dass ihre Treue zur Sache Gottes sie wahrhaft durch eine Hölle von Leiden führte — die moderne Geschichte berichtet nur wenig Vergleichbares. In den Annalen des Glaubens kann kaum etwas die pure Kraft des Geistes eindrucksvoller bezeugen als jene Geschichten über Mut und Herzensreinheit, die aus dem Inferno, das die Freunde im damaligen Zaire umgab, nach außen drangen — Geschichten, die künftige Generationen inspirieren werden und ein unschätzbarer Beitrag zur Schaffung einer globalen Bahá’í–Kultur sind. Länder wie Uganda und Ruanda fügen dieser Liste heldenhaften Ringens ihre eigenen unvergesslichen Siege hinzu.
Sehr eindrucksvoll zeigte sich die dem Glauben innewohnende erneuernde Kraft auch in kambodschanischen Flücht­lingslagern an der thailändischen Grenze. Durch die heldenhaften Anstrengungen einer Handvoll Lehrer konnten dort Menschen Geistige Räte bilden, die gerade einem Völkermord entgangen waren, dessen Grausamkeit beinahe die Fassungskraft übersteigt. Sie hatten so viele geliebte Menschen und alles, was sie an materieller Sicherheit besaßen, verloren, aber in ihnen brannte immer noch das Verlangen der Seele nach geistiger Wahrheit. Eine ähnlich herausragende Leistung vollbrachte die liberianische Bahá’í–Gemeinde. Viele dieser unerschrockenen Gläubigen nahmen, als sie aus ihrer Heimat in die Nachbarländer vertrieben wurden, ihr gesamtes Gemeindeleben mit ins Exil: sie errichteten Geistige Räte, trieben die Lehrarbeit voran, setzten die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder fort, nutzen ihre Zeit, um neue Fähigkeiten zu erwerben und fanden in Musik, Theater und Tanz geistige Kräfte, die ihnen halfen, die Hoffnung nicht zu verlieren, bis sie in ihr Heimatland würden zurückkehren können.
Während der Lernprozess hinsichtlich der Methoden der Massenlehrarbeit voranging, änderte sich das Bild der Bahá’í– Weltgemeinde. 1992 beging die Gemeinde ihr zweites Heiliges Jahr, das diesmal den hundertsten Jahrestag des Hin­scheidens Bahá’u’lláhs und der Verkündigung Seines Bundes bezeichnete. Die ethnische, kulturelle und nationale Vielfalt der siebenundzwanzigtausend Teilnehmer des Zweiten Bahá’í–Weltkongresses, die im Javits Convention Center in New York zusammenkamen, bezeugte den Erfolg der weltweiten Lehrbemühungen eindrucksvoller, als Worte dies je gekonnt hätten. Gleichzeitig versammelten sich weltweit Tausende Gläubige bei neun parallelen Konferenzen in Bukarest, Buenos Aires, Moskau, Nairobi, Neu Delhi, Panama City, Singapur, Sydney und West–Samoa. Die Liveschaltung zwischen der Konferenz in Moskau und der in New York bei der Satelliten–Übertragung, die alle Konferenzen miteinander verband, war besonders bewegend, und die weltweit versammelten Bahá’í jubelten begeistert, als sie die Grüße auf Russisch vernahmen — der gemeinsamen Sprache von zweihundertachtzig Millionen Menschen aus mindestens fünfzehn Ländern —, die für eine neue Phase in der Antwort der Menschheit auf den Ruf Bahá’u’lláhs standen.
In den Konferenzen in Moskau und Bukarest spiegelte sich die Wiedergeburt von Bahá’í–Gemeinden, die durch das Sowjetregime und seiner Satellitenregime unterdrückt und beinahe ausgelöscht worden waren. ‘Alí–Akbar Furútan, eine der drei letzten lebenden Hände der Sache, der in Russland geboren wurde, erlebte die große Freude, im Alter von sechsundachtzig Jahren anlässlich der Wahl des ersten Nationalen Geistigen Rates seines Heimatlandes nach Moskau zurückzukehren. In jedem der neu erschlossenen Länder schossen Geistige Räte aus dem Boden, und sechs neue Nationale Geistige Räte wurden gewählt. Sehr bald schon entstanden mit Hilfe von Pionieren und Lehraktivitäten noch mehr örtliche und acht neue Nationale Geistige Räte in den Ländern am südlichen Rand des früheren Sowjetreiches, wo der Glaube ebenfalls vormals verboten war. Bahá’í–Literatur wurde in eine Vielzahl von neuen Sprachen übersetzt, man setzte sich energisch für die zivilrechtliche Anerkennung der Bahá’í–Institutionen ein, und Vertreter aus Osteuropa und den Ländern der früheren Sowjetunion widmeten sich schon bald gemeinsam mit ihren Mitgläubigen der Öffentlichkeitsarbeit der Bahá’í–Gemeinde auf internationaler Ebene.
Nach und nach wandten sich auch die Menschen in vielen Teilen Chinas und im Ausland lebende Chinesen der Bot­schaft des Glaubens zu. Bahá’í–Literatur wurde ins Mandarin übersetzt; viele chinesische Universitäten luden Bahá’í– Wissenschaftler zu Gastvorlesungen ein; am angesehenen Pekinger Institut für Weltreligionen, das im Rahmen der Akademie für Sozialwissenschaften tätig ist, wurde eine Abteilung für Bahá’í–Studien eingerichtet,149 und viele chinesische Würdenträger drückten ihre Wertschätzung für die Prin­zipien, die sie in den Schriften finden, aus. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie lobend der Meister die chinesische Kultur und ihre Rolle für die Zukunft der Menschheit hervorhob, gewinnt man eine Vorstellung des schöpferischen Beitrags, den Gläubige mit diesen kulturellen Wurzeln in Zukunft zum intellektuellen und moralischen Leben des Glaubens leisten werden.150
149 Ihre Aufgabe ist die »systematische Erforschung des Bahá’ítums, einschließ­lich seiner religiösen Kultur, seines humanitären Geistes und seiner religiösen Ethik«.
150 Zitiert in Star of the West, Bd. 13, Nr. 7, Oktober 1922, S. 184ff.

Die große Bedeutung dieser drei Jahrzehnte der Mühen, des Lernens und der Opfer trat klar zutage, als der Moment gekommen war, einen globalen Plan zu entwerfen, der die gewonnenen Einsichten und das entwickelte Potential jetzt nutzen würde. Die Bahá’í–Gemeinde, die sich 1996 an die Erfüllung des Vierjahresplanes machte, war nicht mehr die­selbe wie die zwar eifrige, aber junge und noch unerfahrene Gemeinde, die 1964 das erste Unternehmen dieser Art anging, das nicht mehr durch die führende Hand Shoghi Effendis angeleitet wurde. 1996 war es möglich geworden, die einzelnen Stränge des Unternehmens als Teile eines zusammen­hängenden Ganzen zu sehen.
Diese Erfahrung brachte auch den dringend erforderlichen Rückblick auf das Erreichte mit sich. Die Ausbreitung der Sache Gottes während der letzten drei Jahrzehnte zeigte, dass die Begegnung mit der Botschaft Bahá’u’lláhs mehrere Millionen Menschen so beeindruckt hatte, dass sie sich — in unterschiedlichem Maße — mit der Sache Gottes identifizier­ten. Ihnen war bewusst, dass ein neuer Gottesbote erschienen war, sie waren vom Geist des Glaubens berührt und wurden durch die Lehre von der Einheit der Menschheit angezogen. Einige wenige von ihnen waren in der Lage, noch weiter zu gehen. Die meisten dieser Freunde blieben jedoch Adressaten von Lehr- und Vertiefungsprogrammen, welche Reiselehrer und Pioniere von außerhalb durchführten. Eine der größten Stärken der Massen der Menschheit, aus denen diese neuerklärten Gläubigen kamen, liegt in der Offenheit der Herzen, durch die ein nachhaltiger gesellschaftlicher Wandel vollzogen werden kann. Die größte Schwäche dieser Massen war bisher eine gewisse Passivität, die — unter dem ständigen Einfluss fremder Mächte — über Generationen hinweg eingeübt worden war. Unabhängig davon, welche materiellen Vorteile dieser Einfluss auch gebracht haben mag, die Ziele, welche diese Mächte verfolgten, hatten meist nur sehr indirekt, wenn überhaupt, mit dem alltäglichen Leben und den tatsächlichen Bedürfnissen der eingeborenen Völker zu tun.

Der Vierjahresplan, ein deutlicher Schritt über die bisherigen Pläne hinaus, war darauf angelegt, aus den neuen Möglichkeiten und den gewonnenen Einsichten vollen Nutzen zu ziehen. Ein klares Ziel durchdrang das gesamte Unternehmen: die Förderung des Prozesses des Beitritts in Scharen. Aufgrund der Erfahrungen während der früheren Pläne wurde jetzt der Schwerpunkt weltweit auf die Entwicklung der Fähigkeiten der Gläubigen gelegt, so dass alle sich voller Vertrauen würden erheben können, um die Mission des Glaubens voranzutragen. Das Instrumentarium, mit dem dieses Ziel erreicht werden konnte, war während der letzten Pläne ständig überarbeitet und verbessert worden und hatte seine Wirksamkeit inzwischen bewiesen.
So wie die meisten anderen Methoden und Aktivitäten, mit deren Hilfe der Glaube voranschritt, war auch dieses Instrument schon Jahrzehnte zuvor in ‘Abdu’l–Bahás Sendschreiben zum göttlichen Plan vorgesehen: Vertiefte Gläubige, so erklärt der Meister, sollten »die Jugend der Liebe Gottes in Schulen der Unterweisung um sich scharen und sie all die göttlichen Beweise und unwiderleglichen Argumente lehren, ihnen die Geschichte der Sache erläutern und erklären, auch die Verheißungen und Beweise auslegen, die in den göttlichen Büchern und Episteln enthalten sind über die Manifestation des Verheißenen ...«151 Der so geliebte Sadru’s–Sudúr152 hatte während der frühen Jahre des Jahr­hunderts auf diesem Feld Pionierarbeit geleistet und im Iran systematisch Unterricht dieser Art abgehalten. Mit der Zeit fanden immer mehr Winter- und Sommerferienkurse statt, und ein Plan nach dem anderen ermutigte die Gemeinden, sich an der Entwicklung von Trainingsinstituten zu versuchen.
Der mit Abstand bedeutendste Fortschritt auf diesem Gebiet wurde in Kolumbien erreicht: Über einen Zeitraum von gut zwanzig Jahren, beginnend in den Siebzigern, entwickelten die Freunde dort ein systematisches, längerfristig angelegtes Programm zum Unterricht in den Schriften des Glaubens, das bald auch in den Nachbarländern aufgegriffen wurde. Diese Leistung, die stark von den Bemühungen der kolumbianischen Gemeinde im Bereich sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung beeinflusst war, beeindruckt vor allem deshalb so sehr, weil sie in einer Umgebung gelang, in der Gewalt und Gesetzlosigkeit das Leben der Gesellschaft zunehmend zersetzten.
151 ‘Abdu’l–Bahá, Sendschreiben zum göttlichen Plan 8:15
152 Etwa 1904 begann der gelehrte iranische Gläubige, den wir unter dem Namen Sadru’s–Sudúr kennen, mit Ermutigung ‘Abdu’l–Bahás, eine erste Bahá’í–Lehrer–Schulung mit Jugendlichen in Teheran durchzuführen. Die Studiengruppe traf sich täglich, und die Absolventen, die in den Glaubensinhalten anderer Religionen unterrichtet wurden und verschiedene Aspekte des Bahá’í–Glaubens stu­dierten, trugen wesentlich zur Ausbreitung und Festigung der Sache Gottes in ihrem Heimatland bei.

Das Beispiel der kolumbianischen Freunde begeisterte und ermutigte auch anderswo auf der Welt Bahá’í–Gemeinden. Am Ende des Vierjahresplanes hatten weltweit über hunderttausend Gläubige an den Programmen der über dreihundert fest eingerichteten Trainingsinstitute teilgenommen. Um dieses Ziel zu erreichen, waren die meisten Institute noch einen Schritt weiter gegangen, indem sie ein Netzwerk von Studienkreisen schufen, in denen die Fähigkeiten der Gläubi­gen dafür eingesetzt wurden, die Arbeit der Institute auch auf örtlicher Ebene weiterzuführen. Schon jetzt wird deutlich, dass der Erfolg der Tätigkeit der Institute den Prozess wesentlich beschleunigt hat, der langfristig zur Herausbildung eines universellen Bahá’í–Erziehungssystems führen wird.153
153 Bei dem Modell handelt es sich um das »Ruhi–Institut«, dessen Methoden und Materialien von vielen Bahá’í–Gemeinden in der ganzen Welt übernommen wurden. Sein Grundgedanke ist die Verbindung von aktiven Dienstleistungen mit intensivem Studium der Bahá’í–Schriften. Das System besteht aus mehreren Studienniveaus, die einen zentralen Stamm des Grundverständnisses der wesentlichen Lehren Bahá’u’lláhs bilden, von dem dann eine fast unbegrenzte Zahl von Untergruppen abzweigen, die von den verschiedenen nationalen Gemeinden nach ihren eigenen Bedürfnissen entwickelt werden können.

Obwohl die Anstrengungen dieser Jahrzehnte noch relativ moderat waren — zumindest im Vergleich zum Heroischen Zeitalter —, gewähren sie doch der heutigen Generation von Bahá’í einen Eindruck dessen, was Shoghi Effendi als die Zyklen bezeichnet, in denen sich der Glaube entwickelt. Seine Geschichte, so schreibt er, gliedert sich »in eine Folge von mehr oder weniger schweren inneren und äußeren Krisen, die sich zunächst verheerend auswirkten, dann aber auf geheimnisvolle Weise ein entsprechendes Maß göttlicher Kraft auslösten und dadurch dem Glauben einen frischen Impuls zum Fortschritt vermittelten«154.
154 Gott geht vorüber V:6

Diese Worte rücken all die Anstrengungen ins rechte Licht, die Experimente, die entmutigenden Rückschläge und die Siege, die den Beginn der großangelegten Lehrtätigkeit kennzeichneten und die Bahá’í-Gemeinde auf die noch größeren vor ihr liegenden Herausforderungen vorbereiteten.
Durch die gesamte Geschichte hindurch wohnte der Groß­teil der Menschheit dem Fortschritt der Zivilisation immer nur als Zuschauer bei. Ihre Rolle bestand darin, den Plänen der jeweiligen Elite zu dienen, die den Zivilisationsprozess gerade anführte. Sogar die aufeinanderfolgenden göttlichen Offenbarungen, deren Zweck ja die Befreiung des menschlichen Geistes war, gerieten mit der Zeit in die Gefangenschaft des »beharrenden Selbstes«155; sie erstarrten zu menschengemachten Dogmen, Ritualen, Führungsprivilegien und interkonfessionellen Streitereien, und schließlich ging ihre Zeit zu Ende, ohne dass sie ihr Ziel erreicht hätten.
155 ‘Abdu’l–Bahá, Briefe und Botschaften 206:15

Bahá’u’lláh ist gekommen, um die Menschheit aus dieser langen Knechtschaft zu befreien, und die Gemeinde Seiner Anhänger verwendete die letzten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts darauf, verschiedene Mittel zu ersinnen und auszuprobieren, mit denen Seine Absicht verwirklicht werden kann. Die Verfolgung des Göttlichen Planes verlangt nichts Geringeres, als die ganze Menschheit in die Arbeit an ihrer eigenen geistigen, sozialen und intellektuellen Entwick­lung einzubinden. Die Schwierigkeiten, denen die Bahá’í–Gemeinde in der Zeit seit 1963 begegnete, waren notwendig, um die Anstrengungen noch zielgerichteter einzusetzen und die Beweggründe zu läutern, damit jene, die mit dieser Arbeit
betraut sind, einer solchen Verantwortung würdig werden. Solche Prüfungen sind ganz eindeutige Kennzeichen des Rei­fungsprozesses, den ‘Abdu’l–Bahá so zuversichtlich beschreibt:
»Manche Bewegungen tauchen auf, erleben eine kurze Wirkungszeit und verlaufen dann im Sande. Andere wachsen weiter und entwickeln mehr Kraft; bevor sie sich jedoch zur Reife entfalten, werden sie schwächer, zerfallen und verschwinden schließlich in der Versenkung … Es gibt noch eine dritte Art von Bewegung oder Sache, die klein und unauffällig beginnt, dann sicher und stetig voranschreitet, mit der Zeit immer größer und breiter wird, bis sie schließlich eine weltumfassende Dimension erreicht. Eine solche Bewegung ist die Bahá’í–Sache.«156
156 The Promulgation of Universal Peace, S. 43f.

Kapitel: 10

Die Mission Bahá’u’lláhs beschränkt sich nicht auf den Aufbau der Bahá’í–Gemeinde. Die Offenbarung Gottes richtet sich an die gesamte Menschheit, und sie wird in einem solchen Maße die Unterstützung der gesellschaftlichen Institutionen gewinnen wie diese in ihrem Beispiel Ermutigung und Inspiration für eigene Bemühungen finden, das Fundament für eine gerechte Gesellschaft zu legen. Um die Bedeutung dieses zweiten Aspektes zu erfassen, braucht man sich nur zu vergegenwärtigen, wie viel Zeit und Sorgfalt Bahá’u’lláh selbst darauf verwendete, die Beziehungen zu Regierungsvertretern, führenden Denkern und einflussreichen Persönlichkeiten aus verschiedenen Minderheiten zu pflegen wie auch zu den ins Osmanische Reich entsandten Diplomaten und Gesandten. Die geistige Auswirkung dieser Bemühung zeigt sich in der Hochachtung, die sogar so erbitterte Feinde wie ‘Álí Páshá und der persische Botschafter in Konstantinopel, Mírzá Husayn Khán, Seiner Charakterstärke und Seinen Prinzipien zollten. Der Erstere, der Ihn, seinen Gefangenen, in die Strafkolonie ‘Akká verbannte, beschrieb Ihn dennoch als einen »Mann von großer Vornehmheit und vorbildlichem Verhalten, mit stets gemäßigten Ansichten, ei­ne höchst würdevolle Persönlichkeit«, deren Lehren nach Ansicht des Ministers »hohe Wertschätzung verdienten«157.
157 Moojan Momen, The Bábí and Bahá’í Religions, S. 186f.


Der Letztere, dessen Machenschaften vor allem ‘Álí Páshá und seine Mitarbeiter gegen die Bahá’í einnahmen, gab in späteren Jahren offen zu, dass ein großer Gegensatz bestände zwischen dem moralischen und intellektuellen Format seines Feindes und dem Ruf der meisten seiner in Konstantinopel lebenden Landsleute, gierig und unehrenhaft zu sein, was in den persisch–türkischen Beziehungen Schaden angerichtet hatte.
Von Anfang an zeigte ‘Abdu’l–Bahá reges Interesse für die verschiedenen Bemühungen, eine neue internationale Ordnung zu schaffen. So ist es etwa sehr bezeichnend, dass Er in Seinen ersten öffentlichen Ansprachen in Nordamerika über den Zweck Seines Besuches besonders darauf einging, dass Er vom Organisationskomitee der Lake Mohonk Friedenskonferenz eingeladen worden war, um zu dieser internationalen Versammlung zu sprechen. Auch die Zentralorganisation für einen dauernden Frieden im Haag hatte Er in hohem Maße bestärkt, äußerte aber Seinen Rat trotzdem frei und offen. In Seinem Antwortschreiben auf Briefe, die der Exekutivausschuss der Organisation im Haag während des Krieges an Ihn gerichtet hatte, lenkte Er die Aufmerksamkeit der Organisatoren auf die von Bahá’u’lláh verkündeten geistigen Wahrheiten, die allein die Grundlage für die Verwirklichung ihrer Ziele sein könnten:
»O ihr Hochgeehrten, die ihr Pioniere seid unter den Wohltätern der Menschenwelt! ... Heute ist der Weltfriede von großer Bedeutung, aber die Einheit des Gewissens ist dabei wesentlich, damit des Friedens Grundlage gesichert, sein Gefüge fest und sein Bau stark sei ... Heute kann allein die Macht des Wortes Gottes, das die Wirklichkeit aller Dinge umschließt, die Gedanken, Gemüter, Herzen und Geister im Schatten des einen Baumes versammeln. Er ist der Mächtige in allen Dingen, der Beleber der Seelen, der Erhalter und Beherrscher der Menschenwelt.«158
158 ‘Abdu’l–Bahá, Der Weltfriedensvertrag, S. 22


Darüber hinaus zeigt sich auch in der Reihe einflussreicher Persönlichkeiten, mit denen der Meister in Nordamerika und Europa geduldig Stunde um Stunde verbrachte — vor allem Menschen, die sich um die Förderung des Weltfriedens und humanitärer Belange bemühten —, dass Er sich der Verantwortung, die der Glaube gegenüber der ganzen Mensch­heit hat, stets bewusst war. Wie die außergewöhnlichen Reaktionen auf Sein Hinscheiden belegen, verfolgte Er diesen Kurs bis an Sein Lebensende.
Shoghi Effendi griff dieses Erbe fast unmittelbar nach Beginn seiner Amtszeit auf. Schon 1925 förderte er die Absicht einer amerikanischen Gläubigen, Jean Stannard, ein »Internationales Bahá’í–Büro« einzurichten, und wies sie an, nach Genf zu gehen, dem Sitz des Völkerbundes. Zwar hatte das Büro keine offizielle Autorität, fungierte aber, in den Worten des Hüters, »als Mittler zwischen Haifa und anderen Bahá’í–Zentren« und diente als zentrale Informationsstelle im Herzen Europas. Offizielle Anerkennung wurde dem Büro zuteil, als der Verlag des Völkerbundes einen Bericht über seine Aktivitäten erbat und diesen veröffentlichte.159
159 Einen kurzen Bericht über die Gründung des Büros und seine Tätigkeit bietet The Bahá’í World, Bd. 4, S. 257ff.

Wie so oft in der Geschichte des Glaubens diente eine unerwartete Krise dazu, die Beziehung der Bahá’í auf internationaler Ebene zur Gesellschaft im ganzen ein gutes Stück voranzubringen. 1928 ermutigte Shoghi Effendi den Geistigen Rat von Bagdad, sich an die Ständige Mandatskommission des Völkerbundes zu wenden und Einspruch gegen die Besetzung des Hauses Bahá’u’lláhs in ihrer Stadt durch schiitische Gegner zu erheben. Der Rat des Völkerbundes erkannte das Unrecht an und forderte im März 1929 die britische Mandatsmacht einstimmig auf, Druck auf die irakische Regierung auszuüben »mit dem Ziel, das den Antragstellern zugefügte Unrecht sofort wieder gutzumachen«. Aufgrund immer neuer Ausflüchte der irakischen Regierung, einschließlich des Bruches eines feierlichen Versprechens seitens des Monarchen selbst, zog sich der Fall jahrelang über verschiedene Sitzungen der Mandatskommission hin, und bis zum heutigen Tag ist das Haus in den Händen der Besetzer.160 Unbeeindruckt von diesem Fehlschlag lenkte Shoghi Effendi die Aufmerksamkeit der Bahá’í–Gemeinde auf den historischen Nutzen, den das Verfahren für die Sache Gottes brachte. Wie schon zuvor als ein sunnitisch–muslimisches Gericht den Einspruch der ägyptischen Bahá’í–Gemeinde gegen ein Urteil verworfen hatte, das Bahá’í–Eheschließungen nicht anerkannte, erklärte der Hüter auch hier:
160 The Bahá’í World, Bd. 3, S. 198–206 enthält den Text der offiziellen Petition der Bahá’í des Irak an die Ständige Mandatskommission des Völkerbundes und fasst die Geschichte des Falls zusammen.


»Es genüge die Feststellung, dass trotz endloser Verzögerungen, Proteste und Ausflüchte ... dieser denkwürdige Rechtsstreit und die Verteidigung der Sache des Glaubens, der Sache der Wahrheit und Gerechtigkeit durch den höchsten Gerichtshof der Welt die Freunde des Glaubens staunen machte und seine Feinde in Bestürzung versetzte.«161
161 Gott geht vorüber 23:14


Die Gründung der Vereinten Nationen eröffnete dem Glauben ein noch größeres und wirkungsvolleres Forum für seine Bemühungen, geistigen Einfluss auf das Leben der Gesellschaft zu nehmen. Schon 1947 erbat ein eigens berufener »Palästinaausschuss« der Vereinten Nationen die Ansichten des Hüters über die Zukunft dieses Mandatsgebietes. In seiner Antwort auf diese Anfrage hatte er die Möglichkeit, eine autoritative Darstellung der Geschichte und der Lehren des Glaubens zu geben. Im selben Jahr legte der Nationale Geistige Rat der Vereinigten Staaten und Kanadas, ermutigt von Shoghi Effendi, der internationalen Organisation ein Dokument mit dem Titel »Eine Bahá’í–Erklärung zu Menschenrechten und Menschenpflichten« vor, das in den folgenden Jahrzehnten die Arbeit von Bahá’í–Autoren und –Sprechern inspirieren sollte.162 Ein Jahr später erwirkten die acht zu jener Zeit bestehenden Nationalen Geistigen Räte vom zuständigen Gremium der Vereinten Nationen die Akkreditierung der »Internationalen Bahá’í–Gemeinde« als einer internationalen Nichtstaatlichen Organisation.
162 Der volle Text der Erklärung findet sich in World Order Magazine, April 1947, Bd. 13, Nr. 1

Nicht nur die sich langsam herausbildende Beziehung des Glaubens zur neuen internationalen Ordnung unterstützte der Hüter in dieser Weise. In Gott geht vorüber und in den Erinnerungen Amatu’l–Bahás an den Hüter finden sich seitenlange Berichte über Reaktionen einflussreicher Persönlichkeiten und Organisationen auf Initiativen Shoghi Effendis wie auch auf Ereignisse überall in der Welt, zu denen auch Vertreter der Bahá’í eingeladen waren. Es ist aus geschichtlicher Sicht beeindruckend, wie vielen vergleichsweise unbedeutenden Gelegenheiten Aufmerksamkeit durch einen Mann zuteil wurde, dessen Wirken nicht nur außerordentlich wichtig für die Zukunft der Menschheit ist, sondern der auch die Ereignisse um sich herum in ihrer relativen Bedeutung sicher erfasste. Der Bahá’í–Gemeinde ist mit diesen sorgfältigen Berichten ein Leitfaden an die Hand gegeben, wie sie zunehmend Gelegenheiten aufgreifen muss, die aus bescheidenen Anfängen erwachsen.
Vom Zeitpunkt ihrer Akkreditierung an engagierte sich die Internationale Bahá’í–Gemeinde nachdrücklich bei den Vereinten Nationen. Viel Anerkennung wurde ihr zuteil für ein Programm, das mit Hilfe des sich ausbreitenden Netzwerkes an Bahá’í–Räten öffentlich über die Vereinten Nationen selbst informierte, und damit die mühevolle Arbeit vieler Unterorganisationen der Vereinten Nationen weltweit tatkräf­tig unterstützte. 1970 erlangte die Internationale Bahá’í–Gemeinde beratenden Status beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC). Seit 1974 ist sie offiziell mit dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) assoziiert, und erhielt 1976 beratenden Status beim Weltkinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF). Der Einfluss und die Sachkenntnis, die sich in dieser Zeit entwickelten, zeigten sich 1955 und 1962, als die Internationale Bahá’í–Gemeinde die Intervention der Vereinten Nationen zugunsten der Gläubigen erwirkte, die im Iran beziehungsweise in Marokko verfolgt wurden.



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1980 erreichte die geduldige Öffentlichkeitsarbeit der Natio­nalen Geistigen Räte und des Büros der Bahá’í–Weltgemeinde bei den Vereinten Nationen plötzlich gezwungener­maßen eine neue Stufe in ihrer Entwicklung. Auslöser war der Versuch der schiitischen Geistlichkeit im Iran, den Glau­ben in seinem Geburtsland auszulöschen. Die Folgen sahen weder die Verfolger des Glaubens noch seine Verteidiger voraus.
Während all der Jahrzehnte, da die Bahá’í in der Wiege des Glaubens immer wieder wegen ihrer Glaubensüberzeu­gung verfolgt worden waren, handelten die Mullás, die diese Angriffe anzettelten und anführten, mit der Zustimmung des jeweiligen Monarchen des Landes. Die Monarchen, die scheinbar absolute Macht hatten, waren in Wirklichkeit durch politisches Kalkül gebunden, das sie für Druck von außen — vor allem seitens westlicher Regierungen — empfänglich machte. So hatte die Empörung russischer, britischer und an­derer Diplomaten Násiri’d–Dín Sháh gezwungen, gegen seinen Willen der Gewaltorgie ein Ende zu setzen, durch die zu Beginn der 1850er Jahre so viele Gläubige zu Tode kamen und sogar Bahá’u’lláhs Leben bedroht war. Im zwanzigsten Jahrhundert waren die ihm nachfolgenden Qájáren ähnlich besorgt um die Meinung fremder Regierungen. Das Muster wiederholte sich 1955, als der zweite Schah aus der Pahlaví– Dynastie, den die Mullás überredet hatten, eine gegen die Bahá’í gerichtete Welle der Gewalt zu billigen, durch den Protest der Vereinten Nationen und die Einwände der amerikanischen Regierung gezwungen wurde, die Angriffe sofort zu stoppen — beide Interventionen scheinen Vorboten dessen gewesen zu sein, was folgen sollte.
Die Islamische Revolution von 1979 schien derartige Kontrollmechanismen und Bremsen für das Verhalten der Geistlichkeit hinwegzufegen. Plötzlich waren die Mullás selbst an der Macht; sie besetzten die höchsten Posten in der neuen Republik mit ihren eigenen Kandidaten, und übernahmen diese Ämter schließlich selbst. »Revolutionsgerichte« wurden eingesetzt, verantwortlich nur der hohen Geistlichkeit. Eine Unzahl von sogenannten »Revolutionswächtern«, weit effi­zienter als die Geheimpolizei des Schahs und ebenso brutal, übernahm die Kontrolle über alle Bereiche des öffentlichen Lebens.


Zwar konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der neuen Führungsschicht besonders auf vermutete Bedrohungen von außen, doch sahen einige einflussreiche Mitglieder jetzt auch eine Gelegenheit, endlich die iranische Bahá’í–Gemeinde zu vernichten.163 Auf die grauenvollen Einzelheiten der Verfolgungen muss an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Von Bedeutung ist vielmehr die Reaktion Tausender Bahá’í überall im Land — Männer, Frauen und Kinder — auf die Angriffe. Ihre Weigerung, ihren Glauben aufzugeben, selbst wenn es ihr Leben kostete, veranlasste ihre Mitgläubigen auf der ganzen Welt, sich mehr als zuvor in den Dienst der Sache zu stellen, für die diese Opfer gebracht wurden. Aber nicht nur die Anhänger des Glaubens wurden von diesen Ereignissen tief berührt. Jahrzehnte zuvor, 1889, hatte ein angesehener westlicher Beobachter angesichts des Heldenmutes der frühen Gläubigen über deren Leiden prophetisch geschrieben:
163 The Bahá’í Question, Iran’s Secret Blueprint for the Destruction of a Religious Community, An Examination of the Persecutions of the Bahá’ís of Iran, Bahá’í International Community, New York 1999 (erarbeitet vom Büro der Internationalen Bahá’í–Gemeinde bei den Vereinten Nationen, bestimmt für Mitglieder der


»Ihr Leben und ihr Tod, ihre Hoffnungen, die nie verzweifeln, ihre Liebe, die nie erkaltet, ihre Standhaftigkeit, die niemals wankt, verleihen dieser wunderbaren Bewegung einen ganz eigenen Charakter ... Was sie erdulden, ist nicht einfach oder leicht zu tragen, und wofür sie bereit sind, ihr Leben zu geben, ist wert, dass man es zu verstehen sucht. Von dem gewaltigen Einfluss, den der Bábí–Glaube [sic], wie ich meine, in Zukunft ausüben wird, oder dem neuen Leben, das er vielleicht einem toten Volk einhauchen mag, spreche ich nicht; denn gleich, ob der Glaube sich durchsetzt oder nicht, der strahlende Heldenmut der Bábí–Märtyrer ist ewig und unzerstörbar ... Was ich jedoch nicht hoffen kann Ihnen zu vermitteln, ist die ausserordentliche Ernsthaftigkeit dieser Menschen, und der unbeschreibliche Einfluss, den die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen); vgl. auch Die Bahá’í im Iran. Dokumentation der Verfolgung einer religiösen Minderheit, Hofheim 4 1985

se Ernsthaftigkeit in Verbindung mit anderen Eigenschaften auf jeden ausübt, der mit ihnen in Berührung kommt.«164
164 Auszug aus einer Ansprache von Edward Granville Browne, in: Religious Systems of the World: A Contribution to the Study of Comparative Religion, New York 1892, S. 352f.


Diese Worte deuten schon auf ähnliche Reaktionen seitens Nicht–Bahá’í–Beobachtern während der Jahre der islamischen Revolution hin. Derartige Gefühle sollten dann auch eine der wichtigsten Kräfte werden, die den Glauben aus der Verborgenheit hervortreten ließen. Auch ist schon in diesen Worten die im wesentlichen geistige Natur all dessen eingefangen, was in der Wiege des Glaubens schon immer auf dem Spiel stand. Immer mehr ausländische Meinungsträger empörten sich nicht nur über die besinnungslose Brutalität der Verfolgung, sondern waren auch von der Reaktion der iranischen Bahá’í tief bewegt.
Das Leid zahlloser Opfer von Unterdrückung prägt die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Was die Lage der Bahá’í einzigartig macht, war die Haltung derer, die das Leid ertrugen. Die iranischen Gläubigen fanden sich nicht mit der allbekannten Opferrolle ab. Wie zuvor die Stifter des Glaubens übernahmen sie die moralische Führung in der Ausein­andersetzung mit den Gegnern. Schon bald bestimmten sie — und nicht die Revolutionsgerichte oder die Revolutionswächter — den Ton bei den Konfrontationen, und diese beispiellose Haltung berührte nicht nur die Herzen der Unbeteiligten von außerhalb des Glaubens, sondern machte sie auch nachdenklich. Die verfolgte Gemeinde griff ihre Unterdrücker nicht an, noch versuchte sie, aus der Notlage politischen Vorteil zu ziehen. Ebenso wenig riefen die Bahá’í in anderen Ländern bei der Verteidigung ihrer verfolgten Mitgläubigen zum Bruch der iranischen Verfassung auf, geschweige denn zu Rache. Sie alle forderten nur Gerechtigkeit — die Anerkennung jener Rechte, die die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte garantiert, welche die Staatengemeinschaft angenommen und auch die iranische Regierung ratifiziert hatte — Rechte, die größtenteils sogar in den Bestimmungen der islamischen Verfassung enthalten waren.
Die Krise trieb die Bahá’í–Welt zu außergewöhnlichen Höchstleistungen an. Nationale Räte, die nur wenig oder gar keine Erfahrung darin hatten, Arbeitskontakte zu den Regierungsvertretern ihres Landes aufzubauen, waren jetzt aufgerufen, bei ihrer Regierung die Unterstützung von Resolutionen auf den verschiedenen Ebenen des internationalen Menschenrechtssystems zu erbitten — und ihre Bemühungen waren sehr erfolgreich. Jahr für Jahr, zwei Jahrzehnte lang, beschäftigte der Fall der Bahá’í im Iran die internationalen Menschenrechtsinstitutionen und erfuhr Unterstützung in immer neuen Resolutionen. Die von der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen beauftragten Berichterstatter registrierten aufmerksam die Leiden der Bahá’í, und diese Erfolge wurden durch Entscheidungen des Dritten Ausschusses der Generalversammlung der Vereinten Nationen untermauert. Kein Versuch des iranischen Regimes, der internationalen Verurteilung wegen seines Umgangs mit den im Lande lebenden Bahá’í zu entgehen, vermochte die Unterstützung zu erschüttern, die dem Fall der Bahá’í von einer stabilen Mehrheit wohlgesinnter Staaten in der Menschenrechtskommission zuteil wurde. Dass dies erreicht werden konnte, ist um so bemerkenswerter, als die Mitglieder der Kommission ständig wechselten und auf ihrer umfangreichen Tagesordnung auch Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern standen, die Millionen von Opfern betrafen.
Diese vielfältigen Aktionen übten direkten Druck auf die iranische Regierung aus — und gleichzeitig erregte der Fall in der ganzen Welt auch breite öffentliche Aufmerksamkeit durch Presseorgane sowie Rundfunk- und Fernsehanstalten. Zeitungen wie The New York Times, Le Monde und die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit internationaler Leserschaft berichteten ausführlich über die Verfolgung, und Fernsehanstalten in Australien, Kanada, den Vereinigten Staaten und einer Reihe europäischer Länder strahlten gut recherchierte Dokumentationen aus. In Leitartikeln wurden die Gewalttaten oft scharf verurteilt. Dieses Medieninteresse verlieh nicht nur den Bemühungen um ein wirkungsvolles Eingreifen der Menschenrechtskommission Nachdruck, sondern informierte auch ein millionenfaches Publikum — oftmals zum ersten Mal — wahrheitsgetreu und achtungsvoll über Lehren und Inhalte des Bahá’í–Glaubens. Sowohl die Berichterstattung als auch die Bemühungen durch die Kanäle der Vereinten Nationen ermöglichten einflussreichen Regierungsvertretern auf der ganzen Welt, zu einem eigenen Urteil über die Lehren des Glaubens und das Wesen der Bahá’í– Gemeinde zu finden.
Durch die Verfolgung ergab sich das Problem, dass mehrere tausend iranische Bahá’í in Ländern, in denen sie als Pioniere dienten, ohne gültigen Pass festsaßen, oder gezwungen waren, aus dem Iran zu fliehen, weil sie oder ihre Familien Zielscheibe des Pogroms wurden. 1983 wurde in Kanada, wo die Regierung besonders kooperativ auf die Vorstel­lungen des dortigen Nationalen Geistigen Rates reagiert hatte, ein internationales Bahá’í–Flüchtlingsbüro eingerichtet.165 Während der nächsten Jahre öffneten mit Hilfe des Hochkommissars für Flüchtlinge der Vereinten Nationen eine Reihe anderer Länder ihre Tore für mehr als zehntausend iranische Bahá’í, die dort dann oftmals Pionierziele erfüllten.
165 Während seiner neunjährigen Tätigkeit sorgte das Büro dafür, dass sich schätzungsweise zehntausend iranische Bahá’í–Flüchtlinge in siebenundzwanzig Ländern niederlassen konnten.



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Nicht nur für die Bahá’í–Gemeinde sondern auch für das Menschenrechtssystem der Vereinten Nationen selbst war dieser lange Kampf von Nutzen. Unmittelbar nach der islamischen Revolution war das Überleben der iranischen Bahá’í–Gemeinde bedroht. Mit der Zeit gelang es der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen — wie langwierig und vergleichsweise schwerfällig ihre Arbeitsweise dem Au­ßenstehenden auch scheinen mag —, das iranische Regime zu zwingen, den schlimmsten Verfolgungen Einhalt zu gebieten. In diesem Sinne bezeichnet »der Fall der Bahá’í im Iran« sowohl für die Kommission als auch für den Glauben einen bedeutenden Sieg. Eindrucksvoll demonstriert er die Macht der Staatengemeinschaft, Formen der Unterdrückung, wie sie leider in jedem Zeitalter zu beklagen waren, mittels des zu diesem Zweck geschaffenen Apparats unter Kontrolle zu bringen.
Dieser Sachverhalt unterstreicht die Bedeutung der Akti­vitäten des Glaubens für die Gesellschaft, innerhalb derer sie stattfinden. Zu diesem Zeitpunkt ihrer Geschichte steht die Menschheit — neben der Errichtung des Weltfriedens — vor einer weiteren dringenden Herausforderung: Die internationale Gemeinschaft muss wirkungsvolle Schritte unternehmen, um die Ideale der Allgemeinen Erklärung der Men­schenrechte und darauf bezogener Abkommen zu verwirklichen. Kaum einen Ort gibt es auf der Erde, an dem nicht die einfachsten menschlichen Bedürfnisse von Minderheiten noch immer auf die eine oder andere Weise missachtet werden aufgrund religiöser, ethnischer oder nationaler Vorurteile. Keine Volksgruppe auf dem ganzen Planeten könnte dieses Problem besser verstehen als die Bahá’í–Gemeinde. Sie erlitt — und erleidet in einigen Ländern noch immer — Misshandlungen ohne erkennbare legale oder moralische Rechtfertigung, sie opferte ihre Märtyrer und vergoss ihre Tränen, und blieb doch ihrer Überzeugung treu, dass Hass und Vergeltung die Seele zerstören, und sie lernte wie kaum eine andere Gemeinschaft, die Menschenrechtsordnung der Vereinten Nationen so zu nutzen, wie ihre Urheber es vorgesehen hatten, ohne Zuflucht zu irgendwelchen parteipolitischen Aktivitäten zu nehmen, geschweige denn zu Gewalt. Auf der Grundlage dieser Erfahrung unterstützt die Bahá’í– Gemeinde heute zahlreiche Länder dabei, staatliche Programme zur Menschenrechtserziehung einzuführen, und bie­tet dazu jede ihr mögliche praktische Hilfe an.166 Weltweit engagiert sie sich besonders für die Rechte von Frauen und Kindern. Vor allem jedoch bietet sie ein lebendiges Beispiel für gemeinschaftliches Miteinander, aus dem zahllose Men­schen außerhalb ihres Kreises Mut und Hoffnung schöpfen.
166 Bis heute haben neunundneunzig Nationale Geistige Räte an einem Intensivtraining zu diesem Programm teilgenommen.


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Während sich die Krise im Iran zuspitzte, hob eine Initiative des Universalen Hauses der Gerechtigkeit die Öffentlichkeitsarbeit der Bahá’í–Gemeinde auf eine völlig neue Ebene. 1985 wurde die Erklärung Die Verheißung des Weltfriedens, die sich an alle Menschen weltweit richtete, durch die Nationalen Geistigen Räte verbreitet. Darin schreibt das Universale Haus der Gerechtigkeit unprovokativ, aber klar und unmissverständlich, dass die Bahá’í fest darauf vertrauen, dass der internationale Frieden als nächste Stufe in der Evolution der Gesellschaft kommen wird. Wege und Schritte zu dieser so lang erwarteten Entwicklung werden dargelegt, und vieles geht dabei über das hinaus, was gemeinhin in der politischen Diskussion erwogen wird. Am Ende der Erklärung heißt es:
»In den Erfahrungen der Bahá’í–Gemeinschaft kann man ein Beispiel für diese wachsende Einheit [der Menschheit] sehen ... Wenn die Erfahrungen der Bahá’í, in welchem Ausmaß auch immer, etwas dazu beitragen können, die Hoffnung auf Einheit des Menschengeschlechts zu stärken, schätzen wir uns glücklich, sie als Studienmodell anzubieten.«167
167 Das Universale Haus der Gerechtigkeit, Die Verheißung des Weltfriedens, S. 36


Während der unmittelbare Zweck der Veröffentlichung darin bestand, Bahá’í–Institutionen und einzelnen Gläubigen eine schlüssige Diskussionsgrundlage für ihren Umgang mit Regierungsvertretern, gesellschaftlichen Organisationen, den Medien und einflussreichen Persönlichkeiten an die Hand zu geben, setzte sie dadurch auch einen Prozess in Gang, in des­sen Verlauf die Bahá’í–Gemeinde selbst in verschiedenen wichtigen Bahá’í–Lehren intensiv und nachhaltig unterrichtet wurde. Der Einfluss der in diesem Dokument enthaltenen Ideen und Sichtweisen war schon bald weithin spürbar — bei Tagungen, Sommer- und Winterferienkursen, in Veröffentlichungen und allenthalben in den Gesprächen der Gläubigen.
In vieler Hinsicht kann man sagen, dass Die Verheißung des Weltfriedens in den Jahren seit 1985 programmatisch wurde für die Zusammenarbeit der Bahá’í mit den Vereinten Nationen und den ihnen angeschlossenen Organisationen. Aufbauend auf dem guten Ruf, den die Internationale Bahá’í–Gemeinde schon zuvor hatte, wurde sie nun innerhalb weniger Jahre eine der einflussreichsten Nichtstaatlichen Organisationen. Weil sie völlig unparteiisch ist und auch so gesehen wird, vertraut man ihr zunehmend als vermittelnder Kraft bei schwierigen und oft zähen Diskussionen in internationalen Kreisen über wichtige Fragen zum Fortschritt der Gesellschaft. Dieser gute Ruf wird noch dadurch gefestigt, dass die Gemeinde grundsätzlich solches Vertrauen niemals dazu missbraucht, eigene Interessen durchzusetzen. 1968 wurde ein Vertreter der Bahá’í in das Exekutivkomitee der Nichtstaatlichen Organisationen gewählt, und fungierte dann dort als Vorsitzender beziehungsweise stellvertretender Vorsitzender. Von da an wurden immer häufiger Vertreter der Gemeinde gebeten, Ausschüsse, Einsatz- und Arbeitsgruppen oder Beiräte einzuberufen oder in ihnen den Vorsitz zu übernehmen. Während der letzten vier Jahre fungierte der Repräsentant der Internationalen Bahá’í–Gemeinde als geschäftsführender Sekretär der Konferenz der Nichtstaatlichen Organisationen, des zentralen koordinierenden Gremiums nichtregierungsgebundener Gruppen, bei den Vereinten Nationen.
In der Struktur der Internationalen Bahá’í–Gemeinde spiegeln sich die Prinzipien wider, die auch ihre Arbeit prägen. Es ist ihr gelungen, nicht einfach als eine weitere Lobby oder Interessengruppe abgestempelt zu werden. Während sie die Fachkompetenz und Organisationsmöglichkeiten ihres UN–Büros und des Büros für Öffentlichkeitsarbeit (OPI) voll ausschöpft, wird sie von anderen Nichtstaatlichen Organisationen inzwischen als »Verbund« demokratisch gewählter nationaler »Räte« angesehen, die einen Querschnitt der Menschheit repräsentieren. Zu den Bahá’í–Delegationen bei internationalen Zusammenkünften gehören in der Regel von verschiedenen Nationalen Geistigen Räten ernannte Mitglieder, die Erfahrungen auf dem jeweils zur Diskussion stehenden Gebiet haben und regionale Sichtweisen beitragen können.
Wie einflußreich der Glauben im Leben der Gesellschaft wirkt — wobei Beweggrund und Arbeitsweise zwei Dimensionen sind, die sich vereint Problemen nähern — zeigte sich bei den verschiedenen Weltgipfeln und damit verbundenen Konferenzen, die die Vereinten Nationen zwischen 1990 und 1996 veranstalteten. Während dieser fast sechs Jahre trafen sich die politischen Führer der Welt immer wieder unter der Schirmherrschaft des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, um über die großen Herausforderungen zu sprechen, denen sich die Menschheit gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts gegenüber sah. Die Liste der Themen dieser historischen Zusammenkünfte muss jeden Bahá’í tief beeindrucken, spiegeln sie doch erstaunlich getreu zentrale Lehren Bahá’u’lláhs wider. Es scheint nur stimmig, dass der hundertste Jahrestag Seines Hinscheidens mitten in diese Zeit fiel; wodurch diese Zusammenkünfte in den Augen der Bahá’í eine geistige Bedeutung erlangten, die weit über ihre erklärten Ziele hinausging.
Unter diesen Veranstaltungen sind einige Höhepunkte im Prozess des weltweiten Diskurses über Probleme, unter de­nen die Völker leiden: die Weltkonferenz für Erziehung 1990 in Thailand, der Weltkindergipfel 1990 in New York, der Umweltgipfel der Vereinten Nationen 1992 in Rio de Janeiro, die leidvolle, chaotische Weltkonferenz für Menschen­rechte 1993 in Wien, der Weltbevölkerungsgipfel 1994 in Kairo, die Weltkonferenz für soziale Entwicklung 1995 in Kopenhagen und die besonders lebhafte vierte Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking168. Bei den gleichzeitigen Konferenzen der Nichtregierungsorganisationen hatten die Bahá’í–Delegationen, deren Mitglieder aus den verschiedensten Ländern kamen, Gelegenheit, strittige Fragen sowohl unter geistigen als auch unter sozialen Gesichtspunkten darzustellen. Das Vertrauen, das die Internationale Bahá’í–Gemeinde bei den vielen hundert Nichtstaatlichen Organisationen genießt, zeigt sich darin, dass Bahá’í–Delegationen von den anderen Teilnehmern immer wieder zu der ehrenvollen Aufgabe ausgewählt wurden, als eine von ganz wenigen Gruppen direkt vom Podium aus zur Konferenz zu sprechen, anstatt Stellungnahmen nur schriftlich verteilen zu können.
168 Die Weltkonferenz für Frauen in Beijing (Peking) gab fünfzig der zweitausend Nichtstaatlichen Organisationen die Möglichkeit, ihre Statements mündlich vorzutragen. Da der Internationale Bahá’í–Gemeinde dieses Vorrecht bei früheren Konferenzen gewährt worden war, insbesondere in Rio de Janeiro bei der Umweltkonferenz und in Kopenhagen bei der Konferenz über soziale und wirtschaftliche Entwicklung, verzichtete der Bahá’í–Vertreter auf den ihm schon zugewiesenen Platz zu Gunsten des Moskauer Zentrums für Geschlechterstudien.



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Während der letzten Jahre des Jahrhunderts errangen viele Nationale Geistige Räte bei ihren eigenen Außenbeziehungen eindrucksvolle Erfolge. Zwei herausragende Beispiele sollen deren Wesen und Bedeutung verdeutlichen. Das erste Beispiel stammt aus Deutschland, wo Gerichtsentscheidungen ergangen waren, denen zufolge die Satzungen der gewählten Bahá’í–Körperschaften unvereinbar mit dem deutschen Zivilrecht seien. Das Bundesverfassungsgericht hat der dagegen eingelegten Verfassungsbeschwerde des Geistigen Rates der Bahá’í von Tübingen stattgegeben und entschieden, dass die Bahá’í–Gemeindeordnung integraler Bestandteil des Glaubens und daher von den Glaubensinhalten untrennbar sei. Das Verfassungsgericht hat seine Entscheidung unter ande­rem damit begründet, dass der Bahá’í–Glaube eine Religion sei — ein Urteil von weitreichender Bedeutung in einer Gesellschaft, in der kirchliche Funktionsträger den Glauben lange als Kult oder Sekte abtaten. Die unzweideutige Sprache des Urteils verdient hier zitiert zu werden:
»... der Charakter des Bahá’í–Glaubens als Religion und der Bahá’í–Gemeinschaft als Religionsgemeinschaft [ist] nach aktueller Lebenswirklichkeit, Kulturtradition und allgemeinem wie auch religionswissenschaftlichem Verständnis offenkundig ...«169
169 Bundesverfassungsgericht, Beschluss des Zweiten Senats vom 5. Februar 1991. Ein ausführlicher Bericht sowie der Text der Urteilsbegründung finden sich in The Bahá’í World, Bd. 20, S. 571–606; Zitat: S. 580, CI

Der brasilianischen Bahá’í–Gemeinde blieb ein Sieg im Bereich der Außenbeziehungen vorbehalten, der in der Bahá’í–Geschichte bis heute einzigartig dasteht. Am 28. Mai 1992 kam das höchste gesetzgebende Gremium des Landes, das Abgeordnetenhaus, zu einer Feierstunde anlässlich des hundertsten Jahrestages des Hinscheidens Bahá’u’lláhs zusammen. Der Sprecher verlas eine Botschaft des Universalen Hauses der Gerechtigkeit und die Abgeordneten aller Parteien erhoben sich einer nach dem anderen, um den Beitrag des Glaubens und seines Stifters zum Wohlergehen Menschen zu würdigen. In einer bewegenden Ansprache bezeichnete ein bekannter Abgeordneter die Bahá’í–Lehren als »gewaltigstes religiöses Werk, das je die Feder eines einzelnen Mannes niederschrieb«170.
170 Sessão Solene da Câmara Federal, Brasiliá, 28 de Maio, 1992 (Nachdruck mit englischer Übersetzung durch den Nationalen Geistigen Rat der Bahá’í von Brasilien, 1992)


Solche Wertschätzung der Wesensart des Glaubens und der Arbeit, die die Gemeinde sich zu leisten bemüht — wie sie hier von Seiten der höchsten rechtsprechenden beziehungsweise gesetzgebenden Ebene zweier der bedeutendsten Länder der Welt kamen —, sind geistige Siege, die auf ihre Weise genauso wichtig sind wie die Siege auf dem Feld des Lehrens. Sie helfen die Türen zu öffnen, durch die Bahá’u’lláhs heilsamer Einfluss das Leben der Gesellschaft selbst zu berühren beginnt.



Kapitel: 11

Um Seinen Zuhörern die bevorstehende gesellschaftliche Wandlung verständlich zu machen, verwendete ‘Abdu’l–Bahá die Metapher des Lichts. Einheit, so erklärte Er, ist die Kraft, die jedwedes menschliche Bemühen erleuchtet und voranbringt. Die mit dem zwanzigsten Jahrhundert anbrechende Zeit werde man in Zukunft als »Jahrhundert des Lichts« ansehen, da in ihr die Einheit der Menschheit allgemein anerkannt werde. Und auf dieser Grundlage werde dann eine Weltgesellschaft errichtet werden, die den Prinzipien der Gerechtigkeit folgt.
Diese Vision beschrieb der Meister in zahlreichen Sendschreiben und Ansprachen. Ihren deutlichsten Ausdruck findet sie in einem Schreiben an Jane Elizabeth Whyte, der Frau eines früheren Synodalpräsidenten der Free Church of Scotland. Frau Whyte war eine begeisterte Freundin der Bahá’í–Lehren, hatte den Meister in ‘Akká besucht und traf später die Vorbereitungen für den besonders herzlichen Empfang, der Ihm in Edinburgh bereitet wurde. In Seinem Sendbrief an sie bediente sich ‘Abdu’l–Bahá der bekannten Metapher des Lichts:
»O verehrte Dame! ... Sieh, wie dieses Licht [der Einheit] nun am dunklen Horizont der Welt zu dämmern beginnt! Der erste Lichtstrahl ist die Einheit im politischen Bereich, der allererste Schimmer davon lässt sich nunmehr erkennen. Der zweite Lichtstrahl ist die Einheit des Denkens in weltweiten Unternehmungen, die bald vollzogen werden wird. Der dritte Lichtstrahl ist die Einheit in der Freiheit, die sicherlich eintreten wird. Der vierte Lichtstrahl ist die Einheit in der Reli­gion, der Eckstein, auf dem die Grundlage ruht; auch sie wird durch die Macht Gottes in ihrer ganzen Strahlenfülle offenbar werden. Der fünfte Lichtstrahl ist die Einheit der Nationen — eine Einheit, die in diesem Jahrhundert sicher begründet werden wird, so dass sich alle Völker der Welt als Bürger eines gemeinsamen Vaterlandes betrachten. Der sechste Lichtstrahl ist die Einheit der Rassen, die alle Erdenbewohner zu Völkern und Geschlechtern einer Rasse macht. Der siebte Lichtstrahl ist die Einheit der Sprache, das heißt die Wahl einer universalen Sprache, in der alle Menschen unterrichtet werden und miteinander verkehren. All dies wird unausweichlich eintreten, weil die Macht des Reiches Gottes seine Verwirklichung fördern und unterstützen wird.«171
171 Briefe und Botschaften 15:6–7



Zwar wird es sicherlich noch Jahrzehnte — und vielleicht auch noch sehr viel länger — dauern, bis die in diesem bemerkenswerten Dokument dargelegte Vision ganz verwirklicht ist, doch sind die Wesensmerkmale dessen, was hier verheißen ist, schon heute weltweit erkennbar. Bei einigen der großen Veränderungen, die hier vorhergesehen werden — der Einheit der Rassen und der Einheit der Religionen — ist klar, worauf die Worte des Meisters hindeuten, und die damit einhergehenden Prozesse sind recht weit fortgeschritten, wie groß auch der Widerstand aus einigen Lagern sein mag. Weitgehend trifft dies auch auf die Einheit der Sprache zu. Dass eine gemeinsame Sprache notwendig ist, wird heutzutage allerorts anerkannt, wie sich auch daran zeigt, dass die Vereinten Nationen und ein großer Teil der Nichtstaatlichen Organisationen gezwungen waren, mehrere »Amtssprachen« zuzulassen. Bis im internationalen Einvernehmen eine Entscheidung getroffen ist, kann das Englische diese Lücke bis zu einem gewissen Grad ausfüllen, was durch Entwicklungen wie das Internet, die Steuerung des Flugverkehrs, die Herausbildung allgemein anerkannter Fachtermini und des allgemeinen Schulwesens ermöglicht wurde.
Auch »die Einheit des Denkens in weltweiten Unternehmungen« — eine Vorstellung, für die es zu Beginn des zwan­zigsten Jahrhunderts selbst den idealistischsten Bestrebungen an Anhaltspunkten fehlte — ist jetzt deutlich erkennbar in großangelegten Programmen zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung, zu humanitärer Hilfe und zum Einsatz für den weltweiten Umweltschutz und dem Schutz der Ozeane. Bei der »Einheit im politischen Bereich«, so erklärt Shoghi Effendi, geht es um die zwischen den unabhängigen Staaten erlangte Einheit, ein Entwicklungsprozess, dessen jetzige Stufe die Vereinten Nationen sind. Andererseits verweist die vom Meister verheißene »Einheit der Nationen« auf die heute weitverbreitete Einsicht der Völker der Welt, dass sie alle Bewohner desselben globalen Heimatlandes sind, wie groß auch die Unterschiede zwischen ihnen sein mögen.
Die »Einheit in der Freiheit« ist heute natürlich zu einem gemeinsamen Ziel aller Erdenbewohner geworden. Unter den Entwicklungen, die dieses Ziel vor allem vorantreiben, könnte der Meister hauptsächlich an das rasche Ende des Kolonialismus gedacht haben und die daraus folgende Selbstbestimmung, die gegen Ende des Jahrhunderts ein wesentliches Kennzeichen nationaler Identität geworden war.
Was auch immer die Zukunft der Menschheit noch bedrohen mag: die Welt hat sich durch die Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts verändert. Dass die Kennzeichen dieses Wandlungsprozesses von der Stimme Dessen beschrieben wurden, der ihn so zuversichtlich vorhersagte, sollte aufmerksame Menschen überall veranlassen, gründlich darüber nachzudenken.


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Die im sozialen und ethischen Leben der Menschheit errungenen Veränderungen wurden nachdrücklich durch eine Rei­he internationaler Zusammenkünfte bekräftigt, die die Vereinten Nationen zum Ende des alten und zu Beginn des neuen Jahrtausends einberiefen. Auf Einladung des General­sekretärs der Vereinten Nationen, Kofi Annan, versammelten sich vom 22. bis zum 26. Mai 2000 Vertreter von über tau­send Nichtstaatlichen Organisationen in New York. In einer aus diesem Treffen hervorgegangenen Verlautbarung verpflichteten Sprecher der Zivilgesellschaft ihre Organisationen auf das Ideal, dass »... wir in all unserer Vielfalt nur eine Menschheitsfamilie sind, die in einem gemeinsamen Heimatland lebt und sich in eine gerechte, erhaltbare und friedliche Welt teilt, die von den universellen Prinzipien der Demokratie geleitet wird ...«172.
172 Generalversammlung der Vereinten Nationen, 54. Sitzung, TOP 49 (b), United Nations Reform Measures and Proposals: the Millennium Assembly of the United Nations, 8. August 2000 (Dokument Nr. A/54/959), S. 2 173 Commitment to Global Peace, Erklärung des Millennium–Weltfriedensgipfels der religiösen und geistigen Führer, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan am 29. August 2000 während einer Sitzung der Vollversammlung der Vereinten Nationen zum Millenniumsgipfel vorgelegt.

Kurz darauf kamen bei einem zweiten Treffen vom 28. bis zum 31. August zweitausend Führer der meisten Religions­gemeinschaften zusammen, ebenfalls im Sitz der Vereinten Nationen in New York. Die Internationale Bahá’í–Gemeinde war durch ihren Generalsekretär vertreten, der auch zu einer der Plenarveranstaltungen sprach. Der feierliche Aufruf der religiösen Führer der Welt an ihre Gemeinden, »das Recht auf Religionsfreiheit zu respektieren, Versöhnung zu suchen und sich für gegenseitige Vergebung und Heilung alter Wunden einzusetzen ...«173 musste jeden Beobachter tief beeindrucken.


Diese beiden Veranstaltungen bereiteten den Weg für den eigentlichen Millenniumsgipfel vom 6. bis 8. September am Sitz der Vereinten Nationen in New York. Die bei den Beratungen versammelten einhundertneunundvierzig Staats- und Regierungschefs waren bemüht, der Bevölkerung der vertretenen Nationen Hoffnung und Zuversicht zu geben. Besonders willkommen war die Einladung an einen Sprecher des Forums der Nichtregierungsorganisationen, beim Gipfeltreffen selbst die Gedanken und Bedenken des im Mai vorange­gangenen Treffens vorzustellen. Für die Bahá’í war es ebenso bedeutsam wie erfreulich, dass diese hohe Ehre dem Ständigen Vertreter der Internationalen Bahá’í–Gemeinde bei den Vereinten Nationen in seiner Eigenschaft als Co–Vorsitzendem des Forums zuteil wurde. Nichts könnte den Unterschied zwischen der Welt um 1900 und der um 2000 deutlicher machen als der Text der beim Gipfel verabschiedeten Resolution, die von allen Teilnehmern unterschrieben und der Generalversammlung der Vereinten Nationen vorgelegt wurde:
»Zu diesem historischen Anlass bestätigen wir feierlich, dass die Vereinten Nationen das unverzichtbare gemeinsame Haus der gesamten Menschheitsfamilie sind, mit deren Hilfe wir unser gemeinsames Streben nach Frieden, Zusammenarbeit und Entwicklung verwirklichen wollen. Wir geloben daher, diese Ziele vorbehaltlos zu unterstützen und sind fest entschlossen, sie zu erreichen.«174
174 Generalversammlung der Vereinten Nationen, 54. Sitzung, TOP 61 (b), The Millennium Assembly of the United Nations, 8. September 2000 (Dokument Nr. A/55/L.2), Abschnitt 32



Zum Abschluss dieser Reihe historischer Zusammenkünfte wandte Kofi Annan sich selbst mit überraschend deutlichen Worten an die versammelten Führer der Welt — mit Worten, in denen für viele Bahá’í die ernsten Mahnungen Bahá’u’lláhs an die inzwischen untergegangenen Könige und Kaiser die den heutigen Führern vorangingen, widerhallten: »Es liegt in Ihrer Macht und ist daher Ihre Verantwortung, die Ziele zu erreichen, die Sie sich gesetzt haben. Nur Sie können bestimmen, ob die Vereinten Nationen sich der Herausforderung gewachsen zeigen.«175
175 Die Ziele und Ergebnisse der drei Veranstaltungen zum Millennium, und die Beteiligung der Bahá’í–Gemeinde daran, wurden in einem Brief des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 24. September 2000 an alle Nationalen Geistigen Räte zusammengefasst.

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Trotz der historischen Bedeutung der Treffen und der Tatsache, dass die meisten politischen, gesellschaftlichen und religiösen Führer der Welt daran teilnahmen, erregte der Millenniumsgipfel doch in den wenigsten Ländern öffentliches Interesse. Zwar wurde über einige Veranstaltungen ausführlich in den Medien berichtet, doch spürten die meisten Leser oder Hörer die Skepsis, mit der die Journalisten das Thema behandelten, oder den zweifelnden, teils gar zynischen Unterton in vielen solcher Berichte. Dieser krasse Unterschied zwischen einer Veranstaltung, die mit Fug und Recht beanspruchen kann, einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit zu bezeichnen, einerseits, und dem Mangel an Begeisterung oder auch nur Interesse seitens der Bevölkerungen, die eigentlich ihre Nutznießer sein sollten, andererseits, war das vielleicht auffälligste Merkmal der Ereignisse zum Millennium. Dieser Unterschied zeigt deutlich die Tiefe der Krise, die die Welt am Ende des Jahrhunderts durchlebte und noch durchlebt, da die Prozesse des Aufbaus und des Zerfalls, die während der vergangenen hundert Jahre an Schubkraft gewannen, sich jetzt mit jedem neuen Tag zu beschleunigen scheinen.
Wer den visionären Erklärungen der Führer der Welt Glauben schenken will, kämpft gleichzeitig gegen zwei Phänomene an, die solche Zuversicht untergraben. Vom ersten ist hier schon ausführlich gesprochen worden. Die morali­schen Grundlagen der Gesellschaft sind zusammengebrochen, und der Großteil der Menschheit irrt ohne Orientie­rungspunkte in einer Welt umher, die mit jedem Tag bedrohlicher und unberechenbarer wird. Zu behaupten, dass dieser Prozess jetzt bald zu Ende sei, würde nur falsche Hoffnungen wecken. Man kann zwar anerkennen, dass es ernsthafte politische Bemühungen gibt, dass weiterhin beeindruckende wissenschaftliche Fortschritte erzielt werden oder dass sich die wirtschaftlichen Bedingungen für einen Teil der Menschheit tatsächlich bessern — all das jedoch, ohne dar­aus auch nur die leiseste Hoffnung auf ein sicheres Leben für sich selbst oder, noch viel wichtiger, für das unserer Kinder schöpfen zu können. Enttäuschung, die, wie Shoghi Effendi warnte, die zunehmende Korrumpierung der Politik bei der Masse der Menschheit auslösen würde, ist heute weitverbreitet. Ausbrüche von Gesetzlosigkeit ziehen sich in vielen Staaten wie Seuchen durch Stadt und Land. Das Versagen gesellschaftlicher Kontrolle, der Versuch, selbst die extrem­sten Formen abnormen Verhaltens als gerechtfertigt zu entschuldigen, und die fast überall verbreitete Verherrlichung von Gewalt in der Kunst und den Medien — diese und ähnliche Symptome eines Zustands, der moralischer Anarchie gleichkommt, zeichnen ein äußerst düsteres Bild unserer Zukunft. Vor diesem desolaten Hintergrund versucht die intellektuelle Mode unserer Zeit aus bitterer Not eine Tugend zu machen und bezeichnet sich selbst und ihre Aufgabe als »Dekonstruktivismus«.
Die zweite der beiden Entwicklungen, die den Glauben an die Zukunft untergraben, war Gegenstand einiger der hitzigsten Debatten des Gipfels. Die informationstechnologische Revolution, die die Erfindung des World Wide Web im letzten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts mit sich brachte, hat viele Lebensbereiche unumkehrbar verändert. Der Prozess der »Globalisierung«, der über mehrere Jahrhunderte einer langsam ansteigenden Kurve gefolgt war, wurde nun durch neue Kräfte in einer Weise beschleunigt, die die meisten Menschen sich nicht vorzustellen vermochten. Wirtschaftliche Kräfte, die sich jetzt von den Begrenzungen der Vergangenheit frei machten, brachten im letzten Jahrzehnt ein globales System hervor, in dem Reichtum neu umrissen, geschaffen und verteilt wurde. Wissen selbst wurde schnell wertvoller als sogar Kapital und Rohstoffe. In erstaunlich kurzer Zeit wurden Ländergrenzen, die sowieso schon brüchig geworden waren, durchlässig, so dass heute auf ein Computersignal hin sofort große Geldbeträge hindurchfließen können. Komplexe Produktionsverfahren wurden so restrukturiert, dass die geeignetsten Anbieter weltweit integriert werden können, gleich in welchem Land sie sich befinden. Rein materiell gesehen ist die Erde in gewisser Weise schon jetzt »ein Land«, und als Konsumenten sind die Bewohner der verschiedenen Staaten die »Bürger« dieses Landes.
Doch geht der Wandel weit über solch wirtschaftliche Aspekte hinaus. Die Globalisierung nimmt zunehmend politische, soziale und kulturelle Dimensionen an. Die Macht des Nationalstaates, einst Herr und Beschützer der Geschicke der Menschen, ist offensichtlich stark angeschlagen. Zwar spielen die Regierungen der einzelnen Staaten noch immer eine maßgebliche Rolle, doch müssen sie jetzt neu aufstrebenden Machtzentren wie multinationalen Gesellschaften, Einrich­tungen der Vereinten Nationen, Nichtstaatlichen Organisationen aller Art und gigantischen Medienkonzentrationen Platz einräumen, deren Zusammenarbeit entscheidend für den Er­folg der meisten Programme mit bedeutenden wirtschaftlichen oder sozialen Zielen ist. So wie der Kapitalfluss oder die Verlagerung von Produktionsstätten kaum noch durch Ländergrenzen behindert wird, können sie auch die Verbrei­tung von Wissen und Kenntnissen nicht mehr nennenswert kontrollieren. Das Internet — das in Sekunden den Inhalt ganzer Bibliotheken übertragen kann, die zusammenzustellen es Jahrhunderte gebraucht hatte — bereichert das intellektuelle Leben eines jeden, der es zu benutzen weiß, ganz beträchtlich, und bietet außerdem die Möglichkeit gut fundierter Ausbildung in einer breiten Palette von Berufen. Dieses System, das Shoghi Effendi sechzig Jahre zuvor so prophetisch vorausgesehen hatte, schafft unter seinen Nutzern ein Gefühl von Gemeinschaft, das keinen Raum mehr lässt für geographische Entfernungen oder kulturellen Abstand.
Die Vorteile für viele Millionen Menschen sind augenfällig und eindrucksvoll. Kosteneffizienz durch Koordinierung ehemals wettstreitender Geschäftsinteressen macht jetzt Güter und Dienstleistungen Bevölkerungsgruppen zugänglich, die zuvor nicht hoffen konnten, in ihren Genuss zu kommen.
Eine gewaltige Zunahme an Mitteln, die für Forschung und Entwicklung zur Verfügung stehen, vervielfältigt ihren Nutzen und steigert ihre Qualität. Dass Geschäftsunternehmen ihre Standorte leicht von einem Teil der Welt in einen ande­ren verlegen können, bewirkt einen gewissen Ausgleich in der Verteilung von Arbeitsplätzen. Das Niederbrechen der Schranken im transnationalen Handel macht die Güter für den Verbraucher noch erschwinglicher. Aus Bahá’í–Sicht ist leicht vorstellbar, welches Potential diese Veränderungen haben, um den Boden für die in den Schriften Bahá’u’lláhs vorausgesehene Weltgesellschaft zu bereiten.
Allerdings stimmt die Globalisierung nicht überall optimistisch, vielmehr sehen immer mehr Menschen auf der ganzen Welt in ihr die größte Bedrohung für unsere Zukunft. Die Ausschreitungen während der Konferenzen der Welthandelsorganisation, der Weltbank und des Internationalen Wäh­rungsfonds in den letzten Jahren zeigen, wie tief Angst und Vorbehalte angesichts der fortschreitenden Globalisierung sitzen. Medienberichte über diese unerwarteten Ausbrüche machten die Öffentlichkeit auf Proteste gegen die grobe Ungerechtigkeit bei der Verteilung von Privilegien und Möglichkeiten aufmerksam, die man durch die Globalisierung nur wachsen sieht, und auf Warnungen, dass die Folgen, wenn man nicht schnellstens wirksame Kontrollen einführt, katastrophal sein werden, sowohl in sozialer und politischer, als auch in ökonomischer und ökologischer Hinsicht.
Solche Bedenken scheinen begründet zu sein. Allein schon wirtschaftliche Statistiken zeigen ein Bild der auf der Welt herrschenden Bedingungen, das zutiefst beunruhigt. Die immer breiter werdende Kluft zwischen dem Fünftel der Weltbevölkerung, das in den Ländern mit dem höchsten Einkommen lebt, und dem Fünftel, das in den Ländern mit dem niedrigsten Einkommen lebt, illustriert das schonungslos. Laut des vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen 1999 veröffentlichten Entwicklungsberichtes klaffte die Kluft 1990 im Verhältnis sechzig zu eins auseinander. Das heißt, ein Fünftel der Weltbevölkerung verfügte über sechzig Prozent des Reichtums in der Welt, während ein anderes Fünftel mit nur einem Prozent dieses Reichtums kaum überleben konnte. Bis 1997 hatte sich das Verhältnis im Zuge der schnell voranschreitenden Globalisierung in nur sieben Jahren auf vierundsiebzig zu eins verschärft. Und diese erschreckenden Zahlen berücksichtigen noch nicht die unaufhaltsame Verarmung der meisten der übrigen Milliarden Menschen, die sich auf dem erbarmungslos schmaler werdenden Grat zwischen den beiden Extremen drängen. Das Problem ist noch lange nicht unter Kontrolle, sondern spitzt sich eindeutig zu. Was das für die Zukunft der Menschheit bedeutet — Not und Verzweiflung, die über zwei Drittel der Erdbevölkerung erfassen —, lässt das Desinteresse am Millenniumsgipfel und der dort gefeierten Errungenschaften verstehen, obwohl sie eigentlich unter jedem vernünftigen Gesichtspunkt als historisch anzusehen sind.
Globalisierung an sich ist ein Wesensmerkmal der Evolution der menschlichen Gesellschaft. Sie hat eine sozioökonomische Kultur hervorgebracht, die auf der praktischen Ebene die Welt ist, in der die Menschheit im jetzt beginnenden Jahrhundert ihre Ziele verfolgen wird. Jeder objektive Beobachter mit Urteilsvermögen wird anerkennen, dass beide gegensätzlichen Reaktionen auf diese Tatsache in gewisser Weise gerechtfertigt sind. Die Vereinigung der Menschheit, die im Feuer der Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts geschmiedet wurde, ist eine Wirklichkeit, die mit jedem neuen Tag atemberaubende Möglichkeiten eröffnet. Und noch einer weiteren Wirklichkeit kann der ernsthafte Denker sich nicht verschließen: Die Gerechtigkeit ist das einzige Werkzeug, das diese großartigen Möglichkeiten für den Fortschritt der Zivilisation nutzbar machen kann. Man muss kein Prophet sein um zu erkennen, dass das Schicksal der Menschheit im jetzt beginnenden Jahrhundert bestimmt wird durch das Verhältnis, das zwischen diesen beiden dem historischen Prozess zugrundeliegenden Kräften begründet wird: Einheit und Gerechtigkeit als untrennbare Prinzipien.



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Aus der Sicht der Lehren Bahá’u’lláhs ist die größte Gefahr, die die Wertekrise einerseits und die mit der Globalisierung in ihrer heutigen Form einhergehende Ungerechtigkeit andererseits mit sich bringt, dass sich eine philosophische Haltung festsetzt, die diese Missstände zu rechtfertigen und zu entschuldigen sucht. Der Sturz der totalitären Systeme des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutet nicht das Ende jeglicher Ideologie. Im Gegenteil. Nie gab es in der Welt eine Gesellschaft — wie pragmatisch, experimentierfreudig und vielgestaltig auch immer —, die ihren Antrieb nicht aus einer ihr zugrunde liegenden Interpretation der Wirklichkeit gewon­nen hätte. Ein solches Denksystem regiert heute praktisch unangefochten auf dem ganzen Planeten unter der Bezeichnung »westliche Zivilisation«. Philosophisch und politisch präsentiert es sich als eine Art liberaler Relativismus, wirtschaftlich und sozial als Kapitalismus — zwei Wertesysteme, die sich inzwischen so aufeinander abgestimmt haben und sich gegenseitig so verstärken, dass sie im Grunde zu einer einzigen umfassenden Weltanschauung geworden sind.
Mag man auch Vorteile der westlichen Zivilisation — die persönliche Freiheit, den gesellschaftlichen Wohlstand und den wissenschaftlichen Fortschritt, die eine beachtliche Minderheit der Weltbevölkerung genießt — anerkennen, so muss doch ein denkender Mensch einsehen, dass das System mora­lisch und intellektuell am Ende ist. Was es konnte, hat es zum Fortschritt der Zivilisation beigetragen, wie auch seine Vorläufer, und wie diese ist es nun ebenfalls machtlos, den Bedürfnissen einer Welt gerecht zu werden, welche die Visionäre des achtzehnten Jahrhunderts sich niemals hätten aus­malen können, wenn sie sich auch von den meisten ihrer einzelnen Merkmale eine Vorstellung machten. Shoghi Effendi hatte nicht nur Monarchien von Gottes Gnaden, etablierte Kirchen oder totalitäre Systeme im Sinn, als er bohrend fragte: »Warum sollten sie in einer Welt, die dem unabänderlichen Gesetz des Wandels und des Verfalls unterliegt, von der Entartung verschont bleiben, die alle menschlichen Einrichtungen zwangsläufig ereilt?«176
176 Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 69



Bahá’u’lláh hält die, die an Ihn glauben, an, »mit eigenen Augen [zu] sehen, nicht mit denen anderer, und durch die eigene Erkenntnis Wissen [zu] erlangen, nicht durch die dei­nes Nächsten«177. Was sich den Bahá’í unseligerweise in der heutigen Gesellschaft zeigt, ist die zügellose Ausbeutung der Massen der Menschheit aus einer Gier heraus, die sich mit dem Wirken »anonymer Kräfte des Marktes« entschuldigt. Überall sehen sie, dass die für die Zukunft der Menschheit so lebenswichtigen moralischen Grundlagen zerstört sind durch maßlose Hemmungslosigkeit unter dem Deckmantel der »Redefreiheit«. Täglich müssen sie gegen den Druck eines dogmatischen Materialismus ankämpfen, der beansprucht, die Stimme der »Wissenschaft« zu sein, und aus dem intellektuellen Leben systematisch alle Impulse auszuschließen sucht, die von der geistigen Ebene des menschlichen Bewusstseins kommen.
177 Die Verborgenen Worte, arab. 2

Für einen Bahá’í aber sind die wirklich wichtigen Fragen des Lebens die geistigen. Die Sache Gottes ist keine politische Partei oder Ideologie, und noch viel weniger ein Werkzeug politischer Agitation gegen das eine oder andere gesellschaftliche Übel. Der Wandlungsprozess, den die Sache Gottes in Gang gesetzt hat, kommt durch einen grundlegenden Bewusstseinswandel voran, und die Herausforderung, vor die sie jeden ihrer Diener stellt, ist, sich loszulösen von der Bindung an überkommene Ansichten und Wunschvorstellungen, die mit dem Willen Gottes für das Reifealter der Menschheit unvereinbar sind. Gerade die Verzweiflung angesichts von Zuständen, die das Gewissen verletzen, kann im Prozess der geistigen Befreiung hilfreich sein. Letztlich wird diese Desillusionierung einen Bahá’í zur Erkenntnis jener Wahrheit bringen, die in den Schriften des Glaubens immer wieder hervorgehoben wird:
»Er hat auf der ganzen Welt die Herzen Seiner Diener auserwählt und jedes zu einem Thron für die Offenbarung Seiner Herrlichkeit gemacht. So heiligt sie denn von jeder Befleckung, damit ihnen das eingeprägt werde, wofür sie erschaffen wurden.«178
178 Bahá’u’lláh, Ährenlese 136:5

Kapitel: 12

Der erste Satz des Johannesevangeliums: »Im Anfang war das Wort ...« — fasziniert seit zweitausend Jahren seine Leser. Weiter spricht die Passage bestechend klar und einfach eine geistige Wahrheit aus, die in allen Offenbarungsreligionen von zentraler Bedeutung ist und sich bei allen in der Geschichte aufeinander folgenden Kulturen immer wieder bestätigt hat: »Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht ...«179 Die verheißene Manifestation Gottes erscheint; um dieses Zentrum des geistigen Lebens und der Autorität entwickelt sich eine Gemeinde von Gläubigen; ein neues Wertesystem richtet Bewusstsein und Verhalten neu aus; Künste und Wissenschaften zeigen sich empfänglich; Gesetze und die gesellschaftliche Ordnung werden neu strukturiert. Langsam aber unaufhaltsam blüht eine neue Kultur auf, die so sehr die Ideale von Millionen von Menschen verkörpert und ihre Fähigkeiten einbindet, dass sie wirklich eine neue Welt darstellt — eine Welt, die für jene, die in ihr »leben ... bewegt [werden] und ... ihr Sein [haben]«180 weit wirklicher ist als die irdischen Grundlagen, auf denen sie ruht. Während der folgenden Jahrhunderte hängen Zusammenhalt und Selbstvertrauen der Gesellschaft weiter von jenem geistigen Impuls ab, der ihr Leben gab.
179 Johannes 1:1,10 180 Bahá’u’lláh, Kitáb–i–Íqán 31

Mit dem Erscheinen Bahá’u’lláhs vollzieht sich dieses Phänomen von neuem — dieses Mal in einer Dimension, die alle Erdenbewohner umfasst. Die Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts können als erste Stufen jener umfassenden Transformation der Gesellschaft angesehen werden, die durch eine Offenbarung in Gang gesetzt wurde, von der Bahá’u’lláh schreibt:
»Ich bezeuge: Kaum war das Erste Wort kraft Deines Willens und Deines Ratschlusses von Seinem Munde ausgegangen ... da war die ganze Schöpfung umgewälzt; alle in den Himmeln und alle auf Erden wurden bis tief ins Herz aufgewühlt. Jenes Wort erschütterte die Wirklichkeit alles Erschaffenen; es schied, trennte, verstreute, verknüpfte und vereinte sie wieder, um in der Welt des Zufalls wie im himmlischen Reich Wesen einer neuen Schöpfung ans Licht zu bringen und in den Reichen des Unsichtbaren die Zeichen Deiner Einheit und Einzigkeit zu offenbaren.«181
181 Gebete und Meditationen 178:3


Shoghi Effendi beschreibt diesen Prozess der Einigung der Welt als den »Größeren Plan« Gottes, der sich weiter entfalten und an Stärke und Schubkraft zunehmen wird, bis die Menschheit in einer globalen Gesellschaft vereint ist, die den Krieg geächtet und die Verantwortung für ihr gemeinsames Schicksal übernommen hat. Die Kämpfe des zwanzigsten Jahrhunderts haben den für die göttliche Absicht notwendigen grundlegenden Richtungswandel bewirkt. Dieser Richtungswandel ist unumkehrbar. Es gibt keinen Weg zurück zum früheren Stand der Dinge, so sehr einige von Zeit zu Zeit auch versucht sein mögen, einen solchen zu suchen.
Die Bedeutung dieses historischen Durchbruchs wird keineswegs dadurch geschmälert, dass der Prozess gerade erst begonnen hat. Zu gegebener Zeit, so erklärte Shoghi Effendi, muss er zur Vergeistigung des menschlichen Bewusstseins führen und zur Entstehung einer Weltkultur, die den Willen Gottes verkörpert. Allein schon, indem man das Ziel nennt, räumt man ein, dass der Weg, den die Menschheit bis dorthin noch zurücklegen muss, weit ist. Der Wandel im Denken sowie die politischen und sozialen Veränderungen der letzten hundert Jahre wurden gegen den erbitterten Widerstand aller Gesellschaftsgruppen, Herrscher und Beherrschte gleichermaßen, erreicht. Im Grunde waren unermessliche Leiden der dafür zu zahlende Preis. Man muss davon ausgehen, dass die kommenden Herausforderungen einen noch höheren Preis von einer Menschheit fordern, die sich mit aller Macht gegen den geistigen Gehalt der Erfahrung, die sie durchlebt, verschließt. Shoghi Effendis Worte über die Folgen solcher Verstocktheit von Herz und Verstand lesen sich ernüchternd:

»Unvorstellbar schreckliche Not, ungeahnte Krisen und Aufstände, Krieg, Hunger und Pestilenz mögen sich wohl vereinen, um in die Seele eines achtlosen Geschlechts jene Wahrheiten und Grundsätze einzugraben, die anzuerkennen und zu befolgen es verschmäht hat.«182
182 Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 281



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Kaum ein Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts war verstrichen, als der Hüter die Anhänger Bahá’u’lláhs zu einem Ver­ständnis der Sache Gottes aufrief, das über alles hinausging, was sie sich bisher vorgestellt hatten. Der Glaube hatte einen Punkt erreicht, so sagte er, an dem er »aufgehört [hat], sich als eine Bewegung zu verstehen, als eine Bruderschaft oder dergleichen«, Bezeichnungen, die vielleicht angemessen waren, als die Botschaft erstmals im Westen verkündet wurde, die nun aber »seinem stetig sich entfaltenden System grobes Unrecht getan haben«183. Sogar den Begriff »Religion« im üblichen Sinn wies der Hüter als unzutreffend zurück, und erklärte:
183 Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, S. 285



»Vielmehr beweist der Glaube Bahá’u’lláhs nunmehr mit sichtbarem Erfolg seinen Anspruch und sein Anrecht auf An­erkennung als eine Weltreligion, dazu bestimmt, in der Fülle der Zeit die Stellung eines weltumfassenden Gemeinwesens einzunehmen, das gleichzeitig Werkzeug und Hüter des von seinem Begründer angekündigten Größten Friedens ist.«184
184 a. a. O., S. 286


Im Laufe des Jahrhunderts setzte dieselbe schöpferische Macht, welche einem Grossteil der Menschheit ihre Einheit bewusst machte, allmählich auch die der Sache Gottes inne­wohnenden Kräfte frei und eröffnete ihr eine neue Rolle im Leben der Menschen. Während der ersten beiden Jahrzehnte des Jahrhunderts wurden unter der liebevollen Obhut des Meisters die geistigen und administrativen Grundlagen gelegt, die notwendig waren, um Bahá’u’lláhs Absicht zu verwirklichen. Auf diesem Fundament aufbauend vervollkommnete Shoghi Effendi während der sechsunddreißig Jahre seiner eigenen Amtszeit — und den anschießenden sechs Jahren, in denen sein Zehnjahresplan die Bemühungen der Gemeinde lenkte — den administrativen Apparat, der erforderlich war, um den Göttlichen Plan voranzubringen. Als das Universale Haus der Gerechtigkeit im Jahre 1963 errichtet worden war, brachen die Bahá’í in der ganzen Welt zur ersten Etappe einer langwierigen Mission auf: die geistige Stärkung aller Menschen auf Erden als Protagonisten ihres eigenen Fortschritts. Am Ende des Jahrhunderts hatte diese gewaltige Anstrengung eine Gemeinde hervorgebracht, die die Vielfalt der Menschheit repräsentiert, die geeint ist in Glauben und Treue, und die dem Aufbau einer Weltgesellschaft verpflichtet ist, welche die geistige und sittliche Vision ihres Stifters auf Erden widerspiegeln wird.
Dieser Prozess wurde unermesslich gestärkt, als 1992 die langersehnte, ausführlich kommentierte erste englischsprachige Ausgabe des Kitáb–i–Aqdas erschien, eine Quelle göttlicher Führung für das Reifealter der Menschheit. Die zügig vorgenommenen Übersetzungen ermöglichten den Anhängern des Glaubens auf der ganzen Welt schon bald den Zugang zu einem Buch, das von seinem Autor beschrieben wird als »der Morgen göttlichen Wissens, so ihr zu denen gehört, die verstehen, und der Dämmerort der Befehle Gottes, so ihr zu denen gehört, die begreifen«185.
185 Bahá’u’lláh, Der Kitáb–i–Aqdas 186

Außer der Erkenntnis der Manifestation Gottes durch die Seele flößt nichts dem menschlichen Bewusstsein — des Einzelnen wie der Gemeinschaft — solche Zuversicht und Lebenskraft ein wie die
Macht moralischer Gewissheit. Im Kitáb–i–Aqdas werden Gesetze, die wesentlich für das persönliche wie für das gemeinschaftliche Leben sind, neu formuliert im Kontext einer Gesellschaft, welche die Menschheit in ihrer ganzen Vielfalt umfasst. Neue Gesetze und Begriffe wenden sich an die neuen Bedürfnisse einer Menschheit, die dabei ist, in ihr gemeinsames Reifealter einzutreten. »O Völker der Erde!«, so der Aufruf Bahá’u’lláhs, »Gebt auf, was ihr besitzet, und erhebt euch auf den Schwingen der Loslösung über alles Erschaffene. So gebietet euch der Herr der Schöpfung, der durch die Bewegung Seiner Feder der Menschheit Seele verwandelt.«186
186 a. a. O. 54


Dass der Glaube all den Angriffen, denen er ausgesetzt war, erfolgreich standhielt, ist ein Aspekt, der jedem, der die Entwicklung des Glaubens während der letzten hundert Jahre beobachtet, besonders auffallen muss. Wie schon zur Wirkungszeit des Báb und Bahá’u’lláhs gab es immer wieder Gesellschaftsgruppen, denen entweder der Aufstieg der neuen Religion missfiel oder denen die Prinzipien, die sie lehrt, Angst machten, und die alles in ihrer Macht Stehende ver­suchten, um sie zu vernichten. Kaum ein Jahrzehnt im zwan­zigsten Jahrhundert, das nicht derartige Versuche erlebt hätte — von den blutigen Verfolgungen durch die schiitische Geistlichkeit und den schamlosen Lügen, die ihr christliches Pendant ausbrütete und verbreitete, über systematische Unterdrückung durch verschiedene totalitäre Regierungen, bis hin zu den Unaufrichtigen, Ehrgeizigen oder Böswilligen unter den erklärten Anhängern des Glaubens, die ihre Treuepflicht gegenüber Bahá’u’lláh brachen. Nach menschlichem Ermessen hätte die Sache Gottes so mächtigem Widerstand, der in der jüngeren Geschichte ohnegleichen ist, erliegen müssen. Sie erlag ihm aber keineswegs, sondern blühte auf. Ihr Ansehen wuchs, die Zahl ihrer Anhänger vervielfachte sich, ihr Einfluss überstieg die kühnsten Träume früherer Bahá’í–Generationen. Verfolgungen trieben die Gläubigen nur weiter an in ihren Bemühungen. Verleumdungen bewirkten, dass sie ein reiferes Verständnis der Geschichte des Glaubens und seiner Lehren zu erlangen suchten. Und Bundesbruch entfernte — wie der Meister und der Hüter es verheißen hatten — aus den Reihen der Gläubigen nur solche, deren Verhalten und Ansichten den Glauben anderer geschwächt und den Fortschritt behindert hatten. Könnte die Sache Gottes auch keinen anderen Beweis für die sie erhaltenden Kräfte erbringen, wäre allein diese Kette von Siegen Beweis genug.


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Drei Jahre vor seinem Hinscheiden nahm Shoghi Effendi den Erwerb des letzten Grundstücks, das zur Errichtung des Internationalen Archivgebäudes benötigt wurde, zum Anlass, der Bahá’í–Welt Wesen und Bedeutung des Bauprojektes am Hang des Karmel zu erklären, welches der Meister begonnen hatte und er selbst nun weiterführte:
»Diese Bauwerke werden in einem weithin geschwungenen Bogen und in einem harmonischen architektonischen Stil die Ruheplätze des Größten Heiligen Blattes ... ihres Bruders ... und beider Mutter ... umgeben. Die schließliche Vollendung dieses gewaltigen Unternehmens wird den Gipfel der Entwicklung einer weltweiten göttlich eingesetzten Gemeindeordnung kennzeichnen, deren Beginn sich bis in die letzten Jahre des Heroischen Zeitalters des Glaubens zurückverfolgen lässt.«187
187 Hüterbotschaften, S. 51f.

Im letzten Jahr des zwanzigsten Jahrhunderts wurde der gegenwärtige Abschnitt dieses ambitionierten Unternehmens erfolgreich abgeschlossen. Gläubige in der ganzen Welt trugen freigebig mit ihren Spenden dazu bei, die Vision Bahá’u’lláhs für diesen heiligen Ort zu verwirklichen, die Er in Seiner Tafel vom Karmel verkündet: »Frohlocke, denn Gott hat an diesem Tage Seinen Thron auf dir errichtet, hat dich zum Aufgangsort Seiner Zeichen und zum Tagesanbruch der Beweise Seiner Offenbarung gemacht.«188 In dem Komplex majestätischer Gebäude, die sich entlang des Bogens erhe­ben, und den Terrassengärten, die sich vom Fuße des Berges bis zu seinem Gipfel hinaufziehen, tritt die Sache Gottes, deren weltweiter Einfluss sich während des Jahrhunderts des Lichts immer weiter verbreitete, sichtbar, unleugbar in Erscheinung. Für aufgeschlossene Beobachter beginnt sich mit den Besucherscharen aus aller Herren Länder, die tagtäglich die Treppen und Wege entlangströmen, wie auch mit den zahlreichen Ehrengästen, die in den Empfangsräumen des Weltzentrums begrüßt werden, die zweitausenddreihundert Jahre alte Vision des Propheten Jesaja zu erfüllen: »Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen ...«189.
188 Botschaften aus ‘Akká 1:3
189 Jesaja 2, 2


Der Bahá’í–Glaube zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er eindeutig ein organisches Ganzes ist. Dieses Wesensmerkmal verkörpert das Prinzip der Einheit, das Kernstück der Offenbarung Bahá’u’lláhs, und kennzeichnet den Geist, der den Glauben erfüllt und ihn belebt. Als einziger Religion in der Geschichte ist es diesem Glauben gelungen, dem ständigen Pesthauch von Schisma und Spaltung standzuhalten, trotz wiederholter Angriffe auf diese Einheit. Der Erfolg der Gemeinde beim Lehren wird dadurch gewährleistet, dass das dabei eingesetzte Rüstzeug durch die Offenbarung selbst geschaffen wurde, dass die Stifter des Glaubens die Methoden für die Umsetzung des Göttlichen Planes selbst benannt ha­ben, und dieses Unternehmen anfangs bis ins Detail selbst leiteten. Durch die Bemühungen ‘Abdu’l–Bahás und des Hüters wurde der Berg Karmel im zwanzigsten Jahrhundert selbst Ausdruck dieser Wesenseinheit des Glaubens. Im Gegensatz zu anderen Weltreligionen sind das geistige und das administrative Zentrum der Sache Gottes an diesem Punkt der Erde untrennbar miteinander verbunden, seine leitenden Institutionen sind um den Schrein des Märtyrerpropheten angeordnet. Für viele Besucher zeugt selbst die Harmonie der verschiedenartigen Blumen, Bäume und Büsche in den Gärten, die den Schrein umgeben, von dem Ideal der Einheit in der Vielfalt, das sie in den Lehren des Glaubens so anziehend finden.
Nichts könnte das Ende dieses Jahrhunderts voller Errungenschaften deutlicher kennzeichnen als ein Ereignis, das die Gläubigen in der ganzen Welt in tiefe Trauer stürzte. In einer Botschaft vom 19. Januar 2000 gab das Universale Haus der Gerechtigkeit bekannt:
»In den frühen Morgenstunden des heutigen Tages wurde die Seele von Amatu’l–Bahá Rúhíyyih Khánum — Shoghi Effendis geliebter Gefährtin und letztes Bindeglied der Bahá’í–Welt zur Familie ‘Abdu’l–Bahás — aus der Enge dieses irdischen Daseins befreit ... Zwanzig Jahre inniger Verbindung mit Shoghi Effendi ließen seine Feder sie mit Worten ehren wie ›meine Gefährtin‹, ›mein Schutz und Schirm‹, ›meine unermüdliche Mitarbeiterin bei den schwierigen Aufgaben, die auf mir lasten‹.«
Als der erste Schock und die tiefe Trauer langsam nachließen, wurden die Freunde empfänglich für eine weitere der unerschöpflichen Gnadengaben Bahá’u’lláhs. Einer Persönlichkeit, deren langes Leben fast das ganze Jahrhundert währte, und deren unbezwingbarer Geist den Bahá’í während der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die Kraft zu Opfern und Anstrengungen gab, war es gegeben gewesen, die großartigen Siege zu erleben und mitzufeiern, zu denen sie so großartig beigetragen hatte.



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Als Bahá’u’lláh diejenigen, die Ihn erkannt haben, aufruft, die Botschaft vom Tage Gottes mit anderen zu teilen, bedient Er sich wiederum der Sprache der Schöpfung selbst: »Durch den Atem des Wortes Gottes müssen himmlische Seelen die toten Körper mit frischem Geist beleben.«190 Dieses Prinzip gilt, so erklärt ‘Abdu’l–Bahá, sowohl für das kollektive Leben der Menschheit insgesamt als auch für das Leben des Einzelnen: »Die materielle Zivilisation ist wie der Leib. Sei er auch noch so anmutig, elegant und schön, so ist er dennoch tot. Die göttliche Kultur ist wie der Geist; der Leib erhält sein Leben durch den Geist ...«191
190 In: Shoghi Effendi, Das Kommen göttlicher Gerechtigkeit, S. 129
191 Briefe und Botschaften 227:22


Diese bestechende Analogie bringt die Beziehung zwischen den beiden historischen Entwicklungen, die der Wille Gottes im Jahrhundert des Lichts auf zwei demselben Ziel zustrebenden Bahnen vorantrieb, klar zum Ausdruck. Wer nicht blind gegenüber der in der Menschheit angelegten intellektuellen und sozialen Kraft ist, und wer ihre schlimmen Nöte erkennt, der muss mit großer Genugtuung die Fortschritte zur Kenntnis nehmen, die die Gesellschaft in den letzten hundert Jahren gemacht hat, und ganz besonders jene Entwicklungen, die die Völker und Nationen der Welt mit­einander verknüpft haben. Wie viel mehr noch wissen die Bahá’í diese Leistungen zu schätzen, erkennen sie doch in ihnen die Absicht Gottes. Dieser Körper jedoch — die materielle Zivilisation der Menschheit — sehnt sich, schreit mit jedem Tag verzweifelter nach seiner Seele. Wie jede ältere große Zivilisation kann auch sie weder Frieden noch Gerechtigkeit finden, noch eine Einheit, die nicht nur auf Verhandlungen und Kompromissen beruht, ehe sie beseelt ist und ihre geistigen Kräfte geweckt sind. An die »gewählten Vertreter des Volkes in allen Ländern« schrieb Bahá’u’lláh:
»Die wirksamste Arznei, das mächtigste Mittel, das der Herr für die Heilung der Welt verfügt hat, ist die Vereinigung aller Völker in einer allumfassenden Sache, in einem gemeinsamen Glauben.«192
192 Ährenlese 120:1, 3


Die Sache Gottes hat daher im wesentlichen nicht die Aufgabe, zu unterstützen, zu ermutigen, ja nicht einmal Beispiel zu sein. Natürlich wird die Bahá’í–Gemeinde weiterhin auf jede mögliche Weise Bemühungen unterstützen, die der Einigung der Welt und der Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände dienen, doch derartige Beiträge sind für ihr Ziel nur zweitrangig. Ihr Ziel ist es, den Menschen der ganzen Welt dabei zu helfen, Herz und Verstand jener einen Kraft zu öffnen, die ihre tiefsten Sehnsüchte stillen kann. Niemand außer jenen, die selbst die Offenbarung Gottes erkannt haben, kann diese Hilfe leisten. Niemand kann glaubhaft bezeugen, dass tatsächlich eine Welt des Friedens und der Gerechtigkeit kommen wird, außer jenen, die, wenn auch unzulänglich, die Worte verstehen, mit denen die Stimme Gottes Bahá’u’lláh aufruft, sich zu erheben und Seine Mission zu erfüllen:
»Kannst du, o Feder, an diesem Tage einen anderen außer Mir entdecken? Was ist aus der Schöpfung und ihren Offenbarungen geworden? Was aus den Namen und ihrem Reich? Wohin ist alles Erschaffene — Sichtbares oder Unsichtbares — entschwunden? Was ist mit den verborgenen Geheimnissen des Alls und seinen Offenbarungen geschehen? Siehe, die ganze Schöpfung ist vergangen! Nichts ist geblieben außer Meinem Antlitz, dem Ewigbleibenden, dem Strahlenden, dem Allherrlichen.
Dies ist der Tag, an dem nichts außer dem Glanz des Lichtes wahrgenommen werden kann, das vom Angesicht Deines Herrn ausstrahlt, des Gnädigen, des Gütigen. Wahrlich, Wir haben kraft Unserer unwiderstehlichen, allunterwerfenden Herrschaft jede Seele verhauchen lassen. Dann haben Wir eine neue Schöpfung ins Leben gerufen als Zeichen Unserer Gnade für die Menschen. Ich bin wahrlich der Allgütige, der Altehrwürdige der Tage.«193
193 Ährenlese 14:4, 5


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LITERATUR
Primärquellen
BAHÁ’U’LLÁH
Ährenlese, Eine Auswahl aus den Schriften Bahá’u’lláhs, zusammengestellt und ins Englische übertragen von Shoghi Effendi, Hofheim 41999
Botschaften aus ‘Akká, Hofheim 1982
Gebete und Meditationen, Hofheim 31992
Der Kitáb–i–Aqdas, Das Heiligste Buch, Hofheim 2000
Der Kitáb–i–Íqán, Das Buch der Gewissheit, Hofheim 42000
Verborgene Worte — Worte der Weisheit, Hofheim 2001
DER BÁB Eine Auswahl aus Seinen Schriften, Hofheim 1991
‘ABDU’L–BAHÁ ‘Abdu’l–Bahá in Canada, o. O. 1962 ‘Abdu’l–Bahá in London, London 1982 Ansprachen in Paris, Hofheim 92000 Briefe und Botschaften, Hofheim 21998 Foundations of World Unity, Wilmette 1979 Das Geheimnis göttlicher Kultur, Oberkalbach 1973 Makátib–i–‘Abdu’l–Bahá (Briefe ‘Abdu’l–Bahás), Bd. 4, Teheran 1965 The Promulgation of Universal Peace, Talks Delivered by ‘Abdu’l–Bahá during
His Visit to the United States and Canada in 1912, Wilmette 21982
Sendschreiben zum göttlichen Plan, Hofheim 1989
Der Weltfriedensvertrag. Ein Brief an die Zentralorganisation für einen dauern-den Frieden, Hofheim 1988
SHOGHI EFFENDI Bahá’í Administration, Wilmette 1998 Citadel of Faith, Wilmette 1995 Gott geht vorüber, Hofheim 32001 Hüterbotschaften an die Bahá’í–Welt, (1952 – 1957), Frankfurt 1962 Das Kommen göttlicher Gerechtigkeit, Frankfurt 1969 Messages to America, Wilmette 1947 Messages to Canada, Thornhill 21999 Messages to the Bahá’í–World, 1950 – 1957, Wilmette 1995 Der verheißene Tag ist gekommen, Frankfurt 1967 Die Weltordnung Bahá’u’lláhs, Hofheim 1977
DAS UNIVERSALE HAUS DER GERECHTIGKEIT
Botschaften des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, 1963 – 1968, Bd. 1, Hof­heim 1981
Botschaften 1963 – 1996, in: Bahá’í–Literatur, CDROM–Publikation, Hofheim 1998
Die Verheißung des Weltfriedens. Eine Botschaft des Universalen Hauses der Gerechtigkeit an die Völker der Welt, Hofheim 21985
Kompilationen
Dokumente des Bündnisses. Bahá’u’lláh: Kitáb–i–‘Ahd, Das Buch des Bundes — ‘Abdu’l–Bahá: Das Testament, Hofheim 1989
The Establishment of the Universal House of Justice, compiled by the Research Department of the Universal House of Justice, Oakham 1984
Frauen, Aus den Bahá’í–Schriften zusammengestellt von der Forschungsabtei­lung des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, Hofheim 1986
Frieden, Eine Textzusammenstellung der Forschungsabteilung des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, Hofheim 1986

Der Gottesbund, Hofheim 21997
Bahá’í World Faith, Wilmette 1976
Sonstige Literatur
H. M. Balyuzi, ‘Abdu’l–Bahá — Der Mittelpunkt des Bündnisses Bahá’u’lláhs, 2 Bde., Hofheim 1983/84 The Bahá’í Centenary, 1844 – 1944, compiled by the National Spiritual Assembly
of the Bahá’ís of the United States and Canada, Wilmette 1944
The Diary of Juliet Thompson, Los Angeles 1983
Esslemont, John E., Bahá’u’lláh und das neue Zeitalter, Hofheim 61976
Hobsbawm, Eric, Age of Extremes: The Short Twentieth Century, 1914 – 1991, London 1995
Holley, Horace, Religion for Mankind, London 1956
Momen, Moojan (Hg.), The Bábí and Bahá’í Religions, 1844 – 1944: Some Con­
temporary Western Accounts, Oxford 1981
Nabíl–i–A‘zam, Nabíls Bericht. Aus den frühen Tagen der Bahá’í–Offenbarung, 3 Bde., Hofheim 1975, 1982, 1991
Rabbání, Rúhíyyih, Ministry of the Custodians, Haifa 1997
—, Die unschätzbare Perle, Hofheim 1982
The Bahá’í World, Bd. 3, New York 1930; Bd. 4, New York 1933; Bd. 10, Wil­mette 1949; Bd. 14, Haifa 1975; Bd. 15, Haifa 1976; Bd. 20, Haifa 1998



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