Read: 1986 Apr 22, -Entwicklung und Weltfrieden - Development Decade


Entwicklung und Weltfrieden*
Eine Erklärung der Internationalen Bahá’í-Gemeinde bei der zweiundvierzigsten Sitzungsperiode der Wirtschafts- und Sozialkommission für Asien und den Pazifik, Bangkok, Thailand, 22. April – 2. Mai 1986
Die Rückschau und Bewertung der internationalen Entwicklungsstrategie, die vom Sekretariat bei der 41. Sitzungsperiode von ESCAP vorgelegt wurde, behandelt ausführlich die bekannte Tatsache, daß die Verwirklichung vieler Ziele und Pläne des dritten Entwicklungsjahrzehnts der Vereinten Nationen bisher wenig vorangekommen ist. Zum Beispiel bleibt der Aufbau eines sich selbst in Gang haltenden Entwicklungsprozesses in den am wenigsten entwickelten Ländern, der sich garantiert auf allgemeine Beteiligung stützen kann, weiterhin eher eine Sehnsucht als eine Realität. Und ungeheure Ungleichheiten in Lebensstandard und Wohlstand bestehen weiterhin sowohl zwischen den Ländern innerhalb der asiatischen und pazifischen Region wie auch zwischen diesen und den mehr entwickelten Gebieten der Welt.
Es gibt genügend Gründe für diese Frage, die auch in einer Erklärung des internationalen Führungsgremiums des Bahá’í-Glaubens angesprochen wird, einer Erklärung, in der die politischen, sozialen, wirtschaftlichen und geistigen Erfordernisse zur Errichtung des Weltfriedens umrissen sind. Sie wurde vor kurzem aus Anlaß des Internationalen Jahres des Friedens veröffentlicht und erläutert, warum nach Ansicht der Bahá’í ein Großteil aller Völker “immer tiefer in Hunger und Elend versinkt, wenn den heutigen Sachwaltern der Gesellschaft Reichtum in einem Maße zur Verfügung steht, von dem die Pharaonen, die Caesaren oder selbst die imperialistischen Mächte des neunzehnten Jahrhunderts nicht hätten träumen können.”1
Wir möchten bei unserer Intervention einige der in dieser Erklärung genannten Punkte erläutern und auf dieser Grundlage aus der Bahá’í-Sicht einige Schritte empfehlen, mit deren Hilfe die Umsetzung der Strategie für das dritte Entwicklungsjahrzehnt sowie das gewichtige neue Arbeitsprogramm für die achtziger Jahre für die am wenigsten entwickelten Länder in der ESCAP-Region gefördert werden.
Die Bahá’í sind überzeugt, daß erfolgreiche Entwicklungsbemühungen von denen, die am Entwicklungsprozeß teilnehmen, vor allem den Sinn für das Mitmachen und die Zusammenarbeit verlangen. Das Fehlen dieses Sinnes für die gemeinsame Anstrengung – innerhalb örtlicher Gemeinden und Nationen oder unter Ländern – ist unserer Meinung nach der Hauptgrund für den begrenzten Erfolg des dritten Entwicklungsjahrzehnts und für den Fortbestand massiver wirtschaftlicher Ungleichheiten. Die Bahá’í glauben, daß die erforderliche höhere Ebene der Zusammenarbeit nur durch die aufrichtige Wertschätzung der Einheit der gesamten Menschheit hervorgebracht werden kann. Nur auf einer solchen Grundlage können die auf Nation, Rasse, Religion, Geschlecht oder anderes bezogenen Vorurteile, die eine entschlossene und unparteiische Entwicklungsarbeit behindern, ausgerottet werden. Die Bedeutung der Zusammenarbeit auf jeder Ebene wird in der Erklärung zum Frieden, auf die wir uns vorher bezogen, wie folgt unterstrichen:
Der krasse Unterschied zwischen arm und reich, eine Quelle heftigsten Leides, hält die Welt in einem Zustand der Instabilität am Rande des Krieges. Nur wenige Gesellschaften haben diese Situation erfolgreich gemeistert. Die Lösung erfordert die kombinierte Anwendung geistiger, moralischer und praktischer Mittel. Das Problem muß in einem Licht betrachtet werden; es bedarf der Beratung durch Experten aus einem breiten Spektrum von Fachbereichen, frei von wirtschaftlicher und ideologischer Polemik, unter Einbezug der von den dringend zu fällenden Entscheidungen direkt Betroffenen.2
Dieses Zitat wirft eine Anzahl Fragen zur Zusammenarbeit auf. Erstens sollte die Zusammenarbeit darauf ausgerichtet sein, das Leid der Menschen auszumerzen und für jeden die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse sicherzustellen. Wir stimmen der Entwicklungsstrategie, daß “der Entwicklungsprozeß die menschliche Würde fördern muߔ, voll und ganz zu. Nach Meinung der Bahá’í wurde der Mensch als edles Wesen von Gott erschaffen, und jeder Mensch hat das Recht und die Pflicht, nicht nur seine eigene Leistungsfähigkeit zu entfalten, sondern auch den Adel seines Charakters zu entwickeln, indem er sich für dieselbe Würde für andere Menschen einsetzt. Aus diesen Gründen glauben wir, daß auf die Verbesserung der schlimmen Lage der Ärmsten in den ESCAP-Ländern und die Ausweitung ihrer bereits vorhandenen Programme, die auf die Verbesserung von Gesundheit und Ernährung und die Verminderung der Kindersterberate ausgerichtet sind, ganz besonderer Nachdruck gelegt werden muß.
Zum zweiten ist der Bahá’í-Ansicht nach die enge Kooperation der örtlichen Bevölkerung, die sich in zusammenarbeitenden Gruppen und Organisationen zeigt, für den Erfolg von dauerhaften und unparteiischen Gemeindeentwicklungsbemühungen unbedingt erforderlich. Wir glauben, daß Entwicklung nur dann erfolgreich und selbsttragend sein kann, wenn sie die schöpferischen Kräfte, Fähigkeiten und Anregungen aller Männer und Frauen in Anspruch nimmt und sie dabei zum Wachsen bringt. Sie muß in erster Linie als lokaler Vorgang wirken und auf die uneingeschränkte Mitarbeit der Gemeindemitglieder an jedem Teil dieses Prozesses bauen. Die Entwicklung einer gesunden Lokalwirtschaft durch Einbeziehen der Gemeinde würde das Problem der Arbeitslosigkeit und der Abwanderung in die Städte, das viele Länder der asiatischen und pazifischen Region weiterhin belastet, verringern helfen. Unsere Überzeugung, daß das System der allgemeinen Teilnahme erfolgreich sein kann, beruht auf praktischen Erfahrungen, die Bahá’í-Gemeinden in dieser Region bei Projekten gewonnen haben, die auf örtlicher Beteiligung und Initiative basierten.
Zum dritten sind wir überzeugt, daß die Frauen aktiv an diesem örtlichen Entwicklungsprozeß teilnehmen müssen. Daher begrüßen wir solche Initiativen wie das Projekt für Frauen in der Landwirtschaft in Asien, das im letztjährigen Bericht über die Aktivitäten des Sekretariats zur Unterstützung des gewichtigen neuen Arbeitsprogramms geschildert wird. Wir Bahá’í glauben außerdem, daß im Rahmen der hohen Priorität, die allen Erziehungsbemühungen gewährt werden sollte, der Bildung von Frauen und Mädchen höchste Priorität eingeräumt werden muß, und zwar deshalb, weil – wir zitieren wiederum aus der Friedenserklärung – “durch gebildete Mütter der Nutzen des Wissens am wirksamsten und schnellsten die Gesellschaft durchdringen kann.”3 Ferner bildet die auf einen solchen Kernpunkt ausgerichtete Erziehung eine wesentliche Komponente, um das Selbstvertrauen und die Unabhängigkeit von fremder Hilfe auf örtlicher Ebene zu steigern, weil die Frauen ein entscheidendes, jedoch oft vernachlässigtes Element in der Familie und der lokalen Wirtschaft sind. Demnach schlagen wir vor, daß die ESCAP nach Möglichkeiten forscht, wie sie ihren Einsatz für die Ausbildung der Frauen in allen Wissensgebieten, einschließlich der Bereiche Gesundheit, Ernährung, Landwirtschaft, Handel und Gewerbe steigern und verbessern kann.
Nicht zuletzt ist zur Ausrottung der massiven Ungleichheit unter den Nationen, die die Welt noch immer aus dem Gleichgewicht bringt, die Zusammenarbeit zwischen den Ländern von entscheidender Bedeutung. Ein neues Maß an bewußter Anerkennung einer Weltgemeinschaft muß geschaffen werden, damit die entwickelten und die sich entwickelnden Länder willens werden, Zoll- und Handelsschranken zu beseitigen, die entwikkelten Länder ihre staatlichen Entwicklungshilfezusagen für die Strategieziele erfüllen und überbieten und die technisch fortgeschrittenen Nationen ihre Technologie und Sachkenntnis mit den weniger entwickelten Ländern teilen.
Wir meinen, daß das Entwickeln einer Kooperationshaltung in allen von uns angesprochenen Sachgebieten einen globalen Unterricht erfordert, der die Wahrheit vermittelt, daß die Menschheit eine Einheit ist. Die Erziehung in der Vorstellung von lokaler, nationaler und Welt-Bürgerschaft sollte bei den Entwicklungsbemühungen Priorität haben und auf alle Bereiche der Gesellschaft ausgerichtet sein. Eine steigende Zahl an von Bahá’í-Mitgliedern finanzierten Unterrichtsprogrammen in asiatischen und pazifischen Ländern und in anderen Staaten rund um die Welt bietet bereits Kindern aus allen Glaubensrichtungen und jedweder Herkunft ein solches Bildungssystem an.
Zum Abschluß möchten wir den bedeutsamen ESCAP-Bemühungen, die vereinbarten brauchbaren Entwicklungsstrategien aufeinander abzustimmen und zu fördern, unsere Anerkennung aussprechen. Die Bahá’í-Gemeinden in der Region werden fortfahren, den Zielen der Dekade in hohem Maße Vorrang einzuräumen, indem sie sich auf allen Ebenen für Zusammenarbeit und Entwicklung einsetzen.
* BIC-Dokument 86-0422: Development Decade
1 Die Verheißung des Weltfriedens, S. 17
2 Die Verheißung des Weltfriedens, S. 22
3 Die Verheißung des Weltfriedens, S. 24, 25



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