Read: 1995 Das Wohlergehen der Menschheit



UNIVERSALES HAUS DER GERECHTIGKEIT
Das Wohlergehen der Menschheit

_____________________________________________________________________________________________
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Office of Public Information

An alle Nationalen Geistigen Räte

Liebe Freunde,

Das zwanzigste Jahrhundert nähert sich seinem Ende und wir erleben eine markante Beschleunigung in den Bemühungen der Regierungen und Völker, ein gemeinsames Verständnis der die Menschheitszukunft berührenden Probleme zu erreichen. Die Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992, die Weltkonferenz für Menschenrechte in Wien 1993, die Internationale Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung in Kairo 1994, der anstehende Weltgipfel für Sozialentwicklung in Kopenhagen im März 1995 und die folgende 4. Weltfrauenkonferenz in Peking im September sind deutlich sichtbare Anzeichen für diese Beschleunigung. Diese Ereignisse sind Schlußsteine für die unzähligen Aktivitäten, die sich in allen Teilen der Welt abspielen und an denen sich eine breite Palette von Nicht-Regierungs-Organisationen und konzertierten Vereinigungen beteiligen, alle auf der drängenden Suche nach Werten, Ideen und praktischen Maßnahmen, welche die Aussichten auf eine friedliche Entwicklung aller Völker voranbringen können. Bei diesen Bemühungen wird die zunehmende Kraft sichtbar, die von der aufkommenden Einheit des Denkens in weltweiten Unternehmungen ausgeht, deren Verwirklichung unsere Heiligen Schriften als einen der Lichtstrahlen der Einheit bezeichnen, die den Weg zum Frieden erleuchten werden. Natürlich fühlen sich die Bahá'í in der ganzen Welt durch solche hoffnungsvollen Tendenzen ermutigt, und sie werden verstärkt fortfahren, sie moralisch und praktisch zu unterstützen, wo sich Gelegenheit dazu ergibt.

Angesichts der erhöhten Aufmerksamkeit, die den Problemen der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung seit dem Umweltgipfel in Brasilien geschenkt wurde, haben wir das Office of Public Information der Internationalen Bahá'í-Gemeinde gebeten, eine Erklärung über das Konzept globalen Wohlergehens gemäß den Bahá'í-Lehren zu verfassen. Dieses Statement steht jetzt für die Verteilung zur Verfügung. Wir freuen uns daher sehr, jedem von Ihnen ein Exemplar von »Das Wohlergehen der Menschheit« zu Verfügung zu stellen und empfehlen Ihnen, davon Gebrauch zu machen, wenn Sie Tätigkeiten unternehmen, die Ihnen die Möglichkeit geben, mit Regierungen, Organisationen und Menschen in Ihrem Umfeld Verbindungen aufzunehmen. Wir hoffen zuversichtlich, daß die Erklärung Sie auch darin unterstützt, das Verständnis dieses wichtigen Themas bei den Mitgliedern Ihrer Gemeinde zu vertiefen und so deren Beiträge zu den überall sich in der Welt abspielenden konstruktiven sozialen Prozessen mit Lebenskraft zu erfüllen.

Mit liebevollen Bahá'í-Grüßen, Das Universale Haus der Gerechtigkeit, 23. Januar 1995

Das Wohlergehen der Menschheit

Das Ideal des Weltfriedens nimmt heute konkrete Formen an, die vor einem Jahrzehnt noch undenkbar gewesen wären. Hindernisse, die lange für unverrückbar gehalten wurden, sind auf dem Pfade der Menschheit zusammengebrochen; scheinbar unversöhnliche Konflikte beginnen, einem Prozeß der Beratung und Entschlossenheit zu weichen; es wächst die Bereitwilligkeit, militärischen Aggressionen durch geeintes internationales Handeln zu begegnen. Dies bewirkte bei der überwiegenden Mehrheit der Menschheit und bei vielen führenden Persönlichkeiten der Welt große Hoffnung für die Zukunft unseres Planeten zu wecken, die schon fast erloschen schien.

In der ganzen Welt suchen gewaltige intellektuelle und geistige Energien ihren Ausdruck, Energien, deren geballter Druck in direktem Verhältnis zu den Frustrationen vergangener Jahrzehnte steht. Überall vervielfachen sich die Zeichen, daß die Völker der Welt sich nach einem Ende der Konflikte und der Leiden und Zerstörungen sehnen, von denen kein Land mehr verschont ist. Diese aufkommenden Impulse für einen Wandel müssen genutzt und in geeignete Bahnen gelenkt werden, damit die verbleibenden Hindernisse auf dem Wege zur Verwirklichung des uralten Traumes vom Weltfrieden überwunden werden. Die Willensanstrengung, die für solch eine Aufgabe erforderlich ist, kann nicht lediglich durch Aufrufe zu Maßnahmen gegen die zahllosen die Gesellschaft heimsuchenden Übel mobilisiert werden. Der zündende Ansporn muß aus einer Vision menschlichen Wohlergehens in der umfassenden Bedeutung des Wortes gewonnen werden - ein Bewußtwerden der Möglichkeiten des geistigen und materiellen Wohls, die nun in Reichweite sind. Alle Bewohner unseres Planeten müssen ohne Unterschied in den Genuß dieser Möglichkeiten kommen, ohne Bedingungen auferlegt zu bekommen, die in keinem Bezug zu den fundamentalen Zielen der Neuordnung der menschlichen Angelegenheiten stehen.

Die Geschichte hat bisher hauptsächlich die Erfahrung von Stämmen, Kulturen, Klassen und Nationen aufgezeichnet. Mit dem praktischen Zusammenwachsen der Völker der Erde in diesem Jahrhundert und der Anerkennung der gegenseitigen Abhängigkeit aller Menschen beginnt nun die Geschichte der Menschheit als der eines Volkes. Die langwierige Kultivierung des menschlichen Charakters war eine sporadische Entwicklung, ungleich und zugegebenermaßen ungerecht in der Verteilung von materiellen Vorteilen. Trotz allem sind jetzt alle Erdenbewohner, ausgestattet mit dem sich in zurückliegenden Zeitaltern entwickelten Reichtum an genetischer und kultureller Vielfalt, aufgerufen, ihr kollektives Erbe zu nutzen und bewußt und systematisch die Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft zu übernehmen.

Die Vorstellung ist unrealistisch, daß die Vision der nächsten Stufe in der Entfaltung der Zivilisation ohne eine sorgfältige Überprüfung der Haltungen und Voraussetzungen beschrieben werden kann, die gegenwärtig den Ansätzen von sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung zugrunde liegen. In erster Linie wird eine derartige Überprüfung praktische Bereiche wie Politik, Rohstoffnutzung, Planungsverfahren, Ausführungsmethoden und Organisation betreffen. Jedoch werden sich im weiteren Verlauf rasch Grundsatzfragen erheben, die sich auf die zu verfolgenden Langzeitziele, die erforderlichen sozialen Strukturen, die Konsequenzen bei der Entwicklung von Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit und das Wesen und die Rolle von Kenntnissen beziehen, die einen anhaltenden Wandel bewirken. Eine solche Überprüfung wird unweigerlich dazu führen, einen breiten Konsens über das Wesen des Menschen selbst finden zu müssen.

Zwei Diskussionsschienen eröffnen sich direkt auf all diese Fragen, seien sie praktischer oder konzeptioneller Art, und in diesem Sinne wollen wir auf den folgenden Seiten das Thema einer Strategie für globale Entwicklung untersuchen. Der erste befaßt sich mit den vorherrschenden Ansichten über Wesen und Zweck des Entwicklungsprozesses; der zweite handelt von den Rollen, die den verschiedenen Akteuren dabei zukommen.

Die gegenwärtige Entwicklungsplanung ist meistens von Voraussetzungen geleitet, die im wesentlichen materialistisch sind. Damit soll gesagt werden, daß der Zweck der Entwicklung in jeder Gesellschaft definiert wird als erfolgreichen Einsatz jener Mittel für die Erlangung materiellen Wohlstands, die bereits - durch Versuch und Irrtum - für bestimmte Regionen der Welt kennzeichnend geworden sind. Wohl gibt es in der Diskussion über Entwicklungsstrategien bereits Bestrebungen, Unterschieden der Kultur und des politischen Systems oder den Gefahren der Umweltzerstörung Rechnung zu tragen. Die zugrunde liegenden materialistischen Voraussetzungen bleiben jedoch im wesentlichen unbestritten.
Jetzt, da das 20. Jahrhundert sich seinem Ende zuneigt, ist es unübersehbar, daß der einer materialistischen Lebensauffassung entstammende Ansatz für eine soziale und wirtschaftliche Entwicklung unfähig ist, die Bedürfnissen der Menschheit zu befriedigen. Optimistische Voraussagen über die daraus resultierenden Veränderungen haben sich in dem sich ständig weitenden Graben verloren, der sich zwischen dem Lebensstandard einer kleinen und relativ weiter abnehmenden Minderheit der Weltbevölkerung und der Armut, unter der die große Mehrheit der Menschen leben muß, auftut.

Diese beispiellose Wirtschaftskrise und der durch sie mit verursachte soziale Zusammenbruch sind ein Zeichen für den folgenschweren Irrtum in der Auffassung über das wahre Wesen des Menschen. Die durch die leistungsbezogenen Anreize der vorherrschenden Ordnung in den Menschen erweckten Handlungskategorien sind nicht nur unangemessen sondern scheinen angesichts der Weltereignisse nahezu irrelevant. Sofern die Entwicklung der Gesellschaft nicht einen über die bloße Verbesserung der materiellen Bedingungen hinausgehenden Sinn findet, wird uns vor Augen geführt, daß sie selbst dieses Ziel nicht erreichen wird. Dieser Sinn muß in geistigen Dimensionen des Lebens und der Motivation gesucht werden, der jenseits einer sich ständig ändernden Wirtschaftslandschaft und einer künstlich auferlegten Teilung der menschlichen Gesellschaft in »entwickelt« und »sich entwickelnd« liegt.

In dem Maße wie der Sinn der Entwicklung neu definiert wird, wird es auch nötig werden, einen Blick auf die Voraussetzungen zu werfen, unter denen die Akteure in diesem Prozeß ihre angemessene Rolle spielen. Die entscheidende Aufgabe, die den Regierungen - auf welcher Ebene auch immer - zufällt, braucht nicht erörtert zu werden. Zukünftige Generationen jedoch werden die Tatsache fast unbegreiflich finden, daß in einem Zeitalter, das einer Philosophie der Gleichheit und entsprechenden demokratischen Prinzipien Tribut zollt, die Entwicklungsplanung in einer Weise geschehen soll, die die Mehrheit der Menschheit im wesentlichen als Empfänger von Wohltaten aus Hilfeleistung und Ausbildung sieht. Obgleich Beteiligung im Prinzip anerkannt wird, ist doch der Wirkungskreis in Entscheidungsprozessen, der der großen Masse der Weltbevölkerung zugestanden wird, bestenfalls zweitrangig und beschränkt auf die Wahlmöglichkeiten, die von Gremien vorgegeben werden, zu denen sie keinen Zugang haben und die Ziele betreffen, die oft mit ihrer eigenen Sicht der Realität nicht vereinbar sind.

Dieser Ansatz wird von den etablierten Religionen indirekt, wenn nicht gar ausdrücklich, gestützt. Gefangen in paternalistischen Traditionen, erscheint das vorherrschende religiöse Denken unfähig, aus dem erklärten Glauben an die geistige Natur des Menschen das Vertrauen in dessen kollektive Fähigkeit abzuleiten, materielle Bedingungen zu überschreiten.

Einer solchen Einstellung entgeht die Bedeutung der wahrscheinlich wichtigsten sozialen Erscheinung unserer Zeit. Wenn es zutrifft, daß die Regierungen der Welt sich mittels der Vereinten Nationen darum bemühen, eine neue globale Ordnung zu errichten, dann trifft auch zu, daß die Völker der Welt von der gleichen Vision ergriffen sind. Ihre Antwort hat die Gestalt eines plötzlichen Aufblühens zahlloser Bewegungen und Organisationen für sozialen Wandel auf örtlicher, regionaler und internationaler Ebene angenommen. Menschenrechte, das Hervortreten der Frauen, die sozialen Erfordernisse für eine anhaltende Wirtschaftsentwicklung, die Überwindung von Vorurteilen, die geistig-sittliche Erziehung der Kinder, Alphabetisierung, Gesundheitsvorsorge und unzählige andere höchst wichtige Fragen gebieten jede die dringende Unterstützung durch Organisationen, die von immer mehr Menschen in allen Teilen der Erde getragen werden.

Die Antwort der Menschen dieser Welt auf die schreienden Bedürfnisse unserer Zeit ist ein Widerhall des vor mehr als hundert Jahren von Bahá'u'lláh erhobenen Rufes: »Befaßt euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen«. Die Veränderung in der Art, wie eine große Zahl durchschnittlicher Menschen sich selbst zu sehen beginnt - ein Wandel, der sich im Rahmen der Geschichte unseres Zivilisationsprozesses dramatisch plötzlich abspielt - wirft grundlegende Fragen darüber auf, welche Rolle der Menschheit als Ganzes bei der Planung der Zukunft unseres Planeten zugeschrieben wird.


I


Der Eckstein einer Strategie, die die ganze Weltbevölkerung einbezieht, selbst die Verantwortung für das gemeinsame Schicksal zu übernehmen, muß das Bewußtsein von der Einheit der Menschheit sein. Im allgemeinen Sprachgebrauch täuschend einfach, stellt das Konzept, daß die Menschheit ein einziges Volk bildet, die Arbeitsweise der meisten Institutionen der heutigen Gesellschaft vor eine große Herausforderung. Ob in der Form eines auf Wettbewerb beruhenden politischen Systems, eines auf die Durchsetzung individueller Ansprüche zielenden Zivilrechts, ob als Verherrlichung des Klassenkampfs, der Interessenkonflikte zwischen sozialen Gruppen oder des Konkurrenzkampfes, der das moderne Leben so entscheidend prägt - Konflikt wird als die treibende Kraft menschlicher Interaktion akzeptiert. Er ist auf dem Gebiet der gesellschaftlichen Ordnung nur ein weiterer Ausdruck der materialistischen Lebensauffassung, die sich zunehmend in den letzten zwei Jahrhunderten verfestigt hat.

In einem Brief an Königin Viktoria hat Bahá'u'lláh vor über 100 Jahren die Welt mit dem menschlichen Körper verglichen und damit eine Analogie verwandt, die auf das eine überzeugende Modell für die Organisation der planetarischen Gesellschaft verweist. Es gibt tatsächlich in der Welt des Seins kein anderes Modell, auf das wir vernünftigerweise schauen können. Die Gesellschaft besteht nicht lediglich aus einer Masse unterschiedlicher Zellen, sondern aus einem Zusammenschluß von Individuen, von denen jedes mit Intelligenz und Willen ausgestattet ist; dennoch veranschaulichen die Funktionsweisen, die für die biologische Natur des Menschen charakteristisch sind, Grundprinzipien des Daseins. Unter ihnen steht die Einheit in der Vielfalt an erster Stelle. Paradoxerweise ist es gerade die Ganzheit und die Komplexität der den menschlichen Körper bildenden Ordnung - und die vollkommene Integration aller Körperzellen in sie -, welche die volle Verwirklichung der in jeder der Komponenten angelegten unterschiedlichen Fähigkeiten ermöglicht. Keine Zelle lebt getrennt vom Körper, sei es, indem sie zu dessen Funktionieren beiträgt oder ihren Anteil aus dem Wohlbefinden des Ganzen bezieht. Das so erreichte physische Wohlbefinden erfüllt seinen Sinn, indem es die Äußerung des menschlichen Bewußtsein ermöglicht; d.h. der Sinn der biologischen Entwicklung geht über die bloße Existenz des Körpers und seiner Teile hinaus.

Was für das Leben des einzelnen gilt, hat in der menschlichen Gesellschaft seine Parallelen. Die menschliche Spezies ist ein organisches Ganzes, der Hauptantrieb des Evolutionsprozesses. Wenn auch das menschliche Bewußtsein notwendigerweise durch eine unendliche Vielfalt individueller Seelen und Beweggründe wirkt, so tut dies der wesenhaften Einheit keinen Abbruch. Tatsächlich ist es gerade die ihr eigene Vielfalt, die Einheit von Einförmigkeit oder Einheitlichkeit unterscheidet. Was die Völker der Welt heute erleben, ist, sagte Bahá'u'lláh, ihr kollektives Erwachsenwerden, und gerade durch diese sich bildende Reife der menschlichen Rasse wird das Prinzip der Einheit in der Vielfalt seinen vollen Ausdruck finden. Seit den frühesten Anfängen der Festigung des Familienlebens hat der Prozeß der gesellschaftlichen Organisation nacheinander die einfachen Strukturen der Sippe und des Stammes, über die vielfältigen Formen der städtischen Gemeinschaft bis hin zum Nationalstaat durchlaufen, wobei sich den menschlichen Fähigkeiten auf jeder Stufe eine neue Fülle von Möglichkeiten eröffneten.

Der Aufstieg des Menschengeschlechtes ist gewiß nicht auf Kosten der menschlichen Individualität erfolgt. Mit dem Wachsen der gesellschaftlichen Organisation haben sich die Möglichkeiten für den Ausdruck der latent in jedem Menschen angelegten Fähigkeiten entsprechend erweitert. Da die Beziehung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft reziprok ist, muß die jetzt erforderliche Umgestaltung gleichzeitig im menschlichen Bewußtsein und in der Struktur der gesellschaftlichen Institutionen erfolgen. In den durch diesen zweifachen Wandlungsprozeß sich bietenden Möglichkeiten wird eine Strategie der globalen Entwicklung ihr Ziel finden. In dieser entscheidenden Phase unserer Geschichte muß dieses Ziel darin bestehen, dauerhafte Grundlagen zu errichten, auf denen eine planetarische Zivilisation sich schrittweise ausbilden kann.

Das Fundament zu legen für eine globale Zivilisation erfordert die Schaffung von Gesetzen und Institutionen, die einen universellen Charakter haben und universelle Autorität genießen. Mit den Bemühungen kann erst begonnen werden, wenn das Konzept der Einheit der Menschheit von den Verantwortlichen rückhaltlos angenommen wird und die entsprechenden Prinzipien durch die Erziehungsinstitutionen und die Massenmedien verbreitet werden. Wenn diese Schwelle erst einmal überschritten ist, wird ein Prozeß in Gang kommen, durch den die Völker der Welt der Aufgabe, gemeinsam Ziele zu formulieren, zugeführt werden und sich für deren Verwirklichung einsetzen können. Nur eine solche grundsätzliche Neuausrichtung kann sie außerdem vor dem jahrhundertealten Teufelskreis ethnischer und religiöser Streitigkeiten schützen. Nur wenn in ihnen das Bewußtsein erwacht, daß sie ein einziges Volk bilden, wird es den Bewohnern des Planeten möglich werden, sich von dem die Gesellschaftsstrukturen der Vergangenheit beherrschenden Konfliktmuster zu lösen und zu beginnen, Methoden der Zusammenarbeit und Aussöhnung zu erlernen. "Die Wohlfahrt der Menschheit, ihr Friede und ihre Sicherheit sind unerreichbar, wenn und ehe nicht ihre Einheit fest begründet ist", schreibt Bahá'u'lláh.


II

Gerechtigkeit ist die herausragende Macht, die das erwachende Bewußtsein für die Einheit der Menschheit in einen gemeinsamen Willen umsetzen kann, durch den die für globales gemeinschaftliches Leben notwendigen Strukturen zuversichtlich errichtet werden können. Ein Zeitalter, das Zeuge davon ist, wie die Menschen weltweit immer mehr Zugang zu allen Arten von Information und einer Vielfalt von Ideen erlangen, wird erkennen, daß sich Gerechtigkeit als das herrschende Prinzip für eine erfolgreiche Sozialstruktur durchsetzt. Immer häufiger werden Vorschläge, die auf eine Entwicklung des Planeten abzielen, im klaren Licht der hierfür erforderlichen Maßstäbe gesehen werden müssen.

Auf der Stufe des einzelnen ist Gerechtigkeit jene Fähigkeit der menschlichen Seele, die jeder Person ermöglicht, Wahrheit von Falschheit zu unterscheiden. Im Angesicht Gottes, stellt Bahá'u'lláh fest, ist Gerechtigkeit "das Meistgeliebte", da sie jedem einzelnen erlaubt, mit den eigenen Augen statt mit den Augen anderer zu sehen, durch die eigene Erkenntnis und nicht die des Nächsten oder seiner Gruppe Wissen zu erlangen. Sie erfordert Aufrichtigkeit im Urteil, Unparteilichkeit bei der Behandlung anderer und ist daher ein ständiger, wenn auch anspruchsvoller Begleiter in allen Dingen des täglichen Lebens.

Auf der Stufe der Gruppe ist die Sorge für Gerechtigkeit ein unentbehrlicher Kompaß bei kollektiver Entscheidungsfindung, weil sie das einzige Mittel darstellt, mit dem Einheit im Denken und Handeln erreicht werden kann. Weit davon entfernt, den strafenden Geist zu fördern, der sich oft in der Vergangenheit unter ihrer Maske versteckt hat, ist die Gerechtigkeit der praktische Ausdruck des Bewußtseins, daß bei der Verwirklichung menschlichen Fortschritts die Interessen des einzelnen mit denen der Gesellschaft unauflösbar verknüpft sind. In dem Maße, wie Gerechtigkeit zum Leitprinzip menschlichen Handelns wird, wird die Entwicklung eines Klimas der Beratung ermutigt, das die leidenschaftslose Untersuchung von Wahlmöglichkeiten und die schließliche Auswahl des geeigneten Handelns erlaubt. In einem solchen Klima besteht eine weit geringere Wahrscheinlichkeit, daß die immerwährenden Neigungen zu Manipulation und Parteilichkeit vom Prozeß der Entscheidungsfindung ablenken.

Die Folgerungen für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung sind tiefgreifend. Das Hochhalten der Gerechtigkeit schützt die Bemühungen um eine Definition des Fortschritts vor der Versuchung, das Wohlergehen der gesamten Menschheit - und dazu des Planeten selbst - den Vorteilen zu opfern, die technologische Durchbrüche privilegierten Minderheiten ermöglichen. Bei der Entwicklung und Planung stellt Gerechtigkeit sicher, daß begrenzte Ressourcen nicht für Projekte abgezweigt werden, die den wesentlichen sozialen und wirtschaftlichen Prioritäten der Gemeinschaft fremd sind. Vor allem werden nur solche Entwicklungsprogramme hoffen können, das Engagement der großen Mehrheit der Menschheit zu mobilisieren - von der ja schließlich die Durchführung abhängt -, die ihren Bedürfnissen entsprechen und deren Zielsetzung gerecht ist. Die maßgeblichen menschlichen Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Arbeitswilligkeit und Kooperationsgeist werden erfolgreich für die Durchführung ungeheuer anspruchsvoller gemeinsamer Ziele gebündelt werden können, wenn jedes Mitglied der Gesellschaft - ja jede einzelne ihrer Teilgruppen - darauf vertrauen kann, daß sie durch Normen geschützt und an Vorteilen teilhaben werden, die in gleicher Weise für alle gelten.

Das Herzstück der Diskussion über eine Strategie der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung bildet daher die Frage der Menschenrechte. Die Herausbildung einer solchen Strategie verlangt daher, daß die Frage der Menschenrechte von der falschen Dichotomie befreit wird, der sie so lange unterlag. Die Sorge, daß jeder Mensch sich einer Gedanken- und Handlungsfreiheit erfreuen soll, die zum persönlichen Wachstum beiträgt, rechtfertigt nicht die Hingabe an den Kult des Individualismus, der so viele Bereiche des heutigen Lebens zutiefst korrumpiert. Auch erfordert die Sorge für das Wohl der Gesellschaft als Ganzes keinesfalls eine Vergötterung des Staates als vermeintlicher Quelle für das Wohlergehen der Menschheit. Ganz im Gegenteil, die Geschichte unseres Jahrhunderts belegt nur zu deutlich, daß solche Ideologien und die daraus erwachsenen Parteistrategien selbst die Hauptfeinde der Interessen waren, denen sie zu dienen vorgaben. Nur im Rahmen eines Beratungssystems, das durch das Bewußtsein der organischen Einheit der Menschheit möglich wird, können alle Aspekte der Sorge um die Menschenrechte ihren legitimen und kreativen Ausdruck finden.

Heute ist das Organ, dem die Aufgabe zufällt, diesen Rahmen zu schaffen und die Förderung der Menschenrechte von denen unabhängig zu machen, die sie mißbrauchen, das System internationaler Institutionen, die aus den Tragödien zweier zerstörerischer Weltkriege und aus der Erfahrung des weltweiten wirtschaftlichen Zusammenbruches hervorgegangen sind. Bezeichnenderweise ist der Begriff »Menschenrechte« erst seit der Proklamation der Charta der Vereinten Nationen im Jahre 1945 und der Annahme der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte drei Jahre danach allgemein übernommen worden. In diesen historischen Dokumenten wird der Achtung für soziale Gerechtigkeit als einer Ergänzung zur Errichtung des Weltfriedens formelle Anerkennung gezollt. Allein daß die Erklärung in der Vollversammlung ohne Gegenstimme angenommen wurde, verlieh ihr von Anfang an eine Autorität, die mit den Jahren noch ständig gewachsen ist.

Das Bewußtsein, das den Menschen im besonderen auszeichnet, ist auf das engste verbunden mit dem selbständigen Erforschen der Wirklichkeit. Die Freiheit, den Sinn des Daseins zu ergründen und die in der menschlichen Natur angelegten Fähigkeiten zu dessen Verwirklichung zu entwickeln, muß geschützt werden. Menschen müssen frei sein, Wissen zu erwerben. Daß eine solche Freiheit oft mißbraucht wird und daß zu diesem Mißbrauch durch Erscheinungsformen der heutigen Gesellschaft in übelster Weise ermutigt wird, tut der Gültigkeit dieses Antriebs in keiner Weise Abbruch.

Es ist dieser bemerkenswerte Antrieb des menschlichen Bewußtseins, der den moralischen Imperativ für die Aufstellung vieler der in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und den dazugehörigen Verträgen enthaltenen Rechte liefert. Allgemeine Erziehung, freie Wahl des Wohnsitzes, Zugang zu Informationen und die Möglichkeit, am politischen Leben teilzunehmen, sind alles Aspekte seiner Wirksamkeit, welche ausdrücklich eine Garantie durch die internationale Gemeinschaft erfordern. Das gleiche gilt auch für die Gedanken- und Glaubensfreiheit, einschließlich der Religionsfreiheit, sowie das Recht auf eigene Meinung und auf angemessenen Ausdruck derselben.

Da die gesamte Menschheit eins und unteilbar ist, ist jedes ihrer Mitglieder in die Welt als ein dem Ganzen anvertrautes Pfand hineingeboren. Diese Treuhänderschaft bildet die geistige Grundlage für die meisten anderen Rechte - hauptsächlich wirtschaftliche und soziale - , die die Einrichtungen der Vereinten Nationen in entsprechender Weise zu definieren suchen. Die Sicherheit der Familie und des Heimes, der Anspruch auf Besitz und das Recht auf Privatsphäre sind alle in einer solchen Treuhänderschaft inbegriffen. Die Verpflichtung der Gesellschaft umfaßt auch die Bereitstellung von Arbeit, die geistige und körperliche Gesundheitsvorsorge, soziale Sicherheit, gerechte Löhne, Ruhe und Erholung, und eine Reihe anderer vernünftiger Erwartungen von Seiten der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft.

Das Prinzip der kollektiven Treuhänderschaft bedingt auch, daß jede Person das Recht hat zu erwarten, daß die für ihre Identität wesentlichen kulturellen Bedingungen den Schutz durch nationale und internationale Gesetze genießen. Ähnlich der Rolle, die die Gesamtheit der Gene im biologischen Leben der Menschheit und ihrer Umwelt spielt, ist der großartige, durch viele Jahrtausende erworbene Reichtum an kultureller Vielfalt für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des Menschengeschlechtes bei seinem kollektiven Eintritt ins Erwachsenenalter lebensnotwendig. Dieser Reichtum ist ein Erbe, dem jetzt gestattet werden muß, in einer weltumspannenden Zivilisation Früchte zu tragen. Einerseits muß die kulturelle Eigenart davor bewahrt werden, daß die beherrschenden materiellen Einflüsse sie ersticken; andererseits muß ein Austausch zwischen den Kulturen in ständig sich wandelnden Mustern und Strukturen ermöglicht werden, frei von Manipulationen, die einseitigen politischen Interessen dienen.

»Der Menschen Licht«, sagt Bahá'u'lláh, »ist Gerechtigkeit. Löscht es nicht durch die Stürme der Unterdrückung und Tyrannei. Der Zweck der Gerechtigkeit ist das Zustandekommen von Einheit unter den Menschen. Das Meer göttlicher Weisheit wogt in diesem erhabenen Wort, und alle Bücher der Welt können seine innere Bedeutung nicht fassen.«


III

Um den Standard der Menschenrechte, der derzeit von der Gemeinschaft der Nationen erarbeitet wird, weiter voranzutreiben und als eine gültige internationale Norm einführen zu können, bedarf es einer grundsätzlichen Neudefinition der zwischenmenschlichen Beziehungen. Gegenwärtige Vorstellungen, was bei Beziehungen selbstverständlich und angemessen ist - zwischen Menschen untereinander, zwischen Mensch und Natur, zwischen dem einzelnen und der Gesellschaft und zwischen Mitgliedern der Gesellschaft und ihren Institutionen - spiegeln Verständnishorizonte wider, wie sie von der Menschheit während früherer und weniger reifer Stadien ihrer Entwicklung erreicht wurden. Wenn die Menschheit wirklich in den Reifezustand eintritt, wenn alle Bewohner des Planeten ein einziges Volk bilden, wenn Gerechtigkeit das vorherrschende Prinzip der Gesellschaftsstruktur sein soll, dann müssen die gegenwärtigen Vorstellungen, die in Unkenntnis dieser jetzt sich entfaltenden Gegebenheiten entstanden waren, neugestaltet werden.

Eine Bewegung in diese Richtung hat bisher kaum begonnen. Kommt sie erst in Gang, wird sie ein neues Verständnis vom Wesen der Familie und den Rechten und Pflichten jedes ihrer Mitglieder entwickeln. Sie wird die Rolle der Frau auf allen Ebenen der Gesellschaft völlig verändern. Ihre Auswirkungen auf eine Neugestaltung der Beziehung der Menschen zu ihrer Arbeit und deren Verständnis der Rolle, die die Wirtschaft in ihrem Leben spielt, wird durchgreifend sein. Durch sie werden sich weitreichende Veränderungen in der Regelung menschlicher Angelegenheiten und der für diese Zwecke errichteten Institutionen ergeben. Durch ihren Einfluß wird die Arbeit der sich in der Gesellschaft rasch vermehrenden Nicht-Regierungs-Organisationen zunehmend als vernünftig verstanden werden. Sie wird die Schaffung verbindlicher Gesetzgebung sicherstellen, die sowohl die Umwelt als auch die Entwicklungsbedürfnisse aller Menschen schützt. Und schließlich wird die Umgestaltung oder Rekonstruktion des Systems der Vereinten Nationen, die durch diese Bewegung schon in Gang gesetzt wurde, zweifellos zur Errichtung einer Weltföderation der Nationen mit eigener Legislative, Judikative und Exekutive führen.

Im Mittelpunkt der Aufgabe einer Neukonzeption des Systems menschlicher Beziehungen steht der Prozeß, den Bahá'u'lláh Beratung nennt. »In allen Dingen muß beraten werden,« lautet Sein Ratschlag. »Die Gabe der Einsicht zeigt ihre Reife in der Beratung.«

Der für diesen Prozeß notwendige Maßstab der Wahrheitsfindung übertrifft bei weitem die für die gegenwärtige Diskussion der menschlichen Angelegenheiten kennzeichnenden Muster der Verhandlungen und Kompromisse. Die Streitkultur - ein weiteres Wesensmerkmal der heutigen Gesellschaft - ist außerstande, einen derartigen Maßstab hervorzubringen, sie behindert geradezu ernsthaft eine derartige Entwicklung. Debatte, Propaganda, Rechtfertigung, das ganze Arsenal parteilicher Interessen, seit langem allzu vertraute Methoden kollektiven Handelns, schaden diesem Ziel von Grund auf: nämlich einen Konsens über die Wahrheit in einer gegebenen Situation zu finden und die weiseste Wahl unter den im jeweiligen Augenblick sich bietenden Handlungsmöglichkeiten zu treffen.

Bahá'u'lláh fordert einen Beratungsprozeß, bei dem die einzelnen Teilnehmer darum bemüht sind, über ihren jeweiligen Standpunkt hinauszugehen, um wie die Glieder eines Körpers für dessen eigene Interessen und Ziele funktionieren zu können. In einer solchen Atmosphäre, die durch Offenheit und Höflichkeit gekennzeichnet ist, gehören die Ideen nicht dem einzelnen, dem sie während der Erörterung gekommen sind, sondern der Gruppe als Ganzem. Diese kann sie aufnehmen, verwerfen oder verändern, je nach dem, wie es dem zu erreichenden Ziel am besten dient. Beratung ist in dem Maße erfolgreich, wie alle Teilnehmer die getroffenen Entscheidungen unterstützen, unabhängig davon, mit welcher Ansicht sie in die Beratung eingetreten sind. Unter diesen Umständen kann eine frühere Entscheidung leicht revidiert werden, wenn sich aus der Erfahrung irgendwelche Unzulänglichkeiten ergeben.

So betrachtet ist Beratung der praktische Ausdruck von Gerechtigkeit in menschlichen Angelegenheiten. Sie ist so unentbehrlich für den Erfolg gemeinschaftlicher Bemühungen, daß sie Hauptmerkmal einer wirksamen Strategie für soziale und wirtschaftliche Entwicklung werden muß. Ja, die Beteiligung jener Menschen, von deren Engagement und Bemühungen der Erfolg einer solchen Strategie abhängt, ist nur in dem Maße wirkungsvoll, wie Beratung zum Leitprinzip für jedes Projekt gemacht wird. "Der Mensch kann seine wahre Stufe nicht erlangen," lautet Bahá'u'lláhs Rat, "es sei denn durch seine Gerechtigkeit. Keine Macht kann bestehen, es sei denn durch Einheit. Keine Wohlfahrt und kein Wohlergehen kann erreicht werden, es sei denn durch Beratung."



IV

Die durch die Entwicklung einer Weltgesellschaft entstehenden Aufgaben erfordern ein Niveau an Fähigkeiten, das weit über das hinausgeht, was die Menschheit bisher aufbieten konnte. Um dieses Niveau zu erreichen, bedarf es einer gewaltigen Erweiterung des Zugangs zu Wissen - für den einzelnen ebenso wie für gesellschaftliche Gruppierungen. Weltweite Erziehung wird für diesen Prozeß der Entfaltung von Fähigkeiten unverzichtbar sein. Dieses Bemühen wird aber nur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn die menschlichen Angelegenheiten so umstrukturiert werden, daß einzelne wie Gruppen in jedem Bereich der Gesellschaft Wissen erwerben und zur Gestaltung dieser gesellschaftlichen Angelegenheiten einsetzen können.

Während der ganzen überlieferten Geschichte beruhte das menschliche Bewußtsein auf zwei grundlegenden Wissenssystemen, durch die sich seine Möglichkeiten fortschreitend entfaltet haben: Wissenschaft und Religion. Durch diese beiden Bereiche wurden die Erfahrungen des Menschengeschlechts geleitet, seine Umwelt interpretiert, seine verborgenen Fähigkeiten erforscht und sein sittliches und intellektuelles Leben geformt. Sie waren die eigentlichen Wegbereiter der Kultur. Im nachhinein wird außerdem klar, daß die Wirksamkeit dieses dualen Gefüges in solchen Zeiten am größten war, als Religion und Wissenschaft jeweils in ihrem eigenen Bereich, aber im Einklang miteinander wirksam sein konnten.

Angesichts der fast universellen Achtung, die gegenwärtig der Wissenschaft entgegengebracht wird, brauchen wir ihre Bedeutung nicht weiter auszuführen. In Bezug auf eine Strategie der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung lautet jetzt vielmehr die Frage, wie wissenschaftliche und technische Aktivitäten organisiert werden sollen. Wenn deren Tätigkeit in erster Linie als Domäne etablierter Eliten in einer kleinen Zahl von Nationen angesehen wird, so ist klar, daß die dadurch entstandene ungeheuere Kluft zwischen den Reichen und den Armen dieser Welt sich noch ausweiten wird - mit den bereits erwähnten verheerenden Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Wenn weiterhin ein Großteil der Menschheit hauptsächlich nur als Konsument von Produkten der Wissenschaft und Technik, die anderswo hergestellt wurden, angesehen wird, dann verdienen Programme, die scheinbar zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse entworfen wurden, nicht den Namen »Entwicklung«.

Eine zentrale und gewaltige Herausforderung ist die Ausweitung der wissenschaftlichen und technischen Aktivität. Solche kraftvollen Werkzeuge des sozialen und wirtschaftlichen Wandels dürfen nicht länger das Vorrecht privilegierter Schichten der Gesellschaft bleiben, sondern müssen so eingesetzt werden, daß Menschen überall entsprechend ihren Fähigkeiten daran teilnehmen können. Außer der Entwicklung von Programmen, durch die die notwendige Bildung allen verfügbar gemacht wird, die daraus Nutzen ziehen können, erfordert eine solche Neugestaltung überall in der Welt die Errichtung wirksamer Lernzentren, Institutionen, die die Befähigung der Völker der Welt verbessern, an der Förderung und der Anwendung von Wissen teilzunehmen. Die Entwicklungsstrategie muß sein - unter Berücksichtigung der großen Unterschiede individueller Fähigkeiten - als wichtigstes Ziel die Aufgabe stellen, allen Bewohnern der Erde gleichberechtigt den Zugang zu den Prozessen von Wissenschaft und Technik zu ermöglichen, die ihr gemeinsames Geburtsrecht sind. Die üblichen Argumente für den Erhalt des status quo klingen täglich weniger überzeugend, da die sich beschleunigende Revolution in den Kommunikationstechnologien Information und Ausbildung einer großen Zahl von Menschen überall in der Welt verfügbar macht, unabhängig davon, wo sie sind und aus welcher Kultur sie stammen.

Die Herausforderungen, vor denen die Menschheit in Bezug auf ihr religiöses Leben steht, sind ebenso beängstigend, wenngleich von anderer Art.. Für die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung ist der Gedanke, daß der Mensch eine geistige Dimension hat, ja daß sein eigentliches Wesen geistig ist, eine Wahrheit, die keiner Darlegung bedarf. Es ist eine Wahrnehmung der Wirklichkeit, die in den frühesten Kulturzeugnissen zu finden ist und über viele Jahrtausende hinweg von jeder einzelnen der großen religiösen Traditionen der Vergangenheit kultiviert wurde. Ihre bleibenden Errungenschaften auf den Gebieten des Rechtswesens, der Künste und der Plege zivilisierter Umgangsformen geben der Geschichte Gehalt und Bedeutung. In der einen oder anderen Weise hat ihre Stimme tagtäglich Einfluß auf das Leben der meisten Menschen auf Erden und, wie die Ereignisse in der ganzen Welt heute dramatisch aufzeigen, sind die durch sie geweckten Sehnsüchte unauslöschlich und unermeßlich machtvoll.

Es sollte daher einleuchten, daß jedwedes Bemühen um menschlichen Fortschritt wirklich universelle und ungeheuer schöpferische Fähigkeiten verfügbar machen muß. Wie kommt es, daß die vor der Menschheit liegenden geistigen Fragen nicht im Mittelpunkt der Entwicklungsdebatte gestanden haben? Warum sind die meisten Prioritäten - ja, die meisten ihnen zugrunde liegenden Annahmen - auf der internationalen Agenda für Entwicklung bisher von einer materialistischen Weltsicht bestimmt gewesen, der nur kleine Minderheiten der Weltbevölkerung anhängen? Wieviel Bedeutung kann man der bekundeten Unterstützung des Prinzips universeller Beteiligung zumessen, wenn sie die Gültigkeit der für den Betroffenen maßgeblichen kulturellen Erfahrung leugnet?

Nun läßt sich argumentieren, daß diese Themen außerhalb des Rahmens der Entwicklungsbelange der internationalen Gemeinschaft liegen, da geistige und moralische Fragen mit widerstreitenden theologischen Doktrinen historisch verbunden sind, die sich objektiver Prüfung entziehen. Wenn man ihnen eine bedeutsame Rolle gewährte, würde das gerade jenen dogmatischen Einflüssen Tür und Tor öffnen, die soziale Konflikte genährt und den Fortschritt der Menschheit aufgehalten haben. In einem solchen Argument steckt sicher eine gewisse Wahrheit. Die maßgeblichen Vertreter der verschiedenen theologischen Systeme der Welt tragen eine schwere Verantwortung nicht nur für den Ansehensverlust, den der Glaube als solcher bei vielen fortschrittlichen Denkern erlitten hat, sondern auch für die Hemmnisse und Verzerrungen im fortwährenden Dialog der Menschheit über geistige Inhalte. Daraus jedoch zu schließen, daß die Antwort darin liege, die Erforschung der geistigen Realität zu behindern und die tiefsten Wurzeln der menschlichen Motivation zu leugnen, ist ein offensichtlicher Irrtum. Wo sich in der jüngsten Geschichte eine solche Beschränkung durchsetzte, bewirkte dies lediglich, daß die Gestaltung der Menschheitszukunft in die Hände einer neuen Orthodoxie gelegt wurde, die behauptet, daß Wahrheit nichts mit Moral zu tun habe und Tatsachen wertfrei seien.

Soweit es die irdische Existenz betrifft, waren viele der größten Errungenschaften der Religion sittlicher Art. Durch ihre Lehren und durch das Beispiel von Menschen, deren Leben durch diese Lehren erleuchtet wurden, hat eine große Zahl von Menschen aller Zeiten und Regionen die Fähigkeit zu lieben entwickelt. Sie haben gelernt, die animalische Seite ihres Wesens zu beherrschen, große Opfer für die Allgemeinheit zu erbringen, Vergebung, Großmut und Vertrauen zu üben und Wohlstand und andere Ressourcen für die Entwicklung der Kultur zu verwenden. Gesellschaftssysteme wurden ersonnen, um diese sittlichen Verbesserungen auf breiter Ebene in Normen des Gesellschaftslebens umzusetzen. Auch wenn sie durch dogmatische Hinzufügungen verdunkelt und durch sektiererischen Streit entstellt wurden, so waren doch die geistigen Impulse, die von solch herausragenden Gestalten wie Krischna, Moses, Buddha, Zarathustra, Jesus und Muhammad ausgingen, die Haupteinflußgrößen bei der Kultivierung des menschlichen Charakters.

Da die Herausforderung also darin besteht, die Befähigung der Menschheit durch den Zugang zu Wissen gewaltig zu erweitern, muß die Strategie, die dies möglich machen kann, entwickelt werden. Diese Strategie ist gebunden an einen anhaltenden und sich intensivierenden Dialog zwischen Wissenschaft und Religion. Es ist ein Gemeinplatz - oder sollte es inzwischen sein -, daß sich in jedem Bereich menschlichen Handelns und auf jeder Ebene die durch wissenschaftliche Errungenschaften gewonnenen Einsichten und Fertigkeiten auf die Kräfte geistiger Verpflichtung und moralischer Prinzipien beziehen müssen, um deren angemessene Anwendung zu gewährleisten. Die Menschen müssen zum Beispiel lernen, Tatsachen von Vermutungen zu trennen, d.h. sie müssen zwischen subjektiven Ansichten und objektiver Wirklichkeit unterscheiden; in welchem Maße aber Menschen und Institutionen mit dieser Fähigkeit auch zum menschlichen Fortschritt beitragen können, hängt von ihrer Wahrheitsliebe ab und von ihrer Unabhängigkeit von den Regungen ihrer eigenen Interessen und Leidenschaften. Desweiteren muß die Wissenschaft bei allen Menschen die Fähigkeit fördern, in Prozessen zu denken, und zwar auch in historischen Prozessen. Wenn dieses intellektuelle Wachstum schließlich die Entwicklung fördern soll, dann darf ihr Blick nicht durch Vorurteile der Rasse, der Kultur, des Geschlechts, oder sektiererische Ansichten verdunkelt werden. Entsprechend kann die Ausbildung, die es den Erdenbewohnern ermöglicht, an der Bildung von Wohlstand mitzuwirken, die Ziele der Entwicklung nur in dem Maße fördern, wie ein solcher Impuls durch die geistige Einsicht erhellt wird, daß der Dienst an der Menschheit der eigentliche Sinn individuellen Lebens wie auch der sozialen Systeme ist.


V

Im Zusammenhang mit einer Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten durch die Erweiterung des Wissens auf allen Ebenen müssen die vor der Menschheit liegenden wirtschaftlichen Fragen angesprochen werden. Wie die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte gezeigt hat, können materielle Vorteile und entsprechende Bestrebungen nicht als Selbstzweck angesehen werden. Ihre Bedeutung liegt nicht nur darin, die Grundbedürfnisse der Menschheit wie Wohnung, Nahrung, medizinische Versorgung und ähnliches zu befriedigen, sondern in der Erweiterung der Spannweite menschlicher Fähigkeiten. Die wichtigste Rolle, die wirtschaftliche Bemühungen bei der Entwicklung spielen müssen, besteht daher darin, Menschen und Institutionen mit jenen Mitteln auszustatten, durch die sie den eigentlichen Sinn der Entwicklung erreichen können: die Grundlagen für eine neue Sozialordnung zu legen, die die unbegrenzten Fähigkeiten fördern kann, die im menschlichen Bewußtsein schlummern.

Die Herausforderung an das wirtschaftliche Denken besteht darin, unzweideutig diesen Sinn von Entwicklung anzuerkennen - und zugleich seine eigene Rolle bei der Bereitstellung der hierfür erforderlichen Mittel. Nur auf diese Art können sich die Wirtschaftswisschenschaften und damit verwandte Zweige der Wissenschaft vom Sog materialistischer Denkweisen befreien, die sie jetzt noch ablenken, ihr Potential als Instrument einzusetzen, das unbedingt für das menschliche Wohlergehen im eigentlichen Sinne des Wortes nötig ist. Nirgends sonst ist die Notwendigkeit eines uneingeschränkten Dialogs zwischen dem Wirken der Wissenschaft und den Einsichten der Religion so offensichtlich.

Ein typisches Beispiel ist das Problem der Armut. Verbesserungsvorschläge beruhen auf der Überzeugung, daß materielle Mittel existieren oder durch wissenschaftliche und technische Anstrengungen geschaffen werden können, die diesen uralten Zustand als Charakteristikum menschlichen Lebens mildern und schließlich ganz beseitigen werden. Ein Hauptgrund, warum dies nicht erreicht wird, liegt darin, daß der notwendige wissenschaftlich-technische Fortschritt auf Prioritäten ausgerichtet wird, die die wahren Interessen der meisten Menschen nur am Rande betreffen. Eine völlige Umstellung dieser Prioritäten wird erforderlich sein, wenn die Last der Armut endgültig von der Welt genommen werden soll. Eine solche Leistung erfordert eine entschiedene Suche nach geeigneten Werten, eine Suche, die sowohl die geistigen als auch die wissenschaftlichen Ressourcen der Menschheit schwer auf die Probe stellen wird. Die Religion wird kaum in der Lage sein, ihren Beitrag zu diesem gemeinsamen Unternehmen zu leisten, solange sie in sektiererischen Doktrinen gefangen bleibt, die nicht zwischen Zufriedenheit und bloßer Passivität unterscheiden können und lehren, daß Armut eine unabdingbare Eigenheit des Erdenlebens sei, der zu entfliehen nur im Jenseits möglich ist. Um am Kampf für das materielle Wohlergehen der Menschheit wirkungsvoll teilzunehmen, muß der religiöse Geist durch die Quelle der Inspiration, der er entspringt, neue geistige Konzepte und Prinzipien entdecken, die einem Zeitalter gemäß sind, das danach strebt, Einheit und Gerechtigkeit unter den Menschen herzustellen.

Arbeitslosigkeit wirft ähnliche Fragen auf. Im gegenwärtigen Denken ist die Vorstellung in Bezug auf Arbeit überwiegend auf eine gewinnbringende Beschäftigung reduziert, die auf den Erwerb von Mitteln für den Konsum verfügbarer Güter abzielt. Daraus ergibt sich ein Kreisschluß: Erwerb und Konsum führen zu Erhalt und Ausdehnung der Güterproduktion und sind damit in der Folge die Grundlage bezahlter Beschäftigung. Auf den einzelnen bezogen sind all diese Tätigkeiten für das Wohlergehen der Gesellschaft wesentlich. Die Unzulänglichkeit der Gesamtvorstellung ergibt sich jedoch sowohl aus der Apathie, die Kommentatoren bei einer großen Zahl der Beschäftigten in allen Ländern feststellen, als auch aus der Demoralisierung der wachsenden Heere von Arbeitslosen.

Es ist daher nicht erstaunlich, daß die Erkenntnis wächst, daß die Welt dringend eine neue "Arbeitsethik" braucht. Auch hier kann nichts geringeres als die Einsichten, die aus der schöpferischen Wechselwirkung der wissenschaftlichen und religiösen Wissenssysteme gewonnen werden, eine derart grundlegende Neuorientierung der Gewohnheiten und Haltungen bewirken. Anders als die Tiere, die für ihren Lebensunterhalt von dem abhängen, was die Umwelt bereitstellt, sind die Menschen gezwungen, die in ihnen latent vorhandenen ungeheueren Fähigkeiten durch produktive Arbeit zum Tragen zu bringen, um ihre eigenen und die Bedürfnisse anderer zu befriedigen. Durch dieses Tun werden sie - wenn auch auf noch so bescheidenem Niveau - Mitwirkende am Prozeß des Vorantragens der Kultur. Sie erfüllen daher einen Sinn, der sie mit anderen verbindet. In dem Maße, wie Arbeit bewußt im Geiste des Dienstes an der Menschheit verrichtet wird, ist sie, sagt Bahá'u'lláh, eine Form des Gebets, ein Weg zur Verehrung Gottes. Jeder einzelne hat die Fähigkeit, sich in diesem Licht zu sehen, und gerade auf diese unveräußerliche Möglichkeit des Selbstes muß sich die Entwicklungsstrategie berufen, unabhängig von der Art der jeweils verfolgten Pläne und dem durch sie in Aussicht gestellten Lohn. Keine geringere Perspektive als diese wird jemals die Menschen der Welt zu jenem Ausmaß an Bemühungen und Engagement veranlassen, das die vor uns liegenden wirtschaftlichen Aufgaben erfordern.

Ähnlich groß ist die Herausforderung an das wirtschaftliche Denken als Folge der Umweltkrise. Die Irrtümer in den Theorien, die von der Vorstellung ausgingen, daß die Natur über unbegrenzte Möglichkeiten verfügt, um alle Ansprüche der Menschen zu befriedigen, sind nunmehr schonungslos offengelegt worden. Eine Kultur, die Wachstum, materiellen Erwerb und die Befriedigung menschlicher Wünsche zu absoluten Werten erklärt hat, muß nun gezwungenermaßen anerkennen, daß derartige Ziele für sich alleine keine realistische Richtschnur der Politik sein können. Als ungenügend hat sich auch eine Annäherung an wirtschaftliche Fragestellungen erwiesen, bei der die Entscheidungsinstanzen nicht der Tatsache Rechnung tragen, daß die meisten vorrangigen Herausforderungen von globalem und nicht partikulärem Ausmaß sind.

Daß man ernsthaft hofft, dieser moralischen Krise könne durch eine Art Vergötterung der Natur selbst begegnet werden, verdeutlicht die geistige und intellektuelle Verzweiflung, die durch diese Krise entstanden ist. Die Erkenntnis, daß die Schöpfung ein organisches Ganzes und die Menschheit für dieses Ganze verantwortlich ist - so positiv dies auch zu bewerten ist -, genügt nicht, im Bewußtsein der Menschen ein neues Wertesystem hervorzubringen. Erst ein Durchbruch im Verständnis, der im wahren Sinne des Wortes wissenschaftlich und geistig genannt werden kann, wird das Menschengeschlecht befähigen, die von der Geschichte geforderte Treuhänderschaft auch wirklich zu übernehmen.

Alle Menschen werden früher oder später zum Beispiel die Fähigkeit der Zufriedenheit, die bereitwillige Annahme moralischer Disziplin und ein Pflichtbewußtsein wiedererlangen müssen, die alle bis noch vor Kurzem als wesentliche Aspekte des Menschseins angesehen wurden. In der Geschichte haben die Lehren der großen Religionsstifter wiederholt diese Charaktereigenschaften in der überwiegenden Mehrzahl jener Menschen wecken können, die ihnen nachfolgten. Diese Eigenschaften sind heute noch lebenswichtiger, aber sie müssen in einer Form Ausdruck finden, die dem Reifealter der Menschheit entspricht. Auch hier steht die Religion vor der Herausforderung, sich von den Zwängen der Vergangenheit zu befreien: Zufriedenheit bedeutet nicht Fatalismus, Moral hat nichts mit dem lebensverneinenden Puritanismus gemein, der sich so oft angemaßt hat, in ihrem Namen zu sprechen, und ein echtes Pflichtbewußtsein erzeugt kein Gefühl von Selbstgerechtigkeit, wohl aber von Selbstwert.

Die Auswirkung dessen, daß den Frauen immer noch die volle Gleichstellung mit den Männern versagt wird, verstärkt die Herausforderung an Wissenschaft und Religion auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Lebens der Menschheit noch weiter. Für jeden objektiven Beobachter ist das Prinzip der Gleichheit der Geschlechter von grundlegender Bedeutung, wenn man realistisch über das zukünftige Wohlergehen der Erde und ihrer Bewohner nachdenkt. Es drückt eine Wahrheit über das Wesen des Menschen aus, die in den langen Zeiten der Kindheit und Jugend der Menschheit weitgehend unerkannt blieb. "Im Angesicht Gottes", versichert Bahá'u'lláh nachdrücklich, "waren Männer und Frauen von jeher gleich und werden es immer sein." Die vernunftbegabte Seele hat kein Geschlecht, und welche sozialen Ungleichheiten in der Vergangenheit durch die Überlebensnotwendigkeiten bestimmt gewesen sein mögen, so können sie gewiß nicht mehr zu einer Zeit, da die Menschheit an der Schwelle der Reife steht, gerechtfertigt werden. Eine Verpflichtung zur Errichtung der vollen Gleichstellung von Mann und Frau in allen Lebensbereichen und allen Schichten der Gesellschaft wird für den Erfolg entscheidend sein, wenn es um die Bemühung geht, eine Strategie für die globale Entwicklung zu entwerfen und in die Tat umzusetzen.

Tatsächlich wird der Fortschritt auf diesem Gebiet selbst in entscheidender Weise ein Maßstab für den Erfolg eines jeden Entwicklungsprogrammes sein. Angesichts der entscheidenden Rolle, welche die wirtschaftliche Tätigkeit für den Fortschritt der Kultur spielt, wird ein sichtbarer Beweis für die Geschwindigkeit, mit der die Entwicklung voranschreitet, das Ausmaß sein, in dem Frauen Zugang zu allen Bereichen wirtschaftlichen Strebens erlangen. Es geht dabei um mehr als nur um Chancengleichheit, so wichtig diese auch ist. Es bedarf eines grundlegenden Überdenkens wirtschaftlicher Fragestellungen, wobei ein breites Spektrum menschlicher Erfahrungen und Einsichten beteiligt werden muß, das bisher von der Erörterung ausgeschlossen war. Die klassischen Wirtschaftsmodelle unpersönlicher Märkte, in denen die Menschen selbstherrlich ihre eigennützige Wahl treffen, werden nicht mehr den Bedürfnissen einer Welt dienen, die von den Idealen der Einheit und Gerechtigkeit motiviert wird. Die Gesellschaft wird sich in zunehmendem Maße herausgefordert sehen, neue Wirtschaftsmodelle zu entwicklen, die durch Einsichten gestaltet werden, die sich aus einem mitfühlenden Verständnis gegenseitig ausgetauschter Erfahrungen, aus der Betrachtung der Menschen in ihren Beziehungen zu anderen, und aus der Erkenntnis, daß die Rolle der Familie und der Gemeinschaft für das soziale Wohlergehen entscheidend sind, ergeben. Ein derartiger intellektueller Durchbruch - streng altruistisch statt ichbezogen - wird in starkem Maße die geistige und wissenschaftliche Sensibilität der Menschheit herbeiziehen müssen, wobei jahrtausendelange Erfahrungen die Frauen darauf vorbereitet haben, für dieses gemeinsame Vorhaben einen maßgeblichen Beitrag zu leisten.


VI

Wenn man eine derart weitreichende Umgestaltung der Gesellschaft ins Auge faßt, muß man einerseits fragen, welche Macht zu ihrer Verwirklichung herangezogen werden kann, andererseits - damit unauflösbar verbunden - welche Autorität eine solche Macht ausüben kann. Wie bei allen anderen Implikationen der sich beschleunigenden Integration des Planeten und seiner Menschen, bedürfen diese beiden vertrauten Begriffe dringend einer Neudefinition.

Macht wurde im gesamten Verlauf der Geschichte - auch wenn aus theologischen oder ideologischen Gründen das Gegenteil behauptet wurde - zumeist als ein Privileg einzelner Personen oder Gruppen gesehen. Oft verstand man unter Macht einfach die gegen andere zu Gebote stehenden Mittel. Diese Interpretation von Macht wurde ein charakteristisches Merkmal der Konflikt- und Streitkultur, die das Menschengeschlecht in den letzten Jahrtausenden geprägt hat, unabhängig von den sozialen, religiösen oder politischen Richtungen, die zur jeweiligen Zeit und im jeweiligen Teil der Welt gerade herrschten. Generell war Macht ein Attribut von einzelnen, von Fraktionen, Völkern, Klassen und Nationen. Es war ein Attribut, das im besonderen mit Männern und nicht mit Frauen in Verbindung gebracht wurde. Der wichtigste Effekt der Macht war, daß sie ihren Nutznießern die Möglichkeit gab, zu erwerben, zu übertreffen, zu beherrschen, zu widerstehen und zu gewinnen.

Die sich daraus ergebenden historischen Prozesse waren für vernichtende Rückschläge im menschlichen Wohlergehen, aber auch für ungewöhnliche Fortschritte in der Kultur verantwortlich. Die Vorteile zu würdigen gebietet auch, die Rückschläge zu beachten und dazu die deutlichen Einschränkungen der Verhaltensmuster, die beides hervorgebracht haben. Gewohnheiten und Einstellungen im Hinblick auf den Gebrauch von Macht, die sich in den langen Zeiten der Kindheit und Jugend der Menschheit herausbildeten, haben die äußersten Grenzen ihrer Wirksamkeit erreicht. Heute, in einem Zeitalter, dessen drängende Probleme vorwiegend globaler Art sind, ist ein Beharren auf der Vorstellung, daß Macht für gewisse Teile der menschlichen Familie Vorteile bedeutet, schon in der Theorie ein großer Irrtum und für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Erde von keinerlei praktischem Nutzen. Wer noch an ihr weiterhin festhält, - und wer in früheren Zeiten noch davon überzeugt sein konnte - muß feststellen, daß sich seine Pläne in unerklärlichen Frustrationen und Behinderungen verstricken. In ihrer traditionellen, kompetitiven Form ist Macht für die Bedürfnisse der Zukunft der Menschheit ebenso unbrauchbar, wie die Technologie des Schienenantriebs für die Aufgabe, einen Weltraumsatelliten in eine Erdumlaufbahn zu schießen.

Die Analogie paßt in mehrerer Hinsicht. Durch die Erfordernisse des eigenen Reifeprozesses wird das Menschengeschlecht dazu gedrängt, sich von dem ererbten Verständnis und Gebrauch der Macht zu befreien. Daß die Menschheit dazu in der Lage ist, zeigt die Tatsache, daß sie - ungeachtet der Dominanz des traditionellen Machtkonzeptes - immer in der Lage war, sich andere Formen der Macht vorzustellen, auf die sie ihre Hoffnungen richtete. Die Geschichte liefert uns zahlreiche Beweise, daß Menschen aus allen Bereichen und zu allen Zeiten, wenn auch noch so vorübergehend und ungeschickt, eine breite Skala kreativer Möglichkeiten in sich selbst dafür nutzbar machten. Das einleuchtendste Beispiel ist vielleicht die Macht der Wahrheit, eine Wandlungskraft, die eng mit einigen der bedeutendsten Fortschritte bei den philosophischen, religiösen, künstlerischen und wissenschaftlichen Erfahrungen der Menschheit verbunden ist. Charakterstärke ist eine weitere Einflußgröße, um starken Widerhall bei Menschen zu bewirken. Hierzu gehört auch der Einfluß von Vorbildern, ob nun auf das Leben eines einzelnen oder auf menschliche Gemeinschaften bezogen. Fast völlig unbeachtet blieb die Größe der Kraft, die durch die Errichtung von Einheit freigesetzt werden wird; ihr Einfluß ist nach den Worten Bahá'u'lláhs "so machtvoll..., daß (sie) die ganze Erde erleuchten kann."

Die Institutionen der Gesellschaft werden die Fähigkeiten, die im Bewußtsein der Völker der Welt verborgen liegen, in dem Maße erfolgreich ans Licht bringen und ihnen eine Richtung geben, wie die Ausübung der Autorität von Prinzipien beherrscht wird, die den aufkommenden Interessen des rasch zur Reife gelangenden Menschengeschlechtes entsprechen. Zu diesen Prinzipien gehören unter anderem die Verpflichtung der Autoritätsträger, das Vertrauen, die Achtung und die echte Unterstützung jener zu gewinnen, deren Tun sie zu lenken bestrebt sind, mit allen, deren Interessen durch die zu treffenden Entscheidungen berührt werden, offen und so umfassend wie möglich zu beraten, die echten Bedürfnisse und Bestrebungen der Gemeinschaft, der sie dienen, objektiv zu beurteilen und schließlich aus wissenschaftlichen und sittlichen Fortschritten Nutzen zu ziehen, um die Ressourcen der Gemeinschaft - einschließlich individueller Energien - angemessen zu nutzen. Kein Grundsatz zur Wahrung der Autorität ist so wichtig, daß er Vorrang hätte vor der Schaffung und Wahrung der Einheit unter den Mitgliedern der Gesellschaft und den Mitgliedern ihrer Verwaltungseinrichtungen. Auf die eng damit verknüpfte Frage der Verpflichtung zur Gerechtigkeit in allen Angelegenheiten wurde bereits eingegangen.

Selbstverständlich können solche Prinzipien nur in einer Kultur wirken, die in Geist und Methode entschieden demokratisch ist. Damit soll nicht etwa die Ideologie der Parteilichkeit gutgeheißen werden, die dreist vorgibt, demokratisch zu sein, und die trotz beeindruckender Beiträge zum Fortschritt der Menschen in der Vergangenheit sich heute durch Zynismus, Apathie und Korruption, die sie alle begünstigt hat, in Schwierigkeiten bringt. Wenn die Gesellschaft jene auswählt, die in ihrem Namen kollektive Entscheidungen treffen sollen, so ist sie nicht auf das politische Theater von Nominierungen, Kandidaturen, Wahlkampagnen und Werbung angewiesen und damit auch nicht gut beraten. Alle Menschen sind dazu in der Lage - in dem Maße, wie sie zunehmend bessere Erziehung und Bildung genießen und davon überzeugt werden, daß ihren Entwicklungsinteressen durch die vorgeschlagenen Programme gedient wird -, Wahlverfahren einzuführen, die nach und nach die Wahl in ihre Entscheidungsorgane verbessern werden.

Wenn jetzt die Integration der Menschheit an Schwung gewinnt, werden die gewählten Vertreter in zunehmendem Maße alle ihre Bemühungen unter globaler Perspektive betrachten müssen. Nicht nur auf der nationalen, sondern auch auf der örtlichen Ebene sollten sich die gewählten Volksvertreter - laut Bahá'u'lláh - dem Wohl der ganzen Menschheit verantwortlich fühlen.


VII

Die Aufgabe, eine globale Entwicklungsstrategie zu schaffen, die das Erwachsenwerden der Menschheit beschleunigen wird, ist eine Herausforderung zur grundlegenden Neugestaltung aller gesellschaftlichen Institutionen. Die Protagonisten, an die sich diese Herausforderung richtet, sind alle Bewohner der Erde: Die Gesamtheit der Menschheit, Mitglieder der Regierungskörperschaften auf allen Ebenen, Personen im Dienst von Einrichtungen zur internationalen Koordination, Natur- und Sozialwissenschaftler, alle künstlerisch Begabten, solche mit Zugang zu den Massenmedien und Führungspersonen von Nicht-Regierungs-Organisationen. Die geforderte Antwort muß sich auf eine unbedingte Anerkennung der Einheit der Menschheit und ein verpflichtendes Engagement zur Durchsetzung von Gerechtigkeit als Gestaltungsprinzip der Gesellschaft gründen. Mit Entschlossenheit sind die Möglichkeiten uneingeschränkt zu nutzen, die ein systematischer Dialog zwischen dem wissenschaftlichen und religiösen Genuis des Menschengeschlechts zur Entfaltung seiner Fähigkeiten beitragen kann. Ein derartiges Unternehmen verlangt ein radikales Umdenken in den meisten Vorstellungen und Annahmen, die gegenwärtig das soziale und wirtschaftliche Leben bestimmen. Dazu gehört auch die Überzeugung, daß die menschlichen Belange tatsächlich in einer Weise geregelt werden können, die den wahren Bedürfnissen der Menschheit dienen - wie lange dieser Prozeß auch dauern und wieviele Rückschläge es auch geben mag.

Nur wenn die Kindheit der Menschheit insgesamt wirklich beendet ist und ihr Erwachsensein anbricht, sind derartige Perspektiven mehr als nur ein weiteres utopisches Scheingebilde. Sich vorzustellen, daß eine Anstrengung von der hier ins Auge gefaßten Größenordnung von verzweifelten und widerstreitenden Völkern und Nationen bewältigt werden könnte, widerspricht aller bisheriger Erfahrung. Erst wenn die gesellschaftliche Evolution an einem jener entscheidenden Wendepunkte angelangt ist, an dem alle Erscheinungsformen des Seins plötzlich unweigerlich auf neue Stufen ihrer Entwicklung gehoben werden, kann man sich eine solche Möglichkeit vorstellen. Bahá'u'lláh versichert uns, daß dies heute der Fall ist. Die tiefe Überzeugung, daß der Prozeß einer solch bedeutenden Umgestaltung sich im menschlichen Bewußtsein bereits vollzieht, hat zu den in diesem Dokument vorgetragenen Ansichten angeregt. Für alle, die darin vertraute Stimmen ihres eigenen Herzens wiedererkennen, vermitteln die Worte Bahá'u'lláhs die Gewißheit, daß Gott an diesem unvergleichlichen Tag die Menschheit mit den geistigen Möglichkeiten ausgestattet hat, dieser Herausforderung in vollem Umfang gewachsen zu sein:

»O ihr, die ihr die Himmel und die Erde bewohnt! Erschienen ist, was nie zuvor erschien.«

»Dies ist der Tag, da Gottes erhabenste Segnungen den Menschen zugeströmt sind, der Tag, da alles Erschaffene mit Seiner mächtigsten Gnade erfüllt wurde.«

Der Aufruhr, der jetzt die Angelegenheiten der Menschen erschüttert, ist beispiellos und viele seiner Auswirkungen sind äußerst zerstörerisch. Gefahren, die in der bisherigen Geschichte unvorstellbar waren, ballen sich um eine verwirrte Menschheit zusammen. Der größte Fehler, den die Führer der Welt in diesem kritischen Augenblick begehen könnten, wäre zuzulassen, daß die Krise Zweifel am endgültigen Ausgang dieses sich jetzt abspielenden Prozesses aufkommen läßt. Eine Welt vergeht, und eine neue ringt um ihre Geburt. Die Gewohnheiten, Einstellungen und Institutionen, die sich über Jahrhunderte hinweg gebildet haben, werden jetzt Prüfungen unterzogen, die für die Entwicklung der Menschheit ebenso notwendig wie unausweichlich sind. Die Völker der Welt brauchen jetzt das richtige Maß an Glauben und Entschlossenheit, um die ungeheueren Energien auszuschöpfen, mit denen der Schöpfer aller Dinge diese geistige Frühlingszeit des Menschengeschlechtes ausgestattet hat. »Seid einig in der Beratung,« lautet Bahá'u'lláhs Aufruf,

»seid eins im Denken. Laßt jeden Morgen besser sein als den Abend davor und jeden neuen Tag reicher werden als den gestrigen. Des Menschen Vorzug liegt im Dienst und in der Tugend, nicht im Prunk des Wohllebens und des Reichtums. Habt acht, daß eure Worte rein sind von eitlem Wahn und weltlichen Lüsten und eure Taten von List und Argwohn. Vergeudet nicht den Reichtum eures kostbaren Lebens im Verfolg böser, verderbter Neigung, noch laßt eure Mühe völlig in der Förderung eurer eigenen Interessen aufgehen. Seid großzügig in Tagen der Fülle und geduldig in der Stunde des Verlustes. Auf Not kommt Erfolg, und Jubel folgt dem Wehe. Nehmt euch in acht vor Faulheit und Müßiggang, haltet euch an das, was der Menschheit, ob jung oder alt, hoch oder niedrig, Nutzen bringt. Hütet euch, das Unkraut des Zwistes unter die Menschen zu säen oder die Dornen des Zweifels in reine, strahlende Herzen zu pflanzen.«





1
UNIVERSALES HAUS DER GERECHTIGKEIT DAS WOHLERGEHEN DER MENSCHHEIT


UNIVERSALES HAUS DER GERECHTIGKEIT DAS WOHLERGEHEN DER MENSCHHEIT


Holy-Writings.com v2.7 (213613) © 2005 - 2015 Emanuel V. Towfigh & Peter Hoerster | Imprint | Change Interface Language: DE EN