Read: Nabils Bericht - Band III


NABÍLS BERICHT AUS DEN FRÜHEN TAGEN DER BAHÁ'Í-OFFENBARUNG
Aus dem Persischen ins Englische übersetzt und herausgegeben von
Shoghi Effendi
Dritter Band
BAHÁ'Í-VERLAG

QP-Tltelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Nabu A'zam, Muhammad Zarandi:
[Bericht aus den frühen Tagen der Bahá'í-Offenbarung]
Nabíls Bericht aus den frühen Tagen der Bahá'í-Offenbarung / aus dem Pers. ins Engl, übers, u. hrsg. von Shoghi Effendi.—
Hofheim-Langenhain: Bahá'í-Verl.
Bd. 3 (1991)
ISBN 3-87037-276-1 kart.
ISBN 3-87037-275-3 Gewebe
Titel des englischen Originals:
The Dawn Breakers, Nabíl's Narrative of the Early Days of the Bahá'í Rcvelation, translated from the original Persian and edited by Shoghi Effendi, erstmals erschienen 1932 im Bahá'í Publishing Trust, Wilmette, 111., U.S.A. Copyright by The National Spiritual Assembly of the Bahá'ís of the United States of America.
Deutsche Ausgabe:
ISBN 3-87037-275-3 Teil 3, gebundene Ausgabe
ISBN 3-87037-276-1 Teil 3, kartonierte Ausgabe
© Bahá'í-Verlag, GmbH
D-6238 Hofheim-Langenhain, 148-1991

INHALT
Einundzwanzigstes Kapitel
DIE SffiBEN MÄRTYRER VON TIHRÁN
Schmerz des Báb über das Unheil in Mázindarán 455
Bericht des Siyyid Husayn-i-'Aziz 455
Sendung Sayyáhs zum Schrein von Tabarsi 456
Sayyáhs Ankunft in Tihrán und Begegnung mit Bahá'u'lláh 457
Schreiben des Báb an Bahá'u'lláh wegen Mírzá Yahyá 458
Nabfls Lebensbericht 458
Die Hinrichtung der Sieben Märtyrer 468
a. Hájí Mírzá Siyyid 'Ali 469
b. Mfrzá Qurbán-'Alí 471
c. Hájí Mulla Ismá'íl-i-Qumí 475
d. Siyyid Husayn-i-Turshízí 476
e. Hájí Muhammad-Taqíy-i-Kirmání 478
f. Siyyid Murtadá 478
g. Muhammad-Husayn-i-Marághi'í 479
Nabfls Begegnung mit Bahá'u'lláh 480
Bahá'u'lláh berichtet von Táhirih 480
Die Ereignisse in Amul 482
Das Begräbnis der Sieben Märtyrer 483
Zweiundzwanzigstes Kapitel
DER AUFSTAND VON NAYRÍZ
Vahids Reise nach Tihrán und Yazd 485
Vahíd feiert das Naw-Ruz-Fest in Yazd 486
Die Machenschaften des Nawáb-i-Radaví 486
Aufruhr der Feinde 487
Vahids Erklärung an das Volk von Yazd 488
Abwehr feindlicher Streitkräfte bei der Nárín-Festung 490
Vahids Aufruf an die Bevölkerung von Yazd 491
Vahíd befiehlt den Ausfall des Mulla Muhammad-Ridá und seiner Gefährten . . . 492
Vahids Frau begibt sich in ihr Vaterhaus 492
Vahids Auftrag an seinen Diener Hasan 493
Vahids Abreise nach Nayn'z 494
Vahids Appell an das Volk von Nayriz 497

Erster Ausfall aus der Festung Kháüh- 500
Zweiter Ausfall aus der Festung Kháüh 500
Die Aufteilung der Arbeiten im Fort 501
Zaynu'l-'Ábidín Khan's Bote abgefangen 502
Erneuter Appell an den Prinzen Fírúz Mfrzá 502
Dritter Ausfall aus der Festung Kháüh 503
Die Namen der Märtyrer 504
Der Friedensschwur der Feinde 505
Vahíds Antwort auf die Einladung der Feinde 506
Vahíds Botschaft an die Gefährten und Verrat des Hájí Siyyid 'Abid 507
Gefangennahme der Gefährten 509
Vahíds Märtyrertod 510
Das Schicksal der Gefährten Vahíds 512
Dreiundzwanzigstes Kapitel
DER MÄRTYRERTOD DES BÁB
Die Gründe des Amír-Nizám für die Hinrichtung des Báb 517
Der Befehl des Amír-Nizám an Navváb Hamzih Mírzá 521
Verfügung des Báb über Seine Dokumente 521
Des Báb Ankunft in Tabriz 522
Befehle des Amír-Nizám 523
Die Gefangenschaft des Báb in der Kaserne 523
Bericht Siyyid Husayns über einen Vorfall 524
Warnung des Báb an den Farrásh-Báshí 525
Mírzá Muhammad-'Ali verweigert Widerruf 525
Das Todesurteil über den Báb 526
Sám Kháns Bitte an den Báb 528
Erste Hinrichtungssalve trifft den Báb nicht 529
Der Farrásh-Báshí gibt auf 529
Sám Kháns Weigerung und Rückzug 530
Zweiter Versuch, Hinrichtung des Báb 531
Die Erzählung des Hájí 'Alí-'Askar 534
Die Überführung der sterblichen Überreste des Báb nach Tihrán 535
Mírzá Áqá Khán-i-Núrí 538
Folgen des Martyriums des Báb 539

Vierundzwanzigstes Kapitel
DER AUFSTAND IN ZANJAN
Schwere Schicksalsschläge für den Báb -543
Hujjat, frühere Tätigkeiten 545
Hujjat nimmt die Botschaft des Báb an 547
Anklage gegen Hujjat, Vorladung nach Tihrán 547
Botschaft des Báb an Hujjat 548
Neue Anklagen gegen Hujjat und Reise nach Tihrán 550
Durchreise des Báb in Zanjan auf dem Weg nach Tabriz 550
Hujjats Verhör in Tihrán 552
Hujjats Flucht nach Zanjan 554
Gelegenheit für Angriff der Feinde auf Hujjat und Gefährten 555
Feinde bereiten neuen Angriff vor 557
Hujjats Übersiedelung in die Festung 'Alí-Mardán Khan 559
Siyyid plant Gouverneur zu verhaften 560
Hujjat ermahnt Gefährten, keinen heiligen Krieg zu führen 560
Sadru'd-Dawlih vom Amír-Nizám beauftragt, die Festung zu belagern 561
Kämpfe, Leiden und Mühen der Belagerten 563
Die Heldin Zaynab, ein Bauernmädchen 563
Wirkung lauter Gebetsrufe der Gefährten 566
Hujjats Appell an Násiri'd-Dín Sháh 567
Überbringer des Appells verhaftet, Streitkräfte verstärkt 568
Wirkung der Nachricht vom Märtyrertod des Báb auf die Gefährten 569
Der Amír-Túmán wird mit weiterer Verstärkung eingesetzt 569
Begegnung zwischen 'Azíz Khán-i-Mukrí und Hujjat 569
Sturm auf die Festung 570
Der Amír-Nizám rügt den Amír-Túmán 570
Harte Abwehrschlacht gegen vereinigte Feindkräfte 571
Tod Muhsins 572
Hochzeitsfeiern in der Festung 572
Tod der fünf Söhne des Karbilá'í'Abdu'1-Báqí 573
Umm-i-Ashrafs Heldentum 573
Die helfende Rolle der Frauen 574
Hinterlistiger Friedensappell des Amír-Túmán 575
Hujjats Verhaltensmaßregeln für die Gefährten 578
Erneute Offensive des Feindes 579

Hujjats Verwundung 579
Fall der Festung, Auswirkung auf die Belagerten 580
Die Gefährten wehren weitere Angriffe ab ; 580
Der Amír-Túmán berät mit seinem Stab 581
Unterirdische Gänge werden angelegt 582
Tod von Hujjats Frau und Kind 582
Hujjats Tod und Beerdigung 583
Letztes Gefecht 583
Behandlung der Überlebenden 584
Schändung der Leiche Hujjats und Schicksal seiner Angehörigen 586
Zahl der Märtyrer 588
Informationsquellen 589
Fünfundzwanzigstes Kapitel
BAHÁ'U'LLÁHS REISE NACH KARBILÁ
Bahá'u'lláh berichtet von Ereignissen 591
Nabil begegnet Mírzá Ahmad und Bahá'u'lláh in Kirmánsháh 595
Über Siyyid Basir-i-Hindi 596
Grund für Bahá'u'lláhs Reise nach Karbilá 598
Nabíls Reise nach Tihrán mit Mírzá Ahmad 599
Bahá'u'lláhs Tätigkeit in Karbilá 600
Sechsundzwanzigstes Kapitel
DAS ATTENTAT AUF DEN SHÁH UND SEINE FOLGEN
Tod des Amír-Nizám 603
Bahá'u'lláhs Rückkehr nach Tihrán 606
Bahá'u'lláhs Zusammentreffen mit 'Azim 607
Attentat auf den Sháh 607
Bahá'u'lláhs Einkerkerung im Síyáh-Chál 614
Schicksal der Attentäter 617
Schreckensherrschaft 618
Über Hájí Sulaymán Khan 618
Über die Reue des Amír-Nizám 623
Der Größte Zweig erzählt ein Erlebnis 623
Hájí Sulaymán Kháns Martyrium 624
Táhirihs Martyrium 628
Siyyid Husayns Martyrium 636

Geschehnisse im Síváh-Chál, von BaháVUáh erzählt 638
Versuch, Bahá'u'lláhs Mittäterschaft zu beweisen 641
'Azims Bekenntnis und Tod 642
Bahá'u'lláhs Besitzung in Mázindarán geplündert 643
Folgen der Unruhen in Yazd und Nayriz 647
Bahá'u'lláhs Freilassung und Verbannung nach Baghdád 650
Epilog 655
Anhang
Die bekanntesten Schriftwerke des Báb 671
Vom Obersetzer herangezogene Literatur 671
Karte von Persien 674
Die Verwaltungsgliederung Persiens im 19. Jahrhundert -674
Größere Provinzen und Distrikte 675
Britische und russische Gesandte am Persischen Hof 1814-1855 675
Die Monate des muslimischen Kalenders 676
Zur Aussprache der Namen 677
Glossar 678
Verzeichnis der Abbildungen
Die Masiid-i-Sháh in Tihrán 462
Die Madrisih des Mírzá Sálih in Tihrán 464
Die Madrisiy-i-Sadr in Tihrán mit dem von Bahá'u'lláh bewohnten Raum 465
Die Madrisih Dáru'sh-Shafáy-i-Masjid-i-SJiáh in Tihrán 467
Der Sabzih-Maydán in Tihrán 478
Das Naw-Tor von Tihrán 478
Stadtbild von Yazd 482
Vahids Haus in Yazd 486
Die Nárin-Festung bei Yazd 490
Die Stadt Nayriz 49g
Vahids Haus in Nayriz 497
Die Festung Kháiih 498
Vahids Zimmer in der Festung 498

Die Masjid—i-Jámi' in Nayríz 508
Nayríz, Richtplatz der Märtyrer 511
Grabstätten der Märtyrer in Nayríz 511
Vahíds Grabstätte in Nayríz 513
Mírzá Taqí Khan, der Amír-Nizám 517
Gebetskette, Siegelring und Qur'án aus dem Besitz des Báb 519
Ruinen des Hauses des Mulla Muhammad-i-Mámáqání, des Mujtahids von Tabríz 525
Kasernenhof in Tabríz mit dem Pfeiler, an dem der Báb festgebunden und
erschossen wurde 527
Stadtgraben von Tabríz bei der Stelle, wohin der Leichnam des Báb geworfen wurde 534
Imám-Zádih-Hasan in Tihrán, wo der Leichnam des Báb aufbewahrt wurde 536
Zanjan 543
Die für Hujjat von seinen Gefährten gebaute Masjid 544
Die Karawanserei von Mírzá Ma'súm-i-Tabíb zu Zanjan mit dem vom Báb
bewohnten Raum 551
Die Gräber Ashrafs und seiner Mutter 574
Tor zu Hujjats zerstörtem Haus in Zanjan 581
Platz in Zanjan, wo Hujjats Leichnam drei Tage ausgestellt war 588
Hájí Imam, ein Oberlebender des Kampfes von Zanjan 589
Das Dorf Afchih bei Tihrán und das Haus Bahá'u'lláhs in Afchih 605
Murgh-Mahallih, die Sommerresidenz Bahá'u'lláhs in Shimírán 606
Níyávarán bei Tihrán 610
Die russische Gesandtschaft im Dorfe Zarkandih 612
Stadtteil im Süden Tihráns, wo Verbrecher gehängt wurden und viele Bahá'í den
Märtyrertod fanden, mit der Stelle des Síváh-Chál 615
In Persien um ihres Glaubens willen getötete Bahá'í-Familie 618
Um den Leichnam eines Märtyrers versammelte Gläubige 619
Das Haus des Kalántar in Tihrán, wo Táhirih gefangengehalten wurde 630
Trachten persischer Damen in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts 631
Die Stelle des Ílkhání-Gartens, wo Táhirih getötet wurde 632
Tákur in Mázindarán, vom Berg aus gesehen 643
Ruinen von Bahá'u'lláhs Haus in Tákur, Mázindarán 645
Ansicht von Ábádih «48
Hadíqatu'r-Rahmán, wo die Köpfe der Märtyrer von Nayríz begraben wurden 649
Ansichten von Baghdád 653
Bahá'u'lláhs Haus in Baghdád 665
Ansicht des erleuchteten Schreins des Báb am Berg Karmel 669



NABILS BERICHT
Dritter Band


Einundzwanzigstes Kapitel DIE SIEBEN MÄRTYRER VON TIHRÁN
Die Nachricht vom schlimmen Schicksal der Helden von Tabarsi erfüllte den Báb in tiefster Seele mit unermesslichem Leid. Gefangen auf der Festung Chihriq. getrennt von der kleinen Schar Seiner kämpfenden Jünger, hatte Er mit großer Sorge ihre fortschreitenden Bemühungen verfolgt und unermüdlich für ihren Sieg gebetet. Wie groß war Sein Schmerz, als Er zu Beginn des Sha'bán 1265 n.d-H. 1 von ihrem Leidensweg erfuhr, von ihrem langen Todeskampf, von dem Verrat, zu dem sich die erbitterten Feinde zuletzt gezwungen glaubten, und von dem scheußlichen Gemetzel am Ende ihrer Lebensbahn.
„Bei dieser unerwarteten Nachricht brach dem Báb das Herz", erzählte später Sein Sekretär Siyyid Husayn-i-'Aziz. „Gram hatte Ihn niedergedrückt, ein Gram, der Seine Stimme verstummen ließ und Seine Feder zum Stillstand brachte. Neun Tage lang wollte Er keinen Seiner Freunde sehen. Selbst mir, Seinem vertrauten ständigen Diener, war der Zutritt verwehrt. Speise und Trank, die wir Ihm boten, mochte Er nicht anrühren. Unaufhörlich rannen Ihm Tränen über die Wangen und Schmerzenslaute entrangen sich Seinen Lippen. Durch den Vorhang konnte ich hören, wie Er allein in Seiner Zelle, im Gebet zu Seinem Geliebten, Seiner Trauer Ausdruck gab. Ich versuchte die Äußerungen Seines Schmerzes, wie sie Ihm aus wundem Herzen strömten, aufzuzeichnen. Der Báb ahnte, dass ich Seine Klagen festhalten wollte, und gebot mir, alles zu vernichten, was ich aufgezeichnet hatte. So ist nichts geblieben von Seinen Seufzern und Klagerufen, durch die dies beladene Herz sich von seiner Qual zu befreien suchte. Fünf Monate lang schmachtete Er dahin, versunken in ein Meer von Kummer und Sorgen." [455] Zu Beginn des Muharram im- Jahre 1266 n.d.H. 2 nahm der Báb die unterbrochene Arbeit wieder auf. Die erste Seite, die Er schrieb, galt dem Gedenken Mulla Husayns. In dem ihm zu Ehren offenbarten Besuchstabiet hob Er bewegend die unerschütterliche Treue hervor, mit der er Quddús während der Belagerung der Festung Shaykh Tabarsi gedient hatte. In hehren Worten pries Er sein großherziges Verhalten, zählte seine Heldentaten auf und versicherte ihm unzweifelhafte Wiedervereinigung in der jenseitigen Welt mit dem Führer, dem er so edelmütig gedient hatte. Auch Er selbst, so schrieb Er, werde bald mit diesen beiden Unsterblichen vereint sein, deren jeder mit seinem Leben und Sterben unvergänglichen Glanz über die Sache Gottes verbreitet hatte. Eine ganze Woche lang schrieb der Báb Lobpreisungen nieder auf Quddús, Mulla Husayn und die anderen Gefährten, die in Tabarsi die Krone des Märtyrertums erlangt hatten.
Sobald Er Seinen Nachruf auf die, deren Namen durch die Verteidigung der Festung unsterblich geworden, vollendet hatte, rief Er am 'Áshúrá-Tag 3 Mulla Adi-Guzal 4 zu sich, einen Gläubigen aus Marághih, der die letzten zwei Monate anstelle von Siyyid Hasan, dem Bruder des Siyyid Husayn-i-'Aziz, Sein Diener war. Er empfing ihn liebevoll, verlieh ihm den Namen Sayyáh, gab ihm die zu Ehren der Märtyrer von Tabarsi offenbarten Besuchstabiets zu treuen Händen und gebot ihm, an Seiner Statt eine Pilgerfahrt dorthin zu unternehmen. „Mache dich auf", sprach Er eindringlich zu ihm, „und begib dich in Verkleidung eines Fahrenden in völliger Loslösung auf die Reise nach Mázindarán. Dort suche um Meinetwillen den Ort auf, wo die sterblichen Hüllen jener Unsterblichen bestattet sind, die ihren Glauben an Meine Sache mit ihrem Blut besiegelt haben. Wenn du in die Nähe dieses geweihten Bodens kommst, ziehe die Schuhe aus, neige das Haupt zu Ehren ihres Gedächtnisses, rufe ihre Namen an und umschreite betend ihren Schrein. Bringe Mir dann zur Erinnerung an deinen Besuch eine Handvoll jener heiligen Erde, welche die sterblichen Hüllen Meiner Geliebten Quddús und Mulla Husayn bedeckt. Bemühe dich, vor Naw-Ruz zurück zu sein, dass du das Fest—vielleicht das letzte, das Ich noch erlebe—mit Mir feierst." [456]
Getreu den empfangenen Weisungen machte sich Sayyáh auf den Weg zur Pilgerfahrt nach Mázindarán. Am 1. Rabí'u'1-Awal des Jahres 1266 n.d.H. 5 gelangte er an sein Ziel, und am 9. desselben Monats 6, dem ersten Jahrestag des Märtyrertodes Mulla Husayns, hatte er seinen Besuch beendet und seinen Auftrag erfüllt. Darauf begab er sich nach Tihrán.
In Tihrán empfing Áqáy-i-Kahm Sayyáh am Tor zum Hause Bahá'u'lláhs; ich selbst habe ihn folgendes erzählen hören: „Es war im tiefen Winter, als Sayyáh auf dem Heimweg von seiner Pilgerreise Bahá'u'lláh besuchen kam. Trotz winterlicher Kälte und Schnee erschien er in der Tracht eines Derwischs, ärmlich gekleidet, barfuß und zerzaust. Sein Herz glühte vom Feuer, das die Pilgerfahrt in ihm entfacht hatte. Als Siyyid Yahyáy-i-Dárábí, genannt Vahid, der gerade im Hause Bahá'u'lláhs zu Gast war, von der Ankunft Sayyáhs aus der Festung Tabarsi hörte, eilte er herbei, Prunk und Förmlichkeit, an die ein Mann seiner Stellung gewöhnt war, vergessend, und warf sich dem Pilger zu Füßen. Er umschlang seine bis zu den Knien mit Schmutz bedeckten Beine und küsste sie voll Demut. Ich war damals erstaunt über die vielen Beweise liebevoller Fürsorge, die Bahá'u'lláh Vahid entgegenbrachte. Er erwies ihm so viele Zeichen Seiner Gunst, wie ich es Ihn bisher niemandem gegenüber hatte tun sehen. Die Art, wie Er mit ihm sprach, ließ keinen Zweifel daran, dass sich Vahid bald durch Taten auszeichnen werde, nicht weniger denkwürdig als jene, die die Verteidiger der Festung Tabarsi unsterblich machten."
Sayyáh verweilte einige Tage in diesem Haus. Aber ihm war nicht wie Vahid gegeben, die in seinem Gastgeber verborgene Kraft zu erkennen. Wenn auch von Bahá'u'lláh mit höchsten Gunstbeweisen beschenkt, begriff er doch nicht die Bedeutung der Segnungen, mit denen er überschüttet worden war. Während seines Aufenthalts in Famagusta hörte ich ihn von seinen Erlebnissen erzählen: „Ich war überwältigt von der Güte Bahá'u'lláhs. Auch Vahid gab mir, ungeachtet seiner hohen Stellung, in der Gegenwart seines Gastgebers stets den Vorzug vor sich selbst. Bei meiner Ankunft aus Mázindarán küsste er mir sogar die Füße. Ich wunderte mich über den Empfang, der mir in diesem Hause zuteil ward. In ein Meer der Güte getaucht, wusste ich in jenen Tagen dennoch die Stellung Bahá'u'lláhs nicht richtig einzuschätzen und konnte auch nicht im leisesten das Wesen der Sendung erahnen, die Er erfüllen sollte."
Ehe Sayyáh aus Tihrán abreiste, vertraute ihm Bahá'u'lláh einen Brief an, den Er Mírzá Yahyá 7 in die Feder diktiert hatte und den Er nun in dessen Namen [457] versandte. Bald darauf traf aus der Hand des Báb ein Antwortschreiben ein, worin Er Mírzá Yahyá der Obhut Bahá'u'lláhs empfiehlt und dringend bittet, seiner Erziehung und Ausbildung besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Diese Mitteilung hat das Volk des Bayán 8 als einen Beweis für die verstiegenen Ansprüche 9 missdeutet, die es zu Gunsten seines Führers vorgebracht hat. Obwohl der Text dieser Antwort nicht das geringste über solche Ansprüche und, außer dem Lobpreis Bahá'u'lláhs und dem Ersuchen um Erziehung Mírzá Yahyás, keinerlei Hinweis auf seine angebliche Stellung enthält, haben seine Anhänger sich eingebildet, dieser Brief sei eine Bestätigung für die Autorität, die sie ihm zugesprochen haben. 10
An dieser Stelle meines Berichtes, da ich von den bedeutsamen Geschehnissen des Jahres 1265 n.d.H. 11 erzähle, werde ich daran erinnert, dass sich in diesem Jahr das einschneidendste Ereignis in meinem eigenen Leben zutrug, ein Ereignis, das meine Neugeburt bedeutet, das mich aus den Fesseln der Vergangenheit befreite und die Botschaft dieser Offenbarung annehmen ließ. Ich bitte den Leser um Nachsicht, wenn ich zu lange bei meinen früheren Lebensumständen verweile und zu ausführlich über die Ereignisse berichte, die zu meiner Bekehrung führten. Mein Vater gehörte zum Stamme der Táhirí, die als Nomaden in der Provinz Khurásán lebten. Sein Name war Ghulám 'Ali, Sohn des Husayn-i-'Arab. Er hatte die Tochter des Kalb-'Ali geheiratet und mit ihr drei Söhne und drei Töchter bekommen. Ich war der zweite Sohn und erhielt den Namen Yár-Muhammad. Geboren bin ich am 18. Safar des Jahres 1247 n.d.H. 12 in dem Dorf Zarand. Ich war Hirte von Beruf und habe in meiner [458] Kindheit nur sehr selten Unterricht erhalten. Ich sehnte mich darnach, dem Lernen mehr Zeit zu widmen, war aber angesichts meiner dürftigen Lebensumstände dazu nicht in der Lage. Begeistert las ich den Qur'án, lernte viele Stellen auswendig und sang sie, während ich mit meiner Herde über die Felder zog. Ich liebte die Einsamkeit und betrachtete nachts staunend und voll Freude die Sterne. In der stillen Einöde sprach ich die Gebete, die man Imam 'AK, dem Gebieter der Gläubigen, zuschreibt, und flehte zum Allmächtigen, mein Angesicht zur Qiblih 13 gewandt, dass Er meine Schritte lenke und mir helfe, die Wahrheit zu finden.
Mein Vater nahm mich oft mit nach Qum, wo ich die Lehren des Islam sowie die Wege und Sitten der Glaubensführer kennenlernte. Er war ein ergebener Anhänger dieser Religion und stand in enger Verbindung mit den geistlichen Führern in dieser Stadt. Ich sah, wie er in der Masjid-i-Imam-Hasan betete, wie er äußerst gewissenhaft und fromm alle vorgeschriebenen Riten und Bräuche seines Glaubens ausführte. Ich hörte die Predigten einiger hervorragender Mujtahids, die von Najaf gekommen waren, besuchte ihren Unterricht und hörte ihren Streitgesprächen zu. Allmählich wurde ich ihrer Unaufrichtigkeit gewahr und begann, ihre Niedertracht zu verabscheuen. So gern ich auch die Glaubenssätze und Dogmen, die sie mir aufdrängen wollten, auf ihre Verlässlichkeit hin geprüft hätte, konnte ich doch keine Zeit und keine Gelegenheit finden, dieses Verlangen zu stillen. Mein Vater tadelte mich oft wegen meiner rastlosen Aufsässigkeit. „Ich fürchte", sagte er oft, „dass dich deine Abneigung gegen diese Mujtahids eines Tages in große Schwierigkeiten stürzen und dir Vorwürfe und Schande einbringen wird."
Am zwölften Tag nach Naw-Ruz des Jahres 1263 n.d.H. 14 war ich auf Besuch in dem Dorf Rubát-Karím bei meinem Onkel von Mutterseite. Da hörte ich in der Moschee des Dorfes zufällig ein Gespräch zwischen zwei Männern mit, aus dem ich zum ersten Mal von der Offenbarung des Báb erfuhr. „Hast du gehört", bemerkte der eine, „dass der Siyyid-i-Báb in das Dorf Kinár-Gird gebracht worden und auf dem Weg nach Tihrán ist?" Da der Freund nichts davon wusste, fuhr er fort und erzählte die ganze Geschichte des Báb, berichtete bis ins einzelne, was bei Seiner Erklärung geschah, über Seine Gefangennahme in SJtíráz, Seine Abreise nach Isfahán, den Empfang, den Ihm der Imám-Jum'ih und Manuchihr Khan bereitet hatten, über Zeichen und Wunder, die Er vollbracht, und das Urteil der *’Ulamá von Isfahán über Ihn. Jede Einzelheit [459] dieses Berichtes reizte meine Neugier und erweckte in mir tiefe Bewunderung für diesen Menschen, der Seine Landsleute so in Bann zu schlagen vermochte. Mir war, als sei meine Seele von Seinem Licht durchflutet, ich fühlte mich schon als Anhänger Seiner Sache.
Von Rubát-Karím kehrte ich nach Zarand zurück. Mein Vater rügte meine Unrast und äußerte Befremden über mein Benehmen. Ich hatte keinen Appetit mehr und konnte nicht mehr schlafen, doch war ich entschlossen, das Geheimnis meiner inneren Erregung vor meinem Vater zu verbergen, damit es nicht am Ende entdeckt und meine Hoffnungen vereitelt würden. In diesem Zustand lebte ich, bis ein gewisser Siyyid Husayn-i-Zavári'í nach Zarand kam und mich über den Gegenstand aufklären konnte, der zur beherrschenden Leidenschaft meines Lebens geworden war. Aus unserer Bekanntschaft erwuchs bald eine Freundschaft, die mich ermutigte, ihm meines Herzens Sehnsucht anzuvertrauen. Zu meinem großen Erstaunen sah ich, wie sehr ihn das Geheimnis dessen, was ich ihm zu enthüllen begann, schon gefesselt hatte. Dann erzählte er: „Mein Vetter Siyyid Ismá'íl-i-Zavári'í hat mich von der Wahrheit der Botschaft überzeugt, die der Siyyid-i-Báb verkündet. Er teilte mir mit, dass er dem Siyyid-i-Báb mehrmals im Hause des Imam-Jum'ih von Isfahán begegnet wäre und gesehen hätte, wie Er wirklich in der Gegenwart Seines Gastgebers einen Kommentar zur Sure Va'l-'Asr 15 offenbarte. Die Schnelligkeit, mit der der Báb sie niederschrieb, und die schöpferische Kraft Seines Stils haben ihn erstaunt und seine Bewunderung erregt. Verwundert sah er, wie der Báb, während Er diesen Kommentar offenbarte, ohne die schnelle Niederschrift zu verlangsamen, fähig war, auf jede Frage, die Anwesende Ihm stellten, zu antworten. Dass mein Vetter in der Folgezeit begann, furchtlos die Botschaft zu verkünden, brachte die Kad-Khudas 16 und Siyyids von Zavárih gegen ihn auf, so dass er genötigt war, nach Isfahán, wo er vorher gewohnt hatte, zurückzukehren. Auch ich konnte nicht länger in Zavárih bleiben und begab mich nach Káshán, wo ich den Winter verbrachte. Dort begegnete mir auch Hájí Mírzá Jání, von dem mein Vetter gesprochen hatte. Er gab mir eine vom Báb verfasste Abhandlung mit dem Titel Risáliy-i-'Adlíyyih und drängte mich, sie sorgfältig zu lesen und ihm in wenigen Tagen zurückzugeben. Vom Inhalt und der Sprache dieser Abhandlung war ich so begeistert, dass ich sogleich begann, den ganzen Text abzuschreiben. Als ich sie ihrem Eigentümer zurückbrachte, erfuhr ich zu meinem tiefen Bedauern, dass ich knapp versäumt hatte, ihren Verfasser kennenzulernen. ,Der Siyyid-i-Báb', sagte er, ,ist am Abend vor Naw-Ruz [460] angekommen und hat drei Nächte als Gast in meinem Heim zugebracht. Jetzt ist Er unterwegs nach Tihrán, und wenn du unverzüglich aufbrichst, kannst du Ihn sicher einholen.’ Ich brach sogleich von Káshán auf und wanderte den ganzen Weg zu Fuß bis zu einer Festung in der Nähe von Kinár-Gird. Im Schatten ihrer Mauern machte ich Rast, als ein freundlicher Mann aus der Festung trat und mich fragte, wer ich sei und wohin des Wegs, ich bin ein armer Siyyid', antwortete ich, ,auf Wanderschaft und fremd hier.' Er führte mich zu seinem Haus und lud mich ein, bei ihm als sein Gast zu übernachten. Im Laufe des Gesprächs sagte er: ,Ich vermute, dass du ein Anhänger des Siyyids bist, der ein paar Tage in dieser Festung weilte und von hier in das Dorf Kulayn gebracht wurde, von wo Er vor drei Tagen nach Ádhirbáyján aufbrach. Ich betrachte mich als Sein Anhänger. Mein Name ist Hájí Zaynu'l-'Abidín. Ich wollte mich eigentlich nicht von Ihm trennen, aber Er bat mich, hierzubleiben und allen Freunden, die mir begegnen würden, Seine liebevollen Grüße auszurichten und ihnen davon abzuraten, Ihm nachzureisen. „Sage ihnen", so wies Er mich an, „sie möchten ihr Leben dem Dienst an Meiner Sache weihen, damit die Hindernisse, die dem Fortschritt dieses Glaubens entgegenstehen, aus dem Weg geräumt werden und Meine Anhänger frei und gefahrlos ihren Gott anbeten und ihren Glaubensregeln folgen können." Ich ließ sogleich meinen Plan fallen und entschloss mich, nicht nach Qum zurückzukehren, sondern hierher zu kommen.'"
Diese Geschichte, die mir Siyyid Husayn-i-Zavári'í erzählte, brachte meine Erregung zum Abklingen. Er machte mich mit dem Buch Risáliy-i-'Adlíyyih vertraut, wovon er eine Abschrift bei sich trug und dessen Lektüre meiner Seele frische Kraft verlieh. In jenen Tagen war ich Schüler bei einem Siyyid, der mich den Qur'án lehrte und dessen Unfähigkeit, mir die Lehren seines Glaubens klarzumachen, mir immer deutlicher wurde. Siyyid Husayn, den ich um weitere Unterweisung in der Sache Gottes bat, verwies mich an Siyyid Ismá'íl-i-Zavá-ri'í, der regelmäßig jedes Frühjahr die Schreine der Imám-Zádihs 17 in Qum zu besuchen pflegte. Ich bat meinen Vater, der sich nur ungern von mir trennen wollte, mich in jene Stadt zu schicken, um dort meine Kenntnisse in der arabischen Sprache zu vervollkommnen. Sorgsam verbarg ich meine wahre Absicht vor ihm, denn ich fürchtete, dass er sonst mit dem Qádí 18 und den `’Ulamá 19 von Zarand Schwierigkeiten bekommen und mich darum von meinem Ziel abhalten könnte. [461]
In Qum besuchten mich meine Mutter meine Schwester und mein Bruder zum Naw-Ruz-Fest und blieben etwa einen Monat bei mir. Während ihres Bauches konnte ich meine Mutter und meine Schwester über die neue Offenbarung aufklären und die Liebe zu deren Urheber in ihren Herzen wecken. Wenige Tage nach ihrer Rückkehr nach Zarand kam Siyyid Ismá'u, den ich mit Ungeduld erwartet hatte. Er konnte mir in seinen Gesprächen bis ins einzelne all das auseinandersetzen, was notwendig war, um mich vollends für die Sache zu gewinnen. Er betonte das Fortschreiten göttlicher Offenbarung, bestätigte die grundlegende Einheit der früheren Propheten und erklärte ihre enge Beziehung zur Sendung des Báb. Er machte mir auch klar, was es mit dem Werk von Shaykh Ahmad-i-Ahsá'í und Siyyid Kázira-i-Rashtí auf sich hat, von denen [462] ich zuvor noch nichts gehört hatte. Ich fragte ihn, welche Pflichten den treuen Anhängern des Glaubens heutzutage auferlegt seien. Er antwortete: „Der Báb hat alle, die Seine Botschaft angenommen haben, verpflichtet, nach Mázindarán zu gehen und Quddús beizustehen, der gegenwärtig von Kriegstruppen eines unerbittlichen Feindes bedrängt wird." Ich wollte gerne mit ihm gehen, zumal er selbst die Absicht hatte, zur Festung Tabarsi zu reisen. Er riet mir aber, zusammen mit Mírzá Fathu'lláh-i-Hakkák, einem jungen Mann in meinem Alter, den er vor kurzem zu der Sache geführt hatte, in Qum zu bleiben, bis wir von ihm Nachricht aus Tihrán bekämen.
Auf diese Nachricht wartete ich vergebens, und da ich nichts von ihm hörte, brach ich zur Hauptstadt auf. Mein Freund Mírzá Fathu'lláh-i-Hakkák folgte mir nach. Später wurde er eingekerkert und teilte das Schicksal derer, die im Jahr 1268 n.d.H. 20 nach dem Anschlag auf das Leben des Sháhs getötet wurden. Als ich nach Tihrán kam, ging ich geradenwegs zur Masjid-i-Sháh. Gegenüber befand sich eine Madrisih 21, an deren Eingang mir später unerwartet Siyyid Ismá'íl-i-Zavári'í begegnete und mir sogleich erzählte, dass er gerade den Brief an mich geschrieben hätte und im Begriff sei, ihn nach Qum aufzugeben.
"wahrend wir unsere Abreise nach Mázindarán vorbereiteten, erreichte uns die Kunde, dass die Verteidiger der Festung Tabarsi verraten und erschlagen wurden und die Festung selbst dem Erdboden gleichgemacht sei. Wir waren völlig niedergeschlagen von dieser schrecklichen Nachricht und betrauerten das schlimme Schicksal derer, die ihre geliebte Sache so heldenmütig verteidigt hatten. Eines Tages begegnete mir unerwartet mein Onkel Naw-Rúz-'Alí, der gekommen war, mich abzuholen. Ich setzte Siyyid Ismá'íl davon in Kenntnis, und er riet mir, nach Zarand zu gehen und mir nicht noch mehr Feinde zu machen unter denen, die auf meiner Rückkehr bestanden.
Wieder zurück in meinem Heimatdorf, gelang es mir, auch meinen Bruder für die Sache zu gewinnen, die meine Mutter und meine Schwester bereits angenommen hatten. Ich brachte auch meinen Vater dazu, mir zu erlauben, wieder nach Tihrán zu gehen. Dort nahm ich in derselben Madrisih Wohnung, in der ich auch bei meinem ersten Besuch untergekommen war, und traf dort einen gewissen Mulla 'Abdu'l-Karim, dem, wie ich hernach erfuhr, Bahá'u'lláh den Namen Mírzá Ahmad gegeben hatte. Er empfing mich sehr herzlich und sagte, Siyyid Ismá'íl habe mich seiner Obhut anvertraut und wünsche, dass ich bis zu dessen Rückkehr bei ihm bleiben solle. Die Tage meines Zusammenseins mit Mírzá Ahmad werde ich nie vergessen. Er war die Liebe und Güte selbst. [463] Die Worte, mit denen er mich begeisterte und meinen Glauben belebte, haben sich mir unauslöschlich ins Herz gegraben.
Er führte mich bei den Jüngern des Báb ein. Ich schloss mich ihnen an und erhielt dadurch noch umfassender Kenntnis von den Lehren des Glaubens. Mírzá Ahmad verdiente damals seinen Lebensunterhalt als Schreiber. Seine Abende widmete er der Abschrift des Persischen Bayán und anderer Schriften des Báb, und diese so hingebungsvoll angefertigten Abschriften schenkte er seinen Mitjüngern. Ich war mehrfach der Überbringer solcher Geschenke an die Frau von Mulla Mihdiy-i-Kandi, der selbst sein kleines Kind verlassen hatte und zu den Verteidigern der Festung Tabarsi geeilt war.
In jenen Tagen erfuhr ich, dass Táhirih, die nach Auflösung der Konferenz von Badasht in Nur gelebt hatte, nach Tihrán gekommen sei und im Hause des Mahmúd Khán-i-Kalántar festgehalten werde, wo sie, wenn auch als Gefangene, geachtet und höflich behandelt werde.
Eines Tages führte mich Mírzá Ahmad zum Hause Bahá'u'lláhs, dessen Frau, Varaqatu'l-'Ulyá 22, die Mutter des Größten Zweigs 23, einmal meine Augen mit einer Salbe geheilt hatte, die sie selbst bereitet und mir durch Mírzá Ahmad gesandt hatte. Der erste, dem ich in jenem Hause begegnete, war dieser geliebte Sohn, damals ein Kind von sechs Jahren. Er stand an der Tür des von Bahá'u'lláh bewohnten Zimmers und lächelte mir einladend zu. Ich hatte nicht die geringste Ahnung vom Rang Dessen, der in diesem Zimmer wohnte, ging an der Tür vorbei und wurde zu Mírzá Yahyá geleitet. Als ich Mírzá Yahyá gegenüberstand, seine Gesichtszüge betrachtete und seine Unterhaltung hörte, [464] erschrak ich, da er sich der Stellung, die man für ihn beanspruchte, ganz unwürdig zeigte.
Als ich einmal bei einem anderen Besuch in diesem Haus gerade das von Mírzá Yahyá bewohnte Zimmer betreten wollte, kam Áqáy-i-Kalím, dem ich früher schon einmal begegnet war, auf mich zu und bat mich, anstelle des Dieners Isfandíyár, der auf den Markt gegangen und noch nicht zurück war, „Áqᓠ24 zur Madrisiy-i-Mírzá-Sálih zu begleiten und anschließend wieder hierher zu kommen. Ich stimmte mit Freuden zu, und als ich mich zum Aufbruch bereitete, sah ich den Größten Zweig, ein Kind von ungewöhnlicher Schönheit, in Kuláh 25 und Jubbiy-i-Hizári'í 26 gekleidet, aus dem Zimmer kommen, das Sein Vater bewohnte, und die Stufen zur Haustür herabsteigen. Ich ging auf Ihn zu und streckte die Arme aus, um Ihn zu tragen. „Wir werden miteinander gehen", sagte Er, nahm mich bei der Hand und führte mich aus dem Haus. Wir plauderten, während wir Hand in Hand zu der Madrisih gingen, die damals unter dem Namen Pá-Minár bekannt war. Als wir in Sein Klassenzimmer kamen, sah Er mich an und sagte: „Komm heute nachmittag wieder und bringe mich nach Hause, denn Isfandíyár kann mich nicht abholen. Mein Vater braucht ihn heute." Gern willigte ich ein und kehrte sogleich zum Haus Bahá'u'lláhs zurück. Dort begegnete mir wieder Mírzá Yahyá, er gab mir einen Brief und bat mich, diesen zur Madrisiy-i-Sadr zu tragen und Bahá'u'lláh, den ich dort im Zimmer von Mulla Báqir-i-Bastámí finden sollte, auszuhändigen. Er bat mich, mit der Antwort sofort zurückzukommen. Ich führte meinen [465] Auftrag aus und kam so rechtzeitig zur Madrisih, dass ich den Größten Zweig nach Hause begleiten kannte;
Eines Tages lud mich Mírzá Ahmad ein, mit Hájí Mírzá Siyyid 'Ali zusammenzutreffen, einem Onkel des Báb mütterlicherseits, der unlängst von Chihríq zurückgekommen war und sich im Hause von Muhammad Big-i-Chapárchí in der Nähe des Shimírán-Tores aufhielt. Ich war tief beeindruckt von seinen edlen Gesichtszügen und der hoheitsvollen Haltung. Meine späteren Besuche bei ihm trugen dazu bei, meine Bewunderung für seine Sanftmut, seine mystische Frömmigkeit und seinen festen Charakter noch zu steigern. Ich erinnere midi gut, wie Ab einmal Aqáy-i-Kalim anlässlich einer bestimmten Versammlung drängte, Tihrán, wo es damals stark gärte, zu verlassen und dieser gefährlichen Atmosphäre zu entfliehen. „Warum Sorge um meine Sicherheit?“ antwortete er zuversichtliche „Ich wollte, ich könnte an dem Festmahl teilnehmen, das die Hand der Vorsehung für Seine Erwählten bereitet!"
Kurze Zeit später gelang es den Unruhestiftern, einen schweren Tumult: in der Stadt anzuzetteln. Unmittelbarer Anlass war die Tat eines Siyyids aus Káshán, der in der Madrisiy-i-Dáru’sh-Shafá' wohnte. Ihn hatte der wohlbekannte Siyyid Muhammad ins Vertrauen gezogen und, wie der Siyyid angab, von den Lehren des Báb überzeugt. Mírzá Muhammad-Husayn-i-Kirmání, ein bekannter Dozent der metaphysischen Lehren des Islam, der in derselben Madrisih wohnte, hatte mehrfach versucht, seinen Schüler Siyyid Muhammad zu veranlassen, seine Beziehungen zu jenem Kásháner Siyyid. den er für unzuverlässig hielt, abzubrechen, und ihn von den Zusammenkünften der Gläubigen fernzuhalten. Doch Siyyid Muhammad ließ sich durch diese Warnung nicht abschrecken und erhielt seine Beziehungen zu ihm aufrecht bis zum Beginn des Monats Rabí'u'th-Thání des Jahres 1266 n.d.H. 27 als der verräterische Siyyid zu einem der ‘Ulamá von Káshán namens Siyyid Husayn lief und diesem die Namen und Adressen von etwa fünfzig damals in Tihran lebenden Gläubigen auslieferte. Siyyid Husayn übergab diese Liste unverzüglich dem Mahmúd Khán-í-Kalántar, der befahl, sie alle festzunehmen. Vierzehn von ihnen wurden verhaftet und den Behörden vorgeführt.
Ich war am Tag ihrer Verhaftung zufällig mit meinem Bruder und meinem Onkel von Mutterseite zusammen, die von Zarand gekommen und in einer Karawanserei vor dem Naw-Tor abgestiegen waren. Am nächsten Morgen. reisten sie nach Zarand zurück, und als ich wieder in die Madrisiy-i-Dáru’sh-Shafá' kam, fand ich in meinem Zimmer ein Paket vor, darauf einen Brief von Mírzá Ahmad an mich adressiert. Aus dem Brief erfuhr ich, dass der verruchte [466] Siyyid uns schließlich denunziert und in der Hauptstadt für heftigen Aufruhr gesorgt hatte. „Das Paket", schrieb er, „das ich in Deinem Zimmer hinterlasse, enthält alle heiligen Schriften, die ich besitze. Wenn Du je wohlbehalten hierher zurückkommst, dann bringe sie in die Karawanserei des Hájí Nád-'Alí, Du wirst einen Mann dieses Namens, einen gebürtigen Qazviner, in einem ihrer Räume finden. Ihm übergib das Paket zusammen mit diesem Begleitbrief. Dann begib Dich sogleich zur Masjid-i-Sháh, wo ich Dich zu treffen hoffe." Diesen Anweisungen entsprechend gab ich das Paket bei dem Hájí ab, erreichte auch glücklich die Masjid, traf dort Siyyid Ahmad und hörte von ihm, wie man ihn überfallen hatte und er in dieser Masjid, deren Mauern ihn vor weiteren Attacken schützten, Zuflucht gefunden.
In der Zwischenzeit hatte Bahá'u'lláh aus der Madrisiy-i-Sadr an Mírzá Ahmad eine Botschaft gesandt und ihn damit über die Absichten des Amir-Ni-zám unterrichtet, der schon bei drei verschiedenen Anlässen beim Imám-Jum'ih seine Festnahme gefordert hatte. So war er auch gewarnt, dass der Amir ungeachtet des Asylrechts, das in der Masjid herrschte, aüe zu verhaften beabsichtige, die an dieser heiligen Stätte Zuflucht gesucht hatten. Mírzá Ahmad wurde dringend aufgefordert, sich verkleidet nach Qum zu begeben, und mich solle er veranlassen, nach Zarand heimzukehren.
Auch meine Verwandten, die mich in der Masjid-i-Sháh wiedererkannt hatten, drängten mich, nach Zarand zu gehen, zumal mein Vater sich über die [467] fälschliche Nachricht von meiner Verhaftung und bevorstehenden Hinrichtung großen Kummer mache und es meine Pflicht sei, ihn eilends aus seiner Angst zu erlösen. So handelte ich entsprechend der Weisung Mírzá Ahmads, der mir riet, diese von Gott gesandte Gelegenheit zu nützen, reiste nach Zarand und feierte dort im Kreise meiner Familie das Naw-Ruz-Fest, ein Fest, doppelt gesegnet, fiel es doch auf den fünften Tag des Jamádíyu'1-Awal des Jahres 1266 n.d.H. 28, den Jahrestag, da der Báb Seine Sendung erklärte. Das Naw-Ruz-Fest jenes Jahres ist im Kitab-i-Panj-Sha'n erwähnt, einem der letzten Werke des Báb. In diesem Buch heißt es: „Das sechste Naw-Ruz nach der Erklärung des Punktes des Bayán 29 fiel auf den fünften Tag des Jamádíyu'1-Awal im siebenten Mondjahr nach dieser Erklärung." Im selben Abschnitt spielt der Báb darauf an, dass das Naw-Ruz dieses Jahres das letzte sein sollte, das Ihm auf dieser Erde beschieden sei.
Während des ganzen Festes, das meine Verwandten in Zarand feierten, war mein Herz in Tihrán, meine Gedanken kreisten um das Schicksal, dem meine Glaubensgenossen im Aufruhr jener Stadt ausgeliefert sein mochten. Sehnlich wartete ich auf Nachricht, dass sie in Sicherheit wären. Wenngleich im väterlichen Haus aufgehoben und von fürsorglichen Eltern umgeben, war ich bedrückt von dem Gedanken, getrennt zu sein von der kleinen Schar, deren gefährliche Lage ich mir gut vorstellen konnte und deren Heimsuchungen ich gerne mit ihnen geteilt hätte. Aus der schrecklichen Ungewissheit, in der ich, auf mein Heim beschränkt, lebte, befreite mich unerwartet die Ankunft von Sádiq-i-Tabrízí, der aus Tihrán kam und im Hause meines Vaters Aufnahme fand. Wohl befreite er mich aus der Ungewissheit, die mich so schwer bedrückt hatte, doch zu meinem größten Entsetzen breitete er vor mir einen Bericht von solcher Grausamkeit aus, dass die Ängste der Ungewissheit verblassten vor dem grellen Licht, das mir mit jenem furchtbaren Geschehen das Herz gleichsam blendete.
Ich will nun über die näheren Umstände berichten, wie meine gefangenen Brüder in Tihrán den Märtyrertod zu erdulden hatten—dies war nämlich ihr Schicksal. Die vierzehn festgenommenen Jünger des Báb blieben vom ersten bis zum zweiundzwanzigsten Rabí’u’th-Thání 30 im Hause von Mahmúd Khán-i-Kalántar eingekerkert. Dort wurde auch Táhirih im oberen Stockwerk gefangengehalten. Sie wurden in jeder Weise übel misshandelt. Mit allen Mitteln versuchten die Verfolger die Informationen von ihnen zu erpressen, die sie hören [468] wollten—doch ohne Erfolg, sie erhielten keine brauchbare Antwort. Unter den Gefangenen befand sich auch ein gewisser Muhammad-Husayn-i-Marághi'í, der sich trotz des harten Drucks, dem er ausgesetzt war, hartnäckig weigerte, auch nur ein Wort zu sagen. Sie folterten ihn, sie griffen zu jedem erdenklichen Mittel, um ihm abzupressen, was ihren Zwecken hätte dienen können, kamen aber nicht zum Ziel. Er schwieg so hartnäckig, dass die Bedrücker glaubten, er hätte die Sprache verloren. Sie fragten Hájí Mulla Ismá'íl, der ihn zum Glauben bekehrt hatte, ob er sprechen könne oder nicht. „Er schweigt, aber er ist nicht sprachlos", erwiderte dieser „er ist redegewandt und spricht ohne Fehler." Als er ihn bei seinem Namen rief, antwortete das Opfer und versicherte, dass es an seinem Entschluss festhalten wolle.
Als sie einsahen, dass sie den Willen ihrer Opfer nicht brechen konnten, brachten sie die Angelegenheit vor Mahmúd Khan, der seinerseits ihren Fall dem Amír-Nizám Mírzá Taqí Khán 31, dem Großwesir Násiri'd-Dín Sháhs, vorlegte. Der Herrscher kümmerte sich damals nicht selbst um die Angelegenheiten der verfolgten Gemeinde und wusste oft nichts von den Entscheidungen, die über ihre Mitglieder getroffen wurden. Der Großwesir hatte Vollmacht, nach Gutdünken mit ihnen zu verfahren. Niemand stellte seine Entscheidungen in Frage oder wagte es, die Art seiner Machtausübung zu missbilligen. Er erließ sogleich einen Befehl, der jedem der vierzehn Gefangenen die Hinrichtung androhte für den Fall, dass er seinem Glauben nicht abschwor. Sieben konnten dem auf sie ausgeübten Druck nicht widerstehen und wurden alsbald freigelassen. Die anderen sieben sind die Sieben Märtyrer von Tihrán.
1. Hájí Mírzá Siyyid 'Ali mit dem Beinamen Khál-i-A'zam 32, des Báb Onkel von Mutterseite und einer der führenden Kaufleute von Shíráz. Er war der Oheim, in dessen Obhut der Báb nach dem Tode Seines Vaters gegeben worden war und der nach seines Neffen Rückkehr von der Pilgerfahrt nach Hijáz und Gefangennahme durch Husayn-Khán mit einem schriftlichen Ehrenwort die volle Verantwortung für Ihn übernahm. Er war es auch, der Ihn, solange Er in seiner Obhut war, mit nimmermüder Sorge umgab, der Ihm mit tiefer Ergebenheit diente und Mittelsmann war zwischen Ihm und der Flut Seiner Anhänger, die nach Shíráz strömten, um Ihn zu sehen. Sein einziges Kind, Siyyid Javád, war im Kindesalter verstorben. Gegen Mitte des Jahres 1265 n.d.H. 33 hatte Hájí Mírzá Siyyid 'Ah' Shíráz verlassen und den Báb auf der Burg Chihriq [469] aufgesucht. Von dort war er nach Tihrán gegangen und in dieser Stadt, wenn auch ohne besondere Beschäftigung, geblieben bis zu dem Aufruhr, in dessen Verlauf er schließlich den Märtyrertod fand.
Obgleich seine Freunde ihn drängten, er solle den rasch aufflammenden Unruhen entfliehen, hörte er nicht auf diesen Rat und hielt bis zu seiner letzten Stunde in vollkommener Ergebenheit den Drangsalen stand, denen er unterworfen war. Unter den wohlhabenderen Kaufleuten aus seinem Bekanntenkreis erboten sich beachtlich viele, Lösegeld für ihn zu zahlen, was er ablehnte. Schließlich wurde er dem Amír-Nizám vorgeführt. Der Großwesir sagte zu ihm: „Das Oberhaupt dieses Reiches ist nicht willens, Abkömmlingen des Propheten auch nur das geringste Unrecht zuzufügen. Vornehme Kaufleute aus Shíráz und Tihrán sind bereit, nein, brennen darauf, Lösegeld für dich zu zahlen. Selbst der Maliku't-Tujjár hat sich für dich verwandt. Ein Wort des Widerrufs von dir genügt, um dich freizulassen und dir eine ehrenvolle Rückkehr in deine Heimatstadt zu sichern. Ich gebe dir mein Ehrenwort, dass du, wenn du dich fügst, den Rest deines Lebens in Ehren und Würden unter deines Herrschers Schutz und Schirm verbringen wirst." „Exzellenz", antwortete Hájí Mírzá Siyyid 'Ali kühn, „wenn vor mir andere freudig den Kelch des Märtyrertodes geleert haben und ein Angebot, wie Sie es mir jetzt machen, entschlossen zurückwiesen, so seien Sie gewiss, dass ich ein derartiges Ansinnen nicht weniger entschieden ablehne. Wollte ich die Wahrheit dieser Offenbarung verwerfen, so wäre dies gleichbedeutend mit der Verwerfung aller vorangegangenen Offenbarungen. Der Sendung des Siyyid-i-Báb die Anerkennung verweigern hieße dem Glauben meiner Väter abtrünnig werden und den göttlichen Charakter der Botschaft leugnen, die Muhammad, Jesus, Moses und alle Propheten der. Vergangenheit offenbarten. Gott weiß, dass ich das Vorrecht hatte, alles, was ich über die Worte und Taten dieser Gottesboten gehört und gelesen hatte, in diesem Jüngling, meinem geliebten Verwandten, von Seiner frühesten Jugend bis heute, seinem dreißigsten Lebensjahr, wiederzufinden. Alles an Ihm erinnert mich an Seinen erlauchten Ahnen und die Imáme Seines Glaubens, deren Leben in unseren Überlieferungen aufgezeichnet ist. Ich bitte Sie nur, dass Sie mich den ersten sein lassen, der sein Leben auf dem Pfade meines geliebten Verwandten niederlegen darf."
Der Amir war sprachlos über eine solche Antwort. Ohne ein Wort zu sagen, befahl er wütend, ihn abzuführen und zu köpfen. Als das Opfer zur Hinrichtung geführt wurde, hörte man es wieder und wieder den Vers von Hafiz sprechen: „Groß ist mein Dank an Dich, o mein Gott, denn Du gewährtest mir in Deiner Güte alles, worum ich Dich bat." „Hört mich, o Volk", rief er zur Menge, die ihn umdrängte, „ich opfere mich aus freien Stücken auf dem Pfade der Sache [470] Gottes. Ganz Fárs und über Persiens Grenzen hinaus der 'Iráq werden bereitwillig mein aufrechtes Verhalten, meinen rechtschaffenen Glauben und meine edle Abkunft bezeugen. Ihr habt mehr als tausend Jahre lang immer wieder gebetet, dass der verheißene Qá'im erscheine. Wie oft habt ihr bei der Erwähnung Seines Namens aus tiefstem Herzen gerufen: »Beschleunige, o Gott, Sein Kommen, beseitige jedes Hindernis, das Seiner Ankunft im Wege steht.' Und jetzt, da Er gekommen, habt ihr Ihn in hoffnungsloses Exil vertrieben, in den letzten, verlassensten Winkel von Ádhirbáyján, und habt euch erhoben, Seine Gefährten auszurotten. Wollte ich Gottes Fluch auf euch herabrufen, so träfe Sein rächender Zorn euch gewiss hart. Aber so bete ich nicht. Bis zum letzten Atemzug bete ich, dass der Allmächtige den Makel eurer Schuld von euch wasche und euch aus dem Schlaf eurer Achtlosigkeit aufwachen lasse. 34
Der Scharfrichter war von diesen Worten zutiefst bewegt. Unter dem Vorwand, er müsse das schon zum Schlag erhobene Schwert nachschärfen, lief er eilends davon, entschlossen, nie wiederzukehren. „Als ich für diesen Dienst verpflichtet wurde", hörte man ihn unter bitteren Tränen klagen, „wollten sie nur überführte Mörder und Straßenräuber in meine Hand geben. Jetzt befehlen sie mir, das Blut eines nicht weniger heiligen Mannes als der Imam Músáy-i-Kázim 35 zu vergießen!" Kurze Zeit später ging er nach Khurásán und versuchte dort, als Lastträger und Ausrufer seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Den Gläubigen in jener Provinz erzählte er die Geschichte dieser Tragödie und brachte sein Bedauern über die Rolle zum Ausdruck, die zu spielen er gezwungen worden war. Immer wenn er davon erzählte, wenn der Name Hájí Mírzá Siyyid 'Ali fiel, konnte er die Tränen nicht zurückhalten, Tränen, die von der Liebe zeugten, die dieser heilige Mann in seinem Herzen erweckt hatte.
2. Mírzá Qurbán-'Alí 36, geboren in Bárfurúsh in der Provinz Mázindarán, eine herausragende Persönlichkeit in der Gemeinde, bekannt unter dem Namen Ni'matu'üahi. Er war ein zutiefst gläubiger Mensch und von sehr edlem Charakter. Sein Lebenswandel war so lauter, dass eine beträchtliche Zahl angesehener Männer in Mázindarán, Khurásán und Tihrán ihm Gefolgschaft leisteten und ihn geradezu als die Verkörperung der Tugend achteten. Unter [471] seinen Landsleuten genoss er solches Ansehen, dass anlässlich seiner Pilgerfahrt nach Karbilá eine ganze Menge ergebener Verehrer seinen Weg säumte und ihm Huldigungen darbrachte. In Hamadán wie in Kirmánsháh waren viele Menschen von seiner Persönlichkeit tief beeindruckt und reihten sich unter die Schar seiner Anhänger. Wohin er auch kam, überall wurde er von den Menschen mit Beifall begrüßt". Doch ihm waren diese Bekundungen öffentlichen Beifalls höchst zuwider. Er mied die Menge und verachtete Prunk und Zeremoniell der Führerschaft. Als er auf dem Weg nach Karbilá durch Mandalij kam, wurde ein recht einflussreicher Shavkh so von Begeisterung für ihn ergriffen, dass er allem, was ihm vorher teuer gewesen, entsagte, seine Freunde und Schüler verließ und ihm nachfolgte bis Ya'qúbíyyih. Doch Mírzá Qurbán-'Alí konnte ihn schließlich zur Rückkehr nach Mandalij bewegen, damit er seine im Stich gelassene Arbeit wieder aufnähme.
Bei der Rückkehr von seiner Pilgerfahrt traf Mírzá Qurbán-'Alí mit Mulla Husayn zusammen und nahm durch ihn die Wahrheit der Sache Gottes an. Wegen Krankheit war es ihm nicht möglich, sich den Verteidigern der Festung Tabarsi anzuschließen, sonst wäre er wohl der erste gewesen, der nach Mázin-darán reiste, um sich zu ihrer Besatzung zu gesellen. Nächst Mulla Husayn fühlte er sich unter den Jüngern des Báb am stärksten von Vahid angezogen. Ich hatte bei meinem Besuch in Tihrán erfahren, dass dieser sein Leben ganz dem Dienst der Sache geweiht und sich mit beispielhafter Ergebenheit aufgemacht hatte, sie weit und breit zu fördern. Ich hörte Mírzá Qurbán-'Alí, der damals auch in der Hauptstadt war, oft seine Krankheit beklagen. „Wie sehr bekümmert es mich", hörte ich ihn mehrmals sagen, „dass ich nicht teilhaben durfte an dem Kelch, den Mulla Husayn und seine Gefährten leerten! Ich sehne mich darnach, mich Vahid anzuschließen, mich unter sein Banner zu reihen und mein früheres Versagen wiedergutzumachen." Als er sich zum Aufbruch von Tihrán rüstete, wurde er plötzlich verhaftet. Seine bescheidene Kleidung zeugte für den Grad seiner Loslösung. Wenn er durch die Straßen ging, wie ein Araber in eine weiße Tunika gehüllt, darüber die grob gewebte 'Abá 37, dazu die Kopfbedeckung der Leute aus dem 'Iráq, erschien er wie die Entsagung selbst. Gewissenhaft hielt er sich an alle Regeln seines Glaubens und verrichtete seine Gebete in vorbildlicher Andacht. „Der Báb hält sich selbst in den kleinsten Einzelheiten an die Regeln Seines Glaubens", sagte er oft. „Soll ich da vernachlässigen, was mein Vorbild beachtet?"
Als Mírzá Qurbán-'Alí verhaftet und vor den Amír-Nizám gebracht wurde, entstand ein Aufruhr, wie ihn Tihrán selten erlebte. Eine große Menschenmenge [472] drängte sich vor den Eingängen zum Regierungssitz und wollte wissen, was mit ihm geschähe. Der Amir sagte, als er ihn sah: „Seit gestern abend werde ich von allen möglichen Staatsbeamten bestürmt, die sich heftig für dich einsetzen. 38 Soviel ich weiß von der Stellung, die du einnimmst, und dem Einfluss, den deine Worte haben, stehst du dem Siyyid-i-Báb nicht viel nach. Du hättest besser selbst den Anspruch auf Führerschaft erheben sollen als jemandem Gefolgschaft leisten, der dir an Wissen sicher unterlegen ist." „Das Wissen, das ich habe", erwiderte er kühn, „hat mich dazu geführt, mich ergeben vor Dem zu neigen, den ich als meinen Herrn und Meister erkenne. Seit ich erwachsen wurde, betrachte ich Gerechtigkeit und Redlichkeit als Leitmotive meines Lebens. Ich habe mir sorgfältig ein Urteil über Ihn gebildet und kam zu dem Schluss, dass, wenn dieser Jüngling, dessen überragende Macht Freund und Feind gleicherweise bezeugen, falsch wäre, ein jeder Gottesprophet seit undenklicher Zeit bis heute als Inbegriff der Falschheit zurückgewiesen werden müßte. Ich genieße die unbedingte Ergebenheit von mehr als tausend Bewunderern, doch bin ich machtlos, das Herz auch nur eines dieser Menschen zu wandeln. Dieser Jüngling aber erwies sich fähig, durch das Elixier Seiner Liebe die Seelen selbst der niedrigsten Seiner Anhänger zu verwandeln. Allein auf sich gestellt, hat Er auf Tausende wie mich solchen Einfluss ausgeübt, dass sie, selbst ohne Ihm je begegnet zu sein, ihre eigenen Wunsche verwerfen und sich Seinem Willen ergeben. Der Unzulänglichkeit ihres Opfers gänzlich bewusst, sehnen sie sich darnach, ihr Leben um Seinetwillen dahinzugehen in der Hoffnung, dass dies weitere Zeichen ihrer Ergebenheit wert sei, an Seinem Hof erwähnt zu werden." „Ob deine Worte von Gott sind oder nicht", bemerkte der Amír-Nizám, „mir widerstrebt es, gegen den Inhaber einer so hohen Stellung das Todesurteil auszusprechen." „Warum zögern?" brach es aus dem ungeduldigen Opfer [473] hervor. „Weißt du nicht, dass alle Namen vom Himmel sind? Er, dessen Name 'Ali 39 ist und auf dessen Pfad ich mein Leben opfere, hat vor undenklicher Zeit meinen Namen Qurbán-'Alí 40 in die Rolle Seiner erwählten Märtyrer eingetragen. Dies ist fürwahr der Tag, da ich das Qurban-Fest feiere, der Tag, da ich meinen Glauben an Seine Sache mit meinem Blut besiegeln werde. Darum zögere nicht und sei gewiss, dass ich dich für dein Handeln nie verantwortlich machen werde. Je früher du mir den Kopf abschlägst, desto dankbarer bin ich dir." „Führt ihn auf der Stelle ab", schrie der Amir. „Sonst schlägt mich dieser Derwisch noch in Bann!" „Du bist gefeit gegen diesen Zauber", antwortete Mírzá Qurbán-'Alí, „er kann nur die Herzensreinen befallen. Du und deinesgleichen werdet nie die hinreißende Kraft dieses göttlichen Elixiers spüren können, das jäh wie ein Augenaufschlag des Menschen Seele verwandelt."
Aufgebracht durch diese Antwort, erhob sich der Amír-Nizám von seinem Sitz, am ganzen Leib vor Wut zitternd rief er: „Nur mit dem Schwert ist dieses irregeleitete Volk zum Schweigen zu bringen!" „Ihr braucht mir keinen dieser verhassten Sekte mehr vorzuführen", sagte er zu den bereitstehenden Scharfrichtern. „Mit Worten ist gegen ihre unerschütterliche Widerspenstigkeit nicht anzukommen. Wen ihr dazu bringen könnt, seinen Glauben zu widerrufen, den lasst frei, die übrigen köpft."
Als er zur Stätte seines Todes schritt, brach Mírzá Qurbán-'Alí, berauscht vom Gedanken an die bevorstehende Vereinigung mit seinem Geliebten, in freudige Begeisterung aus. „Tötet mich rasch", rief er voll leidenschaftlichen Entzückens, „denn mit diesem Tod reicht ihr mir den Kelch ewigen Lebens. Erstickt ihr mir jetzt auch den letzten Atem, so wird mein Geliebter mir dafür Zehntausende neue Leben schenken, Leben, wie sie kein sterblich Herz begreift! " „Hört meine Worte, ihr, die ihr euch als Anhänger des Gesandten Gottes bekennt", sprach er, zur Zuschauermenge gewandt. „Muhammad, die Sonne göttlicher Führung, in einem früheren Zeitalter über dem Horizont des Hijáz aufgestiegen, ging heute erneut auf in der Person von 'Ali-Muhammad, diesem Morgen von Shíráz, im selben Glanz und dieselbe Wärme verbreitend. Eine Rose ist Rose, in welchem Garten und wann immer sie auch blüht." Als er sah, wie rings die Menschen taub waren für seinen Ruf, da rief er laut: „O verderbtes Geschlecht! Wie achtlos des Duftes, den diese unsterbliche Rose verströmt! Meine Seele fließt über vor Wonne, doch ach, es findet kein Herz sich, das ihren Reiz mit mir teilt, kein Geist, der ihre Herrlichkeit fasst."
Der Anblick des enthaupteten und blutenden Leibes des Hájí Mírzá Siyyid 'Ali zu seinen Füßen steigerte sein fieberhaftes Entzücken aufs höchste. „Heil!" [474] schrie er und warf sich über ihn, „Heil dem Tag gemeinsamer Freude, dem Tag der Vereinigung mit unserem Geliebten." „Komm", rief er dem Scharfrichter zu, den Leichnam umarmend, „und schlage zu mit deinem Schwert, denn mein treuer Gefährte will sich nicht aus meinen Armen lösen und ruft mich, gemeinsam mit ihm an den Hof des Geliebten zu eilen." Dann traf des Henkers Schlag seinen Nacken. Wenig später war dieses großen Mannes Seele dahingegangen. Der grausame Streich weckte Entrüstung und Mitgefühl bei den Umstehenden. Kummer- und Klagegeschrei stieg aus den Herzen der Menge und erregte eine Trauer, die an die Schmerzensausbrüche erinnerte, mit denen das Volk jährlich den 'Áshúrá-Tag feiert. 41
3. Dann kam Hájí Mulla Ismá'il-i-Qumí an die Reihe. In Faráhán geboren, hatte er sich in früher Jugend auf die Suche nach der Wahrheit, die er sehnlich zu entdecken strebte, nach Karbilá begeben. Er hatte mit allen maßgeblichen ‘Ulamá von Najaf verkehrt, Siyyid Kázim-i-Rashtí zu Füßen gesessen und durch ihn das Wissen und Verständnis erlangt, das ihn befähigte, einige Jahre später in Shíráz die Offenbarung des Báb anzuerkennen. Er zeichnete sich aus durch standhaften Glauben und glühende Hingabe. Als ihn des Báb Befehl erreichte, der Seine Anhänger nach Khurásán eilen hieß, folgte er begeistert, schloss sich den Gefährten an, die nach Badasht zogen, und vernahm dort den Ruf des Sirru'l-Vujud 42. In ihrer Begleitung gewann er tieferes Verständnis für die Sache Gottes, und gleichermaßen wuchs sein Eifer, sie zu fördern. Er wurde zum Inbegriff der Loslösung und strebte immer ungeduldiger darnach, den Geist, mit dem sein Glaube ihn beseelte, in geeigneter Weise zum Ausdruck zu bringen. Bei der Auslegung der Qur'an-Verse und islamischen Traditionen bewies er ein Verständnis, dem wenige gleichkommen konnten, und seine Mitjünger bewunderten ihn um die Beredsamkeit, mit der er diese Wahrheiten darlegte. In der Zeit, da die Festung Tabarsi zum Sammelpunkt für die Anhänger des Báb wurde, lag er krank zu Bett, untröstlich, dass er nicht Beistand leisten und sein Teil zur Verteidigung beitragen konnte. Wieder genesen und gewahr, dass die denkwürdige Belagerung mit dem Massaker an seinen Glaubensgenossen zu Ende gegangen war, erhob er sich sogleich mit größter Entschlossenheit, um mit seinem aufopfernden Einsatz den Verlust, den die Sache erlitten hatte, [475] wettzumachen. Dieser Entschluss führte ihn schließlich auf das Feld des Martyriums und gewann ihm dessen Krone.
Zum Richtblock geführt und den Augenblick seiner Hinrichtung erwartend, fiel sein Blick auf die beiden ihm vorangegangenen Märtyrer, die einander unzertrennlich umschlungen hielten. „Gut gemacht, ihr geliebten Freunde", rief er, als er ihre blutigen Häupter sah. „Ihr habt Tihrán zum Paradies verwandelt! Hätte ich euch doch vorangehen können!" Er nahm eine Münze aus der Tasche, gab sie dem Scharfrichter und bat ihn, ihm etwas Süßigkeit zu besorgen, damit er seinen Mund süßen könne. Er nahm davon und gab ihm den Rest mit den Worten: „Ich habe dir deine Tat vergeben, komm und führe den Streich. Dreißig Jahre lang sehnte ich mich darnach, diesen gesegneten Tag zu erleben, und fürchtete, diesen Wunsch unerfüllt mit ins Grab nehmen zu müssen." Dann rief er, den Blick zum Himmel gewandt: „Nimm mich auf, o mein Gott, wenn ich auch unwürdig bin, und gewähre, dass mein Name in das Buch der Unsterblichen geschrieben werde, die ihr Leben auf dem Opferaltar darbrachten." So flehte er, als der Scharfrichter, wie gebeten, sein Gebet jäh abschnitt. 43
4. Kaum war sein Leben verhaucht, da wurde Siyyid Husayn-i-Turshizi, der Mujtahid, zum Richtblock geführt. Er stammte aus Turshiz, einem Dorf in Khurásán« und war für seine Frömmigkeit und Aufrichtigkeit hoch angesehen. Er hatte einige Jahre in Najaf studiert und war von seinem Mujtahid-Kollegium beauftragt worden, nach Khurásán zu gehen und dort die Grundsätze zu verbreiten, die er gelernt hatte. Als er nach Kázimayn kam, begegnete er Hájí Muhammad-Taqíy-i-Kirmání, einem alten Bekannten, der zu den bedeutendsten Kaufleuten in Kirmán gehörte und eine Zweigstelle seines Geschäftes in Khurásán eröffnet hatte. Da er auf dem Weg nach Persien war, entschloss er sich, ihn zu begleiten. Hájí Muhammad-Taqi war ein enger Freund von Hájí Mírzá Siyyid 'Ali, dem Onkel des Báb mütterlicherseits, durch den er im Jahre 1264 n-d-H. 44, als er zu einer Pilgerreise nach Karbilá von Shíráz aufbrechen wollte, zur Gottessache bekehrt worden war. Als er von der geplanten Reise [476] des Hájí Mírzá Siyyid 'Ali nach Chihríq zum Besuch des Báb erfuhr, äußerte er den lebhaften Wunsch, ihn zu begleiten. Hájí Mírzá Siyyid 'Ali riet ihm, seinen ursprünglichen Plan auszuführen, nach Karbilá zu gehen und dort seine Nachricht abzuwarten, ob es ratsam sei mitzukommen. Hájí Mírzá Siyyid 'Ali erhielt die Weisung, von Chihríq aus nach Tihrán zu reisen—in der Hoffnung, nach kurzem Aufenthalt in der Hauptstadt erneut seinen Neffen besuchen zu können. Noch in Chihríq äußerte er seinen Widerwillen, nach Shíráz zurückzugehen, weil er die zunehmende Unverschämtheit der dortigen Einwohner nicht länger ertragen konnte. Nach seiner Ankunft in Tihrán bat er Hájí Muhammad-Taqi zu sich. Siyyid Husayn begleitete ihn von Baghdád nach der Hauptstadt und wurde durch ihn zum Glauben bekehrt.
Als Siyyid Husayn die Menschenmenge sah, die sich ringsum gesammelt hatte, um seinen Märtyrertod zu erleben, erhob er seine Stimme und sprach: „Hört, ihr Anhänger des Islam! Ich heiße Husayn und stamme ab von Siyyi-du'sh-Shuhadá, der denselben Namen 45 trug. Die Mujtahids der heiligen Städte Najaf und Karbilá bezeugen einmütig meinen Rang als bevollmächtigter Ausleger der Gesetze und Lehren ihres Glaubens. Erst vor kurzem habe ich den Namen des Siyyid-i-Báb vernommen. Die Vertrautheit mit den Feinheiten der islamischen Lehren hat es mir ermöglicht, die Bedeutung der Botschaft zu würdigen, die der Siyyid-i-Báb brachte. Wenn ich die Wahrheit, die Er offenbart, ablehnen wollte, dann verleugnete ich damit, davon bin ich überzeugt, alle früheren Offenbarungen. Ich fordere jeden einzelnen von euch auf, die ‘Ulamás und Mujtahids dieser Stadt einzuladen und eine Versammlung einzuberufen, auf der ich in ihrer Anwesenheit die Wahrheit dieser Sache begründen will. Dann sollen sie urteilen, ob ich die Berechtigung der Ansprüche des Báb beweisen konnte. Wenn sie meine Beweisführung überzeugt, dann sollen sie aufhören, unschuldiges Blut zu vergießen, und gelingt mir dies nicht, so sollen sie mich bestrafen, wie ich es verdiene." Kaum waren diese Worte gesprochen, da warfein Offizier im Dienste des Amír-Nizám hochmütig ein: „Ich habe dein Todesurteil bei mir, unterschrieben und gesiegelt von sieben anerkannten Tihráner Mujtahids, die dich schriftlich zum Ungläubigen erklären. Ich will selbst am Tage des Gerichts vor Gott für dein Blut verantwortlich sein, und die Führer, auf deren Urteil wir uns verlassen müssen und deren Entscheidungen wir uns zu unterwerfen gezwungen sind, sollen dafür geradestehen." Mit diesen Worten zog er den Dolch und stach so heftig zu, dass ihm Siyyid Husayn tot zu Füßen fiel. [477] [478]
5. Bald darauf wurde Hájí Muhammad-Taqíy-i-Kirmání zum Richtplatz geführt. Der grausige Anblick, der sich ihm bot, erregte heftige Entrüstung in ihm. „Komm her, du elender, herzloser Schinder", schleuderte er dem Scharfrichter entgegen, „töte mich schnell, denn ich kann es nicht erwarten, mit meinem geliebten Husayn vereinigt zu sein. Die Qual, ohne ihn weiterzuleben, ertrage ich nicht."
6. Kaum hatte Hájí Muhammad-Taqi diese Worte gesprochen, da stürzte Siyyid Murtadá, ein bekannter Kaufmann aus Zanjan, herbei, um seinen Gefährten zuvorzukommen. Er warf sich über den Leib von Hájí Muhammad-Taqi und machte geltend, dass sein, eines Siyyids, Märtyrertod Gott noch wohlgefälliger sei als derjenige des Hájí Muhammad-Taqi. Als der Scharfrichter das Schwert zog, erinnerte Siyyid Murtadá an seinen gemarterten Bruder, der an der Seite Mulla Husayns gekämpft hatte, und seine Worte waren so bewegend, dass die Zuschauer staunten ob des beharrlichen, unbeugsamen Glaubens, der ihn beseelte.
7. Mitten in dem Aufruhr, den die aufwühlenden Worte Siyyid Murtadás entfacht hatten, stürzte Muhammad-Husayn-i-Marághi'í herbei und bat darum, dass ihm der Märtyrertod vergönnt sei noch ehe die Gefährten dem Schwert anheimfielen. Wie sein Blick auf den Leichnam des Hájí Mulla Ismá'íl-i-Qumí fiel, dem er in tiefer Liebe zugetan war, warf er sich leidenschaftlich über ihn, umarmte ihn und rief: „Nie werde ich mich von meinem geliebten Freund trennen lassen, in den ich mein ganzes Vertrauen gesetzt und von dem ich so viele Beweise tiefster Liebe empfangen habe!"
Die Menge staunte über diesen Wetteifer, einander darin zuvorzukommen, das Leben für den Glauben hinzugeben, und war nun gespannt, wer unter den dreien seinen Gefährten vorgezogen würde. Diese baten so leidenschaftlich darum, dass schließlich alle drei gleichzeitig enthauptet wurden.
Einen so starken Glauben, derartige Beweise zügelloser Grausamkeit haben Menschenaugen kaum je gesehen. So gering an Zahl -, doch wenn wir uns die Umstände ihres Märtyrertodes ins Gedächtnis rufen, müssen wir das Erstaunliche dieser Kraft erkennen, die einen so seltenen Geist des Opfermutes zu erwecken vermochte. Wenn wir uns des hohen Ranges dieser Opfer erinnern, wenn wir den Grad ihrer Entsagung betrachten und ihre Glaubensstärke, wenn wir an den Druck denken, der von einflussreichen Stellen ausgeübt wurde, um die Gefahr abzuwenden, die ihrem Leben drohte, wenn wir uns vor allem den Geist vergegenwärtigen, mit dem sie den Grausamkeiten trotzten, für die ein unbarmherziger Feind sich nicht zu niedrig war, so müssen wir dieses Geschehen als eines der erschütterndsten Ereignisse in den Annalen dieser Sache ansehen. 46 [479] An dieser Stelle meines Berichtes hatte ich das Vorrecht, Bahá'u'lláh die Teile meines Werkes vorzulegen, die schon überprüft und abgeschlossen waren. Wie überreich wurde meine Mühe belohnt von Dem, dessen Gunst allein ich ersehne und Dem zu genügen ich mich dieser Aufgabe widmete! Voll Güte ließ Er mich zu sich rufen und schenkte mir Seinen Segen. Ich lebte in der Festungsstadt 'Akká in einer Wohnung in der Nähe des Hauses von Áqáy-i-Kalím, dort empfing ich die Einladung des Geliebten. Diesen Tag, den siebenten des Monats Rabí'u'th-Thání des Jahres 1306 n.d.H. 47 werde ich nie vergessen. Hier gebe ich das Wesentliche von dem wieder, was Er bei dieser denkwürdigen Gelegenheit zu mir sprach:
„In einem Tablet, das Wir gestern offenbarten, erläuterten Wir die Bedeutung der Worte ,Wendet die Augen ab' 48 , wobei Wir auf die Ereignisse bei der Versammlung von Badasht hinwiesen. Als Wir in Tihrán in Gesellschaft einer Reihe vornehmer Würdenträger die Hochzeit eines Prinzen königlichen Geblüts feierten, erschien plötzlich Siyyid Ahmad-i-Yazdi an der Tür, der Vater Siyyid Husayns, des Dieners des Báb. Er gab Uns ein Zeichen und es schien, als hätte er eine wichtige Botschaft, die er unverzüglich überbringen wollte. Wir konnten jedoch im Augenblick die Gesellschaft nicht verlassen, und bedeuteten ihm, dass er warten solle. Als die Versammlung sich aufgelöst hatte, teilte er Uns mit, dass Táhirih in Qazvin in strenge Haft genommen worden sei und in großer Lebensgefahr schwebe. Wir ließen sofort Muhammad-Hádiy-i-Farhádí kommen und gaben ihm die nötigen Anweisungen, um sie aus der Gefangenschaft zu erlösen und in die Hauptstadt zu geleiten. Weil Unser Haus vom Feind beschlagnahmt war, konnten Wir sie nicht ohne weiteres bei uns unterbringen. Darum veranlassten Wir, dass sie aus Unserem Hause in das des Kriegsministers 49 [480] übersiedelte, der damals bei seinem Herrscher in Ungnade gefallen und nach Káshán verbracht worden war. Wir baten seine Schwester, die noch zu Unseren Freunden zählte, Táhirihs Gastgeberin zu sein.
Sie blieb bei ihr bis Uns der Ruf des Báb erreichte, der Uns nach Khurásán zu gehen gebot. Wir entschieden, dass Táhirih sich sofort nach dieser Provinz begeben sollte, und beauftragten Mírzá 50, sie zu einer Stelle außerhalb des Stadttores zu führen und von dort an irgendeinen ihm geeignet erscheinenden Ort in der Nachbarschaft. Sie wurde in einen Garten verbracht, in dessen Nähe ein verlassenes Gebäude stand. Dort trafen sie einen alten Mann, der die Wache hielt. Mírzá Músá kehrte zurück und berichtete, wie sie dort aufgenommen worden waren, und er pries hoch die Schönheit der umgebenden Landschaft. Wir bereiteten darauf ihre Abreise nach Khurásán vor und versprachen, dass Wir in wenigen Tagen nachkommen würden.
Wir trafen sie bald in Badasht, wo Wir einen Garten für sie pachteten, und bestimmten Muhammad-Hádí, der sie befreit hatte, zum Torhüter. Etwa siebzig Gefährten waren bei Uns und lagerten an einem Ort in der Nähe dieses Gartens.
Eines Tages wurden Wir krank und mussten im Bett bleiben. Táhirih schickte Uns die Bitte, empfangen zu werden. Überrascht von dieser Botschaft, wussten Wir nicht, was Wir antworten sollten. Plötzlich sahen Wir sie in der Tür, ihr Angesicht unverschleiert, vor Uns. Wie gut hat Mírzá Áqá Ján 51 über diesen Vorfall gesprochen. ,Fátimihs Antlitz', sagte er, ,muss ja offenbar werden am Tage des Gerichts und unverhüllt vor den Augen der Menschen erscheinen. Und im selben Augenblick soll man die Stimme des Unsichtbaren sagen hören: „Wendet die Augen ab von dem, was ihr gesehen."'
Von welcher Bestürzung wurden an diesem Tag die Gefährten erfasst! Angst und Verwirrung erfüllte ihr Herz. Einige, die nicht ertragen konnten, was für sie eine revolutionäre Abweichung von den feststehenden Sitten des Islam war, flohen entsetzt vor ihrem Angesicht. Verzweifelt suchten sie Zuflucht in einer verlassenen Festung in der Nachbarschaft. Zu denen, die an Táhirihs Verhalten Anstoß nahmen und sich ganz von ihr lossagten, gehörten auch Siyyid-i-Nahrí 52 und sein Bruder Mírzá Hádí. Den beiden ließen Wir sagen, dass sie es nicht nötig hätten, ihre Gefährten zu verlassen und in einer Festung Zuflucht zu suchen. [481]
Schließlich zerstreuten sich Unsere Freunde und gaben Uns den Feinden preis. Als Wir später nach Ámul kamen, machten die Einwohner einen solchen Aufruhr, dass sich über viertausend Leute in der Masjid zusammenrotteten und auf den Dächern ihrer Häuser drängten. Der anführende Mulla der Stadt rügte Uns heftig. ,Du hast die islamische Religion entstellt', schrie er in seinem mázindaránischen Dialekt, ,und ihren guten Ruf beschmutzt! Heute nacht habe ich dich im Traum die Masjid betreten sehen, die übervoll war von Menschen, die sich dort versammelt hatten und begierig deine Ankunft erwarteten. Als die Menge sich um dich drängte, schaute ich hin, und siehe, da stand der Qá'im in einer Ecke, den Blick auf dein Gesicht geheftet, großes Erstaunen auf Seinem Antlitz. Diesen Traum sehe ich als Beweis dafür, dass du vom Pfad der Wahrheit abgewichen bist.' Wir versicherten ihm, dass der erstaunte Gesichtsausdruck ein Zeichen dafür war, dass der Qá'im seine und seiner Mitbürger Handlungsweise gegen Uns streng missbillige. Er stellte Uns Fragen über die Sendung des Báb. Wir sagten ihm, dass Wir, wenn Wir Ihm auch nie von Angesicht zu Angesicht begegnet wären, nichtsdestoweniger große Liebe für Ihn hegten. Wir brachten Unsere tiefe Überzeugung zum Ausdruck, dass Er unter keinen Umständen dem islamischen Glauben zuwidergehandelt hat.
Der Mulla und seine Anhänger aber wollten Uns nicht glauben und wiesen Unser Zeugnis als Verdrehung der Wahrheit zurück. Schließlich nahmen sie Uns in Haft und verboten Unseren Freunden den Zutritt zu Uns. Der amtierende Gouverneur von Ámul erreichte, dass Wir aus der Haft freikamen. Durch eine Maueröffhung, die er seine Leute machen ließ, ermöglichte er Uns, den Raum [482] zu verlassen, und geleitete Uns in sein Haus. Kaum hatten die Einwohner davon erfahren, wandten sie sich gegen Uns, belagerten den Gouverneurssitz, bewarfen Uns mit Steinen und schleuderten Uns die übelsten Schmähungen ins Gesicht.
Damals, als Wir beabsichtigten, Muhammad-Hádiy-i-Farhádí nach Qazvin zu senden, um Táhirihs Befreiung und ihr Geleit nach Tihrán zu bewerkstelligen, schrieb Uns Shaykh Abú-Turáb, dass ein solches Unterfangen mit großen Risiken verbunden wäre und beispiellosen Aufruhr entfesseln könnte. Wir ließen Uns von dem Vorhaben nicht ablenken. Der Shaykh war ein gutherziger Mann, von schlichter, einfacher Wesensart, und benahm sich mit großer Würde. Doch mangelte es ihm an Mut und Entschlossenheit, und manchmal verriet er Schwäche."
Nun sollte noch ein Wort über die Schlussphase des erschütternden Geschehens gesagt werden, das der sieben Tihráner Märtyrer Heldentum bezeugt. Drei Tage und drei Nächte blieben sie auf dem Sabzih-Maydán neben dem Kaiserpalast liegen, unbeschreiblicher Schmach ausgesetzt, mit der ein fühlloser Feind sie überhäufte. Tausende eifriger Schuten rotteten sich um die Leiber, traten sie mit Füßen und bespuckten ihre Gesichter. Die sterblichen Überreste wurden von der wütenden Menge mit Steinen beworfen, verflucht und verhöhnt. Mit Bergen von Abfall wurden die Leichen durch die Umstehenden überhäuft, und die übelsten Greuel wurden an ihnen verübt. Keiner erhob die Stimme zum Protest, keine Hand streckte sich aus, um dem barbarischen Unterdrücker in den Arm zu fallen.
Nachdem der leidenschaftliche Aufruhr abgeklungen war, begrub man sie vor den Stadttoren an einer Stelle außerhalb des öffentlichen Friedhofs, am Stadtgraben zwischen dem Naw- und dem Sháh-'Abdu'l-'Azím-Tor. Man legte sie in ein und dasselbe Grab, so blieben sie leiblich vereint, wie sie es im Geist während der Tage ihres irdischen Lebens waren. 53
Den Báb, der schon in Kummer versunken war über das Schicksal, das die Helden von Tabarsi ereilt hatte, traf die Nachricht von diesem Martyrium als ein weiterer Schlag. In einem ausführlichen Tablet, das Er ihnen zu Ehren [483] offenbarte und das mit jedem Wort von der erhabenen Stellung kündet, die sie in Seinen Augen einnehmen, spricht Er von ihnen als den „Sieben Widdern", von denen es in der islamischen Überlieferung heißt, dass sie am Tage des Gerichts „vor dem verheißenen Qá'im einherschreiten" werden. Durch ihr Leben sollen sie den Geist des edelsten Heldentums versinnbildlichen und durch ihren Tod wahre Ergebung in Seinen Willen offenbaren. Dem Qá'im voranschreiten bedeute, so erklärte der Báb, dass ihr Martyrium dem des Qá'im selbst vorausgehe, der ihr Hirte ist. Was der Báb voraussagte, sollte sich erfüllen, als sich vier Monate später Sein eigener Märtyrertod in Tabriz ereignete.
Dieses denkwürdige Jahr sah außer dem Martyrium des Báb und Seiner sieben Gefährten in Tihrán auch noch die bedeutsamen Geschehnisse in Nayriz, die in Vahids Tod gipfelten. Gegen Ende dieses Jahres wurde auch Zanjan zum Mittelpunkt eines Sturmes, der mit außergewöhnlicher Heftigkeit in den benachbarten Bezirken wütete und den Mord an einer großen Zahl der treuesten Jünger des Báb zur Folge hatte. Dieses Jahres, denkwürdig durch den großartigen Heldenmut dieser tapferen Glaubensstützen, ganz abgesehen von den wunderbaren Begleitumständen Seines 54 eigenen Märtyrertodes, wird für immer gedacht werden als eines der herrlichsten Kapitel in der blutigen Geschichte des Glaubens. Des ganzen Landes Angesicht war schwarz von den Greueln, in denen ein grausamer, gieriger Feind hemmungslos und nachhaltig schwelgte. Von Khurásán an der östlichen Grenze Persiens bis Tabriz weit im Westen, dem Schauplatz des Märtyrertodes des Báb, und von den Städten Zanjan und Tihrán im Norden bis Nayriz in der Provinz Fárs weit im Süden war das ganze Land in Finsternis gehüllt, eine Finsternis, die das Morgenlicht der Offenbarung ankündigte, die der erwartete Husayn bald kundtun sollte, eine Offenbarung, machtvoller und herrlicher noch als die, die der Báb verkündet hatte. 55 [484]



Zweiundzwanzigstes Kapitel DER AUFSTAND VON NAYRÍZ
In den ersten Tagen der Belagerung der Festung Tabarsi war Vahid mit der Aufgabe befasst, die Sache Gottes in Burujird und der Provinz Kurdistan zu verbreiten. Er hatte sich vorgenommen, die Mehrheit der Bevölkerung dieser Gebiete für den Glauben des Báb zu gewinnen, dann wollte er nach Fárs gehen und dort seine Arbeit fortsetzen. Sobald er hörte, dass Mulla Husayn nach Mázindarán abgereist war, eilte er in die Hauptstadt und traf die nötigen Vorbereitungen für seine Reise zur Festung Tabarsi. Als er gerade aufbrechen wollte, traf Bahá'u'lláh aus Mázindarán ein und stellte ihm vor Augen, dass er sich unmöglich seinen Brüdern anschließen könne. Er war sehr betrübt über diese Nachricht, und sein einziger Trost war damals, dass er Bahá'u'lláh oft besuchen und den Segen Seiner weisen, kostbaren Ratschläge empfangen durfte. 56
Schließlich entschloss sich Vahid, nach Qazvin zu gehen und dort das Werk, das ihm am Herzen lag, fortzusetzen. Von da ging er nach Qum und Káshán, [485] traf dort seine Mitgläubigen, konnte sie zu frischer Begeisterung und neuer Tatkraft anregen. Er setzte seine Reise fort nach Isfahán, Ardistán und Ardikán, verkündete in all diesen Städten freudig und furchtlos die Lehren seines Herrn, und es gelang ihm, eine beachtliche Anzahl fähiger Helfer für die Sache Gottes zu gewinnen. Er kam rechtzeitig nach Yazd, um dort das Naw-Ruz-Fest mit seinen Brüdern zu feiern, die über seine Ankunft hoch erfreut waren und sich durch seine Anwesenheit sehr ermutigt fühlten. Als Mann von hohem Ansehen besaß er außer seinem Haus in Yazd, wo seine Frau und ihre vier Söhne wohnten, einen Wohnsitz in Dáráb, wo seine Vorfahren herstammten, und einen weiteren, prachtvoll ausgestattet, in Nayriz.
Am ersten Jamádíyu'1-Awal des Jahres 1266 n.d.H. 57 kam er in Yazd an; der fünfte Tag desselben Monats, der Jahrestag der Erklärung des Báb, fiel mit dem Naw-Ruz-Fest zusammen. Die führenden ‘Ulamá und alle Würdenträger der Stadt kamen an diesem Tag, um ihm ihre Grüße und Glückwünsche darzubringen. Nawáb-i-Radaví, der gemeinste und prominenteste seiner Gegner, war anwesend und stichelte boshaft über die verschwenderische Pracht dieses Empfangs. „Nicht einmal das kaiserliche Bankett des Sháhs kann sich mit diesem üppigen Mahl vergleichen, das du vor uns ausbreitest", bemerkte er. „Ich habe den Verdacht, dass du neben dem nationalen Fest, das wir alle heute begehen, noch ein besonderes feierst." Vahids schlagfertige Antwort [486] brachte die Anwesenden zum Lachen. Alles klatschte, weil seine geschickte Bemerkung auf den boshaften Geiz des Nawáb passte. Nie zuvor war der Nawáb so zum Gespött einer so großen und vornehmen Gesellschaft geworden; er war von dieser Antwort tief beleidigt. Das schwelende Feuer, das er im Innersten gegen seinen Widersacher nährte, loderte heftig auf und weckte in ihm Durst nach Rache.
Vahid nahm die Gelegenheit wahr, um auf dieser Versammlung beherzt und rückhaltlos seine Glaubensgrundsätze darzulegen und deren Richtigkeit zu erläutern. Die meisten seiner Zuhörer kannten die Sache in ihren Grundzügen nur bruchstückhaft und wussten nichts von ihrer Tragweite. Einige fühlten sich unwiderstehlich angezogen und bekannten sich bereitwillig dazu. Doch die anderen lehnten sie innerlich ab und schworen sich in ihrer Unfähigkeit, offen gegen den Anspruch der Sache aufzutreten, sie mit allen Mitteln auszurotten. Die mutige, redegewandte Darlegung der Wahrheit durch Vahid entfachte ihren Hass und bestärkte sie in ihrem entschlossenen Bestreben, seinen Einfluss unverzüglich zu brechen. Dieser Tag war es, da sich die Kräfte gegen ihn verbündeten; er bezeichnet den Auftakt zu einem Zwischenspiel, das so viel Leid und Kummer mit sich bringen sollte. 58
Vahids Leben zu zerstören war von nun an das Hauptziel ihrer Umtriebe. Sie verbreiteten die Nachricht, Siyyid Yahyáy-i-Dárábí habe am Naw-Ruz-Tag die Kühnheit besessen, vor sämtlichen Würdenträgern der Stadt—weltlichen wie geistlichen—die herausfordernden Glaubenslehren des Báb darzulegen, und zur Begründung seiner Darlegung habe er Beweise und Zeugnisse aus dem Qur'án und den Traditionen des Islam angeführt. „Obgleich seine Zuhörer zu den erlauchtesten Mujtahiden der Stadt zählen", murrten sie, „hat in der Versammlung keiner gegen seine starken Behauptungen über den Anspruch seines Glaubens protestiert. Das Stillschweigen derer, die ihm zuhörten, ist schuld daran, dass eine Woge der Begeisterung für ihn über die Stadt schwappt; das hat ihm mehr als die halbe Einwohnerschaft zu Füßen gelegt, wo der Rest schon fest unter seinem Einfluss steht."
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Kunde über Yazd und seine Umgebung. Sie entfachte einerseits bitteren Hass und bewirkte andererseits einen [487] beachtlichen Zustrom zur Schar derer, die sich schon dem Glauben angeschlossen hatten. Von Ardikán und Manshád wie aus weiter entfernten Städten und Dörfern kamen die Leute in Scharen zu Vahids Haus, begierig, von der neuen Botschaft zu hören. „Was sollen wir tun?" fragten sie ihn. „Wie, rätst du uns, sollen wir unseren aufrichtigen Glauben, unsere tiefe Ergebenheit dartun?" Von früh bis spät war Vahid damit beschäftigt, ihre Unsicherheit zu beheben und ihre Schritte auf den Pfad des Dienstes zu lenken.
Vierzig Tage lang währte eine fieberhafte Aktivität unter seinen eifrigen Helfern, Männern wie Frauen. Sein Haus war zum Treffpunkt einer unzähligen Menge ergebener Menschen geworden, deren ganzes Streben es war, den Geist des Glaubens, der ihre Seelen entflammt hatte, würdig zum Ausdruck zu bringen. Die daraus entstandene Bewegung lieferte dem Nawáb-i-Radaví einen neuen Vorwand, um für seine Machenschaften gegen seinen Feind den jungen, in Staatsgeschäften unerfahrenen Stadtregenten 59 als Unterstützung zu gewinnen. So fiel er bald den Ränken dieses üblen Intriganten zum Opfer, der ihn veranlasste, eine bewaffnete Streitmacht zum Hause Vahids zu beordern, um es zu belagern. Während sich das Regiment dorthin aufmachte, war auf Anstiften des Nawáb ein Haufen niedrigsten Pöbels der Stadt auf dem Weg zum selben Haus, wild entschlossen, seine Bewohner mit Flüchen und Drohungen einzuschüchtern.
Obgleich von allen Seiten durch feindliche Streitkräfte bedrängt, fuhr Vahid vom Fenster des oberen Stockwerks in seinem Hause fort, seine Helfer in ihrem Eifer anzufeuern und ihnen zu erklären, was ihnen noch unverständlich war. Angesichts eines ganzen Regiments, verstärkt durch wütenden Pöbel und eben im Begriff anzugreifen, wandten sie sich in ihrer Not an Vahid und baten ihn, dass er ihre Schritte lenke. „Das Schwert, das hier vor mir liegt", gab er am Fenster sitzend zur Antwort, „gab mir der Qá'im selbst. Hätte Er mir erlaubt, heiligen Krieg gegen dieses Volk zu führen, so hätte ich, weiß Gott, allein und ganz auf mich gestellt ihre Streitmacht vernichtet. Aber mir ist befohlen, dies nicht zu tun. Dieses Roß", fügte er hinzu, als sein Blick auf das von seinem Diener Hasan gesattelte und vor das Haus geführte Pferd fiel, „gab mir der verstorbene Muhammad Sháh, damit ich damit seinen Auftrag erfülle: die Glaubenslehren, die der Siyyid-i-Báb verkündete, unparteiisch zu untersuchen und dem Sháh persönlich das Ergebnis meiner Forschung zu berichten—weil ich der einzige unter den geistlichen Führern Tihráns war, dem er uneingeschränkt vertraute. Ich übernahm den Auftrag mit dem festen Vorsatz, die Beweisführung dieses Siyyids zu widerlegen, Ihn dazu zu bewegen, von Seinen [488] Ideen abzulassen und meine Führerschaft anzuerkennen. Sodann wollte ich Ihn zum Beweis meines errungenen Sieges nach Tihrán mitnehmen. Als ich aber zu Ihm kam und Seine Worte vernahm, trat das Gegenteil von dem ein, was ich mir vorgestellt hatte. Bei der ersten Unterredung mit Ihm war ich völlig verlegen und verwirrt, am Ende der zweiten kam ich mir hilflos, unwissend wie ein Kind vor, die dritte traf mich niedrig wie Staub zu Seinen Füßen. Er war wahrhaftig nicht mehr der verächtliche Siyyid, den ich mir früher vorgestellt hatte. Für mich war Er die Manifestation Gottes selbst, lebendige Verkörperung des Geistes Gottes. Seit diesem Tag sehne ich mich darnach, mein Leben um Seinetwillen hinzugeben. Ich freue mich, dass dieser ersehnte Tag so rasch naht."
Als er sah, wie erregt seine Freunde waren, mahnte er sie zu Ruhe und Geduld, sie sollten versichert sein, dass der allvermögende Rächer in Kürze mit Seiner unsichtbaren Hand die gegen Seine Geliebten aufgestellten Streitkräfte vernichtend schlagen werde. Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, da traf die Kunde ein, dass ein gewisser Muhammad-'Abdu'lláh, von dem niemand erwartet hätte, dass er noch am Leben sei, und eine Schar seiner Gefährten, die man auch aus den Augen verloren hatte, plötzlich aufgetaucht seien, sich mit dem Ruf „Yá Sáhibu'z-Zamán!" 60 auf die Angreifer gestürzt und deren Streitmacht zerstreut hätten. So mutig sei er aufgetreten, dass die ganze Heeresabteilung die Waffen gestreckt und sich zusammen mit dem Gouverneur in die Nárín-Festung geflüchtet hätte.
Am selben Abend bat Muhammad-'Abdu'lláh, von Vahid empfangen zu werden. Er versicherte ihn seines Glaubens an die Sache und machte ihn mit seinen Plänen zur Unterwerfung des Feindes vertraut. „Wenn auch heute dein Auftreten die Gefahr eines unabsehbaren Unheils von diesem Hause abgewendet hat", entgegnete Vahid, „sollst du doch wissen, dass unser Streit mit diesen Leuten bisher auf die Beweisführung über die Offenbarung des Sáhibu'z-Za-mán begrenzt war. Doch in Zukunft wird sich der Nawáb veranlasst fühlen, das Volk gegen uns aufzuhetzen, er wird behaupten, ich hätte mich erhoben, um meine unbestrittene Herrschaft über die ganze Provinz aufzurichten, und hätte die Absicht, über ganz Persien zu herrschen." Vahid riet ihm, die Stadt sofort zu verlassen, und befahl ihn dem Schutz und der Hilfe des Allmächtigen. „Ehe nicht die festgesetzte Zeit da ist", versicherte er, „wird der Feind uns nicht das geringste Leid zufügen können."
Aber Muhammad-'Abdu'lláh schlug Vahids Rat in den Wind. „Es wäre feige von mir", hörte man ihn sagen, als er sich zurückzog, „wenn ich meine Freunde einem wütenden, mörderischen Feind auf Gedeih und Verderb auslieferte. Was [489] wäre denn da der Unterschied zwischen mir und denen, die den Siyyidu'sb-Shuhadá 61 am 4Ashúrá-Tag 62 im Stich ließen, mutterseelenallein auf dem Schlachtfeld in Karbilá? Ein barmherziger Gott wird, ich vertraue darauf, Nachsicht mit mir haben und mir mein Tun vergeben."
Mit diesen Worten lenkte er seine Schritte zur Nárín-Festung und zwang die in der Umgebung aufgezogenen Streitkräfte zu einem unrühmlichen Rückzug hinter die Festungsmauern. Es gelang ihm, den Gouverneur mitsamt allen [490] Belagerten dort festzusetzen. Er hielt selbst Wache, bereit, etwaige Verstärkungen abzufangen.
Inzwischen war es dem Nawáb gelungen, einen allgemeinen Aufstand anzuzetteln, dem sich die Einwohner in Massen anschlössen. Als sie sich anschickten, Vahids Haus zu stürmen, rief dieser nach Siyyid 'Abdu'l-'Azim-i-Khu'i, genannt Siwid-i-Khál-Dár, der einige Tage in der Festung Tabarsi am Abwehrkampf teilgenommen hatte und für sein würdiges Auftreten weithin bekannt war, und forderte ihn auf, sein Pferd zu besteigen und an seiner Stelle in allen Straßen und Basaren einen Aufruf an die gesamte Bevölkerung zu richten und sie dringend aufzufordern, sich der Sache des Sáhibu'z-Zamán anzuschließen. „Lass alle wissen", sagte er, „dass ich keinerlei Absicht hege, heiligen Krieg gegen sie zu führen. Wenn sie aber weiterhin ohne Rücksicht auf meinen Rang und meine Abstammung mein Haus belagern und mich angreifen, so warne sie, dass ich dann, zur Verteidigung gezwungen, Widerstand leisten und ihre Streitmacht zersprengen müßte. Sollten sie meinen Rat zurückweisen und sich von den Einflüsterungen des verschlagenen Nawáb beeinflussen lassen, dann werden auf meinen Befehl sieben meiner Gefährten die Streitkräfte mit Schimpf und Schande zurückschlagen und ihre Hoffnungen zunichte machen."
Der Siyyid-i-Khál-Dár bestieg das Pferd, ritt auf den Markt, begleitet von vier auserlesenen Brüdern, und verkündete mit überzeugenden, majestätischen Worten die Warnung, wie ihm aufgetragen war. Nicht zufrieden mit dem vorgegebenen Wortlaut seiner Botschaft, erlaubte er sich, auf unnachahmliche Weise einige Worte hinzuzufügen, um die Wirkung seiner Proklamation noch zu steigern. „Nehmt euch in acht", donnerte er, „dass ihr unseren Ruf nicht verschmäht. Ich warne euch! Meine Stimme wird genügen, eure Festungsmauern erzittern zu lassen, und die Kraft meines Armes wird genügen, ihre Tore zu brechen!"
Seine Stentorstimme, fanfarengleich, versetzte die Herzen derer, die sie vernahmen, in Angst und Schrecken. Einstimmig erklärten die verschreckten Einwohner, sie wollten die Schwerter niederlegen und aufhören, Vahid zu belästigen, dessen Abstammung sie hinfort, wie sie sagten, anerkennen und respektieren wollten.
Verlegen durch die offene Weigerung des Volkes, gegen Vahid zu kämpfen, stachelte sie der Nawáb nun zum Angriff gegen Muhammad-'Abdu'lláh und seine Gefährten auf, die in der Nähe der Festung lagerten. Der Waffenlärm veranlasste den Gouverneur, aus seinem Versteck hervorzukommen und die belagerte Truppe aufzufordern, sich mit den Leuten zu vereinigen, die der Nawáb aufgetrieben hatte. Muhammad-'Abdu'lláh war eben dabei, den Pöbel, [491] der sich von der Stadt her gegen ihn zusammenrottete, zu vertreiben, als er plötzlich von Truppen angegriffen wurde, die auf Anordnung des Gouverneurs das Feuer auf ihn eröffneten. Eine Kugel traf ihn am Fuß und streckte ihn zu Boden. Auch mehrere Mitstreiter wurden verwundet. Sein Bruder brachte ihn eilends an einen sicheren Ort, von dort trug man ihn auf seine Bitte hin zu Vahids Haus.
Der Feind verfolgte ihn dorthin, fest entschlossen, seiner habhaft zu werden und ihn zu töten. Der Lärm der Leute, die sich um sein Haus drängten, nötigte Vahíd, Mulla Muhammad-Ridáy-i-Manshádí, einem der weisesten TJlamá von Manshád, der auf seinen Turban verzichtet und seine Dienste als Türhüter angeboten hatte, den Auftrag zu erteilen, zusammen mit sechs Gefährten, die er sich aussuchen solle, auszubrechen und die Angreifer zu verjagen. „Jeder von euch", so befahl er, „erhebe seine Stimme und wiederhole sieben Mal die Worte ,Alláh-u-Akbar' 63, und mit dem siebten Ruf springt ihr alle im selben Augenblick mitten unter die Angreifer."
Mulla Muhammad-Ridá—Bahá'u'lláh hatte ihm den Beinamen Rada'r-Ruh gegeben—sprang auf, um mit seinen Gefährten den Befehl sogleich auszuführen. Seine Begleiter wurden, obwohl zart von Gestalt und in der Kunst des Fechtens völlig unerfahren, von einem Glauben befeuert, der sie alsbald zum Schrecken ihrer Gegner werden ließ. An jenem Tag, es war der siebenundzwanzigste des Monats Jamádíyu'th-Thání 64, kamen sieben der gefürchtetsten Feinde ums Leben. „Kaum hatten wir den Feind in die Flucht geschlagen und waren in Vahids Haus zurückgekehrt", berichtete Mulla Muhammad-Ridá, „da sahen wir Muhammad-'Abdu'lláh verwundet vor uns liegen. Er war zu unserem Führer gebracht worden und aß von der Speise, mit der man diesen versorgt hatte. Darnach trug man ihn an einen geheimen Ort, wo er versteckt blieb, bis er sich von seiner Verwundung erholt hatte. Später fiel er in Gefangenschaft und wurde getötet."
In derselben Nacht bat Vahíd seine Gefährten, auseinanderzugehen und mit größter Vorsicht für ihre Sicherheit zu sorgen. Er riet seiner Frau, mit ihren Kindern und aller Habe in das Haus ihres Vaters zu ziehen und nur zurückzulassen, was ihm persönlich gehöre. „Diesen Palast", sagte er zu ihr, „habe ich nur gebaut, dass er eines Tages auf dem Pfade der Sache Gottes zerstört wird, und die prächtige Ausstattung, mit der ich ihn schmückte, wurde gekauft in der Hoffnung, dass ich sie dereinst für meinen Geliebten opfern kann. Dann werden Freund und Feind sehen, dass der Besitzer dieses Hauses mit einem so großen, [492] kostbaren Erbe ausgestattet sein musste, dass ein irdisches Haus, wie verschwenderisch auch immer geschmückt, wie großartig auch eingerichtet, in seinen Augen nichts bedeutet, dass es für ihn so wenig wert ist wie ein Haufen Knochen, von dem sich nur die irdischen Hunde angezogen fühlen. O dass doch ein solcher Beweis für den Geist der Entsagung diesem verderbten Volk die Augen öffnete und das Verlangen wachriefe, dem nachzufolgen, der diesen Geist besaß!"
Um Mitternacht stand Vahid auf, packte die Schriften des Báb, die er besaß, sowie die Abschriften aller von ihm selbst verfassten Abhandlungen zusammen, übergab sie seinem Diener Hasan und beauftragte ihn, sie an eine Stelle außerhalb des Stadttores zu bringen, wo die Straße nach Mihriz abzweigt. Er bat ihn, seine Ankunft abzuwarten, und schärfte ihm ein, von dieser Anweisung keinesfalls abzuweichen, andernfalls wurden sie sich nie mehr begegnen.
Kaum hatte Hasan sich reisebereit aufs Pferd geschwungen, da drangen die Rufe der Posten an sein Ohr, die vor der Festung Wache hielten. Vor Angst, dass sie ihn festhalten und ihm die mitgeführten kostbaren Handschriften wegnehmen könnten, entschloss er sich, einen anderen als den von seinem Herrn angewiesenen Weg einzuschlagen. Als er hinter der Festung vorbeiritt, bemerkten ihn die Wachen, erschossen sein Pferd und nahmen ihn gefangen.
Unterdessen machte sich Vahid bereit zur Abreise aus Yazd. Seine beiden Söhne Siyyid Ismá'íl und Siyyid 'Ali-Muhammad gab er in die Obhut ihrer Mutter, dann brach er auf in Begleitung seiner beiden anderen Söhne Siyyid Ahmad und Siyyid Mihdi sowie zweier Gefährten, beide Einwohner von Yazd, die ihn gebeten hatten, ihn begleiten zu dürfen; der eine war Ghulám-Ridá, ein Mann von außergewöhnlichem Mut, der andere Ghulám-Ridáy-i-Kúchik, ein ausgezeichneter Scharfschütze. Er nahm denselben Weg, den er seinem Diener befohlen hatte, und als er wohlbehalten zur verabredeten Stelle kam, musste er feststellen, dass Hasan nicht dort war. Vahid war sogleich klar, dass er seine Anweisung nicht befolgt hatte und den Feinden in die Hände gefallen war. Er beklagte sein Los und erinnerte sich der Tat Muhammad-'Abdullahs, der in ähnlicher Weise gegen seinen Willen gehandelt und dadurch Unbill zu erleiden hatte. Später erfuhren sie, dass Hasan am selben Morgen durch einen Kanonenschuss 65 getötet worden war und dass ein gewisser Mírzá Hasan, der Imam eines Stadtviertels in Yazd und als frommer Mann bekannt, eine Stunde später ebenfalls festgenommen wurde und dasselbe Schicksal erlitt wie sein Gefährte. [493]
Vahíds Abreise aus Yazd bewog die Feinde zu neuen Ausschreitungen. Sie stürmten sein Haus, plünderten es aus und zerstörten es völlig. 66 Er selbst lenkte unterdessen seine Schritte nach Nayriz. Obgleich nicht gewöhnt, zu Fuß zu gehen, brachte er in dieser Nacht sieben Farsang 67 hinter sich, seine Söhne wurden streckenweise von den beiden Gefährten getragen. Über den folgenden Tag hielt er sich in einem benachbarten Gebirge versteckt. Als sein Bruder der in der Nähe wohnte und ihn sehr Hebte, von seiner Ankunft erfuhr, ließ er ihm heimlich alles zukommen, was er brauchte. Desselben Tages kam ein Trupp berittener Diener des Gouverneurs, die zu Vahíds Verfolgung ausgesandt waren, in das Dorf, durchsuchten das Haus des Bruders, wo sie ihn versteckt wähnten, und eigneten sich einen großen Teil von dessen Besitz an. Da sie ihn nicht finden konnten, trollten sie sich wieder nach Yazd.
Unterdessen zog Vahid über die Berge und gelangte zum Distrikt Bavánát-i-Fárs. Die meisten der dortigen Einwohner, die zu seinen glühendsten Bewunderern gehörten, nahmen bereitwillig den Glauben an, darunter der bekannte Hájí Siyyid Ismá'íl, der Shaykhu'1-Islám von Bavánát. Eine beträchtliche Zahl dieser Leute begleiteten ihn bis ins Dorf Fasá, wo die Einwohner jedoch von der Botschaft, zu der er sie einlud, nichts wissen wollten.
Auf der ganzen Reise, wo immer er haltmachte, galt Vahíds erster Gedanke, sobald er abgestiegen war, der nächsten Moschee, wohin er das Volk einzuladen pflegte, um ihm die frohe Botschaft von Gottes neuem Tag zu verkünden. Ungeachtet der Strapazen seiner Reise bestieg er sogleich die Kanzel und verkündete furchtlos seiner Versammlung das Wesen des Glaubens, den zu verbreiten er ausgezogen war. Wenn es ihm gelungen war, Seelen zu gewinnen, von denen er zuverlässig erwarten konnte, dass sie nach seinem Abschied den Glauben weitertragen würden, pflegte er eine einzige Nacht zu bleiben. Andernfalls setzte er unverzüglich seine Reise fort und wollte nichts mehr von ihnen wissen. „Wenn ich durch ein Dorf komme", sagte er. oft, „wo mir nicht der Duft des Glaubens entgegenweht, da schmeckt mir Essen und Trinken nicht." [494]
Als er nach Rúníz im Distrikt Fasá kam, beschloss Vahid einige Tage zu bleiben. Er bemühte sich, die für seinen Ruf empfänglichen Herzen anzuziehen und das Feuer der Liebe Gottes darin zu entfachen. Sobald die Kunde von seiner Ankunft nach Nayríz drang, eilte das ganze Chinár-Súkhtih-Viertel herbei, um ihn zu sehen. Auch aus anderen Vierteln wollten ihn die Menschen aus Liebe und Bewunderung für ihn besuchen. Aus Furcht, Zaynu'l-'Abidin Khan, der Gouverneur von Nayríz, könnte den Besuch unterbinden, brachen die meisten von ihnen des Nachts auf. Aus dem Chinár-Súkhtih-Viertel wollten allein mehr als hundert Schüler mit ihrem Lehrer Hájí Shaykh 'Abdu'l-'Ali, dem Schwiegervater Vahids, sowie ein im ganzen Bezirk hoch angesehener Richter sich einer Anzahl der vornehmsten Würdenträger von Nayríz anschließen und den erwarteten Besucher noch vor seiner Ankunft in der Stadt begrüßen. Unter ihnen war Mulla 'Abdu'l-Husayn, ein ehrwürdiger Greis von achtzig Jahren, hoch geachtet wegen seiner Frömmigkeit und seinem Wissen, dann Mulla Báqir, der Imam des Chinár-Súkhtih-Viertels, Mírzá Husayn-i-Qutb, der Kad-Khuda 68 des Bázár-Viertels, mit allen Verwandten, Mírzá Abu'l-Qásim, ein Verwandter des Gouverneurs, Hájí Muhammad-Taqi, den Bahá'u'lláh in der Súriy-i-Ayyúb erwähnt, zusammen mit seinem Schwiegersohn, sowie Mírzá Nawrá und Mírzá 'Alí-Ridá, beide aus dem Sádát-Viertel. 69
Sie alle kamen, einige bei Tag, andere bei Nacht, zu dem Dorf Rúníz, um den Besucher höchstwillkommen zu heißen und ihn ihrer unwandelbaren Ergebenheit zu versichern. Obgleich der Báb ein allgemeines Tablet offenbart und an die in Nayríz jüngst zur Gottessache Hinzugekommenen gerichtet hatte, [495] hatten die Empfänger deren wahre Bedeutung und Prinzipien nicht verstanden. Vahid war es vergönnt, sie über deren wahren Inhalt aufzuklären und ihre Grundzüge darzulegen.
Als Zaynu'l- Abidin Khan von dem Auszug so vieler Menschen zu Vahids Empfang hörte, schickte er einen Boten aus, der die Menge einholen und ihr bekanntgeben sollte, dass er entschlossen sei, alle, die weiterhin Vahid anhängen wollten, umzubringen, ihre Frauen festzunehmen und ihr Vermögen einzuziehen. Nicht einer von denen, die sich aufgemacht hatten, achtete dieser Warnung, sie schlössen sich vielmehr noch fester ihrem Führer an. Diese unerschütterliche Standhaftigkeit und die schmähliche Verachtung für seinen Boten erfüllte den Gouverneur mit Schrecken. Vor Angst, sie könnten sich gegen ihn erheben, beschloss er, seinen Wohnsitz nach Qutrih zu verlegen, einem Dorf, wo er ursprünglich gewohnt hatte, acht Farsang 70 von Nayriz entfernt. Dieses Dorf wählte er, weil in der Nähe eine massive Festung war, in die er sich bei Gefahr zurückziehen konnte. Außerdem war er sicher, dass die Einwohner mit dem Schwert umzugehen wussten und er sich auf sie verlassen konnte, wenn er sie zu seiner Verteidigung rief.
Vahid war unterdessen von Rúníz nach dem außerhalb des Dorfes Istahbá-nát gelegenen Schrein des Pír-Murád aufgebrochen. Trotz Verbots durch die ‘Ulamá des Dorfes, ihm Zutritt zu gewähren, zogen mindestens zwanzig [496] Einwohner aus, ihn willkommen zu heißen und bis Nayriz zu begleiten. Als sie am Vormittag des fünfzehnten Rajab 71 dort in seinem heimatlichen Chinár-Súkhtih-Viertel ankamen, betrat Vahid, noch ehe er nach Hause ging, als erstes die Moschee und rief die Schar der Versammelten auf, die Botschaft des Báb zu hören und anzunehmen. Voll Ungeduld, die Menge zu sehen, die auf ihn wartete, bestieg er, noch in staubiger Reisekleidung, die Kanzel und sprach mit so überzeugender Beredsamkeit, dass die Zuhörerschaft völlig gebannt war von seinem Aufruf. 72 Nicht weniger als tausend Menschen, alle aus dem Chinár-Sukhtih-Viertel, dazu fünfhundert aus anderen Stadtbezirken von Nayriz, alle, die das Gebäude umdrängten, antworteten spontan. „Wir haben gehört und [497] wir folgen!" rief die jubelnde Menge in ungestümer Begeisterung und drängte herzu, um Huldigung und Dank zu bekunden. Nie zuvor hatte Nayriz eine derartige Verzauberung erlebt wie durch diese begeisternde, die Herzen ergreifende Rede.
Nachdem sich der erste Sturm gelegt hatte, fuhr Vahid fort und erklärte: „Die einzige Absicht, warum ich nach Nayriz kam, ist es, die Sache Gottes zu verkündigen. Dank und Preis sei Ihm, dass Er mich Seine Botschaft euren Herzen nahebringen ließ. Länger brauche ich nicht bei euch zu bleiben, denn bÜebe ich länger, so fürchte ich, dass der Gouverneur euch meinetwegen übel behandelt. Er könnte aus Shíráz Verstärkung holen, eure Häuser zerstören und euch unsagbare Schmach antun." „Wir sind bereit, wir ergeben uns Gottes Willen", riefen einstimmig die Versammelten. „Gott gewähre uns Seine Gnade, dass wir das Unheil, dass uns überkommen mag, [498] ertragen. Aber mit einem so plötzlichen, übereilten Abschied von dir können wir uns nicht anfreunden."
Kaum waren diese Worte gefallen, führten sie, Männer und Frauen gemeinsam, Vahid in sein Haus. Stürmisch erregt und in jubelnder Freude drängten sie sich um ihn und begleiteten ihn mit Hoch- und Beifallrufen im Triumph bis vor die Haustür.
Die wenigen Tage, die Vahid noch in Nayriz zu bleiben zugestand, wurden meist in der Moschee verbracht, wo er, wie gewohnt, redegewandt und völlig rückhaltlos die Grundlehren Seines Herrn darlegte. Jeden Tag kamen mehr Zuhörer, und allseits mehrten sich die Zeichen seines wunderbaren Wirkens.
Es konnte nicht ausbleiben, dass sein faszinierender Einfluss auf die Menschen Zaynu'l-'Ábidín Kháns unterschwelligen Hass zur Glut entfachte. Er fühlte sich zu neuen Taten herausgefordert und gab Befehl, eine Truppe aufzustellen zu dem ausdrücklichen Zweck, die Sache, von der er den Eindruck hatte, dass sie seine eigene Stellung gefährde, auszurotten. Es gelang ihm bald, etwa tausend Mann Kavallerie und Infanterie zusammenzubringen, alle waffengeübt und mit reichlich Munition ausgestattet. Sein Plan war, Vahid durch einen raschen Überfall festzunehmen.
Als Vahid von den Plänen des Gouverneurs hörte, befahl er den zwanzig aus Istahbánát zu seiner Begrüßung und Begleitung nach Nayriz gekommenen Gefährten, die nahe dem Chinár-Súkhtih-Viertel gelegene Burganlage Khájih zu besetzen. Shaykh Hádí, den Sohn Shaykh Muhsins, ernannte er zum Führer der Truppe und drang darauf, dass seine Anhänger aus diesem Viertel die Tore, Türme und Mauern der Anlage befestigten.
Unterdessen hatte der Gouverneur seinen Sitz in seinem eigenen Haus im Bázár-Viertel aufgeschlagen. Die ausgehobenen Streitkräfte begleiteten ihn dorthin und besetzten eine benachbarte Festungsanlage. Von deren Türmen und Mauern, die er wiederherstellen ließ, überschaute man die ganze Stadt. Den Kad-Khuda 73 des Viertels und Vahids Gefährten, Siyyid Abú-Tálib, vertrieb er aus seinem Haus, befestigte dessen Dach, stationierte dort eine Anzahl seiner Leute unter dem Kommando von Muhammad-Ali-Khan und befahl, seine Gegner unter Feuer zu nehmen. Der erste Leidtragende war jener Mulla 'Abdu'l-Husayn, der trotz fortgeschrittenen Alters hinausgezogen war, Vahid zu bewillkommnen. Er war auf dem Dach seines Hauses ins Gebet vertieft, als ihn eine Kugel am rechten Fuß traf, worauf er fast verblutete. Vahid, tief bewegt von diesem Schlag, schrieb dem Leidenden eilends eine Botschaft, worin er seinen Kummer über das Leid zum Ausdruck brachte, das er zu erdulden hatte, [499] und ihn tröstete mit dem Gedanken, dass er in seinem hohen Alter als erster zum Opfer auf dem Pfade der Sache Gottes ausersehen war.
Dieser plötzliche Angriff wirkte abschreckend auf eine Reihe von Gefährten, die die Botschaft schnell, aber ehe sie ihre volle Bedeutung verstehen konnten, angenommen hatten. Sie waren in ihrem Glauben so erschüttert, dass sich einige von ihnen im Dunkel der Nacht von den Gefährten trennten und zum Feind überliefen. Als Vahid davon erfuhr, machte er sich zur Morgendämmerung auf, bestieg sein Pferd und ritt in Begleitung einiger Anhänger zur Festung Khájih, wo er Wohnung nahm.
Seine Ankunft dort war das Signal für eine neue Attacke gegen ihn. Zaynu'l-'Abidin Khan schickte sogleich seinen älteren Bruder 'Ali-Asghar Khan mit tausend Mann, gut bewaffnet und gedrillt, zur Belagerung der Festung Khájih, wo schon zweiundsiebzig Gefährten Schutz gesucht hatten. Bei Sonnenaufgang brach eine Anzahl von ihnen auf Vahids Weisung hervor und zwang die Angreifer sehr rasch zum Abzug.
Nur drei Gefährten fanden bei diesem Gefecht den Tod. Der erste war Táju'd-Dín, ein für seine Unerschrockenheit bekannter Mann, dessen Geschäft die Herstellung der wollenen Kuláh 74 war. Der zweite war Zaynil, Iskandars Sohn, ein Bauer von Beruf. Der dritte war Mírzá Abu'l-Qásim, ein Mann von hohen Verdiensten.
Den Prinzen Fírúz Mírzá, Nusratu'd-Dawlih und Gouverneur von Shíráz, erfüllte dieser rasche und gründliche Rückschlag mit Sorge. Er gab Befehl, die Besatzung des Forts unverzüglich auszurotten. Zaynu'l-'Abidin Khan schickte einen Bedienten des Prinzen zu Vahid und ließ ihn dringend auffordern, angesichts der gespannten Lage Nayriz zu verlassen, damit der bereits gestiftete Schaden hoffentlich bald wieder behoben würde. „Sage ihm", antwortete Vahid, „dass meine beiden Kinder und zwei Bediente die einzigen sind, die ich bei mir habe. Wenn meine Anwesenheit in dieser Stadt Unheil stiftet, will ich gehen. Warum aber heißt er uns nicht willkommen, wie es einem Abkömmling des Propheten gebührt? Warum vorenthält er uns vielmehr das Wasser und stiftet seine Leute an, uns zu belagern und anzugreifen? Ich warne ihn, wenn er uns weiterhin das Lebensnotwendige verweigert, werden sieben meiner Gefährten, die er für die verächtlichsten unter den Menschen ansieht, seinen vereinigten Streitkräften eine schmähliche Niederlage bereiten."
Als er merkte, dass Zaynu'l-'Abidin Khan die Warnung in den Wind schlug, befahl Vahid seinen Gefährten, aus der Festung auszufallen und die Angreifer zu bestrafen. Mit bewundernswürdigem Mut und Vertrauen gelang es ihnen, [500] obgleich jung an Jahren und gänzlich unerfahren im Waffengebrauch, eine geübte, organisierte Armee zu zermürben. 'Ali-Asghar Khan selber kam um, zwei seiner Söhne wurden gefangengenommen. Zaynu'l-'Abidin Khan zog sich schmachvoll mit den Resten seiner zerschlagenen Streitmacht in das Dorf Qutrih zurück. Er verständigte den Prinzen von der schwierigen Situation und bat ihn, rasch Verstärkung zu schicken, vor allem sei schwere Artillerie und ein großes Kontingent Infanterie und Kavallerie vonnöten, betonte er.
Vahid seinerseits, wohl wissend, wie sehr der Feind auf ihre Vernichtung aus war, befahl, die Verteidigungsanlagen der Festung zu verstärken, eine Zisterne im Inneren anzulegen und die Zelte, die fortgeschafft worden waren, vor den Toren aufzuschlagen. Am selben Tag teilte er den Gefährten verschiedene Aufgaben und Pflichten zu. Karbilá'í Mírzá Muhammad wurde zum Torhüter der Festung, Shaykh Yúsuf zum Wächter über die Vorräte, Karbilá'í Muhammad, Shamsu'd-Dins Sohn, zum Aufseher über die Gärten und Wallanlagen am Fort, Mírzá Ahmad, der Onkel 'Alíy-i-Sardárs, wurde zum diensttuenden Offizier des Turmes der unter dem Namen Chinar bekannten Mühle nahe der Festung ernannt, Shaykháy-i-Shívih-Kash zum Scharfrichter, Mírzá Muhammad Ja'far, der Vetter Zaynu'l-'Abidin Khans, zum Chronisten, Mírzá Fad-lu'lláh zum Korrektor dieser Aufzeichnungen, Mashhadí Taqí-Baqqál zum Kerkermeister, Flájí Muhammad-Taqi zum Standesbeamten und Ghulám-Ri-dáy-i-Yazdí zum Hauptmann der Streitkräfte. Zusätzlich zu den zweiundsiebzig Gefährten im Fort, die ihn von Istahbánát nach Nayriz begleitet hatten, fühlte sich Vahid durch Siyyid Ja'far-i-Yazdi, einen bekannten Geistlichen, und seinen Schwiegervater Shaykh 'Abdu'l-'Ali bewogen, eine Anzahl Bürger des Bázár-Viertels sowie verschiedene Verwandte mit in die Festung zu nehmen.
Zaynu'l-'Abidin Khan wiederholte seinen Hilferuf an den Prinzen. Diesmal fügte er seiner Bitte um die dringend notwendige Verstärkung ein persönliches Geschenk von fünftausend Tuman 75 bei. Den Brief vertraute er Mulla Báqir an, einem engen Freund, ließ diesen sein eigenes Pferd reiten und wies ihn an, das Schreiben persönlich dem Prinzen auszuhändigen. Ihn hatte er ausersehen wegen seiner Unerschrockenheit, seinem redegewandten und taktvollen Auftreten. Mulla Báqir nahm einen wenig benützten Weg und kam nach einer Tagereise zu einem Platz namens Hudashtak, nahe einer Burg, bei der Wanderstämme manchmal ihre Zelte aufschlugen.
Mulla Báqir saß bei einem dieser Zelte ab, und während er noch mit den Bewohnern sprach, kam Hájí Siyyid Ismá'íl, der Shaykhu'1-Islám von Bavánát, herbei. Dieser hatte von Vahid die Erlaubnis erhalten, zur Erledigung dringender [501] Angelegenheitjen sein Heimatdorf aufzusuchen, um darnach sogleich wieder nach Nayriz zurückzukehren. Nach einer Mittagsrast sah er ein reich geputztes Pferd an der Leine eines benachbarten Zeltes angebunden. Als er hörte, dass es einem Freund Zaynu'l-'Ábidm Khans gehöre, der von Nayriz auf dem Weg nach Shíráz war, trat Hájí Siyyid Ismá'íl, ein Mann von außergewöhnlichem Mut, sogleich zu diesem Zelt, schwang sich auf das Pferd, zog das Schwert und herrschte den Eigner des Zeltes, mit dem Mulla Báqir im Gepräch wai^ streng an: „Nimm diesen Schurken fest, der vor dem Angesicht des Sáhibu'z-Zamán floh. Fessele ihm die Hände und liefere ihn mir aus." Erschrocken von den Worten und dem Auftreten Hájí Mulla Ismá'íls, gehorchten die Zeltbewohner sofort, sie fesselten ihm die Hände und lieferten ihn am Strick Hájí Siyyid Ismá'íl aus, der seinem Roß die Sporen gab und nach Nayriz davonritt, den Gefangenen im Gefolge. Zwei Farsang 76 entfernt von dem Ort kam er in das Dorf Rastáq, übergab dort seinen Gefangenen dem Kad-Khudá namens Hájí Akbar und forderte, dass er Vahid vorgeführt werde. Als dies geschah und Vahid ihn nach dem Zweck seiner Reise nach Shíráz fragte, antwortete er offen und wahrheitsgemäß. Obgleich Vahid ihm vergeben wollte, wurde Mulla Báqir von den Gefährten schließlich doch getötet aufgrund seiner Haltung gegen Vahid.
Zaynu'l-'Ábidín Khan, weit entfernt, seine Absicht, die nötige Hilfe aus Shíráz zu holen, aufzugeben, appellierte diesmal noch eindringlicher an den Prinzen und bat ihn, mit verdoppelter Anstrengung die, wie er es sah, schwerste Bedrohung für die Sicherheit seiner Provinz auszutilgen. Nicht genug dieser ernsten Mahnung, entsandte er eine Anzahl Vertrauensleute nach Shíráz, beladen mit Geschenken für den Prinzen, in der Hoffnung, ihn damit zu" schnellem Handeln zu bewegen. Als weiteren Schritt in dem Bemühen um Erfolg richtete er verschiedene Aufrufe an die führenden ‘Ulamá und Siyyids in Shíráz, in denen er die Ziele Vahids krass entstellte, sich über seine subversiven Tätigkeiten ausließ und dazu aufforderte, beim Prinzen Fürsprache einzulegen, damit dieser die Verstärkung endlich abschicke.
Bereitwillig entsprach der Prinz dieser Bitte. Er gab dem Shujá'u'l-Mulk 'Abdullah Khan den Befehl, sofort mit dem Hamadání- und dem Sñakhurí-Regiment, einigen Offizieren an der Spitze und ausreichender Artillerie nach Nayriz aufzubrechen. Darüber hinaus wies er seinen Vertreter in Nayriz an, alle tauglichen Männer aus dem umgebenden Distrikt zu rekrutieren, dazu gehörten die Dörfer Istahbánát, íraj, Panj-Ma'ádin, Qutrih, Bashnih, Dih-Cháh, Mushkán und Rastáq. Dazu kamen noch die Männer des Vísbaklaríyyih [502] Stammes, denen er befahl, sich den Truppen Zaynu'l-Ábidín Kháns anzuschließen.
So umgab die Festung, in der Vahid mit seinen Gefährten belagert wurde, plötzlich eine Unzahl von Feinden, die ringsum Gräben auszuheben und daneben Wälle aufzuwerfen begannen. 77 Kaum war das Werk vollendet, da eröffneten sie das Feuer. Eine Kugel traf das Pferd, auf dem ein Diener Vahids ritt, während er am Tor Wache hielt. Unmittelbar darauf schlug eine zweite Kugel in das Türmchen über diesem Tor ein. Im Verlauf dieser Schießerei zielte einer der Gefährten mit dem Gewehr auf den Offizier der Artillerie und erschoß ihn, mit dem Erfolg, dass die Kanonen sogleich schwiegen. Die Angreifer zogen sich indessen zurück und verbargen sich hinter ihren Schanzen. In dieser Nacht machten weder die Belagerten, noch die Angreifer weitere Ausfälle aus ihren Zufluchtsstätten.
Aber in der nächsten Nacht rief Vahíd Ghulám-Ridáy-i-Yazdí zu sich und wies ihn an, mit vierzehn Gefährten aus der Festung auszubrechen und den Feind zu vertreiben. Für diese Aufgabe waren überwiegend Männer fortgeschrittenen Alters ausersehen, denen niemand zugetraut hätte, dass sie der Wucht eines so heftigen Kampfes standhalten könnten. Da war ein Schuhmacher, der, obgleich über neunzig Jahre alt, so viel Begeisterung und Energie an den Tag legte, dass kein Jugendlicher sich damit hätte messen können. Einige unter den vierzehn waren junge Burschen, bislang gänzlich unvorbereitet, den Gefahren ins Auge zu sehen und die Anspannung eines solchen Ausfalls zu ertragen. Aber das Alter spielte bei diesen Helden, die ein unbeugsamer Wille und unerschütterlicher Glaube an die hohe Bestimmung ihrer Sache gänzlich verwandelt hatte, keine Rolle. Sie hatten Befehl von ihrem Führer, sofort nach Verlassen der Festung auszuschwärmen und alle zugleich mit dem Ruf „ Alláh-u-Akbar" mitten unter die Feinde zu springen.
Kaum war das Signal verklungen, eilten sie zu ihren Pferden und Waffen und stürmten heraus aus der Festung. Ungeachtet der feuerspeienden Geschütze und des Kugelregens über ihren Köpfen warfen sie sich mitten unter die Feinde. Dieses überraschende Gefecht dauerte nicht weniger als acht Stunden, während der das unerschrockene Häuflein solche Geschicklichkeit und Tapferkeit an den Tag legte, dass die Veteranen unter den Gegnern nur staunten. Aus der Stadt Nayriz wie von befestigten Stätten der Umgebung kam Hilfe für die kleine [503] Schar, die so tapfer den Streitkräften einer ganzen Armee standhielt. Als der Kampf sich ausweitete, hörte man von allen Seiten die Frauen von den Dächern ihrer Häuser in Nayriz dem schlagend unter Beweis gestellten Heldenmut Beifall rufen. Ihre anfeuernden Freudenschreie übertönten noch den Kanonendonner und verbanden sich mit den „Alláh-u-Akbar! "-Rufen der begeisterten Gefährten inmitten dieses Tumults. Der Aufruhr durch die Frauen, ihre erstaunliche Kühnheit und ihr Selbstvertrauen demoralisierten die Gegner völlig und machte ihren Kampfgeist zunichte. Das feindliche Lager war verheert und aufgegeben, es bot einen trostlosen Anblick, als die Sieger sich wieder zu ihrer Festung zurückzogen. Mit sich trugen sie ihre Schwerverletzten und nicht weniger als sechzig Tote, darunter diese Genannten:
1. Ghulám-Ridáy-i-Yazdí (nicht zu verwechseln mit dem Kommandanten der Streitkräfte, der denselben Namen trug),
2. Der Bruder des Ghulám-Ridáy-i-Yazdí.
3. 'Ali, Khayru'lláhs Sohn,
4. Khájih Husayn-i-Qannád, Sohn des Kháiih Ghaní,
5. Asghar, Sohn des Mulla Mihdi,
6. Karbilá'í 'Abdu'l-Karím,
7. Husayn, Sohn des Mashhadi Muhammad,
8. Zaynu'l-'Abidin, Sohn des Mashhadi Báqir-i-Sabbágh,
9. Mulla Ja'far-i-Mudhahhib,
10. 'Abdu'lláh, Sohn des Mulla Músá,
11. Muhammad, Sohn des Mashhadi Rajab-i-Haddád,
12. Karbilá'í Hasan, Sohn des Karbilá'í Shamsu'd-Dín-i-Malikí-Dúz,
13. Karbilá'í Mírzá Muhammad-i-Zári',
14. Karbilá'í Báqir-i-Kafsh-Dúz,
15. Mírzá Ahmad, Sohn des Mírzá Husayn-i-Káshí-Sáz,
16. Mulla Hasan, Sohn des Mulla 'Abdu'lláh,
17. Mashhadi Hájí Muhammad,
18. Abú-Tálib,Sohn des Mir Ahmad-i-Nukhud-Biríz,
19. Akbar, Sohn des Muhammad-i-'Áshúr,
20. Taqíy-i-Yazdí,
21. Mulla 'Ah', Sohn des Mulla Ja'far,
22. Karbilá'í Mírzá Husayn,
23. Husayn Khan, Sharífs Sohn,
24. Karbilá'í Qurbán,
25. Kháiih Kázim, Sohn des Khájih 'Ali,
26. Áqá, Sohn des Hájí 'Ali,
27. Mírzá Nawrá, Sohn des Mírzá Mu'íná. [504]
Dieser vollkommene Fehlschlag überzeugte Zaynu'l-'Ábidín Khan und seinen Stab davon, dass ihre Bemühungen, den Gegner in offenem Kampf zur Aufgabe zu zwingen, vergeblich waren. 78 Wie bei der Armee des Prinzen Mihdí-Qulí Mírzá, die schmählich darin versagte, ihren Gegner auf offenem Feld zu besiegen, waren schließlich Betrug und Verrat die Waffen, womit ein feiges Volk den unüberwindlichen Feind bezwang. Die List, zu der Zaynu'l-'Ábidín und sein Stab, trotz ihrer großen Reserven und der moralischen Unterstützung durch den Gouverneur von Fárs und die Bewohner der ganzen Provinz, schließlich Zuflucht nahmen, verriet ihr ganzes Unvermögen, zu überwinden, was nach außen nur eine Handvoll ungeübter, verächtlicher Leute schien. In Wirklichkeit wussten sie, dass sich hinter den Festungsmauern eine Freiwilligenschar zusammengefunden hatte, der keine Macht widerstehen konnte und die nicht zu besiegen war.
Mit dem Ruf zum Frieden, mit dieser gemeinen List gedachten sie diese reinen, edlen Herzen zu täuschen. Ein paar Tage lang stellten sie jegliche Feindseligkeit ein, danach richteten sie schriftlich einen feierlichen Aufruf an die Belagerten, der im wesentlichen folgendes enthielt: „Weil wir das wahre Wesen eures Glaubens nicht kannten, ließen wir uns bislang von Unruhestiftern glauben machen, ihr hättet euch allesamt wider die heiligen Vorschriften des Islam vergangen. Darum gingen wir gegen euch vor und waren bestrebt, euren Glauben auszurotten. Die letzten Tage wurden wir gewahr, dass euer Tun frei von politischen Motiven ist, dass niemand von euch die Grundlagen des Staates anzutasten gewillt ist. Auch haben wir uns davon überzeugt, dass eure Lehren keine schwerwiegenden Abweichungen von den Grundlehren des Islam enthalten. Woran ihr anscheinend festhaltet, ist nur die Behauptung, dass ein Mann aufgetreten sei, der eingegebene Worte spricht, dessen Zeugnis unanfechtbar ist und den alle Anhänger des Islam anerkennen und stützen müssen. Wir können uns vom Wahrheitsgehalt dieser Behauptung nicht überzeugen, es sei denn, ihr findet euch bereit, ganz auf unsere Aufrichtigkeit zu vertrauen, auf unsere Bitte einzugehen und einige eurer Vertreter aus der Festung zu uns ins Lager kommen zu lassen, wo wir in wenigen Tagen das Wesen eures Glaubens ermitteln können. Wenn ihr die Wahrheit eures Glaubens beweisen könnt, wollen auch wir ihn bereitwillig annehmen, denn wir sind nicht der Wahrheit Feinde und niemand will sie leugnen. Euren Führer haben wir immer als einen [505] der fähigsten Verteidiger des Islam gekannt und betrachten ihn als unser Beispiel und Vorbild. Dieser Qur'án, dem wir unser Siegel aufdrücken, ist Zeugnis für unsere Aufrichtigkeit. Das heilige Buch möge entscheiden, ob der Anspruch, den ihr verfechtet, wahr oder falsch ist. Der Finch Gottes und Seines Propheten komme Aber uns, wenn wir euch zu betrügen versuchen. Die Annahme unserer Einladung wird eine ganze Armee vor Vernichtung bewahren, eure Ablehnung wird sie unschlüssig und in Zweifel halten. Wir geben unser Ehrenwort, sobald wir uns von der Wahrheit eurer Botschaft überzeugt haben, werden wir alle denselben Glaubenseifer an den Tag legen, wie ihr ihn so schlagend bewiesen habt. Eure Freunde werden unsere Freunde sein und eure Feinde unsere Feinde. Was immer euer Führer befiehlt, wir verpflichten uns zu gehorchen. Wenn wir uns nicht von eurem Anspruch überzeugen können, so versprechen wir feierlich, werden wir eurer sicheren Rückkehr in die Festung nichts in den Weg legen und unsere Auseinandersetzung mit euch wieder aufnehmen. Wir bitten euch, von weiterem Blutvergießen abzustehen, ehe ihr nicht die Wahrheit eurer Sache darzulegen versuchtet."
Vahid nahm den Qur'án mit großer Ehrerbietung entgegen und küsste ihn demütig. „Unsere Stunde hat geschlagen", sagte er. „Dass wir diese Einladung annehmen, wird ihnen die Gemeinheit ihres Verrats bewusst machen." Zu seinen Gefährten gewandt, fügte er hinzu: „Wenn ich auch wohl weiß, was sie im Schild führen, halte ich es für meine Pflicht, den Aufruf anzunehmen und die Gelegenheit wahrzunehmen, noch einmal die Wahrheiten meines geliebten Glaubens darlegen zu können." Er bat sie, weiter ihre Pflicht zu tun und nichts von dem zu glauben, was die Feinde beteuern. Ferner befahl er, alle Feindseligkeiten bis auf weitere Anweisungen einzustellen.
Mit diesen Worten nahm er Abschied von seinen Gefährten und begab sich mit fünf Begleitern, darunter Mulla'Aliy-i-Mudhahhib und dem Verräter Fjaji Siyyid 'Ábid, ins feindliche Lager. Zaynu'l-'Ábidín Khan kam mit Shujá’u’l-Mulk und allen Stabsangehörigen herbei, um ihn zu begrüßen. Sie nahmen ihn feierlich in Empfang, geleiteten ihn zu einem besonders für ihn errichteten Zeh und stellten ihn den anderen Offizieren vor. Vahid setzte sich auf einen Stuhl, die anderen bis auf Zaynu'l-'Ábidín Khan. Shujá'u'1-Mulk und einen weiteren Offizier, die er zum Sitzen einlud, standen um ihn. Er sprach zu ihnen in Worten, die ihren machtvollen Eindruck selbst auf den hartherzigsten Menschen nicht verfehlen konnten. Bahá'u'lláh hat in der Súriy-i-Sabr diesen edlen Aufruf verewigt und seine Bedeutung in vollem Ausmaß offenbart. „Ich kam zu euch", erklärte Vahid, „bewaffnet mit dem Zeugnis meines Herrn. Bin ich nicht ein Sproß des Propheten Gottes? Weshalb denn machtet ihr euch auf, mich zu [506] erschlagen? Aus welchem Grund fällt ihr mein Todesurteil und weigert euch, die unbezweifelbaren Rechte meiner Abstammung anzuerkennen?"
Seine majestätische Haltung, verbunden mit seiner überzeugenden Beredsamkeit, verwirrte seine Zuhörer. Drei Tage und drei Nächte bewirteten sie ihn großzügig und behandelten ihn betont ehrerbietig. Beim gemeinsamen Gebet folgten sie stets seiner Leitung und lauschten aufmerksam seiner Rede. Doch wenn sie auch dem Anschein nach sich seinem Willen beugten, trachteten sie ihm heimlich nach dem Leben und verschworen sich, seine Gefährten umzubringen. Sie wussten wohl, dass, wenn sie ihm das geringste Haar krümmten, während seine Gefährten hinter ihren Festungsmauern verschanzt waren, sie sich in weit größere Gefahr begaben, als sie sie schon auszustehen hatten. Sie zitterten vor der Rachewut der Frauen nicht minder, als vor ihrer Männer Kühnheit und Geschicklichkeit. Sie wussten, dass alle militärischen Hilfsmittel nicht in der Lage waren, eine Handvoll unmündiger Jungen und gebrechlicher Greise zu unterwerfen. Nur eine kühne, wohlgeplante List konnte ihnen schließlich den Sieg bringen. Die Furcht in ihren Herzen rührte großenteils von den Worten Zaynu'l-'Ábidín Kháns her, der mit unverminderter Entschlossenheit den Hass schürte, den er in ihren Seelen erregt hatte. Vahids wiederholte Ermahnungen hatten seine Besorgnis erweckt, dass sie durch den Zauber seiner Worte dazu verführt werden könnten, ihre Loyalität diesem redegewandten Gegner zuzuwenden.
Zaynu'l-'Ábidín Khan und seine Freunde entschieden sich schließlich, Vahid zu bitten, er möge seinen Gefährten in der Festung eine schriftliche Botschaft senden, ihnen darin mitteilen, dass eine gütliche Einigung über ihre Auseinandersetzung erreicht sei, und sie auffordern, entweder zu ihm ins Armeehauptquartier zu kommen oder nach Hause zu gehen. Obwohl es ihm widerstrebte, einer solchen Bitte zuzustimmen, musste Vahid schließlich nachgeben. Ergänzend zu dieser Botschaft informierte er seine Gefährten in einem zweiten, vertraulichen Brief von den üblen Absichten der Feinde und warnte sie davor, sich täuschen zu lassen. Beide Briefe vertraute er dem Hájí Siyyid 'Ábid an mit der Anweisung, den ersten zu vernichten und den Gefährten nur den zweiten auszuhändigen. Er schärfte ihm außerdem ein, sie dringend aufzufordern, dass sie die fähigsten unter ihnen auswählten, um bei Nacht auszubrechen und die Streitmacht des Feindes zu zerschlagen.
Sobald Hájí Siyyid 'Ábid diese Weisungen empfangen hatte, verriet er sie und hinterbrachte sie Zaynu'l-'Ábidín Khan. Dieser suchte ihn sogleich zu veranlassen, die Festungsinsassen im Namen ihres Führers zum Heimgehen aufzufordern, und versprach ihm reichen Lohn dafür. Der treulose Bote händigte Vahids Gefährten den ersten Brief aus und teilte ihnen mit, ihrem Führer [507] [508] sei es gelungen, die ganze Armee für den Glauben zu gewinnen, und angesichts dieser Bekehrung rate er ihnen, nach Hause zu gehen.
Obgleich äußerst bestürzt über eine solche Botschaft, sahen sich die Gefährten außerstande, dem klar zum Ausdruck gebrachten Willen Vahids zuwiderzuhandeln. Widerstrebend gingen sie auseinander und ließen alle Befestigungsanlagen unbewacht zurück. Getreu dem schriftlichen Befehl ihres Führers legten einige die Waffen nieder und machten sich nach Nayriz auf den Weg.
Zaynu'l-'ÁbidínKhán rechnete mit der sofortigen Aufgabe der Festung und schickte eine Truppenabteilung aus, um den Gefährten den Weg zur Stadt abzuschneiden. Diese waren bald von einer Menge Bewaffneter umzingelt, die ständig Verstärkung aus dem Armeehauptquartier erhielten. Da sie sich so unerwartet aufgehalten sahen, beschlossen sie, mit aller Kraft den Angriff abzuwehren und sich so schnell wie möglich zur Masjid-i-Jami' durchzuschlagen. Mit Schwertern und Gewehren, die einige noch bei sich trugen, andere nur mit Stöcken und Steinen, suchten sie sich ihren Weg in die Stadt zu erzwingen. Wieder erscholl der Ruf „Alláh-u-Akbar!", wilder und entschlossener denn je. Fin paar von ihnen erlitten den Märtyrertod, als sie sich ihren Weg durch die Reihen ihrer tückischen Angreifer erzwangen. Den anderen gelang es schließlich, wenn auch verwundet und von allen Seiten durch frische Truppen bedrängt, das schützende Obdach der Moschee zu erreichen.
Mittlerweile gelang es dem berüchtigten Mulla Hasan, dem Sohn Mulla Muhammad-'Alis und Offizier im Heer Zaynu'l-'Ábidín Kháns, mit seinen Männern die Gegner zu umgehen und sich auf einem Minarett dieser Moschee auf die Lauer zu legen, wo sie auf die Flüchtenden warteten. Als sich die verstreute Schar der Moschee näherte, Heß er auf sie feuern. Ein gewisser Mulla Husayn erkannte ihn, kletterte mit dem Ruf „Alláh-u-Akbar!" auf das Minarett, erhob das Gewehr gegen den feigen Offizier und warf ihn hinunter. Seine Freunde trugen ihn weg an einen Ort, wo er von seinen Wunden genesen konnte.
Als die Gefährten nicht länger im Schutz der Moschee verweilen konnten, mussten sie sich, wo immer sie einen Schlupfwinkel fanden, verbergen, bis sie etwas über das Schicksal ihres Führers in Erfahrung brächten. Ihr erster Gedanke nach dem Verrat war, ihn aufzusuchen und dem zu folgen, was er ihnen auftragen mochte. Aber sie konnten nicht erkunden, wie es mit ihm stand, und zitterten bei dem Gedanken, dass er getötet worden sein könnte.
Inzwischen dachten Zaynu'l-'Ábidín Khan und sein Stab, erkühnt durch die Versprengung der Gefährten, angestrengt nach, wie sie sich der feierlich beeideten Verpflichtung entziehen und ihren Hauptgegner ungestraft erschlagen könnten. Sie strebten darnach, sich mit trügerischen Kniffen über ihre heiligen Versprechungen hinwegzusetzen, um rasch zur Erfüllung ihres lang gehegten [509] Wunsches zu gelangen. Während sie überlegten, versicherte 'Abbás-Qulí Khan, ein berüchtigt skrupelloser und grausamer Kerl, seinen Kumpanen, wenn sie sich Kummer machten, weil sie diesen Eid geleistet hätten, so sei er selbst in keiner Weise an einer solchen Erklärung beteiligt und darum bereit, alles zu vollbringen, wozu sie sich nicht fähig fühlten. „Ich kann jederzeit festnehmen", platzte er ungehalten heraus, „und umbringen, wen ich der Übertretung der Gesetze des Landes für schuldig halte." Darauf rief er sogleich alle, deren Verwandte umgekommen waren, auf, das Todesurteil an Vahid zu vollstrecken. Als erster bot sich Mulla Ridá an, dessen Bruder Mulla Báqir von dem Shaykhu'1-Islám von Bavánát gefangengenommen worden war. Der nächste war ein Mann namens Safar, dessen Bruder Sha'bán umgekommen war. Der dritte war Áqá Khan, dessen Vater 'Ali-Asghar Khan, ein älterer Bruder Zaynu'l-'Ábidín Khans, dasselbe Schicksal erlitten hatte.
In ihrem Eifer, 'Abbás-Qulí Khans Vorschlag auszuführen, schlugen diese drei Männer Vahid den Turban vom Kopf, schlangen ihn ihm um den Hals, banden ihn an ein Pferd und schleiften ihn schmachvoll durch die Straßen. 79 Sie überhäuften ihn so mit Schimpf, dass es die Zeugen des entsetzlichen Schauspiels an das tragische Ende des Imam Husayn gemahnte, dessen Leib der Willkür eines wütenden Feindes preisgegeben und von einer Menge Reiter erbarmungslos niedergetrampelt wurde. Die Weiber von Nayriz, vom Triumphgeschrei eines mörderischen Feindes zu höchster Erregung aufgestachelt, drängelten sich von allen Seiten um den Leib und ließen zu Trommel- und Zymbelschlag ihren hemmungslosen Fanatismus aus. Ausgelassen tanzten sie herum, ungeachtet der Worte, die Vahid im Todeskampf sprach, Worte des Imam Husayn, in einem früheren Zeitalter unter ähnlichen Umständen gesprochen: „Du weißt, o mein Geliebter, um Deinetwillen entsage ich der Welt und setze mein Vertrauen nur auf Dich. Voll Ungeduld eile ich zu Dir, denn unverschleiert steht mir die Schönheit Deines Antlitzes vor Augen. Du weißt um den teuflischen Plan, den mein verruchter Feind gegen mich hegt. Nein, nie werde ich seinem Willen mich beugen oder ihm Treue geloben."
So endete ein edles Heldenleben. Eine so strahlende, erfüllte Laufbahn, ausgezeichnet durch höchste Gelehrsamkeit, 80 unerschrockenen Mut, einen [510] [511] seltenen Geist selbstlosen Opfersinns, verlangte gewiss die Krönung durch einen Tod, so herrlich wie der, durch den dies Martyrium vollendet ward. 81 Die Auslöschung dieses Lebens war das Signal für einen wilden Angriff auf Leben und Eigentum derer, die sich zu seinem Glauben bekannten. Nicht weniger als fünftausend Mann wurden zu dieser gräßlichen Aufgabe befohlen. Die Manner wurden verhaftet, in Ketten gelegt, misshandelt und schließlich umgebracht. Die Frauen und Kinder wurden ergriffen und derartigen Rohheiten unterworfen, dass keine Feder sie beschreiben kann. Ihr Eigentum wurde eingezogen, ihre Häuser wurden zerstört. Die Festung Khájih wurde niedergebrannt. Die Männer wurden größtenteils zuerst in Ketten nach Shíráz gefühlt, dort erlitten die meisten einen grausamen Tod. 82 Diejenigen, die Zaynu'l-'Ábidín Khan zum [512] Zweck seiner persönlichen Bereicherung in dunkle, unterirdische Verliese geworfen hatte, wurden, nachdem er sein Ziel erreicht hatte, seinen Schergen ausgehändigt, die sich an ihnen mit unbeschreiblicher Grausamkeit vergingen. 83 Zuerst wurden sie durch die Straßen von Nayriz geführt, darnach [513] gräßlich misshandelt, wodurch ihre Verfolger irgendwelchen materielleii Nutzen zu erpressen hofften, den sie bisher nicht erlangen konnten. Nachdem ihre Gier befriedigt war, musste jedes Opfer einen qualvollen Tod erleiden. Jedes Folterinstrument, das die Verfolger sich in ihrem Rachedurst ausdenken konnten, wurde angewandt. Sie wurden gebrannt, die Nägel wurden ihnen ausgerissen, ihre Leiber wurden ausgepeitscht, ihre Nasen durchbohrt, um Stricke hindurchzuziehen, Nägel wurden mit Hämmern durch Hände und Füße getrieben, und in diesem erbarmungswürdigen Zustand wurden sie durch die Straßen gestoßen, Gegenstand der Verachtung und des Hohns für alles Volk.
Unter ihnen war ein gewisser Siyyid Ja'far-i-Yazdi, der früher großen Einfluss gehabt hatte und vom Volk sehr verehrt wurde. So groß war die Achtung, die er genoss, dass Zaynu'l-'Abidin Khan ihm den Vorrang vor sich selbst gab und ihn mit äußerster Ehrerbietung und Höflichkeit behandelte. Nun ordnete er an, dass der Turban dieses Mannes besudelt und dann ins Feuer geworfen werde. Des Zeichens seiner edlen Abstammung beraubt, wurde er den Gaffern ausgesetzt, die vor ihm herzogen und ihn mit Schimpf und Hohn überhäuften.84' 84
Ein anderes Opfer dieser Tyrannei war Hájí Muhammad-Taqi, der sich in vergangenen Tagen ob seiner Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit eines dermaßen guten Rufes erfreute, dass seine Meinung unweigerlich den Ausschlag gab bei der Urteilsbildung der Richter am Hof. Dieser große, hochgeschätzte Mann wurde mitten im Winter seiner Kleider beraubt, in einen Teich gestoßen, und schwer ausgepeitscht. Siyyid Ja'far und Shaykh 'Abdu'l-'Ali, der Schwiegervater Vahids und führender Geistlicher von Nayriz, ebenfalls ein Richter von hohem Ansehen, waren zusammen mit Siyyid Husayn, einem Würdenträger der Stadt, zum selben Schicksal verdammt. Sie waren der Kälte ausgesetzt, während der Abschaum des Volkes, aufgestachelt, ihren zitternden Leibern mit abscheulichen Grausamkeiten zusetzte. Manch armer Mann, der herbeikam, um den versprochenen Lohn für diese üble Tat zu erhalten, war empört, wenn er erfuhr, welche Aufgabe er vollbringen sollte, wies das Geld zurück und wandte sich ab voll Ekel und Abscheu. 85 [514]
Der Tag des Märtyrertodes Vahids war der achtzehnte des Monats Sha'bán im Jahre 1266 n-d-H. 86 Zehn Tage später wurde der Báb in Tabriz erschossen. [515] [516]


Dreiundzwanzigstes Kapitel DER MÄRTYRERTOD DES BÁB
Die Nachricht von dem schlimmen Ende, das der Aufstand von Nayriz fand, verbreitete sich über ganz Persien und erregte bestürzte, leidenschaftliche Bewunderung in allen Herzen, die davon hörten. Sie versetzte die Behörden in der Hauptstadt in Angst und reizte sie zu einem verzweifelten Entschluss. Besonders der Amír-Nizám, Großwesir des Sháhs, war tief beeindruckt von den wiederholten Kundgebungen eines so unbezähmbaren Willens, eines so grimmigen, unbeugsam hartnäckigen Glaubens. Wenn auch die Streitkräfte der kaiserlichen Armee überall siegreich blieben und ihre Offiziere die Gefährten Mulla Husayns und Vahids nach und nach in grausamen Blutbädern hinmähten, war doch den gewitzten Geistern unter den Herrschenden in Tihrán völlig klar, dass der einem derart seltenen Heldenmut zugrundeliegende Geist keineswegs überwunden und bei weitem nicht gebrochen war. Unentwegt hielten die [517] Überlebenden dieser verstreuten Schar ihrem gefangenen Führer die Treue Trotz entsetzlicher Verluste konnte nichts bislang ihre Loyalität untergraben oder ihren Glauben zerstören. Dieser Geist, weit entfernt zu verlöschen war heller und phantastischer aufgeflammt denn je. Verbittert durch die Erinnerung an die erduldete Schmach, hing diese verfolgte Schar nur noch leidenschaftlicher an ihrem Glauben und blickte mit wachsender Glut und Hoffnung zu ihrem Führer auf. 87 Vor allem lebte Der noch, der diese Flamme entzündet hatte und diesen Geist nährte. Trotz Seiner Isolation war es Ihm möglich, in vollem Umfang Seinen Einfluss auszuüben. Selbst äußerste Wachsamkeit hatte es nicht vermocht, die Flut einzudämmen, die das ganze Land überschwemmte und ihre Triebkraft daraus empfing, dass der Báb immer noch am Leben war. Dieses Licht auslöschen, die Wasserflut an der Quelle drosseln, musste den Wildstrom, der so viel Verwüstung angerichtet hatte, zum Versiegen bringen. Das waren die Gedanken, die den Großwesir Násiri'd-Dín Sháhs bewegten. Ihn zu töten, schien diesem törichten Minister das wirksamste Mittel zur Erholung seines Landes von der Schande, in die es nach seiner Ansicht gesunken war. 88 [518] [519]
Zum Handeln herausgefordert, berief er seine Ratgeber ein, teilte ihnen seine Befürchtungen und Hoffnungen mit und legte seine Pläne dar. „Seht", rief er, „welchen Sturm der Glaube des Siyyid-i-Báb in den Herzen meiner Landsleute entfesselt hat! Nur seine öffendiche Hinrichtung kann nach meiner Meinung diesem aufgewühlten Land Ruhe und Frieden zurückgeben. Wer kann die Kräfte ermessen, die bei den Kämpfen um Shaykh Tabarsi verschlissen wurden? Wer vermag die Anstrengungen abzuschätzen, die für diesen Sieg aufzubringen waren? Kaum war das Unheil, das Mázindarán erschütterte, erstickt, da flammte ein anderes Feuer in der Provinz Fárs auf und brachte so viel Leid unter mein Volk. Kaum konnten wir die Revolte, die den Süden des Landes verwüstete, unterdrücken, da bricht ein anderer Aufstand im Norden aus und zieht Zanjan und Umgebung in seinen Strudel. Wenn ihr mir ein Mittel raten könnt, nennt es mir, denn mein einziges Ziel ist, Frieden und Ehre meiner Landsleute zu retten."
Nicht eine Stimme wagte etwas zu entgegnen, nur der Kriegsminister Mírzá Áqá Khán-i-Núrí wandte ein, dass es ein Akt offenbarer Grausamkeit wäre, wollte man für die Taten einer Bande verantwortungsloser Unruhestifter einen [520] verbannten Siyyid umbringen. Er erinnerte an das Beispiel des verstorbenen Muhammad-Sháh, der sich unwandelbar an die Praxis hielt, die üblen Verleumdungen, die ihm die Feinde dieses Siyyids ständig zutrugen, nicht zu beachten. Das missfiel dem Amír-Nizám sehr. „Derartige Überlegungen", protestierte er, „sind für die vorliegende Sache völlig irrelevant Die Interessen des Staates sind in Gefahr, und wir können diese fortwährenden Aufstände keinesfalls dulden. Wurde nicht Imam Husayn von denselben Menschen, die mehr als einmal Zeuge der außergewöhnlichen Liebe waren, die er von seinem Großvater Muhammad empfing, im höheren Interesse der staatlichen Einheit exekutiert? Missachteten sie nicht auch unter diesen Umständen Rechte, die ihm aus seiner Abstammung zustanden? Nur das Mittel, für das ich spreche, kann dieses Übel ausrotten und den ersehnten Frieden schaffen."
Der Amír-Nizám schlug also den Rat seines Kriegsministers aus und sandte Befehl an den Gouverneur von Ádhirbáyján. Nawáb Hamzih Mírzá, einen für seine Liebenswürdigkeit und sein aufrichtiges Wesen bekannten königlichen Prinzen, 'den Báb nach Tabriz zu laden. 89 Er war darauf bedacht, den Prinzen über seine wahre Absicht im unklaren zu lassen. Der Nawáb nahm an, der Minister wollte dem Gefangenen Seine Heimkehr ermöglichen, und befahl einem seiner treuen Offiziere, mit einer berittenen Eskorte sofort nach Chihriq aufzubrechen, wo der Báb gefangen saß, und Ihn nach Tabriz zurückzubringen. Er empfahl Ihn seiner Obhut und mahnte ihn, besonders rücksichtsvoll gegen Ihn zu sein.
Vierzig Tage vor Ankunft dieses Offiziers in Chihriq sammelte der Báb alle Dokumente und Tablets, die Er besaß, legte sie mit Seinem Federkasten, Seinen Siegeln und Achatringen in einen Koffer und vertraute sie Mulla Báqir an, einem Buchstaben des Lebendigen. Diesem übergab Er auch einen an Seinen Sekretär Mírzá Ahmad adressierten Brief mit dem Schlüssel zu diesem Koffer. Er mahnte ihn zu größter Sorgfalt mit diesem anvertrauten Gut, betonte dessen Heiligkeit und bat ihn, seinen Inhalt vor jedermann außer Mírzá Ahmad geheim zu halten.
Mulla Báqir reiste unverzüglich nach Qazvin. Nach achtzehn Tagen kam er dort an und erfuhr, dass Mírzá Ahmad nach Qum aufgebrochen war. Er reiste sofort weiter und gelangte Mitte des Monats Sha'bán 90 dort an. Ich befand mich damals in Qum, zusammen mit einem gewissen Sádiq-i-Tabrízí, den [521] Mírzá Ahmad nach Zarand geschickt hatte, um mich abzuholen. Ich wohnte mit Mírzá Ahmad in dem Haus, das er im Bágh-Panbih-Viertel gemietet hatte. Damals wohnten auch Shaykh 'Azím, Siyyid Ismá'íl und eine Anzahl weiterer Gefährten bei uns. Mulla Báqir übergab das Treugut Mírzá Ahmad, der es auf Drängen Shaykh 'Azims vor uns öffnete. Wir wunderten uns, als wir unter dem Inhalt des Koffers eine Schriftrolle sahen aus blauem Papier feinster Oberfläche auf die der Báb mit eigener Hand in Seiner ausgefeilten Shikasti-Schrift in der Form eines Pentagramms etwa fünfhundert Verse, alle von dem Wort „Bahᓠabgeleitet, geschrieben hatte. 91 Diese Schriftrolle war vollkommen erhalten, fleckenlos rein, und schien auf den ersten Blick eher gedruckt als handgeschrieben. Die Schrift war so fein und kunstvoll, dass aus der Ferne betrachtet das Geschriebene aussah wie eine gleichmäßige Benetzung des Papiers mit Tinte. Wir waren von Bewunderung erfüllt beim Anblick eines Meisterwerks, mit dem sich nach unserer Meinung kein Kalligraph messen konnte. Die Schriftrolle wurde in den Koffer zurückgelegt und wieder Mírzá Ahmad gegeben, der noch am selben Tag nach Tihrán aufbrach. Bevor er schied, sagte er uns, nach allem, was er dem Brief entnehmen könne, habe er die Pflicht, das Anvertraute Jináb-i-Bahá 92 in Tihrán auszuhändigen. 93 Was mich anbelangt, so befahl mir Mírzá Ahmad, nach Zarand zu meinem Vater zu gehen, der besorgt meine Rückkehr erwartete.
Getreu der Weisung von Nawáb Hamzih Mírzá geleitete der Offizier den Báb nach Tabriz und erwies Ihm höchste Achtung und Aufmerksamkeit. Der Prinz hatte einen Freund beauftragt, Ihn in seinem Hause unterzubringen und Ihm mit größter Ehrerbietung zu begegnen. Drei Tage nach der Ankunft des Báb kam ein neuer Befehl vom Großwesir, der dem Prinzen befahl, den Gefangenen am selben Tag, da ihn dieser Farmán 94 erreicht, hinzurichten. Und jeder, der sich als Sein Anhänger bekannte, sollte gleichfalls zum Tode verurteilt werden. Das armenische Regiment in Urúmíyyih unter seinem Hauptmann Sám [522] Khan erhielt Befehl, Ihn zu erschießen, auf dem Kasernenhof zu Tabriz, mitten in der Stadt.
Der Prinz brachte gegenüber dem Überbringer des Farmán, Mírzá Hasan Khan, Vazír-Nizám und Bruder des Großwesirs, seine Bestürzung zum Ausdruck. „Der Arriir", sagte er, „hätte besser daran getan, mir verdienstvollere Aufgaben zu stellen als diese. Den Auftrag, den ich jetzt erledigen soll, nehmen höchstens ganz gemeine Menschen an. Ich bin weder Ibn-i-Zíyád noch Ibn-i-Sa'd 95, dass er mir zumuten könnte, einen unschuldigen Abkömmling des Propheten umzubringen." Mírzá Hasan Khan überbrachte diese Worte des Prinzen seinem Bruder, der daraufhin ihm selbst befahl, die gegebenen Anordnungen in vollem Umfang auszuführen. „Befreie uns von dieser Sorge", drängte der Wesir seinen Bruder, „die uns so bedrückt, und lasse die Sache in Ordnung bringen, ehe der Ramadan beginnt, damit wir in ungestörter Ruhe in die Fastenzeit eintreten können. Mírzá Hasan Khan nahm sich vor, den Prinzen mit dieser neuen Weisung bekanntzumachen, doch ohne Erfolg, weil der Prinz ihn unter dem Vorwand, krank zu sein, nicht empfing. Er ließ sich dadurch nicht abschrecken, sondern traf Anordnungen für die Überführung des Báb und Seiner Begleiter aus dem Haus, wo sie sich aufhielten, in die Kaserne. Weiterhin befahl er Sám Khan, zehn Mann abzustellen als Wache am Eingang zu dem Raum, wo der Báb festgehalten werden sollte.
Beraubt Seines Turbans und Seiner Schärpe, der beiden Insignien Seiner edlen Abkunft, wurde der Báb zusammen mit Seinem Diener Siyyid Husayn wiederum in ein Gefängnis geworfen, das, wie Er wohl wusste, nur ein weiterer Schritt war auf dem Pfad, der Ihn Seinem selbst gesetzten Ziel entgegenführte. An diesem Tag herrschte eine gewaltige Aufregung in der Stadt Tabriz. Die große Erschütterung, die in den Vorstellungen der Einwohner mit dem Tag des Gerichts verbunden ist, schien hereingebrochen. Nie zuvor hatte die Stadt einen derart wilden, unheimlichen Aufruhr erlebt wie damals, als der Báb an den Ort gebracht wurde, der zum Schauplatz Seines Märtyrertodes werden sollte. Als Er den Kasernenhof betrat, stürzte plötzlich ein Jüngling vor, der sich, um Ihn einzuholen, ungeachtet der gefahrvollen Risiken eines solchen Versuchs, einen Weg durch die Menge gebahnt hatte, verstörten Gesichts, barfuß und mit wirrem Haar. Atemlos vor Erregung und völlig erschöpft warf er sich dem Báb zu Füßen, ergriff den Saum Seines Gewandes und flehte Ihn leidenschaftlich an: „Schicke mich nicht weg von Dir, o Herr. Wohin Du auch gehst, lass mich Dir folgen." „Muhammad-'Ali", antwortete der Báb, „stehe auf und sei gewiss, dass du bei Mir sein wirst. 96 Morgen wirst du Zeuge dessen sein, was Gott [523] beschlossen hat." Zwei andere Gefährten vermochten sich nicht zu bezähmen, stürzten vor und versicherten Ihn ihrer unwandelbaren Treue. Sie wurden ebenso wie Mírzá Muhammad-'Alíy-i-Zunúzí festgenommen und in dieselbe Zelle gesperrt, in der der Báb und Siyyid-Husayn gefangen waren.
Ich habe Siyyid Husayn folgendes bezeugen hören: „In dieser Nacht glühte das Angesicht des Báb vor Freude, eine Freude, wie sie noch nie von Seinem Antlitz geleuchtet hatte. Ungeachtet des Sturmes, der um Ihn her wütete, unterhielt Er sich heiter und froh mit uns. Die Sorgen, die Ihn so schwer bedrückt hatten, schienen völlig verschwunden. Im Bewusstsein des nahen Sieges hatte sich die Bedrückung augenscheinlich aufgelöst. ,Morgen', sagte Er uns, ,ist der Tag Meines Märtyrertodes. O dass doch einer von euch jetzt aufstünde und mit seinen Händen Mein Leben beendete. Ich möchte Heber von der Hand eines Freundes sterben als von der des Feindes.' Tränen stürzten uns aus den Augen, als wir Ihn diesen Wunsch äußern hörten. Doch wir schraken zurück vor dem Gedanken, mit unseren Händen ein so kostbares Leben auszulöschen. Wir konnten es nicht und schwiegen. Plötzlich sprang Mírzá Muhammad-'Ali auf und erklärte sich bereit, alles zu tun, was der Báb wünsche. Als wir uns einmischten und ihn drängten, von diesem Gedanken abzusehen, erklärte der Báb: »Dieser Jüngling, der sich erhob, Meinem Wunsch zu willfahren, wird mit Mir den Märtyrertod erleiden. Ihn erwähle Ich, diese Krone mit Mir zu teilen.'"
Am frühen Morgen befahl Mírzá Hasan Khan seinem Farrásh-Báshí 97, den Báb den führenden Mujtahids der Stadt vorzuführen und von diesen die erforderliche Ermächtigung für Seine Hinrichtung zu erwirken. 98 Als der Báb [524] die Festung verließ, fragte Ihn Siyyid Husayn, was er tun solle. „Bekenne dich nicht zu deinem Glauben", wies Er ihn an. „Dadurch wirst du, wenn die Stunde kommt, denen, die dir zuhören sollen, alles mitteilen können, was nur du weißt." Er war mit ihm in vertrauliches Gespräch vertieft, als der Farrásh-Báshí plötzlich unterbrach, Siyyid Husayn mit der Hand wegzerrte und ihm schwere Vorhaltungen machte. Der Báb warnte den Farrásh-Báshí: „Nicht ehe Ich ihm alles sagte, was Ich ihm zu sagen wünsche, kann irdische Macht Mich zum Schweigen bringen. Wäre alle Welt in Waffen gegen Mich, hätten sie doch keine Macht, Mich daran zu hindern, Meine Absicht auszuführen bis zum letzten Wort." Der Farrásh-Báshí wunderte sich über eine so kühne Behauptung, aber er gab keine Antwort und forderte Siyyid Husayn auf, aufzustehen und ihm zu folgen.
Als Mírzá Muhammad-'Ali vor den Mujtahids stand, wurde er immer wieder bedrängt, er solle mit Rücksicht auf die Stellung seines Stiefvaters Siyyid 'Alíy-i-Zunúzí seinen Glauben widerrufen. „Niemals", rief dieser, „werde ich meinen Herrn verleugnen. Er ist der Wesenskern meines Glaubens und Gegenstand [525] meiner tiefsten Verehrung. In Ihm habe ich mein Paradies gefunden, Sein Gesetz zu halten, erkenne ich als die Arche meines Heils." „Halt den Mund!" donnerte Mulla Muhammad-i-Mámáqání, vor dem der Jüngling stand. „Mit solchen Worten verrätst du, dass du verrückt bist; ich kann die Worte wohl entschuldigen, für die du nicht zurechnungsfähig bist." „Ich bin nicht verrückt", erwiderte er. „Eine solche Beschuldigung sollte eher gegen dich vorgebracht werden, da du einen nicht weniger heiligen Mann als den verheißenen Qá'im zum Tod verurteilst. Der ist kein Narr, der sich zu Seinem Glauben bekennt und darnach sehnt, sein Blut auf Seinem Pfad zu vergießen."
Nun wurde der Báb selbst vor Mulla Muhammad-i-Mámáqání geführt. Als dieser Ihn erkannte, nahm er das Todesurteil, das er schon früher ausgefertigt hatte, und gab es seinem Diener mit dem Auftrag, es dem Farrásh-Báshí auszuhändigen. „Es ist nicht nötig", schrie er, „mir den Siyyid-i-Báb vorzuführen. Ich habe dies Todesurteil geschrieben an dem Tag, da ich Ihn in der vom Vali-'Ahd geleiteten Versammlung traf. Er ist sicher derselbe, den ich bei dieser Gelegenheit sah, und hat inzwischen keinen einzigen seiner Ansprüche aufgegeben."
Von dort wurde der Báb in das Haus Mírzá Báqirs geführt, des Sohnes Mírzá Ahmads, dem er kürzlich im Amt nachgefolgt war. Als sie dort ankamen, stand dessen Diener an der Tür mit dem Todesurteil des Báb in der Hand. „Ihr braucht nicht hereinzukommen", sagte er. „Meinem Herrn genügt schon, dass sein Vater das Todesurteil zu recht gefällt hat. Er kann nichts besseres tun, als sich diesem Beispiel anzuschließen."
Mulla Murtadá-Qulí hatte in den Fußstapfen der anderen beiden Mujtahids sein schriftliches Einverständnis schon vorher abgegeben und sich geweigert, seinem gefürchteten Gegner persönlich gegenüberzutreten. Sowie der Farrásh-Báshí die nötigen Papiere beisammen hatte, übergab er seinen Gefangenen Sám Khan und versicherte diesem, er könne nun, da er die Genehmigung der weltlichen und geistlichen Behörden des Reiches habe, seine Aufgabe durchführen.
Siyyid Husayn blieb in dem Raum eingesperrt, wo er die vorherige Nacht mit dem Báb verbracht hatte. Als sie Anstalten machten, Mírzá Muhammad-'Ali in denselben Raum zu bringen, brach dieser in Tränen aus und flehte sie an, ihn mit seinem Herrn zusammenbleiben zu lassen. So wurde er Sám Khan übergeben, und dieser erhielt den Befehl, ihn ebenfalls zu erschießen, wenn er sich weiterhin weigere, seinen Glauben aufzugeben.
Sám Khan fühlte sich indessen immer stärker betroffen von dem Verhalttn seines Gefangenen und der Ihm angetanen Behandlung. Große Angst packte ihn, dass sein Handeln ihm Gottes Zorn zuziehen könne. „Ich bekenne mich [526] [527] zum christlichen Glauben", sagte er dem Báb, „und hege keinen bösen Willen wider dich. Wenn deine Sache die Sache der Wahrheit ist, dann befreie mich aus der Pflicht, dein Blut zu vergießen." „Folge deinen Anweisungen", antwortete der Báb, „und wenn deine Absicht rein ist, so ist der Allmächtige gewiss in der Lage, dich zu erlösen aus deiner Not."
Sám Khan befahl seinen Leuten, an dem Pfeiler zwischen den Zugängen zu dem von Siyyid Husayn belegten und dem angrenzenden Raum einen Haken anzubringen und daran zwei Stricke zu befestigen, an denen der Báb und Sein Gefährte jeweils aufgehängt werden sollten. 99 Mírzá Muhammad-'Ali bat Sám Khan, so gestellt zu werden, dass sein Leib den des Báb beschirme. 100 Schließlich wurden sie so aufgehängt, dass sein Haupt an der Brust seines Herrn ruhte. Sobald sie festgebunden waren, trat ein Regiment Soldaten an, drei Reihen zu je zweihundertfünfzig Mann; sie hatten Befehl, der Reihe nach zu schießen, bis das ganze Regiment alle Kugeln abgefeuert hatte. 101 Der Rauch aus siebenhundertfünfzig feuernden Gewehren war so dicht, dass sich das Licht der Mittagssonne verfinsterte. Zehntausend Menschen, die sich auf den Dächern der [528] Kaserne und der umliegenden Häuser drängten, waren Zeuge dieses traurigen, erschütternden Schauspiels.
Als der Rauch sich verzog, bot sich der verblüfften Menge ein schier unglaublicher Anblick. Vor ihnen stand der Gefährte des Báb, lebendig und unversehrt, der Báb selbst war verschwunden, unverletzt. Obwohl die Stricke, an denen sie aufgehängt waren, in Fetzen hingen, hatten wie durch ein Wunder die Kugeln ihre Leiber verfehlt. 102 Selbst der Kittel, den Mírzá Muhammad-'Ali trug, war trotz des dichten Rauchs unbeschmutzt geblieben. „Der Siyyid-i-Báb ist unserem Blick entschwunden!" erschollen die Stimmen aus der bestürzten Menge. Rasende Suche nach Ihm setzte ein, und schließlich fand man Ihn, im selben Raum sitzend, wo Er die letzte Nacht verbracht hatte, Sein unterbrochenes Gespräch mit Siyyid Husayn zu Ende führend. Ein Ausdruck unerschütterter Ruhe lag auf Seinem Antlitz. Sein Leib war unbeschädigt aus dem Kugelhagel des Regiments hervorgegangen. „Ich habe Mein Gespräch mit Siyyid Husayn beendet", sagte Er zu dem Farrásh-Báshí. „Jetzt kannst du weitermachen und deine Aufgabe erledigen." Aber der Mann war viel zu erschüttert, als dass er hätte wiederholen können, was er schon einmal versucht hatte. Er weigerte sich, seiner Pflicht nachzukommen, verließ augenblicklich den Schauplatz und gab seinen Posten auf. Er erzählte, was er erlebt hatte, seinem Nachbarn Mírzá Siyyid Muhsin, einem angesehenen Mann in Tabriz, der sich, sobald er dies hörte, zum Glauben bekehrte. [529]
Ich hatte später das Vorrecht, mit diesem Mírzá Siyyid Muhsin zusammenzutreffen. Er führte mich zu der Stelle'des Martyriums und zeigte mir die Mauer, wo der Báb angebunden war. Man zeigte mir auch den Raum, wo man Ihn bei Seinem Gespräch mit Siyyid Husayn fand, und den Platz, auf dem Er gesessen hatte. Ich sah den Haken, den Seine Feinde in die Wand geklopft hatten und an dem das Seil befestigt war, das Seinen Leib trug.
Auch Sám Khan war erschüttert von der Gewalt dieses schrecklichen Geschehens. Er befahl seinen Männern, sofort die Kaserne zu verlassen, und weigerte sich strikt, sich und sein Regiment nochmals auf irgend etwas einzulassen, was dem Báb auch nur im geringsten schade. Er schwor, als er den Kasernenhof verließ, niemals wieder diese Aufgabe zu übernehmen, und koste es ihn das Leben.
Kaum war Sám Khan weg, da erbot sich freiwillig Áqá Jan Khán-i-Khamsih, ein Offizier der Leibgarde, auch bekannt unter den Namen Khamsih und Násirí, den Hinrichtungsbefehl auszuführen. Der Báb und Sein Gefährte wurden wieder auf dieselbe Weise an der Mauer aufgehängt, während die Truppe sich zum Schießen aufreihte. Im Gegensatz zum ersten Mal, als nur die Seile, mit denen sie befestigt waren, zerschossen wurden, waren diesmal ihre Leiber zerfetzt, verschmolzen zu einer Masse Fleisch und Knochen. 103 „Hättet ihr an Mich geglaubt, o widerspenstiges Geschlecht", waren die letzten Worte des Báb an die gaffende Menge, als das Regiment zum tödlichen Schuß ansetzte, „dann wäre jeder von euch dem Beispiel dieses Jungen gefolgt, der die meisten von euch überragt, und hätte sich willig auf Meinem Pfad geopfert. Es kommt der Tag, da ihr Mich erkennt; an jenem Tag werde Ich nicht mehr bei euch sein." 104 [530]
In diesem Augenblick wurde gefeuert. Ein außerordentlich heftiger Sturm erhob sich und fegte durch die ganze Stadt. Eine unglaublich dichte Staubwolke verfinsterte die Sonne und machte den Leuten die Augen blind. Die ganze Stadt war eingehüllt in diese Finsternis vom Mittag bis zur Nacht. Aber selbst dieses seltsame Naturschauspiel unmittelbar nach dem noch viel erstaunlicheren [531] Versagen von Sám Kháns Regiment, den Báb auch nur zu verletzen, vermochte die Herzen der Menschen in Tabriz nicht zu rühren oder sie zu veranlassen, innezuhalten und über die Bedeutung so denkwürdiger Geschehnisse nachzudenken. Sie waren Zeugen des Eindrucks, den die wunderbaren Ereignisse auf Sám Khan machten, sie sahen die Bestürzung des Farrásh-Báshí und bekamen [532] mit, wie er seine unwiderrufliche Entscheidung traf, sie konnten sogar das Gewand untersuchen, das trotz so vieler Kugeln ganz und fleckenlos geblieben war, sie konnten auf dem Antlitz des Báb, der unverletzt aus dem Sturm hervorgegangen war, die unerschütterte Heiterkeit ablesen, als Er Sein Gespräch mit Siyyid Husayn fortsetzte; und doch fühlte sich keiner bemüßigt, nach der Bedeutung dieser ungewöhnlichen Zeichen und Wunder zu fragen.
Das Martyrium des Báb fand statt am Sonntag mittag, dem achtundzwanzigsten Sha'bán des Jahres 1266 n.d.H. 105, einunddreißig Mondjahre, sieben Monate und siebenundzwanzig Tage nach Seiner Geburt in Shíráz.
Am selben Abend wurden die zerfetzten Leiber des Báb und Seines Gefährten vom Kasernenhof an den Rand des Stadtgrabens außerhalb des Stadttores gebracht. Vier Abteilungen aus je zehn Wächtern hatten Befehl, sie reihum zu bewachen. Am Morgen des folgenden Tages kam der russische Konsul in Begleitung eines Künstlers an die Stelle und ließ eine Zeichnung der Überreste anfertigen, wie sie neben dem Graben lagen. 106 [533]
Ich habe Hájí 'Alí-'Askar so berichten hören: „Ein Angestellter des russischen Konsulats, ein Verwandter von mir, zeigte mir die Skizze am selben Tag, da sie gezeichnet worden war. Ein getreues Portrait des Báb, das ich da sah! Seine Stirn, Seine Wangen, Seine Lippen waren von keiner Kugel getroffen. Ich blickte auf ein Lächeln, das immer noch auf Seinem Antlitz zu spielen schien. Sein Leib aber war sehr verstümmelt. Ich konnte die Arme und den Kopf Seines Gefährten erkennen, der Ihn umarmt zu halten schien. Als ich entsetzt auf dieses gespenstische Bild starrte und sah, wie diese edlen Züge entstellt waren, stand mir fast das Herz still. Ich wandte das Gesicht ab vor Schmerz und schloss mich, als ich nach Hause kam, in mein Zimmer ein. Drei Tage und drei Nächte lang konnte ich weder schlafen noch essen, so aufgewühlt war ich zuinnerst. Dieses kurze, bewegte Leben mit all seinen Sorgen, seiner Unruhe, seinen Verbannungen und schließlich seiner Krönung mit dem ehrfurchtgebietenden Märtyrertod lief wieder vor meinen Augen ab. Ich warf mich auf mein Bett und wand mich vor Qual." [534]
Am Nachmittag des zweiten Tages nach des Bábs Martyrium gelangte Hájí Sulaymán Khan, der Sohn Yahyá Kháns, nachBágh-Mishih, einer Vorstadt von Tabríz, und wurde im Hause des Kalántar 107 empfangen, eines vertrauten Freundes und Derwischs in einem Súfí-Orden. Hájí Sulayman Khan war, als er in Tihrán von der Lebensgefahr hörte, in der der Báb schwebte, sofort aufgebrochen in der Absicht, Ihn zu befreien. Zu seiner Bestürzung kam er jetzt zu spät. Als sein Gastgeber ihm erzählte, wie der Báb verhaftet und verurteilt wurde, und ihm die Geschehnisse bei Seinem Märtyrertod berichtete, war er sogleich entschlossen, die Leichname der Opfer fortzuschaffen, selbst unter eigener Lebensgefahr. Der Kalántar riet ihm zu warten und sich nicht auf etwas einzulassen, was unausweichlich seinen Tod bedeuten müsse, sondern lieber seinem Vorschlag zu folgen. Er legte ihm nahe, seine Wohnung in einem anderen Haus zu nehmen und dort am Abend die Ankunft eines gewissen Hájí Alláh-Yár abzuwarten, der, wie er sagte, alles tun werde, was er von ihm wünsche. Zur festgesetzten Stunde traf Hájí Sulaymán Khan mit Hájí Alláh-Yár zusammen, dem es gelang, um Mitternacht die Leichname vom Rand des Stadtgrabens in eine Seidenfabrik zu tragen, die einem Gläubigen aus Milán gehörte. Am andern Tag legte er sie in eine eigens angefertigte Holzlade und brachte sie nach den Weisungen von Hájí Sulaymán Khan an einen sicheren Ort. Unterdessen suchten sich die Wachen mit der Ausrede zu rechtfertigen, während sie schliefen, wären die Leichen von wilden Tieren geholt worden. 108 Ihre Vorgesetzten wiederum wollten sich nicht blamieren und vertuschten die Wahrheit vor den Behörden. 109 [535]
Hájí Sulaymán Khan berichtete dies sofort Bahá'u'lláh, der damals in Tihrán weilte. Dieser gab Aqáy-i-Kalím den Auftrag, eigens einen Boten nach Tabriz zu senden, damit die Leichname in die Hauptstadt überführt würden. Diese [536] Entscheidung war durch einen Wunsch des Báb veranlasst, den Er im Zíyárat-i-Shák-Abdu'l-'Azím zum Ausdruck gebracht hatte, einem Tablet, offenbart in der Nähe dieses Schreins und einem gewissen Mírzá Sulaymán-i-Khatíb übergeben, den Er beauftragte, mit einigen Gläubigen dorthin zu gehen und das Tablet im heiligen Bezirk zu singen. 110 „Wohl steht es um dich", redet der Báb im Schlussabschnitt des Tablets den dort ruhenden Heiligen an, „da du deine Ruhestatt fandest in Rayy im Schatten Meines Geliebten. Ich wollte, auch Ich würde in diesem heiligen Boden bestattet!"
Ich selbst war in Begleitung Mírzá Ahmads in Tihrán, als die Leichname des Báb und Seines Gefährten ankamen. Bahá'u'lláh war unterdessen auf Weisung des Amír-Nizám nach Karbilá abgereist. Áqáy-i-Kalím überführte zusammen mit Mírzá Ahmad die Überreste vom Imám-Zádih-Hasan-Schrein, 111 wo sie zuerst untergebracht waren, an eine Stelle, die niemand außer ihnen selbst kannte. Der Ort blieb geheim, bis Bahá'u'lláh nach Adrianopel abreiste. Damals bekam Áqáy-i-Kalím den Auftrag, Munir, einen Glaubensgenossen, über die Stelle zu informieren, wo die Leichname aufbewahrt wurden. Dieser konnte sie trotz Suche nicht auffinden. Sie wurde in der Folgezeit von Jamal, einem alten Anhänger des Glaubens, entdeckt, dem das Geheimnis während der Zeit anvertraut wurde, als Bahá'u'lláh noch in Adrianopel war. Diese Stelle ist den Gläubigen bis jetzt nicht bekannt, und niemand weiß, wohin man die Überreste schließlich bringen wird. [537]
Der erste, der in Tihrán nach dem Großwesir von den Umständen des grausamen Martyriums erfahren sollte, war Mírzá Áqá-Khán-i-Núrí, der von Muhammad-Sháh nach Káshán verbannt worden war, als der Báb durch diese Stadt kam. Er hatte gegenüber Häji Mírzá Jání, der ihn mit den Glaubenslehren bekanntmachte, versichert, dass, wenn die Liebe, die er zu der neuen Offenbarung hege, dazu führe, seine verlorene Stellung wiederzubekommen, er sein Äußerstes tun wolle, um Wohlergehen und Sicherheit der verfolgten Gemeinde zu gewährleisten. Hájí Mírzá Jání berichtete dies seinem Herrn, der ihn beauftragte, dem in Ungnade gefallenen Minister zuzusichern, dass er in Kurze nach Tihrán gerufen und von seinem Herrscher mit einer Stellung belehnt werde, die im Rang unmittelbar nach dem Sháh selbst käme. Er wurde gemahnt, sein Versprechen nicht zu vergessen und seine Absicht wahrzumachen. Er war entzückt von dieser Botschaft und wiederholte sein gegebenes Versprechen.
Als ihn die Kunde vom Martyrium des Báb erreichte, war er schon befördert, trug den Titel Ptimádu'd-Dawlih, und hoffte, Großwesir zu werden. Er beeilte sich, Bahá'u'lláh, dem er sich eng verbunden fühlte, über die erhaltene Nachricht zu informieren, und brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass das Feuer, von dem er dereinst großes Unheil für Ihn fürchtete, schließlich verlöschen werde. „Das nicht", erwiderte Bahá'u'lláh. „Wenn dies wahr ist, kannst du gewiss sein, dass die entzündete Flamme durch diese Tat heftiger denn je auflodern und eine Feuersbrunst entfesseln wird, deren die Staatsmänner dieses Reiches selbst mit vereinten Kräften nicht Herr werden können." Die Bedeutung dieser Worte sollte Mírzá Áqá Khan erst später aufgehen. Er konnte sich, als diese Vorhersage geäußert wurde, kaum vorstellen, dass der Glaube, der einen so niederschmetternden Schlag erlitten, seinen Urheber überleben könnte. Er selbst war einmal durch Bahá'u'lláh von einer Krankheit geheilt worden, als er schon alle Hoffnung auf Genesung aufgegeben hatte.
Sein Sohn, der Nizámu'1-Mulk, fragte ihn eines Tages, ob er nicht auch denke, dass Bahá'u'lláh, der sich von allen Söhnen des verstorbenen Wesirs als der fähigste erwiesen hatte, keineswegs nach der Tradition Seines Vaters lebe und die in Ihn gesetzten Hoffnungen enttäusche. „Mein Sohn", erwiderte er, „glaubst du wirklich, er sei seines Vaters unwürdig? Alles, was unsereins zu erreichen hoffen kann, ist nur eine flüchtige, ungewisse Untertanentreue, die verschwindet, sobald unsere Tage zu Ende sind. Unser sterbliches Leben kann nie von der Unbeständigkeit auf dem Pfad irdischen Ehrgeizes frei sein. Selbst wenn es uns gelingt, zu Lebzeiten einen ehrenvollen Namen zu erhalten, wer kann sagen, ob nicht Verleumdung nach unserem Tod unser Gedächtnis beschmutzt und das Werk, das wir erreicht, zunichte macht? Auch diejenigen, die uns im Leben mit den Lippen ehren, würden uns im Herzen fluchen und [538] verdammen, wenn wir auch nur für einen Augenblick nicht ihren Interessen nachkämen. Bei Bahá'u'lláh aber ist das anders. Im Gegensatz zu den Großen dieser Erde, gleich welcher Rasse und welchen Ranges, ist er Gegenstand einer Liebe und Verehrung, die keine Zeit mindern und kein Feind zerstören kann. Seine Souveränität kann von Todesschatten nicht verdunkelt, von Verleumderzunge nicht untergraben werden. So groß ist die Macht Seines Einflusses, dass selbst in Nachtstille niemand von denen, die Ihn lieben, wagen würde, in sich den leisesten Wunsch aufkeimen zu lassen, der auch nur im entferntesten seinem Wunsch entgegen wäre. Die ihn solcherart lieben, werden gewaltig zunehmen an Zahl. Die Liebe, die sie ihm entgegenbringen, wird nicht geringer werden, sie wird weitergegeben von Geschlecht zu Geschlecht, bis die Welt mit ihrer Herrlichkeit durchdrungen sein wird."
Die boshafte Beharrlichkeit, mit der ein grausamer Feind den Báb misshandelte und Ihm schließlich nach dem Leben trachtete, brachte unsagbares Leid über Persien und seine Bewohner. Die Männer, die diese Rohheiten begingen, wurden Opfer nagender Gewissensbisse und mussten innerhalb unglaublich kurzer Zeit einen schmählichen Tod erleiden. Was die Masse der Bevölkerung anbelangt, die sich in dumpfer Gleichgültigkeit das Trauerspiel ansah, das vor ihren Augen inszeniert Wurde, und keinen Finger rührte zum Protest gegen die Scheußlichkeit dieser Greuel, sie fiel ihrerseits einem Elend zum Opfer, dem alle Hilfsquellen des Landes und die ganze Energie seiner Staatsmänner nicht zu steuern vermochten. Ein Sturm von Unglück fegte über sie hinweg und zerrüttete die Grundlagen ihres materiellen Wohlstands. Von dem Tag, da sich die Hand des Widersachers gegen den Báb erhob, um Seinem Glauben den Todesstoß zu versetzen, preßten Plagen, eine nach der anderen, allen Geist aus diesem undankbaren Volk und brachten es an den Rand des nationalen Bankrotts. Plagen, von denen sie meistens nicht einmal die Namen kannten, es sei denn aus gelegentlichen Hinweisen in verstaubten, kaum je gelesenen Büchern, überfielen sie mit einer Wucht, dass ihnen keiner entkam. Wo immer diese Geißel zuschlug, hinterließ sie Wüste. Fürst und Bauer zugleich bekamen ihren Stachel zu spüren und wanden sich unter ihrem Joch. Sie hielt das Volk im Würgegriff und ließ es nicht mehr los. Wie eine bösartige Seuche, die Gilán entvölkert, verwüstete schwere Heimsuchung unversehens das Land. So hart die Trübsale waren—der rächende Zorn Gottes ließ nicht nach in diesem Unheil, das ein verderbtes, gottloses Volk ereilt hatte. Jedes Lebewesen, das in diesem geschlagenen Land atmete, bekam ihn zu spüren. Er erfasste Pflanzen- wie Tierleben und ließ das Volk das ganze Ausmaß seines Unglücks fühlen. Zu den gewaltigen Leiden, unter denen das Volk stöhnte, kamen die Schrecken des Hungers hinzu. Das hagere Hungergespenst ging um—Aussicht auf einen langsamen, qualvollen Tod. [539] Volk und Behörden lechzten gleichermaßen nach Rettung, die nirgendher kam. Sie tranken den Leidenskelch zur Neige, ohne zu wissen, welche Hand ihn reichte und um Wessentwillen sie so leiden mussten.
Der erste, der sich erhoben hatte, tun den Báb zu misshandeln, war kein anderer als der Gouverneur von Shíráz. Husayn Khan. Die schändliche Behandlung seines Gefangenen kostete ihn das Leben Tausender, die seiner Obhut anvertraut waren und seine Handlungsweise duldeten. Seine Provinz wurde von einer Seuche verheert, die sie an den Rand der Vernichtung führte. Verarmt und erschöpft lag Fárs hilflos am Boden und schrie nach Nachbarn und Freunden um Beistand. Husayn Khan selbst musste mit Bitterkeit sehen, wie all sein Muhen umsonst war; dazu verdammt, die restlichen Tage seines Lebens im Dunkel zu verbringen, wankte er, von Freund und Feind vergessen, dem Grab zu.
Der nächste, der den Glauben des Báb herauszufordern und dessen Fortschritt aufzuhalten unternahm, war Hájí Mírzá Áqásí. Er war es, der sich aus eigensüchtigen Motiven und um sich die Gunst der niederträchtigen ‘Ulamá seiner Zeit zu erschmeicheln, zwischen den Báb und Muhammad Sháh stellte und ihre Begegnung hintertrieb. Er hat die Verbannung seines gefürchteten Gefangenen in einen entlegenen Winkel Ádhirbáyjáns verfügt und mit verbis-sener Aufmerksamkeit über Seine Isolierung gewacht. An ihn war das brandmarkende Tablet gerichtet, worin ihm der Gefangene seine Schändlichkeit bloßlegt und den Untergang voraussagt. Kaum waren ein Jahr und sechs Monate vergangen, seit der Báb in die Nähe von Tihrán gelangt war, da fegte ihn die göttliche Rache aus seiner Macht und zwang ihn, auf der Flucht vor der Wut seines eigenen Volkes im Bezirk des Schreines von Sháh-'Abdu'l-'Azím Schutz zu suchen. Von dort trieb ihn des Rächers Hand ins Exil jenseits der Grenzen seines Vaterlands und stürzte ihn in ein Meer von Leiden, bis er in äußerster Armut und unaussprechlicher Not starb.
Was die Truppe betrifft, die trotz dem unerklärlichen Fehlschlag des Versuchs von Sám Khan und seinen Leuten, das Leben des Báb auszulöschen, den Anschlag willig wiederholte und mit ihren Kugeln schließlich den Leib des Báb durchsiebte, so fanden zweihundertfünfzig von ihnen im selben Jahr zusammen mit ihren Offizieren in einem furchtbaren Erdbeben den Tod. Als sie an einem heißen Sommertag auf dem Weg zwischen Ardibil und Tabriz im Schatten einer Mauer Rast hielten, in Spiel und Kurzweil vertieft, brach plötzlich der ganze Bau zusammen und begrub sie, nicht einer blieb am Leben. Die übrigen fünfhundert erlitten dasselbe Geschick, das sie mit ihren eigenen Händen dem Báb zugefügt hatten. Drei Jahre nach Seinem Märtyrertod meuterte dieses Regiment, und alle Mann wurden darauf erbarmungslos erschossen auf Befehl [540] von Mírzá Sádiq Khán-i-Núrí, der, nicht zufrieden mit der ersten Salve, eine zweite abzufeuern befahl, um sicherzustellen, dass kein Meuterer überlebe. Ihre Leiber wurden hernach von Spießen und Lanzen durchbohrt und der Bevölkerung von Tabriz zur Schau gestellt. Viele Einwohner der Stadt wunderten sich damals, wenn sie an den Tod des Báb zurückdachten, dass nun die, die Ihn töteten, dasselbe Geschick traf. „Sollte das etwa die Vergeltung Gottes sein", hörte man einige raunen, „dass das ganze Regiment ein so schimpfliches, furchtbares Ende findet? Wenn der Jüngling ein verlogener Betrüger gewesen wäre, wären dann seine Verfolger so hart bestraft worden?" Diese Zweifel kamen den tonangebenden Mujtahids der Stadt zu Ohren, die in großer Sorge anordneten, dass alle, die solche Zweifel äußerten, schwer bestraft würden. So wurden manche verprügelt, andere mit Geldstrafe belegt und alle verwarnt, solches Gemunkel zu unterlassen, das nur die Erinnerung an einen schrecklichen Feind wieder wachrufen und von neuem Begeisterung für Seine Sache wecken konnte.
Der Haupturheber für die Kräfte, die den Märtyrertod des Báb erzwangen, der Amír-Nizám, und sein Bruder, der Vazír-Nizám, der Hauptkomplize, fielen innerhalb von zwei Jahren nach ihrem üblen Stück einer grauenvollen Strafe anheim, die zu ihrem elenden Tod führte. Das Blut des Amír-Nizám klebt heute noch an der Wand des Bades von Fin 112 als Zeugnis für Greuel, die er eigenhändig beging. 113 [541] [542]



Vierundzwanzigstes Kapitel DER AUFSTAND IN ZANJAN
Der Funke, der die großen Flächenbrände in Mázindarán und Nayriz entfacht hatte, war schon auf Zanjan 114 und Umgebung übergesprungen, als der Báb in Tabriz Seinem Tod entgegenging. In Seinem tiefen Schmerz über das traurige Geschick der Helden von Shaykh Tabarsi traf Ihn die Nachricht von den nicht weniger erschütternden Leiden, die Vahid und seine Gefährten ereilt hatten, als erneuter Schlag für Sein von vielen Trübsalen bedrücktes Herz. Das Bewusstsein der finsteren Gefahren ringsum, die Erinnerung an die erlittene Erniedrigung, als Er jüngst nach Tabriz geführt wurde, die Anstrengung einer langen, verschärften Kerkerhaft auf der Bergfeste in Ádhirbáyján, die schrecklichen Blutbäder während der Endphase der Aufstände in Mázindarán und Nayriz, die Ausschreitungen gegen Seinen Glauben durch die Verfolger der Sieben Märtyrer von Tihrán—all dies war nur ein Teil der Leiden, die die verbleibenden Tage eines verlöschenden Lebens überschatteten. Er war schon [543] tief bedrückt von den schweren Schkksalsschlägen, als Ihn die Nachricht von den Geschehnissen in Zanjan erreichte, die Schlimmes ahnen Keßen und die Qual Seiner letzten Tage ins Übermaß steigerten. Welche Pein muss Er erduldet haben, als Ihn rings die Todesschatten umfingen! Überall, im Norden wie im Süden, waren die Bannerträger Seines Glaubens unverdienten Leiden ausgesetzt, sie wurden infam betrogen, ihrer Habe beraubt und unmenschlich hingeschlachtet. Und jetzt, wie um den Leidenskelch ins Übermaß zu füllen, brach der Sturm in Zanjan los, der heftigste und zerstörendste von allen. 115 [544]
Ich werde jetzt fortfahren und von den Umständen erzählen, die dieses Ereignis zu einer der erregendsten Episoden in der Geschichte dieser Offenbarung machten. Die Hauptgestalt war Hujjat-i-Zanjání mit dem Namen Mulla Muhammad-'Alí 116, einer der fähigsten geistlichen Würdenträger seiner Zeit und gewiss einer der gewaltigsten Kämpfer für die Sache Gottes. Sein Vater Mulla Rahím-i-Zanjání war ein einflussreicher Mujtahid in Zanjan, hoch geachtet ob seiner Frömmigkeit, seinem Wissen und seinem festen Charakter. Mulla Muhammad-'Ali mit dem Beinamen Hujjat ist im Jahr 1227 n.d.H. 117 geboren. Von Kindheit an zeigte er solche Fähigkeiten, dass sein Vater größte Sorgfalt auf seine Erziehung legte. Er schickte ihn nach Najaf, wo er sich durch Weitsicht, Fähigkeiten und Lerneifer auszeichnete. 118 Seine Gelehrsamkeit und hohe Intelligenz gewannen ihm die Bewunderung seiner Freunde, während ihn seine freimütige Offenheit und sein fester Charakter zum Schrecken seiner Feinde machte. Sein Vater riet ihm, nicht nach Zanjan zurückzukehren, weil dort die Feinde gegen ihn wühlten. Folglich entschied er sich, seinen Wohnsitz in Hamadán 119 zu nehmen, wo er eine Verwandte heiratete und ungefähr [545] zweieinhalb Jahre lebte, bis die Nachricht von seines Vaters Tod ihn veranlagte, in seine Vaterstadt zu ziehen. Die stürmische Begrüßung, die ihm dort bei seiner Ankunft zuteil wurde, brachte die ‘Ulamá gegen ihn auf, denen er seinerseits trotz der ausgesprochenen Feindseligkeit jederzeit mit Achtung und Höflichkeit llegúete. 120
Von der Kanzel, die Freunde ihm zu Ehren in der Masjid errichtet hatten, forderte er die versammelten Zuhörer auf, alle Zügellosigkeit zu meiden und in allen Taten Mäßigung zu üben. 121 Unbarmherzig geißelte er jegliches Fehlverhalten und hielt die Menschen an, sich strikt nach den Lehren des Qur'án zu richten. Er unterrichtete seine Schüler so sorgfältig und geschickt, dass sie bald die anerkannten ‘Ulamá von Zanjan an Wissen und Einsicht übertrafen. Siebzehn Jahre lang widmete er sich dieser segensreichen Tätigkeit, und es gelang ihm, Geist und Herzen seiner Mitbürger von allem zu läutern, was im Widerspruch zum Geist und Buchstaben ihres Glaubens steht. 122
Als der Ruf aus Shíráz an sein Ohr drang, entsandte er seinen vertrauten Boten Mulla Iskandar, um sich über die Forderungen der neuen Religion zu erkundigen; und auf die frohe Botschaft antwortete er derart, dass seine Feinde [546] mit doppelter Wut über ihn herfielen. Waren sie bisher nicht in der Lage, ihn bei den Behörden und dem Volk in Verruf zu bringen, denunzierten sie ihn jetzt als Häretiker, der ableugnet, was dem Islam heilig und teuer ist. „Sein Ruf als ein Mann von Recht, Frömmigkeit, Weisheit und Kenntnis", raunten sie, „macht es unmöglich, seine Stellung zu erschüttern. Brachte er es nicht fertig, als er nach Tihrán vor Muhammad Sháh geladen war, mit seiner faszinierenden Beredsamkeit diesen für sich zu gewinnen und zu seinem ergebenen Bewunderer zu machen? Aber jetzt, da er so offen die Sache des Siyyid-i-Báb verficht, können wir sicher erreichen, dass die Behörden seine Festnahme und Vertreibung aus unserer Stadt anordnen."
Sie setzten also ein Gesuch an Muhammad Sháh auf, in dem sie mit allen Mitteln, die sie in ihrer boshaften Hinterlist ersinnen konnten, seinen Namen in Verruf brachten. „Als er sich noch als Angehöriger unserer Religion ausgab", beschwerten sie sich, „wusste er mit der Unterstützung seiner Schüler unsere Autorität zu untergraben. Und jetzt, wo er sich zur Sache des Siyyid-i-Báb bekennt und schon zwei Drittel der Einwohner Zanjáns für diesen verhassten Glauben gewonnen hat—welche Schmach wird er uns noch bereiten! Den Zulauf, den er hat, kann die ganze Moschee nicht mehr fassen. So groß ist sein Einfluss, dass man die Moschee, die seinem Vater gehörte, und diejenige, die ihm zu Ehren gebaut wurde, zu einem Gebäude verband, um der wachsenden Menge zu genügen, die sich darum drängt, dem Gebet unter seiner Leitung beizuwohnen. Es ist abzusehen, dass ihn bald nicht nur Zanjan, sondern auch die umliegenden Dörfer offen unterstützen."
Der Sháh war sehr erstaunt über den Ton und die Art, wie die Bittsteller Hujjat anzuklagen suchten. Er sprach über seine Verwunderung mit dem Hakím-Báshí Mírzá Nazar-'Alí und dachte an die glühende Verehrung, die so viele Besucher in Zanjan für die Fähigkeiten und die Redlichkeit des Beklagten bezeugt hatten. Er beschloss, ihn zusammen mit seinen Anklägern nach Tihrán zu laden. Auf einer besonders anberaumten Sitzung, zu der er sich selbst mit Hájí Mírzá Áqásí und den obersten Regierungsbeamten sowie einer Anzahl bekannter ‘Ulamá von Tihrán versammelt hatte, forderte er die geistlichen Führer von Zanjan auf, ihre Ansprüche zu begründen. Auf alle ihre Fragen bezüglich des Glaubens antwortete Hujjat in einer Weise, die uneingeschränkte Bewunderung bei allen Zuhörern wecken und seines Herrschers Vertrauen in seine Unschuld festigen musste. Der Sháh äußerte seine volle Zufriedenheit und beschenkte Hujjat reichlich dafür, dass er die Anschuldigungen seiner Feinde so überzeugend widerlegen konnte. Er hieß ihn nach Zanjan zurückkehren und sein segensreiches Wirken für seine Mitmenschen fortsetzen, versicherte ihn [547] seiner vollen Unterstützung und bat, von Schwierigkeiten, die ihm in Zukunft gemacht würden, benachrichtigt zu werden. 123
Seine Heimkehr nach Zanjan war für die gedemütigten Gegner das Signal für einen wilden Aufruhr; doch wie die Beweise ihrer Feindseligkeit sich vervielfachten, so nahmen auch die Zeugnisse der Ergebenheit von Seiten seiner Freunde und Parteigänger zu. 124 Er nahm von den Machenschaften seiner Feinde nicht die geringste Notiz, sondern widmete sich beharrlich seinen Angelegenheiten. 125 Die liberalen Grundsätze, die er unablässig und furchtlos verfocht, trafen das von einem bigotten Feind emsig errichtete Glaubensgebäude an der Wurzel. In ohnmächtiger Wut sahen sie ihre Autorität dahinschwinden und ihre Einrichtungen zusammenbrechen.
In diesen Tagen kam Mashhadi Ahmad, den er in einer vertraulichen Mission mit einem Schreiben und Geschenken für den Báb nach Shíráz entsandt hatte, nach Zanjan zurück und überreichte Hujjat während einer Ansprache vor seinen Schülern einen versiegelten Brief von dem Geliebten. In diesem Tablet verlieh ihm der Báb Seinen eigenen Titel: Hujjat, und Er forderte ihn auf, von der Kanzel herab ohne jeden Vorbehalt die Grundlehren Seines Glaubens zu verkünden. So von den Wünschen seines Herren in Kenntnis gesetzt, bekräftigte er seinen festen Entschluss, alles, wozu ihn das Tablet verpflichtete, unverzüglich in die Tat umzusetzen. Er entließ sogleich seine Schüler und forderte sie auf, die [548] Bücher zu schließen, er werde seine Studienkurse nicht fortsetzen. „Was nützen Studium und Suche dem, der die Wahrheit schon fand", sagte er, „wozu aller Lerneifer, wenn Er, das Ziel aller Gelehrsamkeit, offenbar ist?"
Als er die Führung des Freitagsgebets übernehmen wollte, wie es ihm der Báb aufgetragen hatte, 126 protestierte der Imám-Jum'ih, der bisher dafür zuständig war, heftig dagegen mit der Begründung, dass dieses Recht als besonderes Privileg seiner Vorfahren ihm selbst vom Herrscher verliehen sei und niemand, wie hoch auch sein Rang, es ihm streitig machen könne. Hujjat erwiderte: „Dieses Recht ist überholt durch die Amtsgewalt, die mir der Qá'im selbst verlieh. Ich bin von Ihm beauftragt, diese Funktion in der Öffentlichkeit zu übernehmen, und ich kann nicht zulassen, dass jemand dieses Recht verletzt. Wenn man mich angreift, werde ich Maßnahmen zur Verteidigung und zum Schutz meiner Gefährten ergreifen."
Sein unerschrockenes Beharren auf seiner vom Báb auferlegten Pflicht veranlasste die ‘Ulamá von Zanjan, sich mit dem Imám-Jum'ih zu verbünden und ihre Beschwerden Hájí Mírzá Áqásí vorzutragen. 127 Sie argumentierten, Hujjat hätte anerkannte Institutionen in Frage gestellt und deren Rechte mit Füßen getreten. „Entweder", beklagten sie sich, „müssen wir mit unseren Familien und aller Habe aus dieser Stadt fliehen und ihm die Verantwortung für das Schicksal der Einwohner allein überlassen oder von Muhammad Sháh einen Erlass für seine Vertreibung aus diesem Land erwirken. Denn wir sind fest davon überzeugt, dass großes Unheil daraus erwächst, wenn ihm gestattet wird, weiter auf diesem Boden zu bleiben." Obgleich Hájí Mírzá Áqásí der Geistlichkeit seines Landes im Grunde misstraute und gegen ihre Glaubenspraktiken eine gesunde Abneigung hegte, sah er sich doch schließlich veranlasst, ihrem [549] Drängen nachzugeben, und unterbreitete die Sache Muhammad Sháh. Dieser gab Befehl, Hujjat von Zanjan in die Hauptstadt zu bringen.
Ein Kurde namens Qilij Khan war vom Sháh beauftragt, Hujjat die königliche Vorladung zu überbringen. Der Báb war zu dieser Zeit auf Seinem Weg nach Tabriz in die Nähe von Tihrán gelangt. Hujjat hatte, ehe der königliche Bote nach Zanjan kam, einen seiner Freunde, einen gewissen Khán-Muham-mad-i-Tub-Cbi. mit einer Bittschrift zu seinem Herrn geschickt und Ihn darin um Erlaubnis gebeten, Ihn aus den Händen der Feinde retten zu dürfen. Der Báb versicherte ihm, dass allein der Allmächtige Ihn erretten könne und dass niemand Seinem Ratschluss entgehe oder Seinem Gesetz entkomme. „Deine Begegnung mit Mir", fügte Er hinzu, „wird bald stattfinden in der jenseitigen Welt, im Reich unvergänglicher Herrlichkeit."
Am selben Tag, da Hujjat diese Botschaft erhielt, kam Qilij Khan nach Zanjan, setzte ihn von den Befehlen in Kenntnis, die er erhalten hatte, und reiste dann mit ihm zur Hauptstadt zurück. Sie kamen zur selben Zeit in Tihrán an, als der Báb aus dem Dorf Kulayn, wo Er sich einige Tage aufgehalten hatte, abreiste.
Die Behörden hatten aus Furcht, die Begegnung zwischen dem Báb und Hujjat könnte neue Unruhe stiften, Vorsorge getroffen, dass letzterer während der Durchreise des Báb von Zanjan abwesend war. Die Gefährten, die Hujjat auf dem Weg nach der Hauptstadt im Abstand folgten, wurden von ihm gedrängt, umzukehren und zu versuchen, den Herrn zu treffen, damit sie Ihn seiner Bereitschaft, Ihm zu Hilfe zu kommen, versicherten. Auf ihrem Heimweg begegneten sie dem Báb, der nochmals Seinen Wunsch zum Ausdruck brachte, dass niemand von den Freunden den Versuch machen solle, Ihn aus der Gefangenschaft zu befreien. Er wies sie ausdrücklich an, den Gläubigen unter ihren Mitbürgern auszurichten, sie sollten sich nicht um Ihn drängen, sondern Ihn meiden, wo Er auch hinkomme.
Sobald diese Botschaft sich herumsprach unter denen, die ausgezogen waren, Ihn bei der Ankunft in ihrer Stadt willkommen zu heißen, da begannen sie zu trauern und ihr Schicksal zu beklagen. Aber sie konnten ihrem Drang nicht widerstehen, Ihm ungeachtet Seines ausdrücklichen Wunsches entgegenzugehen und Ihm zu begegnen.
Als sie auf die Wächter trafen, die ihrem Gefangenen vorausmarschierten, wurden sie erbarmungslos vertrieben. An einer Straßengabelung geriet Muhammad Big-i-Chápárchí mit seinem Kollegen, der von Tihrán geschickt worden war, um den Báb nach Tabriz führen zu helfen, in einen Streit. Muhammad Big bestand darauf, den Gefangenen in die Stadt zu bringen, wo Er in der Karawanserei von Mírzá Ma'súm-i-Tabíb, dem Vater des Mírzá Muhammad-'Alíy-i-Tabíb [550], eines Glaubensmärtyrers, übernachten könne, ehe sie nach Ádhjrbáyján weiterzogen. Er machte geltend, dass außerhalb des Stadttores zu übernachten, lebensgefährlich sei und die Feinde ermuntern könne, sie zu überfallen. Er konnte seinen Kollegen davon überzeugen, dass der Báb in diese Karawanserei geführt werden sollte. Als sie durch die Straßen gingen, sahen sie zu ihrem Erstaunen, dass viele Menschen sich auf den Dächern drängten, um einen Blick auf das Antlitz des Gefangenen zu erhaschen.
Mírzá Ma'súm, der vormalige Besitzer der Karawanserei, war kürzlich verstorben, und sein ältester Sohn Mírzá Muhammad-'Ali, ein bekannter Arzt in Hamadán, der, wenn auch kein Anhänger, den Báb sehr schätzte, war nach [551] Zanjan gekommen und trauerte um seinen Vater. Ex empfing den Báb liebevoll in der Karawanserei, die er eigens für Seinen Empfang hatte vorbereiten lassen. Bis in die späte Nacht blieb er bei Ihm und wurde voll und ganz für Seine Sache gewonnen.
„In der Nacht meiner Bekehrung", hörte ich ihn später erzählen, „stand ich vor Tagesanbruch auf, zündete eine Lampe an und machte mich mit dem Diener meines Vaters auf den Weg nach der Karawanserei. Der Wächter am Eingang erkannte mich und ließ mich eintreten. Der Báb vollzog gerade die Waschung, als ich zu Ihm geführt wurde. Ich war tief beeindruckt, als ich Ihn in das Gebet versunken sah. Verehrung und Freude erfüllten mich, als ich hinter Ihm stand und betete. Dann bereitete ich Ihm Tee und als ich ihn Dun servierte, sprach Er zu mir und forderte mich auf, nach Hamadán zu gehen. ,Diese Stadt', sagte Er, ,wird in einen großen Aufruhr stürzen, und ihre Straßen werden in Blut schwimmen.' Ich äußerte meinen großen Wunsch, mein Blut auf Seinem Pfad vergießen zu dürfen. Er versicherte mir, dass meine Stunde des Martyriums noch nicht gekommen sei, und riet mir, mich in das zu schicken, was Gott bestimmt. Als Er bei Sonnenaufgang das Pferd bestieg und sich zur Abreise rüstete, bat ich, Ihm folgen zu dürfen, aber Er riet mir zu bleiben und versicherte mich Seiner unfehlbaren Gebete. Ich fügte mich Seinem Willen und mit Bedauern sah ich Ihm nach, bis Er meinem Blick entschwand."
Als Hujjat in Tihrán ankam, wurde er vor Hájí Mírzá Áqásí geführt, der ihm—auch im Namen des Sháhs—sein Befremden über die heftige Feindseligkeit zum Ausdruck brachte, die sein Verhalten unter den ‘Ulamá von Zanjan hervorgerufen hatte. „Muhammad Sháh und ich werden ständig mit mündlichen und schriftlichen Anzeigen gegen dich überschüttet. Ich kann die Anschuldigungen, dass du vom Glauben deiner Vorfahren abgefallen seist, kaum glauben. Auch der Sháh ist nicht geneigt, derartigen Anklagen Gehör zu schenken. Ich habe von ihm den Auftrag, dich in die Hauptstadt zu laden und aufzufordern, die Beschuldigungen zu widerlegen. Es schmerzt mich zu hören, dass ein Mann, der in meinen Augen an Wissen und Fähigkeiten dem Siyyid—i— Báb weit überlegen ist, dessen Glauben angenommen haben sollte." „Nein", erwiderte Hujjat, „Gott weiß, dass ich, wenn dieser Siyyid mich mit dem geringsten Dienst in Seinem Hause betrauen wollte, dies als eine so große Ehre betrachtete, wie sie die höchsten Gunstbeweise meines Herrschers nicht übertreffen könnten." „Das kann nicht wahr sein!" stieß Hájí Mírzá Áqásí aus. Hujjat bekräftigte: „Ich bin fest und unwandelbar davon überzeugt, dass dieser Siyyid von Shíráz Derjenige ist, dessen Ankunft du und alle Völker der Welt sehnlich erwarten. Er ist unser Herr, der verheißene Erlöser." [552]
Hájí Mírzá Áqásí berichtete dem Sháh Muhammad und brachte seine Besorgnis zum Ausdruck, dass es eine für den Staat äußerst gefährliche Politik wäre, wenn man einen derart gewaltigen Gegner, den der Herrscher selbst für den fähigsten ‘Ulamá seines Reiches halte, seine Aktivitäten ungehindert weiterverfolgen ließe. Der Sháh mochte diesen Berichten nicht trauen, die er dem Hass und Neid der Gegner des Beschuldigten zuschrieb, und befahl eine besondere Versammlung anzuberaumen, auf der Hujjat befragt werden und seine Haltung vor den anwesenden ‘Ulamá der Hauptstadt rechtfertigen sollte.
Es fanden mehrere Zusammenkünfte statt zu diesem Zweck, und auf jeder stellte Hujjat beredt die Grundlehren seines Glaubens dar und widerlegte die Argumente derer, die ihn angreifen wollten. Kühn erklärte er: „Ist nicht die Überlieferung ,Ich hinterlasse euch zwei Zeugnisse, das Buch Gottes und meine Familie' gleicherweise im schiitischen wie im sunnitischen Islam anerkannt? Ist nicht das zweite dieser Zeugnisse eurer Meinung nach dahingeschieden und besteht nicht demzufolge im Buch Gottes unsere einzige Führung? Ich fordere euch auf, jede Behauptung, die irgendeiner von uns vorbringt, an den Maßstäben dieses Buches zu prüfen und es als höchste Autorität zu betrachten, wodurch die Richtigkeit unserer Beweisführung beurteilt werden kann." In ihrem Unvermögen, ihre Sache gegen ihn zu verteidigen, verstiegen sie sich am Ende dazu, ihn aufzufordern, ein Wunder zu vollbringen, um so die Wahrheit seiner Behauptung zu bekräftigen. „Gibt es ein größeres Wunder", rief er aus, „als dass Er mich befähigt hat, allein und auf mich gestellt, lediglich durch die Kraft meiner Beweisführung über die geballten Kräfte der Mujtahids und ‘Ulamá von Tihrán zu triumphieren?"
Die meisterhafte Art, in der Hujjat die faulen Ansprüche seiner Gegner zurückwies, gewann ihm die Gunst seines Herrschers, der sich hinfort nicht mehr durch das Gemunkel der Feinde beeinflussen ließ. Obgleich die ‘Ulamá von Zanjan insgesamt und dazu eine Menge geistlicher Wortführer von Tihrán ihn zum Ungläubigen erklärt und zum Tode verurteilt hatten, erwies ihm Muhammad Sháh weiterhin seine Gunst und versicherte ihm, dass er sich auf seine Unterstützung verlassen könne. Hájí Mírzá Áqásí war Hujjat nicht freundlich gesinnt, konnte sich aber angesichts der unmissverständlichen Beweise königlichen Wohlwollens diesen Einflüssen nicht verweigern, und so verbarg der tückische Minister seine Abneigung und seinen Neid hinter häufigen Geschenken und Besuchen in Hujjats Haus.
Im Grunde war Hujjat ein Gefangener in Tihrán. Er durfte die Tore der Haupstadt nicht verlassen und der freie Umgang mit seinen Freunden war ihm verwehrt. Die Gläubigen unter seinen Mitbürgern sandten schließlich eine Abordnung und fragten ihn um die jüngsten Verhaltensmaßregeln gegenüber [553]
den Gesetzen und Grundsätzen ihres Glaubens. Er wies sie an, unbedingt treu den Ermahnungen des Báb zu folgen, die er durch die Boten, welche er entsandt hatte, um Seine Sache zu erforschen, empfangen hatte. Er zählte eine Reihe von Vorschriften auf, deren einige den endgültigen Abschied von herkömmlichen Formen des Islam bedeuteten. „Siyyid Kázim-i-Zanjání", versicherte er, „stand in Shíráz wie in Isfahán in enger Beziehung zu meinem Herrn. Er sowie Mulla Iskandar und Mashhadi Ahmad, die ich zu Ihm entsandt hatte, erklärten ausdrücklich, dass Er selbst der erste ist, der die Regeln beachtet, die Er den Gläubigen auferlegt. Es geziemt darum uns, Seinen Helfern, Seinem edlen Beispiel zu folgen."
Als diese ausdrücklichen Anweisungen den Gefährten vorgelesen wurden, entflammten sie in unwiderstehlichem Verlangen, seinen Wünschen nachzukommen. Begeistert gingen sie daran, die Gesetze der neuen Sendung in die Tat umzusetzen, gaben ihre früheren Sitten und Bräuche auf und bekannten sich ohne weiteres zu den neuen Forderungen. Selbst die kleinen Kinder wurden angehalten, gewissenhaft den Ermahnungen des Báb zu folgen. „Unser lieber Herr", lehrte man sie sagen, „ist der erste, der darnach handelt. Wie könnten wir, die wir Seine Schüler sein dürfen, zögern, sie zur Grundlage unseres Lebens zu machen?"
Als Hujjat die Kunde von der Belagerung in Shaykh Tabarsi erhielt, war er noch Gefangener in Tihrán. Er sehnte sich darnach und beklagte, dass er nicht sein Schicksal mit dem der Gefährten vereinen konnte, die so heldenmütig und strahlend für die Freiheit ihres Glaubens kämpften. Sein einziger Trost in diesen Tagen war seine enge Verbindung mit Bahá'u'lláh; daraus bezog er die stützende Kraft, die ihn später zu so ausgezeichneten Taten befähigte wie sie jenes Fähnlein in den dunkelsten Stunden seines denkwürdigen Kampfes vollbrachte.
Er befand sich noch in Tihrán, als Muhammad Sháh starb und den Thron seinem Sohn Násiri'd-Dín Sháh hinterließ. 128 Der Amír-Nizám, der neue Großwesir, beschloss, Hujjat in strengere Haft zu nehmen und derweil einen Weg zu suchen, ihn zu vernichten. Als der Gefangene von der drohenden Lebensgefahr erfuhr, beschloss er, in Verkleidung Tihrán zu verlassen und sich seinen Gefährten anzuschließen, die sehnlich seine Rückkehr erwarteten.
Seme Ankunft in der Heimatstadt, die den Gefährten durch einen gewissen Karbilá'í Valí-'Attár angekündigt worden war, geriet zu einer gewaltigen [554] Kundgebung treuer Ergebenheit seiner vielen Verehrer. Sie strömten hinaus, Männer, Frauen und Kinder, um ihn willkommen zu heißen und aufs neue ihrer unverbrüchlichen Liebe zu versichern. 129 Der Gouverneur von Zanjan, Majdu'd-Dawlih, Onkel mütterlicherseits des Násiri'd-Dín Sháh, war verblüfft von dieser spontanen Huldigung und befahl in ohnmächtiger Wut, dem Karbi-lá'í Valí-Attár die Zunge auszureißen. 130 Obwohl er innerlich Hujjat verabscheute, gab er doch vor, ihm wohlgesinnt und sein Freund zu sein. Er besuchte ihn oft und schenkte ihm viel Beachtung, doch insgeheim trachtete er ihm nach dem Leben und wartete auf den Augenblick, da er ihm den tödlichen Streich versetzen konnte.
Diese schwelende Feindseligkeit sollte bald aus einem an sich geringfügigen Anlass hell auflodern. Die Gelegenheit ergab sich aus einem plötzlich ausbrechenden Zank zwischen zwei Kindern aus Zanjan, deren eines einem Verwandten eines Gefährten Hujjats gehörte. Der Gouverneur ordnete sogleich an, dieses Kind zu verhaften und in strengen Gewahrsam zu nehmen. Die Gläubigen boten dem Gouverneur eine Summe Geldes, damit er den jungen Häftling freilasse. Dieser wies das Angebot zurück. Hierauf beklagten sie sich bei Hujjat, der nun heftig Protest einlegte. „Dieses Kind", schrieb er dem Gouverneur, „ist [555] zu jung, als dass es für sein Verhalten verantwortlich sein könnte. Wenn es Strafe verdient, sollte sein Vater dafür büßen."
Als er sah, dass sein Protest unbeachtet blieb, wiederholte er ihn schriftlich und beauftragte seinen einflussreichen Freund Mir Jalil, Vater Siyyid Ashrafs und Glaubensmärtyrer, ihn persönlich dem Gouverneur auszuhändigen. Die Wachen am Tor des Hauses verweigerten ihm zunächst den Zutritt. Empört darüber drohte er, sich mit Gewalt Zugang zu verschaffen, und machte Miene, das Schwert zu ziehen. Damit überwand er den Widerstand und zwang den wütenden Gouverneur, das Kind freizulassen.
Dass der Gouverneur der Forderung Mir Jalils bedingungslos nachgab, versetzte die ‘Ulamá in helle Wut. Sie protestierten vehement und verurteilten seine Nachgiebigkeit gegenüber den Drohungen, mit denen ihre Widersacher ihn einzuschüchtern versucht hätten. Sie brachten ihre Besorgnis zum Ausdruck, dass eine solche Kapitulation seinerseits die andere Seite zu nur noch größeren Forderungen reize, so dass sie ihm binnen kurzem die Zügel der Autorität entwinden und ihn von den Regierungsgeschäften ausschließen könnten. Sie brachten ihn schließlich dazu, in Hujjats Festnahme einzuwilligen, eine Maßnahme, mit der sie seinen wachsenden Einfluss endlich eindämmen zu können glaubten.
Der Gouverneur gab seine Einwilligung nur zögernd. Er ließ sich von den ‘Ulamá wiederholt versichern, dass diese Maßnahme keinesfalls den Frieden und die Sicherheit der Stadt gefährde. Zwei ihrer Parteigänger, Pahlaván 131 Asadu'lláh und Pahlaván Safar-'Ali, beides brutale Schlägertypen, erklärten sich bereit, Hujjat festzunehmen und mit gefesselten Händen dem Gouverneur vorzuführen. Jedem war dafür ein ansehnlicher Lohn in Aussicht gestellt worden. Waffenstarrend, behelmt und von einem Haufen Raufbolde aus dem niedrigsten Volk begleitet, zogen sie aus zur Tat. Die ‘Ulamá wiegelten derweil geschäftig den Mob auf, um sie in ihrem Vorhaben zu unterstützen.
Als die Schergen in das Viertel kamen, wo Hujjat wohnte, standen sie unversehens Mir Saláh gegenüber, seinem gewaltigsten Helfer, der ihnen mit sieben bewaffneten Gefährten den Weg verstellte. Er fragte Asadu'lláh, wohin des Wegs, und als er darauf eine beleidigende Antwort erhielt, zog er das Schwert. Mit dem Ruf „Yá Sáhibu'z-Zamán!" 132 stürmte er auf ihn ein und verletzte ihn an der Stirn. Mir Saláh jagte mit seiner Unerschrockenheit der ganzen Bande trotz der vielen Waffen, die sie mitschleppte, solche Furcht ein, dass sie in alle Winde zerstob. 133 [556]
Den Ruf, den dieser beherzte Glaubenskämpfer an jenem Tag erschallen ließ, hörte man in Zanjan zum ersten Mal, er verbreitete Angst und Schrecken in der Stadt. Der Gouverneur war erschrocken von seiner gewaltigen Kraft. Er fragte, was der Ruf bedeute und wessen Stimme es war, die so rufen konnte. Er war tief erschüttert, als er hörte, dass es die Losung von Hujjats Gefährten sei, mit der sie in Gefahr die Hilfe des Qá'im anrufen.
Die Reste der versprengten Bande trafen kurz darnach auf Shaykh Muham-mad-i-Túb-Chú den sie als einen der Fähigsten ihrer Gegner erkannten. Als sie sahen, dass er unbewaffnet war, fielen sie über ihn her und schlugen ihm mit einem Beil, das einer bei sich trug, den Schädel ein. Sie trugen ihn schwerverletzt zum Gouverneur, und als sie ihn dort niederlegten, stürzte sich ein zufällig anwesender Mujtahid von Zanjan, ein gewisser Siyyid Abu'1-Qásim, auf ihn und stieß ihm sein Federmesser in die Brust. Auch der Gouverneur zog das Schwert und schlug ihm damit auf den Mund, gefolgt von den Dienern, die mit den Waffen, die sie bei sich trugen, den Mord an dem unglücklichen Opfer vollendeten. Während die Schläge auf ihn niedergingen, hörte man ihn ungeachtet seiner Leiden sprechen: „Ich danke Dir, o mein Gott, dass Du mir die Krone des Märtyrertums schenkst." Er war unter den Gläubigen von Zanjan der erste, der sein Leben für die Sache Gottes hingab. Sein Tod am Freitag, dem vierten Rajab des Jahres 1266 n.d.H. 134 war fünfundvierzig Tage vor dem Märtyrertod Vahids und fünfundfünfzig vor dem des Báb.
Das an diesem Tag vergossene Blut hat keineswegs der Feinde Hass besänftigt, es entfachte vielmehr erst recht deren Leidenschaften und bekräftigte ihren Entschluss, den übrigen Gefährten dasselbe Los zu bereiten. Ermutigt durch des Gouverneurs stillschweigende Billigung ihrer Absichten, beschlossen sie, jeden, dessen sie habhaft werden konnten, zu töten, ohne lange die Behörden um ausdrückliche Genehmigung zu fragen. Sie gelobten feierlich, nicht Ruhe geben zu wollen, bis die Flammen der dreisten Ketzerei, wie sie es sahen, ausgelöscht wären. 135 Sie zwangen den Gouverneur, durch einen Ausrufer in ganz Zanjan [557] bekanntzugeben: wer sein Leben riskieren, seinen Besitz aufs Spiel setzen, Weib und Kind Elend und Schande aussetzen wolle, der solle Hujjats und seiner Gefährten Schicksal teilen, und wer auf sein Wohl und die Ehre seiner Familie bedacht sei, müsse sich aus der Nachbarschaft solcher Gefährten zurückziehen und seines Herrschers Schutz aufsuchen.
Diese Warnung teilte sogleich die Bevölkerung in zwei Lager und stellte den Glauben der in ihrer Einstellung zur Sache noch Schwankenden auf eine harte Probe. Es kam zu leidenschaftlichen Szenen, Trennung von Vater und Sohn, Entfremdung zwischen Brüdern und Verwandten. Alle Bande irdischer Zuneigung schienen zu reißen an diesem Tag, heilige Pfänder wurden aufgegeben zugunsten einer Treue, mächtiger und heiliger denn jede irdische Verpflichtung. Zanjan wurde die Beute wildester Leidenschaft. Der Schrei, den die Angehörigen zerrissener Familien verzweifelt zum Himmel sandten, mischte sich mit dem gotteslästerlichen Gebrüll der drohenden Feinde. Jubelrufe schallten allerwege denen entgegen, die sich von Heim und Sippe losrissen und als willige Helfer der Sache Hujjats anschlössen. Das Lager der Feinde summte vor fieberhafter Aktivität zur Vorbereitung des großen Kampfes, zu dem sie insgeheim entschlossen waren. Verstärkung wurde aus den umhegenden Dörfern in die Stadt gebracht auf Befehl des Gouverneurs und auf Betreiben der Mujtahids, der Siyyids und der ‘Ulamá, die ihn darin unterstützten. 136
Unbeirrt von dem wachsenden Tumult bestieg Hujjat die Kanzel und verkündete der Versammlung mit erhobener Stimme: „Die Hand der Allmacht hat heute Wahrheit von Falschheit getrennt und das Licht der Führung von der Finsternis des Irrtums geschieden. Ich will nicht, dass ihr meinethalben Unrecht leidet. Das einzige Ziel des Gouverneurs und der TJlamá, die ihn dabei unterstützen, ist es, mich festzunehmen und zu töten. Ein anderes Ziel haben sie nicht. Sie dürsten nach meinem Blut, nach nichts anderem. Wer von euch den leisesten Wunsch hat, sein Leben zu retten vor den Gefahren, die uns drohen, wer Bedenken hat, sein Leben für unsere Sache zu opfern, der sollte sich, ehe es zu spät ist, davonmachen und dorthin zurückgehen, wo er herkam." 137 [558]
An diesem Tag wurden vom Gouverneur mehr als dreitausend Mann aus den Dörfern um Zanjan rekrutiert. Indessen suchte Mir Saláh, der die wachsende Feindseligkeit der Gegner beobachtete, mit einer Anzahl seiner Kameraden Hujjat auf und bat ihn dringend, vorsichtshalber seinen Wohnsitz in die Festung 4Alí-Mardán Khan im benachbarten Viertel zu verlegen. 138 Hujjat war einverstanden und befahl, Frauen, Kinder und die erforderlichen Vorräte in die Festung zu schaffen. Wenn auch dort noch die Eigentümer wohnten, so brachten die Gefährten sie doch schließlich dazu, wegzuziehen, und gaben ihnen zum Tausch die Häuser, die sie selbst bewohnt hatten. [559]
Der Feind rüstete sich derweil zu einer schweren Attacke. Als eine Abteilung seiner Streitmacht die Barrikaden unter Feuer nahm, die die Gefährten errichtet hatten, bat Mir Rida, ein außerordentlich mutiger Siyyid, seinen Führer, ihm den Versuch zu gestatten, den Gouverneur festzunehmen und als Gefangenen in die Festung zu bringen. Hujjat war damit nicht einverstanden und riet ihm, sein Leben nicht aufs Spiel zu setzen.
Als der Gouverneur von der Absicht des Siyyids erfuhr, packte ihn solche Angst, dass er sogleich beschloss, Zanjan zu verlassen. Aber von einem anderen Siyyid ließ er sich überreden, diesen Schritt nicht zu tun, mit der Begründung, dass seine Abreise den Auftakt für schwere Unruhen bilden und ihn in den Augen seiner Vorgesetzten entehren würde. Zum Zeichen, dass es ihm ernst sei, stellte dieser Siyyid in Aussicht, saß er selbst gegen die Burgbesatzung vorgehen werde. Kaum hatte er das Zeichen zum Angriff gegeben und war an der Spitze einer Truppe von dreißig Leuten im Anmarsch, da sah er sich unversehens zweien seiner Feinde gegenüber, die ihm mit gezückten Schwertern entgegenkamen. Im Glauben, dass sie ihn angreifen wollten, wurde er plötzlich mitsamt seiner ganzen Truppe von Panik gepackt, lief stracks nach Hause und schloss sich ungeachtet seiner Zusicherung, die er dem Gouverneur gegeben hatte, den ganzen Tag in sein Zimmer ein. Seine Begleiter zerstreuten sich prompt und gaben die Fortführung des Angriffs auf. Im Nachhinein erfuhren sie, dass die beiden Männer, die sie gesehen hatten, keinerlei feindliche Absichten hatten, sie waren einfach unterwegs, um etwas zu erledigen.
Dieses demütigende Ereignis fand bald Fortsetzung in einer Reihe ähnlicher Versuche von Seiten der Parteigänger des Gouverneurs, die aber gänzlich ihr Ziel verfehlten. Immer wenn sie gegen die Festung losstürmten, beauftragte Hujjat ein paar seiner Gefährten—insgesamt waren sie dreitausend—aus ihrem Unterschlupf herauszutreten und die Streitmacht zu vertreiben. Wenn er solche Befehle gab, versäumte er nie, seinen Mitjüngern einzuschärfen, dass sie nicht unnötig das Blut ihrer Angreifer vergießen sollten. Er erinnerte sie ständig daran, dass ihr Tun ausschließlich Verteidigung sei, und ihre Absicht einzig, für die Sicherheit ihrer Frauen und Kinder zu sorgen. „Uns ist befohlen", hörte man ihn immer wieder sagen, „keinesfalls heiligen Krieg gegen die Ungläubigen zu führen, wie immer sie sich gegen uns verhalten."
So war der Stand der Dinge 139, bis der Amír-Nizám einem General der kaiserlichen Armee namens Sadru'd-Dawliy-i-Isfahání, 140 der an der Spitze [560] von zwei Regimentern nach Ádhirbáyján gezogen war, einen Befehl erteilte. Die schriftliche Order des Großwesirs, die den General in Khamsih erreichte, gebot ihm, seine Reise abzubrechen und sofort nach Zanjan zu gehen, um dort die frisch von der Regierung ausgehobenen Streitkräfte zu unterstützen. „Dein Herrscher beauftragt dich", schrieb ihm der Amír-Nizám, „den Haufen Aufrührer in und um Zanjan zu unterwerfen. Es ist dein Vorrecht, deren Hoffnungen zu vereiteln und ihre Streitkräfte zu vernichten. Ein derart bedeutsamer Dienst zu dieser kritischen Stunde wird dir des Sháhs höchste Gunst einbringen, nicht weniger den Beifall und die Wertschätzung seines Volkes."
Dieser aufmunternde Farmán beflügelte die Phantasie des ehrgeizigen Sa-dru'd-Dawlih. Er marschierte sogleich an der Spitze seiner zwei Regimenter nach Zanjan, reorganisierte die ihm vom Gouverneur zur Verfügung gestellten Streitkräfte und gab Befehle zu einem gemeinsamen Angriff auf die Festung und ihre Verteidiger. 141 Drei Tage und drei Nächte tobte der Kampf um die Festung, [561] wobei die Belagerten unter Hujjats Führung mit glänzendem Wagemut dem wilden Ansturm ihrer Gegner trotzten. Weder deren Überzahl noch ihre Überlegenheit an Rüstung und Kampferprobung vermochte die unerschrockenen Gefährten zu veranlassen, sich ohne weiteres zu ergeben. 142 Ohne sich von dem prasselnden Geschützfeuer verschrecken zu lassen oder an Hunger und Schlaf zu denken, brachen sie ungestüm aus ihrer Festung hervor, ungeachtet der Gefahren, die ihnen bei diesem Ausbruch drohen mussten. Den Flüchen, womit der Feind sie begrüßte, setzten sie ihren Schlachtruf „Yá Sáhibu'z-Zamání" entgegen, fortgetragen vom Zauberbann dieses Ausrufs, stürzten sie sich auf den Feind und schlugen seine Streitkräfte in die Flucht. Die häufigen Ausbrüche und ihre Erfolge waren für die Angreifer entmutigend und brachten sie zur Einsicht, dass ihre Mühen vergeblich waren. Sie mussten bald erkennen, dass sie machtlos waren, einen entscheidenden Sieg zu erringen. Der Sadru'd-Dawlih [562] selbst musste zugeben, dass er nach neun Monaten angestrengten Kampfes von seinen zwei ganzen Regimentern nur noch dreißig verkrüppelte Männer übrig behalten hatte. Niedergeschlagen musste er sich schließlich eingestehen, dass er den Geist seiner Gegner unmöglich brechen konnte. Er wurde von seinem Herrscher seines Ranges enthoben und streng getadelt. All seine Hoffnungen waren nach dieser Niederlage unwiederbringlich dahin.
Die schwere Niederlage stürzte die Bevölkerung von Zanjan in Verzweiflung. Nur wenige waren nach diesem Unheil noch bereit, in aussichtslosen Kämpfen das Leben zu riskieren. Nur wer gezwungen wurde, wagte noch Angriffe auf die Belagerten. Die Kriegsflamme wurde hauptsächlich durch Regimenter am Brennen gehalten, die eins nach dem andern zu diesem Zweck aus Tihrán geschickt wurden. Während die Einwohner der Stadt, insbesondere die Kaufleute, von dem ständigen Zustrom frischer Streitkräfte viele Vorteile genossen, litten Hujjats Gefährten Not und Entbehrung in ihrer Festung. Ihre Vorräte schwanden schnell dahin, ihre einzige Hoffnung, Nahrungsmittel von draußen zu bekommen, lag in dem—nicht immer erfolgreichen—Bemühen einiger Frauen, die unter verschiedenen Vorwänden zur Festung gelangen und ihnen das dringend Benötigte zu Wucherpreisen verkaufen konnten.
Obgleich von Hunger geplagt und durch unerwartete heftige Angriffe belästigt, setzten sie mit unnachgiebiger Entschlossenheit die Verteidigung der Festung fort. Getragen durch eine Hoffnung, die auch stärkste Unbill nicht zu trüben vermochte, bauten sie nicht weniger als achtundzwanzig Schanzen, deren jede einer Gruppe von neunzehn Jüngern zur Bewachung anvertraut war. Jeder Schanze wurden neunzehn weitere Gefährten als Posten zugeteilt mit der Aufgabe, Wache zu halten und Feindbewegungen zu melden.
Oft wurden sie von der Stimme eines Ausrufers überrascht, der vom Feind in die Nähe der Festung gesandt, die Besatzung aufforderte, Hujjat und seine Sache zu verlassen. „Der Gouverneur der Provinz", rief er, „und auch der Truppenkommandeur sind bereit, jedem von euch, der die Festung verlassen und seinem Glauben abschwören will, zu vergeben und freies Geleit zu gewähren. Ein solcher Mann wird von seinem Herrscher reich belohnt werden und über großzügige Geschenke hinaus die Würde eines hohen Ranges erhalten. Der Sháh und seine Vertreter geben ihr Ehrenwort, dass sie das gegebene Versprechen nicht brechen werden." Die Belagerten antworteten darauf einhellig mit entschiedener Verachtung.
Ein weiterer Beweis für den Geist vollkommener Selbstverleugnung, der diese tapferen Gefährten beseelte, war die Haltung eines Bauernmädchens, das aus freien Stücken sein Schicksal mit der Schar von Frauen und Kindern verband, die bei den Verteidigern der Festung blieben. Sie hieß Zaynab und
war [563] in einem kleinen Weiler nahe Zanjan zu Hause. Sie hatte ein anmutiges, strahlendes Gesicht, war von einem hohen Glauben beseelt und besaß großen Mut. Der Anblick der Prüfungen und Nöte, die ihre männlichen Gefährten zu ertragen hatten, ließen in ihr den unwiderstehlichen Wunsch erwachen, sich in Männerkleidern an der Abwehr der vielen feindlichen Angriffe zu beteiligen. Sie warf die Tunika über, setzte eine Kopfbedeckung auf wie ihre männlichen Kameraden, schnitt sich die Locken kurz, gürtete ein Schwert um, nahm Gewehr und Schild und stellte sich in ihre Reihen. Niemand dachte, dass sie ein Mädchen sei, wenn sie vortrat, ihren Platz an der Schanze einzunehmen. Sowie der Feind angriff, zog sie das Schwert und stürzte sich mit dem Ruf „Yá Sáhibu'z-Zamán" mit unglaublicher Kühnheit auf die Reihen der gegnerischen Streiter. Freund und Feind staunte an diesem Tag über diesen Mut, diese Geschicklichkeit, dergleichen sie nie gesehen. Die Feinde nannten sie den Fluch, den eine zornige Vorsehung über sie gebracht. Verzweifelt ließen sie von den Schanzen ab und flohen schmählich vor ihr.
Hujjat, der die feindlichen Bewegungen von einem Turm aus verfolgte, erkannte sie und bewunderte die Tapferkeit, die dieses Mädchen bewies. Als sie zur Verfolgung der Feinde ansetzte, befahl er seinen Leuten, ihr zu gebieten, sie solle diesen Versuch aufgeben und in die Festung zurückkehren. „Kein Mann", soll er gesagt haben, als er sah, wie sie dem auf sie gerichteten feindlichen Feuer entgegenstürmte, „hat sich solchen lebendigen Mutes fähig erwiesen." Als er sie nach dem Beweggrund für ihr Handeln fragte, brach sie in Tränen aus. „Mir tut das Herz weh vor Mitleid und Kummer, wenn ich sehe, wie meine Glaubensbrüder sich plagen und abmühen. Es drängt mich, loszustürmen, ich kann nicht anders. Ich hatte Angst, dass du mir versagen würdest, mein Los mit den männlichen Gefährten zu teilen." „Bist du Zaynab", fragte Hujjat, „die sich freiwillig der Besatzung dieser Burg anschloss?" „Ich bin es", antwortete sie. „Und ich kann dir versichern, dass noch niemand gemerkt hat, dass ich ein Mädchen bin. Nur du hast mich erkannt. Und ich bitte dich inständig beim Báb, entziehe mir nicht das unschätzbare Vorrecht, meine einzige Sehnsucht, das Leben mit dem Märtyrertod zu krönen."
Hujjat war tief beeindruckt von dem Ton und der Art, wie sie ihre Bitte vorbrachte. Er suchte den Aufruhr ihrer Seele zu besänftigen, versprach ihr, für sie zu beten, und gab ihr den Namen Rustam-'Ali zum Zeichen ihres edlen Mutes. „Dies ist der Tag der Auferstehung", sagte er zu ihr, „der Tag, ,da alle Geheimnisse ergründet werden'1 143. Gott richtet Seine Geschöpfe, Männer und Frauen, nicht nach dem Äußeren, sondern nach ihrem Glauben und ihrem 564 Lebenswandel. Wenn du auch ein junges, unerfahrenes Mädchen bist, hast du doch solche Lebenskraft und solche Geschicklichkeit an den Tag gelegt, wie sie nur von wenigen Männern übertroffen wird.“ Er gewährte ihr ihre Bitte, warnte sie aber, die durch den Glauben gesetzten Grenzen nicht zu überschreiten. „Wir sind aufgefordert, gegen einen heimtückischen Feind unser Leben zu verteidigen, nichtheiligen Krieg gegen ihn zu führen."
Nicht weniger als fünf Monate lang fuhr dieses Mädchen fort, den feindlichen Streitkräften mit unübertrefflichem Heldenmut Widerstand zu leisten. Nahrung und Schlaf verschmähend, wirkte sie in heißem Bemühen für die über alles geliebte Sache. Durch ihr strahlendes Beispiel machte sie den wenigen, die wankend wurden, wieder Mut und gemahnte sie an die Pflicht, die sie alle zu erfüllen hatten. Ihr Schwert trug sie die ganze Zeit bei sich. In den kurzen Pausen, die sie zum Schlaf nützen konnte, sah man sie, das Haupt auf das Schwert gelehnt, den Leib mit dem Schild bedeckt. Jedem der Gefährten war ein besonderer Posten zugeteilt, den er auszufüllen und zu verteidigen hatte, nur dieses furchtlose Mädchen konnte sich überall, wohin sie wollte, frei bewegen. Stets in vorderster Linie, wo das Getümmel am größten, war Zaynab immer zur Stelle, wenn der Feind einen Posten bedrohte, und half, wo Not an Mann oder Ermutigung vonnöten war. Kurz vor dem Ende ihres Lebens entdeckten die Feinde ihr Geheimnis, fürchteten aber ungeachtet dessen, dass sie jetzt wussten, dass sie ein Mädchen war, ihren Einfluss und zitterten bei ihrem Erscheinen. Ihre helle Stimme genügte, sie zu verwirren und in Verzweiflung zu stürzen.
Als sie eines Tages bemerkte, dass ihre Gefährten plötzlich von feindlichen Streitkräften umzingelt waren, lief Zaynab verzweifelt zu Hujjat, warf sich ihm zu Füßen und flehte mit Tränen in den Augen, dass er ihr erlaube, ihnen zu Hilfe zu eilen. „Ich spüre, mein Leben geht zu Ende", sagte sie. „Würde ich doch durch Feindes Schwert fallen. Vergib meine Fehler, ich bitte dich, und bitte für mich bei meinem Herrn, um Dessentwillen mein Leben zu opfern ich mich sehne."
Hujjat war so überwältigt, dass er nicht sprechen konnte. Von seinem Schweigen, das sie für Zustimmung nahm, ermutigt, huschte sie durch das Tor und eilte, siebenmal den Ruf „Yá Sáhibu'z-Zamán" erhebend, fort, der Hand zu wehren, die schon eine Anzahl Gefährten erschlagen. „Warum beschmutzt ihr mit euren Taten den reinen Namen des Islam?" rief sie, indes sie sich auf den Feind stürzte. „Was flieht ihr so schmählich vor unserm Angesicht, so ihr die Wahrheit sprecht?" Sie lief zu den Schanzen, die der Feind errichtet hatte, verjagte die Schutzwachen der ersten drei und setzte an, die vierte zu nehmen, da sank sie im Kugelhagel tot zu Boden. Es gab keine Stimme unter ihren [565] Gegnern, die ihre Keuschheit in Zweifel zu ziehen oder ihren erhabenen Glauben und ihr charakterfestes Wesen abzuleugnen gewagt hätte. Ihre Ergebenheit war derart, dass sich nach ihrem Tod nicht weniger als zwanzig Flauen aus ihrem Bekanntenkreis der Sache des Báb anschlössen. Für sie war sie nicht mehr das Bauernmädchen von früher; sie war die Verkörperung der edelsten Grundsätze der Menschlichkeit, ein lebendes Beispiel für den Geist, der nur durch einen Glauben, wie sie ihn hatte, offenbar wird.
Die Boten, die zwischen Hujjat und seinen Gefährten vermittelten, wurden eines Tages angewiesen, die Wachtposten auf den Schanzen zu benachrichtigen, dass sie gemäß dem Gebot des Báb an Seine Junger jede Nacht neunzehnmal die Anrufungen: „Alláh-u-Akbar" 144, „Alláh-u-A'zam" 145, „Alláh-u-Ajmal" 146, „Alláh-u-Abhá" 147 und „Alláh-u-Athar" 148 wiederholen sollten. In der darauf folgenden Nacht riefen alle Verteidiger auf den Schanzen gleichzeitig diese Worte. Die Rufe waren so überwältigend laut, dass die Feinde aus dem Schlaf aufschreckten, entsetzt ihr Lager im Stich ließen, zum Gouverneurs-palast flohen und dort in der Nachbarschaft Unterschlupf suchten. Einige waren so geschockt, dass sie tot umfielen. Nicht wenige Bewohner Zanjáns flohen in panischer Angst in die umliegenden Dörfer. Viele glaubten, dass der unerhörte Aufruhr ein Zeichen des hereinbrechenden Jüngsten Gerichts sei, anderen war er ein Anzeichen dafür, dass von Hujjat ein neuer Appell ausging als Vorspiel für einen plötzlichen, schrecklicheren Angriff, als sie ihn bisher erlebten.
„Was wäre erst", soll Hujjat bemerkt haben, als man ihm von dem Schrecken berichtete, den der plötzliche Ruf verursacht hatte, „wenn mein Herr gestattet hätte, heiligen Krieg gegen diesen feigen Abschaum zu führen! Doch Er gebot mir, die veredelnden Grundsätze der Nächstenliebe in die Herzen der Menschen einzupflanzen und alle unnötige Gewalt zu vermeiden. Mein und meiner Gefährten Ziel war und wird immer sein, treu unserem Herrscher zu dienen und die wohlwollenden Freunde seines Volkes zu sein. Wäre ich in die Fußstapfen der ‘Ulamá von Zanjan getreten, dann hätte ich lebenslang Gegenstand der sklavischen Anbetung dieses Volkes bleiben können. Nein, gegen die Schätze und Ehren, die diese Welt mir bieten kann, werde ich nie und nimmer die ewige Treue zu Seiner Sache eintauschen." [566]
Diese Nacht spukt immer noch im Gedächtnis derer, die sie mit all ihrem entsetzlichen Schrecken erlebten. Ich habe von mehreren Augenzeugen in glühenden Worten den Gegensatz zwischen dem chaotischen Tumult im feindlichen Lager und der Atmosphäre gottergebener Zuversicht in der Festung schildern hören. Während man in der Burg den Namen Gottes anrief und Ihn um Führung und Gnade anflehte, waren die feindlichen Offiziere und Mannschaften versumpft in schamlosen Ausschweifungen. Die Verteidiger der Festung, obgleich erschöpft und todmüde, hielten weiterhin ihre Nachtwachen und sangen immer wieder die Gebete, die sie der Báb gelehrt hatte. Im feindlichen Lager indes hallte der Lärm schallenden Gelächters und gotteslästerlicher Flüche. In jener besonderen Nacht, als eben der Gottesruf erscholl, ließen die liederlichen Offiziere jäh ihre Weinbecher fallen und liefen barfuß Hals über Kopf davon, wie betäubt von diesem hallenden Ruf. Spieltische wurden umgestürzt in dem entstehenden Chaos, ein paar rannten halbnackt und barhäuptig in die Wildnis hinaus, andere hasteten in die Häuser der ‘Ulamá und rissen sie aus dem Schlaf, worauf diese erschrocken und angstbebend sich gegenseitig aufs übelste beschimpften und einander vorwarfen, am Feuer dieses großen Unheils schuld zu sein.
Als die Feinde merkten, was es mit dem lauten Lärm auf sich hatte, kehrten sie beruhigt, wenn auch durch dieses Erlebnis sehr beschämt, auf ihre Posten zurück. Die Offiziere beorderten einige Leute auf Lauer zu liegen und zu feuern, wenn aufs neue irgendwo solche Stimmen laut würden. So gelang es ihnen, jede Nacht einige Gefährten zu töten. Unbeirrt von diesen Verlusten, ließen Hujjats Truppen weiterhin mit unvermindertem Eifer ihren Gottesruf erschallen, die Gefahren verachtend, die das Gebet mit sich brachte. Als ihre Reihen sich lichteten, beteten sie umso lauter und mit größerem Nachdruck. Selbst der drohende Tod vermochte die unerschrockenen Verteidiger der Festung nicht zur Aufgabe dessen zu bewegen, was ihnen die edelste und machtvollste Erinnerung an ihren Geliebten bedeutete.
Der Kampf dauerte noch an, als Hujjat an Násiri'd-Dín Sháh die folgende schriftliche Botschaft richtete. „Die Untertanen Eurer kaiserlichen Majestät", schrieb er, „betrachten Sie als ihren weltlichen Herrscher und ihres Glaubens höchsten Wächter. Sie appellieren an Sie um Gerechtigkeit und blicken auf Sie als den erhabenen Wahrer ihrer Rechte. Unsere Streitfrage betraf zuerst allein die ‘Ulamá von Zanjan und keineswegs Ihre Regierung oder das Volk. Ich wurde von Ihrem Vorgänger nach Tihrán gerufen und nach den Grundsätzen meines Glaubens gefragt. Der verstorbene Sháh war völlig befriedigt und lobte meine Bemühungen sehr. Ich hatte mich entschlossen, meinen Wohnsitz nach Tihrán zu verlegen nur mit der Absicht, die Aufregung, die um meine Person entstanden [567] war, zu beschwichtigen und den Brand, den die Friedensstörer entfacht hatten, zu ersticken. Obgleich es mir freistand, nach Hause zurückzukehren, zog ich es vor, in der Hauptstadt zu bleiben, ganz im Vertrauen auf die Gerechtigkeit meines Herrschers. In den ersten Tagen nach Ihrem Regierungsantritt, während des Aufstands in Mázindarán, verdächtigte mich der Amúr-Nizám des Verrats und trachtete mir nach dem Leben. Weil sich in Tihrán niemand fand, der mich hätte schützen können, beschloss ich, zum Schutze meiner selbst nach Zanjan zu fliehen, wo ich meine Arbeit wieder aufnahm und mit aller Kraft die wahren Interessen des Islam zu fördern bestrebt war. Während ich diesem Werk nachging, erhob sich der Majdu'd-Dawlih gegen mich. Mehrmals forderte ich ihn auf, Mäßigung und Gerechtigkeit zu üben, aber er weigerte sich, dem nachzukommen. Aufgehetzt von den ‘Ulamá von Zanjan und durch ihre Schmeicheleien erkühnt, beschloss er, mich zu verhaften. Meine Freunde traten dazwischen und suchten ihm Halt zu gebieten. Er hetzte weiter das Vok gegen mich auf und dieses reagierte so, dass es zur gegenwärtigen Situation kam. Eure Majestät hat bislang versäumt, uns, den unschuldigen Opfern grausamer Verfolgung, Ihre gnädige Hilfe zu gewähren. Unsere Feinde haben unsere Sache in den Augen Eurer Majestät sogar als Verschwörung gegen Ihre Amtsgewalt darzustellen versucht. Jeder unvoreingenommene Beobachter wird gewiss bereitwillig zugestehen, dass wir nichts Derartiges im Sinn haben. Unser einziges Interesse ist das Wohlergehen Ihrer Regierung und Ihres Volkes. Ich und meine führenden Gefährten sind bereit, nach Tihrán zu kommen, um vor Ihnen wie gegenüber unseren Hauptgegnern die Rechtmäßigkeit unserer Sache darzulegen."
Nicht genug der eigenen Petition, forderte er seine angesehensten Gefährten auf, ähnliche Appelle an den Sháh zu richten und der Forderung nach Gerechtigkeit Nachdruck zu verleihen.
Als der Bote mit den Bittschriften nach Tihrán sich auf den Weg machte, wurde er verhaftet und vor den Gouverneur gebracht. Der verfügte, wütend über die Handlungsweise seiner Gegner, den Boten sogleich zu töten. Er vernichtete die Bittschriften und schrieb stattdessen Briefe voller Schimpf und Schmähung an den Sháh, fälschte darunter die Unterschriften Hujjats und seiner Gefährten und schickte sie nach Tihrán.
Der Sháh war so entrüstet über die unverschämten Bittbriefe, die er zu lesen bekam, dass er sofort zwei Regimenter mit Geschützen und Munition nach Zanjan entsandte mit dem Befehl, von Hujjats Helfern niemanden am Leben zu lassen.
Indessen hatte Siyyid Hasan, der Bruder Siyyid Husayns, des Dieners des Báb, auf seinem Weg von Ádhirbáyján nach Qazvin den schwer bedrängten [568] Verteidigern der Festung die Nachricht vom Märtyrertod des Báb übermittelt. Die Neuigkeit verbreitete sich unter den Feinden und wurde mit wildem Tubelgeschrei begrüßt. Sie hatten nichts eiliger zu tun, als Seine Anhänger mit Spott und Schmähungen zu überhäufen. „Wofür", schrien sie höhnisch, „wollt ihr euch künftig opfern? Der, auf dessen Pfad ihr euer Leben opfern wollt, ist selber den Kugeln seiner siegreichen Feinde zum Opfer gefallen. Selbst sein Leichnam ist für Feind und Freund verloren. Warum wollt ihr weiter so halsstarrig bleiben, wenn ein Wort genügt, euch aus der Not zu befreien?" Aber so sehr sie sich auch mühten, die Zuversicht der verwaisten Gemeinde zu erschüttern, gelang es ihnen nicht, auch nur den Schwächsten zum Verlassen der Burg oder zum Abfall vom Glauben zu bringen.
Unterdessen drängte der Amír-Nizám seinen Souverän, Verstärkung nach Zanjan zu schicken. Der Amír-Túmán Muhammad-Khán wurde schließlich als Kommandeur von fünf gut mit Waffen und Munition ausgerüsteten Regimentern beauftragt, die Festung zu schleifen und ihre Besatzung auszutilgen.
Während der zwanzig Tage, an denen die Feindseligkeiten ruhten, kam 'Aziz Khán-i-Mukrí, genannt Sardár-i-Kull, derzeit in militärischer Mission nach Iravan unterwegs, 149 nach Zanjan und konnte durch Vermittlung seines Gastgebers Siyyid 'Ali Khan mit Hujjat zusammentreffen. Der Gastgeber erzählte 'Aziz Khan von einem eindrucksvollen Gespräch, das er mit Hujjat führte, als er sich bei ihm über Absichten und Ziele der Belagerten unterrichtete. „Wenn die Regierung sich weigert", hatte ihm Hujjat erklärt, „auf meinen Aufruf einzugehen, bin ich mit Verlaub bereit, mit meiner Familie außer Landes zu gehen. Wenn sie diesen Vorschlag zurückweist und uns weiterhin bekämpft, sehen wir uns gezwungen, uns zu verteidigen." 'Aziz Khan sicherte Siyyid 'Ali Khan zu, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um bei den Behörden eine rasche Lösung dieses Problems zu bewirken. Kaum war Siyyid 'Ali Khan gegangen, wunderte sich 'Aziz Khan, dass der Farrásh 150 des Amír-Nizám erschien und Siyyid 'Ali Khan verhaften und in die Hauptstadt bringen wollte. Da packte ihn Angst, und um irgendwelchen Verdacht von sich abzulenken, begann er auf Hujjat zu schimpfen und ihn vor dem Farrásh offen zu rügen. Dadurch konnte er die drohende Lebensgefahr von sich abwenden.
Die Ankunft des Amír-Túmán war Signal für das Wiederaufflammen der Feindseligkeiten in einem Ausmaß, wie es Zanjan bislang nie erlebt hatte. [569] Siebzehn Regimenter Kavallerie und Infanterie hatten sich unter seiner Fahne gesammelt und fochten unter seinem Kommando. 151 Nicht weniger als vierzehn Geschütze waren auf seinen Befehl gegen das Fort in Stellung gebracht. Fünf weitere Regimenter wurden vom Anür in der Umgebimg ausgehoben und als Verstärkungstruppe trainiert. Am Abend seiner Ankunft befahl er, Trompeten zu blasen als Signal zum erneuten Angriff. Die Artillerieoffiziere erhielten Befehl, sogleich das Feuer auf die Belagerten zu eröffnen. Als der noch vierzehn Farsang 152 weit deutlich vernehmbare Kanonendonner begann, befahl Hujjat seinen Gefährten, die beiden selbstgebauten Geschütze einzusetzen. Eines davon wurde in eine hochgelegene, des Amirs Hauptquartier beherrschende Stellung gebracht. Eine Kugel traf sein Zelt und tötete sein Pferd. Der Feind feuerte indessen unablässig in die Festung, und es gelang ihm, eine große Anzahl der Belagerten zu töten.
Im Verlauf der Tage erwies sich immer mehr, dass die Streitkräfte unter dem Kommando des Amír-Túmán trotz ihrer zahlenmäßig großen Überlegenheit, ihrer Ausrüstung und Kampfausbildung nicht in der Lage waren, den schon so gewiss ins Auge gefassten Sieg zu erringen. Auf den Tod des Generals Farrukh Khan. Sohn Yahyá Kháns und Bruder des Hají Sulaymán Khan, reagierte der Amír-Nizám ungehalten, er richtete ein Schreiben an den verantwortlichen Kommandeur, in dem er ihn mit strengen Worten für sein Versagen tadelte, die Belagerten noch immer nicht zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen zu haben. „Du hast den guten Namen unseres Landes besudelt", schrieb er ihm, „hast die Armee demoralisiert und ihrer besten Offiziere beraubt." Es wurde ihm befohlen, bei seinen Untergebenen auf strenge Zucht zu dringen und das Lager gründlich von Ausschweifung und Laster zu reinigen. Ferner sollte er dringend mit den führenden Köpfen der Zanjáner Bevölkerung beraten, und für den Fall, dass er nicht zu Rande käme, würde er seines Postens enthoben. „Wenn ihr mit vereinten Kräften nicht ihre Unterwerfung erzwingen könnt", fuhr er fort, „werde ich selbst nach Zanjan kommen und die Ausrottung aller seiner Bewohner, gleich welchen Glaubens oder Standes, anordnen. Eine Stadt, [570] die soviel Erniedrigung über den Sháh und Elend über sein Volk bringt, ist der Müde unseres Herrschers nicht wert."
In seiner Verzweiflung rief der Amír-Túmán alle Kad-Khudas 153 und die führenden Häupter des Volks zusammen, zeigte ihnen den Inhalt des Briefes, und durch eindringliches Bitten gelang es ihm, sie zu sofortigem Handeln zu bewegen. Am nächsten Tag scharten sich alle einigermaßen tauglichen Männer unter die Fahne des Amír-Túmán. Von ihren Kad-Khudás angeführt, marschierte eine große Menge Volks unter Trompetengeschmetter und Paukenwirbel hinter vier Truppenregimentern her gegen die Festung. Hujjats Gefährten, unbeeindruckt von diesem Lärm, erhoben gemeinsam den Ruf „Yá Sáhibu'z-Zamán!", brachen aus den Festungstoren und stürzten sich auf den Feind. Dieser Kampf war der härteste und verlustreichste, den sie bisher zu bestehen hatten. Die Blüte von Hujjats Gefolgschaft fiel an diesem Tag, ein Opfer rohen Gemetzels. Mancher Sohn ward vor den Augen der Mutter in Szenen hemmungsloser Grausamkeit hingeschlachtet, Schwestern starrten entsetzt und voll Angst auf die gepfählten und von den Waffen des Feindes entstellten Häupter ihrer Brüder. Inmitten des Lärms, in dem sich die wilde Begeisterung der Gefährten Hujjats mit der barbarischen Wut eines verzweifelten Feindes mischte, hörte man ab und zu die Stimmen der Frauen, die, Seite an Seite mit den Männern kämpfend, ihre Glaubensgenossen anfeuerten. Der wunderbare Sieg an diesem Tage war nicht zuletzt den begeisternden Schreien zu verdanken, die diese Frauen angesichts eines mächtigen Feindes ausstießen, Schreie, die durch ihre opfervollen Heldentaten noch an Schärfe gewannen. In Männerkleidern waren einige vorgestürmt, um an die Stelle ihrer gefallenen Brüder zu treten, während andere auf ihren Schultern Wasserschläuche schleppten, um die Durstigen zu erquicken und die Verwundeten zu stärken. Indessen herrschte im Lager des Feindes Verwirrung. Ohne Wasser und durch Ausfälle in ihren Reihen gepeinigt, kämpften sie eine verlorene Schlacht, ohne Möglichkeit zum Rückzug und unfähig zum Sieg. Nicht weniger als dreihundert Gefährten leerten an diesem Tag den Kelch des Märtyrertodes.
Ein Mann namens Muhsin war ein Gefährte Hujjats, er hatte die Aufgabe, den Adhán 154 zu singen. Er hatte eine so warme, ausdrucksvolle Stimme, dass keine andere in der Umgegend ihr gleichkam. Ihr durchdringender Klang, der die Gläubigen zum Gebet rief, war noch in den benachbarten Dörfern deutlich zu vernehmen und drang jedem ins Herz, der sie hörte. Oftmals brachten die Andächtigen, wenn Muhsins Stimme erklang, ihre Entrüstung über den Häresievorwurf [571] gegen Hujjat und seine Freunde zum Ausdruck. Ihr Protest wurde so stark, dass er schließlich dem Obermujtahid in Zanjan zu Ohren kam, der sie nicht zum Schweigen bringen konnte und inständig den Amú-Túmán bat, sich etwas auszudenken, was dem Volk die Überzeugung von Hujjats und seiner Gefährten Frömmigkeit und Aufrichtigkeit austriebe. „Tag und Nacht", jammerte er, »gebe ich mir Mühe, dem Volk in meinen öffentlichen Reden nicht minder als im persönlichen Gespräch die Überzeugung einzubläuen, dass diese freche Bande der geschworene Feind des Propheten und Zerstörer Seines Glaubens ist. Dieser üble Kerl Muhsin bringt meine Worte mit seinem Geschrei um jede Wirkung und macht alle meine Bemühungen zunichte. Diesen elenden Schuft beiseite zu schaffen, ist mit Sicherheit deine erste Pflicht."
Der Amir weigerte sich zuerst, dieser Aufforderung nachzukommen. „Du und deinesgleichen seid selbst dafür verantwortlich", erwiderte er, „dass ihr den heiligen Krieg gegen sie erklärt habt. Wir sind nur die Diener der Regierung und haben die Pflicht, deren Befehlen zu gehorchen. Aber wenn du seinem Leben ein Ende setzen willst, so ist es an dir, entsprechende Opfer dafür zu bringen." Der Siyyid verstand sogleich den Sinn dieser Anspielung des Amir. Kaum wieder zuhause, ließ er ihm durch einen Boten hundert Tuman 155 als Geschenk zukommen.
Prompt befahl der Amir einigen seiner als gute Schützen berühmten Leute, Muhsin aufzulauern und beim Gebetsruf abzuschießen. Als er zur Stunde der Morgendämmerung den Ruf „La Iláh-a-Illa’lláh" 156 erschallen ließ, traf ihn eine Kugel im Mund und tötete ihn sofort. Sobald Hujjat von dieser grausamen Tat erfuhr, befahl er, dass ein anderer Gefährte auf den Turm steige und das Gebet fortsetze, das Muhsin abbrechen musste. Obgleich dieser bis zum Ende der Kämpfe am Leben blieb, musste er später zusammen mit einigen seiner Brüder einen nicht minder grausamen Tod erleiden wie sein Glaubensgenosse.
Als sich die Belagerung ihrem Ende zuneigte, drängte Hujjat alle Verlobten, ihre Hochzeit zu feiern. Jedem unverheirateten Jüngling unter den Belagerten erwählte er eine Braut und steuerte in den Grenzen der ihm zur Verfügung stehenden Mittel aus seiner eigenen Börse bei, was den Frischvermählten zum Wohle und zur Freude dienen konnte. Er verkaufte alle Juwelen aus dem Besitz seiner Frau und besorgte mit dem Geld was immer er zum Glück und zur Freude derer beschaffen konnte, die er soeben verheiratet hatte. Diese Festlichkeiten dauerten über drei Monate—Festlichkeiten, vermischt mit den Schrecken und Härten einer lang hingezogenen Belagerung. Wie oft erstickte der Lärm anstürmender [572] Feinde die Freudenrufe, mit denen Bräutigam und Braut einander grüßten! Wie oft verstummte der Hochzeit Stimme vor dem Ruf „Yá Sáhibu'z-Zamán", der die Gläubigen aufstehen und den Angreifer zurückschlagen hieß! Wie zärtlich flehte dann die Braut, dass der Bräutigam noch etwas bei ihr verweile, ehe er forteilte, um die Krone des Märtyrertums zu erringen! „Ich darf keine Zeit verlieren", erwiderte er dann. „Ich muss eilen, die Krone des Ruhms zu erlangen. Wir werden einander gewiss wieder begegnen am Gestade des großen Jenseits, in der Heimat einer seligen, ewigen Wiedervereinigung."
Nicht weniger als zweihundert junge Männer gingen in diesen turbulenten Tagen die Ehe ein. Einige konnten einen Monat, andere ein paar Tage, wieder andere nur für einen Augenblick ungestört bei ihrer Braut bleiben—und keiner säumte, sobald die Trommel ihm die Abschiedsstunde schlug, freudig ihrem Ruf zu folgen. Jeder einzelne gab sich ohne Zögern zum Opfer für seinen wahren Geliebten, und alle leerten schließlich den Kelch des Märtyrertodes. Kein Wunder, dass der Ort, Schauplatz ungezählter Leiden und Zeuge derartigen Heldentums, vom Báb Ard-i-A'lá 157 genannt wurde, ein Name, der für alle Zeit mit Seinem eigenen seligen Namen verbunden ist.
Unter den Gefährten war ein gewisser Karbilá'í 'Abdu'l-Báqí, der Vater von sieben Söhnen, deren fünf durch Hujjat vermählt wurden. Die Hochzeitsfeiern waren fast zu Ende, als plötzlich Schreckensschreie den Beginn eines neuen Angriffs ankündigten. Sie sprangen auf, rissen sich von ihren Lieben los und stürzten hinaus, die Angreifer zu verjagen. Alle fünf fielen in diesem Gefecht. Der Alteste, ein ob seiner Intelligenz und seines berühmten Mutes hochgeachteter Junge, wurde gefangengenommen und dem Amír-Túmán vorgeführt. „Legt ihn auf den Boden", schrie der Amir wütend, „und zündet auf seiner Brust, die offenbar so große Liebe für Hujjat hegt, Feuer an, dass sie verbrennt." „Du Schuft", stieß der Junge kühn hervor, „kein Feuer, das deine Leute entfachen können, vermag die Liebe, die mir im Herzen brennt, zu tilgen." Bis zum letzten Atemzug lag ihm der Lobpreis seines Geliebten auf den Lippen.
Unter den Frauen, die sich durch ihren festen Glauben auszeichneten, ist Umm-i-Ashraf 158 zu nennen. Sie war jung verheiratet, als in Zanjan der Sturm losbrach. In der Festung gebar sie ihren Sohn Ashraf. Mutter und Kind überlebten das Blutbad am Ende jener Tragödie. Jahre später, als der Sohn zu einem vielversprechenden Jüngling herangewachsen war, wurde er wie seine Glaubensbrüder in Verfolgungen verwickelt. Als es nicht gelang, ihn zum Widerruf seines Glaubens zu überreden, versuchten die Feinde, seine Mutter [573] aufzuschrecken und ihr einzureden, sie müsse ihn retten, ehe es zu spät sei. Doch ihrem Sohn gegenübergestellt, rief die Mutter: „Ich würde dich verstoßen, wenn dein Herz solchen bösen Einflüsterungen nachgäbe und du ihnen erlaubtest, dich von der Wahrheit abzubringen." Getreu den Ermahnungen seiner Mutter sah Ashraf dem Tod ruhig und furchtlos ins Auge. Obwohl Umm-i-Ashraf die grausame Tat an ihrem Sohn miterlebte, gab sie keinen Klagelaut von sich und vergoß keine Träne. Der unbeugsame Mut dieser einzigartigen Mutter verblüffte die Frevler, die diese ruchlose Tat vollbrachten. „Ich erinnere mich jetzt", rief sie, als sie mit einem letzten Blick vom Leichnam ihres Sohnes Abschied nahm, „des Eides, den ich am Tage deiner Geburt, belagert in der Burg 'Alí-Mardán Khan, geschworen habe. Ich bin glücklich, dass du, der einzige Sohn, den Gott mir geschenkt hat, mich nun befähigst, dieses Gelübde zu erfüllen."
Die glühende Begeisterung jener tapferen Herzen kann meine Feder nicht schildern, viel weniger gebührend würdigen. So heftig auch die feindlichen Stürme bliesen—ihre Flamme vermochten sie nicht zu löschen. Mit unablässigem Eifer arbeiteten Männer und Frauen an den Verteidigungsanlagen der Burg und stellten wieder her, was die Feinde zerstört hatten. Jede Freizeit wurde Gebeten gewidmet. Jeder Gedanke, jeder Wunsch galt nur der vordringlichen Notwendigkeit, die Festung gegen die feindlichen Angriffe zu halten. Die Rolle der Frauen bei diesen Tätigkeiten war nicht minder schwierig als die ihrer männlichen Gefährten. Alle Frauen, ohne Rücksicht auf Rang und Alter, beteiligten sich energisch an der gemeinsamen Aufgabe. Sie nähten Kleider, buken Brot, kümmerten sich um die Kranken und Verwundeten, besserten [574] Barrikaden aus, räumten die von den Feinden auf sie verschossenen Kugeln aus den Höfen und von den Terrassen. Nicht zuletzt machten sie den Schwachen Mut und stärkten den Glauben der Wankenden. 159 Selbst die Kinder beteiligten sich an der gemeinsamen Sache und halfen, so gut sie konnten. Es schien, dass ihre Begeisterung derjenigen ihrer Väter und Mütter in nichts nachstand.
Der Geist der Solidarität, der ihr Handeln auszeichnete, und ihre heldenhaften Taten ließ die Feinde glauben, sie seien mehr als zehntausend an Zahl. Allgemein wurde angenommen, dass unablässig Nachschub auf unerklärliche Weise seinen Weg in die Burg fände und ständig Verstärkung aus Nayriz, Khurásán und Tabriz geschickt würde. Die Verteidigungskraft der Belagerten schien ungebrochen wie immer und ihre Mittel unerschöpflich.
Der Amír-Túmán, erbittert über den hartnäckigen Widerstand und aufgereizt vom Tadel und den Vorhaltungen der Tihráner Behörden, nahm schließlich zu den verwerflichen Mitteln des Verrats Zuflucht, um die völlige Unterwerfung der Belagerten zu erzwingen. 160 Dass es vergebliche Mühe wäre, seinen Gegnern auf dem Schlachtfeld ehrlich gegenüberzutreten, stand für ihn fest, und so forderte er listig einen Waffenstillstand. Er berief sich dabei auf eine Nachricht, dass der Sháh das ganze Unternehmen abgeblasen hätte. Er stellte es so dar, als habe sein Souverän den Gedanken an eine Unterstützung der Streitkräfte, die in Mázindarán und Nayriz kämpften, von Anfang an missbilligt und es bedauert, dass soviel Blut für eine so unbedeutende Sache vergossen wurde. Das Volk in Zanjan und den umliegenden Dörfern wurde glauben gemacht, Násiri'd-Dúi Sháh hätte dem Amír-Túmán jetzt befohlen, eine freundliche Schlichtung der zwischen ihm und Hujjat schwebenden Streitfragen herbeizuführen, und habe die Absicht, den unglücklichen Zustand so schnell wie möglich zu beenden.
In der festen Überzeugung, dass sich die Bevölkerung durch den listigen Plan täuschen ließe, setzte er einen Friedensappell auf, in dem er Hujjat seiner ernsthaften Absicht versicherte, ein dauerhaftes Abkommen zwischen ihm und [575] seinen Helfern zu erreichen. Dieser Erklärung fügte er eine gesiegelte Abschrift des Qur'án bei zum Beweis, dass sein Versprechen sein heiÜger Ernst sei. „Mein Herrscher hat dir vergeben", fügte er hinzu. „Ich erkläre hiermit feierlich, dass ihr, du wie deine Anhänger, unter dem Schutz Seiner kaiserlichen Majestät steht. Dieses Buch Gottes ist mein Zeuge; wer sich entscheidet, die Festung zu verlassen, wird außer Gefahr sein."
Hujjat nahm von der Hand des Boten den Qur'án ehrerbietig entgegen, und als er den Aufruf gelesen hatte, ließ er den Überbringer seinem Herrn ausrichten, dass er am nächsten Tag eine Antwort schicken werde. In der Nacht rief er seine wichtigsten Gefährten zu sich und sprach mit ihnen über seine Befürchtungen bezüglich der Aufrichtigkeit der Erklärungen von Seiten des Feindes. „Der Verrat von Mázindarán und Nayriz steht uns noch lebhaft vor Augen. Was sie dort gegen die Bábí begingen, haben sie auch gegen uns vor. Aber aus Achtung gegenüber dem Qur'án sollten wir der Einladung folgen und eine Anzahl Gefährten in ihr Lager schicken, damit ihre Hinterlist entlarvt werde."
Folgendes habe ich Ustád Mihr-'Alíy-i-Haddád, einen Überlebenden des Massakers von Zanjan, berichten hören: „Ich war eines der neun Kinder, alle unter zehn Jahre alt, welche die Delegation Hujjats zum Amír-Túmán begleiteten. Die anderen waren alte Männer über achtzig Jahre. Unter ihnen waren Karbilá'í Mawlá-Qulí-Áq á-Dádásh, Darvísh-Saláh, Muhammad-Rahím sowie Muhammad. Darvísh-Saláh war eine sehr eindrucksvolle Gestalt, hoch gewachsen, mit weißem Bart und von einzigartiger Schönheit. Er war hoch geachtet wegen seines ehrwürdigen, gerechten Wesens. Sein Eintreten für die Unterdrückten erweckte bei den jeweiligen Behörden allgemein Entgegenkommen und Sympathie. Nach seiner Bekehrung entsagte er allen persönlichen Ehren und reihte sich, obwohl vorgerückten Alters, unter die Verteidiger der Festung ein. Er ging uns voran, den gesiegelten Qur'án in den Händen, als wir vor den Amír-Túmán geführt wurden.
Vor seinem Zelt standen wir am Eingang und warteten auf seine Weisungen. Auf unseren Gruß gab er keine Antwort, er behandelte uns mit betonter Nichtachtung. Eine halbe Stunde Heß er uns stehen, ehe er sich herabließ, uns in scharf tadelndem Ton anzureden. ,Eine verkommenere, unverschämtere Gesellschaft als euch habe ich noch nicht gesehen', schrie er mit größter Wut. Nachdem er seine Beleidigungen gegen uns geschleudert hatte, bat der älteste und schwächste unserer Gefährten, ihm ein paar Worte sagen zu dürfen. Als das gestattet wurde, redete dieser eigentlich ungebildete Mann in einer Weise, die nur unsere höchste Bewunderung hervorrufen konnte. ,Gott weiß', sprach er, ,dass wir loyale, gesetzestreue Untertanen unseres Herrschers sind und immer sein werden, dass wir nichts anderes wünschen, als was die wahren Interessen [576] seiner Regierung und seines Volkes fördert. Leute, die uns übelwollen, haben uns böse verleumdet. Unter den Vertretern des Sháhs war keiner willens, uns zu schützen oder Freundschaft zu erzeigen. Keiner fand sich, der bei ihm für unsere Sache gesprochen hätte. Wir haben wiederholt an ihn appelliert, doch er ignorierte unsere Bitte und war taub für unseren Ruf. Durch die gleichgültige Haltung der zuständigen Behörden ermutigt, haben uns unsere Feinde von allen Seiten angegriffen, unsere Habe geplündert, die Ehre unserer Frauen und Töchter geschändet und unsere Kinder geraubt. Von unserer Regierung im Stich gelassen und von Feinden umzingelt, haben wir uns gezwungen gesehen, uns zu erheben und unser Leben zu verteidigen.'
Der Amír-Túmán wandte sich zu seinem Leutnant und fragte ihn, was er zu tun rate. ,Ich weiß nicht, was ich dem Mann antworten soll', fügte der Amir hinzu. ,Wenn ich ein religiöser Mensch wäre, würde ich unverzüglich seine Sache annehmen.' ,Nur das Schwert', entgegnete der Leutnant, ,kann uns von dieser abscheulichen Ketzerei befreien.' ,Ich habe immer noch den Qur'án in der Hand', warf Darvísh-Saláh ein, ,und trage die Erklärung bei mir, die du aus freien Stücken zu machen beliebtest. Sind die Worte, die wir soeben gehört haben, unser Lohn dafür, dass wir deinem Ruf gefolgt sind?'
In einem Wutanfall befahl der Amír-Túmán, dem Darvísh-Saláh den Bart auszureißen und ihn sowie alle seine Gefährten ins Gefängnis zu werfen. Ich und die anderen Kinder waren zu Tode erschrocken und wollten fliehen. Mit dem Ruf ,Yá Sáhibu'z-Zamán!' liefen wir zu unseren Barrikaden. Einige von uns wurden ergriffen und gefangengenommen. Der Mann, der mich verfolgte, hielt mich an einem Kleiderzipfel fest. Ich riß mich los und es gelang mir, völlig erschöpft das Tor im Vorfeld der Festung zu erreichen. Wie groß war meine Überraschung, als ich einen Gefährten erblickte, einen Mann namens Ímán-Qulí, der vom Feind aufs übelste verletzt worden war. Ich war entsetzt, dieses Bild zu sehen, da ich doch wusste, dass an diesem Tag die Einstellung aller Feindseligkeiten verkündet und die feierlichsten Versprechungen gegeben worden waren, dass keinerlei Gewalt verübt werden sollte. Ich erfuhr alsbald, dass das Opfer von seinem Bruder verraten worden war, der ihn unter dem Vorwand, mit ihm sprechen zu wollen, an die Verfolger ausgeliefert hatte.
Ich eilte schnurstracks zu Hujjat, der mich liebevoll empfing. Er wischte mir den Staub vom Gesicht, kleidete mich neu ein, ließ mich neben ihm sitzen und forderte mich auf, über das Schicksal der Gefährten zu berichten. Ich schilderte ihm, was ich gesehen hatte. ‚Das ist der Aufruhr des Auferstehungstages’, erklärte er nur, ‚ein Aufruhr, wie ihn die Welt noch nie erlebt hat. Das ist der „Tag, da der Mensch seinen Bruder flieht, seine Mutter und seinen Vater, seine Gattin und seine Kinder“ 161. An diesem Tag lässt der Mensch nicht nur seinen [577] Bruder im Stich, er gibt auch sich selbst auf und vergießt das Blut seiner nächsten Anverwandten. Das ist der Tag, da „jede Säugende ihren Säugling vergessen und jede Schwangere sich ihrer Last entledigen wird. Und du wirst die Menschen als Trunkene sehen, obwohl sie nicht trunken sein werden; allein die Strafe Gottes wird streng sein. 162
Hujjat ließ sich mitten auf dem Maydán 163 nieder und rief seine Anhänger zu sich. Als sie herbeikamen, erhob er sich, stellte sich in ihre Mitte und sprach zu ihnen: „Ich bin sehr zufrieden mit eurem unermüdlichen Diensteifer, meine heben Gefährten. Unsere Feinde sind auf unsere %rnichtung aus. Nichts anderes haben sie im Sinn. Sie hatten die Absicht, euch aus der Burg herauszulocken und euch dann nach Herzenslust ohne Erbarmen abzuschlachten. Als sie merkten, dass ihr Betrug durchschaut war, haben sie in ihrer Wut die ältesten und die jüngsten unter euch misshandelt und ins Gefängnis geworfen. Es ist ganz klar, dass sie die Waffen nicht eher niederlegen und von unserer Verfolgung ablassen, als sie die Burg eingenommen und euch vertrieben haben. Euer weiteres Verbleiben in dieser Festung wird schließlich dazu führen, dass ihr von dem Feind gefangengenommen werdet, der gewiss eure Frauen schänden und eure Kinder erschlagen wird. Darum ist es besser für euch, wenn ihr im Dunkel der Nacht entweicht und eure Frauen und Kinder mitnehmt. Jeder suche sich einen sicheren Platz, bis die Tyrannei vorbei ist. Ich werde bleiben und allein dem Feind gegenübertreten. Es ist besser, wenn ihr Rachedurst durch meinen Tod gestillt wird, als dass ihr alle zugrunde geht."
Die Gefährten waren tief bewegt und erklärten mit Tränen in den Augen, dass sie fest entschlossen seien, bei ihm zu bleiben bis zum Ende. „Nie und nimmer können wir einverstanden sein", riefen sie, „dass du der Gewalt eines mörderischen Feindes ausgeliefert bist! Unser Leben ist nicht wertvoller als deines und unsere Familien sind nicht edlerer Abkunft als deine Verwandten. Was immer dir widerfährt, werden wir auch für uns willkommen heißen."
Sie blieben alle bei ihrem Versprechen, bis auf wenige, welche die immer zunehmenden Härten der langen Belagerung nicht länger ertragen konnten, sich von ihren Mitgläubigen trennten und, ermutigt durch den Rat, den Hujjat selbst ihnen gegeben hatte, sich an einen sicheren Platz außerhalb des Forts begaben.
In einem verzweifelten Akt beorderte der Amír-Túmán alle wehrfähigen Männer von Zanjan zu einem Sammelplatz nahe seinem Lager, wo sie seiner [578] Befehle gewärtig sein sollten. Er organisierte auch seine Regimenter neu, ernannte ihre Offiziere und fügte sie zu den frisch ausgehobenen Truppen, die sich in der Stadt angesammelt hatten. Er befahl, dass nicht weniger als sechzehn Regimenter, ein jedes mit zehn Geschützen ausgerüstet, gegen das Fort vorgehen sollten. Acht Regimenter hatten die Aufgabe, jeden Vormittag die Festung zu beschießen, worauf sie von den übrigen Streitkräften bis zum Abend beim Angriff abgelöst würden. Der Amir war selbst zur Stelle, jeden Vormittag sah man ihn die Kräfte seines Heeres dirigieren, reiche Belohnung für den Erfolg versprechend und mit schwerer Bestrafung drohend, die der Herrscher bei einer Niederlage verhängen würde.
Einen ganzen Monat dauerte die Belagerung. Nicht zufrieden mit den Attacken tagsüber, griff der Feind manchmal auch nachts an. Bei den heftigen Anstürmen, der zahlenmäßigen Überlegenheit des Feindes und der raschen Folge der Angriffe lichteten sich die Reihen der Gefährten und vermehrte sich ihre Not. Aus allen Richtungen strömte dem Feind Verstärkung zu, während die Belagerten darbten in Elend und Hungersnot. 164
Mittlerweile hatte der Amír-Nizám beschlossen, dem Amír-Túmán Verstärkung zukommen zu lassen; er berief Hasan-'Ali Khán-i-Karrúsí und befahl ihm, an der Spitze zweier Sunni-Regimenter nach Zanjan zu marschieren. Seine Ankunft gab das Signal für konzentriertes Artilleriefeuer auf die Festung. Ein gewaltiges Bombardement drohte den Bau sogleich zu zerstören. Der Kugelregen hielt mehrere Tage an, doch die Festung hielt ihm stand. Hujjats Freunde bewiesen in diesen Tagen so viel Mut und Geschick, dass ihnen selbst die ' bittersten Feinde nicht ihre Bewunderung versagen konnten.
Eines Tages—das Bombardement dauerte noch an—traf Hujjat, während er seine Waschungen ausführte, eine Kugel am rechten Arm. Obgleich er seinen Diener anwies, seiner Frau nichts von der Verwundung zu sagen, war der Mann so bekümmert, dass er seine Gefühle nicht verbergen konnte. Seine Tränen verrieten ihn, und kaum hatte Hujjats Frau von der Verletzung ihres Mannes erfahren, eilte sie hin voll Schmerz und traf ihn im Gebet versunken, ruhig und gefasst. Obwohl seine Wunde stark blutete, bewahrte er einen Gesichtsausdruck ungetrübter Zuversicht. „Vergib diesem Volk, o Gott!", sagte er vernehmlich, „denn sie wissen nicht, was sie tun. Hab Erbarmen mit ihnen, denn für die Missetaten, die die Hände dieser Menschen vollbrachten, sind allein die verantwortlich, die sie in die Irre führten." [579]
Hujjat suchte seine Frau und die vom Anblick seines blutüberströmten Leibes aufgeregten Angehörigen zu beruhigen. „Freut euch", sagte er, „denn noch bin ich bei euch und ich wünsche, dass ihr euch ganz in Gottes Willen ergebt. Was ihr jetzt seht, ist nur ein Tropfen im Vergleich zu dem Meer an Leiden, die mich zur Todesstunde überströmen werden. Was immer Sein Ratschluss sei—wir haben die Pflicht, uns darein zu fügen und Seinem Willen zu beugen."
Als die Gefährten von seiner Verwundung erfuhren, legten sie ihre Waffen hin und eilten zu ihm. Inzwischen nutzte der Feind die vorübergehende Abwesenheit seines Gegners, griff die Burg mit verdoppelter Kraft an und erzwang sich Zutritt durch das Tor. 165 An jenem Tag nahmen sie nicht weniger als hundert Frauen und Kinder gefangen und plünderten all ihr Hab und Gut Trotz strengen Winters mussten die Gefangenen nicht weniger als fünfzehn Tage und Nächte im Freien verbringen, bei beißender Kälte, wie sie Zanjan selten erlebte. Nur mit dem Notdürftigsten bekleidet, ohne schützende Decken, ohne Nahrung, ohne Dach, waren sie ausgesetzt in der Wildnis. Ihr einziger Schild war das Kopftuch, mit dem sie vergeblich ihr Gesicht vor dem eisigen Wind zu schützen suchten, der sie erbarmungslos anblies. Aus allen Enden von Zanjan kamen Scharen von Weibern, meist aus niederen Schichten, zum Schauplatz ihrer Leiden und übergössen sie mit Schmach und Spott. Sie tanzten wild herum, verhöhnten sie schreiend: „Jetzt habt ihr euren Gott, und er hat euch reich belohnt", spuckten ihnen ins Gesicht und überhäuften sie mit übelsten Schmähungen.
Wenn auch der Fall ihrer Festung Hujjats Gefährten ihrer wichtigsten Verteidigungsstellung beraubt hatte, so ließen sie sich dadurch weder entmutigen noch in ihrem Tatendrang zurückhalten. Alles Hab und Gut in Reichweite des Feindes war geplündert, die unverteidigt gebliebenen Frauen und Kinder gefangen. Die restlichen Gefährten zogen sich mit den übrigen Frauen und Kindern in die Nachbarhäuser von Hujjats Residenz zurück. Sie verteilten sich auf fünf Abteilungen von je neunzehn mal neunzehn Gefährten. Aus jeder Abteilung stürmten jeweils neunzehn hinaus, warfen sich mit dem Ruf „Yá Sáhibu'z-Zamán!" auf den Feind und trieben ihn in die Flucht. Schon die lauten [580] Stimmen der fünfundneunzig Gefährten reichten aus, die Angreifer zu lähmen und ihnen allen Mut zu rauben.
Einige Tage lang blieb diese Lage unverändert, sie war eine demütigende Niederlage für den Feind, der geglaubt hatte, einen raschen, eindeutigen Sieg erringen zu können. Viele wurden bei den Gefechten getötet. Offiziere verließen zur Enttäuschung der Vorgesetzten ihre Posten, die Artilleriekommandeure ließen ihre Geschütze im Stich, die Armee war durch die Bank demoralisiert und völlig erschöpft. Selbst der Amír-Túmán war es müde, mit Zwangsmaßnahmen seine Leute bei Disziplin halten zu müssen und ihre Kampfkraft zu bewahren. Wieder sah er sich genötigt, mit dem Rest seiner Offiziere über einen Ausweg aus der verzweifelten Situation zu beraten, die für ihn selbst nicht weniger lebensgefährlich war wie für die Einwohner Zanjáns. „Ich habe den erbitterten Widerstand dieser Leute satt", gestand er. „Sie sind offensichtlich [581] von einem Geist beseelt, wie ihn kein noch so ermutigender Aufruf von unserem Herrscher bei unseren Männern hervorrufen kann. Zu einer derartigen Selbstverleugnung ist in den Reihen unserer Armee bestimmt keiner fähig. Keine Macht, der ich befehlen könnte, ist in der Lage, meine Leute aus dem Sumpf ihrer Verzweiflung zu ziehen, in der sie stecken. Ob sie siegen oder unterliegen, diese Soldaten halten sich für ewig verdammt."
Nach reiflicher Überlegung wurde am Ende beschlossen, unterirdische Gänge aus ihrem Feldlager zu dem Quartier zu graben, wo Hujjats Anhänger wohnten. Sie wollten diese Häuser in die Luft sprengen und sie damit zur bedingungslosen Kapitulation zwingen. Einen ganzen Monat lang schafften sie emsig Sprengstoff aller Art in diese unterirdischen Gänge und zerstörten in heimtückischer Grausamkeit alle bislang stehengebliebenen Häuser. Um das Zerstörungswerk zügig zu vollenden, befahl der Amír-Túmán seinen Artillerieoffizieren, Hujjats Residenz unter Feuer zu nehmen—da zwischen ihr und dem feindlichen Lager alle Gebäude dem Erdboden gleich gemacht waren, gab es kein Hindernis mehr für ihre völlige Zerstörung.
Ein Teil seines Wohnhauses war schon eingestürzt, als sich Hujjat, der noch im Haus lebte, zu seiner Frau Khadijih wandte, die ihr kleines Kind Hádí auf dem Arm hielt, und ihr ankündigte, dass der Tag nicht mehr fern sei, da sie und ihr Kind gefangengenommen würden, und er legte ihr ans Herz, sie solle sich darauf vorbereiten. Sie gab ihrem Kummer Ausdruck—da schlug eine Kugel in ihrem Zimmer ein und tötete sie. Ihr Kind, das sie an der Brust hatte, fiel neben ihr in die Kohlenpfanne und starb bald darauf im Hause von Mírzá Abu'1-Qá-sim, dem Mujtahid von Zanjan, an seinen Verletzungen.
Hujjat, obgleich von Schmerz erfüllt, gab keiner fruchtlosen Trauer Raum. „An dem Tag, da ich Deinen Geliebten fand, o mein Gott, und in Ihm die Manifestation Deines ewigen Geistes erkannte", rief er, „sah ich die Schmerzen voraus, die ich um Deinetwillen zu ertragen habe. Doch wie groß auch meine Sorgen bis jetzt waren, sie sind nichts gegen die Qualen, die ich gerne in Deinem Namen erlitte. Was ist mein elendes Leben, der Verlust von Weib und Kind, das Opfer meiner Verwandten und Gefährten gegen den Segen, den mir die Erkenntnis Deiner Manifestation schenkt! O dass ich tausend Leben hätte, dass alle Reichtümer der Erde und ihre Herrlichkeit mein wären, damit ich alles gern und freudig auf Deinem Pfade hingeben könnte."
Hujjats Gefährten waren unglücklich und heftig empört über den Verlust, den ihr geliebter Führer erlitten, und über seine schlimme Wunde. Sie beschlossen eine letzte, verzweifelte Anstrengung, um das Blut ihrer hingeschlachteten Brüder zu rächen. Aber Hujjat riet ihnen ab von einem solchen Versuch, ermahnte sie vielmehr, den Streit nicht zu beschleunigen. Er gebot ihnen, sich [582] in Gottes Willen zu fügen, ruhig und standhaft zu bleiben bis zum Ende, wann dies Ende auch komme.
Mit der Zeit wurde ihre Zahl immer geringer, ihre Leiden immer größer und der Raum, in dem sie sich sicher fühlen konnten, immer kleiner. Am Morgen des fünften RabiVl-Awal des Jahres 1267 n.d.H. 166 war Hujjat, nachdem er infolge seiner Verletzung neunzehn Tage lang heftige Schmerzen ertragen hatte, in sein Gebet vertieft, er hatte sich niedergeworfen und rief den Namen des Báb an, als er plötzlich starb.
Sein plötzlicher Tod war für seine Angehörigen und die Gefährten ein schwerer Schlag. Ihre Trauer über das Hinscheiden ihres so fähigen, erfahrenen und begeisternden Führers war unermesslich, ihr Verlust unersetzlich. Zwei Gefährten, Din-Muhammad-Vazir und Mir Ridáy-i-Sardár unternahmen es, die sterblichen Überreste an einem Ort, der vor Verwandten und Freunden geheimgehalten wurde, zu bestatten, ehe der Feind von seinem Tod erfuhr. Sie trugen den Leichnam um Mitternacht in ein Zimmer, das Din-Muhammad-Vazir gehörte, und beerdigten ihn dort. Dann zerstörten sie den Raum, um zu gewährleisten, dass die sterblichen Reste vor Schändung sicher waren, und hüteten das Geheimnis der Stätte sorgfältig.
Nach Hujjats Tod sammelten sich über fünfhundert Frauen, die die schreckliche Tragödie überlebt hatten, in seinem Haus. Die Gefährten traten trotz ihres Führers Tod mit unverminderter Zähigkeit den feindlichen Streitkräften entgegen. Von der großen Menge, die sich um Hujjats Fahne geschart hatte, waren nur noch zweihundert kampffähige Männer übriggeblieben; alle anderen waren umgekommen oder wegen ihrer schweren Verletzungen nicht mehr einsatzfähig.
Als die Feinde vom Tod dieses begeisternden Führers Kenntnis bekamen, stachelte dies ihren Widerstand an und ihre Entschlossenheit, nunmehr auszurotten, was von den schrecklichen Streitkräften, die sie nicht zu unterwerfen vermocht hatten, übriggeblieben war. Sie bliesen zum Generalangriff, wilder und entschlossener als je zuvor. Aufgeputscht von Trommelschlag und Trompetenschall, erkühnt durch Jubelgeschrei aus dem Pöbel, stürzten sie sich wild und zügellos auf die Gefährten, entschlossen, nicht eher zu ruhen, als bis die ganze Schar vernichtet. Angesichts dieses wilden Angriffs ließen die Gefährten wiederum ihren Ruf „Yá Sáhibu'z-Zamán!" erschallen und stürmten unerschrocken voran in den heroischen Kampf, bis sie allesamt entweder erschlagen oder gefangengenommen waren. [583]
Kaum war das Gemetzel zu Ende, da wurde das Signal gegeben für eine beispiellos wilde Plünderung. Hätte der Aniír-Túmán nicht angeordnet, was von Hujjats Haus und Besitz noch übrig war, zu verschonen und sich jeglicher Gewalt gegen seine Angehörigen zu enthalten, wären noch viel schlimmere Übergiffe seines brutalen Heeres zu verzeichnen gewesen. Seine Absicht war, die Behörden in Tihrán zu informieren und deren Weisungen abzuwarten. Doch gelang es ihm nicht, den gewalttätigen Geist seiner Leute auf Dauer zu dämpfen. Die ‘Ulamá von Zanjan gaben sich jetzt im Rausch eines Sieges, der sie soviel Anstrengung und Menschenleben gekostet hatte—wobei in unvergleichlichem Maße ihr Prestige auf dem Spiel stand -, alle Mühe, den Mob zu allen erdenklichen Greueln gegen die gefangenen Männer und die Ehre ihrer Frauen aufzustacheln. Die Wachen am Eingang zu dem Haus, in dem Hujjat gelebt hatte, wurden bei dem allgemeinen Tumult vertrieben. Der Pöbel machte mit dem Heer gemeinsame Sache beim Plündern und bei den Übergriffen gegen die wenigen Überlebenden des denkwürdigen Kampfes. Der Aniír-Túmán wie der Gouverneur waren unfähig, die Plünderwut und den Rachedurst, wovon die ganze Stadt besessen war, einzudämmen. Zucht und Ordnung gab es nicht mehr in dem allgemeinen Chaos.
Doch konnte der Provinzgouverneur die Armeeoffiziere veranlassen, die Gefangenen im Haus eines gewissen Hájí Ghulám zu sammeln und bis zum Eintreffen neuer Anweisungen aus Tihrán zu beaufsichtigen. Die ganze Schar wurde an diesem verfluchten Platz wie eine Schafherde zusammengepfercht^ der strengen Winterskälte ausgesetzt. Der Raum, in den sie getrieben wurden, hatte weder Dach noch Einrichtung. Einige Tage lang blieben sie ohne Nahrung. Dann wurden die Frauen von dort in das Haus eines Mujtahids namens Mírzá Abu'l-Qásim verlegt, in der Hoffnung, dass dieser sie zum Widerruf ihres Glaubens bringen könnte, wenn sie als Gegenleistung die Freiheit versprochen bekämen. Doch der habgierige Mujtahid brachte mit Hilfe seiner Frauen, Schwestern und Töchter alles an sich, was sie bei sich trugen, nahm ihnen die Kleider weg und gab ihnen die billigsten Lumpen dafür, und eignete sich alles an, was er an Wertvollem in ihrem Besitz fand.
Nachdem die gefangenen Frauen unerhörte Leiden durchgemacht, ließ man sie zu ihren Angehörigen zurückkehren mit der Bedingung, dass diese die Verantwortung für ihr zukünftiges Verhalten übernähmen. Die übrigen Frauen wurden auf die umliegenden Dörfer verteilt, deren Einwohner im Gegensatz zur Zanjáner Bevölkerung die Neuankömmlinge offen und herzlich aufnahmen. Aber die Familie Hujjats musste bis zum Eintreffen endgültiger Weisungen aus Tihrán in Zanjan zurückbleiben. [584]
Die Verwundeten sollten solange in Gefangenschaft gehalten werden bis die Behörden aus der Zentrale verlauten ließen, was mit ihnen geschehen solle. Inzwischen sorgten die strenge Kälte und ihre grausame Behandlung dafür, dass sie innerhalb weniger Tage alle zugrunde gingen.
Die übrigen Gefangenen wurden vom Amír-Túmán den Regimentern der Karrúsí, der Khamsih und der 'Iráqí ausgeliefert mit der Maßgabe, sie umgehend zu exekutieren. Von Trommeln und Trompeten begleitet, wurde die Kolonne zum Lager der Armee geführt. 167 Die genannten Regimenter taten ihr Bestes zu den Greueln gegen die armen Dulder. Mit Lanzen und Spießen warfen sie sich auf die sechsundsiebzig Gefährten, die übriggeblieben waren, und zerfleischten ihre Leiber mit einer Rohheit, wie sie die finsteren Taten der raffiniertesten Folterknechte ihrer Rasse in den Schatten stellte. Der Rachedurst [585] dieser Barbaren kannte keine Grenzen. Die Regimenter wetteiferten in Erfindungsgeist, wer die übelsten Scheußlichkeiten hinbekomme. Sie fielen gerade wieder über sie her, als eines der Opfer, Hájí Muhammad-Husayn, der Vater von Aba Basír, aufsprang und mit dem Adhán, dem Gebetsruf, die umstehende Menge schockierte. Er rief—zur Stunde seines Todes—die Worte „Alláh-u-Ak-bar 168 mit solcher Glaubensinbrunst und Majestät, dass das ganze Traqt-Re-giment sich auf der Stelle weigerte, weiterhin an den schändlichen Taten teilzunehmen. Mit dem Ruf „Yá'Alí!" verließen sie ihre Posten und flohen voll Schreck und Ekel. „Verflucht sei der Aniír-Túmán", riefen sie, als sie dem Schauplatz des schrecklichen Blutvergießens den Rücken kehrten. „Der Schuft hat uns verführt! Er hat uns mit teuflischer Beharrlichkeit weisgemacht, diese Leute seien dem Imam 'Ali und den Seinen untreu. Nie, und koste es unser Leben, wollen wir bei solchen Verbrechen mitmachen."
Die Gefangenen wurden zum Teil von Kanonen geblasen, andere wurden nackt ausgezogen, mit eiskaltem Wasser übergössen und hart ausgepeitscht, andere mit Sirup beschmiert und im Schnee ausgesetzt, bis sie umkamen. Trotz der grausamen Schändung, der sie unterworfen waren, hat keiner der Gefangenen widerrufen oder ein böses Wort gegen seine Verfolger gesagt. Kein Laut des Missmuts entfloh ihren Lippen, kein Schatten von Bedauern oder Gram verdunkelte ihre Mienen. Kein Unglück konnte ihr leuchtendes Antlitz verfinstern, kein noch so beleidigendes Wort ihre ruhige Gefasstheit stören. 169
Als die Verfolger ihr Werk vollbracht, machten sie sich auf die Suche nach Hujjats Leichnam, dessen Begräbnisplatz die Gefährten sorgfältig geheimgehalten hatten. Die unmenschlichsten Foltern erwiesen sich als untauglich, sie zur Entdeckung dieses Ortes zu zwingen. Aufgebracht durch die ergebnislose Suche, forderte der Gouverneur, dass ihm der siebenjährige Sohn Hujjats—er hieß Husayn—vorgeführt würde; er wollte versuchen, ihn zum Verrat des [586] Geheimnisses zu bringen. 170 „MeinSohn", sagte er, ihn freundlich umarmend, „ich bin tief betrübt über all die Leiden, die deine Eltern erdulden mussten. Nicht ich, die Mujtahids von Zanjan sind für die geschehenen Greuel verantwortlich zu machen. Ich möchte gern den sterblichen Überresten deines Vaters ein würdiges Begräbnis bereiten und wieder gutmachen, was ihm so schändlich angetan wurde." Mit diesen zärtlichen Schmeicheleien gelang es ihm, dem Kind das Geheimnis zu entlocken, und sogleich schickte er Leute aus, den Leichnam zu holen. Kaum hatte er diesen Gegenstand seines Verlangens zur Hand, ordnete er an, ihn mit Pauken und Trompeten am Strick durch die Straßen von Zanjan zu schleifen. Drei Tage und drei Nächte lang blieb der Leib dann auf dem Maydán liegen; dem gaffenden Volk ausgesetzt, wurde er mit unbeschreiblichem Schimpf überhäuft. In der dritten Nacht, so wird berichtet, konnte ein Trupp Reiter die Reste des Leichnams an einen sicheren Platz in Richtung Qazvin verbringen. Bezüglich der Angehörigen Hujjats erging Befehl aus Tihrán, sie nach Shíráz zu bringen und dem Gouverneur auszuliefern. Dort verschmachteten sie, arm und elend. Was ihnen an Besitz geblieben war, brachte der Gouverneur an sich; die Opfer seiner Raffgier verdammte er dazu, in baufälligem Gemäuer Zuflucht zu suchen. Hujjats jüngster Sohn Mihdi starb an den Entbehrungen, die er und seine Familie zu erdulden hatten, und wurde in der Ruine begraben, die sein Obdach war.
Ich hatte das Vorrecht, neun Jahre nach dem Ende dieses denkwürdigen Kampfes nach Zanjan zu kommen und die Schauplätze jenes entsetzlichen Schlachtens zu besuchen. Mit schrecklicher Trauer sah ich die Ruinen der Festung 'Alí-Mardán Khan und betrat ihren vom Blut der Unsterblichen Verteidiger getränkten Boden. An ihren Toren und Mauern konnte ich noch Anzeichen des Gemetzels bei ihrer Übergabe an den Feind erkennen, und auf den Steinen, die als Barrikaden gedient hatten, sah ich die Flecken des Blutes, das ringsum so reichlich vergossen ward.
Bezüglich der Zahl der im Verlauf dieser Kämpfe Gefallenen gibt es bisher keine verlässlichen Angaben. An dem Kampf waren so viele beteiligt und die Belagerung, der sie widerstanden, zog sich so in die Länge, dass Zahlen und Namen festzuhalten ein Unterfangen wäre, das ich nicht anzupacken wage. Es [587] lohnt sich aber, eine vorläufige Namensliste heranzuziehen, die von Ismu'fla-hu'l-Mím und Ismu'lláhu'l-Asad zusammengestellt wurde. Es gibt zahlreiche und widersprüchliche Berichte bezüglich der genauen Anzahl der unter dem Banner Hujjats Kämpfenden und in Zanjan Gefallenen. Einige schätzen die Zahl der Märtyrer auf tausend, nach anderen sind es mehr. Ich habe von einer Feststellung gehört, dass einer von Hujjats Gefährten in einem hinterlassenen Bericht mit den Namen derer, die den Märtyrertod erlitten, die Zahl derjenigen vor Hujjats Tod mit eintausendfünfhundertachtundneunzig angab; die danach den Märtyrertod erlitten, sollen insgesamt zweihundertzwei gewesen sein.
Für meinen Bericht über die Geschehnisse in Zanjan bin ich besonders Mírzá Muhammad-'Alíy-i-Tabíb-i-Zanjání sowie Abá-Basír und Siyyid Ashraf—allesamt Märtyrer des Glaubens—zu Dank verpflichtet; jedem von ihnen habe ich sehr nahegestanden. Mein übriger Bericht geht auf ein Manuskript zurück, das ein gewisser Mulla Husayn-i-Zanjání verfasst und an Bahá'u'lláh geschickt hatte. Es enthält alle Informationen, die er über die Ereignisse jener Zeit aus verschiedenen Quellen zusammentragen konnte.
Was ich über den Kampf in Mázindarán berichtet habe, ist großenteils in ähnlicher Weise angeregt durch eine Darstellung, die von einem gewissen Siyyid Abú-Tálib-i-Shahmírzádí ins Heilige Land geschickt wurde, sowie einen hier von einem Gläubigen namens Mírzá Haydar-'Alíy-i-Ardistání angefertigten kurzen Überblick. Ferner konnte ich einige Tatsachen dieses Kampfes über Personen feststellen, die daran teilgenommen hatten, wie etwa [588] Mulla Muhammad-Sádiq-i-Muqaddas, Mulla Mírzá Muhammad-i-Furúghí oder Hájí 'Ab-du'1-Majíd, Badí's Vater und Glaubensmärtyrer.
Bezüglich der Lebensdaten und Taten Vahids habe ich meine Informationen über die Geschehnisse in Yazd von Ridá'r-Rúh erhalten, einem seiner vertrauten Gefährten. Über die späteren Stadien des Kampfes in Nayriz beruht meine Darstellung hauptsächlich auf Informationen, die ich einer detaillierten Aufstellung entnahm, die ein Gläubiger aus dieser Stadt namens Mulla Shafi' sorgfältig recherchiert und als Bericht für Bahá'u'lláh ins Heilige Land geschickt hatte. Was meine Feder nicht berichtet, werden spätere Generationen—so hoffe ich—sammeln und für die Nachwelt aufbewahren. Dieser Bericht, ich weiß es, enthält viele Lücken, für die ich meine Leser um Nachsicht bitte. Es ist meine sehnlichste Hoffnung, dass andere nach mir aufstehen, um diese Lücken zu füllen, und einen Bericht zusammenstellen, erschöpfend und der erschütternden Ereignisse würdig, deren Bedeutung wir bisher nur ahnen. [589] [590]


Fünfundzwanzigstes Kapitel BAHÁ’U’LLÁHS REISE NACH KARBILÁ
Es war bei der Niederschrift dieses Berichts immer mein Bestreben, in meine Erzählungen aus den frühen Tagen dieser Offenbarung soweit wie möglich die unschätzbaren Juwelen einfließen zu lassen, die ich ab und zu von den Lippen Bahá'u'lláhs zu hören das Vorrecht genoss. Seine Worte—teils nur an mich gerichtet, andere hörte ich mit meinen Mitschülern, wenn wir gemeinsam zu Seinen Füßen saßen,—betrafen hauptsächlich die Geschehnisse, die ich hier zu schildern suche. Seine—in einem früheren Kapitel zitierten—Bemerkungen zur Konferenz von Badasht und dem Tumult, der ihre letzten Phasen kennzeichnete, sind Beispiele solcher Texte, mit denen ich meinen Bericht bereichern und veredeln zu können hoffe.
Als ich die Beschreibung des Kampfes von Zanjan abgeschlossen hatte, wurde ich zu Ihm gerufen, und zusammen mit einigen Mitgläubigen empfing ich Seinen Segen, wie Er ihn uns bei zwei Gelegenheiten schenkte. Beide Besuche fanden während der vier Tage statt, da Bahá'u'lláh im Hause Áqáy-i-Kalíms wohnte. Nachdem Er am siebenten Tag des Jamádíyu'1-Awal 1306 n.d.H. 171 in Seines Bruders Haus kam, war ich am zweiten und vierten Abend zusammen mit einigen Pilgern aus Sarvistán und Fárán sowie einigen ansässigen Gläubigen bei Ihm eingeladen. Die Worte, die Er zu uns sprach, haben sich tief in mein Herz gegraben, und ich betrachte es als meine Pflicht, den Leser an dem Kern Seiner Ansprachen teilhaben zu lassen.
„Preis sei Gott", sprach Er, „denn alles, was den Gläubigen in dieser Offenbarung unbedingt gesagt werden muss, ist enthüllt. Ihre Pflichten sind klar umrissen und die Taten, die von ihnen erwartet werden, sind deutlich in Unserem Buche dargestellt. Es ist jetzt Zeit, dass sie sich erheben und ihre Pflicht tun. Nun sollen sie die Ermahnungen, die Wir ihnen gaben, in die Tat umsetzen. [591] Sie sollten sich aber hüten, dass die Liebe zu Gott, die so strahlend in ihren Herzen glüht, sie nicht verleite, die Grenzen der Mäßigung zu überschreiten und sich über die Schranken hinwegzusetzen, áác Wir ihnen gesetzt. In dieser Sache schrieben Wir im 'Iráq an Hájí Mírzá Músáy-i-Qumí: ,Du musst dich so beherrschen, dass sich deine Lippen, wenn du aus dem Quell des Glaubens und der Gewissheit alle Ströme der Erkenntnis die Fülle getrunken, weder vor Freunden noch vor Fremden erlauben, die Wunder des Tranks zu verraten, von dem du gekostet. Wenn dein Herz in Liebe zu Ihm glüht, hab acht, dass kein Auge deine innerste Regung entdeckt; und wenn deine Seele wogt wie das Meer, lass dein Gesicht nicht seine Heiterkeit verlieren und zeige nicht deine tiefen Gefühle durch dein Verhalten.'
Gott weiß, dass Wir Uns niemals zu verbergen oder die Sache zu verheimlichen suchten, die Uns zu verkünden geboten ist. Immer wieder haben Wir Uns, obgleich nicht in die Robe der Gelehrsamkeit gekleidet, mit großen Gelehrten in Nur und Mázindarán getroffen und diskutiert und konnten sie von der Wahrheit dieser Offenbarung überzeugen. Unserer Bestimmung wichen Wir nie aus; nie zögerten Wir, Herausforderungen anzunehmen, woher sie auch kamen. Zu wem Wir dieser Tage auch sprachen, Wir fanden ihn aufnahmebereit für Unseren Ruf und willig, seinen Vorschriften zu entsprechen. Wenn das Volk des Bayán mit seinem schändlichen Betragen, mit seinen Taten nicht Unser Werk besudelt hätte, wären ganz Nur und Mázindarán für die Sache gewonnen worden und würden heute zu ihren führenden Bollwerken gehören.
Als die Truppen des Prinzen Mihdí-Qulí Mírzá das Fort Tabarsi belagerten, waren Wir entschlossen, Nur zu verlassen und den tapferen Verteidigern beizustehen. Wir hatten die Absicht, 'Abdu'1-Vahháb, einen Unserer Gefährten, vorauszusenden mit dem Auftrag, den Belagerten Unser Kommen anzukündigen. Obgleich sie von feindlichen Streitkräften umzingelt waren, hatten Wir Uns entschieden, das Schicksal dieser standhaften Gefährten zu teilen und Uns denselben Gefahren auszusetzen. Aber es sollte nicht sein. Die Hand der Allmacht bewahrte Uns vor ihrem Schicksal und schonte Uns für das Werk, das Wir zu vollbringen hatten. Gottes unerforschliche Weisheit hat es gefügt, dass Unser Plan, ehe Wir die Festung erreichten, durch bestimmte Bewohner von Nur dem Gouverneur von Ámul, Mírzá Taqí, hinterbracht wurde, der Uns durch seine Leute aufhalten ließ. Als Wir Rast machten und wie gewöhnlich Tee tranken, sahen Wir Uns plötzlich von einer Anzahl Reitern umgeben, die Unsere Habe ergriffen und Unsere Pferde wegnahmen. Im Austausch für Unser Pferd gab man Uns ein schlecht gesatteltes Tier, das sich nur äußerst unbequem reiten ließ. Die anderen Gefährten wurden in Handfesseln nach Amul geführt. Trotz dem Tumult, den Unsere Ankunft verursachte, und dem Widerstand der [592] ‘Ulamá gelang es Mírzá Taqí, Uns derem Griff zu entwinden und in sein eigenes Haus zu geleiten. Er erwies Uns die wärmste Gastfreundschaft. Gelegentlich gab er dem Druck nach, den die TJlamá ständig auf ihn ausübten, und fühlte sich dann machtlos, Uns gegen ihre Anschläge in Schutz zu nehmen. Während Wir noch in seinem Haus weilten, kam der Sardár aus Mázindarán, wo er die Armee besucht hatte, nach Ámul zurück. Als er von der unwürdigen Behandlung erfuhr, die Wir erdulden mussten, tadelte er Mírzá Taqí dafür, dass er bei Unserem Schutz vor Unseren Feinden so nachlässig war. ,Was bedeuten schon die Verleumdungen dieser unwissenden Leute?' entrüstete er sich. ,Warum lässt du dich von diesem Geschrei beeindrucken? Es hätte genügt, zu verhindern, dass die Reisegruppe ihr Ziel erreicht, und du hättest, statt sie in diesem Haus festzuhalten, für ihre sichere und schnelle Rückreise nach Tihrán sorgen sollen.'
In Sari waren Wir wiederum den Beleidigungen der Leute ausgesetzt. Obwohl die Würdenträger der Stadt größtenteils Unsere Freunde und Uns verschiedentlich in Tihrán begegnet waren, begann das Gassenvolk, als es Uns erkannte, wie Wir mit Quddus durch die Straßen gingen, sogleich seine Beschimpfungen gegen Uns zu schleudern. Ihr Schrei ,Bábí! Bábí!' begrüßte Uns auf allen Wegen. Vor Ihrem Geifer gab es kein Entrinnen.
In Tihrán waren Wir zweimal eingekerkert, weil Wir Uns der Verteidigung Unschuldiger gegen einen ruchlosen Unterdrücker angenommen hatten. Das erste Mal wurden Wir in Haft genommen, als Mulla Taqíy-i-Qazvíní getötet wurde und Wir Uns veranlasst sahen, denen beizustehen, die unverdient so schwer bestraft wurden. Die zweite Einkerkerung war ungemein härter, sie war eine Folge des Anschlags, den unverantwortliche Glaubensgenossen auf das Leben des Sháhs machten. Dieses Ereignis führte zu Unserer Verbannung nach Baghdád. Bald nachdem Wir dorthin kamen, begaben Wir Uns in die Berge von Kurdistan, wo Wir eine Zeitlang das Leben in völliger Einsamkeit verbrachten. Wir suchten Obdach auf der Höhe eines abgelegenen Berges, drei Tagereisen von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt. Alles Lebensnotwendige fehlte. Wir waren völlig isoliert von Unseren Mitmenschen, bis ein gewisser Sháykh Ismá'íl unseren Aufenthaltsort entdeckte und Uns die benötigten Lebensmittel brachte.
Bei Unserer Rückkehr nach Baghdád fanden Wir zum großen Erstaunen, dass die Sache des Báb im argen lag, ihr Einfluss war geschwunden, selbst ihr Name fast in Vergessenheit geraten. Wir machten Uns daran, Seine Sache wiederzubeleben, sie vor Verfall und Verderben zu retten. Zu der Zeit, da Furcht und Verwirrung Unsere Gefährten gepackt hielten, machten Wir furchtlos und entschlossen ihre Grundwahrheiten wieder geltend und riefen alle lau Gewordenen auf, für den so sehr vernachlässigten Glauben wieder begeistert einzutreten. [593] Wir haben Unseren Ruf an die Völker der Welt gesandt und sie eingeladen, ihren Blick auf das Licht Seiner Offenbarung zu richten.
Nach Unserer Abreise aus Adrianopel wurde anter dea Regierungsbeamten in Konstantinopel darüber diskutiert, ob man Uns und Unsere Gefährten nicht ins Meer werfen solle. Die Nachricht von diesen Gesprächen gelangte nach Persien und gab Anlass für das Gerücht, dass Wir selbiges Schicksal schon erlitten hätten. Besonders in Khurásán waren die Freunde höchst beunruhigt. Als Mírzá Ahmad-i-Azghandí die Nachricht hörte, soll er gesagt haben, dass er auf derartige Gerüchte nicht das geringste gebe. ,Wenn das wahr wäre’ so seine Worte, ,dann entbehrte die Offenbarung des Báb jeder Grundlage.' Als die Freunde von Unserer unversehrten Ankunft in der Gefängnisstadt 'Akká Nachricht erhielten, waren sie herzlich erfreut, und mit wachsendem Vertrauen auf Mírzá Ahmad bewunderten die Gläubigen in Khurásán zutiefst seinen Glauben.
Aus Unserem Größten Gefängnis richteten Wir Sendschreiben an verschiedene Regenten und gekrönte Häupter der Welt, mit denen Wir sie aufforderten, sich zu erheben und die Sache Gottes anzunehmen. An den Sháh von Persien sandten Wir Unseren Boten Badi'; ihm gaben Wir das Tablet zu treuen Händen. Er hielt es hoch vor aller Augen, und mit heller Stimme rief er seinen Herrscher an, dass er die Worte dieser Tafel beherzige. Auch die übrigen Briefe erreichten ihr Ziel. Auf das Tablet an den Kaiser von Frankreich kam Antwort von einem Minister; das Original befindet sich jetzt im Besitz des Größten Zweigs 172. Ihm schrieben Wir die Worte: »Befiehl, o Herrscher Frankreichs, dem hohen Priester, nicht länger seine Glocken zu läuten, denn siehe, die Größte Glocke, geläutet von der Hand des Willens Gottes, deines Herrn, ist offenbar in der Person Seines Erwählten.' Nur der Sendbrief an den Zar von Rußland hat seinen Empfänger nicht erreicht. Aber andere Tablets hat er erhalten, und jener Sendbrief wird ihm gelegentlich ausgehändigt werden.
Seid Gott dankbar, dass Er euch befähigte, Seine Sache zu erkennen. Wer diesen Segen empfängt, muss zuvor etwas vollbracht haben, das, wenn auch ihm selbst unbewusst, doch von Gott als Mittel und Werkzeug bestimmt war, ihn zur Wahrheit hinzuführen, so dass er sie anerkennt. Und die solchen Segens nicht teilhaftig werden—nur ihre Taten hindern sie daran, die Wahrheit dieser Offenbarung anzuerkennen. Wir möchten hoffen, dass ilu; die ihr zu diesem Licht gelangt seid, nun alles tut, um die Finsternis des Aberglaubens und der Gottlosigkeit aus dem Herzen des Volks zu vertreiben. Möchten Taten euren Glauben verkünden und euch dazu befähigen, die Irrenden auf den Pfad ewigen [594] Heils zu führen. Die Erinnerung an diesen Abend wird für immer unvergessen sein. Möge der Wandel der Zeit sie nie tilgen und möge ihre Erwähnung immerdar auf den Lippen der Menschen sein."
Auf den sechzehnten Tag des Jamádíyu'1-Awal im Jahre 1267 n.d.H. 173 fiel das siebente Naw-Ruz nach der Erklärung des Báb, eineinhalb Monate nach dem Ende der Kämpfe in Zanjan. Gegen Frühlingsende dieses Jahres, in den ersten Tagen des Monats Sha'bán 174, brach Bahá'u'Uáh von der Hauptstadt auf nach Karbilá. Ich wohnte derzeit in Kirmánsháh bei Mírzá Ahmad, dem Sekretär des Báb, der von Bahá'u'lláh den Auftrag hatte, alle heiligen Schriften, von denen er größtenteils die Originale besaß, zu sammeln und abzuschreiben. Als die Sieben Märtyrer in Tihrán ihr grausames Schicksal erlitten, war ich in meines Vaters Haus in Zarand. Später konnte ich nach Qum reisen mit der Begründung, dass ich dort die heiligen Schreine besuchen wolle. Mírzá Ahmad, den ich eigentlich treffen wollte, konnte ich nicht finden, so ging ich auf Empfehlung von Hájí Mírzá-Músáy-i-Qumí nach Káshán; er sagte, der einzige Mensch, der mir über Mírzá Ahmad Bescheid geben könne, sei 'Azim, der damals in Káshán wohnte. Mit ihm kehrte ich wieder nach Qum zurück und lernte dort einen gewissen Siyyid Abu'l-Qásim-i-'Aláqih-Band-i-Isfahání kennen, der einst Mírzá Ahmad auf seiner Reise nach Kirmánsháh begleitet hatte. 'Azim gab ihm den Auftrag, mich zum Tor der Stadt zu führen, mir dort zu sagen, wo Mírzá Ahmad wohne, und dann für meine Abreise nach Hamadán zu sorgen. Siyyid Abu'1-Qásim wiederum wies mich an Mírzá Muhammad-'Alíy-i-Tabíb-i-Zanjání, den ich, wie er sagte, mit Sicherheit in Hamadán anträfe und der mich dorthin führen werde, wo ich Mírzá Ahmad begegnen könne. Ich folgte seinen Hinweisen und kam durch jenen Mírzá Muhammad-'Ali in Kirmánsháh mit einem Kaufmann namens Ghulám-Husayn-i-Shushtarí in Verbindung, der mich zu dem Haus führte, wo Mírzá Ahmad wohnte.
Einige Tage nach meiner Ankunft erzählte mir Mírzá Ahmad, wie es ihm in Qum gelungen sei, íldirím Mírzá, den Bruder des Khánlar Mírzá, die Sache zu lehren; ihm wolle er eine Abschrift des Dalá'il-iSab'ib 175 schenken und wünsche, dass ich der Überbringer sei. íldirím Mírzá war damals Gouverneur von Khurram-Ábád in der Provinz Luristán und lag mit seinen Truppen im Gebirge von Khávih-Váli shtar. Ich war überglücklich über diesen Auftrag und erklärte mich sofort bereit, mich auf die Reise zu machen. Über Berge und durch Wälder waren wir mit einem kurdischen Führer sechs Tage und sechs Nächte [595] unterwegs, bis wir zum Heerlager kamen. Ich übergab dem Gouverneur das Treugut und nahm von ihm für Mírzá Ahmad eine schriftliche Botschaft zurück, in der er seine Wertschätzung für die Gabe und seine Verehrung für die heilige Sache und ihren Urheber zum Ausdruck brachte.
Bei meiner Rückkehr vernahm ich von Mírzá Ahmad die frohe Kunde, dass Bahá'u'lláh nach Kirmánsháh gekommen war. Als wir zu Ihm geführt wurden – es war im Monat Ramadan –, las Er gerade den Qur'án, und wir wurden des Segens teilhaftig, die Verse dieses heiligen Buches in Seiner Stimme zu hören. Ich überreichte Ihm den Brief von Íldirím Mírzá an Mírzá Ahmad. Nachdem Er ihn gelesen hatte, sagte Er: „Dem Glaubensbekenntnis eines Mitglieds der Qájár-Dynastie ist nicht zu trauen. Seine Verlautbarungen sind unaufrichtig. Er wartet darauf, dass die Bábí eines Tages den Herrscher ermorden, und hofft insgeheim, selbst von ihnen zum Nachfolger ausgerufen zu werden. Die Liebe zum Báb, die er da bekennt, entspringt diesem Motiv." Wenige Monate später wussten wir, wie wahr Seine Worte waren. Dieser Íldirím Mírzá gab den Befehl, einen gewissen Basir-i-Hindi, einen glühenden Anhänger des Glaubens, zu töten.
An dieser Stelle mag es angebracht sein, vom Gang unserer Erzählung abzuweichen und kurz über Glauben und Tod dieses Märtyrers zu berichten. Zu den Jüngern, die der Báb in den frühen Tagen Seiner Sendung in alle Welt gesandt hatte, um Seine Sache zu lehren, gehörte Shaykh Sa'id-i-Hindi. Er war als ein Buchstabe des Lebendigen von seinem Herrn auf die Reise durch Indien geschickt worden, um dort die Lehren Seiner Offenbarung zu verkünden. Auf dieser Reise kam Shaykh Sa'id in die Stadt Mooltan und traf dort auf jenen Siyyid Basir 176, der, obgleich blind, mit seinem inneren Auge sogleich die Botschaft erfasste, die Shaykh Sa'id ihm brachte. Er hatte sich umfassendes [596] Wissen angeeignet—durchaus kein Hindernis, um zu begreifen, wie kostbar die Sache war, zu der er gerufen wurde -, und das befähigte ihn, ihre Bedeutung zu erkennen und ihre machtvolle Größe zu verstehen. Er entsagte den Fallstricken der Führerschaft, trennte sich von Freunden und Verwandten und machte sich entschlossen auf, sein Teil im Dienst für die heilige Sache, der er sich geweiht hatte, zu tun. Seine erste Tat war eine Pilgerreise nach Shíráz, wo er hoffte, seinen Geliebten zu treffen. Als er in die Stadt kam, überraschte ihn die traurige Kunde, dass der Báb in die Berge von Ádhirbáyján verbannt worden war und dort Sein Leben in untröstlicher Einsamkeit friste. So reiste er gleich weiter nach Tihrán und von dort nach Nur, wo er mit Bahá'u'lláh zusammentraf. Die Sorgen, die auf ihm lasteten, weil er seinen Meister nicht angetroffen hatte, fielen ihm durch diese Begegnung mit Bahá'u'lláh vom Herzen. Alle Menschen, denen er später begegnete, gleich welcher Klassen- oder Glaubenszugehörigkeit, ließ er an den Freuden und dem Segen teilhaben, die er so reichlich aus Bahá'u'lláhs Händen empfing, und so konnte er ihnen etwas von der Kraft vermitteln, von der sein Innerstes aus diesen Gesprächen mit Ihm erfüllt war.
Von Shaykh Shahíd-i-Mázkán hörte ich folgendes erzählen: „Ich hatte das Vorrecht, Siyyid Basir im Hochsommer auf der Durchreise in Qamsar zu begegnen, wo die Oberschicht aus Káshán vor der Hitze Zuflucht sucht. Ich sah, wie er Tag und Nacht mit den einflussreichen ‘Ulamá, die in dem Dorf zusammengekommen waren, über die Spitzfindigkeiten ihrer Religion diskutierte und ihre Argumente völlig widerlegte, indem er ohne Furcht und Vorbehalt die Grundlehren der Gottessache erläuterte. So groß ihre Gelehrsamkeit und Erfahrung auch waren—keiner war fähig, die Beweise, die er für seine Behauptungen darlegte, zu verwerfen. Sein Einblick und seine Kenntnis der Lehren und Gebote des Islam waren so groß, dass seine Widersacher ihn für einen Zauberer hielten, dessen verderblicher Einfluss, wie sie fürchteten, sie über kurz oder lang um ihre Stellung bringen werde."
Ähnlich habe ich Mulla Ibrahim, genannt Mullá-Báshí—er erlitt den Märtyrertod in Sultán-Ábád—, über seinen Eindruck von Siyyid Basir erzählen hören: „Gegen Ende seines Lebens kam Siyyid Basir durch Sultán-Ábád, wo ich ihm begegnete. Er war ständig mit den führenden ‘Ulamá zusammen. Keiner kam ihm gleich an Qur'án-Wissen und in der Beherrschung der Muhammad zugeschriebenen Traditionen. Seine Intelligenz machte ihn zum Schrecken seiner Widersacher. Wenn seine Gegner, wie es oft geschah, seine Zitierweise oder die Existenz einer Tradition in Frage stellten, dann rückte er unerbittlich exakt die Wahrheit ins Licht, indem er auf die entsprechende Stelle im Usul-i-Káfí oder im Biháru'l-Anvár 177 verwies, daraus die entsprechende Tradition [597] beibrachte und damit die Richtigkeit seiner Worte bewies. In seiner flüssigen Argumentationsweise war er ebenso unerreicht wie in der Fähigkeit, seine Aussagen mit unwiderlegbaren Beweisen zu stützen."
Von Sultán-Ábád ging Siyyid Basir nach Luristán und suchte das Lager des Íldirím Mírzá auf, wo er mit betonter Hochachtung empfangen wurde. Eines Tages machte der Siyyid—ein sehr mutiger Mann—im Gespräch eine Bemerkung über Muhammad-Sháh, die Íldirím Mírzás Jähzorn erregte. Er war wütend über den Ton und die Deutlichkeit jener Bemerkung und gab Befehl ihm die Zunge durch den Nacken auszureißen. Der Siyyid ertrug die grauenhafte Tortur mit bewundernswürdiger Tapferkeit, dann starb er unter den Qualen, die ihm sein Gegner so erbarmungslos auferlegt hatte. In derselben Woche wurde ein Brief Íldirím Mírzás, in welchem er seinen Bruder Khánlar Mírzá schmähte, von diesem entdeckt. Daraufhin erwirkte Khánlar Mírzá vom Herrscher die Erlaubnis, seinen Bruder nach Gutdünken zu behandeln. In unversöhnlichem Hass befahl er, ihm die Kleider vom Leib zu reißen und ihn nackt in Ketten nach Ardibil abzuführen, wo er eingekerkert wurde, bis er schließlich starb.
Bahá'u'lláh verbrachte den ganzen Monat Ramadan in Kirmánsháh. Dann ging Er, nur begleitet von Shukru'lláh-i-Núrí, einem Verwandten, und Mírzá Muhammad-i-Mázindarání, einem Überlebenden der Schlacht von Tabarsi, auf die Reise nach Karbilá. Ich hörte, wie Bahá'u'lláh die Gründe für Seine Abreise aus Tihrán nannte. Er sagte: „Eines Tages bat Uns der Amír-Nizám, ihn zu besuchen. Er empfing Uns freundlich und erklärte Uns, warum er Uns zu sich gerufen hatte. ,Ich bin mir über Art und Wirkung Ihrer Aktivitäten völlig im klaren', gab er höflich zu verstehen, ,und ich bin fest davon überzeugt, dass ohne Ihre Unterstützung und Ihren Beistand weder Mulla Husayn und seine Gefährten, noch der Haufen unerfahrener Studenten sieben Monate lang den Streitkräften der kaiserlichen Regierung hätten standhalten können. Ich muss Ihr Talent und die Geschicklichkeit, mit der Sie diese Bestrebungen anzustacheln und zu lenken verstanden, sehr bewundern. Nicht das geringste Beweisstück konnte ich erhalten, mit dem ich Ihre Mitschuld hätte belegen können. Ich halte es für ein Trauerspiel, wenn ein so findiger Mann unbeschäftigt bleibt und nicht Gelegenheit erhält, seinem Land und seinem Herrscher zu dienen. Da kam mir der Gedanke, Ihnen vorzuschlagen, dass Sie in diesen Tagen, da der Sháh an eine Reise nach Isfahán denkt, einen Besuch in Karbilá machen. Wenn er wieder zurück ist, habe ich die Absicht, Ihnen den Posten des Amír-Díván zu verschaffen, eine vortreffliche Aufgabe für Sie.' Wir protestierten heftig gegen die [598] Anschuldigungen und lehnten den Posten ab, den er Uns zugedacht hatte. Einige Tage nach diesem Gespräch verließen Wir Tihrán mit dem Ziel Karbilá."
Vor Seiner Abreise aus Kirmánsháh rief Bahá'u'lláh uns, Mírzá Ahmad und mich, zu Sich und hieß uns nach Tihrán aufbrechen. Ich sollte gleich nach meiner Ankunft dort Mírzá Yahyá aufsuchen, mit ihm zusammen zur Festung von Dhu'l-Faqár Khan in der Nähe von Sháhrúd gehen und dort bleiben bis Bahá'u'lláh in die Hauptstadt zurückkehrte. Mírzá Ahmad wurde angewiesen, bis zu Seiner Rückkehr in Tihrán zu bleiben; dazu wurde ihm ein Kästchen mit Süßigkeiten sowie ein Brief an Áqáy-i-Kahm anvertraut, der das Geschenk nach Mázindarán weiterleiten sollte, wo der Größte Zweig und Seine Mutter wohnten.
Mírzá Yahyá, dem ich die Botschaft ausrichtete, weigerte sich, Tihrán zu verlassen; er beauftragte mich vielmehr, nach Qazvin zu gehen. Er nötigte mich, seinen Wünschen nachzukommen und bestimmte Briefe mitzunehmen, die ich seinen Freunden in jener Stadt zu übergeben hatte. Als ich wieder nach Tihrán zurückkam, sah ich mich auf Drängen meiner Verwandten gezwungen, nach Zarand abzureisen. Aber Mírzá Ahmad versprach, dass er für meine Rückkehr in die Hauptstadt sorgen werde, ein Versprechen, das er auch hielt. Zwei Monate später war ich wieder mit ihm zusammen in einer Karawanserei vor dem Naw-Tor, wo wir gemeinsam den Winter verlebten. Er verbrachte seine Tage damit, den Persischen Bayán und den Dalá'il-iSab'ih abzuschreiben, eine Aufgabe, der er mit wunderbarer Begeisterung nachging. Vom letzteren Werk gab er mir zwei Abschriften und bat mich, sie in seinem Namen Mustawfiyu'l-Mamálik-i-Áshtíyání und Mírzá Siyyid'Aliy-i-Tafarshi, genannt der Majdu'l-Ashráf, zu schenken. Der erstere war so davon angetan, dass er sich voll und ganz dem Glauben anschloss. Dagegen waren die Ansichten, die Mírzá Siyyid 'Ali äußerte, völlig anderer Art. In einer Versammlung, wo auch Áqáy-i-Kalím zugegen war, äußerte er sich unvorteilhaft über die fortgesetzten Aktivitäten der Gläubigen. „Diese Sekte ist noch am Leben", erklärte er in aller Öffentlichkeit. „Ihre Missionare sind schwer am Werk, die Lehren ihres Führers zu verbreiten. Neulich hat mich einer von ihnen, ein Junge, besucht und mir eine Abhandlung überreicht, die ich für sehr gefährlich halte. Wenn jemand aus dem gemeinen Volk das Buch liest, lässt er sich bestimmt von dem Stil betören." Aqáy-i-Kalím verstand sofort aus der Anspielung, dass Mírzá Ahmad ihm das Buch gesandt hatte und ich der Bote war. Am selben Tag bat mich Áqáy-i-Kalím zum Besuch und wies mich an, in meine Heimat Zarand zurückzukehren. Ich wurde gebeten, auch Mírzá Ahmad zu drängen, unverzüglich nach Qum zu gehen, denn wir beide schwebten nach seiner Meinung in großer Gefahr. Nach Mírzá Ahmads Anweisung konnte ich den Siyyid mit Erfolg veranlassen, das [599] ihm überreichte Buch zurückzugeben. Wenig später schied ich von Mírzá Ahmad und sah ihn nie wieder. Ich begleitete ihn bis Sháh-Abdu'l-'Azím, von wo er sich nach Qum wandte und ich meinen Weg nach Zarand zog.
Im Monat Shawál des Jahres 1267 n.d.H. 178 kam Bahá'u'lláh nach Karbílá. Auf der Reise nach dieser heiligen Stadt hielt Er sich einige Tage in Baghdád auf—an dem Ort, den Er bald wieder besuchen, wo Seine Sache reifen und sich vor aller Welt entfalten sollte. Als Er in Karbüá ankam, musste Er erkennen, dass eine Reihe führender Persönlichkeiten, darunter Shaykh Sultán und Hájí Siyyid Javád, dem verderblichen Einfluss eines gewissen Siyyid-i-’Uluvv zum Opfer gefallen waren und sich offen für ihn einsetzten. Sie waren in Aberglauben versunken und hielten ihren Führer für den fleischgewordenen Heiligen Geist. Shaykh Sultán zählte zu seinen eifrigsten Jüngern und betrachtete sich als den nächst seinem Meister vornehmsten Führer seiner Landsleute. Bahá'u'lláh begegnete ihm mehrmals und konnte mit Seinen liebevollen und beratenden Worten seinen Geist von den sinnlosen Einbildungen reinigen und ihn aus dieser erniedrigenden Knechtschaft befreien, in die er gesunken war. Er gewann ihn ganz für die Sache des Báb und entzündete in seinem Herzen den Wunsch, den Glauben zu verkünden. Seine Glaubensgenossen sahen die Auswirkungen dieser raschen, wunderbaren Bekehrung und Ueßen sich, einer nach dem andern, dazu bewegen, ihre alte Hörigkeit aufzugeben und sich der Sache anzuschließen, die ihr Genosse nunmehr verfocht. Alleingelassen und von seinen früheren Anhängern verachtet, blieb dem Siyyid-i-’Uluvv auf Dauer nichts übrig, als Bahá'u'lláhs Autorität wahrzunehmen und Seine Überlegenheit anzuerkennen. Er ging sogar soweit, Reue für sein Handeln zu bekunden und auf Ehrenwort zu versprechen, nie wieder für die Theorien und Prinzipien eintreten zu wollen, für die er sich stark gemacht hatte.
Bei diesem Besuch in Karbilá war es, dass Bahá'u'lláh bei einem Gang durch die Straßen dem Shaykh Hasan-i-Zunuzi begegnete, dem Er das Geheimnis anvertraute, das Er später in Baghdád offenbaren sollte. Der Shaykh war eifrig auf der Suche nach dem verheißenen Husayn, auf den der Báb so Hebevoll hingewiesen und ihm versprochen hatte, dass er Ihm in Karbüa begegnen würde. Wir haben in einem früheren Kapitel schon davon erzählt, wie er Bahá’u’lláh begegnete. Von diesem Tag an fühlte sich Shaykh Hasan mit allen Fasern zu seinem neuen Herrn hingezogen, und wäre ihm nicht Zurückhaltung auferlegt worden, hätte er allem Volk in Karbüá die Wiederkehr des verheißenen Husayn verkündet, den sie so sehnlich erwarteten. [600]
Unter denen, die diese Kraft zu spüren bekamen, war Mírzá Muhammad-'Alíy-i-Tabíb-i-Zanjání, in dessen Herzen ein Same sproß, dazu bestimmt, heranzuwachsen und aufzublühen zu einem so standhaften Glauben, wie ihn kein Feuer der Verfolgung zu ersticken vermochte. Bahá'u'lláh selbst sprach von seiner Ergebenheit, seiner hohen Gesinnung und einzigartigen Zielstrebigkeit. Dieser Glaube trug ihn schließlich hin auf das Feld des Martyriums. Auch Mírzá 'Abdu'l-Vahháb-i-Shírází, der Sohn des Hájí 'Abdu'l-Majid, teilte dieses Schicksal. Er besaß einen Laden in Karbilá und fühlte den inneren Drang, alles Hab und Gut zu verlassen und seinem Herrn nachzufolgen. Doch wurde ihm geraten, sein Geschäft nicht aufzugeben, sondern weiter seinen Lebensunterhalt zu erwerben bis zu der Zeit, da er nach Tihrán gerufen würde. Bahá'u'lláh forderte ihn auf, geduldig zu sein, und ermunterte ihn durch einen Geldbetrag, sein Geschäft zu erweitern. Doch Mírzá 'Abdu'l-Vahháb konnte sich nicht mehr aufsein Gewerbe konzentrieren, er eilte nach Tihrán und blieb dort, bis er in das Verlies geworfen wurde, wo sein Herr gefangen lag. Dort erlitt er um Seinetwillen den Märtyrertod.
Auch Shaykh 'Atí-Mírzáy-i-Shírází fühlte sich zum Glauben hingezogen und blieb bis zum letzten Atemzug ein starker Stützpfeiler der Sache, zu der er gerufen war und der er mit einer selbstlosen Hingabe diente, wie sie alles Lob übersteigt. Allen, ob Freund oder Fremd, erzählte er von dem wundersamen Einfluss, den Bahá'u'lláhs Gegenwart auf ihn hatte, und schilderte begeistert die Zeichen und Wunder, die er in den Tagen seiner Bekehrung und seither erlebte. [601] [602]


Sechsundzwanzigstes Kapitel DAS ATTENTAT AUF DEN SHÁH UND SEINE FOLGEN
Zur Zeit des achten Naw-Ruz nach der Erklärung des Báb—am siebenundzwanzigsten des Monats Jamádíyu'1-Avval des Jahres 1268 n.d.H. 179—war Bahá'u'lláh noch im 'Iráq damit befasst, die Lehren zu verbreiten und die Grundlagen der neuen Offenbarung zu festigen. Seine Begeisterung und Sein Geschick erinnerten an die frühen Tage der Bewegung in Nur und Mázindarán. Weiterhin widmete Er sich der Aufgabe, die verstreuten Gefährten des Báb mit neuer Energie zu beleben, ihre Kräfte wieder aufzubauen und ihre Tätigkeiten zu lenken. Er war das einzige Licht in der Finsternis für die verstörten Jünger, die zum einen das grausame Martyrium ihres geliebten Führers und zum andern das erschütternde Schicksal ihrer Gefährten miterlebt hatten. Nur Er konnte sie wieder mit dem nötigen Lebensmut beseelen und sie stärken für die großen Leiden, die sie zu erdulden hatten. Nur Er konnte sie für die Bürde der Aufgabe vorbereiten, für die sie vorgesehen waren, -und sie abhärten, dass sie den Stürmen und Gefahren trotzten, denen sie bald gegenüberstehen sollten.
Im Verlauf des Frühlings jenes Jahres kam der Amír-Nizám Mírzá Taqí Khan, der Großwesir Násiri'd-Dín Sháhs, der sich der unerhörten Ausschreitungen gegen den Báb und Seine Gefährten schuldig gemacht hatte, in einem öffentlichen Bad in Fin bei Káshán zu Tode, 180 elend gescheitert in seinem [603] Bemühen, den Ansturm des verzweifelt bekämpften Glaubens zu brechen. Sein eigener Ruf und seine Ehre sollten schließlich mit seinem Tod dahinschwinden, nicht aber das Leben, das er auszulöschen suchte. Seine dreijährige Amtszeit als Großwesir von Persien zeichnete sich aus durch Taten finsterster Niedertracht. Welche Greuel verübte er nicht, als er die Hand erhob, um niederzureißen, was der Báb aufgebaut hatte. Welchen Verrat beging er nicht in seiner ohnmächtigen Wut, um die Lebenskraft einer Sache, die er so fürchtete und hasste, abzuwürgen. Das erste Jahr seiner Amtszeit war gezeichnet von dem wilden Angriff der kaiserlichen Armee Násiri'd-Dín Sháhs auf die Festung Tabarsi und ihre Verteidiger. Mit welcher Skrupellosigkeit führte er dann die Unterdrückungskampagne gegen die unschuldigen Verfechter des Gottesglaubens! Mit welch wütender Eloquenz forderte er das Leben von Quddus, von Mulla Husayn und von dreihundertdreizehn seiner edelsten Landsleute! Das zweite Amtsjahr kämpfte er hartnäckig um die Ausrottung des Glaubens in der Hauptstadt. Er war es, der zur Gefangennahme der ortsansässigen Gläubigen aufreizte und ermächtigte, und der die Hinrichtung der Sieben Märtyrer von Tihrán anordnete. Er war es, der den Angriff auf Vahid und seine Gefährten entfesselte, der jenen Rachedurst anfeuerte, der die Verfolger zu den Greueltaten trieb, die für immer diese Episode kennzeichnen werden. Dasselbe Jahr war Zeuge eines weiteren Schlags, schrecklicher als alle, die er der verfolgten Gemeinde bisher versetzte: der Schlag, der das Leben Dessen so unheilvoll beendete, der der Quell war all der Kräfte, die er vergeblich zu unterdrücken gesucht hatte. Die letzten Lebensjahre des Wesirs werden für immer mit der einschneidendsten aller von seinem erfinderischen Geist geplanten großen Schlachten verbunden sein, der Schlacht um die Vernichtung Hujjats und eintausendachthundert seiner Gefährten. Mit derart kennzeichnenden Zügen begann und endete eine Laufbahn in einem Schreckensregime, wie es Persien selten erlebte. [604] [605
Sein Nachfolger war Mírzá Áqá Khán-i-Núrí, 181 der von Anbeginn seines Amtes bestrebt war, zwischen der Regierung, deren Oberhaupt er war, und Bahá'u'lláh, den er für den fähigsten unter den Anhängern des Báb hielt, eine Versöhnung herbeizuführen. Er schrieb Ihm einen freundlichen Brief mit der Bitte, nach Tihrán zurückzukehren, und brachte seinen Wunsch zum Ausdruck, mit Ihm zusammenzutreffen. Bahá'u'lláh hatte sich schon, bevor Er den Brief erhielt, entschlossen, vom Tráq wieder nach Persien zu gehen.
Im Monat Rajab 182 kam Er in der Hauptstadt an und wurde vom Bruder des Großwesirs, Ja'far-Quli Khan empfangen, der Ihm zum Willkommen entgegengesandt wurde. Einen Monat lang war Er der geehrte Gast des Großwesirs, der seinen Bruder zum Gastgeber an seiner Statt bestimmt hatte. Nun kamen die Notabeln und Würdenträger der Stadt in so großer Zahl zu [606] Ihm, dass Er keine Gelegenheit fand, in Sein eigenes Haus zurückzukehren. So blieb Er dort bis zu Seiner Abreise nach Shimírán. 183
Es wurde mir von Áqáy-i-Kalím bestätigt, dass Bahá'u'lláh auf dieser Reise mit 'Azím zusammentreffen konnte, der sich schon lange darum bemühte, Ihn zu sehen. Bahá'u'lláh riet ihm bei diesem Gespräch mit größtem Nachdruck, den Plan aufzugeben, den er gefasst hatte. Er missbilligte seine Absichten, distanzierte sich ausdrücklich von der Tat, die er im Schild führte, und machte ihn darauf aufmerksam, dass ein derartiger Anschlag neues Unheil von beispiellosem Ausmaß heraufbeschwören müsse.
Bahá'u'lláh ging nach Lavásán und hielt sich im Dorf Afchih auf, dem Gut des Großwesirs—Ja'far-Quli Khan war immer noch Gastgeber im Auftrag des Amír-Nizám -, da erreichte Ihn die Kunde von dem Attentat auf Násiri'd-Dín Sháh. Das Verbrechen wurde gegen Ende des Monats Shawál im Jahr 1268 n.d.H. 184 von zwei unscheinbaren, verantwortungslosen jungen Männern verübt; der eine hieß Sádiq-i-Tabrízí, der andere Fathu'lláh-i-Qumí; beide verdienten ihren Lebensunterhalt in Tihrán. Zu einer Zeit, da die kaiserlichen Truppen, angeführt vom Sháh selbst, in Shimírán lagerten, machten sich die beiden einfältigen Jungen in ihrem verzweifelten Wahn auf, das Blut ihrer erschlagenen Brüder zu rächen. 185 Die Narrheit ihres Tuns kommt schon darin [607] zum Ausdruck, dass die Knaben bei ihrem Anschlag auf das Leben ihres Souveräns anstatt taugliche, erfolgversprechende Waffen zu benützen, ihre Pistolen mit einer Munition luden, die kein vernünftiger Mensch für ein solches Vorhaben verwenden würde. Ein Mann mit gesundem Menschenverstand hätte, wenn er sie zu einer solchen Tat hätte anstiften wollen, gewiss niemals zugelassen, dass sie ihr Vorhaben mit derart lächerlichem Spielzeug ausführten. 186 [608]
Diese Tat, obgleich von verrückten, schwachsinnigen Fanatikern begangen und von Bahá'u'lláh, auf dem die ganze Verantwortung lastete, von Anfang an scharf verurteilt, war das Signal für den Ausbruch einer Welle von Verfolgungen und Massakern, die sich an barbarischer Grausamkeit nur mit den Ausschreitungen in Mázmdarán und Zanjan vergleichen lassen. Der Sturm, der nach dieser Tat losbrach, stürzte ganz Tihrán in Wirren und Elend. Er riß auch das Leben der führenden Gefährten mit, die das böse Geschick, dem der Glaube wiederholt so grausam unterworfen war, bisher überlebt hatten. Noch tobte dieser Sturm, da wurde Bahá'u'lláh mit einigen Seiner fähigsten Bannerträger in den schmutzigen, finsteren, fieberverseuchten Kerker geworfen, wo schwere Eisenketten auf Seinem Nacken lasteten, wozu sonst nur Schwerverbrecher verurteilt wurden. Nicht weniger als vier Monate lang trug Er diese Last, und Sein Leiden war so schwer, dass die Narben Seinem Leib für alle Tage Seines Lebens eingeprägt blieben.
Der ganze Apparat der geistlichen Ordnung Persiens war über eine derart schwerwiegende Bedrohung ihres Souveräns und der Institutionen seines Reiches sehr entrüstet. Eine so dreiste Tat schrie nach sofortiger schwerer Bestrafung. Beispiellos harte Maßnahmen, lärmten sie, müßten ergriffen werden, um die Springflut einzudämmen, die die Regierung und die islamische Religion zu verschlingen drohe. Trotz der Zurückhaltung, welche die Anhänger des Báb von Anbeginn des Glaubens überall im Lande übten, trotz immer wiederholter Forderung der Glaubensführer an ihre Mitbrüder, sich jeglicher Gewalt zu enthalten, loyal zur Regierung zu stehen und auf keinen Fall an heiligen Krieg zu denken, waren die Feinde unentwegt bemüht, Wesen und Ziele des Glaubens bei den Behörden absichtlich zu verunglimpfen. Nun wurde eine Tat von so großer Tragweite verübt—was hatten dieselben Feinde nun Anlass, alle Schuld dem Glauben zuzuschieben, dem die des Verbrechens Schuldigen angehörten! [609] Jetzt war offenbar der rechte Augenblick gekommen, um den Herrschenden im Land bewusst zu machen, dass eine Häresie wie diese, die den Staat in seinen Grundfesten bedroht, so schnell wie möglich ausgerottet werden muss.
Ja'far-Quli Khan, der sich zum Zeitpunkt des Attentats auf den Sháh in Shimírán aufhielt, schrieb sofort einen Brief an Bahá'u'lláh und setzte Ihn von dem Vorgefallenen in Kenntnis. „Die Mutter des Sháhs ist wütend**, schrieb er. „Sie beschimpft lauthals bei Hof und vor allen Leuten Sie als den »Möchtegern-Mörder' ihres Sohnes. Auch versucht sie, Mírzá Áqá Khan in die Affäre zuziehen und verklagt ihn als Ihren Komplizen." Er riet Bahá'u'lláh dringend, sich eine Weile in jener Gegend verborgen zu halten, bis die Leidenschaften im Volk abklängen. Als Boten sandte er einen alten, erfahrenen Mann nach Afchih mit der Aufgabe, seinem Gast zu Diensten zu sein und sich bereit zu halten, Ihn zu begleiten, wenn Er sich an einen sicheren Ort zu begeben wünsche.
Bahá'u'lláh lehnte es ab, die Ihm von Ja'far-Quli Khan gebotene Gelegenheit zu nutzen. Ungeachtet des Boten und seines Angebots ritt Er am nächsten Morgen in ruhiger Zuversicht von Lavásan, wo Er sich eben aufhielt, zum Hauptquartier der kaiserlichen Armee nach Níyávarán im Shimúrán-Distrikt. Als Er nach Zarkandih kam, einem Dorf, ein Maydán 187 von Níyávarán entfernt und Sitz der russischen Botschaft, begegnete Ihm Sein Schwager Mírzá [610] Majíd, der als Sekretär des Botschafters 188 arbeitete, und lud Ihn ein, bei sich im Hause—es grenzte an das seines Vorgesetzten—zu wohnen. Die Diener von Hájí 'Ali Khan, dem Hájibu'd-Dawlih, erkannten Ihn und informierten schnurstracks ihren Herrn, der wiederum die Sache vor den Sháh brachte.
Die Offiziere der kaiserlichen Armee staunten baß über die Meldung von Bahá'u'lláhs Ankunft. Násiri'd-Dín Sháh selbst war überrascht von dem kühnen, unerwarteten Schritt eines Mannes, der als Hauptanstifter des Attentats angeklagt wurde. Er schickte sofort einen vertrauenswürdigen Offizier in die Gesandtschaft mit der Forderung, den Angeklagten auszuliefern. Der russische Gesandte lehnte ab und ersuchte Bahá'u'lláh, in das Haus von Mírzá Áqá Khan, dem Großwesir, überzusiedeln, das er unter den gegebenen Umständen als den geeignetsten Ort erachtete. Der Bitte wurde stattgegeben, worauf der Botschafter offiziell dem Großwesir seinen Wunsch mitteilte, dass mit äußerster Sorgfalt die Sicherheit und der Schutz Dessen gewährleistet werde, den seine Regierung hiermit seiner, des Wesirs, Obhut anvertraue, wobei er darauf aufmerksam machte, dass er ihn, sollte er diesen Wunsch nicht achten, zur Verantwortung ziehen werde. 189
Obgleich Mírzá Áqá Khan die von ihm geforderte umfassende Sicherheit zu gewähren suchte und Bahá'u'lláh mit aller Hochachtung in seinem Haus empfing, war er doch zu besorgt um die Sicherheit seiner eigenen Position, als dass er seinen Gast so behandelt hätte, wie es von ihm erwartet wurde.
Als Bahá'u'lláh das Dorf Zarkandih verließ, wurde die Tochter des Gesandten in ihrem großen Kummer über die Gefahren, die Sein Leben überschatteten, so von ihren Gefühlen überwältigt, dass sie in Tränen ausbrach. „Was nützt die ganze Autorität, die du hast", hielt sie ihrem Vater vor, „wenn du nicht einmal einen Gast schützen kannst, den du in deinem Hause aufnahmst!" Der Gesandte, der seine Tochter sehr liebte, war gerührt von ihren Tränen und suchte sie mit der Zusicherung zu trösten, dass er alles in seiner Macht Stehende tun werde, um die Lebensgefahr von Bahá'u'lláh abzuwenden.
An diesem Tag geriet die Armee Násiri'd-Dín Sháhs in heftigen Aufruhr. Die energischen Befehle des Herrschers so unmittelbar nach dem Anschlag auf sein Leben ließen die wildesten Gerüchte aufkommen und stachelten die heftigsten Leidenschaften bei der Bevölkerung in der Umgebung an. Die Erregung sprang auf Tihrán über und Heß den schwelenden Hass, den die Feinde immer noch [611] gegen die Sache hegten, zu heller Wut aufflackern. In der Hauptstadt herrschte ein unvergleichliches Chaos. Ein abfälliges Wort, ein Hinweis, ja ein Flüstern genügte schon, Unschuldige einer Verfolgung auszusetzen, die keine Feder beschreiben kann. Sicherheit für Leben und Eigentum gab es nicht mehr. Die hohe Geistlichkeit der Hauptstadt machte gemeinsame Sache mit den einflussreichsten Regierungsmitgliedern, um einen Feind, der acht Jahre lang den 190 Frieden des Landes gestört hatte und den weder List noch Gewalt zum Schweigen bringen konnte, den—wie sie hofften—tödlichen Schlag zu versetzen [612]
Bahá'u'lláh war jetzt, da der Báb nicht mehr lebte, in ihren Augen der Erzfeind, den gefangenzusetzen sie für ihre erste Pflicht hielten. Er war für sie die Wiederverkörperung des Geistes, den der Báb so machtvoll zum Ausdruck brachte, des Geistes, der Ihn befähigt hatte, Leben und Gewohnheiten Seiner Landsleute einer völligen Verwandlung zu unterziehen. Die Vorsichtsmaßnahmen [613] des russischen Gesandten und seine Warnungen konnten die Hand nicht aufhalten, die mit solcher Entschlossenheit dies kostbare Leben bedrohte.
Auf dem Weg von Shjmírán nach Tihrán riß man Bahá'u'lláh mehrmals die Kleider vom Leib und überschüttete Ihn mit Schmähungen und Spott. Barfuß und barhäuptig unter den sengenden Strahlen der Hochsommersonne musste er den ganzen Weg von Shimírán bis in den Kerker zu Fuß zurücklegen. Überall am Straßenrand beschimpfte Ihn der Pöbel, den die Feinde mit Erfolg davon überzeugt hatten, dass Er der geschworene Feind ihres Souveräns und Zerstörer des Reiches sei, und warf mit Steinen nach Ihm. Mir fehlen die Worte, um die [614] schreckliche Behandlung zu schildern, der Er ausgesetzt war, als Er zum Síyáh-Chál 191 nach Tihrán gebracht wurde. In der Nähe des Kerkers löste sich ein altes, gebrechliches Weib aus der Menge, einen Stein in der Hand und begierig, ihn Bahá'u'lláh ins Gesicht zu schleudern. Ihre Augen glühten vor fanatischer Zielstrebigkeit, wie man es bei wenigen Frauen ihres Alters findet. Am ganzen Leib vor Wut zitternd trat sie vor und hob die Hand, um nach Ihm zu werfen. „Beim Siyyidu'sh-Shuhada 192, ich beschwöre euch", schrie sie und rannte, um die Schergen Bahá'u'lláhs einzuholen, „gebt mir Gelegenheit, dass ich ihm meinen Stein ins Gesicht werfe!" Als Bahá'u'lláh sie hinterdrein hecheln sah, sagte Er zu Seinen Wächtern: „Enttäuscht dieses Weib nicht. Verwehrt ihr nicht, was sie für eine verdienstvolle Tat in den Augen Gottes hält."
Der Síyáh-Chál, wohinein Bahá'u'lláh gestoßen wurde, ursprünglich eine Zisterne für eines der öffentlichen Bäder von Tihrán, war das unterirdische Gefängnis für die übelsten Schwerverbrecher. Finsternis, Schmutz, die Art der [615] Häftlinge, das alles machte dieses Pestloch zum bestialischsten Aufenthaltsort, zu dem ein Mensch verdammt werden kann. Seine Füße waren im Stock gefesselt, um den Hals die Qará-Guhar-Kette geschmiedet—in ganz Persien berüchtigt für ihr quälendes Gewicht. 193 Drei Tage und drei Nächte erhielt Bahá'u'lláh weder Nahrung noch Trank. Ruhe und Schlaf waren nicht möglich. Der Platz war von Ungeziefer verseucht, und schon der Gestank an diesem düsteren Ort genügte, um den Geist derer, die seine Schrecken auszuhalten verdammt waren, zutiefst zu zerrütten. Die Lebensbedingungen waren so bedrückend, dass einen der Schergen, die Ihn zu bewachen hatten, das Mitleid rührte. Mehrmals versuchte dieser Mann, Ihm Tee anzubieten, den er unter seiner Kleidung verborgen in den Kerker geschmuggelt hatte. Aber Bahá'u'lláh weigerte sich, ihn zu trinken. Immer wieder versuchte Seine Familie, die Wachen zu überreden, dass sie Ihm zubereitete Nahrung ins Gefängnis bringen dürften. Aber anfangs vermochte kein noch so großes Flehen die Wachen in ihrer strengen Disziplin zu erweichen, doch nach und nach gaben sie der Hartnäckigkeit der Freunde nach. Doch niemand konnte sicher sein, ob die Nahrung Ihn auch erreichte und ob Er überhaupt davon äße, wenn viele Seiner Mithäftlinge vor Seinen Augen hungern. Größeres Unheil als das, was diese unschuldigen [616] Zornesopfer ihres Souveräns betroffen hatte, ist gewiss kaum vorstellbar. 194
Das Schicksal, das der junge Sádiq-i-Tabrízí erleiden musste, war so grausam wie erniedrigend. Er war in dem Augenblick festgenommen worden, als er sich mit dem Schwert in der Hand auf den Sháh stürzte, den er vom Pferd gestoßen hatte, um ihn zu erschlagen. Der Shátir-Báshí und die Diener des Mustawfiyu'l-Mamálik fielen über ihn her und erschlugen ihn auf der Stelle, ohne Verhör, wer er sei. Um den Pöbel zu beschwichtigen, hieben sie seinen Leib in zwei Hälften, die sie an den Zugängen zum Shimírán- und zum Sháh-'Abdu'l-'Azim-Tor [617] den Gaffern zur Schau hängten. 195 Seine beiden Genossen, Fath-u'Uáh-i-Hakkák-i-Qumí und Hájí Qásimr-i-Nayrízí, denen es gelang, dem Shah leichte Verletzungen beizubringen, wurden unmenschlich gefoltert, was schließlich zu ihrem Tod führte. Fathu'lláh verweigerte trotz unaussprechlicher Qualen jegliche Antwort auf die Fragen, die man ihm stellte. Seine Schweigsamkeit angesichts der mannigfaltigen Torturen ließ die Henkersknechte glauben, er sei stumm. Wütend über ihr Scheitern, gössen sie ihm geschmolzenes Blei in den Hals, was seinen Leiden ein Ende bereitete.
Sein Kamerad Hájí Qásim wurde mit noch abstoßenderer Barbarei behandelt. Am selben Tag, da Hájí Sulaymán Khan schreckliche Qual erlitt, erfuhr dieser arme Kerl Ahnliches durch seine Verfolger in Shimírán. Sie rissen ihm die Kleider vom Leib, bohrten ihm Löcher ins Fleisch, steckten brennende Kerzen hinein und führte ihn so der johlenden und geifernden Menge vor. Der Rachedurst derer, denen er ausgeliefert war, schien unersättlich. Tag um Tag mussten neue Opfer mit ihrem Blut bezahlen für ein Verbrechen, das sie nicht [618] begangen und von dem sie gar nichts gewusst hatten. Alles was sich die Folterer von Tihrán nur ausdenken konnten, wurde kaltblütig und unbarmherzig an den Leibern dieser Unglücklichen vollzogen—ohne Verhör, ohne Gerichtsverfahren, wurde ihr Recht zur Verteidigung und zum Beweis ihrer Schuldlosigkeit völlig ignoriert.
Jeder dieser Schreckenstage erlebte das Martyrium zweier Gefährten des Báb, der eine ward in Tihrán erschlagen, den anderen traf sein Los in Shimírán. Beide wurden auf dieselbe Weise gefoltert, beide wurden dem Publikum übergeben, damit es seine Rache an ihnen übe. Die Verhafteten wurden auf die verschiedenen Bevölkerungsschichten verteilt, deren Abgesandte jeden Tag den Kerker aufsuchten und ihr Opfer einforderten. 196 Sie führten es auf die Bühne seines Todes und gaben das Zeichen zum allgemeinen Angriff, worauf alle, Mann und Frau, das Wild umzingelten, seinen Leib in Stücke rissen und so [619] zerfetzten, dass kein Zug seiner ursprünglichen Gestalt mehr blieb. Über diese Rohheit wunderten sich selbst die brutalsten Henkersknechte, die doch als geübte Menschenschlächter nicht solche Greuel begingen, deren sich dieses Volk fähig zeigte. 197 [620]
Von allen Qualen, die ein unersättlicher Feind seinen Opfern zufügte, war keine empörender als die, unter der Hájí Sulaymán Khan den Tod fand. Er war der Sohn von Yahyá Khan, einem Offizier in Diensten des Náyibu's-Saltanih, des Vaters von Muhammad Sháh. Den Posten behielt er auch in den frühen Tagen der Regierungszeit Muhammad Sháhs. Hájí Sulaymán Khan zeigte von [621] früh auf eine ausgesprochene Abneigung gegen Rang und Würden. Vom Tag an, da er die Sache des Báb annahm, hatte er für die Jagd nach schalen Nichtigkeiten, mit der die Leute ringsum ausgefüllt waren, nur Mitleid und Verachtung übrig. In seiner Sicht hatte ihr Trachten seine Sinnlosigkeit zur Genüge bewiesen. Schon in seiner Jugend sehnte er sich darnach, dem großstädtischen Trubel zu entfliehen und sich in die heilige Stadt Karbilá zurückzuziehen. Dort begegnete er Siyyid Kázim und wurde bald einer seiner glühendsten Verfechter. Tiefe Frömmigkeit, Bescheidenheit und ein Hang zur Einsamkeit gehörten zu seinen wesentlichen Charakterzügen. Er blieb in Karbilá, bis der Ruf aus Shíráz zu ihm drang durch Yúsuf-i-Ardibílí und Mulla Mihdiy-i-Khu'i, beide seine besten Freunde. Begeistert nahm er die Botschaft des Báb auf. 198 Von Karbilá nach Tihran zurückgekehrt, hatte er vor, sich den Verteidigern der Festung Tabarsi anzuschließen, kam hierfür aber zu spät. So blieb er in der Hauptstadt, wo er weiterhin die Art Kleidung trug, wie er sie in Karbilá angenommen hatte. Der kleine Turban und die weiße, von dem dunklen Mantel verdeckte Tunika missfielen dem Amír-Nizám; er legte ihm nahe, diese Kleider [622] abzulegen und stattdessen eine Uniform anzuziehen. Er musste eine Kuláh 199 tragen, einen Kopfputz, der angeblich eher zu dem Rang passte, den sein Vater bekleidet hatte. Wenn ihn auch der Amir bedrängte, einen Posten in Regierungsdiensten zu übernehmen, weigerte er sich doch hartnäckig, ihm entgegenzukommen. Er verbrachte die meiste Zeit in Gesellschaft der Báb-Jünger, besonders mit den Gefährten, die die Schlacht von Tabarsi überlebt hatten. Sorgsam umhegte er sie mit wahrhaft erstaunlicher Herzlichkeit. Er und sein Vater waren so einflussreich, dass der Amír-Nizám Anlass hatte, sein Leben zu schonen und sich wirklich jeglicher Gewalt gegen ihn zu enthalten. Obgleich er sich in Tihrán aufhielt, als die sieben Gefährten des Báb, mit denen er eng befreundet war, den Märtyrertod starben, wagte niemand unter den Regierungsbeamten oder dem gemeinen Volk, seine Festnahme zu fordern. Ebenso in Tabriz, wohin er gereist war, um das Leben des Báb zu retten, wagte unter den Bewohnern der Stadt keiner den Finger gegen ihn zu heben. Der Amír-Nizám war über seine Dienste für die Sache des Báb genau informiert, zog es aber vor, sie zu ignorieren, statt einen Streit mit ihm und seinem Vater vom Zaun zu brechen.
Bald nach dem Märtyrertod eines gewissen Mulla Zaynu'l-'Abidin-i-Yazdi ging das Gerücht um, dass die von der Regierung mit dem Tod Bedrohten, darunter der Diener des Báb Siyyid Husayn und Táhirih, freigelassen würden und jede weitere Verfolgung der Freunde endgültig einzustellen sei. Weit und breit wurde erzählt, der Amír-Nizám hätte, als er den Tod nahen fühlte, von großer Angst gepackt, in einem Anfall von Reue ausgerufen: „Mich jagt eine Vision, der Siyyid-i-Báb, den ich töten Heß. Jetzt weiß ich, welch fürchterlichen Fehler ich machte. Ich hätte sie zurückweisen sollen, die mich mit Gewalt drängten, sein und seiner Gefährten Blut zu vergießen. So hätte es, wie ich jetzt erkenne, im Interesse des Staates gelegen." Sein Nachfolger Mírzá Áqá Khan dachte bei seinem Amtsantritt ähnlich und gedachte, seine Amtszeit durch eine dauerhafte Versöhnung mit den Anhängern des Báb zu eröffnen. Während er an diese Aufgabe heranging, machte ihm das Attentat auf den Sháh einen Strich durch seine Pläne und stürzte die Kapitale in nie dagewesene Wirren.
Ich habe gehört, wie der Größte Zweig 200, damals ein achtjähriges Kind, das Erlebnis wiedergab, wie Er einmal das Haus verlassen wollte, in dem Er damals wohnte. Er erzählte: „Wir hatten im Haus meines Onkels Mírzá Ismá'íl Unterschlupf gefunden. Tihrán war in wildestem Aufruhr. Zu Zeiten pflegte ich aus dem Haus zu eilen, über die Straße auf dem Weg zum Markt. Kaum über die Schwelle auf der Straße, umringten mich die herumtollenden Jungen in [623] meinem Alter und schrien: ,Bábí! Bábí!' Da ich die Aufregung kannte, in der sich alle Bewohner der Stadt, jung und alt, befanden, kümmerte ich mich wohlweislich nicht um das Geschrei und stahl mich still nach Hause. Eines Tages ging ich allein über den Markt zum Haus meines Onkels. Als ich mich umsah, merkte ich, dass eine Bande kleiner Raufbolde hinter mir her war und mich einholen wollte. Sie warfen mit Steinen nach mir und schrien drohend: »Bábí! Bábí!' Die einzige Möglichkeit, der drohenden Gefahr zu entgehen, schien mir, sie einzuschüchtern. Ich drehte mich um und rannte entschlossen auf sie los, so dass sie erschrocken auseinanderstoben und verschwanden. Ich konnte sie von weitem schreien hören: ,Der kleine Bábí verfolgt uns! Er holt uns sicher ein und bringt uns um!' Als ich wieder heimwärts ging, hörte ich, wie ein Mann mit lauter Stimme rief: ,Gut gemacht, kleiner, tapferer Junge! Keiner in deinem Alter hätte diese Attacke ohne Hilfe abwehren können.' Von diesem Tag an wurde ich nicht mehr von den Gassenjungen belästigt, ich hörte auch kein böses Wort mehr von ihnen."
Zu denen, die bei den allgemeinen Wirren verhaftet und ins Gefängnis geworfen wurden, gehörte auch Hájí Sulaymán Khan, über dessen Leidensgeschichte ich jetzt berichten will. Die Fakten habe ich sorgfältig gesichtet und geprüft, größtenteils verdanke ich sie Aqáy-i-Kalím, der sich damals selbst in Tihrán aufhielt und die Schrecken und Leiden seiner Brüder teilen musste. „Am Tage von Hájí Sulaymán Kháns Märtyrertod", berichtete er mir, „nahm ich in Tihrán zusammen mit Mírzá 'Abdu'l-Majid zufällig an einer Versammlung teil, auf der eine beachtliche Zahl Notabein und Würdenträger der Hauptstadt zugegen waren, darunter auch der Nizámu'l-’Ulamá Hájí Mulla Mahmúd, der den Kalántar aufforderte, den genauen Hergang beim Tod von Hájí Sulaymán Khan zu schildern. Der Kalántar deutete mit dem Finger auf den Kad-Khuda 201 Mírzá Taqí, der, wie er sagte, das Opfer aus der Nachbarschaft des königlichen Palastes zur Hinrichtungsstätte außerhalb des Naw-Tores geführt hatte. So wurde Mírzá Taqí gebeten, den Anwesenden zu erzählen, was er gesehen und gehört hatte. ,Ich und meine Gehilfen waren beauftragt, neun Kerzen zu besorgen und sie ihm in tiefe Löcher zu stecken, die wir ihm selbst ins Fleisch bohren mussten. Wir hatten Befehl, diese Kerzen alle anzuzünden und ihn dann unter der Begleitung von Trommeln und Trompeten bis zum Platz seiner Hinrichtung zu führen. Dort sollten wir seinen Leib halbieren und die Hälften zu beiden Seiten des Naw-Tores aufhängen. Er hatte selbst diese Art seines Märtyrertodes gewählt. Násiri'd-Dín Sháh hatte dem Hájibu'd-Dawlih 202 [624] befohlen, die Mitschuld des Angeklagten zu untersuchen und ihn im Falle erwiesener Schuldlosigkeit zum Widerruf seines Glaubens zu bewegen. Unterwürfe er sich, sollte er am Leben gelassen und bis zur endgültigen Entscheidung seiner Sache in Haft behalten werden. Im Falle seiner Weigerung sei er zu töten, auf welche Weise er wolle.
Hajibu'd-Dawlih war nach seinen Verhören von Hájí Sulaymán Kháns Unschuld überzeugt. Sobald der Angeklagte die Anweisungen seines Souveräns vernahm, rief er freudig: „Niemals, solange mir Blut in den Adern fließt, werde ich einwilligen und meinen Glauben an meinen Geliebten widerrufen! Von meines Herzens Sehnsucht kann mich diese Welt, die der Herrscher der Gläubigen 203 mit Aas verglich, niemals weglocken." Er wurde gefragt, für welche Art zu sterben er sich entscheide. „Macht mir Löcher ins Fleisch", antwortete er, „und steckt in jede Wunde eine Kerze. Lasst neun Kerzen über meinen Leib verteilt brennen und führt mich so durch die Straßen von Tihrán. Ruft die Menge herbei, dass sie Zeugen seien meines herrlichen Martyriums, auf dass sich die Erinnerung an meinen Tod in ihre Herzen brenne und ihnen helfe, im Gedenken meiner gewaltigen Leiden das Licht zu erkennen, das ich umarme. Wenn ich zum Fuß des Galgens komme und meines Erdenlebens letztes Gebet gesprochen habe, dann spaltet meinen Leib entzwei und hängt die Glieder beidseits des Tihráner Tores, dass die Menge beim Durchschreiten bezeuge, welche Liebe der Glaube an den Báb in den Herzen Seiner Jünger entfacht, und ihrer Hingabe Beweis schaue."
Hájibu'd-Dawlih wies seine Leute an, Hájí Sulaymán Kháns Wünschen zu willfahren, und stellte mich an, ihn über den Markt zum Richtplatz zu führen. Als sie dem Opfer die gekauften Kerzen überreichten und sich mit ihren Messern anschickten, ihm in die Brust zu schneiden, versuchte er plötzlich, dem Scharfrichter das Werkzeug aus der zitternden Hand zu reißen, um es sich selbst ins Fleisch zu stoßen. „Warum fürchtest du dich und zauderst?" schrie er und streckte den Arm aus, um ihm das Messer abzunehmen. „Lass mich das selbst machen und die Kerzen anzünden." Weil ich fürchtete, dass er uns angreifen wollte, befahl ich den Männern, dieses Ansinnen abzulehnen und ihm die Hände auf den Rücken zu fesseln. Da bat er: „Lass mich wenigstens mit dem Finger die Stellen angeben, wo sie ihr Messer ansetzen sollen, außer diesem habe ich keine Wünsche mehr."
Er forderte sie auf, zwei Löcher in die Brust zu machen, zwei in die Schultern, eines in den Nacken und die restlichen vier in den Rücken. Mit stoischer Ruhe ließ er diese Tortur über sich ergehen. Standhaftigkeit leuchtete ihm aus den [625] Augen, während er in ungebrochener, geheimnisvoller Stille verharrte. Weder das Johlen der Menge noch der Anblick seines blutüberströmten Leibes vermochte ihn aus seinem Schweigen zu reißen. Er blieb gelassen und teilnahmslos, bis alle neun Kerzen angebracht waren und brannten.
Als alles bereit war für den Marsch auf die Bühne seines Todes, schritt er, gleich einem Pfeil aufgerichtet, dieselbe unerschütterliche Tapferkeit von seinem Antlitz strahlend, voran und führte die sich um ihn drängende Menge zu der Stätte, da sein Märtyrertod stattfinden sollte. Alle paar Schritte unterbrach er seinen Gang, blickte auf die verblüfften Zuschauer und rief: „Welche Pracht, welcher Prunk könnte größer sein als dies, was heute meine Siegesfahrt zur Krone der Herrlichkeit begleitet! Verherrlicht sei der Báb, der solchen Glauben in der Brust Seiner Liebenden entfacht und sie mit einer Kraft beseelt, größer als alle Macht von Königen!" Zuweilen rief er wie berauscht von Glaubensinbrunst: „Als Abraham in vergangener Zeit zu Gott flehte in Todesqual, dass Er Ihm Erfrischung schicke, darnach Seine Seele schrie, hörte Er des Unsichtbaren Stimme rufen: ,0 Feuer, sei kühl und harmlos für Abraham! 204 Doch dieser Sulaymán ruft aus den Tiefen seines aufgewühlten Herzens: ,Herr, Herr, lass unaufhörlich Dein Feuer in mir brennen, dass seine Flamme mich verzehre.'" Als sein Auge das Wachs in seinen Wunden flackern sah, brach er in höchster Wonne aus in den Ruf: „O wäre Der, dessen Hand meine Seele entflammte, hier, um mich in diesem Zustand zu sehen!" Der großen Menschenmenge, die ihn ob seines Verhaltens entgeistert anstarrte, rief er zu: „Glaubt nicht, ich sei berauscht vom Wein dieser Erde! Liebe zu meinem Geliebten erfüllt mir die Seele und macht mich so souverän, dass Könige mich darum beneiden!"
Ich vermag die Freudenrufe nicht wiederzugeben, die seinen Lippen entflohen, je näher er seinem Ende zuging. Woran ich mich erinnere, sind nur wenige erschütternde Worte, die er in Augenblicken höchsten Entzückens den Umstehenden zurief. Mir fehlen die Worte, um den Ausdruck seines Angesichts zu beschreiben oder die Wirkung, die seine Worte auf die Menge machten.
Es war noch im Basar, als ein Windstoß die auf seiner Brust brennenden Kerzen zum Aufflackern brachte. Sie schmolzen rasch und ihre Flammen erreichten die Ränder der Wunden, in die sie gesteckt waren. Wir, wenige Schritte hinter ihm gehend, konnten deutlich das Fleisch zischen hören. Der Anblick seines blut- und feuerbedeckten Leibes schien eher seine unstillbare Begeisterung zu steigern, als dass er ihm die Stimme verschlagen hätte. Man hörte, wie er da die Flammen anredete, die sich in seine Wunden fraßen: „Ihr Flammen habt euren Stachel längst verloren, ihr habt keine Macht mehr, mich [626] zu quälen. Macht rasch, denn ich höre aus euren Feuerzungen die Stimme, die mich zu meinem Geliebten ruft!"
Qual und Leiden schienen zerschmolzen in dieser heißen Begeisterung. Er wandelte in Flammen gehüllt, wie der Eroberer das Feld seines Sieges betritt. Wie eine Lichterflamme bewegte er sich im Düster unter dem erregten Gewimmel. Am Fuß des Galgens angelangt, erhob er ein letztes Mal die Stimme zum Ruf an die Zuschauermenge: „Genoss nicht dieser Sulaymán, den ihr hier blutig den Flammen zum Opfer fallen seht, bis vor kurzem allen Segen und Reichtum, den diese "Welt zu bieten vermag? Was ist es, das ihn allem irdischen Ruhm entsagen und ihn gegen so große Erniedrigung und Leiden eintauschen ließ?" Dann warf er sich nieder in Richtung zum Schrein des Imám-Zádih Hasan und murmelte einige Worte auf arabisch, die ich nicht verstand. „Mein Werk ist nun vollbracht!" rief er, als er sein Gebet beendet hatte, zum Scharfrichter. „Komm und tu das deine!" Lebendigen Leibes wurde er mit dem Beil in zwei Hälften zerhackt. Trotz dieser unglaublichen Leiden hatte er bis zum letzten Atemzug den Lobpreis seines Geliebten auf den Lippen. 205 [627]
Das tragische Geschehen dieser Erzählung erschütterte die Zuhörer zutiefet. Der Nizámu'1-’Ulamá, der aufmerksam bis in alle Details zugehört hatte, rang die Hände vor Entsetzen. ,Seltsam, sehr seltsam ist doch diese Sache!' rief er. Ohne ein weiteres Wort der Stellungnahme erhob er sich bald und ging." 206
In diesen Tagen unablässiger Unruhen geschah ein weiteres Martyrium eines hervorragenden Jüngers des Báb. Eine großartige, heldenhafte Frau, Táhirih, wurde mitgerissen von dem Sturm, der damals mit unverminderter Gewalt durch die Stadt tobte. Was ich jetzt von ihrem Martyrium erzählen will, stammt von vertrauenswürdigen Informanten, einige selbst Augenzeugen der Geschehnisse, die ich zu schildern versuche. Kennzeichnend für ihr Leben in Tihrán waren die vielen Beweise einer herzlichen Liebe und Hochschätzung, die ihr die vornehmen Frauen der Kapitale entgegenbrachten. In jenen Tagen hatte sie wahrhaft einen Höchststand an Beliebtheit erreicht. 207 Das Haus, in dem sie [628] gefangen gehalten wurde, war von vielen weiblichen Bewunderern umlagert, die sich an ihrer Tür drängten, um zu ihr zu gelangen und am Segen ihres Wissens teilzuhaben. 208 Unter diesen Damen zeichnete sich die Gattin des Kalántar 209 dadurch aus, dass sie Táhirih besonders hohe Verehrung erwies. Als Gastgeberin stellte sie ihr die Blüte der Tihráner Damenwelt vor, diente ihr mit größter Begeisterung und trug unentwegt bei, was sie konnte, um den guten Eindrück auf die Weiblichkeit zu vertiefen. Personen aus dem engsten Kreis um die Gattin des Kalántar haben sie folgendes erzählen hören: „Als Táhirih in meinem Heim wohnte, wurde ich eines Nachts zu ihr gerufen und traf sie in vollem Ornat an, gekleidet in schneeweiße Seide. In ihrem Zimmer duftete es nach erlesenstem Parfüm. Ich äußerte mein Erstaunen über den ungewohnten Anblick. Da sagte sie: ,Ich bereite mich darauf vor, meinem Geliebten zu begegnen, und dich will ich von Kummer und Sorgen meiner Gefangenschaft befreien.' Zuerst war ich erschrocken und weinte bei dem Gedanken der Trennung von ihr. ,Weine nicht', suchte sie mich zu trösten. ,Dein Klagen hat noch Zeit. Ich möchte dir meine letzten Wünsche mitteilen, denn es naht rasch die Stunde, da ich festgenommen und verurteilt werde, den Märtyrertod zu sterben. Ich möchte dich um Erlaubnis bitten, dass dein Sohn mich zum Schauplatz meines Todes begleitet und dafür sorgt, dass die Schergen und Henker, denen ich ausgeliefert werde, mich nicht zwingen, dieses Kleid abzulegen. Auch ist es mein Wunsch, dass mein Leichnam in eine Grube gelegt und dass die Grube mit Erde und Steinen aufgefüllt wird. Drei Tage nach meinem [629] Tod wird dich eine Frau besuchen, der du dieses Paket geben wirst, das ich dir hier aushändige. Meine letzte Bitte ist, dass du hinfort niemanden mein Zimmer betreten lässt. Von jetzt an bis ich gerufen werde, dies Haus zu verlassen, soll sich keiner unterstehen, meine Gebete zu stören. Heute will ich fasten—ein Fasten, das ich nicht brechen werde, bis ich meinem Geliebten gegenüberstehe.' Nach diesen Worten forderte sie mich auf, ihre Zimmertür abzuschließen und nicht mehr zu öffnen, bis ihre Abschiedsstunde schlüge. Auch legte sie mir dringend ans Herz, die Nachricht von ihrem Tod geheimzuhalten, bis die Feinde sie selber bekanntmachten.
Nur meine große Liebe für sie gab mir die Kraft, ihren Anweisungen zu folgen. Hätte ich nicht zwingend den Wunsch gefühlt, ihre Wünsche zu erfüllen, ich hätte niemals auch nur auf einen Augenblick des Zusammenseins mit ihr verzichtet. Ich verschloss ihr Zimmer und zog mich in meines zurück, voll unbezähmbaren Kummers. Schlaflos und todunglücklich lag ich auf dem Bett. Der Gedanke an ihr bevorstehendes Martyrium zerriß mir das Herz. ,Hesr! Herr!' betete ich verzweifelt, ,lass den Kelch, nach dem ihre Lippen verlangen, an ihr vorübergehen, so es Dein Wille ist.''An diesem Tag und in der Nacht [630] stand ich mehrmals auf, unfähig, mich zu fassen, schlich zur Schwelle jenes Zimmers, stand still an der Tür und lauschte begierig auf alles, was von ihren Lippen kam. Ich war verzaubert vom Schmelz dieser Stimme, die den Lobpreis ihres Geliebten sang. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, so bewegt war ich. Vier Stunden nach Sonnenuntergang hörte ich es an die Tür klopfen. Schnell eilte ich zu meinem Sohn, um ihm Táhirihs Wünsche mitzuteilen. Er gab mir sein Wort, dass er alles erfüllen werde, was sie mir aufgetragen hatte. Mein Mann war in jener Nacht zufällig abwesend. Mein Sohn öffnete die Tür und teilte mir dann mit, dass die Farrásh 210 von 'Azíz Khán-i-Sardár draußen stünden und die sofortige Auslieferung Táhirihs verlangten. Ich war starr vor Schreck bei dieser Nachricht. Als ich zu ihrer Tür wankte und mit zitternden Händen aufschloss, sah ich sie verschleiert und zum Ausgang bereit. Sie schritt über die Dielen und sang dabei ein Lied voll Ausdruck von Kummer und Triumph, als ich eintrat. Als sie mich sah, kam sie zu mir und küsste mich. Sie drückte mir den Schlüssel ihrer Truhe in die Hand und sagte, sie hätte darin [631] einige Kleinigkeiten für mich als Erinnerung an ihren Aufenthalt in meinem Haus zurückgelassen. ,Wenn du die Truhe öffnest und die Sachen darin siehst', sagte sie, ,wirst du dich hoffentlich an mich erinnern und dich freuen über mein Glück.’
Nach diesen Worten sagte sie mir Lebwohl und trat mir, von meinem Sohn begleitet, aus den Augen. Welche Seelenqual, als ich ihre schöne Gestalt in die Ferne schwinden sah! Sie bestieg das vom Sardár für sie gestellte Pferd und ritt in Begleitung meines Sohnes und einiger Diener, die an ihrer Seite marschierten, hinaus zu dem Garten, der zum Schauplatz ihres Martyriums werden sollte.
Drei Stunden später kam mein Sohn zurück, sein Gesicht tränenüberströmt, Flüche auf den Sardár und seine gemeinen Leutnants auf den Lippen. Ich versuchte ihn zu besänftigen, ließ ihn neben mir Platz nehmen und bat ihn, mir so genau wie möglich von ihrem Tod zu berichten. Schluchzend erzählte er: ,Ach Mutter, ich kann es kaum schildern, was meine Augen ansehen mussten. Wir begaben uns direkt in den Ílkhání-Garten 211 außerhalb des Stadttors. Dort sah ich mit Schrecken den Sardár und seine Leutnants, sie waren völlig betrunken, führten sich aufs schamloseste unzüchtig auf und lachten grölend. Beim Tor angekommen, stieg Táhirih ab, rief mich zu sich und bat mich, der Vermittler zum Sardár zu sein, den sie, wie sie sagte, in dieser Orgie nicht ansprechen wolle. ,Offenbar wollen sie mich erdrosseln', sagte sie. ,Ich hebe schon lange ein seidenes Tuch auf und hoffe, dass es für diesen Zweck verwendet wird." Nun gebe ich es dir und wünsche mir, dass du den zügellosen Säufer dazu bringen kannst, sich seiner zu bedienen, wenn er mir das Leben nimmt.'
Ich ging zum Sardár, der war jämmerlich betrunken. ,Störe nicht unser freudiges Fest!' lallte er, als ich kam. ,Erwürgt das elende Weib und werft die Leiche in ein Loch!' Ich war sehr überrascht von einem solchen Befehl. Gewiss war jede Frage an den Sardár überflüssig, so ging ich zu den beiden Dienern, die ich schon kannte, und gab ihnen das Tuch, das mir Táhirih anvertraut hatte. Sie waren mit ihrer Bitte einverstanden. Das Tuch wurde ihr um den Hals geschlungen und war so das Werkzeug für ihren Märtyrertod. Ich eilte unmittelbar darnach zum Gärtner und fragte ihn, ob er mir eine Stelle vorschlagen könne, um ihren Leichnam zu bergen. Er führte mich zu meiner großen Erleichterung an einen Brunnenschacht, der kürzlich ausgehoben, aber nicht fertig geworden war. Mit der Hilfe einiger anderer senkte ich sie in ihr Grab und füllte den Brunnen mit Erde und Steinen auf, wie sie es gewünscht hatte. Die sie zuletzt sahen, waren zutiefst bewegt. Mit niedergeschlagenen Augen, schweigend und voll Trauer gingen sie auseinander, ihr Opfer, das ihr Land in ein so unvergängliches Licht tauchte, im Grab unter einem Haufen Steine zurücklassend, die sie mit eigenen Händen aufgehäuft hatten.'
Ich weinte heiße Tränen, als mein Sohn diese bittere Geschichte erzählte. Ich. war dermaßen überwältigt, dass ich bewusstlos zu Boden fiel. Als ich wieder zu mir kam, sah ich meinen Sohn von ebensolcher Verzweiflung ergriffen wie mich, er lag auf dem Bett und weinte hemmungslos. Als er meinen Kummer sah, kam er zu mir und redete mir gut zu. ,Deine Tränen werden Vater Verdacht schöpfen lassen', sagte er. ,Mit Rücksicht auf seine Stellung und seinen Rang wird er sich veranlasst sehen, uns zu verstoßen und alle Bande zu seinem Haus zu lösen. Wenn wir nicht aufhören zu weinen, wird er uns bei Násiri'd-Dín Sháh verklagen, wir seien dem Charme der verhassten Feindin zum Opfer gefallen. Er wird das Einverständnis des Herrschers zu unserem Todesurteil erwirken und uns möglicherweise mit eigener Hand töten. Warum sollten wir, die wir niemals diese Sache angenommen haben, solchem Schicksal aus seiner Hand Vorschub leisten? Was wir tun sollten, ist lediglich, sie gegen all diejenigen zu verteidigen, die sie als das gerade Gegenteil von Keuschheit und Ehre verleumden. [633] Wir sollten unsere Liebe zu ihr stets im Herzen tragen und den feindlichen Ehrabschneidern gegenüber die Rechtschaffenheit ihres Lebens betonen.'
Diese Worte beschwichtigten meinen inneren Aufruhr. Ich ging an die Truhe und öffnete sie mit dem Schlüssel, den sie mir in die Hand gedrückt hatte. Darin fand ich eine Fläschchen erlesensten Parfüms, daneben lagen ein Rosenkranz, eine Korallenkette und drei Ringe, besetzt mit Steinen aus Türkis, Karneol und Rubin. Wie ich so ihre irdischen Habseligkeiten betrachtete, sann ich über ihr ereignisreiches Leben nach und dachte voll Bewunderung an ihren unerschrockenen Mut, ihre Begeisterung, ihr hohes Pflichtbewusstsein und ihre bedingungslose Hingabe. Ich erinnerte mich an ihre literarischen Erfolge und grübelte über ihre Gefangenschaft, über Schimpf und Schande, die sie mit einer Tapferkeit bewältigte, wie keine andere Frau in ihrem Land sie an den Tag legen konnte. Ich stellte mir ihr reizendes Antlitz vor, das jetzt unter Erde und Steinen begraben lag. Wenn ich ihrer hinreißenden Beredsamkeit gedachte und die Worte wiederholte, die sie oft auf den Lippen führte, ward mir warm ums Herz. Mit einer bestürzenden Klarheit wurde mir blitzartig bewusst, über welch umfassendes Wissen von den Schriften des Islam sie verfügte und wie meisterhaft sie sie beherrschte. Und vor allem ihr leidenschaftliches Eintreten für den Glauben, den sie angenommen hatte—wie glühend sie ihn verfocht und ihm diente, welch Leid und Trübsal sie um seinetwillen auf sich nahm, welch leuchtendes Beispiel sie für seine Anhänger abgab, welchen Auftrieb sie seiner Verbreitung brachte, und wie sie ihren Namen tief in die Herzen ihrer Landsleute eingrub»—all dies ging mir durch den Sinn, als ich vor der Truhe stand, und ich wunderte mich, was eine so großartige Frau bewogen haben konnte, allem Reichtum und allen Ehren, die sie genoss, zu entsagen und sich der Sache eines unbekannten jungen Mannes aus Shíráz zu verschreiben. Was konnte das Geheimnis sein, dachte ich bei mir, das sie mit solcher Kraft aus ihrem Haus, von ihrer Verwandtschaft wegtrieb, sie in ihrer stürmischen Laufbahn trug und schließlich ins Grab brachte. Könnte diese Kraft von Gott sein, überlegte ich. Könnte nicht die Hand des Allmächtigen ihr Schicksal gelenkt und den Kurs bestimmt haben in den Gefahren ihres Lebens.
Am dritten Tag nach ihrem Märtyrertod 212 kam, wie sie vorausgesagt hatte, die Frau. Ich fragte sie nach dem Namen, vernahm denselben, den mir Táhirih genannt hatte, und gab ihr das Paket, das ich in Verwahrung hatte. Der Frau war ich nie zuvor begegnet und sah sie auch nicht wieder." 213 [634]
Die unsterbliche Táhirih hieß Fátimih, ein Name, den ihr Vater ihr gab. Von ihrer Familie und den Verwandten wurde sie Umm-i-Salmih genannt, oder auch Zakiyyih. Sie war im Jahr 1233 n.d.H. 214 zur Welt gekommen, im selben Jahr, da Bahá'u'Uáh geboren wurde. Mit sechsunddreißig Jahren erlitt sie in luirán den Märtyrertod. Mögen zukünftige Geschlechter in der Lage sein, ein Leben gebührend zu würdigen, welches ihre Zeitgenossen nicht angemessen erkannt haben. Mögen zukünftige Geschichtsschreiber in vollem Umfang ihren Einfluss erfassen und die einzigartigen Dienste aufzeichnen, die diese großartige Frau ihrem Land und ihrem Volk erwiesen hat. Mögen die Anhänger des Glaubens, dem sie so hervorragend diente, ihrem Beispiel nacheifern, von ihren Taten reden, ihre Schriften sammeln, das Geheimnis ihrer hohen Fähigkeiten lüften und sie für alle Zeit im Gedächtnis und der Liebe aller Völker und Geschlechter der Erde verankern. 215 [635]
Eine andere herausragende Gestalt unter den Jüngern des Báb, die in der turbulenten Zeit in Tihrán den Tod fanden, war Siyyid Husayn-i-Yazdi Sekretär des Báb in Mákú und Chihriq. Er war in den Lehren des Glaubens so bewandert, dass der Báb in einem Tablet an Mírzá Yahyá diesem dringend riet, sich von Siyyid Husayn alles erläutern zu lassen, was die heiligen Schriften [636] betraf. Er war ein Mann von Ansehen und Erfahrung, in den der Báb volles Vertrauen setzte und mit dem Er in engster Verbindung stand, und musste nach dem Tod seines Herrn in Tabriz die Qual einer langen Kerkerhaft in dem unterirdischen Verlies von Tihrán durchleiden, ehe diese Gefangenschaft mit seinem Märtyrertod endete. Bahá'u'lláh half weitestgehend, die Härten zu mildern, unter denen er litt, und übersandte ihm regelmäßig jeden Monat die erforderliche finanzielle Hilfe. Er war selbst bei den Kerkermeistern, die ihn zu bewachen hatten, beliebt und bewundert. Sein langer, vertrauter Umgang mit dem Báb während Dessen letzten, stürmischsten Lebenstagen, hatte sein Verständnis vertieft und seiner Seele eine Kraft vermittelt, die mehr und mehr zutage treten sollte, je näher seine Erdentage sich dem Ende neigten. Er lag im Kerker, voll Sehnsucht nach dem Tag, da er aufgerufen würde, einen Tod zu erleiden wie sein Herr. Des Vorrechts, am selben Tag zu sterben wie der Báb, war er beraubt, ein Vorrecht, das sein höchster Wunsch gewesen war, so harrte er jetzt begierig der Stunde, da er den Kelch, den Seine Lippen berührt hatten, zur Neige leeren durfte. Immer wieder versuchten ihn die hohen Würdenträger von Tihrán zu bewegen, von ihrem Angebot Gebrauch zu machen und der strengen Kerkerhaft ebenso ledig zu sein wie der Aussicht auf einen noch grausameren Tod. Er weigerte sich standhaft. Unaufhörlich flössen ihm die Tränen von den Augen, Tränen der Sehnsucht nach dem Wiedersehen mit dem Antlitz, dessen Licht so hell leuchtete in der Finsternis des grausamen Kerkers in Adhirbáyján und dessen Glut den Frost seiner Winternächte erwärmte. Während er im Dunkel seiner Zelle nachsann über die seligen Tage in der Gegenwart seines Herrn, da kam Einer zu ihm, der allein durch das Licht Seiner Gegenwart die Qual zu bannen vermochte, die seine Seele bedrückte. Bahá'u'lláh selbst war sein Tröster. In Seiner Gesellschaft durfte Siyyid Husayn verweilen bis zu seinem Tod. 'Azíz Khán-i-Sardár, dessen Hand Táhirih erschlug, war es auch, der den Todesstreich führte gegen den Sekretär und zeitweiligen Mitgefangenen des Báb in Adhirbáyján. Ich will mich nicht darüber verbreiten, auf welche Weise der mordlustige Sardár ihn umbrachte. Es mag genügen festzustellen, dass auch er schließlich wie diejenigen, die vor ihm dahingingen, unter schändlich grausamen Umständen den Kelch leerte, nach dem er sich so lange heiß gesehnt hatte.
Ich gehe nun dazu über zu erzählen, was den übrigen Gefährten des Báb widerfuhr, die das Vorrecht hatten, die Schrecken der Gefangenschaft mit Bahá'u'lláh zu teilen. Ich habe oft von Seinen eigenen Lippen den folgenden Bericht gehört: „Alle, die der Sturm, der in jenem denkwürdigen Jahr durch Tihrán tobte, zu Boden schlug, waren Unsere Mithäftlinge im Síyáh-CháL wo Wir gefangen lagen. Wir waren alle zusammengedrängt in einer Zelle, die Füße im Stock, um die Halse die quälendsten Ketten. Unsere Atemluft war von übelster Fäulnis verseucht, der Boden, auf dem wir saßen, von Schmutz und Ungeziefer bedeckt. Kein Lichtstrahl drang in dieses ekelhafte Loch, nichts milderte seine Eiseskälte. Wir saßen in zwei Reihen einander gegenüber. Wir hatten sie einige Verse gelehrt, die sie jede Nacht mit größter Begeisterung sangen. Die eine Reihe fing an: ,Gott genügt mir, Er ist wahrlich der Allgenügende!' Und die andere antwortete: ,Auf Ihn lasst den Vertrauenden vertrauen.' Der Chor dieser freudigen Stimmen erklang fort bis in die frühen Morgenstunden. Ihr Widerhall erfüllte den Kerker und drang durch die dicken Mauern bis an Násiri'd-Dín Sháhs Ohren—der Palast lag nicht weit von dem Ort entfernt, wo wir gefangen waren. ,Was sind das für Töne?' soll er gerufen haben. ,Das ist die Hymne der Bábí, die im Gefängnis singen', wurde ihm geantwortet. Der Sháh sagte nichts mehr, er versuchte auch nicht, die Begeisterung zu dämpfen, die seine Gefangenen trotz der Schrecken ihrer Haft fortwährend bewiesen.
Eines Tages wurde eine Platte mit geröstetem Fleisch in Unser Gefängnis gebracht, das auf Anordnung des Sháhs, wie mitgeteilt wurde, unter die Gefangenen verteilt werden sollte. ,Der Sháh hat ein Gelübde getan', sagten sie, ,und möchte euch heute, um dieses Gelübde zu erfüllen, all dies Hammelfleisch anbieten.' Tiefe Stille. Unsere Gefährten erwarteten, dass Wir für sie antworteten. Wir entgegneten: ,Wir geben euch die Gabe zurück; auf dieses Geschenk können wir gut verzichten.' Diese Antwort hätte die Aufseher in arge Verlegenheit gebracht, wären sie nicht gierig gewesen, das Essen zu verschlingen, das wir nicht anrührten. Trotz Hunger, der Unsere Gefährten quälte, zeigte nur einer von ihnen, er hieß Mírzá Husayn-i-Mutavallíy-i-Qumí, ein Verlangen, von dem Fleisch zu essen, das der Herrscher uns zukommen lassen wollte. Mit wahrhaft heroischer Stärke fügten sich Unsere Gefährten ohne Murren in die jammervolle Qual, der sie ausgesetzt waren. Gott sei Dank kam von ihren Lippen statt Beschwerden über die Behandlung, die ihnen der Sháh angedeihen ließ, Lobgesang, mit dem sie die Leiden der grausamen Gefangenschaft zu überspielen suchten. [638]
Jeden Tag kam der Kerkermeister in Unsere Zelle, rief den Namen eines Unserer Gefährten auf, gebot ihm aufzustehen und zum Galgen mitzukommen. Wie eifrig pflegte da der Genannte dem festlichen Ruf zu folgen! Von seinen Ketten befreit, sprang er auf, kam und umarmte Uns mit unbändigem Entzük-ken. Wir sprachen ihm Trost zu und versicherten ihn des ewigen Lebens in der jenseitigen Welt, füllten sein Herz mit Hoffnung und Freude und sandten ihn hin, die Krone des Ruhmes zu gewinnen. Darauf umarmte er die anderen Mitgefangenen und ging dann, so furchtlos zu sterben wie er gelebt hatte. Nach dem Martyrium eines jeden dieser Gefährten berichtete Uns der Scharfrichter, der Uns allmählich freundlicher gesonnen wurde, wie sein Opfer starb und mit welcher Freude es seine Leiden bis zum Ende ertrug.
Eines Nachts wurden Wir vor Morgengrauen durch Mírzá 'Abdu'l-Vahháb-i-Shírází geweckt, der mit derselben Kette gefesselt war wie Wir. Er kam aus Kázimayn und war Uns nach Tihrán gefolgt, dort verhaftet und ins Gefängnis geworfen worden. Er fragte, ob Wir wach seien, und erzählte dann einen Traum. ,Heute nacht', sagte er, ,bin ich in einem unendlich weiten und schönen Raum geflogen. Mir war, als schwebte ich auf Schwingen, die mich überallhin trugen, wohin ich wollte. Mein Herz sprang vor hinreißender Wonne. Inmitten dieser unermesslichen Weite flog ich so schnell und leicht, wie ich es nicht beschreiben kann.' ,Heute', antworteten Wir, ,wird es an dir sein, dich für diese Sache zu opfern. Mögest du stark und standhaft bleiben bis ans Ende. Dann wirst du dich in denselben grenzenlosen Raum aufschwingen, von dem du geträumt hast, wirst dich mit derselben Schnelligkeit und Leichtigkeit durch das Reich ewiger Herrschaft bewegen und mit demselben Entzücken den Himmelskreis des Grenzenlosen schauen.'
Am Morgen betrat wieder der Kerkermeister die Zelle und rief den Namen 'Abdu'1-Vahháb. Er warf die Ketten ab, sprang auf, umarmte jeden Mitgefangenen, schloss Uns in die Arme und drückte Uns liebevoll an sein Herz. In dem Augenblick entdeckten Wir, dass er keine Schuhe zum Anziehen hatte. Wir gaben ihm die Unseren und sandten ihn mit einem letzten Wort der Ermutigung und Freude auf die Bühne seines Martyriums. Später kam der Scharfrichter zu Uns und pries mit glühenden Worten den Geist, den der Jüngling an den Tag gelegt hatte. Wie dankbar waren Wir Gott für dieses Zeugnis, das der Scharfrichter ihm ausgestellt hatte!"
Alle Leiden und die grausame Rache der Behörden an denen, die das Leben des Herrschers bedroht hatten, vermochten den Zorn der Sháh-Mutter nicht zu besänftigen. Sie hörte Tag und Nacht nicht auf mit ihrem Rachegeschrei und forderte die Hinrichtung Bahá'u'lláhs, den sie weiterhin für den wahren Urheber des Verbrechens hielt. „Zum Henker mit ihm!" schrie sie immer wieder bei [639] den Amtsträgern. „Gibt es eine größere Demütigung als dass ich, die Mutter des Sháhs, nicht die Macht haben soll, diesen Verbrecher für seine Gemeinheit der verdienten Strafe zuzuführen?" Ihr Geschrei nach Rache, schrill vor ohnmächtiger Wut, sollte folgenlos bleiben. Bahá'u'lláh wurde trotz ihrer Intrigen vor dem Schicksal bewahrt, in das sie Ihn so hartnäckig stürzen wollte. Der Gefangene wurde schließlich aus dem Kerker entlassen und vermochte jenseits der Reichsgrenzen ihres Sohnes eine Herrschaft zu begründen und aufzurichten, wie sie sie selbst im Traum nicht für möglich gehalten hätte. Das in jenem schicksalhaften Jahr zu Tihrán vergossene Blut jener heroischen Schar, die mit Bahá’u’lláh im Gefängnis lag, war das Lösegeld für Seine Befreiung aus der Hand eines Feindes, der darnach trachtete, Ihn daran zu hindern, Sein von Gott gesetztes Ziel zu erreichen. Seit Er die Sache des Báb zu Seiner eigenen gemacht, ließ Er keine Gelegenheit aus, sich für den angenommenen Glauben einzusetzen. Er nahm dieselben Gefahren auf sich, denen sich die Anhänger in der Frühzeit des Glaubens gegenübersahen. Unter den Jüngern des Báb war Er der erste, der das Beispiel gab für Entsagung und Dienst an der Sache. Doch war Sein Leben, wenn auch von Gefahren bedroht, die eine Laufbahn wie die Seine mit sich bringen musste, bewahrt geblieben durch die Vorsehung, die Ihn für eine Aufgabe erwählt hatte, deren öffentliche Verkündigung Ihn in Seiner Weisheit noch zu früh dünkte.
Der Tihrán zerrüttende Terror war nur eine der vielen bedrohlichen Gefahren für Bahá'u'lláhs Leben. In der Kapitale zitterten Männer, Frauen und Kinder unter der Rohheit, mit der die Feinde gegen ihre Opfer vorgingen. Ein Junge namens Abbás, ein früherer Diener bei Hájí Sulaymán-Khán, der aus dem großen Freundeskreis seines Herrn alle Báb-Jünger mit Namen, Zahl und Adresse kannte, wurde jetzt vom Feind als willkommenes Werkzeug für die Verfolgung seiner Pläne benützt. Er hatte sich dem Glauben seines Herrn angeschlossen und betrachtete sich als einen seiner eifrigsten Förderer. Beim Ausbruch der Unruhen wurde er verhaftet und gezwungen, alle zu verraten, von denen er wusste, dass sie dem Glauben angehörten. Mit allen möglichen Versprechungen versuchten sie aus ihm herauszubekommen, wer die Glaubensgenossen seines Herrn waren, und drohten ihm, falls er sich Namen zu nennen weigere, unmenschliche Foltern an. Er gab sein Wort, dass er ihnen willfahren und die Namen und Wohnungen den Leuten des Farrásh-Báshí und Hájibu'd-Dawlih Hájí 'Ali Khan bezeichnen wolle. Man führte ihn durch die Straßen von Tihrán, wobei er angewiesen war, jeden anzuzeigen, der ihm als Anhänger des Báb bekannt war. Auf diese Weise fielen den Leuten des Hájí 'Ali Khan auch eine ganze Reihe von Menschen in die Hände, die er nie gesehen hatte und nicht kannte, Menschen, die keinerlei Beziehung zum Báb und Seiner Sache hatten. [640] Sie konnten nur dadurch ihre Freiheit wieder erlangen, dass sie denen, die sie verhaftet hatten, hohe Bestechungsgelder zahlten. Die Leute des Hájibu'd-Dawlih waren so geldgierig, dass sie 'Abbás aufforderten, besonders solche Personen mit seinem Verrätergruß anzuzeigen, die nach seiner Einschätzung willens und in der Lage seien, große Lösegeldsummen für ihre Freiheit zu bezahlen. Sie zwangen ihn geradezu, solche Personen anzuzeigen mit der Drohung, dass im Weigerungsfall sein eigenes Leben in Gefahr sei. Oft versprachen sie ihm einen Anteil des Geldes, das sie von ihrem Opfer zu erpressen gedachten.
Diesen 'Abbás führten sie auch in den Síyáh-Chál, stellten ihn Bahá'u'lláh vor, dem er früher schon bei verschiedenen Gelegenheiten in der Gesellschaft seines Herrn begegnet war, und hofften, dass er Ihn verriete. Sie versprachen ihm, dass die Mutter des Sháhs ihn reich belohnen würde für seinen Verrat. Jedesmal, wenn Abbás zu Bahá'u'lláh gebracht wurde, stand er einige Augenblicke vor Ihm, sah Ihm ins Gesicht und ging dann weiter, nachdrücklich behauptend, Ihn nie gesehen zu haben. Nach diesem Fehlschlag ihrer Bemühungen verfielen sie auf Gift, in der Hoffnung, damit die Mutter ihres Herrschers für sich zu gewinnen. Sie konnten das Essen, das ihr Gefangener von daheim empfangen durfte, abfangen und das—wie sie hofften—tödliche Gift daruntermischen. Auch diese Maßnahme, obgleich sie Bahá'u'lláhs Gesundheit auf Jahre hinaus zerrüttete, verfehlte ihren Zweck.
Der Feind konnte Ihn schließlich nicht länger als Haupturheber des Attentats ansehen, er beschloss, die Verantwortung für die Tat auf 'Azim zu schieben, den sie nunmehr als den wirklichen Urheber des Verbrechens anklagten. Damit wollten sie sich bei der Mutter des Sháhs Gunst erwerben, nach der sie mächtig gierten. Hájí 'Ali Khan war überglücklich, sie darin zu unterstützen. Weil er selbst an der Verhaftung Bahá'u'lláhs unbeteiligt war, nahm er die sich bietende Gelegenheit beim Schopf und brandmarkte 'Azim, den er schon verhaftet hatte, als verantwortlichen Hauptanstifter.
Der russische Gesandte, der über einen Agenten die Entwicklung der Lage überwachen ließ und sich über die Lebensumstände Bahá'u'lláhs informiert hielt, richtete durch seinen Dolmetscher ein scharf formuliertes Schreiben an den Großwesir, in dem er gegen seine Handlungsweise protestierte und vorschlug, dass ein Vermittler in Begleitung eines vertrauenswürdigen Repräsentanten der Regierung und des Hájibu'd-Dawlih zum Síyáh-Chál gehen und dort den jüngst erkannten Anführer auffordern sollte, offen seine Ansicht über Bahá'u'lláhs Position zu erklären. „Was dieser Anführer erklärt", schrieb er, „ob zu Seinen Gunsten oder zur Anklage, sollte nach meinem Dafürhalten [641] sogleich aufgezeichnet werden und als Grundlage für das endgültige Urteil dienen, das in dieser Sache gefällt werden muss."
Der Großwesir versprach dem Dolmetscher, dem Rat des Gesandten zu folgen, er setzte sogar die Zeit schon fest, da der Vermittler mit dem Regierungsvertreter und dem Hájibu'd-Dawlih zusammentreffen und mit ihnen zum Síyáh-Chál gehen sollte.
Als 'Azim gefragt wurde, ob er Bahá'u'lláh als den verantwortlichen Anführer der Gruppe betrachte, die das Attentat auf den Sháh ausführte, antwortete er: „Der Führer dieser Gemeinde ist niemand anders als der Siyyid-i-Báb, der in Tabriz getötet wurde und dessen Märtyrertod mich veranlasste, mich aufzumachen und Seinen Tod zu rächen. Ich allein habe den Plan gefasst und mich bemüht, ihn auszuführen. Der Junge, der den Sháh vom Pferd riß, war Sádiq-i-Tabrízí, Beschäftigter in einer Zuckerbäckerei in Tihrán und zwei Jahre lang in meinen Diensten. Auch er war, mehr noch als ich, entflammt von dem Verlangen, das Martyrium seines Führers zu rächen. Doch war er zu hastig, und so gelang ihm sein Anschlag nicht."
Diese Erklärung wurde vom Dolmetscher des Gesandten und dem Repräsentanten des Großwesirs aufgezeichnet und Mírzá Áqá Khan vorgelegt. Diesen Dokumenten ist es in erster Linie zu verdanken, dass Bahá'u'lláh aus der Haft entlassen wurde.
'Azim wurde danach den ‘Ulamá ausgeliefert, die sich zwar eifrig bemühten, seinen Tod zu beschleunigen, darin aber gehindert wurden durch das Zaudern von Mírzá Abu'l-Qásim, dem Imám-Jum'ih von Tihrán. Weil der Monat Muharram vor der Tür stand, veranlasste der Hájibu'd-Dawlih die ‘Ulamá, sich im Obergeschoß der Kaserne zu versammeln, wo er auch Gelegenheit fand, den Imám-Jum'ih zu sprechen, der sich nach wie vor weigerte, dem Todesurteil über 'Azim zuzustimmen. Er befahl, den Angeklagten dorthin zu bringen und dort das Urteil gegen ihn abzuwarten. Er wurde roh durch die Straßen getrieben, vom Pöbel verhöhnt und geschmäht. Durch einen spitzfindigen Schachzug gelang es, ein Todesurteil zu erwirken. Ein Siyyid stürzte sich mit einem Knüppel auf ihn und zertrümmerte ihm den Schädel. Die Leute folgten seinem Beispiel. Mit Stöcken, Steinen und Dolchen fielen sie über ihn her und zerfleischten seinen Leib.
Auch Hájí Mírzá Jání gehörte zu denen, die im Verlauf der Unruhen nach dem Attentat auf den Sháh den Märtyrertod starben. Weil der Großwesir ihm nichts antun wollte, wurde er insgeheim getötet.
Die in der Kapitale ausgebrochene Feuersbrunst griff auf die umliegenden Provinzen über und brachte Verwüstung und Elend über zahllose unschuldige Menschen unter den Untertanen des Sháhs. Sie wütete in Mázindarán, Bahá'u’lláhs [642] Heimat, und war Auftakt für Gewalttaten, die sich überwiegend gegen Seine Besitzungen in dieser Provinz richteten. Zwei ergebene Anhänger des Báb, Muhammad-Taqi Khan und 'Abdu'1-Vahháb, beide Bürger von Nur, erlitten infoige dieses Aufruhrs den Märtyrertod.
Als die Feinde des Glaubens zu ihrer Enttäuschung erfuhren, dass die Entlassung Bahá'u'lláhs aus der Gefangenschaft so gut wie sicher sei, versuchten sie Ihn damit, dass sie den Souverän bange machten, in neues Ungemach zu verwickeln und so Seinen Tod zu erreichen. Der närrische Mírzá Yahyá, der in seinen verstiegenen Hoffnungen für sich und seine törichten Helfershelfer eine führende Stellung zu behaupten suchte, wofür er schon lange vergeblich gewühlt hatte, diente dem Feind als weiterer Vorwand, um den Sháh zu drastischen Maßnahmen zur Beseitigung jeden Einflusses, den sein Gefangener in Mázindarán noch haben könnte, zu drängen.
Bei dem Sháh, der sich kaum von seinen Wunden erholt hatte, lösten die eintreffenden Alarmberichte einen unbändigen Rachedurst aus. Er rief nach dem Großwesir und warf ihm vor, in seiner eigenen Provinz nicht für Ruhe und Ordnung unter dem ihm verwandtschaftlich verbundenen Volk gesorgt zu haben. Aus der Fassung gebracht durch den Tadel seines Souveräns, versicherte er, alles tun zu wollen, was er von ihm verlange. Er erhielt den Befehl, sofort einige Regimenter in jene Provinz zu schicken mit dem ausdrücklichen Befehl, rücksichtslos gegen alle Störer der öffentlichen Ruhe vorzugehen. [643]
Obwohl er genau wusste, wie übertrieben die eingegangenen Berichte waren, sah sich der Großwesir Mírzá Áqá Khan durch das Drängen des Sháhs gezwungen, das Shah-Sun-Regiment mit Husayn-Ali Kháiw-Sháh-Sún an der Spitze in das Dorf Tákur, den Ort von Bahá'u'lláhs Heim, im Nur-Distrikt zu beordern. Das Oberkommando übergab er seinem Neffen Mírzá Abú-Tálib Khan, dem Schwager von Mírzá Hasan, einem Halbbruder Bahá'u'lláhs. Er legte ihm dringend nahe, größte Vorsicht und Zurückhaltung zu üben, wenn sie in diesem Dorf kampierten. „Jede Ausschreitung", mahnte er, „ die sich deine Leute zuschulden kommen lassen, wird sich ungünstig auf das Ansehen von Mírzá Hasan auswirken und deine eigene Schwester in Bedrängnis bringen." Er gebot ihm, jene Berichte genau auf ihren Inhalt zu untersuchen sowie in der Gegend jenes Dorfes nicht länger als drei Tage zu lagern.
Der Großwesir rief hernach Husayn 'Ali Khan zu sich und ermahnte ihn, sich mit größter Umsicht und Weisheit zu bewegen. „Mírzá Abú-Tálib ist noch jung und unerfahren", sagte er. „Ich habe ihn nur deshalb gewählt, weil er mit Mírzá Hasan verwandt ist. Ich vertraue darauf, dass er mit Rücksicht auf seine Schwester davon absehen wird, den Einwohnern von Tákur unnötigen Schaden zu verursachen. Weil du ihm an Alter und Erfahrung voraus bist, musst du ihm auch mit gutem Beispiel vorangehen und ihm immer vor Augen halten, dass es nötig ist, sowohl den Interessen der Regierung wie auch des Volkes zu dienen. Du darfst keinesfalls zulassen, dass er etwas unternimmt ohne vorherige Absprache mit dir." Er versicherte Husayn-'Ali Khan, dass er die Hauptleute in jenem Distrikt schriftlich angewiesen habe, ihm bei Bedarf jederzeit zu Hilfe zu kommen.
Doch Mírzá Abú Tálib Khan vergaß in seiner stolzen Begeisterung den Rat zur Mäßigung, den ihm der Großwesir erteilt hatte. Er schlug auch die dringenden Appelle von Husayn-'Ali Khan in den Wind, der ihn drängte, keine unnötigen Konflikte mit der Bevölkerung vom Zaun zu brechen. Er hatte kaum den nicht weit von Tákur gelegenen Grenzpass zwischen dem Distrikt Nur und ,der Nachbarprovinz erreicht, da befahl er seinen Leuten, sich zum Angriff auf die Einwohner des Dorfes vorzubereiten. Husayn-'Ali Khan rannte verzweifelt zu ihm hin und beschwor ihn, davon abzulassen. „Ich", erwiderte Mírzá Abú-Tálib hochfahrend, „bin dein Vorgesetzter und bestimme die Maßnahmen, die getroffen werden, und auf welche Weise ich meinem Souverän dienen will."
So wurde ein überraschender Angriff auf die wehrlosen Leute von Tákur eröffnet. Erstaunt über den unerwarteten, heftigen Überfall, wandten sie sich an Mírzá Hasan, der seinerseits Mírzá Abú-Tálib aufsuchte, jedoch abgewiesen wurde. Der Befehlshaber ließ ihm ausrichten: „Sag ihm, dass ich von meinem [644]
Souverän beauftragt bin, in diesem Dorf die Bevölkerung auszurotten, die Frauen einzufangen und ihren Besitz zu beschlagnahmen. Dir zuliebe bin ich aber bereit, die in dein Haus geflüchteten Frauen zu verschonen."
Mírzá Hasan war entrüstet über diese Abweisung, er tadelte ihn streng, verurteilte scharf die Handlungsweise des Sháhs und ging nach Hause. Die Männer im Dorf hatten indessen die Häuser verlassen und sich in die umliegenden Berge geflüchtet. Die ihrem Schicksal überlassnen Frauen begaben sich in das Haus von Mírzá Hasan und flehten um Schutz vor dem Feind. [645]
Die erste Tat von Mírzá Abú-Tálib Khan richtete sich gegen das Haus, das Bahá'u'lláh von Seinem Väter, dem Wesir, geerbt hatte und das jetzt allein Sein Eigentum war. Dieses Haus war fürstlich eingerichtet und kostbar mit wertvollen Gefäßen geschmückt. Er befahl seinen Leuten, all diese Schatztruhen aufzubrechen und den Inhalt mitzunehmen. Was sie nicht tragen konnten, sollten sie zerstören, befahl er. Manches wurde zertrümmert, anderes verbrannt. Die Zimmer, die prachtvoller waren als diejenigen im Palast zu Tihrán, wurden irreparabel demoliert, die Balken verbrannt, die Verkleidungen gänzlich zerstört.
Als nächstes wandte er sich gegen die Häuser der Einwohnerschaft und machte sie dem Erdboden gleich, nachdem er alles Wertvolle, das sie bargen, an sich und seine Leute gebracht hatte. Das ganze Dorf, ausgeplündert und von seinen männlichen Bewohnern verlassen, wurde den Flammen übergeben. Weil er keine gesunden Männer finden konnte, ließ er in den umliegenden Bergen eine Suche veranstalten. Wenn welche gefunden würden, sollten sie erschossen oder gefangengenommen werden. Aber alles, was sie aufgreifen konnten, waren ein paar alte Männer und Hirten, die bei ihrer Flucht vor dem Feind nicht weiter gekommen waren. Zwei Männer sahen sie neben einem Bach in einiger Entfernung am Hang eines Berges liegen; ihre in der Sonne glitzernden Waffen hatten sie verraten. Sie sahen, dass sie schliefen, und schössen auf die beiden über den Bach, der die Angreifer von den Opfern trennte. Dann erkannten sie, dass es 'Abdu'1-Vahháb und Muhammad-Taqi Khan waren. Der erstere war tot, der andere schwer verletzt. Sie wurden zu Mírzá Abú-Tálib gebracht, der alles tat, um das für seinen Mut weitberühmte Opfer am Leben zu halten und als Siegestrophäe mit nach Tihrán zu nehmen. Doch seine Bemühungen waren vergeblich, Muhammad-Taqi Khan starb zwei Tage später an seinen Wunden. Die wenigen Männer, die sie einfangen konnten, wurden in Ketten nach Tihrán geführt und in dasselbe unterirdische Verlies geworfen, wo Bahá'u'lláh gefangen gelegen hatte. Unter ihnen war auch Mulla 'Alí-Bábá, der zusammen mit einer Anzahl Mitgefangenen in diesem Verlies an den erduldeten Strapazen zugrunde ging.
Im Jahr darauf wurde Mírzá Abú-Tálib von einer Seuche befallen und in elendem Zustand nach Shimírán gebracht. Er lag auf dem Krankenbett, gemieden selbst von seinen nächsten Verwandten, bis jener Mírzá Hasan, den er so hochmütig gekränkt hatte, ihm in den Tagen dieser Demütigung und Verlassenheit seine Pflege und seine Gesellschaft anbot. Er stand schon an der Schwelle des Todes, als ihn der Großwesir einmal besuchte und niemanden an seinem Krankenbett vorfand als den, gegen den er sich so unverschämt vergangen hatte. [646] Am selben Tag verendete der elende Gewaltmensch, bitter enttäuscht, dass all seine schönen Hoffnungen fehlgeschlagen waren.
Die Erregung in Tihrán, deren Folgen in Nur und Umgebung so heftig zu spüren waren, verbreiteten sich bis nach Yazd und Nayrfe, wo eine beachtliche Anzahl von Báb-Jüngern verhaftet und zu Tode gemartert wurden. Der Schock dieser großen Erschütterung schien wirklich in ganz Persien spürbar. Ihre Wellen schlugen bis in die abgelegensten Weiler der letzten Provinz und brachten ungezähltes Leid über die Hinterbliebenen der verfolgten Gemeinde. Lokalgewaltige wie ihre Untergebenen ergriffen aus Habgier und Rachsucht die Gelegenheit, sich zu bereichern und die Gunst ihres Herrschers zu gewinnen. Erbarmungslos, ohne Maß, ohne Scham, war ihnen jedes noch so gemeine, ungerechte Mittel recht, um aus den Unschuldigen Gewinn für die eigene Tasche zu erpressen. Alle Regeln von Recht oder Anstand für nichts achtend, verfolgten, verhafteten und folterten sie jeden, den sie als Bábí verdächtigten, und informierten dann eilends Násiri'd-Dín Sháh in Tihrán von ihren Siegen über einen so abscheulichen Gegner.
In Nayriz zeigte sich der Aufruhr in seinem ganzen Ausmaß in der Art, wie die Herrschenden und das Volk die Bab-Anhänger behandelten. Etwa zwei Monate nach dem Attentat auf den Sháh zeichnete sich ein junger Mann namens Mírzá 'Ali—sein ungewöhnlicher Wagemut trug ihm den Beinamen 'Aliy-i-Sardár ein—dadurch aus, dass er mit größter Hingabe für die Überlebenden des im Tod Vahids und seiner Paladine gipfelnden Kampfes sorgte. Oft sah man ihn in dunkler Nacht seine Unterkunft verlassen, beladen mit allen erreichbaren Hilfsgütern für die Witwen und Waisen, die an den Folgen jener Tragödie zu leiden hatten. Großzügig verteilte er Nahrungsmittel und Kleider an die Notleidenden, linderte ihre Sorgen und tröstete sie in ihrem Kummer. Einige unter Mírzá 'Alis Gefährten hatte der Anblick der andauernden Leiden dieser Unschuldigen in solchen Unmut versetzt, dass sie ihr Rachegelüst an Zaynu'l-'Ábi-dín Khan auszulassen gedachten, der noch in Nayriz wohnte und in ihren Augen der Urheber allen Unglücks war. Weil sie glaubten, dass er immer noch den Wunsch hege, sie mit weiteren Leiden zu bedrücken, beschlossen sie, ihn umzubringen. Sie überraschten ihn im öffentlichen Bad und hatten Erfolg. Das führte zu einem Aufstand, der in seiner Endphase das schreckliche Blutbad von Zanjan in Erinnerung rief.
Zaynu'l-'Ábidín Kháns Witwe bedrängte Mírzá Na'ím, der die Zügel der Amtsgewalt in Händen hielt und derzeit in Shíráz residierte, ihres Gatten Blut zu rächen, und versprach ihm ihre Juwelen und alles, was er sich aus ihrem Besitz wünsche, zum Lohn. Mittels Verrat konnten die Behörden eine beträchtliche Anzahl Bab-Anhänger gefangennehmen, von denen viele brutal geprügelt [647] wurden. Alle kamen ins Gefängnis und harrten einer Entscheidung aus Tihrán, Der Großwesir legte die erhaltene Namensliste mit dem begleitenden Bericht dem Sháh vor, der seine höchste Genugtuung über den Erfolg seines Repräsentanten in Shíráz zum Ausdruck brachte und ihn für seinen bedeutsamen Dienst reichlich belohnte. Die Gefangenen ließ er in die Hauptstadt bringen.
Ich wage nicht zu schildern, in welchem Blutbad diese Episode endete. Ich möchte den Leser auf den lebendigen und ins einzelne gehenden Bericht verweisen, den Mírzá Shafí'-i-Nayrízí in einem besonderen Büchlein wiedergibt, wo er genau und sprachmächtig jeden Zug dieses bewegenden Geschehens beschreibt. Es genügt festzuhalten, dass nicht weniger als einhundertachtzig tapfere Jünger des Báb den Märtyrertod erlitten. Ähnlich hoch ist die Zahl der Verwundeten, welche nun, obgleich sie infolge ihrer Gebrechen dazu nicht in der Lage waren, nach Tihrán aufbrechen mussten. Von ihnen überlebten nur achtundzwanzig Personen die beschwerliche Reise in die Hauptstadt. Von den achtundzwanzig wurden fünfzehn noch am Ankunftstag an den Galgen gebracht. Die übrigen wurden ins Gefängnis geworfen und mussten dort zwei Jahre lang unter schrecklichen Qualen schmachten. Wenn sie auch schließlich wieder freikamen, gingen viele auf dem Heimweg zugrunde, erschöpft von den Prüfungen einer langen, grausamen Gefangenschaft.
Viele ihrer Glaubensgenossen wurden in Shíráz getötet auf Befehl von Tahmásb-Mírzá. Die Köpfe von zweihundert dieser Opfer wurden auf Bajonette gespießt und von den Unterdrückern im Triumphzug nach Ábádih [648] getragen, einem Dorf in Fárs. Sie hatten die Absicht, sie nach Tihrán zu bringen, aber da kam ein Bote vom Hof mit dem Befehl, dies zu unterlassen, worauf sie die Köpfe in jenem Dorf begruben.
Die Frauen, es waren sechshundert, wurden zur Hälfte in Nayriz freigelassen, die übrigen nach Shíráz gebracht, wobei sie jeweils zu zweit auf einem ungesattelten Pferd reiten mussten. Dort wurden sie schweren Foltern unterworfen und dann ihrem Schicksal überlassen. Viele kamen schon auf dem Weg zur Stadt um, viele starben an den Leiden, die sie zu ertragen hatten, ehe sie die Freiheit wiedererlangten. Meine Feder sträubt sich vor Entsetzen, wenn sie zu beschreiben versucht, was den tapferen Männern und Frauen widerfuhr, die für ihren Glauben so bitter leiden mussten. Die barbarische Grausamkeit, mit der gegen sie vorgegangen wurde, erreichte im Endstadium jener jammervollen Episode ihr Höchstmaß an Niedertracht. Was ich über die Schrecken der Schlacht von Zanjan zu erzählen versucht habe, von der Schmach, mit der Hujjat und seine Gefährten überhäuft wurden, verblasst vor den grellen Rohheiten, die ein paar Jahre später in Nayriz und Shíráz begangen wurden. Eine fähigere Feder als die meine wird sicher einmal die unaussprechliche Barbarei in all ihren schlimmen Einzelheiten schildern und ein Epos überliefern, das, so düster auch seine Züge, für immer eines der edelsten Zeugnisse des Glaubens sein wird, mit dem die Sache des Báb Seine Anhänger zu beseelen vermochte. 216 [649]
Das Geständnis von 'Azim befreite Bahá'u'lláh aus der Lebensgefahr, in der Er geschwebt hatte. Dass derjenige, der sich .selbst als der Haupturheber des Verbrechens gestellt hatte, nun tot war, ließ die Wut sich legen, mit der ein aufgebrachter Mob nach sofortiger Strafe auf das verwegene Attentat grölte. Die Wut- und Racheschreie, die Rufe nach rascher Vergeltung, die sich bislang [650] auf Bahá'u'lláh konzentrierten, waren nun von Ihm abgelenkt. Die wilden Anklagen ließen langsam nach. In den Köpfen der verantwortlichen Behörden in Tihrán griff die Überzeugung Platz, dass Bahá'u'lláh, bisher angeblich der Erzfeind Násiri'd-Dín Sháhs, keineswegs in irgendwelche Verschwörungen gegen den Souverän verwickelt war. Mírzá Áqá Khan konnte es darum wagen, [651] seinen vertrauten Repräsentanten, einen Mann namens Hájí 'Ali, zum Síyáh-Chál zu schicken, um dem Gefangenen Seine Entlassung mitzuteilen.
Der Anblick, der sich dem Emissär bei seiner Ankunft dort bot, überraschte ihn und machte ihm Kummer. Was er mit eigenen Augen sah, konnte er kaum glauben. Tränenden Auges erblickte er Bahá’u’lláh in Ketten auf dem von Ungeziefer bedeckten Boden, den Nacken niedergebeugt vom Gewicht quälender Ketten, Sein Antlitz verhärmt, zerzaust und ungepflegt, musste Er die Pestluft des schrecklichsten aller Verliese atmen. „Verflucht sei Mírzá Áqá Khan!u brach es aus ihm hervor, als seine Augen Bahá'u'lláh in der umgebenden Finsternis erkannten. „Ich hätte mir weiß Gott nie vorstellen können, dass Ihnen eine derart erniedrigende Gefangenschaft zugemutet würde. Nie hätte ich gedacht, dass der Großwesir eine dermaßen verruchte Tat wagte." [652]
Er nahm den Mantel von seinen Schultern und reichte ihn Bahá'u'lláh mit der Bitte, ihn in der Gegenwart des Ministers und seiner Räte anzulegen. Bahá'u'lláh lehnte ab und begab sich in Gefangenenkleidung geradewegs zum Sitz der kaiserlichen Regierung.
Das erste Wort, das sich der Großwesir an seinen Gefangenen zu richten bemüßigt fühlte, war: „Wären Sie meinem Rat gefolgt und hätten sich vom Glauben des Siyyid-i-Báb distanziert, so wäre Ihnen die leidvolle und schimpfliche Behandlung erspart geblieben." Bahá'u'lláh erwiderte: „Hätten Sie Ihrerseits meinen Rat beherzigt, so wäre die Regierung jetzt nicht in eine so kritische Lage geraten." [653]
So wurde er gleich an das Gespräch erinnert, das er mit Ihm anlässlich des Märtyrertodes des Báb hatte. Bahá'u'lláhs Worte: ,die jetzt entfachte Flamme wird heftiger denn je auflodern', gingen ihm blitzartig durch den Sinn und er bemerkte: „Ihre Warnung hat sich leider bewahrheitet. Was raten Sie mir jetzt zu tun?" „Befehlen Sie den Gouverneuren des Reiches", war die bestimmte Antwort, „nicht länger das Blut der Unschuldigen zu vergießen, nicht länger ihr Hab und Gut zu plündern, nicht länger ihre Frauen zu schänden und ihre Kinder zu quälen. Sie sollen nicht länger die Religion des Báb verfolgen; sie sollen ihre aberwitzige Vorstellung aufgeben, sie könnten deren Anhänger austilgen."
Noch am selben Tag ergingen Befehle durch Rundschreiben an alle Gouverneure des Reiches, die sie aufforderten, all ihre Gräuel- und Schandtaten einzustellen. „Was ihr getan habt, ist genug", schrieb ihnen Mírzá Áqá Khan. „Hört nun auf damit, die Leute gefangenzunehmen und zu strafen. Stört nicht länger den Frieden und die Ruhe eurer Landsleute." Die kaiserliche Regierung hatte sich zu der wirksamsten Maßnahme entschlossen, die das Land ein für allemal von dem Kurs abbringen sollte, der ihm so viel Ungelegenheit bereitete. Bahá'u'lláh hatte kaum die Freiheit wiedererlangt, da wurde Ihm der Entscheid der Regierung zugestellt, dass Er binnen eines Monats nach Erhalt dieses Befehls mit Seiner Familie Tihrán zu verlassen und sich nach einem Ort außerhalb der Grenzen Persiens zu begeben habe.
Als der russische Gesandte von der Aktion erfuhr, die die Regierung vorhatte, erbot er sich, Bahá'u'lláh unter seinen Schutz zu stellen, und lud Ihn ein, nach Rußland zu kommen. Er lehnte das Angebot ab und zog es vor, nach dem 'Iráq zu gehen. Neun Monate nach Seiner Rückkehr von Karbilá, am ersten Tag des Monats Rabí'u'th-Thání des Jahres 1269 n.d.H. 217 brach Bahá'u'lláh von Tihrán auf, begleitet von Seinen Familienmitgliedern, darunter dem Größten Zweig 218 und Áqáy-i-Kalím 219, sowie einer Leibwache des Reiches und einem offiziellen Vertreter der russischen Gesandtschaft, zu Seiner Reise nach Baghdád. [654]
EPILOG
Niemals stand es um die Geschicke des vom Báb verkündeten Glaubens schlechter als zu der Zeit, da Bahá'u'lláh aus Seiner Heimat nach dem 'Iráq verbannt wurde. Die Sache, für die der Báb Sein Leben gegeben, Bahá'u'lláh Sich eingesetzt und gelitten hatte, sah sich am Rand ihrer Vernichtung. Ihre Kraft schien erschöpft, ihr Widerstand endgültig gebrochen. Rückschläge und Niederlagen, jede folgenschwerer als die vorhergehende, waren in bestürzender Schnelle einander gefolgt, hatten ihre tapfersten Verfechter bis ins Mark geschwächt und ihre Hoffnung untergraben. Und wirklich mag es einem flüchtigen Leser dieser Seiten so erscheinen, als sei der ganze Bericht Nabils von Anfang an eine Aufzählung von Rückschlägen, Massakern, Demütigungen und Enttäuschungen, eine schlimmer als die andere, gipfelnd schließlich in Bahá'-u'lláhs Verbannung aus Seinem Heimatland. Für den skeptischen Leser, der nicht die himmlische Gewalt in diesem Glauben erkennen will, mag es so aussehen, als ob sein Konzept, das der göttliche Urheber im Sinn hatte, von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Das Werk des Báb, so herrlich verfasst, so heroisch verwirklicht, scheint in einer gewaltigen Katastrophe ausgegangen zu sein. So betrachtet, muss das Leben des unglücklichen. Jünglings aus Shíráz mit seinen grausamen Schicksalsschlägen als eines der traurigsten und nutzlosesten erscheinen, das je einem Sterblichen beschieden war. Dieses kurze Heldenleben, das rasch wie ein Meteor an Persiens Himmel aufleuchtete und eine Zeitlang das langersehnte Licht der ewigen Erlösung in dieses finstere Land auszustrahlen schien, stürzte schließlich in einen Abgrund von Dunkel und Verzweiflung.
Jeder Schritt, den Er tat, alles, was Er unternahm, vermehrte nur Kummer und Sorgen, die Seine Seele bedrückten. Sein am Beginn Seiner Laufbahn gefasster Plan, Seine Sendung durch eine öffentliche Verkündigung in den heiligen Städten Mekka und Medina einzuführen, ließ sich nicht so verwirklichen, wie Er gehofft hatte. Der Scherif von Mekka empfing Quddus, der ihm Seine Botschaft zu überbringen beauftragt war, mit kühler Gleichgültigkeit und verriet damit nur die verächtliche Geringschätzung, welche der Regent des Hijáz und Wächter seiner Ka'bih für die Sache eines Jünglings aus Shíráz übrig [655] hatte Sein Vorsatz, von der Pilgerreise im Siegeszug nach Karbilá und Ifajaf zurückzukehren, wo Er Seine Sache im Herzen dieser Hochburgen schiitischer Rechtgläubigkeit aufzurichten hoffte, schlug ebenso fehL Das ersonnene Programm, mit dessen Wesenszügen er schon Seine neunzehn erwählten Junger vertraut gemacht hatte, blieb größtenteils unausgeführt. Sein Mahnruf zur Mäßigung wurde im ersten Begeisterungssturm der frühen Sendboten Seines Glaubens vergessen—und deren Verhalten war in hohem Maße verantwortlich für den Fehlschlag Seiner sehnlich gehegten Hoffnungen. Der Mu'tamid, dieser weise und kluge Herrscher, der so umsichtig die Sein kostbares Leben bedrohende Gefahr im Auge behielt und Ihm so wertvolle Dienste erwies, wie sie unter Seinen bescheideneren Gefährten nur wenige hätten leisten können, wurde Ihm plötzlich entrissen und hinterließ Ihn auf Gnade und Ungnade dem heimtückischen Gurgln Khan, dem verabscheuungswürdigsten und gewissenlosesten all Seiner Feinde. Die einzige Chance des Báb, mit Muhammad Shah zusammenzutreffen, eine Begegnung, die Er selbst verlangt und auf die Er die größten Hoffnungen gesetzt hatte, wurde durch die Einmischung des feigen und launischen Hájí Mírzá Áqásí hintertrieben, der schon bei dem Gedanken zitterte, dass ein Zusammentreffen zwischen Ihm und dem ohnehin schon dieser Sache ungebührlich wohlgesinnten Souverän seinen eigenen Interessen gefährlich werden könnte. Die vom Báb angeregten und geförderten Bemühungen zweier Seiner vornehmsten Jünger, Mulla 'Alíy-i-Bastámí und Shaykh Sa'id-i-Hindi, den Glauben einerseits in türkisches Gebiet, andererseits in Indien einzuführen, nahmen ein düsteres Ende. Das erste Unternehmen brach mit dem grausamen Märtyrertod seines Förderers schon am Anfang zusammen, während das andere ein recht schmales Ergebnis zeitigte—seine Frucht war nur die Bekehrung eines Siyyids, dessen wechselvolle Laufbahn des Dienens durch die ruchlose Tat des Íldirím Mírzá in Luristán plötzlich abbrach. Die Gefangenschaft, zu der der Báb für die meisten Jahre Seiner Wirksamkeit verurteilt war, Seine Isolation in den Bergfesten Ádhirbáyjáns, fern dem Stamm Seiner von einem raubgierigen Feind schwer geprüften Anhängerschaft, vor allem das Trauerspiel Seines eigenen bitteren Martyriums, so schrecklich erniedrigend, erscheint als der Tiefpunkt an Schmach, zu der eine so edle Sache von Anfang an verurteilt war. Sein Tod, Gipfelpunkt einer schnellen, stürmischen Laufbahn, schien das Ende einer trotz heroischen Bemühens unerfüllbaren Aufgabe zu besiegeln.
So sehr Er selbst zu leiden hatte, war doch die Ihm zugefügte Todesqual ein Tropfen im Regen der Trübsale, die über Seine vielen getreuen Nachfolger niedergingen. Der Leidenskelch, den Seine Lippen berührten, sollte bis zur Neige geleert werden von denen, die Ihn überlebten. Die Katastrophe von [656] Shaykh Tabarsí, die Ihn mit Quddus und Mulla Husayn Seiner fähigsten Standartenträger beraubte und dreihundertdreizehn tapfere Gefährten in den Abgrund riß, traf Ihn als der grausamste Schlag von allen und hüllte die zur Neige gehenden Tage Seines Lebens in dichte Finsternis. Der Kampf in Nayriz mit seinen Schrecken und Grausamkeiten, mit dem Verlust Vahids, des gelehrtesten, einflussreichsten und gebildetsten unter den Anhängern des Báb, bedeutete für die Hilfsquellen und die Zahl derer, die immer noch die Fackel in Händen trugen, einen weiteren Schlag. Die im Kielwasser dieses über den Glauben hereinbrechenden Unheils schnell folgende Belagerung in Zanjan, gekennzeichnet durch Gemetzel, die für alle Zeiten den Namen dieser Provinz brandmarkten, lichtete aufs neue die Reihen der tapferen Glaubensträger und beraubte sie der stärkenden Kraft, mit der sie Hujjats Anwesenheit beseelte. Mit ihm war die letzte hervorstechende Gestalt unter den führenden Repräsentanten des Glaubens dahingegangen, die an geistlicher Autorität, Gelehrsamkeit, Furchtlosigkeit und Charakter hoch über die Reihen ihrer Mitjünger aufragten. In einem grausamen Blutbad war die Blüte der Anhänger des Báb niedergemäht, zurück blieb eine große Schar versklavter Frauen und Kinder, seufzend unter erbarmungslosem feindlichem Joch. Auch ihre Führer, die mit ihrem Wissen und ihrem Beispiel die Glaubensflamme in den tapferen Herzen genährt und wachgehalten hatten, waren umgekommen und hatten ihr Werk gleichsam abgebrochen in den Wirren, in die die verfolgte Gemeinde gestürzt war.
Von allen, die sich als fähig erwiesen hatten, das vom Báb Seinen Anhängern in die Hände gelegte Werk fortzuführen, war nur Bahá'u'lláh übriggeblieben. 220 Alle anderen waren durch Feindes Schwert gefallen. Mírzá Yahyá, der nominelle Führer der Schar, die den Báb überlebte, hatte sich vor den Gefahren und Unruhen in der Hauptstadt unrühmlich in die Berge von Mázindarán verzogen. Als Derwisch verkleidet, die Kashkúl 221 in der Hand, hatte er die Gefährten sitzengelassen, hatte die Flucht ergriffen vom Schauplatz der Gefahr in die Wälder von Gílán. Siyyid Husayn, der Sekretär des Báb, und Mírzá Ahmad, [657] sein Mitarbeiter, beide in den Lehren des kürzlich offenbarten Bayán und seinen Folgerungen bestens bewandert, wären aufgrund ihres persönlichen Umgangs mit ihrem Herrn und ihrer Vertrautheit mit den Inhalten Seiner Religion in der Lage gewesen, ihren Gefährten Verständnis zu vermitteln und sie im Glauben zu vertiefen, doch lagen sie im Síyáh-Chál von Tihrán in Ketten, völlig abgeschnitten von den übrigen Gefährten, die ihres Rats so sehr bedurften, beide dazu verurteilt, bald einen grausamen Märtyrertod zu sterben. Auch Sein Onkel von Mutterseite, der Ihn von Kind auf mit seiner väterlichen Sorge umhegte, wie kein Vater es besser gekonnt hätte, der Ihm während Seiner frühen Leidenszeit in Shíráz eine beachtliche Hilfe war und, hätte er Ihn nur um einige Jahre überlebt, Seiner Sache unschätzbare Dienste hätte leisten können, schmachtete im Gefängnis, verlassen und ohne jede Aussicht, sein Werk, das ihm so am Herzen lag, fortsetzen zu können. Táhirih, dieses flammende Symbol Seiner Sache, die mit ihrem unbezähmbaren Wagemut, ihrem draufgängerischen Wesen und ihrem unerschrockenen Glauben, mit ihrem Feuereifer und umfassenden Wissen eine Zeitlang die gesamte Weiblichkeit von Persien für die Sache ihres Geliebten gewinnen zu können schien, fiel, ach, zur selben Stunde, da ihr der Sieg winkte, einem wutschnaubenden, lästerlichen Feind zum Opfer. Der Einfluss ihres so vorzeitig abgebrochenen Lebenswerks schien den Zurückgebliebenen, als ihr Leichnam in die als Grab dienende Grube hinabgelassen wurde, völlig erloschen. Die übriggebliebenen Buchstaben des Lebendigen waren entweder durch das Schwert gefallen oder lagen in Ketten und Banden oder lebten verborgen in irgendeinem abgelegenen Winkel des Reiches. Dem großen Schatz an Schriften des Báb widerfuhr größtenteils ein nicht weniger demütigendes Schicksal als Seinen Jüngern. Viele Seiner gewaltigen Werke waren vernichtet, andere zerrissen und verbrannt, einige verdorben, viele vom Feind beschlagnahmt, und was übrig blieb, ein Haufen ungeordneter, unentzifferter Manuskripte, unsicher aufbewahrt und weit unter den überlebenden Gefährten zerstreut.
Der Glaube, den der Báb verkündet und für den Er alles hingegeben hatte, war wirklich auf seinem Tiefpunkt angelangt. Die Feuer, die wider ihn entfacht wurden, hatten sein ganzes Gefüge, wovon sein Weiterbestehen abhing, fast zerrüttet. Es schien, als schwebten Todesschwingen über ihm. Seinem Lebenslicht drohte offenbar unaufhaltsam völliges Verlöschen. Inmitten der Schatten, die ihn dicht umgaben, leuchtete allein die Gestalt Bahá'u'lláhs als letzter Retter für eine rasch sich ihrem Ende zuneigende Sache. Die Zeichen einer klaren Schau, des Mutes und der Klugheit, die Er mehr als einmal bewies, seit Er Sich für die Sache des Báb einsetzte, ließen Ihn als Den erscheinen, der die Geschicke eines sterbenden Glaubens neu beleben konnte, sofern Sein Leben und Bleiben [658] in Persien sicher war. Aber dies sollte nicht sein. Eine Katastrophe ohne Beispiel in der ganzen Geschichte des Glaubens führte zu einer Verfolgung, die, heftiger als jede vorangegangene, nun auch Bahá'u'lláh selbst in ihren Strudel riß. Auch die letzten zagen Hoffnungen der übriggebliebenen Gefährten zerschlugen sich in den hereinbrechenden Wirren. Denn Bahá'u'lláh, auf Den sie ihr ganzes Vertrauen setzten, ihre einzige Hoffnung, war von diesem Sturm so angeschlagen, dass an Genesung kaum noch zu denken war. Nachdem Er Seiner Besitzungen in Nur und Tihrán beraubt, als Anstifter des heimtückischen Attentats auf den Souverän denunziert, von Seiner ganzen Verwandtschaft im Stich gelassen und von früheren Freunden und Bewunderern verachtet, in ein finsteres, verseuchtes Verlies geworfen und schließlich mit Seiner Familie über die Grenzen Seines Heimatlandes in ein hoffnungsloses Exil vertrieben worden war, schienen alle Hoffnungen, die sich an Ihn als den möglichen Erlöser dieses unterdrückten Glaubens geheftet hatten, eine Zeitlang völlig zerstoben.
Kein Wunder, dass Násiri'd-Dín Sháh, unter dessen Augen und auf dessen Veranlassung diese Schläge ausgeteilt wurden, sich schon damit brüstete, der Vernichter dieser Sache zu sein, gegen die er unentwegt gekämpft und die er endlich, wie es aussah, hatte zerschlagen können. Kein Wunder, dass er sich im Nachdenken über die einzelnen Stadien dieses gewaltigen, bluttriefenden Abenteuers einbildete, mit seiner Unterschrift unter das Verbannungsurteil die Totenglocke für die verhasste Häresie zu läuten, die sein Volk in solche Schrecken gestürzt hatte. Für Násiri'd-Dín Sháh sah es in diesem erhebenden Augenblick so aus, als ob der schreckliche Bann gebrochen sei, als ob die Flut, die sein Land überschwemmt hatte, zurückwiche und seinen Laridsleuten den Frieden ließe, nach dem sie schrien. Jetzt, da der Báb nicht mehr am Leben, jetzt, da die mächtigen Säulen Seiner Sache zu Staub zerborsten, jetzt, da die Masse ihrer Anhänger im Lande weit und breit entmutigt und erschöpft, jetzt, da Bahá'u'lláh selbst, die einzige Hoffnung der führerlosen Gemeinde, ins Exil getrieben war und von selbst nahe den Hochburgen des schiitischen Fanatismus' Zuflucht gesucht hatte, war das Gespenst, das ihn seit seiner Thronbesteigung verfolgt hatte, für immer verschwunden. Nie wieder, meinte er, würde er von dieser abscheulichen Bewegung hören, die, wenn er seinen besten Ratgebern trauen konnte, schnell in die Schatten der Ohnmacht und des Vergessens zurücksänke. 222 [659]
Wie sich denken lässt, mochte es selbst den Anhängern des Glaubens, die alle ihrer Sache aufgebürdeten Greuel überstanden hatten,—selbst jener kleinen Karawane, die im tiefen Winter durch die verschneiten Gebirge über die irakische Grenze zog, 223 mit vielleicht wenigen Ausnahmen, für einen Moment so erschienen sein, als ob die Sache des Báb ihr Ziel verfehlt hätte. Die Mächte der Finsternis, die sie von allen Seiten umgab, schienen letztlich über das Licht, welches der junge Prinz der Herrlichkeit in Seinem Land entzündet hatte, triumphiert und es ausgelöscht zu haben.
Jedenfalls zählte in Násiri'd-Dúi Sháhs Augen die Macht nicht länger, die in ihrem Umkreis eine Zeitlang die gesamte Streitkraft des Reiches hinwegzufegen schien. Von Anfang an unter Unglückssternen, musste sie am Ende der Gewalt seines Schwertes weichen. Der Glaube war—gewiss wohlverdient—zusammengebrochen. Befreit von dem Fluch, der ihm viele Nächte den Schlaf geraubt hatte, konnte er sich jetzt mit ungeteilter Aufmerksamkeit ans Werk machen und seinem Land Erholung von den verheerenden Folgen dieses heillosen Irrglaubens verschaffen. Seine wahre Aufgabe sah er hinfort darin, Kirche und Staat in ihren Grundlagen zu festigen und gegen das Aufkommen ähnlicher Häresien zu stärken, die in Zukunft das Leben seiner Landsleute vergiften könnten.
Wie hohl war doch sein Wahn, wie groß seine Verblendung! Die Sache, die er so selbstgefällig ausgelöscht zu haben wähnte, war noch am Leben und sollte aus dem großen Umbruch wiederauferstehen, stärker, reiner und edler denn je. Die Sache, die in der Vorstellung dieses törichten Monarchen ihrer Vernichtung zueilte, ging lediglich durch die Feuerprobe einer Übergangsphase, die sie einen weiteren Schritt auf dem Weg zu ihrem hohen Ziel trug. In ihrer Geschichte wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen, ruhmreicher als jedes frühere über ihren Beginn und Aufstieg. Die Unterdrückung, womit dieser Monarch ihren Untergang besiegelt zu haben glaubte, war nur der Auftakt für eine Entwicklung, die zur Reifezeit in einer Offenbarung aufblühen sollte, mächtiger als jene, die der Báb selbst verkündigt hatte. Der Same, den Seine Hand gesät, sollte, obgleich eine Zeitlang beispiellos wütenden Stürmen ausgesetzt und trotz seiner Verpflanzung in fremden Boden, sich weiterhin entwickeln und zur rechten Zeit zu einem Baum heranwachsen, der seine schützende Krone über alle Völker und [660] Geschlechter der Erde ausbreitet. Mochten die Jünger des Báb gequält und getötet, Seine Gefährten gedemütigt und niedergedrückt sein, mochten Seine Anhänger an Zahl dahingeschwunden und des Glaubens Stimme unter der Waffengewalt verstummt sein, mochte sein Geschick von Verzweiflung geprägt und seine tüchtigsten Verteidiger abtrünnig geworden sein—doch hatte es keine Hand vermocht, die in Seinem Wort beschlossene Verheißung hinwegzuraffen, und keine Macht konnte ihr Aufkeimen und Wachsen verhindern.
Tatsächlich zeichnete sich schon in dem Dunkel, das Bahá'u'lláh im Síyáh-Chál von Tihrán 224 umgab, der erste Schimmer der anbrechenden Offenbarung ab, als deren Vorläufer sich der Báb bezeichnet und auf deren Kommen und sicheres Eintreffen Er wiederholt angespielt hatte. 225 Die aus der gewaltigen Offenbarung des Báb erwachsene Kraft, die sich später in all ihrer Herrlichkeit entfalten und den ganzen Erdball umfangen sollte, pulsierte schon in Bahá'-u'lláhs Adern, als Ihm in Seiner Zelle das Schwert des Henkers drohte. Die sanfte Stimme, die dem Gefangenen in der Stunde bitterster Qual die Offenbarung ankündigte, zu deren Sprachrohr Er erwählt war, konnte gewiss nicht zu den Ohren des Monarchen dringen, der sich schon zur Siegesfeier über den Glauben anschickte, für den sich sein Gefangener eingesetzt hatte. Diese Gefangenschaft, mit der ihr Urheber glaubte, den guten Namen Bahá'u'lláhs in den Schmutz ziehen zu können, und die er als Vorstufe der noch demütigenderen Verbannung in den 'Iráq ansah, war in Wirklichkeit die Bühne, auf der sich die ersten Regungen der Bewegung zeigten, deren Autor Bahá'u'lláh sein sollte, eine Bewegung, die zuerst in der Stadt Baghdád bekanntgemacht und später [661] aus der Gefängnisstadt 'Akká dem Sháh genauso wie den anderen Herrschern und gekrönten Häuptern der Welt verkündigt werden sollte.
Násiri'd-Dín Sháh konnte sich wohl kaum vorstellen, dass er durch seinen Bannspruch gegen Bahá'u'lláh Gottes ununterdrückbaren Plan zu entfalten half und selbst nur ein Werkzeug zur Ausführung der göttlichen Absicht war. Er konnte sich wohl kaum vorstellen, dass seine Regierungszeit, während sie sich dem Ende näherte, eine Wiederauferstehung gerade der Kräfte erleben würde, die er mit so viel Mühe auszutilgen gesucht hatte—eine Wiederauferstehung mit einer Lebenskraft, die er diesem Glauben in seinen dunkelsten Stunden nie zugetraut hätte. Ein neuer Aufbruch des Glaubens, wie er ihn nie erwartet hätte—nicht nur innerhalb seines Reiches, 226 nicht nur in den angrenzenden [662]
Gebieten Iráq und Rußland, bis nach Indien im Osten, 227 bis nach Ägypten und in die europäische Türkei im Westen—weckte ihn aus seinen süßen Träumen. Die Sache des Báb war wie vom Tode auferstanden. Sie trat in [663] unendlich schrecklicherer Gestalt auf als früher. Die neue Triebkraft die Bahá'u'lláhs Persönlichkeit—und vor allem die in Ihm in Erscheinung tretende Offenbarungsgewalt—entgegen all seiner Berechnungen der Sache des Báb verlieh, hätte sich Násiri'd-Dín Sháh nicht vorgestellt. Die Schnelligkeit, mit der eine dahindärnmernde Religion sich in seinem Herrschaftsbereich neu belebte, sich festigte und auf die Länder jenseits seiner Grenzen übersprang, der erstaunliche Anspruch, den Bahá'u'lláh erhob inmitten des Bollwerks, das Er zu Seinem Wohnsitz erkor, die öffentliche Erklärung dieses Anspruchs in der europäischen Türkei, ihre Verkündigung durch herausfordernde Sendbriefe an die gekrönten Häupter der Erde—auch der Sháh sollte einen erhalten—, die Begeisterung, die dieser Ruf in den Herzen zahlloser Anhänger weckte, die Verlegung des Zentrums Seiner Sache ins Heilige Land, die allmähliche Lockerung der strengen Haftbedingungen gegen Ende Seines Lebens, die Aufhebung des Verbots seitens des türkischen Sultans, das Ihm den Verkehr mit den vielen aus allen Teilen des Ostens zu Seinem Gefängnis strömenden Besuchern und Pilgern verwehrt hatte, das Erwachen einer lebhaften Nachfrage unter den [664] Denkern des Westens, der völlige Zusammenbruch der Kräfte, die unter den Anhängern ein Schisma hervorrufen wollten, und das Schicksal, das dessen Hauptanstifter traf, vor allem aber diese erhabenen Lehren, deren Seine veröffentlichten Werke übervoll waren, die durch eine wachsende Zahl von Anhängern in Russisch Turkestan, im 'Iráq, in Indien, in Syrien, selbst bis in die europäische Türkei gelesen, verbreitet und gelehrt wurden—all dies gehörte zu den Hauptfaktoren, die dem Sháh die Unbesiegbarkeit des Glaubens vor Augen führte, den er gebändigt und vernichtet zu haben meinte. Die Vergeblichkeit seiner Anstrengungen—mochte er es sich auch nicht eingestehen wollen—lag klar zutage. Die Sache des Báb, deren Entstehen und Leiden er selbst erlebte und deren triumphalen Fortschritt er jetzt mit ansehen musste, war wie der Phönix aus der Asche auferstanden und preschte voran auf ihrer Bahn zu ungeahnten Erfolgen. 228 [665]
Selbst Nabíl hätte sich nicht träumen lassen, dass in den vierzig Jahren, während er seine Erzählung niederschrieb, die Offenbarung Bahá'u'lláhs, die Blüte und Frucht aller Sendungen der Vergangenheit, so weit voranschreiten [666] könnte auf dem Weg ihrer weltweiten Anerkennung und ihres Sieges. Er hätte sich nicht träumen lassen, dass in weniger als vierzig Jahren nach Bahá'u'lláhs Tod Seine Sache ihre persischen und orientalischen Grenzen sprengen, in die fernsten Gegenden des Erdballs vordringen und die ganze Erde umspannen würde. Er hätte es kaum geglaubt, hätte man ihm vorhergesagt, dass die Sache in dieser Zeit ihr Banner im Herzen des amerikanischen Kontinents aufpflanzen, sich in den wichtigsten Hauptstädten Europas bemerkbar machen, die südlichen Grenzen Afrikas erreichen und ihre Vorposten in Australien und Ozeanien errichten würde. Auch hätte seine Vorstellungskraft, so sehr sie auch durch seine feste Überzeugung von der hohen Bestimmung seines Glaubens beflügelt war, ihn kaum soweit gebracht, dass er sich das Grabmal des Báb—er bekannte selbst, dass er nicht wisse, was letztlich mit Seinen sterblichen Resten geschehen solle—im Geist hätte ausmalen können, eingeschlossen im Herzen des Karmel, eine Pilgerstätte und ein Leuchtfeuer für viele Besucher aus allen Enden der Welt. Er hätte sich kaum vorstellen können, dass die bescheidene, in den gewundenen Gassen des alten Baghdád versteckte Wohnung Bahá'u'lláhs infolge der Machenschaften eines unermüdlichen Feindes sich eines Tages Aufmerksamkeit erzwingen und zum Gegenstand ernster Beratungen unter den versammelten Repräsentanten der führenden Mächte Europas würde. Er hätte sich kaum vorgestellt, bei allem Lob, das er Ihm in seiner Erzählung zollte, dass von dem Größten Zweig 229 eine Kraft ausgehen werde, die in kurzer Zeit die nördlichen Staaten des amerikanischen Kontinents zu der herrlichen, Ihm von Bahá'u'lláh hinterlassenen Offenbarung erwecken werde. Er hätte sich kaum vorgestellt, dass die Dynastien der Herrscher, deren Tyrannei er in seiner Erzählung so lebendig schildert, ihrem Sturz entgegentorkelten und ebendies Schicksal erlitten, das ihre Repräsentanten ihren gefürchteten Gegnern so gern bereitet hätten. Er hätte sich kaum vorgestellt, dass die ganze geistliche Hierarchie seines Landes, Hauptursache und williges Werkzeug für all die Greuel, denen sein Glaube ausgesetzt war, so rasch und leicht von denselben Mächten überwunden würde, die sie zu unterjochen versucht hatte. Nie hätte er geglaubt, dass die höchsten Institutionen des sunnitischen Islam, Sultanat und Kalifat, 230 [668] diese beiden Unterdrücker des Glaubens Bahá'u'lláhs, von den erklärten Anhängern des islamischen Glaubens kalt hinweggefegt würden. Er hätte sich kaum vorgestellt, dass mit der stetigen Ausbreitung der Sache Bahá'u'lláhs ebenso die Kräfte ihrer Festigung und inneren Verwaltung voranschreiten und der Welt das einzigartige Schauspiel einer Weltgemeinschaft der Völker bieten [669] würden, weltumfassend in ihren Verzweigungen, einig in ihrem 2äd, abgestimmt in ihren Tätigkeiten und glühend vor Eifer und Begeisterung, die kwnf Widerwärtigkeit zu dampfen vermag.
Wer weiß schon, was in Zukunft noch geschaffen wird von denen, in deren Hände dieses kostbare Erbe gelegt ist—großartiger als alles, was Vergangenheit und Gegenwart erlebten? Wer weiß, ob nicht aus dem Aufruhr, der die heutige Gesellschaft zerwühlt, schneller als gedacht die Weltordnung Bahá'u'lláhs hervorbricht, deren Umrisse in den weltweiten Gemeinden, die Seinen Namen tragen, schon schwach zu erkennen sind? Denn so groß und wunderbar die Erfolge der Vergangenheit gewesen sind, die Herrlichkeit des goldenen Zeitalters der Sache, deren Verheißung im Schatz der unsterblichen Worte Bahá'u'lláhs verwahrt ist, muss erst noch enthüllt werden. So grimmig auch die Kräfte der Finsternis gegen die Sache Gottes anstürmen, so verzweifelt und lang dieser Kampf auch sein mag und so bitter die Rückschläge, die sie noch erfahren kann, am Ende wird sie einen Aufstieg nehmen, wie ihn kein anderer Glaube in seiner Geschichte erreicht hat. Das Verschweißen der Gemeinden in Ost und West zu weltweiter Geschwisterschaft, wovon Dichter und Seher sangen und deren Verheißung im Kern der von Bahá'u'lláh empfangenen Offenbarung beschlossen liegt;.die Anerkennung Seines Gesetzes als das unlösliche Band, das die Völker und Nationen der Erde eint; und die Verkündigung der Herrschaft des Größten Friedens—das sind nur einige Kapitel aus der ruhmreichen Geschichte, die der Glaube Bahá'u'lláhs an seinem Ziel aufschlagen wird.
Wer kennt schon die unübertrefflich strahlenden Triumphe, welche den Anhängerscharen Bahá'u'lláhs für ihre Arbeit und Mühe winken? Sicher, wir stehen dem gewaltigen Bau zu nahe, den Seine Hand errichtete, als dass wir beim heutigen Entwicklungsstand Seiner Offenbarung sagen könnten, wir hätten schon eine Vorstellung vom vollen Ausmaß ihrer verheißenen Herrlichkeit. Ihre vom Blut zahlloser Märtyrer befleckte Geschichte mag uns wohl in dem Gedanken beflügeln, dass diese Sache—was immer ihr zustößt, von welch schrecklichen Gewalten sie auch angegriffen werden mag, wie zahlreich auch die Rückschläge seien, die sie unvermeidlich erleiden wird,—unaufhaltsam voranschreitet und sich weiter entfaltet, bis auch die letzte in Bahá'u'lláhs Worten verwahrte Verheißung vollkommen eingelöst ist. [670]



ANHANG
Die bekanntesten Schriftwerke des Báb
Der Persische Bayán
Der Arabische Bayán
Das Qayyúmu'1-Asmá'
Sahifatu'l-Haramayn
Dalá'il-ir-Sab'ih
Kommentar zur Súrih Kawthar
Kommentar zur Súrih Va'l-'Asr
Kitáb-i-Asmá'
Sahífiy-t-Makhdhúmíyyih
Sahtfiy-i-Ja'fartyyih
Zíyárat-i-Sháh-'Abdu'l-'Azím
KHáb-i-Panj-Sha'n
Sahífiy-i-Radavíyyih
Risáliy-i-'Adltyyih
Risáliy-i-Fiqhfyyih
Risáliy-i-Dhahabíyyih
Kitábu'r-Rúh
Súriy-ir-Tawhíd
Lawh-i-Hurúfát
Tafstr-i-Nubuwat-i-Khássih
Risáliy-i-Furú'-i-'Adlryyih
Khasá'il-i-Sab'ih
Briefe an Muhammad Sháh und HájtMírzá Áqásí
Anm. Der Báb bestätigt im Persischen Bayán, dass Seine Schriften nicht weniger als 500.000 Verse umfassen.
Vom Übersetzer herangezogene Literatur
Lord Curzon, Persia and the Persian Question, 2 Bände, London (Longmans, Green und Co.) 1892
A. L. M. Nicolas, Essai sur le Shaykhisme 1, Paris (Librairie Paul Geuthner, Rue Mazarme) 1910
A. L. M. Nicolas, Essai sur le Shaykhisme II, Paris (Librairie Paul Geuthner, Rue Mazarine) 1914 [671] [672]
4. A. L, M. Nicolas, Siyyid 'AU-Mubatnmad dit le Báb, Paris (Líbraírie Cauque, Rué
Norre-Danie-de-Lorette) 1908
Comee de Gobíneau, Les Religions et les Phüosophies data l'Asíe Camde, Pari» (Les Éditíons G. Crés et Cíe., Rue de Sevres) 1928
Lady SheíL, Glímpses oflife and Manners in Persia, London (John Mnrray, Albemarie Street) 1856
Mítzá Husayn von Hamadán, Táríkh-i-Jadíd, aus dem Persischen übersetzt von E. GL Browne, Cambridge (The Univershy Press) 1893
M dement Huart, La Religion de Báb, Paris (Ernest Leroux, Rue Bonaparte) 1889
A Traveller"! Narrative, übersetzt aus dem Persischen von E. G. Browne, Cambridge (The University Press) 1891

Le Boyan Persan, übersetzt aus dem Persischen von A. L. M. Nicolas, 4 Bände, Paris (Líbrame Paul Geuthner, Rue Mazarine) 1911-14
Journal ofthe Royal Asiatic Society, 1889, Artikel 6,12
Journal ofthe Royal Asiatic Society, 1892, Artikel 7, 9,13
Le Livre des Sept Preuves, übersetzt von A. L. M. Nicolas, Paris (J. Maisonneuve, Rue de Mézieres) 1902
E. G. Browne, A Year amongst the Perstans, London (Messrs. A. und C. Black, Ltd.) 1893
E. G. Browne, A Literary History ofPersia, 4 Bände, Cambridge (The University Press) 1924
Lieutenant-Colonel P. M. Sykes, A History ofPersia, 2 Bände, London (Macmillan & Co.) 1915
Clements R. Markham, A General Sketch ofthe History ofPersia, London (Longmans, Green und Co.) 1874
R. G. Watson, History ofPersia
Journal Asiatique, 1866,6. Jahrg., Bd. 7 und 8, Báb et íes Bábís von Mírzá Kazim Big
M. J. Balteau, Le Bäbisme (Vortrag zur Sitzung der Académie Nationale de Reims am 22. Mai 1896, gehalten von dem ordentlichen Mitglied M. J. Balteau), Reims (Imprimerie de l'Academie, Direktor N. Monee, 24 Rue Pluche) 1897
Gabriel Sacy, Du Regne de Dieu et de l'Agneau connu sous le nom de Bäbisme, 12. Juni 1902
J. E. Esslemont, Bahá'u'lláh and the New Era, New York (The Bahá'í Publishing Committee) 1927
Muhammad Mustafa, Risáliy-i-Amríyyih, Kairo, Ägypten, (Imprimerie Sa'ádih)
E. G. Browne, Materials for the Study ofthe Bábí Religion, Cambridge (The University Press) 1918

Mírzá Abu'1-Fadl, Manuskripte und Anmerkungen, unveröffentlicht
Mírzá Abu'1-Fadl, The Kasbfu'l-Ghitá', «Ishqábád, Rußland
M. H. Rhelp«, Lift and Teachingsof 'Abbás Effendi, London (G. P. Putnam's Sons) 1912

T. K. Chcyne, The Reconciliation of Races and Religions, (Adam and Charles Black) 1914
Sir Francis Younghusband, The Gleam, London (John Murray, Albemarle Street) 1923
Samandar, Manuskript, unveröffentlicht
E. G. Browne, The Persian Revolution, Cambridge (The University Press) 1910
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G. K. Narimán, Persia and Parsis, Teil 1, Bombay (The írán League) 1925
Valentine Chirol, The Middle Eastern Question
J. Estlin Carpenter, Comparative Religion
E.J.W. Gibb Memorial Series, Bd. 15, London (Luzac & Co.) 1910
Mírzá Taqí Mustawfí, Lisánu'1-Mulk, bekannt als Sipihr, The Násikhu't-Tavártkh, Bd. Qájáriyyih, Tihrán (Lithograph edition)
Hájí Mu'ínu's-Saltanih, History, Manuskript
39. Mírzá Abu'1-Fadl, Kitábu'l-Fará'id, Kairoer Ausgabe
Werke Bahá'u'lláhs:
Kitáb-i-Íqán, Kairoer Ausgabe 1900 [dt.: Das Buch der Gewissheit, 1958,31978 (Bahá'í-Verlag)]
Epistle to the Son ofthe Wolf, Kairoer Ausgabe 1920 [dt.: Brief an den Sohn des Wolfes, 1966,21988 (Bahá'í-Verlag)]
Ishráqát, Manuskript [dt. in: Botschaften aus 'Akká, 1982 (Bahá'í-Verlag)]
Tablets to the Kings, Manuskript Werke des Báb:
Sahífatu'l-Haramayn, Manuskript
Qayyúmu'1-Asmá', Manuskript
Persischer Boyan, Manuskript
Arabischer Boyan, Manuskript
Dalá'il-i-Sab'ih, Manuskript Werke 'Abdu'1-Bahás:
Some Answered Questions, Chicago (Bahá'í Publishing Society) 1918 [dt: Beantwortete fragen, 1962, ¡»1977 (Bahá'í-Verlag)]
Memorials ofthe Faithful, Haifaer Ausgabe 1924 [dt.: Vorbilder der Treue, 1987 (Bahá'í-Verlag)]
Allgemeine und ausführliche Bibliographie, siehe:
Bahá'í World, Bd. 3, Teil 3
A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Alt-Muhammad dit le Báb, S. 22-53
E. G. Browne, Materials for the Study ofthe Bábí Religion, S. 175-243
Journal for the Royal Asiatic Society, 1892, S. 433-99,637-710
A Travellern Narrative, S. 173-211 [673]
Die Verwaltungsgliederung Persiens im 19. Jahrhundert
„Die Verwaltungseinheiten in Persien sind nicht streng oder auf Dauer festgelegt. Aufteilung ode Zusammenlegung hängen von den Fähigkeiten und dem Ansehen der Gouverneure ab und wiewei diese bei dem Herrscher Vertrauen oder Befürchtungen auslösen... Festzuhalten ist ferner, dass W den verschiedenen Einteilungen weder geographische, noch völkische, noch polifijehe Grund bestimmend gewesen zu sein scheinen, um Grenzen oder Größe festzulegen, diese variieren in de Ausdehnung zwischen Provinzen größer als ganz England und kleinen, heruntergekommene Städten mit deren unmittelbarer Umgebung." [674]
Größere Provinzen und Distrikte
Verwaltungseinheiten Hauptstadt
Ádhirbáyján Tabríz
Khurásán und Sístán Mashhad
Tihrán und Umgebung Tihrán
Fárs Shú-áz
Isfahán und Umgebung Isfahán
Kirmán und Persisch Balúchistán Kirmán
'Arabistán Shushtar
Gílán und Tálish Rasht
Mázindarán Ámul
Yazd und Umgebung Yazd
Golfküste und Inseln Búshihr
(nach Lord Curzon, Persia and the Persian Question, Bd. 1, S. 437.) Britische und russische Gesandte am Persischen Hof 1814-1855
November, Mr. Morier und Mr. Ellis
Juli, Sir Henry Willock
1826, September, Sir John Macdonald
1830, Juni, Sir John Campbell
November, Sir Henry Ellis
August, Sir John McNeill 1842, August, Sir Justin Sheil
1847, Oktober, Colonel Farrant (stellvertretend) 1849, November, Sir Justin Sheil (wieder im Amt) 1853, Februar, Mr. Taylor Thomson (stellvertretend) 1855, April, Hon. A. C. Murray
1817, August, General Yermoloff 1819, April, M. Mazarowitch
Januar, M. Ambourger (stellvertretend)
Juli, M. Mazarowitch (wieder im Amt)
September, M. Ambourger
Juli, Fürst Menschikoff 1828, M. Grebayadoff
1831, Fürst Dolgorouki [675]
1833, Februar, Graf Simonich
1839, Graf Meden
1846, Januar, Fürst Dolgorouki
1854, September, M. Anitchkoff
(Aus Clements R. Markham, CB., F.R.S., A General Sketch ofthe History ofPersia, Anhang B, Longmans, Green und Co., London 1874)
Die Monate des muslimischen Kalenders
Muharram 30 Tage Safar 29 Tage RabiVl-Awa!30Tage Rabí Vth-Thání 29 Tage Jamádíyu'1-Avval 30 Tage Tamádíyu'th-Thání 29 Tage Rajab 30 Tage Sha'bán 29 Tage Ramadan 30 Tage Shawál 29 Tage Dhi'l-Qa'dih 30 Tage Dhi'l-Hijjih 29-30 Tage
1. Muharram 1 n.d.H. Freitag, 16. Juli 622 n. Chr.
1. Muharram 1260 n.d.H. Montag, 22. Januar 1844 n. Chr.
1. Muharram 1261 n.d.H. Freitag, 10. Januar 1845 n. Chr.
1. Muharram 1262 n.d.H. Dienstag, 30. Dezember 1845 n. Chr.
1. Muharram 1263 n.d.H. Sonntag, 20. Dezember 1846 n. Chr.
1. Muharram 1264 n.d.H. Donnerstag, 9. Dezember 1847 n. Chr.
1. Muharram 1265 n.d.H. Montag, 27. November 1848 n. Chr
1. Muharram 1266 n.d.H. Samstag, 17. November 1849 n. Chr.
1. Muharram 1267 n.d.H. Mittwoch, 6. November 1850 n. Chr.
1. Muharram 1268 n.d.H. Montag, 27. Oktober 1851 n. Chr.
1. Muharram 1269 n.d.H. Freitag, 15. Oktober 1852 n. Chr.
1. Muharram 1270 n.d.H. Dienstag, 4. Oktober 1853 n. Chr.
(Aus Wüstenfeld-Mahler'sche Vergleichungstabellen, Leipzig 1926) [676]
Zur Aussprache der Namen

th ausgesprochen wie s
dh ausgesprochen wie z
zh ausgesprochen wie j in französisch ,jour' -
s ausgesprochen wie s
d ausgesprochen wie z
t ausgesprochen wie t
z ausgesprochen wie z
a ausgesprochen wie in englisch .account'
á ausgesprochen wie in englisch ,arm'
i ausgesprochen wie e in englisch ,best'
í ausgesprochen wie ee in englisch ,meet'
u ausgesprochen wie o in englisch ,short'
ú ausgesprochen wie oo in englisch ,moon'
aw ausgesprochen wie ow in englisch ,mown'
Das einer Stadt angehängte ,i' bedeutet ,kommt aus'; so bedeutet ,Shírází': ,aus Shíráz stammend'.
Die in diesem Buch verwendete Umschrift der orientalischen Namen beruht auf einem bei einem Internationalen Orientalistenlcongreß verabschiedeten System. [677]
Glossar
'Aba Umhang oder Mantel
Adhán muslimischer Gebetsruf
Akbar „der Größere"
Amir „Herr", „Prinz", „Befehlshaber", „Gouverneur"
Aqá „Meister", von Bahá’u’lláh 'Abdu'1-Bahá verliehener Titel
A'zam „der Größte"
Báb „das Tor", von Mírzá 'Ali-Muhammad nach Erklärung Seiner
Sendung im Mai 1844 in Shíráz angenommener Titel «*
Bahá „Herrlichkeit", „Glanz", „Licht"; bezeichnet als Titel Mírzá
Husayn-'Alí, Bahá'u'lláh
Baqíyyatu'lláh „Gottes Rest", „Spur Gottes", Titel des Báb und Bahá'u'üahs
Bayán „Äußerung", „Erläuterung"; vom Báb gewählter Titel für Seine
Offenbarung bzw. Seine Schriften
Big Ehrenbezeichnung, geringer als Khan
Karawanserei Herberge
Dárüghih Befehlshaber einer Hundertschaft
Dawlih „Staat", „Regierung"
Farmán „Anordnung", „Befehl", „königlicher Erlass"
Farrásh „Lakai", „Diener", „Begleiter"
Farrásh-Báshí anführender, an der Spitze stehender Farrásh
Farsakh. Farsang Wegstreckenmaß unterschiedlicher Länge je nach Landschaft
und Gelände, bezeichnet eine Strecke zwischen 4,5 und 6 km, die von einem beladenen Maultier in einer Stunde zurückgelegt wird; Name vermutlich aus dem Altpersischen „sang" für „Stein "-Setzung am Wegrand
FL; n.d.H. muslimische Zeitrechnung „nach der Hedschra",
Muhammads Übersiedelung von Mekka nach Medina
Hájí Muslim, der die Pilgerreise nach Mekka ausgeführt hat
Howdah Sänfte, Tragsitz für Reisende, auch von Kamel, Maultier, Pferd,
oder Elefant getragen
Í1 „Sippe", „Stamm"
Imam im shf idschen Islam Titel der Nachfolger Muhammads, auch
religiöser Führer des Islam
Imám-Jum'ih führender Imam einer Stadt, Vorgesetzter der Mullas
Imám-Zádih Abkömmling—oder Schrein—eines Imams
Jubbih ein Überrock
Ka'bih Altes Heiligtum in Mekka, heute der heiligste Schrein des Islam [678]
Kad-Khudá Vorsteher eines Stadtviertels oder Gemeindebezirks, Oberhaupt
eines Dorfes
Kalántar „Bürgermeister"
Kalim „der Redende"
Karbilá'í ein Muslim, der die Pilgerreise nach Karbilá ausgeführt hat
Khan „Herr", „Fürst", „Edler", „Häuptling"
Kuláh persische Lammfellmütze, getragen von Bürgern und
Regierungsangestellten
Madrisih Religionsschule
Man-Yuzhiruhu'lláh „Den Gott offenbaren wird", vom Báb dem Verheißenen
beigelegter Titel
Mashhadi ein Muslim, der die Pilgerreise nach Mashhad ausgeführt hat
Masjid Moschee, Tempel, Haus der Andacht
Maydán Längenmaß, Teil eines Farsakh; rechteckiger, offener Platz
Mihdi Titel der vom Islam erwarteten Manifestation Gottes
Mihráb vornehmste Stelle in einer Moschee, wo der Imam mit dem
Gesicht gegen Mekka betet
Mi'ráj „Aufstieg" Muhammads gen Himmel
Mírzá Abkürzung von Amfr-Zádih, „Sohn des Amirs"; als Anhang
zum Namen bedeutet es „Fürst", dem Namen vorangestellt, „Herr"
Mu'adhdhin der den Adhán, den muslimischen Gebetsruf, anstimmt
Mujtahid muslimischer Rechtsgelehrter; die meisten persischen Mujtahids
erwarben ihre Diplome bei den bedeutendsten Juristen in Karbilá und Najaf
Mulla muslimischer Geistlicher
Mustagháth „Der angefleht wird", mit dem Zahlenwert dieses Wortes
bezeichnete der Báb die Ankunftszeit der verheißenen Manifestation
Nabil „gelehrt", „edel"
Naw-Ruz „Neuer Tag", nach dem Bahá'í-Kalender der erste Tag des
neuen Jahres; nach persischem Kalender der Tag, da die Sonne in den Widder eintritt
Nuqtih „Punkt"
Pahlaván „Athlet", „Kämpfer", bezeichnet muskelstarke Draufgänger
Qádí Richter in zivilen, geistlichen oder Strafsachen
Qá'im „Der sich erheben wird", Titel für den im Islam Verheißenen
Qalyán Wasserpfeife
Qiblih Richtung, in die der Betende sich wendet; besonders Mekka ist
die Qiblih aller Muslime
[679] [680]
Qurbán „Opfer"
Sáhibu'z-Zamán »Herr des Zeitalters*', ein Titel des verheißenen Qá'im
Shahíd, Plural Shuhadá „Märtyrer"
Shaykhu'l-Islám Oberhaupt des geistlichen Gerichtshofe, in jeder größeren Stadt
vom Sháh ernannt
Siyyid Abkömmling des Propheten Muhammad
Surih Kapitelbezeichnung im Qur'án
Túmán Wahrungseinheit, entsprach im Wert etwa dem Dollar
Vali-'Ahd „Thronerbe"
Zádih „Sohn"
1 22. Juni—21. Juli 1848 n. Chr
2 17. November—17. Dezember 1849 n. Chr.
3 Der 10. Tag des Muharram, Jahrestag des Märtyrertodes des Imam Husayn; 26. November 1849 n. Chr
4 Nach Kashfu'l-Ghitd' (S. 241) war sein voller Name Mírzá 'Alíy-i-Sayyáh-i-Marághi'í. Er war Diener des Báb in Mákú, zahlte zu Seinen führenden Gefährten und nahm später die Botschaft Bahá'u'lláhs an.
5 15. Januar 1850 n. Chr.
6 23.Januar 1850n.Chr.
7 Subh-i-Azal.
8 Anhänger Mírzá Yahyás.
9 „Die Ansprüche dieses jungen Mannes gehen auf ein Berufungsdokument zurück, jetzt im Besitz von Prof. Browne, und werden durch einen Brief von Herrn Nicolas unterstützt, der in einer französischen Fassung vorliegt. Fälschung hat jedoch bei schriftlichen Dokumenten im Osten immer eine so große Rolle gespielt, dass ich zögere, die Echtheit seiner Ernennung anzuerkennen. Und ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass eine Gesellschaft wirklich ernstzunehmender Menschen ungeachtet ihrer Kenntnis der unzulänglichen Geistesgaben Subh-i-Azals dieses Dokument anerkannt haben sollte. ... Es liegt nahe, dass die schon getroffene Vorkehrung fürderhin sanktioniert wurde, d.h. dass Bahá'u'lláh für den Augenblick intern die Führung der Angelegenheiten übernehmen und seine großen Gaben als Lehrer einsetzen sollte, während Subh-i-Azal (ein eitler junger Mann) seinen Namen als nominelles Oberhaupt hergab, besonders gegenüber Außenstehenden und Regierungsvertretern." (T. K. Cheyne, The Reconciliation of Races and Religions, S. 118f.)
10 „Außerdem beschwöre Ich dich bei Gott, dem Einen, dem Unvergleichlichen, dem Herrn der Kraft, dem Mächtigsten, sorgfältig die Mitteilungen zu prüfen, die in seinem (Mírzá Yahyás) Namen an den Ersten Punkt (den Báb) gerichtet wurden, damit du klare Beweise von Ihm, der die Wahrheit ist, schaust." (Bahá'u'lláh, Brief an den Sohn des Wolfes [243], S. 144.)
11 1848/49 n.Chr.
12 29. Juli1831 n. Chr
13 Gebetsrichtung, für Muslime Mekka.
14 1847 n. Chr
15 Qur'án l03.
16 Kad-Khudá: Vorsteher eines Dorfes oder Stadtbezirks.
17 Nachkomme oder Schrein eines Imams.
18 Ortsrichter.
19 Geistliche.
20 1851-52 n. Chr
21 Schule.
22 wörtlich „Das erhabenste Blatt".
23 'Abdu'1-Bahá.
24 „Der Meister", wie 'Abdu'1-Bahá damals genannt wurde.
25 Persische Lammfellmütze.
26 Eine Art Mantel.
27 14. Februar—15. März 1850 n.Chr.
28 1850 n. Chr
29 Ein Titel des Báb.
30 14. Februar bis 15. März 1850 n. Chr.
31 Er war der Sohn des Qurbán, des Küchenchefs des Qá'im-Maqám, des Vorgängers von Hájí Mírzá Áqásí.
32 wörtlich „Der Größte Oheim".
33 1848/49 n. Chr.
34 „Er nahm den Turban ab, hob sein Antlitz gen Himmel und rief: ,0 Gott, Du bist Zeuge, wie sie den Sohn Deines ehrwürdigsten Propheten erschlagen ohne die geringste Schuld.' Dann sprach er, zum Scharfrichter gewandt, diesen Vers: ,Wie lange soll der Gram meiner Trennung von Ihm mich quälen? Schlage mir den Kopf ab, damit Liebe mir ein Haupt schenke.'" (Mathnavi, 6. Buch, S. 649,1,2; ed.'Alá'u'd-Dawlih. Zit. in: A Travellers Narrative, Anm. B, S. 174.)
35 Der siebente Imam.
36 Nach dem Bericht von Hájí Mu'ínu's-Saltanih (S. 131) begegnete der Derwisch Mírzá Qurbán-'Alí dem Báb im Dorf Khánliq.
37 Mantel.
38 „Mirza Qurbán-'AIí war unter Mystikern und Derwischen berühmt und hatte viele Freunde und Schüler in Tihrán. Darüber hinaus war er den Honoratioren und führenden Männern, selbst der Mutter des Sháhs, wohlbekannt. Aufgrund ihrer freundschaftlichen Gefühle für ihn und ihres Mitgefühls für seine missliche Lage sagte sie zur Majestät, dem König: ,Er ist kein Bábí, nur fälschlich so beschuldigt.' Da ließ man ihn holen, führte ihn vor und sagte: ,Du bist ein Derwisch, ein Wissenschaftler, ein gelehrter Mann. Du gehörst nicht zu dieser irregeführten Sekte. Du bist fälschlich dessen beschuldigt worden.' Er antwortete: ,Ich zähle mich zu den Anhängern und Dienern Seiner Heiligkeit, wenn ich auch nicht weiß, ob Er mich angenommen hat oder nicht,' Als sie weiter auf ihn einredeten und ihm Gehalt und Pension in Aussicht stellten, sagte er: ,Dies Leben und die paar Blutstropfen von mir zählen nur wenig. Wäre das ganze Weltreich mein und hätte ich tausend Leben, ich legte sie aus freien Stücken Seinen Freunden zu Füßen: „Den Kopf für den Geliebten zu opfern, erscheint mir wahrlich leicht; schließ die Lippen und sprich nicht mehr von Fürbitte, denn derer bedürfen Liebende nicht"' So gaben sie es schließlich verbittert auf und verfügten das Todesurteil." (TáríUfi-Jadíd, S. 254.)
39 DerBáb.
40 Qurbán bedeutet Opfer, daher „Opfer für den Báb".
41 „Als er zum Hinrichtungspfahl gebracht war, hob der Henker das Schwert und schlug Ihm von hinten in den Nacken. Der Schlag beugte ihm aber nur den Kopf und ließ den Turban, den der Derwisch trug, ein paar Schritte weit auf den Boden rollen. Darauf, wie mit dem letzten Atemzug, berührte er jedes empfindsame Herz aufs neue schmerzlich mit dem Zitat: .Glücklich, wen der Liebe Rausch so besiegt, dass er kaum weiß, ob, was er dem Geliebten zu Füßen legt, Haupt oder Turban ist!'" (Tárikbri-Jadíd, S. 254f.)
42 wörtlich: „Geheimnis/Mysterium des Seins/Daseins".
43 „Als sie sich anschickten, ihr Werk des Köpfens und Schächtens zu beginnen, und Hájí Mulla Ismá'íl an der Reihe war zu sterben, trat einer zu ihm und sagte: Jemand von deinen Freunden will eine Geldsumme in der und der Höhe zahlen, um dir das Leben zu retten; unter der Bedingung, dass du widerrufst, könnten sie sich damit veranlasst sehen, dich zu verschonen. Was ist dabei, wenn du in höchster Not und um dein Leben zu retten sagst: „ich bin kein Bábí", so dass sie einen Grund haben, dich freizulassen?' Er antwortete: ,Wollte ich widerrufen, würde mich auch ohne Geld niemand belangen.' Als sie ihm weiter zusetzten und ihn schwer bedrängten, richtete er sich zu voller Größe auf in der Menschenmenge und rief, dass alle es hören konnten: ,Zephyr, trag bitte für mich eine Botschaft an Ismael, der nicht erschlagen ward: „Vom Weg des Geliebten erlaubt lebend Liebe kein Zurück.''"' (Táríkh-i-Jadtd, S. 253f.)
44 1847/48 n. Chr.
45 Imam Husayn.
46 »Nachdem der Bábí-Historiker die oben erwähnten Ereignisse kurz geschildert, geht er dazu über, den besonderen Wert und das Einzigartige des Zeugnisses darzulegen, das die ‚Sieben Märtyrer’ ablegten. Sie waren Männer, die alle eher den oberen Schichten in Persien angehörten— Geistliche, Derwische, Kaufleute, Ladenbesitzer und Regierungsbeamte. Es waren Männer, die allerseits Achtung und Respekt genossen. Sie starben furchdos, willig, ja fast begierig, und lehnten es ab, sich ihr Leben durch das bloße Lippenbekenntnis einer Ableugnung zu erkaufen, das unter der Bezeichnung Kitmán oder Taqiyyih von den Schiiten als durchaus berechtigte Zuflucht in Gefahrensituationen gilt; sie waren nicht zur Verzweiflung getrieben wie diejenigen, die zu Shaykh Tabarsi und Zanjan starben; und sie besiegelten ihren Glauben mit ihrem Blut auf dem öffentlichen Platz der persischen Hauptstadt, wo die am Hof des Schahs akkreditierten Gesandten residieren. Und darin hat der Bábí-Historiker recht: Selbst diejenigen, die über die Bábí-Bewegung hart urteilen und sie als alle Ordnung und Moral untergrabenden Kommunismus bezeichnen, bringen Mitgefühl für diese unschuldigen Opfer zum Ausdruck. Auf den Tag ihres Martyriums können wir gut die eloquente Betrachtung beziehen, die Gobineau zwei Jahre später anlässlich einer ähnlich erschütternden Begebenheit anstellte (vgl. S. 622, Anm. 197): ,Dieser Tag gewann dem Báb mehr heimliche Parteigänger, als viele Predigten es vermocht hätten. Wie gesagt, der Eindruck, den der unglaubliche Gleichmut der Märtyrer auf die Bevölkerung machte, war tief und nachhaltig. Ich habe die Szenen dieses Tages oft von Augenzeugen schildern hören, von Leuten, die der Regierung nahestanden und zum Teil einflussreiche Ämter innehatten. Wenn man sie so hörte, hätte man meinen können, sie wären alle Bábí, so sehr zeigten sie sich von Bewunderung durchdrungen für Geschehnisse, bei denen der Islam eine nicht eben schöne Rolle spielte, und für die hohe Idee, die sich in den Quellen, den Hoffnungen und Erfolgsaussichten der Sekte spiegelte.'" (A Travellern Narrative, Anm. B, S. 175f.)
47 11. Dezember 1888 n. Chr.
48 Nach islamischer Überlieferung wird Fátimih, Muhammads Tochter, wenn sie am Tag des Gerichts die Brücke Sirát überschreitet, unverschleiert erscheinen. Wenn sie kommt, wird eine Stimme vom Himmel rufen: „Wendet eure Augen ab, o Menschenschar!"
49 Mírzá Áqá Khán-i-Núrí, als Nachfolger des Amír-Nizám Großwesir Násiri'd-Dín Sháhs.
50 Áqáy-i-Kalím, Bahá'u'lláhs Bruder.
51 Bahá'u'lláhs Sekretär.
52 Mírzá Muhammad-Alíy-i-Nahrí.
53 „Als die Scharfrichter ihr blutiges Werk verrichtet hatten, staunte der gaffende Mob eine Weile über den geduldigen Mut der Märtyrer, ließ aber dann seinen wilden Fanatismus in Schmähungen ausbrechen, die er über die sterblichen Reste derer häufte, deren Geist nun dem Zugriff ihrer Bosheit entrückt war. Sie warfen Steine und Unrat auf die reglosen Leiber, misshandelten sie und schrien: ,Das ist der Lohn für das Volk der Liebe und für solche, die den Pfad der Weisheit und der Wahrheit wandeln!' Sie ließen auch nicht zu, dass die Leichen auf dem Friedhof beerdigt würden, sondern warfen sie in eine Grube außerhalb des Shah-'Abdu'l-Azim-Tores, die sie dann verfüllten." (A Traveller’s Narrative, Anmerkung B, S. 174f.)
54 des Báb.
55 „Wahrend diese Ereignisse im Norden Persiens abliefen, waren die Provinzen in der Mitte und im Süden des Landes tief aufgewühlt von den flammenden Reden der Missionare der neuen Lehre. Die Bevölkerung, oberflächlich, leichtgläubig, unwissend und bis zum Exzeß abergläubisch, war bestürzt über die ständig sich ereignenden Wunder, über die man alle Augenblicke reden hörte. Die angsterfüllten Mullas sahen entsetzt, dass ihre zitternde Herde drauf und dran war, ihnen davonzulaufen, und verdoppelten ihre Verleumdungen und gemeinen Anschuldigungen, sie verbreiteten die ungeheuerlichsten Lügen und blutrünstigsten Hirngespinste unter der zögernden, zwischen Abscheu und Bewunderung schwankenden Bevölkerung." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 387.)
56 „Mírzá Jání schreibt: ,Als ich nach, einiger Zeit wieder die Ehre hatte, Aqá Siyyid Yahyá in' Tihrán zu sehen, fielen mir auf seinem erhabenen Antlitz der Glanz und die Zeichen einer Macht auf, wie ich sie weder von meiner ersten Reise mit ihm in die Hauptstadt noch von anderen Zusammenkünften her kannte, und ich wusste, dass diese Anzeichen auf sein nahe bevorstehendes Hinscheiden von dieser Welt hinwiesen. Er sagte auch anschließend mehrmals im Gespräch: „Dies ist meine letzte Reise, und hernach wirst du mich nicht mehr sehen." Und oft brachte er ausdrücklich oder nebenbei denselben Gedanken zum Ausdruck. Manchmal, wenn wir zusammen waren und die Sprache auf ein entsprechendes Thema kam, konnte er bemerken: „Die Heiligen Gottes haben die Gabe, zukünftige Ereignisse vorauszusagen, und, bei dem Geliebten, Dessen Macht meine Seele umfängt, ich weiß und könnte es sagen, wo und wie ich getötet werde und wer mich erschlägt. Und wie herrlich, wie selig ist es doch, dass mein Blut für den Aufstieg des Wortes der Wahrheit vergossen wild."'" (Táríkh-i-Jadíd, S. 115.)
57 1850 n. Chr
58 „Hingerissen von seiner Begeisterung und erfüllt von Liebe zu Gott, wollte er ganz Persien die Herrlichkeit und Freude der einen, ewigen Wahrheit mitteilen. .Lieben und zugleich sein Geheimnis verbergen, ist unmöglich', sagt der Dichter. Und so begann unser Siyyid öffentlich zu predigen in den Moscheen, auf den Straßen, in den Basaren, auf öffentlichen Plätzen und überall, wo er Zuhörer fand. Eine solche Begeisterung trug ihre Früchte und zahlreiche uneigennützige Bekehrungen gelangen ihm. Die Mullas aber murrten und geiferten beim Stadtgouverneur heftig gegen die Gotteslästerung." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 390.)
59 Er hieß Áqá Khan.
60 Anruf des „Herrn des Zeitalters", s. Glossar.
61 der Imam Husayn.
62 10. Muharram, der Tag des Märtyrertodes des Imam Husayn.
63 Gott ist der Große.
64 10. Mai 1850 n. Chr
65 „Als sie ihn mit dem Rücken gegen die Kanone festbinden wollten, sagte er: .Bindet mich bitte mit dem Gesicht gegen die Kanone, damit ich sehe, wenn sie gefeuert wird.' Die Schützen und die Zuschauer waren baß erstaunt über soviel Haltung und Fröhlichkeit, und wer in einer derartigen Situation so freudevoll sein kann, muss wirklich starken Glauben und große Tapferkeit besitzen " (Táríkhr*-]adíd,S. 117.)
66 „Als Áqá Khan feststellte, dass der Rebell verschwunden war, stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus. Außerdem bedachte er, dass eine Verfolgung der Flüchtigen Gefahren mit sich bringen könnte und es darum unendlich viel praktischer, heilsamer, profitabler und weniger gefährlich wäre, die in der Stadt verbliebenen Bábí—-vorausgesetzt, sie waren reich—zu foltern. So ließ er die Wohlhabendsten ausfindig machen, ließ sie umbringen und konfiszierte ihr Vermögen, dergestalt sich für die Beleidigung seiner Religion rächend, die ihm wahrscheinlich recht gleichgültig, war, doch seine Truhen füllten sich und das bereitete ihm grenzenloses Vergnügen." (A. L. M. Nicolas, Siyyid Alí-Muhammad dit le Báb, S. 391.)
67 s. Glossar; etwa 31-42 km.
68 Stadtbezirks Vorsteher, s. Glossar im Anhang.
69 „Die Nayrízí empfingen Siyyid Yahyá mit größter Begeisterung; kaum zwei Tage nach seiner Ankunft kamen sie schon in großer Zahl—bei Nacht aus Angst vor der Regierung, wie der Fárs-Námih sagte—, um ihn zu sehen und sich aus Hass gegen die Obrigkeit ihm zur Verfügung zu stellen. Noch viel zahlreicher kamen sie besonders aus dem Chinar-Sukhtih-Bezirk und bekehrten sich in Massen. Dies riß andere mit, und bald zählten die Bábí die Tulláb (Qur'án-Studenten) von Chinár-Súkhtih zu den ihrigen, es waren etwa hundert, sowie ihr Oberhaupt Hájí Shaykh 'Abdu'l-'Ali—Siyyid Yahyás Schwiegervater—, den verstorbenen Ákhund Mulla 'Abdu'l-Husayn—ein großer Religionswissenschaftler und hochbetagt, Ákhund Mulla Báqir, Mulla 'Alí-Kátib—Pish-namáz (Vorbeter) des Viertels, einen weiteren Mulla 'Ali mit seinen vier Brüdern, und den Kad-Khuda, die Rish-Safid (ehrwürdige „Weißbärte") und andere Bürger aus dem Bázár-Viertel wie den verstorbenen Mashhad: Mírzá Husayn, Qutb genannt, mit seiner ganzen Familie und seinen Eltern, den verstorbenen Mírzá Abu'l-Qásim, Neffe des Gouverneurs, den verstorbenen Hájí Muhammad-Taqi, Ayyub genannt, und seinen Schwiegersohn, Mírzá Husayn und viele andere aus dem Sádát- (Siyyids-)Viertel, den Sohn von Mírzá Nawrá und Mírzá'Alí-Ridá, den Sohn Mírzá Husayns, den Sohn Hájí 'Alis u.s.w., u.s.w. Alle bekehrten sich, die einen angstbebend bei Nacht, die anderen furchtlos am hellichten Tag." (A. L. M.Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S 393.
70 s. Glossar; etwa 36-48 km.
71 27. Mai 1850 n. Chr.
72 „Er bestieg die Kanzel und rief: ,Habt ihr mich nicht stets als euren Hirten und Führer betrachtet? Hat euch nicht auf meinen Befehl und meine Weisung hin euer Gewissen den Pfad des Heils gewiesen? Bin nicht ich es, auf dessen Rat und Wort ihr immer hörtet? Was ist geschehen, dass ihr mich wie einen Feind eurer Religion, wie euren Feind behandelt? Was habe ich Erlaubtes abgelehnt? Was habe ich Verbotenes erlaubt? Welcher Gottlosigkeit zeiht ihr mich? In welchen Irrtum soll ich euch gestürzt haben? Und nun, weil ich die Wahrheit gesagt, weil ich euch treulich zu lehren bestrebt war, werde ich bekämpft und gequältl Mein Herz glüht vor Liebe für euch und ihr martert mich! Merkt auf! Merkt euch, wer mich betrübt, betrübt meinen Ahnen Muhammad, den herrlichen Propheten, und wer mir beisteht, steht Ihm bei. Im Namen all dessen, was euch heilig ist, wer den Prophetealiebt, der folge mir!'" (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 395.)
73 Stadtbezirksvorsteher, s. Glossar.
74 persische Lammfellmütze.
75 Währungseinheit, entsprach etwa dem Dollar.
76 s. Glossar; ca. 9-12 km.
77 „Der Verfasser des Násikhu't-Taváríkh stellt ungerührt fest, dass die kaiserlichen Truppen schlecht ausgebildet waren und keinerlei Kampfeswillen zeigten. So dachten sie nicht im geringsten daran, anzugreifen, sondern errichteten ein Lager und befestigten es eilends so gut wie möglich." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 401.)
78 „Obgleich sich die Verluste diesmal ziemlich die Waage hielten, hatten die kaiserlichen Truppen nicht weniger Angst. Die Sache zog sich in die Unge und konnte auf Dauer die Muselmanen in Verwirrung stürzen. So beschlossen sie, mit List vorzugehen." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Alt-Muhammad dit le Báb, S. 403.)
79 „Er nahm die grüne Schärpe Yahyás, das Zeichen seiner heiligen Abstammung, knotete sie ihm um den Hals und begann ihn zu Boden zu zerren. Dann kam Safar, dessen Bruder Sha'bán im Krieg gefallen war, und Áqá Jan, Sohn 'Ali-Asghar Khans, des Bruders von Zaynu'l-'Ábidín Khan, und die Muslime, aufgeputscht durch dieses Schauspiel, steinigten und prügelten den Unglücklichen tot. Dann schnitten sie ihm den Kopf ab, zogen ihm die Haut ab, stopften diese mit Stroh aus und schickten sie als Trophäe nach Shíráz." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 406.)
80 Nach 'Abdu'1-Bahás Zeugnis wusste er nicht weniger als dreißigtausend Traditionen auswendig (nach einem Manuskript mit dem Titel Bahá'í-Märtyrer, vgl. auch 'Abdu'1-Bahá, Vorbilder der Treue 69:24)
81 Bahá'u'lIah nennt ihn „Siyyid Yahyá, jene einzigartige und unerreichte Gestalt seiner Zeit" (Das Buch der Gewissheit—Kitab-i-Iqan [L49\, S. 148). Der Báb erwähnt ihn mit folgenden Worten in Dald'il-i-Sab'ih: »Betrachte wieder die Zahl des Gottesnamens (Siyyid Yahyá). Dieser Mensch lebte ein friedliches, reines Leben, niemand, weder Freund noch Feind, konnte ihm seine Gaben und seine Heiligkeit absprechen, alle bewunderten seine wissenschaftliche Größe und die Höhen, zu denen er in der Philosophie aufgestiegen war. Beachte den Kommentar zur Súratu'l-Kawthar (Qur'án 108) and andere Abhandlungen, für ihn geschrieben, zum Beweis für den hohen Rang, den er bei Gott einnimmt." (Le Livre des Sept Preuves, ins Französische übersetzt von A. L. M. Nicolas S. 54f.)
82 „Siyyid Yahyá wurde mit seinem eigenen Gürtel erwürgt von einem, dessen zwei Brüder während des Feldzugs gefallen waren, und die anderen Bábí starben gleichfalls durch Henkers Hand. Die Köpfe der Opfer wurden mit Stroh ausgestopft, und mit diesen grausigen Trophäen ihres Heldenmuts kehrte die siegreiche Armee unter Mitführung von etwa vierzig, fünfzig gefangenen Bábí-Frauen und einem Kind zarten Alters zurück nach Shíráz. Ihr Einzug in die Stadt wurde zum Anlass allgemeiner Belustigung. Die Gefangenen wurden durch die Straßen und Bazare und schließlich vor den Prinzen Fíruz Mírzá geführt, der in einem Sommerhaus, genannt Kuláh-i-Fa-rangi, gerade ein Fest feierte. In seiner Gegenwart prahlten Mihr-'Alí Khan, Mírzá Na'ím und die anderen Offiziere mit den Einzelheiten ihres Sieges und empfingen Glückwünsche und Gunstbeweise dafür. Die gefangenen Frauen wurden schließlich in einer alten Karawanserei außerhalb des Isfahán-Tores eingesperrt, wie sie dort von ihren Schergen behandelt wurden, lässt sich denken." (A Travellers Narrative, Anm. H, S. 190.)
„Dieser Tag damals war ein Festtag, erzählt ein Augenzeuge. Die Einwohner schwärmten aus in die Umgebung, brachten ihr Essen mit und viele auch zu trinken, klammheimlich volle Flaschen Wein. Die Luft war voll Musik und Gesang, Geschrei und Gelächter der leichten Mädchen. Die Bazare waren mit Fahnen geschmückt—Freude überall. Plötzlich große Solle. Man sah zweiunddreißig Kamele kommen, auf jedem einen unglücklichen Gefangenen, Frau oder Kind, gefesselt und quer über den Sattel geworfen wie ein Bündel. Ringsum Soldaten mit langen Lanzen, auf denen die Köpfe der Bábí staken, die in Nayriz erschlagen worden waren. Von dem grässlichen Anblick wurden die wankelmütigen Einwohner von Shiraz heftig gepackt, bedrückt kehrten sie in ihre Häuser zurück. Die schreckliche Karawane zog durch die Bazare und kam zum Palast des Gouverneurs. Der hatte in seinem Gartenpavillon Kuláh-i-Farangí alles versammelt, was in Shíráz Geld, Rang und Namen hatte. Die Musik setzte aus, der Tanz hörte auf und Muhammad-'Ali Khan und Mírzá Na'im, zwei kleine Stammeshäuptlinge, die am Kampf teilgenommen hatten, erzählten von ihren Heldentaten und nannten die Namen ihrer Gefangenen, einen nach dem andern." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Alí-Muhammad du le Báb, S. 407.)
83 „Man sollte doch annehmen, dass all dies Blutvergießen ausreichte, um Hass und Mordlust der Muselmanen zu besänftigen. Weit gefehlt Mírzá Zaynu'l-'Ábidín Khan fühlte sich vom Rachedurst derer bedroht, die er betrogen und besiegt hatte, und ließ darum den Oberlebenden der Sekte keine Rast noch Ruh. Sein Hass war entfesselt und würde erst mit seinem Tod enden. So wurden denn die armen Teufel nach Shíráz geschickt, die Reichen dabehalten. Zaynu'l-'Ábidín Khan übergab sie einem Mann mit dem Auftrag, sie mit Stockschlägen durch die Stadt zu treiben. In Nayriz amüsierte man sich dabei. Sie hängten die Bábí an vier Haken auf, und alle kamen, sich an der Todesangst dieser unglücklichen Märtyrer zu weiden, sie trieben ihnen glühendes Schilfrohr unter die Nägel, brannten sie mit heißen Eisen, verweigerten ihnen Brot und Wasser, bohrten ihnen Löcher durch die Nasen, zogen Stricke hindurch und führten sie daran umher wie Bären." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 408.)
84 „Áqá Siyyid Ja'far-i-Yazdi sah, wie die Schergen seinen Turban verbrannten, dann führten sie ihn von Tür zu Tür, um von den Hausbewohnern Geld zu heischen." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 408.)
85 „Áqá Siyyid Abú-Tálib, ein sehr reicher Mann, wurde in Ketten gelegt, vom Gouverneur von Nayriz nach Ma'dan geschickt und dort durch Hájí Mírzá Násir, denselben, der in Shíráz dem Báb befohlen hatte, die Hand des Shaykhs Abú-Turáb zu küssen, vergiftet. Zwei Bábí-Frauen stürzten sich in einen Brunnen, um nicht gefangengenommen zu werden, und kamen um. Einige Bábí, die sich an Zaynu'l-'Abidin Khan rächen wollten, begaben sich nach Tihrán, um sich bei S.M. über die begangenen Ausschreitungen zu beschweren. Sie waren noch zwei oder drei Stationen von der Stadt entfernt und rasteten eben, müde vom Weg, als eine Karawane mit Leuten aus Shíráz vorbeikam, welche sie kannten. Sie wurden alle festgenommen bis auf einen gewissen Zaynu'l-'Abi-din, der nach Tihrán gelangen konnte. Die anderen wurden nach Shíráz verbracht, wo der Prinz sie sofort hinrichten ließ. Es starben Karbilá'í Abu'l-Hasan, ein Geschirrhändler, Áqá Shaykh Hádí, der Onkel von Vahids Frau, Mírzá 'Ali und Abu'1-Qásim-ibn-i-Hájí-Zayná, Akbar-ibn-i-Ábid, Mírzá Hasan und sein Bruder Mírzá Bábá." (A. L. M. Nicolas, Styyid 'Alt-Muhammad dit le Báb, S. 408f.)
86 29.Juni 1850n.Chr.
87 „Dass es überall Bábí gab, wusste man zu gut. Persien war voll davon, und wenn an transzendentalen Fragen interessierte Geister, Philosophen auf der Suche nach neuen Weltformeln, wenn die gekränkten Seelen, von Ungerechtigkeiten und Schwäche der Gegenwart angewidert, sich begeistert dem Gedanken und den Verheißungen einer neuen, befriedigenderen Ordnung der Dinge hingegeben haben, lässt sich gut denken, wie diese wirren Vorstellungen tapfere, kämpferische Herzen, voll von Tatendurst, und sei es um den Preis des Scheiterns, kurz, die Wagemutigen und Ehrgeizigen leicht verlockten, sich mit Stellen anzulegen, die über so viele Soldaten verfügten und unerschrockene Schlachtreihen aufstellen konnten. Mírzá Taqí Khan schimpfte auf die Laxheit, mit der sein Vorgänger Hájí Mírzá Áqásí eine derartige Gefahr entstehen und heranwachsen ließ, erkannte, dass ein solcher Fehler nicht fortdauern durfte, und beschloss, das Übel an der Wurzel zu packen. Er gelangte zur Oberzeugung, dass dessen Quelle der Báb selbst sei, der Autor all der Lehren, die das Land in Aufruhr stürzten, und er beschloss diese Quelle zu beseitigen." (Comte de Gobineau, Les Religions et ¡es Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 210f.)
88 „Hájí Mírzá Taqí beschloss indessen, dieses Ungeheuer Bábismus zu zerschlagen, er war überzeugt, dass, wenn der Urheber dieser Unruhen mit diesem Schlag von der Bildfläche verschwände und nichts weiter unternehmen könnte, alles wieder seinen normalen Lauf ginge. Jedocli—und das ist ziemlich merkwürdig für ein asiatisches Regime und erst recht für einen Staatsmann wie Mírzá Taqí Khan, denen es nichts ausmachte, Strenge gleich zu übertreiben,- beschloss der Minister, zunächst nicht die Tötung des Neuerers zu befehlen. Das beste Zerstörungsmittel, dachte er, ist, ihn moralisch zugrundezurichten. Ihn aus seinem Schlupfwinkel in Chihriq hervorzuholen, wo ihn ein Nimbus des Leidens, der Heiligkeit, der Gelehrsamkeit und Beredsamkeit umgibt und ihn wie die Sonne strahlen lässt; ihn dem Volk so zu zeigen, wie er wirklich war, das heißt wie er ihn sich vorstellte, war das beste Mittel, ihn unschädlich zu machen: seinen Ruf ruinieren. Er stellte ihn als gewöhnlichen Scharlatan hin, als schüchternen Träumer, der nicht soviel Mut gehabt, die kühnen Taten seiner drei Apostel zu planen, geschweige denn, sie zu lenken oder selbst teilzunehmen. Ein derartiger Mensch, nach Tihrán gebracht und den wortgewandten Streitern des Islam gegenübergestellt, konnte nur beschämt nachgeben, und seine Glaubwürdigkeit wäre dahin, viel eher, als wenn man seinen Leib vernichtete und zuließe, dass weiterhin das Trugbild einer Überlegenheit durch die Köpfe spukte, die der Tod unwiderlegbar bleiben ließe. Darum fasste man den Plan, ihn festnehmen und nach Tihrán bringen zu lassen, ihn unterwegs öffentlich gedemütigt und in Ketten überall mit den Mullas diskutieren zu lassen und, wann immer er zu kühn würde, zum Schweigen zu bringen, kurz, ihn einer Serie ungleicher Gefechte auszusetzen, in denen er zwangsläufig unterliegen musste, demoralisiert, weil ihm der Mut schon vorher durch geeignete Maßnahmen gebrochen wäre. Es war allerdings ein Löwe, den man da bändigen, an die Kette legen, ihm Klauen und Zähne stutzen und ihn dann den Hunden vorwerfen wollte, um zu zeigen, wie leicht diese mit ihm fertig würden. War er erst einmal besiegt, dann war es nicht mehr so wichtig, was man hernach über ihn beschlösse. Dieser Plan war nicht schlecht, aber er gründete auf Voraussetzungen, die alles andere als zutrafen. Es genügte keineswegs, sich den Báb einfach als mut- und haltlos vorzustellen; er hätte es auch wirklich sein müssen. Aber die Haltung dieses Mannes in der Festung Chihríq gab keinen Anlass, so zu denken. Er betete und arbeitete ohne Unterlass. Seine Sanftmut war unwandelbar. Wer in seine Nähe kam, erlag unweigerlich dem Zauber seiner Erscheinung, seines Verhaltens, seiner Sprache. Auch die Soldaten, die ihn zu bewachen hatten, waren nicht alle frei von dieser Schwäche. Ihm schien sein Tod nahe. Oft sprach er davon wie von einem nicht nur vertrauten, sondern sogar lieben Gedanken. Was würde geschehen, wenn man ihn so durch Persien führte und er nicht zusammenbräche? Wenn er sich nicht als arrogant oder ängstlich erwiese, sondern seinem gegenwärtigen Schicksal überlegen? Wenn es ihm gelänge, die gegen ihn angetretenen Koryphäen der Gelehrsamkeit, der Weltgewandtheit und Beredsamkeit in Verwirrung zu stürzen? Wenn er mehr denn je für seine alten Anhänger der Báb bliebe und es für die bislang noch Gleichgültigen oder gar für seine Feinde erst noch würde? Das hieß zweifellos viel aufs Spiel setzen, um viel zu gewinnen, man konnte dabei genauso gut viel verlieren, und wenn man es recht bedachte, durfte man sich dieser Gefahr doch nicht aussetzen." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S.211f.)
89 „Der Premierminister ließ den Afshár Sulaymán Khan rufen und beauftragte ihn, in Tabriz dem Prinzen Hamzih Mírzá, der Gouverneur von Ádhirbáyján geworden war, den Befehl zu übermitteln, den Báb aus der Festung Chihriq zu holen und in die Zitadelle nach Tabriz zu überführen, dort würde er später erfahren, was geschehen solle." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philoosophies dans l'Asie Centrale, S. 213.)
90 12. Juni—11. Juli 1850 n. Chr.
91 Nach A Traveller’s Narrative (S. 42) hatte der Báb mindestens dreihundertsechzig Ableitungen des Wortes „Bahᓠniedergeschrieben.
92 So wurde Bahá'u'lláh damals genannt.
93 „Das Ende der irdischen Manifestation des Báb steht jetzt nahe bevor. Er selbst wusste dies, bevor es eintrat, und war über die Vorahnung nicht unglücklich. Er hatte schon ,sein Haus bestellt', was die geistigen Belange der Bábí-Gemeinde betrifft, die er, wenn ich nicht irre, der Intuition und Weisheit Bahá'u'lláhs anvertraut hatte.... Man kann nicht umhin, dies für bei weitem wahrscheinlicher zu halten als die Ansicht, nach der Subh-i-Azal Hüter der heiligen Schriften gewesen sei und sich um eine Ruhestätte für die heiligen Überreste zu kümmern gehabt hätte. Ich fürchte stark, dass die Azali die Überlieferung zugunsten ihrer Partei verfälscht haben." (T. K. Cheyne, The Reconciliation of Races and Religions, S. 65f.)
94 schriftlicher Befehl, Erlass; s. Glossar im Anhang.
95 Verfolger der Abkömmlinge Muhammads.
96 „Es ist ohne Zweifel eine einzigartige Übereinstimmung, dass von beiden, 'Ali-Muhammad und Jesus Christus, die Worte an einen Jünger überliefert werden: JHeute sollst du mit Mir im Paradiese sein.'" (T. K. Cheyne, The Reconciliation of Races and Religions, S. 185.)
97 Anführer der Büttel; s. Glossar im Anhang.
98 „Nachdem die Leute von Hamzih Mírzá am nächsten Tag frühmorgens die Tore des Gefängnisses geöffnet hatten, brachten sie den Báb und seine beiden Jünger heraus. Man vergewisserte sich, dass die Eisenketten, die sie um Hals und Hände trugen, intakt waren. Zusätzlich schlang man jedem ein langes Seil um den Leib, dessen Ende von einem Farrásh gehalten wurde. So führte man sie dann, damit jedermann sie gut sehen und erkennen konnte, durch die Stadt, durch alle Straßen und Basare, wobei sie mit Schlägen und Schimpf überhäuft wurden. Die Menge drängte sich in den Gassen, die Leute stiegen sich gegenseitig auf die Schultern, um den Mann besser zu sehen, von dem so viel geredet wurde. Die Bábí und die Halbwegs-Bábí schwirrten in alle Richtungen aus und suchten bei einigen Zuschauern wenigstens Bedauern oder etwas Sympathie zu wecken, was dazu verhelfen könnte, ihren Meister zu retten. Die Gleichgültigen, die Philosophen, die Shaykhi, die Súfí wandten sich angewidert ab von dem Umzug und gingen nach Hause, oder sie warteten an der Straßenecke auf den Báb und betrachteten ihn nur stumm und neugierig. Der zerlumpte Pöbel, wild und leicht beeinflussbar, johlte übelste Beschimpfungen über die drei Märtyrer, aber er hätte auch seine Meinung geändert, sofern auch nur im geringsten ein Umstand ihn in andere Richtung gelenkt hätte. Die Muselmanen schließlich, die Herren des Tages, verfolgten die Gefangenen mit üblen Schmähungen und versuchten, die Eskorte zu durchbrechen, um sie ins Gesicht oder auf den Kopf zu schlagen, und wenn einer nicht rechtzeitig zurückgestoßen wurde oder ein von Kinderhand geschleudertes Geschoß den Báb oder einen seiner Gefährten ins Gesicht traf, brachen Wächter und Menge in Gelächter aus." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 220.)

99 „Der Báb verhielt sich ruhig; sein blasses, schönes Antlitz, umrahmt von einem schwarzen Bart mit kleinem Schnurrbart, sein Äußeres und seine vornehme Haltung, seine weißen, zarten Hände, seine einfache, aber peinlich saubere Kleidung, alles an seiner Person weckte Sympathie und Mitgefühl." (Journal Asiatique, 1866, Bd. 7, S. 378.)
100 „Beweis für die Ergebenheit und Standhaftigkeit dieses edlen Mannes ist ein Brief, geschrieben von seiner eigenen gesegneten Hand, der sich im Besitz seines noch in Tabriz lebenden Bruders Mulla 'Abdu'lláh befand. Diesen Brief hatte er zwei oder drei Tage vor seinem Märtyrertod aus dem Gefängnis geschrieben als Antwort an seinen Bruder, der ihn ermahnte, von seiner Ergebenheit und Hörigkeit abzulassen; und darin rechtfertigt er sich. Und weil der Märtyrer von den beiden Brüdern der jüngere war, wahrte der Brief an ihn einen respektvollen Ton. Der Text des Antwortschreibens lautet wie folgt: ,Er ist der Mitleidige, o mein Qiblih! Dank sei Gott, an meinen Umständen kann ich keinen Fehler finden, und „jeder Plage folgt Ruhe". Wenn Du schreibst, diese Sache hat kein Ende, welche Sache hat denn ein Ende? Wir sind jedenfalls damit nicht unzufrieden, ja, wir können nicht genugsam unsere Dankbarkeit für diesen Segen zum Ausdruck bringen. Wir können höchstens um Gottes willen getötet werden, und welch Glück wäre dies. Der Wille des Herrn muss durch Seine Diener erfüllt werden, und keine Schlauheit kann vorherbestimmtes Schicksal abwenden. Was Gott will, geschieht: es gibt keine Kraft außer in Gott. O mein Qiblih! Das Ende des irdischen Lebens ist der Tod: „Jede Seele soll den Tod schmecken." Wenn mich das Schicksal ereilt, das der Herr—mächtig und herrlich ist Er—mir bestimmt hat, dann ¡st Gott der Hüter meiner Familie, und du bist mein Treuhänder; handle so, wie es Gottes Wohlgefallen entspricht. Vergib, wenn ich es an Ehrerbietung oder Pflicht, die ich dem älteren Bruder schuldig bin, habe fehlen lassen, entschuldige mich auch bei all meinen Hausgenossen und befiehl mich Gott an. Gott ist mein Teil, und wie gut ist Gott als Hüter!'" (Tarikb-í-Jadíd, S. 301f.)
101 „Wenn in Persien Verurteilte erschossen werden, werden sie an einen Pfahl gebunden, mit dem Rücken zu den Zuschauern, damit sie das Zeichen des Feuerbefehls nicht sehen können." {Journal Asiatique, 1866, Bd. 7, S. 377.)
102 „Ein heftiger Aufschrei entrang sich in diesem Augenblick der Menge, als die Zuschauer den Báb, seiner Fesseln ledig, unbehindert auf sich zukommen sahen. Durch unglaublichen Zufall hatte keine einzige Kugel den Verurteilten getroffen, sie hatten im Gegenteil die Fesseln zerrissen, er war frei. Dies war ein richtiges Wunder, und Gott weiß, was geschehen wäre ohne die dienstbeflissene Kaltblütigkeit des christlichen Regiments in dieser Situation. Um die gärende Menge zu beruhigen, die an die Wahrheit einer Religion, die solche Beweise erbrachte, zu glauben bereit war, zeigten die Soldaten die von Kugeln zerfetzten Stricke herum als sichtbaren Beweis, dass kein Wunder stattgefunden hätte. Zugleich ergriff man den Báb aufs neue und band ihn wieder an den Hinrichtungspfahl. ... Diesmal war die Exekution erfolgreich. Muselmanische Gerechtigkeit und kanonisches Recht waren wiederhergestellt. Aber die Menge, tief beeindruckt von dem, was sich vor ihren Augen abgespielt hatte, ging zögernd auseinander, keineswegs davon überzeugt, dass der Báb ein Verbrecher gewesen wäre. Nach allem war seine Schuld höchstens für Legalisten eine, und die Welt ist nachsichtig bei Verbrechen, die sie nicht versteht." (M. C. Huart, La Religion de Báb, S. 3f.)
„Was damals geschah, war seltsam und in den Annalen der Menschheit einzigartig. ... Die Kugeln zerrissen die Stricke, die den Báb fesselten, und er selbst kam ohne eine Schramme auf seine Füße zu stehen." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 375.)
„Durch einen ungewöhnlichen Zufall trafen die Kugeln nur die Stricke, womit der Báb festgebunden war—sie zerrissen und er war frei. Lärm und Geschrei von allen Seiten, ohne dass man wusste, was da vor sich ging." (A. L. M. Nicolas, a.a.O., S. 379.)

103 Nach A Traveller’s Narrative (S. 45) waren „die Leiber [der Opfer] durchsiebt, ihre Glieder waren völlig zerrissen, bis auf die Gesichter, die nur leicht verletzt waren."
104 „Preis sei Gott, der den Punkt [Báb] offenbarte und aus Ihm die Kenntnis aller Dinge, der vergangenen wie der künftigen, entfaltete. ... Wahrlich, dies ist der Punkt, den Gott zu einem Lichtmeer für die Aufrichtigen unter Seinen Dienern bestimmte und zugleich zu einer Feuerflamme für die Eigensinnigen unter Seinen Geschöpfen sowie die Gottlosen in Seinem Volke." (Bahá'u'lláh, Ishráqáp, Botschaften aus 'Akká 8:6.)
„Ebenso flehte Er um den Märtyrertod in Seiner Auslegung des Buchstabens ,Há'. Er sprach: »Mich deucht, Ich hörte eine Stimme in Meinem Allerinnersten rufen: „Opferst Du das, was Du am meisten liebst, auf dem Pfade Gottes, wie Husayn—Friede sei auf Ihm—Sein Leben dargebracht hat um Meinetwillen?" Und würde Ich nicht auf dieses unentrinnbare Mysterium achten—Ich schwöre bei Ihm, der Mein Dasein in den Händen trägt: Selbst wenn sich alle Könige der Erde verbänden, so wären sie machtlos, einen Buchstaben von Mir zu nehmen, wieviel weniger können es diese Diener, die keiner Beachtung wert und wahrlich der Abschaum sind... O dass doch alle den Grad Meiner Geduld, Ergebenheit und Selbstaufopferung auf dem Pfade Gottes erkennen möchten!" (Bahá'u'lláh, Kitab-i-Iqán [260]; Das Buch der Gewissheit, S. 153.)
„Der Báb, der Herr, der Erhabenste—möge das Leben aller ein Opfer für Ihn sein -, hat im besonderen ein Sendschreiben an die Geistlichen in jeder Stadt offenbart, worin Er das Wesen der Verleugnung und Ablehnung durch einen jeden von ihnen ausführlich klarlegt. .Darum gebt gut acht, ihr Menschen der Einsicht!' [Qur'án 59:2]" (Bahá'u'lláh, a.a.O. [257]; S. 152.)
„Diese erhabene Seele erhob sich mit solcher Kraft, dass sie die Stützin der Religion und Moral, die Zustände, Sitten und Gebräuche Persiens ins Wanken brachte, stattdessen ein neues Gesetz und neue Vorschriften einsetzte und eme neue Religion schuf. Obwohl die Spitzen der Regierung, beinahe die gesamte Geistlichkeit und die Leute der Öffentlichkeit sich erhoben, um Ihn zu vernichten und zu töten, hielt Er ihnen allein stand und brachte ganz Persien in Aufruhr. ... Er verlieh göttliche Erziehung und beeinflusste in wunderbarer Weise das Denken, die Moral und die Lebensart der Perser." ('Abdu'1-Bahá, Beantwortete Fragen, S. 38.)
„Die Christen glauben, dass Jesus Christus, hätte er lebend vom Kreuz herabsteigen wollen, dies ohne weiteres hätte tun können. Er starb freiwillig, weil er sterben musste und um die Prophezeiungen zu erfüllen. Dasselbe trifft, wie die Bábí sagen, auf den Báb zu, der auf diese Weise seinen Lehren klar Gesetzeskraft verleihen wollte. Auch er starb freiwillig, weil sein Tod die Menschheit erretten musste. Wer wird uns je die Worte sagen, die der Báb inmitten dieses unvorstellbaren Tumults sprach, als er verschied; wer kennt die Gedanken, die seine schöne Seele bewegten; wer wird uns je das Geheimnis dieses Todes deuten? ... Sein reiner, aufrichtiger Geist rebellierte beim Anblick der Schandtaten, der schamlosen Laster, der Verlogenheit des Klerus. Er spürte das Bedürfnis nach einer tiefgreifenden Reform der öffentlichen Sitten, und zweifellos zögerte er mehr als einmal beim Gedanken an eine unabwendbar erscheinende Revolution, um Leib und Seele von dem brutalen Joch zu befreien, das im selbstsüchtigen Interesse einer Clique von ... Nutznießern und zur größten Schande für die wahre Religion des Propheten auf ganz Persien lastet. Groß muss seine Bestürzung gewesen sein, schrecklich seine Sorge, und er bedurfte des dreifachen Erzes, von dem Horaz spricht, um sich kopfüber in dieses Meer von Aberglauben und Hass zu stürzen, das ihn schicksalhaft verschlang. Es ist dies eines der großartigsten Beispiele von Mut, das die Menschheit zu betrachten das Vorrecht hatte, und es ist ebenso ein bewundernswürdiger Beweis der Liebe, die unser Held für seine Mitmenschen hegte. Er opferte sich für die Menschheit, für sie gab er Leib und Seele hin, um ihretwillen nahm er Entbehrung, Schimpf, Beleidigung, Marter und Tod auf sich. Mit seinem Blut besiegelte er das Bündnis universeller Brüderlichkeit, und wie Jesus bezahlte er mit seinem Leben die Verkündigung des Reiches der Eintracht, der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe. Mehr als jeder andere wusste er, welche schrecklichen Gefahren er sich auflud, er sah selbst, welche Erbitterung der wilde Fanatismus, geschickt aufgereizt, annehmen konnte. Aber alle diesbezüglichen Überlegungen konnten ihn nicht von dem Weg abhalten, zu dem er sich entschlossen hatte. Furcht kannte er nicht, und so ging er ruhig, ohne einen Blick zurück, völlig gefasst in den Feuerofen." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Alí-Muhammad dit le Báb, S. 203f, 376.)
„Das Haupt der neuen Religion war tot, und nach Mírzá Taqí Khans, des Premierministeo, Kalkül musste nun wieder tiefster Friede in die Gemüter einziehen, die zumindest von dieser Seite nicht mehr beunruhigt werden konnten. Aber die politische Weisheit erwies sich diesmal als Fehler. Statt das Feuer zu löschen, hat man im Gegenteil nur Gewalt entfesselt.... Wenn man die religiösen Lehren des Báb genauer betrachtet, sieht man, dass das Weiterbestehen der Sekte nicht im mindesten von dessen physischer Anwesenheit abhängt, sie konnte ohne ihn voranschreiten und sich entwickeln. Wenn der Premierminister sich über diesen Grundzug der verhassten Religion im klaren gewesen wäre, hätte er vielleicht nicht so eifrig einen Mann beiseite schaffen lassen, dessen Existenz letzten Endes durch nichts bedeutsamer werden konnte als durch seinen Tod." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 224,225.)
„Der Báb war ein solcher Prophet", schreibt der Rev. Dr. T. K. Cheyne, „wir nennen ihn »Prophet', weil wir keine bessere Bezeichnung haben, ja, ich sage euch, ein Prophet und mehr denn ein Prophet'. Die Kombination von Milde und Kraft in ihm ist so außergewöhnlich, dass wir ihn zu den Obermenschen zählen müssen.... Wir hören, dass auf den Höhepunkten seiner Laufbahn, wenn er im Zustand der Verzückung war, sein Antlitz eine solche Macht und Majestät ausstrahlte, dass niemand ertragen konnte, das Leuchten seiner Herrlichkeit und Schönheit anzuschauen. Es war auch kein ungewöhnliches Ereignis, wenn Nichtgläubige unwillkürlich sich in tiefer Ehrfurcht verbeugten, wenn sie Seine Heiligkeit sahen, während die Bewohner der Festung, obgleich in der Mehrzahl Christen oder Sunni, sich verehrungsvoll niederwarfen, wenn sie das Antlitz Seiner Heiligkeit erblickten. Derartige Verklärung ist den Heiligen wohl bekannt. Sie wurde als himmlische Bestätigung für die echte, vollkommene Loslösung des Báb angesehen." (The Reconciliation of Races and Religions, S. 8f.)
„Wer vermag von dem edlen Geist des Mírzá 'Ali-Muhammad nicht angezogen zu sein? Sein sorgenbeladenes, ständig bedrohtes Leben, seine makellose Haltung, seine Jugend, sein Mut und seine Geduld im Unglück, seine völlige Selbstverleugnung, die leise Ahnung von einem besseren Stand der Dinge, die man aus den dunklen, geheimnisvollen Äußerungen des Bayán herauslesen kann, und vor allem sein erschütternder Tod—all das ist dazu angetan, unsere Sympathie mit dem jungen Propheten aus Shíráz zu wecken. Der unwiderstehliche Charme, der ihm im Leben soviel Zuneigung gewann, lebt weiter und übt immer noch seinen Einfluss auf die Gemüter der Perser aus." (E. G. Browne, The Bábís of Venia, in: Journal of the R.A.S., 1889, S. 933.)
„Wenige glauben, dass sich die Lehren des Báb nach diesen blutigen Maßnahmen nicht weiter ausbreiten werden. Unter den Persern lebt weithin ein revolutionärer Geist, der sein System vor der Vergessenheit bewahren wird, außerdem sind seine Lehren für die Perser attraktiv. Wenn auch jetzt unterdrückt und im Untergrund der Städte verborgen, ist der Glaube des Báb vermutlich alles andere als im Rückgang begriffen und breitet sich täglich weiter aus." (Lady Sheil, Glimpses of Life and Manners in Persia, S. 181.)
„Die Geschichte des Báb, wie Mírzá 'Ali-Muhammad sich nannte, war die Geschichte eines in Svabhavas Erfahrung unübertroffenen geistigen Heldentums, und seine kühne Seele ließ sich davon entflammen. Dass ein junger Mann ohne gesellschaftliche Ambitionen und ohne Bildung allein kraft seiner Einsicht fähig war, den Dingen auf den Grund zu gehen und die Wahrheit zu erkennen—und dann daran mit solcher Oberzeugungskraft festzuhalten und sie mit solcher Beredsamkeit darzulegen, dass die Menschen überzeugt waren, in ihm den Messias vor sich zu haben, und ihm selbst bis in den Tod folgten, war eine jener leuchtenden Tatsachen der Menschheitsgeschichte, über die Svabhava gern meditierte.... Die leidenschaftliche Aufrichtigkeit des Báb konnte nicht bezweifelt werden, denn er hatte das Leben für seinen Glauben geopfert. Und dass in seiner Botschaft etwas sein muss, was die Menschen anspricht und ihre Seelen erfrischt, bezeugt die Tatsache, dass Tausende das Leben für seine Sache hingaben und Millionen ihm heute folgen. Wenn ein junger Mann in nur sechs Jahren Wirkens mit seiner aufrichtigen Absicht und seiner anziehenden Persönlichkeit Reich und Arm, Gebildete und Analphabeten so zum Glauben an ihn und seine Lehren begeistern kann, dass sie auch dabei bleiben, wenn sie gejagt und ohne Prozeß zum Tod verurteilt, zersägt, gehängt, erschossen, von Kanonenrohren geblasen werden, und wenn Männer von Kultur und hohen Ranges in Pérsien, Türkei und Ägypten in großer Zahl bis heute seinen Lehren anhängen, dann muss sein Leben eines jener Jahrhundertereignisse gewesen sein, die es wert sind, studiert zu werden." (Sir Francis Younghusband, The Gleam, S. 183f.)
„So endete 1850, im dreißigsten Lebensjahr, die Heldenlaufbahn eines wahren Gottesmannes. Für die Ernsthaftigkeit seiner Oberzeugung, von Gott berufen zu sein, ist die Art seines Todes der denkbar beste Beweis. Im Glauben, andere damit aus dem Irrtum ihrer gegenwärtigen Meinungen erretten zu können, opferte er willig sein Leben. Und für seine Fähigkeit, Menschen an sich zu ziehen, ist die leidenschaftliche Hingabe Hunderter und Tausender, die ihr Leben in seiner Sache opferten, ein überzeugender Beweis." (a.a.O., S. 210.)
„Der Báb war tot, nicht aber der Bábismus. Er war nicht der erste, und noch weniger der letzte einer langen Reihe von Märtyrern, die bewiesen haben, dass selbst in einem von Korruption zerfressenen und in Gleichgültigkeit hinsiechenden Land wie Persien die Seele der Nation überlebt, undeutlich vielleicht, und in gewisser Hinsicht hilflos, doch immerhin noch plötzlicher Lebensregungen fähig." (Valentine Chirol, The Middle Eastern Question, S. 120.)
105 9.Juli 1850n.Chr.
106 „ ‚Der Zar von Russland’, sagte [Hájí Mírzá Jání], ,gebot dem russischen Konsul in Tabriz, über Seine Heiligkeit den Báb genaue Erkundigungen einzuziehen und über die Zustände zu berichten,4kidiete Nachricht eintraf, brachten sie, d.h. die persischen Behörden, den Báb um. Der russische Konsul rief Áqá Siyyid Muhammad-Husayn, den Sekretär des Báb, der in Tabriz gefangengehalten wurde, zu sich und erkundigte sich nach Lebenszeichen und dem Ergehen Seiner Heiligkeit. Weil Muslime zugegen waren, wagte Áqá Siyyid Husayn nicht, frei über seinen Herrn zu sprechen, verstand es aber, durch Andeutungen verschiedene Dinge mitzuteilen, und gab ihm [dem russischen Konsul] einige Schriften des Báb.' Dass diese Mitteilung—zumindest teilweise—zutreffend ist, wird bestätigt durch die Aussage von Dorn, der in seiner Beschreibung eines Ms. der Commentaries ort the Nantes ofGod des Báb (die er den „Qur'án der Bábí" nennt), auf S. 248 des 8. Bandes des Bulletin de l'Académie Imperiale des Sciences de St. Pétersbourg erwähnt, es stamme unmittelbar vom Sekretär des Báb, der es während seiner Gefangenschaft in Tabriz in europäische Hände gegeben habe.'" (Táríkh-i-Jadíd, S. 395f.)
107 Bürgermeister; s. Glossar im Anhang.
108 „Nach uraltem Brauch im Orient, bei der Belagerung von Bethulien genauso geübt wie am Grab unseres Herrn, ist die Wache ein Soldat, der auf dem Posten, auf dem er wachen soll, nach Herzenslust schläft." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 166.)
»Man kann an dieser Geschichte sehen, was persische Wachsoldaten sind: Ihre Funktion besteht im Prinzip darin, an der Stelle, die sie zu bewachen haben, zu schlafen." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 378.)
109 „M. de Gobineau berichtet in Übereinstimmung mit den Autoren des Násikhu't-Taváríkh, des Rawdatu's-Safá, des Mir'átu'1-Buldán, kurz, mit allen offiziellen Chronisten, dass nach der Exekution der Leichnam des Báb in den Stadtgraben geworfen und von Hunden gefressen worden sei. In Wirklichkeit war dem nicht so, und wir werden sehen, warum dieses Gerücht von den Behörden in Tauris, die kaum Interesse hatten, wegen einer teuer erkauften Willfährigkeit den Tadel der Regierung auf sich zu ziehen, genauso verbreitet wurde wie von den Bábí, die polizeiliche Untersuchungen verhindern wollten. Die höchst verlässlichen Aussagen der Augenzeugen dieses Dramas bzw. seiner Akteure lassen mir keinen Zweifel daran, dass der Leichnam von Siyyid •Ali-Muhammad von ehrfürchtigen Händen weggetragen und schließlich nach mancherlei Geschehnissen, die ich erzählen werde, die seiner würdige Bestattung gefunden hat." (a.a.O., S. 377.)
110 „So ist Tihrán mit einem Heiligtum versehen, dem Mausoleum des Sháhs 'Abdu'l-'Azím. Man sagt, dass die sterblichen Überreste des heiligen Mannes, die unter der blattvergoldeten Kuppel ruhen, die mir, als ich auf die Stadt zuritt, schon von weitem entgegenleuchtete, jährlich mehr als dreihunderttausend Besucher anziehen. Ich glaube, dass die meisten Schriftsteller diskret ihre Unwissenheit über den Heiligen verbergen, den sie als einen ,heiligen Muslim' bezeichnen, .dessen Schrein von den frommen Tihránern oft aufgesucht wird'. Aber es scheint, dass dies lange vor dem Aufkommen des Islam ein heiliger Ort war, als Grabstätte einer heiligen Frau, in welchem Zusammenhang erwähnt sei, dass der Schrein immer noch überwiegend von Frauen in Ehren gehalten wird. Nach der muslimischen Eroberung wurde hier der Imám-Zádih Hamzih bestattet, der Sohn des siebten Imams Musá-Kázim; und hierher kam auf der Flucht vor dem Khalifen Mutavakkil eine heilige Persönlichkeit namens Abu'l-Qásim 'Abdu'l-'Azím, der in Rayy im Verborgenen lebte bis zu seinem Tod um 861 A.D. (So berichtet das persische Kitáb-i-Majlisí unter Berufung aufShaykh Najáshí, der Barki zitiert.) Sein Ruhm verdunkelte in der Folgezeit den seines berühmteren Vorgängers. Später haben Herrscher, besonders solche aus der regierenden Dynastie, den Gebäudekomplex über den Gräbern erweitert und ausgeschmückt, die anwachsende Popularität ließ ein beachtliches Dorf um den geheiligten Bezirk entstehen. Die Moschee liegt in der Ebene etwa sechs Meilen südsüdöstlich von der Hauptstadt, gleich hinter den Ruinen von Rayy, an den letzten Ausläufern der die Ebene von Tihrán im Südosten umschließenden Berge.'' (Lord Curzon, Persia and the Persian Question, S. 345f.)
111 Ein Schrein in Tihrán.
112 „Es stimmt", schreibt Lord Curzon, „dass seine [Násiri'd-Dín Sháhs] Regierungszeit durch eine oder zwei bedauerliche Gewalttaten befleckt war; am übelsten davon war der Mord an seinem ersten Premierminister Mírzá Tagí Khan, dem Amír Nizám.... Dieser, ein Schwager des Sháhs und erster Untertan des Reiches, fiel dank dem Rachedurst der Hofintrige und dem heimtückischen Neid seines jugendlichen Souveräns so in Ungnade, dass seine Feinde sich nicht eher zufrieden gaben, als bis sie ihren gestürzten, aber immer noch furchtbaren Gegner zu Tode gebracht hatten." (Fersia and the Persian Question, Bd. 1, S. 402.)
113 „Alle Welt wusste, dass die Bábí das nahe Ende des Premierministers vorausgesagt und seine Todesart angekündigt hatten. Es traf, wie erzählt wird, genau so ein, wie es die Märtyrer von Zanjan, Mírzá Ridá, Hájí Muhammad-'Ali und Hájí Muhsin angekündigt hatten. Dem Minister, in Ungnade gefallen und vom königlichen Hass verfolgt, wurden in dem Dorf Fin bei Káshán die Adern geöffnet, wie es seinen Opfern geschehen war. Sein Nachfolger wurde Mírzá Áqá Khán-i-Núrí, ein Adliger aus Mázindarán, bisher Kriegsminister. Dieser neue Machthaber legte sich den Titel Sadr-i-A'zam zu, den die Großwesire des osmanischen Reiches tragen. Das geschah 1852." (Comte des Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 230.)
114 Hauptstadt des Khamsih-Distrikts. „Khamsih ist eine kleine Provinz östlich von Kafian-Kuh, in den Tigris-Bergen zwischen 'Iráq und Ádhirbáyján. Die Hauptstadt Zanjan ist eine schöne Stadt mit einer zinnengekrönten Mauer und Befestigungstürmen wie in allen persischen Städten. Die Bevölkerung ist türkisch; die persische Sprache wird, abgesehen von Regierungsangestellten, wenig gesprochen. In der Umgebung liegen recht wohlhabende Dörfer, die oft von mächtigen Stämmen aufgesucht werden, besonders im "Winter und Frühjahr." (Comte de Gobineau, Les Religkms et ¡es Philosophie* dam l'Asie Centrale, S. 191.)
115 „In diesen Jahren [1266/67] gingen in ganz Persien die Babi-Häuser in Flammen auf, und jeder Bábí, wo er auch lebte, wurde auf den geringsten Verdacht hin getötet. Mehr als viertausend Menschen wurden erschlagen, und viele Frauen und Kinder blieben ohne Ernährer hilflos zurück; entwurzelt und verstört, wurden sie zertreten und vernichtet." (A Travellern Narrative, S.47f.)
116 „In dieser Stadt lebte ein Mujtahid namens Mulla Muhammad-'Alíy-i-Zanjání. Er stammte aus Mázindarán, hatte bei einem berühmten Lehrer studiert, der den Titel Sharífu'l-’Ulamá trug. Mulla Muhammad-'Ali befasste sich besonders mit theologischer Dogmatilc und Jurisprudenz und erwarb sich einen guten Ruf. Die Muslime versichern, dass er in seiner Funktion als Mujtahid einen ruhelosen, ungestümen Geist gezeigt hätte. Keine Frage schien ihm ausreichend geklärt oder zufriedenstellend gelöst. Seine vielen Fatvás brachten die Gläubigen ständig in Gewissenskonflikte und störten sie in ihren Gewohnheiten. Begierig nach Neuem, war er weder tolerant in der Diskussion noch maßvoll im Disput. Bald verlängerte er zu unrecht das Fasten im Ramadan aus Gründen, die niemandem zuvor eingefallen waren; bald änderte er das Gebetsritual in ganz ungewöhnlicher Weise. Er war den Friedliebenden unangenehm, den Konservativen widerwärtig. Aber zugegeben, er hatte viele Parteigänger, die ihn als Heiligen betrachteten, seinen Eifer priesen und auf ihn schworen. Nach unparteiischem Urteil muss man in ihm einen jener zahlreichen Muselmanen sehen, die es in Wirklichkeit nicht sind, sondern von lebendigem Glauben und religiösem Eifer getrieben, mit Leidenschaft ein Betätigungsfeld suchen. Sein Pech war, dass er als Mujtahid naturgemäß von seiner Fähigkeit, Ideen auf den Kopf zu stellen, Gebrauch machen zu können glaubte, wenn auch die Sache selbst einen solchen Aufruhr nicht rechtfertigte." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S.191f.)
117 1812—13 n. Chr.
118 „Unter den ‘Ulamá der Stadt lebte eine Persönlichkeit namens Ákhúnd Mulla 'Abdu'r-Rahim, berühmt für seine Frömmigkeit. Er hatte einen Sohn, der in Najaf und Karbilá lebte, wo er an den Kursen des berühmten Sharífu'l-’Ulamáy-i-Mázindarání teilnahm. Der junge Mann war ein ruheloser Geist und konnte die Beschränktheit des Shi'ismus nicht leiden." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 332.)
119 „Als er auf dem Rückweg von den heiligen Stätten durch Hamadán kam, begrüßten ihn die Einwohner der Stadt voll Bewunderung und baten ihn zu bleiben." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 336.)
120 „Alle ‘Ulamá der Stadt machten ihm ihre Aufwartung und zogen sich, bekümmert über die wenigen Worte, die er zu ihnen sprach und die eine ungewöhnliche Denkweise offenbarten, zurück. Tatsächlich erwies die Haltung dieses Neuankömmlings den frommen Persönlichkeiten bald, dass sie sich in ihrer Einschätzung nicht getäuscht hatten." (a.a.O.)
121 „Es gab eine Karawanserei aus der Zeit des Sháh 'Abbás, die sich allmählich zu einer Síghih-khánih entwickelt hatte: Um eine Verletzung des shi'itischen Gesetzes zu verhindern, pflegte ein gewisser Mulla Dust-Muhammad, der sich dort einquartiert hatte, die flüchtige Vereinigung der männlichen Besucher dieses Ortes mit den Bewohnerinnen abzusegnen. Hujjatu'1-Islám—diesen Titel hatte sich unser Held zugelegt—ließ diese Institution schließen, verheiratete die meisten der Frauen und sorgte für Beschäftigung der anderen in ehrenwerten Familien. Desgleichen ließ er einen Weinhändler namens Murad auspeitschen und seine Hütte abreißen." (a.a.O., S. 332f.)
122 „Aber damit war seine Tätigkeit noch nicht am Ende. Ständig mit Problemen einer auf oftmals widersprüchlichen Hadith fußenden Religion beschäftigt, verwirrte er die Gemüter seiner Gläubigen mit besonderen Fatvás, mit denen er alte Traditionen auf den Kopf stellte. So reaktivierte er ein Hadith, das Muhammad den Spruch zuschreibt: ,Der Monat Ramadan ist immer ganz.' Ohne nach der Herkunft dieses Hadith zu forschen, ohne zu fragen, ob diejenigen, die es überlieferten, glaubwürdig sind, befahl er, dass es buchstäblich befolgt wird, und veranlasste seine Hörer somit, am Tag Fitr zu fasten, was bislang als schwere Sünde galt. Er erlaubte auch, dass bei der Prostration im Gebet die Stirn auf einen Kristall aufgelegt wird. All diese Neuerungen gewannen ihm zahlreiche Parteigänger, die sein Wissen und seine Aktivität bewunderten; aber sie missfielen auch der offiziellen Geistlichkeit, deren von Unruhe geschürter Hass bald keine Grenzen mehr kannte.“ (a.a.O., S. 333.)
123 „Er kam und gewann durch seine Höflichkeit und sein liebenswürdiges Wesen im Handumdrehen alle, die mit ihm in Berührung kamen, auch Seine Majestät. Man erzählt sich, dass er eines Tages zusammen mit einigen Kollegen beim Sháh war, als einer von ihnen, ein ‘Ulamá aus Káshán, ein Papier aus der Tasche zog und dem König zur Unterschrift vorlegte. Es war dies ein königlicher Farmán, durch den Zuwendungen gewährt werden sollten. Hujjat, der dies begriff, erhob sich und brandmarkte heftig, dass ein Geistlicher sich zum Pensionär der Regierung machte. Er verwies auf Hadith und Qur'án zum Beweis, wie schändlich diese Praxis sei, die auf die Bani-Umayyih zurückging. Seine Kollegen kochten vor Wut, aber dem Sháh gefiel diese Offenheit, er überreichte unserem Helden einen Stab und einen Ring und erlaubte ihm, nach Zanjan zurückzukehren.'' (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Alí-Muhammad dit le Báb, S. 333f.)
124 „Die Einwohner von Zanjan strömten ihm in Massen entgegen und brachten ihm Ochsen, Hühner und Schafe dar. Ein Dutzend zwölfjähriger Kinder, die zum Zeichen ihrer Bereitschaft, sich auf seinem Pfad zu opfern, rote Halstücher trugen, bildeten die Mitte des Zuges. Es war ein triumphaler Einzug." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 334.)
125 „Er machte seine Schüler zu Vorbildern an Tugend und Selbstbeherrschung. Die Menschen stillten hinfort ihren Durst an den Quellen geistigen Lebens. Sie fasteten drei Monate lang, verlängerten das Gebet, indem sie ihm täglich die Anrufung des Ja'far-i-Tayyár anhängten, vollzogen ihre Waschungen täglich einmal mit Qur-Wasser (gesetzliches Maß für Reinheit) und belagerten schließlich freitags in Scharen die Moscheen." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Alt-Muhammad dit le Báb, S. 334.)
126 „Schließlich begann er laut das Freitagsgebet anzustimmen, das beim Erscheinen des Imam das tägliche Gebet ersetzen sollte. Dann erläuterte er einige Worte des Báb und schloss folgendermaßen: ,Das Ziel, dem die Welt zustrebte, ist jetzt unter uns, unverschleiert und ungehindert. Die Sonne der Wahrheit ist aufgegangen, die Lichter der Einbildung und der Nachahmung sind erloschen. Richtet eure Augen auf den Báb, nicht auf mich, der ich Sein niedrigster Diener bin. Mein Wissen ist im Vergleich zu dem Seinen eine Kerze, die in der Mittagssonne verlischt. Erkennt Gott durch Gott und die Sonne an ihren Strahlen. Denn heute ist der Sáhibu'z-Zamán erschienen. Der Herrscher aller Möglichkeiten lebt.' Nicht nötig zu sagen, welch tiefen Eindruck diese Rede auf die Zuhörer machte. Fast alle ließen sich überzeugen und diskutierten miteinander nur noch über das wahre Wesen des Báb." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 335.)
127 „Die Bekehrung des Mulla Muhammad-'Ali und seiner zahlreichen Parteigänger erschöpfte wiederum die Geduld des Imám-Jum'ih und des Shaykhu'1-Islám. Sie schrieben wütende Briefe an S.M., der mit der Verhaftung des Beschuldigten antwortete." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Alt-Muhammad dit le Báb, S. 336.)
128 „Er war in Tihrán bis zu dem Augenblick, da nach Muhammad Sháhs Tod Násiri'd-Dín Mfrzá zum Násiri'd-Dín Sháh wurde und den Amir Arslán Khan Majdu'd-Dawlih, einen seiner Onkel, der Ishíq Ághásí des Palastes war, zum Gouverneur in Zanjan machte." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Alt-Muhammad dit le Báb, S. 337.)
129 „Er hielt dort einen so triumphalen Einzug, wie er ihn vor einigen Monaten nicht gehabt hatte. Da er jetzt Bábí geworden war, kamen zu seinen alten Freunden noch die Anhänger der neuen Lehre hinzu. Eine große Menschenmenge, Wohlhabende und Angesehene, Soldaten, Kaufleute, selbst Mullas kamen ihm eine oder zwei Stationen entgegen und geleiteten ihn nach Hause, nicht wie einen zurückkehrenden Flüchtling, nicht wie einen Bittsteller, der nichts als Ruhe sucht, oder einen Rivalen, dessen Stärke man fürchten muss. Er kam als Herr." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Phäosophies dans l'Asie Centrale, S. 193.)
„Der Autor des Násikhu't-Taváríkh erkannte selbst, dass eine große Zahl der Bewohner Zanjáns, darunter hohe Würdenträger der Stadt, dem Flüchtling zwei Stationen weit entgegengingen. Er wurde wie ein Sieger empfangen, und viele Schafe wurden ihm zu Ehren geschlachtet. Niemand aus dem feindlichen Lager wagte es, für seine Flucht aus Tihrán nach Zanjan Rechenschaft von ihm zu fordern. Aber der Islam hatte es schwer, denn die Zanjání scheuten sich nicht, in allen Basaren über die neuen Lehren zu reden. Der muselmanische Verfasser merkt an, dass die Zanjáner allesamt einfältig waren und ihm deshalb sofort auf den Leim gingen, aber er widerspricht sich, indem er erklärt, dass sich nur die Armen, die auf den Reichtum der Welt Neidischen und Leute ohne Religion um den neuen Kopf geschart hätten. Es waren aber sehr viele, wenn man ihm glauben darf; er schätzt sie auf fünfzehntausend, was mir etwas zu hoch gegriffen erscheint." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 337f.)
130 „Majdu'd-Dawlih, der Gouverneur der Stadt, ein finsterer, grausamer Mensch, war wütend, einen so lästigen Mann wie Hujjat zurückkommen zu sehen, und ließ darum Muhammad Bik auspeitschen und Karbilá'í Valí die Zunge ausreißen." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 337.)
131 Bezeichnung für einen Muskelprotz.
132 s. Glossar.
133 „Bei diesem Anblick ergriffen die Muselmanen die Flucht, und der Verwundete wurde von Mir Saláhs Tante in deren Haus versorgt." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Alt-Muhammad dit le Báb, S. 341.)
134 16. Mai 1850 n. Chr.
135 „Der Gouverneur und die ‘Ulamá schrieben Berichte an Seine Majestät, worin sie ihre Sorgen und Befürchtungen zum Ausdruck brachten. Der Sháh, kaum den Krieg in Mázindarán hinter sich und wütend über die Aussicht eines anderen Aufstands in einem anderen Teil seines Reiches, befahl, auch von seinem Sadr-i-Azam und den ‘Ulamá, die den heiligen Krieg erklärt hatten, aufgestachelt, die Bábí zu töten und ihr Eigentum zu plündern. Es war Freitag, der 3. Rajab, als der Befehl in Zanjan eintraf." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 341f.)
136 „Das war ein schöner Tumult. Die Muselmanen rannten aufgeregt herum auf der Suche nach ihren Frauen, ihren Kindern, ihrem Hausrat. Sie kamen und gingen, verstört, außer sich, weinend über das, was sie nicht mitnehmen konnten. Familien wurden getrennt, Vater verstießen ihre Söhne, Frauen ihre Männer, Kinder ihre Mütter. Ganze Häuser blieben in der großen Überstürzung leer stehen, und der Gouverneur schickte in die benachbarten Dörfer, um mit Gewalt Männer für den heiligen Krieg zu rekrutieren." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Alt-Muhammad dit le Báb, S. 342.)
137 „Die Bábí blieben ihrerseits nicht untätig: Sie bereiteten sich systematisch auf ihre Verteidigung von Hujjat ermahnte sie, niemals anzugreifen, aber sich immer zu verteidigen. ,O Brüder', sagte er, .bereitet mir keine Schande. Denkt nicht, ihr würdet, weil ihr die Gefährten des Sáhibu'z-Zamán seid, die Welt mit dem Schwert erobern. Nein, bei Gott. Man wird euch töten, man wird euch verbrennen, man wird eure Köpfe von Stadt zu Stadt schicken. Der einzige Sieg, der euch winkt, ist euch zu opfern, euch, eure Frauen, euer Hab und Gut. Nach Gottes Ratschluss war bisher in jedem Zeitalter das Blut der Gläubigen das Öl für die Lampe der Religion. Ihr habt von den Qualen gehört, unter denen die heiligen Märtyrer vom Mázindarán starben. Sie wurden getötet, weil sie bekannten, dass der verheißene Mihdi erschienen ist. Ich sage euch, wer nicht die Kraft hat, solche Qualen zu ertragen, der gehe zur andern Seite, denn wir werden den Märtyrertod erleiden— und ist unser Herr nicht auch in ihren Händen?'" (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Mb, S. 342f.)
138 „Man stelle sich eine persische Stadt vor. Die Straßen eng, vier oder fünf, höchstens acht Fuß breit, der Boden ungepflastert und so voller Löcher, dass man ständig auf der Hut sein muss, nicht die Beine zu brechen. Die Häuser, zur Straße hin fensterlos, zeigen sich als durchgehende Mauern auf beiden Seiten, allgemein etwa fünfzehn Fuß hoch, mit aufgesetzten Terrassen ohne Geländer, ab und zu von einem sogenannten Bálá-Khánih oder teilweise offenen Pavillon gekrönt, der normalerweise auf einen reichen Besitzer schließen lässt. Das ganze besteht aus Lehm oder sonnengetrockneten Ziegeln, armiert durch Pfosten aus gebrannten Ziegeln. Diese ehrwürdig altertümliche Bauweise, die schon zu vorhistorischer Zeit in den antiken Städten Mesopotamiens üblich war, hat viele Vorteile. Sie ist billig, ist gesund und vermag bescheidene wie höchste Ansprüche zu befriedigen, man kann eine Strohhütte damit machen, spärlich mit Kalk geweißt, oder einen Palast bauen, von unten bis oben mit schimmernden Fayence-Mosaiken, Malereien und kostbarem Goldschmuck bedeckt. Aber wie es mit allem auf der Welt steht, werden die vielen Vorteile ein wenig von der Leichtigkeit ausgeglichen, mit der solche Wohnstätten ohne weiteres einstürzen. Kanonen sind nicht nötig, Regen genügt, wenn man nicht aufpasst. So kann man einigermaßen das merkwürdige Aussehen dieser berühmten Plätze verstehen, wohin Erinnerung und Überlieferung riesige Städte verlegen, von denen nur noch Trümmerreste einiger Tempel und Paläste und ein paar in der Ebene verstreute Grabhügel zeugen. In wenigen Jahren verschwinden wirklich ganze Stadtviertel spurlos, wenn die Häuser nicht mehr bewohnt werden. Da alle persischen Städte auf dieselbe Art und aus demselben Material gebaut sind, kann man sich Zanjan vorstellen mit seinen von Schießscharten durchbrochenen Mauern mit Wehrtürmen, ohne Gräben, einen krummen, engen und zerfurchten Gassen. In diesem Gelände gab es eine Art größere Festung, die Burg 'Alf-Mardin Khan genannt." (Comte de Gobineau, Les Religion et Les Philosophies dam l'Asie Central), S. 197f.)
139 „Weil [der Gouverneur von Zanjan] um sich selber Angst hatte, ergriff er sogleich Maßnahmen zur Bewahrung seiner Macht und schickte an Mírzá Muliammad-Taqi Khan Anur-i-Kabir einen entstellenden Bericht über die Angelegenheit, denn er fürchtete, dass ein anderer mehr Einfluss gewinnen könnte, als er besaß, und dass damit seine Autorität und sein Ansehen geschwächt würden. Infolge dieser Darstellung bekam Siyyid-'Ali Khan, der kommandierende Leutnant von Fírúz-Kúh, den kaiserlichen Befehl, mit einem beträchtlichen Kontingent zu Pferd und zu Fuß nach Zanjan zu gehen und Mulla Muhammad-'Ali, der sich mit seinen Anhängern (nahezu fünftausend an der Zahl) in die Festung zurückgezogen hatte, zu verhaften. Nachdem er dorthin kam, belagerte Siyyid 'Ali Khan die Festung, und damit war der Kampf entbrannt, die Zahl der Getöteten auf beiden Seiten nahm Tag für Tag zu, bis er schließlich eine gewaltige Niederlage erlitt und gezwungen war, Verstärkung aus der Hauptstadt anzufordern. Die Regierung wollte den Oberstleutnant Ja'far-Quli Khan, den Bruder des Ptimadu'd-Dawlih, schicken, aber der entschuldigte sich und sagte zu Mírzá Tag i Khan Amír-i-Kabír: ,Ich bin kein Ibn-i-Zíyád und nicht der Mann, mit einem Haufen Siyyids und Gelehrten zu kämpfen, von deren Dogmen ich nichts verstehe, aber gegen Russen, Juden und andere Ungläubige bin ich bereit zu kämpfen.' Auch andere Offiziere zeigten keine Neigung, an diesem Krieg teilzunehmen. Darunter Mir Siyyid Husayn Khan aus Fírúz-Kúh, den der Amír Mírzá Taqí Khan sofort in Ungnade entließ, als er von seiner Einstellung erfuhr. Ebenso viele Offiziere, die der 'Alíyu'lláhí-Sekte angehörten; sie zogen zwar in den Krieg, aber als sie mehr von der Sache verstanden, zogen sie sich zurück. Weil ihr Oberhaupt ihnen verbot, zu kämpfen, flohen sie. Denn in ihren Büchern steht geschrieben, dass, wenn die Soldaten von Gúrán in die Hauptstadt des Königs kämen, der Herr des Zeitalters (den sie Gott nennen) erscheinen werde; und diese Prophezeiung war jetzt erfüllt. Auch besitzen sie bestimmte Gedichte, in denen das Datum der Manifestation enthalten ist, und diese wurden ebenfalls wahr. Somit waren sie überzeugt, dass dies die Wahrheit ist, die hier offenbar wurde, und baten von der Teilnahme am Krieg freigestellt zu werden, da sie ihnen unmöglich sei. Und zu den Bábí sagten sie: ,In späteren Auseinandersetzungen, wenn das Rahmenwerk eurer Religion sich gefestigt haben wird, werden wir euch helfen.' Kurz, als die Offiziere der Armee in ihren Gegnern nur Ergebenheit, Gottesfurcht und Frömmigkeit feststellten, wurden einige insgeheim wankend und setzten nicht mehr ihre volle Kraft für den Krieg ein." (Táríkhri-Jadtd, S. 138f.)
140 Nach Gobineau (a.a.O., S. 198) war er der Enkel des Hájí Muhammad-Husayn Khán-i-Isfahání.
141 „Am vierten Tag sahen die Muselmanen hocherfreut den Sadru'd-Dawlih, den Enkel von Hájí Muhammad-Husayn Khan von Isfahán, aus Sultáníyyih an der Spitze der Reiter aus dem Khamsih-Stamm in dem Stadtviertel ankommen, das sie besetzt hielten. Am nächsten und den folgenden Tagen stieß weitere Verstärkung hinzu. Zuerst Siyyid 'Ali Khan und Sháhbár Khan, der eine aus Fírúz-Kúh, der andere aus Marághih, mit zweihundert Reitern aus ihren jeweiligen Stämmen, dann Muhammad-'Ali Khán-i-Sháh-Sún mit zweihundert berittenen Afsháren, fünfzig Artilleristen mit zwei Kanonen und zwei Mörsern, so sah sich der Gouverneur mit allen wünschenswerten Hilfsquellen und einer beträchtlichen Anzahl militärischer Führer versorgt, von denen einige einen guten Ruf hatten." (Comte de Gobineau, Les Religions et ¡es Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 198f.)
„Einer der schrecklichsten Tage, der in den Berichten der Belagerung erwähnt wird, war der 5. Ramadan. Der Qájár Mustafa Khan mit dem 15. Shigághí-Regiment, Sadru'd-Dawlih mit seinen Khamsih-Reitern. Siyyid 'Ali Khan von Fírúz-Kúh mit seinem eigenen Regiment, der Oberst Muhammad-Áqá mit dem Násir-Regiment—auch das königliche genannt-, Muhammad-'Ali Khan mit der Afchár-Reiterei, der Major Nabi Big mit der Reiterei seines Stammes, sowie ein Haufen rechtgläubig gebliebener Zanjáner Bürger, dies alles stürzte sich im Morgengrauen auf die Verschanzungen der Bábí. Deren Widerstand war schrecklich, aber verlustreich. Ihre besten Anführer mussten sie fallen sehen, einen nach dem andern, tapfere, nahezu unersetzliche Führer, in ihren Augen Heilige: Núr-'Alí, der Jäger, Bakhsh-'Ali, der Zimmermann, Khudádád und Fathu'lláh Big, alle unentbehrlich für die Sache. Sie fielen, die einen am Morgen, die andern am Abend." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 200.)

142 „Ich habe in Zanjan die Ruinen dieser schlimmen Tage gesehen. Ganze Viertel sind noch nicht wieder aufgebaut und werden es möglicherweise nie mehr sein. Einige, die an diesem tragischen Geschehen teilgenommen hatten, erzählten mir an Ort und Stelle, wie die Bábí ihre Geschütze auf den Armen die Terrassen hinauf und hinab schleppten. Zuweilen gab der nicht sehr feste Lehmboden nach und sie mussten die schweren Geschütze allein mit Muskelkraft anheben und den Untergrund mit Balken abstützen. Wenn dann der Feind kam, drängten sie sich mit Begeisterung um die Kanonen, alle Arme ausgestreckt, sie zu tragen, und wenn ein Träger unter den feindlichen Kugeln fiel, wetteiferten hundert Kameraden um die Ehre, ihn zu ersetzen. Dies, in der Tat, war Glaube." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 200f.)
143 Qur'án 86:9.
144 Gott der Große.
145 Gott der Größte.
146 Gott der Schönste.
147 Gott der Herrlichste.
148 Gott der Reinste.
149 „Nach Gobineau (a.a.O., S. 202) war 'Aziz Khan „kommandierender General der Truppen in Ádhjrbáyján und damals erster Adjutant des Königs. Er kam durch Zanjan auf dem Weg nach Tiflis, um dein Großfürsten und russischen Thronfolger anlässlich seines Besuches im Kaukasus Glück zu wünschen."
150 Büttel; s. Glossar.
151 „Muhammad Khan, damals Biglíyirbigí und Mir-panj oder Divisionskommandeur soeben Amír-Túmán geworden, stieß zu den in der Stadt schon eingesetzten Verbänden. Er führte ihnen dreitausend Mann des Shigághí-Regiments und einige Garderegimenter mit sechs Kanonen und zwei Mörsern zu. Fast zur selben Zeit traf von anderer Seite Qásim Khan aus dem Grenzgebiet von Karabágh in Zanjan ein, sodann der Major Arslán Khan mit Kavallerie von Khirghán, und 'Ali-Akbar, der Hauptmann von Khuy, mit Infanterie. Alle hatten jeweils in ihren Gebieten entsprechenden Befehl vom König erhalten und eilten alle herbei." (Comte de Gobineau/ Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 201.)
152 s. Glossar; ca. 63-84 km.
153 Stadtbezirksvorsteher; s. Glossar.
154 Gebetsruf. Glossat
155 Währungseinheit, entsprach etwa dem Dollar; s. Glossar.
156 Es gibt keinen Gott außer Gott.
157 „Erhabener Ort", Ehrenbezeichnung des Báb für Zanjan.
158 „Ashrafs Mutter".
159 „Der erbitterte Widerstand der Bábí ist daher weniger ihrer starken Stellung zuzuschreiben als dem außergewöhnlichen Heldenmut, mit dem sie sich verteidigten. Selbst die Frauen nahmen am Kampf teil, und man bestätigte mir später glaubwürdig, dass sie wie einst die Frauen von Karthago ihre langen Haare abschnitten und um die rissigen Geschützrohre wickelten, um ihnen den nötigen Halt zu geben." (E. G. Browne, A Year amongst the Persians, S. 74.)
160 „Die Lage sah für die Muselmanen entschieden schlecht aus und es schien, als sei ein solcher Widerstand niemals zu brechen. Im übrigen, wozu sich so viel Mühe geben, wozu nutelos das Leben riskieren—nicht der Soldaten, die sind nur Kanonenfutter, vielmehr der Offiziere und Generäle? Wozu sich täglich der Lächerlichkeit preisgeben und der Gefahr ständiger Niederlagen? War da nicht das Beispiel Shaykh Tabarsi? Konnteman nicht eine List anwenden? Warum sollte man nicht alle denkbaren Eide schwören und so frei sein, die Leichtgläubigen, die darauf hereinfielen, später zu massakrieren?" (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Mb, S. 350.)
161 Qur'án 80:34.
162 Qur'án 22:2.
163 öffentlicher Platz; s. Glossar.
164 „Die Drohungen seitens des Hofes, die Aufmunterungen und Verstärkungen trafen schließlich so rasch ein, dass ein krasses Missverhältnis an Zahl und Reserven zwischen den Bábí und ihren Feinden entstand und das Ergebnis am Ende sich drohend klar abzeichnete." (Comte de Gobineau, Les Religions et Les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 203.)
165 „Das Regiment der Karrús unter dem Kommando ihres Stammeshäuptlings Hasan-'Ali Khan—heute Gesandter in Paris—eroberte die Festung von 'Alí-Mardán Khan; das 4. Regiment bezwang das Haus von Áqá 'Azíz, einen der am stärksten befestigten Punkte der Stadt, und machte es dem Erdboden gleich; das Garderegiment sprengte die Karawanserei am Hamadán-Tbr, verlor einen Hauptmann und ziemlich viele Soldaten durch die Explosion, konnte den Platz aber behaupten." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 203.)
166 8. Januar 1851 n. Chr.
167 „Dann ließen der Biglíyirbigí Muhammad Khan, der Gouverneur Amír Arslán Khan und die anderen Befehlshaber die Bábí, obwohl sie auf Ehrenwort versprochen hatten, sie am Leben zu lassen, bis auf den letzten Mann unter Trompetenschall und Trommelschlag vor ihrer Front versammeln, und befahlen hundert Mann aus jedem Regiment, die Gefangenen zu ergreifen und in einer Reihe aufzustellen. Dann wurde Befehl gegeben, sie mit Bajonetten niederzumachen; dies geschah. Dann wurden die Anführer Sulaymán, der Schuhmacher, und Hájí Kázim Giltúghí von der Mündung eines Mörsers zerfetzt. Dieses Verfahren ist eine asiatische Erfindung, wurde aber von den englischen Machthabern beim Aufstand in Indien praktiziert—mit der Perfektion, die europäische Intelligenz und Wissenschaft allem verleiht, was sie anfasst; dabei werden die Delinquenten vor der Rohrmündung einer Kanone festgebunden, die nur mit Pulver geladen ist. Bei der Explosion werden die Opfer je nach Quantum der verwendeten Pulvermenge mehr oder weniger in Fetzen gerissen. Als das erledigt war, wurde wieder eine Triage der Gefangenen gemacht. Mírzá Ridá, ein Leutnant von Mulla Muhammad-'Ali, wurde zurückgestellt, alle anderen, die Rang und Namen hatten, wurden in Halseisen gelegt und an den Händen gefesselt. Dann beschloss man, sie trotz vom Hof ergangenen Verbots im Triumph nach Tihrán zu führen. Ein paar arme Teufel, deren Leben oder Tod niemand interessierte, ließ man laufen, die siegreiche Armee zog mit ihren Gefangenen, die in Ketten vor den Pferden der siegreichen Generäle herlaufen mussten, in der Hauptstadt ein. In Tihrán fand es der Premierminister Amír-Nizám für nötig, ein Exempe! zu statuieren, und verdammte Mírzá Ridá, Hájí Muhammad-Ali und Hájí Muhsin zum Aufschlitzen der Adern. Die drei Verurteilten nahmen diese Neuigkeit gelassen hin, sie erklärten lediglich, dass der Wortbruch, den sich die Staatsgewalt gegen ihre Kameraden und sie selbst zuschulden kommen ließ, in den Augen Gottes, des Allerhöchsten, kein wie gewöhnlich zu sühnendes Verbrechen sei, dass Er vielmehr für die Verfolger Seiner Heiligen ganz besondere und kennzeichnende Strafen vorsehe. Dann kündigten sie dem Premier an, er werde bald, sehr bald durch dieselbe Todesart umkommen, die er ihnen zukommen lasse. Ich habe diese Prophezeiung zitieren gehört und bezweifle nicht im geringsten, dass diejenigen, die mir davon gesprochen haben, von ihrer Wirklichkeit voll überzeugt waren. Ich muss aber hinzufügen, dass, als ich davon hörte, es schon vier Jahre her war, seit dem Amír-Nizám auf Befehl des Königs die Adern geöffnet wurden. Ich kann nur sagen, mir wurde glaubwürdig versichert, dass dieses Ereignis von den Märtyrern von Zanjan vorausgesagt worden ist." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dam l'Asie Centrale, S. 207f.)
168 Gott ist der Größte.
169 „Nach der Exekution stürmten die Zuschauer die Todesstätte, einige auf der Suche nach Freunden, um sie zu begraben, andere aus morbider Neugier. Es wird erzählt, dass ein Muselman namens Vali-Muhammad auf den Leib seines Nachbarn Áqá Ridá stieß und merkte, dass er noch nicht tot war. Er sprach ihn an: Jch bin dein Nachbar Vali-Muhammad; wenn du etwas brauchst, sag es mit' Der andere bedeutete ihm, dass er Durst habe. Da suchte sich unser Muselman einen großen Stein, kam zurück und sagte zu dem Unglücklichen: ,Mach den Mund auf, ich bringe dir Wasser.' Als dieser der Aufforderung nachkam, zerschmetterte er ihm den Kopf. Schließlich machte sich der Bigliy irbigi auf nach Tihrán und nahm vierundvierzig Gefangene mit, darunter Mírzá Ridás Sohn, Hájí Muhammad-Ali und den Chirurg Hájí Muhsin. Diese drei wurden nach ihrer Ankunft sofort getötet, die anderen verrotteten im Gefängnis." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Alt-Muhammad ditleBáb,S.363.)
170 „Nicht zufrieden mit dem errungenen Sieg, mussten sie auch noch die Leichen ihrer Feinde schänden. Sie gedachten die Bábí zu verhören, aber wie groß die Foltern auch waren, die sie anwandten, die Bábí weigerten sich zu sprechen. Áqá Din-Muhammad wurde der Schädel mit siedendem Öl übergossen, aber er schwieg. Schließlich ließ der Sardár den Sohn des verstorbenen Führers kommen, ein siebenjähriges Kind namens Áqá Husayn. Mit versteckten Drohungen und verfänglichen Schmeicheleien wurde es zum Sprechen' gebracht." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 361.)
171 9. Januar 1889 n. Chr
172 'Abdu'l-Bahá.
173 1851 n. Chr.
174 1.—30. Juni 1851 n. Chr
175 „Die Sieben Beweise", eines der bekanntesten Werke des Báb.
176 „Von Kind auf zeigten sich bei Siyyid Basir wunderbare Fähigkeiten, die später zutage traten. Sieben Jahre lang genoss er den Segen des Augenlichts, aber dann, als die Schau seiner Seele klar wurde, fiel ein dunkler Schleier über seine leiblichen Augen. Von frühester Kindheit an zeigte er in Wort und Tat gute Anlagen und ein liebenswürdiges Wesen; nun kam noch eine selten fromme und maßvolle Lebensführung hinzu. Später, im Alter von einundzwanzig Jahren, machte er sich mit großem Aufzug—er besaß in Indien große Reichtümer—auf seine Pilgerreise. Als er nach Persien kam, begann er mit jeder Sekte und Partei zu verkehren—er war mit den Lehren und Inhalten einer jeden vertraut -, und er spendete gewaltige Summen für die Armen, während er sich selbst den strengsten religiösen Regeln unterwarf. Weil seine Vorfahren prophezeit hatten, dass in diesen Tagen ein vollkommener Mensch in Persien erscheinen würde, war er ständig auf der Suche. Er besuchte Mekka, und nachdem er die Pilgerriten ausgeführt, ging er weiter zu den heiligen Schreinen in Karbilá und Najaf, wo er den seligen Hájí Siyyid Kázim antraf, mit dem ihn eine aufrichtige Freundschaft verband. Dann kehrte er nach Indien zurück. In Bombay hörte er, dass in Persien einer erschienen war, der sich als den Báb erklärte, worauf er sofort dorthin zurückkehrte." (Tárikh-ir-Jadíd, S. 245f.)
177 Textsammlungen muhammadanischer Traditionen.
178 30. Juli—28. August 1851 n. Chr.
179 1852 n. Chr.
180 „Etwa 4 Meilen südwestlich von Káshán liegt am Hang des Gebirges der Palast von Fin, dessen Quellen ihn seit alters zu einem Lieblingsaufenthalt des Herrscherhauses machten.... Später knüpften sich düstere Erinnerungen an den Finer Palast, denn hier wurde 1852 Mírzá Taqí Khan, der erste große Minister des regierenden Sháhs—gleichzeitig Schwager des Königs—durch königlichen Befehl getötet—man öffnete ihm im Bad die Adern. Der Platz ist jetzt wüst." (Lord Curzon, Persia and the Persian Question, Bd. 2, S. 16.)
„Eine Dame des Harems wurde zu der Prinzessin gesandt, um ihr auszurichten, sie solle ihre Tränen trocknen, denn der Sháh hätte sich erweichen lassen, der Amt solle nach Tihrán zurückkehren oder nach Karbilá gehen—für Perser, die bei Hof in Ungnade gefallen waren, der übliche Zufluchtsort. ,Der Khal'at, das Ehrengewand, ist unterwegs', sagte sie, ,und wird in ein bis zwei Stunden hier sein. Geh darum zum Bad und bereite dich für seinen Empfang vor.' Der Amur hatte die ganze Zeit nicht ein einziges Mal gewagt, den Schutz, den ihm die Wohnung bei der Prinzessin und ihre Anwesenheit gewährte, zu verlassen. Da er aber die freudige Nachricht vernahm, entschied er sich, den Rat dieser Frau anzunehmen und sich den Luxus eines Bades zu gönnen. Er ging, und die Prinzessin sah ihn nie wieder. Als er ins Bad kam, wurde ihm der fatale Befehl eröffnet und das Verbrechen verübt. Der Farrásh-Báshí und seine Mitschurken stellten sich vor und ließen ihm die Wahl, auf welche Weise er zu Tode gebracht werden wollte. Man sagt, dass er sein Schicksal gelassen und tapfer getragen habe. Die Adern wurden ihm geöffnet, und langsam starb er." (Lady Sheil, Glimpses of Life and Manners in Persia, S. 251L)
181 Er trug den Titel I'timadu'd-Dawlih, Treuhänder des Staates. (Lady Sheil, Glimpses of Life and Manners in Persia, S. 249.)
182 21. April bis 21. Mai 1852 n. Chr.
183 „Shimírán oder Shimrán (manchmal auch im Plural gebraucht: Shimránát) ist der Name für die Dörfer und Gutshöfe an den unteren Hängen des Elbrus, die den Reichen von Tihrán zum Sommersitz dienen." (A Travellern Narrative, S. 81, Anm. 1.)
184 28. Shawál; 15. August 1852 n. Chr.
185 „Am Morgen verließ der König sein Palais und bestieg das Pferd, um einen Spazierritt zu machen. Voraus liefen wie üblich Stallmeister mit langen Lanzen, Reitknechte, die Pferde mit bestickten Schabracken am Zügel führten, ein Trupp Nomadenreiter mit umgehängtem Gewehr und dem Schwert am Sattel. Diese Vorhut ritt so weit vor dem König her, dass dieser nicht vom aufgewirbelten Staub der Pferdehufen belästigt wurde, dann folgte im Schritt der König, allein, in kleinem Abstand vor dem ansehnlichen Gefolge der großen Herrn, der Hauptleute und Offiziere, die ihn überallhin begleiteten. Er war noch nahe am Schloss und hatte eben das schmale Tor zum Garten Muhammad-Hasans, des Sanduq-Dár oder Schatzmeisters, passiert, da bemerkte er am Wegrand drei Männer stehen, zwei zur Linken, einen zur Rechten, Gartenarbeiter, die offenbar auf ihn warteten. Er hatte keinen Verdacht und ritt weiter. Als er auf ihrer Höhe war, verbeugten sie sich tief und riefen gleichzeitig: .Unser Leben ein Opfer für dich! Wir haben ein Gesuch!' Das ist die herkömmliche Formel. Aber statt wie üblich in Ferne zu verharren, kamen sie rasch heran und riefen nochmals: ,Wir haben ein Gesuch.' Überrascht rief der König: ,Ihr Strolche, was soll das?' In dem Moment ergriff der Mann zur Rechten mit der linken Hand den Zügel des Pferdes und schoß mit der Pistole in seiner Rechten auf den König. Im selben Augenblick gaben die beiden Männer zur Linken auch Feuer. Ein Schuß zerfetzte die Perlenquaste am Hals des Pferdes, ein anderer streifte den König am rechten Arm und traf ihn am Gesäß. Der Mann zur Rechten hängte sich dann an das rechte Bein und hätte die Majestät aus dem Sattel gezogen, aber die beiden linken Attentäter machten genau die gleiche Anstrengung, und so wurde der Fürst zwischen ihnen festgehalten. Der König trommelte den Angreifern mit der Faust auf die Köpfe, und die Sprünge und Bewegungen des erschreckten Pferdes lähmten die Bestrebungen der Bábí und kosteten Zeit. Das Gefolge, zuerst wie vom Donner gerührt, eilte jetzt herbei. Der Oberstallmeister Asadu'lláh Khan und ein Nomadenreiter machten den Mann zur Rechten mit dem Säbel nieder, während einige Herren die beiden zur Linken niederwarfen und knebelten. Doktor Cloquet, der Leibarzt, brachte mit der Hilfe einiger Leute den König rasch in den Garten von Muhammad-Hasan, dem Sanduq-Dár, denn niemand wusste, was wirklich geschehen war, man spürte, dass große Gefahr drohe, hatte aber keine Ahnung, woher und von welchem Ausmaß. Über eine Stunde lang herrschte in Níyávarán ein unbeschreiblicher Tumult, die Minister, voran der Sadr-i-Azam, eilten in den Garten, wohin man den König gebracht hatte. Mit Trommeln und Trompeten, Pauken und Pfeifen wurden die Truppen von allen Seiten zusammengerufen. Die Ghuláms kamen im Galopp angesprengt, jeder gab Befehle, niemand sah, hörte, verstand oder wusste etwas. Mitten in dieses Durcheinander kam ein Kurier aus Tihrán, gesandt von dem Stadtgouverneur Ardishír Mírzá, um zu erkunden, ob etwas los sei und welche Maßnahmen in der Hauptstadt zu treffen seien, denn ein Gerücht vom Vorabend, dass der König ermordet worden sei, war fast zur Gewissheit geworden. Die Basare, von Bewaffneten drohend durchsucht, seien von den Händlern im Stich gelassen, die Bäckereien die ganze Nacht umlagert, jedermann suchte Vorrat für mehrere Tage zu beschaffen, wie üblich, wenn Unruhen zu erwarten sind. Als gegen Morgen die Erregung wuchs, hatte Ardishír Mírzá die Burg- und Stadttore schließen, die Regimenter mobilisieren, die Geschütze in Stellung bringen und die Lunten anzünden lassen, obgleich er nicht wusste, mit welchem Feind er es überhaupt zu tun hatte. Und jetzt fragte er um nähere Anweisungen." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 231f.)
186 Lord Curzon, der den Vorfall als einen „für eine revolutionäre, anarchistische Verschwörung höchst unfairen Missgriff" betrachtet, schreibt: „Aus der Tatsache, dass sich der Bábismus in seinen Anfängen im Konflikt mit den Zivilbehörden befand und dass von Bábí ein Attentat auf den Sháh verübt wurde, hat man fälschlich den Schluss gezogen, dass die Bewegung politischer Herkunft und in ihrem Charakter nihilistisch wäre. Wenn man die Schriften des Báb und seiner Anhänger studiert, kann man nichts finden, das diesen Verdacht stützen würde. Die Verfolgung seitens der Regierung trieb die Anhänger des neuen Glaubens schon sehr früh in eine rebellische Haltung, und bei ihrer Erbitterung infolge der Kämpfe und der wilden Brutalität, mit der vom Sieger das Recht des Stärkeren durchgesetzt wurde, überrascht es nicht, wenn fanatische Hände bereit sind, den Herrscher zu erschlagen. Heute sind die Bábí loyal wie die anderen Untertanen der Krone auch. Es sieht auch nicht so aus, als herrschte größere Gerechtigkeit aus Gründen wie Sozialismus oder Kommunismus, und Unmoral, wie man sie dem jungen Glauben so freizügig zuschrieb. Sicher hatten der Báb und seine Anhänger niemals solche Ideen im Sinn wie Kommunismus—im europäischen Sinn, d.h. zwangsweise Neuaufteilung des Besitzes—oder Sozialismus—im Sinn des Neunzehnten Jahrhunderts, d.h. Sieg der Arbeit über das Kapital. Der einzige Kommunismus, den er kannte und empfahl, war der des Neuen Testaments und der frühen Christlichen Kirche, mit andern Worten, das allgemeine Teilen der Güter unter den Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft, Almosengeben und Mildtätigkeit im weitesten Sinn. Der Vorwurf der Unmoral geht teils auf böswillige Erfindungen der Gegner zurück, zum Teil auch auf die sehr viel größere Freiheit, die der Báb für die Frau forderte, was für orientalische Gemüter kaum von lasterhaftem Lebenswandel zu unterscheiden ist.... Allgemein betrachtet, kann man den Bábismus als eine Religion der Nächstenliebe bezeichnen, der allgemeinen Menschenliebe überhaupt. Brüderliche Liebe, freundlicher Umgang mit Kindern, Höflichkeit gepaart mit Würde, Geselligkeit, Gastfreundschaft, Freiheit von Frömmelei, Freundlichkeit—gerade Christen gegenüber -, gehören zu ihren Glaubensinhalten. Es wäre töricht zu erwarten, dass jeder Bábí diese Regeln immer kennt und beachtet; aber wenn ein Prophet mit seinem Evangelium zur Debatte steht, muss er nach seinen eigenen Worten beurteilt werden." (Lord Curzon, Persia and the Persian Question, S. 501 f.)
187 Streckenmaß, s. Glossar.
188 Fürst Dolgorouki.
189 „Als Ich gefesselt und angekettet im Kerker lag, da bot Mir einer deiner Gesandten seine Hilfe an. Deshalb hat Gott einen Rang für dich verordnet, welchen keine Erkenntnis begreifen kann, ausgenommen Seine Erkenntnis. Hüte dich, dass du diesen erhabenen Rang nicht verscherzest." (Bahá'u'lláh an Zar Alexander II; Die Verkündigung Bahá'u'lláhs, S. 39.)
190 Renan charakterisiert in seinem Buch Les Apotres (S. 378) das große Massaker in Tihrán nach dem Attentat auf den Sháh als „einen Tag, vielleicht ohnegleichen in der ganzen Weltgeschichte." (E. G. Browne, A Traveller’s Narrative, Einführung, S. 45.)
„Die Zahl der Märtyrertode, die in Persien stattfanden, wurde auf zehntausend geschätzt. [Dies ist eine vorsichtige Schätzung. Manche setzen die Zahl zwischen zwanzig- und dreißigtausend an, einige noch höher.] Die meisten kamen in der frühen Geschichte des Glaubens vor, sie kommen aber mit abnehmender Häufigkeit weiterhin vor bis in die Gegenwart." (M. H. Phelps, Life and Teachings of 'Abbäs Effendi, Einführung, S. 36.)
„Unter den Dokumenten in meinem Besitz über die Bábí befindet sich die Abschrift eines deutschen Zeitungsartikels vom 17. Oktober 1852, veröffentlicht in der Nummer 291 irgendeiner deutschen oder österreichischen Zeitschrift, deren Namen leider nicht genannt ist. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich sie vor vielen Jahren von der Witwe des verstorbenen Dr. Polak erhalten, eines österreichischen Arztes, der zu Beginn der Regierungszeit Násiri'd-Dín Sháhs dessen Arzt war und Autor eines wertvollen Buches ist sowie mehrerer kleinerer Abhandlungen über Persien und verwandte Themen. Der Artikel basiert hauptsächlich auf einem Brief vom 29. August 1852 von einem österreichischen Offizier, Hauptmann Goumoens, der im Dienst des Sháhs stand, aber so angewidert und entsetzt über die Grausamkeiten war, deren er Zeuge sein musste, dass er seinen Abschied einreichte. Der Artikel lautet wie folgt:
,Vor einigen Tagen berichteten wir über das Attentat, das bei einem Jagdausflug auf das Leben des Sháhs verübt wurde. Die Verschwörer gehören, wie bekannt wurde, zu der religiösen Sekte der Bábí. Über diese Sekte und die Unterdrückungsmaßnahmen gegen sie enthält der Brief des österreichischen Hauptmanns von Goumoens, kürzlich in der Zeitschrift „österreichischer Soldatenfreund'' veröffentlicht, interessante Enthüllungen und macht den Anschlag in einem gewissen Maße verständlich. Der Brief lautet:
„Teheran am 29. August 1852. Lieber Freund! Mein lezter Brief vom 20. des laufenden Monats erwähnt des Attentates auf den König; nun will ich Dir das Ergebniß der gegen die beiden Verbrecher geführten Untersuchung mittheilen. Troz der entsezlichen Folter erpreßte das Verhör kein umfassendes Geständniß, die Lippen der Fanatiker blieben geschlossen, wenn auch glühende Zangen, Glieder zermalmende Schrauben nach dem Chef des Komplotes forschten.... Aber folge mir, Freund, der Du Herz und europäische Sitte Dein nennst, folge mir zu den Beklagenswerthen, die mit ausgestochenen Augen die eigenen abgeschnittenen Ohren am Orte der That und ohne Bereitung verzehren müssen; oder zu denen, deren Zähne von der Hand des Schergen mit entmenschter Gewalt ausgebrochen wurden, und denen nur der kahle Schädel durch die Kraft der Hammerschläge zermalmt wird;—oder dorthin, wo man den Bazar mit Unglücklichen beleuchtet, indem man recht- und linkseitig tiefe Löcher in die Brust und Schulter gräbt; und brennende Kerzen in die Wunden birgt. Ich sah deren, die an Ketten durch den Bazar—eine Militärmusik an der Spize—gezerrt wurden, deren Kerzen tief abgebrannt waren und dem Unschlitt gleich einer verlöschenden Lampe in der Wunde zukend flammte. Nicht selten begibt sich, dass die nie ermattende Fantasie der Orientalen zu neuen Erscheinungen schreitet. Man zieht den Babis die Haut der Sohlen ab, labt die blutende Wunde mit siedendem Oel, beschlägt den Fuß gleich dem Hufe des Pferdes, und zwingt das Opfer nun zum Laufe. Kein Laut war der Brust entstiegen; finster schweigend war die Qual an dem eiserstarrten Gefühle des Fanatikers vorübergezogen,—nun soll er laufen—der Körper kann nicht ertragen was die Seele ertrug—er sinkt; gebt ihm den erlösenden Stoß, endet seine Pein! Nein, der Scherge schwingt die Peitsche, und—ich musste es selbst sehen—der hundertfach Gequälte läuft. Das ist der Anfang vom Ende. Das Ende selbst. Man hängt den durchbohrten, versenkten Körper bei Hand und Fuß an einen Baum, den Kopf der Erde zugeneigt, und nun mag jeder Perser von einer bestimmten nicht allzu nahen Distanz aus das Vergnügen haben, auf das edle, gelieferte Wild die Schußfertigkeit zu erproben. Ich sah Leichname, zerfezt von nahe 150 Kugeln....
Wenn ich jezt das Geschriebene wieder lese, überkommt mich der Gedanke, dass man bei Euch, im lieben und theueren Oesterreich an der vollen Wahrheit des Geschilderten zweifeln, eine Uebertreibung zur Last legen könnte.—Gäbe es Gott, dass ich es nicht erlebt hätte, nicht erlebte. Aber durch das Gebot meines Berufes war ich leider oft, sehr oft Zeuge der Greuel. Zur Stunde verlasse ich gar nicht mehr mein Haus, um nicht erneuerten Schrekens-Szenen zu begegnen. Nach dem Tode wird der Babi entzweigehauen, und entweder an das Stadtthor genagelt, oder den Schakals und Hunden der Ebene zur Nahrung überantwortet. So erstrekt sich die Bestrafung auch über die Schranken, die das Diesseits schließen; denn der Muselmann, der nicht begraben wurde, hat kein Recht auf die Himmel des Profeten. Da sich mein Inneres gegen solche Abscheulichkeit, gegen solche Verworfenheit, wie sie die jüngste Zeit nach allen Richtungen hier dargethan, empört, will ich nicht länger dem Schauplaze dieser Frevel angehören..."' (Er fährt fort damit, dass er schon um seine Entlassung gebeten, aber noch keine Antwort erhalten hat.)" (E. G. Browne, Materials for the Study of the Bábí Religion, S. 267f.)
„Folglich musste Ardishír Mírzá handeln. Er ließ die Tore verschlossen halten und von Soldaten bewachen. Die Wachen hatten Befehl, alle, die die Stadt verlassen wollten, genau zu untersuchen, und während man die Leute auf die Wälle am Shimírán-Tor trieb, von wo sie im Feld jenseits der Brücke über den Graben die verstümmelte Leiche Sádiqs liegen sehen sollten, rief der Prinzgouverneur den Kalántar und Polizeipräfekten, den Wesir der Stadt, den Dárúghí oder Polizeirichter und die Stadtviertelvorsteher zusammen und befahl ihnen, nach Bábí-Verdächtigen zu suchen und sie alle zu verhaften. Weil niemand die Stadt verlassen konnte, wartete man für das Aufstöbern die Nacht ab, es bedurfte vor allem der List und Tücke. Die Polizei in Tihrán ist wie in allen asiatischen Städten gut organisiert. Es ist dies ein Überbleibsel der Sassaniden, das sich die arabischen Khalifen sorgfältig bewahrt haben. Und weil es allen Regierungen, gleich wie schlecht—ja gerade den schlechtesten—zum Vorteil gereichte, konnte es sich sozusagen inmitten der Ruinen anderer, ebenso effizienter, aber inzwischen untergegangener Einrichtungen unverwandt behaupten. Man muss wissen, dass jeder Stadtviertelvorsteher, immer in Verbindung mit dem Kalántar, einige Männer unter sich hat, sogenannte Sar-ghishmih, Polizisten ohne Uniform oder sonstige Kennzeichnung, welche niemals die ihnen zur Beobachtung zugewiesenen Straßen verlassen. Sie sind im allgemeinen wohlgelitten bei der Bevölkerung und leben mit jedem auf gutem Fuß. Sie sind allezeit nützlich, sommers wie winters, nachts unter dem Schutzdach des nächstbesten Ladens gekauert, unbeeindruckt von Regen und Schnee, bewachen sie das Eigentum der Bürger und machen Diebstahl selten, weil schwierig. Sie kennen jeden Einwohner und seine Lebensumstände, so dass sie bei Fahndungen jederzeit behilflich sein können; von jedem kennen sie Ansichten, Meinungen, Gewohnheiten, Verwandtschaft; und wenn einer drei Freunde zum Essen einlädt, ist der Sar-ghishmih, ohne Spion zu sein, bestens informiert über jeden, weiß, wann der Gast kommt, was gegessen, gesprochen, getan wurde und wann die Gäste wieder gingen. Die Kad-Khudas oder Stadtviertelvorsteher mahnten also diese Agenten, in ihren jeweiligen Bezirken die Bábí zu überwachen, und warteten auf Resultate." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 234f.)
191 „Schwarzes Loch", Bezeichnung des Kerkers.
192 Der Imam Husayn.
193 „Falls du einmal das Verlies Seiner Majestät des Sháhs besuchst, bitte den Leiter und ersten Aufseher, dir die beiden Ketten zu zeigen, die Qará-Guhar und Salásil heißen. Bei der Sonne der Gerechtigkeit schwöre Ich, dass dieser Unterdrückte vier Monate lang mit der einen oder anderen dieser beiden Ketten gefoltert und gefesselt wurde. ,Mein Leid übertraf alle Leiden, denen Jakob ausgesetzt war, und alle Not Hiobs war nur ein Teil Meines Kummers!" (Bahá'u'lláh, Brief an den Sohn des Wolfes [125], S. 77.)
„Was die persische Art der Gefängnisstrafe betrifft, so ist die Praxis ihrer Vollstreckung ebenso verschieden von der unsrigen, wie die der Bestrafung. So etwas wie lebenslängliche oder mehrjährige Haftstrafe gibt es nicht. Zwangsarbeit als Strafe ist unbekannt, längere Einkerkerung selten. Üblicherweise gibt es am Beginn des neuen Jahres eine Amnestie; und wenn ein neuer Gouverneur ernannt ist, wird gemeinhin das Gefängnis geleert, das sein Vorgänger füllte, mit Ausnahme vielleicht von ein bis zwei üblen Fällen, die die Todesstrafe erleiden müssen, um einen heilsamen Eindruck von Strenge zu vermitteln. So etwas wie eine Haftanstalt für Frauen gibt es nicht. Frauen werden wie männliche Sträflinge von hohem Rang im Haus eines Geistlichen festgehalten. Man sagt, in Tihrán gäbe es Gefängnisse von dreierlei Art, die unterirdischen Zellen unter der Festung, wo die verurteilten Verschwörer und Hochverräter einsitzen sollen; im städtischen Gefängnis findet man die gewöhnlichen Verbrecher mit Eisenreifen um den Hals, manchmal auch die Füße im Stock, und mit Eisenketten aneinander gefesselt; und das private Gefängnis, häufig im Haus eines Vornehmen. Es zeigt sich, dass die persische Theorie von Gerechtigkeit, sowohl was den Urteilsspruch, das Strafmaß betrifft als auch die Art des Gefängnisses, auf einen harten, kurzen Prozeß hinausläuft, dessen Ziel die Bestrafung ist—möglichst ebenso schwer wie das Vergehen -, keineswegs etwa die Besserung des Schuldigen." (Lord Curzon, Persia and the Persian Questton, Bd. 1, S. 458f.)
194 „Wir standen in keinerlei Beziehung zu dieser Missetat, und Unsere Unschuld wurde von den Gerichten einwandfrei festgestellt. Dennoch ergriff man Uns und führte Uns von Níyávarán, dem damaligen Wohnsitz Seiner Majestät, zu Fuß und in Ketten, barhäuptig und mit bloßen Füßen, in den Kerker von Tihrán. Ein roher Kerl, der neben Uns herritt, riß Uns den Hut vom Haupte, während Wir von einem Trupp Henkersknechte und Amtspersonen dahingetrieben wurden. Vier Monate lang mussten Wir in einem unbeschreiblich schmutzigen Loch verbringen. Eine enge, finstere Grube wäre dem Kerker vorzuziehen, in den dieser Unterdrückte und andere ähnlich Misshandelte gesperrt wurden. Bei Unserer Einlieferung wurden Wir zuerst einen pechschwarzen Gang entlanggeführt, von dort stiegen Wir drei steile Treppen zu dem Verlies hinab, das Uns bestimmt war. Dieser Kerker war in dichtes Dunkel gehüllt; Unsere Mitgefangenen zählten nahezu einhundertfünfzig Menschen: Diebe, Mörder und Straßenräuber. Trotz seiner Überfüllung hatte das Verlies keinen anderen Auslass als den Gang, durch den Wir gekommen waren. Keine Feder kann diesen Ort beschreiben, keine Zunge seinen widerlichen Gestank schildern. Die meisten dieser Menschen hatten weder Kleider noch Stroh, darauf zu liegen. Nur Gott weiß, was Wir in diesem übelriechenden, finsteren Raum zu leiden hatten!
ehrend Wir in diesem Kerker lagen, dachten Wir Tag und Nacht über die Taten, die Geisteshaltung und die Lebensführung der Bábí nach. Wir fragten Uns, was so hochgesinnte, edle und verständige Leute zu solch einem vermessenen, abscheulichen Anschlag gegen das Leben Seiner Majestät veranlasst haben könnte. Hierauf beschloss dieser Unterdrückte, sich nach Seiner Entlassung aus diesem Gefängnis aufzumachen und alle Kraft an die Aufgabe der geistigen Neubelebung dieser Menschen zu wenden.
Eines Nachts im Traum waren von allen Seiten diese erhabenen Worte zu hören: .Wahrlich, Wir werden Dich durch Dich selbst und durch Deine Feder siegreich machen. Sei nicht traurig über das, was Dir widerfahren ist, und fürchte Dich nicht, denn Du bist in Sicherheit. Binnen kurzem wird Gott die Schätze der Erde offenkundig machen—Menschen, die Dir beistehen werden durch Dich selbst und durch Deinen Namen, durch welchen Gott die Herzen derer belebt, die Ihn erkannt haben.'" (Bahá'u'lláh, Brief an den Sohn des Wolfes [33-35], S. 33f.)
Dr. J. E. Esslemont schreibt: „'Abdu'1-Bahi erzählt, wie Ihm eines Tage erlaubt wurde, den Gefängnishof zu betreten, um Seinen geliebten Vater zu sehen, wie Er zur täglichen Bewegung ins Freie kam. Bahá'u'lláh war erschreckend angegriffen und so krank, dass Er kaum gehen konnte, Sem Haar und Sein Bart waren verwirrt. Sein Nacken wundgescheuert vom Druck eines schweren stählernen Halseisens, Sein Körper gebeugt vom Gewicht Seiner Ketten, und der Anblick machte einen unvergeßlichen Eindruck auf das Gemüt des empfänglichen Knaben." (Bahá'u'lláh und das neue Zeitalter, S. 69.)
195 „Man band den Leichnam von Sádiq, dem getöteten Bábí, an den Schwanz eines Maulesels und schleifte ihn durch ganz Tihrán über das Pflaster, damit alles Volk sehen sollte, dass die Verschwörung fehlgeschlagen war. Zur gleichen Zeit wurden Boten an Ardishir Mírzá gesandt nfit Anweisungen, was er zu tun habe." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 234.)
196 „Bei dieser Gelegenheit kam der Großwesir Mírzá Áqá Khan auf die außergewöhnliche Idee, die verschiedenen Delinquenten zwecks Hinrichtung den wichtigsten Ministern, Generälen und Offizieren des Hofes sowie den Ständen der Geistlichkeit und der Kaufmannschaft zuzuweisen, um die Verantwortung für die Strafen zu verteilen und das Risiko der Blutrache zu mindern. Der Außenminister tötete einen, der Innenminister einen anderen, der Stallmeister einen dritten und so weiter." (Lord Curzon, Persia and the Persian Question, S. 402, Anm. 2.)
197 „Seine Exzellenz beschloss, die Hinrichtung der Opfer auf die verschiedenen Staatsministerien zu verteilen; die einzige Ausnahme war er selbst. Zuerst kam der Sháh, der Anspruch auf den Qisás-Titel hatte, das Vergeltungsrecht für seine Verwundung. Um die Würde der Krone zu wahren, feuerte der Haushofmeister an Stelle des Sháhs den ersten Schuß auf den Attentäter, der für ihn als Opfer ausersehen war, seine Stellvertreter, die Farrásh, vollendeten das Werk. Der Sohn des Premiers war Chef der Staatskanzlei und tötete einen anderen Bábí. Dann kam das Außenministerium. Der Staatssekretär des Außenministeriums, ein frommer, einfältiger Mann, der seine Zeit damit verbrachte, auf dem Meer der muhammadanischen Traditionen zu segeln, führte mit abgewendetem Gesicht den ersten Streich, dann hieben der Unterstaatssekretär und die Büroangestellten ihr Opfer in Stücke. Die Geistlichkeit, die Kaufleute, die Artillerie, die Infanterie, alle hatten ihren zugeteilten Bábí. Selbst der ehrwürdige französische Arzt des Sháhs, der verstorbene und vielbetrauerte Dr. Cloquet, wurde eingeladen, dem Beispiel des übrigen Hofes folgend seine Loyalität zu bekunden. Er entschuldigte sich aber mit dem artigen Hinweis, dass er schon beruflich zu viele Menschen zu töten habe, als dass er sich erlauben könne, deren Zahl durch freiwillige Menschentötung zu erhöhen. Dem Sadr wurde vorgehalten, dass diese barbarischen, unerhörten Vorgänge nicht nur an sich schon widerlich seien, sondern auch in Europa größtes Entsetzen und Abscheu hervorrufen müßten. Darauf wurde er sehr wütend und fragte ärgerlich: ,Wollt ihr, dass die Bábí all ihre Rache nur auf mich konzentrieren?'
Das Folgende ist ein Auszug aus der Tihrán Gazette jenes Tages, es mag als Muster dienen für einen persischen »Meinungsmacher': ,Ein paar zügel- und gewissenlose Typen, bar aller Religion, wurden zu Jüngern des verfluchten Siyyid 'Ali-Muhammad Báb, der vor einigen Jahren eine neue Religion erfunden hat und darauf zugrunde ging. Sie waren unfähig, den Wahrheitsgehalt ihres Glaubens, dessen Falschheit offensichtlich war, zu beweisen. Zum Beispiel sind uns viele ihrer Bücher in die Hände gefallen; sie enthalten nichts als puren Unglauben. Auch in landläufiger Beweisführung waren sie nicht imstande, ihre Religion zu stützen, die nur dazu angetan scheint, mit dem Allmächtigen in Streit zu treten. Dann begannen sie, nach Herrschaft zu streben und Aufruhr zu schüren, in der Hoffnung, vom Durcheinander zu profitieren und ihrer Nachbarn Eigentum zu erbeuten. Eine schuftige, elende Bande, deren Anführer Mulla Shaykh 'Ali aus Turshiz sich zum Stellvertreter des gewesenen Báb stilisiert und den Titel ,Hohe Majestät' zugelegt hat, sammelte um sich ein paar vormalige Genossen des Báb. Zu ihren Prinzipien ließen sich einige liederliche Wüstlinge verleiten, einer davon war Hájí Sulaymán Khan, Sohn des verstorbenen Yahyá Khan aus Tabríz. Im Haus dieses Hájí pflegten sie zu ihren Beratungen zusammenzukommen und einen Anschlag auf das kostbare Leben Seiner Majestät auszuhecken. Zwölf von ihnen, die freiwillig zu dieser Tat bereit waren, wurden zur Ausführung erwählt, jeder erhielt Pistolen, Dolche u.s.w. ausgehändigt. Es wurde beschlossen, dass die genannte Anzahl sich nach Níyávarán zur Residenz des Sháhs begeben und dort auf ihre Gelegenheit warten sollte.' Dann folgt die Erzählung des Anschlags, über den ich schon ausführlich genug berichtet habe. ,Sechs Personen, deren Verbrechen nicht so genau nachzuweisen waren, wurden zu lebenslänglichem Kerker verurteilt; die übrigen wurden aufgeteilt unter den Geistlichen, den Rechtsgelehrten, den Würdenträgern des Hofes, der Stadtbevölkerung, den Kaufleuten, Händlern, Handwerkern, die ihnen den wohlverdienten Lohn wie folgt zukommen ließen. Die Mullas, die Geistlichen und die Gelehrtenschaft brachten Mulla Shaykh 'Ali zu Tode, den Stellvertreter des Báb, der sich mit dem Titel .Kaiserliche Majestät' geschmückt und Anstifter der ganzen Ungeheuerlichkeit war. Die Prinzen töteten Siyyid Hasan aus Khurásán, einen bekannt lasterhaften Mann, mit Pistolen, Säbeln und Dolchen. Der Außenminister, voll religiösen und moralischen Eifers, tat den ersten Schuß auf Mulla Zaynu'l-'Abidin aus Yazd, die Sekretäre seines Amtes gaben ihm den Rest und rissen ihn in Stücke. Der Nizámu'1-Mulk (Sohn des Premierministers) tötete Mulla Husayn. Mírzá 'Abdu'l-Vahháb aus Shiraz, einer der zwölf Attentäter, wurde von Bruder und Söhnen des Premierministers getötet; die andern Angehörigen zerstückelten ihn. Mulla Fathu'lláh aus Qum, dessen Schuß den königlichen Leib versehrt hatte, wurde folgendermaßen getötet. Auf dem Platz des königlichen Lagers wurden ihm Kerzen in den Leib gesteckt—durch Einschnitte—und angezündet. Dann wurde er vom Haushofmeister an der gleichen Stelle verwundet, an der er den Sháh verletzt hatte, und schließlich steinigten ihn die Bediensteten. Die Adligen bei Hofe schickten Shaykh 'Abbás aus Tíhrán zur Hölle. Die Kammerdiener des Sháhs brachten Muhammad-Báqir zu Tode, einen der zwölf. Der Stallmeister des Sháhs und die Knechte des Marstalls beschlugen Muhammad-Taqi aus Shíráz wie ein Pferd und schickten ihn dann seinen Gefährten nach. Die Zeremonienmeister und andere Adlige mit ihrem Gesinde töteten Muhammad aus Najaf-Ábád mit Keulen und Beilen und schickten ihn in die tiefste Hölle. Die Artilleristen drückten Muhammad-'Ali aus Najaf-Ábád zuerst das Auge aus und bliesen ihn dann vom Mörser. Die Soldaten erstachen Siyyid Husayn aus Milán mit Bajonetten und schickten ihn zur Hölle. Die Kavallerie tötete Mírzá Rafi'. Der Generaladjutant, die Generäle und Hauptleute töteten Siyyid Husayn.'" (Lady Sheil, Glimpses ofLife and Manners in Persia, S. 277f.)
„Man sah, man sah jetzt, man sah den ganzen Tag in den Straßen und Basaren von Tihrán ein Spektakel, das die Einwohner nie vergessen können. Bis heute kann man, wenn das Gespräch darauf kommt, noch die schreckliche, mit den Jahren nicht geringer gewordene Faszination der Menge spüren. Man sieht in einer Prozession Kinder und Frauen, mit tiefen Einschnitten im Fleisch und brennenden Kerzen darin steckend, zwischen den Henkersknechten dahinschreiten. Die Opfer werden an Stricken gezerrt und mit Peitschen getrieben. Kinder und Frauen gehen dahin und singen dabei den Vers:,Wahrlich, wir kommen von Gott und zu Ihm kehren wir zurück.' Ihre Stimmen schweben triumphierend über dem tiefen Schweigen der Menge—die Tihráner Bürger waren ja weder besonders boshaft noch besonders islam-fromm. Wenn eines der Opfer zu Boden geht, wird es mit einem Peitschenhieb oder mir dem Bajonett wieder aufgestoßen. Wenn es noch ein Restchen Lebenskraft übrig hat, während ihm das Blut aus den Wunden trieft, fängt es an zu tanzen und schreit mit noch größerer Begeisterung: ,Wahrlich, wir kommen von Gott und zu Ihm kehren wir zurück!' Einige Kinder starben auf dem Weg. Die Henkersknechte warfen die Leichen jedesmal den Eltern und Geschwistern vor die Füße, welche aber stolz darüber hinwegschritten, ohne sie weiter zu beachten. Als die Prozession den Richtplatz erreichte am Neuen Tor, stellte man den Opfern nochmals das Leben in Aussicht, wenn sie ihren Glauben abschwüren; jederart Einschüchterung wurde versucht. Einer der Schlächter hatte die Idee, einem Vater anzudrohen, dass er seinen beiden Söhnen über seiner Brust den Hals abschnitte, falls er nicht abschwöre. Die Söhne waren noch jung, der älteste etwa vierzehn. Blutüberströmt, mit versengtem Fleisch, standen sie da und hörten sich kaltblütig den Dialog an. Der Vater erwiderte, während er sich auf den Boden legte, er sei bereit, und der ältere der beiden Buben beanspruchte nachdrücklich sein Erstgeburtsrecht und begehrte, als erster getötet zu werden. Wohl möglich, dass ihm der Henker diese letzte Wohltat abschlug. Schließlich war das Ganze vorbei und die Nacht senkte sich über den unförmigen Leichenberg. Die Köpfe waren gebündelt an Prangerpfosten gehängt, und aus den Außenbezirken der Stadt streunten die Hunde herbei. Dieser Tag gewann dem Báb mehr heimliche Parteigänger, als es viele Predigten vermocht hätten. Wie schon gesagt, hinterließ die entsetzliche Unempfindlichkeit der Märtyrer einen tiefen und nachhaltigen Eindruck bei der Bevölkerung. Oft habe ich Augenzeugen die Szenen dieses Tages schildern hören, Männer, die der Regierung nahestanden, manche in hohen Posten. Wenn man ihnen zuhörte, konnte man meinen, sie seien alle Bábí, so groß war ihre Bewunderung für das Geschehen, bei dem der Islam eine derart unrühmliche Rolle spielte, und so hoch war ihre Meinung über die Quellen, die Hoffnungen und die Erfolgsaussichten dieser Sekte." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 248f.)
„Diese Exekutionen waren nicht nur ein Verbrechen, sondern auch töricht. Die Barbarei der Verfolger schlug am Ende auf sie selbst zurück, und statt Schrecken zu verbreiten, gab sie den Märtyrern Gelegenheit, einen Heldenmut an den Tag zu legen, der mehr bewirkte als jede noch so geschickte Propaganda für den Triumph der Sache, für die sie starben.... Der Eindruck, den diese Zurschaustellung von Mut und Ausdauer bewirkte, war tief und anhaltend; ja, der Glaube, der die Märtyrer beseelte, war oftmals ansteckend, wie der folgende Vorfall zeigt. Ein Rohling aus Yazd, bekannt für seinen ungezogen liederlichen Lebenswandel, ging zur Hinrichtung einiger Bábí, um zuzuschauen und vielleicht mitzujohlen. Als er aber sah, mit welcher Ruhe und Standhaftigkeit sie den Foltern und schließlich ihrem Tod gegenübertraten, ging in seinem Inneren eine derartige Wandlung vor sich, dass er sich vordrängte und rief: ,Tötet auch mich! Auch ich bin Bábí!' Und er schrie solange weiter, bis man ihn an dem Schicksal teihaben ließ, an dem er nur als Zuschauer hatte teilnehmen wollen." (E. G. Browne, A Year antongst tbe Persians, S. Ulf.)
198 Nach Samandar (Manuskript, S. 2) gelangte Sulaymán Khan in die Gegenwart des Báb während Dessen Pilgerreise nach Mekka und Medina.
199 Lammfellmütze; s. Glossar.
200 'Abdu’l-Bahá.
201 Büttel, s.Glossar.
202 sein Name war Hájí 'Ali Khan; vgl. A Traveller’s Narrative, S. 52, Anm. 1.
203 der Imam'Ali.
204 Qur'án 21:69.
205 „Mit welchem Heroismus Sulaymán Khan diese entsetzlichen Foltern ertrug, ist bekannt, und ich habe wiederholt erzählen hören, wie er unter den lang andauernden Todesqualen unaufhörlich seine Freude darüber bekundete, dass er für wert befunden wurde, für die Sache seines Herrn den Märtyrertod zu sterben. Er sang sogar und rezitierte Gedichte, wie z.B. dieses: ,Ich kehre heim! Ich kehre heim! Ich komme den Weg von Shíráz! Ich komme mit reizendem Getue! So ist des Liebenden Wahnsinn!' Der Scharfrichter fragte ihn im Spott: ,Warum tanzt du nicht, wenn du Sterben so lustig findest?' Da rief Sulaymán Khan: ,Tanz! In einer Hand den Weinkelch, in der andern die Locken des Freundes. Solcher Tanz auf dem Marktplatz ist mein sehnlichster Wunsch!’" (A Traveller'! Narrative, Anm. T, S. 333f.)
Sein Martyrium war im August 1852.
„Als sie Sulaymán Khan verhafteten und sich bemühten, ihn in Anbetracht seiner treuen Dienste und seiner Loyalität mit der Versprechung reichen Lohns vom König zum Widerruf des Glaubens, den er angenommen hatte, zu bewegen, lehnte er dies ab und antwortete bestimmt: ,Seine Majestät der König hat das Recht, von seinen Untertanen Treue, Loyalität und Rechtschaffenheit zu verlangen, aber er ist nicht befugt, sich in ihre religiösen Überzeugungen einzumischen.' Diese kühne Sprache hatte die Anordnung zur Folge, dass sein Leib mit Löchern versehen und in jede Wunde eine brennende Kerze gesteckt werde als abschreckendes Beispiel. Ein anderes Opfer wurde auf ähnliche Weise behandelt. In diesem Zustand führten sie ihn, mit Spielleuten und Trommlern als Vorhut, durch die Basare, wobei er lächelnd immer wieder die Verse wiederholte: „Glücklich, wen die Liebe / so berauscht, dass kaum er weiß, / ob er zu Füßen des Geliebten / Kopf oder Turban wirft!" Wenn ihm eine Kerze vom Leib fiel, hob er sie auf, entzündete sie an einer anderen und steckte sie wieder an ihren Platz. Die Scharfrichter fragten ihn beim Anblick dieser jubelnden Verzückung: ,Warum tanzt du nicht, wenn du so geil bist nach Martyrium?' Da begann er zu hüpfen und zu singen—Verse, wie sie zu seiner Situation passten: ,Ein Ohr, nicht länger vor Unwissen taub, / vielmehr voll Hingabe, berechtigt wohl zum Tanze. / Narren tanzen und springen auf dem Markt; / Menschen tanzen, dieweil ihr Herzblut strömt. / Wenn das Selbst gestorben, klatschen sie fröhlich in die Hände / und tanzen, weil sie vom Übel befreit.' In solcher Verfassung führten sie die beiden durch das Sháh-'Abdu'I-'Azím-Tor. Als sie sich anschickten, den tapferen Mann entzweizusägen, streckte dieser ohne Furcht und Zögern die Beine aus, während er die Verse rezitierte: »Dieser Leib ist mir wenig wert; / des Tapferen Geist verachtet sein irdisches Haus. / Dolch und Schwert sind ihm wie balsamischer Duft / oder Blumen, die mit ihrer Pracht das Todesmahl schmücken.’"(Táríkhr-i-Jadíd, S. 228f.)
206 »Wenn sich bei dem Rückblick, den ich mir erlaubt habe, mehr als alles andere eine besondere Schlussfolgerung aufdrängt, dann die, dass dieser neue Glaube, was immer er sein mag, eine erhabene, widerspruchslose Hingabe in sich schließt. Soviel ich weiß, hat nur in einem Fall ein Bábí unter Druck und drohender Folter widerrufen; er kehrte zum Glauben zurück und wurde zwei Jahre darauf hingerichtet. Erzählungen von großartigem Heldentum zieren die bluttriefenden Seiten der Bábí-Geschichte. So unwissend und ungebildet viele Verfechter auch sind—und waren—,so sind sie doch vorbereitet, für ihre Religion zu sterben, und die Feuer von Smithfield konnten keinen edleren Mut erwecken als die viel raffinierteren Henkersknechte von Tihrán. Nicht gering einzu schätzen sind die Lehren eines Glaubens, der in seinen Anhängern einen so selten schönen Geist der Selbstaufopferung hervorzurufen vermag.... Diese kleinen Vorfälle sind es, die von Zeit zu Zeit ihre abstoßenden Züge hervorkehren und zeigen, dass Persien noch nicht erlöst ist, und die die Großsprecher von iranischer Zivilisation ein wenig ins Wanken bringen." (Lord Curzon, Persia and the Persian Question, Bd. 1, S. 501.)

207 „Sie blieb lange dort und empfing zahlreiche Besucher, Männer wie Frauen. Die letzteren begeisterte sie damit, dass sie sie auf die erniedrigende Rolle aufmerksam machte, die ihnen der Islam zuwies, und weckte ihr Interesse durch den Hinweis auf die Freiheit und Hochschätzung, die ihnen die neue Religion zumaß. Das führte auch zu manchem häuslichen Disput, aus dem die Ehemänner nicht immer als Sieger hervorgingen. Die Diskussionen hätten sich noch lange hin gezogen, wenn nicht Mírzá Áqá Khán-i-Núrí zum Sadr-i-A'zam ernannt worden wäre. Der Premierminister beauftragte Hájí Mulla Mírzá Muhammad Andirmání und Hájí Mulla 'Ali Kim, mit ihr zu sprechen, um ihren Glauben zu prüfen. Sieben Zusammenkünfte der beiden Herrn mit der Gefangenen fanden statt, wobei sie leidenschaftlich diskutierte und betonte, dass der Báb der verheißene und erwartete Imam sei. Ihre Gegner machten sie darauf aufmerksam, dass der verheißene Imam nach den Prophezeiungen aus Jábulqá und Jábulsá kommen soll. Sie entgegnete energisch, dass das falsch und von schlechten Überlieferern frei erfunden sei, die beiden Städte gebe es überhaupt nicht, das ganze sei Aberglaube und könne nur einem kranken Hirn entsprungen sein. Sie legte die neue Lehre dar und machte ihre Wahrheit deutlich, stieß aber immer wieder auf dasselbe Argument Jábulqá. Schließlich riß ihr die Geduld und sie sagte: ,Ihr argumentiert wie unwissende, dumme Kinder; wie lange wollt ihr an den unsinnigen Lügenmärchen festhalten? Wann wollt ihr endlich die Augen auf die Sonne der Wahrheit richten?' Schockiert über diese Gotteslästerung, machte sich Hájí Mulla 'Ali mit seinem Kollegen auf und davon: ,Was sollen wir mit einer Ungläubigen weiter diskutieren?' Sie gingen heim und brachten ihre Stellungnahme zu Papier, die ihre Abtrünnigkeit und die Verweigerung der Bußfertigkeit feststellte und sie im Namen des Qur'án zum Tod verurteilte." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Alt-Muhammad dit le Báb, S. 446f.)
208 „Als sie dort als Gefangene lebte, fand im Haus die Hochzeit des Sohnes des Kalántar statt Natürlich waren alle Frauen der vornehmen Persönlichkeiten dazu eingeladen. Wenngleich für die bei derartigen Gelegenheiten üblichen Unterhaltungen keine Kosten gescheut worden waren, forderten die Damen mit großem Geschrei, dass man auch Qurratu'l-'Ayn kommen lasse. Kaum war sie da und hatte zu sprechen begonnen, schickte man Musik und Tänzerinnen weg, die Damen vergaßen alles Naschwerk, das ihnen so teuer, und hatten nur noch Augen und Ohren für Qurratu'l-'Ayn." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 448.)
209 Mahmúd Khán-i-Kalántar, unter dessen Aufsicht Táhirih gestellt war.
210 Büttel; s. Glossar
211 „Gegenüber der englischen und der türkischen Gesandtschaft war ein ziemlich großer freier Platz, der seit 1893 nicht mehr besteht. Gegen Mitte des Platzes standen parallel zur Straße fünf oder sechs einzelne Bäume, die den Ort kennzeichneten, wo die Bábí-Heldin starb; so weit erstreckte sich in jenen Tagen der Ílkhání-Garten. Bei meiner Rückkehr 1898 war der Platz verschwunden und überbaut von neuen Häusern. Ich weiß nicht, ob deren jetziger Besitzer diese von frommer Hand gesetzten Bäume verschont hat." (A. L. M. Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad ditleBábyS. 452.) [632]
212 August 1852 n. Chr
213 vgl. Journal of the Royal Asiatic Society, 1889, Artikel 6, S. 492.
214 1817/18 n. Chr.
215 „Auch Schönheit und das weibliche Geschlecht gaben dem neuen Glauben die Weihe, und das Heldentum der liebreizenden, doch vom Schicksal geschlagenen Dichterin von Qazvin, Zar-rín-Táj (Goldene Krone) oder Qurratu'l-'Ayn (der Augen Trost), die den Schleier ablegend, weithin die Glaubensfackel vorantrug, bildet eine der bewegendsten Episoden der jüngeren Geschichte." (Lord Curzon, Persia and the Persian Question, Bd. 1, S. 497, Anm. 2.)
„Nichts haftet tiefer im Gedächtnis oder weckt größere Begeisterung als sie, und von dem Einfluss, den sie zu ihren Lebzeiten ausübte, zehrt ihr Geschlecht immer noch." (Valentine Chirol, The Middle Eastern Question, S. 124.)
„Das Auftreten einer solchen Frau wie Qurratu'l-'Ayn ist für jedes Land und jede Zeit ein selten Ding, aber in einem Land wie Persien ist es ein Wunder, ja mehr noch als dies. Mit ihrer zauberhaften Schönheit, ihren seltenen Geistesgaben, ihrer glühenden Beredsamkeit, ihrem furchtlosen Glauben und ihrem ruhmvollen Märtyrertod steht sie unvergleichlich da, unsterblich inmitten ihrer Landsfrauen. Hätte die Bábí-Religion keinen anderen Beweis für ihre Größe—es genügte, dass sie eine Heldin zeugte wie Qurratu'l-'Ayn." (A Travellern Narrative, Anm. Q, S. 213.)
„Vielleicht die bedeutendste Gestalt der ganzen Bewegung war die Dichterin Qurratu'l-'Ayn. Sie war für ihre Tugend, Frömmigkeit und Gelehrsamkeit bekannt, und beim Lesen einiger Verse und Ermahnungsreden des Báb wurde sie schließlich bekehrt. Sie wurde in ihrem Glauben so fest, dass sie, obgleich wohlhabend und angesehen, für den Dienst ihres Herrn Reichtum, Kind, Namen und Stellung aufgab und sich für die Verkündigung und Festigung seiner Lehre einsetzte.... Ihre Art zu sprechen war so schön, dass die Gäste einer Hochzeit lieber ihr zuhörten als der vom Gastgeber arrangierten Musik. Und ihre Gedichte gehören zu den bewegendsten der persischen Literatur." (Sir Francis Younghusband, The Gleam, S. 202f.)
„Wenn man auf die kurze Laufbahn Qurratu'l-'Ayns zurückblickt, so beeindruckt am meisten ihre feurige Begeisterung und ihre völlige Weitabgewandtheit. Diese Welt bedeutete für sie wirklich, wie es auch von Quddús gesagt wird, bloß eine Handvoll Staub. Sie war ebenso eloquent als Rednenn wie erfahren in den komplizierten Versmaßen der persischen Poesie. Eines ihrer wenigen Gedichte, die bislang bekannt wurden, verdient besonderes Interesse, weil darin der Glaube an die gott-menschliche Natur eines, den sie den Herrn nennt, zum Ausdruck kommt, dessen Ansprüche, wenn sie einst erhoben sind, allgemein Anerkennung finden werden. Wer ist diese Persönlichkeit? Qurratu'l-'Ayn schien zu meinen, dass Er diese Ansprüche zu langsam vorantriebe. Ist ein anderer denkbar als Bahá'u'lláh? Die Dichterin war eine wahre Bahá'í." (Dr. T. K. Cheyne, The Reconci-liation of Races and Religions, S. 114f.)
„Die Saat von Qurratu'l-'Ayn in den islamischen Ländern beginnt aufzugehen. Ein Brief an den Christian Commonwealth vom letzten Juni gibt uns Nachricht, dass vierzig türkische Suffragetten (Frauenrechtlerinnen) aus Konstantinopel nach 'Akká—lange Zeit Gefängnis Bahá'u'lláhs—deportiert wurden: ,In den letzten Jahren haben sich ganz sachte Frauenrechtsideen in den Harems verbreitet. Die Männer wussten nichts davon; niemand wusste davon. Jetzt plötzlich geht das Schleusentor auf, und die Männer von Konstantinopel denken an drastische Gegenmaßnahmen. Es wurden Wahlrechtklubs gebildet, kluge Denkschriften über die Rechtsansprüche der Frauen verfasst und in Umlauf gesetzt, Frauenzeitschriften und Magazine aus dem Boden gestampft—mit ausgezeichneten Artikeln—und öffentliche Versammlungen abgehalten. Eines Tages warfen dann die Mitglieder dieser Klubs—vierhundert Frauen—den Schleier ab. Die gesetzte, verknöcherte Gesellschaftsschicht war schockiert, die guten Muselmänner schreckten auf und die Regierung trat in Aktion. Die vierhundert freiheitsliebenden Frauen wurden in verschiedene Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe von vierzig wurde nach 'Akká verbannt und trifft in wenigen Tagen dort ein. Jedermann spricht darüber, und es ist wirklich erstaunlich, wie viele dafür sind, den Frauen den Schleier vom Gesicht zu nehmen. Viele Männer, mit denen ich sprach, halten diese Tracht nicht nur für antiquiert, sondern für geisttötend. Die türkischen Behörden gedachten das Licht der Freiheit zu löschen und haben dabei seine Flamme erheblich geschürt; ihre durchgreifende Aktion hat in Wirklichkeit zu einer breiteren öffentlichen Meinung geführt und zu einem besseren Verständnis für dieses leidige Problem.'" (Dr. T. K. Cheyne, The Reconciliation of Races and Religions, S. 115f.)
„Die andere Missionarin war die Frau, von der ich sprach, sie kam nach Qazvin und genoss unter den Bábí in dieser Zeit ohne Zweifel die höchste Verehrung, sie war die erstaunlichste und interessanteste Gestalt dieser Religion." (Comte de Gobineau, Les Religions et ¡es Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 136.)
„Viele, die sie kannten und in verschiedenen Lebensphasen sprechen hörten, haben mir immer bestätigt, dass ihr Hauptcharakterzug für eine so gelehrte und belesene Persönlichkeit eine erstaunliche Einfachheit war, und wenn sie sprach, waren die Zuhörer zutiefst bewegt, voll Bewunderung für sie und oft zu Tränen gerührt." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 150.)
„Wenn auch Muselmanen und Bábí über die Schönheit von ,der Augen Trost' heute in höchsten Tönen sprechen, sind unbestritten Geistesgaben und Charakter dieser jungen Frau noch viel bemerkenswerter. Sie hatte oft, ja fast täglich, gelehrten Gesprächen zugehört, sie scheint schon m frühen Jahren ein großes Interesse daran gefunden zu haben und war bald perfekt imstande, den scharfsinnigen Erörterungen ihres Vaters, ihres Onkels, ihres Vetters und späteren Ehemanns zu folgen, ja mit ihnen zu diskutieren und sie mit ihrem durchdringenden, scharfen Verstand oft in Erstaunen zu versetzen. In Persien ist es nicht üblich, dass Frauen ihren Geist auf solche Weise betätigen, dennoch kommt es manchmal vor. Aber einer Frau wie Qurratu'l-'Ayn zu begegnen, ist wirklich ungewöhnlich. Sie hatte nicht nur ihre Kenntnis des Arabischen zu einem ungewöhnlichen Grad an Vollkommenheit entwickelt, auch in den Wissenschaften der islamischen Traditionen, der verschiedenen Interpretationen strittiger Stellen des Qur'án und der großen Schriftautoritäten leistete sie Hervorragendes. Schließlich ging sie nach Qazvin und galt dort mit Recht als Wunder." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 137.) [637]
216 „Seltsam mag sein, dass man Achtung hatte vor den Frauen, die man zusammentrieb und auf den Bíyábán-Berg führte. Es waren auch zwei alte Männer darunter, zu schwach zum Kämpfen, Mulla Muhammad-Músá, ein Walker, und Mashhadí Báqir, ein Färber. Sie wurden getötet. Mashhadí Báqir wurde von 'Ali Big getötet, dem Hauptmann der Nayrizer Soldaten. Er hieb ihm den Kopf ab und gab ihn einem Kind; dann ergriff er die Nichte seines Opfers, schlang ihr einen schwarzen Schleier um den Kopf, stieg aufs Pferd und schleifte sie zu Mírzá Na'ím. Der war auf dem Bíyábán-Berg und saß dort auf einem Stein in einem Garten. Als 'Ali Big zu ihm hinkam, warf er ihm den Kopf Báqirs vor die Füße, gab dem Mädchen einen Stoß, dass es mit dem Gesicht auf die Erde fiel, und schrie: ,Wir haben getan, was du gewollt hast, es gibt keine Bábí mehr.' Ákhund Mulla 'Abdu'l-Husayn wurde auf Befehl Mírzá Na'íms der Mund mit Erde gestopft, dann feuerte ein Ghulám einen Kopfschuß auf ihn ab, der ihn aber nicht tötete. Es wurden um die sechshundertdrei Frauen gefangengenommen. Die Gefangenen wurden in eine Mühle namens Takht in der Umgebung von Nayriz geführt. Unser Autor erzählt folgende Geschichte zum Beleg für die Wildheit der Sieger: ,Ich war damals noch sehr jung und folgte meiner Mutter, die noch einen zweiten Sohn hatte, jünger als ich. Ein Mann namens Asadu'lláh trug meinen Bruder auf den Schultern. Das Kind hatte eine bestickte Mütze auf. Ein Reiter, der uns begleitete, sah die Mütze, kam heran und rieß sie ihm so brutal vom Kopf, dass er das Kind an den Haaren mit herunterwarf. Der Kleine rollte zehn Meter weit. Meine arme Mutter fand ihn bewusstlos.' Ich will mich nicht weiter über die Schrecken verbreiten, die diesem Sieg folgten. Es genügt zu wissen, dass Mírzá Na'ím zu Pferd stieg, vor und hinter ihm die Männer, die Pfähle mit den aufgespießten Köpfen der Märtyrer trugen. Die Gefangenen wurden mit Säbel- und Peitschenhieben vorwärtsgetrieben. Die Frauen wurden in die vollen Wassergräben gestoßen. Die Nacht wurde in der Shírázer Karawanserei verbracht. Am Morgen trieb man die Frauen völlig nackt heraus und amüsierte sich damit, sie anzuspucken und mit Fußtritten, Steinwürfen, und Stockschlägen zu malträtieren. Als man des Spiels müde war, wurden sie zwanzig Tage lang in die Schule des Dorfes eingesperrt und ständiger Schmach und Schande ausgesetzt. Achtzig Bábí, jeweils zu zehnt aneinandergefesselt, wurden an hundert Soldaten gegeben, die sie nach Shíráz zu bringen hatten. Siyyid Mir Muhammad-'Abd starb in der Kälte bei Khánih-gird, ein Stück weiter kamen andere um. Man schlug ihnen nach Belieben die Köpfe ab. Schließlich betraten sie Shíráz durch das Sa'di-Tor und wurden nach einem Paradezug durch die ganze Stadt in Ketten in den Kerker geworfen. Die Frauen wurden nach zwanzig Tagen aus der Schule geholt, wo sie eingesperrt waren, und in zwei Gruppen eingeteilt, die eine wurde freigelassen, die andere nach Shíráz geschickt, zusammen mit anderen Gefangenen, die man in der Zwischenzeit zusammengetrieben hatte. In Shíráz angekommen, wurde die Karawane wieder in zwei Gruppen geteilt. Die Frauen kamen in die Sháh-Mír-'Alí-Hamzih-Karawanserei, die Männer zu ihren Glaubensbrüdern ins Gefängnis. Der nächste Tag war ein Festtag. Der Gouverneur, umgeben von der Prominenz von Shíráz, ließ sich die Gefangenen vorführen. Ein Nayrízí namens Jalál, von Na'ím auch Bulbul genannt, übernahm es, seine Landsleute zu denunzieren. Der erste, der antrat, war Mulla 'Abdu'l-Husayn; er wurde aufgefordert, dem Báb zu fluchen, er weigerte sich, und sein Kopf rollte in den Sand. Häji, der Sohn Asghars, 'Ali Garm-Siri, Husayn, der Sohn Hádí Khayrís, Sádiq, der Sohn Sálihs, und Muhammad-ibn-i-Muhsin wurden hingerichtet. Die Frauen wurden freigelassen und die übriggebliebenen Männer wieder ins Gefängnis gebracht. Weil der Sháh einen Anteil gefordert hatte, wurden dreiundsiebzig Gefangene nach Tihrán überführt. Zweiundzwanzig gingen unterwegs zugrunde, darunter Mulla 'Abdu'l-Husayn, der in Saydán starb, 'Ali, der Sohn des Karbilá'í Zamán, in Ábádih, Akbar, der Sohn des Karbilá'í Muhammad, in Qinárih, Hasan, der Sohn'Abdu'l-Vahhábs, und Múllá' Ali-Akbar in Isfahán, Karbilá'í Báqir, der Sohn des Muhammad Zamán, Hasan und sein Bruder Dhu'l-Faqár, Karbilá'í Naqí und sein Sohn 'Ali, Valí Khan, Mulla Karim, Akbar Ra'is, Ghulam-'Ali, der Sohn des Pir Muhammad, Naqí und Muhammad-'Ali, der Sohn des Muhammad, unterwegs. Die übrigen erreichten Tihrán, wo noch am Tag der Ankunft fünfzehn von ihnen hingerichtet wurden, darunter auch Áqá Siyyid 'Ali, der schon halbtot ankam, Karbilá'í Rajab, der Barbier, Sayfu'd-Dín, Sulaymán, der Sohn des K. Salmán, Ja'far, Murad Khayrí, Husayn, der Sohn des K. Báqir, Mírzá Abu'l-Hasan, Sohn des Mírzá Taqí, Mulla Muhammad-'Ali, der Sohn des Áqá Mihdí. Dreiundzwanzig starben im Kerker, dreizehn kamen drei Jahre später frei. Der einzige, der in Tihrán blieb, um dort bald darauf zu sterben, war Karbilá'í Zaynu'l-'Ábidín." (A. L. M Nicolas, Siyyid 'Ali-Muhammad dit le Báb, S. 421f.)
„Nachdem die Verfolger die Männer festgenommen und getötet hatten, ergriffen sie vierzig Frauen und Kinder und brachten sie auf folgende Weise um. Sie setzten sie in die Mitte einer Höhle, schichteten ringsum große Mengen Feuerholz auf, gössen Naphta über ausgestreute Reisigbündel und zündeten sie an. Einer, der bei dieser Aktion beteiligt war, erzählte später: ,Nach zwei oder drei Tagen stieg ich wieder auf den Berg und räumte den Eingang zu der Höhle frei. Ich sah, dass das Feuer verloschen war, aber all diese Frauen saßen mit ihren Kindern da, jede in* ihrer Ecke, ihre Kinder an die Brust gedrückt saßen sie im Kreis, wie wir sie verlassen hatten. Einigen war wie vor Verzweiflung und Trauer der Kopf schmerzlich auf die Knie gesunken, und alle verharrten in der Stellung, die sie eingenommen hatten. Ich war sehr verwundert und dachte, sie wären gar nicht verbrannt worden. Von Ehrfurcht ergriffen, trat ich ein. Da sah ich, dass sie alle verkohlt und zu Asche verbrannt waren, doch hatten sie sich nicht gerührt, so dass ihre Leiber hätten zerfallen können. Sobald ich sie mit der Hand berührte, zerfielen sie zu Asche. Und alle, die wir dies sahen, haben tief bereut, was wir getan haben. Aber was nützt das?" (Tarikh-i-Jadtd, S. 128f.)
„Der Autor des Tartkh-i-ladtd ergreift am Schluss seiner Erzählung die Gelegenheit und legt dar, wie durch diese Geschehnisse eine Prophezeiung der Traditionen buchstäblich in Erfüllung ging, worin es bezüglich der Zeichen beim Auftreten des Imam Mihdí heißt: ,In Ihm wird Moses Vollkommenheit, Jesu Kostbarkeit und Hiobs Geduld sein; Seine Heiligen werden zu Seiner Zeit erniedrigt und ihre Köpfe als Geschenke ausgetauscht, so wie die Köpfe der Türken und Daylamiten ab Geschenke ausgetauscht werden; sie werden erschlagen und verbrannt, werden voll Furcht und Schrecken sein und verzweifelt, ihr Blut wird die Erde tränken, Jammern und Klagen wird herrschen unter ihren Frauen; dies wahrlich sind meine Heiligen.' [Diese Tradition, Hadíth-i-Jábir genannt, wird aus dem Kafi, einer der wichtigsten Kompilationen schiitischer Überlieferungen, im íqán zitiert.] Als ich im Frühsommer 1888 in Yazd war, lernte ich einen Bábí kennen, der einen wichtigeren Behördenposten bekleidete; zwei seiner Vorfahren waren bei der Niederwerfung des Aufstandes in Nayriz maßgeblich beteiligt. Das Folgende, eine Zusammenfassung dessen, was er mir darüber erzählte, entnehme ich meinem Tagebuch vom 18. Mai 1888: ,Mein Großvater von Mutterseite, Mihr-'Alí Khan Shujá'u'1-Mulk, und mein Großonkel Mírzá Na'ím nahmen beide aktiv am Kampf in Nayriz teil—aber auf der falschen Seite. Als Befehle nach Shíráz drangen, den Aufstand zu unterdrücken, wurde mein Großvater dazu bestimmt, den Befehl über die entsprechende Expedition zu übernehmen. Er wollte die Aufgabe nicht haben und teilte seine Bedenken auch zwei ‘Ulamá mit, die ihn aber beruhigten und ihm versicherten, dass der Kampf, den er führen sollte, ein heiliges, von der Religion sanktioniertes Unternehmen sei, für das er im Paradies belohnt würde. So zog er los, und was geschah, geschah eben. Nachdem sie 750 Männer getötet hatten, nahmen sie die Frauen und Kinder, zogen sie fast nackt aus, luden sie auf Esel, Maultiere und Kamele und führten sie zwischen den Reihen der von den entseelten Leibern ihrer Vater, Brüder, Söhne und Gatten abgeschlagenen Köpfe nach Shíráz. Dort angekommen, wurden sie in einer zerfallenen Karawanserei außerhalb des Isfahan-Tores gegenüber einem Imám-Zádih untergebracht, während ihre Häscher unter ein paar Bäumen in der Nähe Quartier nahmen. Lange Zeit mussten sie dort bleiben, vielen Schändungen und Härten ausgesetzt, und viele starben. Nun seht Gottes Strafgericht über die Bedrücker. Von den Hauptverantwortlichen dieser Greueltaten war nicht einer, der nicht ein böses Ende genommen und elend umgekommen wäre. Mein Großvater Mihr-'Alí Khan wurde plötzlich krank und blieb bis zu seinem Tod stumm. Als er im Sterben lag, sahen die Umstehenden an seinen Lippen, dass er etwas flüsterte. Sie beugten sich zu ihm hinunter, um seine letzten Worte zu vernehmen, und hörten ihn leise „Bábí! Bábíl Bábí!" stöhnen, dreimal. Dann fiel er tot zurück. Mein Großonkel Mírzá Na'ím fiel bei der Regierungin Ungnade und wurde zweimal zur Geldbuße, einmal zu zehntausend, das andermal zu fünfzehntausend Túmán, verurteilt. Das war aber nicht alles; er musste verschiedene Torturen über sich ergehen lassen. Seine Hände wurden in den Il-chik gespannt [die Folter besteht darin, dass dem Opfer Holzstücke zwischen die Finger gesteckt and» diese mit Schnur stramm zusammengebunden werden. Dann wird kaltes Wasser über die Schnur gegossen, damit sie sich stärker zusammenzieht]; seine Füße kamen in die Tang-i-Qájár [„Kad-scharenpresse", ein Marterinstrument ähnlich dem einst auch in England benützten „Stiefer, dessen Einführung Persien seiner gegenwärtig auf dem Thron sitzenden Dynastie verdankt]. Er musste barhäuptig in der Sonne stehen, den Kopf mit Sirup bestrichen, um die Fliegen anzuziehen; und nachdem er diese und noch peinvollerc und demütigendere Torturen erduldet hatte, wurde er entlassen, ein entehrter, gebrochener Mann.'" (A Travellers Narratwe, Anm. H, S. 191f.)

217 12. Januar 1853 n. Chr .
218 'Abdu'1-Bahá.
219 Mírzá Músá, allgemein Áqáy-i-Kalím genannt, unter den Brüdern und Schwestern Bahá'u'lláhs der fähigste und hervorragendste, war Sein zuverlässiger und tapferer Helfer.
220 Mírzá Abu'1-Fadl zitiert in seinem Fará'id (S. 50f) eine denkwürdige Überlieferung von Muhammad, die als authentische Äußerung des Propheten anerkannt wird und auf die Siyyid 'Abdu'l-Vahháb-i-Sha'rání in seinem Werk Kitábu'1-Yaváqít-i-va'l-Javáhir hinweist, wie folgt: „Sie alle [die Gefährten des Qá'im] werden getötet bis auf Einen, der die Ebene von 'Akká erreichen wird, die Festhalle Gottes." Der volle Wortlaut wird nach Mírzá Abu'1-Fadl auch von Shaykh Ibnu'I-'Arabi erwähnt in seinem Werk Futúhát-i-Makkíyyih.
221 »Ein hohler Behälter, geformt und etwa so groß wie eine Kokosnuß, an dem zum Tragen zwei Kettchen an vier Punkten rund um die Öffnung befestigt sind. Er wird von Derwischen als Almosenschale benutzt." (A Traveller's Narrative, S. 51, Anm. 3.)
222 „Eure Exzellenz, nach Ausführung der energischen Maßnahmen der persischen Regierung zur Ausrottung und Vernichtung der irregeleiteten und verabscheuenswürdigen Bábí-Sekte, über deren Einzelheiten Eure Exzellenz voll im Bilde ist [eine Anspielung auf die große Bábí-Verfolgung in Tihrán im Sommer 1852], sind Gott sei Dank durch die Wachsamkeit des kaiserlichen Geistes Seiner höchst machtvollen Majestät, deren Rang demjenigen Jamshids gleichkommt, des Schirmherrn der wahren Religion—möge unser Leben ein Opfer für ihn sein—, mit Stumpf und Stiel ausgerottet." (Aus einem Brief von Mírzá Sa'íd Khan, Ex-Außenminister von Persien, an den persischen Gesandten in Konstantinopel vom 12. Dhu'l-Hijjih 1278 [10. Mai 1862]. Faksimile und Übersetzung des Dokuments in: E. G. Browne, Materials for tbe Study of the Bábí Religion, S. 283.)
223 „Es war eine schreckliche Reise durch rauhes Gebirgsland, und die Reisenden litten sehr unter Erschöpfung." (Dr. T. K. Cheyne, The ReconcÜiation of Races and Reügions, S. 121.)
224 „In den Tagen, da Ich im Kerker in Tihrán lag, vergönnten Mir die schweren Ketten, die Mich wundrieben, und die üble Luft nur wenig Schlaf; dennoch hatte Ich in den seltenen Augenblicken des Schlummers ein Gefühl, wie wenn etwas vom Scheitel Meines Hauptes über Meine Brust strömte, einem mächtigen Sturzbach gleich, der sich vom Gipfel eines hohen Berges zu Tal ergießt. Jedes Glied Meines Körpers wurde so in Flammen gesetzt, und Meine Zunge sprach in solchen Augenblicken Worte, die zu hören kein Mensch hätte ertragen können." (Bahá'u'lláh, Brief an den Sohn des Wolfes [37], S. 35.)
225 „Aber ebenso bemerkenswert wie die Kühnheit seines Anspruchs auf göttliche Autorität ist sein Beharren darauf, dass diese Autorität nicht endgültig sei. Er fühlte sich berufen und beauftragt, vieles zu offenbaren, aber mit der gleichen Gewissheit war er überzeugt, dass es noch unendlich mehr zu offenbaren gab. Darin lag seine Größe. Und darin bestand sein größtes Opfer. Er riskierte dadurch die Herabsetzung seines eigenen Rufs. Aber er sicherte dadurch auch den Fortbestand seiner Sendung.... Er machte sicher, dass die Bewegung, die er in Gang setzte, wuchs und sich ausbreitete. Er selbst war nur ,ein Buchstabe dieses mächtigsten Buches, ein Tropfen dieses grenzenlosen Meeres'. ... Das war die Demut wahrer Einsicht. Und sie tat ihre Wirkung. Seine Bewegung wuchs, breitete sich aus und hat noch eine große Zukunft vor sich." (Sir Francis Younghusband, The Gleam, S. 210 f.)
226 Gobineau bestätigt um 1865: „Die öffentliche Meinung ist, dass es die Bábí in allen Gesellschaftsschichten und allen Religionen Persiens gibt, mit Ausnahme der Nusayrí und der Christen; es sind vor allem die Aufgeklärten, die Männer der Wissenschaften im Land, die man für sehr verdächtig hält. Mit gutem Grund ist anzunehmen, dass viele Mullas, darunter einige angesehene Mujtahids, höhere Beamte und Hofchargen in wichtigen Stellungen mit Zugang zum Sháh Bábí sind. Nach neueren Schätzungen gibt es in Tihrán, einer Stadt von etwa achtzigtausend Seelen, fünftausend Anhänger dieser Religion. Aber diese Schätzung ist nicht sehr zuverlässig, und ich neige eher dazu anzunehmen, dass, wenn die Bábí in Persien nicht am Boden lägen, ihre Zahl in der Hauptstadt sehr viel größer wäre, denn man musste gleichzeitig zu der Zahl der Bekenner, wieviele das heute auch sein mögen, den großen Anteil derer hinzurechnen, die sich von der heute verketzerten Lehre angezogen fühlen und bei ihrem Sieg den Mut fassen könnten, sich zu erklären.'' (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 251.)
„Noch kein halbes Jahrhundert ist verstrichen, seit Mírzá 'Ali-Muhammad, der jugendliche Seher aus Shíráz, seine Religion zu predigen begann, deren Märtyrer nach Hunderten, deren Anhänger nach Hunderttausenden zählen, und die zeitweilig zugleich die Vorherrschaft der Qájárendynastie wie des Muhammadanischen Glaubens in Persien zu bedrohen schien und sich vielleicht noch als ein wichtiger Faktor in der Geschichte Westasiens erweisen mag." (E. G. Browne, Einführung zum Táríkh-i-Jadtd, S. 7.)
Professor James Darmesteter schreibt: „Der Bábismus, der sich in weniger als fünf Jahren in Persien von einem Ende zum andern ausgebreitet hat, der 1852 mit dem Blut seiner Märtyrer getränkt wurde, schreitet in aller Stille weiter fort und spricht für sich selbst. Falls Persien sich überhaupt regeneriert, wird es durch diesen neuen Glauben geschehen." (Aus Persia: A Historical and Literary Sketch, übersetzt von G. K. Narimán.)
„Wenn der Bábismus im gleichen Maß weiter so wächst wie gegenwärtig, ist es denkbar, dass die Zeit kommt, da er den Muhammadanismus in Persien aus dem Feld schlägt. Wie ich glaube, wurde es dazu wahrscheinlich nicht kommen, wenn er unter der Flagge eines feindlichen Glaubens daherkäme. Weil er aber seinen Nachwuchs aus den besten Soldaten der Garnison gewinnt, gegen die er ankämpft, ist eher anzunehmen, dass er schließlich obsiegen wird. Für den, der die persische; Mentalität mit ihrer außerordentlichen Empfänglichkeit für religiöse Strömungen kennt, ist es einleuchtend, dass der neue Glaube in diesem Land bei so vielen Schichten der Bevölkerung solchen Anklang findet. Die Soff, Mystiker, haben schon lange behauptet, dass es immer einen Pir geben muss, einen leiblich sichtbaren Propheten, und sind sehr leicht in der Bábí-Gemeinde aufgegangen. Selbst der orthodoxe Muselman, dessen geistiges Auge immer erwartungsvoll nach dem verschwundenen Imam Ausschau hält, ist für die vernünftige Argumentation zugänglich, die zu beweisen sucht, dass der Báb oder Bahá nach allen Voraussagen von Qur'án und Traditionen der Mihdi ist. Das reine und leidvolle Leben des Báb und sein schmählicher Tod, das heroische Martyrium seiner Anhänger findet Anklang bei vielen anderen, die in den zeitgenössischen Berichten des Islam nichts Ebenbürtiges finden." (Lord Curzon, Persia and the Version Question, Bd. 1, S. 503.)
Im selben Kapitel kommentiert der Autor die Aussichten der christlichen Mission in Persien und schreibt: „Man hat Persien schon als das erfolgversprechendste Feld für christliche Missionsarbeit im Osten bezeichnet. Wenn ich auch weiß, wie wertvoll die Arbeit war und ist, die die englischen, französischen und amerikanischen Missionsgesellschaften durch ausgedehnte erzieherische und karitative Tätigkeiten, durch großzügige medizinische Hilfe, durch die Wirkung des Beispiels leisten, und keineswegs vorschlagen wollte, diese frommen Werke zu vernachlässigen, kann ich aber doch aufgrund meiner Kenntnis die Zukunftsaussichten nicht so rosig sehen." (a.a.O., S. 504.) „... in Persien erwuchsen viele Hindernisse, denen sich die christlichen Gemeinden gegenübersehen, aus ihren eigenen sektiererhaften Unterschieden, und die Muselmanen spotten zu recht über die Einladung zum Übertritt in eine Herde, deren verschiedene Mitglieder einander so erbittert lieben. Protestanten balgen sich mit Katholiken, Presbyterianer mit Episkopalen, die Protestantischen Nestorianer blicken nicht sehr freundlich auf die eigentlichen Nestorianer, und diese wiederum stehen nicht auf bestem Fuß mit den Chaldäern oder den Katholischen Nestoria-nern. Die Armenier blicken scheel auf die Unierten (oder Katholischen) Armenier, und beide behindern vereint die Protestantische Mission. Und schließlich ist generell noch die Feindseligkeit der Juden in Rechnung zu ziehen. In den verschiedenen Ländern des Ostens, die ich bereist habe, von Syrien bis Japan, verblüffte mich immer das seltsame und für meinen Begriff betrübliche Phänomen, dass Scharen von Missionaren unter dem Banner des Friedefürsten in die edelsten Kriege ziehen mit der Waffe des Brudermords in der Hand." (a.a.O., S.507 f.) „Wenn denn die Zahl der Bekehrungen aus dem Islam ein Kriterium für den Erfolg der Missionstätigkeit in Persien sein sollte, so würde ich ohne Zögern sagen, dass das Ergebnis ganz und gar nicht dem gewaltigen Einsatz an Geld, an ehrenwertem Bestreben, an opfervoller Arbeit, mit dem dieses Land überschüttet wurde, entspricht. Manchmal wurden junge Muhammadaner von christlichen Missionaren getauft. Aber das darf man nicht vorschnell mit Bekehrung verwechseln, denn das Gros der Neulinge fällt wieder in den Väterglauben zurück; und ich frage mich, ob seit dem Tag, da Henry Martyn shírázischen Boden betrat, bis heute wirklich ein halbes Dutzend persische Muhammadaner den christlichen Glauben angenommen hat. Ich habe mich oft darnach umgesehen, aber ich habe nie einen bekehrten Muselman getroffen (abgesehen natürlich von ausgesetzten Kindern und Waisen muslimischer Eltern, die von früh auf in christlichen Schulen erzogen wurden). Ich bin auch nicht überrascht von diesem ganz offensichtlichen Misserfolg. Einmal abgesehen von den dogmatischen Postulaten des Christentums (wie Trinitätslehre und Gottgleichheit Christi), die der muhammadanischen Auffassung von der Einheit Gottes so zuwiderlaufen, braucht uns das Zögern eines Muselmanen, seinen Glauben aufzugeben, nicht zu wundern, wenn wir bedenken, dass darauf die Todesstrafe steht. Die Chancen für eine Bekehrung liegen wirklich solange in weiter Ferne, als Leib und Seele des Konvertiten auf der Waagschale stehen. Doch persönliche Befürchtungen, wenn auch wichtig, sind nicht das Entscheidende dabei. Es ist der Islam selbst—ein System, das alle Bereiche umfasst, auch die Pflicht, auch das Leben selbst—gegen den alle missionarischen Wellen wie gegen eine unverrückbare Felswand vergeblich anbranden und schlagen. Wunderbar an Klima, Menschenschlag, an Tun und Treiben in jenen Ländern angepasst, auf die er seine harte Faust gelegt, hält der Islam seinen Bekenner von der Wiege bis zur Bahre in völliger Hörigkeit. Er ist ihm nicht nur Religion, er ist ebenso Regierung, Philosophie und Wissenschaft. Das muhammadanische Konzept ist nicht so sehr Staatskirche als sozusagen Kirche als Staat. Das Gerüst, das die Gesellschaft ringsum verstellt, ist nicht ziviler, sondern klerikaler Machart; und eingehüllt in diesen prächtigen, wenn auch lähmenden Glauben lebt der Muselman in zufriedener Hingabe allen eigenen Wollens, hält es für seine höchste Pflicht, Gott anzubeten und diejenigen, die Ihn nicht im selben Geist anbeten, dazu zu zwingen oder, falls dies nicht möglich ist, zu verachten, und dann stirbt et mit der sicheren Aussicht aufs Paradies. Solange dieser alles bezwingende, alles aufsaugende Lebenskodex die Menschen des Ostens in seinen Fängen hält, jede Pflicht bestimmt, jedes Handeln regelt und am Ende die sichere Erlösung austeilt, werden die Schätze der Mission und alle missionarische Selbstverleugnung in den Wind geschrieben sein. Wirklich, eine aktive Propaganda ¡st nach meinem Urteil die verfehlteste Politik, die eine christliche Mission in einem bigotten muslimischen Land machen kann, und die beachtliche Toleranz, die ich der persischen Regierung zuschreiben muss, geht in hohem Maße auf die kluge Enthaltsamkeit der christlichen Missionare vom offenen Proselytenmachen zurück." (a.a.O., S. 508 f.)
227 Gobineau schreibt darüber um 1865: „So gewann der Bábismus beachtlichen Einfluss auf die persische Intelligenz, drang über Persiens Grenzen hinaus, verbreitete sich über das türkische Baghdád und drang nach Indien vor. Einer seiner merkwürdigsten Züge ist, dass selbst zu Lebzeiten des Báb viele Gelehrte der neuen Religion, viele der überzeugtesten, ergebensten Anhänger niemals dem Propheten persönlich begegnet waren und nicht einmal viel Wert darauf gelegt zu haben scheinen, seine Lehren aus seinem eigenen Mund zu vernehmen. Nichtsdestoweniger erwiesen sie ihm bedingungslos und ohne Vorbehalt alle Ehren und die Ehrfurcht, die ihm in ihren Augen gebührte." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 255.)
228 228) „Die Sache des Báb nahm ihren Lauf, und im Ergebnis war sie eine religiöse Bewegung ganz besonderer Art, die heute Zentralasien, d.h. Persien, verschiedene Orte Indiens, ein Teil der asiatischen Türkei um Baghdád, in Atem hält, eine bedeutsame Bewegung also, die ein genaueres Studium lohnt. Man erlebt hier Geschehnisse, Erscheinungen, Katastrophen, wie man sie sich höchstens in weit zurückliegenden Zeiten vorstellen konnte, als die großen Religionen geboren wurden. ... Ich muss sagen, wenn ich in Europa eine solche Religion aufkommen sähe wie den Bábismus, mit den Vorzügen, die er besitzt, dem blinden Glauben, der grenzenlosen Begeisterung, dem leidgeprüften Opfermut, der den Gleichgültigen Achtung abnötigt und seine Widersacher erschreckt, und der darüber hinaus, wie gesagt, durch seine stetige Überzeugungskraft immer neue Anhänger in allen Gesellschaftsschichten gewinnt—wenn ich dies in Europa sähe, ich zögerte nicht vorauszusagen, dass in absehbarer Zeit alle Macht und Herrschaft zwangsläufig dieser derart überlegenen Gruppe zufallen werde." (Comte de Gobineau, Les Religions et les Philosophies dans l'Asie Centrale, S. 116,293 f.)
„Mir will nun scheinen, dass die Geschichte der Bábí-Bewegung in verschiedener Hinsicht auch andere interessieren müßte als diejenigen, die sich mit dem Studium des Persischen befassen. Den, der sich mit religiösen Ideen beschäftigt, wird sie nicht wenig zum Nachdenken anregen, denn hier—noch unverdunkelt durch Mythen und Fabeln—kann er Persönlichkeiten betrachten, wie sie im Laufe der Zeit zu Heroen werden, zu Halbgöttern; hier kann er im Licht verschiedener und unnabhängiger Zeugnisse einen jener seltsamen Ausbrüche von Begeisterung, Glauben, glühender Verehrung, unbezähmbaren Heldentums—oder Fanatismus', wenn man so will,—untersuchen, wie wir sie gewöhnlich mit älteren Geschichtsepochen der Menschheit verbinden. Er erlebt, mit einem Wort, die Geburt einer Religion, die sich durchaus unter die großen Weltreligionen einreihen kann. Auch dem Ethnologen kann es Stoff bieten, wie der Charakter eines oft als selbstsüchtig, käuflich, habgierig, egoistisch, gemein und feige verschrieenen Volkes unter dem Einfluss eines starken religiösen Impulses sich eines solchen Maßes an Hingabe, Uneigennützigkeit, Großmut, Selbstlosigkeit, Edelmut und Tapferkeit fähig erweist, wie es in der Geschichte Parallelen hat, aber kaum zu überbieten ist. Auch für den Politiker ist die Sache nicht ganz unbedeutend, denn was kann sich nicht alles ändern in einem Land, das jetzt schon ein wichtiger Faktor im Kräftegleichgewicht der Nationen ist, durch eine Religion, die einen so mächtigen Geist zu entfesseln vermag. Wer bedenkt, was Muhammad aus den Arabern gemacht hat, mag wohl in Betracht ziehen, was der Báb noch aus den Persern macht." (E. G. Browne, Einführung zu A Travellern Narrative, S. 8 f.)
„So wurde ich hier in Bahji als Gast aufgenommen, inmitten all dessen, was dem Bábismus höchst ehrwürdig und heilig ist. Hier verbrachte ich fünf denkwürdige Tage, die mir unverhoffte und unvergleichliche Gelegenheiten boten, mit denen in Verbindung zu treten, die Quell jenes mächtigen, wundersamen Geistes sind, der mit unsichtbarer, doch ständig wachsender Kraft an der Umwandlung und Neubelebung eines gleichsam im Todesschlaf hindämmernden Volkes wirkt. Es war in der Tat ein seltsames, bewegendes Erlebnis, von dem ich kaum imstande bin, mehr als einen schwachen Eindruck zu vermitteln. Ich könnte vielleicht die Gesichter und Gestalten, die mich umgaben, genauer zu beschreiben versuchen, die Gespräche, denen ich lauschen durfte, das feierliche, melodische Lesen der heiligen Bücher, das allgemein an diesem Ort herrschende Empfinden von Harmonie und Zufriedenheit, die duftenden, schattigen Gärten, wo wir uns manchmal am Nachmittag aufhielten -, doch all dies war nichts im Vergleich zu der geistigen Atmosphäre, die mich umfing. Persische Muselmanen erzählen oft, dass die Bábí ihre Gäste verhexen oder berauschen, so dass sie unwiderstehlich einem Zauber erliegen, den die besagten Muselmanen für eine seltsame, unbegreifliche Geisteskrankheit halten. So sinnlos und abwegig dieser Glaube ist, beruht er doch auf Tatsachen, die—noch viel seltsamer—das, was man von diesen Menschen behauptet, zum guten Teil bestätigen. Die Bábí beseelt ein Geist, der kaum seine machtvolle Wirkung auf alle, die unter seinen Einfluss geraten, verfehlen kann. Er mag anziehen oder abstoßen, aber man kann ihn nicht ignorieren oder missachten. Wer es nicht erlebt hat, braucht mir nicht zu glauben, aber sollte sich ihm einmal dieser Geist offenbaren, wird er eine Erfahrung machen, die er nicht so leicht vergißt." (a. a. O., S. 38 f.)
„Daraus ist zu ersehen, dass der Bábismus seit seinem ersten Auftreten als missionarische Kraft vor einem halben Jahrhundert in seiner äußeren Organisationsform große und grundlegende Wandlungen durchgemacht hat. Aber diese Wandlungen haben keineswegs geschadet, sie scheinen vielmehr die Propaganda eher noch beflügelt zu haben, die mit einer Schnelligkeit vorankam, unerklärlich für alle, die darin nur eine Art roher politischer oder metaphysischer Gärung sehen können. Die niedrigste Schätzung setzt die Zahl der Bábí in Persien gegenwärtig mit einer halben Million an. Ich neige nach Gesprächen mit urteilsfähigen Leuten eher dazu anzunehmen, dass sie im ganzen näher bei einer Million liegt. Man trifft sie in allen Lebensbereichen, von den Ministern und Adligen bei Hof bis zum Straßenkehrer und Pferdeknecht, und nicht zum wenigsten sind sie unter der muselmanischen Priesterschaft aktiv. Es ist zu beachten, dass die Bewegung ihren Ausgang von Siyyids, Hájís und Mullas nahm—Personen, die durch Herkommen, aus Neigung zur Frömmigkeit oder von Berufs wegen näher mit dem muhammadanischen Glauben befasst waren; und aus dem Kreis dieser bekennenden Anhänger des Glaubens gewinnen sie weiterhin ihre Neubekehr-ten. Viele Bábí sind als solche wohl bekannt, aber solange sie sich umsichtig verhalten, haben sie keine Nachstellung oder Verfolgung zu fürchten. In ärmeren Schichten wird die Glaubenszugehörigkeit in der Regel verschwiegen, um den Oberen keine Entschuldigung für abergläubischen Hass zu bieten. Erst neulich hatten die Bábí großen Erfolg im Lager eines anderen Feindes, indem sie viele Neubekehrte aus der jüdischen Bevölkerung der persischen Städte vereinnahmten. Wie ich höre, sollen sie im vergangenen Jahr 150 jüdische Konvertiten in Tihrán verzeichnet haben, 100 in Hamadán, 50 in Káshán und 75 Prozent aller Juden in Gulpáyigán." (Lord Curzon, Persia and the Persian Question, Bd. 1, S. 499 f.)
Dr. J. Estlin Carpenter schreibt: „Aus dieser feinen Rasse kommt die höchst bemerkenswerte Bewegung, die aus dem modernen Muhammadanismus entstand.... Es scharten sich Schüler um ihn, und die Bewegung ließ sich durch seine Gefangennahme, seine fast sechsjährige Haft und am Ende seine Hinrichtung 1852 nicht aufhalten.... Auch sie versteht sich als eine universale Lehre; sie hat schon ihre edle Schar von Märtyrern und ihre heiligen Bücher; hat Persien inmitten seines Elends eine Religion hervorgebracht, die um die ganze Welt gehen wird?" (Comparative Religion, S. 70 f.)
Prof. E. G. Browne schreibt: „Wieder einmal hat der Osten in der Weltgeschichte seinen Anspruch gerechtfertigt, den Westen Religion zu lehren und in der geistigen Welt den Vorrang zu behaupten, den die westlichen Nationen im Materiellen haben." (Einleitung zu M. H. Phelps, Life and Teachings of'Abbás Effendi, S. 15) [667]
„Es erscheint vom religiösen, und vor allem vom moralischen Standpunkt aus gewiss, dass der Bábismus gegenüber dem orientalischen Islam ein Fortschritt ist; man darf mit M. Vambéry (Académie, 12. März 1892) behaupten, dass sein Oberhaupt Lehren gebracht hat, wie sie der größten Denker würdig sind. ... Jedenfalls ist die Entwicklung des Bábismus ein interessantes Kapitel in der Geschichte der Religionen und der modernen Zivilisation. Vielleicht haben die, die ihn rühmen, nach alledem recht; mag sein, dass vom Bábismus eines Tages die Regeneration des persischen Volkes ausgeht, selbst auch des ganzen Islam, der es wirklich nötig hat; unglücklicherweise gibt es kaum eine Regeneration von Völkern ohne gewaltiges Blutvergießen." (M. J. Balteau, Le Bábisme, S. 28.)
229 'Abdu'l-Bahá.
230 „Das Kalifat nahm seinen Anfang mit der Wahl des Abú-Bakr im Jahr 632 (n.Chr.) und dauerte bis 1258, als Hulagu Khan Baghdád plünderte und Mu'tasim-Bi'llah ermordete. Fast dreihundert Jahre nach dieser Katastrophe wurde der Titel Kalif in Ägypten fortgeführt durch Abkömmlinge des Hauses 'Abbás, die unter dem Schutz ihres Mameluken-Herrschers lebten, bis im Jahr 1517 Sultán Salún, der Osmanli, die Mameluken-Dynastie besiegte und den hilflosen Kalifen veranlagte, Titel und Insignien ihm abzutreten." (P. M. Sykes, A History ofPersia Bd 2 S.25.)

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