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Vorbilder der Treue

Vorbilder der Treue á ‘Abdu’l-Bahá á Bahá'í Verlag GmbH, Auflage 2.03 (O-2021-06-12)

Vorbilder der Treue ‘Abdu’l-Bahá

Nabíl-i-Akbar

In der Stadt Najaf gab es unter den Schülern des bekannten Mujtahid Shaykh Murtaḍá einen einzigartigen, unvergleichlichen Mann namens Áqá Muḥammad-i-Qá’iní, der später von Bahá’u’lláh den Namen Nabíl-i-AkbarA1 erhielt. Bald war diese hervorragende Seele der erste im Schülerkreis des Mujtahid. Als einziger wurde er zum Rang eines Mujtahid erhoben; denn der verstorbene Shaykh Murtaḍá wollte diesen Titel nie vergeben. Nabíl-i-Akbar hatte nicht nur hervorragende Kenntnisse in Theologie, sondern auch in anderen Bereichen wie den Sprachwissenschaften, der Philosophie der Illuminaten, den Lehren der Mystiker und der Shaykhí. Er war ein Universalgelehrter, eine überzeugende Persönlichkeit. Als seine Augen dem Lichte der göttlichen Führung geöffnet wurden, als er die himmlischen Düfte atmete, wurde er zu einer Flamme Gottes. Das Herz erglühte ihm in der Brust, und in freudiger, liebestrunkener Verzückung schrie er auf wie Leviathan in der Tiefe. Lob und Preis regneten auf ihn nieder, als er vom Mujtahid seinen neuen Rang erhielt. Er verließ Najaf und kam nach Baghdád, wo er die Ehre hatte, Bahá’u’lláh zu begegnen. Hier schaute er das Licht, das im Heiligen Baume des Sinai leuchtete. Bald war er in einem Zustand, daß er weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe fand. In den nach außen gelegenen Gemächern, die den Männern vorbehalten waren, kniete der hochgeehrte Nabíl eines Tages ehrfurchtsvoll in der Gegenwart Bahá’u’lláhs, als Ḥájí Mírzá Ḥasan-‘Amú, ein vertrauter Gefährte des Mujtahids von Karbilá, in Begleitung von Zaynu’l-‘Ábidín Khán, dem Fakhru’d-Dawlih, eintrat. Der Ḥájí war sehr verwundert, Nabíl in so demütiger, ehrerbietiger Haltung knien zu sehen. »Mein Herr, was tun Sie hier?« flüsterte er. Nabíl antwortete: »Ich kam aus dem gleichen Grund hierher wie Sie.« Die beiden Besucher konnten sich vor Erstaunen kaum fassen, stand doch Nabíl unter den Mujtahids einzig da und war der Lieblingsschüler des berühmten Shaykh Murtaḍá. Später reiste Nabíl-i-Akbar nach Persien und zog bis Khurásán. Der Amír von Qá’in, Mír ‘Alam Khán, erwies ihm zuerst jede Höflichkeit und schätzte seine Gesellschaft so offensichtlich, daß die Leute dachten, er sei von Nabíl bezaubert. In der Tat fesselten ihn Nabíls Beredsamkeit, Wissen und Bildung. Man kann daraus ermessen, mit welchen Ehren Nabíl überschüttet wurde, denn »die Menschen folgen dem Glauben ihrer Könige«. So verbrachte Nabíl einige Zeit in Gunst und hohem Ansehen. Aber seine Liebe zu Gott war nicht zu verbergen. Sie brach aus seinem Herzen hervor wie eine Flamme, die ihre Hülle verzehrt. Ich versuchte tausend Wege, Meine Liebe zu verbergen; Aber wie könnte ich Auf diesem glühenden Scheiterhaufen stehen, Ohne Feuer zu fangen? Nabíl brachte Licht in die Gegend um Qá’in und bekehrte eine große Zahl von Menschen. Und als er überall unter diesem neuen Namen bekannt war, stand die Geistlichkeit neidisch und mißgünstig auf und zeigte ihn an. Sie schickten ihre Verleumdungen nach Ṭihrán, so daß Náṣiri’d-Dín Sháh in Wut entbrannte. Aus Furcht vor dem Sháh griff der Amír Nabíl mit ganzer Macht an. Bald war die ganze Stadt in Aufruhr, und das aufgereizte Volk fiel wütend über Nabíl her. Er jedoch, entflammt in seiner Liebe zu Gott, wich keinen Schritt zurück und widerstand allen. Schließlich jagten sie ihn jedoch aus der Stadt – verjagten einen Mann, der sah, was sie selbst nicht sahen –, und Nabíl ging nach Ṭihrán, wo er als heimatloser Flüchtling lebte. Aber auch in Ṭihrán fielen seine Feinde über ihn her. Häscher verfolgten ihn, die Wachen suchten ihn allenthalben, forschten nach ihm in Gassen und Straßen, jagten ihm nach, um ihn zu fangen und zu foltern. Aus seinem Versteck schlich er wie der Seufzer des Unterdrückten an ihnen vorbei und stieg hinauf in die Berge, oder er glitt wie die Tränen des Gequälten hinunter ins Tal. Den Turban, ein Zeichen seines Ranges, konnte er nicht länger tragen. Er verkleidete sich, setzte einen gewöhnlichen Hut auf, damit man ihn nicht erkannte und ihn in Ruhe ließe. Im geheimen verbreitete er weiterhin mit allen Kräften den Glauben Gottes, legte seine Beweise dar und war eine Lampe der Führung für viele Seelen. Fortwährend der Gefahr ausgesetzt, mußte er immer wachsam und auf der Hut sein. Die Regierung gab die Suche nach ihm nie auf, und die Leute wurden nicht müde, seinen Fall zu bereden. Er zog nach Bukhárá und nach ‘Ishqábád, unaufhörlich den Glauben auch in diesen Gegenden lehrend. Wie eine Kerze brauchte er sein Leben auf, aber trotz aller Leiden war er nie entmutigt, denn sein freudiger Eifer wuchs von Tag zu Tag. Er war ein gewandter Redner, ein geschickter Arzt, eine Arznei für jede Krankheit, ein Balsam für jede Wunde. Die Illuminaten führte er durch ihre eigenen philosophischen Grundsätze, und bei den Mystikern bewies er die göttliche Wiederkehr mit Begriffen wie ›Inspiration‹ und ›Himmlische Schau‹. Die Shaykhí-Führer überzeugte er, indem er die Worte der verstorbenen Gründer ihrer Schule, Shaykh Aḥmad und Siyyid Káẓim, anführte, und islámische Theologen bekehrte er mit Stellen aus dem Qur’án und aus den Überlieferungen der Imáme, die die Menschheit rechtleiten. So war er ein schnell wirkendes Heilmittel für die Kranken, eine reiche Gabe für die Armen. In Bukhárá war er zuletzt mittellos und Opfer vieler Schwierigkeiten, bis er fern seiner Heimat starb und zu dem Königreich eilte, in dem es keine Armut gibt. Nabíl-i-Akbar war der Verfasser eines meisterhaften Versuchs, die Wahrheit der Sache Gottes zu beweisen. Die Freunde haben dieses Werk zur Zeit nicht. Ich hoffe, es wird bald auftauchen und den Gelehrten zur Mahnung dienen. In dieser schnell vergänglichen Welt war Nabíl wirklich die Zielscheibe zahlloser Leiden; indessen werden Generationen machtvoller Geistlicher, Shaykhs wie Murtaḍá und Mírzá Ḥabíbu’lláh, Áyatu’lláh-i-Khurásání und Mullá Asadu’lláh-i-Mázandarání dahinschwinden ohne jede Spur. Keinen Namen, kein Zeichen, keine Frucht werden sie hinterlassen. Kein Wort wird von ihnen überliefert werden, kein Mensch wird mehr von ihnen reden. Aber Nabíl, der standhaft in diesem heiligen Glauben stand, Nabíl, der die Seelen führte, der Sache Gottes diente und ihren Ruhm verbreitete, der Stern Nabíl wird immer strahlen vom Horizont ewigen Lichtes. Jeder außerhalb der Sache Gottes erworbene Ruhm wendet sich am Ende in Erniedrigung. Ruhe und Bequemlichkeit, die nicht auf dem Pfade Gottes gefunden werden, sind letztlich nur Sorge und Kummer, und all solcher Reichtum ist Armut und nichts weiter. Ein Zeichen der Führung war Nabíl, ein Sinnbild der Gottesfurcht. Für diesen Glauben gab er sein Leben hin und triumphierte im Sterben. Er ging vorüber an der Welt und all ihrem Lohn, verschloß seine Augen vor Rang und Reichtum, befreite sich von all diesen Ketten und Fesseln und schob jeden weltlichen Gedanken hinweg. Von umfassender Gelehrsamkeit, Mujtahid, Philosoph und Mystiker, begnadet mit einfühlsamer Schau, war er überdies ein ausgezeichneter Schriftsteller und ein unvergleichlicher Redner. Er hatte einen großen, weltumfassenden Geist. Preis sei Gott! Am Ende empfing er himmlische Gnade. Auf ihm sei die Herrlichkeit Gottes, des Allherrlichen. Möge Gott den Strahlenglanz des Reiches Abhá über seiner Ruhestatt verströmen. Möge Gott ihn willkommen heißen im Paradies der Wiedervereinigung und ihn ewig beherbergen im Reiche der Rechtschaffenen, versunken in einem Meer von Licht.

Ismu’lláhu’l-Aṣdaq

Eine der Hände der Sache Gottes, welche aus diesem Leben gegangen und zum Horizont des Höchsten aufgestiegen sind, war Jináb-i-Ismu’lláhu’l-Aṣdaq. Andere Hände der Sache waren Jináb-i-Nabíl-i-Akbar, Jináb-i-Mullá ‘Alí-Akbar und Jináb-i-Shaykh Muḥammad-Riḍáy-i-Yazdí, ebenso der verehrte Märtyrer Áqá Mírzá Varqá. Ismu’lláhu’l-Aṣdaq war vom ersten bis zum letzten Atemzug ganz gewiß ein echter Diener Gottes. Als er jung war, trat er in den Schülerkreis des Siyyid Káẓim ein. In ganz Persien war er bekannt für sein reines Leben, berühmt als Mullá Ṣádiq, der Heilige. Er war ein begnadeter Mensch, feingebildet, gelehrt und hochverehrt. Das Volk von Khurásán hing sehr an ihm, denn er war ein großer Gelehrter und zählte zu den berühmtesten unter den unvergleichlichen, hervorragenden Theologen. Als Lehrer des Glaubens sprach er so gewandt, so außergewöhnlich machtvoll, daß er die Zuhörer mühelos überzeugte. Nach Baghdád und in die Gegenwart Bahá’u’lláhs gelangt, saß er eines Tages im Hof des Männerhauses neben dem kleinen Garten. Ich befand mich über ihm in einem Zimmer, welches auf den Hof hinausging. Da betrat ein persischer Prinz, ein Enkel Fatḥ-‘Alí Sháhs, das Haus und fragte ihn: »Wer bist du?« Ismu’lláh antwortete: »Ich bin ein Diener an dieser Schwelle. Ich bin einer der Torhüter.« Und ich hörte, wie er den Glauben zu lehren begann. Anfangs widersprach der Prinz heftig, aber schon nach einer Viertelstunde war es Jináb-i-Ismu’lláh gelungen, ihn freundlich und liebreich zu beruhigen. Nachdem der Prinz zunächst alles Gesagte scharf abgestritten hatte, wobei sein Gesicht deutlich seine Wut widerspiegelte, war jetzt sein Zorn einem Lächeln gewichen, und er äußerte sich entzückt über Ismu’lláhs Rede und über die Begegnung mit ihm. Ismu’lláh lehrte immer liebevoll und fröhlich, antwortete liebenswürdig und gutgelaunt, einerlei wieviel leidenschaftlichen Widerstand ihm seine Gesprächspartner entgegenbrachten. Seine Art zu lehren war ausgezeichnet, er war in Wahrheit Ismu’lláh, der Name Gottes, nicht wegen seines Ruhms, sondern weil er eine erwählte Seele war. Ismu’lláh kannte eine große Zahl islámischer Überlieferungen und beherrschte die Lehren Shaykh Aḥmads und Siyyid Káẓims meisterlich. Frühzeitig nahm er den Glauben in Shíráz an und war bald überall als Gläubiger bekannt. Weil er sofort öffentlich und mutig zu lehren begann, legte man ihm einen Strick um und führte ihn in den Straßen und Bázáren der Stadt umher. Sogar in diesem Zustand fuhr er fort, gefaßt und lächelnd zu den Leuten zu reden. Er gab nicht nach, er ließ sich nicht zum Schweigen bringen. Als sie ihn freigaben, verließ er Shíráz, ging nach Khurásán und begann auch dort den Glauben zu verbreiten. Danach reiste er in Gesellschaft des Bábu’l-Báb zur Festung Ṭabarsí. Hier erduldete er mit der Schar geweihter Opfer große Leiden. Er wurde an der Festung gefangengenommen und den Führern in Mázindarán übergeben, damit sie ihn herumführten und schließlich in einem bestimmten Bezirk der Provinz töteten. Als Ismu’lláh in Ketten an dem festgesetzten Ort eintraf, rührte Gott das Herz eines Mannes, so daß er ihn nachts aus dem Kerker befreite und an einen sicheren Ort führte. Während all dieser Qualen und Prüfungen blieb Ismu’lláh standhaft in seinem Glauben. Stellt euch zum Beispiel vor, wie der Feind die Festung ganz eingeschlossen hatte und aus seinen Belagerungsgeschützen pausenlos Kugeln hineinfeuerte. Die Gläubigen, unter ihnen Ismu’lláh, waren achtzehn Tage ohne Nahrung. Sie nährten sich vom Leder ihrer Schuhe. Auch dieses hielt nicht lange vor, und so blieb ihnen nichts als Wasser. Sie tranken jeden Morgen einen Schluck Wasser, dann lagen sie hungrig und erschöpft in ihrem Fort. Griff der Feind jedoch an, sprangen sie sofort auf. Sie legten großartigen Mut und erstaunlichen Widerstandsgeist an den Tag und drängten das Heer von ihren Mauern zurück. Der Hunger dauerte achtzehn Tage. Es war ein schreckliches Gottesgericht. Zum einen waren sie weit weg von Zuhause, umzingelt und eingeschlossen vom Feind. Zum anderen litten sie Hunger. Und schließlich waren da die plötzlichen Angriffe der Heeresmacht und die Bomben, die auf sie niederregneten und mitten im Fort explodierten. Unter solchen Bedingungen einen festen Glauben und Geduld zu wahren, ist ungeheuer schwierig, und daß solch grauenhafte Leiderfahrungen überstanden werden, ist eine seltene Erscheinung.A2 Ismu’lláh wankte nicht in dem Feuerregen. Kaum war er frei, lehrte er offener als je zuvor. Jeden wachen Atemzug verbrachte er damit, das Volk zum Reich Gottes zu rufen. Im ‘Iráq gelangte er in die Gegenwart Bahá’u’lláhs, und später empfing er im Größten Gefängnis Seine Gunst und Gnade. Er war wie ein wogendes Meer, wie ein hoch sich aufschwingender Falke. Sein Angesicht leuchtete, seine Zunge war beredt, seine Kraft und Standhaftigkeit waren erstaunlich. Öffnete er die Lippen, um zu lehren, dann entströmten ihnen die Beweise; sang er oder betete er, so quollen ihm Tränen aus den Augen wie der Regen aus einer Frühlingswolke. Sein Gesicht war leuchtend, sein Leben geistig, sein Wissen sowohl erworben als auch angeboren, und himmlisch war seine Begeisterung, seine Loslösung von der Welt, seine Rechtschaffenheit, seine Frömmigkeit und Gottesfurcht. Ismu’lláhs Grab ist in Hamadán. So manches Tablet wurde von der Erhabenen Feder Bahá’u’lláhs für ihn offenbart, darunter ein besonderes Besuchstablet nach seinem Hinscheiden. Er war eine große Persönlichkeit, vollkommen in jeder Hinsicht. Solche gesegneten Wesen haben jetzt diese Welt verlassen. Gott sei Dank blieben sie nicht, um der Kämpfe nach Bahá’u’lláhs Hinscheiden, dieser heftigen Heimsuchungen, Zeuge zu werden, denn festgegründete Berge werden dabei zittern und wanken, und hochragende Hügel werden sich neigen. Er war gewiß Ismu’lláh, der Name Gottes. Glückselig, wer jenes Grab umschreitet und sich mit seinem Staube segnet. Auf ihm sei der Gruß des Reiches Abhá und sein Lobpreis!

Mullá ‘Alí-Akbar

Eine weitere Hand der Sache war der verehrte Mullá ‘Alí-Akbar – mit ihm sei die Herrlichkeit Gottes, des Allherrlichen. In jungen Jahren besuchte dieser edle Mann hohe Schulen, Tag und Nacht arbeitete er fleißig, bis er sich die Gelehrsamkeit seiner Zeit – Allgemeinwissen, Philosophie und religiöses Recht – gründlich angeeignet hatte. Er besuchte die Zusammenkünfte von Philosophen, Mystikern und Shaykhí. Nachdenklich durchwanderte er diese Gefilde des Wissens, intuitiver Weisheit und der Erleuchtung. Aber ihn dürstete nach dem Quell der Wahrheit, ihn hungerte nach dem Brot des Himmels. Wie sehr er auch strebte, sich in jenen geistigen Bereichen zu vervollkommnen, nie war er zufrieden. Nie erreichte er das Ziel seiner Sehnsucht. Seine Lippen blieben trocken. Er war verwirrt und bestürzt, fühlte, daß er von seinem Pfade abgekommen war. Der Grund war, daß er in all diesen Kreisen keine Leidenschaft, keine Freude, keine Verzückung, keinen Hauch von Liebe gefunden hatte. Und als er tief bis zum Kern dieser vielfältigen Glaubensformen vordrang, erkannte er, wie seit dem Tag des Propheten Muḥammad bis auf unsere Zeit unzählige Sekten entstanden waren: voneinander abweichende Glaubensbekenntnisse, unvereinbare Meinungen, auseinanderlaufende Ziele, zahllose Wege und Pfade. Und er sah, wie sie alle mit diesem oder jenem Anspruch behaupteten, geistige Wahrheit zu enthüllen, alle im Glauben, sie allein folgten dem richtigen Weg, und dies alles, obwohl das Meer der Offenbarung Muḥammads mit einer einzigen mächtigen Flutwelle all diese Sekten auf des Meeres Grund hinabspülen könnte. »Keinen Schrei, nicht einmal einen Seufzer, sollst du von ihnen hören.«Q1 Wer über die Lehren der Geschichte nachsinnt, wird erfahren, daß dieses Meer unzählige Wellen aufgeworfen hat, doch am Ende ist jede verlaufen und vergangen, wie ein Schatten vorüberzieht. Die Wellen verschwinden, aber das Meer lebt weiter. Deshalb konnte ‘Alí Qabl-i-Akbar seinen Durst niemals löschen, bis zu dem Tage, da er am Gestade der Wahrheit stand und ausrief: Hier ist ein Meer, randvoll mit Schätzen, Des Wellen, windgepeitscht, wie Perlen sprühen. Wirf dein Gewand von dir und spring hinein! Versuche nicht zu schwimmen! Sei nicht stolz, daß Schwimmen du gelernt! Kopfüber tauche hinab! Sein Herz wogte und floß über wie ein Springquell. Wie sanft plätscherndes, kristallklares Wasser strömten Sinn und Wahrheit von seinen Lippen. Zuerst fing er in Demut und geistiger Armut das neue Licht ein, um es dann erst auszustrahlen. Denn wie gut ist gesagt worden: Soll den anderen das Geschenk des Lebens weitergeben, Wer selbst nie Anteil daran hatte? Ein Lehrer muß auf diese Weise vorgehen: Er muß zuerst sich selbst lehren, dann die anderen. Wenn er selbst auf dem Pfade fleischlicher Wünsche und Gelüste wandelt, wie kann er einen anderen zu Gottes »deutlichen Zeichen«Q2 führen? Dieser verehrte Mann konnte viele Menschen zum Umdenken bringen. Für Gott stürmte er auf den Pfaden der Liebe voran, alle Vorsicht beiseitelassend. Er wurde ein Rasender, ein Heimatloser, ja, er wurde als verrückt bekannt. Wegen seines neuen Glaubens spottete seiner in Ṭihrán hoch und niedrig. Wenn er durch die Straßen und die Bázáre ging, zeigten die Leute mit dem Finger auf ihn und nannten ihn einen Bahá’í. Wann immer Unruhen ausbrachen, wurde er als erster verhaftet. Er war immer bereit und wartete darauf, daß sie kamen, und sie blieben nie aus. Immer wieder wurde er in Ketten gelegt, eingekerkert, mit dem Schwert bedroht. Die Photographie, welche diese selige Gestalt zusammen mit dem großen Amín, beide in Ketten, zeigt, wird jedem der Augen hat zu sehen, zum Vorbild dienen. Da sitzen diese beiden ehrwürdigen Männer, mit Ketten behängt, gefesselt und doch ruhig, ergeben, gelassen. Es kam so weit, daß immer, wenn Aufruhr entstand, Mullá ‘Alí seinen Turban aufsetzte, sich in seine ‘Abá hüllte und wartete bis seine Feinde ihn hochjagten, die Häscher hereinstürzten, die Wachen ihn ins Gefängnis abführten. Aber sehet die Macht Gottes! Trotz alledem geschah ihm kein Leid. »Einen Wissenden und einen Liebenden erkennt man daran, daß er mitten im Meer trocken bleibt.« Das traf auch auf ihn zu. Von einem Augenblick zum anderen hing sein Leben nur noch an einem Faden. Die Böswilligen lauerten ihm auf. Er war überall als Bahá’í bekannt – und trotzdem blieb er verschont. Er blieb trocken in den Tiefen des Meeres, kühl und sicher im Herzen des Feuers bis zur Todesstunde. Nach dem Hinscheiden Bahá’u’lláhs fuhr Mullá ‘Alí in gewohnter Weise fort, treu dem Letzten Willen des Lichtes der Welt, fest im Bündnis, dem er diente und das er verkündete. Zu Lebzeiten der Manifestation Gottes trieb ihn seine Sehnsucht in die Gegenwart Bahá’u’lláhs, der ihn mit Wohlwollen empfing und ihn mit Gunstbeweisen überhäufte. Anschließend kehrte Mullá ‘Alí in den Írán zurück und widmete seine ganze Zeit dem Dienst für die Sache Gottes. Offen widersetzte er sich seinen tyrannischen Unterdrückern, wie oft sie ihn auch bedrohten, er setzte sich zur Wehr. Nie wurde er besiegt. Was er zu sagen hatte, sagte er. Er war eine der Hände der Sache Gottes, standhaft, unerschütterlich, felsenfest. Ich liebte ihn sehr, denn es war eine Lust, sich mit ihm zu unterhalten, und er war ein Gefährte wie kein zweiter. Kürzlich sah ich ihn nachts in der Welt der Träume. Er war immer von wuchtiger Gestalt gewesen. Im Traum erschien er mir breiter und fülliger als je zuvor. Er schien von einer Reise zurückgekehrt zu sein. Ich sagte zu ihm: »Jináb, du bist voll und stattlich geworden.« »Ja«, antwortete er, »Gott sei gelobt! Ich war an Orten, wo die Luft frisch und süß ist, und das Wasser kristallklar. Die Landschaften dort sind wunderschön anzusehen, und die Speisen sind köstlich. Das alles ist mir natürlich gut bekommen, ich bin kräftiger als je zuvor und fühle mich wieder wohl wie in früher Jugend. Der Odem des Allbarmherzigen wehte über mich, und ich verbrachte all meine Zeit damit, von Gott zu künden. Ich habe Seine Beweise dargelegt und Seinen Glauben gelehrt.« (Den Glauben lehren bedeutet in der nächsten Welt, die süßen Düfte der Heiligkeit zu verbreiten; diese Tätigkeit ist dasselbe wie Lehren). Wir plauderten noch ein wenig miteinander. Dann kam jemand, und er entschwand. Seine letzte Ruhestätte ist in Ṭihrán. Obwohl sein Körper unter der Erde liegt, lebt sein reiner Geist weiter »auf dem Sitz der Wahrheit, in der Gegenwart des mächtigen Königs.«Q3 Ich sehne mich danach, die Grabstätten der Freunde Gottes zu besuchen, wenn dies nur möglich wäre. Sie sind die Diener der Gesegneten Schönheit. Auf Seinem Pfade litten sie Trübsal, begegneten sie Mühe und Leid, ertrugen sie Beleidigungen und erlitten Unrecht. Auf ihnen sei die Herrlichkeit Gottes, des Allherrlichen. Ihnen sei Gruß und Preis. Auf ihnen seien Gottes zarte Gnade und Vergebung.

Shaykh Salmán

Im Jahre 1266 nach der HijrahA3 hörte der vertraute Bote Shaykh Salmán, zum erstenmal den Ruf Gottes, und sein Herz hüpfte vor Freude. Er war damals in Hindíyán. Unwiderstehlich angezogen, wanderte er den ganzen langen Weg nach Ṭihrán, wo er sich in heißer Liebe heimlich den Gläubigen anschloß. Eines Tages ging er in Begleitung von Áqá Muḥammad Taqíy-i-Káshání durch den Bázár. Die Häscher folgten ihm und fanden so heraus, wo er wohnte. Tags darauf kamen sie mit der Polizei und brachten ihn zum Polizeichef. »Wer bist du?« fragte der Chef. »Ich bin aus Hindíyán«, antwortete Salmán. »Ich bin nach Ṭihrán gekommen auf dem Weg nach Khurásán, auf der Pilgerreise zum Schrein des Imám Riḍá.« »Was hast du gestern mit diesem Mann im weißen Mantel gemacht?« fragte der Polizeichef weiter. Salmán antwortete: »Ich hatte ihm am Vortag eine ‘Abá verkauft, und gestern sollte er sie mir bezahlen.« »Du bist fremd hier«, sagte der Chef, »wie konntest du ihm trauen?« »Ein Geldwechsler bürgte für die Zahlung«, erwiderte Salmán. Er hatte dabei den geachteten Gläubigen Áqá Muḥammad-i-Ṣarráf (›Geldwechsler‹) im Sinn. Der Polizeichef wandte sich an einen seiner Häscher und sagte: »Bringe ihn zu dem Geldwechsler und untersuche den Fall.« Als sie dort ankamen, legte der Häscher los: »Wie war das alles mit dem Verkauf einer ‘Abá, für deren Bezahlung du dich verbürgt hast? Erkläre mir das selber!« »Ich weiß von nichts«, antwortete der Geldwechsler. »Komm mit!« sagte der Häscher zu Salmán. »Jetzt ist alles klar. Du bist ein Bábí.« Zufälligerweise trug Salmán einen Turban, ähnlich den in Shúshtar getragenen. Als sie eine Kreuzung überquerten, stürzte ein Mann aus Shúshtar aus einem Laden, umarmte Salmán und rief: »Wo kommst du denn her, Khájih Muḥammad-‘Alí? Seit wann bist du denn hier? Sei mir willkommen!« Salmán antwortete: »Ich bin vor einigen Tagen hier angekommen, und jetzt hat mich die Polizei verhaftet.« »Was wollt ihr mit ihm?« fragte der Händler den Häscher. »Hinter was seid ihr her?« »Er ist ein Bábí«, war die Antwort. »Gott behüte!« rief der Mann aus Shúshtar. »Ich kenne ihn gut. Khájih Muḥammad-‘Alí ist ein gottesfürchtiger Muslim, ein Shí‘ite, ein ergebener Anhänger des Imám ‘Alí.« Damit gab er dem Häscher eine Summe Geldes, und Salmán war frei. Sie betraten den Laden, und der Händler fragte Salmán, wie es ihm gehe. Salmán sagte: »Ich bin nicht Khájih Muḥammad-‘Alí.« Der Mann aus Shúshtar war verblüfft. »Du siehst genau aus wie er«, rief er aus. »Ihr gleicht euch wie ein Ei dem andern. Aber wenn du ein anderer bist, dann gib mir das Geld zurück, das ich dem Häscher gezahlt habe.« Salmán händigte ihm sofort das Geld aus, verließ ihn und zog zum Stadttor hinaus in Richtung auf Hindíyán. Als Bahá’u’lláh im ‘Iráq ankam, war Salmán der erste Bote, der in Seine heilige Gegenwart gelangte. Anschließend kehrte er mit Sendschreiben an die Freunde in Hindíyán zurück. Einmal in jedem Jahr machte sich dieser gesegnete Gläubige zu Fuß auf den Weg, seinen Vielgeliebten zu sehen. Dann wandte er seine Schritte zurück und trug Sendschreiben für viele Städte, Iṣfahán, Shíráz, Káshán, Ṭihrán und die anderen, mit sich. Vom Jahr 69 bis zum Hinscheiden Bahá’u’lláhs im Jahre 1309 n. d. H.A4 kam Salmán einmal im Jahr mit Briefen und ging mit den Sendschreiben wieder weg. Getreulich stellte er jedes dem Empfänger zu. Jahr für Jahr kam er während dieser langen Zeit zu Fuß von Persien nach dem ‘Iráq oder nach Adrianopel oder in das Größte Gefängnis nach ‘Akká, kam voller Verlangen und Liebe, und ging dann wieder zurück. Er hatte ungewöhnliche Ausdauer. Er reiste zu Fuß, aß in der Regel nur Zwiebeln und Brot, und in der ganzen Zeit zog er so geschickt umher, daß er kein einziges Mal aufgehalten wurde, kein einziges Mal einen Brief oder ein Sendschreiben verlor. Jeder Brief wurde sicher abgegeben, jedes Sendschreiben erreichte den vorgesehenen Empfänger. In Iṣfahán war er immer wieder schlimmen Untersuchungen ausgesetzt, aber in jeder Lage blieb er geduldig und dankbar, so daß Nicht-Bahá’í ihn den ›Engel Gabriel der Bábí‹ nannten. Sein ganzes Leben hindurch leistete Salmán der Sache Gottes diesen bedeutsamen Dienst, wurde zum Werkzeug für ihre Verbreitung und trug zur Glückseligkeit der Gläubigen bei, indem er Jahr für Jahr die frohen Botschaften Gottes in die Städte und Dörfer Persiens brachte. Dem Herzen Bahá’u’lláhs, der mit besonderer Gunst und Gnade auf ihn schaute, war er nahe. Unter den heiligen Schriften sind Sendschreiben, die in Salmáns Namen offenbart sind. Nach dem Hinscheiden Bahá’u’lláhs blieb Salmán treu im Bündnis und diente der Sache Gottes mit aller Kraft. Nach wie vor kam er jedes Jahr ins Größte Gefängnis, lieferte die Post der Gläubigen ab und kehrte mit den Antworten nach Persien zurück. Schließlich nahm er aus Shíráz seinen Flug ins Reich der Herrlichkeit. Vom Anbeginn der Geschichte bis auf den heutigen Tag gab es nie einen derart vertrauenswürdigen Boten. Kein Kurier läßt sich mit Salmán vergleichen. Er hat in Iṣfahán ehrenwerte Nachkommen hinterlassen, die wegen der Unruhen in Persien gegenwärtig in Not sind. Sicher werden die Freunde ihren Bedürfnissen abhelfen. Auf ihm sei die Herrlichkeit Gottes, des Allherrlichen. Mit ihm seien Gruß und Preis.

Mírzá Muḥammad-‘Alí Afnán

In den Tagen Bahá’u’lláhs, während der schlimmsten Zeit im Größten Gefängnis, ließ man keinen der Freunde aus der Festung hinaus oder in die Festung hinein. ›Schiefmütze‹A5 und der SiyyidA6 wohnten am zweiten Stadttor und hielten dort Tag und Nacht Wache. Wann immer sie einen reisenden Bahá’í erspähten, rannten sie zum Gouverneur und erzählten ihm, daß der Reisende Briefe brächte und wohl die Antwort mit sich forttragen werde. Der Gouverneur nahm dann gewöhnlich den Reisenden fest, beschlagnahmte seine Papiere, warf ihn ins Gefängnis, trieb ihn aus der Stadt. Das wurde den Behörden zur festen Gewohnheit und dauerte lange Zeit an – in der Tat neun Jahre lang, bis dieses Vorgehen Schritt für Schritt aufgegeben wurde. Es war zu dieser Zeit, daß der Afnán Ḥájí Mírzá Muḥammad-‘Alí, der mächtige Ast des Heiligen Baumes,A7 nach ‘Akká reiste. Er kam aus Indien über Ägypten, und von Ägypten über Marseilles. Eines Tages war ich oben auf dem Dach der Kárvánsaráy. Einige Freunde waren bei mir; ich ging auf und ab. Die Sonne versank gerade. Als ich den fernen Strand entlang blickte, sah ich eine Kutsche näher kommen. »Meine Herren«, sagte ich, »ich habe das Gefühl, es ist ein heiliges Wesen in dieser Kutsche.« Die Kutsche war noch weit entfernt, kaum in Sicht. »Laßt uns zum Tor gehen«, schlug ich vor. »Wenn man uns auch nicht erlauben wird hinauszugehen, können wir doch dort stehen bleiben, bis er kommt.« Ich nahm einen oder zwei Leute mit, und wir gingen. Am Stadttor rief ich den Wächter heraus, steckte ihm heimlich etwas zu und sagte: »Eine Kutsche kommt, und ich glaube, sie bringt einen unserer Freunde. Wenn sie hier eintrifft, halte sie nicht auf und verweise die Sache auch nicht an den Gouverneur.« Er stellte mir einen Stuhl vor die Tür, und ich setzte mich. Die Sonne war inzwischen untergegangen. Das Haupttor hatte man geschlossen, aber die kleine Tür daneben war offen. Der Torhüter blieb draußen, die Kutsche fuhr vor, der Herr war angekommen. Was für ein strahlendes Antlitz er hatte! Er war reines Licht von Kopf bis Fuß. Allein dieses Gesicht anzuschauen, machte glücklich. Er war so zuversichtlich, so gewiß, so verwurzelt in seinem Glauben, und sein Ausdruck war so freudig! Er war wahrhaft ein gesegnetes Wesen, ein Mensch, der täglich Fortschritte machte, der jeden Tag seine Glaubensgewißheit, seine Leuchtkraft, seine flammende Liebe steigerte. In den wenigen Tagen, die er im Größten Gefängnis verbrachte, machte er außergewöhnliche Fortschritte. Es ist so, daß man seinen Geist und sein Licht schon wahrnehmen konnte, als seine Kutsche erst einen Teil des Weges von Haifa nach ‘Akká zurückgelegt hatte. Nachdem er die grenzenlosen Segnungen empfangen hatte, die Bahá’u’lláh über ihn ergoß, wurde er huldvoll entlassen und reiste nach China. Dort verbrachte er eine lange Zeit im Gedenken an Gott und auf gottgefällige Weise. Später ging er nach Indien, wo er auch gestorben ist. Die anderen verehrten Afnán und die indischen Freunde hielten es für angezeigt, seine gesegneten Überreste nach dem ‘Iráq zu senden, angeblich nach Najaf, damit sie nahe der heiligen Stadt begraben würden; denn die Muslime hatten ihm die letzte Ruhe auf ihrem Friedhof verwehrt, und sein Leib war in einem vorläufigen, sicheren Versteck untergebracht worden. Áqá Siyyid Asadu’lláh, der damals in Bombay war, wurde beauftragt, die Überreste mit gebührender Ehrerbietung in den ‘Iráq zu überführen. Auf dem Dampfer waren feindselige Perser, und sowie man in Búshihr anlegte, machten diese Leute Meldung, der Sarg mit den Überresten des Bábí Mírzá Muḥammad-‘Alí werde nach Najaf verbracht, um dort im Tal des Friedens nahe der heiligen Umfriedung des Schreins beigesetzt zu werden, und so etwas könne man nicht dulden. Sie versuchten, die gesegneten Überreste von Bord zu bringen, aber es gelang ihnen nicht. Sehet daraus, was der geheime Ratschluß Gottes zuwege bringen kann. Der Leichnam gelangte nach Basra. Und da sich zu jener Zeit die Freunde im Verborgenen halten mußten, blieb Siyyid Asadu’lláh nur übrig, so zu tun, als wolle er ihn in Najaf begraben. Inzwischen hoffte er, auf diese oder jene Weise die Bestattung in der Nähe von Baghdád zuwege zu bringen. Denn obwohl Najaf eine heilige Stadt ist und es auch immer bleiben wird, hatten die Freunde einen anderen Platz ausgesucht. Gott stachelte deshalb unsere Feinde an, das Begräbnis in Najaf zu verhindern. Sie stürmten herbei, griffen die Quarantänestation an, um sich des Leichnams zu bemächtigen und ihn entweder in Basra zu verscharren, oder ihn ins Meer oder in den Wüstensand zu werfen. Der Fall gewann solches Gewicht, daß es sich am Ende als unmöglich erwies, die Überreste nach Najaf zu verbringen. Siyyid Asadu’lláh mußte sie nach Baghdád überführen. Auch dort gab es keine Ruhestätte, wo der Körper des Afnán vor Schändungen von Feindeshand sicher gewesen wäre. Schließlich beschloß der Siyyid, ihn zum Schrein Salmáns des ReinenA8 zu bringen, etwa fünf Farsakh außerhalb von Baghdád, und ihn in Ktesiphon nahe dem Grab Salmáns beim Palast der Sassanidenkönige zu begraben. Der Leichnam wurde dorthin verbracht, und dieses Pfand Gottes wurde mit allen Ehren an einem sicheren Ruheort beim Palast Nawshíraváns beigesetzt. Das war Vorherbestimmung. Dreizehnhundert Jahre nachdem die Residenzstadt der alten persischen Könige in den Staub getreten wurde und keine Spur außer Geröll und Sandhügeln von ihr übrigblieb, da das Dach des Palastes zersplitterte und zerbarst und zur Hälfte herabstürzte, sollte nun dieses Bauwerk die königliche Pracht und den Glanz seiner frühen Tage wiedergewinnen. Es ist in der Tat ein mächtiger Torbogen. Der Zugang ist zweiundfünfzig Schritt breit, und die Türme sind sehr hoch. So hat Gottes Gnade und Gunst die Perser längstvergangener Zeiten einbezogen, auf daß ihre verfallene Hauptstadt neu erbaut werde und wieder blühe. Zu diesem Ziel traten mit Gottes Hilfe Umstände ein, die zu der Beisetzung des Afnán dort führten, und es gibt keinen Zweifel, daß dort eine stolze Stadt erstehen wird. Ich schrieb viele Briefe in diesem Zusammenhang, bis schließlich der heilige Staub an diesem Ort zur Ruhe gebettet werden konnte. Siyyid Asadu’lláh schrieb mir aus Basra, und ich antwortete ihm. Einer der Beamten war uns tief ergeben, und ich wies ihn an, alles zu tun, was in seiner Macht stand. Siyyid Asadu’lláh berichtete mir aus Baghdád, er sei am Ende seiner Weisheit angelangt und wisse überhaupt nicht mehr, wo er diesen Leichnam dem Grabe anvertrauen könne. »Wo ich ihn auch begraben könnte«, schrieb er, »sie würden ihn wieder ausgraben.« Zuletzt wurde er, Gott sei gepriesen, genau an jenem Ort bestattet, zu dem sich die Gesegnete Schönheit immer wieder begeben hatte, an der Stätte, die von Seinem Tritt geheiligt war, wo Er Sendschreiben offenbart hatte, wo die Gläubigen von Baghdád in Seiner Gesellschaft waren, an dem Ort, da der Größte Name wandelte. Wie es dazu kam? Es geschah durch die Herzensreinheit des Afnán. Ohne sie hätten alle Mittel und Wege nicht zum Erfolg geführt. Wahrlich, Gott ist der Beweger von Himmel und Erde. Ich habe den Afnán sehr geliebt. Seinetwegen freute ich mich. Ich schrieb ein langes Besuchstablet für ihn und sandte es mit anderen Papieren nach Persien. Seine Begräbnisstätte ist einer der heiligen Orte, an dem ein wunderbarer Mashriqu’l-Adhkár errichtet werden muß. Wenn es möglich ist, sollte der verbliebene Torbogen des Königspalastes instandgesetzt und zum Haus der Andacht werden. Die Nebengebäude des Hauses der Andacht sollten ebenso dort erbaut werden: das Krankenhaus, die Schulen und die Universität, die Grundschule, das Heim für die Armen und Bedürftigen, auch die Zuflucht für Waisen und Hilflose und die Herberge für Reisende. Gnädiger Gott! Dieses königliche Bauwerk war einst herrlich geschmückt, strahlend schön. Aber wo einst Vorhänge aus Goldbrokat hingen, da sind heute Spinnweben, und wo des Königs Trommel schlug und seine Musikanten spielten, da ist heute nur der heisere Schrei der Milane und Krähen zu hören. »Wahrlich, dies ist die Hauptstadt im Reich der Eulen, wo du keinen Laut hörst außer dem Echo ihrer ständigen Rufe.« So war es auch in der Kaserne, als wir nach ‘Akká kamen. Innerhalb der Mauern standen ein paar Bäume. Auf ihren Zweigen und auf den Zinnen schrien die Eulen die ganze Nacht hindurch. Wie beunruhigt uns doch der Schrei der Eulen, wie bedrückt er unser Herz! Von frühester Jugend an bis er hilflos und alt wurde, leuchtete dieser gesegnete Zweig des Heiligen Baumes mit lächelndem Antlitz wie eine Lampe in aller Mitten. Dann loderte er empor und stieg hinauf zu unsterblicher Herrlichkeit, tauchte ein in das Meer des Lichtes. Mit ihm sei der Odem seines Herrn, des Allbarmherzigen. Mit ihm, umspült von den Wassern der Gunst und der Vergebung, seien die Gnade und die Gunst Gottes.

Ḥájí Mírzá Ḥasan Afnán

Zu den Bedeutendsten derer, die ihr Vaterland verließen, um sich Bahá’u’lláh anzuschließen, zählte Mírzá Ḥasan, der große Afnán. In seinen letzten Tagen wurde ihm die Ehre zuteil, auszuwandern und Gunst und Gesellschaft seines Herrn zu gewinnen. Mit dem Báb verwandt, wurde der Afnán von der Erhabenen Feder ausdrücklich als ein Sproß des Heiligen Baumes bezeichnet. Schon als kleines Kind empfing er einen Anteil an den Segnungen des Báb und zeigte außergewöhnliche Anhänglichkeit für diese strahlende Schönheit. Kaum erwachsen, suchte er die Gesellschaft der Gelehrten und begann, Wissenschaften und Künste zu studieren. Tag und Nacht dachte er über die tiefsten geistigen Fragen nach und staunend schaute er Gottes machtvolle Zeichen, wie sie im Buche des Lebens geschrieben stehen. Er wurde gründlich gebildet, selbst in Sachwissen wie Mathematik, Geometrie und Geographie. Kurz, er war auf vielen Gebieten beschlagen und eng vertraut mit dem Denken der alten wie der neuen Zeit. Kaufmann von Beruf, wandte er nur wenige Stunden am Tag und am Abend auf seine Geschäfte. Die meiste Zeit widmete er Erörterungen und Forschungen. Er war wahrhaft gebildet und legte unter den führenden Gelehrten für die Sache Gottes hohe Ehre ein. Mit wenigen prägnanten Sätzen konnte er verwirrte Fragen lösen. Seine Rede war kurz und bündig, aber schon an und für sich ein kleines Wunderwerk. Wenngleich er bereits in den Tagen des Báb ein Gläubiger wurde, flammte er in den Tagen Bahá’u’lláhs erst richtig auf. Da brannte seine Liebe zu Gott jeden hindernden Schleier und jeden eitlen Gedanken hinweg. Er tat alles in seinen Kräften, den Glauben Gottes zu verbreiten, und wurde weit und breit für seine glühende Liebe zu Bahá’u’lláh bekannt. Verloren bin ich, wie besessen und verwirrt, Ein Narr der Liebe auf dem ganzen Erdenrund. Man nennt mich einen König unter den Verrückten, Obwohl ich einst als König galt an Geist und Würde... Nach dem Hinscheiden des Báb hatte er die hohe Ehre, der verehrten, geheiligten Gemahlin des gesegneten Herrn zu dienen und sie zu beschützen. Er war in Persien und beklagte seine Trennung von Bahá’u’lláh, als sein edler Sohn durch Heirat ein Mitglied des heiligen Haushalts wurde. Darüber freute sich der Afnán sehr. Er verließ Persien und eilte zur schützenden Gunst seines Vielgeliebten. Er war ein Mann, dessen Anblick erstaunen machte. Sein Gesicht war so leuchtend, daß selbst viele Menschen, die keine Gläubigen waren, sagten, es strahle ein himmlisches Licht von seiner Stirn. Eine Zeitlang war er weg und hielt sich in Beirut auf. Dort begegnete er Khájih Findík, dem berühmten Gelehrten, der in den verschiedensten Kreisen hoch die Bildung des großen Afnán pries und versicherte, Menschen von so umfassendem und vielschichtigem Wissen seien im ganzen Orient selten. Später kehrte der Afnán ins Heilige Land zurück. Er siedelte sich in der Nähe des Landhauses von Bahjí an und richtete alle seine Gedanken auf verschiedene Gesichtspunkte der menschlichen Kultur. Viel Zeit verbrachte er damit, die Geheimnisse des Himmels zu enthüllen und die Bewegungen der Sterne eingehend zu verfolgen. Er hatte ein Fernrohr, mit dem er jede Nacht seine Beobachtungen machte. So führte er ein glückliches Leben, sorgenfrei und leichten Herzens. In Bahá’u’lláhs Nähe waren seine Tage voll Seligkeit, seine Nächte strahlend wie der erste Frühlingsmorgen. Aber dann schied der Geliebte von dieser Welt. Des Afnán Friede war zerstört, seine Freude in Schmerz verkehrt. Die Höchste Heimsuchung war über uns gekommen, der Trennungsschmerz verzehrte uns, die einst so lichten Tage wurden schwarz wie die Nacht, und alle Rosen verflossener Stunden waren nun verdorrt. Der Afnán lebte noch eine Zeitlang. Sein Herz schmolz dahin, seine Augen vergossen Tränen. Aber er konnte die Sehnsucht nach seinem Vielgeliebten nicht länger tragen. Bald gab seine Seele dieses Leben auf und floh zum ewigen Leben; sie ging ein in den Himmel immerwährender Wiedervereinigung und tauchte unter in einem Meer von Licht. Mit ihm seien größte Barmherzigkeit, Gnadenfülle und aller Segen durch künftige Zeiten und Zyklen. Sein verehrtes Grab ist in ‘Akká beim Manshíyyih.

Muḥammad-‘Alíy-i-Iṣfahání

Muḥammad-‘Alí von Iṣfahán war einer der ersten Gläubigen, die gleich im Beginn zum Glauben geführt wurden. Er gehörte zu den Mystikern. Sein Haus war ein Versammlungsort für sie und die Philosophen. Edel und hochgemut, war er einer der angesehensten Bürger von Iṣfahán und für jeden Fremden, reich oder arm, Gastgeber und Zuflucht. Er hatte Schwung und einen trefflichen Charakter, war langmütig, leutselig, großzügig und ein lebhafter Gesellschafter. In der ganzen Stadt war bekannt, daß er es sich gut gehen ließ. Dann wurde er dazu geführt, den Glauben anzunehmen, und fing Feuer am Baum des Sinai. Sein Haus wurde zum Lehrzentrum, der Herrlichkeit Gottes geweiht. Tag und Nacht strömten die Gläubigen dorthin wie zu einer von himmlischer Liebe erleuchteten Lampe. Lange Zeit hindurch wurden in diesem Haus die heiligen Verse gesungen und die klaren Beweise dargelegt. Obwohl dies allgemein bekannt war, wurde Muḥammad-‘Alí nicht belästigt, war er doch ein Verwandter des Imám-Jum‘ih von Iṣfahán. Schließlich entwickelten sich die Dinge jedoch so, daß der Imám-Jum‘ih selbst ihn wegschickte mit den Worten: »Ich kann dich nicht länger schützen. Du bist in großer Gefahr. Am besten gehst du hier fort auf eine Reise.« Da verließ Muḥammad-‘Alí seine Heimat, zog in den ‘Iráq und trat in die Gegenwart des Ersehnten der Welt. Er verbrachte dort einige Zeit, machte tagtäglich Fortschritte; er hatte wenig zum Leben, war aber glücklich und zufrieden. Als ein Mann von trefflichem Charakter verstand er sich mit Gläubigen und anderen gleichermaßen. Als Bahá’u’lláh und Sein Gefolge aus Baghdád nach Konstantinopel abreisten, war Muḥammad-‘Alí in Seiner Gesellschaft und zog mit Ihm weiter ins Land des Geheimnisses, nach Adrianopel. Alles andere als wankelmütig, bewahrte er ein unwandelbares Herz. Was auch geschah, Muḥammad-‘Alí blieb sich gleich. Auch in Adrianopel flossen seine Tage unter dem Schutz Bahá’u’lláhs glücklich dahin. Er tätigte Geschäfte, die ihm, so unbedeutend sie waren, überraschend hohe Erträge brachten. Von Adrianopel aus begleitete Muḥammad-‘Alí Bahá’u’lláh in die Festung ‘Akká. Dort wurde er eingekerkert und zählte für den Rest seines Lebens zu Bahá’u’lláhs Mitgefangenen. So wurde ihm die größte aller Auszeichnungen zuteil: eingekerkert zu sein mit der Gesegneten Schönheit. Er verbrachte seine Tage in höchster Seligkeit. Auch in ‘Akká führte er ein kleines Geschäft, das ihn vom Morgen bis zum Mittag in Anspruch nahm. An den Nachmittagen pflegte er seinen Samowar zu nehmen und ihn in einen dunkelfarbenen, aus einer Satteltasche gefertigten Sack zu stecken. Dann ging er in einen Garten, auf eine Wiese oder hinaus auf ein Feld, um dort seinen Tee zu trinken. Manchmal traf man ihn im Gutshof von Mazra‘ih, manchmal im Garten Riḍván, oder er hatte in Bahjí die Ehre, Bahá’u’lláh aufzuwarten. Muḥammad-‘Alí pflegte jede Segnung, die ihm zuteil wurde, sorgsam zu würdigen. »Wie köstlich ist mein Tee heute«, bemerkte er, »welch ein Aroma, welch eine Farbe! Wie lieblich ist diese Wiese, und wie leuchten ihre Blumen!« Er pflegte zu sagen, daß alles, selbst die Luft und das Wasser, seinen besonderen Duft habe. Für ihn vergingen die Tage in unbeschreiblicher Freude. Selbst Könige seien nicht so glücklich wie dieser alte Mann, sagten die Leute. »Er ist völlig gelöst von dieser Welt«, erklärten sie. »Er lebt in Freude.« Es traf sich auch, daß sein Essen vorzüglich und seine Wohnung im besten Viertel von ‘Akká gelegen war. Gnädiger Gott! Er war ein Gefangener, und doch genoß er Bequemlichkeit, Frieden und Freude. Muḥammad-‘Alí war über achtzig, als er schließlich aufbrach zum ewigen Licht. Er war der Empfänger vieler Sendschreiben Bahá’u’lláhs und endloser Segnungen in allen Lebenslagen. Auf ihm sei die Herrlichkeit Gottes, des Herrlichsten. Myriaden himmlischer Wohltaten seien ihm nahe, möge ihn Gott für immer und ewig mit Freude begünstigen. Sein leuchtendes Grab ist in ‘Akká.

‘Abdu’ṣ-Ṣáliḥ, der Gärtner

Unter den Auswanderern und Gefährten im Größten Gefängnis war Áqá ‘Abdu’ṣ-Ṣáliḥ. Diese herausragende Seele, Kind früher Gläubiger, kam aus Iṣfahán. Sein edelmütiger Vater starb, das Kind wuchs als Waise heran. Niemand war da, ihn zu erziehen und für ihn zu sorgen, er war das Opfer eines jeden, der ihm schaden wollte. Als er herangewachsen und älter war, suchte er seinen Vielgeliebten auf. Er wanderte zum Größten Gefängnis und hier, im Garten Riḍván, wurde ihm die Ehre zuteil, zum Gärtner bestimmt zu werden. Diese Arbeit verrichtete er wie kein zweiter. Auch in seinem Glauben war er standhaft, treu, vertrauenswürdig, und was seinen Charakter anbelangt, war er die Verkörperung des heiligen Verses: »Von edler Natur bist du.«Q4 So gewann er die Auszeichnung, Gärtner im Riḍván zu sein, und empfing damit die höchste aller Segnungen: Fast täglich trat er in die Gegenwart Bahá’u’lláhs. Der Größte Name war neun Jahre lang in der Festungsstadt ‘Akká gefangen und eingekerkert. Die ganze Zeit hatten Ihn die Polizisten und Häscher unter ständiger Aufsicht, zuerst in der Kaserne, später überwachten sie Sein Haus. Die Gesegnete Schönheit wohnte in einem sehr kleinen Haus und setzte keinen Fuß außerhalb dieser engen Behausung, denn Seine Unterdrücker bewachten ständig die Tür. Als jedoch neun Jahre verstrichen waren, war die anberaumte und vorherbestimmte Zeit vorüber. Gegen den bösen Willen des Tyrannen ‘Abdu’l-Ḥamíd und aller seiner Günstlinge verließ Bahá’u’lláh mit Herrschaft und Macht die Festung und erwählte ein fürstliches Landhaus außerhalb der Stadt zu Seinem Wohnsitz. Obwohl das Vorgehen des Sulṭáns ‘Abdu’l-Ḥamíd unerbittlicher war als je zuvor, obwohl er nach wie vor auf der strengen Haft seines Gefangenen bestand, lebte die Gesegnete Schönheit nunmehr bekanntlich in aller Macht und Herrlichkeit. Einen Teil der Zeit verbrachte Bahá’u’lláh im Landhaus, dann wieder war Er im Gutshof des Dorfes Mazra‘ih, vorübergehend hielt Er sich in Haifa auf, und gelegentlich war Sein Zelt auf den Höhen des Berges Karmel aufgeschlagen. Freunde von überall fanden sich ein und wurden empfangen. Das Volk und die Regierungsbehörden sahen das alles, und doch verlor niemand ein Wort darüber. Das ist eines der größten Wunder Bahá’u’lláhs: daß Er, ein Gefangener, sich mit Pracht umgab und Macht ausübte. Das Gefängnis verwandelte sich in einen Palast, der Kerker wurde zum Garten Eden. Derartiges ereignete sich nie zuvor in der Geschichte; kein früheres Zeitalter hat je dergleichen gesehen: daß ein Gefangener sich frei bewegt mit Herrschaft und Macht, daß ein Angeketteter den Ruhm der Sache Gottes hoch in den Himmel trägt, herrliche Siege in Ost und West erringt und mit Seiner allmächtigen Feder die Welt unterwirft. Dies ist das Wesensmerkmal dieser höchsten Gottesoffenbarung. Eines Tages kamen die Regierungsoberhäupter, die Stützen des Landes, die ‘Ulamá der Stadt, führende Mystiker und Intellektuelle hinaus zum Landhaus. Die Gesegnete Schönheit schenkte ihnen keinerlei Aufmerksamkeit. Weder wurden sie in Seine Gegenwart vorgelassen, noch erkundigte Er sich nach ihnen. Ich setzte mich zu ihnen und leistete ihnen einige Stunden lang Gesellschaft. Dann kehrten sie zurück, von wo sie gekommen waren. Obwohl der königliche Farmán ausdrücklich bestimmte, Bahá’u’lláh müsse innerhalb der Festung ‘Akká in Einzelhaft gehalten werden, in einer Zelle und unter ständiger Aufsicht, Er dürfe nie den Fuß aus der Stadt hinaussetzen, noch nicht einmal einen der Gläubigen sehen – trotz dieses Farmán, dieses drastischen Befehls, war in Majestät Sein Zelt auf den Höhen des Berges Karmel errichtet. Welch größere Machtentfaltung könnte es geben, als daß mitten aus dem Gefängnis das Banner des Herrn hoch gehißt wurde und sichtbar für alle Welt im Winde weht! Gepriesen sei, dem solche Majestät und Macht zu eigen ist. Gepriesen sei Er, der gewappnet ist mit Kraft und Herrlichkeit, gepriesen Er, der Seine Feinde besiegte, als Er gefangen im Kerker von ‘Akká lag! Fassen wir zusammen: ‘Abdu’ṣ-Ṣáliḥ lebte unter einem günstigen Stern, denn er kam regelmäßig in Bahá’u’lláhs Gegenwart. Er erfreute sich der Auszeichnung, viele Jahre als Gärtner dienen zu dürfen, und war zu allen Zeiten treu, wahrhaftig und glaubensstark. Demütig war er in der Gegenwart jedes Gläubigen; die ganze Zeit über hat er nie jemanden verletzt oder beleidigt. Schließlich verließ er seinen Garten und eilte der allumfassenden Gnade Gottes entgegen. Die Altehrwürdige Schönheit war sehr zufrieden mit ihm. Nach ‘Abdu’ṣ-Ṣáliḥs Tod offenbarte Bahá’u’lláh ein Besuchstablet zu seinen Ehren; auch hielt Er eine Ansprache über ihn, die aufgezeichnet und mit anderen Schriften veröffentlicht worden ist. Auf ihm sei die Herrlichkeit des Allherrlichen! Mit ihm seien Gottes Milde und Gunst im Reich der Erhabenheit.

Ustád Ismá‘íl

Ein weiterer aus dieser gesegneten Schar war Ustád Ismá‘íl, der Baumeister. Er war der Bauaufseher des Farrukh Khán, Amínu’d-Dawlih, in Ṭihrán, lebte in Glück und Wohlstand, ein Mann von hohem Rang, bei allen wohl angesehen. Aber er verlor sein Herz an den Glauben und flammte hell auf, bis seine heilige Leidenschaft jeden trennenden Schleier verbrannte. Da warf er alle Vorsicht beiseite und wurde in ganz Ṭihrán als Stützpfeiler der Bahá’í bekannt. Anfangs verteidigte ihn FarrukhKhán auf geschickte Weise; aber nach einiger Zeit rief er ihn zu sich und sprach: »Ustád, ich mag dich sehr, habe dir meinen Schutz gewährt und dir nach besten Kräften beigestanden. Aber der Sháh weiß über dich Bescheid, und du weißt, was für ein blutrünstiger Tyrann er ist. Ich fürchte, er läßt dich ohne Warnung festnehmen und aufhängen. Am besten gehst du auf eine Reise. Verlasse dieses Land, geh anderswohin und rette dich aus der Gefahr.« Gelassen und glücklich gab Ustád seine Arbeit auf, schloß seine Augen vor seinen Besitztümern und machte sich auf in den ‘Iráq, wo er in Armut lebte. Kurz zuvor hatte er eine Braut erwählt, die er über alle Maßen liebte. Die Schwiegermutter kam zu ihm und erschlich sich die Erlaubnis, ihre Tochter nach Ṭihrán zurückzuführen, angeblich für einen Besuch. Kaum hatte sie Kirmánsháh erreicht, lief sie dort zum Mujtahid und sagte, ihr Schwiegersohn habe seine Religion aufgegeben; so könne ihre Tochter seine rechtmäßige Gattin nicht bleiben. Der Mujtahid leitete die Scheidung ein und vermählte das Mädchen einem anderen Mann. Als die Kunde davon nach Baghdád drang, da konnte Ismá‘íl, standhaft wie immer, nur lachen. »Gepriesen sei Gott!« sagte er. »Nichts ist mir verblieben auf diesem Pfade. Ich habe alles verloren, auch meine Braut. Alles, was ich besaß, konnte ich Ihm geben.« Als Bahá’u’lláh Baghdád verließ und nach Rumelien reiste, blieben die Freunde zurück. Die Bewohner Baghdáds erhoben sich gegen diese hilflosen Gläubigen und schickten sie gefangen nach Mosul. Ustád war alt und schwach, aber zu Fuß, ohne Gepäck und Verpflegung machte er sich auf, durchquerte Gebirge und Wüsten, Berge und Täler, bis er schließlich im Größten Gefängnis ankam. Früher hatte Bahá’u’lláh einmal ein Lied von Rúmí für Ustád niedergeschrieben und ihm gesagt, er möge sein Angesicht dem Báb zuwenden und dieses Lied singen. Und so sang Ustád, während er durch die langen dunklen Nächte wanderte: Verloren bin ich, wie besessen und verwirrt, Ein Narr der Liebe auf dem ganzen Erdenrund. Man nennt mich einen König unter den Verrückten, Obwohl ich einst als König galt an Geist und Würde. O Liebe, die mir diesen herben WeinA9 verkauft, O Liebe, die mich brennen, lodern, bluten läßt, O Liebe, du, nach der ich schmachte, stöhne, schreie – Du bist der Pfeifer, ich bin nur das Flötenrohr. Wenn du es wünschest, daß ich weiter leben soll, So lasse deinen heiligen Odem mich entfachen, Beleb mich mit dem reinen Frühlingshauche Jesu, Nachdem ich ein Jahrtausend lag im Todesschlaf. Der du mein Anfang bist, der du mein Ende wirst, Der du mein Drinnen bist, und doch mein Draußen bleibst, Vor jedem Auge bist du ewiglich verborgen, Und dennoch wohnst und ruhest du in jedem Auge. Er war wie ein Vogel mit gebrochenen Schwingen, aber er hatte das Lied, und das hielt ihn aufrecht auf dem Weg zu seiner einzig wahren Liebe. Heimlich näherte er sich der Festung und kam hinein, war aber völlig erschöpft. Er blieb ein paar Tage und gelangte in die Gegenwart Bahá’u’lláhs. Dann wurde ihm gesagt, er solle sich in Haifa eine Bleibe suchen. Er kam nach Haifa, aber er fand dort keinen Hafen, kein Nest oder Schlupfloch, kein Wasser und kein Körnchen Nahrung. Schließlich richtete er sich in einer Höhle außerhalb der Stadt ein. Er kaufte sich ein Hökerbrett, bot tönerne Ringe, Fingerhüte, Nadeln und anderen Kram darauf feil und verkaufte sie von Tür zu Tür vom Morgen bis zum Mittag. Manchmal verdiente er so zwanzig ParaA10 am Tag, manchmal dreißig, an den besten Tagen vierzig Para. Dann ging er heim in die Höhle und begnügte sich mit einem Stück Brot. Immer gab er seiner Dankbarkeit Ausdruck, immer sagte er: »Preis sei Gott, daß ich solche Gunst und Gnade erlangt habe, daß ich von Freund und Feind getrennt Zuflucht gefunden habe in dieser Höhle. Jetzt gehöre ich zu denen, die alles hingaben, um den göttlichen Joseph auf dem Sklavenmarkt zu kaufen. Welcher Segen könnte größer sein!« So war sein Zustand, als er starb. Immer wieder hörte man, wie Bahá’u’lláh Seine Zufriedenheit mit Ustád Ismá‘íl äußerte. Segnungen umrankten ihn, und das Auge Gottes ruhte auf ihm. Ihm seien Gruß und Preis. Auf ihm sei die Herrlichkeit des Allherrlichen.

Nabíl-i-Zarandí

Zu denen, die aus ihrer Heimat fortwanderten, um Bahá’u’lláh nahe zu sein, gehörte auch der große NabílA11. In der Blüte seiner Jugend sagte er seiner Familie in Zarand Lebewohl und begann mit Gottes Hilfe den Glauben zu lehren. Er wurde ein Heerführer in der Armee der Liebenden, und auf seiner Suche reiste er aus dem persischen ‘Iráq ins Zweistromland, konnte aber dort den Gesuchten nicht finden; denn der Vielgeliebte war damals in Kurdistán und lebte in einer Höhle bei Sar-Galú. Dort, völlig allein in der Wildnis, ohne Gefährten, ohne Freund, ohne eine einzige lauschende Seele, hielt Er traute Zwiesprache mit der Schönheit, die in Seinem eigenen Herzen wohnte. Es fehlte jede Nachricht von Ihm, der ‘Iráq war verfinstert und in Trauer. Als Nabíl entdeckte, wie die Flamme, einstmals dort entzündet und behütet, fast erloschen war, wie YaḥyáA12 sich in einen geheimen Unterschlupf verkrochen hatte, wo er träge und untätig lag, und wie winterliche Kälte alles überkommen hatte, sah er sich zu seinem bitteren Leid genötigt, nach Karbilá abzureisen. Dort blieb er, bis die Gesegnete Schönheit aus Kurdistán nach Baghdád zurückkehrte. Da herrschte unbändige Freude. Jeder Gläubige im Lande erwachte zu neuem Leben. So eilte auch Nabíl in die Gegenwart Bahá’u’lláhs und empfing große Gnadengaben. Er verbrachte nun seine Tage in Freude und schrieb Hymnen, den Lobpreis seines Herrn zu feiern. Er war ein begnadeter Dichter, von beredter Zunge, ein Mann voll Mut, entflammt in leidenschaftlicher Liebe. Einige Zeit später ging er wieder nach Karbilá, dann kam er zurück nach Baghdád und zog weiter nach Persien. Weil er mit Siyyid Muḥammad verkehrte, wurde er in die Irre geführt, schwer geprüft und heimgesucht, aber wie eine Sternschnuppe wurde er zum Wurfgeschoß, das alle teuflischen Einbildungen vertrieb.A13 Er stieß den bösen Einflüsterer von sich und ging zurück nach Baghdád, wo er im Schatten des Heiligen Baumes Ruhe fand. Später reiste er wie angewiesen nach Kirmánsháh. Er kehrte wieder zurück, und auf jeder Reise konnte er einen Dienst erweisen. Dann verließ Bahá’u’lláh mit Seinem Gefolge Baghdád, den ›Wohnsitz des Friedens‹, und reiste nach Konstantinopel, der ›Stadt des Islám‹. Nabíl legte Derwischkleider an, machte sich zu Fuß auf den Weg und holte die Karawane unterwegs ein. In Konstantinopel wurde er angewiesen, nach Persien zurückzukehren und dort die Sache Gottes zu lehren. Er sollte durch das ganze Land reisen und die Gläubigen in den Städten und Dörfern über alles unterrichten, was geschehen war. Als dieser Auftrag ausgeführt war und die Trommeln des: »Bin Ich nicht euer Herr?«Q7 erschallten, denn es war das »Jahr achtzig«A14, eilte Nabíl nach Adrianopel und rief unterwegs im Gehen: »Ja, wahrlich, Du bist es! Ja, wahrlich!«Q8 und »Herr, o Herr, hier bin ich!«A15 Er trat in Bahá’u’lláhs Gegenwart und trank vom roten Wein der Lehenstreue und der Huldigung. Dann erhielt er besondere Aufträge, überallhin zu reisen, um den Ruf zu erheben, daß Gott nunmehr offenbart war, die frohe Botschaft zu verbreiten, daß die Sonne der Wahrheit aufgegangen ist. Er war wahrhaft entflammt, getrieben von ungeduldiger Liebe. Voll Begeisterung durchquerte er ein Land, überbrachte diese beste aller Botschaften und belebte die Herzen aufs neue. In jeder Gesellschaft loderte er wie eine Fackel, er war der Stern jeder Versammlung. Jedem, dem er begegnete, hielt er den berauschenden Kelch entgegen. Er wanderte wie zu Trommelschlag, und schließlich erreichte er die Festung ‘Akká. Damals waren die Haftbedingungen ungewöhnlich streng. Die Tore waren geschlossen, die Straßen versperrt. Verkleidet kam Nabíl zum Tor von ‘Akká. Siyyid Muḥammad und sein elender Komplize rannten sofort auf die Kommandantur und beschuldigten den Reisenden. »Er ist ein Perser«, gaben sie an. »Er ist keineswegs ein Mann aus Bukhárá, wie es den Anschein hat. Er ist gekommen, um Neuigkeiten über Bahá’u’lláh zu erfahren.« Die Amtsleute wiesen ihn sofort aus der Stadt. Verzweifelt zog sich Nabíl in die Stadt Ṣafad zurück. Später kam er nach Haifa und ließ sich in einer Höhle am Berg Karmel häuslich nieder. Hier wohnte er von Freund und Feind getrennt. Er wehklagte Tag und Nacht, trauerte und sang Gebete. So lebte er als Einsiedler und wartete darauf, daß sich die Tore öffneten. Als die vorherbestimmte Zeit der Kerkerhaft vorüber war, als sich die Tore weit auftaten und der Unterdrückte in Schönheit, Majestät und Herrlichkeit heraustrat, da eilte Ihm Nabíl freudigen Herzens entgegen. Dann verzehrte er sich wie eine Kerze, die in der Liebe zu Gott brennt. Tag und Nacht sang er den Lobpreis des Einziggeliebten beider Welten und den Lobpreis derer an Seiner Schwelle. Er schrieb Verse in Pentametern und Hexametern, Gedichte und lange Oden. Fast täglich wurde er in die Gegenwart der ManifestationA16 vorgelassen. So blieb es bis zu dem Tage, da Bahá’u’lláh dahinschied. Bei dieser höchsten Heimsuchung, diesem vernichtenden Unglück schluchzte und erbebte Nabíl und schrie zum Himmel. Er fand heraus, daß der Zahlenwert des Wortes ›Shidád‹ für ›Jahr der Not‹ 309 war, und so wurde klar, daß Bahá’u’lláh vorhergesagt hatte, was jetzt eingetreten war.A17 Völlig niedergeschlagen, hoffnungslos, da von Bahá’u’lláh getrennt, fiebernd und in Tränen, litt Nabíl solche Qual, daß jeder bei seinem Anblick bestürzt war. Er mühte sich weiter, aber sein einziger Wunsch war, sein Leben hinzugeben. Er konnte es nicht länger ertragen; seine Sehnsucht stand in hellen Flammen. Er vermochte diesen glühenden Schmerz nicht mehr zu tragen. So wurde er zum König über die Heerscharen der Liebe, und er stürzte sich ins Meer. Am Tag, bevor er sich opferte, schrieb er das Jahr seines Todes in dem einen Wort ›Ertrunken‹A18 nieder. Dann gab er sein Leben für seinen Vielgeliebten hin, war von seiner Verzweiflung erlöst und nicht länger getrennt. Dieser edle Mann war gelehrt, weise und redegewandt. Seine natürliche Begabung war reine Inspiration. Seine dichterische Gabe glich einem kristallklaren Gebirgsbach. Vor allem seine Ode Bahá, Bahá! war in reiner Verzückung verfaßt. Sein ganzes Leben lang, von frühester Jugend an, bis er alt und schwach geworden war, verbrachte er seine Zeit damit, dem Herrn zu dienen und Ihn anzubeten. Er litt Mühsal, er durchlebte Unglück, er ertrug Elend. Von den Lippen der Manifestation hörte er Wundersames. Ihm wurde das Licht des Paradieses gezeigt, ihm wurde der innigste Wunsch erfüllt. Und am Ende, als das Tagesgestirn der Welt untergegangen war, konnte er es nicht länger ertragen und warf sich ins Meer. Die Wasser des Opfers schlossen sich über ihm. Er war ›ertrunken‹ und kam endlich zum Allhöchsten. Auf ihm seien nie versiegende Segnungen. Mit ihm sei zartes Erbarmen. Möge er einen großen Sieg erringen und im Reiche Gottes offenbare Gnade erlangen.

Darvísh Ṣidq-‘Alí

Auch Áqá Ṣidq-‘Alí gehörte zu denen, die ihr Heimatland verließen, zu Bahá’u’lláh reisten und ins Größte Gefängnis geworfen wurden. Er war ein Derwisch, lebte frei und losgelöst von Freunden und Fremden. Er war mystisch veranlagt und war ein Dichter. Eine Zeitlang trug er das Kleid der Armut, trank den Wein der Regel und wanderte auf dem PfadeA19, aber im Gegensatz zu den anderen Ṣúfí verschrieb er sein Leben nicht dem schmutzigen Ḥashísh. Im Gegenteil, er reinigte sich von ihrem leeren Wahn und suchte allein nach Gott, sprach nur von Gott und folgte dem Pfade Gottes. Dichterisch hochbegabt schrieb er Oden, um den Lobpreis Dessen zu singen, den die Welt unterdrückt und verworfen hat. Unter seinen Gedichten ist eines, das er als Gefangener in der Kaserne von ‘Akká schrieb und dessen Kehrreim lautet: Deine wallenden Locken haben hundert Herzen berückt, Und wenn Du Dein Haar zurückwirfst, regnet es Herzen. In Baghdád entdeckte diese freie, unabhängige Seele eine Spur des unaufspürbaren Geliebten. Er wurde Zeuge, wie das Tagesgestirn über dem Horizont des ‘Iráq emporstieg, und empfing die Gnadengabe dieses Sonnenaufgangs. Er war bezaubert von Bahá’u’lláh und hingerissen von diesem liebevollen Gefährten. Obwohl ein stiller Mensch, der sich ruhig hielt, waren allein schon seine Glieder wie zahllose Zungen, die ihre Botschaft hinausrufen. Als Bahá’u’lláhs Gefolge im Begriff stand, Baghdád zu verlassen, erflehte er die Erlaubnis, sie als Reitknecht begleiten zu dürfen. Den ganzen Tag schritt er neben der Karawane her, und wenn die Nacht hereinbrach, sorgte er für die Pferde. Er war mit ganzem Herzen bei der Arbeit. Erst nach Mitternacht pflegte er sein Lager aufzusuchen und sich zur Ruhe niederzulegen. Sein Bett aber war sein Mantel, und sein Kissen ein sonnengetrockneter Ziegelstein. Wenn er so dahinschritt, erfüllt von Sehnsucht und Liebe, sang er Gedichte. Den Freunden bereitete er viel Freude. Er machte seinem NamenA20 Ehre: Er war reine Offenheit und Wahrheit, die Liebe selbst, keusch im Herzen und voll der Liebe zu Bahá’u’lláh. In seiner hohen Stellung, der eines Knechts, regierte er wie ein König. In der Tat rühmte er sich über alle Herrscher der Welt. Er wurde nicht müde, Bahá’u’lláh zu dienen, war in allem aufrecht und wahr. Die Karawane der Liebenden zog weiter. Sie erreichte Konstantinopel, dann Adrianopel und schließlich das Gefängnis von ‘Akká. Ṣidq-‘Alí war immer da, dem Gebieter treu zu Diensten. Während der Gefangenschaft in der Festung setzte Bahá’u’lláh einen bestimmten Abend fest, den Er Darvísh Ṣidq-‘Alí widmete. Er schrieb, jedes Jahr an diesem Abend sollten die Derwische einen in einem Blumengarten gelegenen Versammlungsplatz schmücken, um dort zusammenzukommen und Gottes zu gedenken. Weiter schrieb Er, das Wort ›Derwisch‹ bezeichne nicht Menschen, die herumziehen und ihre Tage und Nächte mit Schaukämpfen und Torheiten zubringen, sondern vielmehr solche, die von allem außer Gott völlig losgelöst sind, die sich an Seine Gesetze halten, fest in Seinem Glauben, treu Seinem Bündnis und stetig in ihrer Andacht sind. Es ist kein Name für jene, die, wie die Perser sagen, gleich Landstreichern umherziehen, verwirrt, seelisch gestört, andern eine Last, die gröbsten und rohesten aller Menschen. Dieser hervorragende Derwisch verbrachte sein ganzes Leben unter Gottes beschirmender Gunst. Er war völlig losgelöst von weltlichen Dingen. Er war aufmerksam in seinem Dienst und sorgte mit ganzem Herzen für die Gläubigen. Er diente ihnen allen, treu ergeben an der Heiligen Schwelle. Dann kam die Stunde, da er, nicht weit von seinem Herrn, das Gewand des Lebens ablegte. Für irdische Augen trat er ins Reich der Schatten, für das geistige Auge aber begab er sich ins helle Licht und wurde auf einen Thron ewiger Herrlichkeit erhoben. Er entfloh dem Gefängnis dieser Welt und schlug sein Zelt auf in einem großen, weiten Land. Möge Gott ihn immer nahe halten und ihn in diesem mystischen Reiche segnen mit ewiger Vereinigung und beseligender Schau; möge Lichtfülle ihn umhüllen. Auf ihm sei die Herrlichkeit Gottes, des Allherrlichen. Sein Grab ist in ‘Akká.

Áqá Mírzá Maḥmúd und Áqá Riḍá

Diese beiden gesegneten Seelen, Mírzá Maḥmúd aus Káshán und Áqá Riḍá aus Shíráz, waren wie zwei Lampen, erleuchtet von der Liebe Gottes aus dem Öl Seiner Erkenntnis. Von Kindesbeinen an mit göttlichen Segnungen umgeben, konnten sie fünfundfünfzig Jahre lang alle möglichen Dienste leisten. Sie taten so viel, daß man es unmöglich aufzählen kann. Als Bahá’u’lláhs Gefolge von Baghdád nach Konstantinopel aufbrach, wurde Er von einer großen Menschenmenge begleitet. Unterwegs wurden die Lebensmittel knapp. Diese beiden Seelen gingen zu Fuß vor der Howdah, in der Bahá’u’lláh saß, und legten so jeden Tag eine Strecke von sieben oder acht Farsakh zurück. Müde und erschöpft erreichten sie den Halteplatz, aber so zerschlagen sie auch waren, machten sie sich doch unverzüglich daran, das Essen vorzubereiten, zu kochen und sich um das Wohlergehen der Gläubigen zu kümmern. Ihre Anstrengungen waren wirklich übermenschlich. Es gab Zeiten, da schliefen sie nicht mehr als zwei oder drei Stunden von vierundzwanzig; denn nachdem die Freunde ihr Mahl beendet hatten, sammelten diese beiden das Geschirr und wuschen es zusammen mit dem Kochgerät ab. Das dauerte gewöhnlich bis Mitternacht, und erst dann legten sie sich zur Ruhe. Bei Morgengrauen standen sie auf, packten alles zusammen und schritten wieder vor Bahá’u’lláhs Howdah einher. Seht, welch lebenswichtigen Dienst sie leisten konnten und für welche Gnadengabe sie auserwählt waren: Vom Anbeginn der Reise in Baghdád bis zur Ankunft in Konstantinopel gingen sie in unmittelbarer Nähe Bahá’u’lláhs. Sie machten jeden der Freunde glücklich, brachten allen Ruhe und Wohlbefinden, bereiteten jedem, was er wünschte. Áqá Riḍá und Mírzá Maḥmúd waren der Inbegriff der Liebe zu Gott, völlig losgelöst von allem außer Gott. Die ganze Zeit über hörte nie jemand einen der beiden laut werden. Nie verletzten oder kränkten sie jemanden. Sie waren vertrauenswürdig, ergeben, wahrhaftig. Bahá’u’lláh überhäufte sie mit Segnungen. Sie kamen immer wieder in Seine Gegenwart, und Er äußerte oft Seine Zufriedenheit mit ihnen. Mírzá Maḥmúd war ein Jüngling, als er aus Káshán in Baghdád eintraf. Áqá Riḍá wurde in Baghdád ein Gläubiger. Die geistige Verfassung dieser beiden war unbeschreiblich. In Baghdád gab es eine Gruppe von sieben führenden Gläubigen, die in einem einzigen kleinen Zimmer zusammen wohnten, weil sie mittellos waren. Sie konnten kaum Leib und Seele zusammenhalten, aber sie waren so vergeistigt, so glückselig, daß sie sich im Himmel wähnten. Manchmal sangen sie die ganze Nacht hindurch Gebete, bis der Tag anbrach. Tagsüber gingen sie weg zu arbeiten, und wenn es Nacht wurde, hatte der eine zehn Para, ein anderer zwanzig Para verdient, wieder andere vierzig oder fünfzig. Dieses Geld gaben sie für das Abendessen aus. Eines Tages hatte einer von ihnen zwanzig Para erworben; alle anderen hatten gar nichts. Der mit dem Geld kaufte ein paar Datteln und teilte sie mit den anderen; das war dann das Abendessen für sieben Personen. Sie waren vollkommen zufrieden mit ihrem einfachen Leben, in höchstem Maße glücklich. Diese beiden ehrenwerten Männer widmeten ihre Tage all dem, was im menschlichen Leben das Beste ist: Sie hatten Augen zu sehen, sie waren achtsam und wissend, sie hatten Ohren zu hören und redeten in gefälliger Weise. Ihr einziges Verlangen war, Bahá’u’lláh zufriedenzustellen. Ihnen schien nichts anderes von Segen als der Dienst an Seiner Heiligen Schwelle. Nach der Zeit der höchsten HeimsuchungA21 wurden sie vom Schmerz aufgezehrt, wie Kerzen vor dem Erlöschen flackern. Sie sehnten sich nach dem Tod, blieben standhaft im Bündnis und arbeiteten hart und gut, um Bahá’u’lláhs Glauben zu verbreiten. Sie waren enge, vertraute Gefährten ‘Abdu’l-Bahás; man konnte sich in allem auf sie verlassen. Immer standen sie bescheiden, demütig und anspruchslos im Hintergrund. In der ganzen langen Zeit äußerten sie nie ein Wort, das mit dem eigenen Ich zu tun hatte. Und zuletzt, während der Abwesenheit ‘Abdu’l-Bahás, nahmen sie ihren Flug zum Reiche unvergänglicher Herrlichkeit. Ich war sehr traurig, daß ich nicht bei ihnen war, als sie starben. Aber wenn auch körperlich abwesend, war ich doch mit dem Herzen da und trauerte um sie. Doch dem äußeren Anschein nach sagte ich ihnen nicht Lebewohl, und das bedauere ich sehr. Ihnen beiden seien Gruß und Preis, mit ihnen seien Erbarmen und Herrlichkeit. Möge Gott ihnen eine Heimstatt geben im Paradies, im Schatten des Lotosbaumes. Mögen sie untergetaucht sein in Hüllen von Licht, nahe bei ihrem Herrn, dem Mächtigen, dem Allmachtvollen.

Pidar-Ján von Qazvín

Der verstorbene Pidar-Ján gehörte zu den Gläubigen, die nach Baghdád auswanderten. Er war ein gottesfürchtiger alter Mann, erfüllt von der Liebe zum Vielgeliebten. Im Garten göttlicher Liebe war er wie eine voll erblühte Rose. Er kam in Baghdád an und verbrachte seine Tage und Nächte in inniger Zwiesprache mit Gott und mit dem Singen von Gebeten. Obwohl er auf Erden wandelte, reiste er durch die Höhen des Himmels. Um dem Gesetz Gottes zu gehorchen, begann er ein Gewerbe, denn er besaß nichts. Er klemmte sich einige Paar Socken unter den Arm und bot sie feil, während er durch die Straßen und Bázáre wanderte; aber Diebe raubten ihm seine Ware. Schließlich sah er sich genötigt, die Socken über seine ausgestreckten Handflächen zu legen, während er so einherging. Aber immer wieder hatte er das Bedürfnis, ein Gebet zu singen, und eines Tages stellte er überrascht fest, daß man ihm die über seine beiden Hände gebreiteten Socken vor seinen Augen gestohlen hatte. Sein Bewußtsein für diese Welt war getrübt, denn er reiste durch eine andere. Er war verzückt, wie trunken, wie geblendet. Auf diese Weise lebte er eine Zeitlang im ‘Iráq. Fast täglich wurde er in die Gegenwart Bahá’u’lláhs vorgelassen. Sein Name war ‘Abdu’lláh, aber die Freunde gaben ihm den Titel Pidar-Ján – liebes Väterchen –, denn er war ihnen allen ein liebender Vater. Zuletzt nahm er unter der sorgenden Obhut Bahá’u’lláhs seinen Flug zum »Sitz der Wahrheit in der Gegenwart des mächtigen Königs«Q9. Möge Gott sein Grab duften lassen vom herniederströmenden Regen Seiner Gnade und das Auge göttlichen Erbarmens auf ihn werfen. Gruß und Preis seien mit ihm.

Shaykh Ṣádiq-i-Yazdí

Ein weiterer unter denen, die nach Baghdád auswanderten, war Shaykh Ṣádiq aus Yazd, ein angesehener Mann, rechtschaffen wie sein Name ṢádiqA22. Er war eine hochragende Palme in den Hainen des Himmels, ein flammender Stern am Firmament der Liebe Gottes. Während der ‘Iráq-Zeit eilte er in die Gegenwart Bahá’u’lláhs. Seine Loslösung von den Dingen dieser Welt und seine Treue zum Leben des Geistes sind nicht zu beschreiben. Er war verkörperte Liebe, die Güte selbst. Tag und Nacht gedachte er Gottes. Völlig gleichgültig gegenüber dieser Welt und allem darin, verweilte er ununterbrochen bei Gott, blieb versunken in demütigen Bitten und Gebeten. Die meiste Zeit rannen Tränen aus seinen Augen. Die Gesegnete Schönheit erwählte ihn für besondere Gunstbeweise, und wann immer Er Ṣádiq Seine Aufmerksamkeit zuwandte, war Seine Liebe und Güte offenkundig. Eines Tages hieß es, Ṣádiq liege im Sterben. Ich ging an sein Bett und fand ihn in den letzten Zügen. Er litt an Darmverschluß; sein Unterleib schmerzte und war geschwollen. Ich eilte zu Bahá’u’lláh und beschrieb seinen Zustand. »Geh hin«, sagte Er, »lege deine Hand auf den geschwollenen Körperteil und spreche die Worte: ›O Du, der Heiler!‹«A23 Ich ging zurück, sah, daß der Krankheitsherd inzwischen zur Größe eines Apfels angeschwollen war, hart wie Stein, in ständiger Bewegung, sich windend und drehend wie eine Schlange. Ich legte meine Hand darauf, wandte mich Gott zu und wiederholte demütig die Worte: »O Du, der Heiler!« Augenblicklich erhob sich der Kranke. Der Darmverschluß war verschwunden, die Schwellung war weg. Dieser verkörperte Geist lebte zufrieden weiter im ‘Iráq bis zu dem Tage, da Bahá’u’lláhs Karawane ihren Weg aus Baghdád hinaus nahm. Wie befohlen, blieb Ṣádiq in der Stadt zurück. Aber die Sehnsucht schlug so leidenschaftlich in seinem Herzen, daß er die Trennung nach Bahá’u’lláhs Ankunft in Mosul nicht länger aushalten konnte. Barfuß, ohne Kopfbedeckung rannte er neben dem Kurier nach Mosul her. Er rannte und rannte, bis er auf jener dürren Ebene, von Barmherzigkeit umhüllt, zu Tode stürzte. Möge Gott ihm zu trinken geben aus »einem Weinkelch gekühlt an der Kampferquelle«Q10, möge Er kristallklare Wasser auf sein Grab herniedersenden. Möge Gott seinen Staub an jenem wüsten Ort mit Moschus umduften und Licht die Fülle darauf herabfluten lassen.

Sháh-Muḥammad-Amín

Sháh-Muḥammad, der den Titel Amín trug, der Vertrauenswürdige, war einer der frühesten Gläubigen und zutiefst in Liebe entbrannt. In der Blüte seiner Jugend hatte er auf den göttlichen Ruf gehört und sein Antlitz dem Königreich zugewandt. Er hatte die Schleier eitlen Wahns vor seinen Augen hinweggerissen und seines Herzens Sehnsucht erreicht. Weder der Trug, der unter den Leuten umlief, noch die Vorwürfe, denen er ausgesetzt war, machten ihn abspenstig. Unerschüttert stand er da, ein Meer von Mühsal vor Augen; stark in der Kraft des Tags der Wiederkehr, trat er denen entgegen, die ihn zu behindern und seinen Weg zu versperren suchten. Je mehr sie Zweifel in ihm zu erwecken trachteten, desto standhafter wurde er; je schlimmer sie ihn quälten, desto größere Fortschritte machte er. Er war vom Antlitz Gottes gefangen, gefesselt von der Schönheit des Allherrlichen, eine Flamme der Liebe Gottes, ein sprudelnder Springquell Seiner Erkenntnis. Die Liebe schwelte in seinem Herzen, so daß er keinen Frieden fand, und als er die Trennung von seinem Geliebten nicht länger tragen konnte, verließ er seine Heimat in der Provinz Yazd. Den Wüstensand empfand er wie Seide unter seinen Füßen. Leicht wie der Windhauch zog er über die Berge und durch die endlosen Ebenen, bis er am Tore seiner Liebe stand. Er hatte sich vom Fallstrick der Trennung befreit, und im ‘Iráq trat er in die Gegenwart Bahá’u’lláhs. Kaum hatte er den Fuß in die Wohnstatt des Geliebten der Menschheit gesetzt, da war er aller Gedanken leer, aller Sorgen enthoben und empfing unendliche Gunst und Gnade. Er verbrachte einige Tage im ‘Iráq und wurde angewiesen, nach Persien zurückzukehren. Dort blieb er einige Zeit und besuchte häufig die Gläubigen. Sein reiner Odem rührte jeden zu neuem Leben, so daß jeder nach dem Glauben schmachtete und ruheloser, ungeduldiger wurde als zuvor. Später gelangte er in das Größte Gefängnis mit Mírzá Abu’l-Ḥasan, dem anderen Amín. Auf dieser Reise kam er in schwere Bedrängnis, denn es war äußerst schwierig, einen Weg in das Gefängnis zu finden. Schließlich wurde er von Bahá’u’lláh im öffentlichen Bad empfangen. Mírzá Abu’l-Ḥasan war so überwältigt von der majestätischen Gegenwart seines Herrn, daß er wankte, stolperte und zu Boden fiel; er verletzte sich am Kopf und blutete. Amín, das heißt Sháh-Muḥammad, wurde mit dem Titel ›der Vertrauenswürdige‹ geehrt und mit Gunstbeweisen überschüttet. Voll Eifer und Liebe eilte er nach Persien zurück, nahm Sendschreiben Bahá’u’lláhs mit sich und arbeitete, immer des Vertrauens würdig, für die Sache Gottes. Seine Dienste waren hervorragend, er war der Herzenstrost der Gläubigen. Keiner konnte sich mit ihm an Energie, Begeisterung und Eifer messen, und keines anderen Dienste kamen den seinen gleich. Er war eine Zuflucht inmitten des Volkes, überall bekannt für seine Ergebenheit an der Heiligen Schwelle, freudig anerkannt von den Freunden. Er ruhte keinen Augenblick. Nicht eine Nacht verbrachte er auf dem Lager der Behaglichkeit, nie legte er sein Haupt auf das Kissen der Bequemlichkeit nieder. Ständig war er im Fluge, schwebend wie ein Vogel, rennend wie ein Reh, ein Gast in der Wüste der Einheit, allein und schnell. Er brachte allen Gläubigen Freude. Für alle war sein Kommen eine frohe Botschaft; für jeden Sucher war er Zeichen und Beweis. Er war hingezogen zu Gott, ein Vagabund in der Wüste der Liebe Gottes. Wie der Wind reiste er durch die Ebenen und brauste unruhig über die Berge. Jeden Tag war er in einem anderen Land, jeden Abend in einer neuen Gegend. Nie ruhte, nie rastete er. Allezeit erhob er sich zum Dienst. Aber dann nahmen sie ihn in Ádhirbáyján, in der Stadt Míyándu’áb, gefangen. Er fiel einigen grausamen Kurden zum Opfer, einer feindseligen Bande, die dem unschuldigen, wehrlosen Mann nicht einmal Fragen stellten. Im Glauben, dieser Fremde sei, wie andere auch, dem kurdischen Volk übel gesonnen, und überzeugt von seiner Wertlosigkeit, brachten sie ihn um. Als die Kunde von seinem Märtyrertod das Gefängnis erreichte, trauerten alle Gefangenen und vergossen Tränen um ihn, Gott ergeben und schutzlos, wie er in seiner letzten Stunde war. Auch auf Bahá’u’lláhs Antlitz waren deutliche Zeichen des Schmerzes. Ein Tablet von unendlicher Zartheit wurde von der Erhabensten Feder zum Gedächtnis des Mannes, der in jener Ebene des Unheils gestorben war, offenbart, und viele andere Sendschreiben wurden für ihn herniedergesandt. Heute wohnt er unter dem Schatten der Gnade Gottes in den strahlenden Himmeln. Er verkehrt mit den Vögeln der Heiligkeit, und in der Versammlung schimmernden Glanzes ist er in Licht getaucht. Sein Andenken und sein Lobpreis werden bis ans Ende der Zeit dauern, werden in den Seiten der Bücher, auf den Zungen und Lippen der Menschen weiterleben. Mit ihm seien Gruß und Preis. Über ihm sei die Herrlichkeit des Allherrlichen, über ihm sei die größte Barmherzigkeit Gottes.

Mashhadí Faṭṭáḥ

Mashhadí Faṭṭáḥ war verkörperter Geist. Er war die Hingabe selbst. Durch seinen Bruder Ḥájí ‘Alí-‘Askar, der von ebenso reinem Geschlecht war, kam er zum Glauben. Die beiden hielten zusammen wie die Zwillinge Kastor und Pollux, und beide waren erleuchtet vom Licht des Glaubens. In allen Dingen waren die beiden als Paar vereint. Sie hatten Anteil an derselben Gewißheit, demselben Glauben, demselben Bewußtsein, und machten sich zur gleichen Zeit aus Ádhirbáyján als Auswanderer auf den Weg nach Adrianopel. In jeder Lebenslage waren sie eines Wesens. Ihre Sinnesart, ihre Ziele, ihre Religion, ihr Charakter, ihr Verhalten, ihr Glaube, ihre Gewißheit, ihre Erkenntnis – alles war eines. Selbst im Größten Gefängnis waren sie allezeit beieinander. Mashhadí Faṭṭáḥ hatte einige Waren; das war alles, was auf dieser Welt sein eigen war. Er hatte diese Waren Leuten in Adrianopel anvertraut; später hatten diese unredlichen Menschen sie weggeschafft. So hatte er auf dem Pfade Gottes alles verloren, was er besaß. Er verbrachte seine Tage im Größten Gefängnis in vollkommener Zufriedenheit. Er war völlig selbstlos. Nie hörte man von ihm auch nur eine Silbe, die zeigte, daß er da war. Er war immer in einer bestimmten Ecke des Gefängnisses und meditierte schweigend, mit dem Gedenken Gottes beschäftigt, zu allen Zeiten geistig wach und achtsam, in einem Zustand des Bittgebetes. Dann kam die Höchste Heimsuchung. Er konnte den Schmerz des Abschieds von Bahá’u’lláh nicht tragen, und nach Bahá’u’lláhs Hinscheiden starb er vor Kummer. Selig ist er, und wiederum: Selig ist er! Frohe Botschaften für ihn, und wiederum: Frohe Botschaften für ihn! Über ihm sei die Herrlichkeit des Allherrlichen.

Nabíl von Qá’in

Dieser edle Mann, Mullá Muḥammad-‘AlíA24, war einer von denen, deren Herz schon vor der Erklärung des Báb zu Bahá’u’lláh hingezogen war. Schon damals trank er den roten Wein der Erkenntnis aus den Händen des Mundschenks der Gnade. Es geschah, daß ein Prinz, der Sohn des Mír Asadu’lláh Khán, Fürst von Qá’in, als politische Geisel in Ṭihrán festgehalten wurde. Er war jung, weit weg von seinem liebenden Vater, und Mullá Muḥammad-‘Alí war sein Erzieher und Wächter. Da dieser Jüngling in Ṭihrán fremd war, bezeigte die Gesegnete Schönheit ihm besondere Güte. Manchen Abend war der junge Prinz zu Gast in Bahá’u’lláhs Stadthaus, und Mullá Muḥammad-‘Alí begleitete ihn. Das war vor der Erklärung des Báb. Schon damals war dieses Oberhaupt aller vertrauten Freunde von Bahá’u’lláh bezaubert, und wohin er auch kam, überall verbreitete er Bahá’u’lláhs Lobpreis. Wie im Islám üblich, erzählte er auch von den großen Wundern, die er mit eigenen Augen Bahá’u’lláh bewirken sah, und von all dem Wundersamen, das er gehört hatte. Er war in Verzückung, in Liebe entbrannt. In diesem Zustand kehrte er mit dem Prinzen nach Qá’in zurück. Später wurde der hervorragende Gelehrte Áqá Muḥammad aus Qá’in (dessen Titel Nabíl-i-Akbar war) vom verstorbenen Shaykh Murtaḍá zum Mujtahid, zum Doktor des religiösen Rechts, gemacht. Er reiste anschließend nach Baghdád, wurde ein glühender Anhänger Bahá’u’lláhs und eilte nach Persien zurück. Die führenden Geistlichen und Mujtahid waren seiner reichen Bildung und Gelehrsamkeit, des Odems seines Wissens und hohen Ranges wohl bewußt und anerkannten dies alles. Wieder in Qá’in, begann er den neuen Glauben offen zu verbreiten. Sowie Mullá Muḥammad-‘Alí den Namen der Gesegneten Schönheit hörte, anerkannte er den Báb unverzüglich. »Ich hatte die Ehre«, sagte er, »der Gesegneten Schönheit in Ṭihrán zu begegnen. Kaum sah ich Ihn, da war ich auch schon Sein Sklave.« In seinem Dorf Sar-Cháh begann dieser begabte, hochgesinnte Mann den Glauben zu lehren. Er leitete seine eigene Familie wie auch die anderen den rechten Weg, brachte eine große Schar unter das Gesetz der Liebe Gottes und führte jeden von ihnen auf den Pfad des Heils. Bis dahin war er immer ein enger Gefährte von Mír ‘Alam Khán, dem Gouverneur von Qá’in. Er hatte dem Gouverneur wichtige Dienste geleistet, seine Anerkennung und sein Vertrauen genossen. Seiner Religion wegen kehrte sich nun dieser schamlose Fürst im Zorn gegen ihn, beschlagnahmte und plünderte sein Eigentum; denn der Amír hatte Angst vor Náṣiri’d-Dín Sháh. Er verbannte Nabíl-i-Akbar und richtete Nabíl-i-Qá’iní zugrunde, warf ihn ins Gefängnis und folterte ihn, dann trieb er ihn fort als heimatlosen Vagabunden. Für Nabíl war dieses plötzliche Unheil ein Segen. Die Plünderung seiner irdischen Güter, seine Vertreibung in die Wüste waren ihm eine königliche Krone und die größte Gunst, die Gott ihm verleihen konnte. Eine Zeitlang blieb er in Ṭihrán, dem äußeren Anschein nach ein Bettler ohne feste Bleibe, aber im Innern jubelnd; denn dies ist das Kennzeichen jeder Seele, die fest im Bündnis steht. Er hatte Zugang zur höchsten Gesellschaft und kannte die Verhältnisse der verschiedenen Fürsten. Deshalb besuchte er einige und gab ihnen die Botschaft. Er war ein Trost für die Gläubigen und wie ein gezogenes Schwert für die Feinde Bahá’u’lláhs, einer von denen, über die wir im Qur’án lesen: »Für die Sache Gottes werden sie sich hart mühen. Den Tadel der Tadelnden werden sie nicht fürchten.«Q11 Tag und Nacht arbeitete er hart, um den Glauben zu fördern und mit aller Kraft die klaren Zeichen Gottes weit zu verbreiten. Er trank und trank immer wieder den Wein der Liebe Gottes, war ungestüm, wie die Sturmwolken sind, und ruhelos wie die Wellen des Meeres. Dann bekam er die Erlaubnis, das Größte Gefängnis zu besuchen; denn in Ṭihrán war er als Gläubiger wie gebrandmarkt. Alle wußten von seiner Bekehrung. Er kannte keine Vorsicht, keine Geduld, keine Zurückhaltung; er hielt nichts vom Verschweigen und Verbergen. Er war völlig furchtlos und in schlimmer Gefahr. Als er im Größten Gefängnis ankam, warfen ihn die feindseligen Wächter hinaus, und wie er es auch versuchte, er fand keinen Weg hinein. So mußte er nach Nazareth gehen. Dort lebte er eine Zeitlang als Fremder, allein mit seinen beiden Söhnen, Áqá Qulám-Ḥusayn und Áqá ‘Alí-Akbar, klagend und betend. Schließlich wurde ein Plan ausgeheckt, wie man ihn in die Festung bringen könnte, und er wurde in das Gefängnis, in dem die Unschuldigen eingekerkert waren, hineingerufen. Er geriet in solche Verzückung, daß man es nicht beschreiben kann, und wurde in Bahá’u’lláhs Gegenwart vorgelassen. Als er eintrat und seine Augen zur Gesegneten Schönheit erhob, wankte und zitterte er und fiel ohnmächtig zu Boden. Bahá’u’lláh sprach Worte der Liebe und Güte zu ihm, und er erhob sich wieder. Einige Tage verbrachte er in der Kaserne versteckt, dann kehrte er nach Nazareth zurück. Die Einwohner